Schreiben Sie mit!
Mustertext von Kapitel 1 mit Übungsaufgabe
1. Woche
Vor einigen Jahren saß ich mit einem befreundeten Autor in einem Café. Er schrieb Sketche und arbeitete gerade an seiner ersten abendfüllenden Produktion fürs Fernsehen. Ich war Teilzeitsekretärin, die bisher einige Buchkritiken veröffentlicht, ein Hörspiel an BBC Radio verkauft hatte und gerade am ersten Roman arbeitete. Wir beide lebten in billigen Mietwohnungen, verdienten unser Geld hier und da und waren voll Hoffnung und Ehrgeiz, was unsere berufliche Zukunft betraf.
Mein Freund kam von einem Vortrag für Studienanwärter, und jemand hatte ihn gefragt, warum er Schriftsteller geworden war. »Weißt du was?«, sagte er, während er in seinem Cappuccino rührte. »Ich habe ihnen zwar irgendwas von der Freude an Sprache und dem kreativen Prozess erzählt, aber eigentlich bin ich Schriftsteller geworden, damit ich nach London ziehen, in Cafés sitzen und mich mit anderen Schriftstellern über das Schreiben unterhalten kann.«
Ich wusste genau, was er meinte. Für Menschen, die, wie wir beide, aus völlig nicht-literarischen Familien stammten, ist das Schriftstellerleben etwas Wundervolles, und zwar mit all den oberflächlichen Dingen, die wir eigentlich verachten sollten: das Cafégeplauder, die Neuerscheinungen, das Durchblättern der Literaturseiten inklusive der leicht schuldbewussten Befriedigung, wenn ein befreundeter Autor eine schlechte Kritik erhält. Vergessen Sie einen Moment lang die Einsamkeit und die Angst, die Paranoia und die finanzielle Unsicherheit, denn das Leben eines Schriftstellers macht Riesenspaß.
Die Sache hat bloß einen Haken. Man muss schreiben. Das ist etwas, was Anfänger manchmal nicht zu begreifen scheinen. Wie viele andere Romanautoren halte auch ich oft Reden auf Festivals oder gebe Schreibkurse, und die Standardfrage gleich am Anfang lautet immer: »Wie haben Sie es geschafft, einen Roman zu veröffentlichen?« Die Frage ist natürlich gut und berechtigt, aber manchmal habe ich das dumpfe Gefühl, dass die Motivation dahinter ein wenig suspekt ist. Was war der Trick?, heißt die eigentliche Frage. Verrat ihn mir, denn dann wird mein Buch auch veröffentlicht. Natürlich klingt es ziemlich arrogant, wenn ich sagen würde, mein Buch wurde veröffentlicht, weil es gut war, aber es wäre ehrlich und könnte angehende Autoren vielleicht von dem Irrtum befreien, die Veröffentlichung sei ein Mysterium oder man brauche entsprechende Beziehungen. Davon hatte ich nämlich keine einzige, nicht einmal, nachdem ich meinen Abschluss auf der University of East Anglia gemacht hatte, deren Schreiblehrgang allgemein (und irrtümlich) als Eintrittskarte in den Club der veröffentlichten Dichter gilt. Ich fand einen Agenten, weil ich bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb den zweiten Platz belegt hatte. Ich habe einen Verlag gefunden, weil ich irgendwann ein Buch geschrieben habe, das gut genug war, um von meinem Agenten verkauft zu werden.
Wenn Sie ein angehender Romanautor sind, finden Sie es vielleicht verblüffend, dass so viele schlechte Bücher veröffentlicht werden, aber das ändert absolut nichts daran, dass Sie erst ein gutes Buch schreiben müssen, wenn Sie es in den Buchhandlungen sehen wollen.
Nur wenige Menschen schaffen es gleich beim ersten Versuch, einen guten Roman zu schreiben. Ich auch nicht. Mein erster veröffentlichter Roman war der dritte, den ich geschrieben hatte, von den zahllosen Fehlstarts, die oftmals Tausende von Wörtern lang waren und an denen ich monatelang gearbeitet hatte, ganz zu schweigen. Wenn auch Sie schon viel angefangen und nicht beendet haben, dann lassen Sie sich davon nicht entmutigen; sehen Sie es als notwendigen Bestandteil des Lernprozesses an. Ich muss immer lachen, wenn ich in einer Biografie über Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit lese, »Hätte er/sie doch nur diese ersten Manuskripte nicht weggeworfen – was für Schätze mögen darin verborgen gewesen sein!«. Unsinn. Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit hat das frühe Zeug in den Müll gesteckt, weil es Müll war!
Das, was dabei herauskommt, wenn Sie sich mit den Kapiteln dieses Buchs beschäftigen, könnte durchaus ein Fehlstart werden – nämlich dann, wenn Sie keine gute Idee für ein Buch haben. Denn die kann weder ich noch sonst irgendjemand Ihnen in den Kopf pflanzen. Wenn Sie diese Übungen machen, werden Sie am Ende keinen fertigen Roman und wahrscheinlich noch nicht einmal einen Erstentwurf haben. Aber sicher werden Sie Rohmaterial haben, aus dem eines Tages vielleicht ein Buch wird, wenn Sie es formen und bearbeiten.
Wie lange braucht man, um einen Roman zu schreiben? Das kommt darauf an. Mein erster Roman, Crazy Paving, entstand in achtzehn Monaten, während ich nebenbei als Sekretärin arbeitete. Eigentlich ist das ziemlich schnell, aber ich war damals jung, ohne Bindung und hatte keine häuslichen Verpflichtungen. Als ich meinen zweiten Roman begann, war ich Theaterkritikerin für eine Sonntagszeitung, was bedeutete, dass ich den ganzen Tag schreiben konnte, bis ich – wie eine Eule – abends das Haus verließ, um ins Theater zu gehen. Das war großartig. Dance with me war in sieben Monaten fertig. Mein drittes Buch wurde anhand eines einseitigen Exposés verkauft, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Ich versprach meinem Verleger, das Buch würde vor dem Kind erscheinen, aber das war eine glatte Lüge. Das Baby kam, als ich beim ersten Kapitel war. Mein Partner arbeitete Vollzeit, und wir hatten keine Betreuung für das Kind. Trotzdem musste ich das Buch fertigstellen, zumal wir uns mit dem Vorschuss eine Wohnung gekauft hatten. Honey-Dew entstand in acht Monaten, der Preis war die totale Erschöpfung. Das ist übrigens der Grund, warum dieses Buch mein kürzestes ist.
Und dann das vierte, Fires in the Dark, das für mich einen echten Richtungswechsel bedeutete. Meine ersten drei Bücher spielten in der heutigen Zeit und waren bevölkert mit weiblichen Charakteren, die ungefähr in meinem Alter waren. Was darin geschah, war nicht einmal entfernt autobiografisch – Honey-Dew handelt von einem Mädchen, das seine Eltern umbringt -, aber ich muss zugeben, dass in Bezug auf Umfeld und Sprache vieles auf meiner eigenen Erfahrung beruhte. Fires in the Dark dagegen spielt in Mitteleuropa über einen Zeitraum von dreißig Jahren im zwanzigsten Jahrhundert. Hauptfigur ist ein Junge vom Stamm der Kalderasch-Roma. In Böhmen geboren, wächst er während der Großen Depression und dem Aufstieg der Nazis auf, kommt in ein Lager und flieht, um am Prager Aufstand im Mai 1945 teilzunehmen. Der Roman war dreimal so lang wie Honey-Dew und entstand in viereinhalb Jahren. Das nächste Buch, Die Wiege aus Stein, war ebenfalls ein langer, historischer Roman, kostete mich jedoch nur ein Viertel der Zeit, weil ich inzwischen wusste, dass man nicht alles über eine bestimmte Zeit wissen muss, wenn man einen historischen Roman verfassen will.
Mit anderen Worten: Ihr Buch wird so lange dauern, wie Sie brauchen. Aber ich werde mich etwas weiter aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass Sie, wenn Sie noch nie ein Buch geschrieben haben, es aber ernst meinen und mit den üblichen Belastungen wie Arbeit oder Familie oder – Gott bewahre – beidem gesegnet sind, von Anfang bis Ende gute drei Jahre brauchen werden. Dieses Buch kann Sie durch das erste Jahr bringen, in dem Sie Material sammeln, sich Notizen machen, erste Pläne entwerfen und erste Szenen schreiben. Im zweiten Jahr werden Sie verzweifeln, das Ding weglegen, es wieder hervorholen, sicher sein, dass Sie Ihre Zeit damit vergeuden und feststellen, dass Sie trotzdem weitermachen möchten. Im dritten Jahr dann wird die eigentliche Schreibarbeit beginnen.
Sie wollen immer noch? Gut. Wir fangen gleich an.
Aber vorher möchte ich Ihnen noch sagen, was dieses Buch nicht kann. Es kann Ihnen – abgesehen von wenigen generellen Hinweisen am Ende - keinen Tipp geben, wie man es schafft, einen Verlag zu finden, der Ihren Roman herausbringt. Als ich meine Zeitungskolumne »Ein Roman in einem Jahr« schrieb, sagte ich mir, dass jeder Brief, der mich nach Agenten oder Verlagen fragen würde, in einer feierlichen Zeremonie in meinem Garten verbrannt werden würde. Das mag etwas grausam klingen, aber ich stehe dazu. Jeder angehende Autor darf sich höchstens ein Prozent seiner Zeit mit der Frage beschäftigen, wie er an eine Agentur oder Verlag kommt; die restlichen neunundneunzig Prozent sollte man nutzen, um sich darauf zu konzentrieren, einen spannenden Plot zu entwickeln, überzeugende Charaktere zu erschaffen und klare, schöne Prosa zu schreiben. Zu viele Anfängerautoren machen das mit dem einen und den neunundneunzig anderen Prozent genau umgekehrt. Das Buch zu veröffentlichen, mag unmöglich erscheinen und ist es manchmal auch, aber wenn Sie noch kein gutes Buch geschrieben haben, dann sollte dies, ehrlich gesagt, Ihr allerletztes Problem sein. Das Einzige, was Sie im Augenblick im Kopf haben sollten, ist das Schreiben selbst. Schreiben Sie Ihr Buch, schreiben Sie es gut und schreiben Sie es noch einmal um, damit es noch besser wird.
Ich vermute, dass an dieser Stelle ein oder zwei von Ihnen verächtlich schnauben werden, vor allem dann, wenn Sie bereits ein noch unveröffentlichtes Buch geschrieben haben oder Stammgast in Schreibseminaren sind. Spannender Plot? Überzeugende Charaktere? Klare Prosa? Pah. Das ist doch was für Anfänger.
Ich habe früher öfter solche Abendschreibkurse geleitet. Meine am wenigsten talentiertesten Schüler waren stets die, die schon herablassend grinsend ankamen und davon überzeugt waren, dass es nur einer großangelegten Verschwörung, zu der natürlich auch ich gehörte, zuzuschreiben war, dass sie noch nichts veröffentlicht hatten. Einerseits wollten sie den Saum meines Umhangs berühren, als sei die Veröffentlichung ein übertragbares Virus, das überspringen würde, wenn man sich nur hartnäckig und lang genug an mich klammerte. Andererseits waren sie sich sicher, dass sie nichts mehr zu lernen hatten und verachteten sich selbst und die anderen Teilnehmer, weil sie hier saßen. Und hier kommt die Erkenntnis dieser Woche: Wir alle haben etwas zu lernen. Sogar Ian McEwan oder Margaret Atwood oder Toni Morrison haben noch etwas zu lernen, und sie sind deshalb so wunderbare Schriftsteller, weil sie das genau wissen – und an jedem Buch verdammt hart arbeiten.
Talent kann man nicht lernen, und wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie nicht mehr oder weniger talentiert sein als zuvor. Aber man kann sich das Handwerk aneignen, und beim Schreiben von Romanen gibt es mehr Techniken und Methoden zu erlernen, als die meisten Romanautoren zugeben würden. Nehmen wir zum Beispiel Plot und Struktur, eines meiner Lieblingsthemen: »Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende«, sagt Jean-Luc Godard, »nur nicht zwingend in dieser Reihenfolge.« Das ist hübsch, aber nicht wahr. Selbst Bücher, die scheinbar vollkommen kunstlos und handlungsfrei sind, haben eine gewisse Struktur, und sei es dadurch, dass es sich um Romane handelt, denn hätten sie keine Struktur, wären es nur aufgezeichnete Gedanken. »Jedes Mal, wenn ich einen Roman anfange«, sagte die überaus versierte Susan Hill, »erhebt er sich vor mir wie ein Berg, und ich sage mir, >Oh, nein, diesmal bist du zu weit gegangen.<« Wenn man sich einmal in Ruhe überlegt, an welche Größenordnung man sich heranwagt, wenn man ein Buch von, sagen wir, achtzigtausend Wörtern schreibt, dann erscheint und dies als einschüchternde und nicht zu bewältigende Aufgabe. Um sie weniger abschreckend zu machen, muss man sie in ihre Bestandteile zerlegen und diese nacheinander angehen. In den folgenden Kapiteln biete ich Ihnen verschiedene Aspekte der Techniken in nicht zu großen Portionen an. Natürlich überschneiden sich viele Themen, eine Dialogübung kann Sie durchaus direkt zu einem beschreibenden Abschnitt führen, aber daran ist nichts verkehrt. In dieser Phase muss Ihre Arbeit nicht perfekt geordnet sein, es wäre sogar reichlich merkwürdig, wenn es so wäre. Die Hauptsache ist, dass Sie so viel schreiben wie möglich. Das Chaos lässt sich später immer noch bereinigen.
»Die Kunst des Schreibens«, meint Kingsley Amis, »ist die Kunst, den eigenen Hosenboden auf den eigenen Stuhl zu setzen.« Also fangen Sie an. Nehmen Sie sich Stift und Papier ...
Übung 1
... und schreiben Sie einen Satz, der mit folgenden Worten beginnt:
»Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...«
Sie können natürlich auch mehr schreiben, aber wenn Ihnen nur ein Satz dazu einfällt, dann ist das auch in Ordnung.
Wenn Sie darüber nachdenken, wie Sie diesen Einstiegssatz beenden, kann es sein, dass Ihnen einer, dann ein anderer und dann noch weitere in den Sinn kommen. Wenn nicht, ist das nicht weiter schlimm. Natürlich kann es auch sein, dass Ihnen plötzlich ein ganz eigener Anfangssatz einfällt, oder nicht, was auch vollkommen in Ordnung ist. Vervollständigen Sie einfach nur den, den ich begonnen habe, wenn Sie zu mehr im Augenblick keine Lust oder Muße haben.
Möglich, dass Sie schon während dieser Übung die kleine spöttische Stimme im Kopf hören, die Ihnen sagt, dass Sie niemals einen Roman schreiben werden. Oder eine, die behauptet, dies hier sei blöd, weil zu einfach. Beide Sätze sind gleichermaßen destruktiv und Sie sollten sie ignorieren. Jeder muss irgendwo anfangen. Laurence Sterne, Emily Brontë und Nadine Gordimer haben auch einmal irgendwo angefangen. Jeder Roman in der Geschichte der Literatur beginnt mit einem Satz, also beginnen Sie jetzt.
Leserbeiträge
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20033
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er uns verlassen würde.
Er war vor mir auf die Knie gegangen, um mit mir auf gleicher Augenhöhe zu sein.
"Kleines, du musst mir versprechen, dass du dich um deine Mutter kümmerst. Bleib stark und weine nicht. Du wirst sehen, dass das alles gut wird."
Das waren seine Worte. Alles, was mir von ihm geblieben war.
Langsam hob ich das Foto hoch und starrte in das Gesicht des Mannes, den ich nie wieder gesehen hatte. Mein Vater war ein verurteilter Schwerverbrecher. Einen Monat, nachdem er uns verlassen hatte, war er hingerichtet worden.
Ich hatte Wort gehalten und nicht geweint, nicht einmal bei der Beerdigung.
Niemals.
Aber ich tat es jetzt. Ich legte das Foto beiseite und begann nach so langer Zeit um meinen Vater zu weinen.
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19996
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein vater mir,dass es etwas Wichtiges zu klären gäbe.
Ich sah ihn überrascht and und bemerkte seinen bedrückten und traurigen Gesichtsausdruck.
Irgendwie wusste ich,dass es nichts Gutes war,was er mit mir besprechen wollte.
,,Mein kleiner Engel,ich weiß das du mich gleich dafür hassen wirst,aber ich kann es nicht mehr länger vor mir her schieben,es dir zu sagen.Deine Mutter weiß es schon,du hast es sicher nicht bemerkt,wie sie am Boden war...?".Ich schluckte und ich verzog weinerlich meinen Mund.
,,Naja wie soll ich das einer Achtjährigen erklären.Deine Mutter und ich wir...wir lieben uns nicht mehr...".Ich spürte,wie mir die Tränen an meinen Wangen runterliefen.Er wird jetzt bestimmt fortgehen,dachte ich mit einem Stich ins Herz.,,Ich habe eine neue Frau gefunden und ich werde nun bei ihr wohnene und..."...,,WAS??Du hast eine andere FRAU...",schrie ich ihn an und ich rannte mit gebrochenem Herzen in mein Zimmer und warf mich auf mein Bett und erstickte meine Schluchzer im Kissen.Nach einer Weile hörte ich nur,wie die Haustür zuklappte.Er kam nie mehr wieder.
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19964
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: „Willst Du nicht endlich mal die Geschenke auspacken, die Du bekommen hast?“ Ich blickte widerwillig auf den kleinen Stapel aus unförmigen, in buntes Papier gewickelte Päckchen, die sich seit gestern auf dem Tisch auftürmten. Deutlich zeichneten sich die Konturen von Büchern ab, deren harten Kanten durch das mürbe Papier stachen. Der Schutzumschlag drückte sich durch. Ich hatte alle schon gelesen. Die restlichen beiden Geschenke waren offenbar Kleidungsstücke, der unruhigen Oberfläche des Einwickelpapiers nach zu urteilen. Das Geschenkband hatte sich tief in seinen Inhalt hineingegraben. Ich vermutete darin die Paar Socken aus bunt gemusterter Wolle, von der Großmutter in langen Stunden abends angefertigt, die kratzten und meistens zu groß waren. Sie machte sich nie die Mühe, nach meiner Schuhgröße zu fragen. Im nächsten Päckchen war wahrscheinlich noch eine Mütze mit passendem Schal, ebenfalls von Großmutter; die Wolle rief schon beim Gedanken an sie rote Flecken an meinem Hals hervor. Alles hatte ich schon vor Wochen in ihrem Nähkorb entdeckt, den sie nie besonders sorgfältig versteckte. Eine Glückwunschkarte zeigte ein Bild von einem Marzipanschwein mit einem Glückspfennig im Rücken. Ich wandte mich meinem Vater zu und erwiderte: „Steck Dir die Geschenke sonst wo hin“ und verließ den Raum. Sein wässrig blauer Blick haftete noch den ganzen Tag an meinem Rücken.
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19948
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er mir nun etwas sehr Wichtiges erzählen müsse. Ich spürte sofort ein mulmiges Gefühl, denn diese Ankündigung klang für mich unheilvoll. Warum sagte er das so bedeutungsvoll? Was würde ich nun gleich erfahren? In meinem Kopf blitzten einige Ideen auf – und keine von ihnen gefiel mir. Würde er mir sagen, ich sei adopiert? Oder etwa, dass sich meine Mutter und er scheiden lassen würden? War jemand aus der Familie sehr krank und nun war ich seiner Meinung nach endlich alt genug, um das zu erfahren? So ernst redete er selten mit mir – meistens nur dann, wenn etwas Schlimmes geschehen war. Wie damals, als wir unseren Hund einschläfern lassen mussten…
Ängstlich hing ich an seinen Lippen, während er zu sprechen begann.
„Also“, meinte er, „Du hast ja nun schon zwei Jahre Reitunterricht. Deine Mutter und ich, wir haben lange miteinander gesprochen. Es ist ja eine wichtige Entscheidung. Jedoch haben wir uns entschieden, dir deinen Herzenswunsch zu erfüllen – du bekommst dein eigenes Pony.“
Mit offenem Mund, sprachlos, unfähig, das Gesagte gleich zu begreifen, starrte ich ihn an. Als sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete, wusste ich, das war kein Scherz, ich hatte mich nicht verhört – es wurde waaahhhhr!!!
In dem Moment, als ich das erste Mal mit ihm im Reitstall war, war in mir der brennende Wunsch nach einem eigenen Pferd entstanden. Die Gerüche im Stall, die leisen Geräusche, die samtigen Nüstern, die ich streichelte – ich hatte mich wie im Paradies gefühlt. Doch niemals, nie im Leben, hatte ich erwartet, tatsächlich mein eigenes Pony geschenkt zu bekommen. Ich wusste nicht einmal, dass meine Eltern meinen Wunsch kannten. Erwähnt hatte ich ihn nicht, für mich war das kein erfüllbarer Wunsch, sondern nur eine schöne Fantasie, an die ich nachts im Bett vor dem Einschlafen denken konnte.
Ich war völlig überwältigt. Mein eigenes Pferd! Ich wusste sofort, ich würde es wie verrückt lieben.
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19927
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, ich wäre nun alt genug von dem Erbe zu erfahren, das seit Generationen in unserer Familie an den ältesten Sohn weiter gegeben wird. Selten hatte ich ihn so ernst erlebt, wie in den Stunden, in denen er mir dann davon erzählte. Damals glaubte ich, ich hätte verstanden, was er sagte, aber heute weiß ich, dass es nicht so war. Heute, fast 20 Jahre später, weiß ich, dass es mir erst möglich war zu verstehen, nachdem ich meinen ersten Menschen getötet hatte.
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19928
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: axlomonime, keni suleiwa gur echemlie!
Erst gestern hatte ich von seiner Existenz erfahren, nachdem meine Mutter beschloss, es sei an der Zeit, die Wahrheit zu erfahren. Und nun stand er vor mir. Das erste was mir auffiel, war, dass er ein buntes Kleid trug und seine Haut aussah wie Schokolade...
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19916
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir. Mein Sohn, ich finde du hast ein Recht zu erfahren warum ich all die Jahre so viel Angst um dich hatte. Ich finde du bist alt genug um es zu erfahren was mit mir vor allem was mit dir los ist. Mein Vater kam nicht den Worten raus. Ich hatte das Gefühl mein Vater hatte Angst mir zu erzählen worum es sich handelte. Ich verheimlichte ihm auch etwas. Vor kurzem als ich auf dem alten Speicher war, was mir eigentlich mein Vater immer verboten hatte darauf zu gehen aus irgendwelchen Gründen auch immer fand ich ein Buch. Das Buch war verstaubt. Bevor ich es öffnen konnte donnerte es ganz laut, so laut dass ich Angst bekam und schnell den Speicher verließ. Mein Vater bekam immer noch kein Wort raus und ich sagte dann: Geht es um das Buch das auf dem Speicher liegt. Der Blick meines Vaters änderte sich schlagartig und dann sagte er.
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19851
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, ich solle meine Tasche packen, um mit ihm zu seinem Geburtshaus zu reisen. Die Schulferien hatten gerade begonnen und im Garten hingen saftige rote Herzkirschen, als wir uns mit dem Fahrrad auf den Weg machten, die Alpen zu überqueren, im Gepäck ein verblichenes Foto von einem kleinen Haus aus behauenem Stein vor dem Hintergrund zackiger Berge. Mein Vater war bis dahin eine Schattengestalt in meinem Leben gewesen, der abends vor dem Einschlafen Geschichten vorlas im Halbdunkel der kleinen Leselampe und uns anonsten meist nur seinen Rücken präsentierte, der sich Tag für Tag über Stapel von Unterlagen auf seinem zerwühlten Schreibtisch beugte, während mein Vater las und schrieb und nicht gestört werden durfte. Am Tag unserer Abfahrt sah ich im hellen Sonnenlicht, dass mein Vater an den Schläfen graue Haare hatte und dass seine starken Hände von Pigmentflecken übersäht waren. Um seine Augen hatte sich ein Schwarm von feinen Fältchen angesiedelt.Im hellen Tageslicht wirkte mein Vater ein wenig kleiner als sonst. Voller Stolz darüber, dass ich als älteste meinen Vater begleiten durfte, schob ich mein Fahrrad aus dem Efeubewachsenen Gartentor und blickte nur einmal zurück um meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder zuzuwinken, bevor wir aufs Fahrrad stiegen und die Straße vor unserm Haus hinabradelten, den weithin sichtbaren Bergspitzen entgegen.
Keiner von uns wusste zu diesem Zeitpunkt, dass nur ich von dieser ersten gemeinsamen Reise zurückkehren würde, Monate später und in Begleitung meines Onkels.
Hallo eisibi, ich möchte dir Mut machen, weiter zu schreiben. Dein Anfang der Geschichte ragt deutlich aus den anderen Texten heraus, du siehst die kleinen Details und nimmst den Leser wie selbstverständlich mit auf diese Reise. Wäre das Buch fertig, hätte ich es wohl gekauft, bei dem Anfang! Man hat das Gefühl, du hast schon eine komplette Geschichte im Kopf, jedenfalls deutest du das geschickt an, und das, was du preisgibst, ist sehr spannend.
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19837
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass ich jetzt alt genug für die Wahrheit wäre, er nicht mein Vater sei, alles eine Lüge wäre, er deshalb das Weite suchen und die Verantwortung für die Familie ab jetzt in meine Hände läge.
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19827
"Das Leben ist wie ein Gewitter auf freiem Feld, du solltes dich klein machen, wann immer es geht." Meinem Sohn gab ich den gleichen Rat. Meinem Enkel werde ich ihn nicht geben, denn seit ich aus dem Gefängnis kam spürte ich, dass es reine Zeitverschwendung war, unsichtbar zu sein.
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19821
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir,
dass ich ihn niemals wiedersehen werde.
Er war damals ein großer schlanker Mann, und schien mir bereits ebenso weit entfernt wie wir es durch den Größenunterschied waren.
Als er sich umdrehte und zur Tür ging verzog ich keine Miene.
Dann war er fort.
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19814
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: "Kind, halte Deine Wut im Zaum, durch Wut wirst Du im Leben niemals das bekommen, was Dir wirklich wichtig ist!
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19806
,dass die Lösung des Rätsels in einer Höhle verborgen liegt. "Wenn du unbedingt willst, dann werde ich dir diese Höhle zeigen. Allerdings ist es strengstens verboten sie zu betreten. Die Menschen im Dorf erzählen sich, dass es darin eine geheimnisvolle, böse Kraft gibt, die einen um den Verstand bringt. Deshalb wurde der Höhleneingang vor unvorstellbar langer Zeit mit Geröll und Felsbrocken zugeschüttet. Du musst mir versprechen, dass du nie versuchen wirst in die Höhle einzudringen und dich der Todesgefahr aussetzt. Versprich mir das, Sohn !"
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19792
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir, "Sohn die Zeit wird bald kommen wo der Schmerz und der Hass den Du fühlst sich in Freude wandeln wird." Du gehörst zu den wenigen auserwählten, über die man mit Ehrfurcht, Stolz und großer Freude sprechen wird. Der Tod Deiner Mutter, die uns von den Ungläubigen auf so schändlich weise geraubt wurde, wird von Dir gesühnt werden. Die Tränen die ich in seinen dunklen Augen zuerst wahrnahm, verwandelten sich nun in ein loderndes Feuer der Euphorie und er sprach es aus wovon ich immer geträumt hatte. Du wirst die Ehre Deiner Mutter wieder herstellen und die Ungläubigen bestrafen, als "Mudjahedin". Ja, sie würden brennen für das was Sie uns genommen hatten, als Sie getötet wurde und bei "Allah" unser Volk wird Stolz auf mich sein.
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19782
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: "Glaub mir,du wirst im Heim ein besseres Leben haben." und ging.
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19733
ich weiß einfach nichtmehr wie ich mit dir zurecht kommen soll. Es wird Zeit dass du deine Mutter kennenlernst und am besten gleich zu ihr ziehst
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19730
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er nach dem Mittagessen, welches wir jeden Tag aufs Neue veranstalteten,um irgendwie eine Art Gespräch auf die Beine zu stellen, dringend in die Firma fahren zu müssen. Es würde nicht lange dauern, setzte er noch hinterher, gab mir einen Kuss auf die Stirn und ging zur Tür hinaus. Seitdem meine Mutter vor einem Jahr tödlich verunglückt war,ließ er mich ungern aus den Augen. Ich warf sofort einen Blick auf ihr Portrait, noch bevor mein Vater die Tür zuknallte. Ich sah eine wunderschöne und junge Frau mit langen, dunklen und leicht gewellten Haaren, die ihr grazil über die schmalen Schultern fielen.
Die dunkelbraunen Augen wirkten wie niemals endende Tunnel in denen man sich fast verlor. Ich glaubte nicht daran, etwas von ihr in mir wieder zu finden, obwohl mein Vater mich oft mir ihr verglich. Er sagte immer, ich hätte denselben Freigeist wie sie. Naja, dachte ich mir. So lang es ihn tröstete.
Es waren mittlerweile einige Stunden vergangen. Zwischendurch war ich sogar auf dem Sofa eingeschlafen, eingezwängt zwischen den vielen Strickkissen meiner Großmutter, die ich persönlich nie kennengelernt hatte. Während meine Gedanken um die alte Frau mit Neigung zur Strickerei und ihren sonderbaren Kissen kreisten, erschrak ich plötzlich fürchterlich, als das Telefon läutete. Ich wusste nicht wieso, aber meine Intuition sagte mir, dass etwas nicht stimmte. Ich stand auf und nahm den Höhrer ab.
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19716
An meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir...
überhaupt nichts. Denn er war nicht da. Ich erinnere mich nicht einmal an ihn, obwohl ich ihn mit sechs Jahren das letzte mal gesehen hatte. So wurde es mir zumindest erzählt. Ich sah ihn, meine Mutter und mich auf dem Foto, Hand in Hand, auf dem weg vom Friedhof entlang gehen. Erinnern konnte ich mich aber nicht an diesen Moment.
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19631
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er gar nicht mein Vater sei. „Du bist nun alt genug um die Wahrheit zu ertragen“, meinte er in seiner gewohnt ruhigen Art. Ich schaute ihn nur fassungslos an, stürzte doch in diesem Moment meine ganze Welt auseinander. Er erzählte mir, wie sich meine vermeintlichen Eltern aufs innigste ein Kind gewünscht hätten. Von den vielen Besuchen in den Waisenhäusern, den Gängen durch die Bürokratie und all der Mühe, bis sie mich überglücklich in den Armen hielten.
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19563
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...
...:“Der Hitler wird uns noch alle umbringen!“ Er war Lehrer, ein angesehener Mann in unserer kleinen 200 Seelengemeinde, ganz hinten im Tal, wo die Sonne im Sommer spät, und im Winter gar nicht scheint. Es war ein Sonntag im März, ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre. Der Pass war gerade erst passierbar geworden und ein langer, harter Winter schien endlich überstanden...
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