(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 21 mit Übungsaufgabe

21.05.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 17.12.2008 von Enni
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21340

Sich den Daumen zu brechen, ist eine schwierige Angelegenheit. Der Bruch einer Rippe, eines Beines oder Armes – eine Kleinigkeit dagegen. Da ließe sich etwas finden. Mit einem einfachen Stolpern auf der Kellertreppe wäre es möglich. Selbst das Schlüsselbein hatte sie sich bei einem Fahrradsturz schon gebrochen. Aber den Daumen? Wobei kann das schon passieren? Sollte sie sich wirklich die Blöße geben, an einem Sommerabend am Strand den Korkenzieher vergessen zu haben und nun gezwungen zu sein, den Korken in die Flasche zu schieben und sich dabei den Daumen zu brechen? Oder würde es im Streit mit Frederic passieren – hätte sie ihre Hand in der zuschlagenden Tür?
Bei einer Handgreiflichkeit mit einem Betrunkenen würde vermutlich eher die Nase zu Bruch gehen, als der Daumen. Sport kommt auch nicht in Frage, Constanze treibt keinen Sport, doch sie ist keinesfalls ungeschickt. Daher ist es auch unmöglich, dass sie mit ihrer Hand in einem Getränkeautomaten stecken bleibt. Ausgeschlossen sind Variationen von Unfällen bei der Hausarbeit oder im Garten ebenso wie Missgeschicke an Auto-, Fahrstuhl- oder Drehtüren.
Wenn wir es logisch betrachten, ist der Daumen in Bau und Funktion vergleichbar mit der großen Zehe. Die sich zu brechen, ist allerdings erheblich einfacher. Sofort fallen einem umstürzende Möbel oder ein kräftiger Stoß gegen einen Stein beim Bahrfußlaufen ein. Der Daumen macht da nicht mit.
Klassisch wäre ein Schlag mit dem Hammer beim Aufhängen von Bildern. Nur leider macht Constanze dies mit Bohrmaschine und Dübel.
Nun sitzt sie am Computer und denkt darüber nach, wie sie sich den Daumen brechen könnte, denn die elfte Übungsaufgabe beim Schreiben eines Romans in einem Jahr verlangt danach. Es ist schon nach Mitternacht, als sie den Rechner herunterfährt. Die inzwischen leere Weinflasche hatte sie mit dem Korkenzieher geöffnet, der Monet an der Wand ist angedübelt und Streit mit Frederic ist nicht zu erwarten, denn der schläft bereits. Constanze löscht die Lichter und tappt benebelt vom Wein die Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Lautlos erreicht sie ihr Bett, das einzige Geräusch macht der Reißverschluss ihrer Jeans. Sie zieht sich ihre Decke bis ans Kinn und sinkt in einen sanften Schlaf.

Am späten Vormittag des nächsten Tages sitzt Constanze wieder am Computer. Ihre rechte Hand steckt in einem Gipsverband. Zäh und mühsam gibt sie mit der linken Buchstabe für Buchstabe in die Tastatur: „Sich den Daumen zu brechen, ist eine einfache Angelegenheit…“


Kommentar von Rahan Neris

Genial! Wie Du beschreibst, was Du beschreibst, wenn Du beschreibst, wie Du nicht beschreibst, was Du nicht beschreibst, wenn Du nicht beschreibst, wie ...

Eingetragen am: 19.12.2008

Eingetragen am: 17.12.2008 von Rahan Neris
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21329

Tom stolperte über die Baumwurzel, drehte sich halb um die eigene Achse, hielt sich an einem dünnen hochgeschossenen Bäumchen fest. Das Bäumchen gab nach und krachte entzwei, Tom taumelte noch einen Schritt in Halbschräglage vorwärts, prallte mit dem rechten Scheinbein gegen einen massiven querliegenden Baumstamm und fiel, in einer eleganten Rolle vorwärts, endgültig auf den Wadboden, der an dieser Stelle ungemütlich zerfurcht war. Ein stechender Schmerz riss ihn aus seinem Staunen über das, was ihm gerade widerfahren war, er stützte sich mit dem rechten Arm aus dem Schneeloch hoch, in dem er gelandet war, um seinen linken Daumen zu betrachten. Der stand in einem seltsam schrägen Winkel vom Handrücken weg, fast so, als könnte man jetzt mit der Hand Gegenstände anders herum ergreifen, als ob nicht die Innenhand beim Zupacken dem Gegenstand zuzuwenden wäre, sondern die Außenhand. Ohne nachzudenken, in einer blitzschnellen Bewegung, ergriff er den abwegig ausgerichteten Daumen und drehte ihn, kracks!, in die richtige Position zurück. Der Schmerz, das Stechen, sprang ihn erneut an, hallte dann nach, ein tiefes dunkel pochendes Echo, fast wäre er ohnmächtig geworden. Tränen traten in seine Augen, er biss sich auf die Unterlippe, rappelte sich aus dem nasskalten Schnee auf, bettete Arm und Hand - die mit dem lädierten Daumen! - auf seinen rechten Unterarm.
„Verfluchter Schnee“, zischte er, indem er langsam weiter ging, „hätte bei dem Scheißwetter besser ein paar Runden im Stadion drehen sollen!“


Eingetragen am: 06.12.2008 von pastis
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20971

den spaziergang am morgen im wald liebte er. der noch junge tag, die angenehme kühle, bevor die sonne im sommer erbarmungslos brannte, aber auch die verschiedensten geräusche der natur liessen ihn den tag erwartungsfroh beginnen.

seit er sich einen hund angeschafft hatte, und eben diese spaziergänge einen festen bestand-teil seines lebens geworden waren, fühlte er auch wie sich sein denken
verändert hatte.

oft war er bei diesen spaziergängen in seinen gedanken versunken, so dass er sich zuwenig auf die unebenheiten des weges achtete.

so war es auch am morgen des 5. juni. er hatte sich vorgenommen auf diesem spaziergang, den tagesablauf zu ordnen und sich auf die besprechung, die auf zehn uhr angesetzt war, vorzubereiten.

der hund trabte wie gewöhnlich mal vor ihm, mal hinter ihm oder versuchte einen vogel oder ein eichhörnchen zu erhaschen, was ihm aber nie gelang.

so kam es, dass bernd den wurzelstock, der sich ihm in den weg stellte zu spät bemerkte. und ehe er sich gewahr wurde, was geschah, spürte er wie er über einen ausläufer der wurzel stolperte. er versuchte sich aufrecht zu halten, was ihm aber nicht gelang. er verlor das gleichgeweicht und beim stürzen, wollte er den aufprall mit der hand auffangen. wie er den boden berührte, hörte er ein knacken und spürte einen stechenden schmerz in der rechten hand.

was war geschehen? jäh verliess er seine gedankenwelt und wurde gewahr, dass die stellung des daumens zur hand sich verändert hatte. der schmerz war immer noch da, aber er war weniger geworden.

leise fluchte er vor sich hin. dass ihm das ausgerechnet heute passieren musste, wo er doch diese wichtige sitzung hatte. aber ein blick auf die hand genügte, um ihm zu sagen, dass sein nächster gang wohl kaum an eine sitzung, sondern zum arzt führen würde.


Eingetragen am: 06.12.2008 von nora
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20957

so nun sitz ich hier...eigentlich wollt ich erst zu der geburt meines kindes hierherkommen und nicht jetzt schon. man ich bin aber auch ein schusseliges Ding, genau wie meine Mutter. Aber eine brennende Zigarrette in Abfall schmeissen, das die ganze Küche abfackelt und unsere familie im ganzen Dorf bekannt wird, das hab ich nie geschafft. Naja ich rauche ja auch nicht mehr seitdem ich schwanger bin und alkoholikerin bin ich auch nicht. Wie, Daumen operieren? Kommt nich in Frage, Hilfe Mami! Ich lass mich sicher nicht während meiner Schwangerschaft operieren. Anscheinend haben die meinen Bauch noch nicht bemerkt. Vielleicht sollte ich meinen Pullover ausziehen aber so das der süsse Unterassistenzarzt nicht meint ich mache ihn an. Ich kenn die, ich hab selber im Krankenhaus gearbeitet, da hat mich der Unterassistenzarzt einfach in sein Zimmer reingezogen, aufs Bett geschmissen und abgeknutscht.
Oh ich hab jetzt unglaubliche Lust auf Milchschokolade, es soll mir mal einer eine holen. Einfach so in die Tafel reinbeissen, das wärs jetzt. Aber nein, ich habs ja selber ausgesucht hier zu sitzen mit einem blauen Daumen, der höllisch schmerzt. Ich sehs jetzt schon, die ganze Familie lacht sich schlapp wegen mir. Aha mein Daumen ist also gebrochen, der Arzt hat gesprochen. Sauköter, wie kann mir denn ein Hund den Daumen brechen indem er sich auf meine Hand setzt? Das glaubt mir doch kein Mensch und das ich hier sitze und weine auch nicht. War schon immer ein wehleidiges kleines Ding, so wie damals als ich meinen wackelden Zahn ziehen wollte. Schnur an die Türfalle binden, Schnur an meinen Zahn binden und Türe zuknallen. Vonwegen, zurück geschossen kam die Tür, volle Kanone, an meinen Kopf. Ja wie gesagt meine Familie lacht sich mal wieder schlapp aber wenigstens muss ich doch nichts operieren


Eingetragen am: 25.11.2008 von sjoukje
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20650

„Lena! Kommst du mal? Ich schaffe es nicht alleine.“ Johns Stimme klang angespannt. Verbissen zog er an ein Seil. Das eine Ende hatte er um einen Baum gebunden und am anderen Ende zappelte ein Reh. Lena fasste mit an und mit vereinten Kräften versuchten sie das Reh aus dem dunklen Moor zu befreien. Es strampelte wild um sich und war schon bis zum Hals im Sumpf versunken. Nach einiger Zeit zogen sie das Reh an Land, aber Lena rutschte dabei aus und fiel hin. „Aua, mein Daumen!“, schrie sie, aber John reagierte nicht. Er schrubbte den Schlamm ab und befreite das Reh aus der Schlinge. „Mein Daumen ...“, jammerte Lena weiter. John kniete sich neben Lena und nahm ihre linke Hand in seine. Der Daumen war angeschwollen und wahrscheinlich gebrochen. Er hob Lena auf und beide liefen schnell zum Camp, wo er den Daumen schiente und ihn mit einem Verband versah. Lena lächelte versonnen. „Tut es nicht mehr weh?“ John grinste. „Danke John, ist schon viel besser so.“

Die anderen warteten bereits. „Hallo, alles klar? Ihr wart so lange weg. Wir haben uns Sorgen gemacht.“ Richard stand mit Sandra vor der Blockhütte und machte ein ernstes Gesicht. „John hat ein Reh aus dem schwarzen Moor befreit und ich habe mir dabei den Daumen gebrochen.“ Ein stechender Schmerz machte sich bemerkbar. Sandra grinste. „Pass auf, dass er nicht abfällt.“ „Blöde Gans“, entgegnete Lena und ging rein. „Lass sie endlich in Ruhe, Sandra!“ Johns dunkle Augen blitzten. „Sie hat es schwer genug. Wie wäre es, wenn du ihr morgen bei der Ernte hilfst?“ „Das glaubst du doch selber nicht. Ich habe morgen genug zu tun. Warum hilfst du ihr nicht?“ Sandra lachte verächtlich. „Gute Idee“, sagte John und ging ebenfalls rein.


Eingetragen am: 02.11.2008 von Ornella
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19853

Nun schleiche ich um diese Aufgabe und weigere mich, sie zu erfüllen. Ganz einfach: ich will nicht, dass Franziska, den Daumen bricht. Das ist das Ende des Romans, bevor er angefangen oder eine Richtung genommen hat. Es wird ihn verändern, bevor er Gestalt annehmen wird. Sie soll sich den Daumen nicht brechen, nein dass kann ich nicht geschehen lassen, und ich verstricke mich in Überlegungen, wie man wohl einen Daumen bricht bis dahin, wie sich das überhaupt anfühlt und der Gedanke schmerzt dermaßen, dass ich mir das nicht vorstellen mag. Franziska soll den Daumen brechen? Das zerstört ihr Leben, ihre Karriere, das ist undenkbar. Ich hatte etwas anderes vor!
Doch da meldet sich eine Stimme, die flüstert: „du musst aber, nicht weil es eine Aufgabe im Kurs ist, nein, weil ich meiner Figur etwas zumuten muss. Weil ich böse sein soll, so böse wie ein Krokodil, das in einem Kinderspiel alle auffrisst und wenn es durch ist, nochmals von vorne anfängt.“ Ich spüre, es wird mehr als eine Übung aber ich will sie schreiben und böse sein zu meiner Figur.


Heute ist der 10. Oktober. Als wäre dieses Datum in ihrem Unbewussten eingebrannt gewesen, wachte Franziska mit diesem Gedanken auf. Heute würde sie in die Harfenstunde gehen, das erste Mal. Sie würde dem Klavier untreu, sie würde Klänge entwickeln, die kraftvoll und zart zugleich wirken, sie würde das erste Mal in ihrem Leben etwas tun, was Sie selbst in die Wege geleitet hatte und von dem sie selbst wusste, dass sie es wollte.
Klavier gefiel ihr zwar auch, aber bei der Harfe konnte sie greifen, sie hatte direkten Kontakt zur Saite. Oft hatte sie heimlich an den Klaviersaiten gezupft, sie gestreichelt und sie fühlte sich dann dem Klavier viel näher. Das andere war Arbeit, harte Arbeit. Fingertechnik, Rhythmus und Präzision. Konzentration. Alles Dinge, die selbstverständlich von ihr verlangt wurden.
Franziska stand auf. Sie musste vor ihrer ersten Harfenstunde ihr Pensum erfüllen. Sie musste es tun ganz einfach. Damit sie dann frei war für die Stunde. Heute würde sie noch auf der Harfe des Lehrers spielen, aber sie hatte sich schon ein Instrument ausgesucht und das Geld gespart. Nur hatte sie bisher nicht getraut ihrer Mutter von ihrem Plan zu erzählen.
„ Harfe ist kein Instrument, das hört man nicht, das wird von allen verschluckt,“ war die Meinung ihrer Mutter. Wie alle ihre Meinungen war auch diese aus Beton.
Franziska öffnete den Flügel und strich über die Tasten. Tonlose Kontaktaufnahme, dann ging sie ins Bad. Sie hörte, dass ihre Mutter schon das Frühstück zubereitete.
Unter der Dusche sang sie leise und stellte sich vor, die Wasserstrahlen seien Harfensaiten, sie spielte mit Wassertropfen auf den Fingern, sie fuhr durch die Saiten durch, ihre Hand fühlte, genoss das Spiel. Ihre Hand glitt leicht und schwebend durch den Wasserstrahl, es würde wundervoll aussehen, erotisch würde es wirken, diese Hände an einer Harfe. Es gibt Frauen, die sind auf ihren Busen stolz, Franziska empfand das für ihre Hände.
Sie wusch sich zu Ende und beeilte sich mit abtrocknen, anziehen und frühstücken.
Mit flatterhaften Fingern legte sie die Noten der Bach-Suiten auf und begann sich einzuspielen, die Noten rutschten vom Bord auf die Finger. Ärgerlich setzte sie den Band wieder auf die Ablage und versuchte im Fluss zu bleiben. Der Band kippte nach vorne und sie schlug ihn mit einer Abwehrbewegung nach oben, dadurch glitt er über ihren Handrücken zu Boden. Sie versuchte nach ihm zu greifen, und hätte fast das Gleichgewicht verloren, wenn sie sich nicht links festgehalten hätte, sie beugte sich erneut hinunter um nach dem Notenheft zu angeln. Diesmal gab der Klavierdeckel nach und schlug mit aller Wucht auf ihren Daumen. Franziska schrie auf, zog die schmerzende Hand an ihren Leib und bog sich zusammen. Ganz von Schmerz erfüllt, nahm sie nicht wahr, dass ihre Mutter in den Raum trat, um nachzusehen, was so knallte und warum das Klavierspiel jäh durchbrochen wurde.
„Es ist nichts, ich habe mich nur angeschlagen,“ sagte Franziska und setzte das Notenheft auf den dafür vorgesehenen Platz. Sie begann nochmals mit der rechten Hand, dann versuchte sie es zusammen, doch die Linke schmerzte zu sehr. Sie spielte auch die linke Stimme mit rechts, bis sie sicher war, dass ihre Mutter nicht mehr vor der Tür stand und lauschte. Dann widmete sie sich den Trillern, während ihr die Tränen herunter liefen, sie biss sich auf die Lippen, legte die schmerzende Hand unter das Kinn, als könne sie so den Schmerz beruhigen. Sie wagte nicht, aufzuhören, als würde das allein den Schmerz lindern und den Unfall ungeschehen machen. Warum war sie nur zu faul gewesen, sich zu bücken und das Heft richtig zu platzieren?
Sie hörte die Haustüre ins Schloss fallen, ihre Mutter war einkaufen gegangen. Nun erst sah sie sich den Daumen an. Er wirkte anders, sie wagte nicht, ihn anzufassen. Die anderen Finger schmerzten wohl einfach aus Solidarität. Was sollte sie tun? Bis um 11 musste der Daumen in Ordnung sein. Da fand die Harfenstunde statt. Jetzt war es neun. Franziska holte sich Eis aus dem Kühlschrank, doch die Erleichterung war nur vorübergehend. Vorsichtig versuchte sie mit dem Daumen einen Ton am Klavier anzuschlagen. Der Schmerz ließ sie erneut aufschreien. Es half nichts, sie musste zum Arzt. Franziska beeilte sich weg zu kommen, doch alles war nun doppelt kompliziert: die Jacke ließ sich schlecht anziehen, die Schuhe waren kaum zu binden. Sie war nervös, schusselig. Sicher würde der Arzt ihr eine gute Salbe verschreiben und die Sache hatte sich. Diese erste Stunde in Harfe, die wollte sie nicht verpassen auch wenn der zunehmende Schmerz etwas anderes sagte.
Sie hatte Glück, im Unfallkrankenhaus konnte sie direkt einen Arzt sprechen.
Der Arzt warf nur kurz einen Blick auf ihre Hand und schickte sie zum Röntgen. Er warf, als sie bei ihm zurück war, einen Blick in den Computer und dann auf sie: „Gebrochen“, sagte er „Ihr Daumen ist gebrochen, er muss gegipst werden.“
Noch bevor Franziska etwas sagen konnte, wurde sie von der Praxishilfe in einen anderen Raum geführt.
„Ich bin Pianistin,“
„Klavierspielen können Sie einen Monat lang vergessen,“
„und Harfe?“
„brauchen Sie dazu den Daumen? Dann Harfe auch.“
Um halb elf stand Franziska mit der eingegipsten Hand vor dem Unfallkrankenhaus. Sie schaffte es auf elf Uhr in die Harfenstunde. Vielleicht konnte sie ja mit einer Hand beginnen.
Die Harfenlehrerin schüttelte den Kopf:" So können Sie nicht spielen, sie brauchen beide Hände,“
„Ja aber ich kann doch die rechte Hand üben und weiß dann auch was ich mit der linken tun muss,“
Franziska nahm ihre erste Harfenstunde. Ihre linke Hand lag schwer und schmerzend auf dem Knie und die Harfe lehnte auf ihrer linken Schulter und die rechte Hand zupfte an den Saiten. Fünf Töne sangen eine leise Mutmelodie. Die Harfenlehrerin nickte ihr zu.


Eingetragen am: 01.11.2008 von britta khokhar
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19829

sie stellte sich bei der Hausarbeit so dämlich an, das so voraus zusehen. Hausarbeit war für sie ein notwendiges übel. Lieber schrieb sie den ganzen Tag Geschichten oder war auf Jobsuche wenn sie nicht gerade Flugblätter für unschuldig Inhaftierte austeilte oder auf demostrationen war.


Eingetragen am: 31.10.2008 von Jasmin
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19808

Ich schüttelte den abgefackten, nach Alkohol riechenden Mann an seinen knochigen Schultern. „Sagen sie schon, was haben Sie gesehen!?“ schrie ich in sein schlaffes Gesicht. Kraftlos liess sich der alternde Bettler von mir schütteln und sein von Alkohol durchtränktes Blut liess seine Worte unverständlich lallen. „Sie müssen doch etwas gesehen haben!“ fauchte ich ihn ausser mir vor Wut an. Ich konnte es einfach nicht fassen, meine Nerven lagen blank. Als ich ihn endlich aus meinen Klauen losliess und er bedrohlich vor mir schwankte, stolperte ich über seine leer getrunkene Schnapsflasche und fiel hart auf meine Hand auf den Boden auf. Ein paar Sekunden lag ich bäuchlings auf dem Boden, als hätte ich mich entschieden den Hoteleingang zu küssen. Ich kam mir elend dumm vor. Mit Schmerz verzerrtem Gesicht rappelte ich mich auf und hielt mit meiner linken Hand meinen rechten Daumen, der gebrochen sein musste. Mein hasserfüllter Blick traf den unbeeindruckten Bettler. Zuckender Schmerz dehnte sich bis in meinen Unterarm aus und zusehends wurde mein Daumen so dick wie eine Wurst. „Das auch noch!“ brachte ich gerade noch mit leisen Worten hervor.

Im Krankenhaus stellte der Arzt einen Daumenknochenbruch fest. Meine Tränen fanden den Weg über meine geröteten Wangen und kullerten weiter meinen Hals hinab, als ich die Diagnose des Arztes hörte. Ich war von den vorhergehenden Ereignissen psychisch so angeschlagen, dass ich anfing zu schluchzen. Der Arzt, der meine Geschichte kannte, nahm mich einfach in seine Arme und streichelte sanft über mein zerzaustes Haar.


Eingetragen am: 03.10.2008 von Michele
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18841

Lena gehen so viele Gedanken durch den Kopf. Das geht ihr fast immer so, wenn sie im Auto sitzt! Auch sonst, aber ihre schönsten Träume, besten Ideen und aufregensten Fantasien entstehen dort! Manchmal wenn sie total ratlos ist und überhaupt nicht weiter weiß, setzt sie sich hinters Steuer und fährt einfach drauf los.Irgendwohin wo es schön ist.Meistens ins Grüne. Heute ist sie in der Nähe eines Waldes gelandet. Sie riecht schon die Bäume und beschließt auszusteigen und diese wunderbare Luft einzuatmen. Also wird geparkt, ausgestiegen und nun muß das Auto nur noch zugemacht werden! Lena nimmt die Tür und schlägt sie mit Volldampf zu! Knack. Lautes aufschreien. Mist! Da war die andere Hand noch im Türrahmen! Da kommen schon vor lauter Schmerz die ersten Tränen und Lena denkt bei sich, das sie doch selber Schuld hat und wie kann man nur so trottelig sein. Ihr Blick fällt auf ihre Hand und da kommt gleich der zweite Schreck, denn sie ist mittlerweile schon richtig dick und rund. Da sieht Lena wie ihr Daumen ganz merkwürdig runterhängt und muß nur noch lachen! Für ihren Galgenhumor ist sie bekannt und deshalb wundert sie sich auch nicht weiter über sich selbst. Was für ein Dreck!!!!


Eingetragen am: 02.10.2008 von nica
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18795

Das Telefon klingelt.Lisa ist genervt.Wo zu Geier, hat sie dieses Ding deponiert? Es war eine Fehlentscheidung sich eins ohne Schnur anzuschaffen. Bei denen Mit, wusste man schließlich immer, wo Sie waren. Sie rennt wie eine besessene durch die Wohnung. Doch ihm Flur werden Ihr, die vorhin achtlos in die Ecke gepfefferten Schuhe, zum Verhängnis.Sie verheddert sich in Ihnen, knickt um und will sich mit der rechten Hand, an der Wand abstützen. Es ist ein widerliches "Knacken" zu hören und es folgt ein schmerzerfülltes Stöhnen. Lisa kann es nicht fassen. Verwundert schaut sie auf ihren, wie wild pochenden Daumen, der von einer Sekunde zur Anderen, die Ausmaße einer grünen Gurke annimmt. Das hat ihr gerade noch gefehlt. Das Telefon klingelt schon länger nicht mehr. Die Stille wird für Lisa unerträglich. Leise schleicht sich der Gedanke in ihr von Schmerz geplagtes Gehirn, dass sie etwas unternehmen muss. Am besten ins Krankenhaus fahren. Aber wie mit diesem Daumen? Selber fahren ist ausgeschlossen. Soll sie ihren Bruder anrufen? Der Gedanke ist genauso schnell verworfen, wie er erschienen ist. Sein dreckiges, schadenfrohes Grinsen kann sie jetzt nicht ertragen. Ihre Schwester?, geht auch nicht, Sie würde Lisa darüber aufklären,das sie bereits geschlafen hat und dies nun auch fortsetzen wird. Denn Schlaf ist die einzige Garantie, den nächsten Tag mit den drei kleinen Kindern, die sie, wie Lisa weiß hat, unbeschadet zu überstehen. Denn nicht jeder hat den Luxus, seine Schlafens- und Wachzeiten frei zu wählen. Also auch keine Alternative. "Vielleicht Carsten",schießt es ihr durch den Kopf. Wenn sie es sich recht überlegt, wird er Sie wahrscheinlich fragen:"Hast du noch alle Tassen im Schrank?, was habe ich damit zu tun, sonst weißt du auch nicht wo ich wohne.", und unrecht hätte er damit nicht. Dann fällt ihr ein, das es Taxis gibt. Das Telefon finden mit Schmerz verzehrter Mine, die Nummer eintippen und niemand erfährt etwas von dieser Geschichte, Dieser Gedanke hat was tröstendes für Lisa....


Eingetragen am: 02.10.2008 von Anita Decker
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18796

Daumen gebrochen

"Au weia, jetzt sind wir dran," sagte ihre Mutter, als sie auf dem Parkplatz von Real von Herrn Siewert gesehen wurden. Zu spät sich zu ducken oder zu fliehen. Der dicke Verband um Sarahs dickem Daumen würde ihnen auch nichts nutzen.
Herr Siewert war ihr Lateinlehrer, der sie echt auf dem Kicker hatte. Sie hatte ihrer Mutter ihr Leid geklagt, wie ungerecht er sie behandelte. Dann ist ihre Mutter zur Schule gegangen, um mit ihm zu reden.. das war nun aber auch wieder blöd. Sie ahnte ja nicht, was sie dem Lehrer für Ausreden erzählt hatte, wenn sie nicht gelernt hatte. Dass ihre Mutter nie Zeit für sie hätte und immer bei ihrem Freund wäre.
Sie ist dann stinksauer zurück gekommen.
"Wie der mich die ganze Zeit angesehen hat! Der kann wohl keine geschiedenen Frauen leiden, oder? Ist der selbst geschieden?"
Au weia.

Der gebrochene Daumen war jetzt auch keine Rettung. Dabei war das der Grund, warum sie am späten Vormittag hier war, und nicht in der Schule. Das mit dem Daumen, das kam so: Sie hatten in den Osterferien die Bernadette in Bayern besucht. Die Mama, der Karsten und sie. Das war toll, sie war sehr gerne mit der besten Freundin ihrer Mutter zusammen, weil die Kindergärtnerin war, und weil die immer so viel lachte. Dort hatten sie auch ihren Geburtstag gefeiert. Dort hatte der Karsten ihr auch das Skateboard gekauft.
Der Karsten war eigentlich sehr nett gewesen. Er hatte auch ihre Mäuse süß gefunden, obwohl er andererseits nicht gut fand, dass sie aus Lego Labyrinthe für sie baute. Dabei waren es alte Legosteine,und sie war jetzt schon vierzehn! Eigentlich zu alt für solches Spielzeug. Und außerdem hatten er und Mama jetzt auch Schluss. Aber das ist eine andere Geschichte.

Also mit dem Skateboard zu fahren, war zuerst gar nicht so einfach gewesen. Aber dann klappte es schon ganz gut. So ist sie gestern bei dem Haus gewesen, wo die kleinen Katzen immer sind, weil da die Einfahrt so schön abschüssig ist. Dann hatte sie die Kurve nicht gekriegt, musste sich mit den Händen an der Mauer abschubsen, und da ist sie wohl irgendwie falsch aufgekommen.
Hat das weh getan! Die ganze Hand verstaucht!
Die halbe Nacht hatte sie nicht schlafen können. Der rechte Daumen wurde dicker und dicker. Ihre Mutter war am Morgen entsetzt.
"Wären wir doch gestern direkt zum Krankenhaus gefahren!"
Nach Stundenlangem Warten dann die Diagnose: Der Daumen ist gebrochen. Wir müssen amputieren!

Dann bekam sie aber nur eine Schiene verpasst, mit Autogrammen der gut aufgelegten Ambulanz-Belegschaft, und weil es sich dann auch nicht mehr lohnte zur Schule zu gehen sind sie dann bummeln gegangen. Nur ihre Mutter und sie. Es war einen Daumenbruch wert.
Nur das mit dem Siewert, das war jetzt doof.


Eingetragen am: 26.09.2008 von Elsie Eye
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18391

Daumenbruch in Eucla

„Bitte setz dich nicht mit dem nackten Hintern auf die Couch.“
„Was willst du, es sind 45 Grad und ich brauche Luft an meinem Körper. Klamotten ziehe ich mir ganz bestimmt nicht an“, faucht Alex.
„Dann leg‘ wenigstens ein Handtuch unter, das kann ich waschen. Die verschwitzten Polster der Couch nicht“, nerve ich zurück.
Alex erhebt sich knurrend: „Wo sind die verdammten Handtücher?“
„Versuchs mal im Bad.“
Alex läuft im Bogen um den Tisch. Da passiert es. Auf der Schwelle zum Schlafzimmer stolpert er über eine Verwerfung des Teppichbodens, verliert das Gleichgewicht und stürzt kopfüber Richtung Bett. Er hätte sich einfach in das weiche Bett falle lassen können, und es wäre nichts passiert! Stattdessen sucht er Halt im Griff der Falttür, die den Wohnbereich vom Schlafzimmer trennt. Dabei bleibt er mit seinem Daumen im Griff hängen.
„Au, verdammt!“ kreischt Alex auf, gefolgt von einer Tirade von englischen Schimpfworten, die meinen Schatz schmutziger englischen Wörter augenblicklich auf das Fünffache erhöhen.
Bei diesem Anblick muss ich mir das Lachen verkneifen. Neben mir reckt sich ein nackter pelziger Männerarsch in die Höhe, hinter dem ein völlig verdrehter Arm hervorragt, an dessen Ende ein Daumen verbogen in einem Türgriff steckt. Würde man diese Szene im Film sehen, rümpften sicher die Kritiker vor Unglaubwürdigkeit die Nase. Ich muss ernst bleiben, mein Freund hat sich gerade verletzt. Ich helfe dem noch immer schreienden nackten Unglückshäuflein auf die Beine. Der Daumen steht in einem sehr unnatürlichen Winkel vom Rest der Hand ab. Mir wird schwindelig. Beide auf dem Bett liegend betrachten wir den Daumen, der unter unseren Blicken zu unerwarteter Größe anschwillt.
„Gib mir was zum Kühlen, verdammt“, flucht der nackte Mann neben mir, „ich glaub, der ist gebrochen.“
„Ein Glück, dass wir gerade Bier geholt haben.“ Ich ziehe die Kühlbox unter dem Bett hervor und öffne den Deckel. Zwei Dutzend Büchsen Bier gebettet in Eiswürfel kommen zum Vorschein. „Steck die Hand rein.“
Nach einer halben Stunde ist das Eis geschmolzen. Der Daumen steht immer noch ab.
„Wie soll ich mit dieser Hand Auto fahren?“ jammert Alex verzweifelt. „Es ist auch noch die rechte.“
„Du musst das untersuchen lassen.“
„Und wie? Wir sind in der Wüste!“
„Wir sind in Eucla. Der Ort hat immerhin 50 Einwohner, die sich auch hin und wieder verletzen. Vielleicht kennt sich jemand aus oder es gibt eine Krankenschwester.“
„49, heute Abend verabschiedet sich wieder einer von diesen Idioten. Ich lasse jedenfalls keinen von denen an mich ran.“
„Hör mit der Flucherei auf! Der Flying Doctor Service wird nicht wegen deines Daumens hier einfliegen“ spöttele ich. „Wir sollten in den Ort fahren, es wird langsam dunkel und im Dunkeln fahre ich nicht mehr, das weißt du. Gut, dass du dir wenigstens noch allein eine Hose anziehen kannst.“
Widerwillig zieht sich Alex seine alte blaue Turnhose und das nicht mehr weiße T-Shirt an. Ich mache das Wohnmobil reisefertig und schwinge mich auf den Fahrersitz. Es ist nicht ganz einfach, den schweren Truck den gewundenen Sandweg vom Strand hoch zum Ort zu steuern. Alex hatte mich zuvor nur einmal kurz fahren lassen. Das Fahrzeug erfordert echten körperlichen Einsatz. Ich bin froh, endlich beim einzigen kleinen Hotel von Eucla angekommen zu sein. Von drinnen klingt Musik und gesellige Unterhaltung. Alex setzt die scheißfreundliche Miene eines Fleischermeisters auf und schlendert, seine verletzte Hand vor der Brust haltend wie einen Pokal, in den Pub. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Daran stirbt keiner. Ist nur verrenkt„ stellt Lissy fest. „Wir stellen die Hand mit einer Schiene ruhig. Du hast Glück, dass dir das heute passiert ist, morgen wäre ich weg.“
„Ach, du bist das, die heute verabschiedet wird. Was machen sie denn hier, ohne die einzige Krankenschwester in Eucla?“ frage ich.
„Wer die Einsamkeit wählt, muss sich selbst zu helfen wissen. Außerdem kommen genügend Trucks vorbei. Wenn es wirklich ernst wird, fliegen sie dich aus.“
Lissy legt mit gekonnten Handgriffen eine Schiene um Alex Handgelenk und wickelt den Verband fest darum. Alex spielt den artigen Patienten. Ich mache mir langsam Sorgen. Wenn dieser Mann mal einen Tag nicht an seinen Motoren schrauben kann, wird er unausstehlich. Vor uns liegt die Durchquerung der Nullarbor-Wüste, der trockenste Fleck Australiens, und mein Mechaniker hat eine geschiente Hand!


Eingetragen am: 18.09.2008 von Mara Vaal
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17948

Müde und enttäuscht ging Josie aus dem Haus und winkte ein zerbeultes Taxi herbei. Es hat keinen Zweck weiterzusuchen, dachte sie. Sie würde ihre Mutter nie finden. Sie erklärte dem Fahrer, wo er sie hinbringen sollte und fragte sich gleichzeitig, ob es nicht besser wäre, sofort zum Flughafen zu fahren und mit dem nächsten Flugzeug nach Deutschland zu fliegen. Der Verkehr war, wie immer am frühen Abend, mörderisch. Meter für Meter schob sich das Taxi in der endlosen Autoschlange vorwärts. Ein Junge klopfte an das Fenster und hielt ihr einen Bauchladen mit ordentlich in kleine Fächer sortierten Bonbons und Kaugummis entgegen. Sie kurbelte das Fenster herunter und nahm ein hellblaues Päckchen mit vier Kaugummistückchen. Dann reichte sie dem Jungen eine Münze. Anstatt das Geld zu nehmen, sprang der Junge plötzlich mit einem großen Satz nach hinten. Josie sah in seine aufgerissenen Augen. Das Motorrad, das sich im schnellen Tempo zwischen den Autoreihen durchschlängelte, sah sie nicht. Mit Wucht streifte der Lenker ihre immer noch ausgestreckte Hand. Das Motorrad schlingerte kurz. Dann hatte der Fahrer sein Motorrad wieder unter Kontrolle und fuhr schnell weiter.

Josie zog ihre Hand zurück und starrte auf ihren Daumen, der merkwürdig verdreht an ihrer Hand hing. Dann kam der Schmerz und nahm ihr den Atem. Sie brüllte auf und der Fahrer drehte sich erschrocken zu ihr um und fragte, was los sei. Josie hielt ihm ihre Hand entgegen. Der Fahrer schaute verständnislos. „Ein Unfall! Ein Unfall!“, gellte sie ihm ins Ohr. Der Fahrer blickte immer noch fragend. „Das Motorrad! Es hat mich verletzt. Ein Krankenhaus, schnell.“ „Sie wollen nicht mehr nach Jamestown, sondern in ein Krankenhaus?“, fragte der Fahrer nun höflich. „Ja, ja, schnell.“ Josie schrie immer weiter. Der Fahrer sah jetzt verärgert aus. Warum mussten diese Ausländer nur immer so herumbrüllen?

Josie hatte noch nie in ihrem Leben solche Schmerzen gehabt. Sie zitterte. Einen Moment lang fürchtete sie, ohnmächtig zu werden. Was würde dann passieren? Was würde der Taxifahrer tun? Sie aus dem Auto schmeißen? Mein Gott, sie musste in ein Krankenhaus. Was würden die Ärzte dort machen? Sie hatte furchtbare Geschichten von den Krankenhäusern in diesem Land gehört. Sie hatte noch nie in ihrem Leben einen Unfall gehabt und ausgerechnet hier musste das passieren! Ich muss mich jetzt zusammenreißen, dachte Josie und erklärte dem Taxifahrer noch einmal ganz langsam, was passiert war. „Oh, oh, oh!“ rief der Fahrer und blickte sie jetzt sehr besorgt an. „Das ist schlimm. Das tut mir leid, sehr leid. Beruhigen Sie sich. Das Krankenhaus ist nicht weit. Ich bringe sie zur Notaufnahme. Beruhigen Sie sich.“


Eingetragen am: 14.09.2008 von Yvonne
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Melisas Wecker klingelte wie immer um sechs Uhr Morgens. Sie drückte auf den Knopf und sofort verstummte das nervige, schrille piepen.
Sie schlug die Bettdecke zurück. Eigentlich wollte sie nicht aufstehen, aber sie musste. Gleich in der ersten Stunde würde sie eine Mathematikarbeit schreiben. Melisa glitt aus dem Bett und streckte sich ausgiebig. Dann ging sie ins Bad und machte sich für die Schule fertig. Mit einem letzten Blick in den Spiegel schlüpfte sie in ihre Sachen, die sie am Vorabend bereitgelegt hatte, und ging die Treppen runter.
"Guten Morgen!", rief sie aus und trat in die Küche, in der ihre Mutter Brot schnitt.
"Guten Morgen!", lächelte Jasmin ihre Tochter an.
Melisa setzte sich an den Tisch und schmierte sich Brote für die Schule.
"Hast du gut gelernt, für die Mathearbeit?", fragte Jasmin.
Melisa legte das Messer bei Seite.
"Ja, hab ich. Die Arbeit wird auch nicht schwer!", antwortete sie.
Frau Höffner nickte wissend, dann ging die Tür auf und Clara kam verschlafen in die Küche. Hinter ihr stand Paul Höffner und lächelte.
Er begrüßte seine Frau mit einem Kuss und auch seiner großen Tochter drückte er einen Kuss auf die Wange.
Nachdem auch Melisas kleiner Bruder in der Küche stand, packte sie ihre Tasche und ging nochmal ins Bad. Dort putzte sie sich die Zähne und Cremte ihre Hände und ihr Gesicht ein.
Die beiden kleineren machten sich auch noch fertig und dann mussten sie zur Schule.
"Tschüs!", riefen die drei ihren Eltern zu. Clara wollte die Tür schließen und zog daran, sodass die Tür zuflog. Unglücklicherweise hatte Melisa ihren Daumen noch dazwischen. Der knackte laut, dann schrie Melisa auf. Frau Höffner eilte zur Tür und öffnee diese. Ersdt da sah sie, dass Melisas Daumen eingeklemmt gewesen war. Sofort holte sie ihre Autoschlüssel.
"Das wollte ich nicht. Ich hab gar nicht gesehen, dass dein Daumen dazwischen war!", entschuldigte Clara sich bei ihrer großen Schwester.
"Das weiß ich. Aber weh tun tuts trotzdem.", presste Melisa zwischen den Zähnen hindurch. Sie hielt sich den schmerzenden Daumen und Tränen schossen ihr in die Augen.
"Ihr zwei geht jetzt zur Schule. Ich fahr mit Melisa ins Krankenhaus.", sagte FRau Höffner zu ihren Kindern und schickte Melisa ins Auto.
Im Krankenhaus musste der Daumen geröntgt werden. Der Arzt stellte
einen komplizierten Bruch fest und gipste Melisas Hand ein.
"Den müssen sie jetzt ein paar Wochen tragen. Bitte nicht kaputt machen oder mit Stiften und Stricknadeln darin rumstochern, okay? Der Bruch wird hoffentlich schnell heilen!",erklärte der Arzt und verabschiedete sich somit.
"Na toll. Jetzt muss ich mit so einem blöden Gips rumlaufen. Aber ein gutes hat es ja. Ich muss die Arbeit nicht schreiben!", grinste Melisa.


Eingetragen am: 02.09.2008 von Amanda
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Schon das dritte Mal begegnet ihr Frau P. am heutigen Tag. Erst auf dem Weg zur Küche. Was hat sie da gemacht? In der Küche hat sie nichts zu suchen. Seit dem Streit zwischen Köchin und Frau P. Versalzen hat sie ihr das Essen auf dem Weg zum Speisesaal. Die Soßenköchin hat es entdeckt. Ohne die Vermittlungskünste der Königin hätte es Frau P. ihre Position gekostet oder sie hätte die Gunst des Königs verloren. Das bedeutet, dass sie sofort das Schloss verlassen muss oder gar das Land überhaupt. Ein Wort vom König, und sie ist fort! Küchenverbot hat die Königin ausgesprochen, damit sie nicht auf die Frau P. verzichten muss.
Heute Mittag kam sie Birthe hinterher auf dem Weg zum Garten. Das war kein Zufall. Die muss etwas im Schilde führen. Aber was? Und jetzt das dritte Mal auf dem Weg zum gelben Salon!
So ein fleißiges Mädchen, sagt sie zuckersüß. Birthe kennt das. Verstellung ist alles hier. Sie lässt sich nicht davon beeindrucken. Das Lächeln, so steif und geziert, sagt alles. Sei auf der Hut, sagt es. Und die Mutter sagt, geh ihr aus dem Weg. Als ob das so einfach wäre. Aufmerksamkeit von denen, die die Macht haben, bedeutet nichts Gutes. Sie muss also auf der Hut sein.
Was will diese erwachsene Frau von einem Kind?, fragt sie. Was führt sie im Schilde?
Birthe schleicht nur noch durchs Haus. An jeder Ecke, jeder Tür verharrt sie wie eine Katze auf Jagd. Leise bewegt sie sich, guckt stets, wer hinter oder vor ihr geht. Sie merkt sich mit wem sie die P. gesehen hat. Es gibt genug Leute im Schloss, die ihr etwas zutragen für ein wenig Geld, denn so viel zahlen sie im Schloss nicht für einfache Dienste. Auch Anerkennung des Königs oder der Königin ist eine Nachricht wert.

Heute muss sie auf jeden Fall zur Königin. Sie wartet gewiss schon. Sie hat ihr den wunderbaren Roman geliehen. Und sie hätte ihn schon längst zurückbringen sollen. Frau P. schleicht über den Gang. Birthe zuckt zurück. Wie kommt sie unerkannt an ihr vorbei? Sie zieht die Schuhe aus und läuft auf den Socken zurück, zurück zur Treppe. Der Fußboden ist spiegelblank. Auf der obersten Stufe kommt sie ins Rutschen. Sie hält ihre Schuhe fest, sie fällt erst eine Stufe, dann die ganze Treppe hinunter, Stufe für Stufe. Da schießt ihr ein Schmerz durch ihre rechte Hand, sie lässt die Schuhe vor Schreck fallen. Aber das ist gefährlich!
„Wer schleicht denn da herum?“ ruft Frau P. herunter. Birthe rafft die Schuhe zusammen und flitzt in die Küche und schließt die Tür hinter sich. Im Nu ist sie wieder in den Schuhen, bindet sie zu und taucht ihren Daumen in den Wasserkrug hinein.
„Was ist los?“ fragt die Köchin.
„Sie hat mich fast gekriegt.“
„Komm, binde dir die Schürze um und hilf mir Gemüse putzen!“
Frau P. betritt die Küche.
„Gehst du mir aus dem Wege, Birthe? Hast du ein schlechtes Gewissen“, sagt Frau P.
„Birthe hilft beim Gemüse putzen“, sagt die Köchin und geht auf Frau P. zu. „Die Küche ist mein Reich. Ich dulde keine Störungen!“ Die Köchin stemmt die Hände in die Hüften und stellt sich breit in den Weg.
„Wenn Sie das verantworten können?“ sagt die P.
„Können Sie misslungenes Essen verantworten? Wenn es durch Ihre durch Ihre Schuld verdorben wurde?“
„Wenn Ihnen die Fähigkeiten fehlen, sollten sie den Platz räumen!“ sagt Frau P. schnippisch und verlässt die Küche.
Die Köchin klappert wütend mit den Töpfen und Pfannen .
„Verlassen Sie sofort die Köche und lassen Sie sich hier nicht wieder sehen!“ brüllt sie. Ihr Gesicht ist rot, sie nimmt einen ihrer großen Kochlöffel und schwingt ihn drohend. Frau P. erblasst. Erschrocken weicht sie ein paar Schritte zurück.
„Unverschämte Person!“ Unter dem Gelächter des Küchenpersonals rennt sie aus der Küche.
Die Küchenjungen trommeln mit Löffel und Kellen auf den Pfannen. Frau P. im Rückzug, das sehen sie gern!
„Die lässt sich so schnell nicht mehr bei uns sehen!“
„Jetzt zu dir. Was ist mit deinem Daumen?“ Die Köchin sieht sich die Hand an, Birthe zuckt vor Schmerz zusammen.
„Quarkumschläge!“ entscheidet sie und greift gleich nach einem Tuch und Quark aus der Vorratskammer und bereitet einen Umschlag.
„Das wird erneuert, wenn der Umschlag warm geworden ist“, sagt sie mütterlich und schickt sie nach Hause.
Kind was ist los mit dir? Wir sollten den Arzt fragen. Doch das geht nicht. Es kostet Geld. Und das haben sie nicht. Sie müssen zur alten Anne, die heilt jede Krankheit außer Pest. Besser wäre wohl ein Arzt. Vielleicht den Leibarzt? Aber der ist nur für das Königshaus zuständig, nicht für uns.

Am nächsten Tag geht sie wieder zur Arbeit. Sie hat sich den Daumen mit Wasser gekühlt. Sie trägt jetzt einen Leinenstreifen um den Daumen und darüber Handschuhe , damit niemand das sieht. Am besten weiter arbeiten. Zum Glück ist nur ein Daumen betroffen. Beim Arbeiten alles in die eine Hand nehmen und mit der anderen nur halten. Tassen, Bestecke, das geht noch. Doch der Stapel Teller rutscht ihr aus der Hand. Eine Magd greift zu und kann den Stapel halten, bis auf einen Teller, der zerspringt. Ein einfacher. Steingut. Zum Glück. Sie kann sie einfach nicht halten. Das Messer hält sie, aber das Brot nicht. Sie müssen aussuchen, was sie gut kann. Denn fehlen darf sie nicht, auf keinen Fall. Sie brauchen das Geld, sie und ihre Mutter. Sie bleibt die ganze Zeit nur in der Küche, damit sie nicht Frau P. begegnen muss.


Eingetragen am: 01.09.2008 von Inge K.
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Emily half viel im Haushalt ihrer Mutter. Der Vater war sehr oft lange fort, wenn er für die Arbeit weite Reisen machen mußte. Letztendlich blieb alles an Emilys Mutter hängen. Sie hatten einen großen Garten, der von einer großen Hecke umzäunt war. Mitten im Garten stand ein kleiner Brunnen, und der Weg dorthin und drum herum war mit kleinen weißen Kieselsteinen ausgelegt. Direkt am Brunnen stand eine Bank. Sie war grün lackiert. Neben der Bank stand eine Statue auf einem Sockel. Die Statue bildete Aphrodite ab. Der Stil des Sockels schien aus altgriechischer Zeit zu stammen. Die Göttin war nackt dargestellt und hielt in ihrer linken Hand ein Tuch, welches an ihren Beinen herunterhing. Ihre Mutter kam heraus und sagte Emily, dass sie Hilfe braucht. Emily wartete einen kleinen Augenblick. Dass Emily ihrer Mutter hilft, war selbstverständlich, deshalb hatte Emily sich auch das "o.k." gespart. Nach dem kurzen Augenblick redete die Mutter auch schon weiter. "Ich möchte die Statue auf die andere Seite stellen. Ich finde, dort kommt sie viel mehr zur Geltung." Emily hatte keine Ahnung, wie schwer die Statue war, aber sie hatte gehofft, dass ihre Mutter das schon richtig einschätzen würde. "Wir nehmen zuerst die Statue von dem Sockel herunter und tragen ihn hinüber. Danach stellen wir dann Aphrodite wieder drauf." Emily sagte kein Wort und stellte sich auf die gegenüberliegende Seite von ihrer Mutter. Beide packten die Statue an. Der Stein war sehr kalt und als beide die Göttin hochhieften, wurde Emily bewusst, dass die Mutter die Situation überhaupt nicht richtig eingeschätzt hatte. Ein großer Seufzer kam aus ihr heraus. "Jetzt nach unten auf den Boden, Emily, runter damit, aber langsam." Emilys Mutter stöhnte auf. "Es ist schwer" sagte Emily. Sie merkte, wie die Statue aus ihren Händen glitt. Daher wollte sie sie schneller abstellen, als ihre Mutter es wohl vorhatte. Sie hörte die Mutter noch sagen "Paß bitte auf deine Finger auf", doch da war es schon zu spät. Emily schrie und kniff vor Schmerz ihre Augen zusammen. Tränen liefen ihr ihre Wangen herunter. Ihr Gesicht machte eine entsetzliche Grimasse. Sie hörte nicht auf zu schreien. Gleichzeitig versuchte sie, ihren Daumen unter der Statue hervorzuziehen. Dabei zerrte sie so heftig daran, dass es knackte. Die Mutter erschrack. Die ersten Sekunden lang wusste sie nicht, was sie tun sollte. Sie schnellte hoch und wollte einen Krankenwagen holen. Doch Emily schrie aus Leibeskräften, dass die Mutter doch endlich die Statue von ihrem Finger herunter nehmen sollte. Die Mutter stieß die Statue um, und der Daumen von Emily kam zum Vorschein. Er sah sehr deformiert aus. Und er schwoll innerhalb von Sekunden an. Emily spürte jeden Herzschlag, der das Blut in den Daumen presste, und wie das Gewebe immer mehr anschwoll. Es brannte. Es schmerzte. Emily war nun ganz ruhig und starrte auf ihren Daumen. Dann kam der Schmerz, den sie die nächsten Stunden spüren würde. Die Tränen pressten sich aus ihren Augen, ohne dass Emily zum heulen zumute war. Sie war einfach nur wütend, dass es passiert war. Sie war wütend über sich selbst, wütend darüber, dass ihre Mutter sie dazu aufgefordert hatte, mit ihr diese wirklich schwere Statue auf die andere Seite zu schaffen, nur weil sie sich da besser machen würde. Sie blickte wieder hoch und sah von weitem, wie ihre Mutter bereits ins Haus rannte. Emily blieb sitzen, ohne ein Laut von sich zu geben, und starrte weiter auf ihren pochenden Daumen.


Eingetragen am: 17.08.2008 von Lars Schimming
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Christian hatte Panik. Er war alleine mit diesen zwei dunkel angezogenen Männern. Bei hatten ein Messer auf ihn gerichtet und der einzige Fluchtweg, nämlich der Notausgang nach draußen, in die rettende und volle Innenstadt, war von den beiden Kerlen versperrt.
Er sah nur eine Chance aus dieser Situation herauszukommen. Die Flucht nach vorne. Angriff ist die beste Verteidigung, also manke durch die beiden durch und hoffen, dass er irgendwie durch diese Tür kommt. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, aber er hatte wohl keine andere Wahl.
Mit einer Blitzattacke stürmte er auf die beiden los, blieb allerdings sofort hängen und verfluchte noch im selben Moment seine aberwitzige Idee und das er geglaubt hatte, das könnte klappen. Er hatte keine Chance. Der kräftigere von beiden hielt ihn am Arm fest und drehte ihn so schnell, dass er das Gleichgewicht verlor und der Länge nach auf den Boden schmetterte. Einer von beiden setzte sich auf ihn drauf, nahm seine Hand und drehte einmal so fest an seinem Daumen, dass er sofort brach. Der Schmerz durchbohrte für einen Moment seinen ganzen Körper und er hatte keine Ahnung, wie er hier lebend wieder herauskommen sollte.


Eingetragen am: 15.08.2008 von Manfred Mann
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16247

Plötzlich standen zwei Polizisten vor ihr. Der größere der beiden griff nach Kittys Hand und drehte sie mit einem kräftigen Ruck zur Wand. Sie hatte keine Chance. Mit seinem ganzen Gewicht preßte er sie gegen die kalte Mauer. Der Schmerz in ihrem Handgelenk liess sie aufschreien. Innert Sekunden waren die Handschellen dran. Mit brutalen Hieben in ihren Rücken stiess man sie aus dem Hinterhof des kleinen, mikrigen Strassenrestaurants, in dem sie nach Essensresten suchte. Ihr Fehler war, dass sie sich zu lange dort aufhielt. So hatte irgendjemand genug Zeit, die beiden schweren Burschen von der Straße zu holen. Die Gewalt der Polizei war in den Strassen von Manila nur allzu bekannt. Jetzt war sie dran.

Die Rückenhiebe nahmen eine solche Rohheit an, dass sie vornüber auf die Straße fiel. Dann kamen die Fußtritte. Die Beschimpfungen hörte sie nicht mehr, als sie in eine willkommene Bewusstlosigkeit hinüberglitt.

Es war laut um sie herum, als Kitty wieder aufwachte. Ihr Körper schmerzte. Vorsichtig richtete sie sich von der Trage auf, auf der sie lag. Ihre Hand war eingebunden. Überall lagen Menschen auf Tragen. Doch niemand nahm Notiz von ihr, als sie leise durch den langen Flur glitt und auf die Straße raustrat. Sie musste etwas zu essen finden. Sie hatte Hunger.


Eingetragen am: 15.08.2008 von Kirsten
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16225

Als sie die Augen öffnete war es immer noch tiefschwarze Nacht. Angespannt lauschte Kyra in die Schwärze. War da nicht etwas? Ein Zweig, der knackt, Sand der unter einer Ledersohle knirscht, atmete da nicht jemand? Sie merkte, wie die Angst in ihren Schlafsack kroch, sich an ihren Füßen zu schaffen machte, und dann nach oben floss, um ihr Herz zu überschwemmen. „Er hat uns gefunden!“, war ihr einziger Gedanke.
Plötzlich brach die Wolkendecke auf, und im Mondschein konnte sie sehen, wie ein großes Wesen auf ihr Lager zugeschlichen kam. Grau war er, ganz grau. Die Kleidung, der lange Mantel, das Gesicht, die Hände die Stiefel. „Stein“ dachte das Mädchen, „ Er sieht aus wie ein alter Stein!“.
Dann schob sich wieder eine Wolke vor den Mond.
Kyra griff nach dem Amulett, flüsterte : “ich habe nur ein bisschen Angst“ und glitt aus ihrem Schlafsack . Mit einer fließenden Bewegung sprang sie Mister Stone entgegen, ballte vor Wut ihre Rechte und schlug ihm mit aller Kraft mitten ins Gesicht. Ein lautes Klatschen, gefolgt von dem Geräusch brechender Knochen beendete die Stille. Völlig überrascht taumelte er zurück. Hob schützend die Hände vor die Augen. Blut tropfte über sein Kinn.
Befremdet blickte Kyra auf ihre Hand, so erstaunt war sie selbst von dem Hieb. Ganz entfernt stellte sich das Gefühl ein, dass wohl nicht nur seine Nase daran glauben musste: Ein brennender Schmerz brandete durch Kyras Hand. „Gebrochen“, dachte sie erbost, „aber du bekommst uns nicht. Du nicht und so nicht“ und zu ihrer eigenen Verwunderung holte sie nochmals aus und nochmals und nochmals.
Und dann rannte er. Rannte was das Zeug hielt in die Dunkelheit hinein.
Vereinzelt knackten noch ein paar Äste.
Dann war es wieder totenstill.
Inzwischen waren auch Esther und Sigwart erwacht und starrten auf Kyras Hand. Und in gleichem Maße wie ihre Euphorie nachließ, wurde sie sich schmerzlich des wütenden Pochens bewusst, das in ihrem Daumen entbrannte. Der Schmerz wogte über sie hinweg und während sie noch auf ihren Finger starrte, merkte sie, wie sich ihr Bewusstsein in die Nacht erhob, und dann war er plötzlich weg, der Schmerz.


Kommentar von Lillilu

Kerstin, warum blühst du immer wie ein Nachtschattengewächs auf den hinteren Seiten?! Wieder ein sehr guter Text, mit Protas die ich noch nicht kenne: Kyra,Stein,Esther und Sigwart - arbeitest du hier an einer neuen Geschichte? Ein Krimi? LG Lillilu

Eingetragen am: 26.08.2008

Eingetragen am: 04.08.2008 von Sabrina Moriggl
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Mein ach so toller großer Bruder hatte wieder mal einen Job erledigt und sonnt sich in Vaters Lob, während Mutter wie immer beschäftigt ist mit Michael zu schimpfen - er ist mal wieder in eine schlägerei geraten.
Eigentlich interresiert es mich nicht was meine Eltern von mir denken, dennoch sehne ich mich nach deren Zuneigung. Ich hasse das, diese kindlichen Gefühle und ich kann nichts daran ändern eben weil ich noch ein Kind bin. Verdammt, jetzt heule ich auch noch. Ich will das nicht, ich will diesen Schmerz nicht fühlen!

Schnappe mir diese hässliche Büste die im Foyer steht, lege meine rechte Hand auf den Tisch, hole mit der Büste aus und schlage sie auf meinen Daumen. Es tut gar nicht so weh. Die Tränen laufen mir übers Gesicht, fuck, wieder hole ich aus und schlage erneut die Marmor büste nieder. Wieder und wieder.

Irgendwann muss ich ohnmächtig geworden sein. Ich liege in meinen großen Zimmer, es ist abgedunkelt, mein Arm liegt in einer Bandage und mein Daumen ist in Gips. Niemand von meiner Familie ist da. Aber wen interessieren schon die...


Kommentar von Yezabel2000

Der Wechsel zwischen den Zeiten ist schwierig zu lesen, und ich vermisse ein bisschen mehr Einblick in die Emotionen. Trotzdem finde ich den Text sehr anrührend. Vermittelt Verletzlichkeit und rebellische Haltung gleichzeitig.

Eingetragen am: 26.09.2008

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