(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 43 mit Übungsaufgabe

22.10.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 25.12.2008 von sjoukje
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21414

In der ersten Person geschrieben, vorher in der dritten.

Ich seufzte und sagte: „Miriam, ich glaube, dass wir jetzt genug Pilze gesammelt haben. „Wenn du meinst“, sagte Miriam. Wir banden die Säcke zu und trugen sie auf dem Rücken. Es wurde allmählich dunkel im Wald und wir beschlossen, die Abkürzung über die Sanddünen zu nehmen. Ich war als erste oben und setzte mich. Miriam kam langsam nach und stöhnte: „Meine Füße tun weh und der Sack ist so schwer.“ „Halte durch Miriam, wir müssen nur diese Düne runter, über die kleine Brücke und dann sind wir da.“ Ich stand auf und als ich John unten im Tal bemerkte, rannte ich los, schnurstracks auf John zu. „Lena pass auf!“, schrie dieser und bevor ich über den großen Findling fallen konnte, hatte er mich geschnappt und ich hing zappelnd in seinen Armen. „Wolltest du dir den Hals brechen?“, schimpfte er. „Was macht ihr hier? “ Als er mich los ließ, zitterte ich so sehr, dass meine Beine nachgaben. Ich setzte mich und sagte: „Gut, dass du da bist. Vielleicht kannst du den Sack von Miriam übernehmen? Wir haben Pilze gesammelt und waren lange unterwegs. Ihre Füße brennen.“ Miriam war inzwischen heil angekommen und legte ihre Hand auf meine Schulter.


Eingetragen am: 14.12.2008 von Amanda
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21237

Heute ging Birthe mit ihrer Mutter gemeinsam zum Schloss. Die Wege waren hart und es war so kalt, dass Birthe die Finger blaufrohren. Sie wickelte sic in ihr rotes Tuch. Zum Glück hatte sie dieses von der alten Lina bekommen, als sie starb.
Er sitzt im Gefängnis, sagte die Mutter. Ihr Atem stieß eine Rauchwolke aus ihrem Mund.
Nein, das kann nicht sein. Birthe schüttelte heftig den Kopf. Sie fürchte, dass es wahr ist, doch sie wehrte sich gegen diese Wahrheit.
Jemand hat ihn beim Stehlen im Schloss erwischt, sagte die Mutter.
Er stiehlt nicht. Niemals! Stehlen kam für ihn nicht in Frage. Sein Vater war für ein paar schrumpelige Kartoffeln aus dem Keller des Grafen Z. ohne Untersuchung des Falles verurteilt und gehängt worden. Nie würde er sich in so eine Gefahr begeben. Außerdem hatte er es nicht nötig, er verdiente ja ganz gut als Kavallerist des Königs.
Du musst der Wahrheit ins Gesicht sehen, Birthe. Es gab Zeugen. Die Mutter ereiferte sich richtig und ihr Gesicht war dunkelrot, vom Zorn oder vor Kälte.
Ach, Mutter, die lügen und betrügen hier doch allen! Ihre Mutter verstand sie nicht. Sie hatten es doch so oft gesehen und gehört, wie sie logen und falsche Beschuldigungen aussprachen. Dies kann nur eine schlimme Intrige sein! Sie hatte das schon immer befürchtet. Ihr Liebster war jemandem in Wege, und sie wusste ja auch wem. Mit Geld und einem guten Posten konnte man jeden Zeugen kaufen. Und Geld hatte er genug. Und mit Geld wurden auch die Richter zu dem passenden Urteil bewegt.
Wer ist der Zeuge? fragte Birthe.
Es sind zwei. Der Kammerdiener X und der Page Y.
Birthe lachte laut auf. Ausgerechnet die! Heute morgen haben sie das Schloss verlassen und sind nach Schweden gezogen. Entweder sind sie auf der Flucht oder jemand hat ihnen eine neue Zukunft bezahlt für ihre Aussage. Und sie waren zu jeder Lüge fähig durch Geld, es musst nur genug sein.
Du musst immer alles so schwarz sehen, Kind.
Die Menschen sind so. Darum muss man alles überprüfen. Wie konnte ihre Mutter nur so gutgläubig sein!
Sie musste zu dem alten Mann gehen und für K um Hilfe oder Gnade bitten. Im Schloss hatte sie erst mal alle Hände voll zu tun.


Heute gehe ich mit meiner Mutter gemeinsam zum Schloss, das ist angenehm, da haben wir zwei Laternen. Man muss richtig aufpassen auf dem Weg. Die tiefen Kutschen- und Pferdespuren sind über Nacht gefroren. Man kann leicht umknicken mit den Holzpantinen. Und die Socken kratzen. Ich bin froh über das rote Wolltuch von der Lina, die vor ein paar Monaten gestorben ist. Es ist rot und warm. Ich schlinge es um den Hals, ein Zipfel wärmt den Rücken und ich drehe meine steifen Finger in die seitlichen Zipfel des Tuches. Ein Glück, dass ich das habe bei dieser Sterbenskälte. Es war Linas einziger Schatz, dieses dicke, leuchtend rote Tuch. Die Kälte und der Wind sind hart und dringen so durch, ich kann die Finger kaum bewegen. Abwechselnd halte ich die Laterne mit der rechten oder der linken Hand. Die Wolle klebt am Eisengriff fest. Mutter schweigt. Ihr Atem quillt wie eine weiße Wolke aus ihrer Nase. Alle Augenblicke hustet sie. Außer ihrem Husten gibt es nur die Geräusche unserer eigenen Schritte, das Knirschen der gefrorenen Erde.
Er ist im Gefängnis, sagt die Mutter.
Wen meint sie? D. meinen Liebsten? Aber das kann nicht sein. Ich kann es nicht glauben. D. würde nie im Leben etwas Unrechtes tun. Ich vertraue ihn. Aber ich habe Angst, dass es die Wahrheit ist.
Das kann nicht sein, sage ich.
Jemand hat ihn bei Stehlen im Schloss erwischt, sagt die Mutter. Du musst der Wahrheit ins Gesicht sehen!
Nein, das kann nicht sein, niemals! Er stiehlt nicht. Stehlen kommt für ihn nicht in Frage. Seinen Vater hat man damals erschlagen, weil er ein paar schrumpelige Kartoffeln gestohlen habe soll. Dem würde er sich niemals aussetzen.
Gibt es Zeugen? frage ich.
Ja, der Kammerdiner X und der Page Y.
Ich kann nur lachen. Die beiden schlimmsten Schlitzohren im Schloss als Zeugen. Und gestern haben sie das Schloss verlassen und sind nach Schweden. Entweder sie sind auf der Flucht oder jemand hat ihnen eine neue Zukunft bezahlt als Lohn für ihre Aussage.
Die beiden sind zu jeder Lüge fähig, sage ich. Es muss nur Geld genug fließen.
Du musst immer alles so schwarz sehen, Kind.
Die Menschen sind so, sage ich.
Warum sieht sie das nicht? Warum merkt sie nicht, wie falsch die Menschen sind, wie hinterhältig? Sie verstellen sich und lügen, um sich wichtig zu machen. Um gut dazustehen. Um ein paar Münzen zur Belohnung einstecken zu können. Wie war das mit Papa? Verlassen hat er sie und mich. Und keinen Pfennig Geld hatte er dagelassen, dass Mutter in der Schlossküche arbeiten muss und sich abrackert. Er macht er sich irgendwo ein neues, schönes Leben.
Ich werde zu K. gehen müssen und werde um Gnade bitten. Es ist gut möglich, dass das der Grund für seine Verhaftung ist.
Wir sind schon an der Eiche vorbei, die noch ein paar braune Blätter trägt. Ab hier ist es nicht mehr weit. Bis zum Schloss.
Sie hatte alle Hände voll zu tun. Wasser holen, Feuer anmachen und Torf und Holz holen. Dann


Eingetragen am: 13.12.2008 von britta khokhar
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21202

Susanne vierjährige enkelin ist auf besuch, sie und ihre schwiegertochter gehen auf den weihnachtsmarkt. Ihre schwiegertochter hatte ein ungutes gefühl. Und wirklich ein menschenauflauf dort ist ein junger mann umgefallaen, die polizisten haben einen jungen Mann die handschellen angelegt. Um Himmelwillen das ist ihr sohn. In der zwischenzeit kommt ein arbeitskollege von kasif vorbei. miram faucht die polizisten an um sie sich nicht schämen einen epelsiekranken Mann so zu behandeln. Die brummten das konnten wir nicht wissen. was lernen sie den auf der polizeischule. die kleine streichelte über das Haar vom onkel. sie liebte ihren Onkel sehr obwohl er krank ist.der krankenwagen kam. susanne erzählte was passiert war und jetzt müssen die polizisten mit einer mit einer beschwerde bei den vorgesetzten rechnen.


Eingetragen am: 25.11.2008 von Beate Kranz
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20649

Mel Jacobs ging hinter dem Kriminalbeamten her und sah abwechselnd auf seine quietschenden Schuhe und auf seine Jeanshose. ‚Levis’, stellte sie fest.
‚Nur nicht nachdenken und nur nicht auf die Umgebung achten, sonst setzt sich alles im Kopf fest’, dachte sie weiter.
Der Flur schien nicht enden zu wollen und die Schuhe quietschten über die Fliesen und Mel wußte, daß sie in Zukunft, wann immer sie quietschende Schuhe hören würde, an diesen Weg denken müßte, der vor einer nüchternen Kühlkammer einer Pathologie enden würde.
Der Kriminalbeamte blieb stehen, drehte den Kopf zu ihr. „Sind sie bereit“, fragte er dann.
‚Bereit’, dachte Mel. ‚Wer ist in solch einer Situation schon bereit. Und wer ist schon bereit einen Toten zu identifizieren, der der eigene Vater sein soll. Ein Vater, der doch schon vor zwanzig Jahren starb.’

Der Weg scheint kein Ende nehmen zu wollen. Es kommt mir vor, als folge ich diesem französischen Kriminalbeamten seit Stunden. Seine Schuhe quietschen auf diesen kalten Fliesen. Wahrscheinlich liegt es an der Gummisohle. Ledersohle quietschen nicht, die knallen eher oder klacken. Aber dieses Quietschen ist furchtbar. Ich werde es wohl mein Leben nicht vergessen. Und dabei will ich vergessen. Will es heute, schon jetzt tun. Will nie daran denken müssen, was ich hier mache und warum ich mit diesem Menschen diesen Flur entlang gehe. Am Ende wird diese Kühlkammer sein, in dem ein Toter liegt, der mein Vater sein soll. Ich habe umsonst erklärt, daß mein Vater vor zwanzig Jahren starb. Und bei jedem weiteren Versuch die Tatsachen zu erklären, schien es in den Augen der Polizei unglaubwürdiger zu klingen. Nun bin ich also hier, gehe hinter diesem Kriminalbeamten mit seinen quietschenden Schuhen und der Levis-Jeans hinterher, versuche auf nichts zu achten und nehme doch alles wahr.
Jetzt bleibt er stehen, dreht sich um und fragt mich, ob ich bereit sei. Wie kann ein Mensch bereit sein, einen Toten zu identifizieren, der der eigene Vater sein soll?


Eingetragen am: 16.11.2008 von RoseCanyon
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20311

3. Person:
Lautlos schlich Molly die Treppe zur Diele hinunter. Es drängte sie, nochmals alles im Salon zu untersuchen. Irgendeine Spur musste es dort doch geben.
Warum sonst hatte sich Timothy so erschreckt, als er den in sich gerollten Teppich hinter dem Sessel erblickte? Noch immer sah sie seine angespannte Stirn vor sich und hörte seinen Entsetzenschrei, als ihm der Teppich beim Ausrollen entgegenschlug. Voller Abscheu war Timothy zur Seite gesprungen. Und auch, als der Teppich dann platt vor ihnen lag, erschien ihr dieser Mann noch lange nicht der zu sein, der er vorher gewesen war.
Oder, so kam es Molly in den Sinn, hatte Anne Caledonia doch recht? Immerhin wurde ihre Aussage, dass Timothy geistig verwirrt war, auch von Samanthas Prophezeiung gestützt, derzufolge Timothy noch großes Unheil auf Rannoch Moor Castle bringen werde. Samantha! Nein, ihr wollte sie nun wirklich nicht glauben. Mit ihrer Wunderkugel war ihr Samantha schon per se durch und durch zu wider. Molly hielt einen Moment inne und holte tief Luft.

Dann hörte sie, wie sich ihr Stimmen näherten. Sie musste hier weg. Doch wohin? Bis in ein angrenzendes Zimmer würde sie es nicht mehr schaffen. Aber was war das? Die Klappe der großen eichenen Standuhr war noch immer offen. Rasch ergriff Molly ihre Chance, riss die Klappe soweit auf, dass sie in die Uhr steigen konnte und zog alsdann die Klappe fest hinter sich zu. Etwas Metallenes klang in ihren Ohren, doch dann herrschte für einen Augenblick Stille. Jetzt hörte sie die Stimmen wieder, die immer lauter wurden. Molly schob ihr Gesicht am Inneren des Uhrkastens entlang, bis sie eine Ritze im Holz fand, durch die sie einen Blick auf die Diele werfen konnte. Und was sie nun sah, verschlug ihr den Atem.
Aus Richtung Küche näherte sich Patricia MontNevis. Und obgleich Patrica mit dem Rücken zu ihr gewandt war, erkannte Molly noch mehr. In Patricias linker Hand glänzte etwas Silbernes. Molly rieb sich ihre Augen. Sie konnte nicht glauben, was sie sah. Nochmals starrte sie auf das, was ihr da entgegen funkelte. Ohne Frage, sie hatte sich nicht geirrt. Patricia eilte mit einem scharfen Küchenmesser die Treppe hinauf, zu den Gästezimmern.
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1.Person:
Lautlos schlich ich die Treppe zur Diele hinunter. Ich wagte kaum zu atmen, denn ich befürchtete jederzeit, bei meiner Aktion ertappt zu werden. Doch es drängte mich, in den Salon zurückzukehren. Dorthin, wo Timothy sich so über den Teppich erschreckt hatte. Ich wusste, dass irgendetwas dort nicht stimmen konnte. Zu sehr hatte mich der Schrei mitgenommen, den Timothy ausgestoßen hatte, als sich der Teppich entrollte. Und obgleich sich nichts auf dem Teppich befunden hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich etwas in Timothy verändert hatte.
Doch warum nur?
Ich konnte einfach nicht glauben, dass er verrückt geworden war, so wie es Anne Caledonia behauptete. Sicherlich, ihre Aussage passte haargenau zu den Prophezeiungen von Samantha, derzufolge Timothy noch viel Unheil nach Rannoch Moor Castle bringen sollte. Samantha! Pha, wenn ich schon ihren Namen höre, wird mir übel. Und dann noch der Unsinn mit ihrer Wunderkugel!
"Nein, ich hol‘ jetzt erst einmal tief Luft und dann geht’s weiter", sagte ich mir.

Wenn ich mich an das erinnere, was dann geschah, so habe ich den Eindruck, als durchlebe ich die Situation noch ein zweites Mal:
„Oje, was ist das? Stimmen. Und sie kommen immer näher. Ich muss hier weg. Aber wohin so schnell? Bis in den Salon werde ich es nicht mehr schaffen. Oh mein Gott! …- Hey, das ist die Rettung. Die Klappe von der schweren Standuhr steht ja noch offen. Schnell hinein. Na, das klappt doch wie geschmiert. Und nun noch rasch die Klappe zuziehen. Geschafft.
Was war das Metallene in meinem Ohr? Egal. Hier bin ich in Sicherheit. Und keinen Moment zu früh. Die Stimmen werden lauter. Mal schauen, ob ich was sehen kann. Vielleicht hier, wo etwas Licht in den Uhrkasten fällt. Wenn ich mich ganz nah an den Ritz drücke, wird’s sicherlich gehen. Ja. Ich kann die Diele sehen. Ist das denn möglich? Das ist ja Patricia Mont Nevis. Und sie kommt aus der Küche. Aber was hat sie denn da in ihrer linken Hand? Ich glaube es nicht. Besser ich reibe mir nochmals die Augen. Meine Güte, habe ich mich doch nicht geirrt. Es ist tatsächlich ein scharfes Küchenmesser. Was will sie nur damit? Und jetzt eilt sie auch noch die Treppe zu den Gästezimmern hinauf!“

Fazit: Ich kann nicht unbedingt sagen, welcher Text mir besser gefällt. Aus der 1. Person kann man aber mehr persönliche Gefühle einbringen. Die 3. Person ist eher distanzierter. Ich denke, es kann Sinn machen, einzelne Szenen aus verschiedenen Perspektiven zu schildern, um so mehr Spannung aufzubauen, bzw. mehr Empathie.


Eingetragen am: 07.11.2008 von Antigone
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20000

Herbstgeflüster
Irgendetwas nagte an mir, schon seit Tagen. Ich konnte es nicht festmachen, es war nichts Konkretes. Wie sehr ich auch versuchte, mich abzulenken, das nagende Missempfinden blieb.
Was wollte mir dieses Gefühlsmonster mitteilen? Ich blickte aus dem Fenster, wo der Herbst sein Revier bereits bis zur Hauswand ausgedehnt hatte. Über Nacht war aus den großen, gold- und orangefarbenen Ahornblättern ein dichter Teppich entstanden, durch den raschelnd der Wind fuhr.
"Es ist nur der Herbst, der mich melancholisch stimmt", versuchte ich mich zu trösten. Aber nagte Melancholie? Das Herbstgeflüster vor dem Haus erinnerte mich daran, dass das alte Jahr sein letztes Kapitel aufgeschlagen hatte und mir die Monate mal wieder durch die Finger gerieselt waren wie Sand durchs Stundenglas.

Unvermittelt sah ich mich in der Silvesternacht auf dem Balkon stehen, sprühende Wunderkerzen in den Händen, hochfliegende Träume und Pläne im Kopf und unendlich viel Hoffnung im Herzen. Was war aus meinen Träumen geworden? Wie traurig und träge floss mein Leben dahin. Das war es, was an mir nagte: die Unzufriedenheit mit diesem Jahr, nein, mit meinem Leben!
Zwar hatte ich ein paar gute Vorsätze aus der Silvesternacht umgesetzt. Aber was nützte es mir, wenn meine Haben-Bilanz am Ende des Jahres nicht viel mehr als einen durch eiserne Gymnastikübungen erworbenen Waschbrett-Bauch vorweisen konnte.
Die wichtigsten Klassenziele hatte ich mal wieder nicht erreicht: Freunde gewinnen, Träume verwirklichen und vor allem, meine Ängste überwinden. Ich war gescheitert.

Doch das Jahr war noch nicht vorbei. Mein Kampfgeist erwachte. Ich wollte mich nicht geschlagen geben, noch nicht. Immerhin blieben mir gut zwei Monate, in denen ich das Steuer herumreißen konnte. Ich wusste zwar nicht wie, aber ich wusste plötzlich, dass ich es schaffen würde.
Ohne wirklich nachzudenken, lief ich zur Truhe im Korridor und förderte meine einzige Jeans zutage. Uff, sie passte noch! Ich bändigte meine Locken zum Pferdeschwanz und stürmte die Treppe hinunter in den Keller.
Dem alten, weißen Holland-Rad sah man an, dass es lange auf mich gewartet hatte - zu lange. Seit meinem Unfall vor drei Jahren bekam mich niemand mehr auf ein Fahrrad. "Jetzt oder nie!" dachte ich und befreite das Rad von Spinnweben und Staub.
Erst, als ich den leise vor sich hinklappernden Drahtesel durch den Fahrrad-Keller in Richtung Ausgang schob, befielen mich Skrupel. Was, wenn ich gar nicht mehr Fahrrad fahren konnte und gleich vom Rad fiel?

Vor dem Haus spielten Kinder. Wollte ich ihnen wirklich dieses Schauspiel bieten und ihre Schadenfreude provozieren? Einen Augenblick lang war ich versucht, umzukehren, doch dann siegte - was eigentlich? Meine Neugier, die Herausforderung oder das mahnende Herbstgeflüster?
Ich atmete tief durch und stemmte das schwere Rad die Außentreppe hinauf. Die Kinder auf der Wiese nahmen keine Notiz von mir. Goldene Blätter wirbelten von den Bäumen, es duftete süßlich nach Herbst. Ich stieg mit dem rechten Fuß auf die Pedale, wackelte ein wenig und fuhr los.
Es war, als hätte es die letzten drei Jahre nicht gegeben. Der Blätterteppich leuchtete mir entgegen und raschelte übermütig, als mein Rad ihn teilte. Mit jedem Meter, den ich zurücklegte, merkte ich, wie der Pegel meiner Glückshormone anstieg.
Ja, ich hatte es geschafft! Ich hatte meiner Angst die Stirn geboten und sie besiegt! "Wow! Altes Jahr, ich komme!"


Kommentar von Antigone

Hallo Anita, vielen Dank für Deinen freundlichen Kommentar! Komme leider zur Zeit nicht zum Kommentieren, teils durch häufigen PC-Ausfall, teils aus Zeitmangel. Wünsche Dir weiterhin viel Freude mit dem Schreibprojekt. Liebe Grüße Antigone

Eingetragen am: 23.11.2008

Kommentar von Anita Decker

Wow, das scheint mir zur nächsten Aufgabe zu gehören! Daumen hoch, Anita

Eingetragen am: 08.11.2008

Eingetragen am: 06.11.2008 von Angelika Wagner
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19965

Text 1:
Ein Anruf genügt und Anne ist glücklich. Lukas, Annes Traummann ist verheiratet. Unglücklich verheiratet. Seine Frau versteht ihn nicht. Doch Anne versteht ihn, weil sie ihn liebt. Niemals wollte sich Anne mit einem verheirtateten Mann einlassen. Doch bei Lukas ist das was anderes. Lukas braucht Hilfe.

Text 2:
Ein Anruf genügt und ich bin glücklich. Lukas, mein Traummann ist verheiratet. Unglücklich verheiratet. Seine Frau versteht ihn nicht. Doch ich verstehe ihn, weil ich ihn liebe. Niemals wollte ich mich mit einem verheirateten Mann einlassen. Doch bei Lukas ist das was anderes. Lukas braucht Hilfe...

Text 1 ist die Aussage einer Lästertante und ein typisches Klischee.
Text 2 ist in der ich-form und klingt etwas weinerlich naiv.
Ich werde die ganze Passage streichen, weil diese Botschaft in der Geschichte sowieso enthalten ist und nicht erklärt werden muss.
Danke für die Übung, bitte komentiert meinen Beitrag trotzdem.


Kommentar von Sasha Bliss

Hallo Angelika, Deine Selbstkritik kann ich gar nicht nachvollziehen. für mich schwingt in den paar zeilen enorm viel Selbstironie mit... doch bei Lukas ist das was anderes. Lukas braucht hilfe ... Das ist sooo typisch. Und doch so bezeichnend, dass so eine Dreiecksgeschichte - egal wie "klassisch" (natürlich ist der Betrüger immer der arme, die Ehefrau das Monster") bei dem/der Betroffenen Geliebten immer als Ausnahmefall gesehen wird. Finde beide Versionen ausgezeichnet. Allein der Einstieg. Ein Anruf genügt und - Glück pur - ist genial weil wirklich authentisch! Als Leser schüttelt man über so viel Naivität und Abgespeist werden den kopf. Als betroffener sagt man - ja genau! Es wird dann also drauf ankommen, wie Du die Geschichte weiter entwickelst. Selbstmitleid ist verkehrt. Spannend wäre es die Geliebte ebenfalls in all ihren Schattierungen zu skizzieren (also kein Opfer) Alles liebe

Eingetragen am: 27.11.2008

Eingetragen am: 06.11.2008 von Anita Decker
[ Lesezeichen ]

19957

Hier mein 3. und letzter Versuch! Er knüpft an den "Besuch bei Hartman an"

Gregor kommt schon die Treppe herunter, drückt sich an Werner vorbei. Der nickt kaum merkbar und tritt zurück.
"Du siehst noch genau so aus wie früher", sagt Gregor.
"Du auch."
Das stimmt nicht, warum sage ich so was? Er sieht hager aus, sein ehemals volles, Mittelblondes Haar ist schüttern, aber vorteilhaft kurz geschnitten. Er sieht aus, wie von einer tödlichen Krankheit gezeichnet. Er hat eine tödliche Krankheit.
Aber er hat an meiner Begrüßung nichts auszusetzen. Weiß er, dass ich gemeint hatte: Ich liebe Dich noch immer?

Wir steigen in meinen Mazda ein und ich fahre Richtung Rheinaue. Ich bin immer noch ganz ruhig. Mit ihm zusammen zu sein ist schön. Warum noch mal ist das auseinander gegangen? Ach ja, wegen dem Leben. Wegen meinem Job. Wegen Sarah. Ich muss aufpassen, dass es bei dem hier blieb. Bei einer zwanglosen Verabredung.
"Zur Dorfschänke?"
"Am Besten."

Dort parken wir, dann spazieren wir Rheinaufwärts.
"Dein alter Herr hat sich ja ganz schön herausgeputzt. Doch nicht für mich?"
"Er hat eine Freundin, Trudi."
"Trudi? Wo lernt man eine kennen die Trudi heißt? Per Annonce?"
"Nein, auf dem Friedhof. Die Witwen gehn auf dem Friedhof auf Jagd."
"Auf dem Friedhof? Wirklich? Die bändeln bei der Grabpflege miteinander an? Wahnsinn. Das muss ich mir merken, für später. Ist doch gut sich im Alter noch zusammen zu tun..." und man braucht keine Rücksicht mehr zu nehmen auf Job und Familie, denke ich weiter. Wenn ich doch auch schon so weit wäre!
"Ach, es ist nicht so romantisch wie Du vielleicht denkst. Sie bügelt seine Hemden, ich besorge schon mal eine Schachtel Pralinen für sie. Er moppert ständig über sie. Ich glaube, er kann sie nicht mal leiden, aber sie ist hartnäckig hinter ihm her."
Ich denke an die sauberen Gardinen. War sie das? Ich möchte sie kennen lernen.
"Ich finde das interessant. Aber erzähl doch mal was Du so machst. Ist das schwer für Dich jetzt gar nichts mehr zu trinken? Ich möchte am liebsten auch abstinent leben. Was muss man denn machen um so eine Therapie zu bekommen?"
Da erzählt er mir vom Elend der Sucht...

...Wir sind weit gelaufen. Auf dem Rückweg nimmt er meine Hand. Ich denke: Das hier passiert nicht in Wirklichkeit.
"Ich bin Ich!" sage ich mir auf der Rückfahrt immerzu. Als ich ihn bei ihm absetze, sagt er: "warte eben!" Er geht kurz ins Haus und kommt mit einem dicken Buch zurück. "Die Nebel von Avalon"
"Mein Lieblingsbuch", sagt er, und küsst mich zum Abschied. Am Wochenende wollen wir ins Kino gehen.

Ich sehe ihm nach, als er wieder im Haus verschwindet. Ich sende ein Gebet zum Himmel: "Mach, dass das gut geht!"



in der 3.Person

Sie sieht noch genau so wie früher aus. Als wäre es gestern gewesen, als wir sie sich das letzte mal sahen. - Ihm scheint, sie liebt ihn noch immer.

Sie fährt ein sehr schönes metallic blaues Mazda-Coupe. Sie will zur Rheinaue. Das ist gut. Er ist gespannt, was sie für ein Problem hat.

Dann spazieren sie Rheinaufwärts. Sie fragt ihn nach seinem Vater aus, will alles über Trudi wissen. Wie haben die sich kennengelernt? Ist das nicht schön, wenn man im Alter nicht alleine ist. Er denkt, dass Lilli wohl ziemlich einsam ist.
Dann fragt sie ihn was er so macht, will alles über seine Therapie wissen. Sie will auch abstinent leben. Hat sie ein Alkoholproblem? Er wird ihr helfen! Er kennt sich da aus! er wird sie beschützen, vor dem Elend der Sucht. Er nimmt ihre Hand, mehr traut er sich nicht. Er muss behutsam sein. Sie nicht erschrecken!

Als sie bei ihm zu Hause angekommen sind, hat er eine Idee. Er wird ihr den Roman leihen, den seine älteste Schwester ihm geschenkt hat - mit ihrer Widmung auf der ersten Seite. Ein gutes Buch! Dann hat sie was von ihm, und sie werden sich wiedersehen.


Eingetragen am: 04.11.2008 von Anita Decker
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19899

Erst einmal vielen Dank für euer Interesse.
Liebe Gerhild Bauer, ich habe mich vertan. Es muss heißen - Das erste Mal vor 12 Jahren - Das Kind an Liliens Hand ist Sarah, die jetzt 14 Jahre alt ist. (Beitrag 18796)
Lilien, (die nirgends bleiben kann) hatte damals ihren Mann verlassen, um mit Gregor zu leben. Auch bei ihm blieb sie nicht lange, hat ihn aber nie vergessen können.
Werner, von Gregor "der Alte" genannt, ist aber auch eine wichtige Figur in meinem Roman.
Liebe Grüße Anita


Kommentar von Anita Decker

Oh, Pardon!

Eingetragen am: 05.11.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Hallo Anita, das ist wohl eher ein Kommentar als ein Beitrag - kopierst Du ihn bitte noch mal unter den richtigen Beitrag. Metta

Eingetragen am: 05.11.2008

Eingetragen am: 03.11.2008 von Bibi
[ Lesezeichen ]

19888

Text 1:

Er saß auf einem Hocker vor dem brennenden Kamin. Auf seinen Knien lag ein Ordner mit Papieren. Nervös blätterte er ihn durch.
"Unglaublich.", schoss es ihm durch den Kopf. "Dieses kleine Biest weiß mehr als ich dachte. Wenn sie schon den Ordner in ihren Besitz gebracht hatte, wozu war sie noch fähig?"
Von einer inneren Unruhe getrieben riss er die Zettel aus der Mappe, zerknüllte sie und warf sie in die Flammen. Alle Beweise mussten vernichtet werden. Grob löste er den Knoten seiner Krawatte, öffnete den obersten Knopf seines weißen Oberhemdes und griff nach weiteren Blättern. Schweiß stand auf seiner Stirn und er atmete schwer. Er war drauf und dran, seinen Bluthund wieder zurückzurufen. Sie war doch eine so schöne Frau. Sie hatten viel Spaß miteinander gehabt.
Er sprang auf und warf die restlichen Blätter samt Mappe in die Flammen. Zu unvorsichtig, denn die Funken sprühten und fielen auf den neuen Perserteppich. Schimpfend trat er sie mit dem Fuß aus. Er setzte sich wieder und schaute in die Flammen, die langsam Besitz von der Pappe des Ordners nahmen, bis nur ein Haufen Asche übrig war.

Im Morgengrauen glimmte noch etwas Glut. Er saß reglos und mit offenen Augen auf dem Hocker. Die Uhr über dem Kaminsims schlug sieben Mal ihr lautes metallisch klingendes Bimbam und er erwachte aus seiner Trance.
Langsam stand er auf und öffnete die großen Fenster des Salons. Die kühle unverbrauchte Luft weckte seine Lebensgeister. Es versprach ein schöner Tag zu werden.



Text 2:

Ich saß auf einem Hocker vor dem brennenden Kamin. Auf meinen Knien lag ein Ordner mit Papieren. Nervös blätterte ich ihn durch. Unglaublich, was dieses kleine Biest alles wusste. Wenn sie schon den Ordner in ihren Besitz gebracht hatte, wozu war sie noch fähig?
Von einer inneren Unruhe getrieben riss ich die Zettel aus der Mappe. Alle Beweise mussten vernichtet werden. Schlagartig wurde mir warm und ich löste grob den Knoten meiner Krawatte, öffnete den obersten Knopf meines weißen Oberhemdes und griff nach weiteren Blättern.
Schweiß bildete sich auf meiner Stirn, die Luft wurde stickig, ich konnte kaum atmen. Sollte ich wirklich den Dingen ihren Lauf lassen? Wollte ich auf eine schöne Frau verzichten? So viel Amüsement in der letzten Zeit und nun musste sie dafür büßen. Es war noch Zeit Diego zurückzuordern.
Ich sprang auf und warf die restlichen Blätter samt Mappe in die Flammen. Zu unvorsichtig, denn die Funken sprühten und fielen auf den neuen Perseteppich. Ich fluchte vor mich hin und trat sie mit dem Fuß aus.
Dann erfasste eine seltsame Mattigkeit meinen Körper und ich musste mich hinsetzen. Ich starrte in die Flammen, die langsam Besitz von der Pappe des Ordners nahmen, bis nur noch ein Haufen Asche übrig war.

Im Morgengrauen glimmte noch etwas Glut. Ich erwachte aus meiner Trance, als die Uhr über dem Kaminsims sieben Mal ihr lautes metallisch klingendes Bimbam schlug. Ich saß immer noch auf dem Hocker. Letzte Nacht war die Zeit stehen geblieben. Langsam stand ich auf und öffnete die großen Fenster des Salons. Die kühle unverbrauchte Luft weckte meine Lebensgeister. Es versprach ein schöner Tag zu werden.


Mein Favorit ist ohne Zweifel Text 1. Bei der Ich-Perspektive hat es mir Probleme bereitet, aus der Sicht eines Mannes zu schreiben.


Kommentar von Metta Maiwald

Ja, Variante 1 finde ich auch besser!

Eingetragen am: 05.11.2008

Kommentar von Monika

Ich schließe mich an. Text 1 ist für mich eindeutig packender und mitreisender. Schade, dass der Ausschnitt so kurz ist. Monika

Eingetragen am: 04.11.2008

Eingetragen am: 03.11.2008 von Elisabeth
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19869

Herbst 1983. (3. Person)
Anni sitzt an ihrem Tischen in ihrem kleinen Dachzimmer und schaut aus dem Fenster. Wie so oft gleitet dann ihr Blick über die Dachspitzen der Häuser und ihre Gedanken ähneln einem flatternden Vogelschwarm. Ein Wirrwarr in ihrem Kopf!
Heute jedoch bleibt ein Gedanke klar, Duyal, ihr erster Freund den sie vor sechs Jahren kennen lernte, als sie schon neunzehn war, erscheint ihr immer wieder. Duyal, was für ein schöner Name, denkt sie, viel schöner als alles andere was damals passierte..., doch genauso schön wie er! Wo würde sie heute wohl stehen, wäre es zu einer Heirat gekommen? Ganz sicher hätten sie schon Kinder, so ein Kindernarr wie sie ist? Würde sie in der Türkei leben oder hier in Deutschland?
Anni hatte sich ein märchenhaftes Leben in der Türkei vorgestellt, abgeschieden von der Großstadt, ruhig, ländlich, gute Luft zum atmen.
Ruckartig steht sie auf und öffnet das Fenster, schaut hinunter auf die Strasse um aufzuwachen und weg von diesen Gedanken zu kommen. Wo bleibt mein Wirklichkeitssinn, sagt sie sich und fängt an sich Vorwürfe zu machen.



Herbst 1983. (1. Person)
Ich sitze an meinem Tischen in meinem kleinen Dachzimmer und schaue aus dem Fenster. Mein Blick gleitet über die Dachspitzen der Häuser, wie so oft, meine Gedanken flattern wie Vögel in meinem Schädel, ein Wirrwarr! Aber Duyal erscheint mir heute Morgen immer wieder, was ist nur los? Habe ich ihn nach sechs Jahren immer noch nicht vergessen?
Duyal, was für ein schöner Name, genauso schön wie er! Er war mein erster Freund, ich war schon neunzehn, man stelle sich das mal vor, schon neunzehn!
Fast hätte ich ihn geheiratet.
Im Nachhinein glaube ich, dass ich mehr in einen märchenhaften Traum von einem orientalischen Leben verliebt war, als in ihn?
Alles hatte ich mir so schön vorgestellt, doch es kam ganz anders und, wer weiß, vielleicht war es gut so.
Ich muss raus, diese Grübelei macht mich ganz verrückt, da bekomme ich noch ein schlechtes Gewissen.


Kommentar von Metta Maiwald

Den Gedankenvogelschwarm find ich in der ersten Variante überzeugender (und einen schönen Vergleich). Authentischer ist die zweite.

Eingetragen am: 05.11.2008

Kommentar von Gerhild Bauer

Dein erster Text gefällt mir wesentlich besser als die Version in der Ich-Perspektive. Sie wirkt auf mich geschlossen und wie aus einem Guß. Das Wort "passierte" würde ich ändern in ...was damals geschah. L.G. Gerhild

Eingetragen am: 04.11.2008

Eingetragen am: 02.11.2008 von Benita
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19841

Ich habe drei Versuche geschrieben, habe den einen Teil ins Präsens gesetzt

1.
Es war dunkel, nicht mal der Mond gab ihr eine Lichtquelle.Es nieselte.Nancy bewegte sich langsam über das nasse Laub, es schien rutschig zu sein.
Immer wieder stützte sie sich auf den schweren Spaten, den sie in der linken Hand trug. Ihre rechte Hand umkrampfte den blauen Müllsack, in dem sie den toten Hund gesteckt hatte. Er war schwer und sie zog ihn fast die ganze Zeit hinter sich her.
Ihre Finger waren kalt und sie blieb stehen, löste sich von der schweren Last, hielt beide Hände vor Mund und Nase und hauchte ihren warmen Atem hinein.
Von weitem hörte sie ein Käuzchen. Morsche Äste knackten. Vielleicht ein Reh oder ein Fuchs?
Nancy packte den Spaten.
"Blöder Köter, das reicht. keinen Schritt geh ich weiter mit dir."
Sie fing an zu graben. es war nicht schwer. der Waldboden war weich. Schneller als Nancy dachte, hatte sie ein kleines Loch fertig.
Mit Gewalt stauchte sie den blauen Sack hinein.
Sie trat mit den Gummistiefeln heftig daran.
"Ha, ha, ha!"
Als ihr hämisches Gelächter ruhte, war es, als würde der gesamte Wald verstummen.
Ohne lange zu überlegen, schaufelte Nancy die Grabstelle mit der lockeren Walderde zu. Vor Freude hüpfte sie darauf herum.
"Ruhe in Frieden, du blöder Köter."
Pfeifend und freudig trat das Mädchen den Heimweg an.
Das Baby würde schlafen. Es hatte ja genug Schlafmittel in die Flasche bekommen.

2.
Es war dunkel, nicht mal der Mond gab mir eine Lichtquelle. Es nieselte.
Ich bewegte mich langsam über das nasse Laub, es schien rutschig zu sein.
Immer wieder stützte ich mich auf den schweren Spaten, den ich in der linken Hand trug.
Meine rechte Hand umkrampfte den blauen Müllsack, in dem ich den toten Hund gesteckt hatte.
Er war schwer und ich zog ihn die ganze Zeit hinter mir her.
Meine Finger waren kalt und ich blieb stehen, löste mich von der schweren Last, hielt beide Hände vor Mund und Nase und hauchte meinen warmen Atem hinein.
Von weitem hörte ich ein Käuzchen. Morsche Äste knackten. Vielleicht ein Reh oder ein Fuchs?
Ich packte den Spaten.
"Blöder Köter, das reicht. Keinen Schritt weiter geh ich mit dir."
Ich fing an zu graben. Es war nicht schwer. Der Waldboden war weich. Schneller als ich dachte, hatte ich ein kleines Loch fertig.Mit Gewalt stauchte ich den blauen Sack hinein. Ich trat mit den Gummistiefeln heftig daran.
"Ha, ha, ha!.
Als das hämische Gelächter ruhte, war es, als würde der gesamte Wald verstummen.
Ohne lange zu überlegen, schaufelte ich die Grabstelle mit der lockeren Walderde zu. Vor Freude hüpfte ich dann darauf herum.
"Ruhe in Frieden, du blöder Köter."
Pfeifend und freudig trat ich den Heimweg an.
Das Baby würde schlafen. Es hatte ja genug Schlafmittel in die Flasche bekommen.

3. Präsens

Es ist dunkel, nicht mal der Mond gibt mir eine Lichtquelle. Es nieselt.
Ich bewege mich langsam über das nasse Laub, es scheint rutschig zu sein.
Immer wieder stütze ich mich auf den schweren Spaten, den ich in der linken Hand trage.
Meine rechte Hand umkrampft den blauen Müllsack, in dem ich den toten Hund gesteckt habe.
Er ist schwer und ich ziehe ihn fast die ganze Zeit hinter mir her.
Meine Finger sind kalt und ich bleibe stehen, löse mich von der schweren Last, halte beide Hände vor Mund und Nase und hauche meinen warmen Atem hinein.
Von weitem höre ich ein Käuzchen. Morsche Äzte knacken. Vielleicht ein Reh oder ein Fuchs?
Ich packe den Spaten.
"Blöder Köter, das reicht. Keinen Schritt weiter geh ich mit dir."
Ich fange an zu graben. Es ist nicht schwer. Der Waldboden ist weich. Schneller als ich dachte, habe ich ein kleines Loch fertig. Mit Gewalt stauche ich den blauen Sack hinein.
Ich trete mit den Gummistiefeln heftig daran.
"Ha, ha, ha!"
Als mein hämisches Gelächter ruht, ist es, als würde der gesamte Wald verstummen.
Ohne lange zu überlegen, schaufele ich die Grabstelle mit der lockeren Walderde zu. Vor Freude hüpfe ich darauf herum.
"Ruhe in Frieden, du blöder Köter."
Pfeifend und freudig trete ich den Heimweg an.
Das Baby wird schlafen. Es hat ja genug Schlafmittel in die Flasche bekommen.


Kommentar von Metta Maiwald

In der dritten Person betrachte ich schaudernd diese verrückte Frau/ Mädchen. Ich WILL mich nicht mit ihr identifizieren. Deshalb bin ich gegen Variante zwei. Die dritte hingegen ist sehr spannend, aber es ist z.T. noch die Außenansicht von Nancy drin, wie z.B. "hämisches Gelächter" - das klingt nicht nach Selbstbetrachtung.

Eingetragen am: 05.11.2008

Kommentar von Elisabeth

Hallo Benita, ich habe alle 3 Versuche gelesen und entscheide mich für den ersten in der 3. Person. Dein Text lässt mich einwenig erschauern und auf Grund dessen, finde ich, passt es besser, wenn er von einer 3. Person erzählt wird. Das kommt gruseliger rüber. Liebe Grüße

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Anita Decker

Ach du liebe Güte, so was gefällt mir! So richtig morbid und abgründig! Da werde ich mal sehen, was Du sonst noch geschrieben hast. Im übrigen gefällt mir die Vergangenheitsform besser, das wirkt wie eine Art Beichte, (ohne Einsicht und Reue!) Und als Perspektive die 3.Person. Das kann ich aber nicht begründen. LG Anita

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von frog

Hi Benita, Blairwitch Project oder was? Diese Prota ist mir zutiefst unsympathisch. Tote Hunde sind nicht mein Ding! Aber die letzte Version finde ich am besten. Da kommt das Grausige, Absurde, verrückt Fiese am besten zur Geltung.

Eingetragen am: 02.11.2008

Eingetragen am: 31.10.2008 von Putzi
[ Lesezeichen ]

19805

Liebe Angela Barotti

Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen.
Dieses scheinbar verständnisvolle Opfer war Katias einziger Weg. Um ihre Ehe zu retten, kämpfte sie mit unfairen Mitteln. – Andere standen ihr nicht zur Verfügung.
Sie ging sogar noch weiter.
Katia wollte ihre Nebenbuhlerin kennen lernen.
Mit unguten Gefühlen kam die Geliebte in Haus und wurde sehr freundlich von Katia begrüßt. Die beiden Frauen unterhielten sich stundenlang. Man konnte glauben, sie wären Freundinnen und Andreas saß wie ein Fremdkörper daneben.

„Wenn ich das jemand erzähle, dass glaubt mir kein Mensch,“ ließ die Geliebte ab und zu verlauten. Sie begriff es ja selber nicht.

Mit Andreas einigte sich Katia sogar, wo er zu welchem Tag Weihnachten verbringen wolle. Niemals sagte sie ein böses Wort. Weder gegen ihn, noch gegen die, in ihre Ehe eindringende Frau. Doch das war alles nur Strategie.

Und ihre Rechnung ging auf.

Während zu Hause für Andreas alles friedlich verlief, fing die Geliebte an über seine Ehefrau zu reden.

„Innerlich wird Katia mich verdammen, es kann nicht sein, dass sie dich so einfach aufgibt. Ich glaube von ihrer Selbstaufgabe kein Wort, so was gibt es nicht- kann es nicht geben. Ich weiß nicht wie, doch deine Frau ist hinterlistig und gemein. Ich halte es nicht mehr aus, sie noch einmal zu besuchen und möchte auch nicht, dass du mit ihr über uns beide sprichst“.
Die Geliebte ahnte nicht, wie sehr ihre Worte Katias Plan entgegen kamen und sie längst verloren hatte.

Du hast recht Angela, in Katia steckt ein kleines Teufelchen. Dadurch, dass sie nie ein böses Wort verlor, hielt sie immer die Fäden in der Hand.
Als wäre sie nur ein guter Kumpel und nicht direkt davon betroffen, fing Andreas langsam an seiner Frau zu berichten, wobei er seiner Geliebten half und was ihn an ihr störte.
Innerlich lachte Katia, denn sie hielt ihren Mann wie eine Marionette am langen Seil. Die Zeit arbeitete für Katia.
Andreas machte von sich aus Schluss. Die Geliebte hatte auch niemals eine echte Chance gehabt, ihn für immer an sich zu binden. Ihr gesunder Körper reichte nun Mal nicht aus, um seine langjährige Ehe zu zerstören.

Im Gegensatz zu dem, wie Du Katia einschätzt, ist Katia sogar sehr berechnend. Aber rachsüchtig ist sie nicht. Es gibt auch nichts, worüber sie sich rächen müsste. Andreas reagierte wie ein ganz normaler Mann. Tatsächlich hatte sie schon lange damit gerechnet, dass er irgendwann seiner Sehnsucht nach erfülltem Sexualleben nachgeben würde. Sie weiß genau, wie die Menschen ihrer Umgebung reagieren und stellt sich darauf ein.
Dass an diesem „Zuckersüßen Verhalten“ etwas nicht stimmen konnte, fühlte die Geliebte ganz genau. Doch gegen Katias Verständnis, verpufften ihre Waffen wirkungslos.

Lieber Frog.

Die Grausamkeit der Krankheit, ist für Außenstehende unsichtbar. Im Rollstuhl sitzen ist gar nicht so unangenehm, damit kann man sich abfinden. Aber welche zwischenmenschliche Katastrophen damit verbunden sind, möchte und werde ich in meinem Buch zeigen.
Es sitzen ja nicht nur MS-Kranke im Rollstuhl.
In den ersten Übungen dachte jeder Leser, Andreas wäre ein Ar... Es lag an den Übungen, die es nicht erlaubten, ihm Gerecht zu werden.
Langsam bekommen jene, die meine Berichte kontinuierlich lesen eine Ahnung davon, dass er kein gefühlloser Egoist ist, sondern genauso leidet, wie seine Frau. Mehrere Male versuchte er aus der Ehe auszubrechen und ein freies, eigenständiges Leben zu führen. Doch sein Verantwortungsgefühl hielt ihn immer wieder davon ab. Außerdem liebt er seine Frau und fühlt sich immer nur dort zu Hause, wo Katia auch ist.
Das mit dem zu Hause fühlen, sind seine eigenen Worte, nicht meine.

Damit habe ich auch die Frage von papaya beantwortet.
Doch bis es soweit ist, liegt noch ein langer, beschwerlicher Weg vor ihnen.

Vielen Dank, an alle Kommentatoren,

Putzi


Kommentar von Putzi

Ich muss gestehen einen Fehler gemacht zu haben. Liebe Lillilu und liebe Gerhild Bauer. Meinen eigentlichen Beitrag findet Ihr unter der Nummer 19696 Wenn Ihr dort nachschaut, macht meine Antwort einen tieferen Sinn. Aber ich danke Euch vielmals, dass Ihr auch auf einen Teilbeitrag von mir antwortet. Zu Lillilu Danke für’s Daumendrücken. Ich hoffe, dass mein Buch auf Interesse stoßen wird. Wie Du selbst schreibst, gibt es kaum eine Familie, die nicht in irgendeiner Weise von Behinderungen betroffen ist. Gleich welcher Art diese sein mögen, keine ist besser oder schlechter, als die Andere. Dauerhafte Migräneanfälle werden als genauso schlimm empfunden, wie die Erkrankung an Alzheimer. Das Leid muss nicht immer sichtbar sein. Leider kann ich nur von mir berichten, weil ich weiß, was ich denke und fühle. Doch es besteht noch viel mehr Aufklärungsbedarf und wer weiß, vielleicht regt mein Projekt auch andere Leidensgenossen dazu an, ihre Sicht der Dinge zu veröffentlichen. Zu Gerhild Bauer. Wie ich schon erwähnte, es sitzen nicht nur MS-Kranke im Rollstuhl. Wenn meine Hände nicht so gelähmt wären, dann würde ich malen. Auch in diesem Genre kann man wunderbar ausdrücken, was einem bewegt. Bevor ich mich dazu entschloss über meine Situation zu schreiben, beschäftigte ich mich mit religiösen Dingen. „Ach ja, kaum geht es den Menschen schlecht, fangen sie an zu beten“, höre ich im Hinterstübchen klingen. Doch so war es bei mir nicht. Ich versuchte herauszufinden, wie die Religion an einen einzigen Gott entstand und entdeckte Bemerkenswertes. Nicht Moses, sondern der ägyptische Pharao Amenophis IV, besser bekannt unter dem Namen Echnaton, war der Erste der den Glauben an einen einzigen Gott vertrat. Um nicht einseitig zu werden, stellte ich in zwei Schreibforen die Frage: „Gott, eine Erfindung der Menschen?“ Ich wollte auch andere Ansichten kennen lernen. Vom gläubigen Mitglied der Neuapostolischen Kirche, bis zur Verehrerin altgermanischer Götter, welche die EDDA auswendig kennt, bekam ich die verschiedensten Antworten. Eine achtzigseitige Abhandlung, die noch lange nicht fertig ist, liegt gespeichert auf meiner Festplatte. Um sie interessant zu gestalten, war ich ganz schön frech gewesen. Ich klagte Gott an, weil er es zulässt, dass seine angeblichen Kinder heute noch gefoltert und ermordet werden, bloß weil sie die falsche Hautfarbe, das falsche Geschlecht, oder den Wunsch nach Freiheit haben. Zum Schluss vertrat ich die Meinung, dass nicht wir Menschen um Vergebung unserer Sünden bitten müssen, sondern dass Gott froh sein sollte, wenn wir IHM seine Sünden vergeben. Auch das „Vater Unser“, bekam sein Fett weg. „und führe uns nicht in Versuchung, sondern...“, Du kennst das. Ja wer führt uns denn in Versuchung, Gott, oder der Teufel? Ist Gott der Teufel, oder beten wir zum Teufel, wenn wir das „Vater Unser“ beten? Du siehst, es liegt eine ganze Menge Sprengstoff in dieser Abhandlung drin. Beschäftigungen gibt es viele, nicht jeder weiß, wie man eine gute Geschichte schreibt. Es kann genauso befriedigend sein, im Kindergarten oder im Krankenhaus aus Büchern vorzulesen Das Wichtigste ist, aktiv zu bleiben und nicht aufzugeben. Jeder Kranke hat ein Anrecht darauf, eine Aufgabe zu erfüllen. Dies bei den Angehörigen durchzusetzen, ist oft sehr schwierig, weil er deren Hilfe benötigt. Mit deren Unverständnis möchte ich aufräumen. Was macht uns am meisten Angst, wenn wir an ein Pflegeheim denken? Satt, sauber und stabil, seelisch zu verkümmern. Liebe Grüße, Putzi

Eingetragen am: 05.11.2008

Kommentar von Gerhild Bauer

Liebe Putzi,ich wünsche mir, dass du in deinem Buch auch die Strategien einfließen läßt, die zeigen, wie man ein Leben mit dieser Krankheit und ihren Folgen bewältigen kann. Schreiben ist eine Strategie, gibt es auch noch andere ? L.G. Gerhild

Eingetragen am: 04.11.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Putzi, die Kommentare von dir zeigen einen interessanten dramaturgischen Ansatz. So kann ich mir gut vorstellen, dass es nicht nur eine Geschichte wird, die den Leser bedrückt, sondern die auch spannend ist. Wie das mit einer chronischen Krankheit und einer Behinderung so ist, kann ich im Ansatz selbst gut nachvollziehen. Bei mir zuhause ist das auch ein Standardthema. Ich drücke dir die Daumen für dein Buch. LG Lillilu

Eingetragen am: 02.11.2008

Eingetragen am: 31.10.2008 von Anita Decker
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19804

Frühjahr 1990

Am nächsten Tag stehe ich vor der Haustüre. An der Schelle steht nur "Hartmann", sonst nichts, nicht Fam., auch nicht Werner oder Gregor. Bevor ich auf den Klingelknopf drücke, schaue ich mich noch einmal um. Ich bin nicht nervös. Ich bin viel zu erschöpft um nervös zu sein. Zu viele Kämpfe.

Es ist das schönste Haus auf dieser Straße. Früher sahen diese Häuser hier alle gleich aus, aber nur dieses wurde nicht verändert. Keine moderne Haustüre. Die Giebelseite Efeu-berankt. Aber die Gardinen sauber, alles gut in Schuss.
Ich mag Kletterpflanzen.
Noch immer ragt der große Ahornbaum vor der Garagenauffahrt auf. Die Hürde, die man nehmen muss, wenn man Werners Hilfe bei einem kaputten Auto in Anspruch nehmen will. Da muss man langsam und vorsichtig drum herum steuern, und gelangt durch die Garage auf den Hof, und findet sich in einer anderen Welt wieder. Werners Welt. Eine Schlosserwerkstatt. Mit Fahnen und Hakenkreuzen dekoriert.
Spricht man ihn darauf an, was das soll, winkt er ab. Hakenkreuze ließe er sich nicht verbieten, das seien Runenzeichen, älter als der Nationalsozialismus.
Aber er diskutiert gern, jedenfalls war das früher so...
Früher war ich oft hier.

Das erste Mal vor 7 Jahren. Mit dem Herzen in der Hand und einem kleinen Kind an der anderen. Die Freundin von Gregor, die "Verheiratete". Nicht der einzige Skandal in dieser Familie. Es kommt mir vor wie gestern. Es kommt mir vor als kehrte ich Heim.
Aber nein, es ist kein Rendezvous. Wir wollen uns nur unterhalten.

Ich drücke den Klingelknopf. Es dauert nicht lange, da wird die Tür geöffnet. Werner steht vor mir, Gregors Vater. Er ist immer noch eine imposante Erscheinung. Typ Hans Alberz. Sein Outfit ist elegant - und altmodisch.
Dann muss ich lächeln, denn ich bin versucht zu sagen: "Kommt der Gregor raus, spielen?"
Nur so, als Gag. Er lächelt auch. Und ich sage: "Da bin ich."



3.Person

Am nächsten Tag steht sie vor seiner Haustüre. An der Schelle steht nur "Hartmann". Sonst nichts, nicht Fam., auch nicht Werner oder Gregor. Bevor sie auf den Klingelknopf drückt, schaut sie sich noch einmal um. Sie ist nicht nervös. Sie ist viel zu erschöpft um nervös zu sein. Zu viele Kämpfe.

Es ist das schönste Haus auf dieser Straße, findet sie. Früher da sahen diese Häuser alle gleich aus. Nur dieses wurde nicht verändert. Keine moderne Haustüre. Die Giebelseite Efeu- berankt. Die Gardinen sauber, alles gut in Schuss.
Sie mag Kletterpflanzen.
Noch immer ragt der große Ahornbaum vor der Garageneinfahrt auf. Die Hürde, die man nehmen muss, wenn man Werners Hilfe bei einem kaputten Auto in Anspruch nehmen will. Da muss man langsam und vorsichtig drum herum steuern, dann gelangt man durch die Garage auf den Hof, und findet sich in einer anderen Welt. Werners Welt. Eine Schlosserwerkstatt, über und über mit Fahnen und Hakenkreuzen dekoriert. Spricht man ihn darauf an was das soll, winkt er ab. Hakenkreuze ließe er sich nicht verbieten, das seien Runenzeichen, älter als der Nationalsozialismus. Aber er diskutiert gern, jedenfalls war das früher so...

Früher war sie oft hier.
Das erste Mal vor 7 Jahren. Mit dem Herzen in der Hand, und einem kleinen Kind an der anderen. Die Freundin von Gregor, die "Verheiratete". Nicht der einzige Skandal in dieser Familie. Es kommt ihr vor wie gestern. Es kommt ihr vor als kehrte sie Heim.
Aber nein, es ist kein Rendezvous. Sie wollen sich nur unterhalten.

Sie drückt auf den Klingelknopf. Es dauert nicht lange, da wird die Tür geöffnet. Werner steht vor ihr, Gregors Vater. Er ist immer noch eine imposante Erscheinung, denkt sie, Typ Hans Alberz. Sein Outfit ist elegant - und altmodisch. Ganz anders als ihr eigener Vater, der eher Elvis Presley gleicht, und sich sportlich kleidet.

Dann muss sie lächeln, denn sie ist versucht zu sagen: "Kommt der Gregor raus, spielen?" Nur so als Gag. Er lächelt auch. Und sie sagt: "Da bin ich."


Kommentar von Anita Decker

Erst einmal vielen Dank für euer Interesse. Liebe Gerhild Bauer, ich habe mich vertan. Es muss heißen - Das erste Mal vor 12 Jahren - Das Kind an Liliens Hand ist Sarah, die jetzt 14 Jahre alt ist. (Beitrag 18796) Lilien, (die nirgends bleiben kann) hatte damals ihren Mann verlassen, um mit Gregor zu leben. Auch bei ihm blieb sie nicht lange, hat ihn aber nie vergessen können. Werner, von Gregor "der Alte" genannt, ist aber auch eine wichtige Figur in meinem Roman. Liebe Grüße Anita

Eingetragen am: 05.11.2008

Kommentar von Gerhild Bauer

Ich finde beide Textabschnitte gleich gut. Dein Text wirft für mich Fragen auf: Ich habe nachgelesen, konnte aber keine Zusammenhänge finden (vielleicht habe ich zu schnell gelesen). Musste sie sich vor 7 Jahren von ihrem Kind trennen? Hat sie in diesen 7 Jahren den Schmerz dieser Trennung bewältigt? L.G. Gerhild

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Frog

Die erste Version gefällt mir schon allein deswegen besser, weil sie stringent im Präsens geschrieben ist und den Leser viel direkter auf diesen Besuch mitnimmt. Viele Geheimnisse stecken darin, die es zu lüften gilt. Der letzte Abschnitt gefällt mir besonders gut, man will mehr erfahren...

Eingetragen am: 02.11.2008

Eingetragen am: 30.10.2008 von Metta Maiwald
[ Lesezeichen ]

19779

Erster Versuch: Dritte oder erste Person?

In den Villen am Leinpfad gingen die ersten Lichter an, als Ulla an der Alster entlang nach Hause radelte. Die Dämmerstunde hatte etwas Unwirkliches. Die Nacht kündigte sich an, doch der Tag war noch nicht bereit, zu gehen. Es würde das letzte Mal für lange Zeit sein, dass sie hier entlangfuhr. Hatte sie deshalb fast den ganzen Nachmittag an ihrem Schreibtisch gesessen und geweint, unfähig, sich zu rühren? Es konnte doch nicht sein, dass sie so traurig war, nur weil ihr letzter Arbeitstag vor Beginn des Mutterschutzes war, und sie danach nicht mehr zum Team dazugehören würde – Arne verdiente einfach mehr als sie. Oder weil die anderen aus der Redaktion keine Zeit hatten, mit ihr den Kuchen zu essen, den sie extra zum Abschied gebacken hatte.

Auf der steinernen Brücke mit dem kleinen Pavillon blieb sie stehen. Ruderer zogen mit ruhigen Schlägen über den Mühlenteich. Wie vor siebzig Jahren ihr Großvater, als er hier studiert hatte. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. Vielleicht würden in siebzig Jahren ihre Enkelkinder hier entlangfahren und an sie denken. Dann wäre sie tot. Aber erst würden ihre Eltern sterben.

Ulla radelte unter der hohen Eisenbahnbrücke durch. Der Sandweg führte nun auf der Rückseite der Häuser dicht an der Tarpenbek entlang. Kirschbäume blühten in den Gärten und das melancholische Lied einer Amsel durchzog das Rosa dieses Abends. Ein Hauch von Verwesung wie von einem toten Tier streifte durch das zarte Grün der Buchenhecken, mischte sich mit schwerem, honigsüßem Azaleenduft und lag wie eine unstillbare Sehnsucht in der Luft. Ulla atmete tief ein, ohne jemals satt zu werden.

Es war schon dunkel, als sie die Wohnungstür aufschloss. Sofort sah sie das rote Lämpchen des Anrufbeantworters im Flur blinken. Sie hörte die Nachricht ab: „Liebe Ulla, hier ist Mutti. Hoffentlich kommst du bald nach Hause. Bitte ruf mich sofort an. Vati ist verschwunden.“


In den Villen am Leinpfad gingen die ersten Lichter an, als ich an der Alster entlang nach Hause radelte. Die Dämmerstunde hatte etwas Unwirkliches. Die Nacht kündigte sich an, doch der Tag war noch nicht bereit, zu gehen. Es würde das letzte Mal für lange Zeit sein, dass ich hier entlangfuhr. Hatte ich deshalb fast den ganzen Nachmittag an meinem Schreibtisch gesessen und geweint, unfähig, mich zu rühren? Es konnte doch nicht sein, dass ich so traurig war, nur weil mein letzter Arbeitstag vor Beginn des Mutterschutzes war, und ich danach nicht mehr zum Team dazugehören würde – Arne verdiente einfach mehr als ich. Oder weil die anderen aus der Redaktion keine Zeit hatten, mit mir den Kuchen zu essen, den ich extra zum Abschied gebacken hatte.

Auf der steinernen Brücke mit dem kleinen Pavillon blieb ich stehen. Ruderer zogen mit ruhigen Schlägen über den Mühlenteich. Wie vor siebzig Jahren mein Großvater, als er hier studiert hatte. Ich legte eine Hand auf meinen Bauch. Vielleicht würden in siebzig Jahren meine Enkelkinder hier entlangfahren und an mich denken. Dann wäre ich tot. Aber erst würden meine Eltern sterben.

Ich radelte unter der hohen Eisenbahnbrücke durch. Der Sandweg führte nun auf der Rückseite der Häuser dicht an der Tarpenbek entlang. Kirschbäume blühten in den Gärten und das melancholische Lied einer Amsel durchzog das Rosa dieses Abends. Ein Hauch von Verwesung wie von einem toten Tier streifte durch das zarte Grün der Buchenhecken, mischte sich mit schwerem, honigsüßem Azaleenduft und lag wie eine unstillbare Sehnsucht in der Luft. Ich atmete tief ein, ohne jemals satt zu werden.

Es war schon dunkel, als ich die Wohnungstür aufschloss. Sofort sah ich das rote Lämpchen des Anrufbeantworters im Flur blinken. Ich hörte die Nachricht ab: „Liebe Ulla, hier ist Mutti. Hoffentlich kommst du bald nach Hause. Bitte ruf mich sofort an. Vati ist verschwunden.“


Kommentar von Elisabeth

Liebe Metta, ich habe mir die anderen Kommentare gar nicht durchgelesen... dein Text gefällt mir in der 3. Person besser. Besonders der erste Abschnitt mit den fragenden Gedanken, erzeugt in dieser Version mehr Tiefe. In der Ich Form würde ich dann diese Sätze anders formulieren damit sie "lebendiger" wirken. Liebe Grüße

Eingetragen am: 04.11.2008

Kommentar von Gerhild Bauer

Ich habe lange über den Absatz ;Ich (oder Ulla) radelte unter der hohen Eisenbahnbrücke durch... nachgedacht. Es ist ein traurig schöner Absatz, ich würde ihn nicht ändern ( -wie von einem Tier- finde ich nicht notwendig):Die Gegenüberstellung Verwesung=Vergänglichkeit und unstillbare Sehnsucht...regt zum Nachdenken an.L.G. Gerhild

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Danke Euch allen noch einmal für die Kommentare! Der Entscheidung, wer für das Kind zu Hause bleibt, kann im Buch mehr Raum gegeben werden als in einem kurzen Übungsbeitrag - wichtig war mir hier nur, dass Ulla bereits weiß, dass sie nach der Erziehungszeit nicht in die Redaktion zurückkehren wird. Sie ist also selbst noch unsicher, woher ihre Traurigkeit rührt. Der Tod des Vaters ist ohnehin keine Überraschung - er ist bereits länger in psychiatrischer Behandlung. Gut, dass Dir solche Kleinigkeiten wie die unübliche Anrede "liebe Ulla" auffallen, Lillilu. Ich werde es gegen "hallo Ulla" oder "Ulla?" ersetzen. Ich finde es außerordentlich schwer, die Stimmung authentisch zu beschreiben, ohne kitschig zu werden.

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Karin

Hallo! Dieser Kommentar gilt nur indirekt Metta, sondern Sarah. Auch auf die Gefahr hin, dass Ihr mich für schulmeisterhaft haltet: Was Du über die dritte Person schreibst, Sarah, stimmt nicht. Sie kann nur in den Kopf ihrer Figur schauen, bei allen anderen kann sie nur vermuten. Was Du meinst, ist der allwissende Erzähler; der kennt alle Gedanken, Gefühle und Einzelheiten aus dem Leben jeder Figur der Geschichte/des Romans. Liebe Grüße.

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Frog

Danke für die Duftexkursion. Aber es ist dennoch nur eine sehr persönliche Wahrnehmung von Dir. Nicht jeder, der Azaleengeruch kennt, verbindet damit das, was es für Dich bedeutet. Insofern wäre dann die 1. Person doch besser, da könntest Du das besser durch Ullas Augen/Nase erklären. Es wäre sicher auch schön zu lesen. Dann könnte einem der Gedanke kommen: Stimmt. Jetzt wo ich es lese, ja, so riechen Azaleen eigentlich.... Rofl! Ich hoffe, Du verstehst, wie ich das meine...! LG

Eingetragen am: 02.11.2008

Kommentar von Karin

Liebe Metta, ich will hier nicht noch einmal auf die Dinge eingehen, die in all den Kommentaren zu lesen sind. Da Du über belastende Erinnerungen, Dich selbst betreffend, schreibst, ist es wohl für Dich leichter in der dritten Person zu schreiben. Der Leser liest keinen Unterschied heraus, aber wenn Du "ich" schreibst, wirst Du dofort wieder in Deine alte Last hineingezogen. Mir würde es so ergehen, und deshalb gebe ich Dir diesen Rat. Liebe Grüße.

Eingetragen am: 02.11.2008

Kommentar von Sarah S.

Liebe Metta, dein Ausschnitt büßt in der 3. Person überhaupt nichts an Gefühl oder Spannung ein, kommt alles gleich gut rüber wie in der 1. Person. Aber die 3. Person bietet dir ja die Möglichkeit, auch mal in die Gedanken und Gefühle von Arne, Mutti oder vielleicht eines Arbeitskollegen zu schauen, die sie später mit dem Kind besucht? Toller Text, besonders das weinende und das lachende Auge, mit dem wohl jede werdende Mutter in die Zukunft schaut ist gut eingefangen. LG Sarah S.

Eingetragen am: 02.11.2008

Kommentar von Angela Barotti

Auch ich finde die dritte Person passender. / Mir gefällt der morbide Charme des Textes. Allerdings erhält der Leser damit so viele Hinweise auf das Schicksal des Vaters, dass der Überraschungseffekt wegfällt – und damit auch ein Großteil der Betroffenheit, die ich empfinden würde, wenn ein Schicksalsschlag „aus dem Nichts“ über die Beteiligten käme. Wie würde die Geschichte wirken, wenn es mehr Hinweise auf Leben statt auf Tod gäbe? Wenn Ulla nicht nur ihre Hand auf den Bauch legte, sondern auch die Kindsbewegungen spürte? Wenn kein Verwesungsgeruch in der Luft läge, sondern es nur nach Blumen und Rasenschnitt röche? Wenn fröhliches Lachen aus den Gärten zu hören wäre? / Die Logik: ‚Es ist Ullas letzter Arbeitstag, weil Arne mehr verdient’ erschließt sich mir nicht, denn Frauen müssen nicht deshalb zu Hause bleiben, weil der Mann mehr Geld nach Hause bringt. Natürlich weiß ich, was du damit sagen willst. Aber hier verdichtest du mehrere Gedankengänge zu einem, bei dem dann Unsinn bei rauskommt. Es reicht, dass erwähnt wird, dass es der letzte Arbeitstag vor Beginn des Mutterschutzes ist. Was danach sein wird, steht in den Sternen.

Eingetragen am: 02.11.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Lieber Ginko, liebe Frog, danke, dass ich mir auf die Stelle aufmerksam gemacht habt - Verwesungsgeruch und Sehnsucht sollte ich nicht in einem Satz unterbringen. Wahrscheinlich bedarf es dieses Geruchs auch nur für die Leser, die keinen Azaleenduft kennen. Der ist nicht so leicht wie von Kirschblüten oder Flieder, sondern trägt etwas Schmerzvolles in sich. Ihn einzuatmen, ist wie Salzwasser trinken, wie immer wieder eine schmerzende Stelle zu berühren, ohne davon lassen zu können. Mit jedem Atemzug meint man, zu ersticken, und kann sich doch dieser süßen Schwere nicht entziehen. Ulla sehnt den Tod des Vaters nicht herbei, sie erahnt ihn, und hat Sehnsucht danach, alles möge wieder so sein, wie es einmal war. Die Symbolik des Vogelgesangs wird in einem anderen Beitrag beim nächtlichen Erwachen deutlich, als Ulla sechs ist und nach dem Tod ihrer Oma morgens als erste erwacht, lauscht, ob Bruder und Eltern noch Leben, aber nur die Vögel vor dem Fenster hört. Kitschig ausgedrückt ist so ein Frühlingsabend "zum Sterben schön". Sie kann ihn nicht genießen, weil etwas Unbestimmtes, Trauriges in der Luft liegt. - Der Vater ist schon seit einiger Zeit in psychiatrischer Behandlung. Der Ausgang dieses Abschnitts ist in einem der Beiträge aus der Sicht eines Gegenstandes nachzulesen.

Eingetragen am: 02.11.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Metta, auch ich finde die dritte Person besser geeignet als die Ich-Form. Ich würde dir gerne etwas zu deinen Metaphern sagen: ‚Die Nacht kündigte sich an, doch der Tag war noch nicht bereit zu gehen’ erinnert mich an Johnny Walker und ich frage mich, woran erkennt der Leser, dass der Tag sich weigert zu gehen? Beim radeln denkt Ulla, daran, dass sie extra einen Kuchen zum Abschied in der Redaktion gebacken hatte: das ist eine schmerzhafte Erfahrung, die du unbedingt darstellen solltest! Da macht sich jemand Mühe und die anderen haben keine Zeit! Das kommt schon einem Rausschmiss gleich. Dann sprichst du diverse sinnliche Wahrnehmungen an: das Lied einer Amsel durchzieht das Rosa des Abends, bitte NICHT! Der Verwesungsgeruch, das zarte Grün der Buchenhecke und die Azaleen finde ich nicht empfehlenswert gemischt. Dann: Sagt eine Mutter tatsächlich „Liebe Ulla“ auf dem AB, als wenn sie einen Brief schriebe? ‚Arne verdiente einfach mehr’ ist mit etwas Nachdenken schon klar, aber die Thematik ist so sehr kurz gefasst. Lieben Gruss von Lillilu

Eingetragen am: 01.11.2008

Kommentar von Frog

Dritte Person finde ich sehr viel passender für Deine Geschichte. So schaffst Du es auch, das nötige bisschen Abstand zu haben für diesen vielschichtigen Stoff. Die Stimmung, die Du beschreibst, lässt mich wehmütig an den Sommer denken. Es ist ein schönes Stückchen Natur für alle Sinne – bei mir um die Ecke. Ich konnte es erst heute wieder genißen. Der Hauch von Verwesung kommt ein bisschen plötzlich, ich ahne, warum. Aber: Hat Ulla selbst so eine Todessehnsucht, dass sie dieses Gemisch einatmet, ohne satt zu werden? Das jemals könntest Du übrigens weglassen, das macht da keinen Sinn. Ansonsten: Schön, zu welchem Ergebnis Deine herbstlichen Recherchen geführt haben...

Eingetragen am: 01.11.2008

Kommentar von Ginko Korn

In der dritten Person läuft ein Film. Ich bin frei für Informationen und nehme die gebotene Fahrradtour aufmerksam zur Kenntnis. Die kleinen Gedankenlesereien wirken als Nahaufnahme mit Ullas Gesichtsausdruck. Probleme habe ich mit der Konstruktion des Satzes in dem der Verwesungshauch wie eine unstillbare Sehnsucht in der Luft liegt. Wünscht sich Ulla Vatis Tod ? Durch das Umschalten von sie auf ich geschieht kein wirklicher Perspektivwechsel, denn nun schaut sich Ulla selbst zu. Dort wie hier "atmet sie ein, ohne jemals satt zu werden". Gemeint ist wohl, dass sie nicht genug von dieser seltsamen Duftmischung haben kann. Ich fürchte, da verströmt bereits Vati aus einer Hecke seinen Leichengeruch.

Eingetragen am: 31.10.2008

Eingetragen am: 30.10.2008 von Metta Maiwald
[ Lesezeichen ]

19781

Zweiter Versuch: Ein Ereignis aus der Perspektive von Ulla, ihrem Vater Hermann jun. und ihrem Großvater Hermann sen. - wenn Euch der Text zu lang ist, könnt ihr den ersten Absatz weglassen. Er beschreibt nur die Rahmenhandlung.

„Will Frank nicht mal versuchen, eine Psychotherapie zu machen?“ fragte Ulla.
„Nein, der Neurologe sagt, das ist eine endogene, schizophrene Psychose. Da kann man nischt machen. Das ist ein guter Arzt, der gibt ihm immer die teuren Medikamente.“ Ullas Schwiegermutter räumte die Teller in den Schrank.
„Na ja, aber selbst, wenn es eine Stoffwechselstörung des Gehirns ist – irgendwie müssen die Gedanken, die jetzt aus dem Unterbewusstsein raus kommen, ja auch da rein gekommen sein.“ Ulla ließ Wasser in die Spüle.
„Er redet jetzt immer vom Teufel. Wo soll das denn herkommen?“ Die Schwiegermutter schloss die Schranktür ein wenig zu laut.
„Das kommt bestimmt von Oma, die war doch so religiös“, mischte sich Arne jetzt ein.
„Meinst?“ Die Schwiegermutter wischte die Arbeitsplatte ab.
„Was sagen die Stimmen ihm denn immer?“ Ulla spülte einen Topf ab.
„Na, ich weiß nicht, die beschimpfen ihn immer, eben er ist ein Schwein, und so was.“
„Hat Franz ihn nicht früher öfter verprügelt?“
„Ja. Aber so waren die doch alle hier. Denk mal, der Heinzi von Erwin Winter, der hat sogar mit dem Ochsenziemer gekriegt. Und einmal lief Erwinchen sogar mit ’ner Zaunlatte hinter ihm her. Aber der hat nischt.“
„Aber seine Schwester.“
„Ja, die schon.“
„Ich habe Frank neulich mal gefragt, was er fühlt, wenn er an seinen Vater denkt. Da hat er angefangen, zu weinen.“
„Lass mal, Ulla, hat doch keinen Zweck, das auszudiskutieren. Soll ich abtrocknen?“ Arne nahm sich ein Geschirrtuch.

„Ich glaube aber, bei meinem Vater war das genauso. Den hat mein Großvater nie geschlagen, hat er gesagt. Aber von Tante Marten weiß ich, dass er zur Strafe tagelang nicht mit seinen Söhnen gesprochen hat. Und Onkel Arnulf meinte sogar mal, mein Vater musste seinen Teller leer essen, als er schon zu spucken begonnen hatte.“
„Ich geh mal in die Wohnstube. Räumt ihr den Rest weg?“ Die Schwiegermutter verschwand.
Arne nickte. „Na, es kann schon sein, dass Frank davon einen an der Marmel gekriegt hat, aber du kannst es doch nicht beweisen. Der war schon als Kind so ängstlich.“ Er stellte die Töpfe zusammen.
„Aber du siehst doch, dass es mit Frank nicht besser wird! Du kannst mir nicht erzählen, dass seine Krankheit keine tiefere Ursache hat. – Ich weiß noch, wie ich meinen Vater mal drauf angesprochen habe, auf diese Sache mit dem Mittagessen. Ich wollte wissen, wie er sich da gefühlt hat. Da haben seine Augen angefangen, zu zittern, als wenn er einen Fluchtweg suchte, nur um nicht sagen zu müssen, wie schrecklich es war. Schließlich grinste er und meinte, er hätte das Essen aus dem Fenster gespuckt.“ Ulla ließ das Spülwasser ab.
„Wieso machst du dir eigentlich immer noch Gedanken darüber? Das ist doch längst vorbei! Ach, ich hab keinen Bock mehr auf dieses Psychogelaber. Ich geh mal in die Garage.“ Arne hängte das Geschirrtuch an den Haken.
„Ja, tu das.“ Ulla setzte sich an den Küchentisch. Wie ihr Vater sich wohl gefühlt haben mochte?

Hermann schlich die hölzerne Stiege hinauf. Schon im Treppenhaus roch er es: Fisch!
Tante Marten öffnete ihm, als er läutete. „Na, Hermännchen, wasch dir mal gleich die Hände!“
Der schmale, blasse Junge stellte seinen Schulranzen ins Kinderzimmer und warf einen Blick in die Küche: „Was gibt es zu essen?“
„Brathering. – Nun schau nicht so gequält. Dein Vater hat es sich gewünscht.“
„Aber du weißt doch, dass ich keinen Fisch mag.“ Hermann trottete ins Badezimmer. Schon hörte er Arnulf die Treppe hochrennen und dahinter die gemäßigten Schritte seines Vaters. Es läutete. Hermann lief zur Tür: „Pünktlich um zwölf ist der Portier zur Stelle.“
Arnulf witschte unter seinem Arm durch und stürmte ins Bad, spritzte mit Wasser und rannte noch mit nassen Händen zu Tante Marten in die Küche.
Der Vater schmunzelte und strich Hermann über den Kopf: „In der Schule alles klar?“
Hermann nickte: „Alles klar.“
„Fräulein Marten, haben Sie schon eingedeckt?“
„Selbstverständlich, Herr Markwardt, Sie können Platz nehmen.“
Wie immer saß der Vater am Kopfende des schweren Kirschholztisches, als Tante Marten die Schüsseln auftrug und begann, aufzufüllen. Sie selbst hatte bereits in der Küche gegessen.
„Für mich bitte keinen Fisch.“ Hermann hielt schnell die Hände über seinen Teller.
Sein Vater schob sie beiseite. „Einen isst du. Sei froh, dass Onkel Walter uns Geld schickt, sonst müsstest du hungern.“
„Besser als Fisch zu essen“, murmelte Hermann und starrte auf seinen Teller.
„Hermann.“ Vaters Augen blitzten hinter seiner Brille.
„Und Arnulf, wie viele möchtest du?“
„Ganz viele, Tante Marten!“
Schweigend begann die Mahlzeit. Hermann versuchte, immer nur ein ganz kleines Häppchen Fisch und ein ganz großes Stück Kartoffel zusammen zu essen, aber alles schmeckte nur nach Brathering, Brathering, Brathering. Er kaute lange auf seinem Bissen herum, aber er schaffte es nicht, den klebrigen Brei, der seinen Mund ausfüllte, herunterzuschlucken. Vielleicht, wenn er einen Schluck Wasser dazu nahm?
„Hermann, jetzt stell dich nicht so an. Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder.“
Arnulf saß Hermann gegenüber und kaute mit vollen Backen. Er genoss es sichtlich, dass diesmal sein großer Bruder die Schelte bekam.
Hermann stiegen die Tränen in die Augen. Er musste würgen. „Ich kann das nicht essen“, schniefte er mit vollem Mund. Das zerkaute Essen fiel zurück auf den Teller. Er schluchzte, der Speichel troff herab. Hermann begann zu husten und hielt sich beide Hände vor den Mund, um sich nicht zu übergeben.
Arnulf vergaß vor Schreck, weiterzuessen und starrte seinen Bruder mit aufgerissenen Augen an.
„Es reicht. Das isst du auf.“ Sein Vater faltete seine Serviette zusammen und erhob sich. „Ich mache jetzt eine halbe Stunde Mittagsschlaf, und wenn ich wieder ins Büro gehe, ist der Teller leer. Arnulf, geh in dein Zimmer.“ Hermann schob den ausgespienen Brei folgsam wieder in den Mund und blieb reglos sitzen.
Tante Marten räumte den Tisch ab und strich Hermann über den Kopf: „Komm, ist doch nur ein kleiner Hering.“
Alles war ruhig. Tante Marten spülte in der Küche das Geschirr. Hermann hörte das regelmäßige, leichte Schnarchen seines Vaters aus dem Wohnzimmer. Vorsichtig stand er auf und öffnete die Balkontür. Er beugte sich über die Brüstung und spuckte die eklige Pampe in den Garten.

Wie konnte Großvater sich nur so verhalten? Arne hatte ihn ja noch nie gemocht, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. War das derselbe Mann, der für Ulla gezaubert hatte, als sie klein war? Der Tante Marten immer ihr Lieblingsessen kochen ließ? Bei dem sie durch den Garten toben durfte? Würde Arnulf noch leben, wenn er sich nur einmal getraut hätte, gegen die Ungerechtigkeit seines Vaters aufzubegehren? Und ihr eigener Vater, Hermann? Wenn er nur mehr Liebe bekommen hätte, und nicht immerzu Angst gehabt hätte? Ob ihrem Großvater überhaupt klar war, was er angerichtet hatte?

Lübeck, 6. September 1949

Lieber Walter,

vielen Dank für das Geld, das Du uns über die Schweiz überwiesen hast. Auch Deine Kaffeesendung ist eingetroffen. Ich wüsste nicht, wie ich ohne Deine Hilfe auskommen sollte. Oft sitze ich bis abends um neun im Büro, aber in Deutschland geht es noch immer nicht bergauf.

Dein Patensohn Arnulf kommt ganz nach Dir – er ist genau so ein kleiner Raufbold, wie Du es früher warst. Hermann ist ein lieber Junge, aber er ist zu dünn und will so gar nicht essen.

Mir selbst geht es besch…eiden. Das Magenleiden, das ich mir in Russland zugezogen habe, macht mir zu schaffen. Zu viel gefrorenes Brot gegessen. Eigentlich müsste ich mal ausspannen, aber das ist in der momentanen Situation nicht drin. Ich höre jetzt lieber auf, denn sonst fange ich noch an zu jammern, und das will ich nicht. Ein echter Markwardt ist zäh.

Mit brüderlichem Gruß, Du alter Plattfußindianer, bleibe ich
Dein Hermann


Kommentar von Kiwi

Hallo Metta Erstmals recht herzlichen Dank für deine sehr hilfreiche Kritik. Ich habe mich sofort an mein Skript gehängt und Korrekturen vorgenommen. Die Mundart Ausdrücke kommen daher, dass ich Schweizer bin!:) Nun zu deinem Text. Ich habe nur zwei Dinge die mir aufgefallen sind. Im ersten Abschnitt hast du für meinen Geschmack nach einem gesprochenen Satz zuviel erklärt was die Person gerade macht. Ich denke das ist in diesem Fall nicht nötig. Und das zweite: Im zweiten Abschnitt sagte Ulla zu Arne: "Ja tu das." Ich habe das Gefühl, dass sie ihm das nach seiner Aussage "ich habe genug von dem Psychogelaber" vielleicht nicht mehr sagen würde. Aber ist nur eine Anmerkung. Sonst fand ich es gut. Liebe Grüsse Kiwi

Eingetragen am: 07.11.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Ja, da haben wir wieder das Problem, wenn ein Beitrag aus dem Zusammenhang gerissen wurde... GINKO, die Hermanns wechseln gar nicht dauernd. Es sind, wie oben angegeben, drei verschiedene Pespektiven. "Wie ihr Vater sich wohl gefühlt haben mochte" leitet den Absatz aus Sicht von Hermann jun. ein, "Ob ihrem Großvater überhaupt klar war..." aus der von Hermann sen. Im Buch würden die drei Absätze aber auch nicht so kompakt hintereinander stehen, sondern jede Zeitspanne hätte mehrere Seiten oder Kapitel. Der Essenszwang ist nur ein Symptom dafür, wie den Jungen das Ernstnehmen der eigenen Gefühle abtrainiert wird. Ihr bestimmendes Lebensgefühl ist Angst. Es gibt auch stärkere Charaktere, die damit fertig werden. Meine Großtante hat z.B. das Fleisch, das sie nicht mochte, hinter den Schrank gespuckt, und erst gestanden, als der Hund ausgeschimpft wurde. Hermann gibt nichts an Frank weiter - sie sind gar nicht verwandt. Frank ist Arnes Bruder. Ulla merkt aber, dass es in Arnes Familie offenbar eine ähnliche Konstellation gibt, wie in ihrer eigenen: autoritäter Vater, zwei Söhne, von denen der eine labil ist und der andere nach außen hin Härte zeigt. Sie versucht, die Beweggründe der einzelnen Familienmitglieder zu verstehen, da auch sie selbst unter den Konflikten zu leiden hat. Sie ist also nicht, wie Du es empfunden hast, ANGELA, froh, dass auch die andere Familie einen Makel hat. Den Übervater hast Du richtig erkannt. Auch, dass die Mutter tot ist. Sie nahm sich das Leben, als Arnulf und Hermann vier und sechs Jahre alt waren. (Dick aufgetragen? Das Leben schreibt leider manchmal die besten Geschichten.) Nach dem Suizid von Vater und Onkel wird dem Großvater, der bereits vorher gestorben ist, von einem Teil der Familie die Schuld zugewiesen. Ulla ist verwirrt, weil sie ihren Großvater liebenswert erlebt hat und sich seine Strenge und unerbittliche Härte (z.B. mehrtägige Schweigestrafe) nicht erklären kann. Alte Briefe, die sie findet, zeigen ihr, wie schlecht es dem Großvater eigentlich ging. Ihr Verhältnis zu Arne ist ähnlich - er kann sehr liebenswürdig sein, aber auch sehr verletztend. Es ist nicht gut, wenn ein Text solch eine lange Erklärung braucht, um verstanden zu werden, aber im Buch werden die großen Zusammenhänge ohne Erläuterung deutlich (hoffe ich ;o). Danke jedenfalls!

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Karin

Liebe Metta, für mich waren es zu viele Personen, um die es in Deinem Text ging. Wenn ich mich beim Lesen zu sehr konzentrieren muss, geht der Genuss verloren. Das Thema selbst hat mich sehr angesprochen. Und nun noch mal zu dem kleinen "Heringspucker". Ich glaube, wenn der Vater neben ihm stehen geblieben wäre und der Junge sein "Ausgekotztes" immer wieder in den Mund hätte schieben müssen - und das nicht nur an diesem einen Tag - dann hätte er vielleicht einen seelischen Knacks bekommen können. Aber so konnte er den strengen Vater austricksen, das half ihm. Es grüßt Dich Karin

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Frog

Auch mir fällt das Aufpassen schwer, ich bräuchte schon einen Stammbaum am Ende des Buches, auf den ich immer zur Orientierung blättern kann. Mir gefällt aber die Küchenszene. All den ernsten Gedanken lässt Du lapidare Alltagstätigkeiten folgen. Das erscheint mir als gelungener Schachzug, um zu unterstreichen, welchen Stellenwert das Leiden des Frank innerhalb der Familie hat. Und als das Gespräch beendet ist, wird das Spültuch an den Haken gehängt. Damit wird Franks Schicksal abgehakt. Gut gemacht! In den Rest kann ich mich schwer einfinden. Die Mittagstisch liest sich beklemmend, aber mir wird das dann zuviel! Ciao...

Eingetragen am: 02.11.2008

Kommentar von Angela Barotti

Frank ordne ich der Familie der Schwiegermutter zu. Ein wenig kommt mir das Ganze wie ein Tauziehen vor. Ulla scheint froh zu sein, dass ihre Familie nicht die einzige mit „Makel“ ist, aber die Schwiegermutter schwächt Franks Krankheit ab – und damit auch Ullas Position. Das erwünschte Patt ist noch nicht erreicht. / Sehr gut gefallen hat mir, wie du es geschafft hast, dass sich die Schwiegermutter selber charakterisiert. Der Satz: „Das ist ein guter Arzt, der gibt ihm immer die teuren Medikamente“ spricht Bände. Wer die Qualität eines Arztes nach den Kosten der von ihm verschriebenen Medikamente bewertet, ist in meinen Augen ein klein wenig naiv. / Bei der Frage, ob der Brathering eine Rolle für spätere Depressionen spielen könnte, plagen mich Zweifel, denn ich kenne sehr viele Menschen, die als Kind dazu gezwungen wurden „eklige“ Dinge zu essen, ohne dass es im späteren Leben irgendeine Auswirkung hatte. Außer vielleicht, dass sie bei ihren eigenen Kindern niemals Zwang beim Essen ausgeübt haben./ Depressionen hätte bei mir als Kind eher der „Übervater“ ausgelöst, für den Schwäche ein Fremdwort zu sein scheint. Russische Gefangenschaft, gefrorenes Brot, Magenprobleme und Überstunden ohne Ende = kein Grund zum Jammern für Hermann sen. Mit dieser Härte gegen sich selber, die er wahrscheinlich auch von seinen Kindern erwartet, überfordert er sie hoffnungslos. Auch habe ich das Gefühl, dass die Mutter schon tot ist und die Kinder wohl nie (im gesunden Sinn) um sie trauern durften.

Eingetragen am: 02.11.2008

Kommentar von Ginko Korn

Also ich finde es lästig, aufzupassen, ob von den Hermanns der Senior oder der Junior an der Reihe ist. Auch ist bei den wörtlichen Reden mir nicht auf Anhieb klar, wer gerade spricht. Da kann ich nur langsam lesen, was ich gar nicht mag. Dass der ewige Brathering für den jungen Hermann eine Qual ist, glaube ich ihm schon, aber die extreme Übelkeit scheint doch nur an diesem Tag eingetreten zu sein. Reicht das für lebenslange Magenbeschwerden und Depression, die er auch noch an Frank weiter gibt? Deutlich werden jedenfalls die unterschiedlichen Sichtweisen der Familienmitglieder.

Eingetragen am: 01.11.2008

Eingetragen am: 30.10.2008 von Gerhild Bauer
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19772

Der Fenstersturz 2 – Fortsetzung.
Sie betraten das Wohnzimmer, den Raum mit dem hohen dreiteiligen Fenster, das Anna nur zu gut kannte und das sich weiterhin in Schweigen hüllte.
Davor stand ein schwarzer Eichenschreibtisch, von dem Kabel herunterhingen, die sich unter einem Teppich verloren und der mit Zetteln, aufgeschlagenen Büchern , Zeitschriften, Bleistiftbehälter und Schreibheften bedeckt war. Zwischen ihnen machte sich ein modernes Druckgerät bereit und am Rande, auf einem Buch, stand eine weiße Kaffeetasse mit der Aufschrift „Oma“.
Der Schreibtisch und seine Unordnung schienen aus einer anderen Welt zu sein, und doch waren sie ein Teil von Margarete Zingel, ein nicht unwesentlicher Teil, es war ihr Arbeitsplatz. Den Laptop hatte die Spurensicherung gestern mitgenommen.
„Wozu brauchen sie ihn,“ hatte Therese Maleta schluchzend gefragt. Gestern hatte sie nur geweint.
„Vielleicht hat ihre Mutter einen Brief geschrieben... “
„Meine Mutter hat sich nicht umgebracht... das glauben sie doch nicht.“
„Wir müssen alle Möglichkeiten überprüfen“ antwortete Anna routinemäßig um zu verdecken, dass sie keine Routine hatte.
...und wir suchen nach Briefen, fügte Anna in Gedanken hinzu, obwohl es nicht wahrscheinlich war, dass sich diese Briefe abgespeichert im Laptop fanden.
Neben dem Schreibtisch türmten sich Bücherregale, hohe Kästen vollgestopft mit Büchern, schwarz und rot, schwarz und gelb, weiß und schwarz gestreifte, Taschenbücher in allen Farben.
„ Meine Mutter besitzt... besaß die umfangreichste Kriminalromansammlung, die ich kenne. Und sie las am liebsten die Romane von Agathe Christi, ihrem großen Vorbild, nur siedelte Mutter ihre Romane mitten in die Großstadt an, Agathe Christi hätte das nie gemacht und sie wusste, warum. Meine Mutter hielt nicht viel von Kleinstädten oder vom Milieu der Randbezirke, die waren ihr zu wenig fein.“
-Darüber lasse ich andere schreiben, und sie machen es nicht besonders gut, wenn du mich fragst.-
„ Ich sagte es schon, sie war keine einfache Frau.“
In der untersten Reihe standen „Exoten“, auch bunt, doch sie bargen keine Rätsel, nur Lösungen: die beinahe vollständige Ausgabe des Duden. Frau Maleta sah Annas Blick und verzog den Mund.
„Geschenke meines Mannes“.
„Milli Richter, eine Schreibkollegin ihrer Mutter, hatte sie von ihrer Schwiegertochter geschenkt bekommen.“
Ein praktisches Geschenk, der Duden.
Anna griff nach einem schwarzen, in Leder gebundenen Buch, einem Außenseiter in dieser grellen Schar, einem schwarzen Schaf zwischen den vielen bunten Lämmern.
„Das Buch der Bücher, das Alte Testament, war ihre Mutter fromm?“
„Fromm? Ich weiß nicht. Ab und zu ging sie in die Kirche und besuchte eine Messe. Die Predigten hatten es ihr angetan, aber es musste ein polternder Prediger sein sein, der mit dem Teufel und der Hölle bestens vertraut, wenn nicht im Bunde war.“
-Die modernen Priester mit ihren gefälligen Gottesbilder, sind nichts für mich.-
Das Alte Testament passte gut zu meiner Mutter.
Anna blätterte es durch, stellte es jedoch wieder zurück.
Frau Maletas Handy begann zu läuten.
Entschuldigen Sie, es ist mein Mann. Er ist heute alleine in der Apotheke, er wird fragen, wann ich komme. Brauchen Sie mich noch lange?“
„Nein, wir können schon gehen. Die Medikamente nehme ich mit.“
„Selbstverständlich,“ sie sah sich verstört um, „ich kann es immer noch nicht fassen....
Sie verließen gemeinsam die Wohnung und Anna versiegelte die Türe.
„Wie lange wird es dauern, ich meine“ Therese Maleta begann zu stottern, „bis wir meine Mutter...... begraben können.?“
„Die Leute von der Gerichtsmedizin haben mir heute versprochen, dass wir das Ergebnis sehr bald bekommen werden. Es ist wichtig für uns, wir müssen ausschließen können, dass auch andere gefährdet sind.“
Frau Maleta nickte und stieg in ihr Auto.
„Es ist alles so schrecklich, so unwirklich... “
Auch Anna stieg in ihr Auto. Sie war nicht zufrieden mit sich. Hatte sie etwas übersehen, überhört?
„ Start again,...“ fiel ihr ein. Nur, wo sollte sie beginnen?“


Der Fenstersturz: Die Ich- Form
Ich betrat das Wohnzimmer, den Raum mit dem hohen dreiteiligen Fenster, das ich nur zu gut kannte und das sich für mich noch immer in Schweigen hüllte.
Davor stand der schwarze Eichenschreibtisch, von dem Kabel herunterhingen, die sich unter einem Teppich verloren und der mit Zetteln, aufgeschlagenen Büchern, Zeitschriften, Bleistiftbehälter und Schreibhefte bedeckt war. Zwischen ihnen machte sich ein modernes Druckgerät bereit und am Rande, auf einem Buch, stand eine weiße Kaffeetasse mit der Aufschrift „Oma“.
Der Schreibtisch und seine Unordnung schienen aus einer anderen Welt zu sein, und doch waren sie, wie ich mit Verwunderung und Respekt feststellte, ein Teil von Margarete Zingel und wie es aussah, ein nicht unwesentlicher Teil, es war ihr Arbeitsplatz. Den Laptop hatte die Spurensicherung gestern mitgenommen.
„Wozu brauchen Sie ihn,“ hatte Therese Maleta mich schluchzend gefragt. Gestern hatte sie nur geweint.
„Vielleicht hat ihre Mutter einen Brief geschrieben... “
„Meine Mutter hat sich nicht umgebracht... das glauben sie doch nicht.“
„Wir müssen alle Möglichkeiten überprüfen“ antwortete ich professionell, um meine Unsicherheit zu verbergen.
...und wir suchen nach Briefen, fügte ich in Gedanken hinzu, obwohl ich nicht wirklich glaubte, diese Briefe gespeichert in irgendeinem Laptop zu finden. Wer auch immer diese Briefe geschrieben hatte, war nicht dumm und hatte keine Spuren hinterlassen.
Neben dem Schreibtisch türmten sich Bücherregale, hohe Kästen vollgestopft mit Büchern, schwarz und rot, schwarz und gelb, weiß und schwarz gestreifte, Taschenbücher in allen Farben.
„ Meine Mutter besitzt... besaß die umfangreichste Kriminalromansammlung, die ich kenne. Und dennoch las sie am liebsten die Romane von Agathe Christi, ihrem großen Vorbild, nur siedelte meine Mutter ihre Romane mitten in die Großstadt an und nahm ihnen damit viel von dem Zauber, der den Romanen der alten Dame so eigen ist. Agathe Christi hätte das nie gemacht. Meine Mutter hielt nicht viel von Kleinstädten oder vom Milieu der Randbezirke, die waren ihr zu wenig fein.
-Darüber lasse ich andere schreiben, und sie machen es nicht besonders gut, wenn du mich fragst-.
Ich sagte es Ihnen schon, sie war keine einfache Frau.“
Nein, Margarete Zingel war keine einfache Frau, das wusste ich nur zu gut.
In der untersten Reihe befanden sich „Exoten“, auch bunt, doch sie bargen keine Rätsel, nur Lösungen: die beinahe vollständige Ausgabe des Duden. Frau Maleta sah meinen Blick und verzog ihren Mund.
„ Geschenke meines Mannes.“
„ Milli Richter, eine Schreibkollegin ihrer Mutter, hatte sie von ihrer Schwiegertochter geschenkt bekommen.“
Wie gut, dass es den Duden gibt.
Ich griff nach einem schwarzen, in Leder gebundenen Buch, einem Außenseiter in dieser grellen Schar, einem schwarzen Schaf, zwischen den vielen bunten Lämmern.
„Das Buch der Bücher, das Alte Testament, war ihre Mutter fromm?“
„Fromm? Ich weiß nicht. Ab und zu ging sie in die Kirche und besuchte eine Messe. Die Predigten hatten es ihr angetan, aber es musste ein polternder Prediger sein, ein Anklagender, der mit dem Teufel und der Hölle bestens vertraut, wenn nicht im Bunde, war.“
-Die modernen Priester mit ihren gefälligen Gottesbilder, sind nichts für mich.-
Das Alte Testament passte gut zu meiner Mutter.
Ja, dachte ich, während ich darin blätterte, einige Absätze las, es passte nur zu gut zu ihr.
Frau Maletas Handy begann zu läuten.
„Entschuldigen Sie, es ist mein Mann. Er ist heute alleine in der Apotheke, er wird fragen, wann ich komme. Brauchen Sie mich noch lange?“
„Nein, wir können gehen. Ich werde vielleicht noch eine oder zwei Fragen haben, ich rufe Sie an oder komme bei ihnen kurz vorbei. Ich habe da so eine Ahnung... Die Medikamente nehme ich mit.“
„Selbstverständlich,“ sie sah sich verstört um, „ich kann es immer noch nicht fassen...“
Wir verließen gemeinsam die Wohnung und ich versiegelte die Türe.
„Wie lange wird es dauern, ich meine“ Therese Maleta begann zu stottern, „bis wir meine Mutter...... begraben können?“
„Die Leute von der Gerichtsmedizin haben versprochen, dass wir das Ergebnis sehr rasch bekommen werden. Es ist wichtig für uns, wir müssen ausschließen können, dass noch andere gefährdet sind.“
Frau Maleta nickte und stieg in ihr Auto.
„Es ist alles so schrecklich, so unwirklich... “
Unwirklich? Der plötzliche und unerwartete Tod ist immer eine grausame Wirklichkeit, dachte ich und stieg in mein Auto. Doch auch ich war beunruhigt. Hatte ich etwas übersehen, überhört?
„ Start again,...“ fiel mir ein. Nur, sag mir kleine Tara, wo soll ich beginnen?


Kommentar von Metta Maiwald

Liebe Gerhild, erstmal, pssst, Agatha Christie schreibt sich vorn ohne und hinten mit e, auch im Jahre 2008 nach Christi Geburt. Schnell ändern, bevor's jemand sieht ;o). Anfangs bin ich durch die verschachtelten Sätze etwas ins Schleudern geraten, dachte z.B., das Chaos sei auf dem Teppich ausgebreitet. Hüllt sich das Zimmer oder das Fenster in Schweigen? Der Schreibtisch steht wohl jedenfalls vor letzterem. Und der Drucker stört vermutlich am Rande weniger, als mitten auf dem Tisch. Die Oma-Tasse ist ein schöner Hinweis. / Dass der Schreibtisch der Arbeitsplatz der Mutter war, brauchst Du glaube ich nicht extra zu erwähnen. Dass die Kabel unter dem Teppich verschwinden und welche Farbe die Bücher haben - jeder, der liest, kennt den Anblick von Buchrücken - finde ich ebenfalls überflüssig. Wieso passte das Alte Testament zur Mutter? Welche Art von Priester die Mutter mag, finde ich aufschlussreich und witzig, aber "polternd" als Adjektiv nicht gelungen. Werd doch konkret: Am liebsten hörte sie Pfarrer Müller in St. Bonifatius. 'Der geht richtig zur Sache und poltert auch mal rum. Dieses rührselige Geheuchele kann ich nicht vertragen.' / Tippfehler (übersieht man in eigenen Texten leider meistens): hinter "Büchern" ein Leerzeichen raus; mit BleistiftbehälterN und SchreibheftenN/ Unbedingt überarbeiten solltes Du die Zeichensetzung. Manchmal fehlen Anführungszeichen, was den Lesefluss und die Orientierung erschwert. Die Zitate der Mutter würde ich in 'einfache' "Anführungszeichen", also Akzent bzw. Apostroph setzen, oder - was hier nicht geht - kursiv. Im Gegensatz zu Bindestrichen steht bei Gedankenstrichen davor und dahinter ein Leerzeichen, wodurch Word automatisch den Strich verlängert. Bei manchen Programmen muss man auch Bindestrich mit alt-Taste schreiben, um einen Gedankenstrich zu bekommen./ Ich meine, dass die Anrede "Sie" auch in wörtlicher Rede, die sich nicht an den Leser wendet, sondern an eine Figur des Buches, groß geschrieben wird. Auf jeden Fall erleichtert es das Textverständnis. - Ich finde übrigens die Ich-Perspektive reizvoll, zumal Anna eine Kommissarin mit Schwächen ist, also eine gute Identifikationsfigur ist. So erfährt der Leser nie mehr, als sie selbst weiß. Spannung erzeugt es natürlich auch, wenn der Leser MEHR weiß, als sie. LG Metta

Eingetragen am: 06.11.2008

Kommentar von Gerhild Bauer

Ich danke euch, für eure Kommentare.Ich fand es aufschlußreich in der ersten Person zu schreiben und Annas eigene Gedankengänge "überraschten" mich und ich werde sie für Anna in meinem Kriminalroman übernehmen. Für Sarah S.:Die beiden Sätze innerhalb der Bindestriche sind ein "Zitat" von Margarete Zingel ( Mutter von Therese Maleta). Für Monika: Der Hinweis auf den Duden ist ironisch gemeint( ungeliebte schreibende Schwiegermütter bekommen von ihren Schwiegerkindern den Duden geschenkt,"wie gut, dass es den Duden gibt...".. er erspart das Nachdenken über ein passendes Geschenk) und ist eine Wiederholung aus einem früheren Kapitel und kann nur im Zusammenhang verstanden werden. Ich hätte daran denken müssen.L.G. Gerhild

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Sarah S.

Hallo Gerhild, möchte mich Monikas Meinung anschließen: die 1. Person kommt besser rüber, zieht den Leser mit sich fort. Schwierigkeiten gabs für mich bei den beiden Sätzen, die in Bindestrichen stehen. Wessen Kommentare sind das? Ansonsten ist es ein sehr interessanter Stoff, auch ich hätte gerne weitergelesen. LG Sarah S.

Eingetragen am: 02.11.2008

Kommentar von Monika

Die "Ich-Form" nimmt mich mehr mit hinein ins Geschehen. Die vielen Dialoge lockern den Text auf. "In der untersten Reihe befanden sich „Exoten“, auch bunt, doch sie bargen keine Rätsel, nur Lösungen: die beinahe vollständige Ausgabe des Duden. Frau Maleta sah meinen Blick und verzog ihren Mund. „ Geschenke meines Mannes.“ „ Milli Richter, eine Schreibkollegin ihrer Mutter, hatte sie von ihrer Schwiegertochter geschenkt bekommen.“..." Bei diesem Abschnitt bin ich ins Stocken geraten und musste überlegen, wer jetzt von wem welche Duden bekommen hat. Das hat meinen Lesefluss gestört. Aber sonst habe ich in einem Rutsch durchgelesen. Ich hätte auch noch weiter gelesen... Gruß Monika

Eingetragen am: 30.10.2008

Eingetragen am: 30.10.2008 von Sarah S.
[ Lesezeichen ]

19759

1. Person:
„Hör auf an der Tür zu kratzen, Conny, du weckst noch Justin auf!“ Ich habe es noch nicht zu Ende gesprochen, da fing Justin an zu brüllen, als würde ihm jemand sein Ohr abschneiden.
„Da hast du’s, Conny.“ Der Hund senkte den Kopf, aber nach wenigen Sekunden Pause hob er wieder das rechte Vorderbein und scharrte erneut an der Wohnungstür. Und er begann mit anschwellender Lautstärke zu winseln. Wie lange wollte ich auch schon mit ihm zur Hundeschule gehen?
Nun hatte ich die Qual der Wahl – mit einem hungrigen Sohn im Kinderwagen einen zufriedenen Hund an der Leine den Waldweg entlangzuführen oder ein hungriges und nasses Kind trockenzulegen und zu füttern, während ich die Kapazität von Connys Hundeblase bis auf letzte austestete. Wenn ich die falsche Entscheidung traf wurde der Morgen lang, unappetitlich und hektisch.
Mein Blick auf die Armbanduhr war nervös, als könne sie mir bei dieser Entscheidung um 6 Uhr morgens helfen. In einer Stunde musste ich bei Herrn Walter auf der Matte stehen, ihm auf die Toilette helfen, ihn waschen, anziehen und dann das Frühstück bereiten.
Warum öffnete ich nicht einfach die Wohnungstür, während ich meinen 13 Monate alten Sohn zufrieden stellte? Weil meine Schäferhündin dann wie immer ihr Geschäft im sorgfältig vorbereiteten, frisch gehackten Blumenbeet verrichten würde, was zwischen meiner Mutter und mir regelmäßig ein Minenfeld initiierte. Denn ich hatte ihr schon mindestens hundert Mal versprochen, das dies nicht wieder vorkommen würde. Mit schlechtem Gewissen tat ich es trotzdem, mir blieb keine Wahl. Dann holte ich Justin aus dem Bett und legte ihn trocken. Es war wirklich dringend nötig. Seit sein Mittagteller genau wie unserer aussah war es an der Zeit, das der Junge aufs Töpfchen ging. Und zwar ausschließlich.
Das Wasser für seinen Brei ist kochte, der Wasserkocher schaltete sich ab. Ich nahm die Packung mit dem Pulver aus dem Schrank und rührte es an, schön cremig, dann war eine Weile Sättigung bei ihm da und meine Mutter musste ihn nicht gleich wieder mit Obst oder Keksen füttern...
Ich gab ihm Löffel für Löffel, er lächelte mich an. Ich versuchte eine Erwiderung, doch es wurde ein ganz schiefes Lächeln. Ein Lächeln nur mit dem Mund, nicht mit dem Herzen. Wie gut, das er das noch nicht merkt. Dann erschrak ich. Denn Justin hörte augenblicklich auf, mich zwischen zwei Löffeln Brei unschuldig anzuglänzen. Sein Gesichtsausdruck wurde ganz ernst. Ob er es doch fühlt ?
Der Teller war leer und ich stellte ihn auf dem Abwaschtisch. Zeit, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen hatte ich jetzt nicht. Ich hüllte Justin in eine Jacke und zog ihm die Turnschuhe an, stellte meine halbvolle Kaffeetasse zu Justins Breiteller auf dem Abwaschtisch, nahm die Schlüssel vom Haken und meinen Sohn auf den Arm. Dann fiel die Wohnungstür hinter uns ins Schloss. Ich setzte Justin in die Sportkarre.
Draußen winkte ich Conny mit der Hundeleine heran, worauf dieser herbeieilte und mir ganz still seinen Hals darbot, damit ich die Leine am Halsband befestigen konnte. Anschließend schaute er fragend auf, aber ich hatte jetzt keine Zeit für lange Kommunikation.
Wir hetzen unseren Waldweg entlang, der zwischen uns und dem Nachbargrundstück als schmaler Pfad begann und gleich hinter unserm Haus zur linken Seite einen mächtigen Eichen- und Kiefernmischwald präsentierte, hin und wieder durchsetzt von Birken. Auf der rechten Seite wurden seit drei Jahren Getreide, Mais oder Kartoffeln angebaut, nachdem der Acker viele Jahre lang brach gelegen hatte. In diesem Jahr war es saftig grüner, gut mit Regen versorgter Mais, der eine reiche Ernte versprach.
Komisch, dass sich meine Schwester Anne noch immer nicht gemeldet hatte. Heute Abend fand ihre Auszeichnungsveranstaltung statt, und noch immer hatte ich keine Ahnung, wann ich dort sein sollte. Im Gehen kramte ich in meiner Hosentasche nach dem Handy. Nein, auch keine SMS.
Eine knappe halbe Stunde später gab ich meinen Sohn bei meiner Mutter ab, schob Conny hinter unsere Wohnungstür, schnappte meine Arbeitstasche und schmiss die Hälften des Hoftors auf, um so schnell wie möglich loszukommen. Jetzt durfte es an der Fußgängerampel im Stadtkern nicht rot sein, das würde bedeuten, dass ich schon wieder zu spät bei der Arbeit war. Gerade mal zwei der sechs Monate meiner Probezeit waren um.


3. Person:
„Hör auf an der Tür zu kratzen, Conny, du weckst noch Justin auf!“ Susanne hatte es noch nicht zu Ende gesprochen, da fing Justin an zu brüllen, als würde ihm jemand sein Ohr abschneiden.
„Da hast du’s, Conny.“ Der Hund senkte den Kopf, aber nach wenigen Sekunden Pause hob er wieder das rechte Vorderbein und scharrte erneut an der Wohnungstür. Und er begann mit anschwellender Lautstärke zu winseln. Wie lange wollte die junge Frau auch schon mit ihm zur Hundeschule gehen?
Nun hatte sie die Qual der Wahl – mit einem hungrigen Sohn im Kinderwagen einen zufriedenen Hund an der Leine den Waldweg entlangzuführen oder ein hungriges und nasses Kind trockenzulegen und zu füttern, während sie die Kapazität von Connys Hundeblase bis auf letzte austestete. Wenn sie die falsche Entscheidung traf wurde der Morgen lang, unappetitlich und hektisch.
Susannes Blick auf die Armbanduhr war nervös, als könne sie ihr bei dieser Entscheidung um 6 Uhr morgens helfen. In einer Stunde musste sie bei Herrn Walter auf der Matte stehen, ihm auf die Toilette helfen, ihn waschen, anziehen und dann das Frühstück bereiten.
Warum öffnete sie nicht einfach die Wohnungstür, während sie ihren 13 Monate alten Sohn zufrieden stellte? Weil die Schäferhündin dann wie immer ihr Geschäft im sorgfältig vorbereiteten, frisch gehackten Blumenbeet verrichten würde, was zwischen Susannes Mutter und ihr regelmäßig ein Minenfeld initiierte. Denn Susanne hatte ihr schon mindestens hundert Mal versprochen, das dies nicht wieder vorkommen würde. Mit schlechtem Gewissen tat die junge Frau es trotzdem, ihr blieb keine Wahl. Dann holte sie Justin aus dem Bett und legte ihn trocken. Es war wirklich dringend nötig. Seit sein Mittagteller genau wie der von allen anderen aussah war es an der Zeit, das der Junge aufs Töpfchen ging. Und zwar ausschließlich.
Das Wasser für seinen Brei ist kochte, der Wasserkocher schaltete sich ab. Susanne nahm die Packung mit dem Pulver aus dem Schrank und rührte es an, schön cremig, dann war eine Weile Sättigung bei ihm da und ihre Mutter musste ihn nicht gleich wieder mit Obst oder Keksen füttern...
Sie gab ihm Löffel für Löffel, er lächelte sie an. Susanne versuchte eine Erwiderung, doch es wurde ein ganz schiefes Lächeln. Ein Lächeln nur mit dem Mund, nicht mit dem Herzen. Wie gut, das er das noch nicht merkt. Dann erschrak sie. Denn Justin hörte augenblicklich auf, sie zwischen zwei Löffeln Brei unschuldig anzuglänzen. Sein Gesichtsausdruck wurde ganz ernst. Ob er es doch fühlt ?
Der Teller war leer und sie stellte ihn auf dem Abwaschtisch. Zeit, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen hatte Susanne jetzt nicht. Sie hüllte Justin in eine Jacke und zog ihm die Turnschuhe an, stellte ihre halbvolle Kaffeetasse zu Justins Breiteller auf dem Abwaschtisch, nahm die Schlüssel vom Haken und ihren Sohn auf den Arm. Dann fiel die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss. Sie setzte Justin in die Sportkarre.
Draußen winkte sie Conny mit der Hundeleine heran, worauf dieser herbeieilte und ihr ganz still seinen Hals darbot, damit sie die Hundeleine am Halsband befestigen konnte. Anschließend schaute er fragend auf, aber sie hatte jetzt keine Zeit für lange Kommunikation.
Sie hetzen den Waldweg entlang, der zwischen ihrem und dem Nachbargrundstück als schmaler Pfad begann und gleich hinter ihrem Haus zur linken Seite einen mächtigen Eichen- und Kiefernmischwald präsentierte, hin und wieder durchsetzt von Birken. Auf der rechten Seite wurden seit drei Jahren Getreide, Mais oder Kartoffeln angebaut, nachdem der Acker viele Jahre lang brach gelegen hatte. In diesem Jahr war es saftig grüner, gut mit Regen versorgter Mais, der eine reiche Ernte versprach.
Komisch, dass sich ihre Schwester Anne noch immer nicht gemeldet hatte. Heute Abend fand deren Auszeichnungsveranstaltung statt, und noch immer hatte Susanne keine Ahnung, wann sie dort sein sollte. Im Gehen kramte sie in ihrer Hosentasche nach dem Handy. Nein, auch keine SMS.
Eine knappe halbe Stunde später gab Susanne ihren Sohn bei der Mutter ab, schob Conny hinter ihre Wohnungstür, schnappte ihre Arbeitstasche und schmiss die Hälften des Hoftors auf, um so schnell wie möglich loszukommen. Jetzt durfte es an der Fußgängerampel im Stadtkern nicht rot sein, das würde bedeuten, dass sie schon wieder zu spät bei der Arbeit war. Gerade mal zwei der sechs Monate ihrer Probezeit waren um.
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Der Roman ist in der 1. Person geschrieben, es geht sehr viel um Gefühle, Gedanken, Innenleben der Personen. Auch jetzt im Vergleich finde ich die erste Variante um Längen besser. Aber vielleicht sehen das andere Augen ganz anders? Ich wäre sehr dankbar für eure Meinung...


Kommentar von Metta Maiwald

Ja, ja, ja! Ich, ich, ich!!! Bauchgefühl ohne Angabe von Gründen. LG Metta

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Karin

Spannender, gut geschriebener Text; Dein Beitrag gefällt mir. Auch ich entscheide mich für die Ich-Form aus den von Dir genannten Gründen. Liebe Grüße. Karin

Eingetragen am: 31.10.2008

Kommentar von Monika

Hallo Sarah, auch ich finde den Text in der 1. Person geschrieben ansprechender. Die Geschichte einer jungen Frau, hin und her gerissen zwischen den verschiedenen Verpflichtungen… wer kennt das nicht! Da werden sich viele Leser/innen mit identifizieren können. Gestolpert bin ich über die Ein oder Andere Ausdrucksweise und/oder Grammatik. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust den Text noch einmal zu überarbeiten. Zwei kleine Beispiele: „Hör auf an der Tür zu kratzen, Conny, du weckst noch Justin auf!“ Hier würde ich das letzte „auf“ streichen…(…du weckst noch Justin!“) oder „Mein Blick auf die Armbanduhr war nervös,…“ ich bin da hängen geblieben. „Nervös blickte ich…“ würde mir persönlich besser gefallen. Ich wünsche Dir noch viel Spaß am Formulieren! Monika

Eingetragen am: 31.10.2008

Kommentar von Gerhild Bauer

Auch mir gefällt die Ich-Erzählung besser, sie zeigt die morgendliche Hetzjagd der jungen Frau recht gut. Lieb finde ich:....ein Lächeln nur mit dem Mund.... Justin fühlt es wirklich. Du wolltest zeigen, wie "turbulent" jeder Morgen verläuft, dennoch würde ich ein wenig kürzen... Gut gelungen ist dir auf die Schwester neugierig zu machen. Was ist mit ihr ? L.G.Gerhild

Eingetragen am: 30.10.2008

Eingetragen am: 30.10.2008 von Monika
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19753

Überarbeitete Version von: 19570
In den vergangenen Tagen hatte die Sonne gnadenlos vom Himmel geschienen, und noch immer lag eine fast unerträgliche Schwüle über der Stadt.
Ich rieb mir die pochende Stirn und öffnete die Gauben. Zwischen den Dächern hindurch konnte ich das Glitzern des Wassers sehen, ein Anblick der mich seit jeher beruhigt hatte.
Einen Stock tiefer lagen die Schlafzimmer meiner Eltern. Dort hatten die hohen Decken und dicken Steinmauern des alten Hauses die Hitze des Tages abgeschwächt. Die Stufen der alten Treppe knarrten, als ich hinunter ging.
Vor Vaters Zimmer blieb ich stehen, strich gedankenverloren über deren elfenbeinfarbigen Anstrich und lehnte mich an ihr kühles Holz. Ich lauschte. Was Vater wohl machte? „Papa?“ Stille! Nur aus dem Garten drang der Ruf einer einsamen Amsel zu mir hinauf. Ich versuchte einen Blick durchs Schlüsselloch, doch der Schlüssel steckte. Jetzt hüstelte es hinter der Tür, Stoff raschelte und ich hoffte, dass er seinen Schlafanzug anzog.
Vor Müdigkeit konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten. Mit etwas Glück würde ich diese Nacht endlich mal wieder durchschlafen. Die Tür des Kleiderschrankes quietschte, ein leises Ächzen, ein Stuhl wurde gerückt. Ich klopfte an.
"Herein!“ Vaters Stimme zitterte ein wenig. Seine Kleidung lag akkurat zusammengelegt auf dem Stuhl, obenauf ebenso glattgestrichen und akkurat gefaltet die eben noch getragene Unterhose. Ich runzelte die Stirn. Während Papas Schlafanzugoberteil noch auf dem Kopfkissen lag, hatte er die Pyjamahose bereits versucht anzuziehen. Sein rechter Arm steckte im linken Bein, der Kopf suchte vergebens einen Durchschlupf. Ich atmete tief durch, es reichte für heute. „Papa, ich helfe dir. Lass los!“ „Nein!“ „Papa!“
Im Erdgeschoss wurde eine Türe zugezogen. Mutter kam langsam und mit schweren Schritten die Treppe hinauf. - "Ich geh zu Bett!" „Gute Nacht, Mamutschka, schlaf gut!“ „Gute Nacht!“ Ein müdes Lächeln huschte über ihr Gesicht, dann schloss sich ihre Tür. Papa hielt noch immer sein Hosenbein fest umklammert. Mein „Nein!“ kam so energisch, dass er zusammenzuckte und losließ. . "Nun ist es Zeit fürs Bett, jetzt wird geschlafen!" Eine Welle der Ungeduld stieg in mir auf und ich drückte ihn energisch auf sein Bett hinunter.
Schnell schnappte ich das Oberteil und zog es ihm über den Kopf. Seine Brille rutschte von der Nase und viel zu Boden. Linker Arm, rechter Arm und dann noch die Hose. Bevor Papa es richtig begriffen hatte, nahm ich seine Füße hoch, packte ihn mit der anderen Hand an der Schulter und lies ihn ins Bett gleiten. Mit großen Augen sah er mich an. Ich zog die Bettdecke hoch, knipste das Licht aus und streichelte ihm über den Kopf. "Papa, es ist Zeit zu schlafen! Ich hab dich lieb - und schön liegen bleiben!"
Draußen vor seiner Zimmertüre blieb ich noch einen Augenblick stehen. Alles ruhig!. Ich fühlte die Anspannung von mir abfallen und gleichzeitig meldete sich auch mein schlechtes Gewissen. War ich zu ruppig gewesen? Ein tiefer Seufzer bahnte sich seinen Weg. Was für ein Tag! Leise ging ich zum Schlafzimmer meiner Mutter, öffnete die Türe und sah zu ihrem Bett. Ihr Atem ging so flach, dass ich ganz nahe heran gehen musste um ihn zu hören. So wird sie einmal daliegen…. Ich fühlte mich unendlich traurig und erschöpft. Tränen traten mir in die Augen.
Oben unter dem Dach war es noch immer zu warm. Wie schon zu Kindertagen reichte mir ein Leintuch um mich zuzudecken. Die Zimmertüre stand offen, wo würde ich hören, wenn ich gebraucht wurde.
Auf der Straße bellte noch ein Hund, in der Ferne hörte ich das „Tatütata“ eines Krankenwagens.
Meine Gedanken folgten ihm, Realität und Traum verschwammen.
Ich war noch nicht ganz abgetaucht in das Reich meiner Träume, da riss mich ein heftiges Wummern auch schon wieder auf. Blitzesschnell war ich auf den Beinen und lief die Treppe hinunter. Papa, mit Sakko und Unterhose bekleidet, traktierte die Haustüre mit seinen Fäusten: "Aufmachen! Aufmachen! Sofort!".....

Was mir bei dieser Erzählerperspektive nicht so gut gefällt, sind die ständigen "ich".
Aber so ganz lassen sie sich nicht vermeiden... oder?


Kommentar von Monika

Hallo Metta, vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich bin wirklich froh, dass ich mich nocheinmal an die Überarbeitung gesetzt habe denn auch ich finde den Text nun besser. Und die Fehler... sind mir echt durchgegangen. Danke! Gruß Monika

Eingetragen am: 07.11.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Ja, jetzt ist der Text gut verständlich. Sehr einfühlsam und sinnlich (Gefühle, Geräusche) geschrieben. Schreibst Du noch, welches "Wasser" Du meinst, "das Wasser des Rheins", oder welchen Fluss sie gerade sieht. Glitzert da noch das Abendrot oder schon das Mondlicht? Falls dies nicht nur Übungstext ist, sondern bereits Manuskript: Zwei Tippfehler sind mir noch aufgefallen - die Brille FIEL und hinter "Alles ruhig!" stehen ein Ausrufezeichen und ein Punkt. Selbst übersieht man so etwas ja meist. Die vielen "ichs" sind mir nicht unangenehm aufgefallen. Sonst hättest Du stattdessen dauernd den Namen der Protagonistin oder "sie". Also, don't worry. LG Metta

Eingetragen am: 06.11.2008

Eingetragen am: 30.10.2008 von Velarani
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19744

Sorry, aber noch ein Beitrag von mir - ich liebe eure Kommentare!

Im Treppenhaus lagen Staubwürste in den Ecken der Stufen, deren Linoleumbelag mit dunkelgrauen geriffelten Stoßkanten befestigt war. Ein abgenutztes, schmierig glänzendes Holzgeländer führte nach oben, an den Wänden blätterte der Putz ab und im unteren Rand der runden Lampen aus verspritztem Kunststoff stapelten sich verglühte Insektenkörper. Ela ging an Wohnungstüren mit handgeschriebenen Namensschildern vorbei nach oben. Die Tür zu der Wohnung im vierten Stock, von der die Jungs geredet hatten, war angelehnt, bei genauerem Hinsehen wurde klar, dass sie sich gar nicht mehr schließen ließ, das Schloss war aufgebrochen worden, über den gelb verfärbten Lack des Türrahmens zogen sich Kratzspuren und das Holz war hellbraun herausgesplittert. Die Tür war aber anscheinend geölt worden, als Ela sie zögernd aufdrückte und eintrat, gab sie keinen Laut von sich. Der Flur war leer, mit fleckigem Teppichboden ausgelegt, rechts stand die Tür zu einer schmutzigen Toilette offen, deren Fensterscheiben von einer grauen Schmutzschicht überzogen waren, es war unerträglich heiß hier unter dem Dach. Die Hitze roch staubig und nach Vergangenheit, und aus irgendeinem unerklärlichen Grund spürte Ela, wie ihr Atem sofort schneller ging und eine große Angst in ihr hoch kroch und von innen auf ihre Augen drückte.
Eine ärgerliche Stimme war aus einem der Zimmer zu hören, nicht laut genug, dass sie hätte verstehen können, was gesagt wurde, aber das Gemurmel und beifällige Lachen, das darauf folgte, verstärkten ihr Herzklopfen. Hier schien sich eine größere Gruppe aufzuhalten, die Stimme gehörte keinem Jugendlichen, das war ein Mann, der da gesprochen hatte. Durch den Türspalt des nächstgelegenen Zimmers sah sie in einen Raum, der mit Tischen und einer Reihe technischer Geräte eingerichtet war, darunter zwei PCs. Die Computer schienen neu zu sein, mit matten Flachbildschirmen und schwarzen Rechnern, auf deren Vorderseite keine Bedienungselemente zu sehen waren. Am Boden schlängelten sich Kabelstränge quer durch den Raum, in einer Ecke stand ein Fernsehgerät, Stühle und Sitzsäcke waren provisorisch im Zimmer verteilt und wirkten ebenso wie die moderne Elektronik seltsam fremd vor der vergilbten Tapete.
Als sie sich leise in Richtung der nächsten Tür bewegte, knarrte plötzlich eine der Holzdielen, die unter dem gewellten Teppichboden verborgen waren, unter ihren Schritten, und die gemurmelten Gespräche verstummten abrupt. Ela blieb erstarrt stehen und holte tief Luft, im selben Moment öffnete sich eine Tür zu ihrer Linken und ein junger Mann im Kapuzenpulli kam heraus. Kurz bevor er ihr mit seinen Schultern die Sicht versperrte, konnte sie einen schnellen Blick in den Raum werfen und sah Felix in einer Gruppe von circa zehn jungen Leuten sitzen, klein und schmächtig, dann schob sich dunkelgrüner Sweatshirt-Stoff in ihr Blickfeld und eine Stimme mit undeutlicher Artikulation bellte: „Was machen Sie hier?“
„Ich suche meinen Sohn.“ Die Wahrheit erschien ihr im nächsten Moment, als keine sofortige Reaktion kam, schon als wenig vielversprechende Strategie, so dass sie eine jämmerliche Erklärung nachschob. „Er – er wollte Batterien besorgen, und jemand hat mir gesagt, er hätte ihn in dieses Haus hineingehen sehen.“ „Entschuldigen Sie“, setzte sie hinzu und ärgerte sich gleichzeitig über ihre Beflissenheit, die sie mit einem herausfordernden Blick wieder gut zu machen versuchte.
Der Junge, der vor ihr stand, war vielleicht neunzehn Jahre alt und trug eine Frisur, die sein rechtes Auge mit langen dunkelbraunen Strähnen vollständig verdeckte. Das sichtbare Auge war braun, er hatte volle aufgeworfene Kinderlippen und eine leicht krumme Haltung. Zunächst schloss er die Tür hinter sich, dann sagte er langsam: „Sie sehen doch, dass Ihr Sohn nicht hier ist.“





Im Treppenhaus lagen Staubwürste in den Ecken der Stufen, der Linoleumbelag war mit dunkelgrauen geriffelten Stoßkanten befestigt. Ein abgenutztes, schmierig glänzendes Holzgeländer führte nach oben, an den Wänden blätterte der Putz ab und im unteren Rand der runden Lampen aus verspritztem Kunststoff stapelten sich verglühte Insektenkörper. Seltsam, dass ich diese Einzelheiten in meiner Lage überhaupt wahr nahm, ich war entmutigt und überreizt, ich war nahe daran aufzugeben. Dies war der letzte Hinweis, dem ich nachzugehen gedachte, und ich zögerte, in diese wenig vertrauenerweckende Umgebung einzudringen. Das hier schien eine rohere Welt zu sein, für eine Frau nicht ungefährlich.
Trotzdem stieg ich weiter nach oben, vorbei an Wohnungstüren mit handgeschriebenen Namensschildern. Die Tür zu der Wohnung im vierten Stock, von der die Jungs gesprochen hatten, war angelehnt. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass das Schloss aufgebrochen worden war, über den gelb verfärbten Lack des Türrahmens zogen sich Kratzspuren und das Holz war hellbraun herausgesplittert. Alles war ruhig, ich atmete durch und befahl mir, nicht überzuschnappen, drückte die Tür vorsichtig auf und trat ein. Sie gab keinen Laut von sich, anscheinend war sie geölt worden. Der Flur war leer, mit fleckigem Teppichboden ausgelegt, rechts stand die Tür zu einer schmutzigen Toilette offen, deren Fensterscheiben von einer grauen Schmutzschicht überzogen waren. Mir war unerträglich heiß hier unter dem Dach, die Hitze roch staubig, wie auf dem Dachboden im Mietshaus meiner Eltern. Plötzlich drang eine Stimme aus einem der Zimmer, ganz nah, ich nahm den ärgerlichen Ton wahr, konnte aber nicht verstehen, was gesagt wurde. Sofort ging mein Atem schneller, meine Beine begannen zu zittern und von irgendwo her kroch eine große Angst in mir hoch und drückte von innen auf meine Augen.
Die Männerstimme war nicht laut, aber das Gemurmel und beifällige Lachen, das darauf folgte, ließen mein Herz noch schneller schlagen. Hier schien sich eine größere Gruppe aufzuhalten, außerdem gehörte die Stimme keinem Jugendlichen. Ich wollte umkehren. In der Bewegung sah ich durch den Türspalt des nächstgelegenen Zimmers Tische und einige technische Geräte, was ich auf die Schnelle erkannte, waren zwei PCs mit matten Flachbildschirmen und schwarzen Rechnern, auf deren Vorderseite keine Bedienungselemente zu sehen waren. Der gleiche Blick erfasste dicke Kabelstränge, die sich am Boden quer durch den Raum schlängelten, einen Fernseher, Stühle und Sitzsäcke, die provisorisch im Zimmer verteilt waren und ebenso wie die moderne Elektronik einen seltsamen Kontrast zur vergilbten Tapete abgaben.
Ich machte einen unbestimmten Schritt auf den Ausgang zu, und eine der Holzdielen, die unter dem gewellten Teppichboden verborgen waren, knarrte laut. Die gemurmelten Gespräche verstummten abrupt. Ich wagte nicht mehr, mich zu bewegen und zog tief die Luft ein. Im selben Moment öffnete sich links von mir eine Tür, und ein junger Mann im Kapuzenpulli kam heraus. Kurz bevor er mir mit seinen Schultern die Sicht versperrte, sah ich Felix im Raum sitzen, klein und schmal zwischen ungefähr zehn jungen Leuten. Ich muss ihn an seiner Körperhaltung erkannt haben, denn sofort schob sich ein dunkelgrüner Sweatshirt-Stoff in mein Blickfeld und eine Stimme bellte: „Was machen Sie hier?“
„Ich suche meinen Sohn.“ Die Wahrheit erschien mir im nächsten Moment, als keine sofortige Reaktion kam, schon als wenig vielversprechende Strategie, so dass ich eine jämmerliche Erklärung nachschob. „Er – er wollte Batterien besorgen, und jemand hat mir gesagt, er hätte ihn in dieses Haus hineingehen sehen. Entschuldigen Sie“, ich ärgerte mich gleich über die unangemessene Beflissenheit in meinen Worten und versuchte, meinem Blick dafür etwas Herausforderndes zu geben. Der Junge, der vor mir stand, war vielleicht neunzehn Jahre alt und trug eine Frisur, die sein rechtes Auge mit langen dunkelbraunen Strähnen vollständig verdeckte. Das sichtbare Auge war braun, er hatte volle aufgeworfene Kinderlippen und eine leicht krumme Haltung. Zunächst schloss er die Tür hinter sich, dann sagte er langsam: „Sie sehen doch, dass Ihr Sohn nicht hier ist.“

Hier gefällt mir die Ich-Perspektive besser, aber warum?


Kommentar von Metta Maiwald

Ja, komisch, bin ich denn die Einzige, der die dritte Person besser gefällt? Na ja, erstens habe ich keinen Sohn und zweitens habe ich mich früher selbst in solchen Häusern rumgetrieben. "Dieses Haus ist jetzt besetzt" - Ihr wisst schon... Außerdem kenne ich Ela bereits in der dritten Person. Die Selbstanalyse im ersten Absatz mit der Ich-Perspektive zerstört für mich die Atmosphäre "rohere Welt, für eine Frau nicht ungefährlich", "... der ich nachzugehen gedachte." Dann lieber die Gedanken, so, wie sie in Elas Kopf auftauchen. "Dies war meine letzte Chance, Felix zu finden."/ "...von der die Jungs gesprochen hatten" ist wieder authentisch./ Wenn das Jugendliche sind, die auf ihre Eltern keinen Bock mehr haben, ist es klar, dass sie sich eine leerstehende Bude gesucht haben, die sie sich provisorisch mit der für sie wichtigen Technik ausgestattet haben. Dann ist es kein Klischee./ Der Einstieg war mir auch zu detailliert./ Im ersten Teil missverständlich und unfreiwillig komisch: "Die Tür war geölt worden, als Ela sie (...) eintrat." "Die Tür war geölt worden. Als Ela sie aufdrückte und den Flur betrat..."/ Die "große Angst", die von innen gegen die Augen drückte, gefällt mir gar nicht. Herzklopfen und Augendruck sind Symptome genug, um dem Leser die Diagnose selbst zu überlassen./ statt "gemurmelter Gespräche" nur "Gemurmel"/ statt "circa" lieber "etwa" - liest sich m.E. besser/ Bellte die Stimme? Oder der Junge? LG Metta

Eingetragen am: 06.11.2008

Kommentar von scacha

Super spannend, ich möchte sofort weiterlesen. Da kriegt man richtig Angst (also ich zumindest) und ich frage mich, wie Du das schaffst - eine ärgerliche Stimme, ein heruntergekommenes Haus (ja, das baut auch Spannung mit auf, wir haben diese "Klischees" halt in uns) und ein Kapuzentyp, und ich habe Angst? - Die 1. Person ist gut, aber die 3. hat mich genauso gefesselt. LG, Scacha

Eingetragen am: 05.11.2008

Kommentar von Gerhild Bauer

Ich finde deine Beschreibung voll Farbe und wohltuend lebendig. In der Ich-Perspektive spüre ich die Gefühle der Mutter besser, nur "große Angst" gefällt mir nicht so gut. L.G. Gerhild

Eingetragen am: 04.11.2008

Kommentar von Frog

Das ist ein sehr detailverliebter Einstieg, dieser Aufstieg ins verlotterte Treppenhaus. Aber von den Gefühlen einer Mutter, die ihren halbwüchsigen Sohn sucht, erfahre ich zu wenig. Ihren Ärger über ihre eigene ungelenke Vorgehensweise finde ich sehr gut beschrieben. Das deutet darauf hin, dass sie sich durchaus ihres neurotischen Verhaltens bewusst ist. Die Ich-Perspektive kommt bei mir auf alle Fälle besser an. LG

Eingetragen am: 03.11.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ich kann es leider nicht begründen, aber mir gefällt in dieser Story die Ich-Perspektive ebenfalls besser. / Was ging mir beim Lesen noch durch den Kopf? Du bist sehr detailfreudig. Aber will der Leser wirklich wissen, ob der Linoleumbelag mit dunkelgrauen geriffelten Stoßkanten befestigt war? Oder welche Farbe das herausgesplitterte Holz über dem gelb verfärbten Lack des Türrahmens hatte? / Mir persönlich ist deine Story zudem etwas zu klischeébehaftet. Müssen böse Menschen in heruntergekommenen Häusern wohnen, deren Toiletten dreckig und deren Fenster ungeputzt sind? Warum ist das kein hochherrschaftliches Mietshaus? Warum ist es keine pikobello saubere Wohnung? Warum lässt sich die Mutter nicht von gutaussehenden jungen Männern mit besten Manieren blenden? Aber weder Mutter noch Leser werden in die Irre geführt. Stattdessen stehen alle Signale auf Gefahr. Das hinterlässt bei mir ein wenig den Nachgeschmack von Holzhammermethode. Es sei denn, die Jugendlichen stellen sie später als harmlos heraus. Dann applaudiere ich, weil mich die Autorin wunderbar an der Nase herumgeführt hat.

Eingetragen am: 02.11.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Velarani, ich schließe mich Ginkos Kommentar an und komme so auch zu dem Schluss, dass die Ich-Form hier gut geeignet ist. Es sind also ‚Staubwürste’ in Frankfurt, ja? In Berlin sind es ‚Mäuse’. Ich finde die detaillierte Beschreibung im ersten Satz etwas gequält, vielleicht könnte man einfach schreiben ‚Im Treppenhaus lagen Staubwürste auf dem Linoleumbelag der Stufen.’ Und der ‚verspritzte Kunststoff’ ist sehr technisch, während die toten Insekten stimmig sind. Das Wort ‚deren’, wie in ‚ deren Linoleumbelag’ und ‚deren Fensterscheiben (im Klo)’ ist ein Stiltöter, finde ich. Durch einen neuen Satz, oder einen Gedankenstrich, kann man es umgehen. ‚Die Hitze roch staubig und nach Vergangenheit’ ist sehr gelungen und in zweierlei Hinsicht treffend. Aber ich würde vorschlagen, dass du nicht ‚aus irgendeinem unerklärlichem Grund’ danach weiterschreibst, das ist nicht literarisch, sondern kommentierend. Einfach ‚Ela spürte, wie ihr Atem sofort schneller ging etc.’ Die Szene selbst finde ich spannend und ich kann auch gut mir alles vorstellen. Ich glaube nur, dass du noch ein wenig Feinschliff betreiben musst. Lieben Gruss, Lillilu

Eingetragen am: 01.11.2008

Kommentar von Ginko Korn

Die ich-Erlebnisse sind von den beiden Versionen deswegen intensiver, weil die nacheinender gereihten Eindrücke so zufällig heranrücken, wie sie beim Umhertasten gerade erscheinen. Da ist nichts geplant, denn alles ergibt sich unvorhergesehen und die Gedanken purzeln durcheinander. Der Leser schleicht gespannt als Schatten mit, hat Angst, erschrickt und ärgert sich. Dem gegenüber hätte ich vom wissenden Autor mehr Programm und Struktur erwartet. "Die Tür war anscheinend geölt worden": Das ist ein Kommentar. Besser: "Die Tür gab leicht und lautlos nach." Das Ölen der Angeln kann in einem anderen Abschnitt stehen, wo es bedeutungsvoll ist. Die Computer waren entweder neu oder nicht, denn "sie schienen neu zu sein" ist subjektiv. "Sie wirkten seltsam fremd" gehört zu einem ich-Text, ebenso "es waren keine Bedienungselemente zu sehen" und "bei genauerem Hinsehen".

Eingetragen am: 31.10.2008

Kommentar von Kerstin

Hallo Velerani, ich glaube, die Ich - Perspektive ist einfach näher dran am Geschehen! Ich finde die Geschichte toll, weil ich mir alles genau vorstellen kann und du mit wenigen Strichen das Ambiente entwirfst, ohne zu langweilen. Ich bin auch neugierig, was passiert. Zwei Dinge: Ich war ein bisschen enttäuscht, dass es die Mutter ist, die ihren Sohn sucht. Eine Gleichaltrige hätte mir besser gefallen, ich finde, es ist ein toller Anfang für ein Jugendbuch. Allerdings habe ich lange keine Beiträge mehr gelesen und sehe mal, ob dieser Beitrag an einen anderen anschließt. Auf alle Fälle: Ich würde gern mehr davon lesen. Liebe Grüße Kerstin

Eingetragen am: 31.10.2008

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