(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 13 mit Übungsaufgabe

25.03.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 13.12.2008 von britta khokhar
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21196

Die gebrüder grimm schauen durchs fernrohr in die zukunft. Märchen werden auch morgen so beliebt sein wie heute. Und unsere worte werden von grosseltern und eltern und kinder weitergetragen in alle ländern und sprachen


Eingetragen am: 13.12.2008 von Rahan Neris
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21192

Sinkende Windblumen, Reif auf der roten Pflaume. Das Blubbern der Fugu-Suppe ...
Jetzt, da ich krank darnieder liege und dem Ende meines Lebens entgegen sehe, denke ich an die vielen frühen Toten in meiner Familie. Mutter ist bei der Geburt meines geliebten Bruders Nobunori gestorben, ich kann mich an sie nicht erinnern, ich war zu klein. Auch nicht an den Vater, wie er wohl in diesen meinen ersten Jahren war. Er kümmerte sich in dieser Zeit nicht um mich, lebte auch gar nicht mit meiner Mutter zusammen. Nach ihrem Tod wuchs ich im Haus meines Großvaters Fujiwara Tamenobu auf. Der war Priester.
Mit den Großeltern verbinden mich viele schöne Erinnerungen. Großvater, schon ziemlich betagt, gebückt und zierlich, lustige Fältchen im Gesicht, hatte zu jeder Gelegenheit kleine Scherzgedichtchen, meist selbst erfundene, auch manche klassische, besonders liebte er die von Kanesuke. Er verbrachte viel Zeit mit mir, es scherte ihn keinen Deut, dass die Leute darüber redeten – er als Mann solle doch besser mit den anderen Go spielen. Großvater Tamenobu brachte mich immer zum Lachen, und lachte gerne mit! Solange, bis er außer Atem war und so viel Sekret in der Nase hatte, dass er es kaum wieder hochziehen konnte! Meine Großmutter, noch im Alter eine Schönheit, mit klaren, runden Augenbrauen und vollem, fast schwarzem Haupthaar, lehrte mich die Feinheiten im Wandel der Jahreszeiten: wie Wälder und Felder die Farben wechseln, welche Bäume und Sträucher wann blühen, wie sich die Stimmungen verändern. Ich war kaum zehn, da starben beide Großeltern kurz hintereinander. So kam ich doch noch zu meinem Vater, Fujiwara Tametoki.
Die ersten bewussten Bilder, die ich von Vater habe, zeigen einen ernsten Mann mit blassem Gelehrtengesicht. Er war berühmt für seine ausgezeichnete Beherrschung der chinesischen Schrift, und ich sehe ihn vor mir, wie er Nobunori mit Ausdauer und Strenge Chinesisch beibringt. Ich durfte, ja ich musste dabei sein, mein Bruder hing so an mir, dass ohne meine Anwesenheit an Unterricht nicht zu denken war. „Murasaki auch!“ rief Nobunori immer. „Ich schreibe nichts, wenn Murasaki nicht auch muss!“ Er schrie so lange, bis auch ich Rolle, Pinsel und Tusche bekam. In all den Jahren, da er ihn unterrichtete, hat sich Vater nur einmal direkt an mich gewandt. Das war, als Nobunori, wie so oft äußerst ungeduldig, mit einem Male einen breiten Strich quer über seine Rolle laufen ließ und damit auch nicht aufhörte, als der Pinsel bereits auf dem kleinen Lacktischchen selbst seine schwarze Spur zog. „Oh Tochter, wärest Du doch mein Sohn! Dann wüsste ich, dass es einen Vierzehnten in der Reihe meiner in Literatur und Schrift so begabten Vorfahren gäbe!“ Diese Ansprache kam so überraschend, dass Nobunori augenblicklich innehielt und den ganzen restlichen Tag folgsam und fleißig lernte. -
Verzeihen Sie bitte, es ist mir sehr unangenehm, ich muss eine kurze Pause machen. - - -

Weißes Mondlicht hinterm Bergrücken, die Schatten nächtlicher Wanderer. Das plötzliche Flügelschlagen eines schlafenden Vogels ...
Ich habe spät geheiratet. Vater vermählte mich mit meinem Cousin Fujiwara Nobutaka, einem älteren Mann, der schon erwachsene Kinder hatte. Ihm gebar ich eine Tochter, Katako. Es hat ihn nicht sehr berührt!
Katako war kaum zwei Jahre alt, da ist Nobutaka gestorben. Ohne Mann war ich erneut auf Vater angewiesen. Der diente im Shikibu Shô, dem kaiserlichen Ministerium für Riten und Zeremonien, und versuchte nun, auch mich bei Hofe unterzubringen, als Hofdame. Das gelang, auch wenn es fast fünf Jahre dauerte und nicht leicht war. Es gab – und gibt! – einfach zu viele adelige Töchter, die im Kaiserpalast unterkommen sollen. Die Konkurrenz ist nicht zimperlich.
Nach dem Tod Nobutakas, während Vater meine Angelegenheiten im Palast weiter betrieb, begann ich dann zu schreiben. Das war mein einziger Trost - neben Katako natürlich! – Sehen Sie dort auf der Ablage die Rollen? Die ersten stammen aus jener Zeit. – Ich durfte mich nur weniger Besuche von Liebhabern erfreuen. So habe ich mir einen erfunden, den leuchtenden Prinzen Genji! Seine Abenteuer und Liebschaften sind in diesen Rollen nieder geschrieben. Genji hatte und hat die schönsten, die glühensten Frauen erobert, und, ach, ich kenne ihre Herzen und Gefühle nur allzu gut! -
Bitte, falls es Ihnen keine Mühen bereitet, seien Sie so gütig, mir etwas Wasser zu geben! – Tausend Dank.
Zuerst sollte ich zu Kaiserin Sadako, doch das hat vor allem Sei Shônagon verhindert – Sie kennen sie! Ich wurde dann Hofdame bei Jôtômon’in. Letztlich erwies sich dies als Glücksfall, denn bald war nicht mehr Sadako die Favoritin des Tenno, sondern „meine“ Kaiserin Jôtômon’in.
Wie oft dachte ich, als Hofdame von Jôtômon’in sei mein Leben in ruhige Bahnen gelenkt! Aber es blieben mir nur fünf Jahre der Harmonie, bis mein lieber Bruder Nobunori starb. -
Bitte entschuldigen Sie gütigst die Unannehmlichkeiten! Wollen Sie bitte nochmals eine kleine Unterbrechung erdulden? - - -

Der Duft wilder Organgenblüten, das leuchtende Lila der Schwertlilien. Hinter der Wand das Schlurfen von Sandalen ...
Dass Mutter und Tochter denselben Mann lieben, kommt vor – als Hofdame der Kaiserin weiß ich, wovon ich rede. Ich habe allerhand gesehen, trotz oder gerade wegen des versteckten Lebens, das wir Frauen bei Hofe führen. Es kommt nicht mal selten vor! Und nicht nur in der Reihenfolge: zuerst die Mutter als Geliebte und Liebende, dann die Tochter; nein auch umgekehrt: erst die Tochter und als nächste die Mutter. Und auch beide zugleich!
In unserem Fall heißt der Mann Genji. Genji, unser leuchtender Prinz! Ganz klassisch der Beginn der Liebelei: wie Sie schon wissen, ich war es, die angefangen hat. Als Katako alt genug war, so um die vierzehn, habe ich sie und Genji bekannt gemacht. Sie hat sofort Feuer gefangen, sie ist ihm bis heute verfallen. Wie auch ich! Prinz Genji ist ein Edelmann mit Eleganz und besten Manieren, er gewinnt die Herzen aller Damen von Gespür und Geschmack, er spürt ihre wehen Sehnsüchte, er hat Erbarmen, er ist großzügig, im Verströmen seiner Leidenschaft wie seiner Zärtlichkeit, er zögert nicht, er handelt – weder ich noch meine Tochter können ihm wegen seiner Amouren böse sein. Im Gegenteil, wir kennen alle seine Liebschaften, wir genießen sein galantes und frivoles Treiben. Keiner ist damit mehr einverstanden als wir! -
Sie sind eine Meisterin des Koto! Ich habe den Blick bemerkt, mit dem Sie meine Harfe gestreift haben. Bitte, bitte, lassen Sie sich nicht hindern! –
Der Zikaden letzte Lieder unterm heller werdenden Himmelsfluss. Die seufzende Koto ...
- - -
Trockene Blätter vorm ersten Schnee, die Koto in der Ecke. Ein Grab südlich des Byakugô-in.


Eingetragen am: 05.12.2008 von nora
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20928

du, du bist hier. du warst aber vor mir hier. als du hier warst gab es mich noch nicht. da wusste noch niemand das es mich geben wird. Zum glück habe ich dich jetzt getroffen und nicht schon vorher, dann wäre alles anders. dann gäbe es unser kind nicht das in meinem bauch rumstrampelt und mich zum lachen bringt. du hast damals viele sachen falsch gemacht, als es mich noch nicht gab, bist aber der meinung das alles richtig war.ob wir uns schon damals geliebt haben?hätten?obwohl du zehn jahre älter bist als ich lernst du immer wieder von mir, Dinge die du nur von mir lernen kannst.ob du mir wohl dankbar dafür bist? zwar hast du schon zwei Kinder und bist schon zweimal vater geworden, doch wie wird es beim dritten mal sein, beidem ich das erste mal mutter werde? Auf jedenfall wünsche ich dir viel Spass dabei eine weitere Seite an mir kennenzulernen und zu spüren, da nützen dir deine 10 Jahre mehr auch nichts


Eingetragen am: 16.11.2008 von luana
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20328

Ich bin so aufgeregt,doch ich muss mich in Geduld üben denn bis heute Abend sind es noch viele Stunden.Ich schaue meine rot lackierten Nägel an und bin ganz Stolz es war ein richtiger Kampf denn meine Mutter meinte ich wäre noch zu jung dazu. Doch Rot ist meine Lieblingsfarbe und es passt zu meinen dunklen fast schwarzen Haaren.Und außerdem ist heute eine Außnahme, denn an diesem Abend werde ich zum erstenmal zu einer Party gehen zu einer richtigen Party in einer Burg, und begleite meine Eltern und Großeltern dahin.Meine Oma wird mir die Haare gleich hochstecken aber nur leicht so das meine schöne Locken mein Gesicht umrahmen werden.
Mein Kleid geht leicht übers Knie und hat die Farbe einer Perle und es sind auch ganz viele Perlen übers Dekollte verteilt.Da es ein schöner warmer Sommerabend ist brauche ich keine Jacke. Dazu trage ich roten Schuhe,auch das war ein Kampf,sind aber Gewöhnungsbedurftig ,doch ich darf es ihr nicht zeigen, und plage mich gern damit, will doch zeigen wie Erwachsen ich doch bin.
Die Burg ist voll erhellt, es sieht wie ein Traum aus Eintausendundeinernacht, häufig bin ich schon dort vorbeigefahren, doch heute bin ich zum erstenmal da.
Es sind sehr viele Leute da, und wir werden immer wieder von mir bekannten und auch unbekannten Menschen begrüßt und ich bekomme sehr viele Komplimente.
Überall sind große silberne Leuchter und Blumen in weiß und zartrosa. Mir wird so schwindelig von all dem Glanz und dem Glas Champagner den man mir erlaubt hat.Auch fühle ich mich eigenartig in diesem Räumen irgendwie vertraut. Ohne zu überlegen gehe ich einem langen Gang entlang.Auf beiden Seiten sind Bilder, es ist wohl die Ahnengalerie.Hier ist es nicht so Hell erleuchtet wohl weil das ein Teil ist wo niemand kommen soll.Die roten Tapeten werfen ein eigenartiges Licht auf die Bilder,irgendwie wirken sie dadurch Lebendig.Dieses eigenartiges Gefühl steigert sich noch mehr,macht mir Angst und ich öffne eine Tür an meiner rechten Seite und gehe hinein.
"Vanessa mein Liebling, komm herein ich möchte dich jemanden vorstellen."
Ich gehe herein und mache ein knickst vor meiner Mutter, sie sitzt am kleinem Tisch mit einem jungen Mann und trinken Tee.
Ich schaue auf mein Kleid herunter Gottseidank habe ich einer meiner besten Kleider an.Es ist mein Lieblingskleid und geht bis unterm Knöchel, von der Taillie bis zum Decollete ist es drappiert mit vielen kleinen Schleifen dran und an den Ärmel sind mehrere Volants.
Ich schaue ihn an und sehe einer der bestaussehenden Männer dieser Zeit.Er hat dunkle lange Haare zu einem Zopf zusammengebunden, mit einem markantem Gesicht und die blauesten Augen die ich jemals gesehen habe.Anders als die vielen bunten Männer die man so kennt ist er in schwarz gekleidet mit einem weißen Stehkragen und weiße Beinlinge.
Ich setze mich dazu und bin so befangen das ich seinem Namen nicht mal richtig verstehe, doch ich entnehme der Unterhaltung das ich ihn zumindest den Namen nach kenne.
Er verabschiedet sich und will mich auf dem Ball wiedersehen.
Ich befinde mich wieder in den langen Flur sonderbar berührt, ich verstehe nicht was passiert ist, schaue auf mich herab und sehe wieder meine roten Schuhe und mein kurzes Kleid.Langsam gehe ich weiter ohne zurückgehen zu können. Einem großem Spiegel im Barockstil hängt an der Seite ,ich schaue hinein und sehe mich, meine Schwarzen Haare sind Hochgesteckt mit viele weiße Blumen und Straßsteine versetzt,meine Züge sehen anders aus, erwachsener, irgendwie schöner.
Mein rotes Kleid ist tief ausgeschnitten, die Ärmel laufen von Ellenbogen aus weit auseinander,es ist sehr schlicht aber es schimmert goldig bei jeder Bewegung , ich drehe mich um, zufrieden mit meinen Aussehen und glücklich bald wieder diesem Mann wiederzusehen.Ich höre wie meine Mutter mich ruft denn die Kutsche ist da, schnell lege ich die weiße Fellstola über meine Schulter und laufe schnell den gang wieder zurück genau in die Arme meiner Oma.


Eingetragen am: 16.11.2008 von Enni
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20316

Lübeck, Anno 1363.
Kleine Wellen stoßen glucksend an die befestigte Kaimauer der Trave. Es hat gerade erst aufgehört zu regnen und graue Wolkentürme spiegeln sich im Wasser. Dicht an dicht liegen Handelsschiffe und Fischerboote an beiden Seiten des Flusses. Es riecht nach Fisch und Teer und, wenn man nahe an eine der Koggen herantritt, nach dem Schweiß der Seefahrer, die hier die Ladung ihrer Schiffe löschen. Überall türmen sich Stapel mit Kisten, Säcke und Fässer. Es werden Tuche und Pelze, Getreide und Gewürze, Bier und Vieh gehandelt. Die meisten Koggen führen ein rot-weißes Rahsegel, deutliches Zeichen für ihre Hansezugehörigkeit.
Marten Wittenborg kommt die Fischstraße, in der knietiefe Pfützen stehen, heruntergelaufen. Seine Pantinen mit den hölzernen Sohlen klopfen einen schnellen Takt, dessen Klang an den prächtigen Giebeln der Kaufmannshäuser hinaufkriecht und sein Echo auf die Straße hinter ihm wirft. Fast rutscht er auf den Kopfsteinen aus, die der Regen glatt wie Schmierseife gemacht hat. Trotz seiner zwölf Lenze will es ihm nicht gelingen, Rotz und Tränen zurückzuhalten. Ein ums andere Mal wischt er sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Plötzlich fasst ihn eine schwere Männerhand bei der Schulter. „Die Wahrheit holt ihn allemal ein. Will er, sein Herr solle als Vater eines Feiglings sterben? Welch Schande!“
„Ach, Ihr seid’s, Bürger Jecklin!“, der Junge hat den ersten Schrecken schnell überwunden. „Könnt Ihr mir helfen?“
„Was hat er vor? Recht ist es nicht, ein Urteil des Hansetages anzuzweifeln!“
„Ihr wisst, mein Herr Vater ist unschuldig!“, mit schmalen Augen, als könne er so die Antwort voraussehen, schaut der Bursche sein Gegenüber an.
„Der Ratsherr von Wittenborg hat einen großen Fehler begangen. Das ist die Schuld seines Herrn. Sie mit dem Tode zu sühnen ist unanfechtbarer Richtspruch.“
Marten schüttelt wütend den Kopf. Mit einer geschickten Drehung befreit er sich aus dem Griff des Mannes und ehe dieser reagieren kann, rennt er um die Ecke in Richtung Salzspeicher. Vor der Holstenbrücke duckt er sich hinter einen Pfeiler und schnauft. Er beobachtet die Wachen am Holstentor. Das Gespann eines kleinen Händlers wird durchgelassen. Wenn es die Brücke passiert, kann er sich in seinem Schutz hinüberwagen.
Der Kutscher des Zweispänners greift das Zaumzeug und schnalzt. Die Pferde setzen sich in Bewegung und verdecken die Sicht des Wachpostens auf die Holstenbrücke. Marten hat seine Pantinen in der Hand und rennt barfüßig durch den Matsch aus Sand und Abfällen. Rechtzeitig, bevor der Wagen den Blick auf die Brücke wieder freigibt, rettet er sich in die Büsche am Ufer. Er wartet bis die Wache ihm für einen Moment den Rücken zudreht und hetzt die letzten Meter bis zum Speicher. Vorsichtig klopft er an das hölzerne Eingangstor. „Casper, seid Ihr da?“ Er lauscht den Geräuschen, die aus dem Innern dringen.
„Wer da?“
„Ich bin es, Marten Wittenborg!“
„Hocke er sich hinter das Fass und warte!“
Marten springt hinter das Fass neben der Türe und wagt einen Blick durch das Belüftungsloch. Langsam öffnet sich die Tür des Speichers einen Spalt breit, Casper schiebt seinen Kopf heraus und schaut sich um.
„Ich sag ihm, wenn er hervorkommen darf“, flüstert er in Martens Richtung.
Dann verschwindet sein Kopf wieder und die Tür öffnet sich weiter. Zum Erstaunen des Burschen schlüpft eine junge Magd durch die Tür ins Freie. Marten kennt Agnes. Jetzt sind ihre Wangen gerötet und einige Locken ihres rotblonden Haares springen übermütig unter der weißen Haube hervor. Casper wartet, bis das Mädchen verschwunden ist und ruft Marten, der mit wenigen Sätzen im Schutz des Speichers untertaucht.
„Hat er den Verstand verloren? Am helllichten Tage hier zu erscheinen!“, Casper ist aufgebracht. „Das könnte uns beiden den Kopf kosten!“
Marten ist überzeugt, Caspers Wut zeugt eher von dem Schäferstündchen, das er dem Speichergesellen verdrießlich gemacht hat.
„Könnt Ihr mir helfen, Casper? Hält mein Herr Vater sein Handlungsbuch hier im Speicher verborgen?“
Casper grinst breit und zeigt dabei ein paar Zahnlücken. „Was zahlt er?“
Marten fährt mit seiner schmutzigen Hand in die Hosentasche und holt einen Gulden hervor. Casper gehen die Augen über. So viel Geld hat er noch nie auf einmal in der Hand gehabt. Als er danach greifen will, lässt Marten das Geldstück wieder in seiner Hose verschwinden. „Mein Schweigen gegen Eure Auskunft. Ich habe Agnes nicht gesehen, wenn Ihr mir verratet, wo ich das Buch meines Herrn Vater finde. Das Geld zahle ich Euch, wenn Ihr mich hier heil herausbringt.“
„Das Buch hat der Rat beschlagnahmt. Sie waren noch am gleichen Tag, den sein Vater ins Gefängnis gesetzt ward, hier.“
Damit ist Martens letzte Hoffnung, seinen Vater vor dem Henkersbeil retten zu können, dahin. Er ist sich sicher, in dem Handlungsbuch, das sein Vater immer sehr sorgfältig geführt hat, fänden sich Hinweise für seine Unschuld.
„Welches ist der sicherste Weg in die Stadt?“
Casper zögert mit der Antwort und wirft einen schiefen Blick auf Martens Hosentasche, in der er den Gulden weiß. Marten holt ihn hervor. „Wo entlang?“
„Laufe er am Wasser bis zum Mühlentor. Der Wache dort sagt er, er käme von mir.“
Nachdem Casper das Geld verstaut hat, lässt er Marten aus dem Speicher, der sich Richtung Mühlentor durch das Ufergestrüpp schlägt.

Marten steht neben seiner Mutter auf Lübecks Markt. In der Mitte des Platzes ist ein hölzernes Podest aufgebaut. Die Ratsherren stehen dahinter, im Rücken die noch junge Marienkirche. Jetzt wird vom Rathaus her ein Mann geführt, dessen Hände auf dem Rücken zusammengebunden sind. Außer einem langen, grauen Hemd trägt er nichts. Sein Gang ist wenn auch schwer, so doch aufrecht. Frau von Wittenborg greift die Hand ihres Sohnes und weint leise. Marten zählt die fünf Stufen auf das Podest, die sein Vater emporsteigt. Der Bürgermeister verliest das Urteil und verlässt mit einem Geistlichen, nachdem dieser Wittenborg Beistand geleistet hat, das Podest.
Bevor dem Gefangenen, der nun kniet, die Augen verbunden werden, fängt Marten einen letzten Blick seines Vaters auf. Stolz und voller Ehre. So wird er ihn in Erinnerung behalten. Der Henker hebt das Richtschwert und Marten staunt über die Schönheit des Sonnenlichtes, das sich in dem blanken Metall bricht und den Markt in einem kurzen Blitz erhellt. Dann rauscht das Schwert des Henkers auf den Hals des Gefangenen. Neben Marten sinkt seine Mutter ohnmächtig zu Boden.


Eingetragen am: 14.11.2008 von sjoukje
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20272

Wir schreiben das Jahr 2008 und lesen in der Zeitung, dass ein Mann im schwarzen Anzug, weißen Hemd und mit schwarzer Fliege vor Englands Küste, in der Nähe von Saint Ives in Cornwall, gefunden wurde. Er lebt, ist aber total verängstigt und verwirrt. Er scheint stumm zu sein und blickt mit staunenden Augen in die Welt. Könnte es sein, dass dieser Mann früher schon gelebt hat? Aber wo kommt er her und wie ist er nach England gekommen? Warum spielt dieser Mann so hervorragend Klavier und komponiert ganz gute Musik? Ist doch klar. Die Noten haben sich nicht geändert in den letzten Jahrhunderten.

Die Stadt findet er verwirrend mit den vielen Autos, Busse und Straßenbahnen. Er kennt das gar nicht. In seiner Zeit fuhren noch Pferd und Wagen durch die Dörfer und Städte. Er hat schreckliche Angst auf die Straße zu gehen. Dann das elektrische Licht. Es ist fast wie ein Wunder, wenn er den Schalter berührt, geht das Licht an und aus. Aber wenn er Klavier spielt, glänzen seine Augen und ein Lächeln erhellt wie eine aufgehende Sonne sein Gesicht. Er schreibt alles auf in ein Tagebuch.

Auszüge aus dem Tagebuch
Ich weiß nicht, wo ich bin und möchte am liebsten wieder zurück in mein eigenes Leben. Ich bin 42 Jahre alt und Klavierlehrer. Ich heiße Masao Nakata, was rechtschaffener Mann bedeutet. Ich habe eine nette Frau, sie heißt übrigens Akemi (hell und schön) und zwei Söhne von zehn und zwölf. Der jüngste heißt Isamu (Mut, Tapferkeit) und der älteste Tadashi, was gerecht bedeutet. Während eines Konzertes in meiner Heimatstadt Kyoto wurde ich von einem Wirbelsturm erfasst und in die Luft geschleudert. Ich landete in ein schwarzes Loch und kam so in ein neues Zeitalter an. Die Ärzte haben mich untersucht, aber ich verstehe sie nicht. Sie versuchten in verschiedenen Sprachen mit mir zu reden, aber aus meinem Kauderwelsch werden sie nicht schlau. Dabei ist Japanisch (ich spreche ein Dialekt) doch gar nicht so schwer. Bis sie einen Dolmetscher gefunden haben, soll ich alles in Form eines Tagebuches aufschreiben.

Heute morgen wache ich auf durch einen Radiowecker. Klaviermusik ertönt und ich höre entspannt zu. Dann dringt das Motorengeräusch der Autos auf der Straße und lautes Hupen an meine Ohren. Irgendwann erklingt eine Sirene. Was kann das sein? Ich springe mit rasendem Herzen aus dem Bett und frage die Frau, die schon in der Küche Frühstück macht. „Es ist ein Krankenwagen Masao. Er hat einen Notfall und fährt mit Höchstgeschwindigkeit in die Klinik“, sagt sie freundlich. Ich beruhige mich und gehe ins Bad. Auch das ist neu. Wasser aus einem Kran? Und dann die Toilette. Ich drücke irgendwo drauf und schon wird mein Geschäft weggespült. Wahnsinn. Wo ist eigentlich meine Seife geblieben? Ach ja, dieser Behälter enthält flüssige Seife. Das nächste ist die Zahnpasta. Wozu ist das eigentlich gut? In einem Apfel beißen ist viel gesünder als dieser Schaum im Mund. Oh ja, das Rasieren ist der Höhepunkt. Etwas ängstlich lasse ich mir von meinem Betreuer den Bart abrasieren mit einem Rasierapparat. Die Klamotten sind teilweise geblieben. Es ist komisch, dass fast alle Frauen lange Hosen tragen. Ich finde Kimonos viel schöner. Jetzt wird zuerst mal gefrühstückt. Hans, Annie und die Kinder begrüßen mich freundlich. Es gibt Kaffee aus der Kaffeemaschine, was für mich erstaunlich ist. Auch der Toaster ist für mich absolut gefährlich. Aber das Essen schmeckt und auch die Eier, obwohl diese in einem Elektrogerät zubereitet sind. Nach dem Essen möchte ich spazieren gehen, aber alleine ist das unmöglich. Ich kenne keine Verkehrsregeln. Mein Betreuer Hans geht mit mir. Wir gehen jetzt durch den Park, was mich sofort wieder beruhigt. Ich höre Vögel singen und rieche den Duft der Rosen. Bei uns in Kyoto befindet sich die berühmte Tempelhalle des Sanjusangendo mit vielen Holzstatuen des buddhistischen Gnadengottheit Kannon und der Heian-Schrein mit seiner herrlichen Gartenanlagen. Da bin ich sonntags schon mal mit meiner Frau und den beiden Söhnen spazieren gegangen. Über uns fliegt ein Flugzeug. Ich betrachte es mit großer Neugierde. Es ist ungefährlich, sagt mein Betreuer. Geld habe ich natürlich auch nicht. Die Münzen von früher haben heute keinen Wert mehr. Was noch geblieben ist, sind die Klaviernoten. Ich bin Klavierlehrer und gebe zu erkennen, dass ich spielen kann. Mein Betreuer, den ich Hans nennen darf und in dessen Haus ich wohne, besorgt mir eins. Seine Frau Annie und die Kinder Birgit und Wolfgang sind erstaunt, als sie mein Spiel hören. Ich komponiere schnell ein neues Stück, um meine Fähigkeiten als Klavierlehrer zu zeigen. In welchem Zeitalter bin ich eigentlich gelandet? Alles hier ist neu für mich und macht mir Angst. Plötzlich klingelt ein Telefon. Merkwürdig, wenn Hans den Hörer abnimmt, kann er mit jemand sprechen. Ich verstehe diese Sprache nicht, weiß aber, ob einer gute oder schlechte Absichten hat. Der Ton der Stimme ist wohl geblieben durch die Jahrhunderte. Auch gibt es Telefone, die man mitnimmt aus der Wohnung. Sie sind sehr klein und auch hier können die Menschen sich verständigen. Ich fasse es nicht. Wie viele Wunder gibt es eigentlich noch? Am Abend sehe ich zum ersten Mal einen Fernseher. Ein Kasten, wo Filme gedreht werden, aber wie kommen die Leute da rein? Weiter gibt es noch den PC. Was man da nicht alles mit machen kann. Ich bin überwältigt. Wenn es kalt ist in der Wohnung, wird an einem Knopf an der Heizung gedreht und schon entfaltet sich eine wohlige Wärme. Diese Hochhäuser in der Stadt wirken gefährlich auf mich. Hoffentlich fallen sie nicht um. So entdecke ich täglich neue Sachen, die mich faszinieren. Gestern erzählte mir Hans, dass die NASA am 20. Juli 1969 mit der Apollo 11 auf dem Mond gelandet ist. Neil Armstrong machte die ersten Schritte, ein kleiner Schritt, aber ein unglaublich großer Schritt für die Menschheit. Ich glaube das nicht so richtig. Ich kann nicht mehr dahin zurück wo ich herkomme, sagte mir Hans. Daher bin ich gezwungen hier zu bleiben, im 21. Jahrhundert. Es macht mir Kummer, weil das Leben hier so ganz anders ist als bei uns. Ich muss noch so viel lernen und mein Herz schmerzt vor Sehnsucht nach meiner Familie. Morgen werde ich weiter schreiben, meine Hände zittern und Tränen haben die Zeilen unkenntlich gemacht.

Ich bin jetzt schon über ein Jahr hier bei Hans und seiner Frau Annie. Sie meinen es gut mit mir und haben für mich herausgefunden, dass ich Nachkommen habe. Mich haben sie damals vor 200 Jahren nicht gefunden und für tot erklärt. Akemi hat nie wieder einen anderen Mann angeschaut, aber meine Söhne haben beide geheiratet. Isamu bekam vier Kinder, aber Tadashi blieb alleine. Diese vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Jungen bekamen wiederum Kinder und so ging das weiter. Die jetzigen Nachkommen heißen ebenfalls Masao, wie ich und Isamu. Sie wollen mich unbedingt kennen lernen. Ich bin so froh, dass Hans sich diese Mühe gemacht hat. Wahrscheinlich werden sie mich aufnehmen in Ihrer Familie und ich werde langsam zur Ruhe kommen. Sie wohnen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kyoto, wo ich meine große Liebe fand. Zum ersten Mal kann ich wieder Freude empfinden und freue mich auf meine Familie. Der Kreis schließt sich wieder und die Welt ist voller Überraschungen.


Eingetragen am: 13.11.2008 von mac
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20220

Nach dem Essen lässt er sich stöhnend in einen Lehnsessel neben dem Kamin nieder. Seinen Diener Jean hat er weggeschickt. Er möchte alleine sein.

Trotz des Feuers im Kamin fröstelt er. Die Decke vom Sofa erreicht er mit den Fingerspitzen und zieht sie über seine Knie. Nicht nur seine Knie schmerzen. Die Gicht macht allen Gelenken zu schaffen. Die Lippen zusammengepresst rückt er sich in die Position, die ihm möglichst wenig Schmerzen bereitet.

Den Kopf zurückgelehnt schließt er die Augen. Eine weiße Strähne hat sich aus seinem Zopf gelöst und fällt ihm in die hohe Greisenstirn.
Langsam und mühevoll ist sein Alltag geworden. Seine Gedanken kreisen um den vormittäglichen Besuch des Grafen D.

D. berichtete vom Ableben des Vicomte de Gengoux. Eine Woche vor dessen Tod hatten den Vicomte plötzlich heftige Magenschmerzen gequält und ins Bett gezwungen. Sein Körper zusammengekrampft, unablässig stöhnend war er in einen totgleichen Schlaf gefallen. Gott, der Herr hat ihn vor zwei Tagen von seinem Leiden erlöst.

Der Redefluß des Grafen D. war wie immer nicht zu bremsen. Sein Redeschwall stand an Üppigkeit seiner aufwendigen Garderobe um nichts nach. Von der Todesnachricht sprang seine Erzählung zum Ball der Herzogin F. und den Ausschweifungen der hochmögenden Gäste, über die Unzuverläßigkeit der Kutscher bis zu seinen Plänen für die nächste Jagd.

So fiel dem Grafen das knappe "Hmm" seines Gesprächspartners zur Todesnachricht des Vicomte nicht weiter auf.
Dieses dahingemurmelte "Hmm" hatte jedoch seine ganze Beherrschung verlangt. Bis jetzt, da er halbwegs bequem und, solange er sich nicht bewegte, auch schmerzfrei in seinen Lehnstuhl ruhte, hatte er es sich verbeten, weiter daran zu denken.
Doch jetzt, allein und ungestört wolle er die Todesnachricht auf sich wirken lassen.

"M. ist gerächt, keiner von ihnen ist mehr am Leben.", nichts Triumphierendes lag in diesem zu sich selbst gesprochenen Satz. Es war ein Schlußpunkt, auf den er mit aller Macht hingearbeitet hatte, der ihm jedoch keine Freude und wenig Genugtuung brachte. Es war die Erfüllung einer Pflicht.
Auch nach so vielen Jahren konnte er sich noch genau an seine erste Begegnung mit M. erinnern.


Eingetragen am: 26.10.2008 von pastis
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19615

"lass dich mal anschauen, bub" rief der bauer in der zweiten reihe, als hansli sich hinter der schürze seiner mutter zu verstecken versuchte. die mutter, eine magd anfangs vierzig, versuchte ihren jungen vor sich hinzustellen, was ihr mehr schlecht als recht gelang.

es war ein trauriger tag heute. etliche kinder galt es wieder zu verdingen. kinder, hauptsächlich von mägden, die sie nicht weiter bei sich behalten konnten, weil auf den entsprechenden höfen kein platz vorhanden war.

so war es im 19. jahrhundert üblich, dass auf einer art märkten diese kinder jeweils auf einen anderen hof kamen, wo sie meist als
billige arbeitskräfte gehalten wurden. mal besser, mal schlechter, ganz wie es der jeweiligen bauernfamilie gefiel.

hansli, der für seine bald zehn jahre, recht klein geraten war, kam schüchtern hinter der mutter hervor. er war ärmlich aber sauber angezogen und seine roten augen waren zeugen davon, dass er wohl die ganze zeit über geweint hatte.
das herz war ihm schwer. es war ihm wohl bewusst, dass er heute seine mutter verlassen musste und man hörte viel böses über die situation von verdingkindern. das
war auch ihm zu ohren gekommen.

der bauer hatte sich inzwischen aus der reihe gelöst und stellte sich in seiner ganzen grösse vor hansli hin. seine gestalt erschien dem buben bedrohlich. zwar waren die braunen augen des meisters nicht furchterregend, aber hansli, der eingeschüchtert war, konnte ihnen trotzdem nichts gutes abgewinnen.

er hörte, wie seine mutter sagte:
"er ist gar ein lieber bub. vielleicht nicht gerade der stärkste, aber dafür kann er schon bis auf zehn zählen und ein paar buchstaben schreiben." der bauer lachte und sagte: "soso...schon bis auf zehn zählen....kann er!"

"da geb ich dir also zehn batzen für den jungen, wenn du einverstanden bist." meine mutter erschrak: "was nur 10 batzen, nein...das kann nicht euer ernst sein!" rief sie. "mein hansli für nur zehn batzen euch geben, hiesse gar ihn verschenken." der bauer hiess den buben sich umdrehen, dann ergriff er seine oberarme und fühlte die muskulatur. die war wirklich nicht ausgeprägt. allzuviel hatte der junge wohl nicht geholfen auf dem hofe, wo seine mutter als magd verdungen war.

aber der bauer hatte gut zugehört, als die magd sagte, dass der junge bis auf zehn zählen könnte und auch schon einige buchstaben wüsste. das war eigentlich, das was er suchte. seine eigenen kinder, die konnte er schon zur arbeit auf dem hofe erziehen, aber in der schule da würden sie nicht mitkommen, das wusste er. und da musste ihnen geholfen werden. und wenn da ein älterer bub war, der ein wenig intelligenz besass, so konnte das nur von gutem sein.

er musterte wieder die magd und dachte bei sich: dumm ist diese frau auch nicht, also wird sie dem jungen wohl auch etwas vererbt haben.

"zehn taler ist er wert, mein hansli", hörte er sie sagen. sie hatten den jungen wieder an sich gezogen und wollte weitergehen. doch das passte dem bauern nicht. gleitig fasste er die frau am handgelenk. der griff war wohl etwas zu ungestüm. sie schrie kurz auf. ihr augen blitzten den mann an und sie schrie:"fasst mich nicht an!" er liess sie los. aber irgendwie war er wie elektrisiert von dieser berühruung und ihrer reaktion.

diese frau hatte den teufel im leib. das spürte er. die war mit allen wassern gewaschen und seit seine frau gestorben war, hatte er nicht mehr viel mit weibsbildern zu tun gehabt.

die mutter interessierte ihn plötzlich mehr als der junge, der sich wieder ängstlich hinter ihr versteckte. aber nur über den jungen kam er an sie heran. das spürte er. also musste er weiter mit ihr über den buben verhandeln.

es würde nun zu weit führen, die feilscherei in die letzte einzelheit zu erzählen. der bauer und die magd blieben sich bei diesem gezänk nichts schuldig, aber man spürte genau, wie es zwischen den beiden knisterte. ihre augen blitzten und funkelten und er loderte in seinem innersten und fühlte eine erregung in sich aufsteigen, die er längst nicht mehr gespürt hatte. gerne hätte der die magd noch einmal angefasst, aber geschickt entzog sie sich seinen versuchen. und immer heftiger schrie sie: "zehn taler...oder hansli bleibt bei mir!"

längst waren die leute rundherum auf den handel aufmerksam geworden. und alle schauten gebannt auf das paar und den buben, der sich hinter der mutter versteckte. wie würde diese geschichte wohl ausgehen? würde der bauer wohl einen ausweg finden oder würde die magd ihn über den tisch ziehen?

der bauer spürte, dass er sich weit, vielleicht zu weit vorgewagt hatte. verzweifelt suchte er nach einem ausweg aus der verzwickten situation. hätte er sich durch seine gefühle doch nicht so aus der fassung bringen lassen. er spürte, dass er zu weit gegangen war und ihm nun ein gesichtsverlust drohte.

in dieser fast ausweglosen situation geschah nun etwas, was er nicht erwartet hatte. die mutter warf ihm einen rettungsring hin.

sie brachte sich selber ins spiel und offenbarte ihm, dass sie auch auf stellensuche sei und ob er denn nicht noch eine magd gebrauchen könnte.

blitzschnell erfasste er die veränderte situation und die beiden wurden bald einmal handelseinig. hansli traute sich plötzlich hinter der schürze seiner mutter hervor, denn auch
er hatte bemerkt, dass die veränderte situation ihn nicht von seiner mutter trennen würde und
dass der gang der geschichte eine ganz neue wendung genommen hatte.


Eingetragen am: 19.10.2008 von Jasmin
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19430

„Halt’s Maul!“ hörte ich mich wütend über die hölzerne Theke Billi anschreien. Wutentbrannt nahm ich den letzten Schluck aus dem trüben Whyskiglas und verliess mit grossen stampfenden Schritten den stickigen Saloon. Rauch- und Alkoholgestank wehte mit mir in die sternenklare Nacht hinaus. Hinter mir nahm ich lautes Gelächter wahr. Ich hob meinen breitkrempigen Hut, als wollte ich meinen Kopf durchlüften lassen. Dieser Schurke Billi brachte mich stets zur Weissglut. Er führte sich auf, als würde ihm ganz Dawson City gehören. Innerlich aufgewühlt schlurfte ich über die ausgetrocknete, staubige Strasse in mein kleines, bedürftig eingerichtetes Hotelzimmer. „Diesem Billi werde ich es noch zeigen“, dachte ich auf dem Bett liegend und schaute wütend zur Deckenmauer, die langsam abblätterte. Ich bliess die Kerze aus und fiel schnell in einen tiefen Schlaf.

Wie jeden Tag, seit dem 18. Juni 1897, stand ich frühmorgens auf. Einige laute Männerstimmen hallten schon durch die immer grösser werdende Goldgräberstadt, die noch im Dunkeln versank. Das Stimmengewirr nahm zu und wurde immer lauter. Ein geschäftiges Hin und Her tönte durch die Stiefelabsätze der vielen Männer, das wie ein wildes Pferdegetrampel den frühen Morgen begrüsste. Ausgerüstet mit der Schürfpfanne machte ich mich auf den Weg zur Arbeit. Das harte Dasein, hier in der kanadischen kleinen Stadt, die 240 Kilometer südlich des Polarkreises und ganz im Westen liegt, ist nicht einfach. Obwohl die Gegend durch die beiden breiten, grossen Flüsse Yukon und Klondike River zusammen fliessen, habe ich die wunderschöne und sehenswerte Gegend nicht erkunden können. Nicht nur die Kräfte zehrende Arbeit in den Claims – so wurden die Bodengrundstücke bezeichnet, in denen nach Gold geschürft wurde – sondern auch das Zusammensein mit der rauen Männergesellschaft, liess mich im Alter von knapp achzehn Jahren eine harte Schale zulegen. Billi war ein klassischer, nicht ungewöhnlicher Fall, der sein Geld, das aus einem grösseren Goldfund stammte, für seine Sauftouren in den Saloons und für leichte Mädchen ausgab und mit seinem Vermögen die Kasse des Saloonbesitzers füllte.

Plötzlich spürte ich eine flache Hand auf meiner linken Schulter liegen. „Hallo Jack“ hörte ich Dave, der im gleichen Schritttempo neben mir herlief. Seine fröhlichen hellgrünen Augen, die mich unter seiner Hutkrempe anschauten, hinterliessen stets eine positive Ausstrahlung. Obwohl er nur ein Jahr älter war als ich, hatte er schon eine viel grössere Lebenserfahrung als ich. Wir verstanden und ausgezeichnet, er war mein einzig wirklich guter Kumpel und Freund. „Hallo Dave“, begrüsste ich ihn in einem müden Tonfall. „Hey Jack, was ist los?“ Dave klopfte mir freundschaftlich auf meine Schulter. „Ach, Billi wurde gestern Abend im Saloon wieder ausfällig, dieser versoffene Hurensohn!“ erwiderte ich, meiner Wut erneut Platz machend. „Wieder einmal mehr provozierte er mich vor der ganzen Saloongesellschaft und machte mich lächerlich. Ich sei ein Taugenichts und ein Greenhorn!“ Wie ein trotziges Kind machte ich mir Luft und beschwerte mich über das ungerechte Verhalten von einem so genannten erwachsenen Mann. „Vergiss es einfach, Jack. Er ist es nicht wert, sich über ihn zu ärgern. Denk immer daran, warum du hier bist.“ Wie recht mein Freund hatte! Ich hatte noch viel zu lernen im Umgang mit den Betrügern, Halunken, Gaunern, Händlern und Abenteurern, die das grosse Geld machen wollten.

Während wir auf dem Weg zu einer Geröllhalde waren, an der wir immer wieder ein bisschen Gold gefunden hatten, sah ich in Gedanken versunken nochmals den Abschied von meinen Eltern und meinen drei jüngeren Geschwister, als ich mich auf den gefährlichen und beschwerlichen Weg nach Dawson City machte. Wir besassen eine kleine Farm und waren Selbstversorger. In den letzten zwei Jahre gab es nur eine magere Ernte und wir mussten unsere täglichen Essensrationen schmälern, damit wir die strengen Winter überleben konnten. Eines Tages ging ich in das nahe gelegene Provinzstädtchen und lief an zwei Männern vorbei, die mit ihren teuren, eleganten Anzügen, Zigarre rauchend auf der hölzernen Plattform eines kleinen Hotels standen und sich miteinander leise unterhielten. Als ich bei ihnen vorbeiging, konnte ich gerade noch Wortfetzen wie „Dawson City“ und „Goldnuggets“ erhaschen. Aufgeregt berichtete ich meinem Vater davon. Vielleicht war das die Lösung für unser grosses Überlebensproblem. Vielleicht war das unsere Rettung, ich musste diese Reise nach Dawson City einfach riskieren. Meine Eltern verboten mir strikt eine so gefährliche Reise anzugehen. Zu gross war das Risiko dort lebend anzukommen. Trotzdem begann ich drei Wochen später die lange beschwerliche Reise in die Goldgräberstadt. Hätte ich gewusst, wie viele Menschen auf dem Weg dorthin bereits umgekommen sind und welchen Tragödien ich begegnen würde, ich weiss nicht, ob ich trotzdem in diese Ferne losgezogen wäre.

„Jack“, hörte ich Dave, meinen Gedankenfluss unterbrechend, neben mir. „Hörst du mir überhaupt zu?“ Erschrocken schaute ich ihn mit grossen Augen an. „Komm, hier bei dieser Geröllhalde versuchen wir heute unser grosses Glück.“ Ich krempelte meine karierten Hemdsärmel hoch, schob meinen Hut von meiner Stirn etwas nach oben und wir starteten unsere anstrengende Arbeit an einer hölzernen Waschrinne. Sie diente als Strömungskanal, an der wir stundenlang unsere Hände zerschundeten. Zwischendurch machten wir ein kleines Feuer, um unseren Kaffee zu brauen und eine Bohnensuppe zu kochen. Beim Schlürfen unseres Kaffees schauten wir unsere winzigen Goldklümpchen mit unseren schwieligen Händen an, die wir bereits gefunden hatten. Auch für diesen kleinen Fund waren wir dankbar, denn sie brachten gerade soviel Geld, dass wir damit gerade noch unseren bescheidenen Lebensunterhalt leisten konnten. Wie aus heiterem Himmel hörten wir plötzlich ein kurzes Klopfen in der Waschrinne. Dave und ich erstarrten und schauten uns mit offenem Mund an. Wie vom Blitz getroffen schossen wir hoch und in ein paar Sätzen standen wir an der u-förmigen Wasserrinne. Was wir sahen war so überwältigend, dass wir beide wie steinerne Statuen uns gegenüber standen. Bewegung kam erst wieder in unsere Körper zurück, als wir unsere Hände auf die fünf strausseneigrossen Goldnuggets legten. Man konnte dieses Gefühl kaum beschreiben, wenn man es nicht selber erlebt hatte. Ein unglaubliches Glücksgefühl mit gleichzeitiger Euphorie, gepaart mit rasendem Herzklopfen überkam mich. Dave ging’s nicht anders. Uns umschauend, ob jemand unser Goldglück bemerkt hatte, blieben wir ohne grosses Aufsehen zu erregen, still. Keiner von uns beiden verlor ein einziges Wort, denn wir übten diese Situation schon seit einer geraumen Zeit ein. Keiner von uns dachte jedoch daran, dass wir wirklich so was erleben würden. Unauffällig steckten wir die schweren, wertvollen Goldnuggets in unsere Säcke hinein. Wie wenn nichts Aussergewöhnliches geschehen wäre, arbeiteten wir weiter an unserer Glückswaschrinne. Nun ging’s bei uns ein wenig lockerer zu, mit breitem Grinsen auf unseren Gesichtern schufteten wir weiter. Die Sonne stand schon an ihrem höchsten Punkt am wolkenlosen Himmel. Trotz des kalten Wassers, das durch die Wasserrinne strömte und unsere Hände kühlte, rann uns der Schweiss am ganzen Körper entlang bis in die verstaubten und abgewetzten Stiefel hinein. Doch an diesem Tag spürte ich vor lauter Glückgefühlen meinen sonst schmerzenden Rücken nicht so stark.
„Hallo Müttersöhnchen!“ hörte ich Billi mir zurufen. Lässig schlenkernd kam er auf mich zu. Ich stand still da und wartete ab, auf keinen Fall wollte ich mich provozieren lassen. Als er ein paar Schritte vor mir stand, musste meine rümpfende Nase feststellen, wie Billi immer noch nach Alkohol und übernächtigtem Schweiss stank und der abgestandene Rauch des Saloons gesellte sich ungeniert dazu. Dieser Anblick war Ekel erregend und abscheulich. Provozierend und schwankend stand er da, seine Haare wild durcheinander zerzaust und sein schmutziges Hemd hing auf einer Seite aus seiner Hose heraus. Am liebsten hätte ich diesem Mistkerl in die Fresse gehauen. Das hätte ich diesmal wohl auch getan, wenn wir diesen Goldfund nicht gemacht hätten. Ich wollte kein Risiko eingehen und eine Schlägerei anfangen. Schnell konnte sich hier eine Massenschlägerei daraus entwickeln und das wäre ein grosses Risiko gewesen unseren Fund zu vergessen und ein Dritter hätte dann seine Freude daran gehabt. Also blieb ich ruhig stehen. „Hast du taube Ohren oder bist du stumm, Muttersöhnchen, du unbedeutendes, kleines Nichts?“ Billi gab nicht auf und seine unbeholfenen Armbewegungen liess ihn fast auf die Seite in das Geröll kippen. Dabei lachte er und freute sich. Endlich schwankte er weiter zu den nächsten Männern. Zum Glück waren wir ihn los. Wieder klopfte Dave mir auf die Schulter und meinte ernst: „Gut gemacht, Jack!“
An diesem besonderen Tag warteten Dave und ich bis kurz vor Bankschluss, um unsere Goldnuggets wiegen und auszahlen zu lassen, damit so wenig Menschen wie möglich mitbekamen, wie viel Geld wir nun hatten.

Ein paar Wochen später hatten wir nochmals Glück! Dave und ich wurden mehrfache Millionäre und kehrten diesmal mit einer bequemeren Reise zurück zu unseren Familien. Er gründete eine erfolgreiche Restaurant-Kette und ich führe das berühmteste Hotel in Kanada.

Billi schaffte es wie viele nicht, mit seinem Geld eine gute Zukunft anzubauen. Neben seinem Alkoholkonsum kam dann auch noch seine Spielsucht zum Tragen. Er verlor seinen letzten Cent.


Eingetragen am: 05.10.2008 von Pel
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18927

Auburn


Rossetti ließ seine Liebesgedichte ausgraben. Er hoffte auf einen kleinen publizistischen Erfolg. Sie waren das Beste, was er je geschrieben hatte und er sorgte sich, ob das Papier noch existierte.

Feuchtigkeit, Nässe, für wahr, das gab es genug hier, auch über der Erde. Ein Wunder, dass es nicht regnete an jenem Herbstmorgen auf dem Surrey Cemetry. In den letzten sieben Jahren hatte sich wenig verändert. Nur die Kastanienbäume waren ausladender geworden und ich zog den Kopf ein, damit mir keine stachlige Frucht auf den Kopf fiel. Wir verspäteten uns. Die beiden Helfer warteten schon, Spaten und Seil in den Händen.

Sie scherzten, die Angelegenheit schien sie wenig zu beunruhigen. Mir selbst war kalt, am liebsten wäre ich zu Hause geblieben. Aber ich hatte Rossetti versprochen ihn zu begleiten. Während ich den Helfern beim Graben zuschaute, spazierte er ein wenig. Ich hatte Angst, er könnte auf den schlammigen Blättern ausrutschen oder über die Leiter fallen, die zwischen den aufgeplatzten Kastanien lag.

Dunkle, bald schwarze Erde türmte sich neben den Stiefmütterchen, die einzigen Pflanzen, die noch blühten. Ich wagte es nicht, in die Grube zu schauen. Es gibt viele Gründe, ein Grab zu öffnen: Ich war mir nicht sicher, welcher auf Rossetti zutraf.

Ein neues Geräusch kündigte an, dass man auf Holz gestoßen war.
Die beiden Helfer senkten die Leiter ins Grab, der Jüngere von ihnen stieg hinab, das Seil über den Schultern. Seine Stimme klang durch die Erdschichten dumpf. Wir hörten ihn hantieren. Als er wieder auftauchte, wirkte er blass, aber er gab seinem Kumpanen das andere Seilende. Vorsichtig zogen sie den Sargdeckel nach oben. Sie standen sich gegenüber, ihre Köpfe vor Anstrengung rot. Schlingernd tauchte der Deckel aus der Tiefe, Erde auf dem Holz.
Ich wollte nicht hinschauen. Aber ich musste auf Rossetti aufpassen. Vielleicht wollte er in die Grube springen, wie damals. Ich nahm seinen Arm, wir zitterten beide, als wir näher traten, um nach unten zu schauen. Ich wollte nicht wissen, wie Lizzie aussah. Ich drückte mein Gesicht in den rauhen Stoff seines Mantels und wartete. Wartete. Nichts geschah. Er weinte nicht, er atmete nur etwas schneller. Dann befahl er dem Älteren der Helfer nach den Gedichten zu suchen. Ich wunderte mich, warum Rossetti von Suchen sprach. Es konnten doch eigentlich nur ein paar Knochen im Grab sein.

Mir tat der Helfer leid. Ich stellte ihn mir vor, wie er den ersten Fuß auf die Leiter stellte, Schritt für Schritt dem Dunkel entgegen. Ich konnte nicht verstehen, wie man so etwas tun konnte. Er blieb länger unten als der Jüngere. Dann tauchte er mit einem Bündel Papier auf und übergab es wortlos Rossetti.

Kaum hatten wir den Friedhof verlassen, überkamen Rossetti die ersten Zweifel. Was würde geschehen, nachdem er Lizzies Ruhe gestört hatte? Auch ich begann mich leicht zu fürchten. Wir hatten sowieso schon genug Schuld auf uns geladen. Lizzies Vater hatte behauptet, sie wäre noch am Leben, wenn sie uns nie kennen gelernt hätte. Vielleicht hatte er Recht. Doch eigentlich war es Deverell, der Lizzie entdeckt hatte, damals in jenem Modistenladen am Kingston Square.

Lizzie war unser Model geworden. Rossetti malte sie als Beatrice, Hunt als Lady of Shallott und ich als Ophelia. Wobei ich zugeben muss, dass dies die schlimmste Rolle war. Aber Lizzie schien es nichts auszumachen, tief unglücklich Liebende oder wahnsinnig gewordene Selbstmörderinnen darzustellen. Es war so eine Melancholie in ihr und obwohl sie groß war, wirkte sie überraschend zerbrechlich. Es wunderte mich nicht, dass sich Rossetti in sie verliebte.

“Was wirst Du mit den Gedichten machen?” Ich hoffte nicht, dass er sie mir später vorlas. Rossetti hatte Lizzie auf eine so merkwürdig körperlose Art geliebt und ich bereute es lange, dass ich Lizzie nie von der nüssespuckenden Rothaarigen erzählte, die Rossetti mit ihrem drallen Leib becircte.

Rossetti antwortete nicht. Vielleicht wollte er lieber allein sein. Wer weiß, was er gesehen hatte. Er tat mir leid, obwohl ich haßte, was er getan hatte. Er hatte Lizzies Grab geöffnet, um seinen verlorenen Erfolg als Dichter zu erneuern. Man würde gerührt sein über die Kraft seiner Liebesworte, wie man traurig gewesen war über Lizzies Tod. Der Wind war kalt und ich freute mich, zu Hause an meinem Bild weiterzumalen, trotzdem lud ich Rossetti ein.

Wir betraten mein Atelier und diesmal belächelte mich Rossetti nicht, als er die vielen Reagenzgläser sah, in denen einzelne Pflanzen noch blühten, während draußen die Blätter abstarben. Er hatte sich schon in der Royal academy über meine Detailliebe, meinen zu wissenschaftlichen Malstil lustig gemacht, aber immerhin nannte er mich nie “Child” wie die anderen.
Ich kochte uns Tee und Rossetti streckte seine Beine auf dem Sofa aus, den Kopf in den Nacken: “Ich hätte sie nie heiraten dürfen, Everett, ich habe ihr nur Unglück gebracht.”
“Lizzie war für die Ehe nicht geschaffen”, versuchte ich ihn zu trösten. Ich wünschte, er hätte nur mit der Nüsseknackerin sein Bett geteilt. Lizzies erstes Kind kam tot zur Welt.
“Lizzies Haare-.” Rossetti setzte sich auf.
“Was war mit ihren Haaren?”
“Der ganze Sarg war voller Haare.”
Lizzies Haar war nach ihrem Tod weiter gewachsen. Wie feingesponnenes Gold hatte es im Dunkeln geglitzert.

Vielleicht war es ihr Haar gewesen, das ihr zum Verhängnis geworden war, ihr hüftlanges, schweres, kastanienbraunes Haar, das uns fasziniert hatte, das wir alle ganz verrückt danach gewesen waren, sie zu malen. Und vielleicht hatte Lizzie das Sitzen für die Ophelia doch mehr geschadet, als wir zunächst geglaubt hatten. Ophelia, Shakespears Selbstmörderin.

Im Herbst 1851 hatte Lizzie in einer Eisenwanne in Greenhouse-studio gelegen, das Glasdach über ihr laubübersät, so dass es von unten ganz gelb aussah. Lizzie war fasziniert vom Blätterregen, dem Wirbeln der Blätter in der kalten Luft, während sie im warmen Wasser lag. Sie vergaß, dass ich sie malte. Ihre Augen schwerlidrig, halb geschlossen, ihr langes Haar über den Stickereien des Kostüms schwimmend. Oh, sie war Ophelia, treibend im Fluß, unter Weidenzweigen, der Mund leicht geöffnet, Blüten in ihren Händen.

Immer wenn ich später über Lizzies Tod nachdachte, sah ich sie im Wasser liegen und das war mir lieber, als wenn ich sie in ihrem Bett liegen sah, unter verschwitzten Laken zögerlich sterben. Rossetti hatte sie bewußtlos abends im Bett gefunden, wo sie sich seit ihrer zweiten Schwangerschaft meist nur noch aufhielt, kränklich, deprimiert, schlaflos. Diesmal hatte sie vom Laudanum zu viel genommen und der Arzt konnte nichts mehr für sie tun. Er sprach von einem “versehentlichen Tod”.

Oh Lizzie, sie war damals im kalten Wasser aufgewacht, die Lampen unter der Wanne erloschen, die Haut aufgedunsen, sie hatte gebadet ohne später zu duften. Auf dem Brokatstoff klebten die Wasserlinsen und in ihrem Haar hing eine verlorene Nelke. Was hatte ich ihr angetan. Tapfere, geduldige Lizzie. Sie hatte mir den Rücken zugedreht, so dass ich die Knöpfe an ihrem Kleid lösen konnte. Allein konnte sie sich nicht von dem schweren, nassen Stoff befreien. Ich fühlte, wie sie zitterte, ihre Nase lief. Sie wollte keinen heißen Tee, keine Decken, kein Aufwärmen vor dem Kamin. Mir schien, dass sie sich vor mir mehr fürchtete, als vor ihrem Vater. Mit nassen Haaren war sie in die Kälte geeilt, dunkle, beunruhigende Wasserflecken auf ihrem Mantel.


Eingetragen am: 27.09.2008 von Michele
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18438

Später schleiche ich mich wieder raus und gehe zu meiner Litfass-Säule. Von dort kann ich die feine Gesellschaft beobachten, wie sie in die Gaststuben gehen. Dort wird auch getanzt und sogar die Frauen rauchen. Ich habe Bilder gesehen von tanzenden, jungen Mädchen die ganz kurze Kostüme tragen. Es wirkt alles so aufregend. Die Damen tragen Bubiköpfe und man sieht die Knöchel sowie die Waden. Vater sagt, daß die alle keine Moral hätten und ich ja nicht meine langen, dicken Zöpfe abschneiden soll. Dann wäre ich auch eins dieser Flittchen, aber mein Magen knurrt und ich würde zumindest einige Reichsmark für meine Haare bekommen und wir könnten mal wieder so richtig essen. Mutter ist ganz anders. Sie darf es nicht zeigen, aber sie hat sogar dafür gesorgt, das ich auf die Höhere Schule gehen kann. Sie wünscht sich, daß ich auf die Universität gehe, aber ob das möglich ist, weiß ich nicht.
Ach! Diese Damen sehen immer wunderschön und glücklich aus. Ich werde es schaffen und auch eines Tages dazu gehören. Ich weiß es.
Ach! Wenn Vater doch nicht so streng wäre.


Eingetragen am: 27.09.2008 von Mr. Vertigo
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18437

Seit sie letzte Woche die Tote hier aus der Spree gezogen haben, fühlte sie sich gar nicht mehr wohl hier auf der Brücke. Und schon gar nicht an einem Morgen wie diesem. Feuchter, milchig weißer Nebel hüllte Spree und Spreegassenbrücke in einen Schleier. Aber sie hatte ja zwei ihrer Schwestern dabei und die taten so, als würde es ihnen gar nichts ausmachen. Wie jeden Morgen klappten sie die zwei Tische auf und breiteten die Kleider, Spitzentücher und seidene Strümpfe darauf aus. Marie aber war noch wie in Starre. Versuchte, endlich durch die weiß-grauen Schwaden hindurch den Fluß unter sich zu erkennen. Als würde sie sich davon Erleichterung versprechen. Sie gab es auf und griff sich den Bauchladen, den sie wie immer an dem Brückengeländer befestigte. Hierauf verteilte sie pinibel, wie nach einem Muster, Silberschmuck und ein wenig Zinngeschirr. Dies waren Sachen aus dem Bureau d'adresse ihres Vaters in der Brüderstrasse, so eine Art Pfandhaus, Zimmervermittlung und Arbeitsamt in einem. Und die Dinge, die nicht zum vereinbarten Termin abgeholt wurden, konnten die Töchter hier verkaufen.
Kleider und Stoffe wurden in einer Bude in der Spreegasse, direkt bei der Brücke von ihrer Mutter und den anderen drei Schwestern gefertigt. Hier konnte man sich feine Wäsche nähen lassen. Kanten, Spitzen und Strümpfe wurden repariert und gewaschen.
Jeden Morgen gab ihre Mutter ihr mit auf den Weg, sie solle kräftig Reklame für beide Läden machen. Sie wußte, dass Marie übers Tratschen gern das Verkaufen vergaß.


Eingetragen am: 21.09.2008 von Wiebke Rosenthal
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18110

Heute rief mich Papa in die Bibliothek. Er hatte beobachtet, dass ich mit Albrecht recht vertraut bin. So ein Verhalten – sagte er – sei nicht schicklich. Mir ist wirklich nicht klar, was ich falsch gemacht haben könnte. Ich kenne Albrecht seit ich Kind war. Wir haben immer zusammen gespielt. Meine Eltern haben das immer mit Wohlwollen gesehen.

Nun soll es nicht schicklich sein, wenn ich mit Albrecht spazieren gehe oder ausreite. Ich weiß, wir sind keine Kinder mehr. Albrecht ist ein gut aussehender junger Mann und die Gespräche mit ihm sind unterhaltsam. Alles, was er sagt, zeugt von großer Menschlichkeit und er hat Humor. Mit keinem anderen habe ich so anregende und vergnügliche Stunden. Wir können ernst und nachdenklich sein, aber auch scherzhaft und fröhlich. Ich habe natürlich auch bemerkt, dass er mir tief in die Augen schaut. Und dann fühle ich mich seltsam belebt.

Papa sagt, eine zu nahe Beziehung zu Albrecht sei unpassend. Er sei schon zum zweiten Mal verheiratet, schaue aber dennoch jeder schönen Frau hinterher und umwerbe sie. Papa sagte, er sei ernsthaft besorgt um mich. Er wolle auf keinen Fall, dass ich mich ins Unglück stürze.
Das habe ich auch nicht vor. Albrecht ist galant, intelligent und von liebenswerter Art. Treu ist er aber wohl nicht. Für eine Heirat kommt er natürlich nicht infrage. Ich sehe jedoch keinen Grund auf seine Gesellschaft zu verzichten. Am Ende des Gesprächs machte Papa noch eine Andeutung. Er sagte, er habe jemanden im Auge, von dem er annehme, dass er mich glücklich machen könne.

Wen er wohl meint? Doch wohl nicht jenen Freiherrn von Bentinck. Er mag zwar edlen Gemütes sein, aber nicht edlen Ranges. Zudem ist er äußerst langweilig - außer bei unserem letzten Besuch auf Schloss Doorwerth bei Großmama. Dort verursachte er Aufregung, weil er Geringschätzung für unsere Spinnerinnen und Weber äußerte. In England – so sagte er – hätten sie inzwischen Maschinen, die die Arbeit in Windeseile erledigten. Er vermag zu provozieren, aber er versteht es nicht, eine Dame angenehm zu unterhalten. Kartenspielen kann er nicht und beim Tanzen macht er auch eine ungeschickte Figur.


Eingetragen am: 09.09.2008 von Anita Decker
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17505

17. Jahrhundert, Sachsen, Erzgebirge

Prosit Fremder, Ihr habt mich gefragt: " Wo kommst Du her? Gibt es dort noch mehr wie Dich?"
Ich hab geantwortet: "Spendiert mir ein Mahl, und ich werds Euch erzählen."
"Wir sind sieben, meine Kameraden und ich. Wir wohnen in einem Haus im dunklen Wald, nahe bei Frohnau. Nein, kein Haus in Wirklichkeit, eher eine kleine Hütte, mit kleinen Bänken und kleinen Tischen und kleinen Bettstätten. Ja, auch meine Kameraden sehen aus wie ich. Kleine Männer, dicke Wollfilzjacken mit steifen spitzen Kapuzen. Wir sind Bergleute, wir schürfen nach Erz und Silber und Edelsteinen.
Ein schöner Beruf? Ja, das sagte Vater zu Mutter, als er mir befahl mein Bündel zu schnüren, es sei Zeit, mich an die Arbeit zu gewöhnen. Die Mutter weinte, als sie mich zum Abschied segnete. Doch es war das Beste so, sie leidet am meisten Hunger, verzichtet sie doch zu unseren Gunsten sich satt zu essen. Und dabei bekam sie doch schon wieder ein Kind. Es war Gottes Wille. Aber ach, wie ich sie vermisse, ich denke immer an sie, wenn ich im Berg bin, im tiefen, kalten, dunklen Schacht!
Der Schacht. Vor Sonnenaufgang werden wir hingetrieben. Wir wollen nicht, aber wenn wir uns weigern gibt es die Knute. Du willst nicht? Heißt es dann. Dir fehlt etwas Antrieb! Ja es gibt Schläge statt Brot, bis der Hunger uns treibt!
Wir schieben uns seitwärts in den engen Schacht hinunter, zum Stolln, auf einem Brett über das Geröll. Am Fuß haben wir ein zweites Brett befestigt, für die Kiepe. Erst wenn sie randvoll ist dürfen wir wieder zurück. Zu Anfang schafften wir es vor Sonnenuntergang, wir haben uns beeilt, denn war man vor den Anderen fertig, konnte man in der Sonne ruhen, es ruht sich gut in der Sonne, nicht war? Aber jetzt ist der Stolln so tief im Berg, und der Rückweg ist so beschwerlich, man kann froh sein, man schafft es überhaupt zurück. Denn so mancher wird tot herausgebracht. Einer kam nie mehr. Verschüttet! Wir hören seinen Geist, er flüstert und seufzt, er jammert und heult. "Laßt mich nicht allein. Holt mich raus." Er ist so alleine da drunten!
Wir bekommen eine Kerze die Woche und ein Talglicht pro Tag. Wir hauen den Stein im Liegen oder im Hocken und schieben uns im Finsteren zurück, weil wir das Licht zurücklassen. Als Trost für den Geist. Das sind Stunden im Dunkel, die dauern und dauern, raus hier, nur raus! Haben wir es geschafft, ist die Sonne schon untergegangen.
Geschlossen wandern wir zur Hütte. Wir sind so müde, aber wir wehren uns gegen den Schlaf. Weil auf den Schlaf das Erwachen folgt, das schlimme Erwachen. Wir weinen uns den Staub aus den Augen, dann zünden wir die Kerze an. Dann kriechen wir in die Kammer unter dem Boden, das wir für SIE gegraben haben. Dann schauen wir SIE an. SIE ist so schön. Schwarzes, langes, weiches Haar! Lippen rot wie Blut! Schneeweiße Zähne! Groß und gerade gewachsen. SIE kam zu uns auf der Flucht vor ihrem Vater, der sie befleckte. Wir verstecken SIE vor ihm und tun alles für SIE. Die jüngeren von uns schmiegen sich an sie, nennen sie Mutter. Doch ich bin schon zu alt für solche Mätzchen!
Ich bin besorgt um sie, ihre Haut ist so blass und fahl geworden, die Augen so leer. Sie will nichts mehr essen und sitzt da wie tot. Deshalb bin ich aufgebrochen, um einen Arzt zu finden, der sich erbarmt ihr zu helfen - solange noch Leben in ihr ist.
Gnade mir Gott, was mir passiert wenn ich zurückkehre. Aber ich muss Hilfe holen, ich bin der älteste von uns. Ich bin zwölf Jahre alt!"


Kommentar von Anita Decker

Nein gelogen Der Bergjunge, (so wurden diese Kinder genannt) sagte: "Ich zähle dreizehn Lenze!"

Eingetragen am: 10.09.2008

Eingetragen am: 09.09.2008 von Elsie Eye
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17503

„Schuldig!“, hallt es aus dem Mund des Goden Kelfjöhr, dem heute die Rechtssprechung in Thingvellir obliegt. Die Menge quittiert den Spruch mit einem zustimmenden Raunen.

Schuldig, hallt es in Runfrieds Kopf wider, dringt in ihr Herz und lässt ihren Magen zu einem steinernen Klumpen erstarren. Die junge Frau sinkt in sich zusammen und fällt auf den Boden.

Die 48 Goden blicken ernst in die Menge, die sich, wie jedes Jahr um die Zeit der Sommersonnenwende in der Allmännerschlucht versammelt hat, um Gericht zu halten und Handel zu treiben. Nur einer der Häuptlinge blickt zu Boden und verbirgt sein Gesicht. Den Schmerz und die Tränen soll in diesem Moment niemand sehen.

Noch am Morgen hatte Gandulf am Lögberg die mündlich überlieferten Gesetze des isländischen Volkes vorgetragen. Er war stolz auf die Ehre, die ihm damit in diesem Jahr zuteil wurde. Seine Worte hallten laut von der hinter ihm aufragenden Wand der Allmännerschlucht wider, nicht ahnend, dass der Rat seine Lieblingstochter Runfried einige Stunden später zum Tod verurteilen wird.

Er denkt an seinen Ur-Ur-Ur-Großvater, der bei der Auswanderung aus Norwegen schwor, sich seine Unabhängigkeit nie wieder von einem König nehmen zu lassen. Mit seinem Schiff fand er den Weg zur paradiesischen Insel Thule, wie Island ursprünglich genannt wurde, um hier mit seiner Familie zu siedeln, Land zu beackern und friedlich zu leben. Vor über 200 Jahren warf er die Säulen seines Hochsitzes ins Meer und gelobte, dort, wo die Wellen die Säulen an Land spülen, sein neues Heim zu errichten. Er war ein fleißiger und weiser Mann, und schon bald wählten ihn die Siedler zu ihrem Goden, Ihrem Vertreter im Kreis der Häuptlinge. „Halt dich fern von bösen Menschen“, war sein Leitspruch, „und wenn böse Menschen dich aufsuchen, schick sie weiter.“

Dreimal im Jahr wurde die von den Goden geleitete Volksversammlung der Isländer in Thingvellir am nordwestlichen Ende des Sees einberufen. Sie schlichtet alle Streitfälle und hält Gericht. Die streitenden Parteien sind selbst für die Vollstreckung des gefällten Urteils verantwortlich. So kamen die Siedler einige hundert Jahre ohne Todesurteile aus. Mord und andere Verbrechen wurden mit Verbannung ins Hochland bestraft.

Gandulf hält es für einen großen Fehler des Parlaments, dem Druck des norwegischen Königs nachzugeben und das Christentum als offizielle Religion in Island einzuführen. Die Goden wurden zu Priestern. Die unabhängigen Bauern wurden gezwungen, den Kirchenzehnt abzugeben. Das war der Beginn einer neuen Abhängigkeit. Die Freiheit seines Volkes geht Stück für Stück verloren. Bischöfe mischen sich in die Parlamentsangelegenheiten ein. Die Herrschaft der Goden, der weisen Männer des Volkes, geht zu Ende. Neue Gesetze werden erlassen. Wieder werden Männer am Galgen aufgehängt, auf der schmalen Landzunge im Fluß Öxará rollen Köpfe. In der Brennugjá finden der Hexerei überführte den Tod. Des Ehebruchs schuldige Frauen enden im Ertränkungspfuhl.

Wie schlecht ist ein Mensch, der eines anderen Menschen Tod beschließt? Wie schlecht erst der Mensch, der dem Tod seines eigenen Kindes zustimmt?

Gandulf wendet sich ab….


Eingetragen am: 01.09.2008 von Ina
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17106

Michael der Tapfere
Der zehnte August 1601

Sie nannten ihn Mihai, Mihai Viteazul, oder wie die Europäer 100 Jahre später sagen würden, Michael den Tapferen.
Und dies ist Teil seiner Geschichte.
Ich hatte den Krieg gesehen, war in Cãlugãreni nahe dem Fluss Neajlov Teil von Mihais Truppen gewesen. Wir sind gegen den Großwesir Sinan Pasha siegreich gewesen, und dennoch mussten wir uns damals ins Gebirge zurück ziehen.
Wir hatten auf den Rest des Heeres gewartet, aber Bathory kam zu spät.

Eines Morgens hatte der Großwesir die schlammigen Fluten des Neajlov mit einem Teil seiner Truppen überquert und hatte uns unsere Kanonen gestohlen.
Mihai war in heller Aufregung gewesen. Er hatte seinen mächtigen Vollbart gekratzt, hatte seinen Hut vom Kopf genommen, den Hut, den er immer trug mit der dunklen Fasanenfeder darin, und seine Stirn war von Sorgenfalten zerfurcht.
Den ganzen Tag lang durften wir unseren Woiwoden, unseren Herrführer nicht stören. Er blieb abseits des Lagers, allein, hatte das Gesicht in die Hand gestützt und die Blicke gesenkt.
Vorsichtig war ich bemüht in seiner Nähe zu bleiben, sorgte ich mich doch sehr um sein Wohlergehen.
Die Soldateska, die mir unterstellt waren, waren unruhig geworden. Einige von ihnen begannen zu trinken und nur ein paar scharfe Worte und ab und an der Einsatz geringfügiger Gewalt schien sie sich an ihre Disziplin erinnern zu lassen.
Als die Mittagssonne heiß über der Ebene aufging, wurde das Murren der Männer lauter und auch in mir wuchs der Missmut über Mihais Schweigen. Zu Unrecht, wie ich erst später bergiff.
Der Großwesir hatte unsere Waffen gestohlen und fast 150 000 seiner Mannen standen jenseits des Flusses, nur allzu bereit die Unseren zu schlagen.
Ein schwerer Kloß lag in meinem Magen, gedachte ich unserer deutlichen Unterzahl an Bewaffneten. Mihai hatte so viele unterschiedliche Menschen zusammen gezogen um die Osmanen, ein für alle Mal zu vertreiben. Und doch zu wenige.
Dennoch, ich zweifelte keinen einzigen Moment an seinem Gelingen, bis zu jenem Tag.

Erst zur späten Abendzeit, als die Sonne bereits im Gebirge nieder sank, stand der Woiwode auf, immernoch mit nachdenklichem Blick, aber mit einer Idee.
Als er sprach, sprach er mit rauer Stimme und mir wurde endlich klar, was ihn solange beschäftigt hatte.
Er fühlte sich persönlich angegriffen.
Er rief seine Truppenführer zusammen, auch mich und wir mussten in kurzer Zeit unsere Soldateska zusammen ziehen, denn Mihai wollte den Osmanen zeigen, dass nur Tapferkeit und Wille den Ausgang der Schlacht bestimmen konnten.

In der tiefsten Nacht also überfielen wir das osmanische Lager, brachten unsere Kanonen erneut in unsere Gewalt und schlachteten so viele Türken ab, wie uns gelang.
Von uns fielen gerade 1500 Mann, von den Osmanen obgleich zehn Mal so viele.
Als der Großwesir endlich erkannte, dass seine Möglichkeiten diese Schlacht zu gewinnen, äußerst gering waren, entschloss er sich mit seinen Mannen zum Rückzug.

Wir hatten sie eingekesselt und immernoch starben unter unserer Hand die gegnerischen Soldaten. Nur eine einzige Brücke über den Neajlov blieb den Osmanen als Fluchtweg. Wir folgten ihnen und ich selbst sah den Großwesir fallen. Triumpfgeheul brandete aus meiner Kehle und eine unbändige Freude über unseren Sieg.
Später hieß es Pasha habe zwei Zähne verloren und war von einem seiner eigenen Sklaven gerettet worden. Für mich war er im Getümmel untergegangen.

Auch unser Sieg endete mit einem Rückzug. Die Verletzten ließen wir zurück, aber alle die gehen konnten wanderten mit Mihai ins Gebirge. Dort blieben wir bis Bathory uns fand und wir beide Heere zusammen legen konnten.
Zwei ganze Truppen waren unserem Woiwoden geblieben.

Danach habe ich nie wieder unter Mihai gekämpft, aber natürlich vieles von ihm gehört. Später sollte er zum Nationalhelden ernannt werden.
Für mich war der Woiwode bereits ein Held, nachdem wir in Cãlugãreni siegreich gewesen waren.
Mihai hatte die Osmanen nicht nur besiegt, sondern später hatte er auch Frieden geschlossen.

Heute ist er seit zwei Tagen tot.
Ich hatte in seinem Lager unter einem anderen gedient, als es geschah.
Er hatte die drei Fürstentümer Walachei, Siebenbürgen und Moldau für ein ganzes Jahr lang vereint. 1600 war das Jahr seines größten Triumphes gewesen, aber er hatte trotzdem sterben müssen. General Giorgio Basta hatte seinen Tod befohlen, nachdem der Neid, ihn wie ein Geschwür von innen zerfressen hatte.
Siebenbürgen hatten sie noch gemeinsam besiegt, und Basta waren all die materiellen Güter zugefallen, aber Mihai hatte all den Ruhm geerntet, den Basta so gern für sich selbst gehabt hätte.
Noch vor Sonnenaufgang am 8. August 1601, hatten Bastas Mannen Mihais Lager überfallen, ihm den Kopf abgeschlagen, im Zelt, in dem er ruhte und hatten sein Haupt dem General gebracht, der ihn vor den Toren ausstellen ließ.

Ich selbst habe nie erfahren, wie der Mann hieß, der Mihai das Leben nahm, aber ich sah ihn mit blutigen Händen das Lager verlassen.
Ich erinnerte mich an die Zeit am Neajlov und an Mihai selbst. Er war ein großer Mann gewesen.
Als ich mein Schwert zog, nahm ich Rache.
Das letzte was ich tat.


Eingetragen am: 19.08.2008 von Inge K.
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16442

Eine Rauchwolke, nicht mal die Hand vor den Augen kann man erkennen. Es riecht nach Schießpulver und verbranntem Fleisch. Ich kann kaum atmen. Ich huste, habe zuviel Rauch eingeatmet. Doch es gibt kein Entkommen, der Rauch ist überall. Ich kann unsere Hütte nicht finden. Überall sind Schreie zu hören und egal wo ich hintrete, ich stoße auf Leichen. Der Boden ist schlammbesudelt, ein Gemisch aus Sand und Blut. Es fühlt sich glitschig unter meinen Füßen an. Ich stütze mich an eine Mauer, und muss brechen. Der Gestank der Toten ist nicht mehr zu ertragen. Was ist geschehen? Er war ein Gast. Wir haben ihm nichts böses gewollt. Er wolle sich unsere Kultur anschauen, sagte er. Nun liegt mein Volk zu meinen Füßen, kaltblütig und hinterlistig ermordet. Unseren König Moctezuma haben sie gefangen genommen, weil sie uns brauchen. Doch mein Volk will Rache. Wir sind mächtig, uns kann man nicht so einfach ausschalten. Hernán Cortés wird sterben. Und seine Gefolgsleute auch. Wir werden sie opfern und ihre Köpfe bekommen in unserer Gotteshöhle einen Ehrenplatz. Ihr Blut soll den Opfertisch hinunter fliessen, ihre Gebeine werden unseren Tieren ein Festessen sein. Sie sollen qualvoll sterben.


Eingetragen am: 13.08.2008 von Kirsten
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16121

Aufbruch
Tage schon war der Nebel so dicht, dass der Tross nicht weiterreisen konnte.
Als Amalaberga vor Morgengrauen aufwachte, nahm sie zuerst nur die üblichen Geräusche war: Die Hufe der Pferde, die sich im Schlaf bewegten, das Atmen ihrer Famile um sie herum, in der Ferne hörte sie einen Wolf. Sie roch das Fell, unter dem sie lag, die Ausdünstungen der vielen Menschen, schwach den Geruch der Elbe und den beißenden Qualm von nassem Holz. Sie hörte, wie sich die Wachen leise unterhielten und irgendwo klapperte jemand mit den Töpfen.
An Schlaf war nicht mehr zu denken, und vorsichtig schlüpfte das Mädchen aus ihrer provisorischen Schlafstatt unter ihrem Holzwagen. Sie fröstelte. Es war kalt. Und alle machten sich Sorgen.
Ihr Volk war müde. Amalaberga konnte sich schon nicht mehr daran erinner, wie viele Sommer ihr Volk im Krieg zugebracht hatte.
Wie viele Sommer ihr Vater und ihre Brüder mit König Alboin und den Awaren in den Kampf geritten waren.
Und sie blieb mit ihr Mutter allein in ihrer Hütte direkt an der Elbe zurück. Dabei konnte sie genauso gut reiten wie ihre Brüder und die warf das Beil wie ein Mann. Aber wenn sie ihr Ansinnen vorbrachte, mit zu gehen, lächelte ihre Mutter nur und strich ihr übers Haar. „Kind, Mädchen ziehen nicht in den Krieg!“.
Im letzen Jahr gab es niemanden mehr zu bekämpfen, und notgedrungen fingen die Awaren Streit mit ihren Verbündeten, den Langobarden an. Sie waren keine Bauern, sie waren Krieger!
König Alboin und seine Vertrauten hatten viele Nächte in ihrem Zelt gesessen und darüber beratschlagt. Krieg mit den Awaren oder ihr Volk musste weichen. Für zwei war hier nicht genug Platz. Sieg oder Niederlage. Krieg oder Frieden. Heimat oder Aufbruch ins Ungewisse.
König Alboin machte es sich nicht einfach. Aber am Ende siegte der reine Menschenverstand. So viele Jahre Krieg hatten ihren Tribut gefordert. Die Vorratskammern waren leer, die Pferde tot oder krank, viele gute Männer, Väter und Söhne, waren nicht nach Hause zurückgekehrt. Nein es mangelte nicht an Kampfgeist, aber sein Volk hatte es sich verdient, ein bisschen ausruhen zu dürfen.
Also wurde der Beschluss gefasst, dass ihr ganzes Volk, alle Langobarden sich auf den beschwerlichen Weg nach Italien zu begeben hatten, ihre neue Heimat.
Und so hatte Amalabergas Familie ihre Habe auf den Wagen gepackt, und hatte sich mit den vielen anderen auf den Weg gemacht. 1000de und abertausende von Menschen. Vom ersten Morgengrauen bis zum Einbruch der Nacht.
Die Aufregung, die die Kinder anfangs verspürten, wich der Eintönigkeit, die ihre Tage recht schnell annahmen. Bald schon waren ihre Schuhe durchgelaufen, und die meisten mussten notgedrungen barfüßig weiterlaufen. Kalt war es, der Herbst näherte sich schon, und ihre Leinenkutten vermochten sie an manchen Tagen nicht mehr richtig zu wärmen. Was würde erst im Winter werden.
Und jetzt saßen sie schon so viele Tage hier fest.
Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen, an Aufbruch war nicht zu denken. Und alle langweilten sich zu Tode. Dauernd gab es Streit, und wer seinen Platz nicht direkt am Feuer hatte, fror erbärmlich.
Aber als Amalaberga heute fröstelnd zum Himmel blickte, war sie völlig überwältigt. Sie konnte den Himmel sehen. Millionen von Sternen.
Und jetzt wusste sie auch, warum sie aufgewacht war. Das ganze Lager war von einer nervösen Unruhe erfüllt. Endlich konnte die Reise weitergehen


Eingetragen am: 10.08.2008 von Manfred Mann
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15980

Er wusste nicht, was er tun sollte, und hörte sich selber etwas Unverständliches krächzen in der Hoffnung, dass einer seiner Leute in der Nähe war und ihn aus dieser Lage befreien konnten. Er lag allein in einem offenen Graben, der von einer Bombe in den Boden gefetzt worden sein musste, wahrscheinlich erst vor kurzem, denn die Erde war frisch. Sollten die Vietcong nicht von seiner Einheit zurückgedrängt werden, war es nur eine Frage der Zeit, bis ihn der Feind fand. Ein unvorstellbarer Gedanke.

Sie hatten die Aufgabe bekommen, in der Nähe des Dorfes Khwa-li ein unterirdisches Tunnelsystem auszuhebeln. Der Marsch war anstrengend in der tropischen Hitze, und er erinnerte sich an das Gefühl des Überdrusses, das er empfand ob der sich endlos hinziehenden Langweile seit seiner Ankunft in diesem Land. Der Krieg war für ihn genau das: endlose Langeweile, die nur von unvorstellbarem Schrecken unterbrochen werden konnte.

Er robbte zum Rande des Kraters. Der Lärm betäubte seine Sinne. Der fürchterliche Gestank drängte sich direkt in sein Gehirn. Mit der grössten Behutsamkeit streckte er den Kopf etwas hinaus und versuchte etwas zu sehen. Alles war in Rauch getaucht. Hustend kroch er wieder in den Graben zurück.

Verzweiflung machte sich breit. Er war noch nie in dieser Lage und er wusste nicht, was nun geschehen sollte. Völlig auf sich allein gestellt, musste er eine Entscheidung treffen. Dann hörte er Schritte. "Zurück, schnell!" schrie jemand in seiner Sprache. Dann kamen die Helikopter. Mit letzter Kraft hievte er sich über den Kraterrand und versuchte zu erkennen, in welche Richtung er rennen sollte. Er musste sich auf sein Gehör verlassen, und dann lief er los.


Eingetragen am: 09.08.2008 von Melly
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15958

Behutsam schloss sie die knarrende Tür, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie starrte in die Dunkelheit und tastete sich in Richtung Schlafstatt. Sie legte sich auf den mit Stroh gefüllten Hanfsack und zog den Umhang enger um ihre Schultern. Murr, der schwarze Kater schmiegte sich an ihren Rücken und schnurrte. Gudrun dachte an die aufgebrachte Menge auf dem Marktplatz. Männer riefen mit wutverzerrten Gesichtern:
" Auf den Scheiterhaufen mit ihr." Frauen nahmen schützend ihre Kinder unter die Umhänge und brachten sie fort. Jemand aus dem Dorf hatte ihre Großmutter im Moor gesehen.
Gudruns Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Sie wuchs bei der alten Frau auf. Als Gudrun alt genug war, wies diese sie in die Kräuterkunde ein. Seit kurzem ging das Mädchen nun in die Dorfschule. Gudrun hasste die Schule, die Kinder mieden sie und tuschelten hinter ihrem Rücken. Die krausen roten Locken waren zu einem dicken Zopf geflochten und auf ihrem zarten Gesicht mit den vielen Sommersprossen zeigte sich ein trotziger Zug. Gudrun schob den Gedanken an die Schule fort und schloß die Augen, wenige Minuten später war das Kind eingeschlafen. Eine knochige weiße Hand strich ihr über die Stirn. Im Schein der Kerze schlurfte eine gebäugte Gestalt zu ihrem Bett zurück. Sie hatte sich Sorgen gemacht, als Gudrun zum Einbruch der Dunkelheit noch immer nicht zuück war. Das Moor hatte seine Tücken, erst recht in der Finsternis. Sie nahm sich vor, morgen mit der Enkelin zu reden. Sie mußte die Wahrheit endlich erfahren...


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