Schreiben Sie mit!
Mustertext von Kapitel 1 mit Übungsaufgabe
1. Woche
Vor einigen Jahren saß ich mit einem befreundeten Autor in einem Café. Er schrieb Sketche und arbeitete gerade an seiner ersten abendfüllenden Produktion fürs Fernsehen. Ich war Teilzeitsekretärin, die bisher einige Buchkritiken veröffentlicht, ein Hörspiel an BBC Radio verkauft hatte und gerade am ersten Roman arbeitete. Wir beide lebten in billigen Mietwohnungen, verdienten unser Geld hier und da und waren voll Hoffnung und Ehrgeiz, was unsere berufliche Zukunft betraf.
Mein Freund kam von einem Vortrag für Studienanwärter, und jemand hatte ihn gefragt, warum er Schriftsteller geworden war. »Weißt du was?«, sagte er, während er in seinem Cappuccino rührte. »Ich habe ihnen zwar irgendwas von der Freude an Sprache und dem kreativen Prozess erzählt, aber eigentlich bin ich Schriftsteller geworden, damit ich nach London ziehen, in Cafés sitzen und mich mit anderen Schriftstellern über das Schreiben unterhalten kann.«
Ich wusste genau, was er meinte. Für Menschen, die, wie wir beide, aus völlig nicht-literarischen Familien stammten, ist das Schriftstellerleben etwas Wundervolles, und zwar mit all den oberflächlichen Dingen, die wir eigentlich verachten sollten: das Cafégeplauder, die Neuerscheinungen, das Durchblättern der Literaturseiten inklusive der leicht schuldbewussten Befriedigung, wenn ein befreundeter Autor eine schlechte Kritik erhält. Vergessen Sie einen Moment lang die Einsamkeit und die Angst, die Paranoia und die finanzielle Unsicherheit, denn das Leben eines Schriftstellers macht Riesenspaß.
Die Sache hat bloß einen Haken. Man muss schreiben. Das ist etwas, was Anfänger manchmal nicht zu begreifen scheinen. Wie viele andere Romanautoren halte auch ich oft Reden auf Festivals oder gebe Schreibkurse, und die Standardfrage gleich am Anfang lautet immer: »Wie haben Sie es geschafft, einen Roman zu veröffentlichen?« Die Frage ist natürlich gut und berechtigt, aber manchmal habe ich das dumpfe Gefühl, dass die Motivation dahinter ein wenig suspekt ist. Was war der Trick?, heißt die eigentliche Frage. Verrat ihn mir, denn dann wird mein Buch auch veröffentlicht. Natürlich klingt es ziemlich arrogant, wenn ich sagen würde, mein Buch wurde veröffentlicht, weil es gut war, aber es wäre ehrlich und könnte angehende Autoren vielleicht von dem Irrtum befreien, die Veröffentlichung sei ein Mysterium oder man brauche entsprechende Beziehungen. Davon hatte ich nämlich keine einzige, nicht einmal, nachdem ich meinen Abschluss auf der University of East Anglia gemacht hatte, deren Schreiblehrgang allgemein (und irrtümlich) als Eintrittskarte in den Club der veröffentlichten Dichter gilt. Ich fand einen Agenten, weil ich bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb den zweiten Platz belegt hatte. Ich habe einen Verlag gefunden, weil ich irgendwann ein Buch geschrieben habe, das gut genug war, um von meinem Agenten verkauft zu werden.
Wenn Sie ein angehender Romanautor sind, finden Sie es vielleicht verblüffend, dass so viele schlechte Bücher veröffentlicht werden, aber das ändert absolut nichts daran, dass Sie erst ein gutes Buch schreiben müssen, wenn Sie es in den Buchhandlungen sehen wollen.
Nur wenige Menschen schaffen es gleich beim ersten Versuch, einen guten Roman zu schreiben. Ich auch nicht. Mein erster veröffentlichter Roman war der dritte, den ich geschrieben hatte, von den zahllosen Fehlstarts, die oftmals Tausende von Wörtern lang waren und an denen ich monatelang gearbeitet hatte, ganz zu schweigen. Wenn auch Sie schon viel angefangen und nicht beendet haben, dann lassen Sie sich davon nicht entmutigen; sehen Sie es als notwendigen Bestandteil des Lernprozesses an. Ich muss immer lachen, wenn ich in einer Biografie über Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit lese, »Hätte er/sie doch nur diese ersten Manuskripte nicht weggeworfen – was für Schätze mögen darin verborgen gewesen sein!«. Unsinn. Herr oder Frau Verstorbene Literarische Berühmtheit hat das frühe Zeug in den Müll gesteckt, weil es Müll war!
Das, was dabei herauskommt, wenn Sie sich mit den Kapiteln dieses Buchs beschäftigen, könnte durchaus ein Fehlstart werden – nämlich dann, wenn Sie keine gute Idee für ein Buch haben. Denn die kann weder ich noch sonst irgendjemand Ihnen in den Kopf pflanzen. Wenn Sie diese Übungen machen, werden Sie am Ende keinen fertigen Roman und wahrscheinlich noch nicht einmal einen Erstentwurf haben. Aber sicher werden Sie Rohmaterial haben, aus dem eines Tages vielleicht ein Buch wird, wenn Sie es formen und bearbeiten.
Wie lange braucht man, um einen Roman zu schreiben? Das kommt darauf an. Mein erster Roman, Crazy Paving, entstand in achtzehn Monaten, während ich nebenbei als Sekretärin arbeitete. Eigentlich ist das ziemlich schnell, aber ich war damals jung, ohne Bindung und hatte keine häuslichen Verpflichtungen. Als ich meinen zweiten Roman begann, war ich Theaterkritikerin für eine Sonntagszeitung, was bedeutete, dass ich den ganzen Tag schreiben konnte, bis ich – wie eine Eule – abends das Haus verließ, um ins Theater zu gehen. Das war großartig. Dance with me war in sieben Monaten fertig. Mein drittes Buch wurde anhand eines einseitigen Exposés verkauft, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Ich versprach meinem Verleger, das Buch würde vor dem Kind erscheinen, aber das war eine glatte Lüge. Das Baby kam, als ich beim ersten Kapitel war. Mein Partner arbeitete Vollzeit, und wir hatten keine Betreuung für das Kind. Trotzdem musste ich das Buch fertigstellen, zumal wir uns mit dem Vorschuss eine Wohnung gekauft hatten. Honey-Dew entstand in acht Monaten, der Preis war die totale Erschöpfung. Das ist übrigens der Grund, warum dieses Buch mein kürzestes ist.
Und dann das vierte, Fires in the Dark, das für mich einen echten Richtungswechsel bedeutete. Meine ersten drei Bücher spielten in der heutigen Zeit und waren bevölkert mit weiblichen Charakteren, die ungefähr in meinem Alter waren. Was darin geschah, war nicht einmal entfernt autobiografisch – Honey-Dew handelt von einem Mädchen, das seine Eltern umbringt -, aber ich muss zugeben, dass in Bezug auf Umfeld und Sprache vieles auf meiner eigenen Erfahrung beruhte. Fires in the Dark dagegen spielt in Mitteleuropa über einen Zeitraum von dreißig Jahren im zwanzigsten Jahrhundert. Hauptfigur ist ein Junge vom Stamm der Kalderasch-Roma. In Böhmen geboren, wächst er während der Großen Depression und dem Aufstieg der Nazis auf, kommt in ein Lager und flieht, um am Prager Aufstand im Mai 1945 teilzunehmen. Der Roman war dreimal so lang wie Honey-Dew und entstand in viereinhalb Jahren. Das nächste Buch, Die Wiege aus Stein, war ebenfalls ein langer, historischer Roman, kostete mich jedoch nur ein Viertel der Zeit, weil ich inzwischen wusste, dass man nicht alles über eine bestimmte Zeit wissen muss, wenn man einen historischen Roman verfassen will.
Mit anderen Worten: Ihr Buch wird so lange dauern, wie Sie brauchen. Aber ich werde mich etwas weiter aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass Sie, wenn Sie noch nie ein Buch geschrieben haben, es aber ernst meinen und mit den üblichen Belastungen wie Arbeit oder Familie oder – Gott bewahre – beidem gesegnet sind, von Anfang bis Ende gute drei Jahre brauchen werden. Dieses Buch kann Sie durch das erste Jahr bringen, in dem Sie Material sammeln, sich Notizen machen, erste Pläne entwerfen und erste Szenen schreiben. Im zweiten Jahr werden Sie verzweifeln, das Ding weglegen, es wieder hervorholen, sicher sein, dass Sie Ihre Zeit damit vergeuden und feststellen, dass Sie trotzdem weitermachen möchten. Im dritten Jahr dann wird die eigentliche Schreibarbeit beginnen.
Sie wollen immer noch? Gut. Wir fangen gleich an.
Aber vorher möchte ich Ihnen noch sagen, was dieses Buch nicht kann. Es kann Ihnen – abgesehen von wenigen generellen Hinweisen am Ende - keinen Tipp geben, wie man es schafft, einen Verlag zu finden, der Ihren Roman herausbringt. Als ich meine Zeitungskolumne »Ein Roman in einem Jahr« schrieb, sagte ich mir, dass jeder Brief, der mich nach Agenten oder Verlagen fragen würde, in einer feierlichen Zeremonie in meinem Garten verbrannt werden würde. Das mag etwas grausam klingen, aber ich stehe dazu. Jeder angehende Autor darf sich höchstens ein Prozent seiner Zeit mit der Frage beschäftigen, wie er an eine Agentur oder Verlag kommt; die restlichen neunundneunzig Prozent sollte man nutzen, um sich darauf zu konzentrieren, einen spannenden Plot zu entwickeln, überzeugende Charaktere zu erschaffen und klare, schöne Prosa zu schreiben. Zu viele Anfängerautoren machen das mit dem einen und den neunundneunzig anderen Prozent genau umgekehrt. Das Buch zu veröffentlichen, mag unmöglich erscheinen und ist es manchmal auch, aber wenn Sie noch kein gutes Buch geschrieben haben, dann sollte dies, ehrlich gesagt, Ihr allerletztes Problem sein. Das Einzige, was Sie im Augenblick im Kopf haben sollten, ist das Schreiben selbst. Schreiben Sie Ihr Buch, schreiben Sie es gut und schreiben Sie es noch einmal um, damit es noch besser wird.
Ich vermute, dass an dieser Stelle ein oder zwei von Ihnen verächtlich schnauben werden, vor allem dann, wenn Sie bereits ein noch unveröffentlichtes Buch geschrieben haben oder Stammgast in Schreibseminaren sind. Spannender Plot? Überzeugende Charaktere? Klare Prosa? Pah. Das ist doch was für Anfänger.
Ich habe früher öfter solche Abendschreibkurse geleitet. Meine am wenigsten talentiertesten Schüler waren stets die, die schon herablassend grinsend ankamen und davon überzeugt waren, dass es nur einer großangelegten Verschwörung, zu der natürlich auch ich gehörte, zuzuschreiben war, dass sie noch nichts veröffentlicht hatten. Einerseits wollten sie den Saum meines Umhangs berühren, als sei die Veröffentlichung ein übertragbares Virus, das überspringen würde, wenn man sich nur hartnäckig und lang genug an mich klammerte. Andererseits waren sie sich sicher, dass sie nichts mehr zu lernen hatten und verachteten sich selbst und die anderen Teilnehmer, weil sie hier saßen. Und hier kommt die Erkenntnis dieser Woche: Wir alle haben etwas zu lernen. Sogar Ian McEwan oder Margaret Atwood oder Toni Morrison haben noch etwas zu lernen, und sie sind deshalb so wunderbare Schriftsteller, weil sie das genau wissen – und an jedem Buch verdammt hart arbeiten.
Talent kann man nicht lernen, und wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie nicht mehr oder weniger talentiert sein als zuvor. Aber man kann sich das Handwerk aneignen, und beim Schreiben von Romanen gibt es mehr Techniken und Methoden zu erlernen, als die meisten Romanautoren zugeben würden. Nehmen wir zum Beispiel Plot und Struktur, eines meiner Lieblingsthemen: »Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende«, sagt Jean-Luc Godard, »nur nicht zwingend in dieser Reihenfolge.« Das ist hübsch, aber nicht wahr. Selbst Bücher, die scheinbar vollkommen kunstlos und handlungsfrei sind, haben eine gewisse Struktur, und sei es dadurch, dass es sich um Romane handelt, denn hätten sie keine Struktur, wären es nur aufgezeichnete Gedanken. »Jedes Mal, wenn ich einen Roman anfange«, sagte die überaus versierte Susan Hill, »erhebt er sich vor mir wie ein Berg, und ich sage mir, >Oh, nein, diesmal bist du zu weit gegangen.<« Wenn man sich einmal in Ruhe überlegt, an welche Größenordnung man sich heranwagt, wenn man ein Buch von, sagen wir, achtzigtausend Wörtern schreibt, dann erscheint und dies als einschüchternde und nicht zu bewältigende Aufgabe. Um sie weniger abschreckend zu machen, muss man sie in ihre Bestandteile zerlegen und diese nacheinander angehen. In den folgenden Kapiteln biete ich Ihnen verschiedene Aspekte der Techniken in nicht zu großen Portionen an. Natürlich überschneiden sich viele Themen, eine Dialogübung kann Sie durchaus direkt zu einem beschreibenden Abschnitt führen, aber daran ist nichts verkehrt. In dieser Phase muss Ihre Arbeit nicht perfekt geordnet sein, es wäre sogar reichlich merkwürdig, wenn es so wäre. Die Hauptsache ist, dass Sie so viel schreiben wie möglich. Das Chaos lässt sich später immer noch bereinigen.
»Die Kunst des Schreibens«, meint Kingsley Amis, »ist die Kunst, den eigenen Hosenboden auf den eigenen Stuhl zu setzen.« Also fangen Sie an. Nehmen Sie sich Stift und Papier ...
Übung 1
... und schreiben Sie einen Satz, der mit folgenden Worten beginnt:
»Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir ...«
Sie können natürlich auch mehr schreiben, aber wenn Ihnen nur ein Satz dazu einfällt, dann ist das auch in Ordnung.
Wenn Sie darüber nachdenken, wie Sie diesen Einstiegssatz beenden, kann es sein, dass Ihnen einer, dann ein anderer und dann noch weitere in den Sinn kommen. Wenn nicht, ist das nicht weiter schlimm. Natürlich kann es auch sein, dass Ihnen plötzlich ein ganz eigener Anfangssatz einfällt, oder nicht, was auch vollkommen in Ordnung ist. Vervollständigen Sie einfach nur den, den ich begonnen habe, wenn Sie zu mehr im Augenblick keine Lust oder Muße haben.
Möglich, dass Sie schon während dieser Übung die kleine spöttische Stimme im Kopf hören, die Ihnen sagt, dass Sie niemals einen Roman schreiben werden. Oder eine, die behauptet, dies hier sei blöd, weil zu einfach. Beide Sätze sind gleichermaßen destruktiv und Sie sollten sie ignorieren. Jeder muss irgendwo anfangen. Laurence Sterne, Emily Brontë und Nadine Gordimer haben auch einmal irgendwo angefangen. Jeder Roman in der Geschichte der Literatur beginnt mit einem Satz, also beginnen Sie jetzt.
Leserbeiträge
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19533
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir… dass er fortgehen würde. Ich erinnere mich gut daran, weil ich noch immer seinen Gesichtsausdruck vor meinem inneren Auge sehen kann. Er hatte die Augen geschlossen – und ich spürte trotz meiner Jugend, wie schwer es ihm fiel, seine Familie hinter sich zu lassen.
Der Tod unserer Mutter wenige Wochen zuvor hatte uns alle bestürzt und verwirrt. Vater war in den ersten Wochen ganz verstummt und hatte bei der Trauerfeier, zu der die ganze Verwandtschaft angereist war, kein Wort über die Lippen gebracht. Viele hatten ihm diese „Unhöflichkeit“ übel genommen und hinter vorgehaltener Hand über ihn geredet. Nur wenige hatten verstanden, was er wirklich durchmachte – und noch weniger versuchten nicht, ihn mit Plattheiten wieder aufzumuntern.
Es ist schwer, im Alter von sieben Jahren zuerst seine Mutter und wenige Wochen später auch noch seinen Vater zu verlieren. Und doch war ich als Ältestes von drei Geschwistern dasjenige, mit dem er sprach. Ich als sein „großer“ Sohn sollte fortan auf die „Kleinen“ aufpassen.
Ich habe nie erfahren, wohin er gegangen ist.
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19427
Am Tag meines 8. Geburtstages sagte mein Vater mir mit stolz geschwellter Brust und betont männlicher Körperhaltung, dass es nun endlich an der Zeit für mich wäre erwachsen zu werden.
Schon lange hatte ich mich vor diesem Satz gefürchtet, denn in meiner Familie, oder generell in unserem kleinen Bauernkaff mitten in der Salzburger Einöde, bedeutet dieser Satz etwas, das bei mir nur zwei Gedanken auslöste: Flucht und Ekel.
Während ich mir also mit steigendem Panik-Pegel eine Menge Ausreden durch den Kopf gehen ließ und eine nach der anderen verwarf, feuerten mich meine älteren Brüder von links und rechts an und mein Vater suchte mit feuchten Augen ein schlachtreifes Tier in der fröhlich quiekenden Schweine-Schar.
Als mir langsam die Ideen ausgingen und mein Vater fündig wurde, wurde mir mit einem Schlag klar, dass ich jetzt vor einer wichtigen Entscheidung stand.
Meine Familie durch eine Weigerung zu verletzen, oder ein unschuldiges Tier töten, das sowieso schon zum Tode verurteilt war. Noch während ich zwischen den fragenden Augen meines Vaters und denen des Schweines hin und her schaute, zögerte ich und hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich in den nächsten Sekunden entscheiden würde.
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19413
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er und meine Mutter mir etwas Wichtiges mitteilen möchten.
Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag. Mein Vater nahm mich an die Hand und führte mich in mein Kinderzimmer in dem meine Mutter schon auf uns wartete. Ich setzte mich auf mein Bett neben meine Mutter und mein Vater hockte sich vor uns hin, damit er unsere Gesichter sehen konnte.
Es musste sich wirklich um etwas sehr wichtige handeln, denn es kam selten vor, dass beide Eltern mit mir gemeinsam sprechen wollten. Ich war also sehr neugierig und gespannt darauf was mich nun erwarten würde. Vielleicht noch ein verspätetes Geburtstagsgeschenk? Oder hatte es etwas mit der Schule zu tun? War vielleicht meinem Lieblingsopa etwas zugestoßen?
An ihren Gesichtern konnte ich nichts erkennen. Weder Trauer noch Freude.
"Meine liebe," sagte er und nahm meine Hand, "du bist schon ein ganz großes Mädchen und musst mir jetzt versprechen, dass du sehr tapfer bist denn Mama und ich haben dir etwas wichtiges zu sagen."
Ich lächelte meinen Vater ganz stolz an um ihn zu zeigen, dass ich tapfer sein kann. Dann schaute er mich sehr liebevoll an holte tief Luft und sagte dann, "Deine Mama und ich werden uns trennen".
Mein Herz rutsche mir in die Hose,...trennen...dieses Wort fuhr mir wie ein Pfeil in den Bauch. Es tat weh. Sehr weh sogar. Doch ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen.
Mein Vater sprach weiter ohne seine Blick von mir abzuwenden.
"Das bedeutet, dass wir nicht mehr zusammen in einem Haus wohnen können. Du bleibst mit deiner Mutter hier wohnen und ich ziehe dann in eine andere Wohnung in der Stadt. Und du kannst mich immer besuchen kommen wenn du das möchtest. Ich werde immer für dich da sein! Vergiss das nicht mein Liebes."
Ich schaute meine Mutter an um zu sehen wie sie darauf reagieren würde doch ihr Gesicht zeigte keine Regung.
Meine Eltern schauten mich beide fragend an. Sie wollten eine Antwort von mir haben. Doch ich konnte nichts sagen.
Ich stand also von meinem Bett auf, nahm mir meine Kuscheldecke und verließ das Zimmer. Ich wusste genau, dass mir statt Worten nur Tränen kommen würden.
Und das musste ich verhindern. Ich hatte ihnen doch versprochen ein ganz tapferes Mädchen zu sein!
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19399
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir: „Du bist ja nun schon ein grosses Mädchen und bald schon eine Frau. Ich möchte dir zwei, drei wichtige Dinge mit auf den Weg geben.“ Er legte eine Pause ein, wie er es immer tat, um den nachfolgenden Worten Ausdruck zu geben. Gespannt und innerlich an allen Nägeln kauend wartete ich, dass er endlich weitersprach. Sollte das ein tiefschürfendes Gespräch zwischen Vater und Tochter werden, war der Zeitpunkt gut gewählt. Wir waren alleine auf dem sonntäglichen Spaziergang. Mutter fühlte sich nicht wohl und meine Schwester hatte einen geschwollenen Fuss. Vor Ungeduld fing ich an zu hüpfen und riss Vater damit aus seinen Gedanken. Er räusperte sich und sagte: „Also was ich dir sagen wollte, ist, zieh immer den Bauch ein, sonst kriegst du schlaffe Muskeln und einen Hängebauch. Männer mögen keine Hängebäuche. Also Bauch rein, Brust raus. Ja und dann versuch doch etwas eleganter zu gehen, nicht wie ein Trampel, sondern vielleicht eher wie ein Model und halte immer schön den Kopf hoch. Es geht niemanden etwas an, wenn es dir mies geht, das ist dein eigenes Problem.“ Stolz darauf, nun einige Geheimnisse der Erwachsenen zu kennen, zog ich den Bauch ein, so stark wie es nur ging und fing an in den Hüften zu wackeln. Das war gar nicht so einfach, wie es immer aussah. Bauch einziehen, Hüfte wackeln, Bauch einziehen, Hüfte wackeln. Wehe, wenn man da aus dem Takt kam. Konzentriert und auf der Unterlippe kauend übte ich vor mich hin. Bald war ich fast am Ersticken und sicher tomatenrot im Gesicht. „Ja was tust du denn da, wieso hältst du die Luft an?“ fragte mein Vater. „Ich ziehe eben den Bauch ein“ japste ich nach Luft. „Atmen darfst du trotzdem, übe fleissig, dazu ist man nie jung genug“ war die trockene Antwort meines Vaters. Leider waren es die letzten Weisheiten, die ich von ihm lernte. Kurz darauf zog mein Vater zu einer anderen Frau, die zwar das mit dem Bauch einziehen auf den ersten Blick auch nicht so gut beherrschte, dafür verstand sie sich prima auf das Hüfte wackeln und ihr Bankkonto war noch fülliger als ihre Figur.
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19393
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass er für immer in die Arktis geht.
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19380
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir,
dass er auf eine Alm ins Wettersteingebirge ziehen werde und frühestens im Oktober wieder nach Hause käme.
Ich dachte freudig: „Super“,
fragte aber nur, ob Mama das erlaubt hätte.
Grimmig meinte er, die hat nichts zu sagen. Da war mir klar, dass er im Herbst nicht zurückkommen wird.
20 Jahre später sah ich ihn wieder.
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19335
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir:
"Es tut mir wirklich leid mein Kind, dass wir gestern alle deinen Geburtstag vergessen haben. Aber sei nicht traurig, nächstes Jahr hast du ja wieder Geburtstag und dann werden wir feiern - versprochen!"
Traurig schaute ich ihn an und dachte an den Abend vor meinem Geburtstag. Wie hatte ich mich gefreut.
Ich war aufgeregt, so aufgeregt, dass ich kaum einschlafen konnte. "Ja", dachte ich, "morgen war ein ganz besonderer Tag. Oh, wie ich mich freute…! Morgen würde ich mich einmal aus meiner Geschwisterschar hervorheben, einmal etwas Besonderes sein, an diesem meinem Ehrentag.
Und auch in der Schule würde man mich umringen und mir Aufmerksamkeit und Beachtung schenken.
Wie schön das werden würde!"
Mein Herz hüpfte vor Freude. Vielleicht würde ich sogar ein Geschenk bekommen, wer weiß? An die heiß begehrte Barbie-Puppe mochte ich nicht denken, da blieb mir schon bei dem Gedanken die Luft weg. Aber vielleicht würde ich ein Poesie-Album geschenkt bekommen oder ein paar schöne Glanzbilder? Wie auch immer, am wichtigsten war, dass ich morgen im Mittelpunkt stehen würde. Ich , das
G E B U R T S T A G S K I N D !
Gestern erwachte ich dann sehr früh, die Mutter brauchte mich nicht wecken.
Mit vor Aufregung roten Wangen und glänzenden Augen setzte ich mich an den Frühstückstisch. Mutter war mürrisch, wie immer, Vater schon lange aus dem Haus. Meine sechs Geschwister kamen nach und nach in die Küche – müde, stumm und gleichgültig. Niemand beachtete mich, kein Mensch gratulierte mir.
Mein Herz sank ganz tief.
Kaum bekam ich den wässerigen Kakao hinunter, geschweige denn das trockene Brot. Zu schwer musste ich schon an meinen Tränen schlucken.
"Ach", tröstete ich mich selbst, "gleich wird es jemanden einfallen, gleich geht der Blick zum Kalender."
Doch nichts geschah.
Mit gesenktem Kopf machte ich mich auf den Weg zur Schule. Nicht einmal die Käsekästchen auf den Straßen interessierten mich heute.
Strahlend begrüßte Elli mich, meine beste Freundin. Sie sprudelte wie ein Wasserfall und erzählte mir die neuesten Neuigkeiten aus der Schule. Doch an meinen Geburtstag dachte auch sie nicht.
Die Klassenlehrerin ,Frau Leibscher, betrat den Raum, klatschte in die Hände und forderte uns Kinder auf, still zu sein. Dann begrüßte sie die Klasse.
Ich wartete gespannt, denn eigentlich sollte jetzt der Satz folgen: „Wir haben heute ein Geburtstagskind“ und dann stellten sich alle Kinder im Kreis um das Geburtstagskind herum und sangen „Wie schön, dass du geboren bist…“.
Doch nichts geschah. Frau Leibscher ging gleich zum Unterricht über und nun konnte ich nur noch mühsam meine Tränen unterdrücken. Elli sah mich fragend an, als ein leises Schluchzen meiner Kehle entwich.
Nach der Schule ging ich sofort nach Hause und alles war wie immer. Mutter lag schlafend auf dem Sofa, der Eintopf stand auf dem Herd. Auf einem Zettel war zu lesen, welche Aufgaben ich heute zu erledigen hatte. Abwaschen, Betten machen, Wäsche aufhängen...alles war dabei.
Ich arbeitete sorgfältig, wollte Mutter nicht verärgern.
Als ich mich am späten Nachmittag nach dem Wäscheaufhängen im Garten auf die Schaukel setzte, liefen mir die Tränen über das Gesicht. Der Strom schien kein Ende zu nehmen und schließlich versteckte ich mich in einem alten Kinderwagen hinter dem Kleiderschrank auf dem oberen Flur. Dort schlief ich ein und träumte von einem neuen Leben in einer anderen Welt.
Und nun stand mein Vater am Tag nach meinem Geburtstag vor mir und sagte, ich solle nicht traurig sein. War das sein Ernst? Konnte er mich überhaupt verstehen?
Ich schwieg und beugte mich wieder über das Hemd, das vor mir auf dem Bügelbrett lag.
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19282
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir: "Los, du musst dich beeilen." Eigentlich schrie er mehr als das er sprach. "Sie sind bereits vor den Toren der Stadt. Wir konnten Sie nicht mehr aufhalten." Panik stieg in mir hoch und ich hievte mich noch etwas benommen von meinem Lager hoch. Jetzt war es also so weit. Das Warten war vorbei, heute würde die Entscheidung fallen.
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19206
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir: "Pass mal auf, du verdammtes Rotzgör, du wirst hier endlich auch mal was zum Lebensunterhalt beitragen, mir langt´s nämlich, endgültig! Verstehst du?"
Ich antwortete vorsichtshalber nichts, ich wünschte mich einfach nur unglaublich weit weg von diesem nach Alkohol und Schweiß stinkendem Stück Dreck. Mehr war er nicht für mich, für keinen von uns drei Kindern. Wir hassten und fürchteten ihn.
Mama hatten wir auch hassen gelernt, sie schützte uns nicht vor ihm, vor seiner perversen Freude daran, uns zu quälen. Sie packte uns nicht einfach eines Nachts und brachte uns in Sicherheit, irgendwohin, wo er uns nie mehr finden würde.
Ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte, und hätte ich damals etwas davon gewusst, ich wäre allein abgehauen, und wenn ich verhungert wäre, alles wäre besser gewesen als das, was dieses Monster mir noch antun würde........
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19156
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, er müsse mit mir reden. Er nahm mich an die Hand und führte mich in sein Arbeitszimmer. Erstaunt blickte ich ihn an. Normalerweise durfte ich sein Arbeitszimmer nicht betreten, das war immer der Ort gewesen, an dem er ungestört sein wollte. Es musste etwas Wichtiges sein, wenn er mich hier hinein ließ.
"Hör zu", begann er und schaute mir dabei fest in die Augen. "Du bist ja schon ein großes Mädchen....
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19152
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: "Wenn Du es klug anstellst, Kindchen, wirst Du meine Farm eines Tages um das 10-fache vergrößern." Ich schaute ungläubig zu ihm auf. Er war eine Respektsperson, die mit majestätischer Haltung auf einem seiner drei abgewetzten Chesterfieldsofas saß, die Beine lässig übereinander geschlagen, in der rechten Hand eine Havanna rauchend. Sein Machwerk. Und das seiner 43 Tabakarbeiter, die seinem baldigen Ausscheiden mit der Sentimentaltät eines kubanischen Dorfhundes entgegensahen, der sein Herrchen verloren hat.
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19086
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir: "Gehe runter und sage dem Chinesen er soll hereinkommen. Sag´ihm, ich habs mir überlegt."
Mein Vater ließ sich zurück in den Polster fallen. Schweiß tropfte von seiner Stirn, er atmete schwer. Ich zögerte. Mein Vater fixierte einen unbeweglichen Punkt an der Decke. "Jetzt mach schon, geh!" Seine rechte Hand deutete Richtung Türe.
Hi mac! Klingt, als könne daraus eine interessante Geschichte entstehen. Jedenfalls würde ich sie jetzt weiterlesen, um zu erfahren, was es mit dem Chinesen auf sich hat.
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19082
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir, dass ich nie an gebrochenem Herzen leiden werden. In meiner kindlichen Naivität ahnte ich nicht, was dieser Satz für Auswirkungen auf mein gesamtes Leben haben würde.
Selbst heute habe ich nur einen ungefähren Verdacht darüber, was er alles getan hat, um seinen Herzenswunsch mir gegenüber zu erfüllen. Wie weit er dabei die gesetzlichen Grenzen überschritten hat, weiß ich nicht. Will es auch nicht wissen. Doch eins weiß ich hundertprozentig: Mein Vater hat etwas damit zu tun, warum alle Männer, die ich geliebt habe, aus meinem Leben verschwunden sind.
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19041
ich sollte endlich damit aufhören. Ich sollte endlich erwachsen werden, die Geschichte vergessen Aufhören ihm tausende Fragen zu stellen, über dieses Manuskript, das ich gefunden habe. Immerhin sei es mein achter Geburtstag. Ich sah ihn an wie sehr es ihm weh tat mich zu verletzen und das noch an meinem großen Tag. Doch ich sah auch, wie er gealtert war in den letzen Jahren seit dem Manuskript. Wie sehr es ihn mitgenommen hatte. Er sagte, er könnte das nicht mehr, dann wandte er sich ab und ich sah, dass er weinte.
Ich stand da, mit großen Augen und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte damals ja keine Ahnung, was es für ihn bedeutete. Dass es seine Geschichte war und nicht diejenige, eines völlig Unbekannten, eines vom Unglück verfolgten Menschen.
Ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie ich das Manuskript gefunden hatte, verstaut im letzen Winkel seines Schreibtisches. Ich wusste, wenn ich es ihm zeigen würde, würde ich Ärger bekommen, weil ich gestöbert hatte und an seinen Sachen war. Doch es war mir egal, ich konnte nicht anders. Es ging eine unendliche Faszination davon aus, als ob es mich in seinen Bann gezogen hätte, mich fest in seinem Griff umklammert hielt und nicht mehr loslassen würde.
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19037
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: „Steh auf Grosser, ab heute gehen wir beide gemeinsam zum Angeln.“
So lange schon habe ich auf diesen Tag gewartet, an dem Papa und ich so richtige Männersachen zusammen machen, und nun wusste ich, bin ich ein Stückchen erwachsen geworden.
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18953
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass die Erde rund sei und die Jahre schneller vergingen, je älter man wurde.
Damals wusste ich nicht, was er mir damit sagen wollte. Ich wartete gespannt auf eine einleuchtende Erklärung von ihm. Doch er stellte lediglich diese unausgegorene verschlüsselte Lebensweisheit in den leeren Raum meines Kopfes und schwieg.
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18932
Am Tag nach meinem 8. Geburtstag sagte mein Vater mir, er hätte meinen Koffer gepackt. Ab morgen würde ich zu meiner Großmutter nach Österreich ziehen.
Ich stand reglos vor ihm, fühlte mich wie betäubt und konnte mich nicht bewegen. Ein einziger Gedanke pochte in meinem Kopf und vermischte sich mit meinem Herzschlag:
"Sie hat es geschafft! Sie hat es geschafft! Sie hat es geschafft!"
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18892
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir: Lena,.. Lena mein Schatz, komm einmal her, Mama und ich möchten etwas mit dir besprechen. Genau in diesem Augenblick änderte sich mein Leben und nichts war jemals wieder wie vorher. Noch bevor Mama oder Papa irgendetwas gesagt hatten, spürte ich, dass etwas geschehen würde oder geschehen war, das unsere heile Welt zerstören könnte. Papa nahm mich zu sich auf den Schoß, seine Hände zitterten und er suchte nach Worten, mit denen er das, was ich gleich erfahren sollte erklären könnte."Lena", begann mein Vater schließlich,"Mama und ich waren bisher immer für dich da, wir waren eine sehr glückliche Familie, besonders seit du da warst. Und unser größter Wunsch ist, dass das immer so bleibt. Das sollst du wissen. Trotzdem müssen wir dir heute etwas sagen." Meine Angst wurde unerträglich, Vater schluckte und Mutter fuhr fort:
"Lena erinnerst du dich noch an Papa's Bruder Marco?" "Ja, Mama, er hat uns doch mal zu Weihnachten besucht. Und er hatte die große Puppe für mich mitgebracht. Ich fand ihn sehr nett. Was ist denn mit ihm? Ist ihm etwas passiert? Nun sagt doch endlich was los ist!" "Marco geht es gut," erklärte Papa. "Er hat gestern angerufen. Seit ein paar Wochen ist er wieder in Deutschland. Und er wird uns besuchen." "Aber was ist daran schlimm?" fiel Lena ihm ins Wort. "Ich mochte ihn gern, was hat er denn gemacht? Freust du dich nicht auf deinen Bruder?"
"Lena, wir hatten in den letzten Jahren sehr wenig Kontakt. Es ist in der Vergangenheit etwas geschehen, was uns auseinandergebracht hat. Und dazu musst du wissen,.... das Marco,.. dein richtiger Vater ist."
"Papa!" Ich bekam einen Kloß im Hals und starrte meine Eltern an.
"Papa, was bedeutet das? Du und Mama ihr seid doch...
Mama, sag doch was, du warst doch immer mit Papa zusammen, was soll das?"
Und als ob mir nicht schon der Boden unter den Füßen weggezogen würde, erklärte Mama jetzt ganz direkt: "Lena, du bist die Tochter von Marco und seiner damaligen Freundin. Sie ist kurz nach deiner Geburt gestorben. Und Marco hat in seiner Not Papa und mich gebeten, dich zu uns zu nehmen."
Jetzt war es raus. Ich konnte die beiden nicht ansehen. Mein Zuhause, meine Mama, mein Papa, alles sollte nur eine Geschichte gewesen sein? Ich saß hier also mit meinem Onkel und seiner Frau, mein Vater hatte sich in all den Jahren bis auf einen Besuch nicht um mich gekümmert und meine Mutter war tot.
Innerhalb weniger Minuten war alles was mir lieb gewesen war, was das wichtigste in meinem Leben war, zerstört.
Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen und befürchtete das Schlimmste: "Mama, muß ich jetzt zu Marco gehen? Will er mich zurückhaben? Wollt ihr mich denn nicht mehr? Warum habt ihr mir nie etwas erzählt? Mama! Nun sag doch was!" Und nun konnte ich nur noch schreien. "Warum habt ihr mich angelogen?" Ich hatte Angst vor den beiden Menschen, die da bei mir saßen, sie waren plötzlich so fremd. Ich rannte aus dem Zimmer, nach draußen, einfach weg, immer weiter.
Hallo Inga! Zu dir muss ich auch gleich mal was schreiben: Ich finde den Gedanken spannend, wie es sein muss, wenn man erfährt, dass die Eltern, mit denen man so weit aufgewachsen ist, nicht die leiblichen Eltern sind. Und dann ist in deiner Geschichte auch noch der Bruder des Vaters, den Lena als Onkel gesehen hat, ihr wirklicher Papa, und die wirkliche Mutter ist tot. Muss verwirrend sein für ein kleines Mädchen, das zu erfahren. Was mir noch aufgefallen ist: An einer Stelle schreibst du "...,fiel Lena ihm ins Wort" - da hast du die Ich-Form vergessen, in der du den Text verfasst hast. Aber vielleicht hast du es inzwischen ja selber gemerkt. :o)
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18856
Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater zu mir.. jetzt fängt die Zeit des Abschieds an, denn er und meine Mutter würden uns, sobald die Ferien anfingen, endlich zu sich nach Deutschland holen.
Ich liebte meine kleine ,heile Welt, doch nach mehr als ein Jahr das wir bei meiner Oma lebten, vermissten wir nun unsere Eltern sehr.Deutschland stellte ich es mir nicht viel anders als San Remo vor. Denn schon häufig hatten wir deutsche Touristen die uns anlachten und mich vor allem wegen meiner langen und blonden Haare fotografierten.
Unsere Naivität verloren wir sehr schnell denn wir würden von heut auf morgen in eine kalte und rauhe Zeit katapultiert.
Die 70er waren auch für Italiener eine Zeit des Kampfes und der Feindseligkeit. Und wo ich trotz meines jungen Alter, kein Problem hatte mein leben zu ändern, haben erst die äußere Umstände mir das Heimweh beigebracht.
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Am Tag nach meinem achten Geburtstag sagte mein Vater mir, dass es weit im Norden unseres Landes, direkt am Meer, eine große Stadt gab. Eine Stadt, in der die Häuser bis in den Himmel reichten und ganz aus Glas waren, in der die Menschen in Zügen unter der Erde herumfahren konnten und, was mich am allermeisten erstaunte, in der am Abend tausende und abertausende Lichter angezündet wurden. "Damit sich kleine Kinder wie du nicht fürchten müssen, wenn es dunkel wird" meinte er lächelnd und stupste mir dabei mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Brust.
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