160 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 11 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 11 mit Übungsaufgabe

11.03.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 15.03.2008 von susannah
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6640

Miss Virginie.

Virginie Veiguenot hatte den vierten Mint Julep intus. Sie dämmerte vor sich hin.
Dem unbeteiligten Betrachter wäre die Szenerie idyllisch erschienen: Da sitzt eine alte Dame, bequem und doch mit Haltung, auf der breiten Veranda ihres imposanten Herrenhauses und genießt die Stille des frühen Abends. Direkt über ihr einer von sechs alten, leise vor sich hin schrammelnden Ventilatoren, die die drei Meter breite Veranda über ihre ganze Länge von vielleicht dreißig Metern umlüfteten und die schwere, feucht-heiße Luft verdrängten. Aber der unbeteiligte Betrachter läge falsch: Virginie Veiguenot wirkte zwar nach außen entspannt und aufgeräumt, durch vier Mint Julep – also vier Bourbon-Whiskey mit Garnitur – war sie ja auch quasi ruhig gestellt, aber innerlich war sie an diesem frühen Abend aufgewühlt und angeschlagen; obwohl ihre tadellose Haltung dies nicht vermuten ließ.

Den ersten Cocktail des Tages hatte sich Virginie Veiguenot um Punkt sechzehn Uhr genehmigt; das war Tradition auf Dogwood Plantation – und Traditionen waren Virginie heilig, sehr heilig. Wie immer hatte sie ihre Cocktail-Stunde wie eine Steh-Party begonnen; an der Veranda-Treppe, die zum Garten hinunterführte, in der rechten Hand den Mint-Julep, der in den Südstaaten in besseren Kreisen im Silberbecher serviert wurde, mit der Schulter leicht an eine der sechs prächtigen Säulen gelehnt, die die Hausfront zum Garten hin aufmotzten. Früher hatte sich Virginie in diesem Moment an Victor gelehnt, aber Victor hatte sie nach siebenundfünfzig gemeinsamen Ehejahren im letzten Sommer „im Stich gelassen“; wie Virginie es zu bezeichnen pflegte. Die brütende Hitze hatte seinem bereits seit fünfzehn Jahren schwächelndem Herz im Juli letzten Jahres den Rest gegeben. Während ihrer letzten gemeinsamen Sechszehn-Uhr-Steh-Party war Victor, mit seinem Silberbecher in der Hand, plötzlich zusammengesackt, so dass Virginie für einen Moment ihren Halt verloren hatte und fast über ihn gestürzt wäre. Das geschah in dem Augenblick, als sich zwischen Victor und Virginie bei ihrem obligatorischen Blick auf den nach französischem Vorbild angelegten Garten ein Disput anbahnte.

„Darf ich Ihnen Ihren zweiten Mint Julep anbieten, Miss Virginie?“
Charles war aus dem Haus auf die Veranda gekommen – er kannte das Timing von Miss Virginie genau – auf dem Tablett den Silberbecher des vor zwölf Monaten verschiedenen Victor Veiguenot, der dank der Gravur VV weiterhin im Verkehr blieb.
„Ja, danke Charles.“, antwortete Virginie und steuerte ihren Stammplatz auf der Veranda an: einen ausladenden, weißen, aber mittlerweile wettergegerbten Korbstuhl mit Fußteil; mit Blick auf den Garten positioniert. Charles stellte Victors Silberbecher auf den Beistelltisch und verschwand mit Virginies Becher. (Die Autorin hat sich zwecks Erzähl-Tempo erlaubt, dieser Figur den einfallslosen aber vielsagenden Namen Charles zu geben, den Virginie in respektvollem Gedenken an ihre hugenottischen Vorfahren französisch aussprach.)
Virginie nahm ihren Korbstuhl ein, der unter ihrem Gewicht kurz knaatschte, obwohl die alte Dame zart gebaut war. Den zweiten Mint Julep in der Hand, nahm sie wieder den Garten ins Visier und auch die Veranda. Der Anblick schmerzte sie. Der Garten, wie in den Südstaaten üblich zur Zufahrt auf das Haupthaus ausgerichtet und damit quasi die Visitenkarte des Hauses, war verwildert: Magnolien, Rhododendron und Bougainvillea waren – angetrieben durch das subtropische Klima – aus der Form geraten; so hatte sich das Geneviève bestimmt nicht gedacht. Noch vor wenigen Jahren war der Garten immer tipp-topp gewesen; den hatte Viriginies Ur-Großmutter, Geneviève Veiguenot, 1834 mit beträchtlichem Aufwand anlegen lassen. Auf der Veranda, Virginies Lieblingsplatz im Haus, waren die ehemals glänzend weißen Holzdielen mit den Jahren verwittert und stellenweise sogar morsch; der Lack war ab.
„Nur ein Idiot nennt das morbiden Charme.“, erwiderte Virginie Veiguenot als Betty wieder mal versucht hatte, sie einzulullen.
Solange Victor lebte, hatte Virginie die zunehmende Verwahrlosung des Hauses – ja, Verwahrlosung! – als Lieblosigkeit ihres Mannes ihr gegenüber gewertet; ja sogar als Attacke gegen sie. Seit Victor sie im Stich gelassen hatte, wusste sie, dass auch andere Gründe in Betracht kamen.
„Mein Budget ist nicht mehr so elastisch.“, hatte sie vor sechs Monaten Mr. Comford gegenüber eingestehen müssen.
Hatte sie Victor unrecht getan? War ihre unnachgiebige Position in ihrem Disput leichtfertig gewesen? Schwamm drüber! Virginie nahm den letzten Schluck Mint Julep aus Victors Silberbecher, stellte ihn auf den Beistelltisch und schlug mit ihrer knochigen Hand gegen die Hauswand, die hinter ihrem Korbstuhl verlief. Manche Dinge handhabte Virginie durchaus praktisch. An diesem Nachmittag war ihr ausnahmsweise nach einem dritten Cocktail. Betty hatte sich zum Dinner angemeldet.

Charles erschien keine drei Minuten nach Virginies Zeichen für Nachschub mit dem dritten Drink des Tages; er wusste, dass Betty zum Dinner kommen wollte.
„Danke, Charles.“
„Bitte, Miss Virginie.“
„Betty.“, knurrte Virginie nachdem Charles wieder im Haus verschwunden war. Wie kann man einem Kind so einen Unterschichts-Namen verpassen? Diese Frage stellte sie sich nun bereits seit fünfundzwanzig Jahren. (Betty war nicht der Rufname, sondern der Taufname ihrer Enkelin.)
Virginie nahm einen kräftigen Schluck Mint Julep, denn sie wusste, was ein Dinner mit Betty bringen würde: Erstens das Thema „Klima“, zweitens das Thema „Rassismus“, drittens ... Seit kurzem hatte Betty einem weiteren Thema Vorschub geleistet; eine Angelegenheit, die Virginie tatsächlich aufregte. Die beiden anderen Standard-Themen ließ sie mittlerweile an sich abperlen.
„Unser Klima fördert Katastrophen.“, war Bettys erste Lieblings-These.
Virginie schaltete bei diesem Vortrag immer auf Durchzug. Das Kind begriff partout nicht, dass ihre Familie dem dumpfen Südstaaten-Klima ihre Existenz zu verdanken hatte. Baumwolle wächst nur da, wo es heiß und feucht ist. Virginies Ur-Großvater, Gustave Veiguenot, ein eingewanderter Hugenotte, hatte Mitte des 19. Jahrhunderts eine Baumwoll-Plantage ansehnlichen Ausmaßes aufgebaut.
„Aber Katrina hat noch andere Gründe; die ... “.
Durchzug. Virginie war zu keinem Zeitpunkt bereit, das Südstaaten-Klima kritisch zu betrachten. Außerdem hatte Gustave solide gebaut. Was gehen mich die Wellblech-Hütten in New Orleans an, dachte Virginie immer insgeheim. Und: Mein Haus wird von der Zeit angegriffen, nicht von Katrina.
„Unser soziales Klima ist vergiftet.“, war Bettys zweite Lieblings-These.
Virginie hielt sich auch bei diesem Sujet schon lange zurück. Früher hatte sie versucht, dem Kind die wirtschaftlichen Zusammenhänge zwischen Sklaven und Wohlstand klar zu machen, denn eins war offenkundig: Seitdem die Plantagen-Besitzer ihre Arbeiter hatten bezahlen müssen, hatte man in dieser Branche kein Geld mehr verdient. Seitdem war es mit den Baumwoll-Plantagen langsam aber sicher bergab gegangen. Auch mit Dogwood-Plantation.
„Schwarze werden hier noch immer wie Sklaven ...“
Durchzug. Virginie war nicht mehr so töricht, sich ein weiteres Mal in die Nesseln zu setzen. Außerdem waren die Baumwoll-Plantagen der Familie Veiguenot seit Jahrzehnten abgeerntet. Was scheren mich die Schwarzen, dachte sie wiederum insgeheim. Mir liegt nur Charles am Herzen. Virginie klopfte ein zweites Mal an die Hauswand.

Betty hatte angekündigt, zu dem Dinner in Begleitung von Mr. Comford zu erscheinen; der smarte Comford war ein Banker aus New Orleans. Das war es, was Virginie an diesem Tag aus der Bahn geworfen hatte. Deshalb hatte sie ihr übliches Tages-Pensum von zwei Mint Julep an diesem Nachmittag getrost überschritten. Sie roch den Braten. Sie durchschaute das Komplott gegen sie. Sie ahnte, worauf das Gespräch mit Betty und Comford – nach den obligatorischen Themen „Klima“ und „Rassismus“ – hinauslaufen sollte.
Charles hielt Virginie das Tablett mit dem vierten Mint Julep entgegen.
„Danke, Charles.“
„Bitte, Miss Virginie.“
Virginie Veiguenot witterte, worum es Betty ging.
„Dieser alte Kasten, vollgestopft mit altem Plunder, (Damit war unter anderem Virginies Sammlung alter französischer Wollteppiche gemeint.) ist für dich doch nur ein Klotz am Bein.“, hatte Betty seit Wochen mehrmals befunden.
„Touristen aus Old Europe lieben den morbiden Charme dieser alten Herrenhäuser.“, hatte Betty letzte Woche mit Blick auf die Holzdielen der Veranda nebenbei fallen lassen.
Spätesten mit dieser Bemerkung hatte Betty in den Augen von Virginie die Katze aus dem Sack gelassen. Virginie Veiguenot war in den letzten Tagen immer klarer geworden, was Betty vorhatte: Dieses Political-Correctness-Kind wollte sie mit Unterstützung von Comford aus ihrem Haus drängen. Virginie war sich sicher, dass sie sich an diesem Abend gegen diesen Plan würde zur Wehr setzen müssen. Virginie meinte aber auch zu wissen, was letztendlich auf sie zukommen würde: Die Wahl zwischen einem Zimmer im Bed & Breakfast-Hotel „Dogwood Plantation“ und einem Platz neben Victor, auf dem St. Louis Cemetary No.1. Oder täuschte sie sich vielleicht in ihrer knopfäugigen Enkelin? Und falls sie doch richtig lag: Würde ihr Catherine vielleicht beistehen?



.


Kommentar von Sylvia

Einfach nur großartig!!!

Eingetragen am: 26.03.2008

Kommentar von Lillilu

Eine sprachliche Perle! Das ist nun wirklich nicht nur auf den Daten aus Wikipedia aufgebaut. Ich sehe Bilder aus "Vom Winde verweht", dem Hotel von "Manche mögens heiß und der alten Dame aus "Her 90th Birthday". Grossartig! LG Lillilu

Eingetragen am: 20.03.2008

Kommentar von Velarani

Sehr flüssig geschrieben aus einer für mich völlig fremden Welt bzw. einem unbekannten sozialen Milieu. Besonders gefällt mir die Art, wie sie ihre Enkelin schildert mit deren Lieblingsthesen!

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Miss Virginie ist großartig! Real wäre sie wegen ihres Dünkels wahrscheinlich schwer zu ertragen, aber über sie zu lesen macht einfach nur Spaß.

Eingetragen am: 18.03.2008

Eingetragen am: 15.03.2008 von Frog
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6626

Ich habe meinen Text 6508 noch einmal überarbeitet und nun die Ich-Form gewählt.
Möge es jetzt besser rüberkommen, auch wenn es womöglich zu lang ist.

"Ich bin wieder da!" kreischt es hinter meinem Rücken.
Ich ringe mir ein Lächeln ab. "Hallo Margit, Du schöne Frau! Ich begrüße Dich".
Ich zeige meiner alten Patientin meine weißen Zähne und lächle mein Lächeln, das ich jeden Morgen und jeden Abend mit Sandelholzöl poliere. Margit ist eine blonde Frau aus Köln, letztes Jahr hat sie gesagt, sie sei 51.
Jetzt stellt sie sich neben mich an die Bar und streicht über den weichen Stoff meines orangefarbenen Sarongs. Das Ayurveda-Hotel schreibt diese Arbeitskleidung vor, damit das singhalesische Personal authentisch wirkt. Ich zufte mir mein Beinkleid zurecht. Zum letzten Mal.
Ein Regenguss hat die heiße Luft aufgeklart, der Ozean bringt frischen Wind. Ich betrachte die kräftigen Stämme der Kokospalmen, die den Pool umsäumen. Ich verabschiede mich von ihnen. Die Blätter der Ceylon-Zimtsträucher rascheln leise, ich kann den Duft spüren, obwohl er für normale Menschen so gar nicht wahrzunehmen ist.

Margit wird die Droge, die ich nach der Ernte aus Zimt bereiten kann, gut gebrauchen. Sie raucht so viel und letztes Mal litt sie unter Verstopfung. Das Zimtgemisch wird ihre Magensäfte wieder zum Fließen bringen. Nirgendwo gibt es so guten Zimt wie in meiner Heimat.
Ich atmet tief durch. Den Duft all der Gewürze und Kräuter meiner Heimat werde ich vermissen. Aber ich habe mich entschlossen, Sri Lanka zu verlassen.
Der Margit sage ich das nicht. Sie zündet sich eine Marlboro an, bestellt einen Kokosnusssaft, reckt sich und verzieht dabei das Gesicht, als habe sie große Schmerzen. Bei Margit zu Hause in Köln gibt es die Kräuter nicht, die ihren wehen Knochen und ihren vergifteten Eingeweiden Linderung verschaffen. Dafür kommt sie seit zwei Jahren im Frühjahr nach Sri Lanka und vertraut sich meinen heilenden Händen an. Sie zahlt für ihre zweiwöchige Panchakarma-Kur mal eben 2500 Euro. So viel Geld!

Die Kunst der Ayurveda-Medizin ist mir in die Wiege gelegt worden. Meine verstorbene Großmutter Alma – der Vorname ist ein Erbe der Portugiesischen Kolonialherren – entdeckte es in meinen Augen, als ich fünf Jahre alt war. Sie lehrte mich die Iris-Diagnose, schmolz mit mir über der Feuerstelle Butterfett zu heilendem Ghee, in dem alten Blechtopf, der heute noch im Haus meines Vaters einen Ehrenplatz über dem neuen Elektroherd hatte. Ich kenne von ihr jeden Zauber, um die Hilfesuchenden, besonders die aus dem Westen, wieder ins
Gleichgewicht zu bringen.
Ich nehme mit seiner feinen Nase die Vergiftung wahr, die sich in Margits Organen breitgemacht hatte. Sie kommt von falscher Ernährung, vom Stress, von all den Toxiden, die ich so gut kennen gelernt habe während meiner Ausbildung zum Barman in einen Luxusschuppen in Galle. Am Anfang konnte ich mit meinen Kräutern die eigenen Kater-Anfälle noch besiegen, aber dann bekam ich einen Hass auf den Alkohol und die Blicke der Touristinnen. Zu viel Gift tut mir nicht gut, ich spüre das.

Ich bin dann meiner Berufung gefolgt und verdiente drei Jahre lang meine Rupien als Therapeut in diesem Ayurveda-Ressort. Doch jetzt machen mich meine Erfolge nicht mehr froh. Die meisten Patienten sind Ehefrauen aus Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden. Sie haben mich ausgesaugt. Sunil hier, Sunil da! Ich habe einen guten Körper, zarte Hände und ihre Sprachen kann ich schnell lernen. Ich habe mit ihnen gefeiert und dabei vergessen, dass ich ein Heiler bin.
Heute spiele ich hier zum letzten Mal den Affen.

Ich zwinkere meinem alten Kollegen Anil zu. Anil, ein Familienvater aus dem Hochland, spart jede Rupie für seine sieben Kinder, Ehefrau, Eltern, Schwiegereltern und Großeltern. Er ist katholisch, hasst die Tamilen, wird niemals betrügen. Aber ich kann es in seinen blitzenden schwarzen Augen sehen, dass Anil nicht ohne Neid ist auf meinen Erfolg bei Frauen.
Lange genug habe ich mir einen Scherz daraus gemacht, den Casanova zu spielen und damit vor meinen einheimischen Kollegen aus dem Hotel anzugeben. Sie wissen nicht, wie sehr ich mich manchmal schäme für meine Promiskuität. In Sri Lanka macht man nicht jeden Tag Liebe. Man ist keusch.
Aber ich kann nicht immer keusch sein. Wie soll ich keusch sein, wenn jeden Tag zehn bis 15 entblößte Frauenkörper auf meinem Massagetisch liegen und wohlig stöhnen unter meinen Fingern und dem warmen Öl? Wenn sie die Augen geschlossen haben, linse ich auf ihre Brüste. Ich kenne alle Formen, die weißen melonenförmigen mit den großen hellbraunen Warzen sind mir die liebsten. Sie sehen so anders aus als die kleinen, rosinenförmigen, nahezu schwarzen Brustwarzen meiner Landsmänninnen.
Manchmal musste ich an mich halten, um nicht auszuflippen.

Bei den Massagen habe ich Gunda kennen gelernt. Sie ist eine Ayurveda-Therapeutin aus Hamburg und wollte alles von mir wissen. Sie löcherte mich mit Fragen und ihre Erzählungen über die Sehnsucht der Deutschen, Männer wie Frauen, nach ganzheitlicher Medizin, haben mich nicht mehr losgelassen. Der Stundenlohn in Deutschland, die Aussicht, nie mehr ein Sklave der Touristen zu sein, freie Frauen und Männer zu behandeln – ich habe so lange darüber nachgedacht. Jetzt breche ich hier meine Zelte ab.
"Mein Curry-Prinz", hat mich Gunda genannt, wenn ich mit ihr Liebe gemacht habe auf meiner Schlafmatte in meiner Strandhütte. Sie hat an mir geschnüffelt und mich beim Waschen beobachtet.Jedes Mal nach dem Sex hat sie mit dem Kopf geschüttelt. Ich höre noch ihre Stimme. "Wir haben so viele Cocktails getrunken und du riechst kein Stück danach. Du duftest nach Kardamom, Curry, Zimt. Was ist dein Geheimnis?"
Ich habe es ihr nicht verraten. Ich will mein Geheimnis wahren, aber im Westen ist es vielleicht einfacher, Gunda hat gesagt, es kommen auch viele Männer.
In ihrem Zentrum ist eine Stelle frei, ich werde gehen, ich bin noch jung, meine Koffer sind gepackt.
Ich weiß wohl, dass ich ein Pendler zwischen den Welten sein werde. Aber diesen Preis muss ein Mann manchmal zahlen für sein neues Leben. Der Tsunami hat unser Land geschädigt, ich kann den Hass auf die Tamilen nicht mehr ertragen, obwohl ich Singhalese bin. Ich will das nicht mehr. Ich will das hinter mir lassen.
Letztes Jahr ist meine Mutter gestorben, mein Vater verdient seinen Lebensunterhalt für sich und meine beiden minderjährigen Schwestern als Heiler. Er wird mir alle Kräuter schicken, die ich für meine Behandlungen im Westen brauche. Ich bin gewappnet für den Neuanfang.
"Alles in trockenen Tüchern", hat Gunda gesagt, als ich ihr alles am Telefon erzählt habe.

"Du ahnst es nicht" Margit reißt mich aus meinen Gedanken. "Ich hatte im Januar ein Gesicht wie ein Mondkalb. Mein ganzer Kiefer war entzündet. Drei Wochen musste ich Antibiotika nehmen". Ich weiß nicht so genau, was ein Mondkalb ist, aber das Wort hört sich lustig an.
"Na, dann wird es ja Zeit, zu die Behandlung zu kommen", höre ich mich routiniert sagen. "Werden wir Deine überschüssige Dosha schon kaputt machen!"
Margit lacht. Ich sage ihr nicht, dass heute mein letzter Tag ist. Sie braucht die Hoffnung.
Als Margit zu ihrer Hütte geht, schaue ich auf meine Uhr. In Colombo putzen die Frauen bestimmt schon den Flieger nach Frankfurt. Mein Boss und seine Frau haben beim Abschied geweint und mich so fest gedrückt, dass ich schwer schlucken musste. Es tut weh in meinem Herzen.

Ich drücke den Talismann in meiner linken Hand, der Herz-Hand! Ein Abschiedsgeschenk von meinem Vater. Der dunkelviolette Ceylonsaphir ist birnenförmig wie Sri Lanka. Die Leute sagen, er schützt vor Untreue, Hass und Angst. Mein Vater hat den Stein für Behandlungen sogar schon im Mund getragen, um innere Gebrechen zu heilen. In meinem Sarong gibt es keine Tasche, um ihn aufzubewahren.

Aber in Deutschland werde ich ja wohl Hosen tragen dürfen...

(Sunil hatte kein Glück in Deutschland. Die Schulmedizin machte ihn verrückt. Als Ayurveda-Therapeut durfte er ohne Heilpraktikerschein nicht offiziell arbeiten. Er jobbte dann zwei Jahre als Koch in einem indischen Ayurveda-
-Restaurant und begeisterte privat mit seinen Heilkünsten – besonders Frauen mit großen hellbraunen Brustwarzen. Er brachte seine Heilkunst dann noch für eine Weile in spanischen Wellness-Clubs an den Mann (und an die Frau), zeugte dort ein uneheliches Kind mit einer Holländerin, zog in die Schweiz, wo er wiede. Er fährt, sofern es seine Finanzen erlauben, einmal im Jahr nach Sri Lanka, um seinen alten Vater und seine beiden Schwestern, die mittlerweile als Servicekräfte im Hotel arbeiten, zu besuchen. Immerhin: Das Gelächter über seinen Namen stört ihn schon lange nicht mehr. Das Waschmittel Sunil wird neuerdings auch mit Aloe Vera-Extrakt produziert, was das Heiler-Herz höher schlagen lässt.


Kommentar von Eva Marcuse

Schau doch nochmal auf Nummer 7136 vorbei. Gruß Eva Marcuse

Eingetragen am: 27.03.2008

Kommentar von Velarani

Hallo Frog, an dieser Stelle herzliche Glückwünsche zum Geburtstag! Ich wünsche dir ein schönes neues Lebensjahr und den gewünschten Erfolg mit deinem Schreibtalent und allem, was du daraus machen kannst!

Eingetragen am: 24.03.2008

Kommentar von Frog

@Angela, danke Dir für Deine ausführliche Anmerkung. In Romanform liegt das nicht vor, ich kann mir gar nicht vorstellen, einen ganzen Roman aus der Sicht eines Mannes zu schreiben. Aber wenn, dann würde ich ihn trotzdem Sunil nennen. Mit den Nebenfiguren wollte ich Sunils Scham verstärken, und ich wollte ihm die kindliche Vorstellung einpflanzen, dass die Leute in Deutschland einfach freier sind. Hätte ich vielleicht verstärken müssen, seine Naivität. Das mit dem Flieger ist wirklich Quatsch :-) und ausflippen fiel mir ein, weil das die Leute aus Sri Lanka, in deren Restaurant ich manchmal essen gehe, so gern sagen und so lustig aussprechen. Aber danke für die Kritik. Das hilft...

Eingetragen am: 20.03.2008

Kommentar von Benita

Toll, deine Geschichte über Sri Lanka zu lesen. Du hast es sehr fließend geschrieben. Macht Geschmack auf Urlaub in dem schönen Land. Gruß benita

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Viel, viel besser als der erste Entwurf! Über die letzten beiden Sätze habe ich sehr gelacht, obwohl ich, da der Name jetzt erst im Textgefüge auftauchte, nicht mehr so darüber gestolpert bin. Drei Kleinigkeiten noch: Das Wort ausflippen ist Jugendjargon und glaube ich so nicht in Sunils Sprache übersetzbar. In dem Kontext, in dem es jetzt steht, nämlich, dass die Touristinnen in Sunil den Gigolo sehen, kannst Du es ruhig bei der Formulierung "schöner Körper" belassen. Übrigens ist Gift glaube ich (außer in homöopathischer Potenzierung) immer schlecht für den Körper. ;o)

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Caro

Gefällt mir sehr gut. Man gerät in den Erzählsog und fühlt mit.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Ein interessantes Thema, ich musste nicht an Waschpulver denken:-). Deinen ersten Entwurf habe ich nicht gelesen – diesen hier finde ich sehr gelungen. Ein Wort ist mir als unpassend aufgefallen: ausflippen. Hast du das alles in der kurzen Zeit recherchiert?!

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ein schöner Text, der alle Sinne anspricht. In 6508 bittest du um Angaben der Längen: Du baust einige Handlungsstränge auf, die nicht nötig wären. Anil, sein Glaube und seine Familie sind für diese Kurzgeschichte nicht von Bedeutung und könnten ersatzlos entfallen. Der Name der Großmutter könnte entfallen und damit auch die Erklärung, woher sie ihn hat. Hier würde 'Großmutter' völlig ausreichen. Doch ich könnte mir vorstellen, dass du Sunils Lebensgeschichte bereits in Romanform in der Schublade liegen hast und wir deshalb auch auf die Nebenfiguren hingewiesen werden./Du hast erfahren müssen, dass der Name Sunil hier einige Verwunderungen ausgelöst hat (bei mir auch). Und ich denke, du solltest ihn ändern (bei einem Roman), auch wenn es ein gängiger Name auf Sri Lanka sein mag. Aber er verwirrt einen Großteil der deutschsprachigen Leserschaft./Einige Ungereimtheiten sind mir noch aufgefallen. Der Satz: "Die meisten Patienten sind Ehefrauen aus Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden. Sie haben mich ausgesaugt. Sunil hier, Sunil da." Da Sunil sich von diesem Klientel ausgesaugt fühlt, erschließt es sich mir nicht, warum er dennoch nach Deutschland will. Es kann nur schlimmer werden./Der Satz: "...die Aussicht, nie mehr ein Sklave der Touristen zu sein, freie Frauen und Männer zu behandeln..." Ich verstehe weder sein Sklavendenken, denn auch in Deutschland ist er nur ein Angestellter, noch verstehe ich, warum Menschen, die in Deutschland leben und sich dort von ihm behandeln lassen, freier sind, als wenn sie als Touristen zur Behandlung nach Sri Lanka kommen (worin liegt hier die Unfreiheit?)/Der Satz: "In Colombo putzen die Frauen bestimmt schon den Flieger nach Frankfurt." Ja, was macht Sunil denn noch im Strandhotel? Einen Flieger durchzusaugen und neu mit Essen zu bestücken, dauert oft nur dreißig Minuten. Parallel dazu wird betankt. Ich fürchte, er wird seinen Flieger verpassen./Das sind jedoch alles nur Kleinigkeiten, die deinem schönen Text keinen Abbruch tun.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Putzi

Die Geschichte kam mir gar nicht lange vor, nur eines hat mich beim Lesen gestört. Du erwendest zu oft das Wort „ich“. Versuche die Anhäufung der „ich‘s“ zu vermeiden. Zum Beispiel, „Ich weiß dass ich“. „Mir ist klar, dass ich“, geht doch auch – oder? An sonsten hat mir die Geschichte von Sunil sehr gut gefallen. Viele Grüße, Putzi

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Lillilu

Ja, gefällt mir so besser, ist irgendwie homogener geworden, nicht so flippig. Es ist jetzt weniger "unterhaltsam", dafür aber stiller, interessanter, eben homogener. Deshalb würde ich das Wort "ausflippen" ersetzen, um es der neuen Sprache anzupassen. LG Lillilu

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Velarani

Um Längen besser! So gefällt mir dein Text richtig gut, und ich finde Sunil sehr authentisch, in seiner Distanz und leichten Überheblichkeit zu den Europäern, und seiner Liebe zu seinem Land mit den gleichzeitig vielen Gründen, warum er es verlassen will. (Dass er in Deutschland scheitern wird, glaube ich auch. So, wie du die Geschichte weiterspinnst in Klammern, ist sie realistisch, aber das Buch dazu würde ich nicht lesen wollen, da müsste noch mehr Auseinandersetzung und Konflikt rein.)

Eingetragen am: 15.03.2008

Eingetragen am: 14.03.2008 von Gina K.
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6620

Ndoumbb. Ein Name wie ein Gong. So hieß der Häuptling dieses Clans. Er sprach französisch, Fang und Adouma. Unlängst hatte er den Batéké - Familien prophezeit, dass er sie mit Hilfe einer Himmelskönigin von seinen Kakaofeldern wieder vertreiben würde. Und da war ich ihm geradezu vor die Füße gefallen.
Zerschunden und mit zerfetzten Kleidern. Das gescheite Kerlchen hatte sofort erkannt, dass ich als weiße Riesenfrau seine Bedeutung ins Unermessliche steigern würde. Meiner Hingabe konnte er sicher sein, denn seine Liebesfürsorge stellte alles in den Schatten was ich jemals von männlichen Zärtlichkeiten erleben durfte. Und er hatte mich gesund gezaubert.

Wir mussten irgendwo zwischen Kango und Lara abgestürzt sein. Von Marseille aus würde man keine Suche unternehmen, denn unser Flug war zweifellos ungesetzlich, überstürzt und außerhalb der bewachten Luftkorridore.

Der crash hatte mich im flachen Bogen in dieses graue Gewässer geschleudert, auf dessen Oberfläche ich dann wie ein Kiesel bis zum Rand gerauscht war.

Ich hörte die Englein singen "dung deng dong - dang ding dong" .

Dann sah ich die Englein kommen. Im wiegenden Gleichschritt schaukelten Riesenschmetterlinge mit starr gespreizten Flügeln auf mich zu. "u leng pong - da wing dong" . Das Dutzend Gestalten tonierte eine Melodie. Die kannte ich doch. " sule pong - da wing jong" . Natürlich, das war "Sous le pont d'Avignon" !
Aus der Gruppe löste sich der vorderste Falter, stapfte mit kurzen Puppenbeinchen auf mich zu und verwandelte sich in einen schildtragenden Pygmäen. Auch von diesen Ureinwohnern hatte Pierre erzählt, und dass es sich nicht um Pygmäen handelte sondern um Punu.
Aber wie war es denn Pierre ergangen bei der Bruchlandung, und Jaques und diesem Leblanc?
Das Abendrot hinter mir begoss den Zwerg mit wogendem Magenta. Warum bewegte sich das Licht?
Ich blickte mich um. Kein Abendrot. Da quollen Glutwolken über der Absturzstelle, jenseits des Wassers. Ringsherum war Nacht. Wenn die drei noch da drüben waren, konnte ich mir das Suchen sparen.
Bienvenue!
Wie?
Reine!
Wieso Königin? Meinte er mich? Der Knirps sprach französisch, nein, er sang französisch.
Dieses graubraune Wesen umfing mich mit einem derartigen Stimmenwohlklang, wie ich ihn aus keinem Vortrag in Europa je empfunden hatte. In Trance folgte ich seiner einladenden Geste,
lies mich auf die Sänfte betten und unter seiner Führung schaukelte die Trägergruppe durch die Vorhänge aus Brazzea-Lianen.

Leblanc hatte fast den ganzen Flug verpennt, während Pierre Pleunault mich über Land und Leute Gabuns aufklärte. Durchaus kurzweilig. Wie überall auf dem Globus, waren auch in afrikanischen Tropen die Regenwälder kurz und klein geschlagen worden. Was ich durch die Gucklöcher des Fliegers für Bäume angesehen hatte, waren überwiegend Landschaftsnarben, bedeckt mit Sekundärgrün.

Gleich nach dem Start von Marseille war der Marin aus der kleinen Syrte gestiegen und hatte unseren Learjet 2000 Fuß höher geblasen als geplant, also mussten wir fast sieben Stunden in der Luft bleiben. Kérosène? Oui! Treibstoff würde reichen.
Er reichte nicht. Jaques zeigte mir eben noch die Okano - gorges in der Abenddämmerung, bevor er zur Landeschleife über den Como ansetzte, da streikten die Hilfstanks.

So wurde ich Königin im Punu-Reich.


Kommentar von Lillilu

Wunderschön und atemberaubend, wie immer. Endlich geht es dir als Königin mal so richtig gut, das gönne ich dir! Aber wer bist? Warum kann ich dich nicht gedanklich sehen? Wie wurdest du verwöhnt, gesund gepflegt? Was isst du als Königin? Ende 1. Absatz: "..VON männlichen Zärtlichkeiten" müsste AN heissen. LG Lillilu

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Gina K.

Die krummen Geschäfte sollten geschmierte Lizenzen für Magnesium- und Goldausbeutung erreichen. crash (auch französisch), wenn das kein Unfall war! Doppel b steht für langes Ausklingen des m. Flach geschleuderte Kiesel hüpfen mehrfach auf der Oberfläche. SUR ist die Kinderversion, SOUS lautete der Originaltext aus der Zeit von Avignons Päpsten. Bei der Absturzursache hätte ich genauer schreiben sollen: Die Pumpen der Zusatztanks fielen aus, es war ja noch Treibstoff vorhanden, der dann explodiert ist. Ohne Schirokko (frz. marin) hätte der Flug knapp sechs Stunden gedauert. Danke für die Aufmerksamkeit!

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Der mysteriöse Flug sollte wohl krumme Geschäfte einleiten, aber das Schneewittchen landet bei den Zwergen. Gut herausgearbeitet: der beeindruckende König. Sicher wird er im Lauf der weiteren Erzählung noch deutlicher. Anscheinend hatten die getöteten Nebenfiguren ihre Funktion schon in der Vorgeschichte erfüllt.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Einmal Königing sein! Eine spannend geschilderte Gschichte, ein paar Ausdrücke passen nicht in den Text (crash...). Passt eher zum Thema Unfall.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Kurzer Text - große Geschichte, toll erzählt, gekonnt aufgebaut und strukturiert, die Sprache fast durchgängig sehr präzise und ohne überflüssige Informationen, großartige Übergänge. Trotzdem habe ich ein paar Kritikpunkte: "Ndoumbb. Ein Name wie ein Gong" bricht für mein Gefühl tonlos ab. "Von Marseille aus würde man keine Suche unternehmen" Was steckt dahinter? Warum ist der Flug illegal? "auf dessen Oberfläche ich dann wie ein Kiesel bis zum Rand gerauscht war" Kiesel gehen unter, oder? Klasse Idee: "Ich hörte die Englein singen .. dung deng dong - dang ding dong .. Dann sah ich die Englein kommen ... Riesenschmetterlinge .. SUR le pont" Toller Übergang zu Pierre und den anderen: "er wandelte sich in einen schildtragenden Pygmäen ( ) Auch von diesen Ureinwohnern hatte Pierre erzählt" „also mussten wir fast sieben Stunden in der Luft bleiben“ habe ich nicht verstanden. Wie viel wäre es denn ohne Marin? Sehr lakonisch: Der Treibstoff. Reichte nicht. „da streikten die Hilfstanks“ - sicherlich leer. Dann streiken eher die Motoren. Gab es keine Fuel-Anzeige? Notlandung? In dieser Lage war mir Pierre etwas zu lässig drauf.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Eine spannende Geschichte, die sich in viele Richtungen entwickeln kann. Ein leicht karikiertes Abentheuer - es könnte eine Komödie werden, ein Kinderbuch oder ein Agententhriller. Du hast unaufdringlich viele Infos eingebracht. Anbei: Es heißt "intonierte", nicht "tonierte". Schön! Gleich zwei Länder eingepackt.

Eingetragen am: 15.03.2008

Eingetragen am: 14.03.2008 von steffy
[ Lesezeichen ]

6611

Es war ein seltsamer Tag in Jerusalem. Viele ausländische Studenten hatten sich an diesem Tag mit ihren israelitischen Komilitonen an der Klagemauer versammelt, darunter auch viele Mädchen. Die jüdische Männer die bereits zum Gebet gekommen waren, beschwerten sich über die Anwesenheit von soviel Jüdinnen mit unbedeckten Haaren. Aber als eine junge Jüdin aus der Menge hervor trat kannten die Männer kein Pardon mehr. Lauthals versuchten sie das Mädchen von der vorgetretenen Platz zu vertreiben. Sie schrieen, klagten und versuchten sie zu weg zu drängen. Aber damit verstärkten sie nur den Zorn der andere Studenten. Die Männer wurden reissend nach hinten gedrängt um der Rednerin Platz zu machen. Die jünge Jüdin lies sich von ein paar jungen Männern auf ein Podest heben und begann lauthals mit ihrer Rede:

“ Liebe Freunde. Ich bin Sharon Stern. Tochter von Yosef Stern, Doktor der jüddische Geschichte an der Universität und Magda Stern, landesweitbekannte Journalistin. Meine Großeltern Yosef und Ruth Stern, haben die Naziunterdrückung in Deutschland miterlebt. Mein Bruder David musste im Krieg der nicht seiner war sein Leben lassen.
Ein Kampf der sei den Tagen unserer Vorväter tobt. Ein Konfiklt voller Missverständisse! Voller Verständnisslosigkeit zwischen uns Juden und unseren Brüdern den Moselms. Sind wir nicht alle aus dem Geschlecht Abrahms?
Sind wir nicht Brüder und Schwestern unter den Augen unseres Gottes?
Liebt er unsere moslimischen Schwestern und Brüder nicht genauso wie er uns liebt?
Stehen nicht auch hier in dieser Stadt ebenso ihre Heiligtümer, wie auch unsere?
Aber auch unsere anderen Geschwister, die Kinder Jesu sind hier. Auch sie haben ihre Heiligtümer hier. Ist es nicht endlich Zeit unsere Grenzen einreissen?
Können wir nicht über solche Kleinigkeiten wie Religionsfragen hinweg sehen?
Ich liebe einen Mann der deutscher Student ist. Er bedauert die Fehler seiner Volkes ebenso sehr wie meine Generation bedauert, dass wir unsere Brüder nicht einfach in die Arme nehmen können. Das wir an sinnlose Streits festhalten, die nicht unsere sind. Meine Brüder und Schwestern, ich bin eine von euch. Ein Mensch genauso so gleich vor Gott wie wir alle gleich sind. In unseren Adern fließt das gleiche Blut in unseren Augen die gleichen Tränen. Wir bluten wenn wir gestochen werden. Wir weinen wenn wir verletzt werden.
Werdet endlch erwachsen!! Ihr sucht bei anderen nach Fehlern, aber bevor ihr das macht sucht sie ihn uns selbt. In unsere schlechten Gedanken, in unseren schlechten Eigenschaften und deren Taten.
Lassen wir die Finsternis der Vergangenheit hinter uns und treten ins Licht der Zukunft. In eine Zukunft, in der wir keine Feinde mehr sind.
In eine Zukunft in der es egal ist, welchen Glauben man angehört, sondern wichtig ist was für ein Mensch du bist und welche Taten dich defenieren.“
Kleine Tränen traten sanft in den Augen der jungen Frau. Zum Abschluss reichte ihr jemand eine Kerze und sie entzündete sie. Nur kurz vernahm man noch ihre Stimme:
“Für die Vielen die sinnlos gestorben sind.“


Kommentar von Metta Maiwald

"Ihr sucht bei anderen nach Fehlern, aber bevor ihr das macht sucht sie ihn uns selbt." - Gilt das auch für Rechtschreibfehler? Übrigens, Melli, es heißt "wegen der Fehler". Weswegen? Nicht demwegen! - Obwohl ich mit dem Inhalt übereinstimme und mich über so ein mutiges Plädoyer für ein friedlicheres menschliches Miteinander freuen würde, finde ich das Übungsthema nicht gut umgesetzt, da man kaum etwas über die Identität von Sharon Stern erfährt, wohl etwas über ihre Vergangenheit, aber nichts über ihr gegenwärtiges Leben.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Ein gutes Thema, eine ungewöhnliche Art jemanden vorzustellen, d.h. du hast ja ein/zwei Völker vorgestellt. Ein sehr emotionales Thema - ich denke, dein Text würde intensiver die Gefühle vermitteln, wenn du aus der Sicht der jungen Frau schreiben würdest -dann hätte der Leser auch gleich die Chance sie kennenzulernen. Du müsstest mehr auf die Kommasetzung achten, dann ist der Text einfacher zu lesen.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Caro

Ein heikeles Thema gut umgesetzt. Nur in dem letzten Satz, als Tränen in ihre Augen treten, wüde ich das "sanft" weggelassen. Auf jeden Fall super geschrieben.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Putzi

Hallo Steffi. Als ich Deinen schönen Beitrag las, ging mit das Herz auf. Es liegt so viel Wahrheit drin und auch so viel naiver Kampf um Gerechtigkeit. Naiv, weil die Testeorosongesteuerte Männerwelt nicht zuhört, nicht zuhören will. Sie reagieren mit Gewalt und sind notfalls bereit, das junge Mädchen zu töten, damit sie ihren „Friedensmist“ nicht weiter verbreiten kann. Wurde Jesus nicht aus ähnlichen Gründen ans Kreutz genagelt? In der Bibel steht: „Die Frau, wird der Schlange den Kopf zertreten.“ In diesem Satz steckt eine große Verantwortung. Unserem Ziel sind wir noch Jahrhunderte Weit entfernt. Ich freue mich, in Dir eine gleichgesinnte Schwester gefunden zu haben, die nur auf den Menschen achtet. Gleich, welchem Geschlecht oder Nationalität er angehört. Tief bewegte Grüße, Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Melli

Was hat die Vorhandlung mit der Rede der Sharon zu tun? Ich würde dir auch noch mal raten, nicht nur deswegen deinen Text zu überarbeiten, sondern auch wegen den ganzen Grammatik- und Rechtschreibfehlern...

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Für mich stellt sich die Frage: Ist Deutsch nicht deine Muttersprache? Dann sollte vielleicht jemand helfen und korrekturlesen. Oder ist es ein Stilmittel, um eine fremde Identiät zu erzeugen? Wenn dem so ist, dann funktioniert es für mein Gefühl nicht. Den ersten Absatz verstehe ich inhaltlich kaum. Und für wen steht diese junge Frau, die die Rede hält?

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Lillilu

Dem Inhalt von Sharon Sterns Rede stimme ich absolut zu, sie ist sehr bewegend. Scheint eng an Shakespeares Shylock aus dem Kaufmann von Venedig angelegt zu sein. Aber sind die vielen Grammatikfehler etwa Absicht?

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Steffy, ich hab beim Lesen sogar Gänsehaut gekriegt, du hast die Rede der jungen Frau "gut vorbereitet" und sicher die meisten Herzen der Zuhörer ( und Leser) gewonnen. Ob sie mit dieser humanen Lebenseinstellung Erfolg haben wird oder vielleicht sogar zu Grunde gehen wird, in einer Welt mit so viel Lieblosigkeit?

Eingetragen am: 15.03.2008

Eingetragen am: 14.03.2008 von Andrea Merten
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6605

Mit dieser Übungsaufgabe tue ich mich schwer. Welches Land interessiert mich am meisten, welche Menschen? Eine Afghanin unter ihrer Burka, ein Shaolin-Mönch, ein japanisches Schulkind, eine afrikanische Mutter, ein Geschäftsmann aus New York?

Deshalb habe ich mich nun entschlossen, einen Text einzustellen, den ich schon vor ein paar Jahren geschrieben habe. Weil er die zweite Hälfte eines Kinderbuches darstellt - das Genre, in dem ich am liebsten schreibe - und ich bereits ein Bilderbuch im Selbstverlag veröffentlicht habe, benutze ich diesmal auch kein Pseudonym.

Im ersten Teil des Buches wird ein Tag im Leben von Klara erzählt, einem Mädchen aus Hamburg, das auf dem Schulweg im Park plötzlich Kiro, einen Indianerjungen aus Brasilien, trifft. Ist die Begegnung Wirklichkeit? Ihre technisierte Welt scheint ihm fremd und bedrohlich. Abends schlafen die Kinder ein, sie zu Hause, er in eine geliehenen Hängematte im Park. Er erwacht am nächsten Morgen in seiner Hütte. Im Dschungel begegnet ihm ein blondes Mädchen, Klara. Ist die Begegenung Wirklichkeit? Der Urwald erscheint ihr zunächst fremd und bedrohlich...

Ein Wendebuch fürs Erstlesealter, von vorne und hinten zu lesen


Woher kommst du, Klara?
Die seltsame Begegnung mit einem Kind aus einer anderen Welt

Kiro schlug die Augen auf und sah sich in seiner Lehmhütte um. Die Sonne hatte ihn geweckt. Seine Geschwister schliefen noch. Dicht gedrängt lagen sie neben ihm in ihren Hängematten. Hatte er die Geschichte mit Klara nur geträumt? „Was meinst du, Tamjuk?“ – Sein selbst geschnitzter Holzaffe schaute ihn mit seinen braunen Knopfaugen an. Vor ihm auf dem Boden lag eine blau schimmernde Entenfeder.

Der angenehme Duft von brennendem Holz stieg ihm in die Nase; seine Mutter hatte vor der Hütte schon ein Feuer gemacht. „Aufstehen, Kinder. Kiro, Wasser holen“, rief sie. Kiro krabbelte hinaus und nahm sich die Cabaça, die getrocknete Schale einer Tropenfrucht, um auf nackten Füßen zur nahe gelegenen Quelle zu laufen und Wasser für die Familie zu holen. Das war Arbeit der Frauen und Kinder. Kiros große Schwester Mila hatte inzwischen Manivawurzeln zerkleinert und die kleine Miku half der Mutter, einen Korb mit Früchten, die sie im Urwald gesammelt hatten, bereitzustellen.

Im Kreis setzte sich die Familie auf den Boden, um gemeinsam zu essen, zu plaudern und zu lachen. Jedes Kind reinigte seine Essensschale. Die Mutter flocht den Mädchen Zöpfe und rieb Kiros Haare mit Öl ein, damit sie schön glänzten. Dann bereitete sie einen selbst geflochtenen Korb mit Proviant vor.

„Du kommst heute mit mir zum Fischen“, sagte Kiros Vater nach dem Essen. Gemeinsam gingen sie hinunter zum Fluss. Hier wuschen die Frauen auch die Wäsche. Kiro setzte sich ins Kanu, das sein Vater ins grüne, träge dahinfließende Wasser schob und schließlich vom Ufer abstieß. Mit ruhigen Paddelschlägen lenkten sie das Boot ein Stück flussabwärts.

„Sieh!“ Kiros Vater deutete in die Baumwipfel. Ein Tukan flog auf. Schweigend fuhren sie weiter, nur begleitet vom Lärm einer kleinen Horde Affen und vom entfernten Geschrei vieler Vögel, die sich im Dickicht des Urwaldes verbargen.

„Hier.“ Kiros Vater kletterte aus dem Kanu und zog es ans Ufer. In der flachen Bucht wimmelte es von Fischen. Der Vater legte seinen Bogen an, zielte genau und … getroffen! Er zog einen Pfauenaugenbuntbarsch aus dem Wasser. „Jetzt du.“ – Das Fischen mit Pfeil und Bogen erforderte große Geschicklichkeit und Kiro war noch sehr jung. Voller Spannung beobachtete er die dahinhuschenden Schatten. Würde es ihm gelingen? Ruhig legte er den Pfeil an die Bogensehne und … „Gut, mein Junge!“ Stolz holte Kiro den erlegten Seekuh-Messeraal aus dem Fluss. Als sie genügend Fische für die Familie gefangen hatten, kehrten sie ins Dorf zurück.

Der über dem offenen Feuer gebratene Fisch duftete köstlich und alle freuten sich über den guten Fang. „Leben eigentlich alle Menschen so wie wir?“, fragte Kiro seine Großmutter, die schon viel gesehen und erlebt hatte und deshalb von allen hoch geachtet wurde. „Nein“, die alte Frau lächelte, sodass die Augen in ihrem faltigen Gesicht blitzten, „auch hier in Brasilien wohnen Menschen in riesigen Städten, durch die man in der Zeit zwischen zwei Monden nicht hindurchwandern kann. Deshalb sitzen sie in lärmenden, stinkenden Kisten und rollen von einem Ort zum anderen. Überall sind Steine und kaum ein Baum. Die Früchte und die Fische werden von weither gebracht und in Häusern gegen runde Metallstücke und kleine Papierblätter getauscht, die dort jeder Mensch für seine Arbeit bekommt.“ Gebannt lauschten die Kinder der Erzählung der alten Frau. – Kiro überlegte, ob es wohl schön sei, nicht mehr laufen zu müssen und anderen die Jagd zu überlassen. Die Bequemlichkeit schien verlockend, aber sicher würde er den Urwald vermissen.

Kiro beschloss, ein wenig umherzustreifen und die nähere Umgebung zu erforschen. Vielleicht konnte er wieder die Affen beobachten, wie sie sich munter von Baum zu Baum schwangen und kreischend um ein paar Früchte stritten. Doch was er tatsächlich entdeckte, war mehr als überraschend. Erst sah er nur etwas Orangefarbenes aus dem Grün der Blätter hervorleuchten, dann blickten ihn unter blonden Locken aus einem hellhäutigen Gesicht zwei blaue Kinderaugen ängstlich an.

„Was machst du denn hier?“, wollte Kiro wissen. Das Mädchen deutete auf sich selbst und sagte: „Klara.“ „Du heißt Klara? – Ich heiße Kiro.“ Er zeigt auf sich selbst und wiederholte: „Kiro.“ – Kannte er Klara nicht aus seinem Traum?

Klara hatte Hunger. Sie fühlte nach einem Geldstück in ihrer Rocktasche. Zuhause konnte sie sich davon etwas zu essen kaufen. Hier im Urwald war es wertlos; was sollte Kiro damit? – Klara zeigte auf ihren Mund und kaute. Dann klopfte sie sich auf den Bauch. Kiro verstand.

Er nahm Klara bei der Hand und führte sie durch den Urwald. Der Junge scheint sich hier gut auszukennen, dachte Klara beruhigt. Allein hätte sie sich sicher verlaufen. Sie pflückten Bananen und Mangos und allerlei Früchte, die Klara noch nie zuvor im Leben gegessen hatte. Waren die auch nicht giftig? Kiro kletterte geschickt auf die höchsten Bäume und reichte ihr die Köstlichkeiten, die der Urwald in Hülle und Fülle zu verschenken hatte, herunter.

Das undurchdringliche grüne Blätterdach und die Geräusche der Tiere, die hier lebten, waren für Klara faszinierend und beängstigend zugleich. – Kiro spürte die Unsicherheit seiner neuen Freundin. Ein seltsames Mädchen.

Schon bald hatten sie das heimatliche Dorf erreicht. „Seht, ich habe einen Gast mitgebracht“, rief Kiro schon von weitem. Alle Mitglieder der Familie traten vor die Hütte, um das fremde Mädchen willkommen zu heißen. Kiros Geschwister kamen neugierig herbeigelaufen und bestürmten Klara mit Fragen. Natürlich verstand sie kein Wort, aber sie war erleichtert über den freundlichen Empfang, den man ihr bereitete. Klara wurde eingeladen, mit Kiros Familie am Feuer zu sitzen und zu essen. Wieder gab es zerkleinerte Manivawurzeln, die mit Wasser zu einem Brei gerührt wurden, dazu Früchte und Fisch.

„Den habe ich selbst gefangen“, stolz zeigte Kiro Klara seine Jagdwaffen. Kiros Großmutter setzte sich zu Klara. Zu ihrer Überraschung sprach die Alte einige Wörter Portugiesisch. Das verstand Klara, weil sie schon ein paar Mal mit ihrem Papa in Portugal Urlaub gemacht hatte. „Donde é que tu és? Sao Paulo?“ Klara schüttelte den Kopf. Nein, sie kam nicht aus Sao Paulo. „De uma cidade grande em Alemanha“, antwortete sie. Die Indianerin wiegte den Kopf, aha, eine andere große Stadt in Deutschland. „Suo de Hamburgo“, fügte Klara erklärend hinzu. „Hamburgo?“, die Indianerin strahlte übers ganze Gesicht, erhob sich mühsam und ging gebückt in ihre Hütte. Als sie wiederkam, schwenkte sie etwas hin und her. Klara erkannte einen Becher und darauf das Bild des berühmten Wasserträgers Hummel vor der Silhouette des Hamburger Hafens mit dem Michel*. Er war auf wer weiß was für Wegen durch irgendwelche Urlauber oder Auswanderer nach Brasilien gelangt. Kiros Onkel, der eine Zeit lang in den Slums von Sao Paulo gelebt hatte, hatte ihn schließlich bei der Suche nach etwas Brauchbarem auf der Müllkippe gefunden und ihn Kiros Großmutter mitgebracht. „Grüße aus Hamburg“ stand darauf.

Die Nacht senkte sich über den Urwald. Am Himmel blinkten die Sterne klarer als irgendwo anders auf der Welt. Aus der Ferne vernahm man das unheimliche Brüllen wilder Tiere. Zum Glück lud Kiros Familie Klara ein, bei ihnen zu übernachten. Noch lange saßen sie gemeinsam am Feuer, sangen Lieder und erzählten Geschichten. Klara fühlte sich warm und geborgen.

Erst spät am Abend gingen die Menschen in ihre Hütten. Kiro überließ Klara seine Hängematte und schlüpfte mit zu seinem jüngeren Bruder Keju. Kurz vor dem Einschlafen stand Klara noch einmal auf und schlich zu Kiro. Sie reichte ihm eine schimmernde blaue Entenfeder, die sie daheim im Park aufgesammelt hatte, weil sie so schön war. „Für dich“, flüsterte sie, „und danke für alles.“ In der Dunkelheit der Behausung erahnte sie das Lächeln seines Gesichts. Aus seinem Halsschmuck zog er eine Tukanfeder. Das war sein Geschenk.

Klara lag noch lange wach und lauschte in die Weite des Urwalds. Sie war unendlich froh, nicht dort draußen allein in der Dunkelheit schlafen zu müssen, obwohl es hier bei Tage wunderschön war. Dennoch hatte sie Sehnsucht nach ihrem Zuhause. Sie schlief ein und träumte von Mama und Eddy, von ihrem Bett und ihrem Zimmer, von Pfannkuchen und ihrer Lieblingsmusik.

Auch Kiro konnte noch nicht schlafen. Der Mond tauchte das Innere der Hütte in kühles Licht, überall auf der Erde schien er, auch auf Klaras Zuhause. Wie gern würde Kiro sie einmal besuchen und ihre Welt kennen lernen. Während Wolken am Himmel auf- zogen und der allnächtliche Regen einsetzte, entführten ihn seine Gedanken ins Land der Träume, wo Wünsche Wirklichkeit werden.

* Hummel lautet der Name eines Hamburger Originals. Der Wasserträger mit seinem Joch und den beiden Eimern daran wurde von den Einheimischen verspottet. Auf ihre höhnischen Rufe: „Hummel, Hummel!“ soll er geantwortet haben: „Moors, Moors!“ (Also: „Leck mich am A....!“) Hamburger wählen in Anlehnung daran gern das Autokennzeichen HH - MM. Michel ist die liebevolle Bezeichnung der Hansestädter für ihre St. Michaelis-Kirche.


Kommentar von Andrea Merten

@Angela: Die Tembé-Indianer fischen tatsächlich mit Pfeil und Bogen. Unicef hat 1995 das Buch "Kinder aus aller Welt" herausgegeben. Die Autoren Barnabas und Anabel Kindersley sind dazu ein Jahr lang durch die Welt gereist und haben Kinder in ihrem Zuhause fotografiert und befragt zu ihrem Leben, Schule, Essgewohnheiten, Spielen usw. @ Angela und Malea: Der Vorschlag, das Buch fürs Erstlesealter (6-8 Jahre) zu produzieren, kommt nicht von mir, sondern von einer Lektorin des Esslinger Verlages, der ich die Geschichte bei der Frankfurter Buchmesse mal als Bilderbuch angeboten hatte. Sie hatte das Manuskript erbeten und fand es wegen "längerer erzählender Passagen" besser geeignet als Lesebuch. Leider fanden entsprechende Verlage, es passe nicht in ihr Programm (gängiger Ablehnungsgrund). Nach meiner Erfahrung als Mutter können Bilderbuchtexte sogar eher anspruchsvoller sein, weil hier ja Erwachsene vorlesen. Wenn man sich z.B. Petterson und Findus anschaut, sieht man, dass dort auch schon eine ganze Menge Text steht. - Mit der Zuordnung zur richtigen Altersklasse habe ich immer etwas Schwierigkeiten, weil meine Tochter schon früh Texte gelesen hat, die über ihre Altersgruppe hinausgingen und nach einem halbe Jahr Schule praktisch alles lesen konnte. Ich glaube ehrlich gesagt, Zehnjährige haut der Text nicht mehr vom Hocker. Danke trotzdem allen für ihre Kritik!

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Malea

Schade, warum hast Du es nicht einfach ausprobiert mit dem japanischen Schulkind? Es muss ja kein Roman werden, eine kurze Vorstellung der Person reicht ja. Deine Geschichte finde ich schön, aber für Erstlesealter ist die Sprache zu schwierig - komplizierte Wörter (z.B. Silhouette), zu viel Passiv-Konstruktionen und Schachtelsätze. Schau Dir mal so was wie "Das magische Baumhaus" an, dann siehst Du, was Kinder ab 8 flüssig lesen können. :-)

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Putzi

Liebe Andrea. Mit Deiner kurzweiligen Geschichte hast Du mich in eine märchenhafte Dschungelwelt geführt, was mir sehr gefallen hat. Wo steht geschrieben, dass wir zur Realität verpflichtet sind? Phantasie, ist eine Grundvoraussetzung für das Schreiben und deshalb möchte ich Dich dazu ermuntern, noch mehr solcher schönen Geschichten zu verfassen. Viele Grüße, Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Kinderbücher zu schreiben halte ich für eine gute Idee; Kinderbücher, mit denen die junge Leserschaft über den eigenen Tellerrand hinaus blicken kann, noch mehr./Du sprichst vom Erstlesealter. (Das ist für mich das Alter 5 - 7 Jahre) Deinen Text halte ich dafür jedoch für zu lang und zu anspruchsvoll, vor allem, da dieser Ausschnitt nur die 2. Hälfte darstellt. (Besser: 8 - 10 Jahre)/Bist du sicher, dass die Fischfangtechnik stimmt? Mit Lanzen und Speere Fische zu fangen, ist mir bekannt. Doch mit Pfeil und Bogen? Was, wenn man daneben schießt? Das Flussbett müsste mit Pfeilen übersät sein, die dort im Schlamm stecken. Und was, wenn man trifft? Schwimmen größere Fische mit dem Pfeil im Leib auf und davon? Ich habe keine Ahnung. Wo kann ich so etwas nachlesen/recherchieren?.

Eingetragen am: 15.03.2008

Eingetragen am: 14.03.2008 von Velarani
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6601

Hoffentlich kommt das Boot bald. Ich sitze schon den ganzen Tag hier am Ufer. Meinen Platz habe ich nur zum Pinkeln verlassen. Ich will der erste sein, der auf dieses Boot kommt.
Meine Waffe habe ich umgehängt, sie ist noch heiß von der sengenden Sonne, obwohl jetzt die Kühle vom Meer heraufgekrochen kommt. Den ganzen Tag habe ich über die flimmernde Wasserfläche in die Ferne gestarrt. Dort muss der Jemen sein, mein Ziel. Jetzt kann ich sowieso nichts mehr erkennen, es ist schwarze Nacht. Noch circa hundert zerlumpte Gestalten hocken hier mit mir. Es werden nicht alle ins Boot passen. Ich muss mir meinen Platz sichern. Ich höre sie jammern. Stöhnen. Sie haben versucht, den Tag im Schatten der Akazien zu überstehen. Manche hatten kein Wasser. Ein langer Marsch war es, bis ich endlich diese Küste erreichte, wie lang, weiß ich nicht.
Zum Glück habe ich meine Waffe. Ich streiche gedankenverloren über den Lauf. Diese habe ich jetzt schon lange, ich habe sie einem toten Darod abgenommen. Ich selbst gehöre zu den Hawiye, den Reer Daar. Die Namen meiner Vorfahren kann ich aufsagen über viele Generationen, mein Vater hat es mich gelehrt, als ich fünf war. Das werde ich im Jemen sagen, wenn wir ankommen, wenn wir die Reise erst hinter uns haben, wenn sie mich fragen, wer ich bin. "Ich bin Nureddin Hassan Daar", werde ich sagen, "vom Clan der Hawiye, von den Nachkommen von Daar." Sie werden uns zu essen geben. Wenn ich nur zu essen hätte, würde ich hier bleiben.
Ob sie mir die Waffe abnehmen werden? Bisher ist es eigentlich ganz gut gegangen. Es gab Kämpfe, aber Kämpfe gibt es immer. Wir hatten einen Laster, damit sind wir durch die Straßen gefahren, viele von uns, und haben gegen die anderen gekämpft. Wir waren gut, wir hatten immer Munition, uns hat man gern genommen. Es lief gut. Bis die Äthiopier kamen. Mohamed und Abdelkader sind jetzt tot. Ich habe es geschafft. Wir sind im Schlamm steckengeblieben, in der letzten Regenzeit. Es gibt jetzt nicht mehr viel zu essen. Die in den Dörfern, durch die wir kamen, hatten selbst nichts mehr, ihre Ziegen lagen tot am Straßenrand.
Ich möchte Khat kauen. Noch ein, zwei Tage auf dem Boot, dann bin ich draußen. Im Jemen soll es besser sein. Viele haben das gesagt unterwegs.
Die Frau mit dem Kind dort stinkt erbärmlich, die Brühe läuft dem Kleinen an den dünnen Beinen runter, ich rücke angeekelt weg. Die Alten da werden wohl noch hier am Ufer sterben, der Hunger hat ihnen tiefe Löcher ins Gesicht gebrannt, sie halten sich kaum noch auf den Beinen. Auf den jungen Burschen dort muss ich aufpassen. Er schaut verstohlen zu mir herüber, und seine Hände zucken. Er ist noch kräftiger als die anderen, er könnte einen Angriff wagen in der Nacht. Mein Geld ist in meinem Gürtel versteckt, den ich in einem der vielen verlassenen Häuser in Mogadischu gefunden habe, ein wertvoller Fund. Aber seine Augen sind gierig.
Damit kenne ich mich aus, seit ich die Ziegen meines Vaters gehütet habe. Wenn ich drüben bin, werde ich arbeiten und meinen Brüdern Geld schicken für neue Ziegen. Und für Kamele. Wenn sie Futter finden, können sie wieder umherziehen und werden genug zu essen haben. Auf meinem Weg habe ich verendete Tiere gesehen, sie stinken. Nicht nur Ziegen und Kamele, auch Gazellen und eine halb aufgefressene Giraffe zwischen den Dornbüschen. Sie haben sie liegen lassen. Die sie lebend fangen, verkaufen sie in die arabischen Länder, habe ich gehört. Auch kein schlechtes Geschäft.
Ich bin der erste, der die Bewegung sieht, auf dem Wasser, in der Dunkelheit, das winzige Licht. Ich springe nicht auf. Ich bringe mich in eine günstige Startposition, ich umklammere die schwere Waffe, ich behalte den kräftigen Kerl im Auge. Gleich wird das Boot wie ein Schatten auf dem schwarzen Wasser erscheinen, und ich werde der erste sein, der es packt.


Kommentar von Lillilu

Hallo Velarani, ich bin hier spät dran mit meinem Kommentar - es ist alles schon gesagt, trotzdem: Was man im Englischen "drive" nennt zieht sich hier durch: Energie, Wachsamkeit, Überlebenswille. Du hast alles in klare Bilder gepackt, auch die "gierigen Augen" - sie sind auf die Waffe, auf das Geld, auf den Gürtel gerichtet. Genau so stelle ich mir einen Asylbewerber am Anfang seiner Flucht vor. Wenn sie dann bei uns ankommen sieht das schon ganz anders aus - ich habe sie beim, Dolmetschen vor Gericht, im Gefängnis und bei der Polizei kennen gelernt. Da sind sie ohne Illusionen und heimatkrank.Ein Drama! LG Lillilu

Eingetragen am: 22.03.2008

Kommentar von Velarani

Vielen Dank für eure Kommentare! Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie geierig ich auf die Rückmeldungen bin und wie mich das Wochenende geschafft hat, als noch nichts zu sehen war! Die sprachlichen Hinweise halte ich alle für richtig und werde die Stellen korrigieren. Großartige Ermutigung, freut mich! @fledermaus: Danke für das Blog, gute Idee, aber du gibst da auch ein ziemliches Niveau vor, mal sehen, ob ich mich traue... @alle:Nummer des eigenen Beitrags fände ich auch gut, weil ich mich revanchieren will.

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von ju bli

Der Text ist ganz große Klasse! Man ist absolut im Kopf des Flüchtlings drinnen, seine Gedanken und Gefühle sind authentisch. Die Sprache passt. Du hast es geschafft, alles was unsereins über derarige Schicksale weiß, in die Figur reinzupacken und aus ihrem Blickwinkel zu schildern. Da ist nichts unstimmig im Text, nichts wo ich mir denken würde: na, so redet der nicht, das kann der gar nicht wissen, über sowas denke so ein Mensch gar nicht nach ... etc. Du bist in seiner kleinen Welt geblieben. Ganz großes Kompliment!!!

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Sehr gelungen, wie Du die Details über die Lebenssituation, die zur Flucht führen, die Informationen über den familiären Hintergrund und über die Menschen, die dort leben, in die Geschichte einfließen lässt. Vielleicht könnte die Personenbeschreibung noch ein wenig genauer sein. Welche Kleidung tragen die Menschen?

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Dir ist eine wirklich gute Erzählung um eine noch nicht beendete Flucht gelungen. Der Text vibriert geradezu vor Anspannung, ebenso wie der Protagonist. Manches habe ich zwar nur ungefähr verstanden (z.B. das mit den Äthiopiern und warum die beiden anderen Jungen danach tot waren), aber ich denke, dass das einer der Gründe ist, wieso dieser Text "funktioniert". Du lässt genug Lücken, die der Leser mit seiner Phantasie ausfüllen kann; die Lücken sind aber auch nicht so groß, dass der Leser in ein Loch fällt. Nur eine Kleinigkeit ist mir aufgefallen: Der Satz "Aber seine Augen sind gierig", passt nicht in den Kontext. Er bezieht sich weder richtig auf den vorangegangenen Satz, noch auf den folgenden. Wobei mir auch nicht klar ist, wieso sich der Protagonist mit gierigen Augen auskennt, seit er die Ziegen seines Vaters gehütet hat. Die drei Sätze stehen sehr unvermittelt nebeneinander; deshalb würde ich diese Stelle noch einmal überarbeiten. Ansonsten aber nochmal: Sehr spannende Geschichte, großartige Erzählung! Viele Grüße Carola

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Toll! Sehr spannend, sehr glaubwürdig, ich möchte unbedingt weiterlesen, wenn der Streit um einen Platz im Boot beginnt. Daraus könnt ein guter Roman werden. Zwei Sätze sind mir aufgefallen: "Die sie lebend fangen, verkaufen sie in die arabischen Länder, habe ich gehört." Diesen Satz würde ich anders beginnen. Und "Aber seine Augen sind gierig" diesen Satz würde ich auch anders beginnen, da der Zusammenhang fehlt- vielleicht: „Die Augen des jungen Burschen sind gierig.“

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Elisabeth

"Ich will der erste sein, der auf dieses Boot kommt..." Man spürt die Anspannung, die Ungeduld, das Trachten nach einem besseren Leben. Ob er es geschafft hat? Das würde mich sehr interessieren!

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Ich finde die wachsame, erschöpft-hoffnungsvolle Stimmung gut getroffen. Ich sehe einen jungen Mann, der die letzten psycho-physischen Reserven mobilisiert hat; er kann noch durchhalten, aber wenn er sich in Sicherheit wähnt, wird die Vergangenheit ihren Tribut fordern. Schön gemacht. ich bin nur über "runter" und "aufgefressen" gestolpert. Ich schlage für ersteres "herab" oder "hinunter" vor (ist ein Unterschied, eigentlich, kommt auf die Position an. "Hinunter" wäre von oben betrachtet, "herab" von unterhalb). Für die zweite Stelle fällt mir allerdings gerade keine befriedigende Lösung ein. Gefällt mir.

Eingetragen am: 15.03.2008

Eingetragen am: 14.03.2008 von Jutta Wölk
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6579

Ellen nimmt die Tageszeitung aus dem Briefkasten, der sich am Ende des langen Weges befindet, unten am Anfang ihrer Auffahrt. Während sie den Weg wieder hinaufschlendert, überfliegt sie die heutige Schlagzeile: „Suche nach vermissten Touristen eingestellt!“
Sie geht zurück zum Haus, saugt die frische Luft tief in ihre Lungen und genießt die warmen Sonnenstrahlen des Tages auf der Haut. Die Aspirin fangen an zu wirken, und die hämmernden Kopfschmerzen sind einem dumpfen Gefühl in ihrer rechten Stirnhälfte gewichen. Es tut gut, wenn die Schmerzen merklich abklingen und Ellen entspannt sich zusehends.
Das war endgültig das letzte Mal, sagte sie sich in Gedanken, obwohl sie genau weiß, dass sie sich selbst belügt. Wenn es ihr in ein paar Stunden wieder gut geht, hat sie den schlimmen Kater längst vergessen. So auch die guten Vorsätze.
Sie setzt sich an den Tisch, schenkt sich noch einen Kaffee ein, zündete eine Zigarette an und liest den Bericht über die vermissten Personen.
Es war nicht das erste Mal, das so eine traurige Schlagzeile die Titelseite der hiesigen Redaktion in dicken schwarzen Buchstaben ausfüllte. In den letzten zwei Jahren war es immer häufiger vorgekommen, dass Urlauber in den Everglades unauffindbar verschwanden. Junge draufgängerische und betrunkene Studenten, Männer die Helden spielen, oder sich irgendwelchen dummen Aufnahmeprüfungen unterzogen, gerieten immer öfter in die Fallen des sumpfigen Naturschutzgebietes.
Die Everglades umfassen mehrere Tausend Quadratkilometer im Süden Floridas. Sie bieten unzähligen Lebewesen wie Krokodilen, giftigen Wasserschlangen, zirka sechshundert verschiedenen Fischarten und Vögeln, wie dem Osprey oder dem Snowy Egret, sowie vielen anderen Tierarten und Insekten einen einzigartigen Lebensraum. Das unter Naturschutz stehende Gebiet reicht von der Atlantikküste bis hin zum Golf von Mexiko.
Das nur etwa dreißig Zentimeter tiefe Wasser ist von Sawgrass überzogen, und der Mangrovendschungel, mit seinen aus dem Wasser reichenden Wurzeln, bietet den verschieden Tierarten Schutz vor seinen Räubern.
Weiter unten, am südlichsten Zipfel des Bundesstaates gelegen, befindet sich die Stadt Key West, ein wunderschöner Touristenort, dessen Sonnenuntergang einmalig ist. Abends, wenn es langsam dunkel wird, versammeln sich die Schaulustigen am Strand, um diesem herrlichen Spektakel beizuwohnen.


Kommentar von Fledermaus

Dein Text gliedert sich in zwei separate Teile: Ellen und die Everglades. Die Idee mit den verschwundenen Touris hat viel Potential für eine spannende Story, allerdings könntest Du vielleicht versuchen, die beiden Textteile zu verbinden. Denn Ellen könnte auch in Deutschland oder England lesen. :O)

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Putzi

Hier ist ein klassisches Beispiel, welche Schwierigkeiten in dieser Übung stecken. Auf der einen Seite sollen wir recherchieren und auf der anderen Seite, unsere erworbenen Kenntnisse in eine spannende Geschichte einbauen. Bei mir hat das auch nicht so geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe, aber wir sind ja noch am lernen. Keine Sorge Jutta, Du schaffst das schon. – Wir alle werden es schaffen, nur durchhalten müssen wir. Liebe Grüße, Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Ich habe den Eindruck, dass Ellen mit irgendetwas kämpft - lerne sie aber wenig kennen, schade. Die Schilderung der Umgebung ist gut. Kurzum, ich hätte gern mehr über Ellen erfahren!

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Frog, hallo Metta, ihr habt beide Recht. Eigentlich haben die Everglades nicht viel mit Ellen zu tun, diese Textpassage passte gerade gut zur dieser Übung. Im Moment arbeite ich an dieser Geschichte, und werde den Abschnitt über die Everglades noch einmal überarbeiten, es ließt sich wirklich, wie aus einem Reiseführer, danke Frog. Leider kann ich aber noch nicht mehr über Ellen verraten, Metta, wie gesagt, ich arbeite und das kann noch etwas dauern. Liebe Grüße Jutta

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Frog

Ab "Die Everglades..." verliert die Story an Spannung, finde ich. Ab da liest es sich wie abgeschrieben aus dem Reiseführer und hat nichts mehr mit Ellen zu tun. Wenn Ellen von ihrem Problem erzählt, zählt sie wohl nicht auf, warum die Everglades so gefährlich sind für Touristen. Auch wenn ich ahne, was der Sinn der Übung ist.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Ich hätte gern noch mehr von Ellen erfahren, nicht nur über die Landesnatur. Die Protagonistin bleibt Beiwerk für die Reiseinformationen. LG Metta

Eingetragen am: 14.03.2008

Eingetragen am: 14.03.2008 von Malea
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6574

Mein Name ist Vakai. Ich bin 12 Jahre alt. Ich lebe auf Rapa Nui, der großen Insel. Ihr nennt sie Isla de Pascua, die Osterinseln. Und das nur, weil ein Mann aus Holland vor fast 300 Jahren an einem Ostersonntag hier her gesegelt ist. Das habe ich in der Schule gelernt. Ihr nennt das die Entdeckung der Insel. Als ob wir Rapanui sie nicht schon viele hundert Jahre vorher entdeckt hätten. Das ist unsere Insel, aber es waren schon so viele andere hier, die die Herrscher sein wollten. Im Moment ist es Chile. Wir müssen in der Schule Spanisch lernen, aber wir dürfen auch unser Rapanui sprechen. Das ist gut, sagt meine Großmutter. Sie ist eine kluge Frau, eine echte Rapanui. Sie hat mir alles über unsere große Kultur beigebracht und viele Geschichten über die alte Zeit des Königs Hotu Matua erzählt. Sie war es auch, die den Namen für mich ausgesucht hat. Vakai war nämlich die Ehefrau des großen Königs. Ich habe also den Namen einer Königin. Darauf bin ich stolz. Ich will auch einmal wie meine Großmutter das alte Wissen weitergeben. Auch wenn ich keine echte Rapanui bin. Mein Vater war nämlich Chilene. Meine Mutter wollte ihn unbedingt heiraten. Sie fand unsere Insel nicht schön und wollte mit dem Mann aus der Fremde weggehen. Weg von der einsamsten Insel der Welt, wie sie sagte. Das ist traurig, wie die ganze Geschichte meiner Eltern. Meinen Vater habe ich nie gesehen, er ist noch vor meiner Geburt wieder zurück nach Chile. Ohne meine Mutter. Die war so unglücklich darüber. Sie hat dann angefangen sehr viel von dem Alkohol zu trinken. Das ist ein Teufelszeug, sagt meine Großmutter. Die Chilenen bringen es auf unsere Insel, damit es uns und unseren Geist vergiftet, sagt sie. Bei meiner Mutter hat sie damit auf jeden Fall Recht, sie kümmert sich nicht viel um mich, es geht ihr nicht gut. Aber ich habe ja Großmutter. Sie hat mir versprochen, wenn ich groß bin, dann darf ich beim Tapati Rapa mitmachen. Das ist unser großes Fest, das schönste und größte Fest der ganzen Südsee. Das sagen alle Leute. Die jungen Frauen müssen ganz viele Wettbewerbe gewinnen und die beste wird dann Königin. Es ist ganz schön schwer, aber ich übe schon jetzt dafür. Man muss nicht nur Tanzen und Singen, sondern auch richtig schwere Sachen wie Rudern, Fischen, Bildhauen, einfach alles, was unsere Vorfahren so gut konnten. Am liebsten spiele ich Kai Kai, das ist auch ein Wettbewerb beim Tapati Rapa. Ich bin eine Meisterin im Fadenspiel. Und das sagt nicht nur meine Großmutter, sondern auch die anderen in der Schule. Und das Reiten ist auch einfach. Wir wohnen ja etwas außerhalb von Hanga Roa, unserer Hauptstadt. Da wohnen fast alle Leute. Jedenfalls ist es nicht weit in die Hügel, wo die Wildpferde sind. Von denen erzähle ich Euch das nächste Mal. Denn Großmutter kocht heute Pipi, das ist mein Lieblingsessen, köstliche Schnecken. Ich muss also jetzt weg. Aber ich erzähle Euch bald noch mehr. Vielleicht auch von Rongorongo, der geheimsten Sprache der Welt. Wenn Ihr wollt.


Kommentar von Metta Maiwald

Hallo Malea, tja, wie ich die Zeit zum vielen Kommentieren habe? Eigentlich habe ich sie gar nicht, ich nehme sie mir. Suchtsymptomatik? Nur-Mutter-und-Hausfrauen-Syndrom (zumindest muss ich gerade nix im Garten machen) von einer, die nach der Elternzeit den Anschluss im Beruf verpasst hat und sich jetzt ehrlich der Illusion einer Schriftstellerkarriere hingibt? Mein Artikel hat die Nummer 6297. Ich habe hier auch schon unter anderem Pseudonym geschrieben, weil ich mit Rücksicht auf meine Familie bestimmte biografische Details nicht mit dem Namen in Verbindung bringen möchte, unter dem mein geplanter Roman erscheinen soll.

Eingetragen am: 24.03.2008

Kommentar von Malea

@ Frog: Nein, das tun wir gar nicht. Wir nennen sie Osterinsel. Das "n" ist ein Tippfehler meinerseits, der sich bis zu Deinem Kommentar durch ein "somebody else`s problems field" vor mir versteckt hatte ;-) Danke auch für Dein Lob!

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Situation auf Rapa Nui , Kultur und Geschichte der Osterinseln als Konzentrat in die Befindlichkeit von Vakai gepackt. Für eine Zwölfjährige wirkt die differenzierende Betrachtungsweise verblüffend. Den sprechenden Hölzern würde ich liebend gerne zuhören.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Die Sprecherin wirkt aufgeweckt und lebendig. Der noch kindliche Tonfall ist gut getroffen und obwohl sie nichts spektakuläres zu berichten hat, ist das, was sie erzählt, interessant. Ich würde ebenfalls gerne mehr hören.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Malea

@ Fledermaus: Danke. Die angehende Pädagogin hat natürlich Recht! *grins* Streiche "von dem"! Nix gutt Deitsch! Übrigens ist das kein Kinderbuch, sondern bloß die Übung zu Kapitel 11, ganz frisch geschrieben, noch ofenwarm. Aber Du bringst einen richtig auf Ideen... ;-)

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Frog

Ich finde den Text ganz prima – besonders für Kinder sehr schön und anschaulich erzählt. Man ist gleich in der Lebenswelt des Mädchens drin. Und Vakai hat Recht: Wir nennen ihre Heimat "Osterinseln", was falsch ist. Ist ja nur eine...

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Caro

Super schön, interessant und auf jeden Fall zum weiter lesen! Genau den richtigen Ton getroffen.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Ein Buch für junge Leserinnen und Leser? Falls ja, sehr gut gelungen. Von "dem" Alkohol finde ich nicht so schön, aber für ein Kind angemessen. Ist nur die Frage, ob man schlechtes Deutsch in einem Kinderbuch transportieren sollte (die angehende Pädagogin sagt Nein). ;O)

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Dein Text hat mir ausgesprochen gut gefallen, sehr authentisch.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Das habe ich sehr gerne gelesen und über eine Fortsetzung würde ich mich freuen. Alles, über das du schreibst und von dem du berichtest, nehme ich dem Mädchen ab.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Malea

@ Metta: Danke, vielleicht wird ja mal mehr draus, war selber überrascht, wie viel Interessantes hinter dem blind auf den Globus getippten Finger stecken kann ;-) Aber wann kommt denn Dein Text? Du bist hier echt die fleißigste Kommentatorin, wie schaffst Du das bloß?

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Ja, wollen wir ;o)

Eingetragen am: 14.03.2008

Eingetragen am: 14.03.2008 von miss0816
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6557

Luciana Madero betete bis jetzt nur abends. Bisher konnte sie nicht sehen, dass ihre Gebete auch erhört wurden. Daher soll nun ihr Tag ebenfalls mit einem Gebet beginnen. Ob er es jetzt endlich hört? Luciana würde ihn doch nicht ständig bitten, wenn sie nicht den Eindruck hätte, dass er sie an diesem Ort der Welt abgestellt hat und dabei ist, sie zu vergessen. Glaubt er vielleicht, dass sie immer in diesem Schuppen auf einer alten, durchgelegenen Matratze schlafen möchte? Hat er eigentlich einen Merkzettel, auf dem er notiert, worum sie ihn bittet? Manchmal überkommt sie schon die Schamesröte, weil sie so gierig nach irdischem Besitz ist. Hoffentlich fühlt er sich überhaupt zuständig für sie. Die Hoffnung jedenfalls wird sie nicht gleich aufgeben. Wie oft flehte sie ihn in der vergangenen Woche an. Einfach ein paar neue Kleider, ohne Löscher, ohne Blut, an denen diese abscheuliche Erinnerung haftet. Viel möchte sie ja gar nicht. Die Kleider müssen nicht die Allerschönsten sein, so wie die Leute hier sie tragen. Das kann er sich für später vormerken, wenn sie mit dem Notwendigsten versorgt ist. Das Land, in das er sie geschickt hat, ist so viel anders als ihre Heimat in „La Habana“, wie sie es liebevoll vor sich hinflüstert. Dabei schließt sie ihre Augen, die den Glanz verloren haben. Wenn sie sich doch einmal imstande fühlt, den alten, halb eingestürzten Schuppen zu verlassen, bemerkt sie diese Blicke der Anderen, die sie wie Abfall ausgliedern. So haben sich das die Drei, wovon nur sie übrig geblieben ist, auf jeden Fall nicht vorgestellt. Doch an diesem Tag denkt sie nicht daran, sich den fremden Blicken auszusetzen. Sie bleibt auf ihrem provisorischen Bett sitzen und fühlt sich einmal mehr mit ihrer Vergangenheit verbunden, wovon sie jetzt nicht mehr besitzt als die Erinnerung an eine Zeit, die so lebenswert war. Wären doch wenigstens ihre Eltern noch da. Tränen kullern über ihre dunkle Haut, schmecken salzig dabei und eigentlich wäre es ihr lieber, keinen Geschmacksinn mehr zu besitzen, denn sie hat Hunger. Salz erinnert sie nur allzu sehr an gewürzte Kochbananen, die zu Reis mit großen roten Bohnen gegessen werden. Wie gerne würde sie, wenn sie könnte, doch sie kann die Zeit nicht zurück drehen. Auf Cuba ging die Uhr zwar langsam. Zeit spielte nie eine Rolle. Dort liebte sie die Menschen mit ihrem eigenen Rhythmus. Not machte erfinderisch, doch das Nötigste hatten sie besessen. Ein Dach über den Kopf, Kleidung und jeden Tag etwas zu Essen. Das Haus, in dem sie wohnten, war einsturzgefährdet. Aber viele Häuser in Havanna waren das. Sie vermisst die Musik, die an jeder Straßenecke die Menschen zum Tanz veranlasste. Salsa war ihr Lieblingstanz, den sie von ihrer Mama schon sehr früh gelernt bekam. Mama bewegte sich meist beim Kochen im Salsatakt, dem sie nicht widerstehen konnte, weil durch das kaputte Glasfenster von draußen eindringlich die Musik ihren Körper eroberte. Ihre Mama. Hier in Florida ist nichts rhythmisch, eher kahl, traurig und fad. Warum bestanden ihre Eltern so sehr darauf, nach Florida zu fliehen? Diese Frage wird sie ihnen nie mehr stellen können. Vielleicht würde sie es mit ihren 15 Jahren eh nicht verstehen. Bis jetzt verstand sie es auch nicht, denn sie fühlte sich wohl in ihrer Heimat, die nun weit weg war. Der weiße Sandstrand, an dem sie jeden Abend ein Stück spazieren ging, um die Fischer, die sich am Horizont vom türkisenen Meer wie kleine schwarze Punkte abhoben, auf ihrer Heimfahrt zu beobachten. Gerade jetzt, wo sie 15 Jahre alt ist und dem Brauchtum nach die schönsten Frauenkleider tragen und sich schminken darf. Genau das hatte sie mit ihrer Mama, ihrem Papa und der ganzen Verwandtschaft noch gefeiert. Ihre Eltern! Daran wird sie sich nie gewöhnen, denn es zerreißt ihr das Herz. Teilweise versucht sie, die Geschehnisse einfach zu verdrängen. Erfolglos. Mit übermäßigem Stolz berichtete ihr Papa damals, dass er zwei große Traktorreifen auf dem Schwarzmarkt in Havanna erstanden hatte. Die zwei Reifen sollten die ganze Familie nach Florida bringen, wo auch irgendwo ihr Opa leben musste, denn ihre Großeltern unternahmen schon viel früher einen Fluchtversuch, der wohl auch geglückt sein musste. Danach waren sie an der Reihe. Die Bilder ihres Papas, der diese zwei Reifen mit Zinkplatten so präparierte, dass kein Wasser die behelfsmäßigen Boote fluten konnte, lassen sie diese wohlige Wärme von Geborgenheit spüren. Sie verstand es einfach nicht. Aber sie musste mit. An Haie hatten Mama und Papa damals nicht gedacht. Sie waren nur auf einmal da gewesen, als die Sonne viermal unter- und wieder aufgegangen war. Eines Morgens wie aus dem Nichts. Die Küste war schon in Sicht. Auch diese Bilder, wie ihre Eltern um ihr Leben kämpften, als sie nach der Haiattacke ins Meer gefallen waren, wird sie nie vergessen. Das Meer färbte sich rot, blutrot, und jeder schrie. Luciana konnte nichts machen, außer mit dem Holzpaddel auf den Tod einschlagen. Sie hatte wahnsinnige Angst und Trauer füllte ihre Augen, als nach kurzer Zeit alles vorbei war. Sie sah nicht mehr hin, brach zitternd im Boot zusammen und lag für unbestimmte Zeit einfach nur da, solange bis sie einfach nur weg wollte, weg von dem Ort, der ihre Familie ins Unheil stürzte und zerriss. Jetzt möchte sie nur noch ihren Opa finden, um so ein Stück ihrer Wurzeln am Leben zu erhalten.


Kommentar von Carola Ottenburg

Du schilderst die Geschichte einer nur teilweise geglückten Flucht von Kuba nach Florida und die anschließende Erkenntnis, dass das gelobte Land Amerika alles andere ist, als ein irdisches Paradies. Was mir gut gefallen hat, sind die Reflexionen und Rückblenden, in denen sich die Geschichte allmählich entwickelt. Leider wird aber nicht deutlich, was nach der Flucht geschehen ist und es Luciana gelingt, sich durchzuschlagen. Deine Geschichte hat aber durchaus Potential zu mehr. Viele Grüße Carola

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Auch diese Geschichte verspricht jede Menge spannender Fortsetzung. Man wünscht der Protagonistin, dass alles gut wird. Besonders der Anfang gefällt mir ausgesprochen gut! Sprachlich ruckelt es teilweise ein bisschen. Worte wie "provisorisch" und "ausgrenzen" passen nicht in den Wortschatz des literarischen Ich. Sonst sehr gut gelungen!

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Hier bleiben zu viele Fragen ungeklärt. Warum lebt sie seit geraumer Zeit im Schuppen? Warum muss sie dafür keine Gegenleistung erbringen? Logisch wäre es, wenn sie ihren Opa ausfindig machen würde (Telefonbuch etc.). Wovon lebt sie? Wer versorgt sie mit Essen und Trinken? Und warum bittet sie Gott um neue Kleider und nicht um ein Wiedersehen mit dem Opa? Luciana soll 15 Jahre alt sein und spricht wie ein Kind (...als die Sonne viermal unter- und wieder aufgegangen war.)./ Tut mir leid, mich hat die Story nicht überzeugt.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Spannend und ein sehr guter Übergang von der Gegenwart in die Vergangenheit. Der Unfall mit den Haien kommt für mich nicht so glaubwürdig rüber. Ich könnte mir deine Geschichte auch gut als Ich- Erzählung vorstellen.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Schön, wie Du die Lebensumstände des Mädchens und ihre Erinnerungen an die Heimat langsam in die Geschichte einfließen lässt. Durch Andeutungen, die Du erst am Schluss auflöst (blutige Kleider und Heimatverlust ließen mich erst an Zwangsprostitution denken), bleibt der Text spannend. Die Hai-Story wirkte auf mich etwas aufgesetzt. Ein Sturm, Abtreiben der Reifen, Hunger und Durst fände ich glaubwürdiger. - Leider stören Rechtschreib- und Grammatikfehler (Groß- und Kleinschreibung, wechselnde Zeiten!) den Lesefluss. Übrigens heißt es "türkisfarben" - beugen kann man nur blau, rot und gelb.

Eingetragen am: 14.03.2008

Eingetragen am: 14.03.2008 von Angela Thies
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6550

Ich war schon immer hier und noch nie woanders. Heute sitze ich wie jeden Tag an meinem Lieblingsplatz nah an der steilen Felswand. Wenn ich hinunter schaue sehe ich direkt in das tobende Meer, wenn ich geradeaus schaue sehe ich Himmel und Meer Einswerden im Grau. Der Wind pfeift mir um die Ohren und oft platscht mir der Regen ins Gesicht. Hinter mir weiden meine schwarzköpfigen Schafe und die Hunde liegen mit wachsamen Blicken dabei. Kein Baum, kein Strauch unterbricht die Weite, sattes Grün bedeckt den Boden. Hinter mir liegt auch in weiter Ferne mein Haus. Das habe ich geerbt, wie auch das Land hier. Dies alles gehört schon seit unendlichen Zeiten meiner Familie, von denen ich und meiner Schwester übrig geblieben sind. Meine Ahnen haben sich hier in diesem unwirtlichen Land angesiedelt, vor Jahrhunderten schon, dann kam die große Hungersnot. Damals, ungefähr 1844, als der Kartoffelpilz aus den USA kam. Die Kartoffelfäule setzte ein, die Kartoffeln, von denen alle lebten, verfaulten. Die Menschen hungerten, sie starben. Einige wenige ernährten sich von den verfaulten Kartoffeln, Beeren, Wurzeln oder essbarem Seetang. Trotzdem waren sie zu schwach den Verstorbenen ein Grab zu richten. Dann kamen die Seuchen, die wenigen Überlebenden verließen den Ort, manche sogar das Land. Aber meine Ur-Ur-Urgroßmutter hat überlebt und war stark, sie ist geblieben. Weil sie stark war, bin ich hier und bleibe hier und war noch nie woanders.

Meine Mutter, der Herr habe sie selig, war schon woanders. Von dort hat sie mich und meine Schwester mitgebracht, vor ungefähr dreißig Jahren. Sie war in einem fernen, heißen Land. Zu heiß, zu laut, zu voll, deshalb kam sie zurück. Mein Vater kam mit, er ist aber nicht lange geblieben. Der Winter war ihm zu lang, der Sommer zu kalt, der Regen und die Ruhe zuviel. Von ihm habe ich die ungewöhnlich schwarzen Haare, aber sein Temperament habe ich nicht geerbt. Das hat meine Schwester von ihm, sie hat ihn auch schon einmal besucht, eine lange Zeit war sie dort, aber auch sie wollte wieder zurück. Die fröhliche Art hat sie von meinem Vater, aber die roten Haare und die Sommersprossen hat sie von meiner Mutter. Jetzt wohnt meine Schwester in der Hauptstadt, sie braucht mehr Leben um sich herum. Manchmal besuche ich sie mit dem Bus, der einmal die Woche fährt. Aber die Stadt strengt mich an, zu laut, zu viele Menschen.
Mir gefällt die Ruhe, am Tage sehe ich kaum Menschen. Wenn ich das doch möchte, gehe ich im Sommer hinunter in das Dorf zum Fischen, oder ich gehe abends in den Pub. Er ist nur ein paar Kilometer entfernt. Dort treffe ich die Jungs, die mir beim Bau des neuen Schafstalls geholfen haben. Wir trinken ein paar Guiness zusammen, das gefällt mir.

Im Sommer laufen gelegentlich Menschen mit Wanderschuhen an meinem Lieblingsplatz vorbei, sie grüßen freundlich. Gestern waren auch welche da. Heute Abend gehe ich wieder in den Pub. Manchmal sind dort auch Frauen aus anderen Ländern. Ich wünsche mir eine Frau und auch Kinder und eines Tages werde ich auch meinen Vater besuchen.


Kommentar von Angela Thies

ju bli, über deinen späten Kommentar habe ich mich auch! gefreut.

Eingetragen am: 28.03.2008

Kommentar von ju bli

Reichlich spät, ich weiß ... aber jetzt endlich hatte ich Zeit deinen Beitrag zu lesen. Vor einigen Jahren machte ich Urlaub in Irland - bis heute mein absoluter Traumurlaub; und du hast mich wieder daran erinnert. Vor allem an die Schafe, die ich leider nicht angetroffen habe. Nur Kühe. B-) Aber deine Figur hat mich wieder an die beschauliche Zufriedenheit der Iren erinnert, ihre Gastfreundschaft und Gemütlichkeit. Und sie können mit Genuss einsam sein. Auch wir sind in Wanderschuhen an Iren vorbeigelatscht, die immer dankbar für ein Schwätzchen waren und im Pub kommt man schnell mit ihnen ins Gespräch. Ja, entweder sie wandern aus, die Iren, oder sie verlassen ihre Insel nicht ein Mal in ihrem Leben. Deine Einstiegsszene hat mir vom ganzen Text am besten gefallen, denn sie hat mich daran erinnert, wie ich Irland damals wahrgenommen habe. Aber ich kann nur aus der Sicht eines Touristen sprechen, Putzis Erfahrung, wie es hinter der Fassade der Gastfreundschaft aussieht, habe ich natürlich nicht.

Eingetragen am: 27.03.2008

Kommentar von Angela Thies

@ Putzi, ich habe befürchtet, dass noch ein Kommentar aus dieser Richtung kommt. Da ich noch nie in Irland war und nur ein wenig recherchiert habe, konnte ich daraus keine typisch irische Stimmung abbilden. Das kann eher jemand wie du mit einer zweijährigen Erfahrung im Land. Ich wollte auch nur einen einzigen Menschen darstellen und nicht ein ganzes Volk. Danke für deinen Kommentar. @ Velarani, der fremdländische Vater soll da rein, damit die Ruhe gestört wird. Und er braucht etwas länger um sich damit auseinanderzusetzen. Das liegt an der Langsamkeit seines Lebens. Auch dir Danke für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr über eure Reaktionen.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Velarani

Schön erzählt. Der fremdländische Vater passt für mich nicht so zu der Ruhe und Zufriedenheit, die dein Erzähler ausstrahlt. Hätte er sich mit über dreißig nicht schon mehr mit dessen Kultur und seinem eigenen vaterlosen Aufwachsen auseinandergesetzt? Mir hätte dein stimmiges Irland-Bild gereicht.

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Lillilu

@ Putzi: Der Norden der grünen Insel, "Northern Ireland", leidet heute noch unter der Vorherrschaft Londons, auch wenn das Stormont gelegentlich für ein paar Jahre mal regieren darf. Die Abneigung der Iren gegenüber Ausländern bezieht sich hauptsächlich auf die Briten (sie brennen ihre Urlaubshäuschen ab) und die Deutschen sind sogar sehr beliebt (was sicher eine nette Abwechslung ist) und zwar weil Deutsche im sog. "Easter Rising" von 1916 den rebellischen Iren mit Waffen geholfen haben. Ach, und der Pub schreibt sich natürlich mit einem "b", sonst wird daraus ein junger Hund. Sorry!

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Caro

Guter Text, regt zum weiter lesen an. Wie es wohl weiter geht? ;-) und welche Frau er wohl trifft?

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Maju

Ich hatte einen Moment das Gefühl, in der Bretagne, meinem Lieblingsurlaubsland, zu sein. Sehr schön beschrieben. Man möchte sofort verreisen. LG. Maju

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Schön erzählt. Da kommt meine alte Sehnsucht nach Irland wieder hoch.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Ich habe mich sehr über eure Kommentare gefreut, die sehr aufbauend sind. @Ginko, leider sind die Frauen aus dem Land alle in den Städten. Wie er eine Frau findet, die mit ihm dort lebt, weiß ich nicht – wahrscheinlich wird es die ganz grooooße Liebe oder Abhängigkeit. Das Wort „ungefähr“ nehme ich raus“. @Elisabeth, noch weiß ich nicht wie es weiter geht, aber ich arbeite daran:-). @Mette, du willst es ganz genau wissen:-). Der fremdländische Vater soll eine andere Seite des Lebens präsentieren. Danke für den Hinweis mit der Vererbung. @ Jutta, ich habe mich bewusst entschieden keinen Ortsnamen zu nennen –ein bisschen Rätseln ist ja auch in Ordnung! Vielleicht war ich auch einfach zu faul mehr zu recherchieren. Mir kam es in erster Linie darauf an, Einblick in das Wesen dieses Mannes zu geben (seine Wurzeln, sein tägliches Leben, seine Sehnsucht). @Lillilu, über dein Lob habe ich mich ganz besonders gefreut – bin sehr stolz. @miss0816, dieses bisschen Melancholie wollte ich auch vermitteln, schön dass du darauf eingehst und ich so erfahre, dass es mir auch gelungen ist. @m.petersen, du hast eine schöne kurze Reise unternommen und bist am richtigen Ort gelandet! Danke!

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Putzi

Ich habe zwei Jahre lang in Irland gelebt und weiß, dass die Schafe dort keinen Hirten haben, wie man sich das auf dem Festland vorstellt. Die Tiere laufen oft in Gruppen frei herum, auch auf der Straße. Jeder Farmer hat sein Tier mit Farbe aus der Spraydose gekennzeichnet und nur ganz selten werden Schafe von Menschen beaufsichtigt. Die typisch irische Stimmung kommt nicht rüber. Es fehlt die Lebensfreude der Menschen, wenn sie sich in Singing Pups treffen und auch ihr Misstrauen allem Fremden gegenüber. Touristen sind zwar immer gerne gesehen, doch nur, weil sie Geld ins Land bringen. Der Ire bleibt in der Regel unter seines Gleichen, sonst hätte das Volk seine Identität niemals bewahren können, als es noch unter der Herrschaft Englands leben musste. Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Die konkrete Figur in diesem irischen Stimmungsbild ist der Ich-Erzähler. Wenn er im Pub auf eine Frau aus anderem Land wartet, wüsste ich gern, wie er deren etwaigen Kinderwunsch als zukünftiger Familienvater attraktiv darstellen will. Bei genauer Jahresangabe stört das Wort "ungefähr" . Besser: "als ab 1844 der Kartoffelpilz ... "

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Liebe Angela, dein Text ist dir wieder gelungen! Besonders der letzte Abschnitt verspricht viel.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Gelungener Einleitungssatz sowie Beschreibung von Landschaft und Klima. Warum der fremdländische Vater? Übrigens werden schwarze Haare und braune Augen dominant vererbt, rote Haar dagegen rezessiv. D.h. entweder ist der Vater selbst "Mischling" oder die Tochter kann nicht rothaarig sein.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

An sich nicht schlecht beschrieben, jedoch fehlt mir der Ort. Wo lebt der Mann, was gibt es sonst noch in seiner Umgebung und wovon leben die Menschen dort? Gruß Jutta

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Lillilu

Angela, hier muss ich noch einmal etwas nachlegen! Ich habe deinen Text über das sterbende Baby noch einmal gelesen (#3846), was sich mir im Gedächtnis eingebrannt hat. Ich glaube du bist die Königin der subjektiven, lyrischen Prosa - du schaffst es in andere deine Seele zu legen, egal ob Baby oder Schäfer!

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von miss0816

Schöner, kurzer Einblick in das Leben des Schäfers in Irland. Besonders gut gefällt mir der erste Abschnitt, die Sätze...schwingt irgendwie so eine Melancholie mit. LG miss0816

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Lillilu

Irland, Schottland, Cornwall - den sog. keltische Gürtel sehe ich vor mir. Höre den Atlantik toben und sehe grüne,satte Wiesen. Macht Sehnsucht! Der Schafhirt braucht keinen Namen, er ist vollkommen authentisch.!

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von m.petersen

Erst war ich in den Highlands, aber dann kam das Guinness in´s Spiel. Schotten trinken das Zeug nicht, es ist nicht rein, es ist kein Stout oder Malt. Dann bin ich ein bißchen geflogen, nicht weit, bloß ein paar Meilen und fand mich auf der grünen Insel wieder. Ich konnte das Meer riechen, danke Angela.

Eingetragen am: 14.03.2008

Eingetragen am: 13.03.2008 von Lothar Fink
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6541

Am Great Gandak
Ich stehe auf der Veranda meines Hauses und blicke hinab ins grüne Tal, wo gerade der letzte Reisbauer das Feld verlässt. Die Abendsonne hängt tief über dem Great Gandak, der Fluss, der unsere Landstriche sei Jahrzehnten mit Wasser versorgt.
Ich erinnere mich an die Zeit zurück, als meine Eltern noch unten im Tal in einer alten Blechhütte wohnten und selbst ein kleines Reisfeld bestellten.
Wir waren arm, doch Vater schaffte es, einige Rupien zu sparen, damit ich eine einfache Schulbildung bekam. Zu meinem sechzehnten Geburtstag schenkte Vater mir eine Rikscha,
damit ich zur großen Stadt fahren konnte, um zu arbeiten und eine Ausbildung zum Kaufmann finanzieren zu können. Denn als Kaufmann hat man in der großen Stadt mehr Chancen.
So nahm mich Vater an den Arm, ging mit mir ins Reisfeld und sprach:
„Gobind Yadav, heute bist Du sechzehn Jahre alt geworden, hast die Schule abgeschlossen und ich möchte nicht, dass Du ewig hier im Wasser der Reisfelder stehen musst. Schon morgen wirst Du unser Dorf verlassen, auf dem großen Mahatma Gandhi Sethu nach Patna fahren, dort eine Ausbildung zum Kaufmann beginnen und Dir nebenher Deinen Lebensunterhalt als Rikschafahrer verdienen. Wenn Du auf der großen Brücke über den Ganges fährst, schau noch einmal zurück, bevor Du in die Millionenstadt Patna eintauchst und dort jeden Tag um Dein Überleben und Deine Ausbildung kämpfen wirst.“
Er ging fort und ich stand allein im Wasser des Reisfeldes.
Am nächsten Morgen, Vater war schon wieder weit im Feld, packte Mutter etwas zu Essen ein und steckte mir einige Rupien zu, damit ich für die ersten Tage Geld für Unterkunft hatte.
Sie küsste mich auf die Stirn und sagte unter Tränen:
„Verschwinde jetzt und mach der Familie keine Schande.“
Ich fuhr auf meiner Rikscha los, sah noch Mutter mit meiner kleinen Schwester an der Blechhütte stehen, ehe der Horizont das Bild verschluckte.
Nach Stunden der Fahrt, stand ich auf der mächtigen Mahatma Gandhi Brücke, hielt meine Rikscha an und blickte ein letztes Mal zurück ins grüne Land, ehe ich im Moloch der Großstadt verschwand.
In Patna meldete ich mich an der Kaufmannsschule an, die mir gegen eine kleine Gebühr auch Unterkunft gewährte. Während meiner Ausbildung fuhr ich bis spät in die Nacht hinein mit meiner Rikscha, Menschen aller Nationen durch die Stadt. Ich stand immer am Bahnhofsvorplatz, an der alten schwarz gelben Lokomotive mit dem roten fünfzackigen Stern vorn drauf. Hier kamen nicht nur die Touristen an, sondern auch Geschäftsleute, denn Patna boomte.
Nach meiner Ausbildung fand ich schließlich eine Anstellung als Buchhalter im Patna Museum. Und an meinem freien Montag fuhr ich noch immer die Leute mit meiner Rikscha durch die Stadt.
So auch an einem frischen Montagmorgen. Die Sonne ging gerade hinter der Stadt auf, als ich von einer jungen Inderin gerufen wurde. Lächelnd bestieg sie die hinteren Sitze meiner Rikscha und bat mich, sie zum “Womens Patna College“ zu fahren.
Ich strampelte los und fuhr sie pfeifend zum Ziel. An dem weißen burgähnlichen Prunkbau angekommen, fragte sie mich, ob ich sie in vier Stunden wieder abholen könne, um sie zum Bahnhof zu fahren, ich erwiderte mit einem Ja und suchte nach einem neuen Fahrgast.
Vier Stunden später stand ich wieder vor dem Womens College.
Erst jetzt viel mir auf, wie hübsch diese junge Inderin war. Sie stand mit ihren blauen Schuhen, in ihrem gelbroten Wickelgewand vor mir und ihre braunen Augen leuchteten mich an. Sie öffnete die Lippen doch ich hörte nichts mehr, alles um mich herum war verschwunden, jegliches Geräusch war weg, ich sah nur sie!
Erst als sie an meinem Arm rüttelte kam ich wieder zu mir.
„Wir müssen zum Bahnhof“, sagte sie.
„Übrigens, ich bin Gobind“, schoss ich vor und verneigte mich vor der Dame.
„Und ich bin Reisha, und ich möchte jetzt zum Bahnhof“, erwiderte sie.
Ich traute mich kein Wort zu sagen, am Bahnhof stieg sie aus und verschwand, auf nimmer wieder sehen.
In den nächsten Tagen träumte ich noch oft von diesem Engel und erwischte mich dabei, wie ich heimlich mein Kopfkissen küsste, in der Hoffnung, dass sie es sei.
Ich vernachlässigte meine Arbeit als Buchhalter, war unkonzentriert und konnte die Zahlen nicht mehr zusammen rechnen. Teile der Spendengelder, von dem Industriellen Romna Nadal, der den berühmten Patna Reis auf den Weltmarkt warf, verschwanden auf seltsame Weise.
Ich wurde zu einem Termin in den “High Court“ zitiert, wo ich den Geschäftsmann Nadal treffen sollte.
Der “High Court“ ist ein Schloss was mitten in Patna gelegen ist, erbaut im Kolonialstil mit über zweihundert Zimmern. Seine Außenfassade war goldgelb und auf dem Dach leuchteten dunkelblaue Ziegel.
Am Schlosstor angekommen öffnete ein Pförtner das Tor. Ich fuhr mit meiner Rikscha vor zu einem großen Hof, auf dem drei schwarze Limousinen standen. Hier residierte also der schwer reiche Magnat Nadal, ich war beeindruckt von dem Gebäude.
Eine Bedienstete brachte mich vor dem Amtszimmer des Großen Nadal.
Er bat mich herein zu kommen und ich musste mich wegen der verschwundenen Spendengelder verantworten.
Es gab dreißig Stockschläge auf die Unterarme und ich wurde dazu verpflichtete, drei Monat als persönlicher Finanzberater, meine Dienste dem Herren Nadal kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
Schlafen sollte ich auch vor Ort, doch das war für mich keine Strafe, jeden Tag wurde mein Bett aufgeschüttelt und ein reichliches Frühstück und Abendessen gab es in der Küche dazu.
Schließlich machte meine Arbeit so einträglich, das er mich nicht mehr gehen lies.
Ich bekam ein zweites Zimmer auf seiner Residenz und einige Rupien als Verdienst für meine Arbeit.
Das größte Geschenk machte ich mir jedoch selbst, ich angelte mir seine Tochter, die zwei Jahre in Bombay die Wirtschaftsschule besuchte. Es war dieses hübsche Wesen in diesen farbenfrohen Sari, was ich einst mit meiner Rikscha von dem Womens College zum Bahnhof fuhr.
Jetzt leben wir längst nicht mehr in Patna, nach dem Tod ihres Vaters, zog es mich wieder zurück aufs Land natürlich kam meine Frau mit, zurück zu meinem Geburtsort Hajipur am Great Gandak!


Kommentar von Carola Ottenburg

Eine hübsche Geschichte, die für mich aber vor dem Hintergrund des immer noch tief in der Mentalität verankerten Kastengedankens und der Tatsache, dass die meisten Ehen arrangiert werden, ziemlich unwahrscheinlich klingt.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Putzi

Auch mir gefällt dieses Märchen, dass mit der harten Wirklichkeit des Landes nichts zu tun hat. Aber träumen darf man ja. Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Soviel ich weiß, herrscht in Indien immer noch das Kastendenken. Der Sohn eines armen Reisbauerns, der sich die Tochter aus gutem Hause angelt = nie und nimmer. Das gilt ebenso für den Jobwechsel vom Reisbauer zum Kaufmann. Der arme Vater ist nicht einflussreich genug, um seinem Sohn ein entsprechendes Empfehlungsschreiben mitgeben zu können, damit Sohnemann den Kastensprung im Job vollziehen könnte.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Lothar, eine schöne Liebesgeschichte, ich konnte mich durch deine Beschreibungen gleich in die Gegenden hineinversetzen. Gruß Jutta

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Die Geschichte ist für mich z.T. nicht stimmig: Armer Reisbauernsohn macht einen Schulabschluss, findet sich allein in der Großstadt zurecht, bewirbt sich um eine Kaufmannsausbildung... Die Wortwahl (Wickelgewand, ich angelte mir seine Tochter) ist mir zu europäisch.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von miss0816

einfach nur schön :-) LG miss0816

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Isabella E.

Da kann ich mich nur verneigen. Sehr schön und bildhaft geschrieben. Eine interessante Geschichte aus der bestimmt ein Buch werden könnte.

Eingetragen am: 14.03.2008

Eingetragen am: 13.03.2008 von Sabine Mucha
[ Lesezeichen ]

6542

Mein Name ist Samuel Hika. Ich bin jetzt 36 Jahre alt und lebe in Keikoura, wo ich ein kleines Häuschen direkt an der Küste bewohne. Alleine!
Mein Vater ist ein Maori und arbeitet als Pfarrer. Meine Mutter kam aus England, verstarb aber bei meiner Geburt. Ich dürfte sie nie kennenlernen, was mich noch heute belastet. Mein Vater spricht auch nicht über sie, ich kenne niemanden aus der Familie, so dass ich nichts über ihre Vergangenheit oder ihr Leben weiss.
Ich bin in Christchurch, Neuseeland, geboren und aufgewachsen. Mein Vater wollte, dass ich Theologie studiere und Pfarrer werde, wie er. Doch ich fand in seinem Sekretär mal ein Schriftstück, da war ich gerade 16 Jahre alt. Dort stand folgendes geschrieben: "Als die Pakeha auf diese Insel kamen, lehrten sie den Maori als erstes den christlichen Glauben. Sie machten einige Maori zu Pfarrern und Priestern und sagten ihnen, sie sollten gen Himmel blicken und beten; und während sie dies taten, nahmen uns die Pakeha unser Land weg. Unterzeichnet Mahuta, Sohn des Maori Königs Tawhiao, bei einer Rede von den New Zealand Legislative Council 1903."
Pakeha sind übrigens die weissen Neuseeländer oder auch als Fremde übersetzt.
Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich kein Pfarrer werden wollte und fing an darüber nachzudenken, warum es mein Vater geworden ist, obwohl er dieses Schriftstück immer noch aufbewahrte.
Ich war nicht sehr gut in der Schule. Anstatt zu lernen trieb ich mich mit meinen Freundeln lieber draussen herum oder spielte Rugby. Somit dauerte es auch 1 Jahr länger, bis ich die Schule mit einem mäßigen Abschluss verlassen konnte.
Da ich sehr zwiespältig war, was ich beruflich machen wollte, nahm ich mit 18 Jahren überalle Gelegenheitsjobs an. Arbeitete auf einer Farm oder in einer Käserei. manchmal half ich auch dabei, Schafe zu scheren. Allerdings war mir die Kraftanstrengung auf Dauer zu viel.
Mit 20 schickte mich mein Vater dann zu seiner Schwester nach Keihoura, damit ich darüber nachdenken konnte, was ich denn später mal als Broterwerb ausführen möchte. Ausserdem hätte mir mein lebenlang die Mutter und somit die weibliche Erziehungskraft gefehlt. Was nicht von der Hand zu weisen war. Mein Vater hatte nie mehr geheiratet.
Kaikoura liegt 130 km südlich von Blenheim und 180 km nördlich von Christchurch.
Als meine Tante mir das erste Mal Kaikoura zeigte, war es für micht keine Frage mehr, was ich werden wollte. Der Tourismus hatte hier voll zugeschlagen. Das grösste Geschäft machte man mit Walewatching und Schwimmen mit Delphinen. Da hier warme subtropische und kalte subantarktische Strömungen aufeinander treffen bilden sie ein näherstoffreiches Gemisch, das Fische und mit ihnen Seevögel und Meeressäugetiere in grosser Zahl und Vielfalt anlockt.
Mit 22 studierte ich Meeresbiologie und begab mich auf ein Schiff, um die Delphine und Wale zu studieren, die mich immer mehr faszinierten. Und nebenbei brachte ich diese Schönheit auch den Touristen nahe.
Bereits mit 24 kaufte ich mir ein kleines bescheidenes Häuschen an der Küste. Für eine Frau oder Famile blieb mir die Zeit nicht, da ich meist 16 Stunden am Tag unterwegs war. Das hätte keiner mitgemacht. Mein Vater war mächtig stolz auf mich, das mit der Familie nahm er mir allerdings etwas krumm.
Als ich bereits 35 Jahre alt war, kam irgendwann ein alter Mann mit dunkler Hautfarbe und einer ziemlich dicken Nase auf mein Schiff. Er war nicht sehr gross, nicht für einen Mann. Und er hatte eine Tätowierung - im Gesicht. Ich wusste sofort, er war ein Maori und wir kamen auch gleich miteinander ins Gespräch. Sein Name war James Marsden. Als wir uns vorgestellt hatten, fragte er mich, ob ich denn wüsste, wo mein Name, Hika, herkam. Das wusste ich natürlich nicht, nahm mir aber die Zeit, bei einem Tässchen Kaffee, um es zu erfahren. Hongi Hika war der erste Häuptlich, der in den Besitz von Feuerwaffen gelangte. 1821 erwarb er 300 Musketen im Tausch gegen die Geschenke, mit denen ihn die Londoner Gesellschaft überhäuft hatte. Hongi Hika gelobte, der absoluten Herrschaft des britischen Oberhauptes nachzueifern und machte sich auf einen Eroberungsfeldzug, in dessen Verlauf er grosse Teile der Nordinsel unterwarf...
Mein Kaffee wurde mittlerweile kalt. Ich hörte nur noch die Stimme des alten Maori und frage mich immer wieder, warum mein Vater mir nicht mehr von unserem Stamm erzählt hatte. Ich muss aber auch ehrlich sein, dass mich das nie so richtig interessiert hatte. Bis zu diesem Moment.
Heute bin ich 36 Jahre alt, lebe immer noch in meinem Häuschen in Kaikoura, arbeite aber nicht mehr als Biologe. Ich habe eine andere Lebensaufgabe, die mich wahrscheinlich ein paar Jährchen beschäftigen wird....


Kommentar von Carola Ottenburg

Gefällt mir gut. Du hast es geschafft, eine Personenbeschreibung in eine Kurzgeschichte zu packen. Bin schwer beeindruckt.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Putzi

Viele Fragen bleiben offen, weil man in so einem kurzen Text nicht alles erklären kann. Dennoch war Dein Beitrag niemals langweilig. Mir gefällt Dein Schreibstil.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Sabine, du hast dich anscheindend gut informiert und recherchiert. Selbst wenn es erfunden ist, hört es sich für mich echt an. Allerdings gefällt mir das Wort "man" nicht so gut in deinem Text. Auch deinen Schlusssatz, "ein paar Jährchen" finde ich nicht gelungen. Für mich hört es sich nach lästiger Arbeit und nicht nach echtem Interesse an. Vielleicht solltest du stattdessen dies schreiben: Ich freue mich auf wundervolle Jahre, die ich damit verbrigen werde, meine Ahnen zu erforschen. Liebe Grüße Jutta

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Studium der Meeresbiologie nach mäßigem Schulabschluss? Woher die Bildung des Protagonisten? Das Tässchen Kaffee und die LEBENSaufgabe (welche?) von ein paar JÄHRCHEN sind eher deutscher Jargon. Wovon lebt er derweil?

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Regina Westfeld

Liebe Sabine, Kompliment! Du hast gut recherschiert und eine glaubhafte Person geschaffen. Da Neuseeland sozusagen meine zweite Heimat ist und ich bereits in Christchurch und Kaikoura war, habe ich deine Schilderung gerne gelesen. Deine Aspekte zum Thema Maori-Pakeha finde ich gut, allerdings haben die Maori eine besonders enge Familien- und Gruppenzusammengehörigkeit. Wenn eine Mutter stirbt, wächst das Kind selbstverständlich bei anderen Frauen/Verwandten auf. Das wäre bei Samuel wahrscheinlich gewesen. Noch eine Kleinigkeit: 'Tässchen Kaffee' ist typisch deutsch, der Neuseeländer trinkt Tee mit Milch und Zucker. Aber , wie gesagt, es kommen sehr viele typische neuseeländische Dinge zur Sprache, z. B. farm, Rugby, Schafe, whalewatching . Mir hat deine Geschichte gefallen! Herzliche Grüße, Regina

Eingetragen am: 14.03.2008

Eingetragen am: 13.03.2008 von Angela Barotti
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6529

Mein Name ist Makal. Ich bin Kanzlerin vom Planeten Batusar aus dem Sonnensystem des Residion. Momentan denke ich über die Genehmigung eines neuen Gesetzesentwurfes zur Änderung unseres Asyl- und Zuwanderrechts nach. Unser Volk protestiert seit längerem wegen des unkontrollierten Zuzugs der Erdlinge.
Als vor vierzehn Planetenmonaten die ersten Ankömmlinge aus Terra eintrafen, ging eine gewaltige Welle der Hilfsbereitschaft durch unser Land. Unser staatliches Bildinformationssystem hatte damals pausenlos Sondersendungen zu diesem Ereignis übermittelt. Kein Batusarier konnte sich diesen Bildern entziehen, wie die ersten Erdlinge aus ihren Raumschiffen gekrabbelt kamen, so klein und so plump und mit dieser sonderbaren stumpfen Haut, die nicht in der Lage ist, die Strahlen der drei Sonnen, die um Batusar kreisen, zu reflektieren.
Inzwischen leben mehr als siebenhunderttausend Erdlinge auf unserem kleinen Planeten. Waren die Fremden zu Anfang noch höflich und zuvorkommend, so gebärden sie sich inzwischen zunehmend aggressiv, und sie verspotten uns als Silberaffen, wegen unseres silbrig-weißen Felles, das unseren Körper, mit Ausnahme des Gesichtes, komplett bedeckt und das das Tragen von Kleidungsstücken, auf die die Erdlinge angewiesen sind, unnötig macht.
Doch je mehr Erdlinge eintreffen, desto mehr Widerwille regt sich beim Volk. Keiner der Fremden redet batusarisch oder eine andere bekannte Sprache der Konföderierten Vereinigung und es ist deshalb kaum möglich, sich mit ihnen zu verständigen. Die wenigsten von ihnen gehen einem Erwerb nach und viele von ihnen ziehen bettelnd durch die Städte oder stehlen, was ihnen unter die Mäuler kommt.
Wir haben für die Erdlinge in speziellen Bildungszentren die Möglichkeit geschaffen, kostenlos die hiesige Sprache zu erlernen, doch es wird wenig Gebrauch von diesem Angebot gemacht. Die Fremden behaupten, unsere Zungenschnalztechnik, mit der wir uns verständigen, wäre keine Sprache hochintelligenter Wesen, sondern Tierlaute. Sie leben deshalb in freiwilliger Isolation zu uns Batusariern, haben ihre eigenen Stadtteile und bleiben unter sich. Auch scheinen sie an unserer Kultur nicht interessiert zu sein, ja, es kommt mir beinahe so vor, als würden sie unsere Jahrtausende alte Kultur und unsere Traditionen verachten.
Die Erdlinge errichteten eigene Gotteshäuser und beten darin nur einen einzigen Gott an, wo jeder Batusarier, vom Baby bis zum Ältesten, doch ganz genau weiß, dass es drei Götter gibt, von denen jeder auf einer der Sonnen lebt, welche unseren Planeten umkreisen. Aber die Erdlinge weigern sich bis heute vehement, unseren Glauben, der der einzig wahre ist, anzunehmen. Sie bastelten sich menschenähnliche Puppen, versahen diese mit Strahlenkränzen am Haupte und ziehen mit ihnen zu bestimmten Tagen laut singend durch die Straßen unserer Städte.
Wir Batusarier sehen dies als Lästerung gegenüber unseren eigenen drei Göttern an. Dieser Frevel muss unterbunden werden. Doch gibt es eine friedliche Lösung hierzu? Mir hallen die Worte von Innenminister Renoki im Ohr nach, die er auf der gestrigen Sitzung von sich gegeben hat: „… doch wie danken uns die Fremden unsere Güte? Sie behandeln uns wie Feinde und verachten uns dafür, weil wir anders aussehen als sie. Unsere metallisch gefärbte Gesichtshaut, unseren schmalen Körperbau und unsere silberfarbene Behaarung sehen sie als primitiv an. Ich sage euch, es wird der Tag kommen, an dem sich diese Erdlinge zusammentun und uns alle ausrotten werden, zudem sie über Waffen verfügen, die uns unbekannt sind.“
Was, wenn der Innenminister Recht hat? Sind die Erdlinge unsere Feinde? In Gedanken versunken stehe ich am Fenster und sehe hinaus. Hier, vom 82. Stockwerk des Regierungsgebäudes, habe ich einen guten Überblick über die Stadt. Ich sehe auf die anderen Häuser hinab, auf die Parks mit ihrer spärlichen Vegetation und den bizarren dunkelblauen Felsformationen, und ich sehe den Verkehr per Leitstrahl in zwanzig Meter Höhe dahinschnellen und denke dabei an die Zukunft meines Volkes. Welche Entscheidung ist die richtige?
Ich falle auf die Knie, verbeuge mich in Richtung der größten der drei Sonnen, halte meine Hände ehrfürchtig gespreizt vor mein Gesicht und bitte um den Beistand des mächtigsten unserer drei Götter. Lange verharre ich in dieser Stellung. Dann gehe ich hinüber zu meinem Stehpult, auf dem der neue Gesetzesentwurf liegt. Ich unterschreibe. In wenigen Minuten wird das neue Gesetz per Teletransport beim Verteidigungsministerium vorliegen. Von diesem Augenblick an werden alle weiteren Raumschiffe der Erdlinge, die einer Aufforderung zum Weiterflug nicht nachkommen, abgeschossen.


Kommentar von M.M.

Du hast Glück! In meinem Beitrag 6926 war Dir ja etwas zu wenig Handlung, und jetzt hat eine der Protagonistinnen SELBST kommentiert! ;-)

Eingetragen am: 24.03.2008

Kommentar von ju bli

Ich hab Achtung vor deiner Arbeit. Einen ganzen Planeten samt Bewohner neu zu erdenken ist noch um vieles schwieriger, als ein Land und eine Gesellschaft unseres Planeten zu recherchieren und eine glaubwürdige Szene zu erschaffen. Da ist es zwar dankenswert, wenn man auf das Funktionieren des Sonnensystems und Planetenkonstellationen aufmerksam gemacht wird - der erhoben Zeigenfinger ist aber nicht nötig! Und wissen wir, was wir alles noch nicht wissen?! Du hast den plumpen Eroberungsdrang der Erdlinge glaubhaft ins All befördert ... Gut gemacht!

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Lillilu

Hallo Angela! Jetzt habe ich endlich Zeit gehabt deinen tollen Text zu lesen. Ich bin beeindruckt von der Idee und auch der Umsetzung. Schön, wenn Politik so karikiert wird! Sicher hat Ginko recht mit dem Hinweis auf das reale Sonnensystem. Aber das kannst du ja leicht ändern und die drei Götter anders arrangieren. Zum Abschießen von Flugzeugen: Schilly hatte damals nur an Flugzeuge, die von Terroristen entführt werden gedacht und Gott sei dank nie daran, Asylbewerber abzuschießen. Dies nur ein Versuch uns Erdlinge etwas gütiger darzustellen. LG Lillilu

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Putzi

Ja, wir Erdlinge sind wirklich so. Auf unserem eigenen Planeten haben wir bewiesen, dass wir weder Akzeptanz, noch Toleranz und schon gar keine Dankbarkeit kennen. Das Universum möge jedes Leben auf anderen Planeten beschützen, die wir Erdlinge überfallen werden. Liebe Angelika. Deine kritische Fiktion macht mich demütig. Ich möchte nicht sein, wie ich bin (aber Menschlichkeit steckt in mir) und bewundere Deine hervorragende Idee, die Du gekonnt umgesetzt hast. Liebe Grüße. Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Sehr fantasievoll! Der Text ist dir sehr gut gelungen. Ich würde aber auch gern mehr die Kanzlerin kennenlernen.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Schöner Einfall - ich hatte so einen ähnlichen (ich werde jetzt eben eine andere Geschichte schreiben). Mich würde noch interessieren, ob die Erdlinge wirklich so schlimm sind, wie sie hier dargestellt werden, oder ob die Kanzlerin mit Blick auf Wählerstimmen etwas auf die Tube drückt. Sind die Batusaris die Guten? Oder gibt es da auch ein paar Gauner?

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Unschwer ist die Kanzlerin ohne Eigenschaften zu erkennen. Doch wir möchten in diesem Rahmen eine deutlichere Figur. Die Schwierigkeiten beim Zusammentreffen verschiedener Kulturen sind verfremdet durch die Verlagerung in außerirdische Gegenden. Bitte mehr Sorgfalt im astronomischen Umfeld! Sonnen kreisen nicht um Planeten, schon gar keine drei gleichzeitig. Mehrfachsysteme haben überhaupt keine Planeten. Vermutlich sind hier die individuellen Götter der unterschiedlichen Kulturen gemeint.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Frog

Geniale Idee, richtig gut umgesetzt. Mal was anderes... Schäme mich ein bisschen, dass ich ein Erdling bin. Und habe auch ein bisschen Angst:-)

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Numungo

Die Wirklichkeit ist so gut in eine Fiktion projiziert, dass es nichts zu ergänzen gibt!

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Sehr schön beschrieben, dieser Rollenwechsel.

Eingetragen am: 14.03.2008

Eingetragen am: 13.03.2008 von swenja
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6525

Alrike stand auf dem Burgwall und ließ ihren Blick über das Meeer aus Bäumen schweifen, das sich endlos bis zum Horizont erstreckte. Der Sturmwind peitschte ihre kastanienbraunen Zöpfe in die Luft und fuhr ihr unter das weite Kleid. Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust und wandte den Blick nach oben. Der Himmel war eine graue Decke. Es war kein gutes Wetter, um die Ernte einzubringen. Der Vater hatte am Morgen noch verbitterter gewirkt als sonst und das ohnehin stets sorgenvolle Gesicht der Mutter hatte allzudeutlich gezeigt, wie sehr sie sich vor einem verfrühten Herbst mit wochenlangem Regen fürchtete.
Alrike sah zu ihrem Großvater auf, der neben ihr stand, das Gesicht trotzig in den Wind hielt und vor Vergnügen lachte.
"Blas du nur", forderte er den Sturm heraus. "Du bläst mir meine Burg nicht weg!"
Alrike war beruhigt. Wenn der Großvater sich keine Sorgen darüber machte, ob Gott ihnen eine gute Ernte schenken würde, dann brauchte sie es auch nicht zu tun.
Alrike liebte und verehrte den alten Arnhard, weil er keine Furcht kannte. Er wurde seinem Namen "starker Adler" voll und ganz gerecht. Vor vierzig Jahren hatte er beim Slawenkreuzzug Seite an Seite mit dem großen Markgrafen Albrecht gekämpft. Damals war er 17 Jahre alt gewesen. Heute, im Jahr des Herren 1189, war er ein Greis, der älteste Mensch, den Alrike kannte. Niemand in den beiden Bauerndörfern, die Alrikes ganze Welt ausmachten, war auch nur annähernd so alt wie der Großvater. Trotzdem strahlte er immer noch so viel Lebenskraft und unerschütterliches Gottvertrauen aus, dass sie sich in seiner Gesellschaft vollkommen sicher fühlte.
Alrike wusste, dass die Leute, allen voran ihr Vater, darüber spotteten, dass der alte Krieger Arnhard so viel Zeit mit ihr, einem Mädchen, verbrachte. Sie hatte ihren Vater sagen hören, der Alte werde von Tag zu Tag wunderlicher. Aber Alrike wusste es besser: Der Großvater lebte in seiner eigenen Welt der ERinnerungen und er ließ sie daran teilhaben, weil sie die Einzige war, die sich dafür interessierte. Wie der Adler am Himmel, so schwebte der Großvater über der restlichen Welt und wie der Adler war er der König seines REiches. Schließlich war er es, der für seine Verdienste die alte Slawenburg zu Lehen bekommen hatte, nicht der Vater, auch wenn der seit einigen Jahren die Wirtschaft führte.
"Na, was treiben unsere Nachbarn so", fragte der Großvater. "Hast du irgendetwas entdeckt?"
"Nein, gar nichts", erwiderte Alrike wahrheitsgemäß.
"Bei den Magdeburgern" - sie zeigte in die Richtung, wo, wie sie wusste, Besitzungen des Erzbischofs von Magdeburg lagen, " - rührt sich nichts."
Gemeinsam wanderten sie den breiten Ringwall entlang, der drei Meter hoch war und eine annähernd kreisrunde Fläche von beinahe 40 Metern Durchmesser umschloss.
"Bei den Wettinern ist auch alles ruhig", fügte Alrike hinzu, als sie bei ihrem Rundgang in die Richtung blickten, wo irgendwo in unbestimmter Ferne die Grafschaft Lausitz an Brandenburg angrenzte.
"Keine Horden wilder Slawen, die ihre Burg zurückerobern wollen?"
Es klang fast so, als würde sich der Großvater einen Feind herbeiwünschen, um endlich wieder kämpfen zu können.
Alrike verneinte bedauernd und fragte sich im Stillen, ob sie eine Horde Slawen überhaupt als solche erkennen würde. Sie wusste, dass im Osten noch heidnische Slawen lebten, die sich erbittert gegen die immer weitergehende Ausbreitung des Frankenreichs wehrten. Ob die wohl anders aussahen als die chrislichen Slawen im Slawendorf? Anders als ihre eigene, slawische Mutter? Alrike konnte keinen wirklichen Unterschied zwischen ihnen und den aus der Kölner Gegend eingewanderten Rheinländern erkennen, die in Neudorf lebten.
"Es ist auch gar nichts mehr los."
Der Großvater klang resigniert.
"Nein", bestätigte Alrike so ernsthaft wie altklug, "die guten, alten Zeiten, als noch was los war, sind vorbei."
Sie waren nun fast auf der Höhe des südöstlichen Tors angekommen und ihr Blick fiel erstmals auf kultiviertes, gerodetes und bewirtschaftetes Land. Die ersten Häuser von Neudorf waren nur wenige hundert Meter entfernt. Im Fall eines Angriffs konnten die Bewohner sich und ihre Tiere hinter den meterdicken Mauern der hölzernen Rundburg in Sicherheit bringen. Von hier oben war das Waldhufendorf mit seinen regelmäßigen, gleichgroßen Feldern, die direkt hinter den Wohnhäusern begannen und vom Wald begrenzt wurden, ein schöner Anblick. Auf jedem dritten Feld wuchs Weizen. Alrike konnte die Bauern, ihre Mägde und Knechte, die den reifen Weizen sichelten, als käferkleine Punkte erkennen. Auf einígen Feldern wuchs Kohl und anderes Gemüse. Der Rest lag brach, damit der Boden sich erholen konnte.
Was die Bauern anzubauen hatten, bestimmte der Vater. Er war der Herr. Deshalb war das Haus, in dem Alrike mit ihren Eltern, ihrem Großvater und ihrem kleinen Bruder Konrad lebte, das einzige Steingebäude in ihrer kleinen Welt. Daran konnte jeder erkennen, dass die Familie von der Rundburg keine Bauern waren, sondern verdiente Dienstmannen des Markgrafen. Ihr Haus hatte sogar ein Obergeschoss: Unten befanden sich die Küche und die Wirtschaftsräume, oben das Schlafzimmer und der Speisesaal.

Unter sich konnte Alrike die Stimmen ihres Vaters und einiger seiner Knechte hören. Sie waren damit beschäftigt, ein Holzgerüst am Wall aufzubauen, denn einer der mächtigen Außenbalken war schadhaft und musste ersetzt werden. Das war jedesmal eine anstrengende und auch gefährliche Arbeit und so fluchten die Männer schon jetzt in Erwartung dessen, was auf die zukam.
"Lass uns runtergehen", bat Alrike. "Mir ist kalt."


Kommentar von Velarani

Hallo Swenja, ich wollte dir zurückschreiben, weil du mich auch kommentiert hast. Jetzt hab ich ein Problem: Historische Romane mag ich nicht, und in deinem Text ist mir ein bisschen viel Beschreibung drin und zu wenig über Alrikes Befindlichkeit. Von daher: no comment, aber liebe Grüße!

Eingetragen am: 21.03.2008

Kommentar von Putzi

Liebe Swenja. Keine Sorge, wohin die Reise geht, bleibt meiner Meinung nach Dir überlassen. Es wäre ja noch schöner, wenn wir uns schon bei den Übungen einer Zensur unterwerfen müssten. Deine ausführlichen Schilderungen habe ich genossen. Herzliche Grüße, Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ich nehme dir alles exakt so ab, wie du es beschrieben hast. Wenn ich Verleger wäre, würde ich es kaufen. (Mittelalter soll gerade boomen, habe ich gehört. Und das Ehepaar Iny Lorenz kann sich schon mal warm anziehen, denn hier kommt ernstzunehmende Konkurrenz für sie)

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Swenja, deine Geschichte gefällt mir gut. Ich könnte mir vorstellen wie es weitergeht. Vielleicht ein Angriff? Gruß Jutta

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von swenja

Um wütenden Protesten zuvor zu kommen: Ja, ich habe mich in gewisser Weise am Thema vorbeigemogelt. ABER: Ist die Vergangenheit nicht weiter weg als das exotischste Land der Erde? Kein Reisender kann sie jemals besuchen. Und keine Mentalität könnte mir fremder sein als die von Religion durchdrungene des Mittelalters. Und ich habe lange und gründlich recherchiert. So gesehen sind die Vorgaben doch erfüllt, oder?

Eingetragen am: 14.03.2008

Eingetragen am: 13.03.2008 von Isabella E.
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6518

Mein Name ist Jade Ralison und ich bin einunddreißig Jahre alt. Ich lebe in Toliara mit meinem Mann Clement und meinen drei Kindern, Philippe, Camille und Lucie. Toliara liegt im Südwesten der Insel Madagaskar. Toliara bedeutet „wo man gut ankern kann“, was sich auf den tollen Hafen hier bezieht. Von hier aus wird Kaffee, Fische, Gewürze, Baumwolle und Reis exportiert. Der Fluss Onilahy verläuft auch gleich hier in der Nähe.
Mein Sohn Philippe hat mir mal erzählt, dass Madagaskar die viertgrößte Insel auf der ganzen Welt ist. Das hat er in der Dorfschule gelernt. Es ist eine städtische Schule und kostet nichts. Die privaten Schulen besuchen nur die Kinder der Reichen Leute und davon gibt es nicht viele.
Philippe ist elf Jahre alt und besucht jetzt das letzte Schuljahr. Er möchte dann noch weiter auf die Schule gehen und studieren aber ich weiß noch nicht ob wir, ich und mein Mann, uns das leisten können, denn die weiteren Schulen sind kostenpflichtig. Er lernt sogar auf der Schule Französisch. Früher, als ich noch in die Schule ging, konnte man keine Fremdsprachen lernen.
Camille, meine Tochter, ist jetzt zwölf Jahre alt. Nach dem sie die Dorfschule beendet hatte, ist sie auf eine weitere Schule gegangen, an der sie nähen lernt. Nächstes Jahr wird sie vielleicht damit Geld verdienen. Ihr macht die Arbeit sehr viel Spaß aber sie kommt immer sehr spät nach Hause.
Lucie ist die älteste. Sie ist fast dreizehn Jahre alt. Wir haben sie damals nicht in die Schule geschickt weil sie mir beim Arbeiten helfen musste.
Wir haben vor dem Haus ein Feld mit verschiedenen Gewürzen. Ich und meine Tochter Lucie, arbeiten jeden Tag auf diesem Feld. Die gepflückten Gewürze verkaufen wir ein Mal in der Woche auf dem Markt am Hafen.
Mein Mann Clement fährt jeden Tag, mit seinem Fischerboot aufs Meer hinaus. Die meisten Fische, die er fängt, verkauft er auch gleich am Hafen hier in Toliara. Ein paar Fische bringt er aber immer nach Hause damit wir was zum Essen haben.
Clement hat auch nie eine Schule besucht. Seine Eltern brauchten ihn zu Hause und er hat schon immer nur gearbeitet. Deshalb kann er nicht lesen und schreiben. Jeder zweite hier auf Madagaskar, kann nicht lesen und schreiben.
Am Sonntag geht die ganze Familie immer in die Kirche. Wir sind katholisch. Die meisten hier glauben an Christentum oder sind Katholiken. Aber es gibt auch einige Buddhisten hier.
Um in die Kirche zu kommen müssen wir nicht weit laufen. Trotzdem ist es sehr anstrengend weil es tagsüber sehr heiß und trocken ist. Erst am Abend regnet es meistens.
In Toliara gibt es sogar einen großen Flughafen. Hier landen und starten jeden Tag, außer am Sonntag, die Flugzeuge. Sehr viele Urlauber verbringen hier schöne Tage und Wochen.
Die Touristen kaufen oft meine Gewürze was mich sehr freut, denn dann können wir etwas mehr Geld sparen um das spätere Studium von meinem Sohn zu finanzieren. Vielleicht wird er mal ein Arzt in einer der vielen Kliniken hier? Das wäre sehr schön.
Mir gefällt es hier in Toliara. Ich habe meine Kinder, meinen Mann und meine Arbeit. Was will ich den mehr?
Jetzt muss ich aber weiter arbeiten. Schöne Tage wünsche ich euch. Auf wieder sehen!


Kommentar von ju bli

Ich sehe eine einfache Frau, die vor ihrem bescheidenem Heim einer Reporterin gegenübersitzt und aus ihrem Leben erzählt. Das Leben ist einfach, sie ist zufrieden. Sie erzählt, was für sie in ihrem Leben wichtig ist: ihre Kinder, ob sie einmal Bildung und bessere Chancen haben werden... Die Geschichte plätschert so dahin und ist gerade deshalb glaubwürdig. Und du musst dich nicht für deine Quellen rechtfertigen. Die Aufgabe lautete, ein Land zu suchen, von dem man nichts wusste, zu recherchieren und aus der Sichtweise eines dieser Menschen zu schreiben. Das ist dir gut gelungen.

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Ein runde Geschichte, ich habe viel gelernt über die Insel. Ein einfaches Leben wird geschildert, das Ruhe und das Gefühl am richtgen Platz zu sein ausstrahlt.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Putzi

Ich finde auch, dass die Übungsaufgabe gut gelöst wurde. Trotz Armut, eine zufriedene Familie zu beschreiben, widerspricht unserer kapitalistisch geprägten Grundeinstellung und trotzdem sehnen wir uns danach. Gerne würde ich der Erzählerin zuwinken und ihr ein langes Leben wünschen. Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Isabella E.

Also ich weiß wirklich nicht wie Du (M.P.) jetzt auf wikipedia kommst!? Natürlich war dies auch eine meiner Quellen, die ich verwendet habe aber nicht die einzige. Leider gibt es zu diesem Ort nicht wirklich viele Informationen und die Internetseiten, die ich mir durchgelesen hatte, und wo ich unter anderem mir die Bilder, Reiseberichte und Kurzvideos angeschaut hatte, gaben nicht mehr Informationen für diese Aufgabe her. Abgesehen davon soll es sich ja um eine Person handeln und nicht um ein Ort, den sonst könnte ich ja gleich hier ein Reisebericht rein stellen.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Da hat wohl M.P. nicht bei Wikipedia nachgeschaut. Aber ich! ;o)

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Das ist mal ein Text, der genau der Übungsaufgabe entspricht, ohne Rahmenhandlung auskommt, die die Beurteilung erschwert, und trotzdem nicht langweilig ist.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Netter Schluss! Dein Text liest sich sehr angenehm. Jade Ralison hinterlässt in mir den Eindruck einer einfachen und zufriedenen Frau. Sie ist mit ihrer Familie und ihrer Umgebung sehr verbunden.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von M.P.

WWW.wikipedia.de mit einer kleinen Geschichte gefüllt.

Eingetragen am: 14.03.2008

Eingetragen am: 13.03.2008 von Frog
[ Lesezeichen ]

6508

"Sunil", kreischte die magere Frau. "Ich bin wieder da!" Sunil starrte verlegen auf seine dunkelbraunen Füße und rang sich ein Lächeln ab. "Hallo Margit, Du schöne Frau! Ich begrüße Dich". Er entblößte wie automatisch seine schneeweißen Zähne und lächelte sein berühmtes, mit Sandelholz poliertes Affenlächeln. Die hagere blonde Mittfünfzigerin stellte sich neben ihn an die Bar und strich über den weichen Stoff seines orangefarbenen Sarongs. Das Ayurveda-Hotel schrieb diese Arbeitskleidung vor, um ihr singhalesisches Personal möglichst authentisch zu präsentieren. Susil zupfte unsicher die seidenen Beinkleider zurecht.
Ein kräftiger Regenguss hatte die salzgetränkte heiße Luft aufgeklart, der Indischen Ozean brachte frischen Wind. Er mass mit seinen müden Augen die Stämme der Kokospalmen ab, die den türkisfarbenen Pool umsäumten. Die grünen Blätter der Ceylon-Zimtsträucher raschelten leise, und nur er konnte ihren Duft spüren. Margit konnte die Droge, die er aus Zimt bereiten konnte, gut brauchen. Sie war Kettenraucherin und litt unter Verstopfung. Das Zimtgemisch würde ihre Magensäfte wieder zum Fließen bringen. Nirgendwo gab es so guten Zimt wie in seiner Heimat.
Sunil atmete tief durch. Er würde den Duft all der Gewürze und Kräuter seiner Heimat vermissen. Aber er hatte sich entschlossen, Sri Lanka zu verlassen.
Seine Patientin wusste das noch nicht. Sie zündete sich eine rote Marlboro an, bestellte einen Kokosnusssaft, reckte ihre knorrigen Glieder und verzog dabei schmerzverzerrt das Gesicht. Margit würde die Behandlung wieder nötig haben, denn bei ihr zu Hause in Köln gab es die Kräuter nicht, die ihren wehen Knochen und ihren vergifteten Eingeweiden Linderung verschafften. Dafür kam sie seit zwei Jahren im Frühjahr nach Sri Lanka und vertraute sich seinen heilenden Händen an, zahlte für ihre zweiwöchige Panchakarma-Kur mal eben 2500 Euro.

Die Kunst der Ayurveda-Medizin war Sunil in die Wiege gelegt worden. Seine Großmutter Alma – der Vorname war ein Erbe der Portugiesischen Kolonialherren, die die Küstenregion der Insel Mitte des 16. Jahrhunderts für einige Zeit in Besitz genommen hatten – entdeckte es in seinen Augen, als er fünf Jahre alt war. Sie lehrte ihn die Iris-Diagnose, schmolz mit ihm über der Feuerstelle Butterfett zu heilendem Ghee, in dem alten Blechtopf, der heute noch im Haus seines Vaters einen Ehrenplatz über dem neuen Elektroherd hatte. Er kannte von ihr jeden Kniff, um die Hilfesuchenden, besonders die aus dem Westen, wieder ins seelische und körperlich Gleichgewicht zu bringen.

Sunil nahm mit seiner feinen Nase die Vergiftung wahr, die sich in Margits Organen breitgemacht hatte. Sie kam von falscher Ernährung, vom Stress, von all den Toxiden, der er nur zu gut kennen gelernt hatte während seiner Ausbildung zum Barman in einen Luxusschuppen in Galle. Am Anfang hatte er mit seinen Kräutern seine eigenen Kater-Anfälle noch besiegen können, aber später konnten ihn weder das Trinkgeld noch die geifernden Blicke der Touristinnen zwingen, seinen schönen Körper dauerhaft zu schädigen. Er hatte einen Weg für sich gefunden, eine Balance zwischen Absturz und Vitalität. Zu viel Gift tat ihm nicht gut.

Er war seiner Berufung gefolgt und verdiente sich nun schon seit drei Jahren sein Rupien als Therapeut in einem Ayurveda-Ressort. Doch abgesehen von seinen Therapie-Erfolgen gab ihm die Tätigkeit nichts mehr. Die Patienten, überwiegend alternde Ehefrauen aus Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden, hatten ihn ausgesaugt. Sunil hier, Sunil da! Er, der junge Mann mit dem Adonisleib, den zarten Händen und dem Talent, im Handumdrehen Fremdsprachen zu lernen, würde sich jetzt ein letztes Mal zum Kasper machen.
Sunil zwinkerte dem alten Kollegen Anil zu, als er Margit auf die Schulter klopfte. Anil, ein Familienvater aus dem Hochland, sparte jede Rupie für seine sieben Kinder, Ehefrau, Eltern, Schwiegereltern und Großeltern. Er war katholisch, hasste die Tamilen, würde niemals betrügen, doch Sunil konnte es in seinen blitzenden schwarzen Augen sehen, dass Anil nicht ohne Neid war auf seinen Schlag bei Frauen.
Wie lange hatte Sunil bei seinen Kollegen den Casanova gegeben! Dabei schämte er sich insgeheim für seine Promiskuität, die sich in Sri Lanka schlichtweg nicht ziemte.

Aber er konnte einfach nicht immer keusch sein. Jeden Tag lagen zehn bis 15 entblößte Frauenkörper auf seinem Massagetisch und stöhnten wohlig unter seinen mit warmem Öl getränkten Spinnenfingern. Wenn sie die Augen geschlossen hatten, linste er auf ihre Brüste. Er kannte alle Formen, die weißen melonenförmigen mit den großen hellbraunen Warzen waren ihm die liebsten. Sie sahen so anders aus als die kleinen, rosinenförmigen, nahezu schwarzen Brustwarzen seiner Landsmänninnen. Manchmal musste er an sich halten, um nicht auszuflippen.
Bei einer dieser Massagen hatte er Gunda kennen gelernt. Die Ayurveda-Therapeutin aus Hamburg sog wie süchtig sein Wissen ein, löcherte ihn mit Fragen und lockte ihn mit Erzählungen über die zunehmende Sehnsucht der Deutschen, Männer wie Frauen, nach ganzheitlicher Medizin. Ihre Brüste und das Gehalt in Deutschland hatten ihn schließlich überzeugt, in Sri Lanka seine Zelte abzubrechen. "Mein Curry-Prinz", hatte sie ihn genannt nach schweißtreibenden und akrobatischen Liebesnächten auf der Schlafmatte in seiner kleinen Hütte am Strand. Hatte seinen würzigen Duft eingesogen und fasziniert seine Waschzeremonien nach jedem Liebesakt beobachtet. "Wie kann das sein?", hatte sie immer wieder erstaunt gefragt. "Wir haben so viele Cocktails getrunken und du riechst kein Stück danach. Du duftest nach Kardamom, Curry, Zimt. Was ist dein Geheimnis?"
Er wollte dieses Geheimnis im Westen an den Mann bringen, nicht nur an die Frau. Er hatte eine Stelle in Gundas Zentrum angenommen, seine Koffer waren bereits gepackt.

Sunil ahnte, dass er ein Pendler zwischen den Welten sein würde. Aber diesen Preis würde er für das neue Leben zahlen. Die wirtschaftlichen Folgen des Tsunami, die politischen Unruhen, der Hass auf die Tamilen, den er, obwohl Singhalese, nicht verstand. Er wollte das alles hinter sich lassen.
Seine Mutter war im letzten Jahr gestorben, der Vater verdiente seinen Lebensunterhalt für sich und die beiden minderjährigen Töchter als Heiler und würde ihm die Kräuter schicken, die er für seine Behandlungen im Westen brauchte. Sunil fühlte sich gewappnet für den Neuanfang.
"Du ahnst es nicht", riss ihn Margit aus seinen Träumen. "Ich hatte im Januar ein Gesicht wie ein Mondkalb. Mein ganzer Kiefer war entzündet. Drei Wochen musste ich Antibiotika nehmen".
"Na, dann wird es ja Zeit, zu die Behandlung zu kommen", sagte er augenzwinkernd. "Werden wir Deine überschüssige Dosha schon kaputt machen!"
Sie wusste ja nicht, dass heute sein letzter Tag war. Er wollte ihr die Hoffnung nicht nehmen.
Als Margit sich endlich zu ihrer Hütte trollte, schaute Sunil noch einmal auf die Uhr. In Colombo wurde wahrscheinlich gerade der Flieger nach Frankfurt geputzt. Seine Arbeitgeber hatten ihn weinend geherzt und ihm die besten Wünsche mit auf den Weg gegeben. In seiner linken Hand drückte der Talisman, ein Abschiedsgeschenk seines Vaters: Es war ein dunkelvioletter Ceylonsaphir, birnenförmig wie seine Heimatinsel. Er sollte ihn vor Untreue, Hass und Angst bewahren, sein Vater hatte den Stein für Behandlungen sogar schon im Mund getragen, um innere Gebrechen zu heilen. In Sunils Sarong gab es keine Tasche, um das kostbare Erinnerungsstück aufzubewahren.
Aber in Deutschland würde er ja zum Glück Hosen tragen...


Kommentar von Cora

Sunil ist einer der häufigsten männlichen Vornamen in Sri Lanka. Jetzt wissen wir wenigstens, woher sich die Waschmittelhersteller inspirieren lassen. Den letzten Satz würde ich streichen, weil in Sri Lanka jeder Junge Hosen trägt, wenn er auf Reisen geht. Der Sarong wird üblicherweise in einer raffinierten Weise geknotet, dass sich eine Tasche ergibt.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Die Vorkommentatoren haben schon alles angesprochen. Es gibt viel zu feilen. Aber schöne Werbung für Panchakarma!

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Frog

@Metta, irgendwie hast Du Recht. Vielleicht wäre es besser gewesen, der Sunil (Für eure Waschpulver-Assoziationen kann ich nichts, das ist nun mal ein Name von einem Mann aus Sri Lanka, den ich kenne) hätte in der Ich-Form geschrieben, dann wäre vieles anders gekommen. So ist zu viel Wertung drin von der Autorin, das ist dann nicht mehr authentisch. Da muss ich wohl noch mal ran. War auch ein Schnellschuss... Ist vermutlich ganz gut, so einen Text erstmal ruhen zu lassen und sich Zeit zu geben, ihn wachsen zu lassen... Danke für die Anregungen... Habe bisher immer nur in der Ich-Form geschrieben, ich ahne jetzt die Probleme, die auf mich zukommen...

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Sunil gleich als erstes Wort weckt wirklich schnell die Assoziation zum gleichnamigen Waschpulver. / Zweiter Absatz: "der Indische Ozean brachte frischen Wind. Er maß mit seinen müden Augen..." Er ist doch wohl Sunil und nicht der Wind? Warum konnte nur Sunil den Duft spüren? Auch wenn er eine besonders feine Nase hat, ist doch Zimtduft recht intensiv und auch für Ungeschulte wahrnehmbar. Affenlächeln und schöner Körper (das ist übrigens beides eher eine äußere Betrachtungsweise als Sunils Sicht, oder?) passen für mich nicht zusammen. Brüste und Gehalt als Auswanderungsgrund? Die Wortwahl finde ich z.T. nicht stimmig für den Protagonisten: Kniff, Toxid, geifernde Blicke, zum Kasper machen, Casanova, Spinnenfinger, Margit trollte sich (wie niedlich für so 'ne "Olle"), weinend geherzt. Kritisieren (wir wollen ja hier was lernen, nicht wahr?) ist vermutlich leichter, als es selbst besser zu machen. Deshalb habe ich mich bisher vor dieser Aufgabe auch gedrückt. Es kribbelt noch nicht in den Fingern... LG Metta

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Frog

An alle: Sunil ist nun einmal ein gängiger Name auf Sri Lanka (wo ich noch nie war) @Lillilu – Ceylonzimt ist der Hammer – sowohl zur Engiftung als auch zum Würzen und Genießen (oder Brüste bepinseln :-)). Aber bitte nur im Ayurveda-Versand oder im Reformhaus den echten kaufen... @Fledermaus: Mit dem "hässlichen Satz" hast Du so Recht. Geht gar nicht, sorry. Bis auf den Kokosnusssaft. Letzerer gilt als erfrischendes Getränk, das nicht zum Kochen verwendet wird – im Gegensatz zu Kokosmilch, die aus gepresstem Kokosnussfleisch gewonnen wird. @Mata, gib' mir bitte einen Tipp (wenn Du magst), wo die Längen sind: Rückblenden oder Jetztzeit? Ich ändere gern.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von M.P.

Ganz nette Geschichte, schön erzählt. Man sieht, dass Du dich gut vorbereitet hast.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Sabine Mucha

Hallo Frog! Faszinierend! Hast Du schon ein Buch veröffentlicht? Beim Lesen kommt es mir vor, als würdest Du Deine Lebensgeschichte aufschreiben. Ich weiss nicht, ob Du bereits in diesem Land gewesen bist. Aber man könnte meinen, Du bist dort aufgewachsen. Ich bin neugierig auf Sinas Geschichte geworden. Super Leistung! Gruss Sabine

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Lillilu

Hallo Frog, sehr unterhaltsamer Text, mit vielen guten Tipps für die Gesundheit. Aber halt, sind die etwa nur ausgedacht? Nicht, dass ich mir hier noch tonnenweise Zimt ins Haus rolle! Auf die Brüste plinsen ist ja nicht sehr unkeusch, oder? Die Brüste hast du ganz wundervoll beschrieben! Wenn ich bei Sunil bloß nicht immer an Waschpulver denken müsste!

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Senga Eisernam

Adjektivitis! Und Längen!

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von swenja

Diese Geschichte habe ich gern gelesen. Man sieht die Bilder vor Augen, man kann die Gewürze riechen... Tolle Idee, die Welt eines Touristentempels aus der Sicht eines Angestellten zu beschreiben. Und auch die Zerrissenheit zwischen Tradition und westlicher Moderne ist sehr gut beschrieben.

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Tolle Idee für einen Roman! Der letzte Satz kann so viel aussagen...wie wird Sunil in Deutschland zurecht kommen? Ein Meer von Ereignissen könnte diesen Roman füllen.

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Sehr schön bunt. Die Farbigkeit und der Duft der Insel, die Öle und all das - man kann sich fast dabei entspannen. Bei mir hat das eine Sehnsucht geweckt (ok, mir tut auch grade furchtbar der Rücken weh!*g*). Es gibt nur einen ganz hässlichen Satz: "Sie zündete sich eine rote Marlboro an, bestellte einen Kokosnusssaft, reckte ihre knorrigen Glieder und verzog dabei schmerzverzerrt das Gesicht." Der ist so scheußlich weil a) die Marlboro nicht rot ist (die Schachtel vielleicht, aber die hat sicher einen Namen, light oder was auch immer) b)Ich mit Kokosnuss Milch und nicht Saft verbinde (?) und c) "schmerzverzerrt" eine Eigenschaft, nicht eine nähere Beschreibung der Tätigkeit ist. Danke für den Urlaub. :O)

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Mata

Hi Frog Das gefällt mir sehr gut. Die Informationen über die fremde Kultur sind mit dem Geschehen fein verwoben. Bei solchen Aufgaben besteht ja die Gefahr, dass man alle recherchierten Infos unbedingt rein packen will. Nicht, dass es mich jetzt explizit stört, aber ich denke, bei so einer kurzen Sequenz hättest du auf einige Aspekte verzichten können, um den Text etwas zu straffen. Du sprichst auch alle Sinne des Lesers an, das finde ich gut. Örtlichkeiten, Gefühlslage etc. wird deutlich vermittelt. Ich kann den Mann praktisch (auch) riechen. ;-) Einzig beim Namen war ich für einen Moment irrtiert, weil ich ein Waschpulver selbigen Namens kenne. *g Da die Formatierung jetzt anscheinend gewechselt wurde, würde ich direkte Rede immer auf eine neue Zeile setzen. Das ermöglicht dem Leser automatisch zu unterscheiden, wer jetzt spricht, ohne dass man das noch benennen müsste. Im Weiteren würde ich ein Auge darauf richten, dass sich Rückblenden/erzählende Elemente und Jetzt-Zeit mit Dialogen in etwa die Waage halten. Wer nur spricht, schwafelt ... wer nur erklärt und erzählt, mindert das Tempo. Die Mischung macht's. LG, Mata

Eingetragen am: 13.03.2008

Eingetragen am: 13.03.2008 von Mata
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6505

Nieselregen

Das neue Stubenmädchen hatte gute Arbeit geleistet. Die silbernen Kerzenhalter schimmerten in einem satten Glanz und die honigfarbenen Kerzen passten hervorragend zum Liliengesteck. Meine Schwester würde zwar, wie immer, über den starken Duft lamentieren, aber es gab nichts Edleres als Lilien auf weißem Damast.
Ich rückte eine Salatgabel zurecht und strich über die Leinenservietten mit dem gestickten Monogramm. Ein großes S um das sich ein kleineres R rankte.

„Lady Rowbotham?“
Mary stand abwartend unter der Tür und knickste, als ich den Kopf wandte.
„Ja, bitte?“
„Ihre Schwester ist hier“, sagte sie kichernd und ich runzelte ärgerlich die Stirn.
„Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass Sie meine Schwester gefälligst mit ihrem Namen anzumelden haben? Das ist doch wirklich nicht so schwer zu verstehen, oder?“
Mary zuckte zusammen und errötete heftig.
„Verzeihen Sie bitte, My Lady“, stammelte sie verlegen, „Miss Pankhurst ist eingetroffen.“
Ich nickte und seufzte. Das Personal war wirklich nicht mehr das, was es mal gewesen war.
„Ich lasse bitten.“
Mary knickste nochmals und stürzte nahezu aus dem Zimmer.
Ich strich mir eine vorwitzige Locke aus der Stirn und blickte durchs Fenster auf die, vor Nässe glänzende, Park Lane hinaus. Dieses unsägliche Wetter! Um diese Jahreszeit war es nahezu unmöglich, die Frisur länger als ein paar Stunden ohne Brennschere in Form zu halten.

„Liebes!“
Emmeline kam strahlend auf mich zu und hauchte mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Sie roch nach Kölnisch Wasser und Zigarettenrauch.
„Emmeline, schön dich zu sehen. Wie geht es dir?“
„Ich kann nicht klagen, Schwesterlein“, sagte sie fröhlich und ließ sich auf das Sofa vor dem flackernden Kamin fallen. „Himmel, was für ein scheußliches Wetter!“
Sie rieb sich fröstelnd die Hände und ich schüttelte den Kopf.
„Du solltest wenigstens Handschuhe tragen“, sagte ich tadelnd und betrachtete Emmelines rote Hände mit Widerwillen. „Eine Lady läuft schließlich nicht wie eine Küchenmagd herum.“

Emmeline lachte schallend und zwinkerte mir zu. Sie hatte dieselben krausen Haare wie ich, trug sie aber – der neuen Mode entsprechend – kurz und hatte vermutlich keine Probleme damit, dass sie sich wie bei einem Schaf ringelten.
„Nun sei mal nicht so streng mit deiner kleinen Schwester, Selina. Nicht jede genießt das Privileg, sich einen Adligen geangelt zu haben und den lieben langen Tag lediglich um ihr Aussehen bemüht sein zu müssen. Oder um stark riechende Blumengestecke ...“
Sie warf einen missbilligenden Blick auf die gedeckte Tafel und rollte die Augen. Ich war jedoch nicht bereit, mich in die Defensive drängen zu lassen, hielt es aber für klüger, das Thema zu wechseln. Der Abend würde vermutlich noch anstrengend genug werden.
„Wie wäre es mit einem Sherry?“
Ohne ihre Antwort abzuwarten, trat ich an die Bar und griff zur bereitstehenden Karaffe.
„Ist Viktor noch nicht da?“, fragte Emmeline, als ich ihr das Glas reichte. Sie zupfte an ihrer gestärkten Bluse, ordnete ihren schwarzen Taftrock und prostete mir dann zu.
„Er ist noch im Unterhaus, sollte aber jeden Moment eintreffen.“
Ich nippte nur leicht an der goldenen Flüssigkeit, doch der Sherry war stark und trieb mir die Tränen in die Augen. Jetzt oder nie!
„Emmeline, ich ...“ Meine Schwester schaute fragend zu mir hoch und ich räusperte mich. „Verstehe mich bitte nicht falsch, Liebes“, nahm ich einen neuen Anlauf, „ich weiß, wie viel dir diese Bewegung bedeutet und im Grunde ist das sicher eine gute Sache, auch wenn Viktor meint, dass ihr gehörig übertreibt. Aber wäre es dir eventuell möglich, heute Abend nicht über die Sufragetten zu sprechen?“

Emmelines Augen waren bei meinen Worten schmal geworden. Sie stellte das Glas behutsam auf den Salontisch, und ich sah, dass ihre Hand dabei leicht zitterte. Dann erhob sie sich und ich machte unwillkürlich einen Schritt zurück. Als sie zu sprechen anfing, fühlte ich, wie sich die Migräne in meinem Hinterkopf festbiss. Auch das noch!


Kommentar von Mata

@ Putzi: Ja, ich denke auch, man kann diese Aufgaben relativ frei interpretieren, bzw. sind sie wohl eher dazu gedacht, die Phantasie anzukurbeln. Freut mich, wenn dir der Beitrag zusagt. / @ Carola: Ja, logo, Oberhaus! Wo hatte ich nur meine Gedanken? Zuerst stand da 'Club', aber ich dachte mir dann, ich muss den Bezug zur Regierung herstellen, habe dann aber geschludert. Danke fürs aufmerksame Lesen. LG, Mata

Eingetragen am: 17.03.2008

Kommentar von Putzi

Hallo Mata. Ob in Groß Britannien, Frankreich, Nigeria, oder in der High Society, wichtig ist doch nur, dass Du Dich in der Gesellschaft nicht auskennst und über Dein eigenes ich springst, wenn Du etwas über sie erzählst. So gesehen, war es ein gelungener Beitrag. Liebe Grüße, Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Wenn auch keine Personenbeschreibung, so doch eine schöne Rückblende auf die Wende zum 20. Jahrhundert. Aber müsste ein Adeliger nicht im Oberhaus sitzen? Wenn ich das englische Kammersystem richtig verstanden hat, müsste Viktor auf seinen Adelstitel verzichten, um für das Unterhaus wählbar zu sein. Oder irre ich da gerade?

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Mata

Hi Caro, danke für das Kompliment. Aber Wilde ist eine Klasse für sich, an diesen Meister werde ich nie herankommen. Trotzdem freuts mich natürlich, dass man beim Lesen Lust auf mehr bekommt ... ist immer ein gutes Zeichen. / Hi Elisabeth, auch dir ein Danke fürs Kommentieren. Es ist schon recht schwierig, zu versuchen, die damalige Sprache wieder aufleben zu lassen - gerade das hat mich gereizt. Ich glaube aber nicht, dass es mir restlos gelungen ist, dazu müsste ich mich noch intensiver mit dieser Äera beschäftigen. Na ja, man tut sein Möglichstes. ;-)

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Mehr davon, bitte. So macht lesen Spaß.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Hallo Mata, mir gefällt dein Text sehr gut! Du hast diese "arrogante" englische Art, die aber doch zwischen den Zeilen eine tiefe Wärme verbirgt, so gut rübergebracht...ich bin begeistert!

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Caro

Gut geschrieben!Wäre sehr neugierig ob Emmeline sich beherrscht, wie ihre Schwester es fordert oder nicht. Erinnert mich an Oscar Wilde;-).

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Mata

Hi Leute! Besten Dank für die Kommentare... @ Fledermaus: Stimmt, ich habe mehr mit der Zeit gespielt, als mit den Örtlichkeiten, wobei ich selbst noch nie in London war. Was bin ich auch so ungehorsam! ;-) Etwas aus einer anderen Epoche zu schreiben, hat mich einfach mehr gereizt, als mich als Fremdenführerin zu betätigen. Ich hoffe, man kreidet mir das nicht allzu sehr an. Mit den Lilien hast du Recht, das müsste ich gegebenenfalls ändern. Danke für den Hinweis... @ Lillilu: Ich war mir nicht ganz sicher, ob man Emmeline Pankhurst so auf die Schnelle der Frauenbewegung zuordnen kann und kam dann zum Schluss, dass ich es lieber benenne, als dass ich den Leser rätseln lasse. Es ist ja auch schon ein Weilchen her und nicht jeder kann – selbst mit dem Namen ‚Sufragetten’ – etwas mit diesen Umständen anfangen. Aber natürlich sollte man das Publikum auch nicht unterschätzen. Kluge Köpfchen, die Ihr seid. ;-) ... @ M.P. Das ist doch mal ein schönes Kompliment, dass sich jemand die Mühe macht, bei einem Text von mir nachzuschlagen. Freut mich sehr. Ja, brisante Zeit und damals sicher ein brisantes Thema. Darüber könnte man glatt einen Roman schreiben. ;-)

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von M.P.

Ja ja, der neue Adel der alten Geschlechter. Zuerst habe ich noch wallende Kleider gesehen, und Frauen, die sich in ihren viel zu engen Korsetts nicht bewegen konnten. Aber dann verblasste dieses Bild und ich wurde unsicher. Und da ich gerne mitreden möchte und nicht doof sein will, sah ich im Internet nach. Wahlrecht für Frauen im vereinigten Königreich zur Jahrhundertwende. Die Zeit des Aufbruchs und um 1920 sogar mit der Festsetzung des "Internationalen Frauentags". Die Sufragetten waren starke Frauen, die auch körperliche Gewalt für die Durchsetzung ihrer Interessen nutzten. Diese Bewegung ging sogar um die Welt, es gab internationale Kongresse, wie Brisant! ;o)

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Lillilu

Mata, my dear, what a charming story! Wie aus einem Guß und die "krausen Haare" die sich "wie bei einem Schaf ringeln". Aber ich wünschte du hättest die Sufragetten nicht erwähnt, sondern nur nebulös angedeutet, das wär' dann even more charming gewesen! LG Lillilu

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Du hast die Atmosphäre gut aufgebaut. Allerdings bin ich etwas zwiespältig - Du hast mehr die Zeit als den Ort verändert. Der einzige Hinweis auf Frankreich sind die Sufragetten am Ende. Übrigens: In einem feinen Haus würde man keinesfalls einen duftenden Strauß auf den Tisch stellen, da er beim Essen die Aromen stören würde. No go. Sagt Sybill Gräfin Schönfeld (?) jedenfalls. Schön geschrieben!

Eingetragen am: 13.03.2008

Eingetragen am: 12.03.2008 von Petra
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6500

Mein Name ist Olaf, und ich bin in einer heißen Quelle geboren. In meinem Reisepass steht, dass ich der Nation Island angehöre. Da meine Mutter wie viele Isländer daran glaubt, dass das Baden in heißen Quellen die Lebenserwartung erhöht, hat sie darauf bestanden, ihr einziges Kind in eine Quelle zu gebären. Ich kann nicht sagen, dass mir das geschadet hätte, dafür kann ich mich zuwenig an das Ereignis erinnern. Viel mehr ist mir in Erinnerung, wie ich als kleiner Bub immer mit Elfen gespielt habe. Elfen sind Geschöpfe, die nur "gute" Gedanken haben. Ich freute mich immer darauf, in den Wald zu laufen und Elar, Minas und Tribor zu begegnen. Sie waren meine Lieblingselfen. Als ich älter wurde, war meine Phantasie zwar nicht mehr so blühend, dafür verhalf mir der Alkohol zu schönen Träumen. Meine Sucht brachte mich in den finanziellen Ruin, denn anders als "auf dem Land" in Europa, ist Alkohol im Inselstaat Island nicht nur sehr teuer, sondern wird auch nur in so genannten Monopolläden ausgeschenkt. Seit mein Name auf der roten Liste der Alkoholläden steht, muss ich mir diesen Genuss auf andere Art beschaffen. Ich habe eigentlich immer gedacht, dass mein Leben ein erfolgreicheres gewesen wäre, wenn wäre ich nur auf dem Festland geboren worden.


Kommentar von Putzi

Ich glaube nicht, dass Dein Protagonist auf dem Festland glücklicher geworden wäre. Immer sind die Anderen dran schuld, an der eigenen Misere. Sehr gut hast Du eine Einstellung beschrieben, der fast alle Suchtkranken anhängen. Ich fand Deinen Beitrag interessant. Herzliche Grüße von Petra zu Petra

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von M.P.

Sollte es nicht besser heißen: "Ich WURDE in einer heißen Quelle geboren." Was soll ich sonst noch sagen? Am falschen Ort geboren, oder?

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Sabine Mucha

Hallo Petra! Ein kurzer, aber prägnanter Text. Ich kann mir zumindest vorstellen, wen ich da vor mir habe. Allerdings wäre es schöner, wenn man ein bisschen mehr darüber erfahren würde, warum Olaf dem Alkohol verfallen ist. Da kann man im Moment nur seine Phantasie spielen lassen. Macht aber neugierig. Gruss Sabine

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Lillilu

Hallo Petra, pfiffiger Text - war lustig ihn zu lesen! Aber ich grübele über "in eine Quelle gebären" oder "in einer Quelle zu gebären". Bei Ersterem sehe ich immer, wie der Säugling zielgerecht in die Quelle plumpst und bei Letzterem ist er schon drin. Was nun gesünder ist mögen die Elfen entscheiden.

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Eine abergläubische Mutter, ein Kind das dadurch keinen Halt findet, flüchtet sich in die Welt der Träume, später in den Alkohol. Sicher ein Ereignis, das man in vielen Kulturen finden kann. Deine Idee finde ich gut, den Text würde ich noch weiter ausbauen und mehr über Erinnerungen des Jungen schreiben.

Eingetragen am: 13.03.2008

Eingetragen am: 12.03.2008 von Fledermaus
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6483

Neevee

Ich sitze am Fenster und starre in die blaue Dunkelheit der Polarnacht. Es ist der 8. Februar. Nur noch ein Tag, dann wird es wieder hell sein. Jedes Jahr freue ich mich auf das Ende der langen Nacht in Aujuittuq, dem „Land, das niemals taut“. Die Fremden nennen meine Heimat Grise Fjord, und ich bin stolz darauf, in der nördlichsten Gemeinde der Welt zu leben. Während ich rauche, überlege ich, ob ich mich nach draußen wagen soll. Die Kinder haben eine Rutsche in die Schneehügel gebaut, vielleicht sehe ich ihnen ein wenig zu? Das Thermometer zeigt minus 28 Grad Celsius. Kalt, selbst für mich als Inupiat. Sogar die Walrosse erscheinen mir heute träger zu sein als sonst. Sie grunzen weniger. Gestern hat mein Vater eins erlegt, und als er es gerade in den Anhänger seines Ski-doo wuchten wollte, kam ein Polarwolf bis auf hundert Schritte an sein Schneemobil heran. Als das stolze Tier ihn sah, hat es aber sofort die Flucht ergriffen. Vielleicht schmecken ihm Schneehasen ohnehin besser?
Ich zünde eine neue Zigarette an. Es ist jetzt drei Wochen her, dass Igjugarjuk beerdigt wurde. Was heißt beerdigt. Wir haben in einer stundenlangen Trauerfeier Abschied genommen, das ganze Dorf. Jetzt liegt er im Holzhaus beim Friedhof, bis der Boden im Sommer soweit aufgetaut ist, dass wir ihn in seiner blauen Tüte ein bisschen eingraben können, bevor die Steine über ihm aufgetürmt werden. Igjugarjuk. In mir hat er nur Leere zurückgelassen. Und dieses Kind. Ich spüre seine Tritte in meiner Magengegend. Ganz der Vater. Seltsam, dass das blaue Auge länger überdauert hat als er. Igjugarjuk. Gesoffen hat er. Und sich dann draußen im Meer aus dem Kajak fallen lassen. Ich schwöre, er hat es mit Absicht getan. Ich weiß es einfach. Und dann findet man tatsächlich seine Leiche. Gefroren, aber sonst intakt. Unfassbar.
Die Kinder draußen spielen jetzt Hockey. Meine Mutter stickt an einem Wandbehang; der wird uns etwas Geld einbringen. Die Sozialhilfe reicht hinten und vorne nicht, und jetzt noch das Baby... Peepeelee, so wird meine Tochter heißen. Viele Kinder werden heute Emily oder Valerie genannt, aber ich will ihr einen traditionellen Namen geben. Sie soll stolz auf ihre Herkunft sein und es einmal besser habe; vielleicht Ministerin für Fragen unserer Kultur werden. Ich bin sicher, dass es ein Mädchen wird. Meine Mutter hat mich noch in einem Zelt geboren, geholfen hat ihr nur eine Hebamme. Aber ich werde ins Gesundheitszentrum gehen. Glücklicherweise haben wir inzwischen Strom, Internet, eine Sporthalle und andere Annehmlichkeiten. Es würde mir nicht gefallen, im flackernden Schein einer stinkenden Öllampe mein Baby zur Welt zu bringen.
Ich will dieses Kind. Ich hoffe, dass es leben wird.
Draußen setzt eine kleine Chartermaschine zur Landung an. Jede Woche kommt eine. Wir haben großes Glück, hier so gut angebunden zu sein. Im restlichen Nunavut und besonders auf Ellesmeereland ist die Versorgung lange nicht so gut. Die 100 Menschen, mit denen ich hier in Aujuittuq lebe, sind im Großen und Ganzen sehr nett und umgänglich. Ein Glück. Wir haben weniger Drogenprobleme als anderswo. Es gibt hier auch ein paar Ausländer, aber die meisten meiner Nachbarn haben dunkle Haut, Mandelaugen, wundervolle runde Gesichter und dichtes schwarzes Haar. Wie Igjugarjuk. Wie ich.
Meine Mutter geht in ihrem Amauti nach draußen, sie schimpft schon wieder über die Treppe. „Meine liebe Neevee, wir wussten schon, warum wir unsre Eingänge früher tief in die Erde gegraben haben!“ sagt sie immer wieder. Inzwischen, sage ich dann, haben sich die Zeiten aber geändert. Bald werde ich in meiner Amauti-Kapuze Peepeelee durch die Tundra tragen! Sie wird hier in der Familie aufwachsen. Ohne Vater. Wenigstens kann er sie nicht schlagen. Trotzdem. Großmutter hat geschrieen, man hätte mich wie ein anständiges Mädchen verheiraten sollen – sie hält nichts davon, dass man sich seinen Partner heute selbst aussucht. „Da seht ihr, wo es hinführt!“ hat sie gezetert, und auf meinen dicken, runden Bauch gezeigt. Sie hat auch ernsthaft gefragt, ob ich nicht der Tradition folgen und allein im Iglu gebären will. Den Teufel werde ich tun! Ich habe keine Lust, mich tagelang allein neben einer Flasche Wasser zu winden, bis dem Kind die Nabelschnur abgefallen ist. „Wir sind,“ hat Mutter gesagt, „Wir sind weiß Gott über die Zeiten hinaus, in denen wir unsre Töchter womöglich verbluten und sich unnötig haben quälen lassen!“ Allerdings mußte ich versprechen, dass ich, wenn das Baby doch ein Junge wird, ihm den Namen Igjugarjuk gebe. Das macht man so. Derjenige der kürzlich verstorben ist, soll so ein zweites Leben haben. Und schließlich – es war sein Vater. Ihr Vater. Ich bin froh, dass es ein Mädchen wird. Ich hätte wahrscheinlich sowieso allein für sie sorgen müssen. Vielleicht ist es besser, dass Igjugarjuk sich umgebracht hat. Er wäre sowieso schnell gestorben. Das Leiden Christi in Flaschen abgefüllt. Arbeitslos. Ein Klotz an meinem Bein.
Der Fernseher plärrt im Hintergrund. Manchmal denke ich, ich hätte die Schule nicht abbrechen sollen. Zu spät. Aber Peepeelee wird studieren. Sie wird von hier fortgehen und ein besseres Leben haben, das schwöre ich.
Der Duft des Walrossfleisches läßt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Mein Lieblingsgericht ist Karibukopf. Den wird es auch bald einmal wieder geben; ich freue mich schon auf das Festessen zu Beginn des Polartages. Fast so sehr wie auf die ersten purpurfarbenen Blüten des Gegenblättrigen Steinbrech, unserer Territoriumsblume. Sie wird dem Grau hier etwas Farbe verleihen, und wir werden feiern, mit Kehlgesang und Trommeltänzen. Den Polartag. Und meinen 16. Geburtstag. Ich drücke die Zigarette aus und wanke schwer zum Tisch. Bald, bald. Peepeelee wird bald schon kommen. Ich bete, dass sie wenigstens drei wird.


Kommentar von Frog

Kurz vor der neuen Aufgabe muss ich noch mal loswerden, wie stark ich diese Geschichte finde. Ich stelle mir dazu einen Film vor...und das Drehbuch schreibst bitte Du, nicht Numungo...:-)

Eingetragen am: 26.03.2008

Kommentar von ursula

Hallo Fledermaus habe auf deine Website geschaut,die finde ich ganz toll, auch die Aufmachnung, nur glaube ich nicht, dass ich so gut bin, dass ich da mitmachen könnte. Ich habe noch einen Text geschrieben, unter 7012, ich bin noch Anfängerin. Ich wünsche Dir viel Erfolg weiterhin und ein schönes Osterfest.

Eingetragen am: 20.03.2008

Kommentar von ursula

.Hallo Fledermaus, ganz tolle Geschichte. Applaus. Ich möchte gerne weiterlesen. Walrosse sind zwar vom Aussterben bedroht, aber es ist den Eskimos und anderen Eingeborenen der Arktis gestattet, sich von ihnen zu ernähren, soviel zum Kommentar von M.P. Meinen Beitrag findest du unter 6910, dort habe ich meinem Protagonisten noch ein bisschen Leben eingehaucht. Liebe Grüsse, mach weiter so, ich freue mich auf deine weiteren Texte. Ursula

Eingetragen am: 19.03.2008

Kommentar von Numungo

Liebe Fledermaus, irgendwie wollte meine Antwort auf Neevee, die mich nicht mehr losgelassen hat, nicht erscheinen. Nachdem ich sie nun dreimal eingestellt habe, hat es jetzt aber doch geklappt. Du kannst sie unter 6809 nachlesen und mir dann mitteilen, ob du eingeschnappt bist oder nicht (was ich nicht hoffe und auch nicht beabsichtigt habe!). Den zu dieser Zeit ohne "Fremdinspiration" bereits begonnenen Text habe ich inzwischen ebenfalls eingestellt, nachzulesen unter 6831. Hier darfst du dich bei Bedarf rächen. Übrigens habe ich in deinen Federblog schon ein paar Mal reingeschaut. Die Geschichte mit dem Kartoffelbrei gefällt mir sehr gut. Es muss nicht immer Blut fließen für eine gute Geschichte. Wie Kommentare erstellt werden, habe ich inzwischen rausgefunden. Wie etwas eingestellt werden soll noch nicht. Oder funktioniert das auch über Kommentare? Viele Grüsse, Numungo

Eingetragen am: 18.03.2008

Kommentar von Putzi

Liebe Fledermaus. In Deinem Beitrag hast Du den Spagat gewagt, zwischen kritischer Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur und stolzem Festhalten, an der Herkunft Eingeborener. Die Erzählung der Inuitfrau macht betroffen, weil wir ihr Leben aus europäischem Blickwinkel sehen. Mit 16 Jahren, ist es bei unseren Mädels noch nicht zu spät um in die Schule zu gehen, auch wenn sie ein Kind erwarten. Schläge und Alkohol, damit musste die junge Frau bis zum Tod ihres Mannes fertig werden und ist vom Charakter her sehr stark geworden. Neugierig begrüßt sie den Wandel in eine Zeit, die das Überleben einfacher macht. Sie wird eine gute Mutter werden und Peepeelee kann froh sein, dass sie ihren Vater niemals kennen lernen musste. Der Einblick in die Welt der Inuit, den Du uns gewährst, kommt auch bei mir gut an. Deine Erzählung ist kurzweilig und informativ. Viele Grüße, Putzi

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Ich kann mich den anderen Kommentaren nur anschließen: ganz wunderbar!

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Beim Lesen versinkt man in das Leben dieses Mädchens, von deren Alter ich sehr überrascht war - und da passt dann auch das Rauchen:-).

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Fledermaus

So, also, inzwischen gibt es doch ziemlich viele Fragen und Kommentare, auf die ich reagieren möchte. Zunächst einmal: Vielen, vielen Dank für Eure Kommentare! Es freut mich sehr, dass Neevee Euch gefällt. :O) Zu den Fragen. - Hast Du den ganzen Text von anfang bis Ende erst gestern geschrieben? --> Ja. - Wie hast du das so schnell recherchieren können? --> Wikipedia ist schlau. :O) Reiseblogs auch. - "Was nicht so passt, ist der Rauch, der sich wie ein "blauer" Faden durch die Episode zieht." Im Nunavut rauchen über 60% der Bevölkerung, wenn ich es richtig erinnere. Ein Problem sind vor allem die rauchenden Schwangeren. Daher... - Fledermaus, hast Du Kinder? Noch nicht. Ich meine mich an die Erzählung meiner Mutter zu erinnern, der mein Bruder pränatal in die Rippen getreten hat (Richtung Magen), weil sie sich versehentlich eine Kühlschranktür auf den Bauch gehauen hatte. Allerdings ist die Magengegend vielleicht keine so glückliche Richtung, werde das überdenken. Rein anatomisch irgendwie schwierig... - "Ich wollte Dich schon mal vorwarnen, damit Du nicht erschrickst, wenn Dir eine bekannte Figur entgegen springt!" Hm. Ich konnte deinen Text bisher nicht finden. Es ist schön, wenn ich Andere inspiriere. Allerdings mag ich es nicht, wenn man bei mir 'klaut'. Es kommt also auf deine Umsetzung an, ob ich eingeschnappt sein werde oder nicht. :OS - "Aber wenn sie ihrem Kind nur drei Lebensjahre zugesteht, ist das auch egal." Es ging darum, dass die Kindersterblichkeit in diesem nördlichsten Teil Kanadas dreimal so hoch ist wie im übrigen Land. Das sollte dieser Gedanke illustrieren. Ich danke auch noch mal für die Klärung der Walrossfrage, liebe Mette. Ich denke, ich werde die Geschichte auf jeden Fall weiterspinnen, und ich lade Euch noch einmal ein, auf http://flederblog.blogspot.com/ weiterzulesen und weiterzuschreiben. Ich dachte, es wäre schön, eine Art Forum zu haben, das dieses Projekt hier überdauern kann. Liebe Grüße, Fledermaus

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Dein Text geht unter die Haut. Das hier ist nichts, was man gleich wieder vergisst. Deine Worte graben sich ins Gedächtnis ein. Was mir nicht ganz so gut gefällt, ist der letzte Satz, da er Fragen aufwirft, die du unbeantwortet lässt. Warum ist die Lebenserwartung der Kinder so niedrig? Was beeinflusst deren Entwicklung (außer dem Passivrauchen) noch negativ? Da Neevee sich einen Absatz zuvor das Leben ihrer Tochter ganz genau ausmalt (Studium, Wegzug, besseres Leben), ist der plötzliche Umschwung für mich nicht nachvollziehbar.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Bis in die hintersten Ecken ist das Umfeld dieses schwangeren Mädchens ausgeleuchtet und ihr seelisches Befinden dargestellt. Bei aller scheinbaren Vernunft bleibt der Widerspruch des Zigarettenrauchens. Aber wenn sie ihrem Kind nur drei Lebensjahre zugesteht, ist das auch egal.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Frog

Muss noch mal was zu @Pauls Kommentar sagen: Das ist doch gerade so authentisch, dass sie raucht... In ihrem Kulturkreis ist das einfach so, auch wenn "wir" das schlimm finden mögen.

Eingetragen am: 15.03.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Fledermaus, Deine Geschichte ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Deshalb habe ich meine eigene, fast fertige beiseite gelegt und eine Paralellgeschichte zu Deiner geschrieben. Ich hoffe, Du kannst mir das verzeihen. Die Nummer weiß ich noch nicht; ich habe sie gerade erst eingestellt (Datum 14.03.2008). Doch ich wollte Dich schon mal vorwarnen, damit Du nicht erschrickst, wenn Dir eine bekannte Figur entgegen springt!

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Sehr dicht und intensiv beschrieben. Habe M.P.s Hinweis nachgelesen: Doch, Walrossfleisch wird gegessen. Wie die meisten Naturvölker verwenden die Inuit die erlegten Tiere ganz und gar. Den Satz mit den Leiden Christi habe ich nicht verstanden. Zu doof? ;o) Fledermaus, hast Du Kinder? Die treten eher gegen die Bauchdecke und manchmal gegen die Rippen. An den Magen kommen sie glaube ich mit den Füßen nicht ran, es liegen noch andere Organe dazwischen, oder? Du hattest um die Nummern unserer Texte gebeten. Ich finde aber, die Antworten sollten unter dem betreffenden Text stehen, da sie ja auch andere Leser/innen interessieren. Wenn ich in einem Kommentar Fragen gestellt habe, hebe ich die Bestätigung in meinem Postfach auf und schaue über den Link ab und zu nach, ob es schon eine Antwort gibt. Wäre übrigens nett, wenn jede/r Autor/in sich hier die Mühe machte, Fragen auch zu beantworten.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Paul

Ich schließe mich der Ansicht von M.P.an. Was nicht so passt, ist der Rauch, der sich wie ein "blauer" Faden durch die Episode zieht.Das Leben scheint hart,der Wunsch nach einem besseren und längerem Leben für Peepeelee wird deutlich. Und dann die Kehrtwende: Die Schwangere raucht und das das nicht wenig und gefährdet das Leben ihres Kindes bevor es geboren ist. Das schadet auch der Geschichte, denn es wird vermittelt, dass Rauchen in der Schwangerschaft etwas Normales ist, und keine Folgen nach sich zieht. Es wäre besser gewesen, die angehende Mutter hätte Schmacht auf rohen Fisch gehabt....

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Reiner Reinfeld

Hallo Fledermaus, ist Dein Buch etwa schon fertig? Ich möchte es lesen. Prima, Dein Text fesselt!

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Lillilu

Wie hast du das so schnell recherchieren können? Es liest sich wunderbar und ist sehr informativ! Auch ich fand die Sätze "Das Leiden Christi in Flaschen abgefüllt....." umwerfend. Weiter so, Fledermaus.

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Fledermaus

ACHTUNG Ich habe einen BLOG eröffnet, dem Ihr Euch gerne anschließen dürft. Zum Weiterspinnen von Ideen, für andere Texte, etc. http://flederblog.blogspot.com/

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Isabella E.

Sehr gut! Du bist, wie in der Aufgabenstellung verlangt, in die Rolle eines anderen Menschen geschlüpft und hast gut seine Gedanken dargestellt.

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Sylvia

Soo schön und soo traurig! Liebe Fledermaus, du triffst die Herzen der Leser. Und du kannst dich in andere Menschen hereinversetzen! Aufgabe mit Sternchen gelöst! Mein letzter Text war 5232, den neuen werde ich erst in 10 Tagen - nach meinem Urlaub - schreiben können. Wünsche dir und allen anderen schöne Ostertage. Tschüssi, Sylvia

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Elisabeth

In jedem deiner Sätze spüre ich Traurigkeit. Du hast das traditionelle Leben der Menschen, auf diesem Teil der Erde, treffend dargestellt. Ich kann nur sagen: Wunderbar!

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Fledermaus, das ist wirklich Stoff für einen Roman, Spannung ab der ersten Zeile. Hast Du den ganzen Text von anfang bis Ende erst gestern geschrieben? Alle Achtung! Ich möchte weiter lesen! Viele Grüsse, Numungo.

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Frog

Bangen und Hoffen, Tragik und Glück – ich finde es faszinierend, wie Du Dich in die Gefühlswelt des Inuit-Mädchens versetzt hast, das so hin- und hergerissen ist zwischen Tradition und Globalisierung. Es scheint, als wärst Du beim Schreiben selbst zu dem Mädchen geworden. Außerdem hat der Text für mich einen Lerneffekt. Du berührst Probleme, mit denen ich mich bisher noch nie auseinandergesetzt habe. Die Figuren, die Du zeichnest, möchte ich glatt näher kennen lernen. Großartig auch Sätze wie "Das Leiden Christi in Flaschen abgefüllt. Arbeitslos. Ein Klotz an meinem Bein." Und wie sich das Rauchen durch die Geschichte zieht... Was für ein Auftakt der schwierigen Aufgabe.

Eingetragen am: 12.03.2008

Kommentar von Velarani

Ausgezeichnet, Gratulation! Du kannst wirklich schreiben, fledermaus. Profi-Verdacht gestärkt (für die Zukunft).

Eingetragen am: 12.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Hallo Ihr Lieben, schreibt mir doch bitte immer die Nummer Eures Beitrages zu den Kommentaren! Ich finde es so einfacher eventuelle Fragen zu beantworten und interessiere mich auch einfach dafür, was meine "Kritiker(innen)" selbst schreiben. :O)

Eingetragen am: 12.03.2008

Kommentar von M.P.

Ein recht angenehmer Text, liest sich bloß etwas schwierig wegen der ganzen ungewohnten Laute. ;o) Ich frage mich allerdings, warum die Leute Walross essen. Soweit ich weiß, werden Walrösser wohl erlegt, aber nur zur Gewinnung von Tran und wegen dem dichten Pelz. Die Knochen werden für Schlitten gebraucht oder es wird Werkzeug daraus gemacht, aber das Fleisch ist ungenießbar. Sie nehmen es zum Ködern beim Fischen oder für ihre Hunde. Ansonsten, sehr schön.

Eingetragen am: 12.03.2008

Eingetragen am: 12.03.2008 von Thomas Gohlke
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Raphael Tiasdaso, 25 Jahre, ein Fischer aus dem Ort Pulandaga auf den Philippinen gelegen, fährt mit seiner Frau Ramina, 22 Jahre, hinüber zur Insel Tinaga zum alljährlichen Neujahresfest.
Schon am frühen Morgen steigen beide in ihr Fischerboot und machen sich auf zur drei stündigen Überfahrt. Die kleine Schiffspassage verläuft ohne das ein Wort gewechselt wurde. Auch schon in den vorangegangenen sieben Tagen lebten sie stumm nebenher.
Auf der Insel angekommen, mussten sie noch etwa zwanzig Minuten über Land gehen, ehe sie an der anderen Seite des Eilandes in einem Fischerdorf ohne Namen ankamen.
Auf dem Dorfplatz war schon buntes Treiben. Alles war geschmückt mit gelben, roten und blauen Girlanden.
Metergroße goldfarbende Sterne hingen an den Fischerhütten und an den eigens dafür aufgestellten Masten. Im Hintergrund wurde der Dieselgenerator angeworfen, um bei der nun ankommenden Dunkelheit, die Lichterketten zu erhellen.
Das ganze Dorf tanzte ausgelassen, nur Raphael und Ramina nicht.
Dem Dorfältesten Benigno ist dieses aufgefallen und ging zu Raphael, um zu fragen was denn sei.
Benigno legte einen Arm um Raphael, schnappte sich eine Flasche Tanduai und ging mit ihm hinab zum Strand.
Raphael sagte, das seine Frau für ein halbes Jahr in die Stadt nach Manila wolle um Englisch zu lernen!
Benigno fand das eine tolle Idee, doch Raphael war die Zeit der Trennung zu lang.
Benigno nahm einen kräftigen Schluck Rum aus der Flasche und hielt sie Raphael hin.
"Weißt du Raphael, ich war mal in den siebziger und anfang der achtziger Jahre ein Oppositionspolitiker in Manila und wollte das Volk von Diktatur Ferdinand Marcos befreien, das war nicht einfach. Präsident Markos war schon seit 1966 an der Regierung und hatte seit 1972 alle diktatorischen Vollmachten und es war schwer ihn zu stürzen.
Erst der Mord 1983, an den Mann von Corazon Aquino, der auch Oppositionspolitiker war, brachte uns ein Stück voran.
Schließlich gelang es der Opposition 1986 Präsident Marcos zu stürzen und ihn ins Exil zu bringen. Frau Corazon Aquino wurde Präsidentin des Landes und bog sechs Jahre lang die Geschicke des Landes wieder gerade. Sogar der Flughafen in Manila wurde nach ihr benannt."
"1992 trat Corazon Aquino zurück und niemand weiss bis heute, wo sie sich jetzt aufhält!"
Warum erzählst du mir diese Geschichte", fragte Raphael.
Benigno bat um die Flasche und nahm noch einen lange Zug Rum.
"Setz dich in den Sand Raphael und denke mal genau über meine Geschichte nach!"
Benigno verschwand zurück ins Dorf,
seine Frau umarmte ihn und fragte wo er solange war.
"Raphael hatte ein kleines Problem!"
Und Raphael saß am Strand und überlegte. In der kleinen Dorfschule in Pulandaga lernten wir, das der Mann von Corazon Aquino, Benigno Aquino 1983 ermordet wurde!
Der Dorfälteste hies auch Benigno und seine Frau hat er erst 1993 kennen gelernt, ein Jahr nachdem Corazon nicht mehr Präsidentin war.
Raphael stellte sich die Frage, ob sie die ehemalige Präsidentin sein konnte und er eben der damals wohl ermordete Benigno. Wenn ja, waren sie zehn Jahre von einander getrennt. Und dieses Opfer hätten sie dann nur fürs Volk gebracht.
Raphael ging hoch zur Feier am Dorfplatz und während des Weges ging er an Benigno vorbei um ihn zu fragen, seit wann er im Dorf hier ist?
Benigno antwortte: "Seit 1983!"
Raphael ging erlöst zu Ramina, küsste sie und sagte: "Ich fände es gut wenn du in Manila Englisch lernst, aber nur, wenn du mir bei deiner Rückkehr auch einige Worte beibringst!"
Sie nickte und beide hatten endlich ein sehr schönes Neujahrsfest.
Benigno flüsterte seiner Frau ins Ohr: "Na meine kleine Präsidentin, wollen wir auf unser Volk einen trinken!"


Kommentar von Carola Ottenburg

Nichts für ungut, aber ich fand den Text extrem schwer zu lesen. Nicht nur wegen der vielen Namen und Daten, mich haben vor allem die häufigen Wechsel der Zeitform irritiert. Vielleicht habe ich deshalb etwas übersehen, aber eine Charakterisierung eines fremden Menschen durch dessen eigene Worte konnte ich in der Geschichte nicht erkennen.

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Du beginnst die Geschichte im Präsens und wechselst dann zum Präteritum. Mir ist der Text ein bisschen zu sachlich. LG Metta

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Entschuldige Thomas, ich hab da wohl meinen Kommentar vertauscht. Deine Geschichte finde ich übrigens sehr warmherzig und sie ist so gut geschrieben, dass ich mir das Fest auf der Insel gut vorstellen kann.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Hallo Mata, mir gefällt dein Text sehr gut! Du hast diese "arrogante", englische Art, die aber doch zwischen den Zeilen eine tiefe Wärme verbirgt, so gut rübergebracht...ich bin begeistert!

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von M.P.

Ein bißchen zu viele Zahlen für meinen Geschmack, aber ein wunderschönes Ende. Geschichten mit Moral haben schon seit Jahrhunderten ihren Platz im Herzen der Menschen.

Eingetragen am: 12.03.2008

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