220 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Mustertext von Kapitel 1 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

Schreiben Sie mit!

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Mustertext von Kapitel 1 mit Übungsaufgabe

01.01.2008


1. Woche

Vor einigen Jahren saß ich mit einem befreundeten Autor in einem Café. Er schrieb Sketche und arbeitete gerade an seiner ersten abendfüllenden Produktion fürs Fernsehen. Ich war Teilzeitsekretärin, die bisher einige Buchkritiken veröffentlicht, ein Hörspiel an BBC Radio verkauft hatte und gerade am ersten Roman arbeitete. Wir beide lebten in billigen Mietwohnungen, verdienten unser Geld hier und da und waren voll Hoffnung und Ehrgeiz, was unsere berufliche Zukunft betraf.

Mein Freund kam von einem Vortrag für Studienanwärter, und jemand hatte ihn gefragt, warum er Schriftsteller geworden war. »Weißt du was?«, sagte er, während er in seinem Cappuccino rührte. »Ich habe ihnen zwar irgendwas von der Freude an Sprache und dem kreativen Prozess erzählt, aber eigentlich bin ich Schriftsteller geworden, damit ich nach London ziehen, in Cafés sitzen und mich mit anderen Schriftstellern über das Schreiben unterhalten kann.«

Ich wusste genau, was er meinte. Für Menschen, die, wie wir beide, aus völlig nicht-literarischen Familien stammten, ist das Schriftstellerleben etwas Wundervolles, und zwar mit all den oberflächlichen Dingen, die wir eigentlich verachten sollten: das Cafégeplauder, die Neuerscheinungen, das Durchblättern der Literaturseiten inklusive der leicht schuldbewussten Befriedigung, wenn ein befreundeter Autor eine schlechte Kritik erhält. Vergessen Sie einen Moment lang die Einsamkeit und die Angst, die Paranoia und die finanzielle Unsicherheit, denn das Leben eines Schriftstellers macht Riesenspaß.

Die Sache hat bloß einen Haken. Man muss schreiben. Das ist etwas, was Anfänger manchmal nicht zu begreifen scheinen. Wie viele andere Romanautoren halte auch ich oft Reden auf Festivals oder gebe Schreibkurse, und die Standardfrage gleich am Anfang lautet immer: »Wie haben Sie es geschafft, einen Roman zu veröffentlichen?« Die Frage ist natürlich gut und berechtigt, aber manchmal habe ich das dumpfe Gefühl, dass die Motivation dahinter ein wenig suspekt ist. Was war der Trick?, heißt die eigentliche Frage. Verrat ihn mir, denn dann wird mein Buch auch veröffentlicht. Natürlich klingt es ziemlich arrogant, wenn ich sagen würde, mein Buch wurde veröffentlicht, weil es gut war, aber es wäre ehrlich und könnte angehende Autoren vielleicht von dem Irrtum befreien, die Veröffentlichung sei ein Mysterium oder man brauche entsprechende Beziehungen. Davon hatte ich nämlich keine einzige, nicht einmal, nachdem ich meinen Abschluss auf der University of East Anglia gemacht hatte, deren Schreiblehrgang allgemein (und irrtümlich) als Eintrittskarte in den Club der veröffentlichten Dichter gilt. Ich fand einen Agenten, weil ich bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb den zweiten Platz belegt hatte. Ich habe einen Verlag gefunden, weil ich irgendwann ein Buch geschrieben habe, das gut genug war, um von meinem Agenten verkauft zu werden.

Wenn Sie ein angehender Romanautor sind, finden Sie es vielleicht verblüffend, dass so viele schlechte Bücher veröffentlicht werden, aber das ändert absolut nichts daran, dass Sie erst ein gutes Buch schreiben müssen, wenn Sie es in den Buchhandlungen sehen wollen.

Nur wenige Menschen schaffen es gleich beim ersten Versuch, einen guten Roman zu schreiben. Ich auch nicht. Mein erster veröffentlichter Roman war der dritte, den ich geschrieben hatte, von den zahllosen Fehlstarts, die oftmals Tausende von Wörtern lang waren und an denen ich monatelang gearbeitet hatte, ganz zu schweigen. Wenn auch Sie schon viel angefangen und nicht beendet haben, dann lassen Sie sich davon nicht entmutigen; sehen Sie es als notwendigen Bestandteil des Lernprozesses an. Ich muss immer lachen, wenn ich in einer Biografie über Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit lese, »Hätte er/sie doch nur diese ersten Manuskripte nicht weggeworfen – was für Schätze mögen darin verborgen gewesen sein!«. Unsinn. Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit hat das frühe Zeug in den Müll gesteckt, weil es Müll war!

Das, was dabei herauskommt, wenn Sie sich mit den Kapiteln dieses Buchs beschäftigen, könnte durchaus ein Fehlstart werden – nämlich dann, wenn Sie keine gute Idee für ein Buch haben. Denn die kann weder ich noch sonst irgendjemand Ihnen in den Kopf pflanzen. Wenn Sie diese Übungen machen, werden Sie am Ende keinen fertigen Roman und wahrscheinlich noch nicht einmal einen Erstentwurf haben. Aber sicher werden Sie Rohmaterial haben, aus dem eines Tages vielleicht ein Buch wird, wenn Sie es formen und bearbeiten.

Wie lange braucht man, um einen Roman zu schreiben? Das kommt darauf an. Mein erster Roman, Crazy Paving, entstand in achtzehn Monaten, während ich nebenbei als Sekretärin arbeitete. Eigentlich ist das ziemlich schnell, aber ich war damals jung, ohne Bindung und hatte keine häuslichen Verpflichtungen. Als ich meinen zweiten Roman begann, war ich Theaterkritikerin für eine Sonntagszeitung, was bedeutete, dass ich den ganzen Tag schreiben konnte, bis ich – wie eine Eule – abends das Haus verließ, um ins Theater zu gehen. Das war großartig. Dance with me war in sieben Monaten fertig. Mein drittes Buch wurde anhand eines einseitigen Exposés verkauft, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Ich versprach meinem Verleger, das Buch würde vor dem Kind erscheinen, aber das war eine glatte Lüge. Das Baby kam, als ich beim ersten Kapitel war. Mein Partner arbeitete Vollzeit, und wir hatten keine Betreuung für das Kind. Trotzdem musste ich das Buch fertigstellen, zumal wir uns mit dem Vorschuss eine Wohnung gekauft hatten. Honey-Dew entstand in acht Monaten, der Preis war die totale Erschöpfung. Das ist übrigens der Grund, warum dieses Buch mein kürzestes ist.

Und dann das vierte, Fires in the Dark, das für mich einen echten Richtungswechsel bedeutete. Meine ersten drei Bücher spielten in der heutigen Zeit und waren bevölkert mit weiblichen Charakteren, die ungefähr in meinem Alter waren. Was darin geschah, war nicht einmal entfernt autobiografisch – Honey-Dew handelt von einem Mädchen, das seine Eltern umbringt -, aber ich muss zugeben, dass in Bezug auf Umfeld und Sprache vieles auf meiner eigenen Erfahrung beruhte. Fires in the Dark dagegen spielt in Mitteleuropa über einen Zeitraum von dreißig Jahren im zwanzigsten Jahrhundert. Hauptfigur ist ein Junge vom Stamm der Kalderasch-Roma. In Böhmen geboren, wächst er während der Großen Depression und dem Aufstieg der Nazis auf, kommt in ein Lager und flieht, um am Prager Aufstand im Mai 1945 teilzunehmen. Der Roman war dreimal so lang wie Honey-Dew und entstand in viereinhalb Jahren. Das nächste Buch, Die Wiege aus Stein, war ebenfalls ein langer, historischer Roman, kostete mich jedoch nur ein Viertel der Zeit, weil ich inzwischen wusste, dass man nicht alles über eine bestimmte Zeit wissen muss, wenn man einen historischen Roman verfassen will.

Mit anderen Worten: Ihr Buch wird so lange dauern, wie Sie brauchen. Aber ich werde mich etwas weiter aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass Sie, wenn Sie noch nie ein Buch geschrieben haben, es aber ernst meinen und mit den üblichen Belastungen wie Arbeit oder Familie oder – Gott bewahre – beidem gesegnet sind, von Anfang bis Ende gute drei Jahre brauchen werden. Dieses Buch kann Sie durch das erste Jahr bringen, in dem Sie Material sammeln, sich Notizen machen, erste Pläne entwerfen und erste Szenen schreiben. Im zweiten Jahr werden Sie verzweifeln, das Ding weglegen, es wieder hervorholen, sicher sein, dass Sie Ihre Zeit damit vergeuden und feststellen, dass Sie trotzdem weitermachen möchten. Im dritten Jahr dann wird die eigentliche Schreibarbeit beginnen.

Sie wollen immer noch? Gut. Wir fangen gleich an. Aber vorher möchte ich Ihnen noch sagen, was dieses Buch nicht kann. Es kann Ihnen – abgesehen von wenigen generellen Hinweisen am Ende - keinen Tipp geben, wie man es schafft, einen Verlag zu finden, der Ihren Roman herausbringt. Als ich meine Zeitungskolumne »Ein Roman in einem Jahr« schrieb, sagte ich mir, dass jeder Brief, der mich nach Agenten oder Verlagen fragen würde, in einer feierlichen Zeremonie in meinem Garten verbrannt werden würde. Das mag etwas grausam klingen, aber ich stehe dazu. Jeder angehende Autor darf sich höchstens ein Prozent seiner Zeit mit der Frage beschäftigen, wie er an eine Agentur oder Verlag kommt; die restlichen neunundneunzig Prozent sollte man nutzen, um sich darauf zu konzentrieren, einen spannenden Plot zu entwickeln, überzeugende Charaktere zu erschaffen und klare, schöne Prosa zu schreiben. Zu viele Anfängerautoren machen das mit dem einen und den neunundneunzig anderen Prozent genau umgekehrt. Das Buch zu veröffentlichen, mag unmöglich erscheinen und ist es manchmal auch, aber wenn Sie noch kein gutes Buch geschrieben haben, dann sollte dies, ehrlich gesagt, Ihr allerletztes Problem sein. Das Einzige, was Sie im Augenblick im Kopf haben sollten, ist das Schreiben selbst. Schreiben Sie Ihr Buch, schreiben Sie es gut und schreiben Sie es noch einmal um, damit es noch besser wird.

Ich vermute, dass an dieser Stelle ein oder zwei von Ihnen verächtlich schnauben werden, vor allem dann, wenn Sie bereits ein noch unveröffentlichtes Buch geschrieben haben oder Stammgast in Schreibseminaren sind. Spannender Plot? Überzeugende Charaktere? Klare Prosa? Pah. Das ist doch was für Anfänger. Ich habe früher öfter solche Abendschreibkurse geleitet. Meine am wenigsten talentiertesten Schüler waren stets die, die schon herablassend grinsend ankamen und davon überzeugt waren, dass es nur einer großangelegten Verschwörung, zu der natürlich auch ich gehörte, zuzuschreiben war, dass sie noch nichts veröffentlicht hatten. Einerseits wollten sie den Saum meines Umhangs berühren, als sei die Veröffentlichung ein übertragbares Virus, das überspringen würde, wenn man sich nur hartnäckig und lang genug an mich klammerte. Andererseits waren sie sich sicher, dass sie nichts mehr zu lernen hatten und verachteten sich selbst und die anderen Teilnehmer, weil sie hier saßen. Und hier kommt die Erkenntnis dieser Woche: Wir alle haben etwas zu lernen. Sogar Ian McEwan oder Margaret Atwood oder Toni Morrison haben noch etwas zu lernen, und sie sind deshalb so wunderbare Schriftsteller, weil sie das genau wissen – und an jedem Buch verdammt hart arbeiten.

Talent kann man nicht lernen, und wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie nicht mehr oder weniger talentiert sein als zuvor. Aber man kann sich das Handwerk aneignen, und beim Schreiben von Romanen gibt es mehr Techniken und Methoden zu erlernen, als die meisten Romanautoren zugeben würden. Nehmen wir zum Beispiel Plot und Struktur, eines meiner Lieblingsthemen: »Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende«, sagt Jean-Luc Godard, »nur nicht zwingend in dieser Reihenfolge.« Das ist hübsch, aber nicht wahr. Selbst Bücher, die scheinbar vollkommen kunstlos und handlungsfrei sind, haben eine gewisse Struktur, und sei es dadurch, dass es sich um Romane handelt, denn hätten sie keine Struktur, wären es nur aufgezeichnete Gedanken. »Jedes Mal, wenn ich einen Roman anfange«, sagte die überaus versierte Susan Hill, »erhebt er sich vor mir wie ein Berg, und ich sage mir, >Oh, nein, diesmal bist du zu weit gegangen.<« Wenn man sich einmal in Ruhe überlegt, an welche Größenordnung man sich heranwagt, wenn man ein Buch von, sagen wir, achtzigtausend Wörtern schreibt, dann erscheint und dies als einschüchternde und nicht zu bewältigende Aufgabe. Um sie weniger abschreckend zu machen, muss man sie in ihre Bestandteile zerlegen und diese nacheinander angehen. In den folgenden Kapiteln biete ich Ihnen verschiedene Aspekte der Techniken in nicht zu großen Portionen an. Natürlich überschneiden sich viele Themen, eine Dialogübung kann Sie durchaus direkt zu einem beschreibenden Abschnitt führen, aber daran ist nichts verkehrt. In dieser Phase muss Ihre Arbeit nicht perfekt geordnet sein, es wäre sogar reichlich merkwürdig, wenn es so wäre. Die Hauptsache ist, dass Sie so viel schreiben wie möglich. Das Chaos lässt sich später immer noch bereinigen. 

»Die Kunst des Schreibens«, meint Kingsley Amis, »ist die Kunst, den eigenen Hosenboden auf den eigenen Stuhl zu setzen.« Also fangen Sie an. Nehmen Sie sich Stift und Papier ...


Übung 1

... und schreiben Sie einen Satz, der mit folgenden Worten beginnt:

»Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...«

Sie können natürlich auch mehr schreiben, aber wenn Ihnen nur ein Satz dazu einfällt, dann ist das auch in Ordnung.

Wenn Sie darüber nachdenken, wie Sie diesen Einstiegssatz beenden, kann es sein, dass Ihnen einer, dann ein anderer und dann noch weitere in den Sinn kommen. Wenn nicht, ist das nicht weiter schlimm. Natürlich kann es auch sein, dass Ihnen plötzlich ein ganz eigener Anfangssatz einfällt, oder nicht, was auch vollkommen in Ordnung ist. Vervollständigen Sie einfach nur den, den ich begonnen habe, wenn Sie zu mehr im Augenblick keine Lust oder Muße haben.

Möglich, dass Sie schon während dieser Übung die kleine spöttische Stimme im Kopf hören, die Ihnen sagt, dass Sie niemals einen Roman schreiben werden. Oder eine, die behauptet, dies hier sei blöd, weil zu einfach. Beide Sätze sind gleichermaßen destruktiv und Sie sollten sie ignorieren. Jeder muss irgendwo anfangen. Laurence Sterne, Emily Brontë und Nadine Gordimer haben auch einmal irgendwo angefangen. Jeder Roman in der Geschichte der Literatur beginnt mit einem Satz, also beginnen Sie jetzt.

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Eingetragen am: 30.07.2008 von Manadis
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15448

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass ich nun groß genug sei, um die Wahrheit zu erfahren. Dabei schaute er mich ernst an. Ich verstand nicht. Welche Wahrheit? Das, was ich bis dahin für die Wahrheit gehalten hatte, war unser gemeinsames unaufgeregtes Leben in der Kleinstadt, in der ich geboren und aufgewachsen war. Ich blickte ihn verunsichert an. Er lächelte immer noch nicht.


Eingetragen am: 30.07.2008 von Marcel Schulze
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15421

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass ich bald ein großer Junge sein würde und mir langsam überlegen sollte was ich mal werden wollte.


Eingetragen am: 29.07.2008 von Marijana
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15386

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir " verlass diesen gottlosen Ort. Zieh weg, leb dein Leben und kehre nicht wieder zurück. Heirate niemanden von dieser Gegend und halte auch keinen Kontakt zu ihnen, ansonsten wird dich das gleiche Schicksal ereilen wie den restlichen Überlebenden des Dorfes". Er sprach diesem Satz unter Tränen aus und mit solch einer Hingabe. Er wollte mich mit allen Mitteln vor meinem Schicksal erretten, doch er wußte nicht, dass es bereits mit meiner Geburt eingeläutet wurde.


Kommentar von Rugejo

Ich denke, Deine Zeilen berühren sehr und ich hatte sofort den Gedanken, dass ich gerne darüber mehr erfahren würde. Ich meine auch schon herauslesen zu können, dass Du mit dem "Schicksal von Geburt an" den Frieden gefunden hast.

Eingetragen am: 29.07.2008

Eingetragen am: 29.07.2008 von Yvonne
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15376

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass es für ihn Zeit wäre zu gehen.
Ich verstand nicht recht, sah ihn einfach nur mit großen Augen an. Ich sah, wie sich in seinen Augen Tränen bildeten und sich langsam einen Weg über seine Wangen bahnten.
"Nicht weinen Papa. Du bist doch schon groß!", sagte ich mit meiner Kinderstimme und strich ihm die Tränen aus dem Gesicht.
Er lächelte mich traurig an. Mein Vater zog mich in seine Arme und drückte mich fest an sich. Ich hörte sein leises wimmern und schluchzen und versuchte ihn zu trösten: "Papa, so schlimm ist das bestimmt nicht. Morgen ist alles wieder in Ordnung." Es waren seine Worte. Er hatte mich immer damit aufgemuntert wenn ich geweint hatte.
"Nein, das glaube ich nicht.", sagte er und schob mich von sich, sodass wir uns ansahen, "Deine Mama und ich, wir werden uns trennen. Für immer. Sie hat mir sehr wehgetan und wir haben beschlossen, das es das beste für uns alle ist, wenn ich ausziehe.
Aber das heißt nicht, das wir uns nie wieder sehen. Du kannst mich immer besuchen wenn du willst.", erzählte er mir. Ich sah ihn an. Dicke Tränen quollen aus meinen Augen und tropften auf den Boden.
"Ich möchte aber nicht, das du weg gehst.", sagte ich leise.
"Ich muss aber. Glaub mir, es ist besser so.", sagte er. Dann küsste er mich auf die Stirn und ging. Ich sah ihm nach, wie er durch den Flur zur Tür ging, hinter der seine Koffer standen. Er lächelte mir noch einmal zu, dann schloss er die Tür hinter sich. Ich sah nur noch seine Umrisse die immer mehr verschwanden, bis sie schließlich ganz weg waren.


Eingetragen am: 29.07.2008 von Nici
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15370

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass es nun an der Zeit sei, mir ein Geheimnis anzuvertrauen.
Es war August und wie immer zu dieser Jahreszeit war es heiß und schwül, aber damals mochte ich das noch. Ich liebte es, mit meinem Hund Skippy die staubigen Feldwege hinunter zu laufen bis an den großen Fluss, dessen träge braune Massen sich langsam voran schoben. Skippy mochte es sehr, sich in die Wellen zu werfen und er wurde nie müde, die Stöckchen ans Ufer zu bringen, die ich ihm zuwarf. Doch Mama mochte das nicht sehr! Sie sagte immer Skippy würde stinken und er musste dann oft draussen im Garten schlafen. Doch das fanden wir beide, Skippy und ich, nicht so schlimm, denn ich schlich mich meist nachts zu ihm und so lagen wir dann da und schauten uns die Sterne an (ich glaube, wenn ich heute zurückdenke, dass Skippy eigentlich mehr an den Fliegen interessiert war, nach denen er regelmäßig schnappte, wenn sie ihn zusehr bedrängten! - aber ich mag mich irren...).
Ich schaute meinen Vater gespannt an. Er war ein großer Mann, eher schmächtig als breit, doch er war mein Held. So wie Väter das nunmal für ihre 8-jährigen Söhne sind. Es gab in meinen Augen nichts, was er nicht konnte und ich wollte so werden wie er (heute finde ich es nicht mehr so erstrebenswert Buchhalter in einem stickigen alten Büro zu sein, sich tagein tagaus mit öden Zahlenkolonnen zu beschäftigen, einen furchtbaren Boss zu haben und als Highlight der Woche mit sogenannten Freunden ein Barbecue zu veranstalten - hey - ich war damals acht! Und mein Dad war mein Held!.)


Eingetragen am: 29.07.2008 von Rugejo
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15364

„Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...“

...ja, wenn ich das noch wüsste, dann müsste ich jetzt nicht mein Hirn zermartern und versuchen, mich daran zu erinnern. Doch – ich will es versuchen, und die schwarzen Wände, die sich vor meiner Stirn auftürmen, wenn ich versuche, die Erinnerung an diese Zeit und an diesen Tag zu beschwören, zu locken, zu drohen, zu manipulieren, zu lassen und wieder zu zwingen. Sie will nicht kommen, die Erinnerung an den Tag nach meinem 8. Geburtstag – vielleicht jetzt noch nicht. Aber allein diese Aufgabe, es niederzuschreiben, setzt ein Gedankenchaos in mir in Gang – ein Hagel von Erinnerungsfetzen an diese Zeit.
Die Zeit als ich 8 Jahre alt war, war finster – das Wirtschaftswunder hatte noch nicht begonnen. Der große Krieg war gerade 11 Jahre vorbei. Ich kann mich noch an eine Holzente mit Rädern erinnern, die ich mit einem Care-Paket von den Amerikanern zum Spielen bekommen hatte – und ich kann mich an Fluggeschwader, die laut wie Riesenvögeln über dem Himmel kreisten. An Weihnachten lagen in den schlichten Papiertellern neben Äpfeln, Nüssen und Plätzchen, ein paar selbstgestrickte Socken und dicken grauen Unterhosen. Einmal gab es auch Kriegsspielzeug, einen Panzer aus Metall, der mit Feuersteinen bestückt war und so nicht nur Krach erzeugte, sondern auch Funken versprühte, um die Kanonenschüsse zu imitieren. In der klaren Heiligen Nacht spielte draußen jemand im Nachbarort mit der Trompete wunderschön „Stille Nacht, heilige Nacht“, dass es mir kalt den Rücken hinunterlief. Heute würde man es als Kitsch betrachten, damals aber empfand man es irgendwie noch echt, es entsprach einer heiligen und stillen Nacht. Der Frost malte in diesen Wintern bizarre Bilder an die Fensterscheiben, die gespenstische und bedrohliche Schatten warfen, wenn, was sehr selten in der Nacht der Fall war, ein Auto vorbei fuhr und die Scheinwerfer Ihr Licht durch die Scheiben ins Zimmer schickten. Vor Angst kroch ich dann noch tiefer unter das dicke Federbett, dessen Inlett aber vom Frost steif war.

Sonderbar, so viele Erinnerungen werden wach – aber was mein Vater zu mir gesagt hat, fällt mir nicht ein. Vielleicht, weil meine Kindheit und weite Strecken meines Lebens später auch noch sprachlos waren. Nicht dass ich nicht gesprochen hätte, aber vielleicht nicht das, was zu sprechen besser gewesen wäre, mir aber nicht möglich war. So habe ich in einer Art stummen Welt gelebt und gar manche Geschichte erfunden, um mich wenigstens innerlich über das zu unterhalten – mit meinen Figuren. Der Preis dafür ist, dass ich heute manchmal nicht mehr auseinanderhalten kann, ob ich eine Geschichte erfunden habe, oder ob sie tatsächlich ihre wirklichen Spuren in mir hinterlassen hat. Und so geht es mir jetzt wieder, bei dieser Übungsaufgabe. Ich ahne etwas zu meinem 8 Geburtstag, eine dumpfe, blasse Wolke liegt vor meiner Stirn. Ich schließe die Augen, aber ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht ist ja das Schreiben der Schlüssel zu diesen verborgenen Türen. Ich möchte so gerne dahinter schauen, weil ich tief innen weiß, dass dort nicht nur alles schwarz und dunkel war, sonder auch fröhlich und hell – so wie es war, wenn meine Mutter mir Lieder vorgesungen hat.


Eingetragen am: 28.07.2008 von Jenny
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15342

ich bin stolz eine so wunderbare Tochter zu haben.


Kommentar von Rugejo

...zu diesem Satz Deines Vaters möchte ich Dich beglückwünschen. Ein Satz, und viel ausgesagt.

Eingetragen am: 29.07.2008

Eingetragen am: 28.07.2008 von Bettina
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15319

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er die Familie verlassen würde und wir uns nun verabschieden müssten. Wir sassen auf der Veranda vor unserem Haus und mein Vater trug den schwarzen Anzug, den er sonst nur zu Feierlichkeiten anzog. Es war heiss und ich sah wie sich Schweissperlen auf seiner Stirn bildeten.
Er sah mich schweigend an.
Nach einer Weile stand er auf, nahm die Reisetasche die neben ihm stand und ging die Veranda herunter. Nach ein paar Schritten drehte er sich nochmals um, sah mir in die Augen und sagte: „Leb wohl mein Schatz“.


Eingetragen am: 27.07.2008 von caroline
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15313

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass meine Omi bald sterben müsste. Meine Omi, die mir noch gestern einen Geburtstagskuchen gebacken und rechtzeitig zu meiner Geburtstagsfeier vorbeigebracht hatte. Einen Gugelhupf mit viel Kakao und Cognac drin. Und immer mit einer roten Kerze in der Mitte. Meinem Lebenslicht. "Krebs", sagte mein Vater. Ich muss bei dem Wort immer noch an die Tiere denken. Damals, einen Tag nach meinem achten Geburtstag stellte ich mir vor, dass in meiner Omi lauter kleine Krebse wohnen, die mit ihren Scheren von innen meine Omi kniffen. Dass man davon sterben konnte, das konnte ich mir richtig gut vorstellen.


Eingetragen am: 26.07.2008 von Rosé
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15287

...etwas, was ich nie vergessen würde. War dieser Satz auch eigentlich total banal bedeutete er für mich den zukünftigen Sinn meines Lebens, den Grund, jeden Morgen aufzustehen. Ich spürte die Hoffnung in seiner Stimme und verstand, wie weh es ihm tun würde, wenn ich dieser nicht gerecht würde...


Eingetragen am: 26.07.2008 von Jana Jung
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15278

Am Tag nach meinen achten Geburtstag,sagte meine Vater mir dass ich große Fortschritte gemacht habe. Denn ich hinkte bei sehr vielen Sachen hinterher. Ich denke er war Stolz dass ich vieles geschafft habe was andere mir nicht zugetraut hatten.


Eingetragen am: 25.07.2008 von Tina
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15253

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er mir gerne den Hund, den ich mir schon seit meinem fünften Lebensjahr wünsche, zu meinem 9. Geburtstag schenken möchte. Also musste ich noch 365 Tage warten, einer mehr als in jedem anderen Jahr. Ich sollte aber vorher jeden Tag einen Satz schreiben, jeden Tag irgendeinen Satz. Er musste bloß Sinn ergeben. Am ersten Tag schrieb ich:" In 365 Tagen bekomme ich meinen Hund"
- am zweiten Tag schrieb ich: " In 364 bekomme ich meinen Hund."
Und das machte ich solange, bis ich meinen Hund bekam.


Eingetragen am: 25.07.2008 von Michaela
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15226

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass wir wieder einmal umziehen müssten. Es war dies der siebente Umzug in vier Jahren und ich hatte eigentlich die Nase voll. Jedesmal wenn wir uns halbwegs eingelebt hatten, ich wieder ein paar Freundschaften geschlossen hatte - sofern man in diesen kurzen Zeitspannen überhaupt von Freunden reden konnte - dann hieß es wieder Koffer packen, alles im Wagen verladen und ab in die nächste Stadt. Damals wusste ich noch nicht, warum wir so häufig den Wohnort wechselten, ahnte nichts von der Spielsucht meines Vaters, die ihn dazu zwang, immer wieder neu anzufangen, wenn die Schulden zu groß geworden und die Gläubiger hinter ihm her waren. Ich sah zwar die Tränen meiner Mutter, aber ich brachte sie nicht mit meinem heißgeliebten Vater in Verbindung, der für mich über jeglichen Tadel erhaben war. So war auch diesmal meine Wut rasch verflogen als er mich in seine starken Arme nahm und mir mit glänzenden Augen von all den Annehmlichkeiten und Abenteuern erzählte die uns in unserer neuen Heimat erwarten würden. Ich war nur zu gerne bereit ihm Glauben zu schenken, mein Vertrauen in ihn war grenzenlos und ich konnte es kaum erwarten endlich loszufahren. Das verweinte Gesicht meiner Mutter sah ich zwar doch ich wollte es nicht wahrnehmen, wollte mich nicht aus meinen Träumen reissen lassen. Für mich war die Welt in Ordnung solange nur mein Vater in meiner Nähe war.


Eingetragen am: 24.07.2008 von Mira
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15176

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: „Nena, mein starkes Mädchen, du bist jetzt alt genug, um unsere Familie mit zu ernähren.“ Während er dies sagte, drückte er mir sanft ein seltsames Gebilde in die Hand. Es erinnerte mich an den Korb, den Mama sonntags immer mit auf den Wochenmarkt nahm. Jedoch fehlte dem Korb in meinen Händen ein Henkel zum Tragen. Stattdessen war ein weißer Gurt an ihm befestigt. Als mein Vater, mein erstauntes Gesicht erblickte, mit dem ich auf das ungewöhnliche Ding in meinen Händen starrte, schmunzelte er. Er nahm den Gurt mit beiden Händen und legte ihn mir um den Hals. Plötzlich verstand ich, was dieser Korb zu bedeuten hat. Plötzlich wusste ich, wo ich dieses eigenartige Korbgebilde schon einmal gesehen hatte. Die Frauen am Strand, kam es mir in den Sinn. Im Sommer, wenn jeder faul in der Sonne am Strand liegt, sind sie es, die in ihrem Bauchladen den Badegästen kühle Getränke bringen. Unermüdlich laufen sie mit nackten Füßen durch den heißen Sand. Den Strand hinauf und wieder hinunter.
„Coca Cola, Fanta, Lemon“, hört man sie schon von weit weg schreien. Ich – Nena Asmani- sollte eine von ihnen werden? Ich sollte eine Strandfrau sein? Ist es das, was mein Vater von mir möchte? Ungläubig starrte ich meinen Vater damals an. Es war der Tag nach meinem achten Geburtstag. Wir standen in seinem Arbeitszimmer. Und die Abendsonne durchflutete den Raum. Lange Zeit sagte niemand von uns beiden ein Wort. Irgendwann strich mein Vater den Gurt an meinen Hals glatt und küsste mich auf die Stirn. Dann wendete er sein Gesicht schnell von mir ab. Es war der Tag, an dem ich Nena Asmani, eine Strandfrau, wurde.
Immer wieder rede ich mir ein, dass es damals Tränen in den Augen meines Vaters waren, als er sich von mir abwendete. Immer wieder versuche ich mir einzureden, dass es ihm leid tat. Doch wusste er damals wirklich, was das Schicksal einer Strandfrau ist?


Kommentar von Christiane

Was ist das Schicksal einer Strandfrau? Du machst mich neugierig.

Eingetragen am: 11.09.2008

Eingetragen am: 22.07.2008 von Shirokee
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15061

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, ich wäre jetzt kein Kleinkind mehr, und solle mich auch dementsprechend benehmen. Dabei hatte ich garnicht vor diesen Wutanfall zu bekommen. Doch irgendetwas in meinem Inneren trieb mich dazu fest aufzustampfen und so laut zu kreischen, dass unsere Nachbarn ganz sicher vor Schrecken von ihren altmodischen wackeligen Stühlen gefallen sind. Vorausgesetzt, sie saßen gerade darauf.


Eingetragen am: 22.07.2008 von Morgana
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15053

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: "Du weißt, dass ich sehr lieb habe, nicht wahr? Du weißt, dass das immer so sein wird, egal, was passiert, oder?" Ich nickte stumm und ahnte, dass jetzt etwas passieren würde, wodurch nichts mehr so sein würde, wie es bis gestern war. "Gut," führte Vater seine Ansprache fort und wischte sich mit der flachen Hand über sein dunkles Gesicht. "Du hast dich sicher schon gefragt, warum du so anders aussiehst, als ich. Warum du wie deine Mutter so helle Haut und braune Locken hast und keine Spur von meinem Teint oder meinem krausen Haar. Liebling, ich bin nicht dein Vater. Ich bin nicht der Mann, der dich in die Welt gesetzt hat. Aber ich bin der, der deine Mutter liebt und dich. Und ich möchte dir weiterhin Papa sein. Mit deiner Mama zusammen möchte ich dich weiterhin Hand in Hand durchs Leben begleiten." Er legte seinen Arm um mich und drückte mich fest an sich. "Warum sagst du mir das?" fragte ich, ohne so recht zu verstehen, was er mir da offenbahrt hatte. "Weil es Menschen gibt, die dir genau das vorhalten werden. Dann brauchst du nicht erschrocken zu sein und kannst sagen: 'Vater werden viele, aber Papa werden nur ganz besondere Männer.' Und da kommt es nicht auf die Hautfarbe an oder wie reich er ist. Nur darauf, dass er seine Familie liebt."
"Und das tust du, nicht wahr? - Das weiß ich doch." Meine kleine Kinderhand strich ihm durch das schwarzbraune Gesicht. Zum ersten Mal fiel mir der starke Kontrast auf. Zwar hatte ich immer gesehen, dass Vater nicht von hier ist, aber warum es auf einmal so wichtig sein sollte, kam mir an diesem Tag nicht in den Sinn. "Halt mich einfach ganz fest, Papa!" sagte ich und schmiegte mich an ihn, wie ich es immer getan hatte.


Eingetragen am: 21.07.2008 von KaBoe
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15007

..."guten Morgen Kerstin, schau mal, ich habe hier noch einen Geburtstagsbrief für dich". Auf meinen Platz am Küchentisch lag ein Brief, der mit schwarzem Stift an Geburtagskind Kerstin Hofer, Lerchenweg 8, in Offenburg, Germany adressiert war. Auf einer blauweißen Briefmarke stand: by airmail.
Wenn ich einen Brief verschicke, muß ich meine Adresse immer oben rechts und klein auf den Umschlag schreiben, aber auf diesem Brief stand sonst nichts. Ich nahm den merkwürdig langen Umschlag in die Hand und dachte, ist sicher so eine extra lange und lustige Karte drin, drehte den Umschlag um und sah, dass er bereits geöffnet worden war. "Papa, du darfst doch nicht meine Post aufmachen!" sagte ich empört als ich schon las was auf dem oberen Rand des Umschlags stand. Julian Hofer, Sunset Drive 1897, Windhook, Namibia. Meine Neugier war geweckt und Papas Vergehen vergessen. Wer schreibt mir zum Geburtstag aus Namibia? "Wo liegt das eigentlich, dieses Namibia?" fragte ich Papa. "Im Süden Arfrikas," sagte Papa etwas bedrückt, aber ich reagierte nicht darauf und zog schon einen länglichen zweiten Umschlag aus dem Brief. Eine kleine Karte mit einem Stauss auf der Vorderseite fiel auf den Tisch. Im zweiten Umschlag steckten zwei kleine Heftchen mit KLM auf dem Deckel und mehreren engbedruckten Zetteln im Innern.
"Was soll das sein?" fragte ich Papa, "ist das ein Gutschein, oder so was?" "Das sind Flugscheine, für dich und Mama," sagte Papa mit gedrückter Stimme und einigen Falten auf der Stirn. "Verzeih, dass wir den Brief schon geöffnet haben," fügte er hinzu, "aber Mama und ich wollten zunächst in Erfahrung bringen, was dein Onkel Julian dir geschickt hat. Julian ist mein Bruder, das weißt du, auch das wir uns schon fast 9 Jahre nicht mehr gesehen haben. Als ich den Absender las, schien es mir richtig, erst einmal selbst nachzusehen, was er schreibt, aber ließ die Karte, dann können wir weiter reden."
Ich drehte die Karte mit dem witzigen Stauss, der so quer ins Bild schaute um und laß: " Happy Birthday Kleines," - ich bin jetzt 8, ärgerte ich mich - "ich bin sehr gespannt auf dich, wenn du mich in den Herbstferien besuchen kommst, werden wir eine tolle Zeit haben. Hier beginnt dann der Frühling. Deine Mama hat mir schon viel über dich erzählt und ich möchte dir zeigen, wo ich jetzt lebe, seit ich vor fast neun Jahren hierher nach Südwest Afrika gezogen bin.
Tausend Grüße Julian."
Am Rand der Karte war ein kleines Foto, von Onkel Julian, vermutete ich. Er trug einen Anzug und hatte einen Bauarbeiterhelm auf dem Kopf. Im Hintergrund sieht man ein Bergwerk mit einem riesigen Bagger. "Mein Onkel Julian besitzt eine Goldmine! Cool!"


Eingetragen am: 20.07.2008 von Heike Bedenbender
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14939

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: "Komm mal zu mir, Anni.Ich habe in den letzten Wochen gesehen, wie zuverlässig du die Arbeiten erledigt hast, die Mutti dir aufgetragen hat. Man merkt, dass du dir ganz viel Mühe gegeben hast mit dem Staße fegen und Müll rausbringen. Ich denke, jetzt, da du schon acht Jahre alt bist, können wir dir deinen sehnlichsten Wunsch erfüllen. Wir fahren jetzt zu Onkel Reiner. Weißt du, der hat gerade junge Häschen und du darfst dir bei ihm eins aussuchen. Das gehört dann dir ganz alleine!"
Ich schlang meine Arme um Papis Hals, drückte ihm einen dicken Schmatz auf die Backe und fragte ganz aufgeregt: "Und der gehört dann ganz wirklich mir alleine?"
"Ja", antwortete mein Vater schmunzelnd," der gehört dir dann mit allem Drum und Dran. Mit Füttern, Stall säubern und regelmäßig Kuscheleinheiten!" Ich tanzte jubelnd durchs Zimmer und warf lachend die Arme in die Luft. Felix würde mein Hase heißen. Felix heißt nämlich: der Glückliche! Und glücklich sollte er bei mir sein. Ach, und wenn es keinen Hasenjungen gäbe, sondern ein Hasenmädchen dann hieße sie halt Felixine! Mein Herz schlug tausend Purzelbäume!


Eingetragen am: 20.07.2008 von Thera
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14905

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater: Wie schön, Luise,ist es, sich mit dir zu unterhalten, du bist ein kluges Kind. Dann erzählte er mir, wie man ihm in russischer Gefangenschaft in den Bauch geschossen habe, als er nicht mehr knien konnte. Er zog sein Unterhemd hoch, ich sah neben seinem Bauchnabel eine kastaniengroße Narbe und erschrak. Armer Vater! Dann drehte er sich um und wies auf eine zweite Narbe in seinem Rücken. Regungslos starrte ich ihn an. Das gefiel ihm. Er nahm mich in seine Arme, ich roch seinen Schweiss. Ich fühlte Ekel, gleichzeitig Mitleid, darum ließ ich es über mich ergehen.


Eingetragen am: 20.07.2008 von lady_holzi
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14899

Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir auf seine, für ihn typische Art, dass er Ende des Monats ausziehen werde. Dabei hielt er mich mit der rechten Hand an meiner linken Schulter fest und suchte mit seinem Blick meine Augen. Eigentlich hatte ich eine Standpauke erwartet, eine Zurechtweisung, wie ich sie immer wieder erhielt, nachdem Mama ihn abends über meine Tagesaktivitäten informiert hatte. Diese Kundmachung, als solche empfand ich seine Worte, ging im ersten Moment gewohnheitsmäßig einfach über mich hinweg. Nach und nach aber wurde mir die Tragweite der Offenbarung bewusst und ich war hin und her gerissen zwischen Freude und Entsetzen.


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