40 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 11 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 11 mit Übungsaufgabe

11.03.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 20.06.2008 von sophie
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13503

Das Zimmer war klein und abgewohnt. Marie stand fast ehrfürchtig am Fenster und blickte auf die schmale Gasse. Die Straßenlaterne erhellte einen Teil der Fensterfront des gegenüber liegenden Hauses. Dort hatte er gearbeitet und gewohnt.
Manchmal, wenn er fror musste er seine eigenen Zeichnungen verbrennen. Marie war entsetzt, als sie davon las.

Viele mittellose Künstler lebten hier. Seit der Erneuerungen des Baron Haussmann war es viel zu teuer im Zentrum der Stadt zu leben. Doch etwas außerhalb, in der damals noch ländlichen Gegend, konnte es sehr bereichernd und fruchtbar sein, zumal sich hier so viel kreative Kraft bündelte.

Marie hatte sich immer gewünscht hier leben zu können. Auch wenn das Viertel jetzt von Touristen bevölkert war, bei Tag die Mühle des Moulin Rouge jeden Zauber verlor und sie heute nur mehr die Welt von damals erahnen konnte.

Am Abend war sie die vielen Stufen hinauf zur Basilika Sacré-Cœur hinauf marschiert und hatte sich schließlich mit unzähligen anderen Menschen in die Wiese gelegt. Sie blickte über die Stadt. Morgen würde sie bei dem Professor vorsprechen. Sie war unsicher ob er sie als Schülerin nehmen würde.

Seit sie die Figuren Picassos sah, wollte sie Bildhauerin werden. Es war unglaublich wie vielfältig und modern er für seine Zeit arbeitete.
Picasso ist für seine Malerei bekannt, kaum jemand kennt seine Skulpturen. Er hütete sie wie Kinder und hat keine davon verkauft.

Marie arbeitete mit Speckstein, Holz oder Wachs.
Manchmal versuchte sie sich an Installationen aus Metall, fand aber nicht den Zugang zur zeitgenössischen Bildhauerei. Sie fühlte sich oft verloren in den großen, kahlen Museumshallen mit den riesigen Plastiken.
Viel lieber saß Marie in einem alten Cafe wo sie eine Zeichnung Picassos entdeckte. Sie betrachtete das Bild oft lange und versuchte es zu verstehen.
Ihre Freundin Sandra schlurfte dann gelangweilt ihren billigen Saft und meinte:
„Ich glaube, du hast schon einmal gelebt: Und zwar vor 100 Jahren in Paris!“


Eingetragen am: 08.06.2008 von michelle mancini
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12976

- Der Tod - in Tarneden

Der dunkelhäutige 33 Jährige, wesentlich älter wirkende Jason, stand mit regloser Miene und niedergeschlagenen Augen , an einem ärmlich und notdürftig gestalteten Grab.
Er hatte es vor wenigen Minuten , mit seinen eigenen Händen ,leise wimmernd ausgehoben.

Das Elend , sprang ihm wie ein wildgewordener Hund entgegen.


Mitten in Afrika , südlich der trockenen Sahara.

Die Hitze brannte auf seinem schwarz behaarten Haupt, aber die stille Trauer , ließ ihn keinen Schmerz außer diesem beklemmenden Gefühl spüren.
Seine samtbraunen Augen , konnten trotz der tiefen Trauer nicht mehr weinen und die helle Freude , über den nun prasselnden und stärker werdenden Regen , konnte er nicht genießen , obwohl sie Alle, seit etlichen Monaten ,so sehr darauf gewartet hatten.



Er fühlte sich leblos , tot , gestorben mit seinem vierjährigen Kind, begraben in diesem notdürftigen Erdloch, was sich in anderen Ländern Grab nannte.

Welch eine Ironie,dachte er und betrachtete die wenigen Wassertropfen , die mühsam über seinen dunkelbraunen ,vom harten Überlebenskampf; gezeichneten , stählernen Körper
rollten und zu extremen Regenfällen heranwuchsen, während sie auf Jamies feines Gesicht klatschten und sie vollkommen durchnässten.


Sein Herz schmerzte, denn sein geliebtes Kind war nun tot.
Er hatte so sehr gekämpft.

Die tägliche Ration Essen, hatte er hart erarbeitet und diese reichte soeben für sie beide .
Und nun das.

Jamie war eines von 4.500 Kinder die jeden Tag an den Folgen von verschmutztem Wasser starben - fast alle 15 Sekunden ein neuer Todesfall.
Sie verdurstete elendig , wegen der langen Regendürre.

Sie musste sich stets ,im Alter von 4 Jahren , in Wasserkanistern , das schmutzige Wasser aus Pfützen oder Tümpeln holen, aus denen auch das kranke Vieh trank.
Die Auswirkungen davon , waren verheerend.

Denn das schmutzige Wasser war die Hauptursache von vielen Krankheiten in diesen Ländern.


Gerade an diesem Tage, regnete es zum ersten Male wieder, an ihrem Todestag .

- Tod durch verdursten.

Und das nach den langen trockenen Monaten, die die Blumen dürre werden und die Bäume vertrocknen ließen.
Selbst das Vieh , war zu schwach, die Karren zu ziehen und einige lagen vertrocknet , im heißen, roten Sand, mit ausgehölten Augen und noch aufgerissenen Maul umzungingelt von Aßgeiern
und lästig umherschwirrenden Fliegen.
Das lästige Summen erklang ekelerregend in seinen Ohren und der Gestang des Verwesten Fleisches der gerade verstorbenen Tiere, war abartig.
Der Tod griff zäh um sich und nahm fast alles in seinen Besitz.
Mensch und Tier , litt unter der Wasserarmut in diesem Land , und auch unter der starken Hungersnot.

Alle tanzten in diesem Moment ausgelassen , und freuten sich über die Riesenmengen an Regentropfen ,die zu Boden fielen.

Jason jedoch , trauerte., obwohl er ebenso auf den Regen gelauert hatte.

Aber nun...
War sein Kind tot.
Lieber Durst erleiden , als um sein Kind trauern , dachte er , während er die Anderen beim ausgelassenen tanzen zusah , während er sein Kind zu Grabe trug.
Seine winzige Lehmhütte, die sich keine 5 Meter weit von ihm weg befand, stand sichtbar unter Wasser, bis hin zur Strohtür.

Er hörte noch tief in Gedanken versunken , ihren letzten Abschiedspruch, als sie zum Wasserholen ging, ein kleines Mädchen ,bepackt mit einem riesen großen Kanister.
Jason spüre ihren warmen Händedruck , noch in Gedanken , lächelnd auf seinem Arm ,
denn er fühlte sich davon noch ganz warm an .

Es war ja noch nicht sehr lange her.

Beim Anblick , ihrer schwarzen Lockenpracht und ihrem lustigen Lachen aus Kaffeebraunen Kulleraugen , die größer zu sein schienen , als das ganze Gesicht,
konnte er ihr nie sehr lange böse sein.

Sie glich ihrer hübschen Mutter aufs Haar , die bei ihrer schweren Geburt gestorben war und die er ebenfalls vor Jahren schon , schweigend zu Grabe getragen hatte.

Gerade am heutigen Tage, regnete es zum ersten Male wieder,einzelne Regentropfen , die sich ansammelten und immer weiter wuchsen.
Endlich Regen , nach den langen trockenen Monaten, die die Blumen dürre werden und die Bäume vertrocknen ließen.
Selbst das Vieh , war zu schwach, die vollbepackten Karren zu ziehen.
Mensch und Tier , litt Gleichermaßen , unter der Wassernot in diesem Land und auch unter dem starken Hunger.
Und nun regnete es und es sah ganz danach aus, als ob es mehrere Tage andauern würde .
Jason dachte in diesem Moment darüber nach, wo in diesem Erdteil, der Unterschied, zwischen Tod und Leben war.


Eingetragen am: 02.06.2008 von Sarah Jakob
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12552

Ich kenne Freude und Traurigkeit. Ich fühle Liebe, Angst und Schmerzen. Ich laufe auf zwei Beinen, mein Kopf ist oben und ich arbeite mit meinen Händen.
Ich habe eine Familie, die ich hoch halte, um die ich mich sorge und die ich schütze, wenn sie in Gefahr gerät.
Wenn ich mich verletze blute ich. Ich lache gerne. Ich bin glücklich, wenn ich geliebt werde.
Bin ich so anders als Du?
Du sagst, mein Vater sei ein Verbrecher, obwohl du ihn nicht kennst. Du Mensch, der du im fernen Westen lebst, ich bin im Hindukusch geboren.
Ich möchte dir zeigen, vor wem du dich fürchtest, möchte dich durch mein Leben führen, wie einen Blinden. Du sollst fühlen, was ich fühle, sehen, was ich sehe.
Dafür nehme ich dir deine Angst und biete dir meine Hand.

Ich bin Uwais. Das bedeutet kleiner Wolf. Für mich war mein Land immer im Krieg, obwohl die Bomben nicht bei uns fielen. Kabul ist weit weg sagte mein Großvater oft, wenn er mit seinem Stock zwischen die Knie geklemmt hinter unserer Lehmhütte saß und den Hühnern beim picken zusah. „Ja“, meinte mein Vater einmal darauf, „es ist nicht nur weit weg, es ist fast ganz weg. Abdulhalim ist dorthin bestellt worden, um bei Aufräumarbeiten zu helfen. Er hat soviel Leid gesehen auf seinem Weg. Überall gibt es Spuren des Krieges. Ab Bagrám wurde es dann immer schlimmer. Kabul ist zerstört. Die Menschen versuchen es wieder aufzubauen, aber sie haben Angst. Sogar vor den eigenen Nachbarn haben sie Angst, Vater.
Zuviel haben die Taliban in die Köpfe gepflanzt…“
Das war für mich ein Schock. Mein stiller Vater, der sonst darauf achtet, dass von uns Kindern keines in der Nähe ist, wenn er über Politik und den Krieg redet, klang verbittert. Mein Großvater wiegte den grauen Kopf hin und her, dann sahen seine trüb weißlichen Augen in meine Richtung. „Uwais! Hol mir einen Krug von der Ziegenmilch, wenn Malak und Malika etwas übrig gelassen haben und dann geh gefälligst an deine Arbeit.“
Vater nickte dazu und ich nahm die Beine in die Hand, damit Großvater mich nicht noch einmal schelten musste. Malika und Malak sind im November zur Welt gekommen. Es war eine schwere Geburt für meine Mutter. Ich wurde ins Gebirge geschickt um
Irfan, die Hebamme zu holen. Es war fast zu spät, als wir zurückkamen. Mein Vater erklärte das erste der Zwillingsmädchen zu seiner Königin, sie kam mit langen schwarzen Haaren und fast schwarzen Augen zur Welt. Sie brüllte so laut, dass unsere Ziegen aus dem kleinen Pferch am Haus antworteten, darum heißt sie Malika, die Königin. Malak hatte es schwerer, sie kam als Sternengucker, das Gesicht voran. Meine Mutter schrie und schrie und Malak wollte nicht weiterrutschen. Als ich mit Irfan ankam, war meine Mutter schon völlig entkräftet. Mein Bruder Usaid und die Mädchen Sahla und Rabia saßen dicht zusammengedrängt vor unserer Lehmhütte und weinten.
Irfan jagte uns alle davon und wir sollten unseren Vater mitnehmen, damit er nicht weiterhin Unruhe verbreitete und Mutter von ihrer wichtigen Aufgabe abhielte. Sie sollte doch noch einen Engel zur Welt bringen. So bekam Malak ihren Namen, der Engel.
Meine Mutter gab mir den Krug Ziegenmilch und strich mir über den Kopf.
Heute ist es warm bei uns und ich muss die Ochsen tränken und einspannen, damit ich mit Vater neue Furchen ziehen kann. Vater hat nicht weit von unserem Haus ein kleines Weizenfeld angelegt. Wir sind eine von zwei Familien, die Ochsen und einen Pflug besitzen. Damit alle in unserem Dorf genug zu essen haben, haben wir uns zusammen getan und das karge Land urbar gemacht. Natürlich war es anfangs schwer. Der Boden war sandig und voller Steine. Da mussten auch die kleineren Kinder mit raus um aus dem Boden die Steine ein zusammeln. Heute brauchen sie das nicht mehr, der Boden ist locker und da wir in den letzten zwei Jahren Glück mit dem Regen hatten, der bei uns reichlicher fällt als im Rest Afghanistans, können wir auf eine gute Ernte hoffen.
Wir leben einfach und bescheiden, aber wir halten zusammen. Wenn etwas nicht allein geht, hilft nicht nur die Familie weiter, sondern auch Nachbarn, deren Familien und wenn es sein muss, auch ein entfernterer Clan. Man braucht hier viel Geduld.

Mein Großvater ist früher, als er noch jung war, mit seinem Clan gewandert. Sie hatten eine große Ziegenherde, die sie von Weidefläche, zu Weidefläche durch die Wüste trieben. Zelte wurden aufgebaut und abgebaut. Immer von Oase, zu Oase. Im Winter bis nach Pakistan hinein. Der Bürgerkrieg machte ihnen das Leben schwer, aber meistens wurden sie als Nomaden nicht behindert. Das änderte sich mit den Jahren. Als er erwachsen wurde, suchte er sich mit anderen jungen Männern ein unwirtliches Fleckchen Erde um zu siedeln.
Das ist heute meine Heimat. Wir leben hier vier Tagesreisen von der Chinesischen Grenze im Osten entfernt, in einem Dorf im Hochgebirge.
Strom hat seinen Weg noch nicht hierher gefunden, aber wir brauchen ihn auch nicht unbedingt. Wir haben das Glück, nicht weit entfernt Wälder zu haben, in denen wir Holz schlagen können. Ein Zimmermann, der uns notwendiges Werkzeug herstellt wohnt nicht weit entfernt. Meine Mutter bringt meinen Schwestern bei wie man Auberginen und Lauch zieht. Sahla ist zehn und Rabia neun Jahre, alt genug um zu helfen.
Mein Onkel ist der Meinung, dass sie bald alt genug wären um zu heiraten, aber dafür lacht mein Vater ihn nur aus…


Eingetragen am: 01.06.2008 von Stephanie Meißner
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Der Muslime Elias Mebarak ist ein kleiner, rundlicher Mann mit großer Adlernase aus Tarabulus/Triploi , der zweitgrößten Stadt des Libanon. Wie einige andere hier führt er mit seiner sechsköpfigen Familie ein entspanntes Leben zwischen westlichem Luxus und orientalischem Flair. Seine Europa-Geschäfte mit arabischem Schmuck liefen ausgezeichnet. „Bestellen Sie zu zwei Uhr einen Tisch in einem meiner Lieblingslokale“ sprach er seinen Sekretär an. Heute erwartete Elias wieder einige französische Geschäftspartner, denen er einige der vielen Sehenswürdigkeiten seiner Stadt und natürlich auch das Leben in Tripoli zeigen wollte. „ Am besten in dem, das in der Nähe der Akropolis des Heiligen Jil liegt, Sie wissen schon“, beendete er im geschäftlichen Ton seine Anweisungen bevor er sich wieder seinen persönlicheren Gedankengängen hingab.


Eingetragen am: 31.05.2008 von Senga Hacker
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Ein Penisrohr für Urundu - Sohn der Dani

Arbasa lag auf dem Boden.
Kleine Feuer brannten in der Frauenhütte, doch die Nacht war trotzdem unangenehm kalt und sie kauerte sich noch fester in eine Embryonal Stellung, um die eigene Körperwärme besser halten zu können.
Arbasa war eine Frau der Dani.
Das Dorf der Dani war von einem massiven Bambuszaun umgeben, auch die Felder, auf dehnen Bananenstauden und Süßkartoffeln wuchsen waren mit eingeschlossen, um sie vor Tieren zu schützen.
Das Volk der Dani sind typische Papuas in Indonesien.
Sie sind dunkelhäutig, ausgesprochen muskulös mit breiten Nasen und krausem Haar. Aber von kleiner Gestallt.
Das bemerkte man aber nur wenn fremde Reisend durchs Dorf kamen und die kleinen aber stolzen Menschen zu den großen Unbekannten aufsehen mussten, wenn sie miteinander sprachen.
Fremde hielten die Danis für ein nacktes Buschvolk, dabei trugen die Frauen einen Bastock, aus getrockneten Orchideen und ein gehäkeltes, manchmal bunt gefärbtes Bastnetz auf dem Rücken.
Dieses Bastnetz bedeckte die eigentliche Schamregion und diente gleichzeitig als Tragetasche.
Arbasa trug dazu gerne ihre Kette aus Kauri Schnecken ein wertvolles Geschenk ihres Mannes Yalu zur Hochzeit.
Arbasa war Yalus einzige Frau, er hatte nicht genug Schweine um sich eine zweite Frau leisten zu können.
Wie gerne wären die beiden mal wieder zusammen in den Dschungel gegangen, aber nach der Geburt eines Kindes war es nach den alten Regeln der Dani verboten mit seinem Mann Geschlechtsverkehr zu haben.
Während der Schwangerschaft hingegen waren sie täglich mehrmals im Wald verschwunden, sie mussten es tun, damit das Kind dem Vater auch ähnlich wird, so war es von den Geistern der Ahnen vorgeschrieben.
Männer und Frauen lebten nicht zusammen und schliefen getrennt, in einem Frauen oder Männerhaus.
Die Kinder wurden im Dschungel gezeugt und geboren.
Arbasa rückte das Baby dichter an sich heran und begann es zu stillen.
Die Dani stillen ihre Kinder viele Jahre und in dieser Zeit durften sie sich nicht ihrem Mann hingeben.
Arbasa hatte dieses 2. Kind eigentlich nicht gewollt, doch obwohl sie die Pavettablätter und die Sprossen der Schönfrucht-Sträucher gekaut hatte war sie schwanger geworden.
Man durfte diese Pflanzen auch nicht zu oft oder zu viel benutzen, denn sie ließen die Frauen ganz unfruchtbar werden oder vorzeitig altern.
Darum sah auch Arbasa mit gerade mal 35 Jahren wie 55 aus. Aber darüber machte sie sich keine Sorgen.
Sie war nur etwas traurig, dass ihr erstgeborener Sohn Urundu morgen 7 Jahre alt wurde, denn das bedeutet ab morgen würde er ein Penisrohr tragen dürfen und musste im Männerhaus schlafen.
Alle Männer trugen solch ein Penisfutteral, es diente dem Schutz vor Verletzungen im Dschungel und war das Männlichkeitssymbol bei dem Stamm der Danis.
Man durfte seinen Penis nicht zeigen, denn dann wäre man bei den Papuas nackt.
Je älter und hoch angesehener ein Mann wurde umso größer wurde auch seine Penisröhre.
Diese Röhren züchteten die Danis im Garten aus Kalebassen, einer Art Kürbis, deren Form und Länge durch angebundene Steine beeinflusst wird.
Morgen beim Schweinefest würde auch Urundu seine erste Penisröhre bekommen, sie wird mit Sehnen oder Baststreifen an der Hüfte festgebunden, damit sie auch fest sitzen bleibt auf der Jagt.
Es war seine letzte Nacht heute, in der er sich an eine Frau kuscheln durfte, ab Morgen würde vieles anders sein.
Er wird sich dann einreihen müssen in eine Reihe von aneinander liegenden Männern wie Löffel in einem Besteckkasten.
Noch hatte Urundu kein Kopfkissen, aber er wird eins bekommen.
Wenn er alle Prüfungen die einen Mann ausmachen erfolgreich bestanden hat, wird auch er einen Totenschädel der Ahnen als Kopfkissen verwenden.
Um dem Wissen der verstorbenen im Traum nahe sein zu können.

„Die Verstorbenen sind nicht tot, sondern nur bei einem Wort an die Geister eingeschlafen“
So sagt man bei dem Stamm der Dani.

Morgen, ja morgen würde alles anders sein, den mit dem Licht des Tages kam auch der Lärm der Baufahrzeuge………..


Kommentar von Sarah Jakob

Ich bin schwer beeindruckt und würde gerne weiterlesen.

Eingetragen am: 02.06.2008

Eingetragen am: 24.05.2008 von Ghost
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Hallo Fremder. Herzlich willkommen. Komm ruhig näher. Sieh dich um. Das hier ist unser Markt. Meine Eltern sind irgendwo hier und besorgen Lebensmittel für die Familie und unsere Helfer. Die harte Arbeit auf der Plantage macht hungrig.
Ich bin Bat. Meine Eltern heißen Samyra und Omao. Ich bin der älteste Sohn von insgesamt drei Jungen und vier Mädchen. Uns geht es gut. Wir schwimmen nicht im Geld, aber wir haben unser Auskommen. Mit Opium lässt sic hier in Laos gut Geld verdienen. Die Regierung will es nicht. Sie versucht uns davon abzubringen, aber meine Eltern weigern sich.
Es wundert mich, dass du hierher gefunden hast Fremder. Reisende kommen selten nach Kanggard. Wir sind nur ein kleines und unbedeutendes Bergdorf. Aber ich lebe gern hier. Es ist ein hartes Leben, nicht einfach, aber ich kenne es nicht anders.
Was ich so mache am Tag, fragst du? Eigentlich immer das Selbe. Ich stehe nach meiner Mutter auf. Gemeinsam mit meinen Geschwistern. Unsere Mutter hat dann das Frühstück schon fertig. Am liebsten mögen wir Suppe. So müssen wir nicht mit leerem Magen in die Schule. Ja, wir dürfen in die Schule gehen. Mutter will das so. Und seit dem wir die neue Schule haben, macht mir das Lernen richtig Spaß. Alles ist so herrlich neu und sauber.
Nach der Schule müssen wir noch auf der Plantage helfen. So sparen wir Helfer ein und haben mehr Geld übrig. Und die Pflanzen brauche viel Pflege. Nein, Maschinen haben wir dafür nicht. Solche Technik kommt nicht bis hierher.
Wir arbeiten bis zum Abend. Wenn es dunkel wird, essen wir gemeinsam. Und danach ist die Familie zusammen. Mutter macht Handarbeiten, Vater flechtet Körbe und wir Kinder erledigen unsere Hausaufgaben. Wenn wir schnell fertig sind damit, helfen wir unseren Eltern noch etwas.
Ins Bett gehen wir gemeinsam. Wir legen uns auf unsere Strohmatten und schon fallen uns die Augen zu. Mir geht es so. Aber bei meinen Geschwistern ist das sicher nicht anders.
Ich bin stolz darauf der älteste Sohn meiner Familie zu sein. Vater zeigt mir viel mehr als meinen Brüdern. Ich bekomme die Plantage einmal. Wenn Vater nicht mehr kann. Deswegen passe ich in der Schule besonders gut auf. Vater lässt sich oft vorrechnen, wenn er das Opium verkauft. Er kann aber nicht rechnen und die Leute betrügen ihn. Mir wird das nicht passieren.
Du möchtest weiter Fremder? Schade, ich habe mich gefreut, dass ich dich kennen lernen durfte. Pass auf dich auf, wenn du weiter fährst. Auf wieder sehen!


Eingetragen am: 23.05.2008 von Ghost
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12072

Wer ich bin? Ich bin Nami. Ich glaube, ich bin 12 Jahre oder so. Genau kann mir das keiner sagen.
Ich lebe in Angola. In Luanda, unserer Hauptstadt. Aber davon habe ich nichts. In die sauberen Stadtviertel darf ich nicht. Die werden bewacht. Ich muss mich hier durchschlagen. Unter Leuten, denen es nicht viel anders geht als mir.
Meinen Vater kenne ich nicht. Nicht mal meine Mutter konnte mir sagen wer mein Vater ist. Sie hat immer vermutet, dass ich wohl von einem ihrer Freier bin.
Ja, meine Mutter war eine Prostituierte. So lang sie lebte hatte ich wenigstens ein Dach über dem Kopf. Doch eines Tage war sie tot. Man hat sie wohl umgebracht. Aber um so etwas kümmert man sich nicht. Eine tote Frau mehr oder weniger, noch dazu aus diesem Gewerbe, fällt nicht weiter ins Gewicht.
Ich lebe nun auf der Straße, leide oft Hunger und kann niemandem trauen. Gerade habe ich mir etwas zu Essen stehlen können. Es tut gut mal wieder etwas im Magen zu haben.
In der Schule war ich nie. Dort hin gehen nur wenige Kinder. Aber ich schleiche mich oft an den Zaun einer großen Privatschule. Dort beobachte ich die Kinder in ihren schicken und sauberen Uniformen beim spielen. Sie dürfen lernen. – Ich beneide sie.
Manchmal streife ich auch durch die Slums. Die Menschen die hier leben sind auch arm. Aber sie haben Familie. Wenn ich die Mütter mit ihren Babys sehe, muss ich immer weinen. Ob mich Mutter auch so liebt hatte? – Oft werde ich weg gejagt. Die Leute brauchen nicht noch ein hungriges Kind.
Ich schleiche weiter. Da hinten ist eine große Müllkippe. Aber bei all dem Gestank hier fällt das gar nicht weiter auf. Die Kinder laufen im Müll herum und suchen Dinge raus, die man verkaufen kann. So helfen sieh ihren Familien. Ich habe einmal versucht, einem Kind die Sachen zu klauen. Es sah klein und wehrlos aus. Aber einfach war es nicht für mich. Seine großen Brüder haben es mitbekommen. Nun stochere ich selber im Müll herum.
Oh, es geht mir nicht geht heute. Mein Kopf tut weh und ich könnte mich auf der Stelle hinlegen und schlafen. Aber das geht nicht. Ich brauche das Geld. Das geht auch wieder vorbei. Es ist auch bei den anderen Malen vorbei gegangen.
Und jetzt stört mich nicht weiter. Es ist so schon ein schlechter Tag. Haut ab, ich kann euch nicht brauchen.


Eingetragen am: 22.05.2008 von Thea Doris
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Hallo, ich bin Amy, 25 Jahre alt und komme von den Philippinen. Dort habe ich meinen Mann und meine vier Kinder zurückgelassen, um hier in Kuala Lumpur mein Geld als Kindermädchen reicher Leute zu verdienen.
Ich liebe die Betriebsamkeit dieser aufstrebenden Großstadt, dieses Zusammenspiel von alt und neu, aber ich vermisse meine Familie. Meine Arbeitgeberin ist sehr freundlich zu mir, sie hat mir angeboten, nach Hause zu telefonieren, wann immer ich möchte. Aber das ist teuer und ich will ihre Freundlichkeit nicht ausnutzen.
Ich komme morgens, wenn ihr Mann schon aus dem Haus ist. Er ist Schweizer und arbeitet, wie könnte es anders sein, für eine bekannte Schweizer Bank im Bankenviertel von KL. Meist sitzt meine Arbeitgeberin dann bereits in ihrem Heimbüro, sie ist Immobilienmaklerin und verdient ihr Geld vom Internet aus. Ich verstehe nichts davon und wundere mich, wie sie als Asiatin an diesen Schweizer Ehemann gekommen ist. Aber mir ist klar, dass ihre Eltern keine armen Leute sind, sie ist sehr gebildet und in ihren Kreisen mag es üblich sein, Kontakte ins Ausland zu pflegen. Aus Geschäftsinteresse, nicht wie bei mir aus der Not.
Manchmal frage ich mich, warum sie überhaupt arbeitet, schließlich verdient ihr Mann genug. Sie haben Geld und dieses schöne Haus in einer vornehmen Wohngegend.
Ich würde nicht freiwillig mein Kind einer anderen Frau geben. Die Kleine ist schon süß, aber wenn ich sie ansehe, denke ich an meine Kinder zuhause. Nein, große Sorgen muss ich mir nicht machen, meine Mutter kümmert sich um meine Lieben. Trotzdem denke ich oft an sie, wenn ich die Kleine versorge. Dann werde ich ein bisschen traurig.
Aber ich arbeite schließlich hier, damit meine Kinder es einmal besser haben. Die Arbeit ist nicht schwer. Ich muss mich nur um ein einziges Baby kümmern, andere haben es da nicht so leicht. Meine Arbeitgeber schenken mir ihr Vertrauen, ich habe einen eigenen Wohnungsschlüssel. Außerdem darf ich bei Feierlichkeiten mit am Tisch sitzen und muss nicht beim Dienstpersonal stehen. Ich bin sehr glücklich mit dieser Arbeit.
Auch das Problem der Einsamkeit hat sich schließlich erledigt. Wenn ich nachher frei habe, dann wartet schon Yun auf mich. Yun ist ein hübscher Malaie mit blitzenden Augen, weißen Zähnen und einem breiten Grinsen. Er bringt mich zum Lachen und tröstet mich, wenn ich Heimweh habe. Er hat mir auch gezeigt, wo dieser schöne Park ist und mir geraten, die Kleine dorthin zu fahren. Es ist zwar ein Stückchen entfernt von der Strecke, die ich sonst mit dem Kinderwagen entlang spaziere, aber es gibt dort wunderbare Bäume, die fast vollständig die Aussicht auf die alles überragenden Petronas-Twin-Towers verdecken, Blumen mit fantastisch großen Blüten und einen Pfad aus Holzplanken über einen Goldfischteich. Oh, was für eine Freude! Yun ist hier. Er lächelt so wunderbar. Er hat noch ein paar Freunde mitgebracht? Warum sehen die so merkwürdig in den Kinderwagen hinein, haben die noch nie ein Baby gesehen? Nein, was tun sie da? Nicht das Baby! Was ist das, wer hält mir da von hinten das Tuch über Mund und Nase? Es wird schwarz vor meinen Augen…


Kommentar von Thea Doris

@ghost: Danke für den Kommentar, aber ich glaube, ich hätte mehr recherchieren müssen, (was ich, weil ich mich erst so spät angemeldet habe, nicht geschafft habe), 1. wie genau sieht ein Wohngebiet für Besserverdienende in KL aus?(dann hätte Amy entsprechende Beobachtungen dort gemacht) 2. habe ich die Sprache der etwas naiven Kinderfrau richtig getroffen? 3. ist Yun überhaupt ein malaysischer Männername?

Eingetragen am: 27.05.2008

Kommentar von Ghost

Wow, ich bin begeistert. Ich kann mir ein Buch mit diesem Einstieg super vorstellen.

Eingetragen am: 23.05.2008

Eingetragen am: 20.05.2008 von Mireya
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Ich bin eine Zurückgekehrte. Aber von dem, was mir im Ausland widerfahren ist, werde ich heute nicht sprechen. Ich werde nie davon sprechen, weil ich mich nicht daran erinnern will. Ich will euch warnen, damit ihr nicht in die gleiche Falle tappt. Denn all die Plakate in den Städten, auf denen groß geschrieben steht „Du bist keine Ware“ helfen keiner Frau, wenn sie in großer Not ist und glaubt, wie durch ein Wunder könne sie das Leben ihrer Familie retten. Alle kennen die Geschichten der Zurückgekehrten. Von denen, die mutig genug waren, sie zu erzählen.

Ich dachte damals, ich sei schlau. Ich dachte, mir passiere das nicht. Ich war 20, hatte einen Sohn, Serafim, er war 2 Jahre alt und ich wusste nicht, was ich ihm zu essen geben sollte. Sein Vater ging, als er von ihm erfuhr. Wir lebten mit meinen Eltern in Costesti, eine halbe Autostunde südlich der Hauptstadt, eines der ärmeren Dörfer im Land. Auch meine Eltern waren arm, sie konnten uns nur Obdach geben, aber sie konnten sich selbst kaum ernähren.

Eines Tages begegnete ich Catalina, einer Frau aus dem Nachbarsdorf. Ich kannte sie nicht besonders gut, aber gut genug, um mit ihr ein paar freundliche Worte zu wechseln. Sie erzählte mir, dass eine Dame von einer Agentur in ihr Dorf gekommen sei, die Kellnerinnen für die Schweiz suche. Aber eine der Bewerberinnen sei nun schwanger und könne nicht mitfahren. Somit sei nun noch ein Platz frei. Sie erzählte ein wenig von dem, was sie von der Schweiz gehört hatte. Ich wusste nur, dass es weit weg war – weit weg von meiner Familie, die ich eigentlich nicht verlassen wollte. Aber Catalina sprach weiter, fing an mit mir zusammen zu träumen, wie viel Geld ich dort verdienen könnte, wie gut es Serafim auch später noch gehen würde, wenn ich ihm jetzt monatlich etwas Geld schicken könnte. Meine Eltern könnten ein neues Lehmhaus bauen, groß genug für uns alle, wenn ich nach einem Jahr zurückkehren würde. Catalina war eine von uns – eine Frau wie alle anderen im Dorf – ich vertraute ihr. Es kam mir nie der Gedanke, sie könne etwas böses wollen. Wie ein Schicksalsschlag kam es mir vor: Ein Traumjob, eine Bewerberin schwanger, plötzlich ein Platz frei und die zufällige Begegnung mit Catalina, die mir davon berichtete. Ich dachte nicht lange nach, ließ Serafim mit einer kurzen Nachricht bei meinen Eltern und verschwand. Catalina schien sich so für mich zu freuen, sie organisierte den Kontakt zu der Dame der Agentur. Am gleichen Tag noch verließ ich meine Heimat mit 7 anderen Frauen, aber in der Schweiz kamen wir nie an.

Viele Monate später kehrte ich zurück, die Zwischenzeit nehme ich mit in mein Grab. Mein Vater war inzwischen verstorben, ein Unfall, so hatte man mir berichtet. Ich weiß nicht, wohin meine Mutter mit meinem kleinen Sohn ging. Ich versuchte nach Costesti zurück zu kehren, aber ich wurde nicht mehr in die Dorfgemeinschaft aufgenommen. Man beschimpfte mich als Prostituierte, ich hatte keine Familie mehr dort und niemand wollte einer Hure Arbeit geben. Es ging mir schlechter als je zuvor.

Diesmal war es wohl ein wirklicher Schicksalsschlag, als ich in dieser schlechten Zeit Lilia Codreanu begegnete. Sie bot mir einen Computerkurs an, der durch eine Frauenorganisation finanziert wurde. Nach diesem Kurs hatte ich zum ersten mal in meinem Leben etwas wie eine Ausbildung, und ich hatte die notwendigen Kenntnisse, um mir in der Stadt Arbeit in einem Büro suchen zu können.

Ich bin Nadira Juschtschenko, einfache Bankangestellte, 46 Jahre alt, verheiratet, 2 Töchter. Meinen Sohn habe ich nie wieder gesehen. Auch meine Mutter nicht. Heute lebe ich in Chisinau, und bin froh, dass ich in Moldawien geblieben bin. Ich bin eine Zurückgekehrte, und ich bleibe hier.


Eingetragen am: 11.05.2008 von Ornella
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Der Stacheldraht um Ort und Zeit zum Schreiben war wohl nciht dicht genug oder die Störungen hatten eine robuste Haut. So hinke ich mit meinen Beiträgen etwas nach.

Mein Versuch, mich in einen Beduinen hineinzuversetzen:

Hallo, ich bin Assad! Komm herein und trinke Tee! Setz Dich, setz Dich, ruhe Dich aus. Du bist die Wüste ja nicht so gewohnt wie ich. Für mich ist sie Heimat. Die Unendlichkeit der Wüste, die in sich genügend Grenzen zeigt. Ich liebe mein Land und nie würde ich es verlassen. Doch bleibe ich nie lange an einer Stelle. Es geht immer weiter. Morgen werde ich mein Zelt hier wieder abbrechen und mit meiner Familie, meinem Stamm und meinen Kamelen weiter ziehen.
Doch jetzt, fremde Frau, setz dich in den Schatten des Zeltes und trinke Tee. Du wirst der letzte Gast sein für längere Zeit. Nicht immer kommen die Fremden soweit ins Land, dass sie bei mir Tee trinken können. Es ist so Sitte bei uns dem Fremden Tee an zu bieten. Doch ist es ungewöhnlich, wenn eine Frau alleine reist. Ich weiß, bei Euch ist es anders.
Es ist nicht Sitte mit einer Frau zu sprechen. Aber du bist mein Gast. Ich habe gehört, dass bei euch die Männer mit den Frauen sprechen. Bei uns ist es unschicklich. Es ist eine Beleidigung für die Frau und ihren Mann. Du verstehst, dass ich mich etwas ungeschickt benehme. Ich weiß, unsere Begegnung ist kurz. Sie wird in mir eine Spur hinterlassen, als würde jemand mit einem langen Gewand durch den Sand gehen.
Du schaust nach den Kamelen? Gefallen sie Dir? Solange ich mich erinnern kann, bin ich mit Kamelen aufgewachsen. Sie sind klug und gute Freunde. Das hier, habe ich selbst aufgezogen. Seine Mutter wollte es nicht säugen. Ich bin Tag und Nacht hingegangen und habe ihm Milch eingeflößt. Es hat überlebt. Nun ist es wie mein Sohn. Sie gehören zusammen wie Geschwister.
Noch etwas Tee? Du siehst aus als könntest Du Ruhe brauchen. Viele aus Eurem Land kommen hierher und glauben sie könnten sich erholen. Die Wüste bietet mehr als nur Erholung. Sie ist das Leben. Der Wind spielt mit ihr und sie lässt es zu. Sie formt sich nach seinem Willen. Wir werden hier wie die Wüste. Sie formt uns und jeder Fremde hinterlässt seine Spur.


Kommentar von Ghost

Auch ich hinke mit meinem Beiträgen hinterher, aber lassen wir uns davon nicht entmutigen. Der Versuch dich in einen Beduinen hinein zu versetzen ist dir meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Weiter so.

Eingetragen am: 23.05.2008

Eingetragen am: 09.05.2008 von Bea Motzner
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Hallo, mein Name ist Annastasia Pokorny, ich bin 18 Jahre alt. Meine Flucht aus Novosibirsk, war eine lange und beschwerliche Reise. Nun bin ich hier in Köln. Doch noch Nachts verfolgen mich die Alpträume meiner Vergangenheit. Novosibirsk ist ein kalter unfreundlicher Ort für ein junges Mädchen, welches keine Eltern mehr hat. Ein Traktorunfall riss meinen Vater und meine Mutter aus meinem Leben. Eine Ausbildung habe ich nicht.

Kurz nach dem Tod meiner Eltern zog ich zu meinem Onkel Sergej, dem Bruder meiner Mutter. Mein Onkel wollte mich zwingen ihn zu heiraten, doch das konnte ich nicht, so musste ich fliehen. Eines Nachts im kalten November schlich ich mich aus dem Haus. Mein Weg führte mich auf Nebenstraßen, wenn man diese Feldwege so nennen kann, immer weiter nach Westen. Der eisige Wind zerrte mit seinen kalten Händen an meiner Kleidung und meinen langen dunklen Haaren. Stunde um Stunde ging ich voran, immer mit der Angst, dass mein Onkel mich doch noch finden könnte, bevor ich mein Ziel erreicht hatte. Die Kälte kroch schleichen in meinen Körper. Meine Finger konnte ich kaum mehr bewegen. Dann irgendwann kam ich an einen Güterbahnhof an. Niemand war zu sehen. Ich versteckte mich in einen Güterwagon, in dem außer Stroh, nichts weiter war. Langsam graute der Morgen, als ich leise das Schiebetor hinter mir schloss. Ich wusste nicht mal wo ich mich befand, doch das machte nichts, denn ich war froh so weit weg wie möglich von Sergej zu sein. Nichts war schlimmer als den heißen, fauligen Atem dieses alten Mannes an meinem Hals zu spüren. Ich legte mich in eine Ecke und bedeckte mich mit Stroh so gut es ging. Niemand sollte mich hier finden, während ich schlief. Die Vögel stimmten schon ihren Gesang an, als mich der Schlaf übermannte.

Als ich erwachte war es wohl schon später Nachmittag. Das Schnaufen der alten Dampflok war zu hören. Neben mir scharte ein Pferd mit seinen Hufen nach Futter. Ich hatte Glück, denn die Leute die diese Pferde in den Wagon gebracht hatten, hatten mich nicht entdeckt. Es waren wohl so um die 16 Pferde, groß und schön. Ein Rappe stand direkt neben mir. Er begrüßte mich zärtlich mit seinen warmen Nüßtern. Ich hatte riesigen Hunger, doch zu essen gab es nichts. Der Durst brachte mich fast um den Verstand. Vorsichtig stand ich auf, und suchte nach dem Wassertrog der Pferde. Endlich nach minutenlangem umherirren, fand ich ihn. Das kühle Nass ran erfrischend meine trockene Kehle hinunter. Ein Schimmel teilte sich das Wasser mit mir, doch es machte mir nichts. Einmal pro Tag wurde der Zug angehalten, die Schiebetür wurde geöffnet, Äpfel und altes Brot wurden hinein geworfen. Auch frisches Wasser wurde gebracht. Ich versteckte mich immer in meiner Ecke. So fuhr ich wochenlang irgendwo hin. Dann kam der Tag an dem der Güterwagon auf ein Abstellgleis gefahren wurde. Die Pferde sollten ausgeladen werden. Mit lauten Pfiffen und mit Stöcken versuchten Männer die Pferde zum aussteigen zu bewegen. Ich nutzte meine Chance, schwang mich auf den Rücken des schönen Rappen und preschte davon. Bereitwillig galoppierte das Pferd mit mir davon. Nach einer Weile bemerkte ich, dass wir uns in Polen, nahe der deutschen Grenze befanden. Das Pferd wurde langsamer. Ich gemütlichen Gang überschritten wir die Grenze in einem großen Waldstück. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich war so unendlich weit weg von Novosibirsk und Sergej. Gegen Abend kamen wir an einen Bauernhof. Sascha, so nannte ich den Rappen war müde und durstig, genau so wie ich. Ich stieg ab, und schritt langsam neben Sascha daher auf eine alte Scheune zu. Das Tor war nur angelehnt. Wir traten ein und machten es uns gemütlich. Sascha knabberte Heu, während ich so langsam dahin dämmerte. Mit dem ersten Hahnenschrei betrat ein junger gutaussehender Mann die Scheune. Ich war noch nicht ganz wach und somit zu langsam um mich vor ihm zu verstecken. Er redete mit mir, doch ich verstand kein einziges Wort. Seine Stimme war dunkel und beruhigend. Er brachte mich in das Bauernhaus, gab mir zu Essen und zu trinken. Eine alte Frau betrat die Küche, wo wir saßen. Auch sie wirkte sehr freundlich. Nach einer Weile begann ich mich heimisch und wohl zu fühlen. Diese beiden Fremden Menschen waren so nett zu mir, auch wenn sie nichts von mir wussten und mich kaum verstanden. Wochen vergingen und ich lernte die deutsche Sprache. Fredi, so heißt mein Retter, war nur zu Besuch bei seiner Oma. Er wohnte in einer Stadt namens Köln. Fredi und ich verliebten uns ineinander und beschlossen gemeinsam nach Köln zu gehen. Das war vor 2 Jahren, heute sind wir verheiratet und leben mit unserer Tochter Maria in einem kleinen Haus in Köln am Rhein.


Eingetragen am: 25.04.2008 von Beate Kranz
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Heute, beim Frühstück, zwischen Cornflakes und Milch, hat Matthew mir gesagt, daß er sich zu einer Entscheidung durchgerungen hätte und gehen wird.
Ich habe ihn angeschaut und genickt, ich hatte es gewußt, daß er sich so entscheiden wird.
"Es tut mir leid", sagte er und schaute mich gequält und unglücklich an. "Ich weiß, was dieser Entschluß für dich bedeutet, aber ich habe einfach keine andere Wahl. Nein, das ist falsch. Wir haben beide keine Wahl. Ich will nicht, daß es so weitergeht."
Ja, ich wußte, daß es keine andere Wahl gab. Diese Entscheidung war die einzige Möglichkeit, die uns blieb.
Wir - Matthew und ich - waren zu weit gegangen, hatten Grenzen überschritten, von denen wir geglaubt hatten, daß sie bereits vor vierzig Jahren gefallen waren. Aber sie waren es nicht.
Und ich hätte es besser wissen, als Matthew. Denn ich war im Gegensatz zu Matthew hier aufgewachsen, hier im Süden. Hier, wo die Uhren immer noch anders tickten, als sonst wo auf der Welt. Hier, wo es nicht egal war, woher man kam, was man tat, und insbesondere welche Hautfarbe man hatte.
Damals, als Matthew und ich uns kennenlernten, hatten wir gedacht, daß wir stark seien, und daß wir besonders diese besondere Schranke überwinden würden. Waren wir denn nicht alle vor dem Gesetz gleich?
Aber nach fünf Jahren Ehe wußten wir, daß wir mit unseren Ansichten gescheitert waren. Wir beide hatten die gleichen Ansichten, nur die anderen teilten sie nicht mit uns. Und wir bezahlten dafür, bezahlten sie im Beruf und in unserem privaten Leben.
Matthew stand auf, ging zur Tür, drehte sich um. "Ich gehe jetzt", sagte er leise. "Ich werde mich im Institut um die Formalitäten kümmern und soweit es geht alles ausfüllen. Ich werde mich damit beeilen, damit wir es schnell hinter uns haben. Auf deinem Schreibtisch habe ich ein Formular gelegt. Bitte kümmere dich daran. Es wird darin nach deinen Daten gefragt."
Ich wollte hinter ihm herlaufen, aber ich konnte nicht. Ich schaute auf die Cornflakes, rührte mechanisch in dem alten Zuckertopf, den meine beste Freundin mir zu unserer Hochzeit geschenkt hatte. Der Zucker knirschte unter dem Silberlöffel, als ich Kreise in ihm drehte.
Irgendwann stand ich auf, ging zu dem Schreibtisch, nahm das Blatt, las es durch. Es wurde nach den privatesten Dingen gefragt. Ich setzte mich, nahm einen Kugelschreiber, drückte die Sprungfeder auf und nieder, überlegte, was ich schreiben solle, ließ mein Leben ein Stück zurücklaufen.
"Mein Name ist Esther McGillis. Ich wurde am 1.Juli 1964 in Augusta, Georgia geboren und bin auch hier aufgewachsen. Meine Eltern sind Phineas und Letitia. Sie sind inzwischen über siebzig und wohnen nicht weit von mir entfernt in dem Haus, in dem sie 1960 nach ihrer Hochzeit einzogen.
Mum und Dad haben immer hier in Georgia gewohnt und sie hatten auch damals als Matthew und ich heirateten, ihre Sorgen und Bedenken. Naja, sie haben die anderen Zeiten noch persönlich kennengelernt. Heute denke ich, es hat sich im Grunde nie etwas geändert. Es ist alles nur weiße Tünche.
Ich habe zwei ältere Brüder, beides sind Ärzte. Ich selber bin Cytologieassistentin und arbeite in einer Pathologie. Irgendwie sind wir Kinder alle in der Medizin gelandet. Dort habe ich vor fünf Jahren auch Matthew kennengelernt. Matthew ist Pathologe und kam damals aus Boston hier in den Süden. Er wurde mein unmittelbarer Chef und wir haben uns auf Anhieb verstanden und ziemlich schnell haben wir gemerkt, daß wir uns mehr als gut verstanden.
Ich habe lange gezögert. Ich wußte, daß nichts einfach sein würde. Ich kannte den Süden. Aber Matthew war optimistisch, ließ alle Einwände nicht gelten. Und sogar meine Eltern ließen sich von seiner Meinung und seinem Optimismus anstecken und waren glücklich, als wir heirateten.
Die erste Zeit war gut - es ging uns auch gut. Wir liebten uns, sahen nur uns, hatten wenig Kontakt nach außen. Aber irgendwann war die rosarote Zeit vorbei. Ich hörte die tuschelnden Stimmen deutlich, spürte die Ablehnung, wenn ich irgendwo mit Matthew eingeladen war.
Vor sechs Monaten bekamen wir einen neuen Chefpathologen.
Eine Woche später - Matthew saß mit ihm in der Kantine beim Mittagessen - wurde er deutlich.
"Wissen Sie, Matthew. Ich habe entdeckt, daß Sie ein Grenzgänger sind. So etwas ist nicht leicht. Man verunsichert mit so einem Verhalten seine Umgebung. Man weiß schließlich nie, wo ein Grenzgänger so genau steht, was er wirklich denkt, zum wem er hält, wenn es darauf ankommt. Und eine eindeutige Position ist gerade bei uns wichtig. Schließlich möchte zum Beispiel auch ein Patient genau wissen, ob er nun krank ist oder nicht. Da kann man auch nicht mit einer Wischi-Waschi-Diagnose daherkommen. Sie verstehen sicher was ich meine. Sie sollten sich Gedanken machen, ob sie einige Entscheidungen in ihrem Leben in einem anderen Licht und einige Dinge korrigieren sollten." Damit ließ er Matthew sitzen und ging.
Matthew tat nichts und blieb ein Grenzgänger.
Irgendwann stellte Matthew fest, daß er bei Entscheidungen nicht mehr gefragt wurde, daß er bestimmte Fälle nicht mehr zu sehen bekam, daß er übergangen wurde. Irgendwann stellte er fest, daß er nicht mehr eingeladen wurde, daß niemand mehr mit ihm zum Essen ging.
Auch ich rutschte in eine Abseitsposition. Als die Stelle der Laborleitung neu besetzt werden sollte, wurde sie mir nicht angeboten, obwohl ich die beste Qualifikation dafür hatte. Ich kam noch nicht einmal in die engere Wahl.
Wir wurden ein einsames Ehepaar. Sicher, wir hatten meine Familie, unsere Gemeinde vor Ort. Aber wir verloren die Kollegen als unsere Freunde und verbrachten die Wochenenden oft allein.
Nun hat Matthew eine Entscheidung getroffen. Ich glaube, er traf sie schon vor einem Monat. Es war ein Donnerstagabend im März, als er mit einer Annonce nach Hause kam. In einem kleinen Ort in Massachusetts wurde ein Pathologe gesucht. Matthew hatte vor Jahren einmal mit einem dort beschäftigten Pathologen zusammengearbeitet. Noch am gleichen Abend rief er ihn an, schilderte ihm seine Karriere, sein Leben.
Matthew bewarb sich dort und drei Wochen später flog er dorthin und man bot ihm die Stelle an.
Heute hat sich Matthew für die Stelle entschieden.
Nun ist alles entschieden. Wir werden also in den Norden ziehen - wir werden den Süden verlassen. Wir müssen ihn verlassen, damit wir für uns eine Zukunft haben. Hier haben wir sie nicht.
Und einfach deshalb, weil Matthew weiß ist und ich schwarz.


Kommentar von Heike M

Hallo Beate, das hat sich ja gelohnt, dass Du eine Weile über Deiner Geschichte gebrütet hast. Du hast auch mich ganz schön in die Irre geschickt am Anfang. Besonders geschickt finde ich, wie Du die Vorstellung der Ich-Erzählerin einbaust. Es passiert nichts in Deinem Text, und es hat mich doch in seinen Bann gezogen. Ich habe keine Ahnung von Georgia und ob es im Norden besser ist. Ich wünsche es den beiden. Gruß, Heike

Eingetragen am: 28.04.2008

Kommentar von Barbara Theisen

Hallo Beate, das ist eine bedrückende Situation, die Du hervorragend beschrieben hast. Am Anfang scheint es, dass Matthew seine Ehefrau verläßt. Dies und welche der beiden Personen farbig ist, wird erst am Schluß der Geschichte klar. Der Spannungsbogen wird bis zum Ende gehalten. Gruß Barbara

Eingetragen am: 28.04.2008

Eingetragen am: 23.04.2008 von amju
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Es war ein langer Tag. Viel zu lang. Erschöpft lasse ich mich auf den Sessel vor dem Computer fallen und logge mich ein, um noch ein bisschen im Internet zu surfen und meine E-Mails zu checken. Auf die Mail von meinem besten Freund Akira antworte ich ausführlich. Er ist so ziemlich der einzige der Bescheid weiß über mein Leben hier. Und er findet's toll. Ich habe keine Ahnung wie er darauf kommt, es ist nicht toll morgens im sechs in der U-Bahn zu stehen, dicht gedrängt und zum Job des Tages zu fahren. Heute war es mein Job am Bahnhof Shinjuku Werbezettel für einen neu eröffneten Club in Roppongi zu verteilen. Shinjuku war wie immer voll, Gedränge, vorbei hastende Geschäftsleute, die umsteigen, Hausfrauen, kichernde Teenies und natürlich Touristen. Möglichst vielen habe ich heute höflich lächelnd einen Zettel in die Hand gedrückt, die zögerlichen habe ich mit einem Spruch persönlich zu Eröffnung eingeladen. Zehn Stunden später waren die Zettel endlich leer und ich habe mich auf den Weg hierher gemacht – in mein Zuhause, wenn man es so nennen will. Ich heiße übrigens Hiro Shimura.
Meinen Rucksack und die große Reisetasche habe in der Ecke der wenigen Quadratmeter platziert, die heute mein privater Raum sind. Auch wenn die dünnen Wände nicht bis zur Decke gehen, geben sie mir wenigsten die Illusion von Privatsphäre. Der Inhaber des Internetcafés kennt mich schon und hat mich freundlich begrüßt. Natürlich kennt er mich – ich wohne quasi hier und das seit sechs Monaten. Dieses Internetcafe in einem Außenbezirk im Norden Tokios hat rund um die Uhr offen und weil ich ein so „guter Kunde“ bin, habe ich einen vergünstigten Tarif – immerhin rund 60.000 Yen im Monat. Sicher, für diese Geld würde man auch in Tokio fast ein Appartement bekommen, aber da wäre dann noch die Kaution und die Courtage für den Makler – und beides habe ich nicht. So lebe ich halt von der Hand in den Mund, mit Aushilfsjobs im Büro und Zettel verteilen.
Vielleicht hätte ich besser in Sapporo bleiben sollen, dort habe ich studiert. Aber ich wollte saisonbedingt nach Tokio, vor allem nachdem ich den öden Bürojob, den ich nach der Uni in Sapporo angenommen hatte, wieder los war. Rationalisierung. Eigentlich stamme ich aus Wakkanai. Meine Eltern haben dort am Hafen einen kleinen Laden, eine Art Kiosk, aber sie verkaufen auch Nudelsuppen – Udon und Soba – vor allem an die Touristen die auf die Fähre warten. Ansonsten ist es ein verschlafener Ort auf der nördlichsten der japanischen großen Inseln. Es gibt dort nicht viel. Selbst die Touristen legen hier nur einen Zwischenstopp ein.
Meine Eltern haben natürlich keine Ahnung. Sie sind so stolz auf ihren Sohn, der es in Tokio zu etwas gebracht hat. Und nach all der Mühe und all dem Geld, das sie in den Privatunterricht und die Universitätsgebühren investiert haben, bringe ich es nicht über mich, ihnen die Wahrheit zu beichte. Dass ich keinen festen Job habe. Dass ich quasi obdachlos bin und von der Hand in den Mund in einem Internetcafe lebe. Wenigstens das kann ich mir leisten. Und jedes Mal, wenn ich durch einen der großen Parks von Tokio komme und die Zelte aus blauen Plastikplanen und ihre Bewohner dort sehe, bin ich froh darüber.
Für nächste Woche habe ich einen Bürojob in Aussicht. Sie stellen mich als Aushilfe erst mal für zwei Wochen ein – aber wer weiß was daraus wird. Hidei zum Beispiel, den ich oft hier im Cafe getroffen habe, arbeitet jetzt auch im Büro. Angefangen hat es bei ihm auch als Aushilfsjob. Er konnte genug sparen und hat jetzt ein kleines Appartement. Sicher, er muss jeden morgen und jeden Abend zwei Stunden mit der U-Bahn fahren und wenn es spät wird, übernachtet er trotzdem manchmal hier – aber immerhin hat er ein Appartement.


Eingetragen am: 22.04.2008 von bonny
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Ich bin spät dran, da Mercedes seit gestern Abend ein wenig Fieber hat und sie nicht wollte, dass ich sie alleine ließ. Sie hatte in der Nacht Albträume gehabt und war heute deshalb noch den ganzen Vormittag völlig verstört. Meine Schwester ist jetzt bei uns in der Wohnung, um sich um sie zu kümmern, damit ich zu meiner Verabredung gehen kann. Seit vier Wochen weiß ich, dass ich Jens heute treffen soll und nun fühle ich mich trotzdem nicht richtig vorbereitet. Während ich in Richtung Zentrum laufe, versuche ich meine Haare etwas in Ordnung zu bringen und bemerke einen Fleck auf meinem geblümten Kleid. Bevor ich los bin, habe ich für Mercedes noch schnell ihr Lieblingsessen gekocht. Chacá, eine Süßspeise die aus Mais, Milch, Zucker, Zimt und Kokosnuss zubereitet wird und sich nun gut sichtbar auf meinem besten Kleid befindet. In der Calle Independencia ist wie immer viel betrieb. Zweimal im Jahr findet hier der große Karnevalsumzug, für den La Vega weltweit berühmt ist, statt, und zum ersten Mal bin ich nicht sicher ob ich in ein paar Wochen dabei sein werde. Jens hat in seiner Mail geschrieben, dass es in Deutschland auch Karneval gibt. Ich habe versucht ein paar Worte Deutsch zu lernen, damit wir uns vielleicht bald schon ohne die Dolmetscherin unterhalten können. „Guten Tag“ und „Ich heiß Maria Alvarez und komme aus die Dominikanische Republik“ und „Ich bin 21 alt“.
Jens spricht kein Spanisch. Heute wird die Frau von der Agentur die ganze Zeit bei unserem Treffen dabei sein, das gehört zu dem Service, den sie für die Vermittlung anbieten, dazu. Auf dem Foto was er mir geschickt hat, sieht man Jens vor seinem Haus in Deutschland stehen. Das Haus ist weiß und hat eine schwarze Haustür und ganz klein auf dem Foto, sehr schlecht zu sehen, steht Jens vor dieser Tür. Er hat nicht mehr so viele Haare auf dem Kopf und trägt ein rotes Hemd. In seiner Mail hat er geschrieben, dass er kinderlieb ist und sich gut vorstellen kann mit einer Frau die bereits ein Kind hat, zusammen zu sein. Außerdem tanzt er gerne Salsa und Merenge. Auf dem Foto sah er gar nicht so sehr wie ein Tänzer aus, aber vielleicht täuscht das ja auch.


Eingetragen am: 18.04.2008 von margaretha pillinger
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Früher war unsere Oase eine wichtige Karawanenstation für die durchziehenden Händler gewesen. Dann kamen die vielen Menschen, die die Wüste und uns bestaunten, sie stiegen aus schweren Jeeps, gafften und lärmten. Das störte uns ein wenig, aber wir dachten, damit könnten wir reich werden. Jedenfalls erzählten uns das die Touristenführer. Und mancher von uns träumte von der Welt da draußen. Aber wir wurden immer ärmer.

Jahrelang wurde aus der Oase Wasser für die großen Städte weggepumpt worden. Wildpferde und Wasserbüffel verdursteten, unsere Ziegen und Schafe fanden kaum noch Tränkestellen. Zugvögel, die hier früher auf ihrer Reise in den tiefen Süden Halt machten, zogen vergeblich auf ihrer Suche nach Wasser Runde um Runde am Himmel. Nach einer Weile flogen sie schreiend und kreischend weiter.

In ihrer Gedankenlosigkeit lösten unachtsame Wüstenbewohner und Touristen immer wieder Brände aus, das Feuer drang bis in die tiefen Schichten des Torfs und fraß sich in die Wüste. Beißender Brandgeruch und Rauchschwaden lagen über der Oase. Zwischen den Tiergerippen lagen Müllberge, unerträglicher Verwesungsgeruch durchsetzte an manchen Plätzen den Brandgeruch.

Heute ist unsere Oase wieder grün, fast wieder wie früher, sagt mein Großvater. Die Städte geben uns das Wasser zurück. Die Zugvögel kommen auch wieder und erfüllen mit ihrem immerwährenden Schnattern das Tal.

Ich heiße Jabalah nach meinem Großvater. Er ist das Oberhaupt unseres Stammes. Ich bin zwölf, fast schon ein Mann. Meine Aufgabe ist es, die Ziegen und Schafe des Stammes zu hüten. Manchmal mache ich das schon ganz allein. Nicht ganz einfach für einen Jungen in meinem Alter.

Vor einigen Tagen kamen einige Männer in Jeeps. Sie trugen das traditionelle lose Gewand aus weißer Wolle mit einem schwarz-weiß gestreiften Überwurf und einfache Tücher als Kopfbedeckung. Sie redeten lange mit meinem Großvater. Danach war mein Großvater sehr schweigsam. Am darauffolgenden Abend rief mich er mich zu sich. Er sprach über die Größe unseres Gottes zu mir, über die Ungläubigen, die unser Land beschmutzten und wie wichtig es sei, unsere Ehre und Größe wieder zu gewinnen. Ich sei auserwählt, für eine neue Welt zu kämpfen und zu sterben. Er sprach von der unermeßlichen Ehre, die das für den Stamm bedeuten würde. Ich hörte ihm schweigend zu. Ich wußte, dass es keinen Sinn hatte, sich dagegen aufzulehnen. Ich wollte nur wissen, wann ich gehen müßte. "Bald", antwortete mein Großvater "sie werden in einigen Tagen wieder kommen und dich mitnehmen." Ich ging hinaus zu unserem Berg, zu Jabalah. Dort setzte ich mich auf einen Stein und starrte in den dunkel gewordenen Himmel mit seiner unvorstellbaren Fülle von Sternen. Ganz, ganz weit hinten, dort, wo sich der Himmel auf die Erde senkte, hatte er einen durchsichtigen Rand. Ich wollte nicht sterben, nicht für Gott und für niemand sonst. Ich war noch so jung. Ich begann Pläne für meine Flucht zu schmieden.


Eingetragen am: 17.04.2008 von T.E.Sturm
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Als jemand der in einem Land gross geworden ist und geboren wurde, dass für sich selbst verfassungsrechtlich das Recht auf individuelles Glück festschrieb, hatte ich in meinem Leben, wenig davon gemerkt, was es hiess, im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten zu leben. Das Geburtsland so vieler grosser Persönlichkeiten und Staatsmänner, das Land in das die Juden flüchteten, vor den Nationalsozialistischen Einflüssen in Europa, ist gleichzeitig auch ein Land, in dem es noch in verschiedenen Staaten die Todesstrafe gibt.


Eingetragen am: 15.04.2008 von Biddy
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Ich bin Uljana Andrejewna Tschurikowa aus Usbekistan. Kurz nach meinen zehnten Geburtstag sagte mein Onkel zu mir, ich müsste jetzt endlich auch arbeiten, wie schon meine älteren Geschwister, meine Cousins und Cousinen. Schließlich müsste ich was für mein Essen tun, dass müssen alle hier.
Ich bin jetzt 13 Jahre alt. Immer im September gehe ich, wie alle anderen aus meiner Schule auch, auf die Baumwollfelder. Die Pflanzen zerstechen die Hände, wenn wir die kleinen Bällchen abpflücken, aber daran gewöhnt man sich.
Ich lebe bei meinem Onkel und seiner Frau, in einem kleinen Haus in der Nähe von Toshkent. Meinen Vater habe ich nur zwei mal gesehen. Er ist viel auf Reisen, hat meine Mutter immer gesagt. Aber meine Mutter ist gestorben, als ich 7 war. Sie hat auch auf den Feldern gearbeitet, aber dann bekam sie Krebs. Ich bin froh, dass sich mein Onkel seitdem um mich kümmert.
Er wird es auch sein, der später den Mann aussucht, den ich heiraten werde. Ich habe gehört, dass in den großen Städten sich die Mädchen ihren späteren Mann selbst aussuchen dürfen. Aber das kann ich mir gar nicht vorstellen. Wie soll ich denn wissen, ob er dann auch der Richtige für mich ist?
Meinem Onkel gehören die Baumwollfelder. Er ist ein freier Bauer. Aber die Baumwolle wird nur von der Regierung gekauft, von niemand anderem, so dass mein Onkel trotzdem keine Möglichkeit hat, den Preis zu bestimmen. Er muss nehmen, was die Regierung ihm anbietet, deshalb hat unsere Familie nicht sehr viel Geld. Aber wir können davon leben, das ist wichtig. Jeden Morgen gibt es Milch, Kajmak und Brot. Abends haben wir meistens Plow und Lepjoschak.

Gestern war ich mit Irina in der Stadt, obwohl mein Onkel das nicht gerne sieht. Irina ist meine Cousine, aber auch meine beste Freundin. Sie ist schon 16. Als wir uns gerade die teuren Kleider in den Geschäften ansahen, sprach uns ein Fremder an. Alexej, so stellte er sich vor, fragte, ob er uns zu einem Eis einladen dürfte. Er meinte, ich sei ihm aufgefallen, weil er Models für eine große Agentur sucht. Alexej ist Fotograf. Er hatte so eine tolle, neue Kamera bei sich wo man die Bilder direkt sehen kann und hat auch gleich ein paar Fotos von Irina und mir gemacht. Ich meinte, ich sähe doch gar nicht besonders aus, aber er sagte, er sucht genau den Typ "Mädchen vom Land". Ich habe so eine natürlich Art, meinte er. Ich könnte ins Ausland gehen, in die Türkei oder nach Hongkong, und da viel Geld verdienen. Als ich ihm aber mein Alter sagte, war er plötzlich gar nicht mehr so an mir interessiert und unterhielt sich mehr mit Irina.
Irina sagte mir, sie überlegt noch, ob sie die Nummer anrufen soll, die Alexej ihr gegeben hat. Wenn, dann würde sie ihrem Vater nichts davon sagen, sondern eines Tages einfach fortgehen, denn erlauben würde mein Onkel das sowieso nicht.
Ich hab zwar ein komisches Gefühl bei der Sache, aber wenn Irina dann wirklich viel Geld verdient, hilft das ja schließlich der ganzen Familie, oder? Verraten würde ich sie jedenfalls nicht.
Ich hab mir die Nummer vorsichtshalber auch mal gemerkt. Irgendwann möchte ich so gerne auch mal so schöne Kleider tragen können wie sie in den Schaufenstern in Toshkent hängen.....

Uljana stieg in den Wagen, der vor ihrer Tür hielt. Die Scheiben waren getönt, und Alexej, der am Steuer saß, begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange, als sie einstieg. Es waren drei Jahre seit ihrer ersten und einzigen Begegnung vergangen, aber letzte Woche hatte sie den Mut gefasst, die Nummer gewählt und ihn tatsächlich erreicht. Er gab vor, sich noch an sie zu erinnern. "Fahren wir ins Le Meridien um uns erst mal zu unterhalten?" fragte er sie. Uljana hielt kaum merklich die Luft an. Das teuerste Hotel in der Stadt... ungläubig schaute sie den jungen Mann an. Doch der lächelte sie so unbefangen an, als würde er sie grad mal zu einem Glas Milch einladen. Sie gingen in das Hotel......


Eingetragen am: 14.04.2008 von Meran
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Mein Name ist Markus und ich bin 19 Jahre alt. Ich lebe seit meiner Geburt in Harstad, das liegt in Norwegen. Diesen Text kann ich überhaupt nur auf Deutsch schreiben, weil meine Mutter Deutsche ist und ich seit ich ein Baby bin sowohl mit Norwegisch, als auch mit Deutsch aufgezogen wurde. Mein norwegischer Vater arbeitet, als Techniker, im Erdölförderwerk in der Nähe. Als einer der am längsten Eingesessenen in dem Betrieb verdient er gut und meine Mutter muss nicht arbeiten. Das war, was mein Vater ihr dafür versprochen hat, dass sie nach Norwegen zu ihm zieht und nicht länger in Deutschland lebt, so dass sie sich nur sehr selten hätten sehen können. Aber nun genug von meinen Eltern, schließlich soll ich mir ja hier selbst vorstellen.
Ich liebe das Klettern in den Bergen, wovon Norwegen genug bietet. Nur Zeit habe ich dafür leider nicht wirklich viel. Andererseits wäre aber auch das Leben in Deutschland angenehm, da ich die Deutschen Temperaturen den Norwegischen eisigen Graden vorziehen würde. Vielleicht würde mir aber auch von Zeit zu Zeit die Mitternachtssonne fehlen, die mir hier ja fast zwei Monate im Jahr auch nachts den Weg weißt. Um in Deutschland in einem so schönen Einzelhaus zu wohnen hätten wir wohl auch nicht genug Geld und ich möchte auf keinen Fall in einem Mehrfamilienhaus wohnen.
Auf einigen meiner Deutschlandurlauben habe ich abends in der Stadt sehr viele Betrunkene gesehen die mich doch sehr stören würden. Zum Glück gibt es so etwas bei uns in Norwegen nicht in solchem Ausmaß. Aber na ja, das soll es erst einmal von mir gewesen sein, ich muss los, schließlich will ich nicht zu spät zum Unterricht kommen. Hier nennt man die Schule auf die ich gehe übrigens anders als man vermuten könnte, nämlich „High School“. Aber jetzt ist wirklich Schluss, mein Englisch Lehrer ist mir zu streng um zu spät zu kommen, was zum Glück bei den wenigsten Lehrern der Fall ist.


Eingetragen am: 10.04.2008 von Mara Vaal
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Wie lange kann man das aushalten? Dass Comfort, Florence und Joyce auf dem Absatz kehrt machen, wenn sie mich am Waschbecken unserer Bürotoilette stehen sehen. Dass sie mich nicht mehr vor Freude in den Arm kneifen, wenn die Regierung spontan einen Feiertag in den Montag hinein verlängert, nur weil der eigentlich ungünstigerweise auf einen Sonntag fällt. Dass sie nicht mehr nah an mich heranrücken, um mir die letzten Neuigkeiten der Affäre unseres Abteilungsleiters mit der sechzehnjährigen Kopierassistentin ins Ohr zu flüstern.

Ich bin jetzt fünfunddreißig. Zwei Kinder sind mir geblieben. Ich wohne in einem Haus mit fünf Zimmern, wenn man die Küche und das winzige Bad dazu rechnet. Es gibt zwei Schlafzimmer, eins für die Kinder und eins für mich und meinen Mann. Jedenfalls solange mein Mann noch Teil meines Lebens war. Wenn ich aus dem Hof vor unserem Haus auf die Straße trete, muss ich aufpassen, um nicht in den stinkenden Betongraben zu fallen, der die Straße säumt und die vom Himmel stürzenden Wassermassen in der Regenzeit auffangen soll.

Autos rasen vorbei, Taxifahrer hupen. Alle sind in ständiger Bewegung: Angestellte in gebügelten Hemden, Mütter, die ihre Kinder auf dem Rücken tragen, Schulkinder in Uniformen. Junge Mädchen balancieren Schüsseln oder Stoffballen auf ihrem Kopf. Zwei Arbeiter schieben einen Karren mit Yam zum Markt. Gegenüber von unserem Haus verkaufen einige Frauen in den Morgenstunden Porridge. Früher haben sie immer Wasser bei uns geholt, um ihre Schüsseln abwaschen zu können. Jetzt machen sie einen großen Bogen um unser Tor.

Ich habe das alles zwei Jahre ausgehalten. Dann war Schluss. Ich habe gar nicht groß nachgedacht, sondern gleich die nächstbeste Gelegenheit ergriffen. Da ich nicht genau wusste, wie ich es anstellen sollte, war ich natürlich erfolglos. Ich habe Glück gehabt. In jeder Hinsicht. Die Ahnen bringt es durcheinander, wenn man sich freiwillig aus dem Leben stiehlt. Und ich blickte in das Gesicht von Maami, als ich im Krankenhaus wieder aufwachte. Sie hat mich zu diesem Verein gebracht, wo sich endlich jemand um mich kümmerte. Und jetzt kümmere ich mich auch.

Heute Abend stehe ich hier, in der Residenz des kanadischen Botschafters – und soll von mir und meinem Leben erzählen. Nicht nur einfach erzählen, nein. Ich soll mich in ein schickes Kleid werfen, mir eine dicke Kette umhängen und dann auf einem improvisierten Laufsteg quer durch den Botschaftsgarten trippeln. Da haben sich Leute versammelt, die viel Geld für ein Ticket ausgegeben haben, um bei dieser Spendengala dabei zu sein. Zwischen den Palmen und Blumenstauden wäre Platz für tausend Menschen. Aber es sind nur dreihundert gekommen. Aids bringt eben viele Leute dazu, sich abzuwenden.

Es gibt eine Jury. Die wählt nicht das schönste Kleid aus oder die verführerischste Frau, sondern die beste Geschichte. Wir sollen erzählen, wie wir es geschafft haben, uns dem Stigma der Krankheit entgegenzustellen. Wie wir aus der Todesangst Hoffnung geboren haben. Wie wir uns dafür entschieden haben, weiterzuleben. Wie wir uns gegenseitig mutig machen.

Das ganze heißt „Wettbewerb für Positive Leadership“. Ich weiß nicht. Eigentlich sollte ich die Idee gut finden. Ich war ja auch mutig genug, mich anzumelden. Aber jetzt sehe ich in die vielen fremden Augen, die mich vielleicht am nächsten Tag wiedererkennen werden. Und dann nicht mehr lächeln. Vielleicht macht auch jemand ein Photo und zeigt es den Leuten in dem Dorf, aus dem ich komme. Mir ist das auch einfach peinlich. Hier vor diesen schönen und wohlhabenden Leuten mein Elend auszubreiten.

Jetzt bin ich dran. Mein Name wird aufgerufen und die Organisation, die ich gegründet habe: Embrace Life. Wir helfen Frauen mit Aids, die Kinder haben. Jetzt werde ich erzählen müssen, wie es dazu gekommen ist. Meistens geht es. Ich habe inzwischen auch Übung im Vortragen. Bringe nicht mehr alles durcheinander oder vergesse, was in meiner Geschichte als nächstes passiert. Den Satz „Mein Mann starb an Aids, ohne dass ich seine Todesursache kannte“ kann ich inzwischen ganz flüssig über die Lippen bringen. Und das Bekenntnis „Ich habe Aids“ spreche ich mir sowieso mehrmals am Tage vor, schon allein, um mich zu vergewissern, dass ich nicht in einem bösen Traum lebe.

Als mein Mann anfing, anderen Frauen nachzulaufen, hatten wir schon zwei Kinder. Dann habe ich noch zwei geboren. Von ihnen zu erzählen, dass schaffe ich meistens nicht. Ich bekomme einfach keine Luft mehr. Mein Brustbein wird zu einem Keil, der sich in meine Lunge drückt. Vielleicht bekomme ich es ja heute hin. Die Leute erwarten schließlich, dass wir die ganze Geschichte erzählen.


Kommentar von Metta Maiwald

Hallo Mara, die Aids-Problematik hätte mich schon auf Afrika tippen lassen, auch dass die jungen Mädchen Schüsseln und Stoffballen auf dem Kopf tragen. Oh ja, die Regenzeit, na, das ist eigentlich eindeutig. Die Palmen und Blumen könntest Du noch genauer benennen. Du könntest das Haus (es kam mir für meine Vorstellungen von Afrika recht geräumig vor) und die Kleidung vielleicht noch etwas detaillierter beschreiben, irgendwo dunkle Hautfarbe oder schwarze Locken erwähnen, eventuell auch typische Früchte oder Tiere... Dir fällt sicher noch etwas ein... Welcher Staat wo Kolonialmacht war, weiß ich ehrlich gesagt nicht immer so genau. Das Porridge lenkte meine Vermutung in Richtung British Commonwealth. In der Erwähnung der Kanadischen Botschaft vermutete ich einen exakten Hinweis auf das beschriebene Land, den ich aber mangels Wissen nicht deuten konnte. Anscheinend hast Du es ja doch allgemeiner fassen wollen. LG Metta

Eingetragen am: 20.04.2008

Kommentar von Mara Vaal

Danke für die ermutigenden Kommentare. Die Geschichte spielt in einem Land in Westafrika. Ich wollte den regionalen Bezug nicht explizit machen, da mich interessiert hat, ob es mir auch durch die Beschreibung von Lebensmitteln, Klima etc. gelingt, diesen Bezug deutlich zu machen. Anscheinend ist das nur zum Teil der Fall....

Eingetragen am: 18.04.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Eigentlich suche ich in den alten Kapiteln gerade nochmal nach einem bestimmten anderen Text, und bin dabei über diesen gestolpert, der leider noch unkommentiert ist. Also: Ich finde es ganz toll, wie Du die Spannung aufbaust, Fragen aufwirfst und langsam die Lösung in den Text einfließen lässt. Ich weiß aber leider trotzdem nicht genau, um welches Land es sich denn handelt, in dem die Protagonistin die kanadische Botschaft aufsucht.

Eingetragen am: 15.04.2008

Kommentar von bonny

Toller Text

Eingetragen am: 15.04.2008

Eingetragen am: 09.04.2008 von Hedwig
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Ich heiße May Li. Nein. Nein, nicht My Lay, das ist mein Heimatdorf, das Dorf von dem Massaker. Ja, sehr traurig, aber es ist schon lange her. Zu der Zeit hatte es noch Tiger gegeben im Urwald rund um die Dörfer, und auch Elefanten. Heutzutage gibt es vielleicht gerade noch 60 Stück. Am Parfüm-Fluss. Als Arbeitselefanten. Ich wurde im Jahr des Massakers geboren. Meine Mutter war zu Verwandten in die Berge gegangen, weil die Amerikaner näher rückten und mein Vater Soldat war. So kamen wir mit dem Leben davon. Meine Mutter ist dann mit mir ins Mekong Delta gezogen. Hier gab es Arbeit. Zu Hause im Dorf waren alle Menschen getötet und alles war zerstört, alles, sogar die Bäume, die Felder. Die Erde voller Gift. Man konnte lange keinen Reis mehr anbauen und die Wälder sind noch immer kaputt. Man spricht nicht gern darüber.
Sie wollen mich fotografieren? Das ist ja komisch. Ich trage wie Sie eine Jeansjacke. Gerade deshalb? Ach ja, der Kegelhut und die Jeansjacke! Das kommt Ihnen so komisch vor? Wir wollen ja auch bequem leben. Hier am Fischmarkt hat man immer mit der Feuchtigkeit von Fischen und anderen Meerestieren zu tun, mit nassen, übel riechenden Eimern oder Körben und sonstigen Behältern. Ich kann mir, den Göttern sei Dank, eine feste Hose und Gummistiefel leisten, sonst käme ich zur Regenzeit ganz schön ins Schwimmen mit den Gummisandalen. Und sehen Sie, diese wunderbaren bunten Plastikkörbe, so eine fantastische Erfindung! Es ist nur die halbe Arbeit, diese zu putzen.
Ein Nieselregenparadies ist Vietnam, hat neulich ein Tourist zu mir gesagt. Aber die meisten kommen zur falschen Zeit, trockene Flecken gibt es hier nur selten, da muss man schon Bescheid wissen. Wenn es nicht gerade regnet, dann dampfen die Reisfelder in der Sonne. Mein Mann? Der fährt Rikschataxi. Er verdient gut. Wir sind zufrieden. Mein Sohn arbeitet als Fahrradtaxifahrer. Seit neuestem muss er einen Helm tragen und seinen Fahrgästen, die bei ihm aufsitzen, auch einen Helm geben. Hat zwar Geld gekostet, das er sich erst verdienen muss, aber es ist schon richtig so. Wenn Sie sich den Verkehr anschaun, es ist ja wahnsinnig gefährlich. Zum Glück ist er sehr geschickt und schlängelt sich auch in der rush hour durch. Das gelingt nicht jedem, der in Ho Chi Min Stadt Taxi fährt. Wie wir wohnen? Nein, das ist nicht zu persönlich. Da drüben an einem Altwasserkanal, da haben wir ein kleines Hausboot. Ist nicht viel drin. Der Herd, die Matratze für alle, die ich in der Früh zusammenrolle, und der Ahnenaltar; da hab ich immer eine kleine rote Lampe brennen. Abends stelle ich einen Teller Reis und Gemüse, was wir eben essen, für die Ahnen hin. Das bringt Glück und Segen.
Wenn Sie mich fragen, sollten Sie sich die Nationalparks ansehn. Da wird zur Zeit viel Geld hineingepumpt, sagt mein Sohn. Der glaubt an den Ökotourismus. Wenn er genug verdient hat, will er in die Berge zu den Montagnards gehen, wo sie noch mit dem Wasserbüffel die kleinen Reisterrassen pflügen. So ein Romantiker. Aber er ist noch jung und will beim Landschaftsschutz arbeiten. Mir soll es recht sein, wenn die Touristen kommen und sich vietnamesische Frösche, Plumploris, Languren und was es sonst noch alles gibt, anschaun wollen. Aber verrückt ist es schon, wenn man bedenkt, dass jeden Tag hunderte von Menschen von dort an den Roten Fluss kommen, weil sie nicht überleben können. Hier an den Stränden hat man große Hotels hochgezogen. Da brauchen sie Leute für die Müllabfuhr und alles andere.
Sie nehmen diese drei Fische? Ja, gerne. Ich packe sie Ihnen in die Zeitung und steck sie in ein Plastiksäckchen, damit der Geruch sie nicht belästigt. Macht 120 Đōng. Danke. – Ich wünsche Ihnen noch einen glücklichen Tag.


Kommentar von Metta Maiwald

Stöbere zufällig noch mal in den alten Kapiteln - Dein Text ist sehr lebendig und anschaulich geschrieben. Prima! Im lockeren Plauderton erfahren wir viel über May Lis Lebensweise und die Geschichte ihres Landes.

Eingetragen am: 13.05.2008

Kommentar von b.martin

Ein ungewöhnlicher Anfang, der eigentlich das traurigste Kapitel des Vietnam-Krieges als Thema erwarten läßt. Es ist aber Jahrzehnte später und das Leben von May Li wird so überzeugend und glaubwürdig geschildert, dass man sich trotz des weit entfernten Landes gut in May Li hineinfühlen kann. Es ist ein Frauenleben, wie es in allen Zeiten und in allen Ländern denkbar ist. Darin liegt für mich die Besonderheit des Textes. Auch die Form des Gespräches mit einem Kunden - vermutlich einem Touristen - ist reizvoll, ebenso die vielen Details (damit der Geruch sie nicht belästigt../..mein Sohn glaubt an den Ökotourismus .. so ein Romantiker..). Ein interessanter, schöner Text.

Eingetragen am: 15.04.2008

Kommentar von uschi

Deine Geschichte von May Li vermittelt interessante Informationen aus mehreren Bereichen, Schwerpunkt aber ist der Alltag von May Li und ihrer Familie. Manchmal reicht ein kleiner Nebensatz wie "den Göttern sei Dank" um bereits eine kleine Einfärbung bezüglich Glaube und Kultur vorzugeben, die im konkreten Fall in der Beschreibung des Hausbootes noch deutlicher wird. Auch die Andeutung der Anwesenheit einer Person, die durch ihre Fragen scheinbar den Verlauf der Erzählung lenkt, finde ich sehr geschickt. Eine runde Sache!

Eingetragen am: 13.04.2008

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