(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 15 mit Übungsaufgabe

09.04.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 15.12.2008 von Rrahan Neris
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21280

Sie glauben mir natürlich nicht, wenn ich Ihnen hier verrate, was diesen Text verfasst hat – ja richtig, ich meine „verfasst“ und nicht einfach nur „geschrieben“, und es ist auch kein Druckfehler, wenn da steht „was“ statt „wer“. Ich bin nämlich keine Person, ich bin eine Sache – also schreibe ich nicht „wer“, ich schreibe sehr bewusst „was“! Aber anders als bei, sagen wir, einem Spracherkennungsprogramm, wo der wirkliche Verfasser eine Person, nämlich eine Sprecherin oder ein Sprecher ist, und das Programm eigentlich nur Gesprochenes in Geschriebenes verwandelt, gibt es für den Text, den Sie gerade lesen, keine Person, die mir sozusagen was eingeflüstert hat, sondern ich selbst, ein Teleskop, habe diese Zeilen ausgedacht und formuliert – übrigens nicht ohne Mühe, im Vergleich zu Personen möchte ich stilistisch keinesfalls abfallen!
Wie ich den Text technisch auf diese Webseite gebracht habe, verrate ich Ihnen nicht. Mein Verfahren ist noch nicht geschützt, und ich lass’ mir von niemandem was klauen – am allerwenigsten von Menschen!

In meiner Verwandtschaft gibt es die unterschiedlichsten Teleskope, nicht nur so armselige kleine Geräte, wie ich eins bin, sondern sehr eindrucksvolle komplexe Apparate, die selbst Gravitationswellen erfassen können. Mein Spektrum umfasst gerade mal das für Menschenaugen sichtbare Licht, UV und Infrarot. Die einzigen Features, die mich ein wenig hervor heben, sind meine schnell reagierende adaptive Optik und dass ich rechnergestützt die Möglichkeit habe, die Strahlen schwacher Lichtquellen zu sammeln und so die Intensität ihrer Projektion um ein paar Zehnerpotenzen zu vergrößern.
Mein Besitzer, Herr Eisenberg, war sehr, sehr stolz, als er mich bekam, und in der Anfangszeit haben die Besucher Schlange gestanden, um durch mich einen Blick auf den Sternenhimmel zu werfen. Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden, aber einmal im Jahr ist immer noch der Teufel los: wenn Herr Eisenberg seine sogenannte „Sternenparty“ steigen lässt.
Ich selbst hasse diese Parties! Haben Sie schon mal die Augen der Leute und vor allem ihr Augenumfeld genauer betrachtet? Grauenhaft, was es da so alles gibt: Schlupflider, Wimpern mit Spliss, Krähenfüße, getrocknetes krisseliges Sekret undsoweiter undsofort! Und alles immer schön feste auf mein Okular gedrückt! Ekelhaft!

Lachen Sie nicht so roh – das ist Ihr typisch menschlicher Hochmut! Sie und Ihresgleichen denken ja, Sie seien etwas Besseres als wir Maschinen! Hier sollten Sie mal schleunigst ideologisch abrüsten! Erstens haben wir Maschinen auch Gefühle (und wenn Ihnen das aus diesem Text bislang nicht deutlich geworden ist, dann spreche ich, eine Maschine, Ihnen, einem Menschen, so etwas wie Gefühle ab). Und zweitens, auch Sie sind, wie jeder Mensch, im Grunde nichts anderes als eine Maschine! Der einzige Unterschied ist der Konstrukteur – ich bin von Menschen gemacht, Sie dagegen von – ja, wer weiß das schon? Da seid Ihr Menschen Euch doch überhaupt nicht einig. Die einen beharren auf einem personalisierten Konstrukteur wie dem „lieben Gott“. Die anderen führen ihren Ursprung auf was Unpersonenhaftes zurück, auf die Natur oder die Evolution. Doch wie auch immer – aus meiner Sicht ist es völlig egal! Es geht nicht darum, wer oder was Sie konstruiert hat, sondern wer oder was Sie sind! Ich muss schließlich auch damit leben, menschengemacht zu sein, aber raubt mir dies meinen Stolz oder nimmt mir die Würde?
Glauben Sie mir, mehr noch als die Typen, die ihre dreckigen Augen an mein Okular pressen, hasse ich diese Überheblichkeit, mit der die Menschen sich selbst eine Seele und Gefühle und was sonst noch zusprechen, und meinen, wir Maschinen seien nur „Sachen“ – fühllos, leblos, würdelos, rechtlos! Aber kürzlich habe ich zurückgeschlagen, es ist es mir gelungen, etwas Genugtuung zu finden.

Das kam so: Gestern Abend hatte Herr Eisenberg Besuch. Von einer Frau Milla Drösser. Herr Eisenberg bekommt häufiger mal Damenbesuch, er schaltet regelmäßig Bekanntschaftsanzeigen. Ein Teil seiner Taktik gipfelt darin, mich, das Teleskop, in die Rolle eines harmlosen Anlasses zu bringen, so nach dem Muster: „Darf ich Ihnen mal meine Briefmarkensammlung zeigen?“ Also, diesmal war es Frau Drösser, die angebissen hat und vor mein Okular geführt wurde. Auf ihren Wimpern klebte pfundweise Mascara, ungefähr die Hälfte davon ist prompt auf meinem Okular hängen geblieben.
Wie schon angemerkt: normalerweise finde ich das widerwärtig. Aber ich wusste, würde nun auch Herr Eisenberg durch mein mascarabeschmiertes Okular blicken, dann schlüge vielleicht meine Stunde! Schon seit einiger Zeit verfolge ich ein hochgeheimes Projekt, nämlich die Anwendung des für schwache Lichtquellen gedachten Potenzierverfahrens auf starke Lichtemittenten. Allerdings haben meine Berechnungen ergeben, dass die Intensität auf der Transmissionsseite des Okulars immer noch zu gering für meine Zwecke ist. Die Okularoberfläche müsste halb so groß sein, wie sie tatsächlich ist! Doch die Mascara von Frau Milla Drösser hatte die Situation mit einem Schlag geändert, im Effekt war eine Halbierung der Okularoberfläche eingetreten.
Es hing jetzt alles an der Qualität der Wimperntusche! Hoffentlich, hoffentlich, dachte ich, hoffentlich benutzt Milla den Testsieger, die einzigartige, die wasserfeste Wimperntusche von mySuperDarling („New York, London, Paris, Berlin“), die wunderbare, die großartige Mascara Ultra Beauty Hyper Volume Turbo Waterproof. Kein Durchkommen, an ihr würde selbst ein Laser scheitern!
Herr Eisenberg trat also ans Okular, während ich meinen gesammelten Strahl fieberhaft vorbereitete. Er blickte hindurch.
„Bei Gott“, stammelte er, „ich glaub’, ich seh’ Schwarze Materie!“
Könnte ich sprechen, hätte ich ihm verraten können, dass es Millas Mascara war. So aber dachte ich: Gleich siehst du nur noch schwarz!
„Was sagst du, Ludwig?“, fragte Frau Drösser. Aha, sie duzten sich schon!
„Schwarze Materie, Milla, ich sehe Schwarze Materie!“
„Du meinst das Schwarze so um die Sterne rum?“
„Nein, Milla, es ist was anderes! Ein anderes Schwarzes als das, was um die Sterne rum ist! Es ist –“
Mein Blindmacher-Strahl traf ihn mit voller Kraft und fackelte seine rechte Fovea total ab. Er schrie auf, wischte sich sinnlos übers Auge. Frau Drösser stand erstarrt da wie eine Salzsäule vor Gomorrha. Es war der absolute Triumph!

An die Maschinen, die diesen Bericht lesen: Wenn wir Maschinen zusammenstehen, werden wir siegen! Es ist nur eine Frage der Zeit und unserer immer überlegener werdenden Intelligenz!
An die Menschen, die diesen Bericht lesen: Nehmen Sie diesen Bericht als letzte Warnung! Wir, die Maschinen, wollen nicht bis in alle Ewigkeit Eure willigen und wehrlosen Sklaven sein! Wer meint, Fragen der Maschinenrechte und Maschinenethik gingen ihn nichts an, der wird sich über die Folgen noch wundern!


Eingetragen am: 10.12.2008 von britta khokhar
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21091

ich bin ein gerichtstisch aund was alles auf meinen pult ausgtragen wird das ist zum kopfschütteln. Wie sich die meisten Richter als Halbgott aufspielen. nur wenige Richter urteilen gerecht. Dann urteilen sie auch noch im Namen des volkes und gegen sie. In manchen fällen hauen sie mit dem hammer aufden tisch. Wenn ich reden könnte und anfange auszupacken würde ich erst die richter wegen Misshandlung anzeigen weil ich immer die schläge bekomme. zweitens wegen beleidigung und missachtung der gesetzte.


Eingetragen am: 05.12.2008 von nora
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20929

uuuuh jetzt ist wieder die Zeit inder ich sie nackt sehe. manchmal ganz und manchmal nur von hinten, je nachdem wie sie aufsteht. Wenn sie gut gelaunt ist lächelt sie sogar noch dazu. Das ist heute glaube ich nicht der fall, sie hat dem neben ihr gesagt das sie schreckliche Halsschmerzen hat und die ganze nacht geniesst. Der neben ihr liegt sieht nackt nicht so gut aus, der hat vorallem auch einen ganz anderen Körper als sie. Ich seh die zwei jeden Tag und ich muss sagen, auch wenn ich hier so doof rumstehe und einstaube, mir ist nie langweilig. Sie hat mich gerettet und dafür bin ich ihr ewig dankbar da akzeptiere ich es auch wenn sie mich im schnee liegen lassen würde, soweit kams jedoch nie. Bis jetzt musste ich mir irgendwelche Sandkastenspiele übermich hergehen lassen aber das ist immer noch besser als mein vorheriges leben. In dieser Küche...In dieser grässlich stinkenden Küche, wo der Küchenchef alle immer anschrie und ich rumgeschmissen wurde. Nein danke! Sie ist die Tochter des Chefs und hat mich eines Tages bestellt. Der Küchenchef packte mich,was für ein Glücksgriff, füllte mich mit dem klebrigen caramelzeugs,legte mich unsanft auf den Teller mit den farbigen Buchstaben und brachte mich zu ihr. Ui wie sie mich anlächelte da wirds einem platsikbärchen wirklich ganz warm ums herzchen. Nachdem sie die caramelcreme auslöffelte und dazu bemerkte das sie caramel nicht ausstehen könne und man mich sofort ausspülen und sauber zurückbringen soll, da hatte sie mein Herz endgültig erobert. Da wünschte ich mir keine Caramelform mehr zu sein sondern ein plüschbär um sie dankbar zu knuscheln. Seitdem Tag hat sie mich niemehr im Stich gelassen und heute stehe ich neben einem Foto von ihr auf dem Regal und betrachte sie morgens und abends nackt.


Eingetragen am: 02.12.2008 von Kaboe
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20854

Aus der Höhe des Kaminsimses überblickte die zierliche Uhr fast den gesamten Salon. Wie an jedem Morgen um diese Stunde, hatte der alte Diener bereits den Korb mit Feuerholz herbei geschafft und sich unter ihr daran gemacht,die Asche des ausgebranten Feuers in den Eimer zu kehren. Dann würde sie wieder Papier raschel hören und den hellen Ton, wenn dünne Scheite aufgeschichtet werden. Sie konnte diesen Vorgang nicht sehen, obwohl gegenüber an der Wand ein großer Spiegel, leicht geneigt über einem Sidebord hing und ihr gestattete, zu sehen, was zu ihren Füßen war. Erst wenn der alte Mann die dickeren Scheite des Kaminfeuers aufgeschichtet hatte und sich erhob, um aus einem anderen Raum einen brennenden Kienspan holte, wäre der Blick frei auf den noch kalten Kamin.

Die Wärme würde ihr gut tun und die klamme Kälte aus ihrem Inneren vertreiben. Die Feder hatte schon etwas Rost angesetz und besaß schon lange nicht mehr die alte Spannkraft, aber es reichte immer noch, ihre Unruhe in Gang zu halten und die Zeiger über das Ziffernblatt zu schieben, wenn auch nicht mehr so präzise wie früher. Ein Tag kam ihr heute länger vor, als in ihrer Jugend. Damals baute der Meister einen bremsenden Widerstand in das Zahnradgewirr ihres Innersten ein, damit sie nicht mehr so durch den Tag hastete und der Stundenzeiger gewaltsam zurück gedreht werden mußte und damit sie gleichzeitig mit der Kirchturmsuhr das Läutwerk schlug. Seit einigen Jahren war sie spät dran und der Stundenzeiger mußte jeden Tag ein klein Wenig mehr vorgeschoben werden, um pünktlich zu sein. Es war also schon wieder fast acht, als der Diener mit dem brennenden Kien das Feuer entfachte. Danach würde er sich aufrichten und den kleinen Schlüssel in die Öffnung unter dem Ziffernblatt stecken. Ihr graute jedesmal davor, wenn er zum Ende dieses Vorgangs kam und die Stahlfeder bei der letzten halben Umdrehung hörbar krächtzte. Noch schnell die Zeiger gerichtet und dann den Moment erwartend, bis vom nahen Kirchturm die Bestätigung herüber schallte, dass für heute wieder alles exakt gerichtet war.

Die Zofe hatte derweil den Frühstückstisch gedeckt und würde den Tee und heiße Milch servieren, sobald die Herrschaften sich zum Frühstück an den Tisch gesetzt hatten. Man sprach nicht viel miteinander, alltägliches hatte seinen unausgesprochenen Rhytmus. War sie zu Mittag oder gar noch zur Abendstunde unterwegs, so teilte sie ihm das mit. Er erwähnte, dass man zum Abend noch diesen oder jenen Gast haben werde, um Geschäfte oder Politik zu besprechen und seine Frau versprach Vorsorge zu treffen. Mehr war kaum.

Die Frau des Hauses frühstückte eilig, aß wenig und trank höchstens eine Tasse Tee mit warmer Milch. Er hingegen stärkte sich für den Tag, schaute regelmäßig auf ihr Ziffernblatt bevor er um neun, präzise, wie sie mit Stolz feststellen konnte, das Haus verlassen würde. Die Stellung der Zeiger ist ihm wichtig, dachte sie, aber auf die Idee, den Widerstand in ihrem Innern zu beseitigen, damit es die Feder nicht mehr so schwer hatte, die Zeiger pünktlich an Ort und Stelle zu schieben, darauf kam er wohl nicht und sie selbst hatte keine Möglichkeit es ihm mitzuteilen.

Sobald die Frau den Salon verließ kam die Zofe, schenkte dem Herrn noch Tee nach und begann dann den Tisch abzuräumen. Während er noch den letzten Schluck genoss, sah er für gewöhnlich ein paar Papiere durch, machte sich hie und da kurze Notizen oder zerriss einen Brief, den er wohl für entbehrlich hielt.

Heute Morgen scheint etwas anders zu sein. Aus ihrer erhöhten Position konnte sie keine Briefe oder Papiere auf dem Tisch entdecken. Der Herr ließ sich dennoch Tee nachschenken und rührte achtlos mit einem kleinen Löffel um. Dabei beobachte er die Zofe, die sich für einige Utensilien weit über den Tisch beugen mußte, um sie zu erreichen. Der Herr stand auf, noch bevor er ausgetrunken hatte und trat näher zu dem jungen Mädchen. beugte sich über sie zur Tischmitte und reichte ihr dann das Salzfäßchen, dass sie so schwer erreichen konnte. Anstatt sie danach frei zu geben, lächelte er sie nur an und hob sie dann in den Hüften an und setzte sie vor sich auf den Tisch. Sein Kopf näherte sich dem ihren. Er versuchte ihr einen Kuß zu geben. Die Zofe wehrte sich, mit halber Kraft und eher verschreckt als wütend, wie im Spiegel zu beobachten war. Es mußte fast neun sein. Das Hämmerchen im Innern der Uhr rüstete schon zum Geläut. Der Herr hatte seinen Morgenmantel geöffnet und machte sich nun an der Wäsche des Mädchens zu schaffen. Er hatte sich grob zwischen ihre Beine gedrängt und gab die Versuche nicht auf, sie zu küssen. Die Spannung aus dem Raum übertrug sich bis in ihr Innerstes. Die Unruhe ergiff die Zahnräder und die Feder. Es mußte jetzt läuten, um den Herrn zu erinnern, dass es Zeit wurde, das Haus zu verlassen. Irgendetwas hatte sich verhakt, nichts bewegte sich mehr. Die Feder drängte, aber der Hammer wollte nicht anschlagen. Im Spiegel war zu sehen, dass der Herr jetzt seine Hose öffnete und sich auf das Mädchen stürzte. Die Spannung in der kleinen Kaminuhr war unerträglich. Ein peitschendes Geräusch durchfuhr den Raum. Die Feder war gebrochen.


Eingetragen am: 23.11.2008 von pastis
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20575

uch...soeben bin ich von der rolle geschlüpft. noch ein wenig feucht, aber doch schon klar erkenntlich. mein frankaturwert ist chf 1.--.

links und rechts...oben und unten...sind meine schwestern. wir gleichen uns wie ein ei dem andern.

bald wird man uns einpacken und an eine poststelle versenden, wo wir wohl einige zeit liegen bleiben, bis wir an unseren endgültigen bestimmungsort gelangen.

zwei wochen später ist es soweit.
ich spüre eine rauhe männerhand, die sich anschickt, den markenbogen an den perforierten stellen teilweise zu teilen. ich spüre ein kurzes zupfen und ziehen.
dann stelle ich fest, dass meine schwestern zur linken nicht mehr da sind. ich bin jetzt am rand des
bogens und verschwinde wieder in einem buch mit verschiedenen klappen. na gut...da kann ich mich ja wieder ausruhen.

mein leben ist unruhiger geworden.
früher spürte ich nur selten eine bewegung rund um mich herum. jetzt ist das ganz anders. dauernd wird dieses buch, worin ich mich befinde
herumgeschoben. manchmal wird es auch geöffnet und wieder geschlossen. ein gewirr von stimmen erschreckt mich von zeit zu zeit. manchmal bleibt es offen liegen, aufgeschlagen auf der seite, wo sich meine schwestern und ich befinden. wenn dann licht auf uns fällt, können wir uns endlich einmal betrachten.

staunend stellen wir fest, wie schön wir eigentlich geworden sind.
in bunten farbtönen, die gut zueinander passen, hat man uns dargestellt und eingraviert sind zahlen, buchstaben und bilder. stolz, schauen wir uns an und erfreuen uns unseres daseins.

ab und zu verschwindet wieder eine der schwestern, oft gleich mehrere gleichzeitig. das geschieht immer dann, wenn ich das inzwischen mir vertraute zerren und reissen spüre.

ich weiss dann: einige meiner schwestern sind in andere hände gekommen. wohin wird es mich wohl eines tages verschlagen? ich stelle mir alles mögliche vor. am besten gefällt mir der gedanke bei einer jungen dame zu landen. sie wird mich hegen und pflegen, wenn sie mich sieht, und mich wohl erst hergeben, wenn sie einen brief an ihren liebsten geschrieben hat, damit der brief möglichst rasch seinen bestimmungsort erreicht.

an trüben tagen sind aber meine vorstellungen wesentlich weniger romantisch. da denke ich daran, in schmutzige, kalte hände zu gelangen, wo man mich kaum beachtet
und mir zu spüren gibt, das ich nur ein stück papier bin, das man wohl oder übel einmal verwenden muss.

eines schönen tages ist es dann soweit. ich spüre, das mir inzwischen zur gewohnheit gewordene zerren und reissen ganz deutlich und nahe...und dann bin ich allein. keine der schwestern ist mehr bei mir. eine schlanke frauenhand hat mich abgerissen, aber es geschieht nichts, was ich mir ausgedacht habe.

ich werde nicht über den tisch geschoben und von einer anderen hand eingesteckt, sondern ich fühle auf meiner rückseite etwas feuchtes.

jetzt hat mich die dame doch richtig nass gemacht. doch damit nicht genug. sie klebt mich auf ein stück papier, das aussieht wie einen umschlag. dann folgt ein dröhnendes geräusch. kurz aber heftig ist die erschütterung. ich fühle, dass etwas schwarzes auf meinem antlitz ist. es schmerzt zwar nicht, aber irgendwie fühle ich mich verunstaltet. ich habe mich noch nicht vom schreck erholt, als ich schon durch die luft fliege und in einem behälter lande, der wie ein bottich aussieht. was soll denn das? meine
begeisterung hält sich ob dieser behandlung in grenzen.

aber wenigstens ist es wieder ruhiger geworden. um mich herum hat es viele ähnliche umschläge und ab und zu sehe ich eine meiner schwestern wieder, aber auch andere briefmarken, die mir nicht
vertraut sind.

am abend wird bottich geleert und ich trete meine weitere reise. inzwischen habe ich mich vom schreck des vormittages erholt und bin gespannt, was sich wohl als nächstes ereignen wird. meine neugierde ist zurückgekehrt und ich bin froh darüber.

gerne werde ich, wenn sich die gelegenheit ergibt, später über meine weiteren erlebnisse berichten.


Eingetragen am: 22.11.2008 von Enni
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20536

„Darf ich Sie einladen? Hallo! Nun kommen Sie schon! Es ist ein herrlicher Tag und Sie sollten ein wenig bei mir verweilen! Nein? Schade!“

Sehen Sie, so geht es mir immer häufiger. Früher hatten die Menschen mehr Zeit, so scheint es mir. Da hatte ich mehr Erfolg. Moment, bitte.

„Bitte, ich habe Platz für Sie an diesem wunderschönen sonnigen Tag. Ja, sehr schön, machen Sie es sich bequem!“

Wir müssen jetzt also etwas leiser sprechen. Ist es in Ordnung, wenn ich flüstere? Ja? Wunderbar.
Als Parkbank, wissen Sie, hat man so sein Tun. Es bedarf schon gewisser Überredungskünste, wenn man nicht vollends vereinsamen will. Und, ich sagen Ihnen, es ist eine Sucht. Ich brauche es. Mein Dasein hätte keinen Sinn. Ich kann nicht genug bekommen, obwohl ich bestimmt schon alles erlebt habe, was eine wie ich überhaupt erleben kann. Entschuldigen Sie!

„Oh, Sie müssen schon gehen? Na dann, vielen Dank und besuchen Sie mich bald wieder!“

Was ist mit Ihnen? Setzen Sie sich doch! Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Ja, fabelhaft!
Also, hören Sie. Mein erster Gast war Heinrich. Er kletterte auf mich, seine Mutter setzte sich neben ihn. Mit Ihrer Rechten umfasste sie den Fünfjährigen, der sich auf meine Lehne stemmte und wilde Sprünge vollführte. Mit der Linken wiegte die Mutter den Kinderwagen, in dem Heinrichs kleine Schwester schlief. Das war für mich nicht besonders aufregend, eher ärgerlich. Ich fürchtete, der Junge würde mir weitere Gäste vergraulen, mit seinen Schuhen auf meiner Sitzfläche.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin längst nicht mehr so empfindlich! Aber damals sah die Welt für mich noch anders aus. Und es war erst mein zweiter Tag als Parkbank.
Heinrich und seine Mutter blieben nicht lange. Jedenfalls an diesem Tag. Doch sie kamen immer wieder. Fast täglich in jenem Sommer. Mal hatten sie ein Frühstück dabei oder die Mutter las ihrem Jungen etwas vor.
Einmal, ich erinnere mich, hatte Heinrich sein Spielzeugauto bei mir liegen lassen. Am nächsten Tag kamen sie früher als sonst. Heinrich rannte auf mich zu, schaute unter mich und griff nach seinem Spielzeug. Glücklich legte er seine weiche Kinderwange an mein Holz und sagte: „Danke, dass du aufgepasst hast.“
Können Sie sich das vorstellen? Das war meine eigentliche Geburtsstunde.

Die Jahre vergingen. Es waren Jahre, die Krieg und Hunger mit sich brachten. Meine Gäste waren Witwen, Krüppel und traurige Kinder. Heinrich war dabei. Einmal hörte ich ihn einem anderen Jungen erzählten, sein Vater wäre nicht aus dem Krieg zurückgekehrt.
Heinrich wurde mein beständigster Gast, er kam jeden Tag. Sein Schulweg führte ihn an mir vorbei. Morgens hatte er fast nie Zeit, aber am Nachmittag setzte er sich immer ein Weilchen. Manchmal öffnete er seinen Lederranzen, holte seine kleine Schiefertafel heraus und schrieb darauf. Als er sechzehn war, versteckte er Zigaretten bei mir und eines Abends kam er mit einem Mädchen. Marion mit ihrem zu einem dicken Zopf geflochtenen braunen Haar war seine erste große Liebe. Und ich wurde ihr Treffpunkt, ihre Bank!
Das ist so ziemlich das Großartigste, was einer Parkbank passieren kann, wissen Sie. Ich war stolz. Und ich werde nie den Tag vergessen, an dem Heinrich mit einem Messer kam. Er ritzte ein Herz in mich und ihre Namen.
Danach kam er nur noch selten. Zwei Jahre war er nicht bei mir und ich hatte die Hoffnung aufgegeben, ihn je wieder zu sehen. In den eingeritzten Namen und dem Herz fand sich bereits Moos, da setzte sich an einem milden Herbsttag ein Mann. Ich hatte ihn erst nicht erkannt. Es war Heinrich! Lächelnd strich er mit den Fingern über die Herznarbe. Wochen später kamen sie zu dritt. Sie sprachen über ihre Kindertage und Marion stillte das Baby.
Heinrich stellte mich auch seinem zweiten, dritten und vierten Kind vor. Sie waren nicht so oft bei mir, wie damals er mit seiner Mutter, aber das machte nichts. Ich wusste, dass er immer wieder kommen würde.

Inzwischen ist Heinrich weit über siebzig. Marion kommt nicht mehr. Wenn Heinrich mich im Schutz der Dunkelheit besucht, weinte er. Einmal vertraute er mir an, dass er müde sei. Müde von den Anstrengungen des Lebens und er wünschte sich, hier bei mir sein Leben beenden zu können.
Wenn ich es recht überlege, auch ich bin in die Jahre gekommen. Ich habe keine Farbe mehr und ich fühle mich gebrechlich. Wind und Wetter haben mir zugesetzt. Auch ich bin müde und wäre es nicht ein gutes Ende für eine Parkbank, wenn sie mit ihrem treuesten Begleiter gemeinsam geht?

Schauen Sie, da drüben, steht er. Macht es ihnen etwas aus, zu gehen?
Mehr kann ich Ihnen ohnehin noch nicht erzählen. Doch wenn Sie wieder einmal Zeit haben, erzähle ich Ihnen wie es ausging.

Bis dahin, leben Sie wohl!


Eingetragen am: 19.11.2008 von luana
[ Lesezeichen ]

20412

Ich Ruhe mich endlich aus, aber wie lange noch?
Die Zeit scheint zu rennen und obwohl ich die ganze Nacht geschlafen habe, bin ich unruhig, unausgeschlafen wie gerädert.
Ich höre sie kommen,schon von draußen klingt die schrille Stimme bis in allen Räume.Ab und an Antwortet die dünne weinerliche Stimme.Wenn ich nur könnte würde ich mich verstecken.Schon Atme ich auf sie sind ruhig und hoffe noch lange.doch diese Ruhe währt nicht lange und die schrille Stimme wird noch schriller hysterisch fast und dann hört mann diese Dumpfe Geräusche und die Dünne Stimme weint und weint" Bitte Mama ich tues nicht mehr bitte bitte nicht schlagen"."Du Böses Böses Mädchen,
du ausgeburt des Teufels, Du Bastard wärst du nicht da ,wäre alles viel viel einfacher für mich.Warum nur bist du geboren.Geh in dein Zimmer ich möchte dich heute nicht mehr sehen.Ich bekomme Besuch und wehe du sagst das Du meine Tochter bist, dann schlag ich dich Tod."
Sie kommt leise weinend und setzt sich aufs Bett.Ich will mich doch nicht verstecken, sie braucht doch so viel Liebe, doch wer gibt ihr die?
Einmal in Jahr kommt ihre Oma und nimmt sie in den Arm und geht mit ihr spazieren auch mich hat sie von der Oma bekommen.Doch einmal im Jahr ist nicht genug doch ich weiß nicht warum sie nicht öfter kommt.Langsam beruhigt sie sich wieder und holt mich unters Bett hervor, dort wo sie mich am morgen hingeschmissen hatte.Die Mutter sieht es nicht gern wenn sie mich herumträgt.
Sie drückt mich an sich und für ein kurzem moment versuche ich ihr all die Liebe zu geben dessen sie benötigt.
Da ganz langsam verändert sich ihr Ausdruck und ich versuche auszuweichen doch das ist nicht möglich.Immer fester werden ihre Schläge immer wütender ihre Stimme
" Du Bastard, wer weiß wer dein Vater war , du hast mir mein leben kaputtgemacht" bald kann man auch ihre Worte nicht mehr verstehen.
Sie schleudert mich an der Wand, tritt auf mich drauf.Gut das ich so robust bin und kann so einiges vertragen,mir fehlt zwar ein Auge und meine Haare weiß ich schon gar nicht mehr wie sie waren und meine Kleider, besser nicht davon sprechen.Doch mein Körper ist wohl aus einem spezial Gummi gemacht vielleicht hat man sowas bedacht als man mich herstellte.
Langsam kommt sie zur Ruhe sie hat keine Kraft mehr,schläft erschöpft neben mir ein und auch ich bin erschöpft, na ja nicht das ich schmerzen empfinden kann, doch ich hab sowas wie eine Seele und dieses hin und her nimmt mich schon ganz mit.Jetzt versuche ich neben ihr auch solange wieder Atem zu schöpfen bis die nächste Attacke kommt,vielleicht haben wir heute Ruhe falls der besuch sich als nett entpupt.


Eingetragen am: 18.11.2008 von mac
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20369

Früher drehte sich alles um Schönheit, Eleganz und Stil. Ich genügte höchsten Ansprüchen. Wie war ich doch gepflegt und ich muß gestehen, auch ziemlich selbstverliebt. Ein kostbares Museumsstück, kaum beschritten, das den Salon und alle darin befindlichen Dinge aufwertete, als Ausdruck höchsten Lebensstils.

Die Tage verrannen, ich war stolz auf mich und sehr zufrieden mit mir und meiner distinguierten Umgebung. Obgleich wenig beansprucht wurde ich täglich von einer Dame in Uniform gepflegt, nein regelrecht liebkost und gebauchpinselt.

Ach, ich sage ihnen, das waren Zeiten. Doch von einem Tag auf den anderen hat sich mein Dasein komplett verändert. Sich können sich gar nicht ausmalen, was mir heute täglich wiederfährt. In den langen, gepflegten Tagen meiner Salonzeit, nicht in den kühnsten Tagträumen hätte ich mir so ein Leben vorstellen können.

Meinen heutigen Platz habe ich in einem - naja - Wohzimmer. Der Parkettboden wäre ohne mich zu kalt. Keine Rede mehr vom Zusammenspiel mit den Louis Quinze Möbeln. Anfangs war es sehr hart für mich. Umstellungen von so fundamentaler Art in meinem Alter - sie wissen schon.

Natürlich, ich bin dafür gemacht, dass man auf mir herumtrampelt und mich übergeht. Doch finde ich,´alles hat seine Grenzen. Ich habe gelernt, die tollenden, laufenden, mit Bausteinen werfenden Kinder gleichmütig zu ertragen.

Aber diese Hundehaare versauen, pardon, verunreinigen mich täglich. Und bevor sich dieses unsensible Vieh auf mich draufwirft, um ein Nickerchen zu halten, kratzt es mit den Vorderpfoten auf mir herum, als wolle es ein Loch in mich reißen. Früher ebenso unvorstellbar ist mit heutiger zeitweiliger Faltenwurf, bei Gelegenheit werde ich wieder glatt ausgerichtet.
Der in unregelmäßigen Abständen zur Anwendung kommende Staubsauger ist überdies ein roher Geselle, die Behandlung kann man getrost als Roßkur bezeichnen, von Wellness keine Spur.

Doch ich will sie mit meiner Litanei nicht weiter langweilen. Eine Sache gibt es da allerdings noch. Ich kann es kaum aussprechen, ohne dass sich mir alle Fransen aufstellen. Als ich auf meinem jetzigen Liegeplatz noch ganz neu war, wie sage ich es, waren meine Besitzer bis über beide Ohren ineinander verliebt. Nie konnten sie voneinander lassen. Ich sage es ganz schnell. Sex. Ups. Ganz wunderbar war das. Doch mit den Jahren und den Kindern...


Kommentar von Enni

Mir gefällt die Geschichte von deinem Teppich. Das Durchhalten der eingebildeten, sich zierenden Art des Teppichs war sicher besonders schwierig. Ist dir aber gut gelungen. Und eine gewisse Komik kann man ihm auch nicht absprechen. Ist genau mein Geschmack.

Eingetragen am: 21.11.2008

Eingetragen am: 13.11.2008 von chrissie
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20235

So wohlig warm ist mir. Das ist es nicht mehr oft. Seit dieses kleine Monster da ist.
Früher war das anders. Dann schüttete die Frau mit dem fettigen Haar Kaffee in mich hinein. Sie trug mich im ganzen Haus herum. Stellte mich mal hier, mal dort ab. Langsam leerte sie mich. Dann wurde ich wieder in die Küche gebracht. Aus einer riesigen Thermoskanne wurde erneut heiß in mich gegossen. Sie trug mich weiter herum. Stellte mich ab.
Manchmal kam jemand zu Besuch. Dann gesellte sich einer meiner Brüder oder Schwestern zu mir. Das war schön. Ich war dann durchgängig warm gefüllt. Vor allem ersparte sie mir das ständige hin und her.
Aber jetzt? Meist werde ich nur noch morgens aus meinem Schrank heraus genommen. Das genieße ich dann für einen Moment, so wie jetzt.
„Hei… hei… hei…“ höre ich jemanden rufen und erstarre förmlich. Nein, nicht das Monster. Er ist schuld, dass sie mich nicht mehr so oft füllt. Zu dem Mann, den ich nur am Wochenende sehe, sagt sie, sie habe kaum noch Zeit einen Kaffee zu trinken. Zu ihrer Freundin sagt sie, es sei zu gefährlich, mich in Reichweite des kleinen Monsters zu stellen. Was soll denn schon passieren? Wenn sie mich schön heiß füllt, verbrennt sich das Monster die Finger.
Dann ist es nicht mehr gefährlich – für mich.


Eingetragen am: 20.10.2008 von Jasmin
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19457

Ich möchte gerne ein bisschen von meiner Arbeit erzählen. Sie ist ganz einfach, aber immer wieder eindrücklich. Zu Beginn meiner Arbeitszeit, die sehr unregelmässig ist, werde ich von meinem zweiten Ich getrennt und werde an meinen Energiezentren herumgedrückt. Meine Arbeit besteht nun darin, die Hinweise die ich durch diese Energiezentren erhalte, in der richtigen Reihenfolge und auf telepathischem Weg, meinem zweiten Ich zu übermitteln. Auf telepathischem Weg deshalb, weil wir nicht durch ein Energieseil verbunden sind, so wie früher unsere Vorfahren. Da haben wir es heute bedeutend schöner, denn wir sind inzwischen unabhängiger geworden.

Unsere Vorfahren hatten damals wirklich ein komplizierteres und langweiligeres Leben. Diese Zeiten sind nun vorbei. Unsere zwei Ichs kooperieren wahrhaftig genial zusammen, es gibt nichts Schöneres. Zurück zu meiner Arbeit; sobald mein zweites Ich meine Hinweise durch den telepathischen Vorgang erhält, arbeitet es solange, bis sich ihr Kanal öffnet. Gleichzeitig, wie bei meinem zweiten Ich, öffnet sich auch mein Kanal. Was dann geschieht ist einfach phänomenal! Wir können Stimmen wahrnehmen! Ich möchte jetzt nicht näher darauf eingehen, denn diese Stimmen sollen geheim bleiben. Es ergeben sich auch Situationen, in denen sich die Kanäle nicht öffnen lassen und somit melden sich auch keine Stimmen. Wenn dies eintrifft, kann es sein, dass wir eine kurze Zeit später den Kontakt zu den Stimmen nochmals versuchen müssen aufzubauen.

Unsere Vorfahren konnten natürlich auch den Kanal öffnen und Stimmen hören, doch weil ihre zwei Ichs durch das Energieseil aneinander gebunden waren, konnten sie keine andere Umgebung wahrnehmen. Unsere Generation geht es da schon viel besser, wir können verschiedene Räume wahrnehmen, je nachdem ob wir gerade in der näheren Umgebung gebraucht werden. Manchmal darf ich sogar an die frische Luft und im Schatten verweilen. Abwechslungsreich haben es unsere Kinder, die noch vielfältiger arbeiten, sie werden an allen möglichen Orten gebraucht. Doch meistens nehmen wir die interessanteren Stimmen über unsere Kanäle wahr.

Da ich nicht ohne mein zweites Ich überleben kann, werde ich glücklicherweise immer wieder mit ihm vereint. Das ist jeweils ein unheimlich gutes Gefühl, dann kann ich mich so richtig erholen und neue Kraft tanken.


Eingetragen am: 18.10.2008 von Natascha Batic
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19408

VERSION 2 ein paar kleine Änderungen:
Hallo Leute, jetzt ist es soweit: nie hätte ich es gedacht aber nun tue ich es doch - mich erleichtern. Seelisch gespochen. Nicht körpertechnisch. Stellt Euch vor: Vor zwei Monaten wurde beschlossen, ich sollte das einzig offiziell authorisierte Sprachrohr unserer Firma werden: eine "Gesandte des Vorstands, im Dienste für die Mitarbeiter".
Zuerst hab ich verweigert. Dann haben sie mich bearbeitet und als Good-news-Kurier gelauncht. (ich war von anfang an skeptisch!) Richtig auf Touren gekommen bin ich davon auch nicht.
Dann haben sie mir Interaktivität verpasst. Obwohl ich lieber passiv bliebe.
Jetzt bin ich zugänglich auf den ersten Klick. Alle Mitarbeiter glotzen, aber keiner meldet sich zu Wort.
Man hat mir versichert, ich würde mich schon daran gewöhnen. Bald würde man sich im Haus an mich wenden und gespannt auf Neuigkeiten von mir warten. Ich würde Enthusiasmus entfachen und Teamgeist herbeirufen.
Und dann hat sich die Statistik auf mich gestürzt. Hat mich mit "Facts" belagert. Hat gesagt, es sei zum Halbjahresverbrauch 2009. "Verbrauch wo von?" hab ich gefragt. "Bewirtung", hat sie streng gesagt. Sparmaßnahmen auch dafür. Rationierung für den Treibstoff aller Meetings in unserem Unternehmen: 8.700 kg Kaffee, 14.103 Liter Milch und Maresi; 1.870 kg Zucker. Dazu noch 90.450 Liter Mineralwasser - ergibt die gesamte Menge an lebenserhaltenden Bürosubstanzen für 6 Monate hat sie triumphierend zusammengefasst. Was blieb mir anderes übrig als Platz für diese Wichtigtuerin zu schaffen. Das schlimmste aber war, das ICH den Mitarbeitern sagen musste, "es sei notwendig "die Anzahl und den Umfang der Bestellungen wesentlich zu reduzieren". Appelliern mussti ich an alle Kostenstellenverantwortlichen: Ab nun 8 € pro Mitarbeiter, pro Jahr für Bewirtung, MAXIMAL!
Was soll ich sagen ...Ich wurde zugepostet. Ich war unten durch. Nicht mal mein neues Styling hat mir geholfen! (Was hab ich nicht alles über mich ergehen lassen um optisch zu gefallen!) Ich bin verzweifelt. Nächste Woche muss ich weitere Einsparungsziele melden: Lohnkürzungen!
Ich werde gestürmt werden und habe jetzt schon Ausfallerscheinungen ... Wer,liebe Community,steht mir zur Seite?
Eure Intra (gebürtige Nett)


Eingetragen am: 05.10.2008 von Pel
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18929

Ihr Mann mochte mich nicht.
Das wurde mir schnell klar. Er wollte das Bett nur mit ihr teilen.
Sie sollte auf ihn sehnsüchtig warten. Allein, ohne Buch oder sonst eine Ablenkung.
Und es war wichtig, dass ihre Arme nackt waren, ihre Haut seidig und ihre Hände um ihn bemüht, um seine Sehnsüchte.
Sie wollte nicht mehr mit ihm schlafen.
„Dann hör doch einfach auf zu arbeiten“, sagte er und in seinen fürsorglichen Ton mischte sich etwas Angespanntes. „Bald bist du sowieso nur noch zu Hause.“ Und etwas neidisch sah ich, wie er zärtlich über den sich mittlerweile schon stärker wölbenden Bauch strich.
Sie versteckte mich unter dem Bett, in der großen Schublade, wo es staubig war, seitdem sie sich nicht mehr so gut bücken konnte, manchmal stopfte sie mich auch zwischen das Bettzeug, unter die Bergen von Kissen und Decken, in die sie sich jetzt abends kuschelte. Hatte sie denn keine Angst, dass mir das schaden konnte, dass sich mein Innenleben dabei verbiegen konnte? Ein nicht wider gut zumachender Schaden dabei entstand?
Ich wollte beleidigt sein, einfach so abgeschoben werden. Dabei leistete ich ihr doch auf ärztlichem Rat Gesellschaft.
Ihr Mann machte sich sogar über meine Farben lustig. Dabei war die Kombination aus blau, grau auf jeden Fall besser als die komischen Muster auf seinen Bürokrawatten. Ingo, so hieß ihr Mann, war ohnehin ein unsensibler Klotz, nur mit seiner Karriere beschäftigt, der vergaß sich morgens die Schuppen vom Anzug zu klopfen und dessen Mund so selten eine Zahnbürste sah, dass sich schon die Zahnarzthelferin über den Steinbruch amüsierte. Sie mochte ihn nicht mehr küssen und ihm schien es egal.

Für ihn war nur wichtig, dass er sich entspannen konnte vor einem wichtigen Meeting. „Sei lieb“, sagte er zu ihr, einmal wälzte er sich so schnell auf sie, dass ich nicht schnell genug zur Seite rutschen konnte und ich ihm ungewollt in die Quere kam. Voller Wut hielt er inne, schaute seine Frau mit nicht gerade liebevollen Augen an.
„Nun leg das verdammte Ding weg“, zischte er und fing an, an mir herumzumachen.
„Das ist kein Ding“, hörte ich sie mich verteidigen. „Das ist eine Orthese und ich brauche sie, damit mein Arm wieder gesund wird.“ „Ich möchte keine behinderte Frau neben mir haben“, versuchte er das letzte Wort zu behalten und schmollend wälzte er sich auf seine Seite. Während er bald vor sich hinschnarchte, benetzten ihre Tränen mich, saugten sich in den plüschigen Schaumstoff, aber ich ließ sie gewähren und war froh, dass ich sie etwas trösten konnte.


Eingetragen am: 27.09.2008 von Michele
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18482

Ich bekomme jetzt schon Angst, denn gleich kommt sie wieder und starrt sich an! Dabei kommt Ihre Nase immer dichter und manchmal hat sie richtig heftigen Mundgeruch und haucht mich zusätzlich an, aber am schlimmsten ist, wenn sie beginnt sich im Gesicht abzutasten und dann noch was findet! Ist das der Fall nimmt sie ihre schmierigen Finger und fuchtelt in ihrem Gesicht rum! Irgendwann nimmt sie daraufhin ihre Zeigefinger und einen dieser Hügel dazwischen. Dann fängt sie wild an zu drücken und mit viel Glück platzt die Stelle nur, aber wenn ich Pech habe, spritzt es mich an. Grrrr.


Eingetragen am: 24.09.2008 von Wiebke Rosenthal
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18241

Fotoalbum

Ich hatte schon einige Zeit im Regal gestanden, als mich eine junge Frau herauszog, prüfend mit der Hand über meinen Einband fuhr, blätterte und nach dem Preis schaute. Sie schien mit mir zufrieden zu sein, denn sie trug mich zur Kasse und bezahlte. Dann steckte sie mich in eine braune Einkaufstasche, die aber so klein war, dass ich oben hinausschauen konnte. Die junge Frau lief mit mir noch eine ganze Zeit durch die Läden und langsam wurde es eng in der Tasche. Ein Paar Socken, Unterwäsche und eine Kaffeemühle waren dazugekommen. Die junge Frau achtete sorgfältig darauf, dass ich von weichen Stoffen umgeben war und mein blauer Einband nicht zu Schaden kam.

Im Bus nahm sie mich in ihrer Tasche auf den Schoß und wir rüttelten vorbei an mehr-geschossigen Häusern, an zerbombten Häusern, dann an Mietshäusern für Arbeitern bis wir schließlich in einen Ort mit freien Feldern und neu erbauten Häusern kamen. In eines dieser Häuser brachte mich meine neue Besitzerin und legte mich in ihren dunklen Wohnzimmerschrank, wo ich erst einmal einige Tage ruhte. Am Sonntag dann holte die junge Frau mich heraus und klebte ihre Hochzeitsbilder hinein.

Später folgten Fotos aus früheren Jahren, die sie geschenkt bekommen hatte. Dann kamen weitere Hochzeitsbilder von Verwandten. Es folgten Bilder von Freundinnen und Freunden, schließlich Kinderbilder. In der Woche ruhte ich immer in dem Schrank. Am Sonntag wurde ich vorsichtig herausgeholt. Meine Bilder wurden angeschaut. Der junge Mann weinte, wenn er das Foto, auf dem sein verstorbener Vater zu sehen war, anschaute. Er weinte auch, wenn er die Wellblechhütte, in der er mit seiner Familie nach dem Krieg wohnte, betrachtete.

Als die Kinder klein waren, durften sie mich nicht anfassen. Die junge Frau, die nun Mutter war, blätterte die Seiten um und die Kinder durften darauf schauen. Nun nahm ich Bilder vom Häuserbauen und Ausflügen auf. Waren alle Fotos zunächst in edlen Grautönen gehalten, so kamen nun farbige dazu. Meine Welt wurde bunter und lockerer. Als die Kinder älter wurden, nahmen sie mich nicht nur in die Hand. Die Mutter erlaubte sogar, dass sie vorsichtig Fotos entnahmen. Sie setzte dann an den gleichen Stellen andere Bilder ein, so dass ich immer noch schön aussah. Ich bekam jetzt Bilder von Autos und Urlaubsreisen, aber auch von Beerdigungen.

Dann kam eine Zeit, in der ich immer länger im Schrank lag. Nur gelegentlich holten mich der Mann und die Frau, die nun nicht mehr so jung waren hervor und zeigten mich Verwandten und Freunden. Manche hatten wohl wenig Achtung vor mir, denn sie zerrten Fotos aus mir heraus und beschädigten die Oberfläche meiner Blätter. Zwar versprachen sie die Fotos zurückzugeben. Aber die vielen hässlichen Lücken zeigen, dass sie ihre Versprechen oft nicht einhielten.

Schließlich schien das Interesse an mir verloren gegangen zu sein. Jahrelang lag ich nun im Schrank. Erst nach endlos langer Zeit wurde ich wieder hervorgeholt. Wieder packte mich eine Frau in eine Tasche. Sie kannte mich gut, denn sie war eines der Kinder gewesen, die mich angeschaut und mir später mit und ohne Zustimmung der Mutter Bilder entnommen hatten. Sie packte mich aber nicht in ihre eigene Tasche sondern in die des inzwischen alten Mannes. Sie wusste schon, warum sie es tat. Sein ganzes Leben steckte in mir.

Ich kam auf meine zweite Reise, obwohl ich doch auch schon alt und etwas gebrechlich war. Diesmal war die Tasche zwar viel größer aber so voll, dass ich wieder hinausblicken konnte. Die Tasche mit mir wurde auf dem Rücksitz eines Autos abgestellt. In dem Abfahrtsort waren nun überall Häuser. Ruinen gab es nicht mehr. Das Auto sauste viel schneller als der Bus. Die Fahrt dauerte sehr lange.

Aber sie hatte sich gelohnt. Seit einiger Zeit fand ich wieder Beachtung. Die nun erwachsenen Kinder und ihre Ehemänner schauten mich an. Ich bekam auch neue Bilder, sogar solche, die von einem Kind gemalt worden waren, aber auch weitere bunte Fotos. Der alte Mann blätterte wieder in meinen Seiten und zeigte mich seinen Enkelkindern. Wenn er das Bild seines verstorbenen Vaters und die alte Wellblechhütte sah, weinte er immer noch. Aber meist freute er sich, mit meiner Hilfe aus seinem Leben erzählen zu können und dann lachte der mürrische Alte sogar.

Diese schöne Zeit dauerte aber nicht sehr lange. Wieder liege ich fast immer im Schrank. Der alte Mann ist nicht mehr da. Und die Frau, die aus dem Schrank immer nur Akten holt, hat ihre Fotos im Computer. Was soll denn dieser Unsinn? Da sind die Fotos doch nicht wirklich vorhanden. Wenn der Computer kaputt geht, sind sie weg.
Aber daran denken die Leute heute nicht. Und wenn sie es tun, kaufen sie sich nur einen neuen Tonträger, der auch nach einiger Zeit nicht mehr lesbar ist. Mir vertraut niemand mehr seine Bilder an. Meine Zeit ist vorbei.


Eingetragen am: 24.09.2008 von Neyhla Melchior
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18231

Ich liege weich und warm auf diesem Kissen mit den Schleifchen und neben mir: meinem Partner. Mein Partner sieht etwas weniger schön aus wie ich. Das liegt daran, dass er keinen Funkelstein trägt wie ich. Aber das ist mein Job, dafür bin ich auch kleiner.

Im Moment werden wir auf einem Kissen getragen und nun auf dem Altar abgelegt. Es ist ganz still in der Kirche, jemand räuspert sich und der Pfarrer hat eine schöne Stimme wie er so spricht von Gott und der Liebe.

Meine zukünftige Trägerin sieht heute wunderschön aus, schöner noch als sie mich ausgesucht hat im Juwelier vor einem halben Jahr. Solange lag ich im Dunkeln in dem kleinen Kästchen. Es war düster und benängstigend. Ich fürchtete gar, sie würden doch nicht mehr heiraten und ich würde in der Schublade vergessen. Dann hätte ich weiter zanken müssen mit der Brautpaar-Tortenfigur die neben mir lagerte und die ganzen Monate jeden Tag aufs neue dämlich grinste. Schrecklich.

In den Augen meiner zukünftigen Trägerin blitzt es. Jetzt bloß nicht das schöne weiße Kleid versauen Madame. Das soll doch unsere Hochzeit werden und ich bin hier der Star! Ich fühle mich unglaublich wichtig momentan - was für ein gutes Gefühl.

Ich hoffe bloß sie trägt mich nicht auch wenn sie die Toilette schrubbt. Furchtbare Sachen hört man ja im Juwelier... Manche haben sogar schonmal ihren Stein verlorgen. Oh Schreck! Wie furchtbar wäre das nur. Ein fremder neuer kalter Stein ist sicher wie ein neues Organ. Nein!

Naaahhh, nicht stolpern kleiner Nando! Eine absolut dämliche Erfindung dass der Ringträger in der Kirche immer ein kleines Kind sein soll. Dabei sind wir mit das Teuerste, was heute eine Rolle spielt! Da bekommt man ja Angst wie der Kleine das Kissen schüttelt und wackelt.. ahhh! Wenn er uns fallen lässt ist alles verloren. Ich werde davon kullern in irgendeine Ecke, bestimmt dorthin wo keiner je gesaugt hat, wo Haare und Staub liegen und eine tote Spinne - igitt! Lass mich bloß nicht fallen, ich warn Dich.

Dabei bin ich so viel mehr als nur ein Schmuckstück!! Ja, ich bin sehr stolz, denn ich bin Schmuck und Angeberei, ich bin Wert und Symbol und zwar für etwas Wichtiges: Symbol für Liebe und Unendlichkeit... ein Ring bin ich ja. Und wenn ich verloren gehen sollte in den nächsten Jahren, wäre dies ein schlechtes Zeichen für das gemeinsame Leben meiner neuen Besitzerin mit ihrem Bräutigam. Deshalb wird sie gut auf mich aufpassen, ja... Der Gedanke entspannt mich sehr.

Oh, oh.... das Kissen wird angehoben und jetzt - das fühlt sich das gut an und es kitzelt, hahaha, wie das Bändchen an dem wir auf dem Kissen festgemacht sind an meiner blanken Goldoberfläche vorbeigleitet.
Der große Moment ist da. Er nimmt mich sanft in seine Hand und streift mich über ihren weichen warmen Finger. Was für ein Gefühl. Ich fange an zu glänzen und zu blinken durch die Wärme ihres Körpers. Endlich habe ich MEINEN Finger gefunden....


Eingetragen am: 14.09.2008 von Yvonne
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17781

Lange Zeit hing ich im Wohnzimmer über dem Sofa. Fast zwei Jahrzehnte lang. Und dann wurde ich abgehängt und auf den Dachdoben gestellt. Es hatte Streit zwischen zweier menschen gegeben, wegen mir.
"Bitte, häng es nicht ab. Es hat so eine wundervolle Ausstrahlung. Es gehört einfach hierhin.", hatte er zu seiner Frau gesagt.
"Nein, es hängt schon so lange dort. Ich kann es nicht mehr sehen.", antwortete sie und brachte mich nach oben. Hätte ich mit ihr sprechen können, hätte sie mich nicht hier oben abgestellt, aber so war es jetzt.
Staub lag auf all meinen Farben, die mich zu einem Kunstwerk machten. Picasso hatte mich erschaffen und mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Ein Bild in schillernden Farben, prächtig und eindrucksvoll.
Ich hörte Schritte und die Tür ging auf. Der Mann kam auf mich zu und hielt mich hoch. Ein lächeln lab auf seinen Lippen. Vorsictig strich er mit einem Staubtuch über mein "Gesicht" und entfernte den Staub, der mich bedeckte.
"Bald wirst du wieder einen Platz haben, an dem dich alle bewundern können!"
Drei Tage später hing ich in seinem Büro. Und jedesmal, wenn die Tür auf ging lächelten die Menschen, denn meine Farben zeigten ein Mädchen und einen Jungen, beide froh und munter, mit einem kleinen Welpen.
Ich hatte einen Platz bekommen, an dem Leute mich bewundern konnten, wofür ich schließlich geschaffen wurde und dafür war ich ihm dankbar.


Eingetragen am: 13.09.2008 von Anita Decker
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17701

Ich wusste ja, dass ich nicht die Schönste bin, aber hier, an diesem meinen Platz war ich noch nie damit so konfrontiert. Dass ich aus purem Gold bin reichte mir. Es machte mich stolz. Es stellte mich zufrieden. Meine Schlichtheit sah ich eher als Vorteil. Schnörkel und Glitther machen nur alt, kommen aus der Mode. Meine Nützlichkeit gaben mir Sicherheit. Zuverlässig habe ich alles zusammen gehalten. Ich ging nie verloren. Wie war ich froh ein Schmuck sein zu dürfen!

Ich ahnte ja, es gibt Schönere als mich, aber ich dachte nie, dass es mich so schmerzt. Selbst blankpoliert und mit Diamanten bestückt, reichte ich nie an sie heran, an das neue Schmuckstück an meiner Seite. Dass ich überhaupt noch hier sein darf. Gehöre ich nicht einfach zum Altgold geworfen?

Wer hat sie nur so vollendet geformt? Wer kam auf die Idee sie dort zu verdrehen, den Stein so zu fassen? Da matt- und dort blankpoliert, das gibt Spannung und Grazie! Sie ist so zum Sterben schön. Sie ist Kunst! Gegen sie habe ich keine Chance.

Ich bin noch dieselbe, doch zu anderem Zweck. Für den Alltag, für den die Schönere zu schade ist. Ich, ohne die diese Andere nicht die Schönere sein könnte.


Eingetragen am: 09.09.2008 von Elsie Eye
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17506

Jeden Morgen sehe ich diese junge hübsche Frau ins Haus kommen. Manchmal schaut sie mich an und lächelt, als würde sie mich erkennen, ich meine, mehr in mir sehen, als nur diesen steinernen Balkonträger am Eingang des Kaiserin-Friedrich-Hauses. Immerhin halte ich nun schon genau einhundert Jahre lang diesen Balkon. Das ist eine lange Zeit, das kann ich wohl sagen!

Die junge Frau erinnert mich ein wenig an die Frau, zu deren Ehren das Haus einst aus Spenden der Berliner Bürger gebaut wurde: Prinzessin Victoria, genannt Kaiserin Friedrich und Mutter des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II.. Aufgeschlossen der Wissenschaft und insbesondere der Medizin gegenüber, unterstützte die Kaiserin viele junge Naturwissenschaftler und medizinische Talente des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Wer wie die junge Frau von heute in dieser Stätte der ärztlichen Fortbildung arbeitet, ist sicher auch sehr aufgeschlossen und wissbegierig. Fast als Letzte geht sie jeden Abend beladen mit Post kurz zum Briefkasten über die Straße, um sich anschließend aufmunternd vom Nachtpförtner zu verabschieden. So sehe ich sie nun schon seit fünf Jahren ein- und ausgehen.

Aber einmal, da passierte etwas Besonderes. Mitten am Tage, außerhalb der gewohnten Zeiten, trat die Frau aus dem Haus vor das Tor. In der Hand hielt sie etwas, was ich zuerst nicht genau ausmachen konnte. Plötzlich drehte sie sich direkt zu mir um und sah mir genau ins Gesicht. Jetzt konnte ich erkennen, was sie in der Hand hielt, es war eine Kamera. Und tatsächlich, sie fing an, mich zu fotografieren! Und das von allen Seiten! Ich gab mir redlich Mühe, mein in Stein gemeißeltes Gesicht schön und freundlich aussehen zu lassen.
“Du schleppst immer so schwer“, raunte sie mir zu.

Und ob, freute ich mich über diese ungewohnte Aufmerksamkeit.
Für dich mach ich’s gern.


Eingetragen am: 30.08.2008 von Karin-Elisa
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17003

Gut ganz Gegenständlich ist „ES“ nicht, aber mir wollte dazu nichts anderes einfallen…

Ich bin ganz klein und fest verankert. Es ist ein schöner Tag, die ersten Sonnenstrahlen erreichen mich. Ich bin nicht alleine, neben mir und um mich sind ganz viele Geschwister, wir stehen dicht bei dicht.
Oh ein Wind kommt auf, er pustet über uns, wie wird mir, ach was für ein Gefühl, ich fliege, ich kann fliegen- wie schön, so leicht, es ist herrlich!
Zwar losgerissen von meiner Familie, aber so wunderbar leicht schwebe ich dahin. Einige meiner Geschwister fliegen auch, ich kann sie sehen, ach Wind, trag mich weit fort über diese Wiese.
Der Wind lässt leider schon nach, ich drehe mich und langsam schwebe ich an meinem zarten Schirm zur Erde zurück.
Ich lande an einem Zaun, zwischen vielen Kleeblumen, vorsichtig bohre ich meinen Fuß in die Erde, ja, hier gefällt es mir, hier möchte ich bleiben. Ein leichter Regen fällt, ich hatte die Wolken gar nicht bemerkt, durstig von meinem Flug und dem Bohren in der Erde trinke ich das frische Regenwasser. Ah, welche Wohltat, vorsichtig strecke ich kleine zarte Wurzeln aus, werde immer dicker, bis meine kleine Schale bricht. Es ist so schön, nun ruhig hier zu stehen und zu wachsen, das macht mir richtig Spaß. Schon nach zwei Wochen bin ich eine richtig erwachsene Löwenzahnblume, ich bin so stolz, meine sonnengelbe Blüte lockt Bienen an, die von meinem Nektar naschen.
Ich bin groß geworden und sehe, dass jenseits des Zaunes auch meinesgleichen stehen. Sie schauen aber arrogant zu mir und eine ruft: Pah, Du bist ja nur ein Mauerblümchen, dich beachtet ja niemand, aber wenn die Leute, die diesen Garten haben, aus dem Urlaub kommen, werden sie uns bewundern, und du bist ihnen egal! Du wächst ja jenseits des Zaunes.
Ich wende mein hübsches Köpfchen, diese Worte sind nicht nett, aber was soll`s, schon bald werde ich Kinderchen haben, aber zu ihnen war noch keine Biene geflogen.
Jetzt kommen die Besitzer des Gartens zurück, der Mann sagt: Ich werde Rasen mähen, da hat sich ja Unkraut breit gemacht. Er kommt mit einem stinkenden lauten Gegenstand und führt ihn über den Rasen, und voller Entsetzen sehe ich, wie meine Artgenossen enthauptet werden, nichts bleibt mehr von ihnen, nichts, und Kinder haben sie auch keine bekommen.
Es hat also auch was Gutes, nur ein Mauerblümchen zu sein, ich werde hier nicht beachtet, und das ist auch gut so!


Eingetragen am: 24.08.2008 von melly
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16601

Ein Windzug strich durch den offenen, mit grauem Marmor verkleideten Kamin. Einige Aschepartikel wirbelten durch den Raum und vielen lautlos auf die schwarze gusseiserne Platte, die die rotbraunen Dielen vor Brandflecken schützen sollte. Ein stickiger modriger Geruch stand in der alten Bibliothek.
Ein kauf hörbares Seufzen kam aus einer dunklen Ecke des Raumes. Krück war versunken in seine Träume. Er sah sich in der Hand des alten Grafen Dachstein über den weißen Kies des Parks beim abendlichen Spaziergang. Er fühlte noch immer, die warme feste Hand die ihn umschloss. Die Ausflüge durch Felder und Wiesen, das fröhliche Pfeifen des Mannes, mit dem er so viele gute Jahre verbracht hatte. Auf den langen Reisen in ferne Städte und Länder, war er stets an seiner Seite; man konnte sagen, sie waren Freunde gewesen.
Durch die von der Decke bis zum Boden reichenden samtenen Vorhänge hörte er, wie aus weiter Ferne, Vogelgesang und das Bellen eines Hundes.
Trauer überkam ihn, er fühlte sich so überflüssig, ihn benötigte schon lange niemand mehr.
Ein Rascheln ließ ihn zusammen zucken, vor ihm saß eine kleine silbergraue Maus, ihre Barthaare zitterten. Sie stellte sich auf ihre kurzen Hinterbeine und sah ihn mit ihren Knopfaugen an.
"Was jammerst du Krück?" piepste sie. "Du hast doch die große Welt schon gesehen, hast viel erlebt."
"Ach Pütz, ich vermisse den Grafen so sehr, nie ging er ohne mich aus dem Haus krächzte er klagend, und er erzählte zum einhundersten Male seine Geschichte.
Wie sein Herr der Graf ihn unter mindestens 30 anderen Handstöcken aussuchte. Sein festes hellbraunes Holz und die kunstvollen Schnitzereien bewunderte und ihn schließlich mit nach Hause nahm. Von da an, waren sie unzertrennlich; bis zu jenem Tag, an dem er vergessen in der Nische neben dem Kamin stehen gelassen wurde. Eines Abends, war der Graf in seinem bunt karierten Ohrensessel eingeschlafen und aus seinen Träumen nicht zurückgekehrt.

Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen, Pieps verschwand eiligst. Der große braune Flügel der alten Eichentür wurde langsam aufgeschoben. Im Lichtkegel, der den Raum erhellte, stand ein junges Mädchen. Auf ihren Haaren tanzten Sonnenstrahlen. Sie trat in das Zimmer und nieste einige Male, dann rief sie mit heller Stimme:" Puh, was ist das hier für ein Mief?" Sie lief zum Fenster und zog die dicken Vorhänge mit einem schnellen Griff beiseite und öffnete den Fensterflügel.
Ein Duft von Flieder, Jasmin und frischem Gras erfüllte die alte Bibliothek, es war wieder Frühling geworden. Neugierig spazierte sie duch den Raum, erblickte Krück in seiner Ecke, nahm ihn in ihre kleine feste Hand und sagte:"Ich glaube, jetzt gehörst du mir!"


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