Schreiben Sie mit!
Mustertext von Kapitel 1 mit Übungsaufgabe
1. Woche
Vor einigen Jahren saß ich mit einem befreundeten Autor in einem Café. Er schrieb Sketche und arbeitete gerade an seiner ersten abendfüllenden Produktion fürs Fernsehen. Ich war Teilzeitsekretärin, die bisher einige Buchkritiken veröffentlicht, ein Hörspiel an BBC Radio verkauft hatte und gerade am ersten Roman arbeitete. Wir beide lebten in billigen Mietwohnungen, verdienten unser Geld hier und da und waren voll Hoffnung und Ehrgeiz, was unsere berufliche Zukunft betraf.
Mein Freund kam von einem Vortrag für Studienanwärter, und jemand hatte ihn gefragt, warum er Schriftsteller geworden war. »Weißt du was?«, sagte er, während er in seinem Cappuccino rührte. »Ich habe ihnen zwar irgendwas von der Freude an Sprache und dem kreativen Prozess erzählt, aber eigentlich bin ich Schriftsteller geworden, damit ich nach London ziehen, in Cafés sitzen und mich mit anderen Schriftstellern über das Schreiben unterhalten kann.«
Ich wusste genau, was er meinte. Für Menschen, die, wie wir beide, aus völlig nicht-literarischen Familien stammten, ist das Schriftstellerleben etwas Wundervolles, und zwar mit all den oberflächlichen Dingen, die wir eigentlich verachten sollten: das Cafégeplauder, die Neuerscheinungen, das Durchblättern der Literaturseiten inklusive der leicht schuldbewussten Befriedigung, wenn ein befreundeter Autor eine schlechte Kritik erhält. Vergessen Sie einen Moment lang die Einsamkeit und die Angst, die Paranoia und die finanzielle Unsicherheit, denn das Leben eines Schriftstellers macht Riesenspaß.
Die Sache hat bloß einen Haken. Man muss schreiben. Das ist etwas, was Anfänger manchmal nicht zu begreifen scheinen. Wie viele andere Romanautoren halte auch ich oft Reden auf Festivals oder gebe Schreibkurse, und die Standardfrage gleich am Anfang lautet immer: »Wie haben Sie es geschafft, einen Roman zu veröffentlichen?« Die Frage ist natürlich gut und berechtigt, aber manchmal habe ich das dumpfe Gefühl, dass die Motivation dahinter ein wenig suspekt ist. Was war der Trick?, heißt die eigentliche Frage. Verrat ihn mir, denn dann wird mein Buch auch veröffentlicht. Natürlich klingt es ziemlich arrogant, wenn ich sagen würde, mein Buch wurde veröffentlicht, weil es gut war, aber es wäre ehrlich und könnte angehende Autoren vielleicht von dem Irrtum befreien, die Veröffentlichung sei ein Mysterium oder man brauche entsprechende Beziehungen. Davon hatte ich nämlich keine einzige, nicht einmal, nachdem ich meinen Abschluss auf der University of East Anglia gemacht hatte, deren Schreiblehrgang allgemein (und irrtümlich) als Eintrittskarte in den Club der veröffentlichten Dichter gilt. Ich fand einen Agenten, weil ich bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb den zweiten Platz belegt hatte. Ich habe einen Verlag gefunden, weil ich irgendwann ein Buch geschrieben habe, das gut genug war, um von meinem Agenten verkauft zu werden.
Wenn Sie ein angehender Romanautor sind, finden Sie es vielleicht verblüffend, dass so viele schlechte Bücher veröffentlicht werden, aber das ändert absolut nichts daran, dass Sie erst ein gutes Buch schreiben müssen, wenn Sie es in den Buchhandlungen sehen wollen.
Nur wenige Menschen schaffen es gleich beim ersten Versuch, einen guten Roman zu schreiben. Ich auch nicht. Mein erster veröffentlichter Roman war der dritte, den ich geschrieben hatte, von den zahllosen Fehlstarts, die oftmals Tausende von Wörtern lang waren und an denen ich monatelang gearbeitet hatte, ganz zu schweigen. Wenn auch Sie schon viel angefangen und nicht beendet haben, dann lassen Sie sich davon nicht entmutigen; sehen Sie es als notwendigen Bestandteil des Lernprozesses an. Ich muss immer lachen, wenn ich in einer Biografie über Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit lese, »Hätte er/sie doch nur diese ersten Manuskripte nicht weggeworfen – was für Schätze mögen darin verborgen gewesen sein!«. Unsinn. Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit hat das frühe Zeug in den Müll gesteckt, weil es Müll war!
Das, was dabei herauskommt, wenn Sie sich mit den Kapiteln dieses Buchs beschäftigen, könnte durchaus ein Fehlstart werden – nämlich dann, wenn Sie keine gute Idee für ein Buch haben. Denn die kann weder ich noch sonst irgendjemand Ihnen in den Kopf pflanzen. Wenn Sie diese Übungen machen, werden Sie am Ende keinen fertigen Roman und wahrscheinlich noch nicht einmal einen Erstentwurf haben. Aber sicher werden Sie Rohmaterial haben, aus dem eines Tages vielleicht ein Buch wird, wenn Sie es formen und bearbeiten.
Wie lange braucht man, um einen Roman zu schreiben? Das kommt darauf an. Mein erster Roman, Crazy Paving, entstand in achtzehn Monaten, während ich nebenbei als Sekretärin arbeitete. Eigentlich ist das ziemlich schnell, aber ich war damals jung, ohne Bindung und hatte keine häuslichen Verpflichtungen. Als ich meinen zweiten Roman begann, war ich Theaterkritikerin für eine Sonntagszeitung, was bedeutete, dass ich den ganzen Tag schreiben konnte, bis ich – wie eine Eule – abends das Haus verließ, um ins Theater zu gehen. Das war großartig. Dance with me war in sieben Monaten fertig. Mein drittes Buch wurde anhand eines einseitigen Exposés verkauft, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Ich versprach meinem Verleger, das Buch würde vor dem Kind erscheinen, aber das war eine glatte Lüge. Das Baby kam, als ich beim ersten Kapitel war. Mein Partner arbeitete Vollzeit, und wir hatten keine Betreuung für das Kind. Trotzdem musste ich das Buch fertigstellen, zumal wir uns mit dem Vorschuss eine Wohnung gekauft hatten. Honey-Dew entstand in acht Monaten, der Preis war die totale Erschöpfung. Das ist übrigens der Grund, warum dieses Buch mein kürzestes ist.
Und dann das vierte, Fires in the Dark, das für mich einen echten Richtungswechsel bedeutete. Meine ersten drei Bücher spielten in der heutigen Zeit und waren bevölkert mit weiblichen Charakteren, die ungefähr in meinem Alter waren. Was darin geschah, war nicht einmal entfernt autobiografisch – Honey-Dew handelt von einem Mädchen, das seine Eltern umbringt -, aber ich muss zugeben, dass in Bezug auf Umfeld und Sprache vieles auf meiner eigenen Erfahrung beruhte. Fires in the Dark dagegen spielt in Mitteleuropa über einen Zeitraum von dreißig Jahren im zwanzigsten Jahrhundert. Hauptfigur ist ein Junge vom Stamm der Kalderasch-Roma. In Böhmen geboren, wächst er während der Großen Depression und dem Aufstieg der Nazis auf, kommt in ein Lager und flieht, um am Prager Aufstand im Mai 1945 teilzunehmen. Der Roman war dreimal so lang wie Honey-Dew und entstand in viereinhalb Jahren. Das nächste Buch, Die Wiege aus Stein, war ebenfalls ein langer, historischer Roman, kostete mich jedoch nur ein Viertel der Zeit, weil ich inzwischen wusste, dass man nicht alles über eine bestimmte Zeit wissen muss, wenn man einen historischen Roman verfassen will.
Mit anderen Worten: Ihr Buch wird so lange dauern, wie Sie brauchen. Aber ich werde mich etwas weiter aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass Sie, wenn Sie noch nie ein Buch geschrieben haben, es aber ernst meinen und mit den üblichen Belastungen wie Arbeit oder Familie oder – Gott bewahre – beidem gesegnet sind, von Anfang bis Ende gute drei Jahre brauchen werden. Dieses Buch kann Sie durch das erste Jahr bringen, in dem Sie Material sammeln, sich Notizen machen, erste Pläne entwerfen und erste Szenen schreiben. Im zweiten Jahr werden Sie verzweifeln, das Ding weglegen, es wieder hervorholen, sicher sein, dass Sie Ihre Zeit damit vergeuden und feststellen, dass Sie trotzdem weitermachen möchten. Im dritten Jahr dann wird die eigentliche Schreibarbeit beginnen.
Sie wollen immer noch? Gut. Wir fangen gleich an.
Aber vorher möchte ich Ihnen noch sagen, was dieses Buch nicht kann. Es kann Ihnen – abgesehen von wenigen generellen Hinweisen am Ende - keinen Tipp geben, wie man es schafft, einen Verlag zu finden, der Ihren Roman herausbringt. Als ich meine Zeitungskolumne »Ein Roman in einem Jahr« schrieb, sagte ich mir, dass jeder Brief, der mich nach Agenten oder Verlagen fragen würde, in einer feierlichen Zeremonie in meinem Garten verbrannt werden würde. Das mag etwas grausam klingen, aber ich stehe dazu. Jeder angehende Autor darf sich höchstens ein Prozent seiner Zeit mit der Frage beschäftigen, wie er an eine Agentur oder Verlag kommt; die restlichen neunundneunzig Prozent sollte man nutzen, um sich darauf zu konzentrieren, einen spannenden Plot zu entwickeln, überzeugende Charaktere zu erschaffen und klare, schöne Prosa zu schreiben. Zu viele Anfängerautoren machen das mit dem einen und den neunundneunzig anderen Prozent genau umgekehrt. Das Buch zu veröffentlichen, mag unmöglich erscheinen und ist es manchmal auch, aber wenn Sie noch kein gutes Buch geschrieben haben, dann sollte dies, ehrlich gesagt, Ihr allerletztes Problem sein. Das Einzige, was Sie im Augenblick im Kopf haben sollten, ist das Schreiben selbst. Schreiben Sie Ihr Buch, schreiben Sie es gut und schreiben Sie es noch einmal um, damit es noch besser wird.
Ich vermute, dass an dieser Stelle ein oder zwei von Ihnen verächtlich schnauben werden, vor allem dann, wenn Sie bereits ein noch unveröffentlichtes Buch geschrieben haben oder Stammgast in Schreibseminaren sind. Spannender Plot? Überzeugende Charaktere? Klare Prosa? Pah. Das ist doch was für Anfänger.
Ich habe früher öfter solche Abendschreibkurse geleitet. Meine am wenigsten talentiertesten Schüler waren stets die, die schon herablassend grinsend ankamen und davon überzeugt waren, dass es nur einer großangelegten Verschwörung, zu der natürlich auch ich gehörte, zuzuschreiben war, dass sie noch nichts veröffentlicht hatten. Einerseits wollten sie den Saum meines Umhangs berühren, als sei die Veröffentlichung ein übertragbares Virus, das überspringen würde, wenn man sich nur hartnäckig und lang genug an mich klammerte. Andererseits waren sie sich sicher, dass sie nichts mehr zu lernen hatten und verachteten sich selbst und die anderen Teilnehmer, weil sie hier saßen. Und hier kommt die Erkenntnis dieser Woche: Wir alle haben etwas zu lernen. Sogar Ian McEwan oder Margaret Atwood oder Toni Morrison haben noch etwas zu lernen, und sie sind deshalb so wunderbare Schriftsteller, weil sie das genau wissen – und an jedem Buch verdammt hart arbeiten.
Talent kann man nicht lernen, und wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie nicht mehr oder weniger talentiert sein als zuvor. Aber man kann sich das Handwerk aneignen, und beim Schreiben von Romanen gibt es mehr Techniken und Methoden zu erlernen, als die meisten Romanautoren zugeben würden. Nehmen wir zum Beispiel Plot und Struktur, eines meiner Lieblingsthemen: »Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende«, sagt Jean-Luc Godard, »nur nicht zwingend in dieser Reihenfolge.« Das ist hübsch, aber nicht wahr. Selbst Bücher, die scheinbar vollkommen kunstlos und handlungsfrei sind, haben eine gewisse Struktur, und sei es dadurch, dass es sich um Romane handelt, denn hätten sie keine Struktur, wären es nur aufgezeichnete Gedanken. »Jedes Mal, wenn ich einen Roman anfange«, sagte die überaus versierte Susan Hill, »erhebt er sich vor mir wie ein Berg, und ich sage mir, >Oh, nein, diesmal bist du zu weit gegangen.<« Wenn man sich einmal in Ruhe überlegt, an welche Größenordnung man sich heranwagt, wenn man ein Buch von, sagen wir, achtzigtausend Wörtern schreibt, dann erscheint und dies als einschüchternde und nicht zu bewältigende Aufgabe. Um sie weniger abschreckend zu machen, muss man sie in ihre Bestandteile zerlegen und diese nacheinander angehen. In den folgenden Kapiteln biete ich Ihnen verschiedene Aspekte der Techniken in nicht zu großen Portionen an. Natürlich überschneiden sich viele Themen, eine Dialogübung kann Sie durchaus direkt zu einem beschreibenden Abschnitt führen, aber daran ist nichts verkehrt. In dieser Phase muss Ihre Arbeit nicht perfekt geordnet sein, es wäre sogar reichlich merkwürdig, wenn es so wäre. Die Hauptsache ist, dass Sie so viel schreiben wie möglich. Das Chaos lässt sich später immer noch bereinigen.
»Die Kunst des Schreibens«, meint Kingsley Amis, »ist die Kunst, den eigenen Hosenboden auf den eigenen Stuhl zu setzen.« Also fangen Sie an. Nehmen Sie sich Stift und Papier ...
Übung 1
... und schreiben Sie einen Satz, der mit folgenden Worten beginnt:
»Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...«
Sie können natürlich auch mehr schreiben, aber wenn Ihnen nur ein Satz dazu einfällt, dann ist das auch in Ordnung.
Wenn Sie darüber nachdenken, wie Sie diesen Einstiegssatz beenden, kann es sein, dass Ihnen einer, dann ein anderer und dann noch weitere in den Sinn kommen. Wenn nicht, ist das nicht weiter schlimm. Natürlich kann es auch sein, dass Ihnen plötzlich ein ganz eigener Anfangssatz einfällt, oder nicht, was auch vollkommen in Ordnung ist. Vervollständigen Sie einfach nur den, den ich begonnen habe, wenn Sie zu mehr im Augenblick keine Lust oder Muße haben.
Möglich, dass Sie schon während dieser Übung die kleine spöttische Stimme im Kopf hören, die Ihnen sagt, dass Sie niemals einen Roman schreiben werden. Oder eine, die behauptet, dies hier sei blöd, weil zu einfach. Beide Sätze sind gleichermaßen destruktiv und Sie sollten sie ignorieren. Jeder muss irgendwo anfangen. Laurence Sterne, Emily Brontë und Nadine Gordimer haben auch einmal irgendwo angefangen. Jeder Roman in der Geschichte der Literatur beginnt mit einem Satz, also beginnen Sie jetzt.
Leserbeiträge
« zurück 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · 16 · 17 · 18 · 19 · 20 · weiter »[ Lesezeichen ]
15901
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir das, was mein Leben für immer verändern würde. "Wir müssen leider mit Bobby zum Tierarzt fahren". Bobby war mein Dalmatiner. Ich hing sehr an ihm, aber er war sehr krank und das wusste ich auch. Mein Vater hob ihn mit meinem älteren Bruder zusammen ins Auto. Sie hatten ihn zugedeckt, weil er in letzter Zeit immer sehr viel gefroren hat. "Nun ist es Zeit ihm lebewohl zu sagen", sagte mein Vater. Mir standen die Tränen in den Augen. Ich wollte Bobby nicht gehen lassen, aber ich wusste, dass es das Beste für ihn war. Mit feuchten Augen ging ich zum Auto und streichelte noch einmal über sein weiches Fell. "Machs gut Bobby" waren die letzten Worte die zu ihm sage.
[ Lesezeichen ]
15893
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass es jetzt an der Zeit für mich wäre, erwachsen zu werden. Er nahm mich mit in den Garten. Mitten auf dem Rasen stand eine große Pappschachtel und oben drauf meine liebste Lieblingspuppe. Ihr Arm ragte heraus, ihre Hand schien zu winken. Ich ging auf sie zu. Mit einem energischen Griff hielt mein Vater mich an der Schulter zurück.
Unter dem Karton waren Papier und kleine Holzstücke zu sehen.
Das Herz zitterte in meinem Hals und mein Magen war ein klumpiges Etwas.
Mein Vater ging auf den Karton zu. Zog eine Schachtel Zündhölzer aus der Hosentasche. Strich ein Hölzchen über die Reibefläche. Hielt es an das Papier.
"Nein! Nein!"
Wieder hielt mich mein Vater zurück, als ich zu dem brennenden Haufen rannte.
"Buben spielen nicht mit Puppen und Puppenwagen. Das ist Mädchenkram und ab heute ist Schluss damit für dich."
Hallo Monika, Du zeichnest ein einschneidendes, brutales Kindheitserlebnis eindrucksvoll mit wenigen Sätzen. Man muss mit dem Buben mitzittern! Einzig die "liebste Lieblingspuppe" würde ich ändern, ist so etwas wie ein "weißer Schimmel". Ansonsten prima!
[ Lesezeichen ]
15877
: "Ja, Du hast also Geburtstag ?!
Das wird ja etwas, bei diesem Wetter. Komm, geh und bleib nicht bis es Nacht ist."
Welch ein herrliches Wetter, keine Wolke zeigt sich heute in der Erinnerung. Ganz nahe gab es einen Bach, um die Biegung sogar eine Hütte. Und weiter aufwärts die Gleise der Eisenbahn, der Bach durch eine Röhre darunter.
Kleine Staudämme, in der Erinnerung bis zum oberen Rand der Röhre das Wasser gestaut, ersetzten so manches Hochwasser.
Doch dies ist alles lange her. Heute glaube ich das mein Paps mir vorausgegangen ist, schon bald danach, der Bach war gefroren, beim Betreten hielt das Eis aber nicht, ist er gestorben. Doch seitdem ist viel Wasser durch die Röhre geflossen, bin ich selber ein Vater mit achtjährigen Töchtern gewesen.
Nun schnell wieder in die Tiefe der Fluten, die täglich es gibt.
Bricht manchmal ein Damm, so ist es gut die Ufer der Gelassenheit, des Mutes und der Weisheit zu erreichen, darum bittend.
[ Lesezeichen ]
15864
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, ich sollte tapfer sein und mich um Mutter und meine zwei jüngeren Brüder kümmern. Ich sah ihn mit großen Augen an und verstand nicht, was er damit meinte. Gestern war ich acht Jahre alt geworden, und es war der schönste Tag in meinem Leben, denn ich hatte endlich das Gewehr bekommen, das ich mir schon so lange wünsche. Nun würde ich nicht mehr mit Steinen, Holzpuppen, oder Stoffresten spielen, sondern wie ein richtiger Mann, für den ich mir vorkam, mit einem richtigen Gewehr - freilich aus Holz. Mein Vater sah mich an und sagte nur: "Es ist Krieg, mein Junge, und morgen werde ich eingezogen. Ihr werdet auf den Hof deiner Tante gehen. Wenn ich nicht zurückkomme ..." Er sprach nicht weiter und fuhr sich mit der Hand über Stirn und Haare. Ich stand da und blickte auf mein Holzgewehr.
[ Lesezeichen ]
15850
Am Tag nach meinem achten Geburtstagsagte mein Vater mir, dass Mutter Krebs habe. Mami hat also ein neus Haustier gekauft. "Bekommen wir jetzt ein Aquarium?", fragte ich, in der Hoffnung endlich meine lang ersehnte Schildkröte zubekommen. Ein Lächeln huschte über das Gesicht meines Vaters, dann wurden seine Augen traurig.
[ Lesezeichen ]
15848
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater, er würde mir nun die Augen verbinden,dann in den Keller gehen um mein Geschenk zu holen - er sei gleich zurück - und als ich ihn, Jahre später, in der Leichenhalle von St. Luis identifizierte, dachte ich die ganz Zeit über nur: Was wolltest du mir schenken?
[ Lesezeichen ]
15841
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater einmal mehr in seiner Muttersprache zu mir: "Maza - mein Kätzchen - lerne Sebokroatisch, damit Dich die ganze Welt versteht". Ich sah ihn an. Wir lebten in Klagenfurt, in Kärnten, dem südlichsten und für mich schönsten Bundesland Österreichs. Warum sollte mich die Welt verstehen wollen? Ich fühlte mich überfordert. Als einzige Tochter eines hitzigen Südländers und einer einfühlsamen österreichischen Mutter war ich ausreichend damit beschäftigt, in meinem unmittelbaren Universum zwischen Temperament und Besonnenheit Balance zu finden. Viel wichtiger als das globale Sprachverständnis schien mir lokales Durchsetzungsvermögen bei meinen acht Cousins mütterlicherseits. Mädchen waren für sie fade Jungs. Mädchen mit langen blonden Haaren immerhin die interessanteren der "faden Jungs". Mit meinen halblangen braunen Haaren befand ich mich an der Schwelle.
[ Lesezeichen ]
15830
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er schwer krank sei. Ich erinnere mich noch ganz genau. Wir saßen am Küchentisch und ich wollte mir gerade ein Sandwich machen. Mitten in der Bewegung hielt ich inne und schaute ihn aus großen fragenden Augen an.
"Du erinnerst Dich doch, dass ich vor ein paar Tagen beim Arzt war?" Ich nickte und brachte keinen Ton heraus. "Der Arzt hat einen Tumor bei mir entdeckt. Einen Tumor im Kopf. Man kann ihn nicht operieren."
Ich verstand immer noch nicht. Doch ich spürte, dass es etwas schreckliches sein musste.
[ Lesezeichen ]
15781
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er mich sehr liebe. Ich war acht, dachte, dass es ja wohl das Natürlichste von der Welt sei, aber er war mal wieder ziemlich betrunken und in diesem Zustand leider auch reichlich sentimental.
Am nächsten Tag verliess er uns.
[ Lesezeichen ]
15766
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, wir müssten in eine neue Stadt ziehen. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich dachte an meine beste Freundin, an den netten Jungen aus meiner Klasse, an meinen vertrauten Schulweg, an Oma und und und...
[ Lesezeichen ]
15732
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er mir nun ein wichtiges Geheimnis verraten würde. Er nahm mich bei der Hand und führte mich zu den wunderschönen Wald hinter unserem Haus, den ich schon immer geliebt hatte und in dem ich alles vergessen konnte. Wir liefen vorbei an den hohen Bäumen, die ihre grünen Äste gen Himmel streckten und vorbei an Lichtungen, die in ein weiches Licht getaucht waren und ihren ganz eigenen Zauber ausstrahlten. Nach einer Weile hielt mein Vater an. "Setz dich, meine Kleine", sagte er und deutete auf einen Baumstamm, der am Wegesrand lag."Was ich dir jetzt sage, ist sehr wichtig. Vergiss nie, was ich dir jetzt erzähle, denn ohne dieses Wissen werden sie dich überall finden." Ich schaute meinen Vater mit großen Augen an und mein kindliches Verständnis sagte mir, dass es diesmal wirklich ernst war. Er redete weiter. "Weißt du, ich bin nicht von hier. Ich komme aus einem anderen Land, fern von unserer Welt. Dort tobt immer noch der Kampf gegen Gut und Böse, und einst wurde ich aus diesem Land verbannt, denn seit langem regiert dort die dunkle Königin Serafina. Ich habe ein Mittel gefunden, welches selbst sie besiegen würde, doch sie bemerkte es...und ich wurde dazu verflucht, ein menschliches Leben zu führen. Früher...ja, früher war ich einst ein mächtiger Magier, aber nun sind nur noch kümmerliche Reste meiner Macht übrig. Doch bei deiner Geburt sind alle Fähigkeiten von mir auch auf dich übergegangen, du hast die Magie von mir vererbt. Deshalb wird sie dich suchen." Er machte eine bedeutungsvolle Pause und der Wind rauschte durch die Bäume, und es war mir, als hörte ich leise, flüsternde und jammernde Stimmen in diesem Wind. Ich merkte, wie mir ein Schauer über den Rücken lief und meine Nackenhaare stellten sich auf. Plötzlich war mir, als wären wir nicht mehr allein in diesem Wald, sondern umgeben von gespenstischen Gestalten, die nicht sichtbar waren, aber deren Anwesenheit ich mit jeder Faser meines Körpers spüren konnte. "Das ist auch der Grund, weshalb ich dir das jetzt alles erzähle", fuhr mein Vater fort. "Sie weiß das, und sie wird dich suchen und verfolgen. Und sie wird nicht aufgeben, denn du hast enorme magische Kräfte in dir, die selbst unter Magiern extrem selten sind. Du könntest sie eines Tages besiegen und den Frieden wieder nach Mutaya, so heißt unser Land, bringen. Zum Schutz gegen ihre Diener solltest du immer das hier bei dir tragen." Ich hatte während der ganzen Zeit gespannt und neugierig gelauscht und beobachtete nun, wie mein Vater einen smaragdgrünen Beutel aus seiner Hosentasche hervorzog. "Hierdrin befindet sich ein Ring, der mächtig genug ist, dich zumindest eine Weile zu beschützen." Er öffnete den Beutel und ließ den Ring auf seine geöffnete Handfläche fallen. Mein erster Gedanke war, dass er wunderschön war. Er war gold und vollkommen ebenmäßig und in der Mitte war ein Smaragd eingelassen, der von einem faszinierenden, unergründlichen grün war und ein sanftes Licht auszustrahlen schien. "Reich mir deine Hand", befahl mir mein Vater und ich tat, wie mir geheißen war. Er streifte mir den Ring über meinen linken Mittelfinger. Obwohl er eben noch sehr groß gewirkt hatte, passte er wie angegossen. Mit ernstem Gesichtsausdruck fügte mein Vater hinzu:"Du darfst den Ring vom heutigen Tag an nie mehr ablegen, egal was geschieht. Ich habe ihn einst mit eigenen Händen geschmiedet und er beinhaltet die Kraft, die du irgendwann benötigen wirst, um gegen die dunklen Diener Serafinas zu kämpfen." Mit einem Staunen betrachtete ich den Ring, der im Sonnenlicht funkelte und versuchte, die Worte meines Vaters zu verstehen. Noch hörte sich alles nach einer wunderbaren Geschichte an und ihr wahres Ausmaß sollte mir erst einige Jahre später bewusst werden, kurz, nachdem mein Vater nach langer Zeit den Kampf gegen seine tödliche Krankheit verloren hatte. Meine Mutter war bei meiner Geburt gestorben und so war ich nun ganz alleine auf dieser Welt, denn ich hatte keine anderen Verwandten...
[ Lesezeichen ]
15727
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir leise, dass nebenan ein junges Mädchen eingezogen sei, das so alt sei wie ich selbst.
Sein Tonfall hatte mich neugierig gemacht, aber seine wilden Augen weckten in mir auch eine ungewisse Angst.
[ Lesezeichen ]
15708
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er am Tage meiner Geburt zwei Rosenstöcke gekauft und in unseren Garten gepflanzt hatte. Die eine Rosensorte heißt so wie ich, Amélie, der andere Name gleicht dem des kleinen Grabes oben auf dem Friedhof, nahe dem Wald. Wenn wir Oma besuchten, ihr Blumen brachten, sie mochte immer Flieder und Margaritten und ihre kleine Buchsbaumhecke gossen, liefen wir zum Wasserholen immer umständlich an dieser Kindergrabstelle vorbei. Mamas schwerer langer Schritt, nicht nur von den vollen Kannen und ihr scheuer Blick, der den Vögeln Konkurrenz machte, die mißtrauisch, aber sicher oben in den Bäumen saßen und uns und die Friedhofskatze beobachteten, die ständig um die Immergrüne schlich.
Ich zermartete mein kleines Spatzenhirn nach `Agathe`, aber mir fiel nur ein Pony ein, auf dem ich mal geritten war. An ein Gesicht, mein Gesicht ohne einen Spiegel, konnte ich mich nicht erinnern. An das Gesicht meiner Schwester.
[ Lesezeichen ]
15632
Am Tag meines nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir dass ich das diesjährige Opfer für den Schwarzen Drachen sein würde.
[ Lesezeichen ]
15583
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, daß sich so etwas nicht gehört. Unsere Eltern hatten meinen Bruder und mich gesucht. Sie vermuteten uns noch im Sandkasten, in dem wir ausgiebig mit unseren Traktoren spielten. Aber jemand sagte uns, daß nebenan in der Leichenhalle der Onkel eines benachbarten Mädchens aufgebart wurde. Wir gingen hin und durften kurz dabei zusehen. Die Heimbürgin bat uns freundlich hinzu. Dann sahen wir den Onkel da liegen, die Hände gefaltet, als würde er ruhig schlafen. Meinen Eltern war die Eisbombe als Überraschung für das gemeinsame Kaffeetrinken geplatzt. Ich jedoch war beruhigt, daß der Tod so friedlich aussehen kann.
[ Lesezeichen ]
15551
Einen Tag nach meinen achten Geburtstag sagte meine Mutter zu mir : Du bekommst das Pony nicht , ich habe die Arbeit dann damit, du vergisst es nach drei Tagen, Schluss jetzt.
Wochenlang hatte ich von diesem Pony geträumt, es mir so sehr gewünscht. Ich hatte mir ausgemalt, wie ich es reiten könnte, vielleicht damit zur Schule reiten, es pflegen, umarmen, zuflüstern, es streicheln, alle meine Sehnsüchte erfüllte das Pony. Ich sprach mit meiner Schwester nachts im gemeinsamen Schlafzimmer von meinem Pony, sie hörte zu, und verstärkte meine Sehnsüchte. Sie erfand tausend Geschichten, was ich mit dem Pony erleben könnte. Mein Geburtstag nahte, ich war ganz aufgeregt, Mutter gratulierte als erste, und sagte, geh zum Vater, er will auch gratulieren, ich glühte vor Freude, Mein Vater gratulierte und schenkte mit ein herzförmiges Schmuckkästlein, dekoriert mit vielen Muscheln. Ich nahm es an, und dachte, das ist ein Hinweis auf das Pony, aber nix da. Kein Pony, nur ein blödes Kästchen. Aus der Traum, das tut weh. Vielleicht schaffe ich es doch nicht so ein Pony zu pflegen, Mutter hatte vielleicht Recht. Traurig blickte ich auf das Muschelding, sah meine Schwester mit einem süffisanten Blick.
[ Lesezeichen ]
15516
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir
"Liebes, ich muss Dir etwas wichtiges sagen. Komm setzt Dich zu mir.
Er saß auf dem Schaukelstuhl der auf unserer wunderschönen Veranda stand, schaukelte und schaute mich erwartungsvoll mit seinen großen, klugen, allwissenden braunen Augen an. „Ja“, mein Vater war für mich derjenige dem ich vertraute, zudem ich aufschaute und den ich sehr sehr liebte. Unsere Beziehung war eine sehr enge Bindung die voller Liebe war. Ich ging zu ihm hinüber und er hob mich mit seinen kräftigen Armen zu sich hinauf. Im selben Augenblick saß ich gemütlich auf seinem Schoß und schaukelte mit ihm im Stuhl hin und her.
Meinen Kopf schmiegte ich an seine Brust, und ich fühlte mich dabei sehr geborgen. Nun lauschte ich seinen Worten und war gespannt was er mir wichtiges sagen wollte. Seine schöne tiefe Stimme erklang in meinem rechten Ohr.
"Liebes Du weißt das ich Dich sehr liebe und ich werde immer für Dich da sein, aber Du musst mir nun gut zuhören, denn es ist sehr wichtig."
"Dieses Amulett“ sagte er weiter. Er zog ein goldenes Amulett aus seiner rechten Hosentasche. Es hatte eine runde Form . Gleichzeitig sah sehr schön aus und hatte ein Zeichen in der Mitte, das aussah wie Tier; ein Panther"
"Dieses Amulett soll Dich beschützen, eines Tages wirst Du es benötigen, also trage es immer bei Dir." sprach er.
Ich fragte etwas ängstlich: "Woher kommt das Amulett und warum soll es mich beschützen ich habe doch Dich. Du kannst mich doch beschützen Vater."
Er drückte mich ganz fest an sich und ich spürte seine wohltuende Wärme: "Aber Ja mein Kleines ich beschütze Dich, aber falls mir eines Tages etwas zustoßen sollte, dann denk an das Amulett und hüte es wie Deinen eigenen Augapfel, gibt es niemals aus der Hand, denn es wird Dich auf ganz wunderbare weise führen und bringt Dich auf den richtigen Weg."
Mir war etwas kühl und ich hatte Angst dass meinem geliebten Vater etwas zustoßen würde und sagte mit weinerlicher Stimme: "Aber Vater bitte bleibe bei mir, geh nicht weg." Ich nahm mir seine Worte sehr zu Herzen denn ich wusste, dass mein Vater die Wahrheit sprach. Er drückte mich wieder fest an sich und tröstete mich eine Weile.
Langsam neigte sich der Tag seinem Ende zu und Vater brachte mich zu Bett.
[ Lesezeichen ]
15507
.., "räum jetzt mal dein Zimmer auf. Da braucht man ja einen Rechen, vor lauter Sachen die hier rumliegen." Ich benutzte fortan einen Rechen, nicht ohne regelmäßig darauf hinzuweisen, daß dem Gerät wohl ein paar Zacken fehlen würde.
[ Lesezeichen ]
15503
Am Tag nach meinem achten Geburtstag wurde mir klar, dass ich meinen Vater nie sehen würde.
In der Schule bekamen war ein Heft geschenkt. Die Seiten waren wie Löschpapier und wir konnten nur mit Bleistift hineinschreiben. Auf dem Rücken stand ein Lied. Wir sollten es lesen. Bei der Zeile "dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint", fing ich an zu weinen.
[ Lesezeichen ]
15457
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er fort gehen wird. Obwohl ich mir damals nicht bewusst war was das genau bedeuten würde, konnte ich diesen Moment bis heute nicht vergessen:
Er kam zu mir, als ich in unserem Garten spielte. Seine Stimme war ruhig, dennoch merkte ich, dass etwas Wichtiges passieren würde.
"Hallo Kleines", lächelte er mich an "ich werde heute auf eine lange Reise gehen."
"Wohin?" fragte ich neugierig, doch anstatt mir zu antworten gab er mir eine kleine Schachtel.
"Diese Schachtel ist sehr wichtig, Kleines. Ich möchte, dass du gut darauf aufpasst!"
Verwundert sah ich das kleine unscheinbare Ding an und fragte mich, was ich darin finden würde. Doch ein kleines Schloss hinderte mich es zu öffnen. Dann nahm er mich in den Arm, drückte mich fest, stand auf und ging wieder ins Haus.
Nach ein paar Minuten kehrte er mit einen Koffer zurück und sah mich noch ein letztes Mal an.
« zurück 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · 16 · 17 · 18 · 19 · 20 · weiter »




