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Kapitel 11 mit Übungsaufgabe
Leserbeiträge
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ICH WÜNSCHE ALLEN EIN FROHES UND ENTSPANNTES OSTERFEST! VIELEN DANK AN MANFRED PLINKE UND SEINEM TEAM UND ALLEN DIE MEINE TEXTE LEKTORIERT UND KOMMENTIERT HABEN. Danke für den Humor, die (oft) schöne Sprache und das Wissen, dass Ihr mir vermittelt habt. Es ist eine Freude für mich hier mit dabei zu sein und es geht mir jeden Tag etwas besser (gesundheitlich). Liebe Grüsse und Wünsche von Lillilu
Liebe Lillilu, habe gerade mein Postfach aufgeräumt und bei meinen Kommentaren mit offenen Fragen geschaut, ob inzwischen Antworten eingegangen sind. Unter Lichterfields Beitrag 6224 habe ich zu Deiner Kritik an meinem Kommentar noch einmal Stellung genommen. Ich würde mich freuen, wenn Du nochmal nachliest. Viele Grüße von Metta
Liebe Lilliu Vielen Dank für Deine Nachricht. Ich hatte mir vorgenommen über die Festtage meinen Beitrag zu schreiben, da ich sonst noch keine Zeit hatte und gerade als ich dabei war, habe ich Deine Nachricht erhalten. Habe mich sehr gefreut darüber. Ich wünsche auch Dir schöne Ostertage und hoffe, das Beste für Deine Gesundheit. Ist schön hier mit so tollen Menschen Geschichte auszutauschen. Die besten Wünsche und fröhliche Ostertage an alle Leser, Schreiber und dem „Besatzungsteam“ dieser Webseite. Liebe Grüsse aus der Schweiz, Tinkerbell
@RoMcGer: Schön, dass Du Deinen Humor wieder gefunden hast!
Auch ich möchte Dir und allen anderen ein schönes Osterfest und die angestrebte Gesundheit wünschen. Ich fasse mich bewusst kurz, damit es nicht wie eine Betriebsanleitung klingt.
Lillilu, Du hast völlig Recht. Auch von mir herzlichen Dank und Respekt für das Durchlesen der ganzen, vielen vielen Texte und auch noch der Kommentare dazu. Frohe Ostern und ausreichend große Weidenkörbchen voller Ostereier wünscht Euch Andrea
Liebe Lillilu. Dir und allen Anderen, die dieses Forum mit Inhalten füllen, ein schönes Osterfest. Viele Grüsse Burghard
Liebe Lillu, liebe AutorInnen, auch von mir ganz herzliche Grüße und die besten Wünsche für ein frohes, friedliches (und kreatives?) Osterfest! Ich hatte bisher noch gar keine Zeit, die Beiträge zu dieser letzten Aufgabe zu lesen und brüte noch auf meinem eignen Text - hoffe auf eine intensive Lese- und Schreibzeit über die Ostertage... Alles Liebe Allen, Gabriele
DIESEN WÜNSCHEN SCHLIEßE ICH MICH AN. ALLEN ein lustiges Eiersuchen, fröhliche Tage (trotz Kälte), Gesundheit, Inspiration und LIEBE. Am Ostermontag werde ich 50 und kann jetzt schon sagen, dass dieser Blog ein große Bereicherung für mein neues Leben(sjahr) ist. Das macht mich froh. Allen fleißigen, neugierigen und kritischen Leser(inne)n großen Dank. Ich schließe mit den Zeilen von Rilke, die mich seit meiner Jugend begleiten: "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang."
Auch von mir ein herzliches Dankeschön für dieses tolle Projekt und an alle fleissigen Mitschreiber/innen! An dich einen besonderen Gruß für deine Aufmerksamkeit und Freundlichkeit. Schöne Ostertage!
Dem schließe ich mich an: Allen, die hier mitschreiben, lesen oder sonstwie am Bau und Betrieb dieser Seite mitwirken, wünsche ich ein wunderbares Osterfest! Liebe Grüße Carola
Lillilu...auch ich wünsche Dir ein frohes Osterfest und weiterhin gute Besserung. Liebe Grüße und viel Erfolg...
Allen Autorinnen in diesem faszinierendem Forum frohe Feiertage! (Alliteratiron, habe ich gelernt!) Ich bin zwar noch nicht so weit, selbst Texte vorzustellen, aber das ist ein tolles Projekt - man lernt soviel von Euren Beiträgen und den interessanten Kommentaren. Danke auch an den Autorenhaus Verlag, der es ermöglicht. Liebe Grüße Christel
Hallo Lililu, danke, auch dir ein frohe Osterfest und ganz viel Besserung. Frohe Ostern auch an alle anderen und den Betreibern dieser Seite. Liebe Grüße Jutta
Liebe Lillilu. Ich schliesse mich Deinen Ostergrüssen an. Auch Dir wünsche ich ein schönes Osterfest und Gute Besserung. Ich lese Deine Geschichten und Kommentare sehr gerne, es hat immer sehr viel erfrischendes dabei und ich kann noch viel lernen. Liebe Grüsse speziell an Dich und all die Anderen von Ursula
Frohe Festtage auch für dich. Und für deine Gesundheit weiterhin alles Gute.
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Rukmini saß mit den anderen Kindern auf einer Matte auf dem heißen, sandigen Boden, und bemühte sich, die Zahlen auf ihre kleine Tafel zu schreiben. In ihrem Dorf in Radschasthan war es schöner gewesen als hier auf der Baustelle am Stadtrand von Neu-Delhi. "Da gab es nämlich Bäume und man konnte Beeren pflücken. Und im Wald lebten Wildpfauen. Die haben immer ganz laut geschrien. So: Ieeeeehhhh!" Rukmini lachte.
"Aber in dem Dorf war es zu trocken. Die ganzen Felder. Da wuchs - nichts!" Rukmini streckte die leeren Hände nach vorn und lächelte wieder. "Und irgendwas müssen wir ja schließlich essen." Sie zuckte die Schultern. "Vor allem meine kleinen Brüder, die haben immer Hunger."
Rukminis Vater Rewal war Maurer, die Mutter Rajni Hilfsarbeiterin auf der Baustelle. "Wenn die Fabrik hier fertig gebaut ist, müssen wir weiter, hat Papa gesagt. Darum ist unser Haus auch nur aus Backstein, ohne Mörtel. Mama hat es mit Kuhmist abgedichtet. Wenn wir zur nächsten Baustelle ziehen, dann machen die das Haus hier einfach ka-puttt!"
Rukmini stand auf und klopfte sich den Sand von ihrem rosa Kleid. "Ich muss jetzt Sonu und Lachi von der Krippe abholen - aus der anderen Gruppe dahinten. Dann helfe ich Mama beim Kochen. Wir essen meistens Gemüse und Roti, so heißt das Fladenbrot bei uns. Am liebsten mag ich Chana, Gobhi und Alu*. Ich darf auch schon das Feuer anmachen. Schließlich bin ich ja schon acht."
Wow. Ich muss wirklich zu diesem Wort greifen. Leider bin ich erst jetzt dazu gekommen die Texte dieser Übungsaufgabe zu lesen. Ich wollte erst meinen fertig haben. Mir gefällt Dein Text sehr gut. In dieser Kürze hast Du so viel integriert. Bin gespannt, ob noch mehr zu Rukmini kommt. Ich werde versuchen aus Deinem Beitrag zu lernen. LG Antje (Necke99) PS: Danke auch für Deine Kommentare auf meine früheren Beiträge.
Hallo Metta! Danke für Deine Antwort. Mmmh, das kommt mir doch alles sehr bekannt vor, was Du mir geschrieben hast ;-) Wenn ich Deine Übungstexte und Deine klugen Kommentare lese, dann erscheint mir Deine Illusion gar nicht so illusorisch... An sich selbst glauben und arbeiten, das ist der Weg. Vielleicht winken wir uns ja mal bei den Signierstunden auf der Buchmesse zu ;-))) Ach ja, Dein Text gefällt mir übrigens ausnehmend gut. Sinn der Übungsaufgabe verstanden und gekonnt umgesetzt. Liebe Grüße, Malea.
Ich möchte kurz zu Euren Fragen Stellung nehmen: Zunächst hatte ich den Text ohne wörtliche Rede in der dritten Person geschrieben, fand es dann aber lebendiger, Rukmini selbst zu Wort kommen zu lassen, so, wie sie mir vielleicht begegnet wäre, wäre ich zu ihr gereist. Vielleicht unterhält sie sich auch mit einer anderen Touristin oder jemandem von einer Kinderhilfsorganisation? Sie ist sehr fröhlich und kontaktfreudig. Deshalb kann ich das nicht so genau sagen. Die Kinder tragen z.T. wirklich "moderne" Kleidung und nicht traditionelle Saris, denn bunte Rüschenkleider und Jeansröcke aus Sammlungen sind oft billiger oder kostenlos zu haben. In Rukminis Heimatdorf sorgt zwar der Monsunregen im Sommer für ausreichend Niederschlag. Da traditionelle Regensammelmethoden mit kleinen Kanälen und dezentralen Wasserbecken jedoch staatlichen Staudammprojekten gewichen sind, die Wasser für größere Regionen und auch die Städte sammeln sollten, kann das Wasser nicht mehr versickern und den Grundwasserspiegel auffüllen. Trockenheit ist die Folge. Die Niembäume, die in Rukminis Heimat wachsen, überstehen die Trockeperioden gut, weil ihre Wurzeln z.T. doppelt so tief sind, wie der Baum hoch ist. Ihre ideale Umgebungstemperatur liegt bei 30 Grad. Bei noch größerer Trockenheit werfen sie ihr Laub ab ähnlich wie die Bäume im Winter bei uns. Flach wurzelndes Getreide und Gemüse hat natürlich ohne ausreichende, künstliche Bewässerung keine Chance. Ich habe den Text bewusst kurz gehalten und auf weitere Handlung verzichtet, weil es mir zunächst nur darum ging, das Mädchen, ihre Familie und die nähere Umgebung vorzustellen.
Schnell habe ich durch deinen kurzen Text einen intensiven Einblick in das Leben dieses Kindes bekommen. Das rosa Kleid irritiert mich etwas.
Mit Rukmini hast Du eine kleine Persönlichkeit geschaffen, die hoffentlich bald noch viel mehr zu erzählen hat. Ich höre sich quasi sprechen...
Knapp und doch deutlich hast du Rukmini vorgestellt. Ich kann mich sofort in ihre Lage hinein versetzen. Sind die Felder wirklich so trocken, wenn gleich nebenan ein Wald steht?
Schöne, kleine Szene, ist dir gelungen, das indische Mädchen im rosa Kleid. Warum so kurz? Und mit wem spricht Rukmini? Meine Idee war eine Klassenkameradin, dann stört nur die Erklärung vom Fladenbrot, und das Gegenüber hätte mich auch noch interessiert.
Erst acht Jahre alt, doch voller Verständnis und Verantwortung. Dies ist ein gelungener Beitrag, den ich gerne gelesen habe. Liebe Grüße. Putzi
Streng am vorgegebenen Thema ist hier die Übungsaufgabe Nr. 11 sorgfältig bearbeitet worden. Kurz und bündig, mit schlichten Sätzen. Einprägsam und lehrreich.
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6926
Noch immer war der Chicago River grün gefärbt. Gestern war St.Patrick's Day. Die ganze Stadt war auf den Beinen, um zu feiern und die große Parade anzuschauen. Der irische Nationalheilige im grünen Bischofsgewand führte den Umzug an, gefolgt von Dudelsackspielern im karierten Kilt und dem Klang irischer Kriegshörner. David O'Neill hatte Kopfschmerzen. Zu viel Guiness am letzten Abend. Aber als Manager der Wm. Wrigley Jr. Company musste er topfit sein, jeden Tag.
David lenkte seinen Chrysler vorbei an prachtvollen Kaufpalästen durch die North Michigan Avenue, auch Magnificent Mile genannt. Schließlich steuerte er ins John Hancock Center. Sein Parkplatz lag im obersten Deck, im 12. Stock.
Als er nochmal eben in den dritten fuhr, um sich im Supermarkt eine Coke zu holen, traf er im Lift auf Simon Coates. Er arbeitete in der Bank of Illionois im 37. Stock des John Hancock Centers.
"Hi Simon. Treffen wir uns gleich im Schwimmbad?"
"Yeah, gute Idee."
"Hole nur noch eben meine Klamotten."
David fuhr rauf in den 86. - 2000 Dollar waren nicht billig für ein Ein-Zimmer-Appartement, aber für David war es ein Traum, hier zu wohnen.
Er zog seine Sportklamotten an und fuhr runter ins Fitnesscenter im 44. Stock - vor dem Schwimmen noch eine Runde auf den Stepper. Das Wetter war klar, und so konnte er aus dem Fenster bis weit über den Michigan-See blicken. Simon war schon da.
"Wie haben am Wochenende die Chicago Bears gespielt?"
"Frag mich was anderes! Wieso warst Du nicht da?" David fuhr sich mit der Hand durch die roten Haare.
"Ich konnte nicht. Meine Süße hat mich in die Chicago Orchestra Hall abgeschleppt."
"Hast auch nichts verpasst."
"Lieber ein schlechtes Footballspiel als klassische Musik. Aber was tut man nicht für die Liebe."
Die Männer grinsten sich an. David war seit zwei Monaten wieder solo. Bei seinem Job war es gar nicht einfach, ein Mädchen kennenzulernen, obwohl er mit seinen 37 Jahren noch ziemlich gut aussah. Aber gestern Abend hatte er Betty abgeschleppt. Sweetheart!
"Fahren wir nachher noch rauf in den 99. auf 'ne Pizza bie Al Capone?"
"Yes. Und anschließend auf'n Drink im Green Mills?"
"Nein, lass mal lieber. Hatte zuviel Guiness gestern."
Dieser verdammte Bastard. Sah ja sehr sexy aus mit seinem Kilt, so ganz ohne was drunter. Bestimmt hat er mir mit Absicht drei Guiness spendiert. Ich kann mich nur noch dunkel an den Lift erinnern und die vielen Spiegel. Wie peinlich! Wo Mum mir doch beigebracht hat: Kein Sex vor der Ehe! Und jetzt ein One-Night-Stand im Fahrstuhl!
Ich finde deinen Protagonisten mit seiner Rede- und Lebensweise gut dargestellt. Von seinem Hintergrund und Chicago bzw. USA kommt ein bisschen wenig rüber in der Szene.
Tja, der St. Patrick's Day war aber leider schon am 17. März ;o) bzw. 2008 hat die katholische Kirche ihn wegen der Karwoche sogar auf den 15,03. vorverlegt. Nein, im Ernst... Mir ging es nicht um irgendeine Love-Story, sondern um den Alltag des Protagonisten, und der spielt sich nunmal vorwiegend im John Hancock Center ab. Das Skurrile und Beschreibenswerte finde ich gerade das Leben im JHC, d.h. wenn man dort nicht nur wohnt sondern auch seinen Job hat (wie Simon), kann man sein ganzes Leben dort verbringen, ohne es einmal zu verlassen. Im Grunde hätte ich David auch gar nicht auf die Straße zu lassen brauchen, aber ein klein wenig Chicago sollte es ja doch sein. Den grünen Fluss fand ich einen besonders merkwürdigen Brauch. Statt den St. Patrick's Day zu nennen, hätte ich auch einfach schreiben können: David O'Neill war Nachfahre irischer Einwanderer, von denen es in Chicago ziemlich viele gibt. - Der saloppe Tonfall ist beabsichtigt und kennzeichnet den Unterschied zwischen verantwortungsvollem Job und Freizeit, die Kurzform "in den dritten", dass für die Hausbewohner das Leben nach Stockwerken geordnet ist. Aber das muss ja nicht bei jedem so ankommen.
Warum hast du den Tag NACH St. Patrick's Day beschrieben? Ich hätte liebend gern mehr von der Atmosphäre bei der Parade gespürt, wäre gerne beim Guiness trinken im Pub dabei gewesen und hätte gern die Betty-Anmache miterlebt. Stattdessen zeigst du mir als Leser sinnbildlich die Nase und sagst: "Ätsch, bist leider einen Tag zu spät dran, heute gibt es nur eine Beschreibung des John Hancock Centers, incl. der wichtigen Etagen. :-(
Hallo M.M., eigentlich ganz gut geschrieben. Du hättest jedoch noch mehr über den Patricks Day erklären können. Was mich gestört hat, ist, die Aussage "als er noch mal eben in den driteen fuhr", ich finde das nicht passend. Auch Klamotten passt nicht, z.B. Kleidung und Sportdress hört sich besser an, meiner Meinung nach. Liebe Grüße Jutta
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Ich habe keinen Namen. Ich kenne keinen Menschen der mir einen hätte geben können. Ich bin in einer dunklen, stinkenden und feuchten Scheune auf die Welt gekommen. Ich habe 9 Geschwister von denen ich nicht weiss, ob sie noch leben.
Meine Mutter hatte nie genug Milch für uns alle und somit bin ich nicht besonders kräftig und gross. Sie konnte nicht mehr aufstehen und lag den ganzen Tag einfach im verschimmelten Heu. Meine Geschwister schrien die ganze Zeit, mir taten die Ohren weh und ich hatte unendlich grossen Hunger. Ab und zu schlich sich ein Kind zu uns in die Scheune und brachte leckere Sachen mit. Darüber freuten wir uns sehr. Die anderen Menschen die bei uns vorbei kamen, machten mir grosse angst. Sie schlugen uns wenn wir schrieen und traten uns mit ihren dreckigen, verkrusteten Stiefel. Es dauerte nicht lange und wir mussten unserer Mama auf wiedersehen sagen. Sie hatte einfach keine Kraft mehr. Ihre Augen werden für immer geschlossen bleiben.
Man packte uns am Nacken und steckte uns in Sporttaschen. Es kamen auch andere hinzu. Anscheinend waren wir nicht die einzigen in dieser alten Scheune. In der Tasche war es stickig und dunkel. Alle hatten wir angst. Es roch nach Exkrementen und mir wurde übel. Man warf uns irgendwo hinein. Der Aufprall verursachte ein weiteres Opfer. Eines meiner Geschwister lag plötzlich nur noch da. Es atmete nicht, schrie nicht, hechelte nicht, nie wieder. Stundenlang befanden wir uns in der Tasche unter dem ständigen Geruckel und Gebrumme ausserhalb der Tasche. Als diese Geräusche verstummten begannen alle in der Tasche wieder mit den Schreien und man packte uns wieder am Genick und warf uns zusammen in einen Käfig. Ich kann mich nicht mehr erinnern wie lange wir in diesem Käfig sassen. Manchen fielen die Haare aus, andere begannen zwanghaft hin und her zu gehen. Wieder andere frassen sich gegenseitig die Schwanz- und Ohrspitzen ab. Als die Menschen dies sahen haben sie uns getrennt in Käfige gesteckt. Doch die Käfige leerten sich Tag für Tag, immer mehr verschwanden hinter einer Türe und kehrten nicht zurück.
" Du kannst dir einen aussuchen." Hörte ich eine Stimme hinter der Türe. Die Stimme war anders als all die anderen. Sie hörte sich freundlich an. " Echt? Papa ich freu mich so, das hab ich mir schon immer gewünscht!" Eine Kinderstimme! Mein Schwanz begann sich hin und her zu bewegen. Was war mit mir los? Mein Herz schlug hart in meiner Brust und ich setzte mich auf um vor das Gitter des Käfigs zu stehen. " Das nennt sich Freude mein Lieber", meinte mein Bruder, der als einziger von meinen Geschwistern übrig geblieben war. Es waren so viele von uns verschwunden aber noch immer war der Raum gefüllt mit Käfigen. Darin gab es alles. Kurzhaarige, langhaarige, gepunktete, kleine, grosse, dünne und sogar dicke.
Die Türe öffnete sich und ein Mädchen mit langen glatten schwarzen Haaren betrat den Raum. Es hatte ungewöhnlich grosse blaue Augen und schaute sich unsicher in dem Raum um. Gleich würde es zu weinen anfangen. " Papa, hier geht es ihnen nicht gut, schau ihr Fell ist ganz stumpf und sie sind so dünn!" Das Mädchen wimmerte nur noch als der grosse Mann mit der freundlichen Stimme ihm in den Raum folgte. " Wir können nicht alle retten mein Liebes aber einen darfst du mit nach Hause nehmen und ihm ein Leben schenken dessen er würdig ist."
Das Mädchen schaute in meine Richtung doch ich wurde von den anderen vom Gitter weggedrängt. Es suchte sich meinen Bruder aus und in dem Moment indem sich die Käfigtüre öffnete rannte ich um mein Leben. Ich rannte durch die Türe in einen weissen Raum. Es roch nach verbranntem Fleisch und versengtem Haar. Es waren auch Menschen dort mit schwarzen runden Dingern in den Händen. Einer liess dessen Inhalt auf mich fallen. Es war siedend heisses Wasser das mir die Haut unter meinem Fell verbrannte. Ich schrie und rannte. Bloss nicht stehen beleiben hab ich mir gedacht und konnte den Menschen entfliehen. Durch viele weitere Türen die offen standen fand ich mich in einer Seitengasse wieder. Zwischen stinkendem Abfall konnte ich mich verstecken als die Menschen nach mir suchten. Ich blieb sehr lange an dieser Stelle. Erst als einer der Menschen Reste von einem von uns an die Stelle warf unter der ich lag überkam mich die Panik. Die wollten mich essen! Es roch nach Tod, ich musste da weg.
So wurde ich zum Streuner. Ihr ahntet es schon ich bin ein Hund. Ein Strassenhund aus einer Zuchtstelle in China. Dazu bestimmt im Kochtopf zu landen. Mittlerweile bin ich älter und erfahrener. Ich weiss was um mich herum geschieht in der Stadt Guangzhou. Ich darf mich nur nicht erwischen lassen und irgendwann werde ich vielleicht auch bei einem Menschen willkommen sein ohne dass ich angst haben muss, bei ihm auf dem Teller zu landen. Doch dies sind alles Träumereien, Geschichten von gefallenen Hunden. Solche die einst das Haustier eines Menschen waren, jedoch versehentlich in sein Bett gepinkelt, seine Schuhe gefressen und ihm auf den teueren Teppich geschissen haben. Dies führt dazu, dass sie ebenfalls auf der Strasse landen. Sie können sich glücklich schätzen, denn ich gehe tagtäglich an Marktständen mit angebundenen, in Säcken verpackten, bei lebendigem Leib gehäuteten, verstümmelten armen Geschöpfen vorbei denen der Tod nur noch als Erlöser vor Augen steht.
Dies mit eigenen Augen zu sehen, erschreckt mich immer wieder. Menschen können so grausam sein. Ich höre immer wieder von Gruselgeschichten in denen Artgenossen von mir gequält werden. Nur so zum Spass. Aber dann höre ich auch von anderen Geschichten. Geschichten in denen Hunde als Familienmitglied gelten, man stelle sich dies einmal vor, es muss der Himmel sein! Ich würde alles dafür geben einem Menschen einen Freund zu sein wenn er im Gegenzug nur nicht an mein Fell will. Ich kann mir das wahrlich nicht vorstellen, dass die Menschen uns als Freunde sehen. Doch ich habe viele gekannt die dies bestätigen. Für mich ein Traum. Ich werde hier in der Gosse verenden oder im Kochtopf landen. Früher oder später muss man sich mit diesem Schicksal abfinden aber bis dahin lebe ich weiter mein Leben. Man weiss ja nie, vielleicht begegne ich irgendwann einem Menschen der es gut meint mit mir. Mich zu ihm nach Hause nimmt, mich füttert und mich streichelt. Ich würde bei ihm in seinem warmen Bett schlafen und ihn vor allem Beschützen. Wenn die Menschen nur wüssten was ihnen hier entgeht. Aber nein, sie hauen ihre potenziellen treuen Freunde lieber in die Pfanne.
"Hey du, hast du Hunger?" Was soll die Frage, ich habe immer Hunger. Das war mein grosser Kumpel mit den vielen Haaren. er weis immer wo es was zu futtern gibt. " Die haben hier ein Hundeheim eröffnet und pflegen solche wie uns wieder gesund. Geben uns Futter und wann immer es geht werden wir an nette Menschen weitergegeben die uns ein tolles Zuhause geben." Meinte der zottelige Kollege und ich folgte ihm in einem sicheren Abstand. Vor dem Gebäude ist ein richtiger Tumult ausgebrochen. Überall rennen Hunde herum. Menschen verteilen Hundefutter. Ich halte mich noch immer zurück. Es treffen immer mehr Hunde ein und auf einmal werde ich am Nacken gepackt. Bevor ich in irgendeiner weise reagieren kann werden all die Hunde eingefangen. Ich beisse, trete und winde mich doch der Mensch lässt mich nicht los!. Ich heule, es war eine Falle. Die Menschen beginnen die Hunde zu töten und sie grausam abzuschlachten. Überall Blut und schreie, ich halte das nicht aus! Ich heule und winde mich doch ich komme nicht los, man hält mich gefangen.
Ich glaube ich bin doch tatsächlich ohnmächtig geworden. Vor mir fliesst ein sauberer Fluss aus dem ich trinke. Neben mir sitzt das Mädchen mit den schwarzen langen Haaren und den grossen blauen Augen. Sie lächelt mich an und nun weiss ich, dass alles gut werden wird.
Eine tief zu Herzen gehende Geschichte, sehr interessant wie Du aus der Sicht des Hundes schreibst.
Hallo Nedea, ich dachte den ersten Absatz lang, es handele sich um Menschen in Slums. Auch wegen der "schreienden Geschwister". Schockierend, wenn man sich in die Lage der Hunde hineinversetzt. Und das hast Du gut hingekriegt. Du musst vielleicht noch ein bisschen feilen. l.G. Andrea
Das reisst mir das Herz aus dem Leib, ich kann bei diesem Text nicht ins Detail gehen. Ich bin Fördermitglied bei "Animals Asia" und wünsche allen Tierschändern Tod und Teufel!
Hallo Nedea, ein dramtische und tragische, leider nur zu wahre Geschichte, sehr gut umgesetzt. Doch sie darf nicht nur auf Hunde und China begrenzt werden, sondern auf alle Tiere in allen Ländern, in welchen Massentierhaltung unter mehr oder weniger guten Umständen zum Schlachten oder für sonstige kommerzielle Zwecke herangezogen werden. Oft werden solche unwürdigen Haltungsbedingungen nur bei "niedlichen" Tieren angeprangert. Doch was ist mit den Hühnern, Rindern usw.? Ein Appell, Vegetarier zu werden, wer es noch nicht ist.
Hallo Nedea, bei diesem Thema fällt es mir schwer, mir die Tränen zu verkniefen. Ich finde, du hast den Hund und vor allem auch die Geschehnisse gut beschrieben. Ich zumindest habe mitgelitten...
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Losar im Land der Schneelöwen
Mein Name ist Nyima, weil ich an einem Sonntag vor fünfundfünfzig Jahren in der Provinz Nguri geboren wurde. Ich lebe in der Gemeinde Purang, das ist im Westen von Tibet. Am liebsten sitze ich vor unserem Haus und schaue in die Weite. Unten in der Ebene glitzert der heilige See Manasarovar. Wenn der Himmel ganz blau ist, sehe ich den Kang Rinpotsche, das Juwel der Schneeberge zum greifen nah. Er versteckt sich auch gerne in den Wolken. Buddha selbst soll prophezeit haben, dass der Juwelenberg, den man auch Kailash nennt, sein heiliger Ort sei. Vier Flüsse, der Tsangpo, der Indus, der Sutlej und der Karnali entspringen dem Innern des Berges. Auch den Hindus ist der Kang Rinpotsche heilig. Nach ihrem Glauben wohnen Shiva und Parvati auf seinem Gipfel. Meine nepalesischen Freunde haben mir früher immer Geschenke für den heiligen Berg mitgegeben. Ich musste ihnen versprechen, die Gaben zu dem heiligen Berg zu bringen.
Sein rundes Haupt ist auch im Sommer mit Schnee bedeckt. Ich konzentriere meinen Blick immer auf eine Ausbuchtung auf der Seite und stelle mir den inneren Raum des Berges vor. Der Boden ist mit Decken aus Yakwolle bekleidet, die Wände sind mit Gold ausgeschlagen und mit Juwelen verziert. Auf einem Lotussockel thront Chenrezig. Padmapani Avalokiteshvara, wie viele Chenrezig auch nennen, ist die Schutzgottheit von meinem Land. Er trägt ein Antilopenfell als Symbol seines mitfühlenden Wesens. Wenn ich mit dem Mantra OM MANI PEME HUM den geistigen Eingang in den Kang Rinpotsche finde, wird mein Geist klar und ruhig.
Im Alter von fünfundzwanzig bis fünfunddreissig war ich jedes Jahr vom Ende des Sommers bis zum Beginn der warmen Zeit in Nepal.
Im sechsten Mond, wenn die Ernte der ganzen Gemeinde eingebracht war, haben wir, mein jüngerer Bruder Jigme und ich, uns über die Pässe Richtung Süden durchgeschlagen. Mehrere Tage zogen wir durch das Gebirge, immer mit der Angst, dass wir in ein Schneetreiben kommen oder dass uns die Grenzpatrouillen erwischen. Die Wintermonde verbrachten wir als Träger für die Trekkingtouren der langnasigen Gelbköpfe. Auch in Nepal mussten wir sehr vorsichtig sein, weil wir keine richtigen Dokumente hatten. Aber die nepalesischen Sherpas haben uns gerne in ihre Reihen geschmuggelt, weil ihre Arbeit dann einfacher wurde. Wir haben uns immer gut um die Yaks gekümmert und die schwersten Lasten getragen. Die Sherpas konnten die Sprache der Gelbköpfe sprechen. Wir verstanden nur wenige Worte und das war gut, für uns war es sicherer, als dumme, stets lachende Tibeter zu gelten.
Losar, das Neujahrsfest feierten wir damals mit den tibetischen Freunden in Nepal. Wir tranken viel Chang, um die von Heimweh und Sorgen erfüllten Gedanken an die Familie zu vertreiben. Die fünfte Weisung, in der es um die rechte Lebensführung geht, hatte ich wohl nicht immer eingehalten. Oftmals trank ich zuviel Chang und auch das Bier der langnasigen Gelbköpfe schmeckte mir. In dieser Jahreszeit war es nicht möglich über die Schneeberge zurück in die Heimat zu gehen. Wir hatten Arbeit und waren sehr glücklich, dass wir für unsere Dienste bezahlt wurden. Wenn ich traurig war, dachte ich an meine Frau Meto, ihr Namen bedeutet Blume. Sie ist die Blume meines sehnenden Herzens.
Wenn wir im zweiten oder dritten Mond des neuen Jahres in unser Dorf zurück kehrten, wurden wir wie Fürsten empfangen. Gebetsfahnen flatterten im Wind, uns wurden weisse Glücksschleifen umgelegt, alle lachten, drückten, küssten uns und reichten uns das köstlichste Essen. Froh gestimmt vertilgten wir so viele Momos, bis wir Bauchschmerzen bekamen. Die Familie, Nachbarn und Freunde hockten zu unseren Füssen und wir breiteten unsere mitgebrachten Schätze aus. Tagelang besuchten uns die Familien aus dem Dorf und wir durften nicht aufhören, ihnen die wildesten Geschichten zu erzählen. Wenn wir die Langnasen nachmachten, kugelten sich alle vor Lachen.
Einige Tage später gingen wir jedes Mal mit der Familie und Freunden zu dem kleinen Kloster, um uns für Buddhas Segen zu bedanken. Dem Abt brachten wir Geschenke für das Kloster mit und wir überreichten ihm zur Begrüssung weisse Katakhs, die er dann zum Zeichen der Ehre um unseren Nacken legte. Erleichtert und glücklich darüber, mich und meinen Bruder wieder im Haus zu haben, überreichte Meto dem Abt jeweils einen Beutel mit Türkisen.
Da es schwierig war, in Tibet nepalesische Rupien einzutauschen, kauften wir vor unserer Rückkehr mit der Entlohnung hauptsächlich Silber und Edelsteine. Jede tibetische Frau schmückt sich gerne mit Edelsteinen. An Losar tragen die Frauen die schönsten Kleider und den prachtvollsten Schmuck. Für mich sind die Tibeterinnen die schönsten Frauen.
Unter dem Ziegenstall habe ich zahlreiche Münzen und Edelsteine vergraben. Wenn Kando, meine Tochter, heiraten wird, werde ich ihr fünf oder sechs Yaks kaufen, damit sie immer genügend Yakbutter im Hause hat, weil wir in Tibet jeden Tag Buttertee trinken.
Vor einem knappen Mond feierten wir wieder Losar. Die Tage davor waren ein wildes Durcheinander. Meto, meine Frau und Kando trugen die ganzen Sachen aus dem Haus. Die Decken wurden ausgeschüttelt, die Truhen wurden ausgeräumt, die Schalen der Talglichter und die Töpfe wurden geschrubbt und poliert. Mit einer Kalkmischung tünchten wir die Wände in einem strahlenden Weiss. Der Altar wurde mit Katakhs aus blütenweisser Seide dekoriert. Während die Frauen im Haus die Speisen vorbereiteten, reparierte und fettete ich die Halsbänder der Ziegen.
Kando konnte kaum erwarten, ihren Bruder wieder zu sehen. Mit dem Geklingel der Ziegenglocken versuchte sie ihre ungeduldigen Geister zu vertreiben. Dorje war vor vier Jahren mit seinem Freund nach Lhasa gegangen. Er arbeitet bei einem chinesischen Bauunternehmer und Tendsin in einem tibetischen Gasthaus. Dorje und Tendsin haben sich einen chinesisches Feuerstuhl gekauft. Auf dem Foto, das er uns geschickt hat, sitzen Dorje und Tendsin lachend auf dem Motorrad. Im Hintergrund sind moderne chinesische Häuser zu sehen.
Wir vermissen Dorje sehr. Ich wollte nicht, dass er nach Lhasa geht, aber er sagte, dass er nicht wie ein dummer Hirte leben möchte. Als seine Mutter weinte, wandte er sich mir zu, „auch nicht als weiser Wanderer zwischen den erhabenen Bergen.“ Dorje sagte, „lieber ein Jahr wie ein Tiger leben, als tausend Jahre wie ein Schaf.“ Ich schwieg, weil ich mir nicht sicher war, ob das Leben mit den Chinesen in Lhasa oder die Überquerung der Pässe nach Nepal gefährlicher war.
Dorje wollte in Lhasa eine Fachschule für Bautechnik besuchen, aber er wurde nicht angenommen, weil seine Sprachkenntnisse nicht ausreichten. Han-Chinesisch ist eine wichtige Voraussetzung für die höhere Schule. Wir gehören zu den Drokpa, so nennt man die Nomaden. Viele sind, wie wir, in den letzten Jahren sesshaft geworden. Wir haben uns oberhalb des Dorfes aus Bruchsteinen und Lehm ein Haus mit einem Stall gebaut. Im Sommer gehen die jungen Männer mit den Tieren auf die Weiden. Die Frauen und die älteren Männer helfen im Tal auf den Feldern. Das ist hier oben wichtiger als die Schule. Für die Wintermonde braucht jeder getrocknetes Gras für die Tiere und Gerste für Tsampa. Zum Buttertee wird immer Tsampa, geröstetes Gerstenmehl gereicht. Wir tauchen Tsampa in den Tee und formen mit den Fingern kleine Kugeln, die wir auf der Zunge zergehen lassen.
Als Dorje und Tendsin winkend und rufend den schmalen Weg hoch gerannt kamen, musste ich an Jigme, meinen verstorbenen Bruder denken. Er war genauso mutig, wild und ungeduldig, wie die Beiden. Meto und Kando liefen ihnen entgegen und begrüssten sie. Mit dem Blick auf den heiligen Berg blieb ich sitzen und bat leise um den Segen von Chenrezig.
Später kamen noch die Verwandten meiner Frau, ihre Tante, die jüngere Schwester mit ihrem Mann und ihren drei halbwüchsigen Kindern. Die kleinen Pferde waren schwer bepackt mit Yakdecken, Fellen und Weidenkörben. Neujahr feiern wir am liebsten mit der ganzen Familie. Gemeinsam bauten wir ihr Zelt neben dem Haus auf.
Am Abend vor Neujahr assen wir gemeinsam die traditionelle Suppe mit Guthuks, das sind Taschen aus Teig, die mit neun Köstlichkeiten, wie Rind- und Schaffleisch, getrocknetem Käse, Rüben und Getreide gefüllt werden. Auch Edelsteine, Münzen, Salz, Chilli, Holzkohle werden in die Teigbälle gesteckt. Die ganze Familie sitzt zusammen und jeder entdeckt dann, was er besonderes im Munde findet. Chilli bedeutet, dass dieser Mensch zuviel spricht, Salz und Reis gelten als gute Zeichen, Kohle bedeutet, dass jemand ein schwarzes Herz hat. Für Meto und Kando schmuggelte ich dieses Jahr besonders wertvolle Türkise in den Guthuk. Wir waren alle fröhlich, erzählten uns die Neuigkeiten und lachten während des ganzen Abends.
Eine Woche nach Losar gingen Dorje und Tendsin nach Lhasa zurück. Nach der Abreise von Dorje und Tendsin war Kando traurig und unruhig, sie weinte oft und wirkte abwesend. Ihre Geheimnisse teilt sie nur mit ihrer Mutter. Während der gemeinsamen Feier im Dorf war mir jedoch nicht entgangen, dass Kando und Tendsin sich oft neckten. Ich hatte gehofft, dass sie sich verbinden. Kando ging mir aus dem Weg und ich getraute mich nicht, sie nach Tendsin zu fragen.
Tendsin wäre der richtige Mann für Kando, die Himmelswandlerin. Seine Mutter entstammt einer guten Familie und wir sind nicht verwandt mit ihnen. Sie bewohnen ein grosses Haus im Dorf mit einer mit Holzschnitzereien verzierten Galerie. Viele Ziegen und Schafe zählen zu ihrem Besitz und Tendsins Mutter versteht es vorzüglich mit der Wolle umzugehen. Sie und ihre drei Töchter weben die feinsten Stoffe in der Region. Ihr Mann und sein Schwiegersohn bauen im Sommer auf den unteren Terrassen Gerste an. Kando ist oft zu Besuch bei der Familie. Sie sucht die Gesellschaft der jungen Frauen. Bei uns fühlt sie sich oft einsam, seitdem Dorje nach Lhasa gegangen ist.
Auch Dorje und Tendsin hatten Geheimnisse. Sie trafen sich mehrmals mit Dagpa, dem Lehrer aus dem Nachbardorf. Dagpa besitzt viele fremde Bücher und als ich ihn einmal fragte, welche Geschichten in den Büchern der Gelbköpfe stehen, sagte er, Geschichten, die erzählen, dass jeder für die Freiheit kämpfen muss.
Drei Wochen nach Losar, an einem sonnigen Morgen packte ich etwas Proviant, Butterlampen, Lehm und Werkzeug in meine Tasche. Der anstrengende Aufstieg zu dem Tschörten beruhigte meinen sorgenvollen Geist. Der Platz hoch über dem Dorf ist ein heiliger Ort. Mit dem Lehm wollte ich die Schäden des Winters an dem Fundament ausbessern. Nächste Woche wird die Dorfgemeinschaft den Tschörten mit weissem Kalk zum leuchten bringen. Tschörten oder Stupas sind Bauten an besonderen Orten, wo die Essenz des Buddha zu spüren ist. Das Umrunden der Tschörten stärkt unseren Geist. Das ist wichtig, damit wir jeden Tag mit neuem Eifer und Zuversicht den achtfachen Pfad gehen.
Oben angekommen, nahm ich als Erstes eine Flasche Chang aus der Tasche und vergoss die Flüssigkeit rund um den Tschörten, dann streute ich eine Handvoll Tsampa in jede Himmelsrichtung. Die Geister waren sicher hungrig nach dem langen Winter. Ich entzündete eine Butterlampe und dachte an meinen Bruder. Jigme war 1989 in Lhasa unter „ungeklärten Umständen“ ums Leben gekommen. Er war damals gerade dreissig Jahre alt. Jigme, dessen Name unsterblich bedeutet. Vielleicht war er jetzt auch ein Hungergeist. Nachdem wir von Jigmes Tod erfahren hatten, gingen wir sofort zum Kloster. Der Lama begann den Geist des Verstorbenen anzurufen und führte eine Stunde lang verschiedene Zeremonien durch, um Jigmes Geist sicher im Bardo, dem Übergang in die andere Welt, zu begleiten. Normalerweise dauern die Bestattungsriten viele Tage.
In Gedanken an Jigme, benetzte ich den Lehm mit Wasser und strich ihn mit einem flachen Holz auf die schadhaften Stellen. Später umrundete ich den Tschörten acht Mal und warf mich acht Mal nieder. Ob Dorje in Lhasa auch jeden Tag Buddhas Segen für das rechte Verhalten erbat? Ich hatte gefragt, wann er zurückkommen werde. „Ich bin alt und ich wünsche mir, dass mein Sohn und meine Tochter verheiratet sind, wenn ich mein Leben beende.“ Das sagte ich. In meinen Ohren klingt immer noch Dorjes Lachen und seine Worte, „du bist jetzt ein Tiger ohne Zähne.“
Zu Hause erwarteten mich Kando und Meto mit der Nachricht, dass Tendsin verhaftet worden sei. Welches Unrecht er getan habe, fragte ich. Meto zeigte auf Dagpa. Er erzählte, dass Dorje und Tendsin in Lhasa für ein Freies Tibet demonstriert hatten. Einhundert Personen oder mehr, darunter auch viele Mönche, seien verhaftet worden.
Morgen wollen Dagpa und zwei weitere junge Männer nach Lhasa aufbrechen, um Tendsin und Dorje zu suchen. Ich werde mit ihnen gehen. Zu viert werden wir eine starke Einheit bilden, wie der Sockel eines Tschörten.
Lobsang, Tendsins Vater kam zu mir und sagte, dass seine Familie wünsche, dass Meto und Kando, solange ich weg sei, in ihrem Haus leben. Ich drückte Lobsang dankbar die Hände. Lobsang zog ein Bündel Geld aus dem Ärmel und legte es auf die Truhe. Als ich abwehren wollte, sagte er mit Blick auf Kando, „Buddha möchte uns und unsere Kinder glücklich sehen.“
Hallo Cora, Deine Geschichte gefällt mir sehr gut. Sie ist lebendig und voller Bilder. Weiter so. LG Antje (Necke99) Ps:Danke noch für Deine Kommentierung meines Artikels (Tal der Ahnungslosen)
Tolle Geschichte, gut geschrieben und aktuell noch dazu - "chapeau"! Freue mich auf weitere Veröffentlichungen. Ugak
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Tschitschilatschiko Das Land von dem ich berichte, ist warscheinlich vielen unbekannt. Es liegt, ich denke mal ziehmlich nah am Äquator, weil es dort das ganze Jahr über heiß ist. Nicht so unerträglich heiß wie in der Wüste,Wüste gibt es übrigens auch dort, nein angenehm heiß,weniger die unerträgliche Hitze des Regenwaldes nein mehr trockene Wärme. Die Landschhaft ist sehr natürlich mann fühlt sich fast ins Mittelalter zurückversetzt.Es gibt Laubbäume,Nadelbäume und Sträucher. Seeen Flüsse und Meere. Berge und Täler.Kleine und große Dörfer,sogar zwei Städte gigt es in meinem Land.Ich bin nicht hier geboren. Ursprünglich stamme ich aus Deutschland. Aber hier gefällt es mir einfach besser. Es war schon eine weitreichende Entscheidung Deutschland zu verlassen und in ein fast völlig fremdes unbekanntes Land zu ziehen, aber ich habe es nicht eine Millisekunde bereut.Es war natürlich ein weiter Weg und eine Umstellung, aus einem Land in dem alles geregelt ist in ein Land ohne Gesetze und Regeln, einzuwandern. Die Grenzen zu überwinden war des Schwerste, da es Grenzen dort eigentlich nur für Schmuggler und Leute die unbedingt Grenzen brauchen gibt. Ich habe einfach so getan als ob ich etwas schmuggeln würde, was dort auch niemanden interressiert hätte,da man wo es keine Regeln und Gesetze gibt, man ja auch keine brechen kann.Aber ich glaube, jetzt habe ich das Land schon ein bischen beschrieben, jetzt seid Ihr bestimmt gespannt, wie mein Tagesablauf aussieht. Früher in Deutschland bin ich morgens um fünf aufgestanden,da ich ein kleines Blumengeschäft hatte. Dann habe ich bis abends gearbeitet. Viele Jahre hat mir das auch Spaß gemacht, was ich im nach hinein nicht verstehen kann.Jetzt stehe ich auf, wenn ich wach werde, es sei denn ich will liegenbleiben, wenn ich Frühstücken will,esse ich etwas, es sei denn ich habe keinen Hunger. Das "Geilste", hier mann kann essen was mann will, mann hat immer eine Traumfigur. Das Essen ist hier einfach ein Genuss.Hier braucht mann nicht wie früher aus dem Land aus dem ich stamme Frustessen zu veranstalten, es gibt hier keinen Frust. Früher habe ich mir gewünscht,einmal einen Winter lang nichts zu tun,wenn ich an die stressige Zeit,früher zu Advent und Weihnachten zurück denke bekomme ich Gänsehaut. Hier bin ich gut aufgehoben. Im Winter kann man hier arbeiten wenn mann will, aber mann braucht nicht,auch im Sommer brauch mann nicht zu arbeiten, eigentlich gibt es so etwas wie Arbeit dort nicht, weil jeder das macht was ihm spaß macht und das ergänzt sich so toll.Mein Nachbar zum Beispiel mit dem ich gut befreundet bin, der kocht für sein Leben gern. Er besitzt eine kleine Gaststube.Bei Ihm merkt mann, daß er mit Liebe kocht. So ist das mit allen Berufen hier im Land.Das schöne daran ist,jeder macht alles freiwillig, weil es einfach Spaß macht. Geld gibt es hier zum beispiel auch nicht, da die Menschen solch einen Anreitz hier nicht nötig haben.Das hat zum Vorteil, das man hier keine Kriminalität kennt.Das wiederum spart Gefängnisse und Polizei.Ich könnte noch stundenlang von Tschitschilatschiko schwärmen,aber das würde langweilig werden.Ich glaube einige von euch wollen bestimmt wissen, wie ich von diesem wunderbaren Ort erfahren habe.Ich kannte Ihn schon von kleinster Kindheit an. Mein Opa muß von dort stammen, von Ihm kenne ich dieses Land. Er hat mir früher oft von dort erzählt. Auch hat er mir verraten wie mann dort hingelangt. Immer wenn ich gefragt habe:"Opi,wie kommt mann nach Tschitschilatschiko?" Dann bekam ich zur Antwort:"Wie man dorthin kommt kann ich Dir leider nicht sagen, ich kann Dir nur sagen wie ich dort hingekommen bin,es war im Jahre achtzehnhundert Piependeckel,als der Rhein brannte und die Donau ins Wasser fiel.Ich ging ans Ufer des Rheines und sah drei Boote, eins mit Mast, eins ohne Mast und eins was nicht zu sehen war, ich bestieg das Boot was nicht zu sehen war und fuhr nach Tschitschilatschiko." "Opi, bitte erzähl mir noch etwas von da."quengelte ich."Wer wohnt Da?" "Die Tschitschilatschikaner."sagte er jedesmal.Schade,das ich jetzt ins Bett muß. Heute morgen bin ich um halb sechs unfreiwillig aufgestanden,schnell zum Großmarkt Blumen einkaufen,morgen früh klingelt mein Wecker wieder so unermüdlich um diese unmögliche Zeit. Dann heißt es wieder aufstehen und funktionieren,wie es hier üblich ist.Zu solchen Zeiten wünsch ich mich nach Tschitschilatschiko!
Schade! Tschitschilatschiko hatte sich vielversprechend angehört. Leider war es kein Lesegenuss. Bitte beachte, dass nach Punkt und Komma immer ein Leerzeichen folgt. Das im Text häufig vorkommende 'mann' schreibt sich nur mit einem 'n' und ein Autor sollte dieses Wort nach Möglichkeit überhaupt nicht verwenden.
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6910
Haiti im Ausnahmezustand" In der Hauptstadt Port-au-Prince sind Entführungen, Schiessereien, Raubüberfälle und Drogenhandel an der Tagesordnung. Diese Schlagzeile in der Zeitung lässt mich erschauern. Dort hatte ich 1971 das Licht der Welt erblickt. Meine Eltern hatten mich Jean-Claude getauft, in Anlehnung an Jean-Claude "Baby Doc" Duvalier, der in diesem Jahr mit 19 Jahren, die Regierung von seinem Vater übernommen hatte. Erinnerungen werden wach. Die Konturen der Bergketten verlieren sich in einem blassblauen Himmel, der sich weit über das ruhige Meer wölbt. Hübsche Häuser heben sich von der blumenreichen Vegetation ab. Das Wohnviertel der Stadt ist ein einziger Stadtgarten. Einige Häuser haben bauchige Balkone, spitze Dächer oder Girlandenverzierungen. Die Häuser stehen inmitten kleiner Gärten und sind umgeben von Blumenbeeten, Obstbäumen und tropischen Blumen. Ich liebe den Blick, der sich von einer Erhöhung aus auf den Markt bietet. Der Marktplatz quillt über vor Leben und Bewegung. An diesem Ort strömt die gesamte Bevölkerung der angrenzenden Landstriche zusammen. Die blauen Gewänder der Frauen bilden den Grundton, von dem sich die bunten Madrasstoffe, die sie um den Kopf zu wickeln pflegen, abheben. Mit Körben voller Gemüse und Obst kommen die Bäuerinnen von den Bergen herunter, oft eine Pfeife im Mund, um Karotten und ihren Kohl gegen ein Emailtöpfchen, ein Seidentuch oder einen grossen kreolischen Ohrring einzutauschen. Die Frauen von Haiti sind sehr schön. Ihre Bewegungen und Gebärden haben etwas ungeheuer Graziöses und sie haben die Gewohnheit, nie etwas in der Hand, sondern alles auf dem Kopf zu tragen, was ihnen einen elastischen Gang und eine majestetische Haltung verleiht. Natürlich wird mindestens genaus so viel geredet wie gekauft und verkauft, denn vor allem ist es die Unterhaltung, die die Bäuerinnen aus ihren einsamen Bergen lockt. Auch den Bauern in seiner blauen Tracht, die aus einer weiten Jacke und bis über die Knöchel hochgekrempelten Hosen besteht, sieht man in die Stadt kommen. Er trägt noch immer den traditionellen Strohhut, die Machete in der ledernen Scheide und Macoute am Schulterriemen.
Aber auch auf dem Lande herrscht unentwegte Aktivität. Ameisengleich durchziehen Menschen zu Fuss und Lasttiere die Strassen und kommen auf unwegsamen Pfaden aus entlegenen Dörfern. Auch in Kenskoff, wo die Mädchen manchmal noch die blauen Augen ihrer Vorfahren der Bretonen, haben, die diesem Ort auch ihren Namen hinterliessen, herrscht lebhaftes Markttreiben. Auf den Fersen hockend bieten die Bäuerinnen ihre Waren an: Mangofrüchte, Sapotillen, Feigen, Bananen, Orangen, Mandarinen, Pampelmusen und Aprikosen. Unter der Last der Avocados, Corossols, Caimites, Guaven, Ananas, Erdbeeren und Melonen brechen die kleinen Tische fast zusammen. Neben Töpferwaren und Kunstgegenständen aus Mahagoni liegen blaue und weisse Stoffe ausgebreitet.
Die bäuerliche Bevölkerung lebt sehr bescheiden. In den ärmeren Landstrichen besteht das tägliche Mahl aus Mais, Hirse, Trockenfisch und Kasave. Auch Bananen, Mangofrüchte, Zuckerrohr und Jamswurzel gehören zum täglichen Leben. Das Nationalgericht sind Bohnen und Reis, Brot und Fleisch sind auf dem Land sehr selten.
In der Stadt hat der Haitianer viel übrig für gutes Essen. Die unverfälschte kreolische Küche, mir läuft das Wasser im Mund zusammen und der Raum füllt sich mit den Gerüchen, wenn ich an die Köstlichkeiten denke, ist äusserst schmackhaft. "Gruau" nennt sich ein Gericht, das aus saftigen gebratenen Schweinefleischstückchen besteht, die mit frischen, sehr scharfen Piment gewürzt werden. Als Beilage gibt es gebratene Bananen, Suppenhuhn, alle möglichen tropischen Knollen und Salate, und das Ganze wird von Reis und Sojasosse begleitet. Aber auch das Putengericht "Tasso", der mit einheimischen Pilzen zubereitete "Dion-dion" Reis, flambierter Hummer, Crevetten, kleine Austern und eine ganze Auswahl von Süssspeisen und Konfitüren, Sossen, Schmalzgebackenem und typische Gemüse gehören zu der schmackhaften kreolischen Küche. Bevorzugtes Getränk ist Rum mit Sprudelwasser oder der berühmte kreolische Punsch, der erst mit der Limone der Antillen und dem "goldenen Blut" des Zuckerrohrs richtig vollständig wird.
Heimweh überkommt mich. Hier in Paris, wo ich studiert hatte und eine Familie gegründet habe, ist das Leben anders. Ich vermisse das Zeremoniell, die Festlichkeiten, die Fruchtbarkeit und die Vereinigung mit der Natur, was für die Zivilisation in Haiti wesensbestimmend ist. Der Tanz ist unsere Sprache, Verständigungsmittel und Vorgang der Begeisterung zugleich. Alles, Götter, Menschen und Dinge, ist bei den Veranstaltungen vorhanden und nimmt teil.Die Haitianer singen und tanzen, sowie sich eine Gelegenheit dazu bietet: etwa weil das Wetter gut ist und sie fröhlich sind, weil die Erde von der Regenzeit fruchtbar ist, weil die Netze voller Fische sind und die Halme sich unter den vollen Ähren beugen. Die Bauern singen und tanzen für die Sonne, den Regen, den Wind. Ihr Gesang und Tanz ist gleichermassen für die Götter, die Toten, zur Linderung des Schmerzes und Kummers, für den ausgetrockneten Fluss oder für den Sturm da, der die Gärten verheert hat. Sie singen und tanzen, weil dies der Rhythmus ihrer Freude, ihres Leidens, ihrer Arbeit und ihres Lebens ist; ob die Sonne vom Himmel leuchtet oder die Sterne strahlen: immer singt und tanzt Haiti im Rhythmus seiner Trommeln und sicher auch jetzt in den so schweren Zeiten des Ausnahmezustands.
"Es ist Zeit die Kinder in die Schule zu bringen" sagt meine Frau und ich werde jäh aus meinen Träumen gerissen.
Ich drücke ihr den obligatorischen Abschiedskuss auf die Wange und steige mit meinen Zwillingen Paule und Pierre ins Auto. Im 16. Arrondissement besuchen sie das staatliche Gymnasium Janson de Sailly. Ich bin stolz auf sie. Während der Fahrt kehren meine Gedanken immer wieder in meine Heimat zurück. "Hey, pass auf, die Ampesl ist rot" schreit Pierre mich an. "Was ist heute nur mit dir los, du bist so abwesend." Er hatte recht, ich sollte mich besser auf den Verkehr konzentrieren. Die Fahrt kommt mir heute so unendlich vor und ich bin froh, als ich sie endlich vor der Schule absetzten kann.
In meinem Lieblingscafé am Montmartre steigt mir der Duft des Cafès in die Nase und ich kann endlich meinen Erinnerungen freien Lauf lassen...
(Hier folgt dann die detaillierte Erinnerung von Jean-Claude an seine Freunde, Eltern und seine Kindheit und Jugend in Haiti)
Hallo Ursula, dein Text ist wie Urlaub. ;O) Ich habe alles ein wenig von oben gesehen, mit schwebender Kamera sozusagen, und dazwischen Nahaufnahmen vom kulinarischen Angebot und den Menschen. Gefällt mir sehr gut! Allerdings ist die Verortung der Figur in Frankreich überflüssig (aber wohl Teil einer längeren Geschichte, oder?). Gruß, Fledermaus (www.flederblog.blogspot.com)
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Ja, genauso werde ich es machen! Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich werde das alte hässliche Erbstück im Pfandhaus versetzen und mir für das Geld auf dem Schwarzmarkt eine Pistole besorgen. Dann werde ich mich endlich rächen für das was er mir angetan hat. Mit einer großen Portion Genugtuung stelle ich mir vor wie ich ihm die Waffe an die Schläfe halten würde. Er würde mich mit seinen stahlblauen Augen flehend anblicken, vor Angst am ganzen Leib zittern und mich bitten nicht abzudrücken. Ich sehe ihn schon vor mir auf dem Boden liegen, auf den Knien rutschend, winselnd wie ein räudiger Hund um Vergebung bitten. Wie könnte ich ihm aber verzeihen nach dieser Demütigung? Er hat mich vor meiner Familie und unseren Gästen bloßgestellt. Ich schäme mich so. Dafür soll er büßen. Außerdem gefällt mir die Vorstellung ihm das Hirn wegzupusten. Sehr schön. Überall das viele Blut. Das wäre ein Anblick. Und meine Ehre wäre auch wieder hergestellt. Danach werde ich mich sofort ins Ausland absetzen. Erst mit der Fähre rüber nach Buenos Aires und von dort mit dem Flieger nach Kanada. Ja, genauso werde ich es machen!
Ich setze die Flasche wieder an die Lippen und nehme einen kräftigen Schluck Grappa. Auf der langen Hafenmole von Montevideo war Ruhe eingekehrt. Die Sonne war schon vor Stunden untergegangen. Es sind nur noch wenige Fischer mit ihren Booten vor Ort. Immer wenn ich nicht mehr weiter weiß und wenn ich allzu wütend auf mich oder die Welt bin, dann komme ich genau hierher. Am schönsten ist es bei Sonnenuntergang auf der Mole zu sitzen. Die Sonne taucht dann die Häuserfront der Stadt in ein warmes rosanes Licht und die Welt erscheint einem etwas leichter als sie wirklich ist.
Heute ist alles anders. Ich sitze hier schon seit Stunden und meine Wut flaut nicht ab. Benutzt hat mich dieser Schurke, die Heirat hat er mir versprochen, eine Familie wollte er mit mir gründen, aber nicht aus dem einfachen Grund der aufrichtig empfundenden Liebe, er wollte sich in unserer Familie einnisten, sich ins gemachte Nest setzen und wie Gott in Frankreich leben. Wenn nicht der Zufall gewollt hätte, dass ich ihn "in flagranti" mit dieser Kellnerin ertappt hätte, womöglich hätte ich ihn kommenden Herbst geheiratet. Heute Nachmittag hatten meine Eltern die Verlobung meiner kleinen Schwester bekannt gegeben und zu einer kleinen Feier geladen. Unsere Verlobung wäre die Nächste gewesen. Wenn der Champagner nicht alle gewesen und ich nicht runter in den Keller gegangen wäre, nicht diese eindeutigen Geräusche rechts in der Ecke hinter den Regalen gehört hätte, nicht seine Hände auf ihren nackten Rücken gesehen hätte, dann wäre ich wohl in mein Verderben gerannt und hätte ihn geehelicht. Nicht zu vergessen die schreckliche Szene die wir danach vor den versammelten Gästen hatten. Mir kommt jetzt noch die Galle hoch. Widerlich. Ich spucke auf die Steine vor mir. Einer der Angler schaut erstaunt rüber. Entschuldigend hebe ich die linke Hand. Gleichzeitig hebe ich die Rechte und nehme noch einen Schluck aus der Grappaflasche. Wieso soll ich eigentlich gehen? Uruguay ist mein Heimatland und Montevideo immer noch meine Heimatstadt. Warum sollte ich allem nach dem Mord an meinem Ex den Rücken kehren? Ich liebe diese Stadt. Sie besticht durch ihre Einfachheit, wehrt sich gegen alles Moderne, trotzt rauh dem Wind, der Sonne und der See und behält dabei ihren unwiderstehlichen Charme. Das Geheimnis ihrer Schönheit erkennt man erst auf den zweiten Blick. In Montevideo geht alles etwas langsamer. Die Europäer halten uns für melancholisch, aber auch für freundlich und offen. Wir können gut damit leben, nur die kleine unscheinbare Schwester von Buenos Aires zu sein. Wir süßen unseren Grappa mit Honig, tanzen Tango in alten, dunklen, muffigen Kneipen zu Akkordeonmusik und jeden Tag wird Rindfleisch gegrillt. Wir sind eine Einwandererstadt. Mein Urgroßvater war aus seiner Heimat Österreich mit dem Schiff nach Montevideo gekommen. Hier hatte er sich mit einer hübschen Portugiesin verheiratet und eine große Familie gegründet. Bei allen anderen Menschen scheint es in der Liebe einfacher zu gehen als bei mir. Sie lernen sich kennen, verlieben sich, heiraten, bekommen sieben kleine süße Kinder und ich? Ich gerate immer an den Falschen. Da hilft nur noch der Griff zur Flasche.
Ich erhebe mich langsam von dem Felsen auf dem ich eine ganze Weile gesessen hatte. Mit der einen Hand reibe ich mir den schmerzenden Steiß, die andere wandert automatisch der Grappaflasche. Aber der tut wenigstens seine Wirkung und ich bin nicht mehr ganz Herr meiner Sinne. Leicht angsäuselt blicke ich auf den Rio de la Plata. Hier ganz in der Nähe liegt ein Schiffwrack auf dem Grund des Meeres. Die "Admiral Graf Spee" war ein deutsches Panzerschiff gewesen. Es war als Handelsstörer Ende 1939 im Südatlantik unterwegs gewesen und nach einem Gefecht mit britischen Kreuzern hatte die "Graf Spee" Zuflucht im Hafen von Montevideo gesucht und sich später hier selbst versenkt. Und der ganze Schrott liegt hier immer noch auf dem Meeresgrund und rostet vor sich hin. Dann kommt es auf eine Grappaflasche auch nicht mehr drauf an. Ich werfe also die noch halb volle Flasche so weit aufs Meer hinaus wie ich kann. Eine ganze Weile sehe ich ihr noch nach wie sie auf dem Wasser dahintreibt, dann mache ich mich langsam auf den Weg nach Hause, denn morgen ist Sonntag und am Sonntag trifft sich ganz Montevideo auf der Avenida 18 de Julio. Das ist ein riesiger Flohmarkt. Weniger mit schönen als mit ganz banalen gewöhnlichen Dingen wie gebrauchtes Kinderspielzeug, Schallplatten oder Fahrradketten. Montevideo ist eben einfach, aber herzlich, dennoch gibt es auch Idioten in dieser Stadt, wegen denen eine Frau aber nicht wirklich zur Möderin werden sollte.
Hallo Bibi, im dritten Anlauf habe ich Deine Geschichte jetzt endlich zuende gelesen - und wünschte, es eher getan zu haben. Denn die Geschichte selbst ist gut. Sie ist nur nicht gerade leserfreundlich geschrieben. Gleich im zweiten Satz verwirrst Du mit einem Zeitwechsel, im dritten materialisiert sich aus dem Nichts ein hässliches Erbstück, das gegen eine Pistole eingetauscht werden soll und spätestens da hatte ich den Eindruck, jetzt ein scheußliches Melodram serviert zu bekommen. Dabei ist Deine Protagonistin sehr liebenswert, wenn man sich die Mühe macht, sie kennen zu lernen. Aber vielleicht könntest Du Deinen Lesern die Mühe sparen? Wenn Du den Text nochmal überarbeitest; eventuell schreibst, dass sie fühlt, wie sich ihre Lippen zu einem Lächeln verziehen, wenn Du vielleicht dem hässlichen Erbstück noch zwei oder drei erklärende Worte widmest, den einen oder anderen Ausdruck etwas überarbeitest und mehr Absätze einbaust - dann bin ich sicher, dass Deine Protagonistin mehr Zuspruch bekommt. Viele Grüße und schöne Ostern Carola
Tolle Geschichte, in der die Fakten blendend integriert sind. Deine Geschichte ist wirklich beeindruckend. Ich kenne das Land nicht und nehme mal an das alles so stimmt :-). Zuerst habe ich gedacht da sitzt ein Mann - wenn es ums Morden geht, kann ich mir erstmal keine Frau vorstellen. Für mich ein guter Überraschungseffekt. (statt rosanes besser rosa).
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6892
Die letzen Worte meines Lebens richte ich an die Menschen in der fernen Zukunft. Euer Ende kommt am 21.12.2012. Ich weiß nicht, ob ihr es noch verhindern könnt. Wir haben eine lange Tradition in der exakten Berechnung von Daten.
Aber gestattet zuerst, dass ich mich euch vorstelle. Mein Name ist Zac, wie einer der vier Riesen, die das Universum stützen. Ich genoß einst hohes Ansehen in meinem Volk. Doch nun ist alles anders.
Ich bin ein geachteter Künstler, der es versteht Gold für die göttlichen Rituale zuzubereiten. Obwohl mein Volk, die Maya, über ewige Zeiten den Göttern dienten, haben sie uns in dreifacher Hinsicht gestraft. Wir brachten ihnen Menschenoper in hoher Zahl dar. Wie sie befahlen, rissen wir den Opfern das Herz bei lebendigem Leib heraus und dennoch wird mein Volk nicht in dem Maße weiterbestehen, wie wir es taten, so lange unsere Geschichte überliefert wurde.
Am 21.12.2012 wird eine Flut über die Welt hereinbrechen, die alles vernichten wird.
Ich will versuchen euch zu helfen dieses Datum vielleicht doch zu überstehen. Daher bitte ich euch, hört mir zu und nehmt meinen Rat an....
Hallo Angela, diese Sätze sind ja auch nur der Anfang. Ich wollte nicht gleich den ganzen Roman schreiben. Zac ist nicht mehr geachtet, ein Künstler ist und bleibt er. Wenn das Gold in die Augenhöhlen der Feinde gegossen werden soll, muss es zuerst von jemandem heiß gemacht werden. Auch die Goldschmiede von heute "bereiten" das Gold zu, soll heißen, bearbeiten es. Die Maya's waren eine der Hochkulturen überhaupt, die aus bis heute noch immer ungeklärten Ursachen unterging. Jeder, der sich ein wenig für die Maya*s, Azteken und/oder Inkas interessiert wird wissen wollen, was den Untergang herbeigeführt hat. Die Überschwemmung wird eine zweite Sintflut, die alles Leben vernichtet. Da Zac einer anderen Religion angehört, kann es sein, dass er von Noah noch nichts gehört hat und deshalb nennt er es Überschwemmung. Die dreifache Strafe wird Zac uns später noch berichten, und den Rat wird er ganz zum Ende der Geschichte erst erteilen, auch wenn die Menschen sowieso nie schlau werden. (Sintflut und Jesu's Kreuzigung haben nicht verhindert, dass wir weiter Kriege führen.) Kann es sein, dass ich Dir ein wenig Angst gemacht habe und Du deshalb so "unwirsch" reagiert hast?? Trotzdem vielen Dank für deinen Kommentar. Für konstruktive Kritik bin ich immer offen. Deine ml
Das ist mir zu mager. Gib mal Speck auf's Gerippe. Auch der Widerspruch stört mich: In Absatz 2 hat Zac das Ansehen seines Volkes verloren. In Absatz 3 ist er ein geachteter Künstler. Was denn nun?/Frage: Wie bereitet man Gold zu? Das ist doch keine Mahlzeit. Oder haben die Mayas Gold in pulverisierter Form zu sich genommen?/Zac spricht von einer dreifachen Strafe, die den Mayas widerfahren ist. Ich bitte um Auflösung, denn ich kann dem Text nicht eine einzige Strafe entnehmen./Was ist denn dein Rat: sollen wir schwimmen lernen? Kann ich - und deshalb ist mir der 21.12.2012 schnurzegal (zudem ich auch nicht an der Küste lebe). Also weg mit der Flut und her mit etwas, das spektakulärer ist - Erdbeben, weltweite Vulkanausbrüche, Landung von Aliens, die uns alle vernichten werden...
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6883
Die Zeit ist da!
Vor einem Monat wurde ich zur Frau!
Meine Eltern haben auf diesen Moment sehnsüchtig gewartet. Sie sind schon alt und möchten mich gern zu ihrer Nachfolgerin machen. Wir haben 20 Tage gefeiert. Der Höhepunkt kam, als ich meinen neuen Namen erhielt, meinen Frauennamen. Meine Mutter hatte mit mir gemeinsam 13 Tage gefastet, die Zeit der heiligen Welle. Danach bin ich in die vorbereitete Schwitzhütte gegangen und erst nach einem vollen Tag wieder herausgekommen. Der Hüter der Tage – mein Vater – hat vor der Hütte gewacht und meine Mutter hat darauf geachtet, dass es immer heiß blieb. Dann sind wir aufgebrochen.
Wir wohnen in einem kleinen Dorf, weit ab von jeglicher westlichen Zivilisation. Es gibt keine Straße, alle Besucher müssen auf dem Fluss zu uns reisen. In unserem Dorf gibt es nur Indios, die meisten haben aber weißes Blut in sich. Nur wir, mein Vater, meine Mutter und ich sind reinblütige Nachfahren der alten Völker. Vor einiger Zeit kam dann der weiße Priester zu uns. Er hat eine Schule gegründet und die Kinder des Dorfes unterrichtet. Meinen Eltern war das gar nicht recht, aber ich bin sehr wissbegierig und habe mit Freude gelernt. Jetzt ist die Schulzeit vorbei. Ich bin darüber sehr traurig. Der Priester möchte mich in die Stadt schicken auf die Klosterschule.
Wir sind nicht auf dem Fluss entlang gefahren, sonder haben uns einen Weg durch den Dschungel gebahnt. Das ist eine sehr anstrengende Art zu reisen. Der Weg war weit und es war wichtig, dass wir am 20. Tag an unserem Ziel ankamen.
Ich bin auf dem 13. Ton geboren, wenn die Welle sich vollendet. Meine Bestimmung ist es, zurückzukehren und nach der Rückverbindung neue Wege zu gehen. Ich bin eine Weltenüberbrückerin. Darum mussten wir das alte Zentrum unserer Vorfahren aufsuchen. Dort sollte ich nicht nur meinen neuen Namen erhalten, dort musste ich auch die heiligen Prüfungen bestehen.
Dann sind wir fast am Ziel. Wir lagern ein letztes Mal im Wald. Mein Vater reicht mir einen Becher mit einem heißen Getränk. Danach falle ich in einen tiefen Schlaf.
Ich stehe auf. Allein gehe ich die letzten Schritte weiter. Ich erreichte die Stadt von Süden auf der micao'tli, der Straße der Toten. Die Straße ist gesäumt von den Einwohnern. Rechts ragt die Pyramide des Kukulcán auf, der gefiederten Schlange, unserem Schöpfergott. Sein Tempel ist in der Pyramide versteckt und darf nur von seinen Kindern betreten werden.
Der Vollmond steht genau über der Mondpyramide und taucht alles in helles Licht. Ich überquere den Fluss und komme dem Sonnentempel immer näher. Dort erwartet mich der höchste Priester unseres Volkes, der Nagual. Er berührt mit dem Schlangenstab die oberste Stelle auf meinem Kopf und ich werde überschwemmt von Bildern.
Ich bin versetzt an den Anbeginn der Zeit, in die 1. Welt. Diese Welt steht vor einer Zerreißprobe. Eine Feuerwand durchschneidet sie. Die Menschen stehen auf der einen Seite der Feuerwand. Ihre Welt schrumpft, sie haben Angst: Viele wollen durch die Feuerwand fliehen, vielen fehlt der Mut. Ich gehöre zu denen, die springen wollen. Mein Gefährte aber ist dagegen. Er versucht mich zu überreden, bei ihm zu bleiben.
Ich will springen.
Er greift zu seiner Waffe.
Ich springe.
Er lässt das Schwert niedersausen.
Mit einer Hälfte bin ich auf der unbekannten Seite. Ein unendlicher Schmerz überfällt mich. Ich weiß, dieser Schmerz wird mich nie wieder verlassen.
Als der Nagual erneut meinen Kopf mit dem Schlangenstab berührt, weine ich.
Dann kommen neue Bilder. Ich stehe auf einem schmalen Berggrad. Links von mir breitet sich eine sanfte, lichte Landschaft aus, rechts türmen sich dunkle Wolken. Mein Herz möchte nach links, aber ich muss in die Dunkelheit.
Ich falle, falle, falle…
Immer neue Szenen breiten sich vor meinen inneren Augen aus. In allen Höllen der Welt suche ich nach meiner verlorenen Hälfte.
Zuletzt finde ich mich in einem seltsamen Raum. Er wirkt lebensfeindlich, unfreundlich. Auf einer Liege sehe ich einen alten Mann. Seine Sinne schwinden. Ich spüre seinen Schmerz. Er sieht mich an und sagt: „Es war alles vergebens“ Ich erkenne meinen Gefährten aus der 1. Welt. Endlich kann ich mich mit meiner dunklen Seite wieder verbinden.
Als ich erwache, lache ich. So kommt mein neuer Name zu mir, lachende Frau. Eine neue Welle beginnt, ein neues Siegel bestimmt mein Leben als Frau. Nun schwinge ich auf dem 1. Ton der magnetischen Hand.
Verwirrt schaue ich mich um. Weit und breit ist kein Sonnentempel zu sehen, auch keine Straße. Nur Ruinen und Schutt, vom Dschungel überwuchert. Der Rückweg ist mühsam. Wir sind müde und haben nur wenig zu essen. Als wir im Dorf ankommen, wartet der Priester schon. Wir fahren in die Stadt. Ich gehe meiner Bestimmung entgegen, Wissen erwerben, Heilkräfte entwickeln, Vollendung anstreben.
Liebe Heidrun, Warum so geheimnisvoll? Ein wenig mehr Information ( Land, Ort,warum ist es für eine Maya - Frau so wichtig, sich mit der dunklen Seite zu verbinden?) hätte deiner beeindruckenden Geschichte nicht geschadet. L.G.Gerhild
Ist "westliche Welt" nicht nur die europäische Perspektive? Von Südamerika aus wohl eher nördliche Welt? - Hatte leider gerade keine Zeit, mich intensiv in Deinen Text einzulesen.
Hallo Heidrun, das Tempo deines Textes passt nicht nur gut zu dem "sagen-haften" Thema, sondern zieht und bannt einen in diese beschriebene Welt/Kultur. Du verstehst es einzigartig in knappen Sätzen, in denen kein Wort zuviel ist, den Leser in diesen bunten Strudel aus Bildern und Gefühlen zu reißen. Auf diese Weise einen Einblick in andere Kulturen zu erhalten... so wäre Lernen eine Freude. Wer so einen ganzen Roman schreiben kann, ist m.E. ein begnadeter Schriftsteller. Hast du schon veröffentlicht? Gruß Bärbel
Jetzt, wo ich graue Haare habe und auf einen schon langen Weg meines Lebens zurückschauen kann, mag ich keine Fantasy-Geschichten mehr. Aber dann lese ich deinen Text und ich erinnere mich an die vielen Jahre, in denen genau diese Themen mich bewegten! Da ist die Sehnsucht wieder da über sich hinaus zu wachsen und "Wissen zu erwerben, Heilkräfte zu entwickeln, Vollendung anzustreben". Ganz wunderbar geschrieben, danke Heidrun!
Hallo Heidrun, an sich eine geheimnisvolle Geschichte. Ich finde nur, du hättest sie etwas anders schreiben können. Wenn du den Schreibstil verändern würdest, könnte ich mir vorstellen, dass sie viel interessanter zu lesen ist. Zum Beispiel so: Ich will springen, doch er hält mich zurück. Aber er kann mich nicht stoppen und ich falle, u.s.w. Liebe Grüße Jutta
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„Attention Monsieur, eine Schlange!“ Da ich Schlangen hasse, fuhren mir die Worte gehörig in die Glieder. Hier, wo täglich hunderte, wenn nicht tausende Touristen diesen felsigen Küstenabschnitt auf den ausgetretenen Kies- und Sandwegen mit ihren staunenden Augen entlang wanderten, hatte ich am allerwenigsten mit einer derartigen Begegnung gerechnet. Ein älterer Bretone mit einer ungeheuer großen Nase, deren rot-blaue Färbung nicht nur von den fein ziselierten Äderchen an der Hautöberfläche, sondern vermutlich auch vom wohlschmeckenden Cidre herrührte, stand in seinen braunen Cordhosen und grob gestrickter Wolljacke vor mir und lächelte mich mit interessierten Augen freundlich an. „Sie tut aber nichts“, versuchte er mich zu beruhigen, „solange man nicht auf sie tritt“. Ohne viel Vertrauen in seine Worte sah ich mit Erleichterung wie das ungeliebte Tier in einer Steinritze verschwand. „Ich danke für ihre hilfreiche Warnung“, ließ ich jetzt etwas entspannter vernehmen. „Oh, gerne Monsieur! Wissen sie, bei diesem herrlichen Wetter wollen die Schlangen die wärmende und prickelnde Sonne spüren, wie wir Menschen auch. Und so kommen sie hervor, legen sich auf die aufgeheizten Steine und vergessen den Alltag, wie wir Menschen auch.“
Wir begannen langsam den Kiesweg gemeinsam entlang zu gehen. “Woher sprechen sie so gut Deutsch?“, fragte ich ihn. „Ich war im Krieg in Deutschland und lernte damals ihre Muttersprache.“ „Und sie haben sie bis heute behalten?“, unterbrach ich ihn wegen meiner Neugierde unhöflich. „Oui, Monsieur. Mir hat ihre Sprache seither Freude gemacht. Und bald nach dem Krieg kamen viele - auch deutsche - Touristen hierher und, tres bien, ich habe die Sprache immer ein wenig mit ihnen geübt.“ „ Das finde ich sehr ungewöhnlich“, meinte ich, „die Franzosen haben uns Deutsche nicht in bester Erinnerung.“ „ Eh oui, Monsieur, was habe ich im Krieg nicht alles gesehen. Und, vielleicht vergessen wir Bretonen, unter uns gesagt, wir unterscheiden uns in manchen Dingen von Franzosen, anders und besser. Und, Monsieur, ich weiß um eine ganz andere Vergangenheit. Möchten Sie sie hören?“ Wie von Zauberhand hielt er mir eine Stofftasche entgegen und ließ mich einen Blick hineinwerfen. Gänzlich unverpackt befand sich in der Tasche ein crosses Baguette, ein gelbrotes, herb duftendes Stück Käse und als Krönung eine Flasche Cidre. „Sehr gerne“, freute ich mich und folgte willig seiner einladenden Hand.
Ich ging mit ihm auf einem von Wind, Wasser und Moosen geglätteten riesigen rosa Granitfelsen. Für sein Alter erklimmte er behende diesen großen Steinbrocken und wir setzten uns. Sonne, Wind, Wasser, Kühe, saftiges Gras, Getreide, Äpfel und nicht zuletzt die Pflege dessen alles durch die Menschen und ihre Fähigkeiten, diese Naturprodukte zu veredeln, schien er im Bewußtsein zu haben, als er bedächtig seine Köstlichkeiten aus der Stofftasche holte. Mit dankbarem Gesichtsausdruck reichte er mir Brot und Käse. Wie undankbar verschlingen wir meist zu Hause das Essen.
„Nur wenige Touristen kennen diesen Platz hier oben Monsieur. Ist er nicht herrlich?“ Vor uns lag der wohl schönste Küstenabschnitt der Nordbretagne - die Granit de Rose. Eingepackt in das Azurblau des Himmels und dem blauen Meer türmte sich unter uns der rosa glühende Granit, wie nirgend sonst wo, zu einer einzigartig dramatischen Felsenlandschaft. Unterbrochen von grün und lila getupften Heidekrautinseln, gelbem Ginster und wildem Brombeer erhoben sich die bizarrsten und zerklüftetsten Felsformationen, die ich jemals sah. Mit rhythmischem dumpfem Klopfen brach sich das klare Wasser des Atlantiks in den unterspülten Felshöhlen des Granits und kehrte gischtbeladen zurück.
Sein Käse war würzig und scharf und so biss ich hastig in das aguette, um Milderung zu erreichen. Der feiste Bretone hielt mir schmunzelnd die Flasche Cidre entgegen. Ich nahm sie dankbar an.
Rechts, von Wasser leicht umspült, stand Schloss Costaeres. Mit seinen Türmen an den Ecken und den spitzkegeligen silbernen Dächern könnte es Walt Disney gebaut haben. Henry Sienkiewicz soll hier vielleicht den Bestseller „Qua vadis“ geschrieben haben. Vielleicht, so steht es zumindest im Reisführer.
Neben anderer vieler Interpretationen würdiger Felsformen, grüßte uns ganz weit hinten ein riesiger Gesteinstorso, der oben einen Kopf hatte. Nase, Augen und Mund schienen von einem Bildhauer eingemeißelt zu sein. Auf dem Kopf lag oder stand die Unmöglichkeit eines gekippten Hutes, der nur mit der Hutkrempe auf dem tragenden Kopffelsen aufsaß und eigentlich runterfallen müßte. „Bon, er heißt sie willkommen“, hörte ich die feste Stimme des Bretonen. Er sah mich von der Seite äußerst interessiert an. „Regarder vous, Monsieur, ich sagte ihnen, ich weiß um eine andere Vergangenheit. Gemeinhin glaubt man die einzigartig rosa Farbe dieses wunderbaren Küstenabschnitts käme von der Beimengung roten Feldspates, als alles hier vor langer Zeit entstand. Aber Monsieur, ich weiß es besser. Dieser Weg, den sie gegangen sind und an dem sie ihre unangenehme Begegnung hatten, birgt ein großes Geheimnis.“ Ich hatte tatsächlich im Reiseführer die Feldspatversion gelesen. Der Blick des Breto..... – ja eigentlich empfand ich ihn bereits als so etwas, wie einen Freund – also der Blick meines bretonischen Freundes verlor sich etwas in die vor uns liegende Landschaft.
„In ihrer Sprache, Monsieur kennt man den Begriff des Barden. Ein Barde war früher ein Verfasser und Bewahrer von Erinnerungen, damit ein Stamm sein historisches Bewußtsein erhalten konnte. Ich, Monsieur, verfüge nicht über die bewahrenden Geschichten unseres bretonischen Volkes. Aber ich bin in der Lage, ihnen etwas über eine historische Begebenheit in meiner Familie zu erzählen. Aber vielleicht betrifft diese Geschichte doch wieder alle. Denn alles hängt doch am Ende wieder mit allem zusammen. Und fragen sie mich bitte nicht nach der Jahreszahl, Monsieur, Erinnerungen müssen nicht unbedingt einordenbar sein. Sie sind einfach da und werden bewahrt.“ „Da haben Sie recht Monsieur“, pflichtete ich ihm bei. „Nun, jedenfalls liegt diese Geschichte, die ich ihnen erzählen möchte, schon sehr sehr lange zurück. Und diese hier wird ebenso lange in meiner Familie weitergegeben.“
„Einer meiner frühen Vorfahren - er trug den wunderbaren Namen Loic – verdingte sich als Fischer hier an der Granit de Rose, die wir Bretonen auch Aod ar Vein Ruz nennen. Nach seiner Erzählung besaßen diese Felsen nicht immer diese einmalig wunderschöne rosa Färbung. Die Felsen waren geradeso grau und braun, wie sie sie an der restlichen Küste, beispielsweise unterhalb von Trebourden oder Paimpool finden. Jedenfalls spielte sich das Leben meines Vorfahren als Fischer in sehr einfacher Weise ab. Er lebte mit seiner Frau Maelle und einem Sohn in einer kleinen Holzhütte. Frau und Kind hatten große Angst, wenn Loic mit dem Boot auf Fischfang ging. Der Tiedenhub zwischen Ebbe und Flut, Monsieur, war damals ebenso seine stolzen zwölf Meter, wie heute. Das Wetter schlug damals ebenso schnell von Sonnenschein in Sturm und Regen um, wie heute. Die Gefahr war also sehr groß, von den plötzlich entfesselten Winden und Wellen mit dem Boot gegen die Klippen gedrückt zu werden und zu zerschellen. All das brachte Unruhe in die kleine Familie, wenn er in der Morgendämmerung sein Boot zu Wasser ließ, um auf Fischfang zu gehen. Aber die Menschen damals hatten noch ein anderes Verhältnis zu den Naturkräften und so spürten sie meist die Gefahr, wenn sie ihre Nase in den Wind steckten. Heutzutage scheinen wir die Fähigkeit für diese Eingebungen verloren zu haben. Vielleicht verlieh ihm aber auch das folgende Ereignis Schutz für sein restliches Leben, denn wie die Überlieferung berichtet, starb er eines natürlichen Todes.“
Als typisch Deutscher und naturwissenschaftlich geprägter Mensch machte sich etwas Enttäuschung über seine Erzählung in mir breit. Wie sollte sich ein grauer Küstenstreifen im nachhinein nachhaltig rosa verfärben. Ich beschloß aber doch weiter zuzuhören. Als Tourist bekam man relativ wenig Kontakt zu den wirklich „Alteingesessenen“. Und schließlich war ich im Urlaub und hatte alle Zeit der Welt.
„Voila, Monsieur, eines Morgens standen vor der Hütte Loic’s drei Männer. Loic erkannte gleich an den herrschaftlichen Kleidern die hohe Herkunft der Herren. Sie baten meinen Vorfahren um Hilfe. Loic entbehrte jeder Vorstellung, wie er den Herren dienlich sein könnte. Er, der arme Fischer, der nichts anderes besaß als seine armselige Fischerhütte mit Boot und nur über das Notdürftigste für seine Familie verfügte. ‚Mein Name ist Maart‘, begann einer der Herren, ‚wir haben eine weite Reise hinter uns und eine äußerst wertvolle Fracht ist Sinn und Zweck dieser Reise. Diese Fracht muß heute abend von hier aus auf die Reise über das Meer gehen. Ein Schiff aus England wird in der Dämmerung hier eintreffen und sie aufnehmen.‘ Lioc blickte zum Himmel. ‚Herr, ich bin nur ein kleiner Fischer, aber wenn ich meine Nase in den Wind stecke, so riecht sie für diese Zeit Sturm und Regen. Wenn der Kapitän des Schiffes die Gewässer hier nicht kennt, kann das Schiff leicht an den Klippen zerschellen – ziemlich sicher sogar!‘ ‚Darum sind wir hier,“ sprach ein anderer der drei Herren. ‚Du Loic, kennst die Gewässer wie keiner. Wir bitten dich, das Schiff mit deinem Boot auf dem Meer abzuholen und es hierher zum Ankerpunkt zu führen.‘ ‚Wenn das Wetter so kommt, wie ich es fühle, so würde mein eigenes Leben ebenfalls an den Klippen zerbersten und wer ist dann für Frau und Kind noch da? Ich bitte euch, sucht euch einen anderen Tag. Die Bretagne bietet viele schöne Tage, wo die Gefahr gering ist. Dann stehe ich euch gerne bereit Herr.‘ ‚Nein, es bleibt nur heute. Heute muß die Fracht nach Einbruch der Dämmerung aufgenommen und nach Glastonbury in England gebracht werden.‘ „Und dann hörte Loic von Maart eine Geschichte aus Israel und über einen Mann, die ihm völlig neu war. Aber der gleiche Instinkt, der bei Loic für das Wetter zuständig war, teilte ihm auch die Wichtigkeit und die Wahrheit dieser Geschichte und dieser Schifffahrt mit. So entschloß sich mein Vorfahr, dieses Wagnis, auch unter Lebensgefahr, auf sich zu nehmen.“
„Nun, Monsieur, so ließ sich mein Vorfahre auf das Abenteuer ein und bestieg in der Dämmerung sein Boot. Seine Wettervorhersage war verläßlich und sein kleines Boot schwankte wie eine – ich glaube Monsieur - wie ein kleine Nußschale, sagt man, oui?“ Ich nickte. „Also schwankte das Boot wie ein kleine Nußschale durch die Wellen und heftigen Windboen auf das offene Meer hinaus um das Schiff in Empfang zu nehmen und ihm Geleit durch die Klippen zum vereinbarten Ankerpunkt zu geben.
Es war schon ziemlich dunkel, als seine Frau Maette auf einem der erhöhten Felsen nahe des Ankerpunkts, das Feuer, das Loic vor seiner Fahrt zu seiner Orientierung noch entzündet hatte, mit trockenem Schwemmholz nährte. Hoch und groß sollte das Leuchtfeuer sein, damit es Loic deutlich seinen Landungspunkt zeigte. Als sie sich nach einem großen Holzstück bückte, sah sie hinter einigen Felstürmen einen merkwürdigen Zug von Menschen in Kutten mit Kapuzen auf dem Kopf. Und sie kamen diesen Weg entlang, Monsieur, an dem sie Ihre unangenehme Begegnung mit der Schlange hatten. In der Mitte der Gruppe war einer, der einen rot strahlenden Gegenstand in Händen trug. Inzwischen nahm der Sturm zu, die schweren Wolken zogen immer schneller über den dunkelnden Himmel. Das Donnern der Wellen, die an den Klippen zerbrachen wechselten sich mit dem Prasseln der unförmigen Wassergestalten die das Meer ausspie und an den Felsen zerschlugen ab. Der Regen klatschte immer heftiger auf die nackten Felsen. Kein Schiff konnte mehr dem wogenden und wallenden Meer etwas entgegensetzen. Maette hatte große Angst um Loic. Aber ihr Blick wurde magisch vom Leuchten des Gegenstandes angezogen. Das Rot drang in ihre Augen ein und sie hatte das Gefühl, als breite sich der warme Lichtschein begleitet von Ruhe und Gelassenheit in ihrem ganzen Körper aus. Maettes Angst verlor sich in dieser Ruhe und sie ging auf das Licht vertrauensvoll zu. Es schien als wäre alles verloren. In diesem Augenblick hatte die merkwürdige Prozession ihr Ziel erreicht. Maette sah, dass das rote Licht aus einem reichverzierten goldenen Kelch entströmte, den der Träger jetzt mit beiden Händen in den Himmel streckte und ein paar unverständliche Worte sprach, um ihn anschließend auf den Felsen zu stellen. Die kuttentragenden Menschen bildeten einen Kreis um diesen Kelch und dann geschah es. Die wundersame Erscheinung des Lichtes blähte sich kugelförmig, sie schien ins unendliche zu wachsen und hüllte die gesamte Küste in das rötliche Licht. Der Sturm wurde zahm, das Dröhnen des Meeres ließ im Lichtschein des Kelches nach und ähnelte nun einem glatten stillen Waldsee und da sah Maette auch schon ganz nah am Ufer ihren Loic auf seinem Fischerboot. Im Gefolge das erwartete englische Segelschiff. Beide konnten gefahrlos am Ufer anlegen und die Kuttenmänner betraten mit dem leuchtenden Kelch das Schiff. Maart trat auf Loic zu und dankte für seinen Mut und seine Hilfe. ‚Du Loic hast mitgeholfen, den heiligen Gral, das Gefäß in das ein Teil des Blutes Christi bei seiner Kreuzigung geopfert wurde, seinem Bestimmungsort in Glastonbury näherzubringen. Wie du siehst beherrscht der heilige Gral die Naturgewalten. Er hat das Meer beruhigt und den Sturm gehemmt. Aber er besitzt die Macht nur, wenn Menschen in freier Entscheidung eine Opfertat bringen, die er als Grundsubstanz für solche Veränderungen in dieser Welt benutzen kann. Diese Tat mußte frei sein, denn nichts ist dem Heiligen Gral heiliger, als die Freiheit des Menschen. Und du Loic hast mit deiner freien Tat die Substanz für dieses Geschehnis geschaffen. Dafür sei euch von Herzen gedankt.‘ Maart sprach Lioc zum ersten Mal im Plural an. ‚Gebt dies Geschichte weiter, es ist das Zeugnis, daß die Menschen nichts ohne den Heiligen Gral sind, aber auch der Heilige Gral nichts ohne den Menschen. Er beherbergt die Zukunft des freien Menschen, er schafft die Substanz der freien Individualitäten. Wer ihn findet, findet sich selbst.‘ „Sehr modern Monsieur nicht wahr?“
„Das Schiff nahm unter hellem Leuchten des heiligen Kelches, Kurs in Richtung England. Das Leuchten ließ nach und bald verschwand ein roter Punkt in der Ununterscheidbarkeit des Horizonts. Und, Monsieur als Lioc mit seiner Familie am anderen Morgen aus seiner Hütte trat, hatte er den gleichen Anblick, wie wir ihn hier genießen dürfen. Der graue Granit hatte sein rosa Färbung erhalten und ihnen Monsieur bleibt es nun überlassen, ob sie der naturwissenschaftlichen Feldspattheorie oder dem Glauben an geistiges Werden den Vorzug geben.“
Damit erhob sich der alte Bretone und wandte sich zum Gehen. „Darf ich sie nach ihrem Namen fragen?“ konnte ich mir nicht verkneifen. Er blickte mir tief in die Augen. Sie leuchteten rot. „Lioc!“ Freundlich wandte er sich ab und ging seines Weges.
Mein Weg führte in ein Reisebüro. Ich buchte einen Reise nach Glastonbury. Und mein Leben sollte sich ändern........
Eine schöne Geschichte. Der Einstieg mit der Schlange gefällt mir sehr gut. Ansonsten schliesse ich mich Jutta an - mehr Absätze würden das Lesen erleichtern.
Das kann man wohl sagen, dass Glastonbury ein Leben verändern kann. Es gab eine Zeit, da bin ich mit den "Nebeln von Avalon" unter dem Arm bewaffnet durch die Grafschaften Gloucestershire, Avon und Cornwall gezogen, immer auf der Suche nach Morgain, Arthus und Merlin. Schön, wenn das heute noch gemacht und geschätzt wird. LG Lillilu
Hallo Kurt, als ich deine Geschichte gelesen habe, habe ich eine Gänsehaut bekommen. Ich finde sie sehr gut geschrieben. Das Einzige das mich daran stört, ist, bitte setze mehr Absätze. Ansonsten war ich begeistert. Liebe Grüße Jutta
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6858
Wanné hörte ihre Mutter an der Kochstelle rumoren. Sie schürte das Feuer, legte Holz nach und setzte Wasser auf. Das war das allmorgendliche Zeichen, Wanné durfte ihr dunkles, stickiges Schrankbett, in dem sie seit 20 Jahren die Nächte verbrachte, verlassen, um mit Mutter das Frühstück zu bereiten.
Bevor Wanné die Schranktür aufstieß, nahm sie den cremeweiβen Porzellanpott, setzte sich in blinder Gewohnheit darauf und entleerte ihre Blase. Nach draußen ging sie in diesem Winter nicht, nur tagsüber, denn es war seit vielen Wochen so kalt, daß der Strand von einer dicken Eisschicht bedeckt war. Trotz Ebbe und Flut. Trotz des Salzwassers. Die eisige Lage war täglich ansehnlich dicker geworden, obwohl die Tage länger wurden. Keine hundert Meter entfernt lag diese Eiswüste von ihrem kleinen Häuschen entfernt. Der Nordwestwind trieb die Kälte über den angrenzenden Dünengürtel in die enge Gasse, das Häuschen, durch die Türspalten, in die Schränke. Undenkbar, freiwillig den Strand zu betreten, selbst wenn noch so viele Schiffsladungen, unterwegs nach England mit Rotwein oder Seide beladen, an Land gespült würden. Wanné schauderte. Die Gänsehaut schüttelte ihren eingeklemmten Hockkörper, so daß sie befürchtete, das vertraute Gefäβ doch noch zu verfehlen.
Bibbernd stand sie auf, zog sich blind ihre angestammte Kleidertracht über, öffnete die schmale Tür des Bettschranks und schlüpfte lautlos ins Zimmer. Alles schien neu, selbst der Schatten ihres Vaters, der soeben das eiserne Bettgestell zusammen klappte, um es in den Schuppen zu tragen. Die Strohmatratze hatte er soeben rausgebracht, nun folgte das Gerüst des Bettes. Wanné zog den Eßtisch mit geübten Griffen von der Wand in die Zimmermitte. So fänden alle Platz, um die Brote mit Schmalz zu essen, den wässerigen braunen Tee zu trinken, gemeinsam zu schweigen.
Ihr Tagwerk war klar umrissen. Zumindest was diesen letzten Vormittag betraf. Denn die nächste Nacht würde sie in einem richtigen Bett verbringen. Fast so wie ihre Eltern. Als Kees’ Angetraute. Sie würden sich seinen Nachttopf zukünftig teilen. In einem Schlafzimmer.
Sie war so wie Kees das fünfzehnte Kind ihrer Eltern und half der Mutter, die älteren Brüder und den Vater zu versorgen. Heute abend wären es nur drei, die zu versorgen waren. Ihr Mann, seine alte Tante und den alten Onkel. Ein Mann, der die Kühe striegelt, weil sie es gerne hatten und man ihnen mehr Milch abzapfen konnte, wenn sie sich wohl fühlen. Kees hatte viel von diesem Onkel, seit seinem achten Lebensjahr arbeitete er auf seinem Bauernhof. Seine Eltern hatte ihn aus Kostengründen ausgelagert. Kees sang beim Melken, die ganze Nachbarschaft kannte seine Lieder. Nur wusch er sich im Gegensatz zu seinem Onkel regelmäßig, eine zusätzliche Beruhigung, fand Wanné.
Sogar heute, an ihrem letzten Tag in ihrer Familie trieb Wanné ihre Brüder freundlich und geduldig an, die Schränke rechtzeitig zu verlassen. Deren Unmut sank auf ihre starken Schultern, perlte ab, versickerte, bevor sie sich dessen überhaupt bewußt wurde. Die Brüder zeigten sich schnell willig und erhoben sich. Wanné machte sich daran, ihnen die Brote zu schmieren. Vier Brüder, einen Vater, fünf Stullen pro Nase und Arbeitstag, schnell eben einen Eimer Kartoffeln schälen, Gemüse putzen, den Schrank aufräumen, dann wartete die Freiheit. Frische Luft im Schlaf, Licht am Morgen und kein Schrank mehr, zum Ersticken duster, der die allabendlich verdiente Müdigkeit straft. Nein, nach ihrem Tagwerk hier würde sie die cremeweiβe Waschschüssel des Hauses mit warmem Wasser füllen, Mutters Sonntagsseife durch ihre jugendlichen Finger gleiten lassen, um sich von Kopf bis Fuß einzuseifen. Vater hatte ihr Eigelb versprochen, damit ihr Haar schimmert, wenn Kees kommt, um sie zu holen.
Die fünfzehn Kinder hatten wenig gehabt, aber nie Hunger. Das was die Eltern hatten, spendierten sie freizügig, ganz gleich, wieviel Mühe es sie gekostet hatte, etwas heranzuschaffen. Sie gaben alles her.
„Ist das alles, was dir gehört?“ Seine eisblauen, oft furchterregenden Augen verlangten die Wahrheit.
Vater nahm ihre drei Bündel. Seinen Hundekarren hatte er für den Transport doch nicht nötig.
„Mehr brauche ich nicht. Ich bin ja nicht weg.“ Sein Blick erzwang Gehorsam, eine glasklare Angelegenheit. Jeder verlor, das war Vaters Sieg über 17 Mägen. Geschlagen hat er nie.
„Dann bringe ich es ihm.“
„In der Zeit kann ich saubermachen.“
Sorgfältig ließ Wanné kaltes Wasser in den Holzeimer, fügte Gallseife hinzu und verzog sich in ihren miefigen Bettschrank. Seine Länge übertraf Vaters Körpergröße so grade, die Breite reichte für ausgestreckte Arme eines zehnjährigen Kindes und die Höhe knickte Erwachsene ein. Am Kopfende diente eine rohe Planke als Ablage, der Pott paßte haarscharf unter die Latten.
Ihre Habseligkeiten waren auf dem Weg weg, die Decken auf dem Speicher verstaut, und die Planken verstaubt. Zufrieden machte sie sich an die Arbeit, sie summte Kees’ Melklieder.
Heute abend würde sie mit Kees’ Kohle stochen, sie morgen früh, wenn er melkte, die Glutasche schüren, um Wasser aufzusetzen. Sofern der unerbittliche Nordwester, der der Küste seit Wochen den Atem nimmt, den Kamin nicht hermetisch abschloß und das Rot des heimischen Herdes erstickte.
Alle Achtung! Das ist eine originelle Geschichte. Du kreierst eine ganz besondere Atmosphäre. Die Schilderung der mit interessanten Details gespickten Lebenssituation finde ich absolut fesselnd.
Ich hatte nicht soviel Fernweh. Wanné stammt aus Zeeland in den Niederlanden. Dort ist die Welt hinter den Dünen zu Ende... Danke für eure Fragen und Kommentare.
Hallo Ziska, ich habe deine Geschichte gelesen und frage mich, wo das ganze sich abspielt. Kannst Du mir das verraten?
Eine interessante Geschichte, ich habe mich gern in diese unbekannte Welt holen lassen, staunend darüber wie Menschen so leben. Aber ich weiß nicht wo genau die Geschichte spielt: Irgendwo im kalten Norden, am Meer....? Uschi
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Grünes Land
Nebel liegen über den grünen Hügeln. Die Luft riecht würzig nach Erde und Weite.
Das unbeständige Wetter gehört zu diesem Land.
Die Faszination der Geheimnisse aus vergangener Zeit bestimmt diesen Ort.
Steine scheinen willkürlich dorthin gebracht worden zu sein.
Zum Teil sind sie heute umgestürzt man kann aber einen Kreis erkennen.
Langsam schreite ich durch den Kreis. Meine Vorfahren kamen aus diesem Land.
Der Mythen und Sagen.
Durch den Tod meiner Grandma habe ich Papiere gefunden die mir meine Familie etwas näherbringen sollte.
Meine Eltern verschwanden kurz nach meiner Geburt.
Dadurch bin ich bei meiner Grandma aufgewachsen.
Sicher meine Eltern habe ich schmerzlich vermisst. An Liebe fehlte es mir trotzdem nicht.
Elspeth wie sie überall genannt wurde,war eine Heilerin.
Sie war eine kluge Frau, alle Leute aus dem Dorf kamen zu ihr wenn sie Hilfe brauchten.
Für mich war es selbstverständlich ihr beizustehen.
Im laufe der Jahre habe ich viel über die Menschen und ihre Krankheiten gelernt.
Wenn eine Seele zerbrochen war der Mensch nur noch vegetierte.
So versuchte sie immer den Menschen als eine Einheit zu sehen.
Grandma war sehr beliebt im Ort, nur der ansässige Arzt rebellierte natürlich.
Sie hat ihm nie ins Handwerk gepfuscht,
wenn die Leute einen Arzt brauchten um operiert zu werden schickte sie die Patienten dorthin.
Da ich den gleichen Namen wie meine Grandma trug,
Elsbeth Mc Rae, nahmen die Leute an das nach ihrem Tod ich für sie dasein würde.
Mein Weg wurde anders bestimmt.
Grandma wurde älter und bereitete sich auf ihren Tod vor. Sie fürchtete sich nicht.
Da sie ein erfülltes Leben hatte war es an der Zeit zu gehen.
Eines Tages nahm sie mich bei der Hand führte mich in ihre kleine Kammer.
„Kind setz dich, ich habe dir etwas zu sagen.“
Mir wurde ganz mulmig. Was hatte das zu bedeuten. Ich begann zu zittern.
„Beth, deine Eltern sind nicht Tod.“
„Was, nicht Tod, wo sind sie, warum haben sie mich im Stich gelassen?“
„Das haben sie nicht Kind. Um dein Leben nicht zu gefährden sind sie gegangen.“
„Sie sind in Schottland.“
Nun war ich vollkommen verwirrt. Grandma wollte nie mit mir nach Schottland reisen.
Ich fühlte mich immer hingezogen zu diesem sagenumwobenen Land.
Sie meinte immer später Kind, dort wirst du leben.
„Grandma warum, ich verstehe es nicht?“
„Beth, sie sind durch die Steine von Stonehenge gegangen.“
„Nein, nein so etwas gibt es nicht, ich weiß das ist eine Kultstätte der Vorfahren.“
„Aber in der heutigen Zeit, hindurch gehen, wie denn?“
„Es ist ein alter Zauber Kind.“
„Wir sind die Auserwählten.“
„Du bist die letzte Nachfahrin eines alten Geschlechts, die den Tempel von Stonhenge
bewachen.“
„Das ist ein Tempel aus alter Zeit.“
Erschüttert ließ ich mich aufs Bett fallen. Ich die Hüterin des Tempels.
Das konnte doch nicht sein.
Wir lebten im 20 Jahrhundert nicht in der Steinzeit.
„Grandma, du machst Witze, das gibt es nicht.“
„Hier schau, ich habe die alten Zeichen der Welt in dieser Kiste aufbewahrt.“
„Du darfst sie erst öffnen wenn ich gegangen bin. Dann erfährst du auch vom Schicksal deiner Eltern.“
Das waren die letzten Worte meiner Grandma.
Nun stand ich in Schottland zwischen den Steinen von Stonehenge.
Fühlte eine eigenartige Magie um mich herum.
Was würde mir das Schicksal bescheren?
Mir der letzten Hüterin des Tempels.
Bye Alayna
Liebe Alayna. Der Mystik von Stonehenge kann man sich nur schwer entziehen. Was macht es da aus, dass Du diesen Ort ein paar Kilometer verschoben hast? Leider sehr viel, wenn Du Deine Leser mit Fantasiegeschichten fesseln willst. Sie reagieren böse und fühlen sich bei dem kleinsten nachweisbaren Fehler auf den Arm genommen. Nicht verzagen, Google fragen. Der liefert Dir mehr Informationen, als Du verarbeiten kannst. Viele Grüße, Putzi
Ups, natürlich sind die Steine in England. Die Eltern in Schottland. Ich stand in den Steinen und wollte zu meinen Eltern einen Weg finden. Ein bisschen unklar ausgedrückt. Es ist der alte Sonnentempel der Ratharryn, aus der Steinzeit. Und ein Verschreiber sorry. Alayna
Liebe Hüterin des Tempels, da hat man dir einen BärEN aufgebunden: Stonehenge liegt im Südwesten Englands und nicht in Schottland! Nahe Salisbury, in einer Ebene. Zugegeben ist ganz Grossbritannien übersät von diesen Gebilden und da kann man sich schon mal irren. Es ist der keltische Gürtel, der hier heute im Schreibforum alle so anzieht. Du solltest mal hinfahren, es macht Freude. Und ich freue mich, dass du dir dieses Thema ausgesucht hast. LG Lillilu
Satz für Satz eine zusätzliche Information, wie bei dem Rätselspiel, bei dem der Kandidat irgendwann sagt: "Stop! Ich weiß es."
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6855
Ich heiße Silver und stamme aus Kanada. Ihr werdet staunen, dass ich zu Euch spreche, denn ich bin ein Wolf. Früher bevölkerten unsere Rudel die Wälder im hohen Norden. Heute gibt es nur noch wenige von uns. Wir standen sogar bis vor wenigen jahren auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere. Nur der Initiative spezieller Wolfschützer ist es zu verdanken, dass sich unser Bestand wieder vermehrt hat. Wir wurden in Naturschutzgebiete umgesiedelt, wo wir vor Fallenstellern und Schnellstraßen, um nur zwei der vielen Gefahren zu nennen, sicher sind.
Noch heute erzählen sich die Holzfäller an den Lagerfeuern meine Geschichte, und manchmal glauben sie sogar, im flackernden Schein meinen mächtigen Schatten zu erkennen. Mögt Ihr sie hören? Fairerweise muss ich Euch vorwarnen; sie ist lang.
Er wurde Silver genannt wegen der Farbe seines Fells. Eine umstürzende Tanne erschlug seinen Vater, den Anführer des Rudels; er wurde sein Nachfolger. Denn er war der Stärkste und Schnellste unter den Söhnen. Wölfinnen aus anderen Revieren schauten begehrlich auf ihn. Doch er war sehr wählerisch.
Eines Tages gelangte er auf seinem Erkundungslauf bis zum Lager der Holzfäller. Aus den Hütten drang Reden und Lachen. Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Geräusch erregt, das aus einem der Ställe kam. Nur ein Tier in höchster Not konnte so winseln. Er verspürte Hunger und hoffte auf eine leichte Beute. Die Tür war unverschlossen, so konnte er hineinschlüpfen. Hinter einem Stapel Bretter hatte man eine Wölfin festgebunden. Bei den Versuchen, sich zu befreien, hatte sich der Strick um ihren Hals immer mehr zugezogen und drohte, sie zu erdrosseln. Als er sich ihr näherte, knurrte sie leise. Dann erkannte sie, dass er keiner der Hunde des Camps war. Beeil dich, flehte ihr Blick. Silvers scharfe Zähne durchtrennten die Fessel. Wolf und Wölfin standen sich gegenüber, starrten sich an. Sie war kleiner und zierlicher als er, und ihr Fell hatte eine gelbliche Färbung. Das Auffälligste waren ihre goldbraunen Augen. Als hätten sie das Sonnenlicht eingefangen, schien es Silver. Er würde sie Sun nennen. Ihm war eigenartig zu Mute. Ein wenig schwindlig. Und sein Herz pochte wie nach einer Hetzjagd. Dabei spürte er eine unbändige Kraft, um mit ihr bis ans Ende der Welt zu laufen. Mit einer Bewegung des Kopfes gebot er ihr, ihm zu folgen. Sie liefen Seite an Seite zurück zu seinem Rudel.
Silver hätte nun zufrieden sein können. Er durchstreifte mit Sun den Wald, zeigte ihr voller Stolz sein Revier. Oder er brachte ihr die besten Bissen des erlegten Wildes. Doch seine Gefährtin rührte sie nicht an. Es war unbegreiflich für ihn; sie fraß kein Fleisch, ernährte sich nur von Wildobst, Pflanzen und Käfern. Es war das erste Mal, dass Silver zornig auf Sun wurde. Ihren Eigensinn musste er ihr austreiben. Er zwang sie zum Fressen. Sie würgte alles wieder aus. Noch mehrere Male versuchte er, seinen Willen durchzusetzen. Er sah, wie sie sich quälte, doch er konnte ihren vermeintlichen Ungehorsam nicht zulassen.
Nachts verließ sie heimlich den gemeinsamen Schlafplatz. Als er einmal wach wurde, entdeckte er, dass sie nicht mehr an seiner Seite lag. So stellte er sich am anderen Abend schlafend, und als sie fortschlich, folgte er ihr bis zur Lichtung. Dort machte sie Halt, schaute zum Mond auf und heulte. Traurig und hoffnungslos. Ihr Heulen klang für ihn wie ein Klagelied. Es erinnerte ihn an ein anderes. Der Schnee hatte meterhoch gelegen, und viele im Rudel verhungerten.
Er spürte in sich einen Schmerz und verstand nicht, warum. Nur eines wusste er: Er wollte Sun nie mehr wehtun. Von da an ließ er sie in Ruhe.
Schließlich erzählte sie ihm ihre Geschichte. Ein Wilderer tötete ihre Eltern und Geschwister; sie blieb als Einzige am Leben. Er wollte sie unbedingt zähmen und ließ keine Gelegenheit aus, sie zu quälen: Ihr Peiniger brannte ihr Löcher ins Fell, während er sich Fleisch am Lagerfeuer briet. Und seitdem löste bei ihr allein der Geruch von Fleisch - ob roh, verbrannt oder gebraten – Ekel und Erbrechen aus.
Motherwolf riet ihm abzuwarten. Seit dem Tod des alten Anführers hatte Silvers Mutter immer noch großes Ansehen im Rudel. Wenn seine Gefährtin erst trächtig wäre, würde sich das Problem von selbst lösen. Doch auch nach der Geburt von vier kräftigen Welpen fraß sie kein Fleisch. Das blieb nicht lange unentdeckt, und das Murren im Rudel wurde immer lauter. Besonders eine von Silvers Schwestern hetzte die anderen mit ihren bösen Reden auf. Sie hatte schon lange ein Auge auf den Anführer geworfen und einige Male versucht, ihn abzupassen, wenn er allein unterwegs war. Einmal war es ihr tatsächlich gelungen, und sie hatte ihr Hinterteil ganz nah an ihn gedrängt. Ihr Duft sollte ihm in die Nase steigen. Dabei hatte sie gelockt:
“Na, wie wär’s mit uns beiden?“ Er hatte nur ein unwilliges Bellen für sie übrig.
“Verzieh dich! Ich paar mich nicht mit ´ner Schwester – und schon gar nicht mit ´ner Schlange.“ Von da an nannte er sie Snake.
Die Abfuhr, die er ihr erteilt hatte, brannte immer noch in ihr, als er die Neue mit ins Rudel brachte. Hasserfüllt beobachtete sie jeden ihrer Schritte. Aber ihre Stunde würde noch kommen. Dafür würde sie, Snake, schon sorgen.
An jenem Morgen kam es zur offenen Auseinandersetzung. Alle Wölfe waren anwesend, als Snake sich Silver frech in den Weg stellte:
“Ha! Bist du denn eine Memme, dass du dir das bieten lässt?“
“Wir wollen keine Memme als Anführer“, riefen nun auch andere.
“Das geht euch nichts an; ist allein meine Sache!“ Silver wollte sie beiseite schieben, da mischte sich Motherwolf ein.
“Halt. So einfach ist das nicht. Der Ältestenrat muss darüber bestimmen.“
Als der Mond wie ein blasser Ball am Himmel stand, tagte der Ältestenrat:
“Wir sind zusammengekommen, um über Silver, den Anführer, und seine Gefährtin zu verhandeln. Sie verweigert ihm den Gehorsam. Erstens: Die Wölfin ist dem Wolf untertan; sie hat ihm zu gehorchen – so verlangt es das Gesetz – sonst muss sie das Rudel verlassen. Zweitens: Der Wolf darf keine Schwäche zeigen, niemals Ungehorsam dulden. Ohne Ausnahme. Sonst kann er kein Anführer sein. Drittens: Angenommen, eine unheilbare Krankheit der Wölfin ist der Grund für ihren Ungehorsam, kann sie erst recht nicht als Partnerin des Anführers geduldet werden. Er muss dafür Sorge tragen, dass die Art durch gesunde Nachkommen erhalten bleibt. Gibt es noch Fragen oder Einwände?“ Niemand meldete sich zu Wort. “Dann ist die Sitzung geschlossen. Wenn der Mond sich erneut gerundet hat, werden wir wieder zusammenkommen.“ Der Sprecher wandte sich nun direkt an den Anführer:
“Silver, bis dahin muss du eine Lösung gefunden haben.“
Silver spannte jeden Muskel seines Körpers, reckte stolz den Kopf in die Höhe, seine Augen funkelten. So stand er in seiner Schönheit und Kraft vor ihnen. Jeder konnte es sehen. Doch er schwieg. Er wusste, sie waren im Recht.
Die ganze Nacht durchstreifte er die Wälder. Er wollte allein sein, um ungestört nachdenken zu können. Als der neue Tag dämmerte, hatte er einen Entschluss gefasst. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Drei Tage und zwei Nächte entfernt, am Fuße des hohen Berges, wohnte White Owl, der Weise. Von ihm erhoffte sich Silver Hilfe. Ein beschwerlicher Weg lag vor ihm. Motherwolf würde sich in seiner Abwesenheit um Sun und die Jungen kümmern.
Silver lief Tag und Nacht ohne Unterbrechung. Um die Mitte des dritten Tages kam er am Hohen Berg an. Sein Gipfel schien den Himmel zu berühren. Wie sollte er den Weisen finden? Er erhob seine Stimme, und das Heulen hallte von den Bergwänden wieder.
“Wolf, was willst du von mir?“
“Ich brauche dringend deinen Rat.“
“Was kann so dringend sein, dass du dafür meinen Schlaf störst?“
“Meine Gefährtin benötigt deine Hilfe! Bitte hör mich an.“
“Meine Sprechstunde ist nach Sonnenuntergang. Dann kannst du wiederkommen.“ Wenig später zeigten Schnarchlaute an, dass der Weise wieder fest schlummerte. Jetzt erst spürte Silver, wie erschöpft er von seiner Reise war. Er legte sich nieder und schlief ein. Plötzlich meinte er, Suns Stimme zu hören; sie rief nach ihm. Es war nur ein Traum gewesen, doch er wurde dieses Gefühl der Angst nicht mehr los. Er hatte noch nie und vor niemandem Angst gehabt. Doch nun glaubte er, fast den Verstand zu verlieren bei dem Gedanken, Sun könnte in Gefahr sein. Und er war nicht dort, um sie zu beschützen.
Zur Untätigkeit verdammt, lief er hin und her. Vor und zurück. Die Stunden bis zum Sonnenuntergang krochen dahin. Die Schatten wurden länger, das Rot der Wolken ergraute und endlich stiegen die ersten Abendnebel auf. Zuerst leise, dann immer lauter heulte Silver seine Ungeduld heraus.
“Ich bin doch nicht taub! Also was willst du?“ Der Wolf berichtete dem Weisen, wie er Sun im Stall bei den Holzfällern gefunden hatte und alles, was seitdem geschehen war.
“Du musst wissen, sie ist genau die Gefährtin, die ich gesucht habe. Augen hat sie, sag ich dir. Als würde die Sonne selbst ... Und schnell ist sie. Die Jungen, die sie geworfen hat, könnten kräftiger und schöner nicht sein.“
“Aha! … Also alles in bester Ordnung. Und wo liegt das Problem?“ War da nicht ein Schmunzeln in der strengen Miene?
“Sie frisst kein Fleisch! Und wenn ich es ihr hundertmal befehle und sie genau so oft zum Fressen zwinge, es nützt nichts. Sie würgt es immer wieder aus. Ihr wird einfach schlecht davon … Aber wie steh ich denn da, wenn meine Gefährtin mir den Gehorsam verweigert! Keiner hat mehr Respekt vor mir. Der Ältestenrat verlangt, ich soll sie fortjagen. Aber das kann ich nicht. Sag du mir, was ich tun soll. Es muss doch irgendetwas geben! Eine Pflanze, einen Zauberspruch …? Du kennst dich auf dem Gebiet doch aus.“
“Und sie frisst tatsächlich kein Fleisch? Allein die Vorstellung … Schrecklich.“
“Nicht wahr? Beeren, Schösslinge und Gräser, ein paar Käfer; das ist alles.“
Der Weise schloss die Augen, wiegte den Kopf bedächtig hin und her. Silver befürchtete schon, er sei eingenickt. Da begann er, wieder zu reden:
“Jag sie fort. Das wird das Beste sein. Wie du dir das vorstellst, geht es jedenfalls nicht. Es gibt kein Hokus-Pokus-Rezept für dein Problem.“
War das alles? Dafür hatte er den weiten Weg auf sich genommen? Silver sah erbärmlich aus, wie er mit hängendem Schwanz da stand. Als hätte man ihn verprügelt. Er hatte gar nichts mehr von einem Anführer an sich.
“Es sei denn …“
“Ja? Sag schon!“
“Du kannst warten, hast viel Geduld.“
Geduld gehörte überhaupt nicht zu Silvers Stärken.
“Wenn es denn sein m u s s.“
“Jedes Lebewesen, so wie du und ich, hat einen Körper und eine Seele. Verletzungen des Körpers verheilen nach einer gewissen Zeit. Das hast du schon oft erfahren. Ist jedoch die Seele verwundet, wie bei deiner Sun, hilft nur eines. Und das leider nur in den seltensten Fällen. Willst du sie nicht doch lieber wegschicken?“
Silver bleckte die Zähne. Genau so grimmig musste der Wolf im Märchen Rotkäppchens Großmutter angesehen haben, bevor er sie fraß.
“Entschuldigung, Entschuldigung! Ich meinte ja bloß, damit du mir später keine Vorwürfe … Die Menschen nennen es Liebe.“ White-Owl sprach das letzte Wort fast feierlich aus, schaute dabei den Wolf prüfend an. „Bei dir könnte es funktionieren, denke ich.“
Zur Bekräftigung nickte er noch einmal. Dann drehte er sich um. Die Sprechstunde war beendet.
Was war Liebe? Silver wusste nur eins, ohne Sun würde ihm sein Leben nichts mehr bedeuten. Er könnte genau so gut tot sein.
Er jagte den Weg zurück. Ein silberner Blitz. Rehe duckten sich hinter hohem Gras. Hasen nahmen Reißaus vor ihm. Doch der Wolf hatte keine Augen für sie; er verfolgte nur ein Ziel: Nach Hause zu Sun.
Er spürte die Aufregung sofort. Etwas musste geschehen sein.
In knappen Worten berichtete Motherwolf ihm das Unglück:
“Sun hat am Morgen eines der Welpen tot gebissen. Als man sie entdeckte, machte sie sich gerade darüber her. Einige Fetzen Fleisch hatte sie bereits herunter geschlungen. Alles spricht gegen sie. Dabei war ich doch nur einen Augenblick fort.“
Sun blutete aus mehreren Bisswunden und lag ermattet am Boden, als Silver zu ihr trat. Ihr Maul war mit Blut beschmiert. Neben ihr hielt Snake mit einem ihrer Brüder Wache. Sie war auch diejenige, die die Tat entdeckt hatte, und spielte sich nun als Sprecherin auf:
“Brauchst du etwa noch mehr Beweise? Sie hat dir die ganze Zeit was vorgemacht. Ich hab’s gleich gewusst.“ Anklagend wies sie auf das zerfetzte Junge. „Jag sie weg! Oder …“, ihre Stimme bekam einen gierigen Unterton, „soll ich sie tot beißen? Das wäre die gerechte …“
“Halt dein falsches Maul, Snake! Was maßst du dir an. Du bist so dumm, dass dich die Hasen beißen. Ich sollte dir den Hals umdrehen!“ Silver packte sie und schleuderte sie zu Boden. Wieder wollte er sich auf sie stürzen, doch besann er sich: „Pfui! Ich mach mir doch die Pfoten nicht an dir dreckig! Verschwinde und lass dich hier nie wieder blicken.“
Als er sich nun seiner Gefährtin zuwandte, lag in seinem Blick Trauer, aber noch mehr Erleichterung. Das Junge war tot, aber Sun lebte.
“Steh auf.“
Sie erhob sich und sah ihn an. Ihre Augen hatten die Sonne verloren.
“Ich hab es nicht verhindern können, dass Snake …“
“Ich weiß.“
“Ich werd mich bemühen, Fleisch zu fressen. Immer ein Bröckchen mehr. Du wirst sehen, eines Tages wird es mir gelingen.“
“Du bist, wie du bist.“
Und er dachte: Ja, vielleicht wird es gelingen. Doch das war im Augenblick nicht wichtig.
Als der Mond seine volle Rundung erreicht hatte, versammelte sich der Ältestenrat. Silver hatte seine Gefährtin mitgebracht.
“Silver, hast du eine Lösung gefunden?“ Der Angesprochene nickte.
“Ich werde mit Sun und den Jungen das Rudel verlassen und ein neues Revier suchen.“
Eine eindrucksvolle, originelle Geschichte. Super geschrieben. Erst habe ich mich gescheut deinen langen Text zu lesen, habe es aber nicht bereut!
Seufz, so einen wie Silver wünscht sich jede Frau! Wunderbare Sprache und vor allem Dialoge!LG Lillilu
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6833
Mein Name ist Ahmad Nazz~al al-Chalaila. Ich bin im Irak geboren. Ich bin im Irak gestorben.
Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien heiß vom Himmel. Ich brauche die Sonne. Ich bin Iraker. Ohne Sonne und ohne den Staub der Wüste kann ich nicht leben.
Ich weiß nicht, warum sie den Anschlag gemacht haben. Ich weiß nicht einmal welche Seite es war. Ich meine gehört zu haben, dass es die Schiiten waren. Aber sicher bin ich mir nicht. Was spielt es für eine Rolle. Meine Beine bekomme ich weder von den Schiiten noch den Sunniten und schon gar nicht von den Amerikanern wieder.
Mein Leben hat sich seit dem verändert. Natürlich hat es sich verändert. Ich habe keine Beine mehr. Muss auf meinen Händen durch den Staub rutschen. Das Krankenhaus hat mir einen Rollstuhl gegeben, aber man kommt nicht weit mit einem Rollstuhl im Irak. In dem Viertel in dem ich wohne - Sadr City - gibt es keine befestigten Straßen. Mein Rollstuhl versinkt im Schlamm, wenn es geregnet hat. Und wenn es nicht regnet, liegen große Steine auf der Straße.
Mein Leben ist vorbei. Gestern bin ich achtzehn geworden. Was habe ich in diesem kurzen Leben gemacht? Niemals habe ich einen Mensch geschlagen. Ich habe gezittert, als die Amerikaner zum ersten Mal angegriffen haben. Habe gezittert, als sie zum zweiten Mal angegriffen haben und zittere jeden Tag.
Ich wollte studieren. Vielleicht nach Europa gehen. Frankreich oder Deutschland. Geld verdienen und meine Familie unterstützen. Nichts davon werde ich machen können. Ich lebe im Haus meiner Eltern. Und werde immer bei ihnen bleiben. Der Traum den Irak zu verlassen, ist ausgeträumt.
Und nur, weil ich an diesem Tag nicht im Haus meiner Eltern war, sondern durch Bagdad laufen wollte. Jetzt werde ich immer im Haus meiner Eltern sein.
Mit wenigen Sätzen hast Du den Wahnsinn des Krieges beschrieben. Ein Moment, und alle Träume und Hoffnungen werden gegenstandslos. Gefällt mir. L. G. Isabel
Eine bedrückende Geschichte; umsomehr weil wir wissen, dass es viele solche Schicksale gibt. Aber durch deinen Text hat das bisher anonyme Schicksal ein Gesicht, eine Identität bekommen und geht mir nahe. Auch dieser geradlinige, schnörkellose Stil gefällt mir. Uschi
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6831
Im Land der Morgenröte
Der Himmel tropft von den Bäumen. Weshalb er das tut, weiß ich nicht. Doch er hängt heute so tief, dass die Baumkronen in ihm verschwinden. Und es schüttet. Eine Sintflut stürzt auf mich herab, als wollte sie alles um mich her ertränken. Und vielleicht sollte sie das auch tun. Denn es gibt ein Problem!
Das Problem ist der weiße Mann. Er ist ins Land der Morgenröte gekommen und tut so, als wüsste er alles. Dabei weiß er nichts. Überhaupt nichts. Doch die Angehörigen meines Stammes vertrauen ihm. Noch! Aber das wird sich ändern, ganz bestimmt.
Der weiße Mann hat unserem Land auch einen Namen gegeben. Doch dieser Name ist nicht wichtig. Er hat weder zu unserem Land noch zu unserem Volk eine Verbindung. Es ist einfach nur ein Name, den niemand braucht.
Nun stehe ich hier unter den Urwaldriesen im Regen. Im wahrsten Sinne des Wortes stehe ich im Regen! Denn mein Volk hat mich verstoßen! Die Menschen vertrauen mir nicht mehr. Dabei habe ich doch immer alles für meinen Stamm getan. Ich habe Rat gegeben. Ich habe Recht gesprochen. Ich habe die Kranken geheilt. Ich habe mit den Geistern gesprochen. Ich war immer da, wenn es Probleme zu lösen galt. Ich war der Medizinmann.
Hier im Urwald bin ich sicher. Niemand tut mir etwas. Als Medizinmann geniesse ich Respekt. Bei meinem Stamm habe ich ihn zwar verloren, doch niemand wird es wagen, mich zu töten. Niemand tötet einen Medizinmann. Deshalb hätte ich auch bleiben können, niemand hätte den Mut aufgebracht, mich mit Gewalt zu verjagen. Doch die Tradition verlangt, dass ein Medizinmann geht, wenn er verstossen wird. Also bin ich gegangen. Für mich bedeutet das ein Leben in Einsamkeit. Die Menschen der anderen Stämme, welchen ich hier im Urwald begegnen kann, werden mir zwar Respekt entgegen bringen, doch sie werden mich nicht aufnehmen. Jeder Stamm hat seinen eigenen Medizinmann. Ein Stamm hat immer nur einen Medizinmann.
Zu hungern werde ich nicht brauchen. Es gibt genügend Früchte im Wald. Außerdem werden die Menschen meines Stammes mir genug zu essen bringen. Auch das verlangt die Tradition, ein verstossener Medizinmann muss gut versorgt werden.
Inzwischen hat es zu regnen aufgehört. Dicke Tropfen rinnen noch von den Blättern der Bäume und die Wolkensuppe in den Wipfeln wird heller. Doch die Sonne kommt nicht durch. Ich setze mich auf eine nasse Wurzel und betrachte mein Spiegelbild, das mir aus einer Pfütze entgegen blickt. Meine Haut ist vollkommen schwarz. Der Regen hat die weißen und blauen Farbmuster restlos abgewaschen. Ich bin nackt, denn ich habe meine triefenden Gewänder und meine Maske abgelegt.
Aus meinem Beutel nehme ich eine kleinen Stein und lasse ihn in das Gesicht meines Spiegelbildes fallen. Dünne Wellen bewegen sich aus der Mitte der Pfütze zu den Rändern hin und setzen mein Gesicht in Bewegung. Es schwankt und beginnt zu zittern. Doch mein Blick lässt es nicht los, taucht in die Wellenbewegungen ein und versinkt darin. Mein Blick versinkt in mir! Ich sehe in die Zukunft.
Die Zukunft zeigt mir, dass nicht alles vergebens war. Die Menschen meines Stammes werden das wahre Gesicht des weißen Mannes erkennen. Sie werden zu mir kommen und mich bitten, zurückzukommen. Doch ich werde mich diesem Wunsch verweigern. Ein Medizinmann ist immer einsam, auch wenn er mitten unter seinem Stamm lebt. Die Leute fürchten sich vor Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Besonders dann, wenn der Betroffene Grenzen überschreitet, die den meisten Menschen nicht zugänglich sind. Vor jemandem, der in die Zukunft blicken kann. Vor jemandem, der mit den Geistern reden kann. Also habe ich keinen Nutzen davon, zu meinem Stamm zurückzukehren. Ich werde auch hier im Urwald nicht einsamer sein, als im Dorf. Und es wird mir nicht schlechter gehen, denn auch hier habe ich alles, was ich brauche. Und eine Hütte, die mich vor dem Regen schützt, werde ich noch bauen. Mein Stolz lässt eine Rückkehr nicht zu.
Das Gesicht meines Spiegelbildes zittert noch immer leise in der Pfütze. Die Zukunft zeigt mir, dass ich meinen Stolz überwinden werde. Auch das wird von einem Medizinmann erwartet. Dass er seinen Stolz überwindet. Ich werde zu meinem Volk zurückkehren und ihm helfen, die Zukunft im Land der Morgenröte zu meistern. Trotz des weißen Mannes. Mit dem weißen Mann.
Die Oberfläche der Pfütze hat sich inzwischen beruhigt, mein Spiegelbild ist wieder vollkommen glatt. Auch mein Blick in die Zukunft ist erloschen. Doch ich weiß, was ich zu tun habe. Ich öffne meinen Beutel, hole zwei Schalen sowie Steinmehl aus weißem Kalk und kobaltblauem Marmor hervor und rühre die beiden Pulver getrennt in den Schalen mit Wasser aus der Pfütze zu einem zähen Brei. Dann überziehe ich meinen schwarzen Körper mit magischen Mustern in weißer und blauer Farbe. Ich bereite mich auf die Zukunft vor ...
Hmm-gemischte Gefühle. In welchem Land spielt deine Geschichte? Immer wieder findest du schöne Bilder und Beschreibungen, aber dann denkt dein Medizinmann auch wieder in unpassenden Begriffen (z.B. steht er "im wahrsten Sinne des Wortes" im Regen - da stimmt der Bezug nicht, da müsste erst das Problem da sein und dann der echte Regen). So ganz klar wird mir nicht, ob er nun weise ist oder naiv.
Es stimmt leider, dass die Wortwahl manchmal nicht ganz zum Medizinmann passt. Daran muss ich noch feilen. @lillilu, @angela thies: Auch "wahre" Medizinmänner können verstossen werden, wenn ihr Volk von etwas anderem geblendet wird. Der Prophet gilt bekanntlich nichts in seinem Land. Der weiße Mann hat ihm seinen Platz nicht streitig gemacht, sondern überflüssig. Weil er seine Weisheit und seine Fähigkeiten für falsch und gefährlich hält. Doch irgendwann wird auch das Volk die Wahrheit erkennen. Jetzt weiß es nur der Medizinmann, denn er kann ja in die Zukunft blicken. Vielleicht werde ich irgendwann diese Geschichte weiterspinnen ...
Der erste Satz entscheidet zum Weiterlesen - deine Einleitung ist sehr gut. Den Medizinmann lerne ich mit seinen Ängsten, Schwächen, Stärken, Ritualen und seinem Mut kennen. Zwischendurch fällt mir auch eine Wortwahl auf, die nicht passt. Und mir wird nicht so klar warum er verstoßen wurde, reichte die Anwesenheit des weißen Mannes aus? Gab es einen speziellen Anlass?
Sanfte, schöne Bilder, vor allem das Spiegelbild in der Pfütze als Zentrum ist klar zu sehen. Ich bin froh, dass er es geschafft hat seinen Stolz zu überwinden. Aber ich grübele auch, ob ein wahrer Medizinmann von seinem Stamm verstoßen werden würde und dann auch noch, weil der weiße Mann ihm seinen Platz streitig gemacht hat. Würden sie sich nicht in unruhigen Zeiten um ihm scharen? LG Lillilu
Der Seelenzustand des Medizinmannes kann gut nachempfunden werden. Die Wortwahl schwankt zwischen westlicher Ausdrucksweise und den Begriffen aus dem Land der Morgenröte.
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6811
Es war garnicht so einfach über ein unbekanntes Land zu schreiben, aber ich versuche es trotzdem.
Sri Lanka
Ich heiße Mohamed und bin fünfzehn Jahre alt.
Ich gehe durch den hellen warmen Sand. Vor mir liegt der Indische Ozean. Hinter mir sieht man einige Hotels die vorallem von europäischen Touristen besucht werden.
Ich bin Singhalese, wie alle meine Freunde hier.
Meine Mutter ist auf dem Markt und verkauft Früchte. Beim Anbau und Ernten helfe ich ihr. Wir beiden leben allein in einer kleinen Hütte mit rostigem Welldach. Wir haben es schwer.
Vater und meine Schwester Suda hat der Tsunami mit sich genommen.
Ich schaue auf die Wellen. Sie sind wild und wirken unklar, vom Sand den das Wasser aufwirbelt.
Vater war Schneider.In einer kleinen Hütte am Strand habe ich ihn gern zugesehen, wie er mit dem Fuß die Nähmaschine trat und aus wunderschönen Stoffen maßgeschniederte kleider und Jacken für die Touristen anfertigte. Strom gab es dort nicht. Er vertraute dem hellen Sonnenlicht. Der Tsunami überraschte ihn während der Arbeit. Meine kleine Schwester war bei ihm.
Die Leiche von Suda fand man. Von meinen Vater fehlt jede Spur.
Diese Erinnerungen machen mich traurig.
Ich warte auf das Mädchen mit der hellen Haut und den langen blonden Haaren, die in der Sonne wie Gold glänzen.
Sie heißt Sabine und kommt aus Deutschland.
Von weitem sehe ich sie schon. Sie trägt ein kurzes buntes Kleid. Ihre Arme sind noch gerötet. Sie hat einen Sonnenbrand. Gestern habe ich ihr mit dem Saft eines Aloeverablattes die schmerzenden Stellen eingerieben.
Ich betrachte sie. Weiße Haut ist ein Traum der einheimischen Frauen.
Ich nehme Sabine an die Hand. Wir gehen zu einen Riff. Es liegt im flachen Wasser. Langsam lasse ich meine nackten Füße darüber gleiten. Sabine wartet am Strand. Die Gefahr ist zu groß und sie könnte sich verletzen. Das Riff ist glitschig. Die Wellen peitschen an meine dunklen Beine. Ich sehe einen Seeigel. Davon gibt es sehr viele. Es dauert nur wenige Minuten und ich habe das stachlige Tier in meiner flachen Hand liegen. Ich gehe zu Sabine. Sie ist erstaunt und streichelt über den runden Stachelball. Dann gebe ich dem Seeigel die Freiheit zurück und lege ihn in den Ozean.
Ich nehme Sabine an die Hand. Beide können wir englisch sprechen. Wir reden und lachen viel. Die glühende Sonne ist unser Begleiter.
Wir laufen zum Bentota Fluss. Es mündet im Meer. Ich habe hier mein Boot. Ich helfe Sabine hinein. Der Fluss ist schmutzig, aber umsäumt von tropischen Bäumen und vielen schönen Gewächsen. Ich rudere Sabine durch einen Tunnel von herrlichem Grün. Mein Freund Wimal wartet am Ufer. Er winkt uns heran. Er hat ein kleines Krokodil. Es ist erst zwei Wochen alt. Er legt es Sabine auf ihre flachen Hände. Ich schaue in ihre blauen funkelnden Augen. Sie ist fazieniert.
Warane schwimmen an uns vorbei. Fliegende Hunde hängen in den Bäumen. Vögel in den schillernsten Farben kreischen und zwischern aus dem Geäst.
"Das Paradies", sagt sie immer wieder.
Sabine erzählt von Deutschland. Im Winter ist es kalt und es schneit. Ich habe sie gebeten, Schnee mit zubringen, wenn sie nächstes Jahr wieder nach Sri Lanka kommt.
Sie hat mich ausgelacht.
Gern möchte ich dieses Deutschland kennen lernen.
Hallo Benita, mein Kommentar zu deinem Text kommt sehr spät aber ich habe ihn jetzt erst gelesen und bin sehr begeistert von ihm. Der Stil, die Sprache, machen diesen Text sehr lebendig, sehr realistisch, ich war richtig "dabei"!
Hallo Frog, du hast ja recht. Namen in Sri Lanka sind mir total unbekannt. Habe Mohamed genommen, da ein Hotelbesitzer so heißt, als mir im Internet Unterkünfte angeboten wurden. L.G Benita
Hallo! Witzig, dass Dir auch Sri Lanka in den Sinn kam. Die Sprache des Jungen gefällt mir. Sie wirkt authentisch. Sein Erlebnis mit Sabine hast Du farbig erzählt. Mich wundert nur, wie ein Junge, der den muslimischen Namen Mohamed trägt, Singhalese sein kann.
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6809
Jgjugarjuk
Seit drei Wochen liege ich nun in dem kleinen Holzhäuschen beim Friedhof. Sie haben mich in einen blauen Kunststoffsack gepackt. Es ist bitter kalt, doch das spüre ich nicht mehr. Ich warte hier auf meine Beerdigung. Wer im Winter stirbt, muss hier in Aujuittuq, dem "Land, das niemals taut", immer bis zum Sommer warten, bis er "wirklich" begraben werden kann. Jetzt, im Februar, liegen die Temperaturen noch immer bei knapp minus 30° C. Dass da niemand Lust hat, ein Loch zu buddeln, kann ich gut verstehen. Ich würde es für jemand anderen auch nicht tun.
Obwohl ich noch nicht richtig beerdigt bin, wurde mir zu Ehren eine Trauerfeier abgehalten. Es war eine sehr schöne Feier. Das ganze Dorf war da, meine Freunde, meine Familie und natürlich Neevee. Mein Vater blickte sehr ernst, meine Mutter und meine Schwestern hatten Tränen in den Augen. Neevee weinte nicht. Weshalb auch, schließlich habe doch ich sie allein gelassen! Der Bruder meines Vaters hielt eine Rede. Ich war erstaunt, was für ein guter Mensch ich war.
Neevee ist ein nettes Mädchen und ich habe sie geliebt. Nein, ich liebe sie noch immer. Nur nützt ihr das jetzt nichts mehr. Das einzige, was mich an ihr gestört hat, war ihre unentwegte Qualmerei. Kaum hatte sie eine Zigarette ausgedrückt, zog sie auch schon die nächste aus der Schachtel. Ich hasse Zigarettenqualm. Doch ich darf mich nicht beschweren. Denn ich war ein Säufer! Doch das habe ich nun glücklicherweise hinter mir.
Neevee bekommt ein Kind von mir. Sie glaubt, ich weiß es nicht. Dabei ist sie es, die sovieles nicht weiß. Neevee glaubt, es wird ein Mädchen. Peepeelee soll es heißen. Ein schöner Name! Neevee ist sich ganz sicher, dass es ein Mädchen wird. Doch ich weiß: es wird ein Junge. Er wird nach mir benannt werden. Jgjugarjuk! Dabei wünschte auch ich mir, dass es ein Mädchen würde! Mädchen verfallen nicht so leicht dem Alkohol. Hoffentlich wird mein Sohn kein Säufer wie ich.
Als sie mich gefunden haben, lag ich im Wasser. Nein, das stimmt nicht ganz. Ich hatte im Wasser gelegen. Eine Welle muss mich auf eine Eisscholle gehoben haben. Oder hatte ich es noch aus eigener Kraft geschafft, mich auf die Eisscholle zu ziehen? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war mein Körper vollkommen steif gefroren, als sie mich fanden. Unverletzt, aber vollkommen steifgefroren.
Ich war mit dem Kajak unterwegs, als ich ins Wasser fiel. Ob es ein schöner Tag war, weiß ich nicht. Denn es war Nacht. Den ganzen Tag über war Nacht. Die Eisschollen hoben sich blass von der blauen Polarnacht ab und ich paddelte mein Kajak durch die engen Kanäle zwischen den Eisschollen. Es war ein windstiller Tag und ausser dem sanften Einstechen meines Paddels in das eisige Wasser, war kein Geräusch zu hören. Ab und zu wurde die Stille vom Krachen der aufeinander geschobenen Eisschollen durchbrochen. Das brachte mich auf die Idee: Wenn ich mich hier ins Wasser fallen lassen würde, sähe es aus wie ein Unfall. Die Leute würden glauben, die Eisschollen hätten mein Kajak zum Kentern gebracht. Also beugte ich mich weit über den Rand meines Kajaks hinaus und ließ mich fallen. Es war nicht schwer, mich fallen zu lassen, denn ich war ein verlorener Mensch. Säufer sind verlorene Menschen.
Als ich in das eiskalte Wasser eintauchte, wurden alle meine Sinne hellwach. Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor so wach gewesen zu sein. Mein ganzes Leben zog in Windeseile an mir vorbei und ich sah, hörte, fühlte, roch und schmeckte alles, was in meinem kurzen Leben passiert war. Dafür, dass ich am Ende der Welt lebte, war das eine ganze Menge. Und es war nicht immer schön. Ich weiß nicht mehr, wie lange dieser Film in meinem Kopf lief, doch ich bin sicher, er war vollständig und dauerte nur kurze Zeit. Dann spürte ich einen kurzen, stechenden Schmerz, den die eisige Kälte in meinen Körper trieb und fühlte, wie ich diesen verließ.
Neevee glaubt, ich hätte mich absichtlich ins Wasser fallen lassen. Und sie hat recht, ich habe es tatsächlich absichtlich getan! Es sollte wie ein Unfall aussehen, doch in Wirklichkeit war es Absicht. Es gibt zwei Gründe, weshalb ich mich ins Wasser fallen ließ. Zum einen wollte ich nicht, dass mein Kind das Beispiel seines Vaters sieht und ebenfalls zum Säufer wird (damals wusste ich noch nicht, dass es ein Sohn wird). Der andere Grund war Neevee. Ich liebte sie, doch wenn ich betrunken war, passierte es immer wieder, dass ich sie schlug. Und das konnte ich nicht ertragen. Ich konnte es nicht ertragen, wie sie mich mit ihren traurigen, vorwurfsvollen Augen anblickte, wenn ich wieder soweit nüchtern war, dass ich das wahrnehmen konnte. Neevee hat keine Schläge verdient. Niemand hat das verdient. Und ich wusste, ich würde den Alkohol niemals besiegen. Deshalb habe ich mich aus dem Kajak fallen lassen. Neevee und dem Kind zuliebe. Vielleicht vermißt mich Neevee manchmal, doch ich glaube nicht, dass sie wirklich trauert. Trauer habe ich nicht verdient.
Inzwischen frage ich mich, ob es richtig war, was ich getan habe. Denn nun wird mein Sohn ohne Vater aufwachsen. Und Neevee muss sich ohne Mann durchs Leben schlagen. Sie ist doch noch nicht mal sechzehn und wird schon bald Mutter sein. Vielleicht hätte ich mich besser zusammen reißen müssen, irgendwie hätte ich doch den Alkohol besiegen müssen. Aber das ist nicht so einfach, hier oben am Ende der Welt mit den endlos langen Nächten. Doch ich wäre es ihnen schuldig gewesen, Neevee und meinem Sohn!
(P.S.: Wer diesen Text gelesen hat, soll bitte auch den Text 6483 von Fledermaus lesen. Ich war davon so fasziniert, dass ich diese Geschichte schreiben musste. Ich hoffe, Du kannst mir das nachsehen, Fledermaus?)
Meine Geschichte über Igjugarjuk soll keine Rechtfertigung für sein Verhalten sein. Er rechtfertigt nicht, er erklärt. Für alles gibt es eine Erklärung. Und genauso wenig, wie es nur schwarz und weiß gibt, gibt es nur gut und böse. Jeder Mensch hat seine guten und schlechten Seiten, manche mehr und manche weniger. Ich versuche immer, mich in Charaktere hinein zu versetzen. Natürlich ist das bei Alkoholikern nicht so leicht, zumindest wenn ich selbst dieses Problem nicht habe. Doch ich beobachte immer die Menschen um mich her und ich weiß, dass es Alkoholiker gibt, die ihre Frau oder ihre Kinder schlagen und denen es hinterher leid tut, wenn sie wieder "klar" sehen. Und sie schämen sich oft nicht nur dafür, sie hassen sich sogar dafür. Und doch fallen sie immer wieder in den alten Kreislauf zurück. Leider hilft das den Opfern nichts. Neevee ist eine Geschichte, die weiter gesponnen werden kann, auf diese oder auf eine andere Art.
Schön erzählt. Aber mit dem Inhalt bin ich nicht so ganz glücklich. Sieht so aus, als wolltest du eine Rechtfertigung schreiben, weil dir die "Aburteilung" durch "Neevee" nicht gepasst hat, dass sie auf den Kindesvater verzichten kann. Da fragt man sich doch warum? Spannend finde ich schon, dass du diesen Mann-Frau-Konflikt hier weiterspinnst, aber meine Sympathien liegen auch eher bei Neevee. Von daher wird es auch beim Mädchen bleiben!
Das ist schon ganz schön mutig, so eine einzigartige Geschichte weiterzuspinnen. Irgendwie finde ich es auch ein bisschen schade. Es liegt eine Wertung zwischen den Zeilen, die mich befremdet. Ich habe das Gefühl, Fledermaus hat ganz andere Charaktere geschaffen und die sind mir irgendwie lieber. Sorry
Also ich würde es als großes Kompliment ansehen, wenn ich mit meinem Text jemanden dazu inspiriere diesen weiterzuspinnen. Und ich gebe dir Recht, dass der Beitrag von Fledermaus sehr faszinierend war. Auch mir geistert er immer noch im Kopf herum. Daher habe ich mich über diese Fortsetzung sehr gefreut (auch wenn ich denke, dass Fledermaus Jgjugarjuk weniger positiv dargestellt hätte).
Fledermaus sieht nach. Naja. Ein bißchen. Ich fand einige deiner Sätze sehr schön, den, als er überrascht ist, was für ein guter Mensch er war zum Beispiel. Es hat mir auch gefallen, dass Du aus einem Toten heraus erzählst. Allerdings, wenn Du schon Anleihe bei mir nimmst, hätte ich gerne mehr von Igjugarjuks Innenleben gehört. Texte im Flederblog werden eingestellt, indem man "Neuer Post" (oben rechts) anklickt. :O)
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6808
Hegine aus Armenien
Mein Name ist Hegine Abrahamyan. Ich bin 49 Jahre alt und lebe in Yerevan, der Hauptstadt von Armenien.
Mein Mann ist vor 10 Jahren gestorben. Er war mit seinem Bruder auf Bärenjagd in den Bergen. Da ist er von einer Viper gebissen worden. Ihm konnte nicht mehr rechtzeitig geholfen werden.
Jetzt wohne ich mit Vakhtang, meinem Sohn, und seiner Frau zusammen. Meine Enkeltochter Mane ist gerade 5 Jahre alt geworden. Sie wird bald ein eigenes Zimmer bekommen. Das soll von der Terrasse abgetrennt werden.
Ich teile mein Zimmer mit meiner Schwester Irina. Früher hat sie mit ihrem Mann und Sohn in Wanador gelebt. Aber bei dem schweren Erdbeben am 7. Dezember 1988 ist ihr Mann ums Leben gekommen. Ich werde diesen schrecklichen Tag nie vergessen. Damals starben 25000 Menschen und bis heute leiden wir noch an den Folgen. Meine Schwester hatte alles verloren und sie war sehr verzweifelt. Für mich war klar, dass sie bei uns wohnen kann.
Gregor, ihr Sohn, ist mittlerweile 23 Jahre alt. Er hat das kleine Zimmer am Ende des Flurs. Seit er in der Schuhfabrik arbeitet, ist er den Tag über weg und abends auch oft, denn er arbeitet noch als Busfahrer.
Wenn er am Wochenende da ist, gibt es manchmal Streit zwischen ihm und seiner Mutter. Ich verstehe mich aber gut mit ihm. Er erzählt uns immer die neuesten Witze. Letztens fragte er mich:"Tante Hegine, weißt du, was der Unterschied zwischen einem Armenier und einem Juden ist?" Die Antwort war:"Nichts. Beide sind Opfer und gehören in die Hölle." Ich mußte lachen, aber meine Schwester schimpfte ihn aus.
Unsere Wohnung ist also ein wenig eng, aber wir haben eine große Terrasse. Im Sommer bekommen wir eine Menge Aprikosen von meinem Bruder. Er wohnt in Etschmiadzin und hat viele Aprikosenbäume. Die Aprikosen trocknen wir dann auf der Terrasse.
Morgen, am 21. September, ist unser Nationalfeiertag. Wir werden ein großes Festessen machen, mit der ganzen Familie. Irina und ich waren schon früh auf dem Markt und haben eingekauft. Es wird Dolma (gefüllte Weinblätter), Tzhvzhik (geschmortes Rinderherz und Rinderleber)und Blinchik (geräucherter Käse) geben, Matson (Jogurth), Ishliqufta (Pastete) und zum Nachtisch Alani (kandierter Pfirsich mit Nüssen).
Mane freut sich schon, dass sie uns in der Küche helfen darf. Sie ist schon recht geschickt und natürlich darf sie zwischendurch auch naschen.
Für die Männer haben wir Kotayk gekauft, das ist das Bier, was sie am liebsten trinken.
Ich freue mich sehr auf morgen, weil wir dann alle beisammen sind.
Nachmittags werden wir zu den Kaskaden fahren. Von dort kann man den 5100m hohen Berg Ararat sehen. Mane kommt zum ersten Mal mit. Dann werde ich ihr die Geschichte von der Arche erzählen. Das habe ich schon oft getan, aber diesmal kann sie den Berg auch sehen, wo Noah gelandet ist.
Obwohl es in Armenien viele politische Schwierigkeiten gibt und wir schon viel Leid erlebt haben, lebe ich gerne hier, denn hier ist meine Familie, die ich liebe.
Hat mir gut gefallen! Du bringst viele Informationen unter und schilderst überzeugend eine Frau und Mutter, die in ihre Familie eingebunden ist und die Härten ihres Lebens für selbstverständlich nimmt. Ich nehme ihr ab, dass sie sich "sehr auf morgen freut" und glaube, dass es sie genau so geben könnte in Armenien. Gut gemacht!
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6804
Ehrensache
Oberhalb der Straße, die am südlichen Fuß des Monte Castellaccio Richtung Bellolampe und weiter nach Montelepre führt, halten wir an. Wenige Kilometer außerhalb Palermos windet sich die Straße in Serbendienen den Berg hinauf, für unser Vorhaben ideales Gelände.
Wir steigen aus meinem Jeep Grand Cherokee. Ich inhaliere tief den letzten Zug meiner Zigarette und trete den Stummel in den Kies, bevor ich mich am Kofferraum zu schaffen mache und die Ausrüstung herräume. Ich hörte die Steine unter Giammonas Schritten knirschen, während er hin und her schreitend in sein Handy spricht. Ich fixiere das Fernrohr in einer Spalte des Felsvorsprungs und blicke hindurch. In der Ferne des Horizonts, in einen Dunstschleier gehüllt, verschmelzen Himmel und Wasser scheinbar übergangslos zu einer blauen Einheit. Der Anblick hat etwas Unendliches, Beruhigendes. Balsam für mein Gemüt. Ich richte das Fernrohr auf das Hafengelände. Sehe, wie große, schmutzigweiße Kräne die Bäuche der Ozeanriesen entladen und befüllen. Geschäftiges Treiben, wie jeden Tag. Die Möwen ziehen in kreischenden Schwärmen über die Köpfe der Hafenarbeiter hinweg und schwirren um Schiffsmasten. Ein ganz normaler Tag. Ein Tag wie jeder andere.
Giammona hat sein Gespräch beendet und steckt das Handy weg. Er fischt eine Zigarettenschachtel aus der Innentasche seines Sakkos und hält sie mir hin. Ich schüttle den Kopf.
„Lass mich mal ran“, sagt er.
Mit einem Ratsch kratzt der Schwefelkopf des Zündholzes über die Reibfläche. Die Flamme faucht auf und Giammona entzündet seine Zigarette mit einem geräuschvollen Zug. Ich richte das Fernrohr auf die Kreuzung der Via Michelangelo, die am Ortsanfang von Borgo Nuovo in die Via Leonardo da Vinci mündet. Von dort müssen wir sie kommen sehen. Ich mach ihm hinter dem Fernrohr Platz und öffne den schwarzen Koffer. Wir sprechen kein Wort.
Meine Gedanken schweiften weit in die Vergangenheit ab. Aber Sentimentalität kann sich einer wie ich nicht leisten. Ich habe geschworen, bei meiner Ehre und meinem Leben, unserer Sache treu ergeben zu sein. Ich stach mir mit der Nadel in den Finger, strich mein Blut auf ein Heiligenbild und verbrannte es. Die Bosse aller führenden Familien waren anwesend, als ich meinen Eid leistete: „ So wie mein Blut und dieses Bild in Asche verbunden sind, und nie wieder in ihren urtümlichen Zustand zurückkehren können, so bin auch ich mit unserer Sache verbunden, es gibt kein Zurück. Ich gelobe Gehorsam, Demut und Verschwiegenheit im Sinne unserer Gemeinschaft.“
Man nennt mich „ferocecristo“. Ein Name, den ich mir durch erbarmungslose Bereitschaft verdient habe. Es ist simpel: Alles wird auf höchster Ebene besprochen. Ein Ehrenmann stellt niemals seine Befehle in Frage, und er zögert nicht, sie auszuführen. Meine Loyalität gehört der Familie, und sie ist über die Interessen meiner Angehörigen zu stellen. Ich handle ehrenhaft. Manchmal verlangen es die Umstände eben, eine besondere Prüfung zu bestehen.
Die Sonne sticht vom Himmel und trotz der staubigen Hitze und meines dunkeln Anzugs, friere ich. Ich überprüfe die Kontakte, die Schaltung, den Zünder. Alles bereit. Ich schau auf die Uhr. Die Minuten kriechen im Takt von Stunden dahin. Da sehe ich einen Konvoi von fünf Wagen die Via Leonardo hochkommen. Ich schnappe das Fernrohr um mich zu vergewissern. Die ersten beiden Wägen sind zwei Mercedes Benz S Class, in der Mitte der schwarzglänzende Black Lincoln Town, flankiert von einem Crysler 300C und einem Rover. Sie sind es.
Giammona entreißt mir das Fernrohr. „Vai!“ – los, ruft er.
Der Konvoi schießt mit unglaublicher Geschwindigkeit die Via Castellana hoch, um dann kurz vor der ersten Kehre das Tempo zu drosseln. Seltsam bedächtig setzen sie ihre Fahrt fort. Als ob sie die Gefahr spürten.
„Vai!“, drängt Giammona. „Vai!“
Mein Finger schwebt wenige Millimeter über dem Zündknopf. Nur noch ein paar Meter. Giammona flucht. Jetzt! Ich drücke den Knopf. Eine unendliche Sekunde lang herrscht absolute Stille. Dann sehe ich in der gewaltigen Detonation die Trümmer der Wagen in alle Richtungen fliegen. Ich schließe den Koffer, verstaue ihn und das Fernrohr im Kofferraum, sammle die Zigarettenstummel ein und werfe sie gedankenlos ins Wageninnere. Die Reifen meines Jeeps drehen am Schotter durch, so schnell schießen wir auf die Straße nach Montelepre und davon.
Mein Name ist Angelo „ ferocecristo“ Pappalardo. Mein Bruder Salvatore Pappalardo, der Staatsanwalt, mitsamt seinem Stab ist soeben in die Luft geflogen. Ich bin ein Mafioso, befehligt, die Interessen unserer Sache durchzusetzen und ungestraft davonzukommen.
Danke für Eure Einträge. Lob baut unglaublich auf und Kritik hilft, besser zu werden. Um das Denken und Handeln meiner Figuren zu skizzieren habe ich ein Buch gelesen, das zu diesem Thema als Standardwerk gehandelt wird. Das Setting habe ich sorgfältig recherchiert (google earth und via michelin) um einen geeigneten Platz für den Anschlag zu finden. Meine Figuren sind fiktiv und ich kann wirklich nicht sagen, wie emotional abgebrüht die Kerle tatsächlich sind. Aber dass Taten dieses Ausmaßes als business as usual behandelt werden, konnte ich in diesem Buch gut nachlesen. Ich habe mich schon auch aus diesem Grund an dieses Thema herangewagt, da es denkbar weit weg von dem ist, was unsereins unter Ehre und Loyalität versteht.
Wenn die lateinischen Schlangen namens Serpens in den sich schlängelnden Serpentinen den Serben dienen, ist es verwunderlich, in Italien zu sein.
Eine gute Geschichte - die wenigen Worte zwischen den beiden untermauern die Spannung. Nur einmal wird deutlich, dass Angelo wohl doch nicht so gefühlskalt ist "er friert, trotz seines dunklen Anzuges". Die von Ginko erwähnte Ganovensprache, würde deine Geschichte bestimmt noch authentischer wirken lassen.
Coole Idee, aber wirkt auf mich unecht, tutta la storia. Kann mir auch nicht vorstellen, dass die da unten in Palermo "Vai" sagen für "mach schon"...
Die Serpentinen sind wohl absichtlich weich und lang ausgesprochen, um die Herkunft des Erzählers anzudeuten, der als "wilder Teufel" mit Grammatik auch nicht viel am Hut hat. Hier hätte erkennbare Ganovensprache verstärkend gewirkt. Wie angenehm für Angelo, dass er befehligt ist, ungestraft davonzukommen!
Ich finde, der Handlungsablauf mit all den Details ist dir sehr gut gelungen. Die Ortsbeschreibung mit den wunderbaren italienischen Namen nötigt mir Respekt ab, gut recherchiert oder gut erfunden, es klingt wirklich, als ob du schon da gewesen wärst oder dich eben monatelang auf den geplanten Anschlag vorbereitet hättest. Ein paar Fehler haben sich eingeschlichen (Serpentinen, 'schreitend' passt nicht, die Ausrüstung 'herausräume'), und manches finde ich abgedroschen, z.B. "Balsam für mein Gemüt". Aber vielleicht denkt dein Angelo ja in Klischees, könnte passen bei seinem blinden Gehorsam. Ich finde ihn überzeugend, die Stelle mit "vai" fand ich ganz toll, für einen Moment war ich stolz und erleichtert, dass er so präzise arbeitet und der Anschlag gelingt. Also: schwierige Aufgabe, gut gemeistert!
Ich finde deine Geschichte sehr spannend. Dein beschriebener Aufnahmeritus in die 'Familie' kommt glaubwürdig rüber. Ein echter Männertext, was sich auch in der Aufzählung der Automarken bemerkbar macht. Fand ich interessant, da ich als Frau nur von Wagen/Auto gesprochen hätte; werde diesem (für Männer wichtigen) Beiwerk ab sofort mehr Aufmerksamkeit in meinen eigenen Texten zukommen lassen. ;-)
Hat der Schweinehund seinen eigenen Bruder ermordet! Ich hab die Szene gut sehen können, fühle mich aber nicht in der Lage zu beurteilen, ob so ein Bastard tatsächlich sich alles so locker schönredet. LG Lillilu
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