(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 27 mit Übungsaufgabe

02.07.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 06.12.2008 von nora
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20963

da war jetzt die ganze zeit nichts. Ich meine da ist nichts passiert. Und kaum hattest du ein Gespräch mit meinem Vater klappt alles. Einfach alles! Ich bin ja so froh, nein ich bin überglücklich und danke dir von ganzem Herzen das du für uns handelst. Du bist zwar nicht mehr so oft zuhause aber wenn dann geniess ich es nochmehr als damals.


Eingetragen am: 03.12.2008 von sjoukje
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20884

Blind vor Tränen lief sie immer tiefer in den Wald hinein und hörte nicht, dass irgend jemand ihren Namen rief. An der Zwillingsbuche blieb sie stehen und lehnte ihr Gesicht gegen den alten Baum. Sie weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte und drehte sich plötzlich um, weil sie ein Geräusch hörte. „John!“ Ein Schrei entfloss ihrer Kehle. Verzweifelt warf sie sich in seine Arme und er sprach tröstend auf sie ein, bis sie wieder ganz sie selbst war. Sie löste sich aus seinen Armen und sagte: “Danke John.“ „Ist schon gut“, sagte er sanft. „Komme mit, die anderen werden sich Sorgen machen.“ „Ist mir völlig egal“, begann sie wieder, aber dann sagte sie spontan: „John, warum bist du nicht verstrahlt?“ Er sah sie verdattert an. „Das ist eine lange Geschichte Lena. Vielleicht erzähle ich sie dir ein anderes Mal.“ „Na komm schon, beantworte wenigsten meine Frage ...“ Er zögerte und sprach langsam: „Als die Sirenen heulten und meine Eltern, mein Onkel und ich zum Luftschutzbunker rannten, hielt mein Onkel mich zurück. ‚John’, sagte er, und hielt mir eine Flasche hin. ‚Nimm dir einige Tropfen von diesem Elixier und du wirst das hier überleben.’ Er war Wissenschaftler und hatte das Gebräu an Ratten und Kaninchen ausprobiert. ‚Es macht resistent gegen nukleare Bestrahlung’, fuhr er fort. ‚Und du Onkel Franz, hast du es ausprobiert?’ ‚Ja, habe ich, aber die Wirkung war nicht so effektiv, als ich gehofft habe. Daher habe ich die Konzentration erhöht.’ Wir erreichten den Bunker nicht mehr und über dieses Inferno möchte ich nicht sprechen.“ Seine sonst so schelmischen Augen füllten sich mit Tränen. „John, hast du es noch?“ Lena hüpfte hin und her. „Ja, aber sage es niemanden. Vielleicht kann es noch von Nutzen sein. Übrigens soll es auch andere Krankheiten heilen.“ Lena kniff die Augen zu und dachte nach. „Wir müssen es verstecken, damit niemand es bei dir findet. Morgen, wenn die anderen das Heu einfahren, verstecken wir es.“ „Und wo?“ „Ich kenne eine gute Stelle. Du wirst schon sehen.“

Sie griff nach seiner Hand und zusammen gingen sie zurück zum Camp. „Was Sandra betrifft, so lass sie doch reden. Sie ist doch nur eifersüchtig und hat nie Elternliebe erfahren.“ „Und du John, hast du?“ „Ja, ich habe. Meine Eltern durften heiraten und haben mich auf natürlichem Wege bekommen. Aber sie mussten viel Geld dafür bezahlen und auf weitere Kinder verzichten. Die Erde ist überbevölkert, daher diese Gesetze.“ Lena verspürte eine Unruhe in ihrem Innern. „Wer war es John? Wer hat die Bombe geschmissen?“ „Es waren Terroristen. Als die Regierung nicht auf ihre Forderungen eingegangen ist, ließen sie das Ungeheuer explodieren.“ „Die schöne Welt, Schutt und Asche ohne Wert. Das sind doch Bestien.“ Sie schwieg eine Weile. „Aber ich glaube, dass es mit der verloren gegangene Liebe zu tun hat.“ „Was meinst du damit?“ John war stehen geblieben. „John, wir haben eins verloren: Die Fähigkeit einander wirklich zu lieben und mit dieser verlorenen Liebe stirbt jeden Tag ein Stück Natur und wo keine Natur ist, da können auch keine Menschen und Tiere leben. Also bringen wir uns jeden Tag ein Stückchen mehr um. Es hat sich so eingeschlichen, diese Gleichgültigkeit. Es war damals schon da in meiner Welt, aber niemand hat es verstanden und diejenigen, die es verstanden haben, konnten nichts tun, weil sie in der Minderheit waren. Wenn wir doch die Wahrheit offen ins Gesicht gesehen und wirklich etwas getan hätten.“ „Ja Lena, so sehe ich es auch. Aber die Erde ist noch nicht verloren. Wir müssen jetzt etwas tun. Jeder einzelne Mensch hat die Verantwortung für diesen Planeten. Wir haben die Erde als Erbe von unseren Vätern bekommen und sollten uns schämen, unseren Nachkommen eine solche Welt zu hinterlassen. Wenn diese Welt verloren geht, kommt keine andere mehr.“ John stand aufrecht vor Lena und fragte: „Lena, willst du uns helfen, damit es weiter geht?“ Sie schaute ihn mit einem süßen Lächeln an. Bevor sie antworten konnte, kam John näher, umarmte sie und küsste ihren Mund. „Nicht John! Es ist nicht erlaubt hier. Bitte!“ Ihr Herz pochte wild in ihrer Brust und er hielt sie so fest, dass sie seinen Herzschlag spürte. Dann fluchte er laut und stieß sie roh von sich ab, so dass sie fast hingefallen wäre. „Eines Tages werde ich dich heiraten Lena und dann sind mir die Regeln egal.“


Eingetragen am: 08.11.2008 von Jasmin
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20030

„Für den Hinweis will ich eine Nacht mit Ihnen.“
Sarah traut ihren Ohren nicht. Sie empört sich und ist voller Ekel, als sie die unglaubliche Absicht dieses Mannes hört. Ihr wird übel und sie muss sich fast übergeben, doch ihr Magen war leer. Am liebsten würde sie diesem ungepflegten, massigen Koloss eine runter hauen. Wie kann ein Mensch es wagen, einer Mutter, deren Kind aus dem Krankenhaus gestohlen wurde, mit einer Erpressung aufzuwarten, unfassbar! Sarahs Herz rast vor Wut. Ihr wird heiss. Sie bekommt Atemnot. Ihre Augen weiten sich. Sie schnappt nach Luft. Panische Angst zu ersticken übermannt sie. Sie hält ihre beiden Hände über ihre Nase. Langsam beruhigt sich ihr Atem, bis sie wieder normal atmen kann.
Der fette, unbewegliche Mann wurde nervös, er weiss nicht, was Sarahs Anfall zu bedeuten hat. Schwerfällig hievt er sich aus dem breiten Stuhl und nähert sich unbeholfen an Sarah.
„Kommen Sie mir ja nicht zu nahe, Sie Mistkerl!“ Der dicke Mann macht so schnell es seine Körpermasse erlaubt, einen Schritt zurück und stolpert über den Stuhl, auf dem Sarah vorher noch sass. Wie in Zeitlupe fällt der schwere Mann rücklings über den Stuhl und mit ihm auf den Boden. Achtlos lässt Sarah ihn dort liegen wo er liegt, greift nach ihrer Handtasche und verlässt so schnell wie möglich den Raum.


Eingetragen am: 12.10.2008 von Bullerdiek
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19199

RieJ , Kap. 27, Üb. 14:

„Eine ganz andere Szene, in der ihre Hauptperson einen heillosen Zorn entwickelt“.

Das Gedicht.

Hans konnte es kaum glauben. Er war so überrascht, dass die Freude sich erst allmählich
einstellte.
„Charlie“ würde kommen und einen ganzen Abend bei ihm bleiben, vielleicht sogar bis spät
in die Nacht. Und er wollte mit ihm Gedichte lesen ( Gedichte, wann hätte sich Charlie je dafür interessiert!) aber eben auch seine Gedichte.

Was hatte Hans gelitten in den Monaten und Wochen, seit er bei Charlies Eltern
eingezogen war mit der naiven Hoffnung, sie würden von nun an vieles oder vielleicht sogar das meiste gemeinsam machen.
Aber sie waren sich so fremd geblieben wie zuvor, vielleicht sogar noch etwas fremder geworden, weil er anfangs Charlie wohl etwas zu sehr auf die Pelle gerückt war und darauf mehr als deutliche Abgrenzungs-Manöver erfolgten. Zu Gegenbesuchen kam es gar nicht.

Es wurde ein wunderschöner Abend; Hans konnte sich an keinen schöneren erinnern: Charlie war pünktlich gekommen, locker und freundlich. Und er hatte sich ganz Hans gewidmet, war immer aufmerksam geblieben – nicht wie sonst mit den Augen und mit den Gedanken immer ganz woanders, bei hübschen Mädchen oder interessanten Leuten.

Sie hatten Musik gehört, zuerst eine sanftere Rock-CD, die Hans gar nicht so schlecht fand, dann „Siegfrieds Tod“ aus Wagners „Götterdämmerung“. Diese Musik fand Charlie „toll“. Sie tranken Wein und gingen schon bald zu den Gedichten über.
Zuerst sollte Charlie Rilkes „Panther“ lesen und genau erklären . Dann aber wollte Charlie Gedichte von ihm hören, mehrfach langsam gelesen. Und der Freund stellte einige gute Fragen. Hans las langsam und mit größtmöglicher Emphase. Und er hatte das Gefühl, dass Charlie ihm zuhörte und ihn verstand, im wesentlichen. Hans war glücklich..

Und das Hochgefühl sank auch nicht wesentlich, als der Gast sehr plötzlich aufbrach. Es stieg sogar noch, als der Freund einige seiner Gedichte mitnehmen wollte, „unbedingt“ Die Bitte wurde schnell gewährt. Der Freund war wirklich interessiert. Er wollte die Gedichte noch einmal in Ruhe lesen.

Danach ließ der Freund sich einige Wochen nicht sehen. Anfangs wollte Hans nicht zu aufdringlich sein. Hatte ihm Charlie, mit seinen vielen Bekannten und Terminen, nicht gerade erst einen ganzen Abend gewidmet? In der Schule und beim Training war Charlie immer von Anderen umgeben. Zu Hause blieb es bei flüchtigen „Hallos“; ganz zu schweigen davon, dass er kein weiteres Mal noch oben in die Dachkammer kam und anklopfte. Und allmählich begann Hans wieder zu zweifeln und trauriger zu werden. Auch schickten ihm dicht hintereinander die Tageszeitung und zwei Verlage alle seine Gedichte zurück. Absagen, mit routinehaften Floskeln garniert!

Eines morgens aber sprach ihn sein Namensvetter in der Klasse, mit dem er bis dahin kaum jemals ein Wort gewechselt hatte, verhalten grinsend an:
„Na, was sagt denn unser Dichter dazu? Hast du denn gewusst, dass Charlie jetzt auch dichtet? Und der Andere Hans hielt ihm die Zeitungsseite hin, und er las sein eigenes Gedicht über dem Namen des Freundes.
Hans konnte es lange nicht begreifen, was so deutlich vor seinen Augen gestanden hatte. Alles in ihm wollte, dass das nicht stimmte. Er konnte nicht nachdenken über das, was wahrscheinlich geschehen oder nicht geschehen war. Noch immer konnte der Freund völlig unschuldig sein, war etwa ein Irrtum, ein Missverständnis möglich!

Den ganzen Vormittag brütete Hans dumpf vor sich. Er spürte einfach nur eine bleierne, kalte Traurigkeit, die seinen ganzen Körper lähmte. Und sein Kopf war wie stillgestellt – als wollte er ihn schützen vor den möglichen schlimmen Folgen weiteren Nachdenkens. In der Schule war an eine Aufklärung nicht zu denken, musste das verhängnisvolle Blatt schnellstens verschwinden.
Charlie merkte er nichts an. Musste der nicht damit rechnen, dass Hans von der Veröffentlichung erfuhr? Üblicherweise wurde ihm mittags immer die Zeitung vom Vortag auf den Treppenabsatz gelegt, wenn sie Charlies Familie gelesen hatte. War das ihm am Ende egal, weil er ihn so gering achtete?

Am Nachmittag, endlich alleine in seinem Zimmer, von der Schule befreit, nun aber auch schutzlos der Realität ausgeliefert, überfiel Hans die Traurigkeit mit aller Macht.. Die Wahrheit, die Antwort würde jetzt herauskommen. So oder so. Und wahrscheinlich war, es gab kaum noch Zweifel, dass Charlie ihn hintergangen hat, auf ganz schädliche Weise. Er war wohl nie sein Freund gewesen.
Inzwischen hatte er die Literaturseite in der Wochenendausgabe genau gelesen, sogar mehrfach, Satz für Satz, und leise vor sich hingesprochen. Es war sein Gedicht,
mit jeder Silbe, jeder Wendung, jedem Komma – mit Ausnahme eines einzigen Satzes, den hatten sie vollständig weggelassen, aber gerade der war ihm besonders wichtig! Es war sein Gedicht – das Gedicht, das er auch noch am meisten liebte von allen seinen Sachen und für sein gelungenstes hielt.
Und Charlie kam nicht, selbstverständlich nicht. Die innere Unruhe wurde unerträglich.

Gegen 16 Uhr hält es Hans nicht mehr aus: Er muss mit Charlie sprechen, ihn zumindest suchen, obgleich er sich über das Ergebnis kaum noch Illusionen macht und sich ein wenig
auch vor dem Gespräch fürchtet – und Angst hat vor der Wahrheit. Aber nichts kann schrecklicher sein als dieser Schwebezustand, der irgendwann wahrscheinlich zur negativen Seite hin umkippen wird.
Unten ist Charlie, der ihm öffnet, gerade auf dem Sprung nach draußen, in ziemlich feiner Schale. Mit einem „Du, ich hab` leider überhaupt keine Zeit!“ macht er deutlich, dass ihm momentan kaum etwas so ungelegen kommen könnte wie dieser Besuch. „Du, lass` uns heute Abend reden – oder noch besser morgen, morgen Nachmittag vor dem Training!“ fügt Charlie hastig hinzu, als der Untermieter nicht gleich den Rückweg antritt. Und Charlie hat schon etwas die Contenance verloren, jene kühle, sachliche, fast schon kalte Freundlichkeit, die ihn sonst fast immer auszeichnet und die den Kern seiner Stärke, auf alle Fälle seines Nimbus ausmacht.
Aber Hans ist nicht in der Lage, sich vertrösten zu lassen. Jetzt will er wissen, woran er ist, und es gibt keinen vernünftigen und gerechten Grund, der ihm das verwehren dürfte.

Hans stellt sich Charlie in den Weg und hält ihm das Zeitungsblatt vors Gesicht:

„Wie kommt mein Gedicht in die Zeitung – unter Deinem Namen?“

Charlie stampft ärgerlich mit den Füßen auf, und verlegen, schiebt Hans leicht zur Seite, drängelt sich an ihm vorbei. Will nur möglichst bald möglichst weit weg sein von hier.
Darauf Hans, außer sich vor Zorn, ungewöhnlich laut für seine Verhältnisse, aber auch fast weinend:

„Du bis ein Plagiator, ein Betrüger! Du hast unsere Freundschaft…“

Weiter kommt Hans nicht. Jetzt ist auch Charlie bleich vor Wut. Nie hat ihn Hans so gesehen. Aber auch jetzt noch zeigt er Haltung, bleibt er ganz ruhig:

„Verlass` auf dem schnellsten Weg unser Haus! Ich will dich hier nicht mehr sehen, überhaupt nie mehr!“ Und schnell ist er zur Tür hinaus, ohne dass Hans irgendwie reagieren kann. Charlies Eltern, von dem Lärm aufgeschreckt, können Hans nicht aufhalten.

Auf irgendeine Weise schafft er es in den folgenden Stunden, ohne fremde Hilfe, seine im ganzen Zimmer verstreuten Sachen zusammenzupacken, bis auf die letzte Socke und das letzte Blatt Papier, einigermaßen sauber zusammenzufegen und mit dem gesamten Packen, der sich in den vergangenen Wochen angesammelt hat, ohne größeres Geräusch die Wohnung zu verlassen.

Irgendwann findet sich Hans auf einer Bank im nahen Park wieder – genauer gesagt auf der ersten Bank, die einigermaßen Schutz bot und bequem erschien. Wie er dahin
gekommen ist in seinem fürchterlichen Zustand, könnte er nicht sagen. Mit seinen ganzen Sachen.
Lange Zeit sitzt Hans dort, fast regungslos und unendlich müde. Die nächtliche Kälte erreicht ihn erst nach und nach. Zu sehr war sein Körper noch mit der Aufarbeitung der vergangenen Stunden beschäftigt. Lange kann er auch keinen brauchbaren Gedanken fassen. Jeden Gedanken vertreibt gleich ein Gegengedanke. Aber ein irgendwie brauchbarer Lösungsansatz bleibt aus.
Wie soll es weitergehen? Soll es überhaupt weitergehen? Wäre es nicht besser, gleich in den nahen Teich zu gehen oder einen anderen Tod zu suchen, da sich nirgendwo auch nur der kleinste Hoffnungsschimmer zeigt, weder bezüglich der Eltern noch bezüglich der Schule
noch bezüglich seiner ganz unklaren schriftstellerischen Ambitionen. Umkehren, nach Hause, dem Alten zu Kreuze kriechen, will Hans aber auch nicht! Aber jetzt ein Ende, ohne jeden nachweisbaren Erfolg, wäre es nicht Flucht, und hat er überhaupt den Mut hierzu. Hans weiß es nicht.


Eingetragen am: 03.10.2008 von Michele
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18845

"Warum? Warum hast Du mir das angetan? Warum demütigst Du mich immer und immer wieder? Ich weiß, das ich Dir nichts getan habe außer Dir meine Gefühle zu gestehen! Ist das denn so furchtbar, das Du immer und immer wieder böse zu mir bist oder geht es Dir etwa nur gut, wenn es mir schlecht geht? Ich verstehe es nicht!" schreibt Lena verzweifelt an Paul. Sie weiß, das sie keine Antwort bekommen wird, aber diese Frage quält sie. Was soll sie tun? Sie kann nichts tun. Sie will nicht mehr, aber immer wieder dreht sie sich im Kreis und fragt sich "warum". Es gibt keine Anwort. Es zerreißt ihr das Herz und wie so oft kommen ihr Tränen. Lena will nicht mehr weinen, aber sie kann es einfach nicht mehr kontrollieren. Diese eine Frage nagt an ihr. Sie will sie abschütteln, aber es geht nicht.Die Kraft hat sie verlassen und sie will nur schlafen. Am liebsten Tag und Nacht, denn dann vergißt sie für einige Momente ihren Kummer. Wenn sie schläft fühlt sie sich glücklich und entspannt.


Eingetragen am: 02.10.2008 von Yvonne
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18806

Jens wollte ihr also nicht sagen, was es für Neuigkeiten gab. Melisa war wütend auf ihn. Er war der einzige, dem sie sich geöffnet hatte, nach dem tragischen Tod ihrer Familie, und hatte sich erhofft über ihn alle Neuigkeiten zu erfahren. Doch er hatte ihr nur gesagt, das sie etwas hätten, was er aber nicht erzählen dürfte.
Sie hatte sich bequemere Sachen angezogen und sich ins Bett gesetzt. Von niemandem wollte sie jetzt gestört werden. Helfen konnte ihr sowieso keiner, also schaltete sie ihr Handy aus, zog den Stecker des Telefons und verriegelte die Tür.
Völlig in Gedanken versunken saß sie nun auf ihrem Bett und war am verzweifeln. Wie konnte sie ohne jegliche Informationen und Hinweise herausbekommen, wer diese Menschen waren, die ihre Familie auf dem Gewissen hatten? Ohne Jens Hilfe war es fast unmöglich. Aber eben nur fast.
Schon sprang Melisa aus ihrem Bett und suchte im Internet nach Leuten, die sich mit Sprengstoffen und Bomben auskannten. Vielleicht hatte sie ja Glück.
Drei Stunden später hatte sie noch immer nicht mehr erreicht und sie gab auf.
Sie würde Jens noch ein mal fragen, doch dieses Mal sollte er ihr eine vernünftige Antwort geben.

Am nächsten Morgen fuhr sie direkt zu Jens nach Hause, denn er hatte, wie sie wusste, Spätschicht und war also zu Hause.
Verschlafen öffnete er ihr die Tür und sah sie bedeppert an.
„Guten Morgen!“, gähnte er und stellte sich so an die Tür, dass Melisa an ihm vorbei gehen konnte.
„Was machst du denn so früh hier?“, fragte er, nachdem er die Tür geschlossen und sich zu ihr in die Küche gesetzt hatte.
„Ich... ich... mir ist es wichtig, zu wissen, was ihr gefunden habt. Bitte, Jens, ich möchte auch nicht selber hinter diesen... diesen... Mördern herjagen. Ich möchte nur wissen wer es war!“, brachte Melisa heraus. Jens sah sie an, dann schüttelte er mit dem Kopf: „Ich darf es nicht sagen. Ich stehe unter Schweigepflicht!“
„Ich geh kaputt, wenn ich das nicht weiß! Du bist der einzige, der mir helfen kann.“
„Melisa, ich darf nicht. Ich würde es dir so gerne sagen, glaub mir.“, er hatte den Blick gesenkt. Tränen schossen ihr in die Augen und ein Kloß setzte sich in ihre Kehle. Sie musste ein paar mal schlucken, doch noch immer war dieser Kloß da.
Sie sah ihn nicht an, hatte ihren Blick aus dem Fenster schweifen lassen.
„Ja, ich weiß. Ich weiß das ich all dass nicht wissen darf, weil ich alles weiter erzählen oder die Beweise verschwinden lassen könnte. Aber ich will doch nur, das man mir sagen kann, wer meine Familie auf dem Gewissen hat. Ich möchte wieder schlafen können, ohne das ich nachts aufwache und die ganze Zeit weiß, das Mörder frei rumlaufen. Mörder, die mein Leben zerstört haben. Mörder, die mir meine Familie genommen haben, meine Eltern, meine kleinen Geschwister. Ich will das alles nicht akzeptieren, nicht einfach so hinnehmen und darauf warten, das ihr sie endlich fasst.“, das Flüstern war stetig angeschwollen und endete in einem Wutausbruch. Die Tränen, die Melisa mit Mühe hatte verstecken wollen, rannen an ihren Wangen hinab.
Jens war aufgestanden und hatte sie in seinen Arm gezogen.
„Ich werde alles tun, um diese Menschen zu fassen. Wir werden sie kriegen, das verspreche ich dir!“
„Weißt du, was ich mich am meisten frage? Wieso? Wieso ausgerechnet ich? Wieso meine Familie, was haben die von uns gewollt? Ich versteh das alles nicht. Vor fünf Jahren ist mein Leben aus den Fugen geraten, bevor es richtig angefangen hat. Ich hatte plötzlich keine Familie mehr, keine Geschwister, um die ich mich kümmern konnte, wenn sie Krank waren.
Und wieso? Wieso? Ich konnte mir das selbst nie erklären und dann sagt man mir, das es kein Unfall, sondern Mord war. Das man meine Familie umgebracht hat. Wieso? Auch das kann ich mir nicht erklären, aber die Polizei erwartet von mir, dass ich alles erklären kann. Das ich sagen kann, wer uns etwas Böses wollte. Aber ich konnte nichts sagen, ich wusste nicht, wer uns hasste und wer nicht. Ich kann Menschen nicht in ihren Kopf gucken. Ich kann nicht wissen, was man mir nicht sagt. Ich kann nicht alle Fragen beantworten. Und irgendwann wird man mich noch verdächtigen, weil ich genau an dem Tag, an dem unser Auto in die Luft ging, zu hause geblieben war. Weil ich hätte wissen können, dass das Auto hochgeht und alle darin sterben werden. Aber ich hab es nicht gewusst und wenn ich es gewusst hätte, hätte ich die anderen abgehalten wegzufahren. Ich hätte alles getan, aber ich hätte sie nicht sterben lassen. Ich hätte das nicht zugelassen oder ich wäre mit ihnen gestorben. Aber ich wäre nicht allein geblieben.“, weinte Melisa.
„Melisa, man wird dich nicht verdächtigen. Niemals.“, flüsterte Jens. Er drückte sie noch fester an sich und streichelte ihr über den Kopf.


Eingetragen am: 25.09.2008 von Amanda
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18297

Heute ging Birthe mit ihrer Mutter gemeinsam zum Schloss. Die Wege waren hart und es war so kalt, dass Birthe die Finger blaufrohren. Sie wickelte sic in ihr rotes Tuch. Zum Glück hatte sie dieses von der alten Lina bekommen, als sie starb.
Er sitzt im Gefängnis, sagte die Mutter. Ihr Atem stieß eine Rauchwolke aus ihrem Mund.
Nein, das kann nicht sein. Birthe schüttelte heftig den Kopf. Sie fürchte, dass es wahr ist, doch sie wehrte sich gegen diese Wahrheit.
Jemand hat ihn beim Stehlen im Schloss erwischt, sagte die Mutter.
Er stiehlt nicht. Niemals! Stehlen kam für ihn nicht in Frage. Sein Vater war für ein paar schrumpelige Kartoffeln aus dem Keller des Grafen Z. ohne Untersuchung des Falles verurteilt und gehängt worden. Nie würde er sich in so eine Gefahr begeben. Außerdem hatte er es nicht nötig, er verdiente ja ganz gut als Kavallerist des Königs.
Du musst der Wahrheit ins Gesicht sehen, Birthe. Es gab Zeugen. Die Mutter ereiferte sich richtig und ihr Gesicht war dunkelrot, vom Zorn oder vor Kälte.
Ach, Mutter, die lügen und betrügen hier doch allen! Ihre Mutter verstand sie nicht. Sie hatten es doch so oft gesehen und gehört, wie sie logen und falsche Beschuldigungen aussprachen. Dies kann nur eine schlimme Intrige sein! Sie hatte das schon immer befürchtet. Ihr Liebster war jemandem in Wege, und sie wusste ja auch wem. Mit Geld und einem guten Posten konnte man jeden Zeugen kaufen. Und Geld hatte er genug. Und mit Geld wurden auch die Richter zu dem passenden Urteil bewegt.
Wer ist der Zeuge? fragte Birthe.
Es sind zwei. Der Kammerdiener X und der Page Y.
Birthe lachte laut auf. Ausgerechnet die! Heute morgen haben sie das Schloss verlassen und sind nach Schweden gezogen. Entweder sind sie auf der Flucht oder jemand hat ihnen eine neue Zukunft bezahlt für ihre Aussage. Und sie waren zu jeder Lüge fähig durch Geld, es musst nur genug sein.
Du musst immer alles so schwarz sehen, Kind.
Die Menschen sind so. Darum muss man alles überprüfen. Wie konnte ihre Mutter nur so gutgläubig sein!
Sie musste zu dem alten Mann gehen und für K um Hilfe oder Gnade bitten. Im Schloss hatte sie erst mal alle Hände voll zu tun. Die Höfen heizen, Holz und Torf nachlegen. Das Torf lag im Gerätehaus. Sie nahm einen Korb, zündete ein Windlicht an und ging zum Gerätehaus. Dort lag der Torf . Sie fürchtete sich im Dunkeln und ihr war auch noch das Licht vom Wind ausgeblasen. Alles war Neumond und sie konnte keinerlei Wegkonturen erkennen. Sie hastete, griff den Torf, ohne ihn sehen zu können. Sie zitterte vor Angst wegen der Dunkelheit und vor Kälte. Einige Torfstücken fiel ihr in der Dunkelheit wieder heraus. Nur halb voll, nach dem Gewicht zu urteilen, war der Korb. Aber sie lief so gut es ging mit einem schweren Korb. Endlich sah sie das Küchenlicht aus dem Schloss.
So allein und ohne Begleitung? kam jemand aus dem Schatten auf sie zu. Sie erschrak. Der alte hässliche Mann!
Ich habe es ganz eilig, sagte sie.
Ein wenig Angst? höhnte er. Dein Begleiter ist ja nun auch schon fort. In Gewahrsam. So ein schlechter Charakter. Doch der Dieb wird seine gerechte Strafe bekommen!
Er ist kein Dieb und Sie wissen es. Sie haben doch die Zeugen bezahlt. Mit einem Mal war sie ganz ruhig und zitterte überhaupt nicht.
Ich? Ich wasche meine Hände in Unschuld, sagte er hämisch.
Gegen diesen Mann kam niemand an. Er war durch nichts zu erschüttern. Stets hatte er eine Ausrede, einen Vorwand. Mit schnellem Schritt verschwand sie in der Küche, die schon so oft ihre Rettung war.

Am Mittag ging es ihrer Mutter so schlecht, dass sie taumelte und fast gefallen war, hätte der Koch D. sie gerade noch auffangen und halten konnte. Sie ist krank, sie muss nach Hause. Ihre Freundin Marte hatte gerade Feierabend und begleitete sie nach Hause. Birthe musste die Mutter vertreten. Sie war froh, dass sie alles von ihrer Mutter gelernt hatte. Denn nur durch ihre Vertretung bekamen sie das Geld für die heutige Arbeit.

Hier, nimm deiner Mutter eine heiße Brühe mit, sagte die Köchin und steckte einen Topf hochendheißer Suppe in ihre Tasche. Draußen umfing sie wieder die Nacht. Sie ging so schnell sie konnte nach Haus. Sie hasste diesen düsteren Wege. An der dunkelsten Ecke kam der Alte auf sie zu, einen Schritt zu nahe und einen Hauch zu schnell. Hilfe, dachte sie, aber um diese zeit war niemand da, der ihr helfen konnte. Nur sie selbst konnte sich helfen. Ihre Hand zucke in Abwehr. Sie griff ihre Tasche mit dem Topf, nahm den Deckel ab und schleuderte den Inhalt mit Schwung in sein Gesicht. Er schrie, Hielt seine Hände vors Gesicht, wischte mit seinem Mantel die Brühe ab. Was hab ich getan! Ich muss weg hier! Birthe packte das Geschirr und rannte wie der Teufel nach Hause, sein Schreien und Fluchen noch im Ohr.

Es war kaum noch etwas im Topf geblieben. Zum Glück sang der Wasserkessel auf dem Herd. Sie wärmte einen Becker mit heißem Wasser vor, goss den Rest Brühe hinein, verlängerte sie mit kochendem Wasser und brachte sie ihrer Mutter.

Am folgenden Morgen ging es ihrer Mutter noch nicht besser und Birthe musste sie wieder vertreten. Mit den größten Ängsten ging sie ins Schloss. Sie hatte nicht mit der Mutter über den Vorfall gesprochen und auch mit der Köchin konnte sie nicht darüber reden. Es wird ihr Ende sein zumindest auf dem Schloss. Sie konnte sich nicht vorstellen, was mit ihr geschehen würde. Ihre Angst war so groß, dass sie nicht denken konnte.

Der Alte ist tot, flüsterte die Köchin. Birthe erschrak. Sie hatte nicht gedacht, dass man von heißer Hühnerbrühe sterben kann. Das hatte sie auch nicht gewollt. Sie wollte nur ihre Ruhe. Und jetzt? Jetzt wurde sie wegen Mordes gehenkt. Wenn es herauskam. Wenn jemand sagte, dass sie die Brühe über ihn gegossen hatte. Wer konnte es wissen? Wer hatte gesehen, dass sie mit einem Topf Brühe aus dem Schloss gegangen war. Und ehe man es merkte, müsste sie fliehen. Aber wohin? Sie hatte ja niemanden, zu dem sie fliehen konnte. Nur ihre Mutter, die war die erste, wo man sie suchen würde. Zu ihrem Liebsten laufen, das wäre unschicklich und machte sie noch verdächtiger. Außerdem war er noch böse mit ihr.

Der hat es nicht anders verdient, als dass man ihm den Schädel einschlägt, sagte der Küchenjunge. Den Schädel einschlägt? Bist du sicher, dass er erschlagen wurde? Na klar fünfmal zugeschlagen hat der Mörder. Birthe setzte sich auf einen Stuhl. Kind, du siehst elend aus, sagte die Köchin. Hast dich doch nicht bei deiner Mutter angesteckt?


Kommentar von Anita Decker

Eine Dampfwolke, oder rauchte die Mutter? Sie heizten die Öfen, nicht die Höfen, oder? Was arbeitete die Mutter, worin hat Birthe sie vertreten? "Er ist kein Dieb und sie wissen es." Ich finde die bessere Form wäre: "Er ist kein Dieb und ihr wisst es." (dritte Person, so sprach man früher) Ein bisschen skizzenhaft noch die Geschichte. Aber ich würde weiterlesen. LG Anita

Eingetragen am: 28.09.2008

Eingetragen am: 20.09.2008 von Anita Decker
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18068

HALLO LEUTE hier spricht Lilien, eine Sklavin!

Meine Herrin hat mich ausgewählt die ganze Arbeit für sie zu tun. Das heißt nicht etwa Böden schrubben oder Mülleimer leeren, auch nicht Haare kämmen oder Kinder hüten. Nein, sie hat sich was ganz fieses für mich ausgedacht.

Ich soll lachen und weinen. Ich soll Angst haben und Hoffnung. Ich soll lieben und leiden und Schicksalsschläge erleiden. Am Ende soll ich mich auch noch verändern! Ich soll also LEBENDIG sein. Nun gut, ich täte das gern für sie.

Dass ich nie ein Lob bekomme halte ich aus. Schließlich bin ich wie sie, ziemlich verdreht. Aber was sie jetzt von mir verlangt ist mir zu viel. Ich soll euch nämlich packen, soll euch faszinieren und in den Bann ziehen!

Was meint ihr, soll ich mich ihr widersetzen? Meinen eigenen Gedanken weiter folgen so wie jetzt? Mir die Freiheit einfach nehmen? Meine Herrin ist entsetzt wenn ich so rebelliere. Sie behauptet ich verderbe ihr den "Plot". Sie denkt daran das Unternehmen abzublasen!

SO HELFT MIR DOCH UND SCHREIBT EINEN KOMMENTAR!


Kommentar von Metta Maiwald

Habe noch mal nach Deinen alten Beiträgen gesucht, weil mir bei Deinem letzten der Zusammenhang fehlte. Wenn Du grundsätzlich zu wenig Kommentare bekommst, könnte es daran liegen, dass Du wohl erst später eingestiegen bist und selten jemand in die alten Kapitel zurückblättert. Ansonsten: Wahrgenommen wird man nicht nur durch das Schreiben guter Beiträge, sondern auch, indem man selbst kommentiert. LG Metta

Eingetragen am: 22.10.2008

Eingetragen am: 20.09.2008 von melly
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18019

Evi's Schuhe drücken sich bei jedem Schritt tiefer in die braune schmierige Erde. Leichter Nieselregen durchnäßt ihr Haar und läßt es in saften Kringeln über die Schultern fallen. Die Hände tief in die Manteltaschen ihres dunkelblauen Wollmantels vergraben; unter dem Arm geklemmt ein paar Blumen, geht sie mit gesenktem Kopf hinter dem von vier Männern getragenen Sarg her. Es ist nur ein schlichter Sarg ohne Blumenschmuck.Die Träger lassen ihn sanft in die Gruft gleiten. Evi fühlt sich allein gelassen. All die Wut, der Zorn über ihre Mutter waren verflogen. Sie tritt an das offene Grab und wirft zum Abschied einen Strauß bunter Nelken hinab. Zwanzig Jahre hatte sie verbracht mit wütenden Gedanken und Verwünschungen, gestraft sollte die Mutter für ihre Bosheiten und Intrigen sein. Evi hatte es ihr heimzahlen wollen und hatte sich nie mehr zu Hause gemeldet. Nun war die Mutter ohne Abschied von ihr gegangen. Evi's Wut wich einer tiefen Trauer. Sie würde niemals mehr mit ihr sprechen, sie konnte nichts mehr klären. Sie erinnerte sich an die Worte ihres Großvaters, "Zorn ist ein schlechter Ratgeber".


Eingetragen am: 02.09.2008 von Inge K.
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Emily dachte, dass Jan nun endlich auf sie hören würde. Sie hoffte, dass jetzt endlich Klartext geredet wird. Jan war eine sehr lange Zeit still gewesen. Er schaute sich im Wohnzimmer um, mied es bewußt, Emily nicht anzusehen. Dann stand er auf. Er ging hinüber zum Kamin, und drehte sich langsam um. "Emily, Schatz, du verstehst nicht, worum es hier geht! Was du da sagst, kann dich Kopf und Kragen kosten. Weißt du nicht, wie gefährlich solche Äußerungen sind?" Er ging auf sie zu, mit schnellen Schritten. Er stellte sein Glas auf den Tisch und kniete sich vor sie. Seine Augen waren klar und durchdringend. Sein Tonfall war sehr bestimmt."Hör auf damit. Emily, hör auf! Du bist verwirrt, du weisst nicht, was du redest! Vielleicht gehst du einfach doch wieder arbeiten? Dort wirst du abgelenkt. Du bist dort in einer dir bekannten Umgebung, mit deinen Arbeitskollegen. Wenn du ..." Sie unterbrach ihn, indem sie von der Couch hochschnellte. "Jan!" sagte sie forsch. Diese Reaktion verdutzte Jan. Er sah sie verwirrt an. Seine Augen wurden ganz groß und sein Mund stand leicht offen. Er schnellte ebenfalls hoch, aber brach kein Wort heraus. "Jan, willst du mich eigentlich manipulieren? Willst du mich hier für dumm verkaufen? Es geht um Sophie. Ich werde nicht zur Arbeit gehen und mich über das tolle Wetter unterhalten. Ich werde auch nicht zu Hause hocken und mir diese Beruhigungstabletten einschmeissen. Ich habe keine Lebensqualität mehr. Ich leide, Jan." Ihre Augen wurden glasig. Emily spürte, wie ihr Hals sich zuschnürte. Ihre Stimme wurde lauter, sie spürte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Gleichzeitig wollte sie diese Wute aber nicht zulassen. Sie atmete einmal tief ein und spürte, wie hilflos sie dieser Wut ausgesetzt war. So kannte sie sich nicht. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so wütend geworden zu sein. Sie konnte sich nicht zügeln, in ihrem Kopf schossen die Gedanken umher. Sie konnte sich doch nicht so gehen lassen. In Bruchteilen von Sekunden entschied sie, wenn man überhaupt noch von Entscheidungen sprechen konnte, dass sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen musste. Sie hob ein Kissen auf, und schmiss es wieder in die Couch zurück, wusste in dem Moment selbst nicht, was sie damit vorhatte. Sie konnte Jan nicht in die Augen sehen. Sie sagte viele Wörte durcheinander, ohne dass sie einen Sinn machten. "Verarscht wurden wir. Und wenn ihr was passiert ist? Deine Freunde ... ja, ganz toll. Ich lass mich nicht weiter verarschen. Sie braucht uns. Uns, Jan!" Jan wusste nicht was er tun sollte. Er stand wie angewurzelt da, während Emily im Wohnzimmer auf und ab ging. Dann ging sie auf ihn zu. Sie war ganz rot. Ihr Gesicht war ganz verbissen. So hatte Emily Jan noch nie angesehen. "Jan, wenn du mich nicht langsam ernst nimmst, dann verschwinde ich von hier. Ich werde mir jemanden suchen, der mich über die Grenze bringt." Sie redete durch ihre Zähne hindurch, in ganz langsamen Sätzen. "Und wenn ich durch den Wald kriechen muss, um nicht von einer der Minen erwischt zu werden!" Jan sah sie erschrocken an. "Woher weisst du das mit den Minen?" Emily wurde durch diese Frage nur noch wütender. Er gab ihr damit das Gefühl, dass er viel mehr wußte, als sie, und genau das war für sie das schlimmste, seit ihre Tochter verschwunden war. Sie stieß einen grellen Schrei aus. "Jan!! Das fragst du noch? Hast du mir vorhin überhaupt zugehört?" Plötzlich ging Jan aus dem Wohnzimmer. Kurz vor der Tür, ohne sich umzudrehen sagte er in einem gleichgültigen Ton: "Wenn du normal mit mir reden kannst, dann können wir uns gerne weiter unterhalten." Da stand Emily nun. Über sich selbst erschrocken und erschöpft von dem Zorn, den sie gerade in ihr breit gemacht hatte. Wie konnte sie sowas nur zulassen, sich dermaßen selbst zu vergessen? Was hat sie nur gerade getan?


Eingetragen am: 31.08.2008 von Kirsten
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„Das ist eine böse Geschichte“, brummt Swidbert, während er sich vorsichtig neben dem Feuer niederlässt, „Was gedenkst du zu tun?“
Kyra lehnt sich zurück, starrt in die zuckenden Flammen, und lässt gedankenverloren Sand durch die Finger rinnen. Außer dem Ächzen der verbrennenden Zweige ist nichts zu hören.
Lange Zeit sitzen die drei und schweigen, aber Kyra weiß, dass Esther und Swidbert eine Antwort erwarten.
Aber Kyra möchte keine Antwort geben.
Esther und Swidbert warten.
„Ich begleite dich“, murmelt Swidbert, „das ist meine Bestimmung!“
Kyra schluckt, „ICH“, begehrt sie auf,“ was in drei Teufels Namen habe ich damit zu tun? Ich bin ein kleines dreizehn jähriges Mädchen. Ich habe damit gar nichts zu tun. Bist du ein Kampfdrache? Nein bist du nicht! Du bist ein hässlicher watschelnder Wunschdrache, der vom Himmel gefallen ist. War das auch deine Bestimmung?
Bestimmung! Pah. „
Swidbert zuckt zusammen und legt seinen großen Kopf auf den kalten Boden. „Ja,“ flüstert er traurig, “ich glaube, das ist meine Bestimmung.“
Kyra fühlt sich schrecklich, und jetzt hat sie auch noch grundlos ihren besten Freund gedemütigt. Ihr kommen die Tränen.
Plötzlich springt sie auf und stolpert tränenblind in die Nacht. Nur weg hier.
Als sie auf die breite weiße Hauptstraße gelangt, werden ihre Schritte immer schneller. Sie fängt an zu rennen. Immer der schnurgeraden Straße folgend. Immer schneller immer schneller.
Ihr Atmen geht keuchend, und langsam fängt die Lunge an zu brennen. Die Muskeln in ihren Beinen beginnen zu schmerzen, unter den Füßen knirscht der Sand. Der Sauerstoff ist wie Gallert und scheint sich dagegen zu wehren, geatmet zu werden, und Kyra merkt, wie sie von Übelkeit überflutet wird.
Kyra rennt davon. Vor ihren Freunden, vor ihren Gedanken, vor ihrem Leben. Und plötzlich sind sie alle weg, leer ist der Kopf, verschwunden die quälenden Gedanken. „Frei“ denkt sie, „ ich bin frei!“, bevor sie strauchelt und hart auf den Boden aufschlägt. Weiße Blitze zucken vor ihren Augen, ihre Hand scheint unter der Wucht des Aufpralls zu bersten, in ihrem Kopf explodiert beim Aufprall ein roter Feuerball.
Tonnen scheint ihr Kopf zu wiegen, als Kyra wieder zu sich kommt. Als sie vorsichtig die Augen öffnet, vergisst sie für einen Moment ihre Schmerzen: Der zähe Nebel der letzten Tage hatte sich verzogen und wie ein Zelt wölbt sich der Himmel über sie, der rote Mond steht direkt über ihr und Milliarden und Abermilliarden Sterne funkeln in der klaren Nacht. Völlig überwältigt, schaut Kyra nach oben. „Ein Zeichen, Mutter,“, murmelt sie „schickt mir ein Zeichen. Oder nein, halt, schick mir keines. Dann kann ich hier liegenbleiben und sterben, oder wieder nach Hause gehen und einfach nur ein kleines Mädchen sein. Oder sonst was von den Dingen tun, die ich sonst auch tue.
Es kann doch niemand ernsthaft glauben, dass ich mich jetzt auf den Weg machen soll und die Welt retten. Und auch noch nicht mal meine Welt. Das ist doch lächerlich“.
Und Kyras Blick hängt wie gebannt am Firmament, denn sie ahnt es, sie weiß es. Es verwundert sie nicht, als sich just in diesem Moment eine Stern majestätisch von seinem Platz löst, mit seinem Feuerschweif eine lange Spur am dunklen Himmel zieht und dann in der Atmosphäre verglüht.
Kyra holt tief Luft. Eine Sternschnuppe, direkt aus dem Herzen des Drachen. Genauso gut hätte man in Leuchtschrift an den Himmel schreiben können: Geh! Oder mit einem Megaphon durch die Nach brüllen können: Geh!
Tränenerstickt schluchzt sie:“Ich habe doch einen Wunsch frei. Was glaubst du was
ich mir wünsche. Wie, das geht nicht!. ‚Was soll das heißen? Ich habe einen Wunschdrachen, der keine Wünsche erfüllen kann, und Sternschnuppen sind für mich auch nur bedingt zuständig. Sonst geht’s uns aber schon noch gut, oder?“
Es ist, als hielte die Zeit den Atmen an
Bestimmung, pocht ihr Herz, Bestimmung formt ihr Kopf, Bestimmung rauscht der Wind, Bestimmung flüstern die Sterne, Bestimmung nickt der Drache am Himmel.


Eingetragen am: 26.08.2008 von Manfred Mann
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Es war spätnachmittags. Die Straßenbahn war halb leer, als eine kleine Gruppe von sehr alten Leuten die breiteste Türe in der Mitte des Wagens in Angriff nahm, die am wenigsten Hindernisse bot. Sie brauchten dafür viel Zeit, was aber keinen der Fahrgäste zu stören schien; der Anblick war ungewohnt, und es war auch ein wenig wunderlich anzusehen, wie die Alten da standen und einander anblickten, als ob sie nicht wußten, was als nächstes kommt. Draußen feuerte eine korpulente Frau einen verwirrten alten Mann an, den letzten der störrischen kleinen Gruppe. Dieser schien zunächst überfordert, packte es aber schließlich dennoch und stieg überraschend leichten Schrittes ein, gefolgt von seiner schwitzenden Betreuerin.

Ihre Charge war drin, und die Türen schlossen, was Madame mit einem lauten Seufzer quittierte, die an die Adresse der Fahrgäste gerichtet war, welche die kleine Szene beobachteten. Ich schaute sofort weg. Sie aber kam erst richtig in Fahrt. Denn sie hatte nun ein Publikum. "Setzen!" hiess es für die noch stehenden Alten. "Aus dem Weg! Nach vorne schauen! Schluss jetzt! Du störst die anderen Leute hier!" hiess es für die sitzenden Alten. Ihre laute, selbstgerechte Tirade wurde immer lauter, ihr rotes Gesicht immer röter. Sie war in Hochform.

Um so überraschender muss es für sie gewesen sein, als ein junger Fahrgast, nicht älter als zwanzig, vor unseren Augen explodierte. "Ruhe!" donnerte es aus ihm heraus. Ich war nicht der einzige, der ihn erschrocken angesehen haben muss, doch er hatte nur die Herrscherin über die verwirrten Alten im Visier. "Die einzige, die hier stört, sind Sie! Also halten Sie Ihr verdammtes Maul!"

Es herrschte betretene Stille. Und ich muss zugeben, nun wusste ich nicht, was als nächstes kam. Doch dann, wie es sich für ein Publikum gehört, dem eine Szene gefällt, fing jemand an zu klatschen. Die restlichen Zuschauer stimmten kurz darauf mit ein, gefolgt von den Alten. Die Vorstellung war damit zu Ende.


Eingetragen am: 07.08.2008 von Sabrina Moriggl
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Ihr Haar duftete nach Gänseblümchen, ganz dezent. Es machte mich wahnsinnig ihren Körper so nah an den meinigen geschmiegt zu fühlen. Warum hatte ich ja gesagt, ich hätte den Tanz ablehnen sollen.

"Angel."
"Hm. Was ist?"
"Danke."
"Wofür?"
"Das du da bist... und mich nicht wegschubst."

Wegschubsen, als wäre sie Müll. Erwartet sie das von mir, ist es das was sie denkt, ich könne sie wegschubsen?
Sie sieht so traurig aus. Ich lege meine Hand auf ihre Wange, fühle ihr Haar. Verdammt was mache ich da? Sie ist deine Schwester Angel, deine Schwester!

"Tut mir leid"
"Nein, hör nicht auf."
"Maria ich... ich kann nicht."

Sie nihmt meine Hand und legt sie um ihre Taille, drückt ihren kleinen Körper enger an meine Hüfte, alles duftet nach Gänseblümchen. Ich dreh durch. Sie lächelt nur.

"Küss mich."

So viel spricht dagegen, ich hasse mich selbst dafür, ich bin ein Schwein. Ein niederträchtiges Schwein, aber... dieser Duft. Ich beuge mich zu ihr herab, berühre ihre Wange mit der meinigen.

"Das ist kein Spiel."
flüstere ich ins Ohr und gebe ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Bebend gehe ich davon und lasse sie auf der Tanzfläche zurück.


Eingetragen am: 28.07.2008 von Velarani
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Es war im Sommer nach dem Abi. Sie hatten den ganzen Tag geschuftet, alle mussten Geld verdienen, sie jobbten in einer Gärtnerei. Knochenarbeit, der Rücken tat ihnen weh, die Glieder waren bleischwer, aber sie waren jung, sie hatten Lust, noch was zu erleben, nach einem Bier und fettigem asiatischem Schnellimbiss-Essen war es ihnen egal.
Den Amerikaner kannten sie nicht, sie hatten ihn im 'Grenzland' getroffen, einer der Kneipen, in denen sie abends herumhingen. Er war schon älter, Ende dreißig, aber nett, er prostete ihnen zu, später setzte er sich an ihren Tisch und brachte alle zum Lachen mit seinen Geschichten. Dass er einsam war, hielten sie für Koketterie, er sei nur ein paar Wochen in der Stadt, erzählte er, recherchiere über Rechtsradikale, die Deutschen seien "serious, ambitious guys", in Amerika wären die Menschen viel offener, keiner von ihnen war jemals dort gewesen, aber sie hatten noch viel vor.
Die Kneipe hatte um zwölf Uhr dicht gemacht, dann waren sie zu ihm gegangen, sie wohnten ja alle noch zuhause. Sein Appartement hatte gräuliche Gardinen, in denen ein Geruch nach altem Rauch hing, er öffnete gleich das Fenster, als sie hereinkamen, und entschuldigte sich. Sie saßen auf der ramponierten Couchgarnitur um einen runden Tisch, tranken Wasser und rauchten, es gab auch Musik.
Es war gut, dass er ihr immer wieder einen Blick zuwarf, es gefiel ihr. Sie sagte nicht viel, fühlte sich wohl am Rande der Gruppe, sie war es gewohnt, dass sie oft unterging, die anderen Mädchen waren hübscher und flirteten ungeniert. Nach einer Stunde gähnten schon alle und brachen auf, ihr warf er einen Blick zu und sagte 'Bleibst du noch?', warum hätte sich auch jemand wundern sollen, das war ja ihre Sache. Dann schloss er die Tür, setzte sich wieder an den Tisch, schenkte sich ein. "You're an interesting girl", sagte er, es schmeichelte ihr. Im Hintergrund des Zimmers stand sein Bett, und sie hatte Angst vor dem, was kommen würde. Sein Gesicht war weich und gebräunt, die Haare lockig bis zum Kinn, die Augen leicht hervortretend, seine Haltung die eines selbstsicheren Erwachsenen in gebügelten Hosen, die Schultern tief in die Sofalehne gedrückt, den Unterkörper vorgeschoben.
Er küsste sie nicht mal. Er legte den Arm um sie, sie spürte, wie schnell sein Herz klopfte, er sagte ihr Nettigkeiten, seine Hände waren groß und lagen schwer auf ihr. Für ihn schien alles so selbstverständlich zu sein, sie wusste nichts zu sagen, versuchte, seine Hände von sich wegzuhalten, setzte sich auf und strich verlegen ihre Kleidung glatt. Er saß dicht neben ihr. Ihre Augen wanderten zu den Rändern, die die Wassergläser auf dem Holztisch hinterlassen hatten.
Dann öffnete er seine Hose, wobei er sie anschaute, sein Blick aus braunen Augen schien klebrig und feucht auf ihr zu liegen. Er nahm ihre schlaffe Hand, legte sie auf seinen Schwanz und schloss sie mit festem Griff darum, seine Hand ließ er kurz auf ihrer liegen und warf sich nach hinten, es kam ihr schäbig vor und als ob sie keine andere Wahl hätte. Sein Glied war warm und dick, die Eichel lag frei, es richtete sich auf in ihrer Hand wie ein kleines Tier. Sie hatte das Gefühl, etwas für ihn tun zu müssen und empfand eine seltsame Dankbarkeit, weil es nichts Schlimmeres war. Die andere behaarte Männerhand hatte ihr Knie gepackt, er stöhnte, ihr Gesicht war heiß, ihren Körper spürte sie nicht, in der Leere in ihrem Kopf schwebte das winzige Bild einer aufgelösten Achtzehnjährigen mit einem schweren teigigen Männerkörper auf dunkelbraunem Cordsamt, dazwischen bewegte sich dieses kleine Tier. Es dauerte nicht lange, sein Sperma schoss wie Eiweiß heraus, er drückte mit der freien Hand ihren Kopf herunter und sagte: "Watch life coming out!" Danach wusch sie sich die Hände an einem kleinen Waschbecken und verabschiedete sich schnell, eigentlich war es eine Flucht.
Keine Wut, nur Taubheit, Ekel, Selbstvorwürfe, Reue. Am nächsten Tag arbeitete sie schweigend gegen die dumpfe Müdigkeit und die Menstruationsschmerzen im Unterleib an, ein Stechen pulsierte in ihrem Kopf, sie trank viel Wasser, nach acht Stunden hatte sie Blasen an den Händen und fühlte sich besser.
Am Abend saß er wieder im 'Grenzland'. Sie hatte eine Cola geholt und war auf dem Weg zu ihrem Tisch in der Ecke, sie stand schon fast vor ihm, als sie ihn bemerkte. Blitzschnell formte sich ein abweisendes Lächeln und eine kühle Abfuhr in ihrem Kopf, da sah sie das lockige Mädchen neben ihm, dessen Hand er hielt und auf das er einsprach. Sie nahm er gar nicht zur Kenntnis, es gab sie nicht, es gab nur diesen neuen Fang.
Erst da schnellte der Zorn mit seiner scharfen Klinge in ihr auf und löschte ihre Gedanken aus. Sie ging vorbei, in der Hand das unsichtbare Messer, schwarz war es in ihrem Kopf, sie spürte nur die Faust, die den Griff des Messers fest umschloss, fest, das lange Messer, sie hielt sich daran fest. "Komm mir nicht zu nahe", stand in Großbuchstaben darauf geschrieben. Ein kleiner harter Kern bildete sich in ihrem Inneren. Die Finger schmerzten, so fest hatte sie die Faust geballt, eine Blase war aufgegangen auf dem langen Weg durch zähe Watte bis zu ihrem Tisch. Sie presste die Lippen aufeinander. Watch life coming out.


Kommentar von Metta Maiwald

Merkwürdig, dass dieses Spiel immer wieder funktioniert. Der Mann ist nett, darum traut die Frau sich nicht, einfach zu gehen oder ein klares "nein" zu setzen. Vielleicht passiert dann Schlimmeres? Sie versucht, seine Hände von sich wegzuhalten. Er ignoriert die nonverbalen Signale. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann dieses Gefühl der Hilflosigkeit vielleicht nicht verstehen. Mir kam es allzu bekannt vor. - Das "Eiweiß" gefällt mir nicht so gut. - Die doppelte Bedeutung des letzten Satzes könntest Du vielleicht noch verstärken durch ein weiteres Symbol, z.B. ein Glas Tomatensaft, das sie dem Typen versehentlich übern Latz gießt. "Was hast du getan?", keuchte er. Mit ungläubigem Entsetzen starrte er auf den roten Fleck, der sich auf seiner Hose ausbreitete. Watch life coming out. - Gehört diese Szene mit in Deinen Roman, oder ist es ein separater Übungstext?

Eingetragen am: 11.08.2008

Kommentar von scacha

Hi Velarani, den letzten Satz als Effekt des Mordes durch ihr Messer - das ist genial. Habe ich so nicht verstanden beim Lesen. Vielleicht weil sie da schon an dem Typen vorbei ist, weil "Blase aufgegangen", "Watte" und "Tisch" schon dazwischen ist. LG

Eingetragen am: 05.08.2008

Kommentar von scacha

... Würde sich so ein Typ im Krimi nicht eher als Täter eignen?

Eingetragen am: 05.08.2008

Kommentar von scacha

Igitt - "Watch life coming out" - dieser Satz geht einem echt nach (kann man sich so etwas ausdenken?). Was für ein Ekel. Dein Text gefällt mir, man wird sofort hineingezogen ins Geschehen und die Atmosphäre. Der Klang der Sätze, oft packst du mehrere hinein, bevor du einen Punkt machst, passt gut zur etwas melancholischen, niedergedrückten Stimmung. Gut gefiel mir die Wendung "wie ein kleines Tier" ... habe ich noch nie irgendwo gelesen. Ich wünschte mir, sie hätte ihm am Ende doch irgendwie real einen draufgegeben. Andrerseits war so ihr Zorn zumindest ein optimaler Schutz, den er auf keinen Fall hätte durchbrechen können. Danke übrigens für die Anmerkungen zu Majo - auch zu der mit der Tür und der Säge, dass man nur um die Klinke sägen muss. Ich musste lachen, dass ich nicht darauf gekommen bin.

Eingetragen am: 05.08.2008

Kommentar von Velarani

Hallo Lillilu, ich hatte eher an Mordgelüste gedacht - das wäre dann sein Leben, was rausquillt. Falls ich mal einen Krimi schreibe, eignet sich so ein Kerl als Leiche! LG Velarani

Eingetragen am: 03.08.2008

Kommentar von Lillilu

Hallo Velarani, was das Messer betrifft habe ich es so verstanden, dass es eine umgekehrte Wiederholung der Faust ist, die um sein Glied gepackt wird. Bei ihm quillt „Life“ heraus und bei ihr öffnet sich die Wundblase und die Verletzung quillt heraus. Ist das so gedacht? Aber ich bin immer noch in Rage über „Watch Life coming out“ – dass Kerle ihre Geilheit mit dem Attribut des Lebens betiteln können, ist empörend! Ich rege mich jetzt so auf, weil der erste Mann in meinem Leben auch so einer war: Wenn er eine junge Mutter mit Kinderwagen an der Ampel stehen sah, kurbelte er das Fenster runter und rief „Schmeissen Sie Ihr Kind weg – ich mach Ihnen ein neues!“ Das ist der Mann, über den ich bisher in „Taube in der Tanne“ noch nicht schreiben konnte – ich war 17 und hatte von absolut nichts eine Ahnung! Soll sie der Teufel holen, die Männer, die mit dem Schw... denken! LG Lillilu

Eingetragen am: 03.08.2008

Kommentar von Velarani

Hallo Angela! Ich selber zucke auch zusammen bei dem Wort, finde es aber eigentlich gut so bei diesem üblen Typen, das Mädel erzählt ja nicht selbst. Oder findest du, dass die story dadurch an Glaubwürdigkeit verliert? Danke, Lillilu, "unglaublich überheblich" finde ich das auch. Ist der Schluss eigentlich verständlich mit der Wiederholung, dass das Messer in ihrem Zorn noch eine ganz andere Bedeutung des Satzes transportiert? Liebe Grüße an euch beide, Velarani

Eingetragen am: 02.08.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ein beeindruckender Text. Ich habe nur einmal kurz gezuckt, als von ‚Schwanz’ die Rede war. Wer solche Worte gebraucht, hat für gewöhnlich die Situation im Griff. Deine Prota ist jedoch eine schüchterne 18-jährige. Hätte sie wirklich diesen Begriff gewählt? Das ‚kleine Tier’ gefällt mir deutlich besser. Und es gibt mir einen Hinweis auf ihre kindlich-unschuldige Denkweise. Dadurch kommt besser zur Geltung, dass sie mit der Situation überfordert ist.

Eingetragen am: 30.07.2008

Kommentar von Lillilu

Oh ja, das sitzt! Der teigige Männerkörper, das kleine Tier und das braune Samtsofa und dann dieses unglaublich überhebliche Watch life coming out! Und frau muss erst noch lernen wie wertvoll sie ist. Aber am nächsten Tag schon weiß sie es! Eine wunderbar stimmige Episode, jenseits jeder Effekthascherei. LG Lillilu

Eingetragen am: 29.07.2008

Eingetragen am: 21.07.2008 von Margyt Brewer
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Elvira war eigentlich eine eher besonnene Frau, die ihre Gefühle schon in früher Kindheit nicht herausließ. Vorwürfe und Anschuldigungen schluckte sie in jedem Falle erst einmal hinunter, um später, ähnlich einer wiederkäuenden Kuh, alles noch einmal zu durchdenken. Waren die Vorwürfe berechtigt, so entschuldigte sie sich für ihr Verhalten. Fand sie aber, dass sie im Recht war, so gab ihr Wesen nicht eher Ruhe, bis sie die Sache oft sehr diplomatisch geklärt hatte.
Ab und zu litt die junge Frau an der ihr fehlenden Spontanität der Emotionen. Allerdings war sie im Nachhinein immer recht froh, diese Charaktereigenschaft zu besitzen.
An diesem Tag aber hatte sich so viel bei ihr angestaut, dass es einfach nicht zum „Wiederkäuen“ kam.
Die angekündigte Scheidung der Schwiegertochter, die erst seit ein paar Monaten mit Elviras großem Sohn Jörg verheiratet war, hatte die zweifache Mutter stark aus der Fassung gebracht.
Aber dass nun die junge Frau, die unbedingt während der Zeit der Wehrpflicht von Jörg auf eine Hochzeit gedrängt hatte auch noch all die schönen Hochzeitsgeschenke von der Schrader`schen Verwandtschaft behalten wollte, brachte sie zur Raserei.
Da kaum jemand in der DDR einen Telefonanschluss hatte, wurden Privatgespräche meist von der Arbeit aus geführt und so saß Elvira an jenem Tag wie auf Kohlen an ihrem Schreibtisch. Die Arbeit wollte ihr einfach nicht von der Hand gehen. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab. Wohl zum hundertsten Mal überlegte sie, wie sie diesmal die Sache diplomatisch lösen könnte.
Jörg hatte so schlimm an seiner Enttäuschung zu kauen, dass ihm alles egal war. Er wollte nur seine Ruhe haben.
Das aber konnte ja wohl nicht sein. Spontan griff Elvira zum Hörer. Da sie aber Manuela nicht erreichte, rief sie bei deren Mutter an.
„Hallo Inge, ich wollte mich mit Dir mal wegen der Teilung der Geschenke unterhalten.“
Tatsächlich war auch Manuelas Mutter der Meinung, dass dies nun alles der jungen Frau gehöre und sie nichts herausgeben würde. „Der Jörg will doch gar nichts haben!“

„Das kann ja wohl nicht sein! Wir haben die neue Wohnung für das junge Paar nicht dafür hergerichtet, dass Deine Tochter unseren Sohn während der Wehrpflicht mit einem Anderen betrügt“.

Wohl das allererste mal in ihrem Leben flippte Elvira so fürchterlich aus, dass selbst der gerade ins Büro kommende Kollege erschrocken das Weite suchte.

„Helmut hat renoviert, die Fenster neu gestrichen, wir haben gerade noch einen Tisch gekauft.
Jörg hatte sich so auf seine Entlassung nach 18 Monaten und auf seine junge Frau gefreut und was macht die, die springt mit einem Anderen in die Kiste. Und nun will sie auch noch alles Materielle an sich reißen, Ihr spinnt doch wohl!“ Ohne der Frau am anderen Ende die Möglichkeit zu einer Entgegnung zu geben, schrie sie atemlos weiter:
„Am Samstag um 10.00 Uhr kommen wir in die Wohnung, um die Geschenke aus unserer Familie abzuholen, sonst passiert was!“ Wütend aber erleichtert knallte Elvira hochrot im Gesicht den Hörer auf die Gabel.
Der vorsichtig zur Tür hereinschauende Kollege sagte völlig erstaunt: „Warst Du das wirklich?
Dass Du so schreien kannst hätte ich niemals gedacht.


Eingetragen am: 20.07.2008 von Marie Stiehl
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„Elke hör auf damit!“
„Las das bleiben, die flippt voll aus!“
Ich ignorierte alle. Warum sollte ich mich normal benehmen, wenn alle der Meinung sind, ich habe einen an der Waffel.
Hier auf Station Magdalena konnte es richtig lustig sein.
Ich hatte Schmacht.
Die dicke Bulemikerin sollte mir gefälligst eine Kippe geben!
Gestern hatte ich noch zwei Stangen.
Rosario hat Sie mir gebracht.
Hier herrscht Zigaretten Mangel.
Ich hatte die zwanzig Pakete einfach verschenkt.
Nur an mich hatte ich nicht gedacht.
Ich war der festen Überzeugung, Rosario würde mir wie ausgemacht neue mitbringen.
Dummerweise habe ich verdrängt wie ich mich gestern benommen habe.
Womöglich habe ich mal wieder ein Besuchsverbot erwirkt.
Na ja so richtig wollte ich dem Pfleger eigentlich nicht in seinen Hintern treten.
In Wahrheit, nun es handelte sich um einen Unfall, sagen wir mal so. Ich wollte doch nur Rosario und meine Eltern provozieren. Eigentlich wollte ich mich absichtlich daneben benehmen.
Das ist mir auch zu Hundert Prozent gelungen.
Wie gesagt es war Besuchszeit, meine Eltern und Rosario waren da.
Ich war auch nur so sauer, weil mir niemand richtig zuhörte.
Kind Du bist krankheitsuneinsichtig haben die Ärzte gesagt.
Das Gelaber macht mich wütend. Ich fühle mich so unverstanden wie noch nie in meinem Leben.
Gut, ich sehe ein ich bin krank, dann aber mit allen Schikanen. Ihr habt es nicht anders gewollt.
Ich stehe auf.
„Papa, gib mir mal ein Zigarillo!“
Papa schaut Mama an. Schulterzucken. Ich bekomme den stinkenden Stengel.
Genüsslich genehmige ich mir einen tiefen Zug.
Vom Raucherraum kann man in den Flur sehen.
Pfleger Tobias unterhält sich mit einer kleinen Nonne.
„Schaut mal alle her! Ich trete dem Pfleger mal saftig in dem Arsch!“
Der ganze Raum verstummt.
Alle Augen sind auf mich gerichtet.
Die kleine Nonne lässt ihr Taschentuch fallen.
Tobias bückt sich.
Ich nehme Anlauf.
Ich hole aus.
Ach, ich wollte doch eigentlich nur so tun.
Sehen wie Papa sich am Rauch verschluckt, wie Mama ihm auf den Rücken klopft und wie Rosario
Seiten an seiner Frau entdeckt, die er nie für möglich gehalten hätte.
Dumm gelaufen.
Irgendwie hätte ich vorher anhalten sollen.
Für mich war die Besuchszeit zu Ende.
Die waren hier aber auch kleinlich.
Der Tobias hätte sich aber auch nicht so anstellen sollen.
Die dumme Nonne hat fast einen Herzklabaster gekriegt.
Entschuldigung, war nur Spaß, zählt hier nicht. Die verstehen hier keinen Spaß.
So macht man sich Freunde.

Ich schlendere zum Schwesternzimmer.

„Hallo Schwester Pumuckel!“eigentlich mag ich die rothaarige Schwester.
„Ich brauche dringend Kippen!“quengele ich.
„Ich glaube der Pfleger Tobias hat welche“, entgegnet sie ironisch.


Eingetragen am: 20.07.2008 von Eva Marie Iffland
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Hallo ihr Lieben,
Ich bedanke mich für die Kommentare und die anerkennenden Worte.
Zu den Fragen:
Alles ist Wahrheit, reine Wahrheit.
Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung eines Tagesablaufs im Jahre
1908. Obriger Beitrag ist die Erklärung dazu.
Viele Grüße und ein gutes Gelingen des nächsten Beitrags.

Eva


Kommentar von Lillilu

Liebe Eva Marie, keine kleine, aber wichtige Anmerkung: Wenn du deinen Kommentatoren schreiben möchtest - wie hier - dann klickst du in KOMMENTIEREN (rot) rein und deine Grüsse landen dann direkt unter den Kommentaren. Wenn du bei BEITRAG reintippst, wird daraus ein neuer Beitrag und man weiß nicht mehr, worauf sich dein Kommentar bezieht. Lieben Gruss Lillilu

Eingetragen am: 06.08.2008

Eingetragen am: 17.07.2008 von Antigone
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Das Ultimatum

Lena umschloss die sperrige Klinke mit ihrer schmalen Hand und stemmte sich gegen die schwere Eisentür. Die Tür öffnete sich mit leisem Quietschen und die zierliche Frau schlüpfte in den Rundbau.
Dämmerlicht und Stille umfingen Lena; sie war schlagartig in einer anderen Welt. Ihre Schritte hallten fremd und unwirklich durch die menschenleere Kirche, als sie, vom warmen Kerzenlicht angezogen, auf den Marien-Altar zuschritt.

Lena zündete eine Kerze an und wandte sich dem Madonnen-Bild zu. "Ich hab noch nie etwas für mich erbeten," flüsterte sie, "aber jetzt tue ich es. Und ich tu es nicht für mich allein, ich muss Mama schützen! Bitte, hilf uns, Maria, wir wissen nicht mehr weiter. Weltliche Instanzen können nichts für uns tun, nur Du kannst es noch!" Tränen rannen ihr übers Gesicht, tropften auf die glutroten Pfingstrosen zu Füßen der Madonna. "Bitte, lass uns nicht auch noch im Stich!" schluchzte sie.

Lena senkte den Kopf, ihre Gedanken wanderten zurück. Im März vor einem Jahr hatte ihr Unheil begonnen - in Gestalt von neuen Mietern aus Marokko. Dabei schien zunächst alles so harmlos. "Die neuen Mieter haben einen behinderten Sohn," hatte es im Vorfeld geheißen und niemand dachte Schlimmes dabei.
Am Tag des Einzugs sah Lena den behinderten Fünfundzwanzigjährigen im Rollstuhl vor dem Haus. Eine in sich zusammengesunkene, massige Gestalt mit übergroßem Kopf, aufgedunsenem Gesicht und glattem, schwarzem Haar, das in unregelmäßigen, speckig glänzenden Strähnen an die Schultern stieß.
Aus dem offenen Mund rann Speichel und mit vorquellenden Augen glotzte er wie ein gestrandeter Fisch stumpf ins Leere. Lena wollte Mitleid mit ihm empfinden, aber es gelang ihr nicht. Sie fand dieses eigenartige Wesen, das einer anderen Wirklichkeit entsprungen schien, einfach nur abstoßend. Es war das erste und letzte Mal, das sie den Behinderten aus der Nähe zu sehen bekam.

Seine Stimme bekam sie nun täglich zu hören. Mitunter sanft wie eine Taube: "Gruh-gruh, Gruh-gruh!", dann wie die Schafe auf der Weide: "Mäh-mäh, Mäh-mäh!" Dazwischen erklangen die unterschiedlichsten Laute, Pfeiftöne, Bärengebrumm oder Babygeschrei. Die Töne wiederholten sich oft stundenlang. Lena nannte den Behinderten "Schreihals"; seinen wirklichen Namen würde sie wohl nie erfahren.
Hatten Lena und ihre Mutter diese Geräuschkulisse anfangs noch amüsiert belächelt und kommentiert, so verging ihnen bald das Lachen. Wenige Tage nach seinem Einzug brüllte der Behinderte wie eine Kuh im Stall und oft gab er markerschütternde Schreie von sich, die Lena fürchten ließen, er werde soeben gevierteilt.
Schließlich wurden Lena und ihre Mutter mitten in der Nacht von lautem Geschrei aus dem Schlaf geschreckt. Die Schreie hielten stundenlang an. Niemand im Haus hatte ernsthaft damit gerechnet, dass der Behinderte auch nachts schreien würde.

"Mein Sohn hat Bauchschmerzen", erklärte der Vater des Schreihalses Lena am nächsten Tag, "und sein Arzt ist in Urlaub." "Haben Sie ihm denn ein Schmerzmittel gegeben?" erkundigte sich Lena. "Tabletten?" Der hagere Mann mit der bunten Strickmütze war außer sich. "Mein Sohn braucht keine Tabletten! In Marokko drücken die Ärzte nur auf den Bauch, die Luft kommt raus und der Junge hört auf zu schreien. Wenn Sie krank sind, müssen Sie zu marokkanischen Ärzten gehen, die sind viel besser als die deutschen!"
Der Behinderte schrie nun ungehemmt immer wieder mitten in der Nacht. Mal hatte er angeblich Zahnschmerzen, dann Ohrenschmerzen und schließlich wieder Bauchschmerzen.
Lena zündete eine weitere Kerze an und versank für einen wohltuenden Augenblick in der Schönheit der Pfingstrosen.

Eines Nachts rief Lena die Polizei zu Hilfe. Von oben hörte sie, wie der Vater des Schreihalses im Erdgeschoss gleich zwei Polizisten hinters Licht führen wollte. "Der Kinderarzt meines Sohnes ist in Urlaub!" verkündete er den Beamten. Lena war froh, die Polizisten im Vorfeld eingehend informiert zu haben. "Zum Kinderarzt - mit Fünfundzwanzig?" hakte der Polizist nach. Der Alte wand sich wie ein Aal und fand fadenscheinige Ausflüchte. Dann holte er zum Schlag gegen Lena und ihre Mutter aus. "Die oben haben immer etwas zu meckern. Die Tochter ist eine richtige Hexe! Wenn es denen nicht passt, dann können die doch ausziehen!" Die Polizisten ließen sich nicht beirren und ermahnten den Marokkaner zu rücksichtsvollem Verhalten gegenüber den Nachbarn.
Nach diesem Vorfall konnten die einunddreißig Mieter in Lenas Hauseingang eine Woche nachts durchschlafen. Dann begann alles wieder von vorn. Und Lena hatte einen Feind.

Nachdem Lena dreimal innerhalb von knapp zwei Wochen nachts die Polizei alarmierte, wurde es für eine Weile auffallend ruhig. Nachbarn beobachteten, wie der Marokkaner seinen Sohn um Mitternacht im Rollstuhl zum Wagen brachte. Lena vermutete, dass er so lange mit dem Behinderten durch die Gegend fuhr, bis dieser sich beruhigt hatte. Die Ruhe hielt gute vierzehn Tage an, dann war alles wieder beim alten. Die Eltern schien das Schreien ihres Sohnes selbst nachts nicht zu stören und das Wohlbefinden ihrer Nachbarn kümmerte sie offenbar noch weniger.
Lena schrieb zornige Briefe an die Wohnungsgesellschaft, die eine Sozialarbeiterin mit der Angelegenheit betraute. "Das ist ein sehr sensibler Fall!", betonte die Sozialarbeiterin, eine blasse Frau mit braunem Pagenschnitt, immer wieder und viel mehr sagte sie nicht. Sie verlegte sich aufs Vertrösten. "Wir suchen gemeinsam mit den Eltern ein Haus für die Familie!" versprach sie.

Damals ahnte Lena nicht, dass sie die schlimmste Zeit mit dem Behinderten noch vor sich hatte. In den Wintermonaten konnte sie und mit ihr der ganze Hauseingang erst einmal aufatmen. Die Marokkaner verbrachten drei Monate in ihrem Heimatland.
Mitte März kehrte die Familie zurück und übertrug ihrer Tochter und einem gesunden Sohn vorübergehend die Betreuung des Behinderten. Jetzt begann für Lena die schlimmste Zeit ihres Lebens. Der Sohn führte das Regiment als Stellvertreter seines Vaters mit eisernen Hand. Er stellte von Anfang an klar, dass seine Eltern nicht an einen Umzug dachten. "Meine Eltern sind schon drei Mal umgezogen, sie haben genug davon!" erklärte der Endzwanziger mit dem überzogen selbstsicheren Auftreten und dem scharf geschnittenen Gesicht ganz unverblümt. Immer, wenn Lena oder ihre Mutter ihn um etwas mehr Ruhe baten, appellierte er zunächst an das Mitgefühl seiner Nachbarn: "Was glauben Sie, was meine Eltern und wir mitmachen?"

Mit Schaudern blickte Lena auf die letzte Begegnung mit dem kleinen, schmächtigen jungen Mann zurück, dessen Gesichtszüge sie an das Fahndungsfoto eines gesuchten Terroristen erinnerten.
Der Stock des neuen Sonnenschirms, den Lena durch den Hausflur trug, hatte versehentlich die Wohnungstür der Marokkaner gestreift. Sofort riss der Sohn die Tür auf und schnauzte Lena an, was der Krach solle. "Und was soll der Krach bei Ihnen?" konterte Lena, denn der Behinderte schrie bereits seit Stunden.
"Wir sind ja nicht im Altenheim! war die Antwort. "Aber auch nicht im Irrenhaus!" versetzte Lena und ging die Treppe hinauf, verfolgt von einer Schimpftirade des Marokkaners. "Mit wem steitest Du denn?" rief die Schwester aus der Wohnung, als Lena außer Sichtweite war. "Ach, mit der Hure von oben!" erwiderte der Marokkaner. Lena nahm sich vor, diese Beleidigung anzuzeigen, wohl wissend, dass sie damit ihr Leben riskierte.

Lena gingen die vielen schlaflosen Nächte nicht aus dem Kopf, die der Schreihals ihr und ihrer Mutter schon bereitet hatte. Das Schreien klang selbst hier, in der beruhigenden Stille der Kirche, noch immer in ihren Ohren.
Sie dachte an die Mittagszeit, in der ihre Mutter nach einer durchwachten Nacht etwas Ruhe suchte und selten fand, weil immer dann, wenn sie die Tür zum Schlafzimmer geschlossen hatte, das "Tuck-tuck-tuck", "Gruh-gruh-gruh" oder "Bääh-bääh-bääh" wieder begann.
Seit der Schreihals seinen Brüllbedarf ins Uferlose ausgedehnt hatte, nannte Lena ihn nur noch Brüll-Monster. Schreihals klang endschieden zu harmlos für das, was er dem gesamten Hauseingang tagtäglich bot.
Das plötzliche Knistern der Kerzen holte Lena für einen Augenblick in die Gegenwart zurück. Sie blickte sich in der Kirche um und stellte erleichtert fest, dass sie immer noch die einzige Besucherin war.

"Was für ein Albtraum!" dachte Lena. Sie konnte sich kaum eine schlimmere Strafe vorstellen als Schlafentzug, dazu noch in Tateinheit mit stundenlangem Lärmterror am Tag. "Was haben wir nur verbrochen und was für Gesetze hat dieses Land?" klagte sie laut. "Es ist unfassbar, dass keine Institution einschreiten kann, wenn es um die Gesundheit von 31 Bürgern geht!" "Wir können nur etwas unternehmen, wenn der Behinderte eine Gefahr für sich selbst oder für andere ist", hatte das Gesundheitsamt erklärt.
"Er ist mehr als eine Gefahr", dachte Lena, "er ist eine tickende Zeitbombe für unsere Gesundheit, vielleicht sogar für unser Leben." Sie wusste, dass es Studien gab, nach denen nächtlicher Lärm bei gesunden Personen sehr oft zum Herzinfarkt führte. Und dass Schlafentzug das Immunsystem in höchstem Maße schädigte, war auch hinlänglich bekannt. Weshalb berücksichtigte man diese Faktoren nicht endlich in der Gesetzgebung?
"Soll man ihn denn wegsperren?" fragte eine Polizistin Lena einmal. "Dann ist es also besser, er macht 31 gesunde Menschen kaputt?" war Lenas Gegenfrage, die unbeantwortet blieb.

Lena und ihre Mutter waren die einzigen Deutschen in dem Hauseingang mit acht Mietparteien und so fiel Lena stets die ehrenvolle Aufgabe zu, die Beschwerde-Briefe an die Wohnungsgesellschaft zu verfassen. Die Mieter kamen aus Afrika, Indien, Marokko, Polen und aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Über ihnen wohnte die Familie aus dem Kosovo mit fünf zierlichen Blondschöpfen, die oft bei Lena klingelten und die neuesten Nachrichten aus der Nachbarschaft erzählten. Inder mit vier dunkelhäutigen Kindern waren Nachbarn des Brüll-Monsters. Die Kinder empfingen Lena mit ihren großen, kummervollen Augen schon vor der Haustür, wenn sie aus der Arbeit oder vom Einkaufen kam.
Zu beiden Familien hatte Lena einen besonders guten Kontakt. Die Kinder suchten ihre Nähe und baten sie immer wieder, an die Wohnungsgesellschaft zu schreiben.
Die zwölfjährige Nikita hatte Lena erzählt, dass sie in der Schule sehr nachgelassen hatte, seit das Brüll-Monster ständig schrie. Oft stand sie schon um 5 oder 6 Uhr morgens auf, um in Ruhe zu lernen, aber da begann der Behinderte schon wieder zu schreien.

Lena spürte, wie kalte Wut in ihr hoch kam. Sie wandte sich der Jesus-Figur vor dem Beichtstuhl zu. "Du bist schuld!" sagte sie anklagend. "Du hast gesagt, dass man die andere Wange auch noch hinhalten soll, wenn man geschlagen wird! Wir halten inzwischen unser Leben hin - für einen Verrückten! Das kann doch nicht Dein Ernst sein! Wo ist da der Sinn? Ich verstehe ihn nicht, sag ihn mir! Nenn uns das Vergehen, das mit so einer Strafe geahndet wird!"
Lena sank in eine Bank. Erneut liefen ihr Tränen übers Gesicht und ein heftiger Weinkrampf schüttelte sie. "Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!" kam es ihr in den Sinn. "Denn mein Joch ist sanft und meine Bürde ist leicht!" "Diese Bürde ist so schwer, dass wir sie nicht mehr tragen können", wimmerte sie, "nimm sie von uns!! Wo ist Deine Erquickung, wo?"
Lenas Gesundheit hatte durch den ständigen Schlafmangel und den Dauerstress mit dem Behinderten und dessen Angehörigen stark gelitten. Sie war im letzten Jahr um Jahre gealtert, klagte ständig über Kopf- und Magenschmerzen, war fahrig geworden und noch dünner als ohnehin schon.

Bereits seit sieben Jahren kam sie sich vor wie Hiob. Ein Unheil nach dem anderen hatte sie und ihre Mutter aufgesucht. Alles begann mit dem Krebstod ihres Vaters. Bald darauf musste der Mutter nach einem Unfall ein künstliches Schultergelenk eingesetzt werden. Vier Operationen waren nötig gewesen, aber die Beweglichkeit des Armes blieb so stark eingeschränkt, dass Lenas Mutter bei vielen Verrichtungen auf fremde Hilfe angewiesen war. Lena hatte ihre Wohnung gekündigt, um der Mutter beizustehen.
Ein Jahr später wurde Lena ein gutartiger Tumor im Knie entfernt und im letzten Jahr musste sich ihre Schwester einer Chemotherapie unterziehen. Sie hatte Brustkrebs.
Und zu all dem kamen noch die dauernden Ruhestörungen und der Schlafentzug. Vor ein paar Monaten hatte Lena deshalb schon ihre Stelle verloren, weil sie ständig übermüdet zur Arbeit kam und sich nicht mehr konzentrieren konnte. Lena sehnte sich nur noch nach Ruhe, alles andere war unwichtig geworden.

Lena blickte in die flackernden Kerzen. "Gott-Vater!" stieß sie hervor, "Du bist der Gott des Lebens und des Todes. Du bist auch ein Gott des Krieges. Du hast den Franzosen die Heilige Johanna geschickt, damit sie ihren Krieg gewinnen. Du führtest die Ägypter ins Rote Meer, um die Israeliten zu retten. Und Du schicktest eine Sintflut über die Erde, die alle sündigen Menschen verschlang.
Wir sind auch im Krieg, Gott, und wir haben keine Heilige Johanna, die uns beisteht. Du hast uns in diesen Krieg geführt, Du musst uns wieder heraushelfen! Lena steigerte sich in ihrer Erregtheit. "Und weil es keine andere Lösung gibt, musst Du diesem Tiermenschen das Leben, dieses sinnlose Leben, das Du ihm gabst, wieder nehmen! Töte ihn!" schrie Lena. "Töte ihn!" hallte es durch die stille Kirche. "Ich gebe Dir genau vierzehn Tage. Wenn Du es bis dahin nicht erledigt hast, werde ich ihn töten, das verspreche ich Dir. Und ich werde kein schlechtes Gewissen haben, weil es Notwehr ist und weil ich einunddreißig Menschen helfe, ihre Gesundheit zu bewahren!"
Lena atmete tief durch. Sie fühlte sich besser. "Was jetzt auch geschieht, Du hast die Verantwortung dafür! Du musst Dich entscheiden - er oder wir!"


Kommentar von Antigone

Hallo, Azahar, danke für Deine positive Meinung. Bin froh, dass Du den Text richtig verstanden hast und Dich offenbar in Lenas ausweglose Situation hineinversetzen konntest. So sehr in die Enge getrieben, sind extreme Gedankenspiele vorprogrammiert. Ja, der Beitrag gehört zu meinem Roman-Thema Nr. 1, das sich mit der Situation einer arbeitslosen Frau beschäftigt, die sich um ihre kranke Mutter und ein Rudel Kinder der Verwandtschaft kümmert und dabei selber fast verkümmert. Sie sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen, wird aber ständig von den Umständen aufgehalten und schließlich von der dreisten Familie des Behinderten bis zur Schmerzgrenze gepeinigt.

Eingetragen am: 21.07.2008

Kommentar von Velarani

Ich musste mehrmals schlucken und aufkommende Wut unterdrücken, als ich deinen Text gelesen habe - ein gefährliches Spiel mit Vorurteilen gegen Ausländer und Behinderte treibst du da, bis hin zur dick aufgetragenen Begründung für "unwertes Leben"! Ich hoffe sehr, dass du noch deutlich machen kannst, in was für einen Wahn sich Lena da hineinsteigert, vielleicht durch einen Gegenspieler (Polizist)? Sonst wäre die Übernahme ihrer menschenfeindlichen Gedanken unerträglich ("..wohl wissend, dass sie damit ihr Leben riskierte." z.B. - ist ja wohl ihre Sicht und keine Tatsache). Zwei kleine Anmerkungen: "kamen aus Afrika, Marokko .." - Marokko liegt in Afrika, aber das weiß Lena vielleicht auch nicht?, und Marokkaner reisen auf alle Fälle eher im Sommer für drei Monate nachhause, weil da alle Verwandten aus Frankreich z.B. kommen. Den Text hast du jedenfalls gut aufgebaut, man muss sich wirklich mit Lenas Sichtweise beschäftigen.

Eingetragen am: 21.07.2008

Eingetragen am: 16.07.2008 von Linda Cuir
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14693

Esther. Zum Roman - die Teepflückerin -
Esther ließ sich lachend auf die grün gestrichene Gartenbank fallen. Sie war vollständig erschöpft, Schweiß rann ihr in kleinen Bächen zwischen ihren wohl geformten Brüsten den Körper hinunter. Ihr Blutdruck musste um das Doppelte erhöht sein, denn sie fühlte den Puls an ihren Schläfen unaufhörlich pochen. Sie war vollkommen außer Atem, aber sie war glücklich. Nach fast drei Jahren hatte sie das erste Mal gegen Henry ein Tennismatch gewonnen. Gegen Henry, diesen gut aussehenden, immer ein wenig arrogant wirkenden Bankierssohn, der schon auf der Universität immer der Beste war. Alle Mädchen rissen sich um ihn. Es gab keine Meisterschaft bei der Henry nicht als Sieger hervorging. Wie oft hatte sie in den letzten Monaten kurz vor einem Sieg gestanden und dann doch noch in letzter Minute gegen ihn verloren. Esther nahm schnell ein Frottee-Handtuch aus ihrer Tennisschlägerhülle und wischte sich das hitzige Gesicht damit ab. „Sicherlich bin ich puterrot im Gesicht“, dachte sie. Henry kam quer über den roten Sand zu ihr herüber und schlug mit seinem Tennisschläger kurz auf die Netzkante. „War seine Verärgerung echt?“ „Gratulation“, rief er und setzte sich neben Esther auf die Bank. Er sah nicht im Geringsten erschöpft oder verschwitzt aus. Die Bügelfalten seiner langen, weißen Leinenhosen waren auch nach diesem Spiel noch makellos. Sein weißes Polohemd zeigte keinerlei Spuren von Schweiß. Nur seine schwarzen Haare waren leicht zerzaust und Spuren des roten Sandes hafteten auf seinen Tennisschuhen. Esther fühlte sich unwohl neben ihm, ihre Bluse und der kleine weiße Tennisrock waren mit roten Staubpartikeln geradezu überzogen. Alles klebte ihr am Körper. Sie hatte sich bis zur totalen Erschöpfung verausgabt und war jedem, auch noch so aussichtlosem Ball hinterher gelaufen. Sie war fast im Spagat ans Netz gerutscht, oder dort meterhoch nach jedem nur einigermaßen erreichbaren Ball gesprungen. Sie hatte sich vorgenommen, wenigstens einmal vor ihrer Abreise Henry zu schlagen. „Danke, hast du mich heute gewinnen lassen?“, fragte Esther immer noch außer Atem. „Wie kommst du denn auf so eine absurde Idee?“ „Vielleicht weil dieses Match für lange Zeit unser letztes sein wird.“ Henry blickte Esther mit seinen dunklen Augen fragend an.
Sein Blick war so erstaunt, dass Esther lachte. „Wieso unser letztes Spiel, Esther?“ „Komm, lass uns hinüber ins Clubhaus gehen, ich möchte mich duschen und umkleiden und dann können wir gemeinsam essen, falls du keine andere Verabredung hast. Dabei werde ich dir alle Neuigkeiten erzählen.“

Esther hatte vor drei Monaten ihr Staatsexamen in Medizin in der alten ehrwürdigen Universität von Cambridge mit Auszeichnung bestanden. Ihre Eltern waren mächtig stolz auf sie und veranstalteten ein großes Fest zu ihren Ehren. Im Park ihres schlossartigen Herrenhauses waren weiße Zelte aufgestellt und die Tische waren festlich geschmückt. Zur Dekoration hatte Mutter ihre Lieblingsblumen, weiße Lilien, darauf stellen lassen, was bei einigen Damen Unverständnis ausgelöst hatte. „Das sind doch Totenblumen.“ „Mag sein, aber Esther liebt sie über alles.“ Damit war für Mutter das Thema beendet. Eine Kapelle hatte bis weit nach Mitternacht gespielt und alle Freunde und Bekannten waren erschienen.
Selbst das sonst so triste englische Wetter hatte sich von seiner besten Seite präsentiert.
Esther hatte sich für ihr Examensfest ein außergewöhnlich schönes schwarzes, langes Kleid aus Satin von Chanel gekauft. Der große Ausschnitt am Rücken zeigte ihre makellose Haut. Ihr Brillantkollier, das Examensgeschenk ihrer Eltern, sprühte tausend kleine Sternchen im Kerzenlicht. Sie hatte sich so sehr gewünscht, wenigstens einmal Henrys Aufmerksamkeit zu erlangen. Alle Mühe war umsonst. Sie hätte in einem alten Wollkleid zum Fest erscheinen können, er hätte es nicht einmal bemerkt. Nicht einen einzigen Tanz hatte er für sie übrig. Natürlich kam er wieder in Begleitung einer exotisch aussehenden Schönheit. Esther war sehr traurig und verärgert. „Warum kam er überhaupt zu ihrem Fest?“ Beide kannten sich schon eine Ewigkeit, denn ihre Eltern waren engste Freunde. Esther liebte Henry seit Kindertagen, aber dieser schien es nie bemerkt zu haben. Zu jeder Party brachte er eine neue, meistens außergewöhnlich schöne Frau mit. Um Henry nicht ständig begegnen zu müssen, war Esther seit einigen Monaten fest entschlossen, sich eine Arbeitsstelle außerhalb von England zu suchen. Gerade auf ihrem Examens-Fest traf sie Jeff. Sie mochte Jeff sehr gern, er war ein alter Freund ihres Vaters. Früher hatte sie oft auf seinem Schoss gesessen und er hatte ihr aus den Kinderbüchern vorgelesen. Er hatte ein freundliches Gesicht. Er erinnerte sie an ihren Mecki, eine kleine Igelfigur, die ihr einmal ihre Großmutter geschenkt hatte. Jeff lebte seit vielen Jahren auf Ceylon. Irgendeine Geschichte war Esther noch schwach in Erinnerung. Sie wusste nicht mehr genau, ob seine Frau gestorben war, oder ob sie mit einem anderen Mann durchgebrannt war. Esther hatte einmal ihren Vater danach gefragt, aber er hatte ihr nicht geantwortet. Ihre Eltern hielten sie immer noch für das kleine Mädchen. Jeff hielt sich zufällig bei seiner Schwester in London auf. Ihr Vater hatte ihn selbstverständlich zu ihrem Fest eingeladen.
Jeff kannte Esther schon seit ihrer Geburt, aber dass sie eine so schöne, intelligente Frau geworden war, überraschte ihn. Er erzählte ihr von Ceylon und einer kleinen Krankenstation die er gerade errichtete.
„Esther, dort werden noch dringend Ärzte gesucht.“ Jeff schwärmte geradezu von dieser herrlichen Insel, mit ihren freundlichen, immer lachenden Menschen. „Ja, Jeff, aber ich weiß nicht. Ceylon ist so weit weg.“ „Esther, ich verspreche dir, mich dort um dich zu kümmern und du wirst diese Menschen ganz bestimmt mögen.“ Ganz spontan hatte sie zugesagt und einen Vorvertrag unterschrieben, den Jeff mit zurück nach Ceylon genommen hatte.

Gerade als sich Esther von der Bank erheben wollte, setzte sich ein zitronengelber Falter auf ihre goldene Armbanduhr. Sachte schlug er seine hellgelben Flügel mit kleinen rotbraunen Punkten auf und zu, um so sein Gleichgewicht zu bewahren. Henry und Esther betrachteten interessiert die Schönheit und die langen Fühler des Schmetterlings. Da erhob er sich schon wieder und flatterte davon. Von den angrenzenden Tennisplätzen drang ein gleichmäßiges Plob, Plob zu ihnen herüber. Hin und wieder hörten sie Rufe oder ein fröhliches Lachen.
Gemeinsam gingen sie den schmalen Sandweg entlang, der zwischen rot blühenden Rhododendronbüschen zum Clubhaus führte. Auf der Terrasse herrschte bereits ein reges Treiben. Fast alle Tische waren belegt. Die gelb-weiß gestreiften Tischdecken passten zu den Sitzkissen und erzeugten eine mediterrane Atmosphäre. „James, bitte reservieren Sie mir einen Tisch unter einem der Sonnenschirme.“ „Sehr wohl, Sir.“ Danach folgte er Esther zu den Garderoben. Im Vorübergehen
begrüßte er hier und da noch ein paar junge Damen.


Esther ließ sich Zeit. Sie duschte ausgiebig. Danach cremte sie ihre schon leicht gebräunte Haut mit einer nach Rosen duftenden Lotion ein. Ihre blonden, langen Haare nahm sie am Hinterkopf mit einer Hornspange zusammen. Sorgfältig tuschte sie sich die Wimpern ihrer blauen Augen und strich mit einem zarten Pinsel noch etwas Rouge auf ihre Wangen. Dann zog sie mit einem Stift sorgfältig die Konturen ihrer Lippen nach und füllte sie mit der Roséfarbe ihres Lippenstiftes aus. Perfekt, dachte sie bei einem letzten Blick in den Spiegel. Henry sollte sie in angenehmer Erinnerung behalten.

Henry saß bereits am Tisch, die Speisekarte in der Hand als Esther die Terrasse betrat. Sofort stand er auf und wartete bis Esther sich gesetzt hatte. „Wie schön du heute bist, Esther. Das blaue Leinenkleid steht dir ausgezeichnet. Du siehst so zerbrechlich darin aus. Und wenn du mich nicht gerade beim Tennis besiegt hättest, würde ich dir diese Zähigkeit überhaupt nicht zutrauen“, fügte er lachend hinzu.
„Schmeichler, so betörst du also immer deine neuen Gespielinnen.“ Beide wählten als Vorspeise eine Mousse aus bretonischem Hummer umlegt mit Flusskrebsen und anschließend ein Chateaubriand mit feinem Gemüse. „James, bitte eine Flasche Dom Pérignon und zum Hauptgang eine Flasche Chateau Margaux, 1953.“ Esther schaute etwas überrascht.
„Du bist selbstverständlich mein Gast, Esther. Welche Neuigkeiten gibt es denn zu berichten? Hast du dich verliebt?“, fragte Henry grinsend und zeigte dabei seine ebenmäßigen Zähne. James entkorkte die Champagner Flasche mit einem leisen Knall und goss das zart perlende Getränk in die Kelche. „Auf deinen Sieg“, Esther. „Danke, unser Tennisspiel wird mir sicherlich sehr fehlen. Ich werde in Kürze auf Ceylon arbeiten. Meine Koffer sind so gut wie gepackt. Die kleine Party am Samstagabend wird mein Abschiedsfest und ich hoffe, du kannst dich für einen letzten Tanz mit mir fünf Minuten von deiner neuen Begleiterin trennen?“ Sie konnte ihm doch unmöglich sagen, dass sie England nur seinetwegen verließ. Gerne hätte sie ihn laut angeschrieen: „Merkst du überhaupt nicht, dass ich dich seit Jahren liebe und begehre?“, aber ihre Erziehung verbot ihr einen solchen Fauxpas. Henry blickte sie unverständlich an. „Weshalb so weit weg, Esther? Es gibt doch hier in Europa ausreichend Gelegenheiten als Ärztin zu arbeiten, falls du etwas Neues kennen lernen möchtest. Italien, Spanien, Portugal.“ „Nein Henry, die Verträge sind unterzeichnet, es gibt kein Zurück.“ „Ich werde dich sehr vermissen.“ Esther hatte plötzlich das Gefühl, dass seine Worte eine leichte Traurigkeit innehatten und kämpfte bereits mit den Tränen hinter ihrer Sonnenbrille. „Ich freue mich auf die neue Aufgabe“, fügte sie mit tränenerstickter Stimme hinzu. Glücklicherweise kam in diesem Moment der Ober und stellte die Vorspeisen hin. Beide aßen schweigend.
James räumte die Teller ab, Esther hatte nicht einmal die Hälfte davon gegessen. Auch das Brötchen lag unberührt auf ihrem Brotteller. „Esther, ich werde dir die Adresse von Richard Thates mitgeben. Erinnerst du dich an Richard? Er studierte mit mir in Cambridge Wirtschaftswissenschaften und arbeitet jetzt in Colombo bei seinem Vater als Edelsteinhändler. Er hat die schüchterne Sarah geheiratet. Du wirst dich sicher gut mir ihr verstehen. Gleich heute werde ich ihm noch deine Ankunft mitteilen.“ „Danke, Henry, das ist wirklich nicht nötig, ich werde mich schon zurechtfinden. Jeff, ein alter Freund meines Vaters wird mich dort in die Gesellschaft einführen und mir mit Rat zur Seite stehen und im Übrigen fahre ich ja zum Arbeiten dorthin. Die ersten Tage werde ich in seinem Haus wohnen. Er besitzt im Hochland zwei große Teeplantagen und hat dort ebenfalls ein Haus auf einem sehr schönen Terrain, in mitten eines Golfplatzes. Es liegt ganz in der Nähe der kleinen Klinik.“ „Darf ich dich bitte daran erinnern, dass Jeff mein Onkel ist. Er ist doch der Bruder meiner Mutter. Ich kenne seine Lebensumstände sehr gut.“ „Entschuldige bitte, dass hatte ich total vergessen.“ In diesem Augenblick kam Angela, die neue Geliebte von Henry in einem bunten seidenen Etwas angeflattert, legte von hinten beide Arme um seinen Hals und küsste ihn auf die Wange. „Nicht das auch noch“, dachte Esther. Henry sprang sofort auf und bat Angela an ihrem Tisch Platz zu nehmen. James eilte herbei und stellte ein weiteres langstieliges Rotweinglas auf den Tisch. Angela riss sofort das Gespräch an sich. Sie bekam eine hohe piepsige Stimme und flötete in den höchsten Tönen, während sie dabei Henry unentwegt mit ihren mandelförmigen Augen schmachtend ansah. Zärtlich strich sie hin und wieder über den Ärmel seines beigen Leinenanzuges, um ihre Besitzansprüche zu demonstrieren. Henry schien peinlich berührt. Er versuchte Esther erneut in das Gespräch einzubinden, dass aber gründlich misslang. Angela verteidigte ihre Position mit aller Vehemenz. Henry winkte dem Kellner und ließ den Dessertwagen anrollen. „Danke, ich möchte keine Nachspeise“, sagte Esther. Angela bestellte sich ungefragt ein großes Stück Eistorte und dazu verschiedene Früchte. Ihr Benehmen war skandalös. Esther wartete bis Angela ihren Teller geleert hatte. Dann stand sie plötzlich auf. „Henry bitte entschuldige mich.“ Esther konnte die Tränen der Enttäuschung gerade noch bis zur Garderobe zurückhalten. Dann brach es aus ihr heraus. So hatte sie sich diesen Tag nicht vorgestellt. Esther entfernte die Spuren ihrer Tusche und kehrte an den Tisch zurück. Eisiges Schweigen empfing sie. Esther trank noch einen Espresso, kurz danach stand sie erneut auf. „Henry, vielen Dank, aber ich möchte gehen, ich habe noch so vieles zu erledigen.“ Sie umarmte ihn und küsste ihn zum Abschied auf beide Wangen. Mit letzter Kraft streckte sie Angela ihre Hand hin. Diese stand spontan auf und wollte sie ebenfalls umarmen, aber Esther drehte sich schnell um und vermied so diese Geste des Abschieds. An den Nebentischen entstand ein Getuschel. Esther verließ schnell das Clubhaus. Sie versuchte erneut mühsam die Tränen über diesen misslungenen Tag zurückzuhalten.
Harry sah Esther schon von weitem kommen. Er legte seine Zeitung auf den Beifahrersitz, stieg aus und öffnete schnell die hintere Wagentür. Schon als Kind brachte Harry Esther jeden Morgen zur Schule. Er erkannte bereits an ihrem Gang, oder ihrer Haltung, ob sie fröhlich, oder niedergeschlagen war. Diskret schloss er im Innenraum des Autos die Zwischenscheibe. Jetzt hielt Esther ihre Tränen nicht mehr zurück.


Eingetragen am: 15.07.2008 von Beate Kranz
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14644

Auch nach zwanzig Jahren fiel ihr der Weg schwer und sie ging unsicher. Und noch immer wußte sie nicht die genaue Reihe und wurde langsamer, tat so, als betrachtete sie Blumen und Büsche und hielt verstohlen Ausschau.
'Linke Seite, nach dem Brunnen. Die vierte oder fünfte Reihe. Zum Glück können die hier nichts mehr ändern,' dachte sie und schaute weiter und zählte. Und die Angst, daß sie sich verzählen und am Ende es nicht finden könnte, war da wie bei ersten Mal.
Natürlich fand sie es jedesmal, aber merken konnte sie es sich nicht und der Gang hierhin wurde auch mit den Jahren nicht leichter. Und heute sowieso nicht.
Sie ging die Reihe entlang, schaute auf die Steine und die Kreuze. Das dritte war es. Sie blieb auf dem schmalen Plattenweg; rechts war Bepflanzung, links Rasen und dann wieder Bepflanzung. Alles genormt, alles gleich. Nur die Steine waren verschieden und die Daten darauf und dort, wo die Angehörigen das Grab nicht in Pflege gegeben hatten, blühten andere Blumen.
Der Stein, ein Findling, war unverändert und das Kreuz auch und der Name lesbar. Sie hatte ihn damals gemeinsam mit ihrem Vater ausgesucht und auch die Schrift und das Kreuz. Als er auf das Grab gelegt wurde, hatte sie gedacht, daß nun alles endgültig sei und dann hatte sie wenige Monate später wieder davor gestanden und ein weiterer Sarg wurde in die dunkle Erde gesenkt.
Damals wußte sie, daß dieser Sarg nur symbolisch war. Aber sie wollte eine ordentliche Beerdigung, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb.
Die Leiche des Vaters war nie gefunden worden. Lediglich seine zerrissene Schwimmweste fand man einige Tage später. Und ab da glaubten alle, er sei tot.
"Es ist unwahrscheinlich, daß wir ihren Vater finden. Mit Sicherheit ist er tot, in dieser Wassertemperatur überlebt niemand sehr lange. Die Strömungen hier sind stark und nicht leicht zu berechnen. Wir haben alles abgesucht, aber ihn nicht finden können," hatte man ihr über die Küstenwache mitgeteilt.
'Konnten sie ja auch nicht', dachte Mel heute. 'Sie konnten keine Leiche finden, weil es keine gab. Er war ja nicht tot, nur wir sollten es alle glauben.'
Sie preßte ihre Lippen zu einem Strich zusammen. 'Zwanzig Jahre umsonst getrauert ', Mel merkte, wie sich dieser harte Stein in ihrer Bauchgegend bemerkbar machte. Seit sie vor wenigen Wochen von der französischen Gendarmerie erfahren hatte, daß ihr Vater bei einem Badeunfall ums Leben gekommen war, trug sie diesen Stein in ihren Eingeweiden und in manchen Nächten glaubte sie zu spüren wie er mehr und mehr in ihr anwuchs und ihre Organe zur Seite drückte.
'Irgendwann wird er alles von mir eingenommen haben, mich selbst soweit verdrängt haben, daß ich daran ersticke', dachte sie.
Mel schaute wie hypnotisiert auf das gepflegte Grab mit den in Form gehaltenen Buchsbäumchen und den Sommerblumen. 'Vergißmeinnicht im Frühling und winterfeste Heide im Winter,' der Stein wuchs weiter und sie schnappte nach Luft.
'Ich habe hier drei Mal im Jahr gestanden und getrauert, an jedem Geburtstag und an Heilig Abend. Es gab Zeiten, da habe ich geweint und ich hatte keinen Menschen für meinen Schmerz. Ich habe darunter gelitten, daß ich mich von dir, Mutter, nicht verabschieden konnte. Der Sarg mit dir war schon fort. Nein, der Sarg war fort und du bist fortgegangen. Du warst ja bis vor ein paar Tagen gar nicht tot. Du bist fortgegangen und Vater hat mit dir zusammen diese ungeheuerliche Tragödie gespielt. Obwohl, eine Tragödie war es wohl nur für uns Kinder. Ihr hattet ja etwas ganz anderes geplant. Ich weiß nicht, wie ihr es geschafft habt den Leichenbestatter und den Arzt dahin zu bekommen, daß ein Totenschein ausgefüllt wurde. Ich weiß es nicht, und ich will es auch nicht wissen. Es ist für mich zu ungeheuerlich. Alles ist für mich ungeheuerlich. Habt ihr jemals danach gefragt, was ihr uns allen damit angetan habt? Oder waren wir euch sowieso egal und nur eure eigenen Wünsche zählten? Ich habe den Brief, den du mir in diesem Krankenhaus in der Normandie geschrieben hast noch nicht gelesen, Mutter. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich ihn lesen werde. Und du,Vater, weißt du, was du mir angetan hast? Als ich damals den Anruf bekam, daß du bei diesem Segeltörn vermißt wurdest, dachte ich, ich drehe durch. Tagelang hat man dich gesucht. Jahrelang habe ich unter Albträumen gelitten. Ich träumte immer wieder aufs neue wie du über Bord gingst und in diesem Wasser in Dunkelheit und Einsamkeit starbst. Und dann dachte ich, vielleicht war es auch gar kein Unfall. Vielleicht hast du dich umgebracht, weil du Mutters Tod nicht ertragen konntest. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien mir es.Und das machte die Sache noch viel schlimmer. Ich trug dieses Stigma, daß mein Vater ein Selbstmörder war. Und jedes Mal, wenn ich in den Spiegel sah, glaubte ich, daß man es mir ansähe. Über Jahre zog ich von einem Ort in den anderen. Wann immer aus Bekanntschaft Freundschaft wurde, suchte ich mir eine neue Wohnung, ein neues Haus. Egal, Hauptsache ich konnte fortgehen und mußte nichts erklären und mußte keine Angst haben, daß ich nochmals durch Verlust solch einen Schmerz erführe, den ich durch euren Tod erfahren habe. Ich war allein, furchtbar allein. Von jetzt auf gleich hatte ich keine Familie mehr.
Und erzähl mir nichts von deinen Geschwistern, Vater. Die kannst du vergessen. Die kennen nur sich und ihr Leben und kommen einem mit Vorwürfen. Ich habe mich vor zwei Wochen mit ihnen nach zwanzig Jahren getroffen. Matthew und Thomas waren dabei. Und diese zwanzig Jahre haben einfach nicht existiert. Man kam herein und sie saßen da und hielten über einem Gericht und es hagelte Vorwürfe. Warum wir dich in Frankreich bestatten ließen und warum sie überhaupt erst im Nachhinein und dann auch nur Nebenbei von der Sache erfahren hätten. Schließlich hätten sie auch Rechte. Deine Geschwister und deine Mutter hatten immer ganz besondere Rechte. Und wenn es nur dieses Recht auf ‚Blut ist dicker als Wasser’ war. Übrigens haben wir ihnen nicht gesagt, daß du, Mutter, gar nicht vor zwanzig Jahren gestorben bist, sondern erst jetzt starbst. Für sie bist du weiterhin damals gestorben. Und die Frau, die man aus der Strömung retten konnte und die dann später doch starb, sie war halt die neue Frau im Leben unseres Vaters.
Ihr wart seit fast zwanzig Jahren Monsieur und Madame Lecoutre, lebtet überall in Europa. Ihr habt alles perfekt eingerichtet, alles perfekt abgesichert. Es gab keine Lücken. Schade nur, daß ihr diesen Badeunfall genau an dem Küstenabschnitt hattet, wo man Vater damals verstärkt gesucht hatte.
Damals hat die französische und englische Küstenwache nach dir gesucht,Vater. Und dieser alte Sergeant konnte sich erinnern, daß er vor Jahrzehnten nach einer Leiche gesucht hatte, die so ein auffälliges Gebiß wie du, Vater hattest. Weißt du, es gibt Zufälle, die trifft man eigentlich nur in den billigsten Schundheftchen an. Ich hätte nie gedacht, daß diese Zufälle auch im Leben vorkommen. Hätte man dich Vater mit Papieren gefunden und wäre Mutter bei Bewußtsein gewesen und hätte es nicht ausgeschaut, als würde sie sterben, niemand hätte etwas unternommen. So aber suchte man nach deiner Identität und der Sergeant erinnerte sich und euer jahrelanges geheimes Spiel kam heraus. Nein, nicht ganz. Alice Jacobs bleibt weiterhin seit zwanzig Jahren tot. Du warst ja nun Viole Lecoutre. Eine ehrenwerte Frau, die einem Betrüger aufgesessen ist.
Ich wünschte, ich hätte nie von euren Machenschaften erfahren. Ihr habt gesorgt, daß wir Kinder nicht die volle Wahrheit gesagt haben, haben zu Mutters wahre Identität geschwiegen. Niemand kann noch mehr Kummer und Erklärungen und Gerichtstermine ertragen.Wir haben so getan, als kannten wir Madame Lecoutre nicht. Und ich will sie auch nicht kennen. Ich habe meine Eltern vor zwanzig Jahren beerdigt. Die, die jetzt starben waren andere Menschen. Ich tue nur meine Pflicht, aber ich schenke euch nichts mehr von meinem Leben.
Mel stoppte, brachte ihre Gedanken, ihre Wut zum Stillstand. Sie schnappte nach Luft, rang nach Atem, als sei sie einen zu langen und weiten Weg zu schnell gelaufen und spürte wie dieser Stein in ihrem Bauch immer weiter anwuchs.


Kommentar von Beate Kranz

@Gerti Dräger-Weber Danke für den Kommentar. Meine Protagonistin ist kein Kind mehr, als sie ihre Eltern 'verliert', sondern eine erwachsenen Frau. Jetzt, 2008 ist sie Mitte vierzig.

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von

Ich lese keine Wut, nur ungeheuren Schmerz und die Enttäuschung eines Menschen, den die Eltern als Kind in Stich ließen! Irgendwie kommt mir das alles sehr bekannt vor, vielleicht habe ich ähnliches schon einmal in einem Krimi gelesen.

Eingetragen am: 16.07.2008

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