(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 9 mit Übungsaufgabe

27.02.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 03.01.2009 von Audrey81
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21474

Ich wache morgens auf und gehe ins Badezimmer. Ich sehe in den Spiegel und betrachte die Person die ich sehe. Hell braune Augen, sehen mich an. Das Gesicht ist umrahmt von dunkelbraunen Haar. Das sind wohl die beiden einzigen Dinge, die gleich geblieben sind. Ich putze mir die Zähne und kann es nicht vermeiden, immer wieder mein Spiegelbild zu betrachten. Ich schüttle den Kopf, atme tief ein und spüle mir den Mund mit dem klaren, kühlen Wasser aus und trockne mir das Gesicht mit meinem Lieblingshandtuch. Ich nehme all meinen Mut zusammen und sehe erneut in den Spiegel. Ich muss die Anzeichen finden, die Merkmale die mir zeigen, ob ich immer noch der Mensch bin, der ich einmal war. Aber ich kann sie einfach nicht finden. Wie jeden Morgen, bei dieser Erkenntnis, schießen mir die Tränen in die Augen. Warum hatte ich mir das nur angetan? Hätte ich es denn nicht schön früher stoppen können? Warum habe ich es nicht gesehen? In den letzten Jahren, hatte ich mich äußerlich sehr stark verändert. Und das hatte sich auch ganz klar auf meine Psyche und überhaupt, auf mein ganzes Leben ausgewirkt. Früher, vor noch gar nicht all zu langer zeit, da war ich noch ein richtig selbstbewusster Mensch. Ich flirtete, ich alberte, ich hatte ein sympathisches und offenes Wesen. Man mochte mich. Ich war immer auch ein wenig verrückt gewesen. Ganz besonders was meinen Modestil oder meine Frisuren betraf. Mal hatte ich kurze Haare, mal lang, mal gelockt, mal in rot, mal in Aubergine, mal in schwarz. Ich hatte alles ausprobiert. Und worum mich viele beneideten, mir stand einfach auch alles. Ich war eine richtige kleine Trendsetterin und meine Mädels gingen gerne mit mir shoppen und ließen sich von mir beraten. Kurzum, ich war eine Lebensfrohe junge Frau, die gerne lachte und das Leben stets von der positiven Seite betrachtete. Das Leben war schön und ich frei. Free to be whatever i. Und heute? Jetzt schäme ich mich für das was ich bin. Ich bin langweilig, trage langweilige Klamotten und eine noch langweiligere Frisur. Ich fühle mich hässlich und unattraktiv. Wenn mich Menschen auf der Straße oder im Bus ansehen, dann nur, weil ich so aussehe wie ich nun einmal aussehe. Ich weine oft und bin aggressiv, weil ich mich gefangen fühle. Gefangen im eigenen Körper. Ich bringe die Menschen um mich herum zum verzweifeln, weil ich aus dem tiefstem meines Herzens unzufrieden bin. Unzufrieden mit mir selbst und der ganzen Welt. Manchmal wundert es mich, dass mir meine Familie und Freunde immer noch sagen, dass sie mich bedingungslos lieben, so wie ich bin. Aber lange kann man geliebt werden, ohne sich selbst zu lieben? Ich weiß es nicht...aber ich möchte es auch nicht herausfinden müssen. Viel lieber möchte ich ausbrechen. Ausbrechen aus diesen, meinen Körper. Der meine Seele gefangen hält. Der die glückliche junge Frau mit dem strahlenden Lächeln und den glänzenden Augen, in sich versteckt. Die Frau mit der Engelsgeduld, die immer mit sich und ihrer Umwelt im reinen war.
Und ich fasse wieder Mut, wenn ich mich ganz stark anstrenge und dann doch noch etwas von „ihr“ in meinem Spiegelbild finde. Mit diesem Mut hohle ich die Waage hervor und stelle mich auf sie. 94 Kg bei einer Größe von 1,73 m. Vor ein paar Wochen waren es noch 98 Kg gewesen. Dieser Gedanke zaubert ein leichtes Lächeln auf mein Gesicht. Bis ich die gewünschten 62 Kg erreichen werde, ist es noch ein langer und harter Weg. In dieses Gefängnis habe ich mich selbst gebracht und nur ich, kann mich hier wieder hinaus holen. Und dann werde ich wieder ich selbst sein. Ich werde wieder frei sein. Free to be whatever i.


Eingetragen am: 24.12.2008 von doris delfendahl
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21413

die tuer stand offen , ich konnte auch jederzeit die fernbedienung des eingangstor bedienen, meinen wagen starten und einfach losfahren..
obwohl alle fenster die hier ueblichen gitter aus eisen besassen, war es mir also moeglich zu gehen.und doch war ich gefangen.
psychologisch gefangen.dazu brauchte es kein wort, nur blicke,herraufkommnde vielleicht irrationale aengste,demuetigungen.
schlaflosigkeit, herzrasen, traenen,kurzum hoffungslosikeit,all dieses spuerte ich fast taeglich.
wenn auch immer wieder unterbrochen von lichtblicken der hoffnung.
irgendwann wuerde ich mich befreien und dann wuerde alles anders werden.


Eingetragen am: 21.12.2008 von Noriberto
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21386

„Der Wal gehört zu den Säugetieren. Aber wie schafft es ein Wal solange unter Wasser zu bleiben?“ Langsam spüre ich das unangenehme Gefühl der nächsten Angstattacke in mir aufsteigen, während ich im überfüllten Hörsaal der Universität sitze und die Worte des Biologieprofessors in meinen Ohren dröhnen. Mein Puls rast und ich bemerke eine unangenehme Enge im Brustkorb. Wie ein Stein, der mir die Luft zum Atmen raubt. Plötzlich bricht sie mit voller Wucht über mich herein. Wie ein Orkan tobt die Panikattacke in meinem Inneren. Nur mit dem Unterschied, dass ich mich nicht einfach unterstellen kann, um Schutz zu finden. Ich bin vollkommen hilflos und ausgeliefert.
Wie besessen suche ich mit weit aufgerissenen Augen den Ausgang aus dem Hörsaal. Kalter Schweiß bildet sich auf meiner Stirn. Doch wohin ich auch blicke, der Ausgang scheint wie von Zauberhand verschwunden. Ich bin gefangen. In meiner Brust zieht sich der Knoten immer enger zusammen, während ich hastig versuche durch die überfüllten Ränge des Hörsaals zu gelangen. Studenten blicken mich entsetzt und wütend an und der Professor unterbricht seinen Vortrag. Hunderte Augenpaare sind auf mich gerichtet. Nun wütet der Sturm auch außerhalb von mir und der Boden scheint unter meinen Füßen zu schwanken. Wann hört es endlich auf? Wieder höre ich den Professor seinen Vortrag über Wale fortsetzen. Aber dieses Mal hört sich alles irgendwie anders an. Viel wirklicher als vorher.
Als ich meine Augen öffne blicke ich an die Zimmerdecke. Schnell wird mir klar, dass alles nur ein Alptraum war. Die Stimme des Professors kommt aus dem Fernseher und der Hörsaal war nur ein Konstrukt meiner Traumwelt. Keine Zauberei mit verschwundenen Türen und auch keine wütenden Kommilitonen.
Aber eines ist genauso real wie das Schlafzimmer, in dem ich liege. Das heftige Herzklopfen in meiner Brust. Ausgelöst durch den aufwühlenden Traum und der Gewissheit, dass die nächste wirkliche Panikattacke schon bald wieder kommen wird. Denn ich leide tatsächlich unter Angstzuständen. Aus diesem Grund fühle ich mich wie ein Gefangener in seinem Kerker. Ich bete, dass mich bald jemand aus diesem Gefängnis befreit, so dass ich wieder unbeschwert mein Leben genießen kann wie früher. Doch so lange das nicht der Fall ist, werde ich mich einsam und verloren fühlen mit meinem Schicksal. Das Verlies, in dem ich sitze, scheint keine Türen und Fenster zu haben. Mein Gott, bitte hilf mir.
Was soll ich nur tun? Ich sehe keinen Ausweg.
Und wieder schießt mir die Frage durch den Kopf: „Aber wie schafft es ein Wal solange unter Wasser zu bleiben?“ Ich weiß nur eines. Wenn ich nicht bald wieder frische Luft zum Atmen bekomme, werde ich den Kampf verlieren und ertrinken.


Eingetragen am: 20.12.2008 von babs
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21360

Es sollte ein Tag voller Freude werden. Nach langen Wochen des Wartens fuhren wir endlich zum Flughafen, um unsere Urlaubsreise ins sonnige Italien anzutreten. Im Geiste ging ich noch einmal alle wichtigen Dinge durch, die man bei einem Auslandsaufenthalt bei sich haben sollte: die Pässe, unsere Impfausweise, sämtliche Handies unserer vierköpfigen Familie, das Adressbuch für die Urlaubskarten und die Reiseapotheke. Es schien alles perfekt zu sein. Problemlos passierten wir die Flughafenkontrolle, nachdem wir unser Gepäck der sicheren Hände der
Fluggesellschaft überlassen haben. Alles perfekt. Zum Einstiegen blieb uns noch ein wenig Zeit und wir genossen die Vorfreude bei einem sündhaft teuren Cappuccino im Flughafenrestaurant. Schnell noch mal kurz zur Toilette und ab ins Flugzeug! Ich huschte hinüber zu den Damenkabinen und schloss mich ein. Da kam auch schon der Aufruf unseres Fluges. Nun begann die Zeit doch knapp zu werden. Nach erledigter Arbeit drehte ich am Türschloss und resignierte kurz, weil sich nichts bewegte. Wer war nicht schon einmal in die Verlegenheit gekommen und durchschaute nicht gleich die wundersam verschiedenen Techniken der Toilettenschlösser ?! Zunächst machte ich mir noch keine Gedanken, fand ich bislang doch immer noch rechtzeitig den richtigen Dreh. Doch dieses Mal sollte es anders kommen. Ich drehte, rüttelte, schob und klopfte - nichts, aber auch gar nichts rührte sich. Da folgte der zweite Aufruf durch die Lautsprecher. Mir brach der Angstschweiss aus. Meine Finger wurden feucht. Ich rief. Doch offenbar hörte mich keiner. Auf Flughafentoiletten war es eigentlich doch immer voll. Aber eben nicht an diesem Tag. Ich dachte an meine Familie und wielange die wohl brauchen würde, um mich aus meiner Notlage zu befreien. Irgendwann musste sich doch einer in die Damentoilette trauen und nach mir Ausschau halten. Die Zeit verlief wie im Fluge. Ich versuchte mich zu konzentrieren, verlor jedoch völlig die Kontrolle über meine Nerven. Der Hals wurde trocken, Tränen schossen mir in die Augen. Das konnte doch einfach nicht sein. Und schon kam der letzte Aufruf durch den Lautsprecher. Diesmal wurde sogar unser Name erwähnt. Ich konnte es nicht glauben oder sollte das ganze nur ein böser Traum sein? Ich riss mich zusammen, zwang mich selbst zur Ruhe. Ich stellte meine Tasche auf die Toilettenbrille und nahm mir das Schloss noch einmal in aller Ruhe vor. Es nützte nichts. Ich fand keinen Weg, mich aus meiner misslichen Lage zu befreien. Da hörte ich ein Geräusch von draussen. Ich klopfte hysterisch an die Tür und schrie mit panikerfüllter Stimme aus vollen Leibeskräften um Hilfe. Nur wenige Sekunden später sah ich mein Türschloss sich drehend, wie von Geisterhand bewegt. Ein kleiner Schubs gegen die Tür reichte und ich stand einer beleibten schwarzhäutigen Frau im blauen Kittel gegenüber. Sie lachte mich an und ihre weissen Zähne blitzten im Neonlicht. Mir war die Situation sehr peinlich und ein Wort des Dankes nuschelnd verschwand ich durch die Tür und lief atemlos zum Terminal.


Eingetragen am: 14.12.2008 von Kassandrra
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21232

Mir blieb die Luft weg. Ich hatte das Gefühl, dass ein zentnerschweres Gewicht auf mir lastete. Ich musste nur Ja sagen und alle wären zufrieden: Meine Mutter, mein Vater, meine Geschwister, sogar meine Oma, meine Lehrer... Alle, nur ich nicht. Ich wollte das nicht, ich konnt mir nicht länger weismachen, dass es schon okay sei. Wenn ich Ja sagen würde, wäre ich sterbensunglücklich. Dann gäbe es kein Zurück mehr. Gab es denn jetzt überhaupt noch ein Zurück? Wenn ich mich doch nur auf eine einsame Insel wünschen könnte - so weit weg von hier - meinem Zuhause - wie möglich.


Eingetragen am: 08.12.2008 von Rahan Neris
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21009

Ganz nahe den Victoria Falls überquert eine Eisenbahnbrücke, die auch Fußgängern zugänglich ist, den „Mighty Sambesi“ und verbindet Sambia mit Simbabwe. Von der Brücke aus, hoch über den tosenden Wassern, in Richtung Simbabwe, sieht man den Strom in seiner tiefen Schlucht. Der beste Blick bietet sich genau gegenüber der steil ragenden Schmalseite einer felsigen Insel, die mitten aus dem Sambesi wächst. Sie teilt den Strom in zwei Arme, zwingt ihn zu wilden Wirbeln. Rechts und links steigen, steiler noch als die Insel, die Ufer hoch, welche die über hundert Meter hohe Brücke tragen. Der Ort, wo sich die Arme des Sambesi wieder vereinen, liegt, von der Brücke aus nicht mehr einsehbar, hinter einer entfernten Biegung der Schlucht.
In der Mitte der Brücke, im Niemandsland zwischen Sambia und Simbabwe, gibt es eine kleine Plattform. Von hier aus beweisen zahlungswillige Touristen ihren Mut beim Bungee-Springen. Ziemlich direkt unter der Brücke, auf dem Simbabwe zugehörigen Südufer, liegt in einer kleinen Nebenbucht, wo die Wasser etwas ruhiger sind, der Startplatz von Raftingtouren. Die Strecke soll zu den fünf gefährlichsten auf diesem Planeten zählen. Der Versuchung zum Bungee-Sprung kann ich widerstehen, nicht aber der Raftingtour. Die habe ich für Alex und mich bereits zusammen mit der Reise gebucht.

Vor der Raftingtour werden die Teilnehmer eingewiesen. Wenn du über Bord gehst: „Don’t panic!“ Dies werde nicht nur einmal der Fall sein, das sei sicher. Doch musst du keine Angst vorm Ertrinken haben, wie von selbst trägt dich die Schwimmweste an die Wasseroberfläche zurück. Und gegen die gefährlichen Felsen unterm Wasser helfen Helm und angemessenes Verhalten: Lass dich immer mit den Füßen voran treiben, so kannst du dich notfalls von den Felsen abstoßen. - Das ist es, was ich mit meinen durchaus verbesserungswürdigen englischen Sprachkenntnissen dem Vortrag entnehmen kann.

Erste Stromschnelle, meine Freundin Alex fällt ins tosende Wasser, wird aber schnell wieder rausgefischt. Zweite Stromschnelle, keiner der acht geht über Bord. Dritte Stromschnelle, fast alle, auch Alex, im Wasser, nur ein oder zwei nicht, darunter ich – stolz, Gefühl, alles im Griff zu haben. Am Rande der Stromschnellen, jede hat einen Namen, der Abenteuer und Gefahr signalisiert, stehen Videoposten der Rafting Company und filmen die Ereignisse. „Devil’s Toilet“ vorbei, ich winke zuversichtlich in die Kameras.
Die nächste Stromschnelle – wegen ihrer Länge heißt sie „Gulliver’s Travels“. Das Boot flippt, up side down, ich im Wasser. Mache den Fehler loszulassen, bin plötzlich genau unter dem Boot. „Don’t panic!“, die Schwimmweste trägt dich gleich nach oben! Doch zwischen mir und der Wasseroberfläche immer noch der graue Schatten des Boots. Und der Schatten weicht nicht - trotz unserer rasend schnellen Bewegung durch die Stromwirbel.
Heftig mit den Beinen strampelnd versuche ich, von dem Monster über mir weg zu kommen. Vergebens – der graue Schatten bleibt. Und bleibt und bleibt. Ich spüre null Auftrieb. Warum, verdammt, funktioniert die Schwimmweste nicht?
Die Zeit verrinnt, dieser eine Gedanke wird übermächtig: „Du brauchst irgendwann Luft, du musst atmen!“ Weiter verzweifelte Strampelei. Ich ermahne mich: „Ruhig bleiben, keine Panik, gleich wird die Weste wirken.“
Der Helm ist inzwischen über die Augen gerutscht. Ich sehe jetzt gelb, die Farbe des Helms. Mache reflexhaft eine Atembewegung. Die führt, noch rechtzeitig abgewandelt, gottseidank nicht zum Einatmen, sondern zum Trinken einigen Wassers des „mächtigen Sambesi“.
Schließlich, nach einiger Anstrengung, habe ich den Helm wieder von den Augen weggeschoben. Der Wasserhorizont über mir ist nun anders, heller, wirbeliger, schaumiger – das Boot ist weg! Jetzt muss die Weste doch funktionieren. „Mach dich gerade, versuch dich zu entspannen!“ - Erinnerungen an die Instruktion. Rückenlage, Füße voraus, Unterwasserfelsen quasi weg kicken,„no problems, happy days“. Ich im fortwährenden Versuch, die “no-problems”-Lage und endlich Luft zu erreichen. Wieder, trotz aller Bemühung um schulmäßiges Befolgen der Instruktion, passiert nichts. Trinke zum zweiten Mal, in Abwehr des Wassereinatmens, ein paar Schlucke vom Sambesi.
Dann endlich, die Kräfte sind am Ende, Auftauchen - zwei Meter neben einem Rettungskajak! Das Kajak bringt mich im Schlepptau zu einem anderen Boot. Das meine ist, mitsamt Alex, „über alle Stromschnellen“.

Später, beim „sundowner“, meint Alex, da sitze einer in Europa am Computer, buche Unterkünfte, Fahrten mit einer Nostalgiebahn durch den afrikanischen Busch und, als Krönung, eine „Wildwasserfloßfahrt durch die Stromschnellen des Sambesi“. Und wisse nicht, was er tue.


Eingetragen am: 08.12.2008 von Vahli
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21001

Es war der schönste Tag im Frühsommer, der mir von diesem Jahr, in dem ich 13 Jahre alt wurde, in Erinnerung geblieben ist. Das Wetter war herrlich: Blauer Himmel so weit man sehen konnte, die Temperatur lag um die 30 Grad, es wehte ein leichtes Lüftchen, das mit dem Duft des aufkommenden Sommers getränkt war. Die ganze Welt war draußen. Die Menschen lagen auf Liegen in ihren Gärten oder arbeiteten in den Beeten. Auf der Straße wurde Ball gespielt, ich sah auch Kinder mit Federballschlägern vorbei laufen, andere hatten Rollschuhe an und fuhren die Straße entlang. Alle waren draußen. Nur ich nicht.
Ich saß auf der Fensterbank meines Zimmerfensters. Die Luft konnte ich nur riechen, wenn ich mein Gesicht an den Spalt des geöffneten Fensters drückte. Die Nachbarn auf der rechten Seite konnte ich nur sehen, wenn ich von der linken oberen Ecke des Fensters in ihre Richtung schaute und um die linken Nachbarn sowie unsere kleine Sackgasse sehen zu können, musste ich mich in die rechte obere Ecke drücken. Ich musste in meinem Zimmer bleiben, weil ich Hausarrest hatte.
An diesem Sonntag, kurz nach dem Mittagessen, befand ich mich bereits mehr als einen kompletten Tag in meinem Zimmer. Am Samstagvormittag begann der mir auferlegte 3-tägige Arrest, nachdem meine kleine Schwester mich verpetzt hatte.
Natürlich war es nicht richtig, was ich gemacht hatte. Ich wollte vor meinen Freunden angeben und habe mir das Mofa meines älteren Bruders ausgeliehen. Wir sind abwechselnd in der Parallelstraße auf und ab gefahren, hatte riesigen Spaß gemacht. Doch als ich wieder zu Hause ankam, stand dort mein Vater, hinter ihm meine Schwester, die sich nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen gar nicht wohl fühlte in ihrer Haut, und mein Bruder, der mit den Schultern zuckte als wollte er sagen: „Tut mir leid, ich kann nichts dafür.“
Mein Vater wartete ruhig, bis ich das Mofa abgestellt hatte, dann nahm er mein linkes Ohr in die Hand, zog mich daran die Treppe hinauf, bis in mein Zimmer, und teilte mir mit, dass ich ab sofort drei Tage Hausarrest hatte. Nur zu den Mahlzeiten durfte ich mein Zimmer verlassen. Und natürlich um auf die Toilette zu gehen.
Seitdem hatte ich mich mit vielen Dingen in meinem Zimmer beschäftigt: Musik hören, Comics oder Bücher lesen, mein Superman-Bild hatte ich fertig gemalt, sogar ein altes Puzzle hatte ich wieder hervorgekramt, das mir aber schnell zu langweilig wurde. Aber seitdem heute Vormittag draußen das Leben erwacht war, konnte ich mich auf nichts davon mehr richtig konzentrieren.
Ich ging vom Fenster zu meinem Bett und ließ mich darauf fallen. Mein Buch lag noch aufgeschlagen auf meinem Kopfkissen. Von meinem ältesten Bruder hatte ich mir Karl Mays „Schatz im Silbersee“ ausgeliehen, aber Winnetous Taten konnten mich heute nicht fesseln. Meine Gedanken schweiften immer wieder zu den anderen Kindern, die jetzt draußen spielen konnten. Ich wusste, dass sich ein paar Freunde von mir heute zum Fußballspielen auf dem Sportplatz am Ende der Straße treffen wollten. Wahrscheinlich waren sie jetzt schon dort und wunderten sich, dass ich nicht dabei war. Ich spürte einen Knoten im Hals und merkte plötzlich, wie mir eine Träne die Wange hinunterlief. Auf meinem Nachtschrank lag eine Packung Taschentücher, von denen ich mir eines nahm und meine Nase schnäuzte. Ich war von mir selber überrascht, da ich lange schon nicht mehr geweint hatte. Ärgerlich knüllte ich das benutzte Taschentuch zusammen und warf es durch mein Zimmer. So schlimm war das nun auch wieder nicht, dass man deshalb flennen musste. Ich ging wieder zum Fenster und versuchte wider besseren Wissens, in der obersten Position einen Blick auf den Fußballplatz zu erhaschen. Natürlich konnte ich nur die Dächer der davor stehenden Häuser sehen. Vielleicht besser so. Ich setzte mich auf mein Bett und lehnte mich mit dem Rücken an die Wand.
Nach dem Fußball fuhren die Jungs bestimmt noch mit dem Fahrrad zum Schwimmen. Das machten wir oft so, jedenfalls im letzten Jahr. Neidisch dachte ich daran, welchen Spaß sie dabei haben würden. Ich seufzte. Was hätte ich dafür gegeben, jetzt draußen rennen, Fahrrad fahren, schwimmen zu können. Stattdessen musste ich hier noch zwei volle Tage ausharren, mal abgesehen von den Fahrten zur Schule. Das würde ich nie aushalten, ich hatte jetzt schon das Gefühl, dass die Zimmerdecke immer näher kam. War mein Zimmer nicht sonst viel größer? Konnte ja nicht, wie sollte ein Zimmer schrumpfen. Dennoch kam es mir so vor, als rückten die Wände immer näher.
Schlimmer noch war es während der Mahlzeiten. Meine Eltern behandelten mich, als wäre ich ein Ausgestoßener. Sprachen nur mit meinen Geschwistern, mich ignorierten sie. Ich konnte Ihnen einfach nicht in die Augen sehen, stocherte nur in meinem Essen herum und war jedes Mal froh, wenn ich wieder auf mein Zimmer durfte.
Wenn es nur nicht so langweilig wäre. Alles nur, weil ich unbedingt angeben wollte. Ich stand wieder vom Bett auf und ging, wütend auf mich selber, im Zimmer auf und ab. Ich wusste vorher genau, dass es falsch war, das Mofa zu nehmen. Warum bloß hatte ich es trotzdem getan? Im Vorbeigehen boxte ich den großen Teddy, den ich mal auf dem Jahrmarkt gewonnen hatte, in den Bauch. Aber warum musste meine Schwester auch immer petzen? Konnte sie nicht einmal etwas für sich behalten? Kleine Schwestern sind eine echte Strafe.
Auch wenn ich wusste, dass es falsch war, hätte ich niemals mit einer solch heftigen Bestrafung gerechnet. Drei Tage Hausarrest waren wirklich übertrieben. Ich bekam von meinen Eltern immer größere Strafen als meine Geschwister. Das war ungerecht. Wieder boxte ich meinen Teddy. Wenn ich schon sonst niemanden dafür büßen lassen konnte, musste halt der Teddy für diese Ungerechtigkeit herhalten. Nein, das konnte ich nicht einfach so hinnehmen, ich wollte mich nicht so lange einsperren lassen. Aber was sollte ich machen?
Dann hatte ich eine Idee. Ich ging ins Badezimmer, das zur anderen Hausseite zeigte. Hier hatten wir ein Dachfenster. Ich stieg auf die Waschmaschine unter dem Fenster, öffnete es und lehnte mich heraus. Ja, hier könnte ich hinunter klettern, ohne dass im Haus jemand etwas merkte, kein Problem. Aber sollte ich das wirklich machen? Was, wenn ich dabei wieder erwischt wurde? Was, wenn jemanden auffiel, dass ich weg war? Naja, gestern hat nicht einmal jemand in mein Zimmer geschaut. Mit etwas Glück ist das heute auch wieder so. Das ist bestimmt wieder so.
Ich kehrte in mein Zimmer zurück und durchdachte noch einmal alles. Was würde mein Vater wohl machen, wenn er mich erwischte? Vielleicht den Hausarrest verlängern? Bei dem Gedanken wurde mir ganz flau im Magen. Oder Taschengeldentzug? Damit konnte ich schon eher leben. Das war es wert und das war am wahrscheinlichsten.
Ich stellte mein Radio an, schloss meine Zimmertür von außen zu und zog den Schlüssel ab. Falls doch jemand käme, sollte er glauben, dass ich nicht gestört werden wollte. Dann ging ich ins Badezimmer, meine Turnschuhe hatte ich glücklicherweise dort liegen. Die zog ich an und stieg wieder auf die Waschmaschine. Mein Herz klopfte mir bis in den Hals. Ich machte das Fenster ganz auf, kletterte heraus und schloss es so weit, dass ich es später von außen wieder aufmachen konnte. Rückwärts machte ich den Abstieg, bis zur Regenrinne, die an der tiefsten Stelle ungefähr zwei Meter über dem Boden lag. Dort hängte ich mich dran und ließ mich fallen. Nach dem leisen Geräusch bei der Landung hielt ich den Atem an und lauschte. Nichts zu hören. Ich linste noch einmal kurz um die Ecke, denn da war unsere Haustür, und dann sah ich zu, dass ich wegkam. Mein Fahrrad konnte ich nicht nehmen, denn das hätte ich erst aus dem Schuppen holen müssen. Die Gefahr erwischt zu werden, war einfach zu groß.
Den Weg zum Fußballplatz rannte ich ohne Unterbrechung, aus Angst doch noch erwischt zu werden. Zuerst klopfte mein Herz wie wild, aber nach der halben Strecke ging es mir schon viel besser. Gierig sog ich die Luft ein, holte mit den Armen weit aus, machte große Sprünge. Meine Ohren bekamen von meinen Mundwinkeln Besuch bei dem Gedanken an den bevorstehenden Spaß.
Der Fußballplatz kam in Sicht, mein Herz hüpfte: Meine Freunde waren schon beim Spielen. Das letzte Stück sprintete ich so schnell ich konnte und ich kam völlig außer Atem auf dem Platz zum Stehen.
„Da bist du ja endlich. Wir dachten schon, du kommst nicht mehr“, begrüßte man mich.
Der Nachmittag wurde ganz toll. Die meiste Zeit spielten wir in verschiedenen Mannschaftszusammenstellungen Fußball. Später mussten einige nach Hause, so dass wir zu wenige wurden. Also spielten wir Hochball: Der Ball durfte nicht den Boden berühren. Die Zeit verging wie im Fluge und die meisten mussten am Sonntagabend zu Hause sein. Also fuhr keiner mehr zum Schwimmen. Ich hätte ohnehin nicht mit gekonnt, weil ich keine Schwimmsachen dabei hatte. Als wir uns dann verabschiedeten, musste ich das erste Mal wieder an zu Hause denken und die ganze Leichtigkeit des Nachmittags fiel mit einem Schlag von mir ab. Da war wieder mein Kloß im Hals und meine Knie schienen aus Gummi zu bestehen. Aber was sollte schon sein? Bestimmt hat keiner bemerkt, dass ich weg war.
Schnell ging ich nach Hause, um das Risiko nicht weiter zu erhöhen. Ständig war ich bereit mich zu verstecken, falls ich jemandem aus meiner Familie begegnen sollte. Aber es ging alles gut. Vorsichtig schlich ich in den Weg zu unserem Reihenhaus. Es war niemand zu sehen. Ich atmete noch einmal tief durch und huschte an unserer Haustür vorbei. Ein Blick nach oben zeigte mir, dass sich das Dachfenster noch in der gleichen Stellung befand, wie ich es verlassen hatte. Ein gutes Zeichen, mein Puls beruhigte sich etwas. Trotzdem weiterhin aufs Höchste gespannt, stieg ich auf den Findling unter der Regenrinne. Ich sprang hoch, hielt mich an der Rinne fest und hangelte mich hoch. Vorsichtig, jedes Geräusch vermeidend kletterte ich auf der Dachschräge nach oben.
Beim Dachfenster angekommen schaute ich noch einmal nach unten: Kein Mensch. Leise öffnete ich das Fenster und ließ mich auf die Waschmaschine hineingleiten. Dann schloss ich das Fenster und stieg auf den Boden hinab. Puh, alles gut gegangen. Mit dem Handrücken wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und atmete wieder tief durch. Jetzt war es geschafft. Ich zog mir die Turnschuhe aus, öffnete leise die Badezimmertür und trat auf den Flur.
Was ich dann sah ließ mich am ganzen Körper zusammenzucken. Ich spürte diesen Stich im Kopf, den man bei einem großen Schrecken bekommt, und stieß das dazugehörige typische Geräusch aus. Dort stand mein Vater mit seinem grimmigsten Gesichtsausdruck. Er hatte seine Arme vor der Brust verschränkt und wartete seelenruhig. In einer Hand hielt er einen Rohrstock, der eine parallele Linie zu seinem Oberkörper bildete. Mein Magen krampfte sich zusammen und ich musste schlucken bei der Erkenntnis, was mir bevorstand. Dann sah ich, dass meine Zimmertür offen war: aufgebrochen. Später erfuhr ich, dass mein Vater sich Sorgen gemacht hatte, weil ich nicht auf sein anhaltendes Klopfen geantwortet hatte, und dass er deshalb die Tür eingetreten hatte.
„Wo kommt du her?“, fragte mein Vater mit ruhiger Stimme.
Ich musste wieder schlucken. „Ich war … ich wollte … alle waren draußen und …“ Meine Angst war so groß, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich merkte, wie meine Hand zitterte, als ich mir die Haare aus der Stirn strich.
„Wir haben uns große Sorgen um dich gemacht.“
„Tut mir leid, ich …“ Wieder kam ich nicht weiter.
Mein Vater löste seine verschränkten Arme voneinander und sagte: „Zieh’ Hose und Unterhose aus.“
„Aber ... bitte ...“
„Sofort!“ Jetzt erhob mein Vater seine Stimme.
Während ich schnell tat wie mir geheißen, ging mein Vater an mir vorbei ins Badezimmer und setzte sich auf das geschlossene Klo. Er gab mir ein Zeichen, dass ich mich über seinen Schoß legen sollte. Auf wackligen Beinen tat ich auch das. In Erwartung des Schmerzes kniff ich die Augen und biss ich die Zähne zusammen. Und dann kam der Schmerz, heftiger noch als erwartet. Mir schossen die Tränen in die Augen, ohne dass ich etwas hätte dagegen tun können. Ich weiß nicht, wie viele Schläge ich bekam, aber mir kam es vor, als wären es unendlich viele gewesen. Bitte aufhören, dachte ich bei jedem Schlag, und die Angst vor dem nächsten Schlag wurde jedes Mal größer. Bitte aufhören. Wenn du mich noch ein wenig lieb hast, hörst du jetzt auf. Die Tränen flossen inzwischen unaufhaltsam und es waren nicht nur mehr Tränen des Schmerzes. Ich wusste plötzlich, dass mein Vater mich nicht mehr lieb hatte und nur noch wütend auf mich war. Ich weinte, weil mein Vater und wahrscheinlich auch meine Mutter mich nicht mehr lieb hatten.
Mir kam es vor als hätte ich hunderte von Schlägen bekommen, als es endlich vorbei war. Mit brennendem Hinterteil richtete ich mich auf. Ich sah meinen Vater nicht mehr an und schlurfte mit hängenden Kopf und Schultern in mein Zimmer, verkroch mich unter der Bettdecke. Dort lag ich eine ganze Weile, mein Kopfkissen war bald tränennass. Auch zum Abendessen ging ich nicht.
Ich konnte lange nicht klar denken, lag nur so da. Doch irgendwann wich die Traurigkeit. Mit einem brennenden Gefühl im Magen und geballten Fäusten setzte ich mich im Bett auf, spürte nicht einmal den Schmerz der Striemen. Ungerecht, dachte ich dann. Eine Ohrfeige hätte auch gereicht. Immer hatte er es auf mich abgesehen. Ich hasste ihn. Beide hasste ich.
Ich nahm mir vor, am nächsten Tag wieder wegzulaufen.
Aber dieses Mal für immer.


Eingetragen am: 05.12.2008 von Leni Mae
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20932

Es geht nicht darum, wer Schuld war. Ob es meine Mutter war, die mich zu lang allein zu Hause ließ, oder ich, die ja schließlich die Tür öffnete,obwohl ich ein ungutes Gefühl im Bauch hatte. Es geht noch nicht mal darum, was den großen Mann dazu brachte, es zu tun. Es geht nur noch darum, dass es geschehen ist. Ein Ereignis, das meinen Lebenszug wie eine unerwartete Weiche auf neue Gleise verschob. Dabei konnte ich nur zusehen. Ich sah die Weiche auf mich zukommen, doch es war zu spät um zu handeln und ich zu jung um zu verstehen, dass ich dennoch hätte etwas tun müssen.
Zuerst kam ein Anruf von dieser ruhigen väterlichen Stimme, die mich fragte, ob meine Eltern da seien. "Nein." antwortete ich. Dann die kurze Erklärung, dass er mit meinen Eltern vereinbart hätte, dass er mir helfen soll, gewisse Dinge zu verstehen, die zwischen Mann und Frau geschehen und woher die kleinen Kinder kommen. Ich war doch selbst noch eins. Und was für ein braves Mädchen – wie konnte ich diesem netten Herrn eine Absage erteilen? Die Welt bestimmte seit jeher über mich. Und nun tat er es. "Ich komme gleich bei dir vorbei und dann besprechen wir das in Ruhe.", kündigte er sich an.
Ich war allein, gebannt von seiner ruhigen, wissenden Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.
Das Türklingeln ließ nicht lange auf sich warten. Jetzt, wo ich noch hätte entscheiden können, verließ mich jeder Mut ungehorsam zu sein. Er hatte ja schließlich mit meinen Eltern darüber gesprochen. Ich sah ihn hinter der Milchglastür. Meine Hand bewegte sich zum Schlüssel und drehte ihn. Etwas schrie in mir: "Nein! Tu' es nicht! Es ist gefährlich!"
Die Tür öffnete sich. Mein Zug fuhr auf das neue Gleis und holperte. Der Mann war viel größer als ich. Er sah so gewöhnlich aus. Er betrat den Hausflur und fragte: "Wo gehen wir hin? Ins wohnzimmer oder Schlafzimmer?" Es schnürte mir die Kehle zu. Ich konnte nicht sprechen. Wir gingen ins Wohnzimmer, ich vorweg, er hinterher. "Setz dich hin.", sagte er und ich tat es. Ich saß auf dem viel zu großen, grauen Ledersessel, der mir an diesem Tag besonders kühl erschien. Ich fröstelte innerlich. Niemals wieder sollte der Wunsch so stark in mir brennen, meine Mutter zu sehen. Der große Mann kniete sich vor mich und schlug mir vor mich auszuziehen. Ich schüttelte verlegen mit dem Kopf, als ich sein Messer in der linken Hemdtasche aufblitzen sah. Die Macht der Verlorenheit, die mich an diesem Tag packte, hat mich bis heute nicht verlassen.


Eingetragen am: 05.12.2008 von nora
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20925

das ich mich in diesem netz verfangen hab, dafür bin ich selbst verantwortlich. Nicht nur ich allein,das weiss ich, aber ich bin auch schuld. Ob wir es verindern hätten können kann ich nicht und du nicht sagen. Klar hätte es anders kommen können und wir wären jetzt nicht am zapeln, während unsere Arme und Beine im kebrigen Netz hängen. Jetz fragen wir uns ob es wohl einfach das Schicksal war oder der Zufall, dabei haben wir überhaupt keine Zeit für solche Fragen. Viel wichtiger ist doch wie wir das jetzt meistern und nicht erneuert scheitern, vorallem jetzt nicht. Aber wir reden nicht darüber und wenn dann nur kurz abends im bett, beide machen wir uns tag für tag diese Gedanken, haben 1000von fragen offen und wissen nur gemeinsam eine Antwort. Unsere Nägel müssen anfangen zu wachsen, bring bitte deine Nägel zum wachsen ich tu es auch, dann können wir gemeinsam das Netz zerschneiden. Wir müssen jetzt beweisen das wir zusammengehören und nicht immer nur so tun. Wenn wir uns jetzt zusammenschliessen gibt es kein zurück mehr und das ist genau das was ich will


Eingetragen am: 15.11.2008 von Enni
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20289

Dunkelgrau präsentiert sich der neue Tag hinter dem Fenster. Obwohl ich wach bin, schließe ich die Augen und versuche mich an den verblassenden Traum zu erinnern. Ich kann ihn nicht festhalten.
Ich spüre, wie der Tag durch den Spalt unter der Tür ins Zimmer kriecht. Wie eine Schlange, lautlos schleichend, erreicht er mein Bett. Ich habe die Decke über den Kopf gezogen und rühre mich nicht. Hoffentlich bemerkt er nicht das gleichmäßige Auf und Ab meines Atems. Ich halte die Luft an und lausche. Meine Anspannung wächst, denn ich werde es nicht mehr lange unter der Decke aushalten. Meine klaustrophobische Stimme meldet sich. Du wirst ersticken! Überleg mal, wie klein die Luftblase um dich herum ist! Das reicht nicht mehr lange! Und dann?
Ich versuche die List, die jeden Morgen misslingt. Mit der linken Hand hebe ich die Decke ein paar Millimeter. Der Tag wird es nicht bemerken. Nur ein klein wenig Luft!
Zu spät. Wie jeden Morgen greift er durch die Luftöffnung und zerrt an mir.
Mit einem Ruck reiße ich mir die Decke vom Kopf und atme gierig die Luft, die sich bis in die letzte Zelle meiner Lunge ausbreitet. Mit ebensolcher Besessenheit, mit der ich nach Luft ringe, fällt der Tag über mich her und verschlingt mich an einem Stück. Ich kann ihm nicht entkommen. Ich bin festgekettet an die Monotonie des Alltags, das Einerlei, die Leere.
Hinter dem Fenster sehe ich meinen Traum von Verwegenheit und Leidenschaft wie einen majästetischen Vogel mit bedächtigen Flügelschlägen davonfliegen.


Eingetragen am: 09.11.2008 von luana
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20054

Ich schaue hinaus aufs Wasser,das langsam seine Dunkelheit verliert.Es ist noch sehr früh am morgen, nur einige Fischer die wie ich nicht schlafen können, reden leise miteinander.Es ist wohl ihre innere Uhr die sie auch an den wenigen Tagen weckt, an denen sie nicht rausmüssen.
Sehr bald wird sich diese Ruhe in Hektik, Lachen, Betriebsamkeit umwandeln, denn heute fängt das "Cook Esland Southern Group Manea Games" an.Elf Tage lang werden alle Inselgruppen hier in Aiutaki an die 500 Wettkämpfe führen, das Bonanza des Sports,Tanz und Fun.
Es gibt Cricket,Darts,Netzball,Soccer,Tennis,Touch Rugby,Volleyball,Paddling,Sail und traditionelle Sportarten.Es ist ein Festival, ein Karneval des Sports und der Kultur.
Doch was für mich so wichtig ist am diesem Tag ist die Miss Wahlen, die" Miss Manea Games" es ist schonTradition bei uns, meine Schwester hat letztes Jahr gewonnen und meine Mutter vor ca. 20 Jahren.Auch werde wohl ich dieses Jahr gewinnen,denn auch mir wird diese Schönheit nachgesagt Meine Schwester hat mich nach New York eingeladen,ich hab mich ziemlich verloren gefühlt,die Stadt ist so laut,groß und man sieht kaum den Himmel und auf den Straßen muss man so aufpassen nicht überfahren zu werden.Wie sehr habe ich Strand, Sonne und die blaue Lagune vermisst.
Es stimmt Polynesien ist ein Paradies.
Es fällt mir schwer zu denken das ich dieses Ort verlassen werde und dann ist auch noch Patou.
Wenn ich an ihm denke wird mir ganz mulmig, dieser stolze schöne Mann.Seine Haut ist so dunkel,ebenmäßig und bildet ein schöner Konstrast mit meiner, denn bei mir mischt sich noch englisches Blut, deswegen ist meine Haut sehr hell ohne weiß zu sein.
Er ist mir verprochen worden,denn ich gehöre zu der Familie von Queen Manarangi Tutai-die Häuptling von Paramount im Westen von der insel Aiutaki und er im Norden, so würden damit zwei wichtige Familien zusammengeführt.
Aber ich freue mich dass Patou auch der Mann ist ,den ich schon als Kind geliebt und bewundert habe.Auch jetzt wird er bestimmt in vielen Wettkämpfen als Sieger hervorgehen.
Er sagte mir, das er auf mich warten würde, egal wie lange, er wird unser Platz in der Lagune frei halten ,so das ich jederzeit zurückkommen kann.Sein Platz im Herzen hätte ich schon.
Ich weiss was ich tun werde, diese schlaflose Nacht gab mir die Klarheit.


Eingetragen am: 03.11.2008 von Lena Marie
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19892

Ich lief. Ich lief so schnell ich konnte hinaus auf die dunkle, menschenleere Straße. Ich musste weg, weit weg. Sie durften mich nicht kriegen. Mein Herz raste mit mir. Ich durfte nicht stehen bleiben. Eine laute Stimme grölte drohend nach mir. Ich hörte, wie jemand hinter mir herstürzte und es gab keine Möglichkeit, um ihn abzuhängen. Warum war ich auch nur so neugierig gewesen! Das alles hätte ich nicht sehen dürfen. Mir war ganz übel. Ich wollte aufgeben, mich ergeben, aber ich durfte einfach nicht stehen bleiben. So eine Angst hatte ich noch nie verspürt. In mir breitete sich ein zittriges Gefühl aus, doch ich rannte weiter, rannte immer weiter.
Ohne mich umzudrehen, bog ich links ab. Gleich in Reichweite, war ein altes Fabrikgebäude. Ich stürzte den schmalen Pfad links von mir, der hinter die verlassene Fabrik führte, entlang und war mir sicher, dass er noch nicht um die Kurve gekommen war, um gesehen zu haben, wo ich hinlief. Hinter dem Haus blieb ich stehen, denn ich kam hier nirgends weiter. Alles war zugewachsen mit Gestrüpp. Mir blieb einzig die Möglichkeit, durch die offene Hintertür in das finstere Gebäude zu gelangen.
Mein Herz hämmerte so stark, dass ich kaum atmen konnte. Ich zitterte jetzt am ganzen Körper vor Kälte und vor Schauder. Seine Schritte kamen näher. Er rannte nun nicht mehr.
Panisch quetschten meine Finger an meinen Lippen herum. Was wenn er mich hier fand? Mit aufgerissenen Augen starrte ich auf die Stelle, von wo ich gekommen war. Ich hörte ihn nicht mehr. War er weg? Oder beobachtete er mich bereits von irgendwo her? Ich wagte es nicht mich zu rühren. Womöglich lauschte er nach der kleinsten Regung von mir. Nach dem, was ich heute Nacht gesehen hatte, wusste ich, dass er mir ganz schön gefährlich werden konnte.
Eine ganze Weile stand ich so reglos da. Doch je länger ich nichts von meinem Verfolger hörte, desto ruhiger wurde ich, meine Sinne blieben jedoch scharf. Die Hoffnung, dass er aufgegeben hatte, wuchs mit jeder Minute der Stille. Plötzlich zuckte ich zusammen. Soeben hatte ein Zweig im Busch, nicht weit von mir, geknackt. Ich hielt den Atem an. Mein Herz pumpte wieder stärker. War er da?
So leise wie möglich bewegte ich mich auf den dunklen Hintereingang des Hauses zu. Vier große Schritte auf Zehenspitzen und ich war fast an der Tür, als ich aus der Ferne aufgeregte Stimmen mehrerer Jugendlicher wahrnahm. Das waren sie! Oh verdammt, das waren sie!
Ich bewegte mich fast geräuschlos in das Fabrikgebäude hinein. Ich konnte kaum etwas sehen. Es roch kalt und staubig hier drin. Vorsichtig tastete ich mich an der Wand entlang, um in die hinterste und dunkelste Ecke zu gelangen. Gut, dass meine Kleidung schwarz war. Wenn sie hier hereinschauen sollten, war dies die einzige Hoffnung, dass sie mich dort hinten nicht erkannten. Ich hatte mich noch nie so hilflos und gefangen gefühlt. Ich war allein. Und draußen hörte ich Stimmen mehrerer immer deutlicher werden: „Die muss hier irgendwo sein. Als ich vorhin hier um die Ecke kam, war das Weib plötzlich verschwunden. Aber die Straße ist zu lang, als dass die da vorne schon um die Ecke gebogen sein konnte.“
„Dann hat se sich hier irgendwo verkrochen!“
Mir wurde noch übler. Sie waren vor dem Gebäude. Und ich saß in der Falle. Hier gab es keinen Ausweg. Nur das Schicksal konnte entscheiden, was geschah. Ich flehte darum, dass es auf meiner Seite war.


Eingetragen am: 01.11.2008 von Alfred Stadlmann
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19824

Ein eiskalter Schauer lief über meinen Rücken und die Nackenhaare sträubten sich. Der Körper war mit jeder Faser bis zum Zerreissen gespannt, wie eine Feder die man überdehnt hatte und die kurz vor Ihrem Bruch stand. Die Hände waren eiskalt als ob der warme Strom von Blut der sonst die Gliedmaßen wärmte durch Eiswasser ersetzt worden wäre. Trotzdem brannten meine Fingerspitzen als würden sie in die Glut des Höllenfeuers ragen. Sie verkrampften sich zunehmend, während die Fingerkuppen nervös den Stein untersuchend tasteten. Der Schweiß tropfte mir in die Augen und es brannte furchtbar, doch ich wagte es nicht die Lider zu schließen. Die Muskeln an meinen Beinen waren hart wie Beton und krampfhaft verharrten sie in der vorgegebenen Position. Sollte es hier enden? Es war ein Tag der zum Sterben zu schön war. Aber ist das nicht jeder Tag? Der Sommerwind, der meine Haut umspielte, konnte mir den kalten Schweiß, der mir in Strömen den Rücken hinunterfloß, nicht wärmen. Mein kurzes Leben lief vor meinen Augen nochmals ab. Ich vermißte die Starken Arme meines Vaters und die umsorgende Wärme und Güte meiner Mutter. Die herzhaft lustigen und manchmal auch harten Streitereien mit meiner Schwester. Auch das sabbernde Geplapper meines kleinen Bruders fehlte mir in diesem Augenblick. Ja nur ein Augenblick der Unachtsamkeit und ich war in einer ausweglosen Situation gefangen. Mein Körper preßte sich mit aller Gewalt an den Stein, der sich trotz der Hitze eiskalt und abstoßend anfühlte. Ich war bei Gott kein tiefgläubiger Mensch, doch war nun die Zeit für ein Gebet gekommen? Die Kraft begann langsam aber stetig aus meinem jungen Körper zu entweichen. Ich hätte nicht auf meine Schulkameraden hören sollen. "Komm, geh mit uns, wir zeigen Dir etwas ganz tolles!" Meine Neugier und die grenzenlose Überschätzung meiner Fähigkeiten, hatten mich in diese Lage gebracht. Eine Situation der Gefangenschaft die ich vermutlich mit meinem Leben bezahlen musste. Es gab kein Vor und kein Zurück. Ich hing wie ein welkes Blatt im Fels und der nächste Windhauch würde mich vermutlich in die Tiefe blasen. Ich schrie um Hilfe und meine brennenden Augen füllten sich mit Tränen. Ich hatte mich mit dem Ende abgefunden und schrie meinen Zorn in die Welt hinaus. Fünfzig Meter unter mir war ein Wald der sich sanft an den Felsen schmiegte, als wolle er in streicheln und zuflüstern. "Sei nicht zu hart zu dem Jungen, gib Ihm noch eine Chance. Er hat doch noch sein ganzes Leben vor sich." Ich blickte mich nach beiden Seiten um, sah aber keinen Griff oder Stand zu dem ich hinkam um meine missliche Lage zu verbessern. Der Krampf in meinen Fingerkuppen wurde immer stärker. Ich konnte mich sicher nicht mehr lange halten. So schrie noch einmal mit aller Kraft, die Tücken der Natur verfluchend meinen Frust in die Landschaft. Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem rechten Bein und blickte vorsichtig nach unten. Mein Schulkamerad Gerhard war etwas unter mir in der Wand und lächelte mir zu. Er war ein geübter Kletterer und sprach beruhigend auf mich ein. "Ganz ruhig, ich werde dich aus dieser Lage befreien. Tu genau was ich sage und Dir wird nichts geschehen. Ich bin bei Dir." Hoffnung durchströmte meinen Körper und die letzten Depots mit Adrenalin wurden geöffnet. Er gab mir Anweisungen wohin ich steigen sollte und ich musste ihm blind vertrauen. Aber was für eine Möglichkeit hatte ich sonst als Vertrauen. Meine Kraft ging dem Ende zu und einen fünfzig Meter Sturz auf eine Geröllhalde und die anschließenden Bäume, konnte ich vermutlich nicht überleben. So wählte ich die Option des Vertrauens und Gerhard führte mich von einem Tritt zum nächsten. Sie waren immer da gewesen. Stein verändert seine Form erst über lange Zeit von Jahren. Auch wenn es mir so lange vorkam, ich hatte sie nicht gesehen. Angst ist ein starker Verbündeter des Todes. Sie lähmt die Glieder, trübt die Augen und verschleiert die Wahrnehmung. Nach kurzer Zeit hatte ich festen Boden unter den Füßen und ich war heilfroh, lebend aus der Gefangenschaft entkommen zu sein. Viele Eindrücke sind mir von diesem Abenteuer geblieben. Angst, Hoffnung, Vertrauen, Freundschaft und vor allem Höhenangst.


Eingetragen am: 22.10.2008 von Cristi
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19547

Laut und schwer fiel die Tür ins Schloss. Seine Schritte hallten von den Wänden wider und wurden immer leiser, je mehr er sich entfernte.
Sie wußte nicht, was ihr mehr Furcht einflößte, seine Besuche oder die Zeit dazwischen.
Stunden quälender Einsamkeit lagen vor ihr, bis er wiederkommen würde.
Waren es nur Stunden?Oder waren es Tage?
Überhaupt war es Tag? Oder war es Nacht?
Sie wusste es nicht. Im Laufe der Zeit hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren.
Anfangs hatte sie noch versucht, zu zählen. Krampfhaft hatte sie darum gekämpft ihren natürlichen Rhythmus nicht zu verlieren.
Schlafen, wach sein, wach sein, schlafen. Doch irgendwann, sie wusste gar nicht wann, hatte sie damit aufgehört. Und inzwischen war es ihr egal.
Es war still. Nicht ein Geräusch war zu hören. Komplette Ruhe umgab sie. War es so in einem Grab? War sie etwa in einem Grab? Fühlte es sich so an? Auch dieser Gedanke erschreckte sie nicht mehr, war ihr egal.
Sie hörte ihren eigenen Atem, regelmäßig und beruhigend.
Sie versuchte, sich darauf zu konzentrieren. Unwillkürlich schwebte sie in eine Art Dämmerzustand hinüber.


Eingetragen am: 21.10.2008 von mac
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19508

Die Kuppel, die über mich gestülpt ist, erinnert an eine umgedrehte Schüssel aus Milchglas. Vielleicht vier Meter im Durchmesser und drei Meter hoch.

Ich war auf dem Rückweg vom kleinen Supermarkt an der Ecke, keine 150 Meter von meiner Wohnung entfernt. In Gedanken versunken zog ich meinen Einkaufwagen bergauf. Ein Zischen, ich blicke verwundert hinauf und im nächsten Moment schon war ich gefangen.

Die ersten Minuten bewege ich mich nicht. Stehe erstarrt, den Griff des Einkaufswagens in der linken Hand, die Rechte in der Manteltasche. Doch das Totstellen bringt die Glocke nicht zum Verschwinden. "Das gibt es doch nicht!", fange ich an,"Das kann nicht sein!" Noch fühle ich keine Angst. Verwunderung und Nicht-fassen-Können dominieren. "Das glaubt mit keiner!"

Ich stelle den Einkaufwagen ab, mache einen Schritt nach vorne. Die gewölbte Wand fühlt sich kühl und fest an. Mit dem Zeigefingernagel tippe ich dagegen. Ein Klackern wie beim Klopfen gegen Glas. Ich hole tief Luft. Keine Ahnung, wieviel Zeit seit meiner Überstülpung vergangen ist. Hole mein Handy aus der Handtasche. Das Display zeigt 9.23 Uhr. Überlege, rufe ich die Feuerwehr oder die Polizei? Die Polizei kann dann die Feuerwehr verständigen, um mich aus meiner misslichen Lage zu befreien. Kein Empfang. Hmmm.

Mir wird heiß. Klopfe an die Wand Klatsche mit den Handflächen dagegen, dann trommle ich mit beiden Fäusten drauflos. Rufe um Hilfe. Zunächst zaghaft, dann immer lauter, bis sich meine Stimme überschlägt. Nichts.
Ich trommle weiter. Mein Magen krampft sich zusammen. Ich spüre die Angst bis in die Fingerspitzen. Meine Kehle ist wie zugebunden. Ich weiß nicht, ob meine Schreie laut genug sind, um nach draußen zu dringen. "Denk nach! Denk doch nach!"

Beginne, den Einkaufswagen auszuräumen und nach einem schweren Gegenstand zu suchen. Schnittlauch, Trauben, Eier. Hastig und ohne Sorgfalt lege ich die obersten Dinge auf den Boden. Was kann ich mit 2kg Kartoffeln und drei Liter Milch in Tetrapack ausrichten? Fieberhaft suche ich weiter. Außer einer Blechdose Olivenöl finde ich keinen harten Gegenstand. Schlage damit gegen die Wand. Dumpfes Geräusch. Schlage kräftiger, bis die Dose verbeult und leck ist.

"Scheiße." Bin schweissgebadet. Das darf doch nicht war sein. Meine Arme schmerzen, meine Hände zittern. Lehne mich mit dem Rücken an die gewölbte Wand. Meine Beine geben nach, ich rutsche in den Sitz. Schlage die Hände vors Gesicht. Weine aus Ärger, Verzweiflung und Erschöpfung. Schluchze, seufze. Eine Welle des Selbstmitleids erfaßt mich. Wann werde ich jemandem abgehen, wie lange wird es dauern, bis mich jemand findet?
Wie lange reicht der Sauerstoff? Ist der Tod durch Ersticken ein qualvoller Tod? Beim Gedanken daran, dass man mich nur mehr tot findet, schütteln mich Weinkrämpfe. Male mir mein Begräbnis und die Trauer meiner Angehörigen aus.
Nein, werde mich so teuer wie möglich verkaufen. Es muß einen Weg hinaus geben.

Beuge mich zu meinem Einkaufswagen und esse einige Trauben vom Boden. Bin jetzt ruhiger und gefasster.
Verstehe das ganze nicht. Das Glas wurde mir mitten auf dem Gehsteig übergestülpt. Das muss doch im Weg stehen und auffallen. Bis jetzt habe ich niemand von aussen klopfen gehört.
Ich muss mich weiterhin bemerkbar machen, schreien, klopfen, hämmern. Vielleicht kann ich den Griff des Einkaufswagens als Hebel verwenden?


Kommentar von Anita Decker

Du schreibst dicht und interessant. Besonders hier, wo Du Dir die (für mich unmögliche) Freiheit genommen hast Deinen Prota wie eine Fliege zu fangen. (kicher). Nur - wann werde ich jemanden abgehen - das würde ich anders ausdrücken, Umgangssprache ist zwar ok. wirkt hier aber unpassend komisch! LG Anita

Eingetragen am: 02.01.2009

Eingetragen am: 14.10.2008 von Maid Marian
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19289

Auch ich war kürzlich gefangen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich pendle jeden Morgen mit dem Zug in die Arbeit. Mein Auto stelle ich direkt am Bahnhof auf einem Parkplatz ab.
An diesem Tag war es klirrend kalt und es hatte frisch geschneit. Anscheinend zu kalt für mein Auto, einen schon etwas klapprigen Jeep mit großer Schwenktüre am Kofferraum. Das Auto hatte die ganze Nacht bei starkem Frost im Freien gestanden und so kam es, dass ich keine der Türen außer der Kofferraumtüre öffnen konnte.
Weil ich schon etwas unter Zeitdruck stand und der Zug wohl nicht auf mich warten würde, probierte ich nicht länger herum, sondern stieg durch die Kofferraumtüre in mein Auto ein. Nur noch über die Rücksitzbank und die beiden Vordersitze quetschen und schon konnte es losgehen.
Die Strecke zum Parkplatz hatte ich recht zügig zurückgelegt und der Zug würde erst in ca. 5 Minuten abfahren.
Alles in bester Ordnung dachte ich, als ich aussteigen wollte. Nur leider konnte ich die Türe nicht öffnen.
Ich hatte nicht bedacht, dass ja vorhin das Einsteigen schon nicht geklappt hatte und durch den kalten Fahrtwind die Türen erst richtig zugefroren waren. Das beunruhigte mich doch etwas und so versuchte ich die Beifahrertüre von innen zu öffnen was mir leider auch nicht gelang. Gut also die letzte Hoffnung, wieder so raus aus dem Auto wie ich reingekommen war, nämlich durch die Kofferraumtüre. Na ja, die Situation war doch etwas befremdlich mitten auf einem gut besuchten Bahnhofsparkplatz im Auto rumzukriechen. Aber irgendwie wollte ich ja wieder aus diesem Auto raus. Also quetschte ich mich wieder durch die Vordersitze und über die Rücksitzbank um dann festzustellen, dass der Kofferraum von innen nicht geöffnet werden kann!!!!!
Ich hatte noch nie ein Problem mit engen Räumen oder Platzangst und Beschreibungen zu diesem Thema kamen mir doch
immer stark überzogen vor. Aber schier in diesem Moment überkam mich eine derartige Panik, wie ich sie noch nie erlebt habe.
Innerhalb kürzester Zeit wurde mir siedend heiß und meine Kehle schnürte sich zu, dass ich kaum mehr Luft bekam.
Ich hatte das Gefühl jede Sekunde ersticken zu müssen und ich hätte sofort anfangen können hemmungslos zu heulen solche Panik hatte ich.
Gut jetzt musste ich mal scharf nachdenken. Ich konnte keine der Autotüren inklusive Kofferraum von innen öffnen.
Der Zug stand mittlerweile schon abfahrbereit am Bahnsteig und ich saß in meinem Auto fest und kam nicht raus.
Die einzige Lösung war jetzt wohl jemanden zu finden, der mir einzige Türe von außen öffnen konnte.
Also hämmerte ich wie wild von innen gegen meine Autotüre. Außer verdutzen Gesichtern keine Reaktion und schon gar keine Hilfe!!! Da viel mein Blick auf die andere Seite des Parkplatzes. Dort stehen immer 4-5 Taxis bereit.
Mit der Macht der Verzweiflung startete ich einen letzten Versuch mich aus dieser misslichen Lage zu befreien und vor allem
noch meinen Zug zu erwischen. Ich kletterte wieder auf den Fahrersitz , gab Vollgas und steuerte mein Auto vor ein dort wartendes Taxi und hupte so lange bis der Taxifahrer schon völlig entnervt ausstieg und zu meinem Auto herüberkam.
Dort konnte ich ihm dann klarmachen, dass er meine Kofferraumtüre von außen öffnen sollte, was er auch netterweise für mich tat.

Mit offener Kofferraumtüre fuhr ich schnell in einen neuen Parkplatz und kletterte ein letztes Mal quer durchs Auto hinaus in die Freiheit. In beinahe letzter Sekunde schaffte ich dann sogar noch meinen Zug zur Arbeit.


Eingetragen am: 12.10.2008 von Inga
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19180

11 Jahre ist es jetzt her, dass wir hier eingezogen sind. Wir hatten als erstes Paar in unserem Freundeskreis eine eigene Wohnung - eine Haushälfte. Manche haben uns sogar darum beneidet. 7-8 Jahre später musste schon manches renoviert werden, oft fehlte das nötige Kleingeld.
Unsere Freunde hatten längst ihre eigenen 4 Wände. Fast alle hatten ein eigenes Einfamilienhaus gebaut.
Und niemand beneidete uns mehr um unsere Wohnung, -als Anbau an das Haus meiner Schwiegereltern.

Mit einem kleinen Kind unbeschwert auf dem Rasen spielen? Es wird beobachtet. Einkaufen gehen - und wann wieder zurückkommen? Es wird wahrgenommen. Einfach an einem Vormittag mit einer Nachbarin einen Capuccino trinken?
ALles wird registriert. Nicht böswillig. Nein! Aber mit den Augen einer anderen Generation.
Es werden Ratschläge gegeben, man solle doch bitte Hilfe annehmen und mal auf eine erfahrene Person hören, die es gut meint.
Aber wir möchten einfach unsere eigenen Erfahrungen machen und aus unserern eigenen Fehlern lernen. Ohne dafür vorher schon kritisiert zu werden.

Es war abzusehen: Irgendwann ging es nicht mehr.
Es gab kein normales Gespräch mehr und unser einzigster Ausweg schien auszuziehen.
Aber wohin? Und wie sollten wir das bezahlen?
Unser Gedanke war, in eine Mietwohnung zu ziehen und unsere Wohung für etwa den gleichen Preis zu vermieten.
Ein Verkauf unserer Wohnung wäre nicht in Frage gekommen, denn wir wollten uns den Weg zurück offen halten.
Mein Mann und die Kinder liebten den Hof mit der großen Wiese, den Bäumen und dem Wald dahinter.

Dann machten wir uns auf die Suche. Oberstes Gebot war: Im Einzugsbereich von Grundschule und Kindergarten zu bleiben.
Die Kinder durften neben dem Hof und den Großeltern nicht auch noch ihre Freunde verlieren.
Im festen Glauben an: "Jetzt ändert sich etwas!" freute ich mich auf die erste Wohnungsbesichtigung.
Aber schon bald wurde ich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Die eine Wohnung war zu teuer, die nächste zu klein, eine andere heruntergekommen und alt. Erst ein netter Vermieter, (selbst ein Besitzter einer "kleinen Villa") musste uns sagen, als er uns eine viel zu kleine, beengte Wohnung mit ca. 8 qm Rasen als Schritt in eine neue Zukunft anpries: "Fangt ein neues Leben an! - Hier!"
Wir sahen uns an, bedankten uns und haben nie wieder eine Wohnung angesehen.
Wir fingen ein neues Leben an!
Zuerst fällten wir ein paar Bäume, pflasterten eine neue Auffahrt zu unserem Eingangsbereich und dann pflanzten wir eine Hecke.
2 Meter hoch, zwischen dem Küchenfenster der Großeltern und unsererm Eingang.
Was wir taten wurde "geduldet". Aber es was nur gemeint.
Wir begannen unser neues Leben zu genießen.
Die Kinder waren glücklich. Wir lernen "Ja" zu sagen, wenn wir ja sagen wollten, und "Nein!" , wenn wir für uns sein wollten.
Die Grenzen, die wir klar gesetzt hatten, machten uns frei.
Heute wissen wir zu schätzen, dass es ein Glück ist auf einer Hofläche von ca. 2000 qm mit mittlerweile 3 Kindern leben zu können.Wenn sie Hilfe brauchen, sind wir für die Großeltern da. Ansonstern haben wir unseren eigenen Bereich, in den wir uns zurückziehen.
Wir haben gekämpft für etwas neues, und nie hätte ich gedacht, dass es so ausgeht. Beinahe hätte wir einen großen Fehler gemacht.


Eingetragen am: 08.10.2008 von luana
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19008

Ich stehe in der Pause mit all meine Schulfreundinnen und höre ihren Gesprächen zu.Ich nehme nicht teil daran, habe nichts dazu zu sagen, höre zu und tue so als wäre ich mit allem vertraut was sie erzählen.Es sind die ersten Versuchen junger Mädchen die langsam Erwachsen werden, ihre Treffs mit den Jungs die kleinen Verliebtheiten austauschen.Nebenbei eine Einladung an mich doch mitzukommen, wenigstens einmal und meinen mit einem absolut triffigem Grund,nein zu sagen. Wenn sie nur wüßten.Wenn ich eine von ihnen wäre, wäre wohl alles anders, aber so...sie konnten die Warheit nicht wissen und ich schämte mich zutiefst es ihnen zu sagen. Denn wie sollte ich ihnen klarmachen dass mein Wunsch mich mit ihnen zu treffen überdimensional war.
Wie sollten ich ihnen sagen das auch ich ein junges Mädchen, gerne lachend einige Jungs verspotten würde und dann doch zu merken,da da ist ein Junge ist der sich für eine interessiert.Lachend am nächsten morgen in der Schule davon erzählen. Oder sich gemeinsam schminken, Haare machen,spielen eben alles was junge Madchen halt gerne machen.Aber ich tue so als wäre mein anderssein eben auch mit ein Grund mich nicht wirklich zu hinterfragen. Und so verabschiede ich mich nach der Schule,äußerlich heiter, während sich vor mir sich wieder und wieder ein Tag in mein Zimmer aufmacht,ein Raum für meine Träume und mit meinen Büchern, meine geliebten Geschichten mit den ich weit weit weg fliegen kann, weg von meinem Leben in Gefangenschaft, in diesem Kokon aus Liebe und Schutz den man um mich herum aufgebaut hat , damit mir die Böse, Böse Welt nichts anhaben kann.


Eingetragen am: 05.10.2008 von Pel
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18925

Streichhölzer

Ich weiß nicht mehr, warum ich noch mit ihr spielte, obwohl sie mir regelmäßig die Besten meiner Pferdepostkarten klaute (sie versprach jedes Mal, mir Neue mitzubringen) und warum ich sie zu überhaupt Hause besuchte, obwohl ich ihr kleinen dicklidrigen Schlitzaugen in ihrem sommersprossigen Frettchengesicht nicht mochte. Ihre Mutter lächelte, wenn ich vorbei kam und stellte uns Kakao und Plätzchen hin, manchmal auch Stachelbeeren und Erdbeeren aus dem kleinen Stück Garten, der hinter den Garagen lag. Meist pflückten wir uns das Obst selbst, kauten versandete Erdbeeren, während wir uns in der Zentrale trafen, der größten Garage, in der Lisas Eltern ausrangierte Werbetafeln lagerten und die trotzdem noch stark nach Benzin roch. Auf Eimern und klapprigen Stühlen versammelten wir uns und Lisa entschied, was wir machten. Viele ihrer Vorschläge gefielen mir nicht. Andererseits war es nie langweilig und Langeweile war für mich damals das Schlimmste. Es war an einem Freitag Nachmittag und Lisa und ich gingen allein in die Garage. Für Momente wunderte ich mich, wo die anderen Kinder waren. Normalerweise waren wir zu sechst oder acht. Die Zwillinge, die mit Lisa im gleichen Haus wohnten und ein paar Nachbarjungen.
Obwohl wir vorher noch viele Erdbeeren genascht hatten, war ich sehr durstig. Lisa schien zu ahnen, wie groß mein Durst war und nahm eine Flasche aus dem Regal, ich freute mich über ihre unerwartete Einfühlsamkeit und wollte schon den ersten Schluck nehmen, als mir ein stechender Geruch in die Nase kam. „Los, trink schon“, herrschte Lisa mich an. Das konnte sie nicht von mir verlangen! Obwohl ich mich vor ihrem Blick fürchtete, ließ ich die Flasche fallen. Was hatte sie mir angeboten? Benzin? Nitroverdünnung oder sonst ein Lösungsmittel? Mit acht roch für mich alles gleich. Alles gleich gefährlich. Die Flasche war gar nicht zerbrochen, wie ich zunächst gedacht hatte, aber eine große Pfütze bildete sich um mich herum. Lisa grinste mich an, als hätte ich mir vor Angst in die Hose gemacht.
Plötzlich flammte ein Feuerzeug vor meiner Nase auf. Lisa musste es schon vorher in ihrer pummeligen kleinen Hand gehalten haben, denn ihr Sommerkleid war taschenlos. Ihr Grinsen vertiefte sich. „Zieh dich aus“, sagte sie, „und wenn du es nicht machst, zünde ich die Garage an“. Vor Feuer hatte ich noch mehr Angst. Als ganz kleines Mädchen hatte ich Streichholzanzünden über der Badewanne geübt. Und als ich Lisas Gesicht im orangefarbenen Licht sah, öffnete ich schnell meinen Rock und ließ ihn runterfallen, in die gefährliche Pfütze. Noch nie hatte ich mich so schnell ausgezogen. Lisa betrachtete mich ungerührt und es ärgerte mich, dass sie das Feuerzeug immer wieder für Momente anknipste, das war gegen die Abmachung. Wenn sie so weitermachte, würde die Garage bestimmt bald explodieren. Das machte mir mehr Angst, als plötzlich vor ihr nackt dazustehen. Ich hatte mich noch nie vor jemand ausgezogen, wenn ich von meiner Familie absah. Lisa stierte mich weiterhin an, ohne etwas zu sagen. Bildete ich es mir ein oder wurden ihre Augen noch schlitziger? Ich fragte mich, warum Lisa das machte, da nahm sie mein T- Shirt und die anderen Kleider und sagte: „Ich hole jetzt die anderen Kinder!“ Das war noch schlimmer als Feuer und explodierende Garagen. Ich wollte nicht, dass die Jungen mich so sahen. Wie ich zitternd in der Pfütze stand. Hatte Lisa die ganze Sache geplant und die anderen sich nur versteckt? Hatten sie mich womöglich schon die ganze Zeit beobachtet? Ich schaute zu den Garagenfenstern, aber da war niemand, kein neugierig-johlendes Gesicht. Und auch auf dem Hof war niemand. Als Lisa abhaute, zog ich mir den schwer gewordenen, klebrigen Rock an, eigentlich zog ich ihn gar nicht richtig an, sondern stieg nur hinein und zog ihn hoch, damit er meine Brust bedeckte. Warum war mir nicht klar, wo ich doch sonst beim Fußball- oder Federballspielen auch oft oben ohne war und mit meinen kurzen Haaren sah ich sowieso wie ein Junge aus.
Zuhause erzählte ich niemandem von der Sache. Mein Vater war mit dem Aufbau des Planschbeckens beschäftigt, meine Geschwister tobten mit dem Gartenschlauch. Niemand wunderte sich, warum ich ohne T-Shirt herumlief. Aus der Küche hörte ich meine Mutter gedankenverloren „Hallo“ rufen und das Geklapper von Geschirr. Ich zerrte ein Kleid aus meinem Schrank und lief ins Bad, stopfte den Rock zuunterst in den Plastikwäschekorb und saß minutenlang reglos auf dem Klodeckel, bevor ich duschte, das dünne Kleid anzog, und dann lief ich in den Garten, in die warme Sommerluft, hörte Lachen, sah das Planschbecken sich tapsig aufrichten und huschte unter den wild um sich zielenden Gartenschlauch, den mein kleinster Bruder zu bändigen versuchte.
Meine Mutter fragte niemals nach dem Rock unten im Wäschekorb, auch Lisa wurde komischerweise nie mehr erwähnt, dabei gingen wir nach wie vor in die gleiche Grundschule, nur als sie mit 14 plötzlich schwanger war, hörte ich wieder etwas von ihr und ich wusste nicht, ob sie mir leid tun sollte oder ob ich in das schadenfrohe Gelächter der anderen mit einstimmen sollte.


Eingetragen am: 24.09.2008 von Annette
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18239

Ich war noch klein, vielleicht 10 Jahre alt, als ich im Aufzug im Kaufhaus steckengeblieben bin, nicht zwischen den Stockwerken, nein, eigentlich ist der Aufzug gar nicht erst losgefahren. Ganz alleine wollte ich vom EG in den 3. Stock fahren, in die Kinderabteilung, dummerweise bin ich ganz alleine gewesen, als ich die "3" gedrückt habe. Die Tür ging zu wie immer, ich weiss es noch genau, es waren zwei Türen, die aufeinander zufuhren und sich in der Mitte zu Schliessen trafen. Beide Türen hatten längs ein kleines Sichtfenster zum Rauswinken.
Die Tür war also zu, doch der Aufzug fuhr nicht los. Was für sich genommen nicht so schlimm war, aber leider gingen auch die Türen nicht mehr auf. Ich habe auf "EG" gedrückt, auf das "Tür-auf"-Symbol, schliesslich dann auch nacheinander auf alle anderen Stockwerke, nichts tat sich, der Aufzug bewegte sich nicht, die Tür ging nicht auf. Mir wurde plötzlich ganz heiss und ich habe Angst bekommen. Mein Herz spürte ich im Hals schlagen, der wurde im gleichen Moment auch ganz trocken. Ich weiss noch, meine Beine fühlten sich wie Pudding an. Ich musste als Kind meinen ganzen Mut zusammen nehmen, um den Notruf-Knopf zu drücken. Natürlich hatte meine Mutter mir immer wieder eingeschärft, dass solche Knöpfe einfach niemals gedrückt werden dürfen. Ich dachte, wenn ich hier nicht rauskomme, ist das wohl ein Notfall, und ich darf den Knopf ohne Strafe drücken, aber sicher war ich mir nicht. Ich merkte schnell, dass meine Angst hinsichtlicher der Notruf-Drückerei unberechtigt war, denn, man glaubt es kaum, es kam keine Reaktion. Und wenn der Knopf schon einmal gedrückt war, war die Hemmschwelle für weitere 10 Versuche auch niedrig. Aber auch das Dauerklingeln des Notrufs brachte keine Änderung.
Und nun kommt das Allerbeste: Das Kaufhaus war natürlich voll von Leuten, die ihrerseits auch Aufzug fahren wollten, und so ca. alle 2 Minuten kam eine Frau vorbei (irgendwie erinnere ich mich nur an Frauen....), die auf den Lift-Knopf von aussen gedrückt haben, etwas verdutzt in die Kabine zu mir reingeschaut haben, und dann.... nachdem der Aufzug nicht aufging, EINFACH WEITERGEGANGEN SIND! Ich habe rausgewunken, habe mit meinem kleinen Regenschirm, den ich dabei hatte, an die Tür geklopft, was zur Folge hatte, dass zwei ältere Damen reingeschaut, den Kopf geschüttelt und weitergegangen sind.
In diesem Moment habe ich angefangen zu weinen, das weiss ich noch. Ich hatte Angst, hier nicht mehr rauszukommen, wo mich doch jeder sieht und keiner was macht. Nach unendlich langen 20 Minuten hat dann doch noch jemand richtig reagiert und einen Techniker geholt, der mich dann weitere 10 Minuten später befreit hat. Hier endet meine Erinnerung, ich habe kein Gefühl der Erleichterung, was noch in mir präsent ist. Aber dieses beklemmende Gefühl die kalte Hand um mein Herz, die Hitze und der trockene Hals, das Herzpochen, das kann ich jederzeit abrufen, ich erinnere mich hier sehr genau.


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