Schreiben Sie mit!
Mustertext von Kapitel 1 mit Übungsaufgabe
1. Woche
Vor einigen Jahren saß ich mit einem befreundeten Autor in einem Café. Er schrieb Sketche und arbeitete gerade an seiner ersten abendfüllenden Produktion fürs Fernsehen. Ich war Teilzeitsekretärin, die bisher einige Buchkritiken veröffentlicht, ein Hörspiel an BBC Radio verkauft hatte und gerade am ersten Roman arbeitete. Wir beide lebten in billigen Mietwohnungen, verdienten unser Geld hier und da und waren voll Hoffnung und Ehrgeiz, was unsere berufliche Zukunft betraf.
Mein Freund kam von einem Vortrag für Studienanwärter, und jemand hatte ihn gefragt, warum er Schriftsteller geworden war. »Weißt du was?«, sagte er, während er in seinem Cappuccino rührte. »Ich habe ihnen zwar irgendwas von der Freude an Sprache und dem kreativen Prozess erzählt, aber eigentlich bin ich Schriftsteller geworden, damit ich nach London ziehen, in Cafés sitzen und mich mit anderen Schriftstellern über das Schreiben unterhalten kann.«
Ich wusste genau, was er meinte. Für Menschen, die, wie wir beide, aus völlig nicht-literarischen Familien stammten, ist das Schriftstellerleben etwas Wundervolles, und zwar mit all den oberflächlichen Dingen, die wir eigentlich verachten sollten: das Cafégeplauder, die Neuerscheinungen, das Durchblättern der Literaturseiten inklusive der leicht schuldbewussten Befriedigung, wenn ein befreundeter Autor eine schlechte Kritik erhält. Vergessen Sie einen Moment lang die Einsamkeit und die Angst, die Paranoia und die finanzielle Unsicherheit, denn das Leben eines Schriftstellers macht Riesenspaß.
Die Sache hat bloß einen Haken. Man muss schreiben. Das ist etwas, was Anfänger manchmal nicht zu begreifen scheinen. Wie viele andere Romanautoren halte auch ich oft Reden auf Festivals oder gebe Schreibkurse, und die Standardfrage gleich am Anfang lautet immer: »Wie haben Sie es geschafft, einen Roman zu veröffentlichen?« Die Frage ist natürlich gut und berechtigt, aber manchmal habe ich das dumpfe Gefühl, dass die Motivation dahinter ein wenig suspekt ist. Was war der Trick?, heißt die eigentliche Frage. Verrat ihn mir, denn dann wird mein Buch auch veröffentlicht. Natürlich klingt es ziemlich arrogant, wenn ich sagen würde, mein Buch wurde veröffentlicht, weil es gut war, aber es wäre ehrlich und könnte angehende Autoren vielleicht von dem Irrtum befreien, die Veröffentlichung sei ein Mysterium oder man brauche entsprechende Beziehungen. Davon hatte ich nämlich keine einzige, nicht einmal, nachdem ich meinen Abschluss auf der University of East Anglia gemacht hatte, deren Schreiblehrgang allgemein (und irrtümlich) als Eintrittskarte in den Club der veröffentlichten Dichter gilt. Ich fand einen Agenten, weil ich bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb den zweiten Platz belegt hatte. Ich habe einen Verlag gefunden, weil ich irgendwann ein Buch geschrieben habe, das gut genug war, um von meinem Agenten verkauft zu werden.
Wenn Sie ein angehender Romanautor sind, finden Sie es vielleicht verblüffend, dass so viele schlechte Bücher veröffentlicht werden, aber das ändert absolut nichts daran, dass Sie erst ein gutes Buch schreiben müssen, wenn Sie es in den Buchhandlungen sehen wollen.
Nur wenige Menschen schaffen es gleich beim ersten Versuch, einen guten Roman zu schreiben. Ich auch nicht. Mein erster veröffentlichter Roman war der dritte, den ich geschrieben hatte, von den zahllosen Fehlstarts, die oftmals Tausende von Wörtern lang waren und an denen ich monatelang gearbeitet hatte, ganz zu schweigen. Wenn auch Sie schon viel angefangen und nicht beendet haben, dann lassen Sie sich davon nicht entmutigen; sehen Sie es als notwendigen Bestandteil des Lernprozesses an. Ich muss immer lachen, wenn ich in einer Biografie über Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit lese, »Hätte er/sie doch nur diese ersten Manuskripte nicht weggeworfen – was für Schätze mögen darin verborgen gewesen sein!«. Unsinn. Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit hat das frühe Zeug in den Müll gesteckt, weil es Müll war!
Das, was dabei herauskommt, wenn Sie sich mit den Kapiteln dieses Buchs beschäftigen, könnte durchaus ein Fehlstart werden – nämlich dann, wenn Sie keine gute Idee für ein Buch haben. Denn die kann weder ich noch sonst irgendjemand Ihnen in den Kopf pflanzen. Wenn Sie diese Übungen machen, werden Sie am Ende keinen fertigen Roman und wahrscheinlich noch nicht einmal einen Erstentwurf haben. Aber sicher werden Sie Rohmaterial haben, aus dem eines Tages vielleicht ein Buch wird, wenn Sie es formen und bearbeiten.
Wie lange braucht man, um einen Roman zu schreiben? Das kommt darauf an. Mein erster Roman, Crazy Paving, entstand in achtzehn Monaten, während ich nebenbei als Sekretärin arbeitete. Eigentlich ist das ziemlich schnell, aber ich war damals jung, ohne Bindung und hatte keine häuslichen Verpflichtungen. Als ich meinen zweiten Roman begann, war ich Theaterkritikerin für eine Sonntagszeitung, was bedeutete, dass ich den ganzen Tag schreiben konnte, bis ich – wie eine Eule – abends das Haus verließ, um ins Theater zu gehen. Das war großartig. Dance with me war in sieben Monaten fertig. Mein drittes Buch wurde anhand eines einseitigen Exposés verkauft, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Ich versprach meinem Verleger, das Buch würde vor dem Kind erscheinen, aber das war eine glatte Lüge. Das Baby kam, als ich beim ersten Kapitel war. Mein Partner arbeitete Vollzeit, und wir hatten keine Betreuung für das Kind. Trotzdem musste ich das Buch fertigstellen, zumal wir uns mit dem Vorschuss eine Wohnung gekauft hatten. Honey-Dew entstand in acht Monaten, der Preis war die totale Erschöpfung. Das ist übrigens der Grund, warum dieses Buch mein kürzestes ist.
Und dann das vierte, Fires in the Dark, das für mich einen echten Richtungswechsel bedeutete. Meine ersten drei Bücher spielten in der heutigen Zeit und waren bevölkert mit weiblichen Charakteren, die ungefähr in meinem Alter waren. Was darin geschah, war nicht einmal entfernt autobiografisch – Honey-Dew handelt von einem Mädchen, das seine Eltern umbringt -, aber ich muss zugeben, dass in Bezug auf Umfeld und Sprache vieles auf meiner eigenen Erfahrung beruhte. Fires in the Dark dagegen spielt in Mitteleuropa über einen Zeitraum von dreißig Jahren im zwanzigsten Jahrhundert. Hauptfigur ist ein Junge vom Stamm der Kalderasch-Roma. In Böhmen geboren, wächst er während der Großen Depression und dem Aufstieg der Nazis auf, kommt in ein Lager und flieht, um am Prager Aufstand im Mai 1945 teilzunehmen. Der Roman war dreimal so lang wie Honey-Dew und entstand in viereinhalb Jahren. Das nächste Buch, Die Wiege aus Stein, war ebenfalls ein langer, historischer Roman, kostete mich jedoch nur ein Viertel der Zeit, weil ich inzwischen wusste, dass man nicht alles über eine bestimmte Zeit wissen muss, wenn man einen historischen Roman verfassen will.
Mit anderen Worten: Ihr Buch wird so lange dauern, wie Sie brauchen. Aber ich werde mich etwas weiter aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass Sie, wenn Sie noch nie ein Buch geschrieben haben, es aber ernst meinen und mit den üblichen Belastungen wie Arbeit oder Familie oder – Gott bewahre – beidem gesegnet sind, von Anfang bis Ende gute drei Jahre brauchen werden. Dieses Buch kann Sie durch das erste Jahr bringen, in dem Sie Material sammeln, sich Notizen machen, erste Pläne entwerfen und erste Szenen schreiben. Im zweiten Jahr werden Sie verzweifeln, das Ding weglegen, es wieder hervorholen, sicher sein, dass Sie Ihre Zeit damit vergeuden und feststellen, dass Sie trotzdem weitermachen möchten. Im dritten Jahr dann wird die eigentliche Schreibarbeit beginnen.
Sie wollen immer noch? Gut. Wir fangen gleich an.
Aber vorher möchte ich Ihnen noch sagen, was dieses Buch nicht kann. Es kann Ihnen – abgesehen von wenigen generellen Hinweisen am Ende - keinen Tipp geben, wie man es schafft, einen Verlag zu finden, der Ihren Roman herausbringt. Als ich meine Zeitungskolumne »Ein Roman in einem Jahr« schrieb, sagte ich mir, dass jeder Brief, der mich nach Agenten oder Verlagen fragen würde, in einer feierlichen Zeremonie in meinem Garten verbrannt werden würde. Das mag etwas grausam klingen, aber ich stehe dazu. Jeder angehende Autor darf sich höchstens ein Prozent seiner Zeit mit der Frage beschäftigen, wie er an eine Agentur oder Verlag kommt; die restlichen neunundneunzig Prozent sollte man nutzen, um sich darauf zu konzentrieren, einen spannenden Plot zu entwickeln, überzeugende Charaktere zu erschaffen und klare, schöne Prosa zu schreiben. Zu viele Anfängerautoren machen das mit dem einen und den neunundneunzig anderen Prozent genau umgekehrt. Das Buch zu veröffentlichen, mag unmöglich erscheinen und ist es manchmal auch, aber wenn Sie noch kein gutes Buch geschrieben haben, dann sollte dies, ehrlich gesagt, Ihr allerletztes Problem sein. Das Einzige, was Sie im Augenblick im Kopf haben sollten, ist das Schreiben selbst. Schreiben Sie Ihr Buch, schreiben Sie es gut und schreiben Sie es noch einmal um, damit es noch besser wird.
Ich vermute, dass an dieser Stelle ein oder zwei von Ihnen verächtlich schnauben werden, vor allem dann, wenn Sie bereits ein noch unveröffentlichtes Buch geschrieben haben oder Stammgast in Schreibseminaren sind. Spannender Plot? Überzeugende Charaktere? Klare Prosa? Pah. Das ist doch was für Anfänger.
Ich habe früher öfter solche Abendschreibkurse geleitet. Meine am wenigsten talentiertesten Schüler waren stets die, die schon herablassend grinsend ankamen und davon überzeugt waren, dass es nur einer großangelegten Verschwörung, zu der natürlich auch ich gehörte, zuzuschreiben war, dass sie noch nichts veröffentlicht hatten. Einerseits wollten sie den Saum meines Umhangs berühren, als sei die Veröffentlichung ein übertragbares Virus, das überspringen würde, wenn man sich nur hartnäckig und lang genug an mich klammerte. Andererseits waren sie sich sicher, dass sie nichts mehr zu lernen hatten und verachteten sich selbst und die anderen Teilnehmer, weil sie hier saßen. Und hier kommt die Erkenntnis dieser Woche: Wir alle haben etwas zu lernen. Sogar Ian McEwan oder Margaret Atwood oder Toni Morrison haben noch etwas zu lernen, und sie sind deshalb so wunderbare Schriftsteller, weil sie das genau wissen – und an jedem Buch verdammt hart arbeiten.
Talent kann man nicht lernen, und wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie nicht mehr oder weniger talentiert sein als zuvor. Aber man kann sich das Handwerk aneignen, und beim Schreiben von Romanen gibt es mehr Techniken und Methoden zu erlernen, als die meisten Romanautoren zugeben würden. Nehmen wir zum Beispiel Plot und Struktur, eines meiner Lieblingsthemen: »Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende«, sagt Jean-Luc Godard, »nur nicht zwingend in dieser Reihenfolge.« Das ist hübsch, aber nicht wahr. Selbst Bücher, die scheinbar vollkommen kunstlos und handlungsfrei sind, haben eine gewisse Struktur, und sei es dadurch, dass es sich um Romane handelt, denn hätten sie keine Struktur, wären es nur aufgezeichnete Gedanken. »Jedes Mal, wenn ich einen Roman anfange«, sagte die überaus versierte Susan Hill, »erhebt er sich vor mir wie ein Berg, und ich sage mir, >Oh, nein, diesmal bist du zu weit gegangen.<« Wenn man sich einmal in Ruhe überlegt, an welche Größenordnung man sich heranwagt, wenn man ein Buch von, sagen wir, achtzigtausend Wörtern schreibt, dann erscheint und dies als einschüchternde und nicht zu bewältigende Aufgabe. Um sie weniger abschreckend zu machen, muss man sie in ihre Bestandteile zerlegen und diese nacheinander angehen. In den folgenden Kapiteln biete ich Ihnen verschiedene Aspekte der Techniken in nicht zu großen Portionen an. Natürlich überschneiden sich viele Themen, eine Dialogübung kann Sie durchaus direkt zu einem beschreibenden Abschnitt führen, aber daran ist nichts verkehrt. In dieser Phase muss Ihre Arbeit nicht perfekt geordnet sein, es wäre sogar reichlich merkwürdig, wenn es so wäre. Die Hauptsache ist, dass Sie so viel schreiben wie möglich. Das Chaos lässt sich später immer noch bereinigen.
»Die Kunst des Schreibens«, meint Kingsley Amis, »ist die Kunst, den eigenen Hosenboden auf den eigenen Stuhl zu setzen.« Also fangen Sie an. Nehmen Sie sich Stift und Papier ...
Übung 1
... und schreiben Sie einen Satz, der mit folgenden Worten beginnt:
»Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...«
Sie können natürlich auch mehr schreiben, aber wenn Ihnen nur ein Satz dazu einfällt, dann ist das auch in Ordnung.
Wenn Sie darüber nachdenken, wie Sie diesen Einstiegssatz beenden, kann es sein, dass Ihnen einer, dann ein anderer und dann noch weitere in den Sinn kommen. Wenn nicht, ist das nicht weiter schlimm. Natürlich kann es auch sein, dass Ihnen plötzlich ein ganz eigener Anfangssatz einfällt, oder nicht, was auch vollkommen in Ordnung ist. Vervollständigen Sie einfach nur den, den ich begonnen habe, wenn Sie zu mehr im Augenblick keine Lust oder Muße haben.
Möglich, dass Sie schon während dieser Übung die kleine spöttische Stimme im Kopf hören, die Ihnen sagt, dass Sie niemals einen Roman schreiben werden. Oder eine, die behauptet, dies hier sei blöd, weil zu einfach. Beide Sätze sind gleichermaßen destruktiv und Sie sollten sie ignorieren. Jeder muss irgendwo anfangen. Laurence Sterne, Emily Brontë und Nadine Gordimer haben auch einmal irgendwo angefangen. Jeder Roman in der Geschichte der Literatur beginnt mit einem Satz, also beginnen Sie jetzt.
Leserbeiträge
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Am Tag nach meinen achten Geburtstag sagte min Vater mir...
>>Mein Schatz ,komm mal zu mir,ich möchte mit dir reden,
wenn du einmal ein Problem hast, dann kannst du zu jeder Tages- und Nachtzeit zu mir kommen, ich bin immer für dich da, du kannst mich fragen was du möchtest, was dir auf dem Herzen liegt, ich versuche dir all deine Fragen zu beantworten.>Du Papa wo ist meine Mama?>Schatz ich wußte schon seit langen das du mir diese Frage stellen wirst.>ich versuche es dir zu erklären, wenn du Fragen zwischen durch hast ,dann frage mich einfach.>Ich bin schwanger>Schatz weißt du das du deiner Mama sehr ähnlich siehst, sie war genauso schön wie du.
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Am Tag nach meinem achten Geburstag sagte mein Vater mir wie jeden Tag, dass ich jetzt endlich aufstehen müsse, um nicht zu spät zu kommen, wie jeden Tag schmierte er mein Pausenbrot, ohne darauf zu achten, dass die Butter gleichmäßig und dünn die ganze Brotfläche bedeckte, wie jeden Tag summte er zur Musik, die aus dem Radio rauschte. Wie jeden Tag vermisste ich Mama, aber nicht ganz so schlimm wie gestern.
Es gefällt mir, wie du in wenigen Sätzen den Vater darstellst; und wie das achtjährige Kind allein mit seiner Traurigkeit um die Mama zurechtkommen muss. Sehr beeindruckend.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag, sagte mein Vater mir endlich die Wahrheit. Eigentlich hatte ich schon länger das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Zwar war ich erst drei Tage alt gewesen, als meine Mutter verschwand und konnte statt auf eigene Erinnerungen nur auf Erzählungen zurückgreifen, aber die Widersprüche, das Stottern und auch die Unsicherheit, wenn Papa über sie sprach, habe ich durchaus bemerkt.
Aber nicht nur das, mir wurde auch in den vergangenen Jahren immer mehr bewusst, dass meine Familie und vor allen Dingen ich anders waren. Nicht nur, weil wir zu zweit in einem stillgelegten Leuchtturm weit abseits der Stadt lebten, ich recht spitze Ohren und viel zu kleine Füße hatte, nein, auch aufgrund der eigenartigen Sachen, die mir ständig passierten und weswegen mich alle verspotteten und mieden. Mittlerweile hatte sich nämlich rumgesprochen, dass ich „unverletzlich“ war. Natürlich rückblickend verwunderlich, wie selten ich krank war und wie schnell jegliche Wunden verheilten, aber richtig aufgefallen ist es erst in der ersten Klasse bei einem Sportturnier, als ich auf der harten, trockenen Aschebahn ausrutschte, auf den Kopf fiel und blutüberströmt am Boden lag. Das war nicht das Ungewöhnliche, sondern die Tatsache, dass sich die dicke Platzwunde an der Schläfe innerhalb weniger Minuten vollständig selbst heilte. Gruselig, oder? Für mich auf jeden Fall und noch mehr für die Menge, die sich nach dem Vorfall um mich versammelt hatte. Allerdings erschreckte mich die Sache im Garten, als ich die Tische für meine Grillparty zum achten Geburtstag deckte, noch mehr. Ich sah den toten, vollständig zerrupften Vogel –ob das wieder Minka unsere Katze war?- schon von weitem und hob ihn vorsichtig auf, um ihm in einem Schuhkarton die letzte Ehre zu erweisen. Doch schon nach einigen Sekunden hob er das Köpfchen und flog kurz darauf einfach davon.
Papa versicherte mir, dass er mich eigentlich schon am Geburtstag selber aufklären wollte, aber bei den zahlreichen Gästen keine Gelegenheit fand. Außerdem standen uns Tante Susi und Oma Hilda den ganzen Tag zur Seite und blieben sogar über Nacht. Bestimmt wäre es nicht passend gewesen, gerade vor ihnen davon zu sprechen, wo sie sowieso alles, was meine Mutter betraf, kritisch beäugten. Doch, endlich, am Mittagstisch, einen Tag nach meinem achten Geburtstag, erfuhr ich, wer ich wirklich war, ich war eine Heilerin, aber nicht nur das, ich war nicht mal ein richtiger Mensch, sondern ein Halbblut, halb Mensch, halb Fee. Wie kitschig sich das anhört: Fee. Aber meine Mutter war eine gewesen und ich auch, also musste ich wohl mein altes Bild einer Fee revidieren, es waren nicht diese elfengleichen Wesen von unsagbarer Schönheit, sondern normale Gestalten, die aussahen, wie jeder dahergelaufene Mensch.
Die Nachricht traf mich wie ein Schlag, besonders dieser Beigeschmack, dass meine Mutter noch lebte. „Maja, es tut mir leid“, Vater räusperte sich und schaute mich schuldbewusst an, „Ich hätte es Dir gerne alles früher erzählt, aber Deine Mutter sagte, das alte Feengesetz hätte bestimmte Regeln für Halbblüter. Erst am achten Geburtstag, wenn alle Kräfte des Halbblutes ausgereift sind, dürfen sie vom Feenreich erfahren.“ Ich schluckte erneut und dachte an meine Mutter, sah das Foto auf meinem Nachttisch vor mir, wie sie mich lächelnd wiegend im Arm hielt, ihre rotbraunen Locken an meinem Kopf vorbeifallend, die ozeantiefen blauen Augen leicht zusammengekniffen. Warum ging sie fort? Und würde ich sie jetzt wiedersehen? Mein Vater entriss mich meiner Träume und flüsterte: „Sie musste gehen.“ Konnte er Gedanken lesen? „Maja, eine Fee, dazu eine so hochrangige Heilerin wie Deine Mutter, hat Pflichten, sie hätte eigentlich nur wenige Monate hier zum Lernen verbringen dürfen, aber wir verliebten uns, sie wurde schwanger und der Weisenrat erwies sich als gnädig. Sie durfte Dich bekommen, musste Dich aber dann bis zum achten Lebensjahr, bis Deine Kräfte vollständig waren, verlassen. Sie liebt Dich, sie wäre so gerne bei Dir geblieben, aber..“, er stockte und schaute dann sogar etwas traurig. Ich war immer noch sprachlos, zwickte mir sogar in den Arm, um wirklich sicher zu gehen, dass ich nicht träumte. Papa huschte ein Lächeln über das Gesicht: „Sie wartet auf Dich! Ich habe ihr gesagt, sie solle kommen, weil ich vorhätte, es Dir heute zu erzählen.“ Mein Puls begann zu rasen, ich würde meine Mutter sehen, meine Mutter, die ich nur von Fotos und Erzählungen kannte. Ich könnte sie hören, riechen und berühren. Doch dann plötzlich sah ich Papas gequältes Lächeln, sah, wie er schluckte. „Darf sie dann bei uns bleiben?“, hoffungsvoll sah ich Papa an, doch sein Blick verriet ihn. „Nein“, er stockte, „sie ist gekommen, um Dich zu holen. Du wirst mit ihr gehen und eine echte Fee werden.“ Eine Träne lief ihm über die Wange und ich erstarrte. Nein, niemals würde ich ihn verlassen, er war der wichtigste Mensch in meinem Leben. Klar, ich wollte meine Mutter sehen, aber ich kannte sie nicht, es war immer mein Vater gewesen, der mir beistand, meine Hand hielt, als ich die ersten Schritte wagte, mich leise in den Schlaf wog, meine Hausaufgaben kontrollierte... Er war mein Leben und um nichts in der Welt wollte ich weg von ihm, noch von Minka oder dem alten Leuchtturm.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: „Du bist das größte Glück auf Erden, das größte Glück was mir je hätte passieren können. Ich will dass du weißt, dass ich immer für dich da sein werde, egal was passiert. Und ich will, dass du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst, egal was passiert ist. Hörst du? Egal, völlig egal, was passiert ist.“
Ich nickte, so wie immer.
Er hatte mir das schon so oft erzählt, immer mit ernster Miene und doch lag ein Lächeln darin, doch nur er und ich schienen dieses Lächeln sehen zu können.
Ich erinnerte mich zurück an das erste Mal, als er mir dies erzählt hatte. Damals. Da hatte er keine ernste Miene gemacht. Stattdessen hatte er Tränen in den blutunterlaufenen Augen gehabt. Er hatte schrecklich ausgesehen.
Am Tag nachdem meine Mutter gestorben war.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, ich solle Hammer und Nägel holen.
Er sei in zehn Minuten zurück und würde mit mir das Bild von Tante Irma aufhängen.
An diesem Morgen trug er zwei verschiedene Socken. Eine schwarze und eine graue, die viel kürzer war.
Mit einem Grinsen verließ er mein Zimmer.
Ich wünschte, ich könnte etwas sagen, wie "in diesem Moment ahnte ich bereits, dass ich ihn nie wieder sehen sollte".
Doch so war es nicht.
Es gibt Tage, an denen warte ich immer noch auf ihn.
Zwei Bilder sind untrennbar mit seinem Verschwinden verbunden: Tante Irmas Geschenk, dass nie an einer Wand hängen sollte und die ungleichen Socken, die einen festen Platz in meinen Erinnerungen bekamen.
Das ist ein toller (und bedrückender) Anfang. Ich würde gerne weiterlesen, um zu erfahren, was da passiert ist.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass ich zwei Halbbrüder hätte. Er würde sie mir gerne vorstellen.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...
in der kommenden Woche hast Du einen Termin bei unserem Zahnarzt. Warum sagt er mir das in einem so feierlichen Ton? Als er mein Zögern und Erstaunen bemerkte erklärte er: Also, im Leben kommt es auf gutes Aussehen, gutes Benehmen, gute Leistungen in der Schule und im Beruf an. Dabei sind die Zähne und ihr Zustand sehr wichtig. Schau dir mal die Obdachlosen in der U-Bahnstation an. Aus diesem Grunde gehen wir in der kommenden Woche zum Zahnarzt und im Übrigen sparen wir dadurch, durch die regelmäßige Vorsorge, Krankenkassenbeiträge. Ich reagierte sofort und stellte eine für mich wesentliche Frage nach einer Erhöhung des Ta-schengeldes. Bei diesen Einsparungen müsste eine Erhöhung möglich sein, so meine Argumentation. Ich hatte also begriffen, dass Zähne mit gutem Aussehen und Taschengeld durchaus zusammenhängen können. Gutes Aussehen wurde mir in den nächsten Jahren sehr wichtig, Geld noch wichtiger, schulische Leistungen weniger. Mit gutem Aussehen, so stellte ich fest, lassen sich so manche Defizite in der Schule ausgleichen.
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9573
Mit geballten Fäusten reibe ich mir den Schlaf aus den Augen und mir fällt ein, dass ich seit gestern endlich acht Jahre alt bin.
Bevor ich mich jedoch noch einmal über meinen ersten eigenen PC freuen kann, platzt mein alter Herr ins Zimmer.
Er drückt rücksichtslos den Lichtschalter und mich blendet eine Supernova!
Er stellt sich mit Alphamännchen-Gehabe vor mein Bett und sagt:"So, du Dampfplauderer,jetzt aber flockig aus den Federn. Ich hoffe du kannst dich daran erinnern das du ab heute, nach Paragraph 113 der Mamaentlastungsordnung,für das Frühstück zuständig bist! Solltest du noch keine Ahnung haben wie du ein perfektes fünf Minuten Ei hinkriegst,dann schmeiß den Rechner an und mach dich unter,hilfe-meine-eltern-spinnen, schlau!"dreht sich um und stampft, sichtlich zufrieden, in Richtung Bad.
Was für eine viel versprechende, spritzige Schreibe! Ich würde gerne noch mehr vom Dampfplauderer über die Mamaentlastungsordnung hören!
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9561
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass ich von nun an, immer wenn ich Ihn brauchte, ab nun nicht mehr darauf warten musste, dass ich Geburtstag habe, bis ich das Leben geniessen kann, sondern einfach nur beten müsste, um der Seligkeit Gottes teilhaftig zu werden.
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9552
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir, dass die Katze schon wieder ins Puppenbett gemacht hatte.
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9529
"Sohn, du bist so hässlich, wir werden ab jetzt jeden Sonntag das Nachbarskind ausleihen, um in die Kirche zu gehen."
Egentlich wollte ich etwas einwenden aber er ließ mich nicht zu Wort kommen.
"Auch haben sich deine Mutter und ich entschlossen dir einen Knochen um den Hals zu binden damit wenigstens der Hund ein bißchen mit dir spielt."
Ich unterbrach ihn:
"Papa, Mama sagt ich bin ein Mädchen und du sollst dir endlich mal eine Brille besorgen."
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9456
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir..Ich kann mich nicht daran erinnern,was mein Vater am Tag nach meinem achten Geburstag zu mir sagte. Auch nicht daran,was er am Tag nach meinem neunten Geburststag...zu mir sagte..
Er sprach selten zu mir..
und wenn,dann habe ich seine Sprache wohl nie verstehen können.
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9407
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir;
"Es ist schon eigenartig, wie schnell die Zeit vergeht. Ich erinnere mich noch genau an eine Frau im Dorf, die mit ihrem Alter von Mitte siebzig in Einsamkeit vor sich hinvegetierte.
Sie wohnte in einer Lehmhütte, die sie von ihrem Vater geerbt hatte. Obwohl die Hütte veraltet und an ihren Außenwänden brüchig war, ließ sie es nicht renovieren.
Als ich sie einmal daraufhin ansprach, richtete sie sich mühselig von ihrer gekrümmten Haltung langsam auf, und sagte mir diesen einen Satz, der mich zutiefst berühre, aber zugleich nachdenklich machte.
Sie sagte".
"Ich habe es von meinem Vater geerbt, und er wiederum von seinem Vater...
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9381
Jetzt bist du schon acht Jahre alt geworden Süße. Ich weiss noch als du geboren worden bist, da warst du so klein und hast die Krankenschwestern im Babyzimmer ganz schön auf Trab gehalten.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir das er für ein paar Tage geschäftlich wegfahren müsse. Ich solle mir jedoch keine Sorgen machen, er wäre spätestens Ostern wieder zurück. Ostern war in drei Wochen, es sollten jedoch zehn Jahre vergehen bis ich meinen Vater unerwartet wiedertraf.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er die Geschenke überall im Haus versteckt habe, da ich gestern natürlich keine Geschenke auspacken konnte,
schließlich war ich mit meinen Freunden in einem Freizeitpark gewesen. Er lächelte mich an und doch wirkten seine Augen traurig. Er strich mit seiner, für einen Mann recht kleinen, Hand über meinen Kopf. Meine Haare fielen mir vor die Augen und ich konnte kaum etwas erkennen, doch ich hätte schwören können, dass meinem Vater Tränen in den Augen gestanden hatten, kurz bevor er sich umdrehte um sich erneut seinem Buch zu widmen.
Wo war eigentlich meine Mutter?
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8942
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, als ich Dich das erste Mal sah, dachte ich, daß Du Humor hast.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, die Zeiten wären, wie ich wohl wüßte, für alle Menschen und auch für unsere kleine Familie schwer; ich sei nun, achtjährig, ein großes Mädchen und alt genug, um ihm und Mutter nach der Schule etwas zur Hand zu gehen und als kleine Gehilfin eine leichte Aufgabe in dem Marionettentheater zu übernehmen, das meine Eltern, Schausteller in der zweiten Generation, auf dem Rummelplatz meiner Heimatstadt betrieben. Es war der Sommer 1946 und wir lebten in Chemnitz.
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8700
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...
..., es sei mehr als töricht gewesen, dass überaus großzügige Angebot Onkel Richards auszuschlagen.
Gefällt mir sehr gut und bin neugierig welches Angebot Onkel Richard einem Acht jährigem gemacht hat?
oder so: Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, es fiele ihm schwer mir noch Glauben zu schenken.
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8701
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass es nun nur noch zehn Jahre dauern würde, bis ich erwachsen sei. Dann könnte ich ausziehen, meine Füße unter meinen eigenen Tisch stellen und somit tun und lassen was ich und nicht jemand anderes wollte. Sollte das nun eine Drohung sein? Wollte er schon jetzt meinen Umzug planen oder gab er mir damit den innerlichen Schubs in die Freiheit?
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