140 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 11 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 11 mit Übungsaufgabe

11.03.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 17.03.2008 von johanna kurschus
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6791

Mama, wo ist das Paradies?

In einer kleinen Stadt war Laura und ihre Mutter Lena zu Hause. Am Ende einer ruhigen Strasse war das Haus. An den Wände wuchs wilder Wein empor und in dem Garten vor dem Haus blühten die schönsten Blumen. Der Himmel war blau, keine Wolke war zu sehen und die Sonne schien.
Lena war verzweifelt, wie sollte sie alleine mit dem Leid fertig werden? Ihre Tochter Laura war schwer krank, sie hatte Krebs und hatte nur noch einige Monate zu leben.
Mama komm, erzähle mir, eine Geschichte und wo ist das Paradies? Hatte Laura gefragt.
Ich setzte mich an ihr Bett, nahm Lauras Hand und sagte:
Ja ich erzähle dir meine Geschichte, von Lena.
Du warst noch nicht auf der Welt und Lena hatte Urlaub. In München war es kalt und es regnete wochenlang. Die Sonne hat sich genauso lange versteckt. Lena dachte, das wird ein trauriger Urlaub, bei diesem Regen. Kurz entschlossen ging sie in ein Reisebüro, blätterte in Reiseprospekten, sie suchte nach einem Paradies, in dem es warm war und die Sonne immer schien. Als sie die Bilder von Mauritius sah, das ist es, und buchte diese Reise. Die Fluggesellschaft Air Mauritius flog einmal die Woche nonstop ab Frankfurt, München, Wien, Zürich mit Zwischenstopp in München in elf Stunden nach Mauritius.
Zwei Tage später war Lena am Airport. Sie stieg in das Flugzeug und bekam einen Fensterplatz. Vor Aufregung war ihr flau im Magen, sie war noch nie geflogen. Ein hübsches, junges Mädchen erklärte den Passagieren was man bei Notfällen machen soll und das man sich beim Start anschnallt. Der Flieger startete, stieg höher und höher, bis wir über den Wolken waren. Der Blick aus dem Fenster war überwältigend. Über den Wolken das unendliche Blau, unter ihnen das Weiß der Wolken, die Sonne strahlte mit voller Kraft. Lena war glücklich. Sie flogen in Richtung Ägypten, über das Nildelta, an der Afrikanischen Ostküste entlang und überflogen Madagaskar. Endlich landeten alle auf dem Airport in Port Louis. Lena stieg aus dem Flieger und war im Paradies. Die Touristen holten das Gepäck vom Band. Männer hielten Tafeln mit dem Namen der Hotels in den Händen und die Touristen verteilten sich zum Namen des Hotels, das gebucht wurde.
Da stand er! Schön wie ein griechischer Gott. Groß, schlank, seine dunklen Augen strahlten, sein Zähne waren ebenmäßig und schneeweiß und er lächelte sie an. Seine Haut war kaffeebraun und sah aus wie Samt. Vom ersten Augenblick hatte sie ihn geliebt.
Madam, ich heiße Leon und bringe sie in das Hotel.
Er nahm Lenas Koffer und Taschen und sie folgte ihm wie in Trance zum Auto. Das Hotel stand in einem Park, der bis zum Indischen Ozean reichte. Die Luft roch betörend. Jeder Baum und Strauch war mit Blüten bedeckt, in allen Farben blühten Blumen, die es in Deutschland nur in Blumengeschäften gibt und die Palmen rauschten im Sommerwind. So ist es im Paradies, dachte Lena.
Wie ein Blitz traf es Leon, als er Lena sah. Er suchte ihre Nähe. So oft es ging, traf er sich mit ihr und eine Heiße stürmische Liebe begann.
Er bekam Urlaub und zeigte Lena die Insel. Lena mietete ein Auto. Sie fuhren nach Pampleousses, spazierten durch den Botanischen Garten zu den Aldabra-Schildkröten. Sie bewunderten den Seerosenteich der Victoria regia deren Blätter Wagenradgröße erreichen und stark genug sind , ein kleines Kind zu tragen
In den Gorges-de-la-Riviere-Noire Nationalpark zu den Kraterseen, sahen die in Regenfarbenleuchtende Lava.
Lagen am Meer im warmen Sand und schauten den Touristen beim fischen zu. Sie hatten Glück, als ein Fischer einen Marline, der Hundertfünfzig Pfund wog an der Angel hatte. Es war ein harter Kampf, der Fisch kämpfte um sein Leben. Erst als Hilfe kam, gelang es den Männern ihn aus dem Meer zu ziehen.
Beide schnorchelten in der Lagune und spielten mit den bunten Fischen, die ihre Farbenpracht zeigten.
Sie besichtigten Kirchen, Tempel. Moscheen, es lebten in Mauritius Christen Moslems Hindus, Naturreligionen und andere Gruppen in Frieden und Freundschaft zusammen, so könnte es im Paradies sein.
Ihre Liebe war unendlich. Jeden Abend trafen sie sich am Strand beim Meer. Eng umschlungen saßen sie am Strand und sahen der Sonne zu, wie sie im Meer versank, der Mond aus dem Meer auftauchte und das Wasser in Silber verzauberte. Die Sterne funkelten am Himmel, ab und zu zog ein Licht langsam von Horizont zu Horizont. Sie liebten sich, bis sie erschöpft in den Sand fielen und gegen Morgen fest schliefen.
Jeder Urlaub hat ein Ende. Sie schworen sich ewige Treue. Sie wollten Briefe schreiben und Leon wollte Lena in Deutschland besuchen. Tränenreich war der Abschied. Lena saß im Flieger wieder am Fenster. Schnell verschwand die Insel in der Ferne.
Lena weinte bis sie nach München kam.

Die Monate vergingen. Lena schrieb Briefe, aber es kam keine Antwort.
Leon hatte sie vergessen.
Nach neun Monaten kamst du zur Welt, mein Liebling.
Lena sah ihre Tochter an. Sie lag da, ihr Gesicht war entspannt und sie lächelte, aber ihre Hand war kalt.
Weinend sagte ihre Mutter, Laura hat ihr Paradies gefunden und ist gegangen,


Kommentar von Alayna

Hallo, wenn Kinder in den Regenbogen gehen das ist immer erschütternd. Wahrscheinlich lieben wir die bunten Farben deshalb. LG Alayna

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Johanna, eine gute Idee für die eigentliche Geschichte von Lenas Liebe die Rahmenhandlung mit ihrer Tochter zu wählen. So hast du quasi ein kleines Theaterstück über Liebe und Tod in drei Akten. Aber dein Text sollte noch einen Feinschliff bekommen. „Laura und ihre Mutter Lena waren in einer kleinen Stadt zu hause. Ihr Haus stand am Ende einer ruhigen Strasse. An der Fassade wuchs wilder Wein und im Vorgarten Rosen und Lavendel“. Statt „Blumen“ zu sagen ist es besser diese zu benennen, weil man sie sich dann vorstellen kann. Ich finde es dynamischer mit den Protagonisten (Laura und Lena) zu beginnen, als mit „In einer kleinen Stadt“. „Wilder Wein“ wächst immer nach oben, also kann man das Wort „empor“ streichen. Lieber „Fassade“ als „Wände“. Jetzt ist die Idylle vollständig dargestellt und den Satz über den blauen Himmel etc. könntest du rausnehmen und wenn du das nicht möchtest solltest du ihn auf jeden Fall kürzen, denn „blauer Himmel“, „keine Wolke“ und „die Sonne schien“ sagt alles ein und dasselbe aus. Der Satz „Lena war verzweifelt..“ kommt nun unerwartet. Es sollte vielleicht ein „aber“ oder ähnliches eingefügt werden. „Aber Lena war verzweifelt...“ Auf jeden Fall muss hier ein Absatz hin! „.....sie hatte Krebs und hatte nur noch einige Monate zu leben.“ Denk daran, dass Laura am Ende dieser Geschichte tot sein wird. Das sind keine „Monate“. Vielleicht „hatte nicht mehr lange zu leben“? „Mama komm, erzähle mir eine Geschichte und wo ist das Paradies? Hatte Laura gefragt. „ Diesen Satz würde ich umdrehen: „Mama, wo ist das Paradies? Erzähl mir doch eine Geschichte!“ Jetzt kommt der Sprung in der Erzählerperspektive: von der 3. Person zur 1.! Aber warum nicht? Finde ich mutig. „Ich setzte mich an ihr Bett, nahm ihre Hand und fing an. (meine gekürzte Version) Du warst noch nicht auf der Welt und ich (nicht Lena!) hatte Urlaub.“etc...... Jetzt gibt es die Möglichkeit, dass du immer mit „ich“ fortfährst oder aber du beginnst die eigentliche Geschichte so: „Ja, ich erzähle dir jetzt die Geschichte über Lena“ und dann ist es weiterhin die 3. Person. Dann darf auch nicht mittendrin, im Flugzeug, „..bis WIR über den Wolken waren“ stehen. Am Ende könntest du dann sagen „Nach neun Monaten kamst du zur Welt, mein Liebling, denn dies war meine eigene Geschichte.“ Ich hoffe, ich habe dich jetzt nicht mit meinem Kommentar zugeschüttet. LG Lillilu

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Den Perspektivwechsel zu Anfang finde ich verwirrend. Erst sind es Lena und Laura, dann die Mutter, dann "Ich". Für die Aufgabenstellung bedarf es dieser Rahmenhandlung nicht. Es wäre meiner Ansicht nach besser gewesen, Mauritius aus der Perspektive von Leon zu beschreiben.

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 17.03.2008 von Sonja Be.
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6773

"A loucura e´ breve, longo e´ o arrependimento."
- Kurz ist der Wahnsinn, lang die Reue.
(Brasilianisches Sprichwort)

Willkommen, Fremder. Hier geht's durch die Pallisade, hinein in unser geheimes Dorf.
Kommen Sie. Ich sehe nur schnell nach den Steinen, die dort im Feuer liegen. Das Erdloch ist gegraben und mit den Blättern der Banane ausgelegt - bereit für die heißen Steine und den Fang der letzte Jagd, um den ich die Ahnen bat. Gestern aß ich Tatu, das Gürteltier. Und heute ... nun, wir werden sehen. Die Sammler und Jäger sind noch unterwegs. Doch die Rückkehr meines Volkes naht.
Sie fragen, wer ich bin? Und wieso eine Wilde im tiefsten Dschungel Portugiesisch spricht? Aber das ist doch die Sprache unseres Landes, die ich erlernte, als ich ...
Ja, das ist eine lange Geschichte, die auch vieles erklärt. Kommen Sie, im Rundhaus können Sie in der Hängematte ruhen, während ich erzähl. Aber bitte, machen Sie es sich doch bequem.
Hier, trinken Sie, aus dieser Schale. Was das ist? Ach, dieser Trank löscht auf jeden Fall den Durst. Er schmeckt süßlich und auch bitter, stimmt's? Ich braute ihn, wie es schon meine Urahnen taten, aus der Wurzel einer magischen Pflanze, die nicht nur Wunden heilt, sondern auch ... Ob ich eine Yanomami bin? Nein. Ich bin anders. Ich bin ...
Doch bevor ich weiter erzähle - hier, essen Sie von der Papaya. Oder möchten Sie lieber Bananen? Sie sind doch hungrig herumgeirrt. Das letzte was sie aßen, war der tote Tucano, den Sie gestern fanden. Woher ich das weiß? Der Dschungel erzählt so viel ...
Nun will auch ich erzählen, wer ich bin. Und wer ich war. Mit mir ist es wie mit dem großen Amassumu`, den man auch Amazonas nennt. Seine Arme sind viele und sie reichen weit. Wer ihn mit Boot oder Schiff bereist, wird sehen, er ist nirgendwo gleich. Er trennt und verbindet, schenkt Leben und Tod, seine Farben wechseln - seine Wasser sind manchmal klar und hell, aber noch öfter gelb und natürlich auch rot, braun und schwarz.
Wie auch ich. Die Ahnen meiner Mutter sind nicht nur Tupis, sondern auch Gurani und Ges. Ich sehe ihr sehr ähnlich. Auch hat sie mich viel gelehrt. Sprachen und Bräuche. Geheimes Wissen - auch das der Yanomami, die sie entführten, bevor sie meinen Vater traf. Mein Vater war ein Pardo, sein Vater war weiß. Doch im Blut seiner Mutter vereinten sich die Geister mehrerer Völker, afrikanische Sklaven waren auch dabei. Mit diesem Erbe schickte mich mein Vater zur Schule. Um ein besseres Leben zu führen - als er.
Ja, ich habe viel gelernt. Nicht nur Lesen und Schreiben, damals in der großen Stadt. Ich sah auch die Macht von Armut und Reichtum. Sah die Macht des Trankes, in dem sie ihr Elend ertränkten, ihren Verstand verloren ... Wie mein Vater es tat, als meine Mutter dem Ruf ihrer Ahnen folgte, während sie meinen Bruder gebar - ihn nahm sie gleich mit. Und ...
Hier, nehmen Sie. Essen Sie von den Kaschunüssen und trinken Sie. Lange irrten Sie allein durch den Dschungel, nachdem Ihr Begleiter am Biß der Schlange starb. Woher ich das weiß? Der Dschungle erzählt so viel ...
Soll ich erzählen, was dann geschah? Ja? Nun gut. Mein Vater trank und spielte. Er verspielte auch mich. Der Mann, der mich gewann, nahm mich gerne. Anfangs nannte er mich Beleza, Schönheit. Später schlug er wortlos zu. Das Leben an seiner Seite war nicht leicht. Er meinte, für eine Indianerin sei es gut genug. So sah er mich. Ich versuchte ihm eine gute Frau zu sein. Ich arbeitete hart.
Ohne zu wissen, was ich tat. Ich half bei der Suche nach Gold, Silber, Zinn und mehr. Wir vergifteten das Wasser und die Menschen, die es tranken. Ich half bei der Rodung des Waldes, um Zuckerrohrplantagen zu vergrößern und mit ihnen das Leid der versklavten Arbeiter dort. Selbst beim Bau der Rodivia, der langen Straße, half ich mit. Um noch weiter vorzudringen, Kautschuk zu sammeln und alte Bäume zu fällen. Sie verkauften sich gut.
Mit diesen Händen half ich das Land meiner Ahnen zu zerstören.
Sie fragen, was sind schon zwei Hände? Nun, von ihnen gab es viele, auch solche, die große Maschinen bedienten. Und so zerstörten wir gierig, was uns seit ewigen Zeiten mit Nahrung und Leben versorgt.
Wir hörten zwar das Fauchen des Jaguars, das Kreischen der Affen, die Schreie der Vögel, bevor sie starben oder flohen. Aber die Stimmen unserer Ahnen überhörten wir. Und ...
Was sagen Sie? Sie hören einen seltsamen Schrei? Er macht Ihnen Angst? Ganz ruhig - es ist nur der Ruf des Hoatzin. Es ist der Ruf dieses großen Vogels, der mit den roten Augen und dem nackten, blauen Gesicht. Sie sahen ihn, als Sie die Ausrüstung und das Boot verloren. Woher ich das weiß? Der Dschungle erzählt so viel ...
Die Rufe meiner Ahnen klangen anders. Doch ich wollte sie nicht hören. Darum bestraften sie mich schwer. Sie nahmen mir fünf meiner Kinder - nur kurz durfte ich mich an ihnen erfreuen.
Erst als ich ein sechstes Mal Leben in mir spürte, horchte ich auf.
Ich bat um Vergebung und das Leben meiner Tochter, die ich im Dschungel verborgen bekam. Ja, ich verließ den Mann, der mich nicht liebte. Und die Orte meiner Sünden. Ich lief hinein in die Tiefen des Dschungels - und in das Leben, das meine Mutter mich lehrte. So wie es ihren Ahnen gefällt.
Sie fragen, ob meine Tochter überlebte? Ja. Die Ahnen vergaben mir.
Nun lebe ich schon lange, hier, in meinem Dorf. Zusammen mit denen, die mich fanden. Wir leben nach uralten Bräuchen, wie sie die Tupis schon kannten. Ja, es ist sehr lange her.
Nun nennt man mich die alte Mutter, die Hüterin des geheimen Dorfes. Die Ahnen sind zufrieden, ich bin es auch. Es sei denn, dass man uns stört ...
Ja, auch ich höre den Ruf des Hoatzin. Es sind die Sammler und Jäger, sie kehren zurück. Sie waren es, die Sie zu mir führten.
Sie sagen, Sie haben sie nicht gesehen? Doch, doch, sie waren immer in Ihrer Nähe. Sie legten den Tucano auf den Weg. Auch ein paar Früchte und die gefüllten Blätter, deren Wasser Sie tranken.
So will es das Gesetz des Dschungels. Nichts geht verloren, alles wird aufgenommen - in den Kreislauf von Leben und Tod.
Sie sagen, Sie sind müde? Ja, ich weiß. Es ist der Trank der Ahnen, der Sie nun ruhig einschlafen lässt.
Ich höre die Rufe - die Steine sind heiß!


Kommentar von Metta Maiwald

Dies Kapitel ist ja schon lange abgeschlossen, aber ich hatte diesen Beitrag immer noch im Hinterkopf. Kennst Du "Küsschen, Küsschen" von Roald Dahl? Der schreibt auch so hintergründig: Ich denke gerade an eine Geschichte, wo ein junger Mann ein Zimmer zur Untermiete suchte. Seine Vermieterin berichtete von den vorherigen Gästen. Nein, sie wären nicht ausgezogen, und Mr.Smith (oder so) hatte so eine zarte Haut. Plötzlich bemerkte der junge Mann, dass der Dackel, der friedlich zusammengerollt vor dem Kamin lag, ausgestopft war. "Möchten Sie noch eine Tasse Tee?" "Nein danke." Der Tee schmeckte etwas nach Bittermandel, und das mochte er nicht. ;o) Vielleicht macht es Dir Spaß, dieses Buch zu lesen. LG Metta

Eingetragen am: 13.05.2008

Kommentar von Isabel

Liebe Sonja B., das erste was mir bei Dir auffiel, war, dass wir unabhängig voneinander dieselbe Herangehensweise an diese Aufgabe hatten. (Die Protagonisten spricht allein und trotzdem weiß der Leser, dass es noch eine andere Person gibt.) Das fand ich interessant. Wenn auch meine Geschichte in einer sehr viel kälteren Umgebung angesiedelt – und nicht so mystisch ist. Aber ich gebe zu, dass meine Gedanken noch etwas zu bodenständig waren. Um die Ecke herum, dass der/ die andere jetzt in eine andere Seinsebene wechseln soll, habe ich gar nicht denken können. :-) Trotzdem: sprachlich hat mir Dein Text gut gefallen und informativ war er obendrein. L. G. Isabel

Eingetragen am: 23.03.2008

Kommentar von Sonja Be.

Vielen Dank für Euer Feedback. Gerade diese unterschiedlichen Kommentare haben mir gezeigt, was geschieht, wenn man sehr zweideutig schreibt. (Trotz der Fakten, die mir der große Geist WIKIPEDIA verriet.)Liebe Lillilu, Du hast es erkannt: Während die alte Mutter den Fremden mit Worten, Essen und Trinken abfüllte, führte sie anderes im Schilde ... Ich habe absichtlich zwei Geschichten parallel erzählt, ohne zu ahnen, wie unterschiedlich dieses interpretiert werden kann. Mir hat dieser Ausflug in die von mir noch unerforschten Regionen im Dschungel des literarischen Schreibens viel Spaß gemacht. Und mir geht es nicht anders als Euch: Der Weg ins Dorf der Autoren ist weit, aber die Suche lohnt. LG Sonja

Eingetragen am: 21.03.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Sonja, das kann ja wieder ein heiterer Dialog zwischen uns werden! So langsam dämmerts mir - von wegen weise Frau und den von mir eingeklagten ruhigen Erzählfluss; die Gute ist schon ganz wild auf den Touri, den sie nun noch mit Obst voll stopft, damit er besser schmeckt. Ich war mit meinen Gedanken wohl wieder zu bieder. So gesehen ist dein Stil ganz wunderbar, hektisch weil hungrig, quatscht den Touri voll, damit er nichts mitbekommt. Nun bitte nichts mehr ändern! Ist sowieso Blödsinn, wenn man gebeten wird seinen Stil zu ändern. Hauptsache man hat überhaupt einen und auf dich trifft das zu. Frohe Ostern und viele "heisse Steine" mit Häschen und Lämmchen, ohne Langschwein. Lillilu

Eingetragen am: 20.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Hallo Sonja, Langschwein ist die wörtliche Übersetzung des Wortes "Mensch" aus dem Polynesischen. Viele Grüße Carola

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Lillilu

Hallo Sonja, die Rahmenhandlung ist, dass sich ein Mensch im Urwald verirrt, von den Eingeborenen aber beobachtet und beschützt wird (er bekommt Essen hingelegt) und dann, im geheimen Dorf, auf eine weise, alte Frau trifft, die ihm von sich und ihrem Volk erzählt, während sie auf die Rückkehr der Männer warten. Meine Fragen: Warum ist es ein "geheimes" Dorf? Ende des 1. Absatzes: "Die Rückkehr meines Volkes naht." Wieso "meines Volkes?" Es sind doch nur ein paar Männer zum jagen unterwegs. Der Satz hört sich zu bedeutungsschwanger an. Es werden dann zu oft die Ahnen und die Urahnen erwähnt. Dadurch wirkt der Text zu überladen, zu aufgebauscht. Für weise Menschen die ausserhalb unserer Zivilisation leben würde ein ruhiger Erzählfluss gut passen, damit man als Leser fühlt, dass sie in sich ruhen. Auch diese häufigen Fragewiederholungen und Essensgesten nerven etwas. Der Satz "Nichts geht verloren, alles wird aufgenommen in den Kreislauf von Leben und Tod" ist der wünschenswerte Stil, auch "der Ruf des Hoatzins" und "die heissen Steine" gehört dazu. Vielleicht warst du selbst zu unruhig beim Schreiben? Alles Gute, Lillilu

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Sonja Be.

Liebe Carola, Heidrun und Co., Laut meiner Recherchen war das Matriachat bei einigen Urvölkern üblich. Tja, und "die gute Mutter" in meiner Geschichte scheint sehr gastfreundlich zu sein - doch ob der Fremde wirklich in Fantasia erwacht? Es gab schon vor Jahrhunderten bei den Tupis einen Brauch - den man heute Kannibalismus nennt. Aber das Ende der Geschichte ist offen gehalten ... "Die Steine sind heiß!" LG Sonja

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Alayna

Hallo, sehr gut geschrieben. Dies ist nicht mein Land, ich bevorzuge die Weite. Bei dir kam ich ins schwitzen. LG Alayna

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Isabella E.

Mir gefällt sehr gut die Geschichte von der Frau aus dem Dschungel. Man fühlt sich beim lesen als würde Sie einen selbst anschprechen. Auch die Aufgabe ist absolut gelöst so wie verlangt.

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Spannende und streckenweise gut geschriebene Geschichte. Bei all' dem Essen bleibt eigentlich nur die Frage, ob es abends Langschwein gibt (wäre meine Vermutung) ;-) Was mir an der Geschichte negativ auffällt, ist die ganze Ahnen-, Weise-Frau- und Gute-Mutter-Natur-Mystik. Das erscheint mir zu dick aufgetragen, um real zu sein. Zumal in den meisten mir bekannten Berichten über sogenannte Naturvölker nichts über eine besondere Wertschätzung von Frauen berichtet wird; eher vom Gegenteil. Sofern es bei dem, von Dir genannten Stamm anders ist, wäre das natürlich erfreulich. Viele Grüße Carola

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Andrea Merten

Ich finde den Text sehr authentisch. Du hast der Erzählerin eine eigene Stimme gegeben und ohne ablenkende Rahmenhandlung erfährt man als "Fremde" viel über das Leben der südamerikanischen Indianer.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Heidrun

Du beschreibst sehr bildhaft, ich kann mir alles gut vorstellen.Besonders gut gefällt mir die Stelle: "Nichts geht verloren, alles wird aufgenommen in den Kreislauf von Leben und Tod."Es wäre interessant zu wissen, in welches Phantasieland der Besucher, nach dem er eingeschlafen ist, kommt. Grüße: Heidrun

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von uschi
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6745

„Meine Arme schmerzen, ebenso die Schwielen in den Handinnenflächen. So kräfteraubend habe ich mir die Arbeit nicht vorgestellt. Meine Kolleginnen, Gastarbeiterinnen aus Indien und Bangladesh, kommen mit der Anstrengung besser zurecht. Ich bin in Bhutan geboren und aufgewachsen und heiße Tsering Penzom. Hierzulande ist Straßenbau Frauenarbeit und so stehe ich am Straßenrand und schaufle den ganzen Tag Schotter. Alles besser als zuhause auf dem Bauernhof. Nur nicht in der engen Hütte bleiben, mit den Strohmatten und schäbigen Teppichen auf dem festgestampften Lehmboden, der Toilette über dem Stall und ohne Strom. Ich will unbedingt in die Zivilisation. Während also meine Mutter Meto auf den Rapsfeldern arbeitet und mein Vater, Lathu Penzom, mit seinen Ziegen und Yaks in den Bergen ist, arbeite ich hier auf einer Baustelle nahe der Hauptstadt Thimpu.
Es ist Ende September, die sommerlichen Monsunregen sind vorüber und große Teile der Verkehrswege sind unpassierbar. Es gibt viel zu tun. Wir arbeiten auf einer der Hauptverkehrsrouten und die Zeit ist knapp, denn die großen Tempelfeste stehen bevor. In zehn Tagen beginnt bereits das große Tsechus-Fest im Dzong von Thimpu.“
Alle Dzongs im Königreich sind Klosterburg, Tempel und Sitz der Bezirksregierung in einem - auch der Dzong von Thimpu. Somit leben innerhalb seiner Mauern nicht nur die Mönche in ihren roten Kutten, sondern auch Beamte im Kho, dem traditionellen knielangen Wickelrock für Männer. Dazu tragen sie Strümpfe und Halbschuhe. Während des Festes strömt auch das Volk in den Dzong, um die Maskentänze der Mönche zu sehen.
„Sie können sich vorstellen, dass diese Feste ein Anreiz für Touristen sind. Wenn also die Chillipi anrollen, so nennen wir die Ausländer, müssen die Strassen fertig sein.“
Tsering richtet sich auf und stützt sich auf den Stiel der Schaufel. „Mein Rücken fühlt sich an, als würde er gleich entzwei brechen!“ Tsering ist eine hübsche, junge Frau von 19 Jahren, gekleidet in einer bodenlangen bunten Kira. „Nicht gerade praktisch für diese Art von Arbeit“, meint sie, „aber unser König, Jigme Singye Wangchuk, möchte die Tradition erhalten und hat die Kleidervorschriften gesetzlich festgelegt. Frauen tragen die Kira und Männer den Kho. Ich würde lieber Jeans tragen, wie viele in meinem Alter. Manche machen es auch einfach, aber das Straßenbau-Unternehmen ist eine staatliche Einrichtung und hält sich natürlich streng an die Vorschriften.“
Ein Jeep holpert die Straße entlang. Durch das offene Wagenfenster ertönt mit lieblicher Stimme ein heimisches Volkslied. Tsering betrachtet die Insassen des Wagens. „Die zwei jungen Männer auf den Rücksitzen sind Chillipi! Europäer, oder vielleicht doch Amerikaner, würde ich sagen. Der Lenker und der Reiseführer neben ihm sind aber Bhutanesen. Sie unterhalten sich in unserer Landessprache, Dzonka.“
Einer der beiden Chillipi hält ein kleines Päckchen in der rechten Hand und bedeutet Tsering, sie solle es auffangen. Sie denkt zuerst an Zigaretten. Die würden ihr auf dem Schwarzmarkt bis zu 200 Ngultrum einbringen. Sie lässt die Schaufel fallen und greift nach dem Päckchen, das inzwischen zu Boden gefallen ist. Erschrocken hält sie inne.


Kommentar von Angela Thies

Interessiert habe ich deinen Text gelesen. Die Informationen sind sehr vielfältig und sehr gut geschildert. Die Idee aus der Sicht dieser Bauarbeiterin zu schreiben gefällt mir auch sehr gut. Die Dialoge empfinde ich als nicht so natürlich und locker. Ich könnte mir auch eine Beschreibung eines ganzen Tages dieser Frau sehr gut vorstellen. Ist das eine längere Geschichte, weil sie so abrupt endet? Trotzdem ein schöner Text!

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Isabella E.

Und was ist in diesem Päckchen? Jetzt hast Du mich neugierig gemacht ;-) Deine Geschichte ist schön zu lesen aber den Job möchte ich, als Frau, nicht machen. Liebe Grüße, Isabella

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Alayna

Hallo, dieses bunte Land mit all seinen Menschen und Gerüchen. Man spürt es sofort. Das Elend, die Freude, einfach berauschend. Das Ende, wirklich gewollt? LG Alayna

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Numungo

Schön und bildhaft erzählt! Doch was kommt nach dem Schreck?

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von RoseCanyon
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Die Abschiedsworte seines Freundes Ras gingen ihm wieder und wieder durch den Kopf: „Sei Sonntag Abend nach Einbruch der Dunkelheit mit deiner Tochter in der alten Fischhalle von Chacacharacare. Dort werden sie sein. Und vergiss das Lösungswort nicht – sonst knallen sie dich ab wie einen schamlosen Verräter. Wird schon alles gut gehen, alter Junge, …und dann, dann hast du es auch geschafft!“

Die alte Fischhalle kannte nur allzugut. Hier hatte er tagein und tagaus geschuftet: in aller Frühe war er mit Ras und den anderen mit ihren kleinen Bötchen in den Golf von Paria hinausgefahren, um dann gegen Mittag mit mehr oder weniger Fang nach Chacacharacare zurückzukehren. In der Fischhalle wurde der Fisch anschließend von ihnen ausgenommen und für den Transport verpackt.
Mit Wehmut dachte er an die alten Zeiten zurück. Wie glücklich waren sie hier doch gewesen. Und abends saßen sie fast immer gemeinsam am Strand, tranken selbstgebrauten Rum und blickten zufrieden aufs Meer hinaus. Aber das war schon lange her. Lange bevor die Industriebetriebe auf der Insel den Golf von Paria in eine trübe Brühe verwandelten.

Ärger stieg in ihm hoch. Er wurde immer wütend, wenn er zu tief in Erinnerungen schwelgte, denn letztendlich war er es selbst gewesen, der die Familie in den Abgrund gestürzt hatte. Öffentlich konnte er sich dies nicht eingestehen, - dies erlaubte ihm sein Stolz nicht -, aber innerlich hatte er es sich nie verziehen, im Suff seine ganze Existenz verspielt zu haben: sein Boot, seine kleine Hütte und seine hübsche Frau Beti. Nur seine Tochter hatten sie ihm gelassen, weil sie damals noch zu jung war und weil sie humpelte. Ihr zuliebe wollte er es aber nun wagen. Es würde ein Schritt in eine rosige Zukunft werden.

Der Mond hatte sich hinter den Wolken versteckt, als er die Türklinke der rostigen Eingangstür zur Fischhalle hinunter drückte. Mit lautem Quietschen sprang die Tür auf und er betrat zusammen mit seiner Tochter langsam das Dunkel der Halle. Alles war schwarz vor ihren Augen und es herrschte Totenstille. Er umgriff die Hand seiner Tochter fester. Dann rief er hoffnungsvoll in den Raum: „Wir sind da.“ „Wir sind da. Wir sind da“ hallte es aus der Halle zurück, doch es war nicht die ersehnte Stimme des Kontaktmanns, sondern nur das Echo.
Sodann kehrte wieder Stille ein. Es verging eine Minute des Schweigens, dann noch eine. Nichts geschah. Noch einmal rief er in den Raum „wir sind hier“. Dann hörten sie, wie die Hallentür zuschnappte und Schritte auf sie zukamen. Er fühlte, wie die Hand seiner Tochter zwischen seinen Fingern zitterte. Auch ihm wurde nun etwas mulmig zu Mute. Aber Ras schien diese Leute ja zu kennen und Ras war sein bester Freund. Ihm konnte er doch vertrauen.

Ein greller Lichtstrahl aus einer Taschenlampe zwang ihn, die Augen zusammen zu kneifen. Es war ihm nicht möglich, irgendetwas hinter dem Lichtstrahl zu erkennen. Das Licht war einfach zu stark für seine Pupillen.

„Das Lösungswort! Wie lautet das Lösungswort?“, erklang scharf eine raue, tiefe Stimme.
Er schluckte, holte tief Luft und sagte langsam und hochkonzentriert in der englisch-kreolischen Sprache seines Stammes: „Di Brum swiep dong di street.“
„Ok“, scholl es in einem kalten Tonfall zurück. „Sag, wer du bist.“
„Sam Taaki. Und neben mir steht meine Tochter Swiit Taaki. Mein Freund Ras hat mich hierher geschickt. Weil wir doch auch dahin wollen, wo er schon ist.“
„Erzähl mehr über dich.“, unterbrach ihn die Stimme aus dem Dunkeln, „ Wie alt bist du? Wovon lebst du? Was kannst du?“

Nun sprudelte es aus Sam heraus: „Ich bin 39 und war hier in der Bucht Fischer bis mir mein Boot abhanden kam. Seither habe ich keinen Job mehr bekommen. Du weißt ja, wie schwer es hier auf der Insel ist, Arbeit zu finden. Fast jeder den ich kenne ist seit Jahren arbeitslos. Der Fischfang vermag uns nicht mehr zu ernähren und in der Ölindustrie will man uns auch nicht haben. Dabei können wir kräftig anpacken. Als ich klein war, habe ich mit meinem Opa noch auf der Plantage Zuckerrohr geschnitten. Das war harte Arbeit und brachte nicht viel ein, aber wir sind immer wieder dorthin gegangen. Doch dann stellten sie auf Kakao um und sagten uns, wir sollten uns zum Teufel scheren.“, er stöhnte auf, “tja, und heute“, er machte eine kurze Pause und fuhr dann bedächtiger fort“,…heute zieht es mich mehr zum Strand. Dort warte ich auf die Weißen. Die Touristen. Ich bin immer freundlich zu ihnen und biete ihnen meine Dienste an. Wenn sie ein Foto wollen, knipse ich sie mit ihren tollen Kameras. Wenn sie sich nach Ausflügen auf der Insel sehnen, führe ich sie, wohin sie nur wollen. Und meistens ist wenigsten ein Glass Old Oak Rum für mich drin. - Sir, ich mache wirklich alles, was sie wollen.“

„Davon gehen wir aus. Was ist mit deiner Tochter?“, mit diesen Worten ergoss sich der gesamte Lichtstrahl nun über das Gesicht des Mädchens. Sie hatte eine makellose, zartbraune Haut, naturgelocktes schwarzes Haar und dunkelbraune, sinnige Augen. Wenn auch ihr Gesicht im Moment etwas angstverzerrt aussah, so war sie doch durchaus ein attraktives Ding.
„Sie ist mein ein und alles.“, Sam klang nun hörbar erregt. „Meine Tochter ist auch der Grund, warum wir hier sind. Sie soll es einmal besser haben. Und drüben in Amerika lebt es sich doch so gut. Da gibt es alles. Hunger kennen die doch gar nicht. Deshalb will ich mit ihr dorthin. Genauso wie Ras.“
„Woher weißt du soviel über Amerika?“, interessierte sich die Kontaktperson.
„Das weiß hier doch jeder. Schau nur mal in einem Pub Fernsehen. Die Amis leben wie im Paradies. Die wohnen in großen, teuren Häusern, fahren schnelle Autos und können sich alles leisten, was es zu kaufen gibt. Einmal hat mir eine weiße Lady 20 USD gegeben, nur weil ich ihr etwas Gesellschaft geleistet habe. Soviel Geld habe ich sonst nicht mal innerhalb eines Monats in der Hand.“
Hier wurde er abrupt unterbrochen. „Wie viel Geld hast du bei dir?“, die Stimme klang wieder kalt wie zuvor.
„120 T&T $. Mehr besitze ich nicht.“
„120 T&T $ - ist das alles, Mann? Du willst uns wohl verarschen! Junge, glaubst du wirklich, wir bringen dich und dein Töchterchen für läppische 120 T&T $ ins gelobte Land? Was hast du uns noch zu bieten?“, tönte es nun sehr ungehalten aus dem Dunkel.
„…das ist wirklich alles, mehr besitze ich nicht.“, und in all seiner Verzweiflung gestand Sam nun ein, „alles andere, was ich besaß ist fort. So glaub mir doch. Aber ich kann arbeiten. Schwer arbeiten.“

Das Bitten und Betteln schien der Kontaktperson wenig zu gefallen. Harsch fragte sie zurück: „Was ist mit deiner Tochter? Wie alt ist sie?“
„Sie ist gerade 12 geworden. Wenn sie auch seit der Geburt etwas humpelt, so ist sie doch sehr fleißig und arbeitswillig.“
Nun erklang Gelächter von der anderen Seite und Sam erkannte, dass es mehr als eine Kontaktperson sein musste, die sich in der Halle befand. „Willig ist gut“, kicherte jemand und der bisherige Gesprächsführer ergriff wiederum das Wort: „Ok, ok, für 120 T&T $ können wir deine Tochter mitnehmen. Die ist klein und braucht nicht soviel Platz. Aber mehr werden wir nicht für dich tun können. Also, du willigst in den Deal ein, ja?“

Sam wusste nicht wie ihm geschah. Die Frage machte auf ihn absolut nicht den Eindruck, als ob ihm die Männer eine Entscheidung überlassen wollten. Es klang eher nach einem Befehl. Noch bevor er überhaupt etwas sagen konnte, wurde ihm seine Tochter aus der Hand gerissen und verschwand im Dunkeln. Dann fühlte er einen schweren Schlag auf seinem Hinterkopf….


Kommentar von Metta Maiwald

Klasse! Kreolisch ist ja noch bildlicher als Plattdeutsch! Immerhin hat Dein Text mich zu einem Wikipedia-Ausflug angeregt. Danke für Deine Antwort!

Eingetragen am: 24.03.2008

Kommentar von RoseCanyon

Hallo Metta, Ich muss gestehen, Kreolisch beherrsche ich gar nicht. Als ich die Übung gelesen hatte, habe ich mich in der Stadtbibilothek nach Reiseführern umgesehen und plötzlich hatte ich einen von Trinidad und Tobago in der Hand. Chacachacare fand ich auf einer im Reiseführer enthaltenen Landkarte und ein paar kreolische Worte enthielt das Buch auch. Also: "Di Brum swiep dong di street" heißt wörtlich übersetzt: "Der Besen fegt runter die Strasse", womit gemeint ist, dass der Bus vorbeigefahren ist und die Leute am Straßenrand weg sind.

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Alayna

Hallo, klasse sehr spannend. Verraten und verkauft. Das Schicksl so vieler Menschen. LG Alayna

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Woher kannst du Kreolisch? Interessiert mich, wo man solche Informationen für einen authentischen Text bekommt... T&T bedeutet Trinidad und Tobago? Wäre schön, wenn irgendwo im Text auch normalgebildeten Menschen mal ein geläufiger, geografischer Name unterkäme, da hier ja, anders als in einem Buch, der große Zusammenhang fehlt. Oder habe ich bloß in Erdkunde nicht ordentlich aufgepasst, weil ich Chacacharacare nicht kannte?

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Numungo

Gut erzählt! Und vor allem: so hoffnungslos und traurig.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von kimberly

Wow, einfach toll. Soviel Emotion so toll verpackt. Ich wurde richtig in den Sog hineingerissen und hätte heulen könne zum Schluss.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Eine spannende Erzählung! Mir tut der Arme richtig leid in seiner unschuldigen Naivität...und das Mädchen erst! Ein paar sprachliche Anmerkungen: Es heißt "Losung" nicht "Lösung", oder? "umgriff" gefällt mir nicht so gut, vielleicht "umfing" oder halten, drücken. Umgreifen klingt so technisch, genau wie "Ding" im Bezug auf das Mädchen - es sei denn, das soll schon ein Verweiß auf ihre Zukunft sein, wobei der Vater das ja nicht wissen kann... Eine ganz tolle Idee finde ich das Interview, in das Du viele Infos packen konntest, ohne künstlich zu wirken. Schön!

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Andrea
[ Lesezeichen ]

6724

Hallo,
diese Geschichte ist mir eingefallen, als mein Jüngster mich fragte, was der Osterhase denn vor Ostern so macht.
Frohe Ostern Euch allen
Andrea


Peter

Der hoch gelegene Eingang der alten Bärenhöhle, der Aillwee Cave, war fast gänzlich mit dem Morgennebel verwebt. Man konnte das gegenüberliegende Ballynalakan Castle bestenfalls erahnen.
Im Tal schimmerte kalter Tau auf schlafenden Blüten. Die ganze Gegend wirkte, als wäre es dem lieben Gott eines Tages eingefallen, mit Steinen und Felsen zu würfeln. Bienen legten ihre klammen Flügel eng an die wolligen Körper. Erst in der zunehmenden Wärme des Tages würden sie ihre sonoren Schwingungen durch die Luft senden.

Sir Archibald Easterwick, anerkannter Zoologe des Irischen Forschungsinstituts, hielt seine Flinte dicht bei sich. Selbst auf seinem Ruhelager, das er sich in einer verlassenen Bärenkuhle gemacht hatte, wollte er achtsam sein. Nur für den Fall, das doch noch ein Bär hier hauste.
Er hielt den Atem an, damit ihm nicht das kleinste Zittern in der Atmosphäre entging.
Egal in welche Richtung er auch lauschte, es war nichts zu hören. Oder anders gesagt, ihm rauschten die Ohren von der Menge der Geräusche die er auseinander halten musste. Da rieselte Kalkstein von der Höhlendecke, dort glitten Fledermäuse zu ihren Schlafplätzen, aus einem Höhlengang drang das Tosen eines kleinen Wasserfalls auf porösem Stein. Justin, das zahme Chamäleon rieb seine trockene Haut an Sir Easterwicks unrasierter Wange. Vincent schnarchte leise, wie es sich für einen Hund und Irish Setter gehörte. In seinem linken Fangzahn spiegelte sich jetzt das erste weißrosige Licht des anbrechenden Tages. Das Tropfen der Höhlenfeuchtigkeit von sepiafarbenen Stalaktiten auf Stalagmiten verursachte unerwarteten Lärm. Ein Windhauch strich über das einsame Karstland.
Und doch, etwas war falsch daran.
Er würde ihn finden, den Osterhasen Peter. Archibald war unterwegs im Auftrag der Bürgermeisterin Holda von Osterstadt. Der Osterhase war zum wiederholten Male kurz vor Saisonbeginn verschwunden. Statt Hühnereier zu bemalen und am Ostersonntag Eier in Gärten, Wäldern, Wohnzimmern und Sträuchern zu verstecken, versteckte dieser Hase sich selbst. Das wäre ihm eigentlich schnurzpiepegal. Wenn nur er es nicht wäre, der ihn jedes Mal suchen musste. Letztes Jahr hatte er ihn zwischen den Klippenspringern in Acapulco gefunden. Er konnte ihn gerade noch im Genick packen, sonst hätte dieser Hase sich freudig, wie die anderen Verrückten den Felsen hinunter gestürzt.
*
Dieses Mal würde er Ostern entrinnen. Er, Peter der staatlich geprüfte Osterhase. Mochte Holda ein paar bastelfreudige und geheimniskrämerische Osterstädter um sich scharen. Mit ihm nicht mehr.
Er wollte Abenteuer bestehen, Höhlen entdecken, den freien Fall erleben, gefährliche Höhlenzwerge besiegen, mit den Walen schwimmen, auf einem Floß um die Welt segeln, fliegen, all den Hasen auf dieser Welt zeigen, was wirklich in einem Hasen steckt, wenn er sich bloß traut. In dieser verlassenen Gegend sollte Sir Archibald ihn nicht finden.
Und jetzt saß er schon seit zwei Tagen hinter diesem Höhlenwasserfall fest, musste sich von an den Wänden wachsendem Mooskraut ernähren, nur weil da ein Abgesandter Holdas und sein Gefolge den Höhleneingang verstopften. Dieser Vincent war ihm gestern schon bedenklich nahe gekommen. Er war misstrauisch geworden aber zum Glück hatte er nicht angeschlagen.
Durch den schützenden Wasserschleier sah er Sir Archibalds Schatten auf sich zukommen. Würde er sein Versteck entdecken?

Sir Easterwick schickte sich an, den Höhlenwasserfall als Dusche zu benutzen. Schon roch es nach Kernseife. „Bitte lieber Gott, lass ihn nicht durch den Wasservorhang treten,“ dachte Peter noch, als Sir Eastwick sich bückte um die ihm entglittene Seife aufzuheben. Kaum hielt er diese in seinen braungebrannten ledrigen Händen, benahm sich die Seife wie ein Fisch im Überlebenskampf und sprang durch den Wasservorhang.
Sir Archibald fluchte, hüpfte dem flüchtigen Waschstück hinterher und als er die Augen endlich öffnen konnte, ihm war ein bisschen Seife hineingelaufen, sah er einen weißen Stalagmiten mit puscheligem weißen Fell.

Archibald sah den Osterhasen an, schüttelte mit dem Kopf und machte sich wieder an seine Körperwaschung. „Es gibt nichts, was es nicht gibt. Stalagmiten in Hasenform. Schade, dass ich keinen Fotoapparat mithabe“, dachte er, eingehüllt in schillernde Schaumblasen. Er machte sich gerade daran sie abzuwaschen, als ihm einfiel, das kein Tropfgebilde, sei es hängend oder stehend, weißes Fell hat.
„Hab ich dich du Vagabund“, rief er und eilte wie ein Dragoner mit erhobenem Arm zur vermeintlichen Osterhasenstatue.

„Sieht ganz so aus Archie.“ Der Osterhase versuchte gelangweilt zu klingen und putzte sich die Schnurrhaare.
„Werd nicht noch frech. Weißt du eigentlich wie lange ich schon hier meine Zeit verplempere?“
Sir Eastwick spuckte beim Sprechen, so wütend war er.
„ Zwei Tage und vier Stunden um genau zu sein, ich war die ganze Zeit hier. Meine Güte wie du schnarchst. Oder war das dein Hund?“
Archibalds Blutdruck stieg in schwindelerregende Höhen, als er plötzlich zu lachen begann. So lachen musste er, dass die Fledermäuse, die als schwarzsamtene Rhomben an der Decke hingen, eilig davon flatterten. Peter stimmte mit ein.

„Wärst du so nett, mir zu verraten, wo du dich nächstes Jahr verstecken wirst? Dann muss ich nicht wieder die ganze Weltgeschichte abklappern.“
Peter zwinkerte ihm verschmitzt mit seinen rosafarbenen Augen zu und sagte: “Wir werden sehen.“


Kommentar von Andrea

Hallo Ihr, danke für die konstruktive Kritik! Als ich die Geschichte in der vergangenen Woche geschrieben habe, hatte ich in der Tat kein Zielpublikum vor Augen. Ich wollte ein für mich fremdes Land als Grundlage, ich wollte Ostern, ich wollte eine Kindergeschichte, aber auch für Erwachsene... Das ist dann wahrscheinlich so, als wollte man Fischstäbchen mit Vanillepudding servieren. Hab `was gelernt. Danke. l.g. Andrea

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Lillilu

Hallo Andrea, ich schließe mich Velarani an. Auch ich finde deine Sprache sehr kreativ und witzig, habe aber Schwierigkeiten die Geschichte an sich zuzuordnen. Vor allem erinnert es mich an meine eigenen Geschichten, die als angebliche Kindergeschichten begannen, dann aber überarbeitet wurden und (einige) sich in Allegorien verwandelten. #5969 und #6171 ist so ein Beispiel. Fledermaus hat einen Blog für uns alle ins Netz gestellt und da würde ich diese Geschichte noch 1 x reinstellen, damit du mehr Kommentare bekommst. (http: //flederblog.blogspot.com/) Ich werde auch demnächst mit meinen allegorischen Geschichten folgen, hatte sie schon Verlagen angeboten. Aber sie sind - wie dein Osterhase Peter - sehr schwer zuzuordnen. Auf jeden Fall musst du weiter schreiben, weil du ein wirkliches Talent bist.

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Eine fast perfekte Parallelwelt. Gelungener Perspektivwechsel in eine andere Welt. Sehr witzig. Die Einzelheiten schön beschrieben. Gesamtnote: Super. Bleiben ein paar Kleinigkeiten zu monieren: weißrosiges Licht geht mir zu schnell in "sepiafarben" über. "versteckte dieser Hase sich selbst. Das wäre IHM eigentlich schnurzpiepegal." Sir Archibald natürlich, nicht dem Hasen. Klippenspringer in Acapulco; Sir Archibald Zoologe des Irischen Forschungsinstituts; Osterstadt ... Sir Archibald sollte für meinen Geschmack geografisch nicht so erdgebunden sein, oder wird er durch die Welt gebeamt (incl. der Kernseife)? Und ich würde bei EINER Bezeichnung bleiben in einer so kurzen Geschichte, etwa nur "Sir Archibald", sonst verwirrt es ein bißchen.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Velarani

Streckenweise sehr gekonnt erzählt, da ist viel Potential, auch Witz, was mir gut gefällt (die Seife, der Stalagmit mit Fell). Aber rund ist die Geschichte nicht. Für Erwachsene von der Sprache her, da passt der Osterhase nun gar nicht, den ich ansonsten sehr witzig finde, aber dann passt "Osterstadt" wieder nicht zu den detaillierten Ortsangaben am Anfang, und die Sprache wechselt auch immer wieder zwischen Beschreibung und Übertreibung. Ich nehme an, dass du für Kinder schreiben willst, und finde deinen Witz, aus dem du viel machen kannst, für 9-11jährige ganz toll, zu denen aber der Osterhase nicht mehr passt. Mach doch eine freche, unverschämte Figur aus ihm à la Karlsson oder Sams als Gegenspieler zu diesem verschrobenen flotten Zoologen und lass sie noch viele Auseinandersetzungen an den unwahrscheinlichsten Orten erleben, die beiden stehen sich ja in nichts nach. Zum Thema passt die Geschichte nicht, aber egal, kann echt was draus werden.

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Ginko Korn
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6723

Paul Woschitz hatte es geschafft,
hatte alles liegen und stehen lassen, ist in seinem Paradies geblieben und
"gähd ieberhabds nimmer furt".

Vor einigen Jahren musste ich das Nordkap von Pemba anlaufen,
weil der Deutz meiner "Gronga" nicht mehr bis Sansibar durchgehalten hätte.
Paul kreuzte gerade mit seiner Segelyacht "Reauz" zwischen Shinbel und Perkan, den Riffausläufern .
Er hatte bereits erkannt, dass ich ihm nicht ausweichen konnte, noch bevor mein Notsignal getoppt war.
Als ich aus dem Flaggenpulk den Delta und den Foxtrott herausfieseln wollte, verholte er schon steuerbords mit elegantem Aufschießer . "Wie hammers denn? Is dai Schdingger gfreggt?"
Dieser Österreicher hatte mich als Piefke eingestuft.
Immerhin geleitete er meinen Havaristen zur Delkenbucht,
wo Per Nysdal, der Norweger, eine kleine Werft unterhielt.
Der überließ mir einen neuen Wärtsilä und nahm den Deutz in Zahlung, wegen der raren Originalteile.
Während der Reparaturtage ertrug Paul meine Dankesversuche recht mürrisch.
Dabei gebärdete er sich zunehmend arroganter, bis ich sein Verhalten tadelte.
Er hatte Zahnschmerzen. Ach so.
Zwei Stunden später hatte er keine mehr.
Die "Gronga" hatte nämlich Dentalinstrumente an Bord.
Angespannt lag der drahtige Mitfünfziger in meinem Skipperstuhl, kniff eine Zornesfalte, die seine buschigen Augenbrauen noch stärker sträubten, sabberte ein wenig in seinen Fünftagebart und zeigte dann widerwillig sein gelbes Gebiss. Eine simple Wurzelkanalspülung mit antiseptischer Einlage genügte.
Seitdem war der Kärntner mein Blutsbruder.
Er hatte in Wien erfolgreich mit hochwertigen Bildern spekuliert. Seinen Reichtum zeigte er mit dem feinen Zweimaster, hingegen verschwand sein Bungalow fast bis zur Unauffälligkeit im Westhang über den Korallenbänken .
Dort tranken wir die Sonnenuntergänge, die vom Festland her in dreifachen Regenbögen durch die Abendnebel spielten.
Tauchtouristen gab es kaum; die schwappten noch nicht so weit nach Norden auf ihren Pauschalsafaris.
Gelegentlich wehte Ethnopop von der Anlegestelle herauf. Per hatte manchmal Besuch.
Ich verzichtete auf mein ursprüngliches Ziel, sondern begleitete Paul lieber auf einigen Törns als Vorschoter.
Auf den Anhöhen der Inselchen, wo der Salzwassergischt nicht hinaufsprühte, hatten sich verhäkelte Pflanzenteppiche angesiedelt aus Gewürznelken, Muskatmispeln, Pfeffersträuchern und Zimtlorbeer.
Für deren Duftkompositionen gab es keine Worte.

Bis auf Segelkommandos war auch kein Wort nötig.


Kommentar von Angela Barotti

Ostafrikanische Inseln, die nur von Per Nysdal bewohnt zu sein scheinen; Gewürznelken, die gewöhnlich auf hohen Bäumen zu finden sind und hier zu verhäkelten (Oma lässt grüßen) Pflanzteppichen mutieren; Ösis, die schwäbeln = Lorbeeren gibt es von mir für diesen Text nicht.

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Lillilu

GTZ = Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit- GEZ war ein Tippfehler. Lillilu

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Alayna

Hallo, ja wenn Männer unter sich sind. Nur kein Wort zuviel. Oder gar eine Erklärung. Zahnschmerzen, grrr. Klasse geschrieben. Obwohl ich dachte kommt noch was nach. LG Alayna

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Numungo

Blumig erzählt, doch etwas viel Fachjargon für Nichtsegler!

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Hier gibt es mal eine andere Meinung: Für mich als Nichtseglerin ist der Einstieg unverständlich und wahrlich kein Lesegenuss! Ich vermisse einen der Aufgabenstellung entsprechenden, einheimischen Protagonisten.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von ju bli

Aha, Paul ist also ein Ösi. Dann darf ich nachhelfen und meine "Fachkompetenz" ;-)) einbringen. Die ersten Sätze im Dialekt ließen mich an einen Schwaben denken. Kärntner-Dialekt ungefähr so: geehd übaahaubd niima furd. und wenn etwas kaputt ist, dann ist es vareegd. Als Kärntner würde Paul dann mit Nachnamen ab besten Woschnigg heißen - alle Namen auf -igg, ig sind typisch kärntnerisch. Ihre Aussprache ist sehr weich und sie dehnen die Vokale.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Lillilu

Liebster Ginko! Wie immer ist die Sprache, in der du schreibst, ein wahrer Festschmaus, egal ob du poetisch oder lakonisch beschreibst. Auf wen lag dein Fokus nun? Der Erzähler ist kein Piefke und scheint Zahnarzt zu sein und Paul richtet sich sein Paradies auf Pemba ein, er hatte spekuliert und abkassiert. So weit so gut. Den Ort, den du leider nicht so gut beschreibst, kenne ich. Ich hatte GEZ-Freunde auf Sansibar, habe sie dort lange besucht. Und deshalb finde ich Gewürze und Boote und Sonnenuntergänge etwas wenig. Und ich würde gerne mehr aus den Niederungen der menschlichen Natur erfahren, entweder über Paul oder den Nicht-Piefke. LG Lillilu

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Du nimmst uns auf einen interessanten Törn mit. Die Seglersprache klingt in meinen Augen authentisch. Auch wenn es einen Moment gedauert hat, bis der Groschen fiel, dass es sich beim "Deutz" und beim "Wärtsilä" um Motoren handelt. Auch die Schilderung des etwas kauzigen Össis ist Dir gut gelungen (die Retourkutsche konnte ich mir als Piefke - gibt's dazu eigentlich eine weibliche Form? - einfach nicht verkneifen). Was mich beim Lesen allerdings gestört hat, sind die vielen Zeilenumbrüche. Und ich rätsele immer noch daran, weshalb die "Gronga" ein offenbar nicht nur die Instrumente, sondern eine komplette Zahnarztpraxis (inkl. aseptischer Einlagen) an Bord hatte.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Das sind augenscheinlich sehr originelle Typen auf See. Ohne viele Worte hat sich hier eine Freundschaft entwickelt. Da ich mich in der Seefahrt nicht auskenne, bleiben mir viele Ausdrücke ein Rätsel.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Malea

Da ich vom Segeln keinen blassen Schimmer habe, muss ich Dir all die Begriffe einfach glauben. Richtig gut finde ich die Story auch erst ab dem "Österreicher". Das ist einfach schön und ein bisschen verwegen. Ich trinke den nächsten Sonnenuntergang auf Dein Wohl! ;-)

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Frog

Eine echte Männergeschichte. Mit den Kerlen würde ich gern mal einen Abend verbringen, ihrem Seemannsgarn lauschen, Sonnenuntergänge trinken und Kräuterteppiche inhalieren...

Eingetragen am: 16.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Mick
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6714

Bunter Tod?

Wie konnte man eine hundertjährige Pinie in eine bunt bemalte Urne verfrachten? Vlado schüttelte den Kopf.
"Dein Vater wollte es so", sagte Milica, Vlados Mutter.
Vlado war 37 Jahre alt, während des Balkankrieges Scharfschütze gewesen, und nun war er in seine Geburtsstadt Freiburg gekommen, um der Urnenbeisetzung seines Vaters beizuwohnen. Gekommen wohlgemerkt, denn zurückkehren konnte man Vlados Ansicht nach nur in die Heimat. Deutschland war nicht das, was er Heimat nannte.
Bozo, sein Vater, war mit 64 Jahren einfach gestorben, ohne großes Aufsehen wie Krankheit oder so. Deshalb passte die bunt bemalte Urne schon gar nicht. Er hätte seinen Vater, der ihn an hundertjährige Pinien aus seiner Heimat Kroatien erinnerte, unter einem Baum begraben. Doch ihn fragte keiner. Er, ein Gastarbeiterkind, in dieser süddeutschen Stadt geboren.
Es gab den deutschen Vlado, der in Freiburg Abitur gemacht hatte, und es gab den kroatischen Vlado, der in Zadar sein Land verteidigt hatte. Zadar, die Stadt mit dem großen Hafen und über 80.000 Einwohnern. Die Stadt mit Kriegsgeschichte und geschädigten Kulturgütern.
Der deutsche Vlado war vom kroatischen getrennt wie der Kroate vom Serben. Schwarzweiß. So einfach war das. Kater und Maus. Natürlich war der kroatische Vlado der elegante Kater, der sich anschlich, einen Buckel machte und den Serben zu Boden fauchte.
Der deutsche Vlado war eine Maus, eventuell grau, stets flink im Loch verschwunden, um dort für das Abitur zu büffeln. Als sie in der Schule über Pazifismus sprachen, blieb er lieber in seinem Loch.
Die Deutschen sprachen ihm zuviel. Vielleicht lag es an deren Vergangneheit, dass für sie nicht Heimat war in Vlados Sinne. Heimat, das war für ihn ... Nein, Worte, das war nie seins gewesen. Sein Cousin schipperte Touristen die kroatische Adriaküste entlang, von Insel zu Insel. Abends wurden kross gebratene Meerbrassen serviert, in der Ferne die Silhouette von Split. Split, der Palast, der zur Stadt wurde, wie es in Reiseführern hieß.
Vlados kroatisches Mauseloch war sein kleiner Weinberg. Das war sein Kind, wie das Land seine Familie war. Heiraten? Wenn man so wollte, war die Politik seine Ehefrau. Vlado ahnte, wie sehr ihm eine Frau aus Fleisch und Blut und ein Kind aus seinem Samen ans Herz wüchse. Etwas, das nicht mehr ging, seit er als kroatischer Scharfschütze Serben getötet hatte. Im Dunkeln. Es war leichter, wenn der Feind kein Gesicht hatte. So war der Feind weder Vater nocht Bruder noch Sohn. Nur Feind.
Doch darüber dachte der Kater selten nach, wenn er durch seinen Weinberg stiefelte.
Vlado war Südkroate und liebte den bevanda. Ein Rotwein so schwer wie seine Last, getötet zu haben. So wie der Wein nur mit Wasser verdünnt bekömmlich war, so machte der Wein ihm seine Last tragbar.
"Komm Vlado, wir gehen", sagte seine Mutter. Vlado hatte von der Beisetzung nichts mitbekommen und meinte, sich nicht einmal bewegt zu haben, denn sein linkes Bein war eingeschlafen. Dabei hatte er als Scharfschütze gelernt, stillzuhalten.
"Jetzt trinken wir ein gutes Glas Wein auf deinen Vater."
"Das ist gut", sagte Vlado, der in Gedanken schon nicht mehr in Deutschland war.


Kommentar von Eva Marcuse

Ein großartiger Text. Und nicht nur sehr gut, sondern auch wichtig. Hier merke ich wieder, wie wenig wir hier in diesem Land voneinander wissen. Deutsche Ureinwohner haben oft ein fast schizophrenes Bild von den Zugewanderten: Der hier Lebende existiert in unserer Vorstellung abgetrennt von seinem Herkunftsland, besonders wenn es sich um ein beliebtes Urlaubsziel der Deutschen handelt. Wenn es dann noch politische Verwicklungen gibt, dann liegt das auf einer dritten Ebene: In der Zeitung oder im Fernsehen - und hat natürlich nichts mit unseren Nachbarn oder mit den freundlichen Vermietern unserer Urlaubszimmer zu tun. Ich habe beim Lesen eine Ahnung davon bekommen, wie sich ein deutscher und ein kroatischer Teil in einer einzigen Person anfühlen kann, beim deutschen Teil gab es Wiedererkennungseffekte (Heimat, Pazifismus, graue Maus). Die Kriegserfahrung, das Töten, wird spürbar – der Wein, der die Last „verdünnen“ kann. Die Sehnsucht nach einer Familie, die nach dem Krieg nicht mehr so einfach zu stillen ist. Das Ganze als Rückblende während der Beisetzung des Vaters, der einfach so gestorben ist – große Klasse.

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Lillilu

So etwas können nur Männer: Täter gut darzustellen! Oder irre ich mich hier? Jedenfalls kommt Vlado bildhaft rüber. Schön, die witzigen Formulierungen über Kater und Maus. Auch "schön" die Beschreibung über das Töten im Dunkeln. Bei dem "kroatischen Mauseloch" ist dir allerdings etwas durcheinander gekommen: Vlado ist doch "Kater" wenn er in Kroatien ist, wieso verkriecht er sich dann in sein Mauseloch?

Eingetragen am: 18.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Caro Stein
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6712

Daheim in Island

Mein Name ist Svein Einarrson, ich lebe in Island und bin auf einem Reiterhof zu Hause. Vor ein paar Tagen bin ich elf geworden. Meine Schwester Gerdr Einarrdottir ist schon fünfundzwanzig. Meine Eltern Svala und Einarr haben eine ganz schön lange Pause gebraucht, um sich von der Anwesenheit meiner Schwester zu erholen. Ganze vierzehn Jahre. Erst dann haben sie sich wieder an die weitere Familienplanung herangetraut. Wer weiß, wenn sie gewusst hätten, dass so ein toller Kerl wie ich nachfolgt, wär die Entscheidung vielleicht anders ausgefallen.
Ihr wundert euch bestimmt, warum Gerdr einen anderen Nachnamen hat wie ich. Das ist nämlich so: Bei uns gibt es keine Familiennamen wie in Europa, hier bei uns läuft das ganz anders ab. Wenn ein Sohn geboren wird, kommt einfach zum Vornamen des Vaters ein „son“ dazu. Bei einer Tochter ist es ein „dottir“. Deshalb Einarrdottir und Einarrson. Und diesen Namen behalten wir unser Leben lang, da ändert sich auch bei einer Heirat nichts. Da staunt ihr, was?
Wir leben hier also auf einem Reiterhof, den haben auch schon meine Großeltern geführt. Hier züchten wir Islandponys, die kennt ihr bestimmt alle. Die sind ganz lieb und freundlich und halten sehr viel aus. Wir bieten auch Wanderritte an, die dauern manchmal viele Tage. Die Touristen sind ganz verrückt danach. Aufgepackt mit riesigen Rucksäcken quälen sie sich durch das gefährliche Hochland. Da sollen Trolle und Riesen wohnen. Geführt werden diese Touren von meiner Schwester und meinem Vater. Ich muss zu Hause die Drecksarbeit machen, Stall ausmisten und viele andere blöde Sachen. Reiten mag ich nämlich nicht so besonders. Meine Familie hat alles versucht, aber da kann ich genauso stur sein wie unsere Ponys. Auf die bin ich auch wirklich stolz. Und ich hab sie auch ganz doll lieb. Nur drauf rumreiten mag ich eben nicht.
Da radle ich viel lieber runter zum Hafen und fahr mit meinem Opa mit dem Boot raus zum Fischen. Wenn wir darauf warten, dass uns ein Fisch ins Netz geht, zeigt mir Großvater die Fischerknoten. Das finde ich echt spannend. Ich bin im Knoten auch schon ein echter Meister. Wenn ich meine Freunde an einen Baum fessle, kommen die von alleine nicht mehr los. Da lass ich sie dann manchmal ganz schön zappeln, bis ich sie befreie.
Aber das wichtigste in unserem Leben bleiben trotzdem die Pferde. Ich werde später mal in die Zucht einsteigen, reiten kann ja hoffentlich meine zukünftige Frau. Die Ponys sind total reinrassig, echt. Und sie sind etwas ganz Besonderes. Sie haben nämlich zwei Gangarten mehr als ein gewöhnliches Pferd. Da ist mal der Tölt: Da bleibt der Rücken des Pferdes ganz ruhig und man wird überhaupt nicht herumgeschüttelt. Und dann der Rennpass: Das ist ein ganz schneller Galopp, da meint man fast, die Pferde können fliegen. Die Ponys werden nur hier in Island gezüchtet. Es ist total verboten, irgendein anderes Pferd zu uns auf die Insel zu bringen. Und wenn Islandponys von uns nach Europa geliefert werden, dürfen sie nie mehr zu uns zurück. Damit auch wirklich alles reinrassig bleibt. Das ist ganz schön traurig, wenn wir unsere Pferde hergeben müssen. Die kommen dann nach Deutschland oder Österreich oder in irgendein anderes Land. Mir fällt grad keins mehr ein. Nach solchen Abschieden gehe ich manchmal heimlich am Heuboden weinen. Weil ich weiß, dass ich meine Lieblinge nie mehr sehen werde. Nach ein paar Tagen geht´s wieder. Dann such ich mir aus den anderen Tieren einen neuen Liebling aus.
So, die Stallarbeit ruft, ich muss Schluss machen mit dem Erzählen. Vielleicht habe ich euch ja ein bisschen neugierig gemacht und ihr besucht mich mal auf unserem Reiterhof.


Kommentar von Isabella E.

Sehr interessant das mit den Nachnamen. Ich habe die Geschichte sehr gerne gelesen.

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Gerti Dräger-Weber

Hallo @Carlo Stein..... dein Protagonist scheinst ja mit elf Jahren schon gut zu wissen, was sich im Leben abspielt .. (wegen Familienplanung und so). Ich werde ihn trotzdem gerne mal besuchen um mit ihm bei den Pferden und mit den Trollen (die gibt es in Island überall),im Stall zu helfen! Viel Glück weiterhin......

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Gerti Dräger-Weber

@Caro Stein... ....ich habe in meinem Kommentar aus dir einen Carlo gemacht. Tut mir aufrichtig leid...das *r* war einfach zu vorwitzig. LG Gerti

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Numungo

Spannend erzählt, der Satzbau passt jedoch nicht ganz für einen elfjährigen. Übrigens zweifeln Isländer nicht an der Existenz von Trollen und Elfen. Von Riesen habe ich noch nichts gehört.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Zusätzlich zu Maleas Anmerkungen zu den Pferden hätte ich noch einen weiteren Punkt anzubringen: Die Isländer sind mehrheitlich davon überzeugt, dass Riesen und Trolle real sind. Deshalb würde ich das "sollen" in dem Satz einfach streichen. Ausser Riesen und Trollen gibt es da auch Elfen. An Elfen glauben Isländer sogar noch mehr, als an Trolle und Riesen; es gibt eine offizielle Elfenbeauftragte (kein Scheiß, kein Tourismusgag) und mindestens eine Straße auf Island hat nur deshalb eine Kurve, weil ein Stein im Weg lag, unter dem der Eingang ins Elfenreich liegt. Deshalb würde ich Elfen auch unbedingt mit erwähnen. Ansonsten fand ich die Geschichte aber auch sehr nett. Vor allem die Aussage, die Eltern hätten nach der Geburt der Schwester eine 14-jährige Erholungspause gebraucht.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Malea

Mmmh, eine schöne Geschichte. Aber ich muss ein wenig motzen. Manchmal gerät Dir die Sprachebene für einen Elfjährigen etwas zu erwachsen (z.B. "Familienplanung"). Vor allem aber stimmen einige der Details über die Islandpferde so nicht. Ja, Pferde, sag niemals Pony! Das würde ein Isländer nie tun. Lieb und freundlich sind die übrigens auch genauso viel oder wenig wie bei anderen Pferderassen, es gibt sogar ziemlich viele mit ordentlich Pfeffer unter der Schweifrübe ;-) Bei Wanderritten hat man keinen Rucksack auf, sondern Packpferde/Packtaschen. Rennpass ist überhaupt kein Galopp (3er Takt), sondern ein 2er Takt, bei dem die Beine der beiden Körperhälften abwechselnd auffußen. Islandpferde werden nicht nur auf Island, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt gezüchtet, in Deutschland z.B. seit vielen Jahrzehnten! Ach ja, an den Baum fesseln ist übirgens nicht so leicht, denn es gibt auf Island wirklich sehr wenig Bäume. Das ist jetzt alles als konstruktive Kritik gedacht. Du hast halt genau über das Thema geschrieben, dass ich mir knapp verkniffen habe - weil wir ja was nehmen sollten, das wir nicht so gut kennen...

Eingetragen am: 16.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von MaDe
[ Lesezeichen ]

6702

„Adama, dein Kleid wird wunderschön!“ Frau Akakpo lächelt mich an. Ihre Stimme dringt gerade so durch das Gesurre der Nähmaschinen. „Du hast wirklich Talent.“
Ich bin unendlich stolz. Dieses Kleid ist meine Abschlussarbeit. Ich will, dass es perfekt wird. Wenn ich fertig bin mit meiner Ausbildung, mache ich einen kleinen Laden auf und nähe Kleider für andere Leute. Wunderschöne Kleider aus prächtigen Stoffen. Hier haben wir nur einfachste Stoffe, manchmal Lumpen, um zu üben. Aber das ist schon OK. Ich habe viel gelernt in den letzten zwei Jahren und sehr viele hübsche Sachen genäht. Was für ein Glück, dass Frau Samira mich hier her gebracht hat! Wenn doch meine Mama das noch erleben könnte. Sie hatte nie eine Schule besucht. Mädchen gehen nicht zur Schule. Mädchen helfen im Haushalt und heiraten. Auch meine Schwestern und ich durften nicht zur Schule gehen. Von dem, was die Ernte jedes Jahr einbrachte, konnten wir gerade so überleben. Selbst wenn sie oder wir gewollt hätten, das Schulgeld hätte sie sich gar nicht leisten können. „Danke, Frau Akakpo“ antworte ich leise. „darf ich eine Pause machen?“ Letzte Nacht habe ich wieder von ihnen geträumt. Ich bin weinend aufgewacht und dann wollte ich nicht mehr einschlafen aus Angst, der Traum würde weitergehen. Jetzt bin so müde und kann mich nicht richtig konzentrieren. Meine Hände zittern und wenn meine Hände zittern, werden die Nähte schief. Und wenn die Nähte schief sind, wird mein Kleid nicht perfekt. Frau Akakpo schaut mich besorgt an. „Ist alles in Ordnung mit dir? Hast du wieder…?“ Frau Akakpo kennt meine Träume. Wir haben schon oft darüber geredet. Anfangs jeden Tag, aber seit einigen Monaten träume ich nicht mehr sooft davon. Ich nicke. „Willst du reden?“ „Nein, nicht jetzt.“ Mir ist kalt, dabei zeigt das Thermometer 35°. Die Luft ist feucht. Der Stoff meines dünnen Kleidchens klebt auf der Haut. „Nur eine kleine Pause, bitte.“ Frau Akakpo richtet sich auf. Unwillkürlich zucke ich zusammen. Dabei weiß ich genau, dass sie mich nicht schlagen wird. Sie hat mich noch nie geschlagen. Nicht mich und auch keines der anderen Mädchen, die hier in der Schneiderei lernen. „Geh ruhig.“ Frau Akakpo wendet sich Rosalie zu. Sie hat den Arbeitstisch neben mir. Rosalie tut sich schwer mit dem Nähen. Immer wieder verknoten sich die Fäden und passen die Nähte nicht aufeinander.
Ich laufe schnell durch den Mittelgang hinaus auf den Hof. Unsere Schule ist wie ein eigenes kleines Dorf. Die Näherei genauso wie der Küchentrakt und das Unterrichtsgebäude sind einzelne kleine, weiß gekalkte Steinhäuser. Dort lernen wir Lesen und Schreiben, viele Dinge über Familienplanung und Hygiene und wie man ein gutes und gesundes Essen kocht. Nicht jede von uns wird ihre eigene Schneiderei eröffnen können. Und dann kann eine kleine Garküche irgendwo in der Stadt vielleicht den eigenen Unterhalt sichern. Auf unsere Familien können wir schließlich nicht zählen, sie haben uns vor langer Zeit verstoßen. Oder sind tot. So wie Mama und Papa, wie meine Schwestern und meine Brüder.
Einmal im Monat kommt sogar eine Rechtsanwältin aus der Hauptstadt zu uns. Ich bin immer wieder erstaunt, dass wir Frauen in unserem Land so viele Rechte haben. Die Rechtsanwältin sagt, die Männer vergessen mit Absicht, das ihren Frauen zu erzählen.
Ein bisschen abseits steht unser Wohnhaus. Jedes Mädchen hat ein eigenes Lager und alle zusammen sorgen wir dafür, dass es immer schön ordentlich und sauber ist.
Wir sind wie Schwestern untereinander. Ich werde sie vermissen, wenn ich nach meinem Abschluss zurück in die Stadt gehe.
Sierra Leone ist ein kleines Land. Und eigentlich sehr schön – wenn nicht gerade Bürgerkrieg ist. Irgendwo da links ganz weit weg ist das Meer. Frau Akakpo hat erzählt, dass Menschen aus der ganzen Welt viele Stunden in einem Flugzeug verbringen, um hier Urlaub zu machen. Ich habe das Meer noch nie gesehen. Frau Akakpo hat gesagt, das Meer ist sehr groß, es reicht bis zum Horizont. Wenn ich genug Geld verdient habe, möchte ich das Meer sehen! Ich kenne nur das kleine Dorf Bo, in dem ich aufgewachsen bin und die Wälder auf der anderen Seite. Diese verdammt Wälder. Dort haben sie ihre Lager. Weil man sie dort kaum finden kann. Dort…. „Nein!“ Ich spüre, wie sich zwei Arme um mich legen und mich sanft wiegen. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich zittre am ganzen Körper. Werde ich es irgendwann vergessen. Und Frau Akakpo sagt dann immer „Du wirst lernen, damit zu leben..“


Kommentar von Isabella E.

Sehr schön und traurig zugleich!

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von MaDe

Hallo, ich bin ganz überrascht von euren Kommentaren - danke dafür! ich war nämlich überhaupt nicht mit diesem Text zufrieden und habe ihn mehr "aus Verzweiflung" abgeschickt. An Velarani: du hast natürlich Recht: "zurück in die Stadt" ist falsch, "zurück" muss und werde ich streichen :o) lg

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Andrea

Hallo MaDe, ich habe den Text mit Spannung gelesen. Du erzählst, ohne es direkt auszusprechen, dass der Protagonistin und ihrer Familie Gewalt widerfahren ist. Ich wäre gespannt wie es weitergeht und würde mir wünschen, dass Adama in ihrem Leben so viel Glück hat, dass es das Unglück was ihr widerfahren ist, aufwiegt. l.G. Andrea

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Velarani

Schön! Macht neugierig auf Sierra Leone und seine Geschichte. Den Ton dieses jungen Mädchens triffst du sehr genau, ich möchte gerne mehr von ihr erfahren, auch die Schule ist wunderbar beschrieben, es war gleich ein Bild da und ein Gefühl von Sympathie und Achtung für dieses tapfere Mädchen. Zwei Anmerkungen: bei Rosalies Schwierigkeiten an der Nähmaschine würde m.E. eher der Faden reißen oder der Stoff verrutschen. Und "zurück in die Stadt"? Ich denke, sie kennt nur ihr Dorf? Ansonsten toll!

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo MaDe, eine schön beschriebene traurige Geschichte. Ich konnte mir gut vorstellen, wie ihre Familie ungekommen ist. Gruß Jutta

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Barbara-Marie Mundt

das ist eine sehr ergreifende geschichte. sehr zart ist nur zu ahnen, was der protagonistin widerfahren ist. das wirkt viel besser, als alle grausamen detaillierten beschreibungen.

Eingetragen am: 16.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Carola Ottenburg
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6704

Labri't!

Mein Name ist Saulîtis, Jânis Saulîtis. Über mich gibt es nicht viel zu berichten. Ich bin jetzt 47 Jahre alt und lebe allein. Verheiratet war ich nie. Mir reicht meine Arbeit. In meiner Freizeit schaue ich fern, oft Sportsendungen. Manchmal besuche ich auch mit einem Freund ein Basketballspiel. Jedes zweite Wochenende fahre ich auf's Land, zu meinen Eltern. Dort treffe ich meistens auch meine Geschwister und deren Familien. Es ist immer wieder schön, auch wenn ich mich spätestens Sonntag Mittag nach der Ruhe meiner eigenen Wohnung sehne und mich auf die Arbeit freue, die dort auf mich wartet.

Ich bin Politiker. Sie rümpfen die Nase? Nun, ich habe schon gehört, dass Politiker in Ihrem Land kein sonderlich hohes Ansehen genießen. Das ist bei uns etwas anders. Sehen Sie: Mein Land ist schon seit dem Mittelalter – abgesehen von der kurzen Unabhängigkeit zu Beginn des letzten Jahrhunderts – immer durch andere Staaten regiert worden. Bei uns bestand die Führungsschicht immer aus Ausländern, ob es nun Deutsche waren, Polen, Schweden oder Russen. Auf dem Spielfeld der Politik waren wir immer nur die Bauern. Deshalb ist auch unsere Begeisterung für unser Land und unsere Demokratie noch frisch und unverbraucht. Das hat nichts mit dem gemein, was Sie als Nationalismus bezeichnen. Wir sind noch dabei, eine Nation zu werden. Um das zu verstehen, müssen Sie sich unsere Städte ansehen. Nehmen wir meine Heimatstadt, Riga: Was sehen Sie? In der Altstadt finden sie Backsteingotik aus der Hansezeit mit deutschen und schwedischen Einflüssen, gotische Kirchen, ein neoromanisches Universitätsgebäude, eine deutsche Festung, ein und ein klassizistisches Opernhaus. Unsere Neustadt ist für ihre Jugendstilbauten berühmt. Ein speziell nordischer Jugendstil, heißt es, der sich durch finnische Einflüsse aus dem deutschen, bzw. österreichischen Jugendstil entwickelt habe. Dazu kommen noch einige, nicht weiter erwähnenswerte Bausünden der Sowjetzeit, die sich in nichts von den Bausünden anderer Städte unterscheiden, so dass Riga insgesamt eine sehr europäische Stadt ist. Vielleicht sogar exemplarisch für eine europäische Stadt, obwohl wir erst seit kurzem wieder zu Europa gehören. Aber worauf ich hinauswollte, ist folgendes: Sie werden, abgesehen vom Freiheitsdenkmal, nichts speziell lettisches in Riga finden. Ebenso wenig in Daugavpils, Liepâja oder einer anderen lettischen Stadt. Unsere Kultur hat keine so offensichtlichen Spuren hinterlassen; sie kommt aus unseren Herzen und unserer Seele und um sie aufzuspüren, müssen Sie unsere Lieder kennen, die Dainas. In ihnen sind die alten Gottheiten lebendig geblieben; Märchen und Sagen, obwohl die Sowjets alles getan haben, um dieses Wissen zu vernichten. Sie haben versucht, das Singen der Dainas zu verbieten, und als das misslang, haben sie eigene erfunden, um die alten Lieder zu ersetzen. Auch darin sind sie gescheitert und die Dainas sind lebendiger, denn je. Verstehen Sie jetzt, dass unserer Nationalismus etwas anderes ist, als das, was man bei Ihnen darunter versteht?
Und aus diesem Grunde bin ich Politiker geworden. Weil ich meinem Land helfen wollte, in seiner neuen Unabhängigkeit zu wachsen, anstatt sich wieder in neue Abhängigkeiten zu verstricken. Deshalb sehe ich den Anschluss an die Europäische Union auch mit einiger Skepsis. Obwohl es wahrscheinlich der einzige Weg war, den Einfluss der Russen zu begrenzen.
Erfahrungen als Politiker, im Sinne einer langen Parteilaufbahn habe ich nicht, natürlich nicht. Die hat hier fast niemand. Von berufswegen bin ich Historiker mit dem Schwerpunkt alte Geschichte. Ich könnte Ihnen daher einiges über die Besatzung durch den Deutschen Orden erzählen. Details, die Sie vermutlich gar nicht interessieren, die aber insofern aufschlussreich sind, als sie durchaus Parallelen in der jüngeren Geschichte meines Landes haben. Insofern ist ein Geschichtsstudium vielleicht sogar eine ebenso gute Voraussetzung für die politische Arbeit wie eines der Volkswirtschaft oder Rechtswissenschaft: Der Historiker erkennt Verbindungen, die der Ökonom oder Jurist übersieht und umgekehrt.
Womit wir wieder bei der Politik wären. Ich fürchte, mit mir kann man sich über nichts anderes unterhalten.


Kommentar von Metta Maiwald

Bin noch mal in den alten Kapiteln unterwegs und meine Frage betrifft auch nicht diesen Text, sondern Dich: Du beeindruckst mich in Deinen Kommentaren immer durch Deine Allgemeinbildung. Hast Du beruflich was mit Erdkunde und Geschichte zu tun? Wenn Du es nicht öffentlich preisgeben magst (einfach hier, ich schaue wieder nach), kannst Du mir auch mailen unter Metta_Maiwald@web.de LG

Eingetragen am: 16.04.2008

Kommentar von Pollie Bley

Schmunzelnd habe ich mir den Kulturminister vorgestellt, der auf Empfängen seine Gäste begrüßt und ihnen von den Schönheiten seines Landes berichtet. Schlicht und gerade. Doch vielleicht hat die Medaille ja auch eine dunkle Seite. Sein Privatleben, das so völlig im Verborgenen liegt. Welche Leiche hat er im Keller? Im Rampenlicht der kultivierte Politiker, und im Verborgenem ... ? Da ließe sich schon was daraus spinnen... LG. Pollie

Eingetragen am: 25.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Du schaffst es, einem Politiker Menschlichkeit und Ehre einzuhauchen. Deinen Text und deine Wortwahl finde ich sehr gut (wie immer).

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Hallo Ihr Lieben, danke für das Lob. Ich bin ziemlich überrascht von der Wirkung, die Janis erzielt, denn darauf habe ich ihn nicht angelegt. Genau genommen habe ich ihn auf gar nichts angelegt, weil ich ausnahmsweise keine Geschichte im Hinterkopf hatte. Alles was ich getan habe, war, ein paar Informationen über Lettland zusammen zu tragen, mir ein paar Details zu dem Mann auszudenken und ihn dann drauflos reden zu lassen. Von dem Ergebnis bin ich selber positiv überrascht. @Mata Eine Kurzgeschichte würde ich auch nicht mit den Worten beginnen: "Über mich gibt's nicht viel zu berichten". Aber das hier ist keine, sondern eine Selbstdarstellung. Und ziemlich viele Leute fangen mit einer ähnlichen Floskel an. Reale Vorbilder hat Janis aber nicht. Seine Ausdrucksweise ist nur typisch für ihn. @Fledermaus Das der erste Absatz so kurz ist, hat seine Gründe. Es gibt Dinge, über die Janis weniger gerne redet. Darüber, weshalb er immer noch keine Familie hat, z.B. Liebe Grüße Carola

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Sabine Mucha

Hallo Carola! Obwohl ich nicht viel von Politik halte, mit diesem Politiker würde ich gerne mal ein Gespräch führen. Du hast die Heimatstadt sehr gut rüber gebracht. Interessant zu lesen. Liebe Grüsse Sabine

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Mata

Hallo Carola ... wenn ich jetzt provokant sein wollte, dann würde ich nach dem Satz: Über mich gibt es nicht viel zu berichten. ... gar nicht mehr weiter lesen. ;-) Du verstehst, was ich damit meine? Natürlich ist das ein Untertreibung, die im Laufe der Geschichte belegt wird, aber als zweiten Satz in einer Kurzgeschichte ist er absolut tödlich. ... Der etwas spröde Ton passt m.E. sehr gut zum Protagonisten. Vielleicht sind Historiker, die sich zu Politikern mausern, mit dieser trockenen Art gesegnet? Keine Ahnung, ich kenne weder die eine noch die andere "Spezies" näher. Die fehlenden Emotionen passen aber zur Prämisse. ... Bei der Beschreibung von Riga bin ich leicht abgedriftet ... da wurde mir die Aufzählung zu viel, bzw. dann doch zu trocken. *hust* ;-) ... kleiner Scherz (hoffentlich wird das nicht wieder zensuriert!) Trotzdem ein ansprechender, informativer Text mit einer angenehmen Sprache, inkl. einem Hauch Ironie. LG, Mata

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Velarani

Sehr schöne Umsetzung der Aufgabe, schlicht und überzeugend. Du kriegst es wunderbar hin, detaillierte Informationen über Lettland zu erzählen, ohne zu langweilen. Deine Figur überzeugt durch ihre Redeweise und passt in ihr Land. Klasse!

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Nicht schlecht! :O) Ich finde, Du hast den Politiker sehr real werden lassen. Ich kann ihn sehen, ich weiß was für ein Typ er ist. Einziger Kritikpunkt: Den ersten Absatz handelst Du ein wenig zügig ab.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von miss0816

Gut zu lesen. Vorallem gefällt mir die Ansprache des Lesers und die Abrundung der Geschichte durch die letzten zwei Sätze ("Womit wir wieder bei der Politik wären. Ich fürchte, mit mir kann man sich über nichts anderes unterhalten.") LG miss0816

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Der Politiker wächst richtig an's Herz.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Malea

Gelungen! Du hast ein sperriges Thema gekonnt umgesetzt. Mit diesem Politiker würde ich mich gerne unterhalten.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Labi! Authentisch und anrührend.

Eingetragen am: 16.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Caro
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6691

Montreux, 27.12.1926

Von meinem Schreibtisch aus, habe ich einen wunderschönen Blick auf das verschneite Montreux. Ein weißes Wunderland aus Stille und Eis. Es gibt meiner letzten Reise den passenden Rahmen. Die Ärzte, hier im Sanatorium Valmont sur Territet, können mir keine Hoffnung auf Heilung machen und ich selbst spüre mir bleibt nur noch wenig Zeit. In meinem bewegten Leben habe ich viele Reisen unternommen. Davon war meine erste Reise auf die Militärschule, zu der mich meine Eltern zwangen, sicher die schlimmste, während die Reisen nach Paris zu den schönsten zählten. Oh, Paris! Was für eine Stadt. In der ersten Zeit barg diese riesige Stadt einigen Schrecken für mich, wurde aber mit jedem Tag, jeder Woche mehr und mehr zu einer Inspiration, zu einer Muse. Sinnlich, erotisch, poetisch, voller Atmosphäre und mit einem Charme, dem man sich nicht entziehen kann. Ich durfte dort zwei der außergewöhnlichsten Künstler ihrer Zeit kennen lernen, August Rodin und Paul Cezanne. Und so sehr mich Paris berauschte, so sehr drückte mich der erste Weltkrieg nieder. Die traumatischen Erlebnisse brachten meine innere Stimme zum verstummen. Es dauerte einige Jahre, bis ich mich davon erholte. In dieser sprachlosen Zeit hasste ich mein Leben und erwartete voll Ungeduld den erhofften Ansturm des Geistes, der mich aus diesem trostlosen Zustand erlöste. Als er mich dann endlich durchströmte, war es so ungeheuerlich, dass ich es kaum ertrug und mein schwächlicher Körper zitterte wie im Fieber. Die Kunst ist eine launische Geliebte, die kommt und geht, wie es ihr beliebt. Aber ohne sie sind wir verloren...nun genug davon, ich will in den letzten verbliebenen Stunden nicht an diese furchtbaren Qualen der Ausdruckslosigkeit denken, in der jeder Dichter seine eigene Hölle erlebt.
Lieber will ich an die wunderbaren Frauen denken, die mich geliebt und gefördert haben. Die es mir ermöglicht haben meiner Berufung zu folgen. Ich denke voller Wärme und Herzlichkeit an sie. Während ich ihre Hingabe und Liebe an mich bewundere, muss ich sagen, dass mir das Lieben nie leicht gefallen ist. Die Liebe war und ist noch immer eine große Unbekannte, ein Geheimnis, dass ich gerne entschlüsselt hätte. Doch nie vermochte es eine Frau mich für immer an sich zu binden. Sie beflügelten mich, waren mir Musen und Mäzene, im Guten wie im Bösen, aber das Miteinander auf Dauer, ist mir eine Beschränkung, ja eine Beraubung meiner Freiheit und Entwicklung gewesen. Meine liebe Freundin und Geliebte Lou Andreas Salome drückte es einmal so aus: „Alle Liebe ist auf Tragik ausgelegt. Nur stirbt die glückliche an Übersättigung, die unglückliche an Hunger.“ So habe ich gelebt und geliebt. Ich genoss meine Berühmtheit, die mir Villen, Schlösser, Frauenherzen und Geldbeutel öffnete und mir die Möglichkeit gab meine Werke zu vollenden und sie einem begeisterten Publikum vorzutragen. Mit den Jahren kam ich mir manchmal freilich vor, wie der Panther, vorgeführt in einem Käfig, der müde durch die Gitterstäbe blickt und dahinter keine Welt mehr erblicken kann. Nun, dass sind die ehernen Gesetze der Welt, wo auch immer Licht erstrahlt, da sind die Schatten um so tiefer. Aber sei es, wie es sei. Ich habe alle Höhen dieses Lebens beschritten, das Leben kann mir nichts mehr geben und auch wenn meine Zeit abgelaufen ist, möge niemand vergessen, dass Leben ist eine Herrlichkeit! So kann ich, in Ruhe und Frieden mit mir selbst, Abschied nehmen. Der einzige Wunsch, den ich noch hege ist, dass mein Werk bewahrt und meinen Lesern eine Quelle stetiger Freude und Inspiration bleiben wird.

Von ganzem Herzen,

Rainer Maria Rilke


Kommentar von Angela Barotti

Bin kein Freund von Rilke, aber auch kein Feind. Sein Leben und Sterben hat mich bisher nicht interessiert. Deinen Text beurteile ich deshalb als neutraler Kommentator: Mich hat dein Beitrag überzeugt. Rilke wurde von dir sehr anschaulich beschrieben. Nach dem Lesen deines Textes habe ich glatt Lust, eine ausführlichere Biografie über ihn zu lesen und meine Bildungslücke zu schließen.

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Caro

Es tut mir leid, wenn jemand denkt ich hätte eine Entweihung begannen, als ich diesen Text schrieb. Rilke ist einer meiner liebsten Dichter, ich hab viel über ihn gelesen und viel von ihm gelesen.

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Frog

Sakrileg! Sorry

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Sehr gewagt diesen Dichter in dieser Art vorzustellen. Ich kenne einige Dichtungen, könnte aber nicht beurteilen, ob er authentisch vorgestellt ist. Der Stil deines Textes passt für mich zur Person und gibt einen intensiven Einblick.

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Estella
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6682

Ich sitze wie jeden Sonntag morgen am südlichen Ende des Dorfstrandes und warte auf den karibischen Sonnenaufgang. „Hi Chcika, na wie wär’s mir uns?“ Ein paar betrunkene Gringos, die in ihr Hotel zurück schwanken.

Aber ich bin keine ‚Chicka’. Mein Name ist Giselle. Giselle Fernando und ich bin 13 Jahre alt. Nur seit die Touristen in meinem Fischerdorf die Überhand gewonnen haben, interessiert das fast keinen mehr. Dabei habe ich noch Glück, denn meine Eltern schicken mich in die Schule und nicht auf die Straße, wie viele meiner Freundinnen. Las Terrenas auf der Halbinsel Samana in der Dominikanischen Republik, mein Heimatdorf, hat sich die letzten Jahre sehr verwandelt.

Obwohl ich mich kaum mehr daran erinnern kann, vermisse ich die Zeit, als wir noch keine Asphaltstraße über den Hügel hatten, und der Bus nur alle zwei Tage auf den anderen Teil der Insel gefahren ist. Ich vermisse die Rucksacktouristen, die zwar kein Geld hatten, aber wenigstens freundlich waren. Und ich vermisse die ruhige, beschauliche Zeit, als ich noch ungestört, ohne Belästigungen, jederzeit am Strand vor dem Haus meiner Eltern sitzen konnte.

Das war auch die Zeit, als mein Vater noch Fischer war. Ich kann mich noch gut an unser Boot erinnern. Deshalb, weil mein Vater mir erlaubte, es mit ihm anzustreichen. Und ich durfte die Farbe aussuchen! Ich wählte für den Rumpf sogar drei Farben, alle Farben des Meeres, das ich so liebe, wie mein Vater. Türkis-grün-blau. Und die Oberkante des Bootes habe ich in knalligen Rot gestrichen, denn so konnte ich Abends am Strand schon von der Ferne das Boot meines Vaters erkennen, wenn er von der Arbeit nach Hause kam.

Das war, bevor mein Vater meinte, die Fischerei bringe nichts, sondern der Tourismus sei die Rettung für unser Dorf. Seither putzt er die Toiletten für die Gringos in den All-inclusive-Resorts. Wir haben jetzt zwar ein bisschen mehr Geld, und ich weiß, ich sollte dankbar dafür sein, denn nur so kann ich zur Schule gehen. Aber seitdem spricht meine Mutter kaum mehr mit meinem Vater, und der ist auch meist schlecht gelaunt. Und jeden Sonntag morgen, wenn ich am Strand sitze, frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn mein Vater Fischer geblieben wäre...


Kommentar von Angela Barotti

Deine Geschichte gefällt mir gut. Einzig den Sonnenaufgang am Anfang habe ich zu bemängeln. Ein Sonnenaufgang steht normalerweise für etwas Positives, doch hier wird ein Verfall der Sitten beschrieben und eine Ehe, die sich dem Ende entgegen neigt. Deshalb würde ich einen SonnenUNTERgang vorschlagen.

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Isabella E.

Du bringst das Gefühl, einerseits dankbar aber anderseits unglücklich, sehr gut rüber. Die Geschichte zeigt sehr gut das pro und contra des Tourismus. Sehr schön!

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Gerti Dräger-Weber

Hallo Estella....für mich bringst Du *Fluch und Segen* des Tourismus in der Karibik, bildhaft rüber! Viel Glück weiterhin und LG... Gerti

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Heidrun Mußer
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6683

Die Frau auf dem Berg

Die Schatten hängen über dem Tiefland.Das Dorf, in dem ich geboren bin, liegt unten im Tal im Licht des versinkenden Tages. Wieder klettere ich mit schmerzenden Beinen diesen abgebröckelten Fels hinauf.
Nein, ich werde denen da unten kein Schauspiel bieten. Irgendwann habe ich mich verkrochen, hier auf diesem Berg.
Meine Wurzeln sind tief in dieses Land gesenkt, aber ich kann hier nicht leben und nicht sterben, denn ich habe Unglück über meine Familie gebracht.
Das erste Kind das ich geboren habe, war ein Mädchen. Das zweite und dritte ebenfalls. Nun hält mich mein Mann für wertlos. Er hat mich ausgesetzt und die Kinder vergiftet.
Ich erinnere mich daran, wie Gowri zu mir gekommen ist, abgerissen auch ausgesetzt, in den Augen jenen Ausdruck des Entsetzens, den ich von vielen Frauen kannte.
"Was willst du?" habe ich sie gefragt.
"Ich will nur leben, wo es sich leben lässt," hat sie geantwortet.
Und dann haben wir miteinander zu leben begonnen, in dieser Höhle zwischen Steinen und knorrigen Ästen.
Gowri hat mir von ihrer Familie erzählt und ich habe gelernt, für ihre Anwesenheit dankbar zu sein. Es geht ihr nicht anders als mir. Wir haben keine Zukunft und keine Gegenwart.Würde Shiva die Welt vernichten, wäre mir das recht.
Es ist zum ersten Mal Frühling geworden seit ich hier bin. Glutrot geht die Sonne über dem Dorf unter. Werde ich jemals zurückkehren?

Alle drei Minuten wird in Indien eine Frau misshandelt, ermordet oder vergewaltigt. Ein Viertel davon sind Mädchen unter 16 Jahren. Alle 77 Minuten wird eine Frau wegen nachträglicher Mitgiftforderungen umgebracht, nachdem die Familie der Braut bereits durchschnittlich fünf Jahreseinkommen an Gold Geld und Konsumgütern hat bezahlen müssen. Von 15 Millionen Mädchen, die es dennoch schaffen auf die Welt zu kommen, erlebt ein Viertel nicht den 15.Geburtstag.70 Prozent aller Frauen sind unterernährt und anämisch. Denn der Brauch will es, dass die Frauen und Mädchen essen, was die Männer übriglassen.


Kommentar von Numungo

Keine schöne Geschichte! Aber gut und bewegend erzählt. Sie macht betroffen und das soll sie auch. Weiter so. Den zweiten Absatz solltest du nicht so sachlich mitteilen. Arbeite ihn in die Erzählung ein. Es sind wichtige Informationen, die du in die Gedanken der "Frau auf dem Berg" oder in ein Gespräch der beiden Frauen einfließen lassen kannst. Viel Erfolg!

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Heidrun Mußer

Hallo Maela, Lillilu und Carola Es freut mich, dass der Beitrag ein Echo gefunden hat.Ich werde darüber nachdenken, ob ich ihn weiterschreibe, denn mehr habe ich über dieses Thema wirklich noch nicht geschrieben.Aber eure Anregungen motivieren mich. Grüße: Heidrun

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Ich schließe mich Malea an. Der erste Teil ist wirklich gut erzählt. Aber es wäre schön gewesen, wenn Du die Informationen des 2. Teils ebenso "verpackt" hättest.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Ich schließe mich Malea an. Der erste Teil ist wirklich gut erzählt. Aber es wäre schön gewesen, wenn Du die Informationen des 2. Teils ebenso "verpackt" hättest.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Lillilu

Das finde ich sehr bewegend! Die kleine Geschichte ist in sich völlig rund. Und trotzdem fehlen noch Informationen, die du im letzten Absatz lieferst. Wenn du daran weiter arbeiten möchtest, solltest du noch einen Weg finden sie einzuflechten. Die beiden Frauen können sich z.B. erzählen wie sie dem Tod entronnen sind, wie das war nur Reste zu essen, wie im Haus nebenan eine Ehefrau verbrannt wurde. Und wir könnten erfahren, wie sie es in der Höhle bewerkstelligen zu überleben, ob sie schon krank sind etc. Diese Verbrechen an den Frauen und Mädchen brauchen eine breite Öffentlichkeit! Viel Glück! LG Lillilu

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Malea

Die Geschichte der Frau auf dem Berg ist Dir gelungen. Ein aufwühlendes Schicksal, packend erzählt. Aber den letzten Absatz, so wichtig und viel zu wenig beachtet die Informationen auch sein mögen, würde ich weg lassen.

Eingetragen am: 16.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Gerti Dräger-Weber
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6675

Mein Name ist Maria-Elena de Cortez, bin einunddreißig Jahre alt und noch ledig.
Ich arbeite in Buenos Aires in einer gutgehenden Anwaltskanzlei als Sekretärin und wohne allein in einem kleinen Einzimmer-Apartment, etwa 5 Minuten Gehzeit von meiner Arbeitsstelle entfernt.

Nach Feierabend und an jedem zweiten Wochenende ziehe ich meine engen, eleganten Kleider und die roten, hochhackigen Schuhe an und gehe in die Innenstadt. Dort arbeite ich noch für gute Pesos, in einem der besten Tango-Clubs dieser lebendigen Stadt als Vortänzerin.
Stark beeinflusst durch die europäische Kultur, wird Buenos Aires auch das "Paris von Südamerika" genannt. Berühmt ist ihr breitgefächertes, kulturelles Angebot und ihr Nachleben.
Tango tanzen ist für mich Entspannung und Ausgleich zur "normalen" Arbeit. Kann dabei alles vergessen und umsetzen, was mich augenblicklich emotional berührt.
Bereits bei den ersten Bandoneon-Klängen, fühle ich mich in eine andere Welt versetzt, dann bin ich nur noch tanzende, sinnliche Frau.

Meine Eltern, Paolo und Dolores de Cortez leben auf unserer riesigen Estanzia (Ranch, in der weiten und rauhen Pampa. Genau zwischen dem Rio Salado und der Stadt Santa Rosa.
Sie entstammen beide aus alten, spanischen Familien.
Sie züchten, mit großem Erfolg, die bekannt wendigen und ausdauernden Poloponys.
Mein fünf Jahre älterer Bruder Carlos, seine Frau Monica, zwei Haushaltshelferinnen und neunzehn zuverlässige Gauchos, helfen ihnen bei der täglichen Arbeit.
Carlos soll irgendwann einmal alles von meinen Eltern übernehmen.

Zu den Familien-Geburtstagen und den hohen kirchlichen und wichtigen nationalen Feiertagen, besuche ich meist meine Familie.
Die Freude des Wiedersehens, lassen diese Feiern immer zu etwas Besonderem werden. Auch die Angestellten dürfen, wenn sie frei haben, mit uns feiern.
Manchmal reiten mein Bruder und ich an diesen Tagen gemeinsam stundenlang durch das hohe Gras der menschenleeren Pampa und wir erzählen uns von unseren Sorgen, unseren unerfüllten Sehnsüchten und Träumen......


Kommentar von Gerti Dräger-Weber

Hallo @Carola Ottenburg... vielen Dank für Deinen Kommentar. Es sollte unpersönlich klingen; denn die Aufgabe hiess doch, eine Person zu erfinden, in einem nicht selbst erlebten Land und sie dann in einem Text vorstellen. Das habe ich getan. Adjektive sind dann unvermeidlich. Meine Recherchen ergaben übrigens, Tango-Vortänzerin in einem Tango-Club in Argentinien zu sein, ist nicht anrüchtig. Im Gegenteil, es zeugt von sehr großem Talent. Es sind Tanz-Clubs und keine Freudenhäuser. Tango ist Ausdruck des Lebens und der Sehnsucht, in jeder Bevölkerungsschicht des Landes. @Efa...ich danke Dir für Deine mutmachenden Worte. Du hast verstanden, was ich beschreiben wollte als ich es geschrieben habe.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Eine interessante Vorstellung, dass eine Anwaltssekretärin aus wohlhabender Familie nebenbei noch als Vortänzerin in einer Tango-Bar arbeitet. Ich hätte gedacht, dass diese Tätigkeit etwas anrüchiges hat, vergleichbar mit der einer Tänzerin im Dollhouse oder einem ähnlichen Club. So falsch kann man liegen. Was mir nicht so gut gefallen hat, sind die vielen Adjektive. Mir sind es zu viele. Sie machen den Text unpersönlich und lassen ihn eher wie eine Werbebroschüre klingen.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Efa

Hallo Gerti, dein Beitrag gefällt mir. Tango gehört natürlich zu dieser pulsierenden Stadt, und du vermittelst das sehr gut. Klare Sprache ohne Schnökel, das mag ich. Weiter so!

Eingetragen am: 16.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von Lillilu
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6670

Taubenschlag

Die Tauben fliegen einen spiralförmigen Kreis über das Haus. Ich höre ihren Flügelschlag und spüre die Energie, die sie mir senden.

Ich knie vor dem Mann, der vor mir auf dem Sofa sitzt und seine Augen geschlossen hält. Meine Hände gleiten über seinen Körper, ohne ihn zu berühren. Ich fühle die Hitze, die Kälte, das Nachlassen der Energie dieses Menschen. Meine Hände ziehen seine Krankheiten aus seinem Körper. Es ist stickig und heiß im Zimmer und schon während der Mann sich erhebt, nach seiner Brieftasche greift und mich anspricht, mache ich das Fenster weit auf und atme die frische Luft tief ein.

„Nein, keinen Namen, bitte! Auch mein Name spielt keine Rolle! Geld? Auch das nicht!“

Er legt mir einen kleinen Umschlag auf den Schreibtisch, gleich neben die Kerzen und die Heiligenbilder.

„Dzienkuje, pani!“

Wir nicken uns zu und ich habe ein paar Minuten für mich allein. Ich lege den Umschlag mit den Sloty in eine Schublade und rücke das Schild auf dem Schreibtisch gerade – es erklärt, dass ich kein Geld nehmen darf und dass das Finanzamt seit Mai 2004 Quittungen für Einkünfte verlangt und dass die Regierung in Warschau Heilertätigkeiten untersagt.

Was kann ich den Menschen sagen, die zu mir kommen? Sie wollen doch auch ihre Dankbarkeit zeigen, wenn ich ihnen helfe. Warum verstehen die Behörden das nicht? Ich kann ihnen nur sagen, dass sie etwas spenden können, wenn sie wollen, wie viel überlasse ich ihnen.

Vor dem Haus stehen ein halbes Dutzend Autos, sie kommen von sonst wo her seit wir zur EU gehören. Ich kenne viele der Wartenden, zum Beispiel diese Eltern mit ihrem Sohn, der sich nur an Krücken vorwärts bewegen kann und diese junge Frau da, auf der Bank vor dem Haus. Sie möchte schwanger werden und kann nicht empfangen. Sie alle rufen einen Tag vorher an und meine Mutter vereinbart Termine mit ihnen.

„Ja, kommen Sie zwischen 9.00 und 11.00 Uhr.“

11.00 Uhr ist mein spätester Termin, danach bin ich erschöpft und brauche meine Ruhe. Mutter, Tante Ewunia und ich essen gemeinsam zu Mittag – hinter dem Haus, auf dem Hof. Da sehen uns nur die Tiere - meine Tauben und die Hunde.

Nun, wo Sie wissen wie meine Tante heißt, sage ich Ihnen auch meinen Namen: Janneck Koslowski. Wir wohnen in
Nowe Miasteczko, einem kleinen Dorf nahe Gubin in der Woiwodschaft Dolnoslaskie . Ganz in der Nähe ist auch der Grenzübergang nach Guben in Deutschland.

Unser Dorf ist arm; es gibt kaum Arbeit, auch keine richtigen Geschäfte. Nur Kasimirs rollenden Wurst- und Fleischwagen zweimal die Woche. Ohne Auto geht hier gar nichts! Ja, ich habe jetzt ein Auto und parke das immer auf dem Hof, hinter dem hohen Tor.

Ich bin auch schon drüben gewesen, mehrfach, weil ich öfter meine Cousine in Frankfurt vom Zug abhole. Sie ist während der Woche zum Putzen in Berlin und kommt erst am Wochenende nach hause.

Und ich war dann auch in der Nacht zum 1. Mai 2004 auf der Brücke über die Oder in Frankfurt, das heißt natürlich zuerst in Slubice, auf unserer Seite. Wir waren alle da als das Feuerwerk losging. Soviel Geld wurde da in den Himmel geschossen! Aber es war schön und die Stadt Frankfurt hat mir auch sehr gefallen. Ein Jahr danach bin ich dann auch nach Berlin gefahren und habe meine Cousine besucht. Berlin war unglaublich, ich wusste nicht wohin ich zuerst gucken sollte! Aber wer will eigentlich hunderte von Wurstsorten, hunderte von Hemden und Hosen zum Aussuchen?

Ich habe die Rückfahrt nach Nowe Miasteczko genossen. Vorbei an den Sonnenblumenfeldern und den Wäldern um unser Dorf. Es gibt noch Wölfe und Luchse in unserer Gegend und ich liebe die Landschaft. Aber ich weiß nun auch, dass unser Dorf schäbig aussieht. Niemand hat Geld für die Fassade oder für neue Fenster. Nur bei mir tut sich was; ich hab das Dach neu gedeckt und eine Ölheizung eingebaut. Die Nachbarn werfen mir scheele Blicke zu, obwohl ich doch allen helfe, wenn sie Probleme haben.

Dann kamen auch Deutsche zu mir ins Haus. Nein, nicht die Deutschen, die schon immer hier waren, das sind ja immerhin so um die 150 000. Ich meine die richtigen Deutschen, die, die kein Polnisch sprechen. Manche bemühen sich aber und sagen freundlich „Dziendobry“ wenn sie kommen. Und ich habe ein paar Wörter Deutsch gelernt: „Bauch muss weg!“ oder „Schlafen, muss mehr schlafen!“ Da weiß ich dann, dass sie schon auf der Heimfahrt einschlafen und jemand anderes fahren muss – meine Energie wirkt schnell!

Abends bin ich allein in meinem Haus. Mutter und Ewunia wohnen nebenan, sie kommen nur tagsüber, um mir den Haushalt abzunehmen. Ich schlafe oben, unter dem Dach, am Fenster im Giebel, nahe am Taubenschlag. Die Tauben ziehen ihre Kreise, ihr Flügelschlag kühlt mein Gesicht. Ich liege ganz still und bete, bis ich mich ruhig und gestärkt fühle.


Kommentar von Tinkerbell

Liebste Lilliu Deine Geschichte ist so angenehm zu lesen und ich liebe Deine Erzählweise. Auch ich halte nicht viel von Heilern aber so wie diese Geschichte sich abspielt, dachte ich gar nicht so skeptisch gegenüber der Heilkunst. Du bist sehr gut! Weiter so. Liebe Grüsse, Tinkerbell

Eingetragen am: 23.03.2008

Kommentar von rosamsa

Liebe Lillilu, jetzt hab ich doch Deinen Janneck tatsächlich zu einer Frau gemacht. Irgendwie dachte ich er ist eine Frau, so vom Gefühl her, und hab den Namen einfach überlesen. Sorry. Trotzdem ändert es nichts an der sehr einfühlsamen und interessanten Geschichte.

Eingetragen am: 23.03.2008

Kommentar von rosamsa

Jetzt ist mir der erste Text weggeflutscht. Also nochmal. Liebe Lillilu, Du wundervoller Pfirsichbaum mit den süßesten Früchten, dein Text wirkt auf mich und ich muss erst nachfühlen. Die Frau die zwar im Kreis ihrer Familie lebt, aber irgendwie sehr einsam auf mich wirkt, die grelle bunte Welt des Westens, die sie aber trotzdem nicht vermisst. Ja, Heiler sind ganz normale Menschen wie Du und ich, früher hab ich mir gewünscht auch heilen zu können, jetzt steh ich lieber zu mir, denn so ein Leben ist sicher auch nicht immer einfach. Du hast den Unterschied zwischen unserer Konsumwelt und einem ganz anderen Leben deutlich dargestellt. Gefällt mir sehr gut, die Stimmung. LG rosamsa und vielen Dank für den verliehenen "Oscar" zu meiner Geschichte (7069) aber beim Lesen und Blättern durch diese Seiten, sehe ich, dass ich aus jeder neuen Aufgabe wieder etwas mitnehme und noch viel zu lernen habe. In diesem Sinne, frohe Ostern, eine gute Gesundheit, und alles Liebe für Dich. rosamsa

Eingetragen am: 23.03.2008

Kommentar von Lillilu

@Andrea: Zum Auto: Jannek ist einer der Wenigen im Dorf, die Geld verdienen. Er darf zwar nur Spenden annehmen, aber da auch Deutsche zu ihm kommen, bekommt er auch Euro + kann es sich leisten, sein Dach zu reparieren und ein Auto zu haben. Sicher ein gebrauchtes, aber Neid erweckt es trotzdem. So denke ich mir das. OK? LG Lillilu

Eingetragen am: 21.03.2008

Kommentar von Frog

LL (das heißt "Liebe Lillilu"), vielen Dank für Deine aufschlussreiche Antwort. Gute Inspiration, die Du aus Deinen Taubenbeobachtungen ziehen konntest. Es lohnt sich also, auch bei Stadttauben genauer hinzugucken... Danke für die Anregung, schöne Feiertage und gute Gesundung noch einmal...

Eingetragen am: 20.03.2008

Kommentar von Andrea

Hallo Lillilu, Ich persönlich habe ein sehr skeptisches Verhältnis zu Wunderheilern und solchen die es sein wollen. Da schwimmt viel Scharlatanerie oben auf der Esotherikbrühe. Aber ich denke schon, dass es Menschen gibt die besonders sensibel sind und ein außergewöhnliches Gespür für andere haben. So einer scheint mir Dein Protagonist zu sein. Du schreibst:"Ohne Auto geht hier gar nichts." Er hat aber ein Auto. Das Dorf ist arm. Wieso kann er sich ein Auto leisten? Dein Protagonist ist sehr schön beschrieben. Er lebt sozusagen und seine Ohnmacht angesichts des hiesigen Warenüberangebots konnte ich absolut nachempfinden! l.G. Andrea

Eingetragen am: 20.03.2008

Kommentar von Lillilu

@ Frog: Ich hab vor einiger Zeit einige Bücher über Heiler gelesen und dabei festgestellt, dass die meisten ganz "einfache" Menschen waren, die eben mit dieser Gabe gesegnet (oder auch verflucht) waren. Was die Tauben betrifft beobachte ich seit Jahren, wie sie überall ihre Kreise ziehen, auch die in den Städten ungeliebten Normaltauben. Bei "meinem" Jannek habe ich an weisse Brieftauben gedacht. Assoziationen: Boten, Freiheit, Energie übertragen von einer "höheren" Macht, Erkenntnisse entwickeln sich "spiralförmig" = offener Kreis ohne Ende. LG Lillilu

Eingetragen am: 20.03.2008

Kommentar von Frog

Hallo Lillilu, ich hätte gern noch viel mehr über den Heiler und seine Berufung erfahren, mit welchen Energien er arbeitet, was er genau dabei empfindet. Auch erschließt sich mir die Symbolkraft der Tauben nicht so recht. Aber wie ich Dich kenne, hast Du das mit den spiralförmigen Kreisen sicher gut recherchiert. Irgendwie sehr interessant. Mir erscheint der Mann so angenehm schlicht und gutherzig, als sei ihm nicht wirklich bewusst, welche Gabe er hat. Du hast das schön erzählt. Wie bist Du darauf gekommen?

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Lillilu

@ Isabella: Auch danke für deinen Kommentar! Wenn es mal die Gelegenheit gibt würde ich sehr gerne erfahren was dich von Lodz nach Deutschland brachte - es gab ja leider mal den umgekehrten Weg von Deutschland nach Lodz (so Anfang der 40ziger Jahre im letzten Jahrhundert), aber dein Weg ist sicher ein glücklicherer. Das wünsche ich dir jedenfalls. LG Lillilu

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Lillilu

@Numungo: Du hast vollkommen recht, "der vor mir" ist redundant (so heisst es doch, oder? Vielleicht möchte jetzt jemand eine Debatte über "redundant" beginnen? Hihi, nur los! ) Den BirkenbärEN habe ich mir verkniffen, obwohl bei Wikipedia von Braunbären die Rede war, ich wollte keine Vetternwirtschaft! Was das Verbot für geistiges Heilen betrifft habe ich dafür keine offiziellen Belege, es wurde mir aber persönlich von Polen berichtet und auch, dass es angeblich viele Heiler in diesem katholisch geprägten Land gibt. @Ursula: Mehr über das Land und die Geschichte ging leider nicht, weil wir uns ja in einen uns fremden Menschen hinein versetzen sollten und von Janneks persönlicher Lage leiteten sich leider keine Gedanken über Landeskunde ab. Wohl aber wäre es leicht möglich gewesen @Angela, über seine Begabung als Heiler zu sinnieren. Ich würde ihn persönliche Erfahrungen in jungen Jahren innerhalb der Familie machen lassen, vielleicht anlässlich einer Krankheit. Aber diese Geschichte war für mich nur eine Übung und wird ganz bestimmt nicht weiter entwickelt. Ich danke euch allen für eure Aufmerksamkeit und die Kommentare - es war mir eine Freude! LG Lillilu

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Isabella E.

Diese Geschichte habe ich besonders gerne gelesen, weil ich selbst in Lodz geboren wurde. Sehr schön geschrieben. Liebe Grüße, Isabella.

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Lillilu, spannende Geschichte, die sich nur "einen Sprung" über die Grenze abspielt. Sie macht nachdenklich. Ist das "Heilen" dort tatsächlich gesetzlich verboten? Übrigens habe ich in der Landschaftsbeschreibung zwischen den Wölfen und Luchsen den Birkenbär vermisst! Kleiner Tipp: In dem Satz "Ich knie vor dem Mann, der vor mir auf dem Sofa sitzt und seine Augen geschlossen hält." ist übrigens das "der vor mir" überflüssig, den wenn du vor ihm kniest, muss auch er sich vor dir befinden"

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von ju bli

Stimmig und wunderbar rund und somit glaubwürdig rübergebracht. Ganz große Klasse.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Lillilu, spannende Geschichte, die sich nur "einen Sprung" über die Grenze abspielt. Sie macht nachdenklich. Ist das "Heilen" dort tatsächlich gesetzlich verboten? Übrigens habe ich in der Landschaftsbeschreibung zwischen den Wölfen und Luchsen den Birkenbär vermisst! Kleiner Tipp: In dem Satz "Ich knie vor dem Mann, der vor mir auf dem Sofa sitzt und seine Augen geschlossen hält." ist übrigens das "der vor mir" überflüssig, den wenn du vor ihm kniest, muss auch er sich vor dir befinden"

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Auch mir gefällt dein Text ausgesprochen gut. Ich hätte gern noch mehr über die Begabung des Heilens erfahren, z.B. wann diese erkennbar wurde.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von ursula

Hallo Lilillu. Deine Geschichte gefällt mir, ich hätte gerne noch ein bisschen mehr über das Land und die Geschichte gelesen. Liebe Grüsse Ursula

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Malea

Eine schöne Geschichte, glaubwürdig und in sich stimmig. Professionell den Kreis geschlossen mit den Tauben, Respekt!

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Lillilu

@ Carola: Stimmt vollkommen! "pan" = Herr, "pani"= Frau und den Jannek akzeptiere ich auch. Danke! @ Ginko: Freue mich über dein Lob, Ginko!

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Perfekt! Die gesamte Persönlichkeit des Koslowski, seine Existenz, sein Umfeld: alles eindeutig geklärt und fühlbar.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Die Schilderung gefällt mir gut, auch wenn ich derartigen Heilern und ihren Erfolgen im richtigen Leben sehr skeptisch gegenüber stehe. Aber Du hast es geschafft, eine derartige Person auf sehr glaubwürdige Weise zu schildern. Nur eines ist mir aufgefallen: "pani" ist m.W. doch die Anrede für eine Frau, aber Jannek ein männlicher Vorname - oder irre ich mich da? Janneck mit "ck" habe ich übrigens nur als Nachnamen gefunden.

Eingetragen am: 16.03.2008

Eingetragen am: 16.03.2008 von ursula
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6669

"Haiti im Ausnahmezustand" In der Hauptstadt Port-au-Prince sind Entführungen, Schiessereien, Raubüberfälle und Drogenhandel an der Tagesordnung. Diese Schlagzeile in der Zeitung lässt mich erschauern. Dort hatte ich 1971 das Licht der Welt erblickt. Meine Eltern hatten mich Jean-Claude getauft, in Anlehnung an Jean-Claude "Baby Doc" Duvalier, der in diesem Jahr mit 19 Jahren, die Regierung von seinem Vater übernommen hatte. Erinnerungen werden wach. Die Konturen der Bergketten verlieren sich in einem blassblauen Himmel, der sich weit über das ruhige Meer wölbt. Hübsche Häuser heben sich von der blumenreichen Vegetation ab. Das Wohnviertel der Stadt ist ein einziger Stadtgarten. Einige Häuser haben bauchige Balkone, spitze Dächer oder Girlandenverzierungen. Die Häuser stehen inmitten kleiner Gärten und sind umgeben von Blumenbeeten, Obstbäumen und tropischen Blumen. Ich liebe den Blick, der sich von einer Erhöhung aus auf den Markt bietet. Der Marktplatz quillt über vor Leben und Bewegung. An diesem Ort strömt die gesamte Bevölkerung der angrenzenden Landstriche zusammen. Die blauen Gewänder der Frauen bilden den Grundton, von dem sich die bunten Madrasstoffe, die sie um den Kopf zu wickeln pflegen, abheben. Mit Körben voller Gemüse und Obst kommen die Bäuerinnen von den Bergen herunter, oft eine Pfeife im Mund, um Karotten und ihren Kohl gegen ein Emailtöpfchen, ein Seidentuch oder einen grossen kreolischen Ohrring einzutauschen. Die Frauen von Haiti sind sehr schön. Ihre Bewegungen und Gebärden haben etwas ungeheuer Graziöses und sie haben die Gewohnheit, nie etwas in der Hand, sondern alles auf dem Kopf zu tragen, was ihnen einen elastischen Gang und eine majestetische Haltung verleiht. Natürlich wird mindestens genaus so viel geredet wie gekauft und verkauft, denn vor allem ist es die Unterhaltung, die die Bäuerinnen aus ihren einsamen Bergen lockt. Auch den Bauern in seiner blauen Tracht, die aus einer weiten Jacke und bis über die Knöchel hochgekrempelten Hosen besteht, sieht man in die Stadt kommen. Er trägt noch immer den traditionellen Strohhut, die Machete in der ledernen Scheide und Macoute am Schulterriemen.

Aber auch auf dem Lande herrscht unentwegte Aktivität. Ameisengleich durchziehen Menschen zu Fuss und Lasttiere die Strassen und kommen auf unwegsamen Pfaden aus entlegenen Dörfern. Auch in Kenskoff, wo die Mädchen manchmal noch die blauen Augen ihrer Vorfahren der Bretonen, haben, die diesem Ort auch ihren Namen hinterliessen, herrscht lebhaftes Markttreiben. Auf den Fersen hockend bieten die Bäuerinnen ihre Waren an: Mangofrüchte, Sapotillen, Feigen, Bananen, Orangen, Mandarinen, Pampelmusen und Aprikosen. Unter der Last der Avocados, Corossols, Caimites, Guaven, Ananas, Erdbeeren und Melonen brechen die kleinen Tische fast zusammen. Neben Töpferwaren und Kunstgegenständen aus Mahagoni liegen blaue und weisse Stoffe ausgebreitet.

Die bäuerliche Bevölkerung lebt sehr bescheiden. In den ärmeren Landstrichen besteht das tägliche Mahl aus Mais, Hirse, Trockenfisch und Kasave. Auch Bananen, Mangofrüchte, Zuckerrohr und Jamswurzel gehören zum täglichen Leben. Das Nationalgericht sind Bohnen und Reis, Brot und Fleisch sind auf dem Land sehr selten.

In der Stadt hat der Haitianer viel übrig für gutes Essen. Die unverfälschte kreolische Küche, mir läuft das Wasser im Mund zusammen und der Raum füllt sich mit den Gerüchen, wenn ich an die Köstlichkeiten denke, ist äusserst schmackhaft. "Gruau" nennt sich ein Gericht, das aus saftigen gebratenen Schweinefleischstückchen besteht, die mit frischen, sehr scharfen Piment gewürzt werden. Als Beilage gibt es gebratene Bananen, Suppenhuhn, alle möglichen tropischen Knollen und Salate, und das Ganze wir von Reis und Sojasosse begleitet. Aber auch das Putengericht "Tasso", der mit einheimischen Pilzen zubereitete "Dion-dion" Reis, flambierter Hummer, Crevetten, kleine Austern und eine ganze Auswahl von Süssspeisen und Konfitüren, Sossen, Schmalzgebackenem und typische Gemüse gehören zu der schmackhaften kreolischen Küche. Bevorzugtes Getränk ist Rum mit Sprudelwasser oder der berühmte kreolische Punsch, der erst mit der Limone der Antillen und dem "goldenen Blut" des Zuckerrohrs richti vollständig wird.

Heimweh überkommt mich. Hier in Paris, wo ich studiert hatte und eine Familie gegründet habe, ist das Leben anders. Ich vermisse das Zeremoniell, die Festlichkeiten, die Fruchtbarkeit und die Vereinigung mit der Natur, was für die Zivilisation in Haiti wesensbestimmend ist. Der Tanz ist unsere Sprache, Verständigungsmittel und Vorgang der Begeisterung zugleich. Alles, Götter, Menschen und Dinge, ist bei den Veranstaltungen vorhanden und nimmt teil.Die Haitianer singen und tanzen, sowie sich eine Gelegenheit dazu bietet: etwa weil das Wetter gut ist und sie fröhlich sind, weil die Erde von der Regenzeit fruchtbar ist, weil die Netze voller Fische sind und die Halme sich unter den vollen Ähren beugen. Die Bauern singen und tanzen für die Sonne, den Regen, den Wind. Ihr Gesang und Tanz ist gleichermassen für die Götter, die Toten, zur Linderung des Schmerzes und Kummers, für den ausgetrockneten Fluss oder für den Sturm da, der die Gärten verheert hat. Sie singen und tanzen, weil dies der Rhythmus ihrer Freude, ihres Leidens, ihrer Arbeit und ihres Lebens ist; ob die Sonne vom Himmel leuchtet oder die Sterne strahlen: immer singt und tanzt Haiti im Rhythmus seiner Trommeln und sicher auch jetzt in den so schweren Zeiten des Ausnahmezustands.

"Es ist Zeit die Kinder in die Schule zu bringen" sagt meine Frau und ich werde jäh aus meinen Träumen geweckt.


Kommentar von ursula

Ich habe meinen Protagonisten etwas zum Leben erweckt. Meinen neuen Beitrag findet ihr unter 6910. Ich würde mich über eure Kommentare freuen.

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von ursula

Liebe Metta Maiwald, danke für Deinen Kommentar. Ich weiss, aber das Thema war auch für mich als Anfängerin nicht leicht. Ich bin noch dabei daran zu arbeiten. Ich wünsche Dir schöne Ostern. Liebe Grüsse Ursula

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Sehr detaillierte Landesbeschreibung, bei der jedoch die persönliche Stimme des Protagonisten ein wenig unterzugehen droht.

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 15.03.2008 von Antonia
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6668

Es war früh am Morgen, die Sonne begann langsam aufzusteigen, aber die Nacht warf noch kalte Schatten auf das kleine Dorf Uhmu mitten im Nirgendwo des nördlichen Sudans. Die Dorfbewohner lebten hier noch wie vor hundert Jahren mit den alten Traditionen ihrer Vorfahren. Zurück gezogen von jeglichem Fortschrit der modernen Welt soweit es das im Sudan gab. Einige Männer waren bereits wach um auf die Jagt zu gehen. Aber bevor sie sich auf in die Savanne machten, fielen sie auf die Knie und begannen zu beten. Es war ein Ritual was jeden Morgen nur von den männlichen Bewohnern im Dorf ausgeführt wurde. Sie beten den Gott der Jagd an in der Hoffnung, er würde ihnen reiche Beute bescheren und sie vor bösen Geistern beschützen. Während die Männer beten und zur Jagd gingen, machten die Frauen sich auf den Weg um die trockenen Felder zu bestellen. Die Kinder mußten entweder mit aufs Feld, oder wenn sie aus den etwas reicheren Familien kamen, dürften sie für ein paar Stunden in die Schule im Nachbarort gehen. Diese lag allerdings eine Stunden Fußweg entfernt und so gingen nur sehr wenige dort hin.
Alle Menschen im Dorf führen ein hartes Leben zwischen brennender Sonne, wilden Tieren und qualvollem Hunger.
Viele Babys schafften die Dürreperiode nicht. In diesem Jahr war es besonders schlimm.
Obwohl es noch früh am Morgen war, konnte man den Tageseinbruch und die damit verbundene Hitze spüren. Plötzlich übertönten Schreie die Sprechgesänge der Männer. Eine Frau die vor Schmerzen schrie, ihr Name war Ailmia, war dabei ihr fünftes Kind zu bekommen. Die Männer beten noch lauter. Dann wurde es still in Ailimas Hütte und es schien als ob alle den Atem anhalten würden. Die Kinder die durch die Schreie geweckt wurden, rannten aus den umliegenden Baracken und drängten sich dicht um den Eingang zu Ailimas Hütte, sie versuchten angestrengt etwas zu sehen. Dann endlich ein Schrei und diesmal war es nicht Ailima!

Das war der Morgen an dem Meomo geboren wurde.
Die Menschen im Dorf steckten die Köpfe zusammen und flüsterten, sie waren alle der Meinung das Meomo keinen Monat alt werden würde. Die Hitzeperiode in diesem Jahr hatte schon drei Säuglinge streben lassen. Die Mütter bekamen nicht genügend Essen und somit blieb die Milch aus. Die Neugeborenden verhungerten und das brach den Müttern das Herz. Wenn auch nur für kruze Zeit, denn die Meisten hatten vier und mehr Kinder die ernährt werden mußten.
Aber in diesem Moment dachte Ailima nicht über so etwas nach. Sie lag glücklich auf Stroh gebettet und hielt das kleine blutige Bündel in ihren Armen. Meomo suchte verzweifelt die Brust seiner Mutter. Er hatte Hunger! Seine großen tief dunklen Augen konnte er noch nicht richtig offen halten. Trotz der Tatsache das Ailima schon fünf Kinder geboren hatte, war dieser Moment jedesmal einzigartig. Eine Alte Frau die bei der Geburt geholfen hatte, machte sich humpelnt auf den Weg um Meomos Vater zu holen. Niemand kannte das Alter der Frau, dennoch lies ihre Erscheinung vermuten, dass sie schon weit über hundert Jahre alt sei. Die Leute erzählten sich das sie jeden Einwohner des Dorfes eigenhändig zur Welt gebracht hatte! Sie sei der Geist des Lebens und wandle auf der Erde, um den Baby den Weg auf die Welt zu weisen. Ihr Name war Ohama und ihre weißen Haare reichten ihr bis zu den Knien. Ihre dunkle Haut war von Falten übersät und ihr Körper bestand nur noch aus Knochen. Aber trotz ihres zerbrechlichen Erscheinungsbildes, war sie niemals krank. Sie brauchte kaum Wasser und noch weniger Essen. Die Menschen bewunderten und fürchteten sie gleichermaßen.
"Ein neues Leben ist geboren und ich habe einen Kämpfer in ihm gesehen!" Sie hob ihre dürren Ärmchen und sprach ein Gebet. Dabei fielen allen andern auf den Boden und murmelten ihr nach. Das war so üblich um das neue Mitglied in der Dorfgemeinschaft zu begrüßen. Dann kam der glückliche Vater mit Meomo auf dem Arm aus der Hütte und hielt das Neugeborende hoch in die Luft. Alle riefen einen Segen aus. Es lag eine festliche Stimmung in der Luft.

Nach einem Jahr lernte Meomo laufen. Nun mußte er nicht mehr im Wickeltuch mit Ailima auf die Felder. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er mit seiner Schwester Alina. Sie war zwar erst 7 Jahre alt, aber kümmerte sich genau so gut wie Ailima um den kleinen Meomo. Sie fütterte und tröstete ihn, wenn er mal wieder versuchte seinen älteren Bruder zu fangen und dabei über seine eigenen Füße stolperte. Ailima hatte bei fünf Kinder und der harten Feldarbeit nur noch wenig Zeit für Meomo und so sah er bald in seiner Schwester die Mutter. Das schmerzte Ailima, aber sie hatte keine andere Wahl, wenn die Familile überleben wollte.
Von dem harten Leben im kleinen Dorf, bekam er noch nicht viel mit. Die Welt war für so ein kleines Kerlchen noch in Ordnung. Er wußte noch nichts damit anzufangen mit den Gestalten die von zu Zeit zu Zeit sein Heimatdorf aufsuchten und jedesmal wenn sie wieder gingen nahmen sie ein paar der älteren Kinder mit. Er verstand nicht warum die Menschen um ihn herum weinten und sich flehend auf den Boden warfen. Er wunderte sich über das eigenartige Aussehen dieser Männer und das seine Schwester in sofort in die Hütte schupste. Diese merkwürdige Art und Farbe ihrer Kleidung faszinierte ihn und er versuchte näher an diese Menschen heran zukommen.. Alina schrie jedesmal vor Entsetzen auf und hielt ihn so fest das es ihn schmerzte. Was hatte sie nur? Er verstand ihr Verhalten nicht und war in dem Moment sehr böse auf Alina.

Die letzten Tage in dieser Hitzeperiode hatten begonnen. Es waren auch diesen Sommer wieder Menschen, unter anderem Meomos Onkel Akia, am Wassermangel verstorben. Meomos Vater trauerte viele Tage und zum ersten Mal in seinem jungen Leben verspürte der kleine Junge Angst. Er wußte noch nicht wovor, aber er fing an zu ahnen das das Leben nicht nur aus glücklichen Tagen zu bestehen schien. Er spielte jeden Tag vor seiner Hütte mit kleinen Steinen die eine außergewöhnliche Form besaßen. Er spielte es seien Soldaten. Sie beschützten Dörfer und kleine Kinder. Das war sein Lieblingsspiel. Ein Junge aus der Nachbarhütte hatte ihm erklärt das Soldaten für die Sicherheit ihrer Familien kämpfen. Ihr Ziel wäre es den Frieden in ganz Afrika zu bringen. Vielleicht würden sie auch irgendwann etwas gegen den Durst und den Hunger unternehmen können. Meomo fand das toll. Ach wenn es nur schon soweit wäre! Sein Freund sprach immer davon das sie ihn auch irgenwann mitnehmen werden und er dann endlich kämpfen kann mit echten Waffen. Meomo eiferte ihm nach und rief aufgeregt:
"Ich will auch mit!".

Eines Morgens wurde Meomo von seinem Vater vor Sonnenaufgang geweckt, er sprang voll Vorfreunde aus seinem Heulager. Die Luft war noch eisigkalt von der Nacht, aber das störte den kleinen Jungen nicht, schließlich sollte heute ein großer Tag für ihn werden. Es war Meomos neunter Geburtstag und sein Vater wollte ihn zum erstenmal mit auf die Jagd nehmen.
"Moemo komm, geh dir dein Gesicht waschen, damit du sauber vor den Gott der Jagd treten kannst."
Meomo rannte übermütig über den Dorfplatz zum Brunnen, wo die Gemeinschaft das Wasser aus der Regenperiode aufgefangen hatten. Hastig wusch er sein Gesicht. Er hörte wie sich die Männer sammelten. Schnell lief er zu seinem Vater und kniete sich neben ihn. Gebannt horchte er dem Dorf Ältesten. Er war zu gleich Priester und Medizinmann. Alle bewunderten und gehorchten ihm.
Seine Haut war ledrig und mit Falten überzogen. Die Haare waren strohig und grau. Um seinen Hals trug er kleine Knochen gebunden zu einer Kette. Die Dorfbewohner erzählten sich, das die Knochen von einem Löwen wären. Die vielen Jahre die er auf die Jagd ging, hatten seinen Körper gezeichnet und er war übersät mit Narben. Meomo musterte den Alten Mann voller Faszination und Erfurcht.
Der Medizinmann wußte das die Kinder Angst vor ihm hatten, und so machte er sich manchmal einen Spaß daraus sie zu erschrecken. Er schloß seine Augen und blieb regungslos liegen. Dann wartete er bis die neugierigen Kleinen sich ihm langsam näherten. Voller Bewunderung standen sie vor ihm und tuschelten leise. Meistens wollten Sie die Löwenknochen um seinen Hals anschauen. Wenn sich die Kinder völlig sicher waren das er schlief, schrie mit seiner krechzigen Stimme laut los. Meomo und die anderen Kinder liefen wie vom Teufel gejagt weg.
An diesem Morgen hatte Meomo keine Angst, schließlich war er nun schon neun Jahre alt und wollte zum Jäger ausgebildet werden. Er war so aufgeregt. dass er sich gar nicht auf das Morgengebet konzentrieren konnte. Die Männer beugen sich über den Boden und sangen ein Gebet:
"Heiliger Gott der Jagd beschere uns reiche Beute damit wir Weib und Kind ernähren können und schütze unsere Söhne vor den wilden Kreaturen der Savanne..."
Diesen Satz wiederholen die Männer immer zu. Meomo sang ungeduldig mit, aber er dachte nur an die bevorstehende Jagd und ob er endlich auf einen echten Löwen treffen würde- natürlich aus sicherem Abstand.
Der Alte Medizinmann sagte einmal es würde Unglück bringen, wenn man einen Löwen tötet, es sei denn er hätte Menschenfleisch gekostet, wie der Löwe der jetzt um den Hals des Alten hängt. Die ganze Geschichte kennt allerdings niemand. Der Medizinmann erhob sich und hielt die Hände in den Himmel dabei sang er noch einen letzten Segen und endlich war das morgendliche Ritual beendet.
Alle erhoben sich und holten ihre Waffen, so auch Meomo und sein Vater. Es waren lange Stöcke mit einem spitzen Stein an einem Ende. Sein Vater sah ihn ernst an und sagte mit erhobenem Zeigefinger zu ihm:
" Du mußt jetzt gut zuhören, da draußen ist eine andere Welt, wenn du einen Fehler machst ist dieser nicht mehr rückgängig zu machen, also hör auf jedes Wort und Zeichen von mir!. Verstehst du das meine Junge?"
Meomo sah seinen Vater erfürchtig an und nickte. Meomos ältere Brüder Halim und Achit jagten jetzt schon seit ein paar Jahren mit dem Vater zusammen. Sie sollten auch mit kommen um ebenfalls ein Auge auf Meomo haben. Die Männer malten sich die Gesichter noch mit Lehm an, daß sollte Glück bringen und sie in ihrer Umgebung unauffälliger machen.........


Kommentar von Metta Maiwald

Liebe Antonia, verzeih, wenn ich Dir Unrecht tue, aber auf mich wirken viele Details der Geschichte eher klischeehaft erfunden als gut recherchiert. Vielleicht nutzt Du auch einmal die Rechtschreibprüfung?

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von ursula

Hallo Antonia. Interessante Geschichte. Ein Satz hat mich gestört. "Viele Babys schafften die Dürreperiode nicht" Vielleicht wäre es besser zu schreiben "Viele Babys überlebten die Dürreperiode nicht". Viele Grüsse Ursula

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 15.03.2008 von Hana Shimakage
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6667

Mein Name ist Gonzalo Paez, ich bin fünfundfünfzig Jahre alt und habe zwei Töchter. Eine ist 18.Jahre alt und studiert in den USA. Meine jüngste ist 12.Jahre alt, sie geht in der Schweiz auf ein Internat.
Ich stamme von einem Spanier und einer Chibcha ab. Mein Vater starb 1950 während der Violencia. Er kämpfte in diesem Bürgerkrieg auf seiten der Liberalen. Ich bin natürlich auch ein Liberaler. Meine Mutter starb vor zwei Jahren. Ich streute ihre Asche in der Nähe des Rio Magdalena. Sie wollte gerne zu einem Teil der Erde, und mit dem Wind zu meinem Vater getragen werden (wir haben seine sterblichen Überreste nie erhalten).
Meine Frau war eine Muisca und starb kurz nach der Geburt unserer kleinen, 1983, in Popayan, bei einem Erdbeben, als sie in der Karwoche an der Prozession teilnahm.
Ich arbeite als Smaragdhändler und spreche neben Spanisch auch fliessend englisch.
Die Chibcha - Spache spreche ich auch noch und bestehe darauf das meine kleine "Meta" (eigentlich Melosia, aber ihr Spitzname ist Meta) sie lernt, während sie in den Ferien bei mir ist.
Ich liebe es in meiner freien Zeit durch die Stadt zu schlendern, mit meinem Hut - der niemals fehlen darf - und meinem Regenschirm, am Unterarm hängend getragen (auch bei schönem Wetter versteht sich).
Ich liebe die Gemächlichkeit, das plaudern mit Freunden, und einfach das Leben. Auch wenn ich mir um die Sicherheit meiner Kinder Gedanken mache solange sie auf Besuch sind. Es gibt hier zu viel Kriminalität.
Wie so viele andere Geschäftsmänner einen Bodyguard zu nehmen, habe ich bis jetzt abgelehnt.
Ich sehe gerade aus dem Fenster unseres Hauses. Meine Meta spielt draussen mit ihrem Hund. Sie holte ihn von der Strasse - und ich darf mich um ihn kümmern, wenn sie wieder abreist. Nun, letztlich tut es doch meine Haushaltshilfe.
Meta steht da, mit ihrem schwarzen Hut, und ihrem Cape. Die Naturlocken zu einem Zopf gebunden, sieht sie ihrer Mutter so ähnlich.
Bei diesem Anblick fällt mir wieder einmal auf, wie sehr ich meine Frau vermisse.
Ich habe nie wieder geheiratet.


Kommentar von Angela Thies

Du hast viele Informationen gut in deine kurze Geschichte gepackt - gelungen.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Gerti Dräger-Weber

Ein wichtiger Punkt fehlte mir...du erwähnst nicht, dass du ein Kolumbianer bist. Musste erst wikipedieren :-)) Trotzdem viel Glück weiterhin!

Eingetragen am: 16.03.2008

Eingetragen am: 15.03.2008 von Barbara-Marie Mundt
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6662

zwei sichtweisen

ich kam ins dorf und folgte der menschenmenge, die zu einem platz hin strömte. sie sind alle nackt sagte mein weggenosse und sie sprechen unsere sprache nicht. da standen sie und ließen sich begaffen und die interessenten sahen genau hin, prüften mit den blicken die muskeln, die straffheit der haut, die beschaffenheit der sehnen, den knochenaufbau. männer und weiber standen beieinander und unterhielten sich in ihrer sprache, manche hatten nachlässig ein tuch um die hüfte geschlungen; sie beachteten die schaulustigen nicht. auf einer großen tafel waren die konditionen angeschlagen und der eine und andere trat aus der menge vor und bedeutete einem mann oder einer frau, ihm zu folgen.

mein freund entschied sich schließlich für eine der frauen, nicht blutjung aber kräftig gebaut, ihr gesicht breitflächig, nicht unbedingt hübsch zu nennen so besaß sie doch eine gewisse anmut durch ihre art zu gehen und sich zu bewegen, schwang die langen muskulösen beine aus der hüfte auf ansehnliche weise und schüttelte die langen braunen haare mit wirscher gestik aus der stirn. aus den bereit stehenden kleiderkisten suchte mein freund passendes heraus, ein unauffälliges kattunkleid, eine wollweste, unterzeug wie man es hier trägt, sandalen, ein weiteres kleid zum wechseln. die frau nahm keinen anteil an seiner wahl und er nahm sie zur seite und bedeutete ihr, sich anzukleiden. auf mein bemerken, dass die sachen nicht ausnehmend kleidsam seien bekam ich zur antwort, dass sie ja schließlich zum arbeiten hier sei, und nicht zum ausgehen.

wenige stunden später sah ich sie hinter der theke in seinem restaurant stehen, ordentlich gekleidet und frisiert und aufmerksam bemüht, ihre aufgabe zu verstehen zu erfüllen.

kamelmarkt, schlimmer noch, sklavenmarkt! kam mir in den sinn, als ich am abend über das erlebte nachdachte und mich wunderte, dass mein freund, den ich immer für einen kultivierten menschen gehalten hatte, sich an diesen gepflogenheiten beteiligte. als gast im fremden land jedoch stand es mir nicht zu, sein verhalten zu kritisieren, so schwieg ich und ging meiner wege.

einige wochen später kam ich wieder in das lokal, nachdem meine tätigkeiten mich übers land geführt hatten, kam vorbei auf ein letztes glas wein zu später stunde und auf lebewohl vor meiner abreise. letzte gäste saßen noch an tischen, mein freund räumte schon auf, die junge frau, terèsa nannte er sie, spülte gläser, als ein hoch aufgeschossener bursche eintrat, den sie freudig begrüßte und nach landessitte küsste. darauf gab sie meinem freund ein zeichen, er nickte kurz mit dem kopf, und sie setzte sich mit ihrem besucher an meinen nachbartisch.

wie lange wirst du hier bleiben, fragte der junge mann, als sie sich gesetzt hatten. ich bleibe für immer, antwortete terèsa entschlossen und nur ein leiser akzent war noch zu hören. wie kannst du so sicher sein, dass du nicht eines tages wieder nach hause gehst, bohrte er weiter. mein zu hause ist hier, anselmo, war die lakonische antwort. ich verstehe das nicht, ich würde nie für immer von zu hause fort gehen, warf er ein. auf unserer insel gibt es andere sitten, erklärte terèsa. wenn ein vater mehr töchter oder söhne hat, als er ordentlich verheiraten kann, so verstößt er sie. sie sind dann frei, haben kein vaterhaus mehr und deshalb keine rechte. deshalb kommen wir in dieses land, denn nach euren gesetzen kann jede erwachsene person, die keine eigenen kinder hat, für unsere aufnahme bürgen, indem sie uns zunächst kleidet und arbeit gibt, uns ernährt und dann in die gesellschaft entlässt als vollgültige bürger. ich lebe jetzt noch bei ernesto, er ist mein bürge und hat mich aufgenommen wie sein kind, er hat mich eure sprache gelehrt und eure gesetze, er lehrt mich noch immer, und ich arbeite in seinem restaurant. in einigen monaten bin ich frei, zu gehen, wohin immer ich will ...

ich verfolgte die unterhaltung nicht weiter, versank in eigene betrachtung. was mir als kamelmarkt erschienen war, hatte einen gänzlich anderen charakter und mir fiel eine szene aus dem lieblingsbuch meiner kindheit ein: äuget ihr wölfe, äuget genau, heißt es in der ratsversammlung der wölfe im dschungelbuch, bevor ein fremdling, das menschenjunge, in das rudel aufgenommen wird.

bevor ich mich von ernesto verabschiedete, berichtete ich ihm von meinem irrtum und meinem vorschnellen urteil. aber warum sind sie nackt auf dem platz, fragte ich ihn zum schluss. du hast noch immer dein mittelalterliches sklavenbild im kopf, lächelte mein freund, sie sind nackt, weil sie so ankommen, in ihrer heimat ist das die landestracht.


Kommentar von Metta Maiwald

Ich hätte ja nun gern noch gewusst, wo die Handlung spielt, oder habe ich da etwas überlesen? Ist Die Kleinschreibung dort Landessitte? ;o)

Eingetragen am: 17.03.2008

Eingetragen am: 15.03.2008 von Putzi
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Ich lebe in einem der schönsten Länder der Welt, in Tansania. Jährlich besuchen uns Touristen, die aus allen Erdteilen herbeikommen, weil in meinem Land die eindrucksvollsten und berühmtesten Naturparks Afrikas, wie Serengeti, Kilimanjaro, Ngorongoro, Selous und Ruaha beheimatet sind. Über 25% des Landes sind unter Schutz gestellt und darauf sind wir sehr stolz.
Doch der überwiegenden Mehrzahl der Menschen meines Volkes geht es nicht besonders gut. Trotz unseres Reichtums an Bodenschätzen und Sehenswürdigkeiten, sind wir eines der ärmsten Länder auf der Erde. Um den Teufelskreis aus Armut und mangelnder Schulbildung zu durchbrechen, wurden mehrere wirtschaftliche Projekte gegründet, die von vielen Regierungen europäischer Staaten ins Leben gerufen und finanziert werden. Bei einem von ihnen arbeite ich. Es nennt sich Magonet (Masasi Non Governmental Organisations Network) und wird von der irischen Organisation Concern Worldwide unterstützt. Meine Gefühle für Irland sind zwiespältig. Selbstverständlich bin ich sehr dankbar, dass unserer Bevölkerung von Fremden geholfen wird, doch es verletzt auch meinen Stolz.

Neulich wurde ich gebeten, einen Europäer bei mir wohnen zu lassen, während er ein Praktikum bei Magonet absolviert.
Seine Ankunft erwarte ich mit gemischten Gefühlen. Wird er Swahili mit mir sprechen können oder nur englisch? Ich verstehe kein englisch. Keiner meiner Bekannten und Verwandten kann englisch. Das ist eine Sprache der gebildeten und wohlhabenden Leute, nicht unsere. Immerhin haben wir die Auswahl von insgesamt 127 verschiedene Landessprachen und Idiome.
Ha, ha, wo sollte der Turm von Babel noch gebaut werden? Nicht in Tansania? Komisch, sehr merkwürdig. Aber einen Turm wollten wir auch niemals errichten. In meinem Land reicht es vollkommen aus, dass wir uns auf Swahili als Nationalsprache geeinigt haben.

Mein Haus ist weit von den Touristenzentren entfernt und wenn bei uns ein "Mzungu", ein Europäer auftaucht, dann ist das eine Sensation. Seine weiße Haut wird automatisch mit – für unsere Verhältnisse – wahnsinnig viel Geld in Verbindung gebracht. Wenn bei uns die Eltern vor der Entscheidung stehen, ob sie entweder ein Schulheft kaufen, oder ob die ganze Familie für einen Tag satt wird, dann kann man das ja auch gut verstehen.

Die Familie und Menschen meiner unmittelbaren Umgebung, sind sehr wichtig. Weil ich demnächst einen weißen Teufel bei mir wohnen lasse, kommen beinahe alle zehn Minuten Nachbarn, Verwandte oder Bekannte vorbei, um Hallo zu sagen und um mir ausgiebig ihre Befürchtungen mitzuteilen. Für meinen Mut werde ich bewundert und gewinne großen Respekt. Keiner ahnt, wie große Angst vor allem Neuen, Fremden und Unbekannten ich habe. Ein Trost bleibt mir. Es wird in Mensch sein, den ich beherberge und wenn er sich nicht dementsprechend benimmt, dann kann ich ihn immer noch den Löwen zum Fraß vorwerfen.


Kommentar von Putzi

Danke für Deinen Kommentar ju bli, ich gebe Dir in jedem kritisierten Punkt recht. Es wäre besser gewesen, ich hätte mehr über Mama Marenga und ihre Kinder geschrieben, als über die Hilfsorganisation, bei der sie arbeitet. Mama Marenga. Dieser Name kommt in meinem Bericht gar nicht vor. So nenne ich meine Protagonistin aber das weiß natürlich keiner, wenn ich es nicht schreibe. Aus Recherchen eine lebende Person entstehen zu lassen war ja unsere Aufgabe. Klar, dass man am Anfang Fehler macht. Beim nächsten Mal wird’s besser – versprochen. Liebe Grüße, Putzi

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von ursula

Hallo Putzi, das mit dem Turmbau von Babel habe ich nicht verstanden, in einem Land, wo man lieber was zu essen auf dem Tisch hat, statt Schulhefte zu kaufen und wo man kein Englisch in der Schule gelernt hat, weil man nicht zu der gehobenen Schicht gehört, ist es für mich doch fraglich, ob man etwas von der Weltgeschichte mitbekommt. Sonst finde ich deine Geschichte schön zu lesen.

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Alayna

Hallo Putzi, was sie so Hilfe nennen. Wir kennen das aus vergangenen Zeiten. Kolonialmächte. Mich friert wenn ich daran denke was die Menschen sich so alles antun. LG Alayna

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von ju bli

Liebe Putzi, hmhmhm - auch ich habe mir die Aufgabe gestellt, etwas über ein Land, bzw eine "Gesellschaft" zu schreiben, von der ich keine Ahnung habe. (Wie gut oder schlecht mir das gelungen ist, werden die Kommentare zeigen ...) Aber nun zu dir. Ich finde es ganz, ganz toll, dass du dir wirklich die Mühe gemacht hast und die Aufgabe der Angabe gemäß erfüllt hast. Viele andere Beiträge lassen mich glauben, da hat jemand Nachrichten geguckt oder Urlaubsimpressionen zusammengetragen ... Also das verdient schon mal Note 1. Allerdings hatte ich beim Lesen trotzdem das Gefühl, Tansania nicht durch die Augen der Protagonistin zu sehen bzw. zu erleben, sondern von außerhalb; weil ich glaube, dass eine Einheimische mit wahrscheinlich niedrigem Bildungsnivea nicht über Naturschönheiten, Nationalparks, 127 "Landessprachen" etc.nachdenkt. Wahrscheinlich würde sie davon sprechen, wie sie satt werden sollen, womit ein bisschen Geld verdienen, über Viehzucht oder Landwirtschaft... Einige Passagen deiner Geschichte finde ich sehr gut - zB. dass die Nachbarn alle kommen, um vor dem Weißen zu warnen ... Ich glaube aber, dass du ein viel einfacheres Sprachniveau wählen müsstest. O.K., es ist viel einfacher, eine Story zu lesen und zu reflektieren, wie sie wirkt, als selber eine zu schreiben. Wie gesagt, großes Lob an dich!

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Putzi

Liebe Sabine Mucha, Unsere Aufgabe war doch, von einem Land zu schreiben, dass wir nicht kennen. Ich war noch nie in Afrika und habe alle Informationen über Tansania im Google gelesen – auch dass die Hilfsorganisation Magonet von der irischen Organisation Concern Worldwide unterstützt wird. Es fiel mir nicht leicht, die Flut von Ergebnissen meiner Recherche zu ordnen und das meiste wegzulassen, damit noch Platz für eine menschliche Gestalt bleibt. Diese könnte ich natürlich jetzt beliebig ausbauen. Wenn zum Beispiel der Europäer ankommt, in welche Fettnäpfchen er tritt und wie meine Familie mit ihm zurecht kommt. Wer weiß, vielleicht geht es ja in der nächsten Übung weiter. Danke für Deinen Kommentar, Putzi

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Sabine Mucha

Hallo Putzi! Da ich in Afrika schon mal Abenteuerurlaub gemacht habe, kann ich die Dinge, die Du in Deiner Geschichte angesprochen hast, gut nachvollziehen. Das mit Irland irritiert mich ein bisschen. Es wäre auch schön gewesen, wenn Du etwas mehr von Dir preisgegeben hättest. Ganz toll fand ich: Wenn er sich nicht benimmt, kann ich ihn immer noch den Löwen zum Frass vorwerfen! Super! Liebe Grüsse Sabine

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo putzi, ich war noch nie in Afrika, aber kann mir jetzt gut vorstellen, dank deiner Recherche, wie es dort ist. Die Beschreibung mit dem Schulbuch und dem Essen, fand ich auch gut. Es zeigt die beiden Seiten von arm und reich. Gruß Jutta

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Malea

Schön! Ich habe so einiges über das Land gelernt. Eine Sache hat mich gestört. Ich glaube nicht, dass ein Mensch in Tansania "die Auswahl von insgesamt 127 verschiedenen Landessprachen" hat. Du hast ja auch nicht die Auswahl, ob Du Schwäbisch, Sächsisch oder Plattdeutsch sprechen willst. Man spricht so, wie das Umfeld der Kindheit es vorgibt. Aber das ist nur ein Detail. Klar, es ist immer schwierig, wenn man all die liebevoll recherchierten Infos in der Geschichte unterbringen will ;-)

Eingetragen am: 17.03.2008

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