Schreiben Sie mit!
Mustertext von Kapitel 1 mit Übungsaufgabe
1. Woche
Vor einigen Jahren saß ich mit einem befreundeten Autor in einem Café. Er schrieb Sketche und arbeitete gerade an seiner ersten abendfüllenden Produktion fürs Fernsehen. Ich war Teilzeitsekretärin, die bisher einige Buchkritiken veröffentlicht, ein Hörspiel an BBC Radio verkauft hatte und gerade am ersten Roman arbeitete. Wir beide lebten in billigen Mietwohnungen, verdienten unser Geld hier und da und waren voll Hoffnung und Ehrgeiz, was unsere berufliche Zukunft betraf.
Mein Freund kam von einem Vortrag für Studienanwärter, und jemand hatte ihn gefragt, warum er Schriftsteller geworden war. »Weißt du was?«, sagte er, während er in seinem Cappuccino rührte. »Ich habe ihnen zwar irgendwas von der Freude an Sprache und dem kreativen Prozess erzählt, aber eigentlich bin ich Schriftsteller geworden, damit ich nach London ziehen, in Cafés sitzen und mich mit anderen Schriftstellern über das Schreiben unterhalten kann.«
Ich wusste genau, was er meinte. Für Menschen, die, wie wir beide, aus völlig nicht-literarischen Familien stammten, ist das Schriftstellerleben etwas Wundervolles, und zwar mit all den oberflächlichen Dingen, die wir eigentlich verachten sollten: das Cafégeplauder, die Neuerscheinungen, das Durchblättern der Literaturseiten inklusive der leicht schuldbewussten Befriedigung, wenn ein befreundeter Autor eine schlechte Kritik erhält. Vergessen Sie einen Moment lang die Einsamkeit und die Angst, die Paranoia und die finanzielle Unsicherheit, denn das Leben eines Schriftstellers macht Riesenspaß.
Die Sache hat bloß einen Haken. Man muss schreiben. Das ist etwas, was Anfänger manchmal nicht zu begreifen scheinen. Wie viele andere Romanautoren halte auch ich oft Reden auf Festivals oder gebe Schreibkurse, und die Standardfrage gleich am Anfang lautet immer: »Wie haben Sie es geschafft, einen Roman zu veröffentlichen?« Die Frage ist natürlich gut und berechtigt, aber manchmal habe ich das dumpfe Gefühl, dass die Motivation dahinter ein wenig suspekt ist. Was war der Trick?, heißt die eigentliche Frage. Verrat ihn mir, denn dann wird mein Buch auch veröffentlicht. Natürlich klingt es ziemlich arrogant, wenn ich sagen würde, mein Buch wurde veröffentlicht, weil es gut war, aber es wäre ehrlich und könnte angehende Autoren vielleicht von dem Irrtum befreien, die Veröffentlichung sei ein Mysterium oder man brauche entsprechende Beziehungen. Davon hatte ich nämlich keine einzige, nicht einmal, nachdem ich meinen Abschluss auf der University of East Anglia gemacht hatte, deren Schreiblehrgang allgemein (und irrtümlich) als Eintrittskarte in den Club der veröffentlichten Dichter gilt. Ich fand einen Agenten, weil ich bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb den zweiten Platz belegt hatte. Ich habe einen Verlag gefunden, weil ich irgendwann ein Buch geschrieben habe, das gut genug war, um von meinem Agenten verkauft zu werden.
Wenn Sie ein angehender Romanautor sind, finden Sie es vielleicht verblüffend, dass so viele schlechte Bücher veröffentlicht werden, aber das ändert absolut nichts daran, dass Sie erst ein gutes Buch schreiben müssen, wenn Sie es in den Buchhandlungen sehen wollen.
Nur wenige Menschen schaffen es gleich beim ersten Versuch, einen guten Roman zu schreiben. Ich auch nicht. Mein erster veröffentlichter Roman war der dritte, den ich geschrieben hatte, von den zahllosen Fehlstarts, die oftmals Tausende von Wörtern lang waren und an denen ich monatelang gearbeitet hatte, ganz zu schweigen. Wenn auch Sie schon viel angefangen und nicht beendet haben, dann lassen Sie sich davon nicht entmutigen; sehen Sie es als notwendigen Bestandteil des Lernprozesses an. Ich muss immer lachen, wenn ich in einer Biografie über Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit lese, »Hätte er/sie doch nur diese ersten Manuskripte nicht weggeworfen – was für Schätze mögen darin verborgen gewesen sein!«. Unsinn. Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit hat das frühe Zeug in den Müll gesteckt, weil es Müll war!
Das, was dabei herauskommt, wenn Sie sich mit den Kapiteln dieses Buchs beschäftigen, könnte durchaus ein Fehlstart werden – nämlich dann, wenn Sie keine gute Idee für ein Buch haben. Denn die kann weder ich noch sonst irgendjemand Ihnen in den Kopf pflanzen. Wenn Sie diese Übungen machen, werden Sie am Ende keinen fertigen Roman und wahrscheinlich noch nicht einmal einen Erstentwurf haben. Aber sicher werden Sie Rohmaterial haben, aus dem eines Tages vielleicht ein Buch wird, wenn Sie es formen und bearbeiten.
Wie lange braucht man, um einen Roman zu schreiben? Das kommt darauf an. Mein erster Roman, Crazy Paving, entstand in achtzehn Monaten, während ich nebenbei als Sekretärin arbeitete. Eigentlich ist das ziemlich schnell, aber ich war damals jung, ohne Bindung und hatte keine häuslichen Verpflichtungen. Als ich meinen zweiten Roman begann, war ich Theaterkritikerin für eine Sonntagszeitung, was bedeutete, dass ich den ganzen Tag schreiben konnte, bis ich – wie eine Eule – abends das Haus verließ, um ins Theater zu gehen. Das war großartig. Dance with me war in sieben Monaten fertig. Mein drittes Buch wurde anhand eines einseitigen Exposés verkauft, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Ich versprach meinem Verleger, das Buch würde vor dem Kind erscheinen, aber das war eine glatte Lüge. Das Baby kam, als ich beim ersten Kapitel war. Mein Partner arbeitete Vollzeit, und wir hatten keine Betreuung für das Kind. Trotzdem musste ich das Buch fertigstellen, zumal wir uns mit dem Vorschuss eine Wohnung gekauft hatten. Honey-Dew entstand in acht Monaten, der Preis war die totale Erschöpfung. Das ist übrigens der Grund, warum dieses Buch mein kürzestes ist.
Und dann das vierte, Fires in the Dark, das für mich einen echten Richtungswechsel bedeutete. Meine ersten drei Bücher spielten in der heutigen Zeit und waren bevölkert mit weiblichen Charakteren, die ungefähr in meinem Alter waren. Was darin geschah, war nicht einmal entfernt autobiografisch – Honey-Dew handelt von einem Mädchen, das seine Eltern umbringt -, aber ich muss zugeben, dass in Bezug auf Umfeld und Sprache vieles auf meiner eigenen Erfahrung beruhte. Fires in the Dark dagegen spielt in Mitteleuropa über einen Zeitraum von dreißig Jahren im zwanzigsten Jahrhundert. Hauptfigur ist ein Junge vom Stamm der Kalderasch-Roma. In Böhmen geboren, wächst er während der Großen Depression und dem Aufstieg der Nazis auf, kommt in ein Lager und flieht, um am Prager Aufstand im Mai 1945 teilzunehmen. Der Roman war dreimal so lang wie Honey-Dew und entstand in viereinhalb Jahren. Das nächste Buch, Die Wiege aus Stein, war ebenfalls ein langer, historischer Roman, kostete mich jedoch nur ein Viertel der Zeit, weil ich inzwischen wusste, dass man nicht alles über eine bestimmte Zeit wissen muss, wenn man einen historischen Roman verfassen will.
Mit anderen Worten: Ihr Buch wird so lange dauern, wie Sie brauchen. Aber ich werde mich etwas weiter aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass Sie, wenn Sie noch nie ein Buch geschrieben haben, es aber ernst meinen und mit den üblichen Belastungen wie Arbeit oder Familie oder – Gott bewahre – beidem gesegnet sind, von Anfang bis Ende gute drei Jahre brauchen werden. Dieses Buch kann Sie durch das erste Jahr bringen, in dem Sie Material sammeln, sich Notizen machen, erste Pläne entwerfen und erste Szenen schreiben. Im zweiten Jahr werden Sie verzweifeln, das Ding weglegen, es wieder hervorholen, sicher sein, dass Sie Ihre Zeit damit vergeuden und feststellen, dass Sie trotzdem weitermachen möchten. Im dritten Jahr dann wird die eigentliche Schreibarbeit beginnen.
Sie wollen immer noch? Gut. Wir fangen gleich an.
Aber vorher möchte ich Ihnen noch sagen, was dieses Buch nicht kann. Es kann Ihnen – abgesehen von wenigen generellen Hinweisen am Ende - keinen Tipp geben, wie man es schafft, einen Verlag zu finden, der Ihren Roman herausbringt. Als ich meine Zeitungskolumne »Ein Roman in einem Jahr« schrieb, sagte ich mir, dass jeder Brief, der mich nach Agenten oder Verlagen fragen würde, in einer feierlichen Zeremonie in meinem Garten verbrannt werden würde. Das mag etwas grausam klingen, aber ich stehe dazu. Jeder angehende Autor darf sich höchstens ein Prozent seiner Zeit mit der Frage beschäftigen, wie er an eine Agentur oder Verlag kommt; die restlichen neunundneunzig Prozent sollte man nutzen, um sich darauf zu konzentrieren, einen spannenden Plot zu entwickeln, überzeugende Charaktere zu erschaffen und klare, schöne Prosa zu schreiben. Zu viele Anfängerautoren machen das mit dem einen und den neunundneunzig anderen Prozent genau umgekehrt. Das Buch zu veröffentlichen, mag unmöglich erscheinen und ist es manchmal auch, aber wenn Sie noch kein gutes Buch geschrieben haben, dann sollte dies, ehrlich gesagt, Ihr allerletztes Problem sein. Das Einzige, was Sie im Augenblick im Kopf haben sollten, ist das Schreiben selbst. Schreiben Sie Ihr Buch, schreiben Sie es gut und schreiben Sie es noch einmal um, damit es noch besser wird.
Ich vermute, dass an dieser Stelle ein oder zwei von Ihnen verächtlich schnauben werden, vor allem dann, wenn Sie bereits ein noch unveröffentlichtes Buch geschrieben haben oder Stammgast in Schreibseminaren sind. Spannender Plot? Überzeugende Charaktere? Klare Prosa? Pah. Das ist doch was für Anfänger.
Ich habe früher öfter solche Abendschreibkurse geleitet. Meine am wenigsten talentiertesten Schüler waren stets die, die schon herablassend grinsend ankamen und davon überzeugt waren, dass es nur einer großangelegten Verschwörung, zu der natürlich auch ich gehörte, zuzuschreiben war, dass sie noch nichts veröffentlicht hatten. Einerseits wollten sie den Saum meines Umhangs berühren, als sei die Veröffentlichung ein übertragbares Virus, das überspringen würde, wenn man sich nur hartnäckig und lang genug an mich klammerte. Andererseits waren sie sich sicher, dass sie nichts mehr zu lernen hatten und verachteten sich selbst und die anderen Teilnehmer, weil sie hier saßen. Und hier kommt die Erkenntnis dieser Woche: Wir alle haben etwas zu lernen. Sogar Ian McEwan oder Margaret Atwood oder Toni Morrison haben noch etwas zu lernen, und sie sind deshalb so wunderbare Schriftsteller, weil sie das genau wissen – und an jedem Buch verdammt hart arbeiten.
Talent kann man nicht lernen, und wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie nicht mehr oder weniger talentiert sein als zuvor. Aber man kann sich das Handwerk aneignen, und beim Schreiben von Romanen gibt es mehr Techniken und Methoden zu erlernen, als die meisten Romanautoren zugeben würden. Nehmen wir zum Beispiel Plot und Struktur, eines meiner Lieblingsthemen: »Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende«, sagt Jean-Luc Godard, »nur nicht zwingend in dieser Reihenfolge.« Das ist hübsch, aber nicht wahr. Selbst Bücher, die scheinbar vollkommen kunstlos und handlungsfrei sind, haben eine gewisse Struktur, und sei es dadurch, dass es sich um Romane handelt, denn hätten sie keine Struktur, wären es nur aufgezeichnete Gedanken. »Jedes Mal, wenn ich einen Roman anfange«, sagte die überaus versierte Susan Hill, »erhebt er sich vor mir wie ein Berg, und ich sage mir, >Oh, nein, diesmal bist du zu weit gegangen.<« Wenn man sich einmal in Ruhe überlegt, an welche Größenordnung man sich heranwagt, wenn man ein Buch von, sagen wir, achtzigtausend Wörtern schreibt, dann erscheint und dies als einschüchternde und nicht zu bewältigende Aufgabe. Um sie weniger abschreckend zu machen, muss man sie in ihre Bestandteile zerlegen und diese nacheinander angehen. In den folgenden Kapiteln biete ich Ihnen verschiedene Aspekte der Techniken in nicht zu großen Portionen an. Natürlich überschneiden sich viele Themen, eine Dialogübung kann Sie durchaus direkt zu einem beschreibenden Abschnitt führen, aber daran ist nichts verkehrt. In dieser Phase muss Ihre Arbeit nicht perfekt geordnet sein, es wäre sogar reichlich merkwürdig, wenn es so wäre. Die Hauptsache ist, dass Sie so viel schreiben wie möglich. Das Chaos lässt sich später immer noch bereinigen.
»Die Kunst des Schreibens«, meint Kingsley Amis, »ist die Kunst, den eigenen Hosenboden auf den eigenen Stuhl zu setzen.« Also fangen Sie an. Nehmen Sie sich Stift und Papier ...
Übung 1
... und schreiben Sie einen Satz, der mit folgenden Worten beginnt:
»Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...«
Sie können natürlich auch mehr schreiben, aber wenn Ihnen nur ein Satz dazu einfällt, dann ist das auch in Ordnung.
Wenn Sie darüber nachdenken, wie Sie diesen Einstiegssatz beenden, kann es sein, dass Ihnen einer, dann ein anderer und dann noch weitere in den Sinn kommen. Wenn nicht, ist das nicht weiter schlimm. Natürlich kann es auch sein, dass Ihnen plötzlich ein ganz eigener Anfangssatz einfällt, oder nicht, was auch vollkommen in Ordnung ist. Vervollständigen Sie einfach nur den, den ich begonnen habe, wenn Sie zu mehr im Augenblick keine Lust oder Muße haben.
Möglich, dass Sie schon während dieser Übung die kleine spöttische Stimme im Kopf hören, die Ihnen sagt, dass Sie niemals einen Roman schreiben werden. Oder eine, die behauptet, dies hier sei blöd, weil zu einfach. Beide Sätze sind gleichermaßen destruktiv und Sie sollten sie ignorieren. Jeder muss irgendwo anfangen. Laurence Sterne, Emily Brontë und Nadine Gordimer haben auch einmal irgendwo angefangen. Jeder Roman in der Geschichte der Literatur beginnt mit einem Satz, also beginnen Sie jetzt.
Leserbeiträge
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13390
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er jetzt gehen müsse, für lange Zeit, vielleicht sogar für immer.
"Wohin?" fragte ich ihn.
Er strich mir über den Kopf: "Frag' deine Mutter, sie wird es dir erklären, ich selbst habe weder den Mut noch die Kraft dazu mit dir darüber zu sprechen."
Kurze Zeit später hörte ich die Wohnungstür klappen, da wurde es auf einmal sehr still um mich herum und ich wagte es nicht aufzustehen. Ich hatte Angst meine Mutter zu fragen, was dies alles bedeuten soll.
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-wieder einmal völlig betrunken- etwas über Vernunft, harte Arbeit, und wie wichtig es ist fleissig zu lernen, dass aus mir später was wird, und ich viel Geld verdiene, und dann ihm -wenn er alt geworden ist, und auf mich angewiesen ist- ihn versorgen kann. Ihn, der mich, meine Mutter, meine Geschwister jeden Tag brutal zusammengeschlagen hat, sich nie um uns gekümmert hat, meine Mutter betrogen hat, während sie schwanger war, und uns allem das Leben nur schwer gemacht hat.Ich habe ihn gehasst!
Heute denke ich aber oft an diesen Tag, aber der Hass ist verschwunden.Ich nehme ihn an wie er ist! Wir liegen uns nicht in den Armen, wenn wir uns sehen, aber wir streiten uns auch nicht mehr. Ich habe meine Erleuchtung gefunden, der mir die Augen geöffnet hat, und mich die Menschen annehmen lässt, egal wie sie sind. Ich biete meine Hilfe an, aber wenn sie es nicht wollen, ist es auch nicht schlimm. Jetzt kann ich vergeben...
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13292
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, er würde in der Nacht verreisen müssen, und es würde eine lange Reise werden.
Während er das sagte, schaute er mich nicht an. Er sah auf seine Schuhe. Ich sah auch auf seine Schuhe.
Sie glänzten schwarz, besondes vorne, wo sie ganz spitz waren und sich die Spitze etwas nach oben bog. Ich fragte mich immer, wie seine ganzen Zehen dort hinein passen konnten, in seine guten Schuhe, und ich mochte die Vorstellung nicht, wie sie dort unter der glänzenden Spitze eng aneinandergedrückt, vielleicht sogar ein bisschen aufeinander liegend, im Schuh stecken mussten. Darum mochte ich sie nicht, seine guten Schuhe.
Der Preis, den seine Zehen für den Schick zahlten, verlor mein Vater an Würde.
Gerade drängte sich, wie immer, wenn ich mit meinen Gedanken schon so weit gekommen war, der Vergleich von meinem Vater mit zu schnell zu alt gewordenen Frauen auf, deren gequetschte Zehen mir wie das Sinnbild ihrer täglichen Mühsal schien, da hörte ich, dass mein Vater sich räusperte. Als ich aufblickte, trafen sich unsere Augen. Sehr kurz. Sehr klar.
Später sollte es zu einer Besessenheit von mir werden, wissen zu wollen, ob er mich schon länger angeschaut hatte oder im selben Moment den Kopf gehoben hatte wie ich, und das eine oder andere sollte mir zeigen, ob ich in der Hölle oder im Himmel landen würde, so wichtig schien es mir.
Aber in diesem Moment, als unsere Blicke sich trafen, tat es einfach nur so weh, dass ich lieber wieder auf seine Schuhe guckte. Alle Bilder dazu hatte ich schon abgespult und so sahen sie diesmal nur schwarz und spitz und stumm aus. So stumm, dass ich mich fühlte, als wäre a l l e s stumm geworden. Und würde für immer stumm bleiben. Ich war gerade acht geworden, als mein Vater mir sagte, er würde in der Nacht verreisen müssen. Und dass es eine lange Reise werden würde.
Ich sah alle möglichen Worte im Zimmer herumpurzeln, kreuz und quer, zwischen uns, über uns, hinter uns, neben uns. Kleine und eckige und dünne und kurze und dicke und große und helle und dunkle. Wie alle Worte zusammen. Und alle waren stumm.
Ich wusste, mein Vater hatte sie gerade eben stumm gemacht. Nichts anders wusste ich. Nichts anderes hatte ich gehört. Nichts anders hatte ich verstanden.
Wir saßen so eng beieinander, dass ich seine Knie wegschubsen musste, um an ihm vorbeizukommen.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir meine Zukunft voraus. Er nahm meine Hand in seine, schaute nachdenklich die Schicksalslinie an und betastete meine schmalen, aber kräftigen und geschickten Finger. "Du wirst es einmal besser haben als ich. Wenn du erwachsen bist, wirst du alles haben, was mir fehlt: Schönheit, Reichtum, ein Leben ganz nach deinen Wünschen..." - Wie sollte das wohl gehen? Schön war ich bestimmt nicht. Meine Schneidezähne standen nach vorn wie bei einem Kaninchen, täglich ärgerte ich mich über meine knallroten Haare. Und reich? Vielleicht mit einem Lottogewinn? -"Bis dahin werde ich dir alles beibringen, was ich dir nur beibringen kann. Jetzt bist du alt genug. Gleich fängt die erste Lektion an...
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13214
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er krank wäre. Ich erinnere mich noch deutlich, dass diese banale Worte keinen Eindruck bei mir hinterließen, auch nicht die 3 kleinen Buchstaben ALS. Krank war ich öfter mal, Vater zwar seltener, aber auch er durfte mal krank sein. Unbekümmert entgegnete ich:" Morgen scheint die Sonne wieder!" Das war unser Spruch zuhause, wenn einer in unsrer Familie, also meine Oma Elli, mein Opa Erwin, meine Schwester Bibi, meine Mama und mein Papa, ich, und manchmal sogar unser Hund Wackel-Dackel an irgendwelchen Leiden erkrankten. "Morgen scheint die Sonne wieder!" wiederholte ich vorsichtshalber ein zweites Mal, als ich feststellte, dass mein Vater immer noch etwsa belämmert da saß. Dann wandte ich mich meinem neuen Spielzeug zu, dass mir meine Patentante am Vortag geschenkt hatte. damals, vor 20 Jahren, wurde man als Kind noch richtig überrascht, man hatte keine Idee, was sich in einer großen bunt verpackten Kiste mit glänzender Schleife verbarg.
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13198
Am Tag nach meinem 8.Geburtstag sagte mein Vater mir die Wahrheit. Es war Oktober und die Bäume vor unserem Haus hatten sich in allen Farben der Sonne verfärbt. Es war noch mild draußen, der Winter schlich sich nur langsam an. Wir saßen draussen auf der Terasse, -ich mit einer Limo und er mit einer Flasche Bier- dick eingehüllt in unsere Winterjacken, die letzten Sonnenstrahlen des frühen Abends genießend. Ich weiß noch, dass sein ernstes Gesicht mir Angst machte, auch wenn ich nicht verstand, was das bedeutete, das er mir mit seiner vom Zigarrenrauch rauen Stimme erzählen wollte. Er sprach leise und stockend, als er mir erklärte, was mit meiner Mutter geschehen war.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag , sagte mein Vater mir
" Ich muß dir etwas erzählen , etwas das sehr wichtig ist .
Es ist ein lang gehütetes Geheimniss und wird dein Leben komplett verändern ."
Wie gebannt hängte ich an den Lippen meines geliebten Vaters . Würde ich heute etwas über das Verschwinden meiner Mutter erfahren ? Immer und immer wieder ,bat ich ihn mir das Geheimniss anzuvertrauen , doch immer war seine Antwort ,das ich dafür noch zu jung wäre. Sollte es heute soweit sein ? Beinah zitterte ich vor Aufregung , als mein Vater fortfuhr.
" Es geschah ein Jahr nach deiner Geburt ....."
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...
"Es ist Zeit für mich zu gehen meine kleine Prinzessin". Ich lag zusammengerollt im Arm meines Vaters, den Kopf fest an seine Brust gepresst um sein Herz schlagen zu hören. Meine kleinen Arme um seinen Hals geschlungen. Das Zimmer war nur schwach beleuchtet und es roch nach Desinfektionsmittel. Ich hielt den Atem an. Ich hatte Angst mich zu bewegen und nur ein Wort oder einen Atemzug von ihm zu verpassen. Mit Mühe drehte er seinen Kopf und sah mich an. Er lächelte und eine Träne rollte über seine Wange. Als er mich auf die Stirn küsste flüsterte er:"ich liebe Dich meine Kleine" und ich konnte hören wie sein Herz langsamer schlug bis es kurz darauf verstummte. Ich blieb so lange liegen, bis ich ein letztes Mal in seinen Armen einschlief. Erst dann trug mich meine Mutter nach Hause.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ich solle mich zu ihm setzen, denn er hätte mir etwas zu eröffnen. Etwas aus der Zeit an die ich mich nicht mehr erinnern konnte, die einen Flecken weißer Leinwand im Gemälde meine Lebens darstellte. Es würde meine Sicht der Welt um mich herum genau so verändern wie die die Sicht auf mich selber.
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13120
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass ich von nun an tagsüber für mich selbst sorgen solle. Also, nicht in allem, nein, nur was die Mahlzeiten und alles, was ich tagsüber alleine mache,beträfe. Ich sei nun alt genug und könne nicht erwarten, daß Mutter und er sich weiterhin so viel Zeit nehmen würden für Dinge, von denen man erwarten könne, dass ich sie nun auch alleine übernehmen kann. Ich schaute ihn still an und verstand zuerst gar nicht, was er sagte. Ich war gerade acht Jahre alt geworden. War ich jetzt schon erwachsen? War es das,was er mir sagen wollte oder ...
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Am Tag nach meinem 8. Geburtstag sagte mein Vater zu mir: "Mein Liebling. Irgendwann wirst du, all das hier erben." Er zeigte um sich auf die Landschaft und auf das Haus in dem wir uns befanden. Kurze Stille trat ein und wir genossen den Sonnenuntergang. Nach diesem Erlebnis trug er mich langsam wieder ins Bett und sprach weiter "dann wirst du das Haus mit so viel Liebe füllen, wie es deine Mutter getan hat als sie noch lebte." Ich schaute ihn ahnungslos an und bemerkte eine Träne die an seiner Wange hinablief. Meine zarten Finger wischte sie weg. Er grinste und legte die Decke über mich. "Irgendwann wirst du das schon verstehen." Er gab mir ein Kuss, voller Liebe, auf die Stirn. "Gute Nacht, mein Engelchen."
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass es nicht meine Schuld sei.
Hilflos und mit Tränen in den Augen musste ich mit ansehen, wie er wahllos seine Sachen in Plastiktüten stopfte und bald darauf die Wohnung mit lautem Türknall verließ.
Meine Kinderseele bekam einen tiefen Riss, der niemals heilen sollte, aber das ahnte ich damals natürlich noch nicht.
Wie konnte ich auch voraussehen, dass meine Mutter mir nur eine halbe Stunde später den Rücken blutig schlug, weil ich meinem Vater die Tür geöffnet hatte, obwohl sie es mir ausdrücklich verboten hatte. Ich dachte, dass er wieder nach Hause kam, als er versuchte das ausgetauschte Schloß mit seinem Schlüssel zu öffnen.
Wie konnte ich voraussehen, dass meine kleine heile Kinderwelt in diesem Moment zerbrach.
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13064
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, er würde in vier Tagen zum Mond fliegen - ob ich mitkommen wolle. Ich schüttelte den Kopf, denn in vier Tagen... das war ein Donnerstag und donnerstags konnte ich nie, da hatte ich Fußballtraining.
Unsere Mannschaft war die beste aller Zeiten in dem Jahr - und ich war ihr Torwart!
Also mußte er allein zum Mond fl... waaaas? Zum Mond?Häää? Konnte das war sein oder hatte er mal wieder einen seiner Witze gemacht?
Ich schaute ihn an. Er hatte sich schon wieder hinter der Zeitung verschanzt.
Eisblume
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13004
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir eine Menge Unwahrheiten, die in der Aussage gipfelten, dass er ein böser Mensch sei. Nun, vielleicht glaubten einige, dass er durch seine Taten diese Bezeichnung wirklich verdiente, nur musste ich doch am Besten wissen, dass er es nicht aus Boshaftigkeit getan hatte, sondern seine Gene ihm keine andere Wahl ließen.
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12996
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, daß wir in dieser Stadt nicht mehr bleiben könnten. Es wäre zu gefährlich, weiterhin hier zu wohnen. Dieses Protestantenpack würde auch nicht halt vor Konfessionslosen machen, und bald auch nicht mehr davor zurückschrecken, Frauen und Kinder mit reinzuziehen, so wie sie es ja mit ihren Bomben schon immer gemacht hatten.
Aber diesmal, dieses Mal würde es zu bewaffneter Konfrontation auf der Straße kommen, vielleicht sogar zum Krieg, und deswegen könne er es, auch wenn Schriftsteller wie er eigentlich die Pflicht hätten, hier zu bleiben und darüber zu schreiben, was in diesem Land vor sich geht, nicht verantworten, wenn mir etwas zustoßen würde. Es wäre einfach zuviel für ihn. Meine Mutter wäre auch genau in solch einer Situation ums Leben gekommen, damals in Kenia, aber da sei ich noch zu klein gewesen und könne mich sicher nicht mehr daran erinnern. ...
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12938
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...
"Pack schon mal deine Geige aus, ich hole nur schnell die Noten." Ich ging in mein Zimmer, öffnete das Fenster und stieg hinaus in den Garten um am anderen Ende die Mauer zu überqueren, die den Garten vom Nachbargrundstück trennte.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir etwas, das ich den Rest meines Lebens nicht mehr aus dem Kopf bekommen würde. Immer wieder klangen diese Worte in meinen Ohren. Immer wieder diese Sätze. Nacht für Nacht sah ich schreckliche Bilder vor mir. Und niemals sollte diese Qual ein Ende finden. "Kind, deine Mutter. Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, aber sie wird nicht wieder kommen. Nie wieder. Sie ist tot." Nein, das konnte nicht sein. Einfach nicht sein. Warum? Warum meine Mutter? Warum konnte es nicht die Mutter von irgendjemand anderem sein? Aber warum meine Mutter? Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Von da an war die Farbe aus meinem Leben verschwunden. Wie sollte ich nur ohne meine Mutter leben? Sie und mein Vater waren einfach alles für mich gewesen. Aber ich konnte nichts tun. Einfach nichts tun. Konnte nachts nicht schlafen, konnte kaum essen, wollte nicht mehr leben. Aber ich konnte meinen Vater nicht alleine lassen. Nein, das war ich ihm schuldig. Denn nicht nur ich, hatte meine Mutter verloren, er hatte seine Frau verloren. Den Menschen, den er über alles liebte. Und er konnte nie wieder eine andere Frau so sehr lieben. Worüber ich auch nicht gerade unglücklich war. Denn niemand konnte meine Mutter ersetzen. Trotzdem konnte ich meinen Vater nicht so sehr leiden sehen. Und sein Leiden fand einfach kein Ende. Aber auch mein Leiden war unerträglich. Weiter angespornt durch das meines Vaters. Anstatt uns gegenseitig zu helfen verschlimmerten wir die Situation nur noch weiter. Bis zu diesem einen Tag. Es war mein 18. Geburtstag und da klingelte es an unserer Tür. Ich, als Geburtstagskind, öffnete selbstverständlich die Tür. Und wer stand da vor mir? Zwar etwas ergraut und mit ein paar Falten mehr im Gesicht, als ich es in Erinnerung hatte? Meine Mutter...
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, ich müsse nun die Wahrheit über meine Mutter erfahren. Ich müsse verstehen, warum er so lange mit dieser Erklärung gewartet habe. Ich war damals noch nicht bereit. Vielleicht bin ich es auch heute noch nicht. Aber konnte ich mich damals wehren? Nein.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, ich sei nicht seine Tochter. Die Kerzen auf den Resten meiner Geburtstagstorte änderten in diesem Moment ihre Farbe, von einem strahlendem Rubinrot zu einem verschatteten Violett. Hansi, unser ewig trällernder Kanarienvogel verstummte abrupt. Und ich, ich saß da und spürte Nichts - kein Erschrecken, keinen Schmerz, einfach nur hohles, leeres Nichts. Jahre später wurde mir klar, daß ich in diesem Augenblick plötzlich und auf einen Schlag erwachsen geworden war. Daß die grausamen Ereignisse der nachfolgen Jahre nur dazu dienten, diesen so plötzlich geschaffenen leeren Erwachsenen - Raum in mir zu füllen, mit Leben, mit Erfahrungen, mit Instrumenten zum Ertragenkönnen dieses in ihm kreisenden Satzes: „Schätzchen, ich bin nicht dein Vater“.
Doch in diesem Augenblick, an diesem nachgeburtstaglichen Kaffetisch in unserem gemütlichen Reihenhaus ahnte ich von alledem nichts. Kuchen essend und Kakao trinkend hörte ich den Erklärungen meines Vaters zu, besser gesagt, ich gab vor, zuzuhören. Im Geiste war ich meilenweit weg, saß mit meiner Freundin Marie am Baggersee und ließ Steine auf der glitzernden Wasserfläche hopsen, damals eine unserer Lieblingsbeschäftigungen....
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er unsere Familie für eine gewisse Zeit alleine lassen müsste, weil er in Japan - wo ist Japan? dachte ich - eine neue, großartige Arbeit bekommen hätte.
Wir - Mama, mein Bruder Carlo und ich - könnten in einigen Wochen nachkommen, dann hätte er eine schöne Wohnung in den Bergen oder am Meer für uns gefunden.
"Und nach der Arbeit, am Abend, kommst du dann wieder heim von Japan?",fragte ich einigermaßen bestürzt: er las mir doch immer vor dem Einschlafen eine Geschichte aus meinem Traumbuch vor.
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