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Kapitel 13 mit Übungsaufgabe
Leserbeiträge
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Erstes Damenradfahren.
1890 in Berlin. Meine Freundin Clara Beyer und ich, Amelie Rother, sind zwei aufgeschlossene junge Frauen, die unbedingt das Radfahren lernen wollen. Weil die prüde wilhelminische Gesellschaft jedoch das Damenradfahren als eklatanten Verstoß gegen die Sittlichkeit bezeichnet und entsprechende Hetzkampagnen betreibt, lassen wir zunächst unsere Dreiräder nach außerhalb bringen und üben das Radfahren auf stillen Waldchausseen.
So auch an diesem frühlingshaften Sonntagmorgen. Diesmal haben wir uns praktischer angezogen. Jede hat ein etwas kürzeres Kleid ausgewählt mit weniger Unterröcken und dazu lange schwarze Strümpfe, falls der Wind die Röcke hochfliegen lassen sollte. Auch das Korsett haben wir zu Hause gelassen. Es beengt nur unnötig.
Schon das Aufsteigen fällt mir diesmal leichter. Das Kleid hängt nicht mehr über den Pedalen und so kann ich mit langsamen Tretbewegungen das schwerfällige Dreirad in Schwung bringen. Auch Clara klettert schneller auf ihren Sitz und beginnt mit kräftigen Tritten die Fahrt. Zum Glück ist die Chaussee breit und eben. So können wir gemütlich nebeneinander radeln. Wir sehen uns an und lachen befreit.
„Juhuhu! Wir fahren wieder allein ohne fremde Hilfe, Clara! Ich fass es nicht! Was für ein herrliches Gefühl! Meine Lungen haben noch nie so viel Luft bekommen. Kein Großstadtgestank mehr. Nur grünes Laub, Sonnenschein und blauer Himmel.“
„Hörst du die Vögel in den Bäumen zwitschern, Amelie? Sie unterhalten sich bestimmt über uns und unsere komischen dreirädrigen Stahlrösser? Pass auf, davorn kommen Spaziergänger! Wie entsetzt die gucken. Lass uns schnell vorbei fahren.“
Und richtig, da hören wir sie auch schon.
„Ottilie, schau dir die verrückten Weiber an. Hast du so etwas schon mal gesehen?“ ruft der alte Mann und dreht sich immer wieder nach den beiden Radlerinnen um.
„Schau nach vorn, Egon. Du willst nur unter ihre fliegenden Röcke sehen. Ich kenn dich doch. Die jungen Damen benehmen sich höchst unschicklich. Ich sage nur, pfui!“
Nur weg von diesen verknöcherten Gestalten mit ihren Vorurteilen. Wir treten noch kräftiger in die Pedale. Der Wind hilft uns, schneller voran zu kommen.
„Oh, Amelie, wie gut das tut!“
„Ja, das ist die beste Erfindung, die es seit Jahren gibt. Glaub mir, wenn erstmal die anderen Frauen das Radfahren für sich entdeckt haben, werden sie nicht mehr missen wollen, frei und unabhängig vom Mann oder von einer Gouvernante zu sein. Übrigens habe ich gehört, dass es schon Frauen gibt, die in Beinkleidern auf einem Niederrad fahren.“
„Wie aufregend. Das müssen wir demnächst auch mal versuchen.“
„Ja, unbedingt, Clara. Aber erst einmal fahren wir am Sonntagmorgen mit dem Dreirad durch die Straßen von Berlin.“
„Das klingt verrückt, aber ich bin dabei, Amelie.“
Herrlich! Ich mag die Stimmung und die Bilder, die deine Geschichte bei mir hervorruft. Weiter so!!! Lieben Gruß von Sylvia
Ich bin mit meinem Kommentar spät dran, doch ich war in Berlin! Deine Geschichte ist wie diese Stadt- lebendig, fröhlich und mitreissend- Gratuliere! L.G. Gerhild Bauer
Danke für Eure freundlichen Kommentare. Wie ich auf diese Geschichte gekommen bin? Ich habe über Erfindungen im Lexikon nachgelesen, dabei ist mir das Fahrrad aufgefallen. Beim Googlen habe ich „Amelie Rother und ihre Freundin Clara“ entdeckt. Die Internet-Seiten haben mir jedoch nicht genug Informationen über die Geschichte des Fahrrades gegeben. In der Bibliothek gab es fünf Bücher zu dem Thema, u.a. fand ich auch Fotos von Amelie Rother. So konnte ich mir die mutige Frau besser vorstellen. Ich war überrascht, wie viel Hohn und Spott die Frauen damals für ein bisschen mehr Freiheit ertragen mussten. Die beiden letzten Übungen haben mich sehr intensiv beschäftigt und neugierig gemacht, auf das, was noch kommen wird. Euch geht es sicher ähnlich, denn ihr habt auch interessante Themen ausgewählt und dazu hervorragende Texte geschrieben. Liebe Grüße, Ekirluh.
Hallo Ekirluh, die Geschichte zu lesen, hat Spaß gemacht. Gibt es mehr davon? Bei der Einleitung würde ich mir allerdings die wertenden Adjektive schenken und die Bewertung dem Leser überlassen. Viele Grüße Carola
Der frische Wind weht nicht nur unter die Röcke : ). Sehr gut umgesetzt, da nicht viel erklärt wird, sondern im Belauschen und Beobachten der beiden Frauen ein Zeitbild "gelüftet" wird.
Kaum zu glauben, dass das mal so war... Umso wichtiger, dass man sich daran erinnert. Dein Text ist frisch und macht gute Laune. Liebe Grüße von Kerstin
Du hast ein ungewöhnliches, jedoch sehr interessantes Thema (wie kommt man auf so etwas?) gewählt. Der jugendliche Elan und die Freude der beiden Mädels/Frauen ist deutlich zu spüren. Ein Geschichte mit Tempo.
Liebe Ekirluh, ein origineller Beitrag zum Damenradfahren und einem Stück (Frauen-)geschichte. Solltest Du die Geschichte zum Roman ausbauen wollen, bieten sich dramatische Rettungsaktionen auf abschüssigen Straßen, etc. an. Aber ich will Dir natürlich nicht vorgreifen, vielleicht schreibst Du ja irgendwann weiter... Grüße Kalinka
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8206
Helga hielt sich die Ohren zu. Ihr kleines Herz pochte laut und schnell. Mutter hatte einen Arm um sie gelegt. Sie zitterte. helga konnte es deutlich spüren.
Der kleine Bunker war dunkel und feucht. Alle saßen eng aneinander. Herr und Frau Schneider hockten gegenüber, ein älteres Ehepaar, daß mit in dem Haus von Helgas Familie wohnte.
Wieder wurden sie durch Sirenengeheul aus den Schlaf gerissen. Die kleine Helga weinte immer. Ihre Mutter schnappte rasch das Kind, zog ihr eine Jacke über das Nachthemd und sie liefen dann eilig die alte hölzerne Treppe hinunter vor das Haus. Schneiders warteten auf die Beiden. Der naheliegende Garten in dem sich der Bunker befand war nur wenige Meter entfernt. herr Schneider öffnete die große Klappe. Alle stiegen dann vorsichtig hinein. Er war der Letzte, der die Öffnung wieder verriegelte.
Helga spürte deutlich, daß die Erwachsenen auch Angst hatten. Sie wollten es dem Kind aber nicht zeigen.
Man hörte die Tiefflieger. Es war ein entsetzlicher Lärm.
"Ist Siegfried auch im Bunker?,fragte Helga zitternd.
"Ja", hauchte ihre Mutter und drückte ihre Tochter noch fester an sich.
Siegfried war Helgas bester Freund, mit dem sie spielte und die Schulbank teilte. Er fand diesen Krieg auch so schrecklich. Sein Vater war gefallen. Er lebte mit seiner Mutter auf den großen Bauernhof allein.
Die Zeit verging und die unerträgliche Situation beruhigte sich. Es war noch dunkel, als sie den Bunker verließen.
Wieder durfte Helga bei ihrer Mutter schlafen. Das Bett war groß und weich. Vater war in Frankreich in Gefangenschaft. Helga konnte sich kaum noch an sein Lachen erinnern.
Das Gackern der Hühner weckte Helga, sie konnte es durch das geöffnete Fenster deutlich hören. Mutter war schon lange aufgestanden. Die Sonne, die der Kleinen ins Gesicht blinzelte, ließ aber die unruhige Nacht nicht vergessen. Hastig schob sie das dicke Federbett zur Seite und rannte in die Küche.
Mutter stand am Herd und legte Holz nach um die Kochstelle zu erhitzen.
Helga setzte sich auf einen wackligen Küchenstuhl, er war alt und noch einige Farbreste verrieten, daß er früher einen weißen Anstrich hatte.
Mutter wirkte anders. Sonst versuchte sie ihre Tochter aufzumuntern, nach so einer hektischen Nacht.
Sie beschäftigte sich lange an der Kochstelle und wagte nicht Helga an zuschauen.
Die Kleine wurde ungeduldig.
"Mutti ist schon Wasser warm? Ich muß mich doch waschen."
Die Mutter rückte den dunkelblauen Pfeifkessel zur Seite. Sie packte ihre Hand fest an den Griff, als wollte sie sich daran stützen.
Sie drehte sich um, sah ihre Tochter an, nahm einen Schürzenzipfel und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
"Mutti was ist?"
Die Mutter sah Helga an. Ihr Gesicht war blas. Die Kleine spürte das etwas nicht in Ordnung war.
Beide starrten sich an.
"Siegfried", hauchte die Mutter.
Helga erschrak. Sie sprang vom Stuhl hoch, daß er fast kippte.
Beide liefen aufeinander zu.
Helga klammerte sich fest an die Hüften der Mutter.
"S i e g f r i e d!"
"Man hat ihn erschossen, aus einem Flugzeug heraus, als er zum Bunker lief".
"S i e g f r i e d!"
"Ja, auch er ist ein Opfer unserer Zeit."
Es ist wirklich verwirrend, ob sie im Bunker waren oder nicht. Ich las Deine Geschichte trotzdem gerne. Die Geschichte ist traurig und endet kalt, deshalb finde ich persönlich den letzten Satz auch nicht kalt. Mach einfach weiter Benita, ich mache es auch so :)
Hallo M.P, ja, Siegfried wollte in einen anderen Bunker. Ich hätte es besser formulieren sollen, denn die Bunker waren wirklich nur so groß wie Wohnklos. Der letzte Satz mag zwar kalt klingen, doch der Krieg war kalt.L.G Benita
Hallo Benita, du erzählst eine traurige und dramatische Geschichte, die ich alles in allem gern gelesen habe. Allerdings geraten Dir am Anfang die Rechtschreibung und die Zeiten etwas durcheinander. Mich zumindest hat irritiert, dass Helga und ihre Mutter aus dem Schlaf gerissen wurden, nachdem sie sich zuvor schon im Bunker befunden hatten. Was mir nicht so gefiel, war der letzte Satz. Wut darüber, dass auf Kinder geschossen wird, hätte ich verstanden. Mitleid mit der Tochter oder der Nachbarin, die erst ihren Mann und dann das (einzige?) Kind verliert, wäre normal. Aber wer äußert in einer emotional aufgeladenen Situation eine derartige Platitüde? Viele Grüße Carola (7702)
Ich finde Die Situation mit Siegfried etwas verwirrend. War er nun im Bunker oder nicht? Und wenn ja, wie groß war dieser Bunker dann? So weit ich weiß, waren die schnell errichteten Erdlöcher nicht größer als ein Wohnklo. Wenn man Glück hatte, waren die Wände noch betoniert. So groß, daß man sich aus den Augen verlieren konnte, waren sie nicht. Also stellt sich mir die Frage, wo ist Siegfried? Und warum ruft Helga ihren Freund nicht, um sich zusammen mit ihm zu fürchten? Oder war Siegfried in einem anderen Haus, und damit in einem anderen Bunker? Wenn ja, kommt es nicht eindeutig rüber, so entstehen Fragen. Der letzte Satz wirkt zu kalt.
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8198
Horik war ein Idiot. Auch wenn die Christenmenschen ihn als Helden, als Märtyrer verehren werden, in Wahrheit ist er ein Narr gewesen, ein Verräter an unseren Sitten und den Göttern.
Was haben sie uns letztendlich gebracht, unsere Viking-Fahrten? Abenteuer in der Ferne, Ruhm, Reichtum, neues Land? Manche Beutezüge fielen so bescheiden aus, dass sie für zahlreiche Seefahrer ein einmaliges Abenteuer in jungen Jahren blieben. Danach ließen sie sich in ihren Dörfern nieder, bestellten ihre Felder, bestiegen ihre Weiber und spendeten an den Feiertagen den Göttern und Nornen Dank für ihr Schicksal.
Für andere wurde der Strandraub zum einzigen Lebensinhalt. Rohe, blutrünstige Kerle. Die konnten wir auch hier nicht mehr gebrauchen und verbannten sie der Heimat.
Wir warteten auf die Seefahrer, die mit Schätzen reich beladen und mit Nachricht über fruchtbares Land heimkehrten. Viele waren es nicht, und oft mussten wir uns jahrelang in Geduld üben. Doch was sie uns dann anschleppten, waren eigenartige Ideen und miesepetrige Wichte in schwarzen Kutten. Arrogante Fremdlinge, die die Größe und Herrlichkeit ihres Gottes priesen, und behaupteten, dass er allein allmächtig sei. Wir fühlten uns um unseren Anteil an der Kriegsbeute geprellt. Wir erwarteten reiche Schätze, schöne Mädchen und die Aussicht auf angenehmere Lebensumstände. Stattdessen schlichen nach und nach immer mehr Gestalten mit gesenkten Häuptern und sauertöpfischer Mine umher und befanden, dass unsere Sitten und Gebräuche sündig seien, unsere Götter nichts weiter als Götze, Auswürfe der Hölle, gräuliche Wesen, die nur Schrecken und Verwüstung über die Welt gebracht hätten. Daher seien sie da, um unsere Seelen zu erretten. Sie brächten uns die Erleuchtung, das Ewige Leben, Gottes Liebe und seinen Sohn, der bereit wäre, Brot und Wein mit uns zu teilen - unser Brot und unseren Wein, versteht sich.
Allerdings würden ihnen alsbald fremde Schiffe folgen, und das Christenvolk wäre bereit, den Handel mit uns aufzunehmen, wenn wir uns nur taufen ließen. Eine Kanne Wasser über den Kopf gießen, Thors Hammer am Halsband gegen ein Kreuz austauschen und schon würde nach und nach Wohlstand und Reichtum unser Land überfluten. Das klang fürwahr verlockend in manchen Ohren, und ein Gott mehr oder weniger, den wir verehren... In dieser Hinsicht sind wir nicht kleinlich.
Kleinlich aber gebärdete sich das Christenvolk, was die Annahme unserer Götter neben ihrem Allmächtigen anbetraf. Sie fürchteten unsere Rituale, das magische Wissen der Schamanen und die Kunst des Orakels. Mit klingelnden Versprechungen setzten sie alles daran, unseren Anführer ganz für ihre Idee zu gewinnen.
Und Horik, den wir seit geraumer Zeit Horik den Kriecher nannten, schlug sich auf ihre Seite.
Er ließ eine Kirche bauen, in die er fortan täglich drei Mal lief, um sich die Knie wund zu scheuern und den endlosen monotonen Chorälen der Mönche zu lauschen.
Der Grund wurde uns zu Beltane offenbart. In der Nacht zu Ehren der Göttin Frigg, brennt eine blaue Flamme über verborgenen Schätzen. Und wirklich überrascht waren wir nicht, das Ewige Licht in Horiks Kirche in blauem Schein vorzufinden.
So sah die Wahrheit also aus. Schlussendlich würde wohl das Christenvolk über uns Normannen siegen. Sie kamen nicht mit roher Gewalt und der Streitaxt in unser Land, sondern mit dem Kreuz und süßen Versprechungen, die in Wahrheit aber nur ein paar Landesfürsten und Könige, am meisten aber ihre Kirche reich gemacht hatte. Das gewöhnliche Volk litt immer noch Not und rang seinem mageren Boden ein paar milde Gaben ab. Die wahren Schätze aber lagen unter den Kirchenhäusern vergraben.
Und in einer dieser Kirchen hockte Horik auf seinem Schatz, den er nicht mit uns teilen wollte.
Wir ließen die Hexen die Götter anrufen. Der Schamane warf die Runenstäbe. Er sah Thor wütend seinen Hammer auf die Kirche schleudern. Zwei Raben flogen quer über das Kirchendach. Horiks Schicksal war besiegelt.
Ich fand die Geschichte sehr amüsant und habe sie gerne gelesen. In dieser Zeit waren noch viele andere "Helden" Idioten! Genial geschrieben! Liebe Grüsse Tinkerbell
Bin mit dieser Geschichte nicht so recht warm geworden. Zum einen liegt das daran, dass ich bei Wikingern immer an schlechte B-Filme denke, zum anderen weil ich einige Zusammenhänge nicht verstanden habe. Welche Stellung hatte Horik innerhalb der Gemeinschaft? "Er ließ eine Kirche bauen ..." Das spricht dafür, dass er weisungsbefugt war, denn er ließ bauen und legte nicht selber Hand an. Auch scheint er begütert zu sein, denn Material und Arbeiter wollen bezahlt sein. Andererseits scheint er ein Niemand zu sein, denn der Erzähler spricht sehr verächtlich von ihm./Beide, Horik und der Erzähler, erkennen jedoch die Notwendigkeit eines Wandels, denn Beutezüge bringen schon lange keinen Wohlstand mehr ins Land und das Volk scheint am Existenzminimum zu leben. Dass sich Horik auf die Seite der Kuttenträger schlägt und deren Versprechungen glaubt, ist nachvollziehbar. Nicht jedoch der Hass, den der Erzähler auf Horik hat. Hier scheinen noch andere Grabenkämpfe aus der Vergangenheit zu schwelen./Als Auszug aus einem Roman wäre der Text für mich okay, als abgeschlossene Kurzgeschichte bleiben mir zu viele Fragen offen.
Hallo ju bli, schöne, humorvolle Geschichte. Nichts wesentlich Neues und teilweise etwas klischeehaft, aber dafür amüsant. Mir hat es jedenfalls gefallen, auch wenn Beltane ein keltisches Fest ist und damit mit Frigg genauso wenig zu tun hat, wie mit Normannen/Warägern/Vikingern/Rus. Viele Grüße Carola (7702)
Finde ich ehrlich gesagt nicht so gut wie deine anderen Texte. Die Idee ist gut, aus Sicht der "Missionierten" zu schreiben, und die Aufgabe ist auch erfüllt. Aber über den Erzähler erfahren wir gar nichts, und natürlich fehlt "show, don't tell" - da du das kannst, wie deine letzten Beiträge zeigen, hast du vielleicht Gründe gehabt, es so zu lösen? Hab's trotzdem gern gelesen und bin gespannt, was noch von dir kommt. LG Velarani
Mir hat hier der verärgerte oder auch ironische Ton der Erzählerstimme Spass gemacht. Angenehm knapper Stil. LG Lillilu
Ausgezeichnet! Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Numungo (7529, 8227).
Ein Stimmungsbild voller Trübsal, ohne Überraschungen. Nacheinander werden die Dinge aufgezählt, wie sie halt so daherkommen im Gänsemarsch. Ein betender Horik reißt auch keinen vom Hocker. Schon längst weiß der Leser, wie es weitergehen wird und möchte höchstens noch erfahren, was für Änderungen der Schatz unter dem blauen Licht herbeiführen könnte.
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8181
Zurück am Bach setzten sie sich ins Gras und stillten erst einmal Hunger und Durst. Danach schoben sie gemeinsam das Boot ins Wasser und begannen zu rudern. Bald schon wurde Felix müde und zog das Paddel ins Boot.
„Hehe, nicht einschlafen, soll ich etwa den ganzen Weg alleine zurückrudern?“ empörte sich Andreas. Als keine Antwort kam, beugte er sich vor und sah, dass sein kleiner Cousin im Sitzen eingeschlafen war. „Na, das wird ja immer besser“, murmelte er und begann, in seinen eigenen Rhythmus zu rudern.
Irgendwann fiel Felix zur Seite und Andreas schob ihm seine Jacke unter den Kopf, damit er nicht zu hart läge.
Ein Traum
Er wachte aus tiefem Schlaf auf und rieb sich verwirrt die Augen. Über sich sah er eine grüne Baumkrone, durch die die warme Mittagssonne schien. Trotz der Hitze fröstelte er. Als er sich aufrichtete bemerkte er, dass er vollkommen nass war. Zu seinen Füßen floss der unschuldige Bach, dem er eben entronnen war. An der nächsten Biegung konnte er noch das Boot erkennen, das sich dort verhakt hatte. Langsam dämmerte es in seinem müden Kopf, er musste wohl bei dem Versuch, seinen Hund zu retten, ins Wasser gefallen sein. Aber wo war der dumme Kerl, der sich so kühn beim Verbellen der Dorfkinder über den Bootsrand gebeugt hatte, dabei ins Wasser gestürzt war und so ihn dazu bewogen hatte, diesen missglückten Rettungsversuch zu unternehmen. „Wolf!!!“ schrie er laut – aus der Nähe tönte ein leises Winseln und zu seinem Erstaunen bemerkte den Übertäter dicht neben sich im Gras. Auch er war nass, aber sonst schien ihm nichts zu fehlen. Als er bemerkte, dass der Junge wach war, wedelte er mit dem Schwanz und wollte sofort loslaufen. Aber sein Herr benötigte noch eine Weile, um seine Gedanken zu sortieren, dann war auch er bereit aufzustehen und den Pfad am Bach entlang zu gehen.
Das Boot konnte er von diesem Ufer aus nicht erreichen, deshalb wandte er sich vom Bach weg in den Wald hinein, der hier schnell licht wurde.
Der Hund folgte ihm auf den Fuß, als er plötzlich ein Knacken vernahm.
Wolf blieb stehen und knurrte leise, während sich seine Nackenhaare zu einem Kamm aufstellten. Der Junge schlüpfte am Wegrand in die Büsche und kauerte sich nieder. Gerade noch rechtzeitig, wie er feststellte, denn im gleichen Moment kamen Hagen und Suitbert den Weg hinunter. „Hast du gesehen, wie Norbert ins Wasser geflogen ist?“ fragte Hagen gerade. Suitbert lachte hämisch, „Ja, hoffentlich hat er sich ordentlich den Kopf gestoßen und Wasser geschluckt; das würde ihm recht geschehen, dem Angeber!“ „Komm, wir schauen nach, ob er noch im Bach liegt und ob wir ihn vielleicht retten müssen, dann ist er uns sicher noch dankbar!“ freute sich Hagen. Sie verschwanden um die nächste Wegbiegung, während Norbert eine Weile wartete, bis sie außer Sicht- und Hörweite waren. Dann rannte er weiter in Richtung Dorf, während er vor Wut kochte.
Der Grund für den Streit mit den anderen Jungen aus dem Dorf war genauso nichtig wie unlösbar.
Am Tag zuvor hatten die Dorfkinder mit den Kindern aus dem Nachbardorf einen Wettstreit ausgetragen. Es ging darum, wer am Geschicktesten mit Pfeil und Bogen umgehen konnte. Da Norbert schon lange heimlich geübt hatte, brannte er darauf, sein Können unter Beweis zu stellen.
Wären da nicht die überheblichen Jungen aus dem eigenen Dorf gewesen, die weder Norbert noch einem anderen aus dem Dorf den Sieg gönnten.
So endete der Wettkampf in einer üblen Keilerei, bei der es etliche blaue Augen und blutige Nasen gab und sich zu guter Letzt noch die Erwachsenen in die Haare gerieten. Norberts Vater als Dorfältester hatte dem energisch ein Ende bereitet, indem er allen jugendlichen Kampfhähnen eine waffenlose Zeit auferlegte. So hatte Norbert zum Schluss alle gegen sich und fand es besser, ihnen eine Zeitlang aus dem Weg zu gehen.
Doch heute hatten sie ihm am Bach aufgelauert, Schimpfwörter und Drohgebärden in seine Richtung geschickt, so dass sein Hund begann, die Dorfjungen zu verbellen. Dabei war er über Bord gefallen und Norbert war beim Versuch, ihm zu helfen, ebenfalls ins Wasser gestürzt.
Im Dorf lief Norbert zum größten Haus am Platz, in dem er mit seinen Eltern und den 3 kleinen Schwestern wohnte. Die saßen gerade im Hof und spielten mit ihren Stoffpuppen in einer Ecke, wo sie sich aus Decken ein Zelt gebaut hatten. Als sie ihn sahen, begannen sie laut zu lachen und zu rufen. „Seht mal, da kommt ein Wassergeist!“ kicherten sie. Norbert brüllte sie wütend an: „Na wartet, wenn der Ritter die Burg einnimmt!“ und raste auf das Zelt zu. Die Mädchen rannten schreiend davon, um ihre Mutter zu holen. Norbert hielt schwer atmend an und bemerkte selber, wie lächerlich er in seiner Wut wirken musste.
Leise schlich er um die Hausecke zur Hintertür. Dort hoffte er, ungesehen ins Haus zu kommen. Im dunklen Flur stieß er jedoch auf Gudula, die Magd, die eben auf dem Weg zum Hühnerstall war, um die tägliche Eierausbeute hereinzuholen. „Hehe, nicht so schnell – wo kommst du denn her und wie siehst du überhaupt aus?“ schimpfte sie und vereitelte so seine heimlichen Versuche, sein Abenteuer ungeschehen zu machen. Prüfend sah sie ihn aus ihren blauen Augen an, lächelte dann und schickte ihn in die Kammer, wo sie ihm aus der Kiste ein trockenes Hemd und eine Hose heraussuchte. Gudula war nur ein paar Jahre älter als er und behandelte ihn oft schon wie einen Großen, deshalb fühlte er sich in ihrer Gegenwart besonders wohl.
„Magst du mit mir zu den Hühnern kommen?“ fragte sie ihn. „Au ja gerne“, antwortete er, froh einen Grund zu haben, nicht mit Mutter und Schwestern reden zu müssen und auch dem Vater noch nicht zu begegnen.
Später beim Abendessen, das die ganze Familie im Wohnraum einnahm, kam der Vater auf den Streit zwischen den Dorfjungen zu sprechen. Norbert versuchte ihn zu überreden, die waffenlose Zeit zu verkürzen, aber da stieß er beim Vater auf taube Ohren. „Ich habe von einem neuerlichen Kampf zwischen euch gehört“, wusste der schon zu berichten. Norbert wurde rot und versuchte dem Blick der fragenden klaren Augen seines Vaters auszuweichen. Dies gelang ihm jedoch nicht, vor seinem Vater konnte man eben nichts verbergen! „Junge, ich will nicht, dass du dich feige vor Auseinandersetzungen drückst, aber trotzdem müsst ihr lernen, wo der Unterschied zwischen spielerischem Wettstreit und Kampf liegt. Wie wollt ihr sonst als Erwachsene einlenken können und mit euren Nachbarn in Frieden leben lernen?“
„Aber ich will ein tapferer Krieger werden, der vor Streit nicht wegläuft und seinem Gegner tapfer entgegentreten kann“, entgegnete Norbert.
„Dafür ist später noch Zeit, wenn du bei einem von mir ausgewählten Ritter als Knappe dienen wirst“, erklärte sein Vater zum wiederholten Male.
Norbert senkte ergeben den Kopf und begnügte sich damit, sein Abendmahl still in sich hineinzuschaufeln.
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8141
Am Tag nach Herberts achtem Geburtstag sagte ihm sein Vater, wer die Arbeit macht, soll auch die Früchte ernten, und das und nichts anderes würde jetzt geschehen. An seiner Art, wie er es sagte, ruhig und bestimmt, merkte der Sohn, wie ernst es ihm damit war. Er fühlte mit seinem kindlichen Verstand die Bedeutung dieser Worte. Begriffen hat er sie erst viele Jahre später.
Paul Eisenfels hat seine Kinder immer sehr ernst genommen. Und doch konnte er sie jetzt noch nicht als wirkliche Gesprächspartner sehen. Er benutzte sie eher als Zuhörer, um seine Gedanken zu ordnen. Aber seine simplen und praktischen Überlegungen prägten sich unauslöschlich in das Gedächtnis von Herbert ein. Sie bestimmten den Weg, den er gegangen ist.
Paul war mit seinem Sohn unterwegs zu einer dieser unzähligen Versammlungen, die wenige Monate nach dem verlorenen Krieg nicht nur in ihrem Dorf abgehalten wurden. Noch sechzig Jahre später wird Herbert ganz deutlich spüren, wie die kräftige Hand des Vaters die seine umschließt. Er hatte seinen neuen Anzug an. In vielen Nächten hatte ihn seine Mutter aus einfachem braungrauen Tuch genäht. Er glich dem seines Vaters. Nur die Hose, mit den sorgfältig gelegten Bügelfalten, reichte lediglich bis zu den Knien. Lange, wärmende Strümpfe wurden mit einem Leibchen gehalten und ersetzten die fehlende Hosenlänge. Die Mutter hatte Herberts dunkle Lockenpracht – ein Erbteil ihrer Familie – mit Kamm und Wasser zu bändigen versucht. Sauber gescheitelt, wie das dunkelblonde Haar des Vaters. Die feurigen dunkelbraunen Augen der mütterlichen Linie hatten seine beiden älteren Schwestern Lene und Elsbeth erhalten. Er hatte die der Eisenfels-Linie: Grau mit ein paar Sprenkel Grün. Da schritten sie nun, Vater und Sohn, Hand in Hand auf der Schlackestraße Richtung Dorfmitte. Mit langausholenden Schritten versuchte Herbert an diesem Oktobertag sich Pauls festem Gang anzupassen.
Seit einem Monat war die Bodenreform in Thüringen beschlossene Sache. Viele Kandidaten auf Bodenreformland gab es in dem Dorf in der Nähe des Kyffhäusergebirges, nicht. Entweder besaßen die Bauern bereits eigenes Land oder sie gehörten der Arbeiterschaft an, die schon vor langer Zeit ihr Brot in der nahe gelegenen Industrie verdiente. Und es gab auch keine Großbauern mit mehr als hundert Hektar Land, die Gefahr liefen, enteignet zu werden. Das Land sollte vom Rittergut des Nachbarortes genommen werden. Die knapp fünf Hektar, die Paul durch Losverfahren zugesprochen bekam, setzten sich aus mehreren Flurstücken zusammen. Sie waren bereits vermessen und abgesteckt. Nun wollten die beiden zum Dorfkrug, um die offizielle Urkunde entgegenzunehmen.
Schon von weitem sahen sie die erleuchteten Fenster und vernahmen aufgeregtes Stimmengewirr. Und noch immer strömte die Dorfbevölkerung aus allen Gassen in die gleiche Richtung. Die kalte Luft, als Vorbotin des kommenden Winters, ließ sie sich in ihre Jacken hüllen.
„Weißt du Vater, es ist beinahe wie Weihnachten.“, sagte Herbert, auf den sich die festliche Stimmung des Vaters übertragen hatte.
„Es ist sogar noch besser, mein Sohn, heute ist Weihnachten und Ostern zusammen.“
„Weihnachten und Ostern zusammen!“, freute sich der Knirps und vollführte einen Hopser.
Als sie an die Türe vom Dorfkrug traten, um sie zu öffnen, waberte ihnen bereits warm und dick der Qualm von Zigaretten und Zigarren entgegen.
„Die Bodenreform muss die Liquidierung des feudal-junkerlichen Großgrundbesitzes gewährleisten, meine Herren“, waren gerade die Worte des hageren Redners, der sich vorne postiert hatte. „Wir müssen und wollen der Herrschaft der Junker und Großgrundbesitzer ein Ende bereiten!“
„Was redest du denn da“, rief Erich Hetzel aus dem Unterdorf unter beifälligem Gelächter „wo siehst du hier einen Junker?“
„Äh – na ja, ich weiß, hier bei euch gibt es keinen. Aber viele von euch haben im Rittergut gearbeitet. Sagt mir, wie oft habt ihr davon geträumt, dass euch, den landlosen und landarmen Bauern das Land gehört, dass ihr bewirtschaftet? Jetzt ist der Tag gekommen.“
„Was geht mich das an? Habe ich etwa Land bekommen? – Nein! Für mich ändert sich nichts!“, rief Karl Ziegenhirt zurück.
„Na, du weißt doch, dass nicht so viele Flächen zur Verfügung standen. Die Kommission musste eben eine Auswahl treffen. Und du hast ja noch deine Arbeit in der Zuckerfabrik.“
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Ob das richtig ist, einfach fremdes Land aufzuteilen?“, warf zögernd Otto Fiedler ein.
„Aber darüber haben wir doch schon so oft diskutiert!“, versuchte der Hagere gegenzusteuern. „Diese Herrschaften waren immer die Bastion der Reaktion und des Faschismus in unserem Lande. Sie waren doch die Hauptquellen der Aggression und der Eroberungskriege gegen andere Völker . . .“
„Mensch, quatsch doch nicht so geschwollen daher! Das kann man ja nicht mit anhören.“, brüllte Karl Ziegenhirt dazwischen.
Irritiert fuhr sich der so Kritisierte mehrmals durch das volle schwarze Haar und sah hilfesuchend seinen Mitstreiter an.
Der übernahm das Wort: „Wodurch haben die denn das Land bekommen? Durch eigene Hände Arbeit etwa? Haben in früheren Jahrhunderten nicht Könige die Ländereien und Wälder sich einfach angeeignet, die bis dahin dem gesamten Volk gehört hatten? Und nahmen sie es nicht, um damit ihr Hofgesinde, ihre Feldherren, Bischöfe und Äbte für ihre Dienste zu bezahlen? Viele Bauern wurden obendrein durch die ständigen Kriege, die geführt wurden, vollends ruiniert. Ständig wechselten Grund und Boden den Besitzer. Und im Laufe der Zeit brachte Habgier durch List, Versprechungen, Drohungen und Gewalt immer mehr Bauern um ihr Land. Wurde dadurch nicht erst Bauernland zu Herrenland?
Und jetzt wird Herrenland wieder zu Bauernland. Und das soll nicht gerecht sein? Und was soll eurer Meinung nach aus den ganzen Flüchtlingen werden, die täglich zu uns kommen? Sie haben ihre Heimat verloren. Unsere Aufgabe ist es, ihnen eine neue zu geben. Wie sonst soll das Leben wieder in geordneten Bahnen verlaufen. Die Felder müssen so schnell wie möglich bestellt werden. Dafür können wir jede Hilfe gebrauchen.“
„Na das wird ja eine schöne Hilfe werden! Ein Teil von denen hat ja noch nie richtig auf einem Feld gearbeitet. Und diese Habenichtse werden jetzt Landbesitzer, das ich nicht lache!“ Und wie, um es zu bekräftigen, verfiel Karl Ziegehirt in sein höhnisches Gelächter. Dabei spannte sich bedrohlich seine Weste um den wackelnden Bauch.
Herbert sah seinen Vater an. Der stand in der Nähe der Tür und paffte bedächtig an einer Zigarre und sagte kein Wort. Hinter dessen gewölkter Stirn konnte man es regelrecht arbeiten sehen. Wie so oft, beobachtete Paul das Geschehen, um sich seine eigenen Gedanken zu machen.
„Vater, was sind Habenichtse?“, rief der Achtjährige zu ihm rüber.
Betretenes und zugleich gespanntes Schweigen. Die Blicke der Umstehenden richteten sich auf Paul. Er war kein Einheimischer, hatte sich aber hier bald nach der Hochzeit mit seiner Frau durch seinen Fleiß Achtung erworben.
Der Mann mit dem kräftig gedrungenen Körper, den nur jahrelange harte Arbeit hervorbringen kann, überlegte einen Moment, ehe er an seinen Sohn gewandt, antwortete: „Habenichtse sind Leute, die, wie die Familie von deinem neuen Freund Helmut nur mit einem beladenen Handwagen wochenlang unterwegs waren. Sie haben alles verloren, sie haben nichts, und suchen nun irgendwo eine neue Bleibe. Habenichtse waren auch deine Großeltern. Sie haben ihr ganzes Leben hart gearbeitet und konnten doch zu keinem Besitz gelangen. Als deine Großmutter gestorben ist, hatte sie nichts weiter an ihre fünf Kinder zu vererben, als eine alte Matratze, eine Tischdecke, eine Kommode, eine schwarzes Tuch und ein Paar braune Schuhe. Das waren ihre Reichtümer. Der Rest taugte kaum als Brennholz.
Aber ob der Habewas wirklich auch klüger ist als der Habenichts, dass wird sich jetzt zeigen, mein Sohn.“
Genau in diesem Moment trat sein ehemaliger Arbeitgeber an ihn heran, um das Wort an ihn zu richten: „Na, Paul, nun haben Sie es geschafft. Nun besitzen Sie ein eigenes Fleckchen Land.!“
Paul wendete den Kopf, um Kurt Biermann, in die Augen zu sehen.
15 Jahre hatte er bei ihm auf 160 Morgen Land gearbeitet. Monti, wie ihn alle im Dorfe nannten, war fachlich ein guter Bauer. Paul, der vorher viele Jahre als Bergmann gearbeitet hatte, hat viel gelernt in dieser Zeit. Aber Monti verstand es auch, aus seinen Arbeiten den größten Vorteil für sich herauszuholen. Dazu stand er ganz offen. Und seine Frau tat es ihm gleich. Im Sommer gab es bei der schweren Arbeit statt Fleisch viel Grießbrei mit Himbeersaft oder eine dürre Suppe, bei der meist mehr Augen hinein- als hinaussahen.
15 Jahre war er bei ihm Knecht gewesen. Montag bis Samstag begann die Arbeit 4.30 Uhr und endete 19.30 Uhr. Sonntag ging es bis mittags, und von 17 bis 18 Uhr mussten noch einmal die Pferde gefüttert werden. Dafür bekam er 6 Mark die Woche und einen dreiviertel Morgen Ackerland, um sich Kartoffeln anbauen zu können. War Zahltag, hätte er oftmals noch um sein Geld betteln müssen. Das tat er nicht. Schickte statt dessen seine älteste Tochter, die damals noch ein Kind war, um an das Gewissen des Bauern zu appellieren.
Kurz bevor er das zweite Mal in einen Krieg ziehen mußte, bekam er 12 Mark die Woche. Aber nur, weil er als ehemaliges Gewerkschaftsmitglied etwas vom Arbeitskampf verstand. Die Industriearbeiter waren oft organisiert, Landarbeiter und Knechte in der Regel auf sich gestellt. Lohnerhöhungen durchzusetzen, war denen fast unmöglich.
Die Arbeit in der Landwirtschaft machte Paul gern. Er liebte die Tiere und die Arbeit auf dem Feld. Wenn die Pferde schnaufend Pflug oder Egge zogen und er ihren Schweiß riechen konnte, wenn die Lerchen ihre Lieder trillerten und er allein auf dem Feld Reihe für Reihe die schwere fruchtbare Erde in der Goldenen Aue umlegte, fühlte er sich frei. Hier konnten seine Gedanken kommen und gehen.
Monti hatte aus ihm, ob er es wollte oder nicht, einen guten Bauern gemacht. Dass der ehemalige Knecht einmal sein eigener Herr werden würde, konnte dieser nicht ahnen. Oftmals hatten die Beiden damals zusammengearbeitet. Monti gab dann die Anweisungen. Für die schwere körperliche Arbeit war sein Wohlstandsbauch zu groß geworden. Die blieb meistens Paul und dem anderen Knecht vorbehalten. In dieser Zeit ergab sich manche Gelegenheit für Diskussionen. Und so standen sie auch jetzt wieder beieinander.
„Nun, Herr Biermann“, wandte er sich höflich an seinen ehemaligen Arbeitgeber, „wissen Sie noch, wie ich ihnen vor vielen Jahren sagte, es wird der Tag kommen, wo sich beweisen wird, wer wirklich der bessere Bauer ist?“
Monti lachte unsicher, lud aber dennoch Paul ein, darauf ein Bier mit ihm zu trinken.
„. . . und somit ist die Bodenreform die wichtigste Voraussetzung der demokratischen Umgestaltung und des wirtschaftlichen Aufstiegs unseres Landes.“, sagte gerade der Offizielle, der gekommen war, um die amtlichen Urkunden den zukünftigen Neubauern zu übergeben. „ Heute werden zwölf Bürger aus euren Reihen die Urkunden erhalten, die ihnen belegen, dass sie das Land schuldenfrei und zum persönlichen Eigentum erhalten. Sie dürfen es vererben, aber nicht verkaufen oder verpachten. Sollte jemand seine Neubauernstelle wieder aufgeben, geht das Land an den Staat. Ich verlese jetzt die Namen und bitte Sie, mir den Erhalt zu quittieren: Karl Weißbach, Fritz Schulze, Paul . . .“
Paul war jetzt 47 Jahre. Für ihn begann mit der Bodenreform ein neues Leben. Er begriff sie als Chance. Viele Jahre würde er mit Monti im Wettbewerb stehen. Immer ein bisschen wie Hase und Igel. Er würde alles daran setzen, um schneller mit der Arbeit fertig zu sein, seine Furchen gerader zu ziehen und seinen Stall besser im Schusse zu haben.
Zu den Versammlungen wird er Herbert weiterhin mitnehmen. Er wird, wie so oft, sich im Hintergrund halten und beobachten. Wenn andere sich noch in tumultartigen Szenen darüber ereifern, weil die Freien Spitzen eingeführt werden sollen, wird er schon überlegen, worin für ihn der Vorteil bestehen könnte. Nach so einer Versammlung wird er zu Herbert sagen: „Du, lass die mal alle quatschen. Wir machen das mit den ´Freien Spitzen´. Wir werden mehr produzieren als vom Soll vorgegeben. Wir bekommen dafür zusätzliche Futtermittel und Kohle und die Städter mehr zu essen. Ehe es die anderen richtig begriffen haben, müssen wir es längst gemacht haben. Wenn es nämlich erst alle machen, dann streichen sie die zusätzliche Futterzuteilung wieder weg. Bis dahin müssen wir unser Schäfchen im Trockenen haben.“
Das war Pauls Lebensphilosophie in der Wirtschaftsführung. Und sie wird aufgehen. War kein zusätzliches Geld mehr zu machen, wird die Sache für ihn den Reiz verlieren. Dann wird er sich etwas anderes einfallen lassen.
Nicht jedem Neubauern wird es gelingen das Land so zu bewirtschaften, damit auch das Ablieferungssoll erfüllt werden konnte. Sie werden trotz vielfältiger Hilfe über kurz oder lang ihre Neubauerstelle wieder aufgeben und sich eine Arbeit in der Industrie suchen. Nicht so Paul. Ihn wird man zum Meisterbauern erklären.
Und Herbert? Er wird den Wunschberuf zum Architekten nicht ergreifen. Stattdessen studiert er Landwirtschaft, wird sie gestalten und ihr treu bleiben, bis er in den Ruhestand geht.
Hallo, liebe Bärbel, Deinen netten Kommentar und das große Lob hatte ich gestern noch nicht gelesen. Vielen Dank. Freu, freu! Ja, mit dem Ende offen lassen, hast Du natürlich recht. Über die 60 Jahre, die vergehen werden, gibt es natürlich noch viele Seiten zu füllen. Aber das wird ja dann nicht mehr hier zu lesen sein. Insofern wirkt der Ausblick nicht nur „hellseherisch“, wie sich Ginko ausdrückte, sondern ist es auch. Ich wollte nur das Ende nicht vollkommen auslassen. Denn selbst die nächsten zehn Jahre zu beschreiben, wäre viel zu viel Text hier gewesen. Ich staune schon immer, dass Ihr Euch durch diese Länge durcharbeitet. Am Bildschirm lesen ist zumindest für mich ziemlich anstrengend. Tja, das gute alte Buch . . .! Hat wohl doch noch nicht ausgedient. Und noch mal zu Kerstins Vorschlag daraus einen Jugendroman zu machen. Hm . . ., interessante Idee. Ob ich das jedoch hinbekommen würde??? Schreibe mal über so ein Thema in Worten, die die Jugendlichen verstehen und vor allem auch lesen wollen. Eine ganz schöne Herausforderung! Vielleicht starte ich mal für mich einen Versuch, ich denke aber, das ist für mich eine Nummer zu groß. L. G. Isabel
Vielen Dank für Eure netten Kommentare. Ich habe mich sehr gefreut. Und, lieber M. P., vielen Dank auch für den herrlichen Hinweis mit Augenzwinkern. Bei mir überschlägt sich gerade meine Phantasie, weil ich regelrecht die bäuerlichen Raufbolde randalieren sehe. Liebe Grüße Isabel
Mir gefällt alles an dem Text: Die Geschichte, die Sprache, der ruhige Ton, der dennoch Spannung erzeugt, die vermittelten Bilder, Erzählperspektive - nur... den Schluss würde ich offen lassen, vielleicht mit der Frage: Oder doch nicht? Oder alles als Frage formulieren, sodass man gespannt sein kann, auf den weiteren Verlauf. Es geht doch hoffentlich weiter! Ich bin begeistert : ) .
Das Thema und die Umsetzung gefallen mir gut. Ich finde, da könnte man viel mehr draus machen, ein Jugendroman vielleicht. Also das Ganze aus der Perspektive eines Jugendlichen? Herzliche Grüße von Kerstin
Sehr interessant. Laut meiner Recherchen haben es in der DDR wirklich nur sehr wenige Neubauern geschafft, sich der Verstaatlichung durch die LPG zu entziehen. (LPG = Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, ähnlich wie VEB = Volkseigener Betrieb, Planwirtschaft eben) Die Diskussion im Landgasthof vermittelt deutlich die Unentschlossenheit der damaligen Bauern. Gut gefällt mir auch die Stimme des Offiziellen. Aber ein wenig brutal waren die Bauern damals schon oder. Auszug aus deinem Text: "Als sie an die Türe vom Dorfkrug traten, um sie zu öffnen, waberte ihnen bereits warm und dick der Qualm von Zigaretten und Zigarren entgegen." Also echt, hatte die Tür keine Klinke, musste sie wirklich eingetreten werden? ;O) Kleiner Scherz am Rande. Sehr schöner Text. LG M.P.
Du vermittelst uns hier einen gut geschriebenen Einblick in die Anfänge des Arbeiter- und Bauernstaates. Ich fand das sehr interessant.
Liebe Isabel Die Idee ist super, die Geschichte mit der ersten Übung zuverknüpfen. Ich hatte das Gefühl, aus einem Roman zu lesen. Alle Details sind da. Du bist sehr gut! Liebe Grüsse, Tinkerbell
Moment mal, da war doch was. Ach ja, die Übungsaufgabe vom ersten Januar, hier konsequent weitergeführt. Also lag da schon der Keim von Vergangenheitsbewältigung. Wenig Recherche nötig, dafür anscheinend echt. Thüringens Äcker waren ja am wenigsten in Junkerhand. In diesem Abriss kann natürlich nicht die ganze DDR-Geschichte mitgeschleift werden, so ist die Wende im Zeitraffer verständlich. Der Ausblick wirkt allerdings sehr hellseherisch.
Sehr anschaulich, interessant und liebevoll geschildert.
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Wo zum Teufel warst du Johanna?“, fragte Ian seine Schwester wütend, obwohl er genau wusste, wo sie gesteckt haben musste.
Während sie hineintrat, machte er die Tür hinter ihr zu. Johanna sagte kein Wort und zog gelassen ihren Umhang aus. Ihr Rock war blutverschmiert, sie sah aus wie ein nasser Hund und stank nach Erbrochenem.
Ian war ausser sich vor Wut und seine Stimme vibrierte, als er zu ihr sprach: „Du rettest Leben, aber keiner wird dein Leben retten können, wenn du auf dem Richtplatz stehst und gefoltert wirst“. „Siehst du denn nicht, in welcher Gefahr du schwebst Johanna“? Schrie er sie an.
Diese Streitereien hatte sie satt, weshalb sie ihn ignorierte und sich mit dem Wasser, das sie am Morgen vom Dorfbrunnen geholt hatte, wusch. Diese Menschen brauchen meine Hilfe, dachte sie. Sollte sie einfach zuschauen, wie die Kranken litten und starben? Wie könnte sie nur? Wie konnte er so etwas von ihr verlangen?
Als Ian sie plötzlich am Arm packte, zuckte sie zusammen und der Wasserkrug kippte. „Verdammt Johanna, hör mir zu und schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ befahl er ihr grob. „Die Dorfbewohner nennen dich „die Hexe“, fuhr Ian weiter. „Man sagt, dass du die Nächste sein wirst, die bei lebendigem Leib verbrennt wird“. „Seit du diesem merkwürdigen Mädchen geholfen hast, sind die Dorfbewohner überzeugt, dass du vom Teufel besessen bist und dich mit ihm abgibst“.
„Lass mich los Ian“, brüllte Johanna und entriss ihm zornig ihren Arm. „Dieser Teufel, der mich angeblich besessen hat, soll mich an dem Tag holen, an dem ich aufhöre, einem Sterbenden zu helfen“. „Und das Ian McGrey, sollst du dir einprägen!“. „Du wirst mich nicht aufhalten können“. „Verstehst du denn nicht?“ „Wenn ich aufhöre diesen Menschen zu helfen, dann bin ich bereits schon tot“. „Ich wäre unglücklich und könnte nicht mehr so weiterleben“. Schrie sie und setzte sich vors Feuer, um sich aufzuwärmen. Ihm war klar, dass er sie nicht aufhalten könnte. Hilflos setzte er sich zu ihr und nahm sie in den Arm und sagte mit einer ruhigen Stimme: „Du bist alles, was mir von unserer Familie übrig geblieben ist Johanna“. „Sie werden dich nicht in Ruhe lassen“. Er drückte sie noch fester an sich und sie spürte die tiefe Angst in ihm. Als sie ihn ansah, liefen ihm Tränen übers Gesicht.
Zwei Wochen später:
Am 29. Juni 1661 wurde Johanna in Edinburgh barbarisch hingerichtet. Am Tag ihrer Hinrichtung, wurde sie mit einem Seil am Kopf gefesselt und auf den Richtplatz geschleppt. Dort wurde sie gefoltert und lebendig vor hunderten von Zuschauern verbrannt.
Liebe Tinkerbell, ich habe hier nun schon zweimal geschrieben und nach Deinem Kommentar für mich noch einmal hier vorbeigeschaut. Da fiel mir auf, dass ich noch gar keine detaillierte Kritik abgegeben habe. Mit den Dialogen schaffst Du es, die Leserin in die Handlung einzubeziehen. Meine Verbesserungsvorschläge sind eher formaler Natur. Wenn eine Person Sprechpausen macht, versuche das durch Semikolon, Punkt oder Gedankenstrich (mit Leerzeichen davor und dahinter im Gegensatz zum Bindestrich) auszudrücken. Wenn Du jedes Mal neue Anführungszeichen setzt, denkt man, der Sprecher habe gewechselt. Die Reihenfolge der Satzzeichen ist so richtig, wie Du es im ersten Satz gemacht hast:"...?",... Das Komma, das nach der Rechtschreibreform dem Fragezeichen, Ausrufezeichen und Punkt folgt, vergesse ich auch manchmal. Nach der wörtlichen Rede schreibst Du die Lautäußerungsverben "sprach", "sagte", "schrie" usw. klein, weil das zusammen mit der wörtlichen Rede einen Satz bildet. Beispiel: "Johanna! Hör auf mich!", schrie Ian. "Bitte versteh," entgegnete sie leise, "dass ich so handeln muss." Ein paar holperige Formulierungen: Ian fuhr nicht weiter sondern fort. Der Teufel soll Johanna nicht besessen haben, sondern sie soll von ihm besessen sein. Ian und Johanna sind die einzigen, die noch von der Familie übrig geblieben sind, aber sie ist die einzige, die ihm geblieben ist (ohne übrig). Ich hoffe, es hilft Dir weiter. LG Metta
Liebe Tinkerbell, ich habe Deine anderen Beiträge noch einmal gelesen und ich bin beeindruckt, wie Du an Dir gearbeitet hast, mit Erfolg! Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand die Kommentare so ernst nimmt und auch in der Lage ist, die Verbesserungsvorschläge umzusetzen. Gratulation!
Liebe Metta Vielen Dank, dass Du dich für meine Texte interessierst. Anbei die Nummern meiner Beiträge: 2991, 2883, 2997,3914,5668, 7212. Liebe Grüsse, Tinkerbell
Liebe Tinkerbell, würdest Du hier bitte noch einmal die Nummern Deiner anderen Texte oder zumindest des letzten angeben? Ich freue mich über die Fortschritte eines jeden und würde gern noch einmal nachlesen. Mit unseren Kommentaren andere zu entmutigen ist gewiss nicht das, was wir hier wollen. Ich gehöre leider nicht zu diesen Gedächtniskünstlern, die immer noch genau wissen, wer was geschrieben hat, aber das Deine Beiträge schlechter gewesen wären als die von anderen, dessen kann ich mich nicht entsinnen. Ich hoffe, Du bleibst dabei! LG Metta
Hallo, liebe Tinkerbell, nun habe ich auch Deinen Text gefunden. Ich dachte schon, Du setzt eine Runde aus. Kompliment: Du hast Dich mit diesem Text stilistisch sehr verbessert. Er hat sich gut gelesen. Sicher, Du könntest ihn auf jeden Fall noch ausbauen. Da steckt ein ganzer Roman drin. Toi, toi. Ich bin gespannt auf Deinen nächsten Text. L. G. Isabel
Hallo Tinkerbell, gut, dass Du den Mut nicht verloren und weiter gemacht hast. Die Anstrengung hat sich gelohnt. Deine Geschichte gefällt mir insgesamt gut, die Dialoge wirken lebendig und die Protagonisten überzeugend. Ich fand es auch gut, dass Du im ersten Absatz viele Fragen offen gelassen hast. Das macht Lust auf mehr. Das die Geschichte danach schon wieder vorbei war, fand ich enttäuschend. Mir hätte es besser gefallen, wenn Du den Absatz weg und damit das Ende offen gelassen hättest. Ausserdem ist mir noch aufgefallen, dass im kontinentalen Europa Hexen nicht öffentlich gefoltert wurden; lediglich die Verbrennung (und manchmal die Hexenprobe) erfolgte öffentlich. War das in Schottland anders? Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg! Carola (7702)
Lieber Numungo. Vielen Dank für Deinen hilfreichen Kommentar. Werde bei der nächsten Übung auf die Punkte achten, die Du hier erwähnst. Super. Danke und liebe Grüsse, Tinkerbell :)
Hallo Tinkerbell, gute Idee, schwieriges Thema. Du hast versucht, zwei Personen aus dieser Zeit darzustellen. Dies geschieht überwiegend in Dialogen. Ich hätte es interessant gefunden, wenn du über die Dialoge hinaus auch die Gefühle und Gedanken der beiden Protagionisten dargestellt hättest. Was spielt sich in ihren Köpfen ab? Wie ist es, wenn ihre Gedankenwelt in Panik gerät? Wahrscheinlich war Ian auch nicht ausser sich vor Wut, sondern vor Angst, zumal er Johanna doch liebte? Weiterhin viel Erfog, Numungo (7529, 8227).
Hallo ihr Lieben Bevor ich mich einzeln bei euch bedanke, möchte ich etwas zu meiner Geschichte sagen. Ich habe mit der Übung 12 zum erstem Mal eine Geschichte erfunden, die mir gehörte. Und dieses Gefühl war für mich sehr speziell. Hatte ein Glücksgefühl in mir, das unbeschreiblich war. Aufgrund der Kommentare war ich nach meinem letzten Beitrag sehr „down“, da ich gedacht habe, dass das Schreiben doch nichts für mich ist. Mit dieser Übung wollte ich es einfach wieder probieren und mir fiel lange keine Idee ein, über die ich schreiben könnte. @Liebe Benita Da ich mich eben auf meine Schreibweise konzentriert habe, habe ich die Geschichte kurzgefasst, damit ich sie noch frühzeitig genug publizieren konnte. Vielen Dank für deinen Kommentar. Das bedeutet mir viel. @Liebe Angela Barotti Wie gesagt, ich hätte die Geschichte ausführlicher Schreiben können aber dazu fühlte ich mich noch nicht so weit. Ich habe natürlich etwas dabei gedacht aber evt. könnte ich die Vorgeschichte zu einer späteren Übung anknüpfen, weshalb ich Dir nicht mehr verraten möchte. Ich kann dir nur sagen, dass es in dieser Zeit in etwa so war. Ich kenne das, von historischen Romanen. Vielen Dank für deinen Kommentar. @Liebe Lilliu Ich liebe deine Kommentare. Dank dir, ist dieser Text besser. Vielen Dank für deine Tipps, sie sind goldwert. @ju bli Dein Kommentar bedeutet mir natürlich auch speziell sehr viel. Auch dank dir, bin ich diesmal besser. Danke ju bli. @mara Vielen herzlichen Dank mara. @Nicola Auch dir vielen Dank Nicola. Nehme deinen Kommentar zu Herzen. Liebe Grüsse an alle, Tinkerbell
Die Geschichte hast Du gut rüber gebracht. Schade das sie nur so kurz war. L.G Benita
Warum werden Krankenschwestern 1661 verdächtigt mit dem Teufel im Bunde zu stecken? Was ist an Johannas Heilmethoden so anders? Woher stammt das viele Blut an ihrem Rock? Nimmt sie Aderlässe vor? Falls sie gar keine Krankenschwester ist --> von wem erfährt sie, wer krank ist und ihre Hilfe braucht? Wer hat sie denunziert? Ärzte, die um ihre Einnahmequelle fürchten? Angehörige von Kranken, die trotz ihrer Hilfe gestorben sind? Und was hatte es mit diesem kranken Mädchen auf sich?/ Einige Antworten zu diesen Fragen solltest du noch in deine Geschichte einarbeiten, damit sie 'rund' wird. Ansonsten gefällt mir deine Story gut.
Ein sehr mitreißender und spannender Anfang. Ich würde hier gerne weiterlesen. Welchen sterbenden Menschen hilft sie, was ist das für eine mutige und einfühlsame Frau, die die Angst des sie liebenden Bruders spürt, in der sich ihre eigene Angst spiegelt?
Liebe Tinkerbell, ich finde, dies ist schon ein beachtlicher Text. Das Bild der Geschwister kommt recht klar rüber, es ist kein Adjektiv zu viel. Ich würde den letzten Absatz aber doch drin lassen, aber die "Zwei Wochen später" rausnehmen. So kommt ein (kleiner) Schock für den Leser. "Klein" weil hervorsehbar. Mach diesen Absatz noch härter und karger: "barbarisch" im 1. Satz weg (Ist eine "Wertung" durch die Autorin), 2. und 3. Satz OK. Für deine Dialoge würde ich empfehlen, dass du jedes Mal eine neue Zeile beginnst, dann weiß der Leser sofort wer spricht. Das habe ich auch erst hier gelernt. Und was Nicola meint ist nicht so ganz von der Hand zu weisen. Das Prinzip "Show don't tell" würde hier dazu führen, dass entweder Schwester oder Bruder noch klarer erkennbar werden. Und das ginge nur über weiteres "In Szene" setzen. Aber zusammenfassend muss ich sagen, dass du auf jeden Fall schon richtig Fortschritte gemacht hast! Weiter so, Tinkerbell! LG Lillilu
WOW, Tinkerbell! Das sind 111% Steigerung - stark; gar kein Vergleich. Das freut mich echt. Deine Geschichte ist gut nachvollziehbar und auch gut zu lesen. Da bist du absolut auf dem richtigen Weg. Gruß ju bli
Hallo Tinkerbell, Dein Eintrag ist sehr anschaulich, hat mir gut gefallen. Mara
Ich finde den kurzen Ausschnitt aus Johannas Leben sehr interessant, würde jedoch den Schluss (zwei Wochen später) weglassen. Lass den Leser hierbei lieber im Ungewissen, das Ganze ist ja ohnehin nur "angerissen". Zudem könntest du Johanna oder ihren Bruder noch etwas besser "Ausarbeiten" - die Aufgabe, den Schwerpunkt auf die Figur zu legen, ist hier nicht ganz erfüllt, mir ist nicht so ganz klar geworden, wer hier im Mittelpunkt stehen soll. Liebe Grüße Nicola
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8119
Die Wange brannte mir noch von der Ohrfeige, die der Meister mir am Morgen gegeben hatte. Ich saß im Sonnenlicht auf meinem Schemel und begann mit der Arbeit des Tages. Kling-klong, tönten die Hämmer, kling-kling-klang. Klong - klong - klong mischten sich die tiefen Töne des größeren Hammers in meinen Rhythmus, mit dem der Meistersohn neben mir einen soliden Kessel bearbeitete. So war es jeden Tag. Die Gasse hallte von den Schlägen der Schmiede wider, das Sonnenlicht spiegelte sich in den Pfützen und im modrigen Schlamm, wenn es in der Nacht geregnet hatte. Bald würden die Buben, die zum Einkaufen geschickt wurden, die Gasse armeschwingend auf dem Weg zum nahen Marktplatz durchqueren. Ich wäre zu gerne selber mitgelaufen.
Vom Schmieden und Hämmern verstand ich bereits etwas, aber ein fleißiger Lehrling war ich noch nie gewesen. Der Meister war streng, und auch in meinem dritten Lehrjahr hieß er mich jeden Morgen als ersten aufstehen, Wasser vom Brunnen holen, den Hof fegen und der Meisterin mit den Kindern zur Hand gehen. Wenn ich nur schon meinen Lehrbrief hätte! Ich wollte ja gerne redlich, fromm und treu, gottesfürchtig und ehrliebend sein, aber ich war wohl nicht dafür gemacht. Mein Bündel schnüren und mich aus dem Stadttor hinausmachen, mich auf die Wanderschaft begeben in die Berge und Wiesen, die der Herrgott für hübsche Burschen wie mich geschaffen hatte, das könnte mir eher gelegen kommen. Wenn ich erst mein Gesellenstück abgeliefert hätte, dann könnte ich mir einen Meister suchen, mit dem besser auszukommen wäre, auch wenn er vielleicht nicht so hübsche Töchter hätte. Die Maulschelle hatte ich mir am Morgen gefangen, weil ich der kleinen Gertrud zugezwinkert hatte. Die blonde Marie mit den runden Hüften hatte ihr beim Kämmen so fest an den Haaren gezogen, dass ihr das Wasser in die Augen geschossen war. Da hatte ich sie aufmuntern wollen, aber der Meister duldete das nicht. Das Handwerk hatte ich wohl gut gelernt bei ihm, und mein Meister war ein ehrbarer Rotschmied und in der Zunft wohlangesehen, aber seine hausväterliche Gewalt übte er mit christlichem Eifer aus.
Gerade kamen die Bäckergesellen vorbei auf dem Weg zum Markt, und der Duft des frisch gebackenen Brotes ließ mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ich spuckte die Brühe auf die Gasse und fuhr mit Hämmern fort. Der Schweiß begann mir übers Gesicht und in die Augen zu laufen, ich wischte mit der Hand über die Stirn und rieb ihn mir in die lockigen Haare. Als ich den Mann sah, der sich aufrecht ausschreitend aus der Gasse der Färber näherte, wurde mein Takt gleich emsiger, mit dem ich auf meinen Topf über dem hölzernen Kern einhämmerte. Der Zunftmeister selbst fand sich vor der Werkstatt ein und wechselte ein paar Worte mit meinem Meister. Dieser hatte seine Arbeit sogleich liegen lassen und entfernte sich nach dem kurzen Wortwechsel mit dem hochehrbaren Mann zum Marktplatz hin. Von einem Pfuscher hatte ich was reden hören, der sich in der Gegend eingefunden habe, und was zu unternehmen wäre. Vorsichtig blickte ich mich um, als die Männer verschwunden waren, und ließ den Hammer sinken. Wenn die Meisterin mich nicht erwischen würde, könnte ich mich vielleicht doch zur Backstube schleichen und meinem Freunde Sebald ein Brot abschwatzen.
Von ferne hörte ich Rufen, Gelächter und aus dem allgemeinen Lärm aufsteigende derbe Schimpfworte, "ausgestrichene Dirne", "Kackhure", "Schelmendiebsgesind". Da hielt es mich nun doch nicht auf meinem Schemel. Der Sebald hatte mir am Abend vorher im Wirtshaus erzählt, die Liesel Graulich sei verurteilt worden, die Mistkarre durch die Strassen zu schieben wegen der Unzucht, derer man sie überführt hatte. Das war ein Schandspiel, das ich miterleben wollte! Flugs erhob ich mich von meinem Sitz und tauchte im Gedränge unter, wobei mir von einem vorbeitrottenden Zimmerer, der zwei lange Latten trug, fast das Ohr abgerissen worden wäre. Dass ich so bald nicht in die Schmiede zurückfinden würde, schwante mir noch nicht.
Hallo Velarani, Deine Geschichte ist sehr ansprechend. Es ist etwa das Gleiche, wenn man einem guten Koch dabei zusieht, wenn er Dein Lieblingsessen kocht, es fein auf einem Teller drapiert und gerade als Du mit der Gabel hineinpieken willst, zieht er den Teller weg... Ich hätte gerne weiter gelesen.
Dieser Kommentar gehört nicht hierher, aber nur hier wirst Du ihn wohl lesen. Unter einem Text, ich glaube, es war unter Lillilus Literaturfrage, wolltest Du wissen, wer Manfred Plinke ist. Wenn die Frage ernst gemeint war und Du es noch nicht herausgefunden hast, guck doch mal, wer Dir wöchentlich eine E-Mail schickt. ;o) LG Metta
Hallo Velerani, deine Geschichten lese ich immer wieder gerne, so auch diese! Die Motive des Protagonisten kann ich gut nachvollziehen. Zeit und Ort sind gut und lebendig skizziert. Allerdings ist die Sprache für meinen Geschmack eine Spur zu blumig geraten. Aber das ist - wie gesagt - vollkommen subjektiv und wird wahrscheinlich von anderen als besonderes Qualitätsmerkmal empfunden. Viele Grüße Carola (7702)
Hallo Velarani, ein tolle Geschichte, ich kann mich in die Szene hineinversetzen. Die gespuckte Brühe assoziert für mich allerdings eher die unapettitliche Brühe, die einem Kautabak kauenden Menschen aus den Mundwinkeln sabbert. Viele Grüsse, Numungo (7529, 8227).
Hallo ihr lieben KommentatorInnen, ich bin sehr überrascht und freue mich über die positive Rückmeldung. Ich selbst war gar nicht mit meinem Text zufrieden, habe ihn mehr aus Verzweiflung geschrieben, nachdem ich mir so viele Bücher übers Mittelalter reingezogen hatte. @ Angela Barotti: Über dein Lob freue ich mich besonders, wegen deinem großartigen Pest-Text! Doch, Lehrlinge waren wohl auch für Kinderbetreuung zuständig, wobei man damals sicher nicht mit den Kindern gespielt hat. Und Marie stelle ich mir als die Älteste von vielleicht sechsen vor. Aber vielleicht passt's hier auch nicht, ich wollte nur deutlich machen, dass der Lehrling in der Familie lebte und dem Meister quasi ausgeliefert war, dieser hatte die Vormundschaft und ein Züchtigungsrecht, der Lehrling war absoluten Gehorsam schuldig. @ Lillilu: Danke, und "ausgestrichen" heißt so viel wie ausgepeitscht (mit Ruten). Solche Beleidigungen und die Spannung zwischen dem Verhalten der einfachen Leute und den gesellschaftlichen christlichen Normen waren damals wohl an der Tagesordnung, mit entsprechenden Strafen, die die Schande öffentlich machen sollten, sog. Ehrenstrafen wie am Pranger stehen, evtl. mit einer Schandtafel, Lastersteine tragen oder eine Schandmaske, öffentliche Abbitte vor dem Rathaus etc. @ ju bli: du hast recht, ich fand das Wort auch nicht so gut, ich wollte nur ein derbes Wort, ich bräuchte vielleicht mal so ein Synonymen-Wörterbuch. Bis zur nächsten Aufgabe dann!
Ganz toll geschrieben. Deine Story ist klasse. Ich habe nur einmal gestutzt, als davon die Rede war, dass der Lehrling der Meisterin mit den Kindern zur Hand gehen muss. Wickeln, waschen, füttern und spielen? Diese Tätigkeiten kann ich mir für einen Lehrjungen nicht vorstellen. Auch scheinen die 'Kinder' schon mindestens im Backfischalter zu sein und keine Hilfe mehr zu benötigen.
Ich hätte am liebsten noch mehr von Deiner Geschichte gelesen. Sehr anschaulich geschrieben. Liebe Grüsse, Tinkerbell
Liebe Velarani, auch ich war völlig gefangen von dieser Szene vor meinem inneren Auge. Wunderbar recherchiert und formuliert. Was ist eine "ausgestrichene" Dirne? Kommt da der Begriff "auf den Strich gehen" her? Das einzige Wort, das ich rausnehmen würde ist "Schweiß in die LOCKIGEN Haare.." Da es in der Ich-Form geschrieben ist würde man evtl selbst nicht von "lockigen" Haaren sprechen. Lieben Gruss, Lillilu
Ein absolut gelungener Text, der lebhafte Bilder vermittelt und die Gedanken des Lehrjungen nachvollziehbar vermittelt. Phrasen wie: väterliche Gewalt übte er mit christlichem Eifer aus... sind toll - sie tragen mit wenigen Worten die ganze Scheinmoral der Zeit. Das einzige: ...ließ mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ich spuckte die BRÜHE ... das Wort passt irgenwie nicht. Meiner Ansicht nach, würde ich spuckte auf die Straße oder spuckte aus ... reichen. Gruß ju bli
Schön mitzuerleben, wie der Junge von seiner freien Zukunft träumt und den verbotenen Reizen der Gegenwart erliegt.
Liebe Velarani dein Text ist sehr dicht und hat mich nicht losgelassen, ich habe bewusst nicht weiter nach unten geklickt um das Ende nicht zu sehen. Ich war mitten drin im Leben, hörte den Gassenlärm und spürte die Neugier des Jungen. LG rosamsa
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05.10.1937 Die Angst schüttelt meinen Körper, unbezwingbar. Meine Zähne schlagen klappernd aufeinander und ich kann nichts dagegen tun. Die Dunkelheit kriecht langsam in den Raum, aber ich bin unfähig mich zu bewegen, Licht zu machen. All meine Sinne sind zum Flur gerichtet. Ich erwarte jeden Moment, dass die schweren Stiefelschritte wieder vor unserer Tür halt machen und das jemand hart an die Tür klopft. Willi wo bist du, haben sie dich abgefangen? Was wissen sie? Meine Panik konnte ich kaum bezwingen, als ich ihnen die Tür öffnete. Zuvor hatte ich Fieberhaft überlegt, wie ich die Matritzendruckmaschiene unter dem Küchentisch, vor ihnen verbergen könnte. Das Einzige was mir in der Eile blieb, war die Festtagstischdecke darüber zu werfen. Das werden sie durchschauen, war der Gedanke den ich hegte, als ich mich beeilte ihnen die Tür zu öffnen. Sie wurden langsam ungeduldig.
„Ist jemand da? Öffnen sie die Tür oder wir tun es.“
„Einen Augenblick bitte, ich bin sofort da.“, mit klopfendem Herzen schob ich den Riegel zurück und ließ sie herein.
„Das wurde aber auch......, Oh, sie befinden sich in anderen Umständen!“
„Gehen sie weiter Mann, das tut hier nichts zur Sache,
wenn sie Soetwas beeindruckt, sind sie falsch bei unserer Truppe.“, er schob in gnadenlos in die Wohnung. Ich trat in die Küche zurück und setzte mich auf den Küchentisch.
„Entschuldigen sie bitte, aber das Stehen fällt mir schwer,
ich bin kurz vor der Niederkunft“
„Das ist nicht zu übersehen.“, ein schmieriges Grinsen durchzog sein Gesicht.
„ Wenn sie uns berichten, was wir erfahren wollen, können sie ihre
wohlverdiente Ruhe genießen.“
Die Art wie er die Worte aussprach, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Mir war sofort klar, das er keine Grausamkeit auslassen würde, um was auch immer, in Erfahrung zu bringen.
„Sie müssen mir behilflich sein, denn sie erwähnten bis
jetzt noch nicht worum es geht.“; zwang ich mich so ruhig wie möglich zu sagen.
„Wollen sie allen Ernstes behaupten, dass sie das nicht bereits wissen?“
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, tut mir Leid.“
Er trat einen Schritt auf mich zu und kam mir mit seinem Gesicht so nahe, das ich seinen ekligen Atem riechen und auf meiner Haut spüren konnte. Ein Würgreiz stieg in mir auf und ich musste meine ganze Kraft darauf verwenden, ihm nicht auf seine blank polierten Stiefel zu kotzen.
„Es geht um ihren Bruder, hilft das ihrer Erinnerung auf die Sprünge?
Ist er unter Umständen hier?
Oder könnten sie uns sagen, wo er sich zur Zeit aufhält?“
Ich versuchte mir die Erleichterung nicht zu sehr anmerken zu lassen, als ich antwortete:
„Das kann ich ihnen leider nicht sagen.
Ich habe schon über zwei Wochen nichts von ihm gehört.
Ich glaube er hatte vor, einen Verwandten in Süddeutschland zu besuchen.
Aber er hat sich nicht von uns verabschiedet, was sehr ungewöhnlich ist.
Ich hoffe ihm ist nichts zugestoßen?“
„Soweit ich informiert bin nicht,
aber sie haben sicher nichts dagegen,
das wir uns hier ein wenig näher umsehen?“
Dabei waren seine drei Handlanger schon seit geraumer Zeit damit beschäftigt, die Nebenräume zu durchkämmen.
„Nein, warum sollte ich? Aber würden sie so nett sein
und mir erläutern, warum sie nach ihm suchen?“
Wieder dieses unverschämte Grinsen.
„Ich glaube nicht, dass das für Sie von Wichtigkeit ist.
Beten sie lieber dafür, das wir ihn hier nicht finden.
Das würde ihnen und ihrem Kind, vermutlich nicht gut tun.
Ich werde jetzt einen Blick in ihre Speisekammer werfen.
Danach werde ich nachsehen, ob meine Männer im Keller
vielleicht mehr Glück hatten.“
Ich hatte mittlerweile das Gefühl von Kopf bis Fuß verschwitzt zu sein. Hoffentlich würden sie bald verschwinden. Ich spüre, wie mein Bauch hart und härter wird. Auch wenn es mein erstes Kind sein wird, dass ich zur Welt bringe, wusste ich, was das bedeuten konnte. Wenn sie nur endlich verschwinden würden.
„Oberst Hartmann,
melde gehorsamst, Suche oben und unten Erfolglos verlaufen und beendet.“
„Danke, Kleinert, wegtreten.“, an mich gewandt sagte er:
„Hoffen sie, das er hier nicht aufkreuzen wird.
Ab heute haben wir ein Blick auf dieses Haus.
angenehmen Abend noch und viel Glück für den Ungeborenen Knaben.
Auf das Er unbescholten aufwachsen wird.“
Ich habe seine Warnung bestens verstanden und bin unfähig etwas zu erwidern. Meine große Hoffnung ist, das ich ein Mädchen bekomme. In dieser Zeit einen Jungen zu bekommen, mochte ich mir nicht ausmalen. Wohlmöglich würde er als Kanonenfutter enden. Denn wir sind uns sicher, das es zu einem erneutem Krieg kommen wird und genau das ist einer der Gründe unseres Widerstandes. Endlich klappt die Wohnungstür und eine unnatürliche Stille breitet sich aus. Dieser widerwärtige Kerl hätte es gespürt, wenn ich was gewusst hätte, da bin ich mir sicher.
Meine Gedanken überschlagen sich. Wie gut das Albert uns nicht mitgeteilt hat, wo er sich aufhalten wird. Mir ist durchaus klar, warum sie nach ihm suchen, aber ich vermute, das er sich längst in Sicherheit gebracht hat. Vor gut zwei Wochen war seine Gruppe auf einen Trupp Gestapo Männer gestoßen. Er hat den anderen zugerufen, das sie verschwinden sollen und lief selber los. Aber einer dieser Kerle erwischte ihn am Ärmel. Da hat er seine Pistole genommen und sie ihm über den Schädel gezogen. Bei der Wirkung, die das hatte, hätte er auch genauso gut abdrücken können. Aber nun habe ich viel schwerwiegendere Probleme. Wie kann ich die anderen warnen? Wenn sie wie geplant, heute Abend auftauchen um das Neue Flugblatt anzufertigen, sind wir alle geliefert. Ich verharre hier in meiner Angst und ihrem Gebären. Was war das? Mir ist so als wäre die Außentür zugefallen. Ein Schlüssel wird in die Wohnungstür gesteckt, wenn ich Gläubig wäre, würde ich jetzt Beten. Habe das Gefühl, das ich Gleich das Bewusstsein verliere. Ich lausche, lausche wie viele Stimmen zu hören sind. Aber es ist immer noch so Still wie vorher, bis auf das Quietschen der sich öffnenden Tür. Zwei Schritte kommen herein und sie wird wieder geschlossen. Ein leises Flüstern bahnt sich seinen Weg zu mir in die Küche:
„Emma, sag Emma, bist du da?“
„Ja, Willi, in der Küche.“, flüstere ich leise zurück aber bewegen kann ich mich nach wie vor nicht. Zögernd betritt er die Küche. Er tritt an den Tisch und umarmt mich.
„Tut mir Leid, ich konnte nicht eher kommen. Als wir um die Ecke kamen, sahen wir das etwas nicht stimmt. Ein Uniformierter verliess das Haus. Franz hat den ganzen Tag schon ein ungutes Gefühl gehabt und uns gebeten, das wir uns doch besser einzeln einfinden sollten. In Sichtweite zwar, aber nicht erkennbar, das wir zusammengehören. Als ich an unserem Haus vorbeiging war den anderen bewusst, das etwas nicht stimmt und sie folgten mir. Mir fiel nichts besseres ein, als zu Jakob zu gehen. Der hat sofort seinen Sohn losgeschickt, damit er das Haus beobachtet. Als die Luft rein war kam er und sagte mir Bescheid. Ich danke Franz für seine Umsicht. Aber was wollten sie?
Wo hast du die Maschine?
„Sie ist unter mir, ich sitze darauf, so zu sagen“
„Du bist einfach unbeschreiblich. Also waren sie wegen Albert da?“
„Ja, sie wollten wissen, wo er ist.“
„Willi, du musst mir helfen ins Wohnzimmer zu gehen und dann hol bitte Hanna und Hedwig, die Hebamme.“
Verdutzt sieht er sie an.
„Die Hebamme? Es sind noch gut vier Wochen bis zum Termin.“
„Das sieht jemand hier drinnen wohl anders, jetzt mach schon, es wird immer heftiger und ich muss mich hinlegen..“
Es dauert nicht lange und die drei stehen vor meinem Sofa. Hedwig nimmt meine Hand.
„Wie geht es dir Emma?
Willi, geh in die Küche und koch Wasser ab. Hanna bring mir bitte die sauberen Handtücher.
Ich werde dich jetzt untersuchen Emma.“; sie tupft mir mit einem Tuch die Schweißperlen von der Stirn. Ich kann den Schmerz kaum noch aushalten und fange an zu schreien.
Sie redet beruhigend auf mich ein:
„Es wird alles gut, das verspreche ich dir.“
„Aber es ist doch viel zu Früh dran.“
„Wenn es nur halb so stark ist wie du, macht das gar nichts.“
Ich krümme mich vor schmerzen, dann habe ich das Gefühl,
das der Schmerz mich umbringt, es ist als werde ich mittenentzwei gerissen.
Dann ist es vorbei. Ich richte mich auf. Wo bleibt der Schrei?
Da ist er empört und kräftig. Eine Woge der Zufriedenheit umhüllt mich.
„Emma, es ist ein Mädchen, recht mickerig, aber so wie es aussieht, zäh.“
„Ich kann mein Glück kaum fassen , ein Mädchen. Hoffentlich wird die Zukunft ihr irgendwann gutes bringen. Hanna geht aus dem Raum und holt Willi. Liebevoll nimmt er seine Tochter in den Arm.
„Sie ist wunderschön, aber irgendwie sieht ihre Haut so aus, als wenn sie ihr zu groß wäre.“
„Halb so schlimm, da wird sie noch reinwachsen“ ,beruhigt ihn Hedwig.
Sie hat um 24 Uhr 16 das Licht der Welt erblickt, ein neuer Tag der 06.10.1937............
Danke für Eure Kommentare. Das mit den Absätzen werde ich mir abgewöhnen. Das mit der Rechtschreibung verfolgt mich mein Leben lang. Werde deshalb aber nicht aufhören zu schreiben:),An Carlotta: Die Wehen hatten schon am Nachmittag eingesetzt.(Wenn man den Text genau liest) Es gibt durchaus auch Frauen, die ihr erstes Kind innerhalb einiger Stunden zur Welt bringen, ich glaube auch nicht, das es das Ziel ist, diesen Vorgang ellenlang zu beschreiben. Habe selber zwei Kinder und weiß wie es ist wenn es schnell geht und wenn es ewig zu dauern scheint:)
Sorry Carola, habe warum auch immer Carlotta gelesen, ist der Stress, man sollte keine Kommentare zwischen Tür und Angel schreiben.
Ich schließe mich dem Kommentar von Numungo an. Die vielen Absätze haben bei mir dazu geführt, dass ich zeitweilig die Übersicht verloren habe, wer gerade spricht. Mit der Geburt hatt Deine Protagonistin ziemliches Glück, so schnell, wie das vorbei war. Da werde ich glatt ein wenig neidisch ;-) Viele Grüße Carola (7702)
Eine spannende, über weite Strecken gut geschriebene Geschichte. Allerdings solltest du noch an der Rechtschreibung feilen, insbesondere an der Groß-und Kleinschreibung. Außerdem ist mir nicht klar, weshalb du bei vielen wörtlichen Reden Absätze einfügst, zum Teil mitten in Sätzen? Viele Grüsse, Numungo (7529, 8227).
Eine spannende, über weite Strecken gut geschriebene Geschichte. Allerdings solltest du ncoh an der Rechtschreibung feilen, insbesondere an der Grß-und Kleinschreibung. Außerdem ist mir nicht klar, weshalb du bei vielen wörtlichen Reden Absätze einfügst, zum Teil mitten in Sätzen? Viele Grüsse, Numungo (7529, 8227).
Hallo nica mir kribbelts im Bauch, immer aufgeregter bin ich geworden, die Spannung war kaum auszuhalten. Sehr gut.
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Im Anfang war das Wort und das Wort war wüst und leer und vor dieser Zeit gab es keine Zeit. Keine Zeit die hätte vergehen können. Das Wort war und sonst – Nichts. Das Wort war also nicht das Nichts und so schied sich das Wort vom Nichts. Das zweite Wort ward also Nichts. Und mein Geist schwebte über den Wassern. Schon gab es Oben und Unten und dazwischen Wasser und es gab den Geist. Das Nichts und das Wort gebaren die Zehntausend Dinge und ich sah das es Gut war, bis ich den Menschen erschuf. Der Garten in den ich ihn setzte war vollendet und nichts konnte er tun darin. Da schnitt sich der Mensch entlang der Rippen entzwei. Aus Eins wurde Zwei und er verlor die Kugelgestalt, wie das Wort, dass das Wort vom Nichts schied. Und so entstand die Sehnsucht, noch ehe der Mensch oder besser die Menschen vom Baum der Erkenntnis essen konnten. Der Apfel fiel auf den Grund, so überreif war er von langen Warten und die Menschen erkannten das sie nackt waren und bloß. Und sie wussten was zu tun war. Doch mit der Sehnsucht entstand auch der Neid. Den wenn Sehnsucht das Begehren des Entbehrten ist, so ist Neid die Angst vor der Erfüllung und sei es nur in unserer Vorstellung, das ein anderer die Erfüllung haben könnte.
Und der Neid legte sich auf die Wiese und sprach, ich bin grün, grün wie die Hoffnung und keime in jeder Knospe mit. Ich kann mich kaum noch erinnern wie ich damals war. Nun an die Sehnsucht und die Lust daran mich zuspüren, die Umschlug in Mühsal und Leid. Doch alles war besser als die ewige Langeweile aus der Zeit als es noch keine Zeit gab.
Naja, der Wahnsinn hat Methode! Vielen Dank erst mal für die Kommentare, ich muss sagen, dass ich ziemlich Probleme mit den beiden letzten Übungen hatte, auf Befehl schreiben fällt mir schwer. Wenn mich das Thema anspringt, kann ich recherchieren (viel zu viel), wenn es mir nur "gestellt" wird, tut sich nicht viel... Außerdem kommt folgendes hinzu: 1. bin ich etwas Überlastet da ich gerade an einer Geschichte aus den 1870er Jahren arbeite und das ist genug der Zeitreise... (Abgabetermin 15. April und ich drucke mich "noch mal schnell im Forum herum...") 2. hab ich in letzter viel so Zeug gelesen (z.B. „Zeit ohne Tod“ und „Nachtzug nach Lisabon“) wo es um philosophisches geht, das geht mit im Kopf um. 3. da ist nicht nur die Bibel verarbeitet, die zehntausend Dinge kommt vom Dao de Ging, die Differenz von Wort und Nichtwort ist Systemtheorie (Luhmann usw.) und die Kugel und das Begehren kommen vom Symposion (Platon) und die Zeit als es noch keine Zeit gab ist Urknalltheorie... sonst noch Fragen? 4. Naja überarbeitet gehört es auf jedenfalls... – nicht der Schriftsteller sollte überarbeitet sein, sonder sein Text ... sorry für diesmal... 5. Was ist es also, ein Adam der sich selbst zum Schöpfer erhebt, warum aber Adam? „...als Frau und Mann erschuf er sie...“ Und dann sind da ein paar Dinge die ohne sein Zutun passieren, der Apfel fällt weil er reif ist, das Begehren und der Neid kommen auf, sind sie Figuren (Eros / Teufel)?. Grundsätzlich frage ich mich, wer ist der Erzähler, der in der Bibel die Schöpfung erzählt... 6. Zum Thema, es hat geheißen ich solle mich in eine Zeit zurückversetzen: „Schreiben Sie einen Beitrag aus der Sicht einer Figur, die in der Vergangenheit lebt.“ Vergangener geht es nicht mehr, allerdings könnte man sich über das „lebt“ streiten, es ist ja nicht klar ob es ein Mensch oder Gott oder sonst was ist. Zu der Aufgabenstellung „Aber auch hier sollten Sie sich einen Zeitabschnitt aus der Vergangenheit suchen, die Ihnen nicht vertraut ist.“ Also das hab ich doch voll erfüllt! Schöne Grüße Stefan
Thema verfehlt! Trotzdem: super! Ich denke, es geht nicht um die Schöpfungsgeschichte, sondern um Wortspiele. Viele Grüsse, Numungo (7529, 8227).
Vom hebräischen Urtext bis zum Comicstrip einer Schülerzeitung erleidet die Genesis das gleiche Schicksal wie ein Satz in der stillen Post. Nicht einmal Persiflage bleibt übrig, sondern nur noch traurige Fetzen der großartigen Idee vom Ursprung. Unbeneidet mag der Zeitlose seine Erkenntnisse in Langeweile versickern lassen.
Schöpfungsgeschichte einmal anders, nicht schlecht!!! Wäre ein netter Beitrag für eine (evangelische) Kirchenzeitung... mit der Bitte zum Kommentieren oder Fortsetzen...
Das ist für mich die Nacherzählung der Schöpfungsgeschichte mit deinen Worten, aber keine Eigenkreation im Sinne der Übung. Wenn du mit den Augen Adams über sein Verhältnis zu Gott und Eva berichtet hättest, wäre es wahrscheinlich klasse geworden. So aber bleibt dir mein Beifall leider versagt.
Ich hätte hier auch gerne eine Erklärung. So einiges könnte ich mir jetzt zusammen reimen. Aber im Grunde genommen finde ich die ursprüngliche Schöpfergeschichte gut so wie sie ist.
Was ist Dein Begehr, Stefan? Was treibt Dich? Das ist vielleicht großartig, was Du schreibst, aber mein Kopf könnte mir davon platzen, es überfordert mich...
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Hersfeld, anno 1349 (noch eine Mitläufergeschichte)
Fluchend betrachte ich meine Handflächen. Sie sind übersät mit Schwielen. Die alten sind grau, die neueren lehmig braun. Dabei bin ich harte Arbeit gewöhnt, aber das hier geht beinahe über meine Kraft. Der Stadtrat zwingt die Bauern dazu, einen Sohn je Familie abzustellen. Sie brauchen uns, um Massengräber zu schaufeln. Wer nicht erscheint, wird mit einer Extra-Steuer belegt. Wir sind arm und können diese Steuer nicht aufbringen. Deshalb bin ich hier und schufte mir den Buckel krumm, indem ich seit zehn Tagen Gräber aushebe.
Mein Wams ist längst schweißdurchnässt. Mit einem Stöhnen drücke ich mein Kreuz nach hinten durch, will meinem Rücken für einen kleinen Moment Linderung verschaffen. Mein Blick wandert über die Landschaft. Von zwei Seiten ist dieser Platz von Wald umgeben, der Rest ist Brachland. Wir arbeiten momentan am Grab Nummer drei. Nummer eins ist bereits verfüllt, Nummer zwei ist noch offen. Es hat noch Platz für die Fuhren von zwei Tagen. Wenn es voll ist, müssen wir mit Nummer drei fertig sein.
Um uns herum kreischen die Krähen. Der Himmel und das erst halbvolle Grab sind übersät mit ihnen. Für sie ist es ein Festschmaus. Es herrscht ein Gezanke und ein Gezeter unter ihnen, dabei ist für alle genug Fraß vorhanden.
Schlimmer als den Lärm der Krähen finde ich den Gestank der faulenden Leichen. Wir haben einen ungewöhnlich warmen Mai, was die Sache noch verschlimmert und ich vermag es nicht, mir vorzustellen, wie wir diese Arbeit im Hochsommer erledigen sollen, da der Geruch bereits jetzt die Mägen bis zum Auswurf reizt.
Auch ich habe mich bereits mehrmals übergeben seit ich hier bin. Die letzten beiden Tage waren besonders schlimm. Ich habe Marie unter den Toten entdeckt. Meine Marie! Sie und ihre Eltern waren voll mit den schwarzen Flecken der Pest.
Wenn es keine Hinterbliebene mehr gibt, die das Nötigste bezahlen können, dann werden die Leichen nicht einmal mehr in einen Leinensack eingenäht. So wie sie gefunden werden, so werden sie aufgeladen und hierher gebracht. Ich habe geweint, denn Marie gehörte mein Herz.
Ich hatte geglaubt, es könne nicht schlimmer werden, aber gestern entdeckte ich mehr und mehr bekannte Gesichter unter den Toten. Mein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen, wenn ich an die heutige Lieferung denke, die nicht mehr lange auf sich warten lassen kann.
Denn täglich werden neue Leichen gebracht. Sie werden mit Ochsenkarren aus Hersfeld zu uns herbeigeschafft, das ungefähr eine Meile von hier entfernt liegt. Zwei bis vier Wagen sind es meist. Schon von weitem höre ich das Brüllen der Ochsen und das Ächzen und Rumpeln der Wagen, die mit ihrer Ladung mühsam auf dem Feldweg heranrollen.
Die Ochsentreiber weigern sich beim Abladen zu helfen, diese Lumpen. Dafür saufen sie uns den Wein weg, den sie in Eichenfässern mitgebracht haben und der eigentlich für uns bestimmt ist. Und es sind kleine Fässer! „Müsst halt schneller die vermaledeiten Dreckskörper abladen“, rufen sie uns zu und schwenken grinsend ihre Trinkbecher in unsere Richtung. „Je schneller ihr fertig seid, umso schneller sind wir wieder weg und desto mehr Wein bleibt für euch übrig.“
Immer zwei von uns Burschen kümmern sich um eine Leiche. Nach den Pestopfern der letzten Tage haben sie uns heute tote Juden geliefert. Die sind mir wesentlich lieber. Weil sie weniger stinken als die Pesttoten und weil ich bei denen weniger Angst vor Ansteckung habe.
Einer von uns fasst die Arme, einer die Beine. Dann mit Schwung hinein mit den leblosen Körpern in die riesige Grube. Frauen, Kinder, Männer, alles durcheinander. Ich sehe die Wunden, die zerschmetterten Schädel. Keiner dieser Juden ist auf natürliche Weise gestorben. Manche kommen mir bekannt vor, doch es ist schwer zu sagen, ob es wirklich der jüdische Händler ist, bei dem wir die Stoffe für unsere Kleidung kaufen, oder das Kind, das immer vor dem Haus der Geldwechsler spielt, wenn Markttag ist - und vielleicht auch an den anderen Tagen, aber das weiß ich nicht, denn ich habe es immer nur an den Markttagen gesehen. Wie soll ich jemanden erkennen, wenn nicht mehr viel vom Gesicht übrig und das wenige mit getrocknetem Blut überzogen ist?
Mitgefühl habe ich keins mehr in mir. Nur Durst habe ich nach getaner Arbeit. Wenn die Ochsenkarren mit ihren Treibern verschwunden sind, dann machen wir uns über den Wein und unser Essen her.
Hin und wieder kommt der Quacksalber zu uns heraus. Der Stadtrat schickt ihn zu uns. Wir müssen unsere Oberkörper frei machen und die Arme heben, damit er unsere Achseln begutachten kann. Auch in unsere Münder schaut er hinein und sucht selbst dort nach den schwarzen Flecken, die auf Pest hinweisen. Noch sind wir gesund. Doch die Angst sitzt uns im Nacken. Zu viele unserer Angehörigen und Freunde sind bereits verstorben.
Doch der Doktor hat unsere Sorgen mit einer Handbewegung beiseite gewischt. Wenn wir jeden Abend Essigwaschungen vornähmen und einmal im Monat zum Aderlass zu ihm kämen, dann würde die Pest uns verschonen. Aber ich habe kein Geld, um den Arzt zu bezahlen.
Mutter hat mir eingeschärft, in der Not stets nur auf Gott zu vertrauen. Ich habe mir ein Pestblatt gekauft. Der Heilige, der darauf abgebildet ist, wird mich vor dem Schwarzen Tod schützen, so hat der Priester mir versichert, dem ich dafür meine letzten Ersparnisse übergeben habe.
Und Rosenkränze bete ich auch. Wenn die Juden auch Rosenkränze gebetet hätten und keine Juden wären, dann würden sie jetzt noch leben. Aber tot ist mir das Lumpenpack lieber. Haben unsere Brunnen vergiftet und die Pest damit ins Land gebracht, sagt Abt Johann II.
Hanns, der älteste von uns Bauernsöhnen hier draußen, glaubt dem Abt nicht. Er behauptet, dass die Pest durch die Kaufleute und Handelsreisenden zu uns kam und dass die Juden damit nichts zu tun hätten. Dem Abt sei nur deshalb am Tod der jüdischen Geldwechsler gelegen, da somit die Schuldbriefe und Pfänder abgegolten seien.
Ich mag solche ketzerischen Reden nicht. Wenn uns jemand belauscht, dann fallen Hanns’ Worte auch auf uns andere zurück. Und aus welchem Grund sollte die Kirche oder der Abt Schulden bei den Juden haben? Sie quetschen den Zehnten aus uns heraus und leben bereits im Überfluss. Ich jedenfalls habe noch nie einen ausgemergelten Pfaffen gesehen.
In meinen Augen leistet Abt Johann II. gute Arbeit. Seit erwiesen ist, dass die Juden für die Pest verantwortlich sind, lässt er sie unerbittlich verfolgen. Am Anfang versuchte er dem Problem mit Scheiterhaufen zu Leibe zu rücken, doch es waren zu viele. Seit einer Woche gibt es eine Kopfprämie für jeden erschlagenen Juden. Mord ist das nicht, denn alles geschieht auf Anweisung des Abtes und der Kirche.
Wenn ich in der Stadt wäre, und nicht hier draußen meine Tage mit dem Ausheben der Gräber zubringen müsste, dann wäre ich bald ein gemachter Mann. Meine Armmuskeln sind eisenhart und mit nur einem Schlag meiner Hacke könnte ich einem jüdischen Mannsbild das Lebenslicht auslöschen. Gleichzeitig würde ich durch die Unterstützung bei der Judenbeseitigung zu meinem Seelenheil beitragen. Aber ich bin nicht in der Stadt, ich bin hier. Das Leben ist ungerecht.
Liebe Angela, zu Deiner Frage, wie man die Blindheit gegenüber Fehlern in eigenen Texten überwinden kann: Bei Übungstexten ist es schwierig. Bei größeren Projekten hilft es, die Texte eine Zeitlang liegen zu lassen. Probeleser sind immer hilfreich, und ich finde es auch nicht schlimm, wenn andere erst Fehler entdecken. Schließlich ist auch nicht jeder Leser gleich und jedem fällt etwas anderes auf. LG Metta
Hallo Angela, ich möchte dir noch eine Antwort auf deine Frage geben, woher die Distanz kommt. Deinen Text an sich finde ich wirklich gut. Dein Protagonist muss Entsetzliches tun, kommt mir als Leser aber nicht nah genug, es gelingt mir nicht, wirklich mit ihm zu fühlen, mich mit ihm zu identifizieren. Du betonst zwar, er sei abgestumpft, aber auch das kommt für mich zu unecht an. Vielleicht lässt du den Leser daran teilhaben, wie es zu der Abstumpfung gekommen ist. Zum Beispiel, indem du die Szene in der er seine Marie unter den Toten entdeckt ausführlicher in einer Rückblende beschreibst, so dass man als Leser nachvollziehen kann, dass er dicht machen musste um zu überleben. Dass war zwar nicht das Thema der Übungsaufgabe und würde deinen Text um einiges verlängern, was aber für mich gerechtfertigt wäre, weil du viel recherchiert hat und die Fakten auch eine lebendige Figur brauchen.
Eine sehr informative Geschichte, die sich sehr gut liest. Obwohl Du Verbesserungsvorschläge wünschst, kann ich Dir als eine „Anfängerin“ leider nichts weitergeben. Lilliu muss nicht, da hast Du Recht aber ich würde gerne bei Dir in die Lehre gehen. Liebe Grüsse, Tinkerbell
Hallo Ihr Lieben! Vielen Dank für Eure Kommentare. @Ginko: Du hast den Finger in die Wunde des Textes gelegt - und das Schlimme ist, dass ich mir dieser Wunde nicht bewusst war. Ja, Frauen und Logik. Ich könnte mich jetzt mit drohender Kerkerhaft für meinen Bauernsohn herausreden, wenn er sich von den Gräbern entfernt, aber Tatsache ist, dass ich hier nicht genügend recherchiert habe, weil mir der Widerspruch nicht aufgefallen ist. Vielleicht gab es die Kopfprämie nur für einen ausgewählten Personenkreis? Stadtwächter? Muss ich nachrecherchieren. @Velarani: Die Sprache hat mir das meiste Kopfzerbrechen bereitet und ich bin auch jetzt noch nicht zufrieden. Danke dennoch für dein Lob. Es vertreibt einige meiner Zweifel. @ jub li, Angela Thies: Benötige eure Hilfe. Woher kommt die Distanz? Aus den fehlenden Gefühlen oder ist da noch was anderes? Habt Ihr Tipps zur Verbesserung für mich? @Lillilu: Prunkstück? Ganz sicher nicht. Und wer hier bei wem in die Lehre gehen sollte, muss nicht diskutiert werden. An deine warmherzigen Zwischenhappen mit denen du uns fütterst, werde ich in hundert Jahren nicht heranreichen.@Malea: Ich habe den Text mindestens sechs Mal umgeschrieben. Einmal davon komplett. Die Sprache ist mir am Schwersten gefallen. Am Ende habe ich eine richtige Abneigung gegen meinen eigenen Beitrag aufgebaut. Am liebsten hätte ich diese Übung ausgelassen, aber das wäre einer Kapitulation gleichgekommen. @Isabel: Danke für deinen Hinweis. Du hast natürlich völlig Recht. Zu meiner gewählten Erzählperspektive passt dieser Satz nicht. Ich würde gerne Besserung geloben, aber das sind genau die Kleinigkeiten bei denen meine Betriebsblindheit voll zuschlägt. Kann nicht mal jemand was erfinden, damit man die eigenen Fehler genauso leicht erkennt, wie Unstimmigkeiten in fremden Texten? Zahle Höchstpreise. @Frog: Den letzten Satz streiche ich gerne. Hast du Beispiele, wo meine eigene Wertung durchschlägt? Ich war sicher, ich hätte mir wertende Adjektive verkniffen. @Alle: Danke für die Zeit, die ihr hier geopfert habt, um meinen Text zu lesen und dafür, dass ihr mir durch eure Kommentare die Chance gebt, mich beim nächsten Mal zu verbessern. Ihr seid klasse!
Hallo Angela, harter Stoff! Ich habe wieder was gelernt, danke für die gut verpackten Informationen, die mich schocken. Auch Deinem Text ist anzumerken, wieviel Recherche und Arbeit darin steckt. Bisweilen schimmert Deine eigene Wertung durch, die die Gedanken für mein Gefühl weniger authentisch macht. Vermutlich hat Ginko Recht, noch drastischer oder dicker oder derber aufgetragen wäre vielleicht noch besser gewesen. Und der letzte Satz klingt mir irgendwie zu modern... LG
So grausig das Thema ist, liebe Angela, gelesen hat sich Dein Text sehr gut. Ich stellte mir vor – was ja eigentlich bei dem Protagonisten absurd ist -, wie er seine Erlebnisse in ein Tagebuch einträgt. Und bis auf den Satz „Mit einem Stöhnen drücke ich mein Kreuz nach hinten durch. . .“ passte das ganz gut. Aber selbst wenn er erzählt, passt der Satz auch nicht richtig. (Mit wem spricht er? Dem Leser, einen Gefährten? Verstehst Du, was ich meine?) Er hätte sicher gesagt: „Moment, ich muss mich mal aufrichten. . .“ , oder so ähnlich. Aber dieses „Logikproblem“ habe ich in mehreren Texten gefunden und bin auch in meiner ersten Textfassung darüber gestolpert und habe deswegen die Erzählperspektive geändert. Vielleicht können wir alle darüber auch mal unsere Ansichten austauschen? Ansonsten hast Du sehr anschaulich beschrieben und die damalige Denkweise dargelegt. Liebe Grüße Isabel
Na, also entweder Du hast Deinen Text noch mal phänomenal bearbeitet, oder Du hattest Dich mit überflüssigen Selbstzweifeln gequält. Damit kannst Du wahrlich mehr als nur einen Blumenpott gewinnen, Deine Geschichte ist richtig gut. Das anfängliche Mitleid mit dem Totengräber wandelt sich schnell in Abscheu. Das Grauen kommt durch die Hintertür, geschickt von Dir eingefädelt. Sprachlich gelungen, nicht zu sehr historisierend (denn keiner von uns würde die Sprache der Zeit verstehen...). Die von anderen Kommentatoren bemängelten wenigen Gefühle sind m.E. genau zeitgemäß getroffen, das Individuum sah sich zu diesen Zeiten anders. Gefällt mir! Liebe Grüße, Malea.
Hallo Angela, grandios! Ich bin zwar nicht hingerissen - dafür ist das Thema zu ernst - aber begeistert. Du hast es geschafft, deinen Protagonist trotz aller Abstumpfung menschlich bleiben zu lassen. Viele Grüße Carola
Dass der Mann kein Mitgefühl mehr hat, kommt wirklich gut an. Das ist für mich aber schon fast schon zu distanziert. Ich lese gerade einen Roman aus dieser Zeit, dazu passt das Thema deines Textes sehr gut. Du hast viele Fakten eingebaut, die ich sehr informativ finde.
An diesem Prunkstück von Text hast du also in der letzten Zeit so still und leise gearbeitet! Ich bin sehr beeindruckt - vielleicht sollte ich bei dir in die Lehre gehen! Vor allem gilt meine Bewunderung der Tatsache, dass du den Ich-Erzähler so glaubhaft in seiner irrigen und abgestumpften Art rüber gebracht hast. Und die Fakten! Eine Kopfprämie für erschlagene Juden, er würde bei diesen Morden zu seinem Seelenheil beitragen! Im ersten Teil lief es mir auch kalt den Rücken runter, weil es eine so glaubwürdige Beschreibung der Ekel-Arbeit war und ich dachte "Na ja, irgend jemand muss ja die Toten begraben". Yersinia pestis = die schwarze Pest! Aber dann zeigte sich der wahre Charakter deines muskelbepackten Bauern, als er mit seinem Schicksal haderte, dass er NICHT SELBER zuschlagen durfte. So, nun habe auch ich einen Text bei dir gut, in dem überhaupt keine Lillilu ist (wie du immer sagst), also wo auch ich mal so richtig ekelhaft in die Vollen gehen darf, oder? Ganz liebe Grüsse, Lillilu
Der Sohn einer armen Bauersfamilie ist abgestellt, Massengräber für Pestopfer auszuheben. Ich hab mich gewundert, dass er nachdachte, wie es wohl im Hochsommer bei voller Hitze sein würde. Ich dachte mir, der müsse viel panischer sein, mit seinem Dasein schon abschließen, hier bei all den Leichen. Später lieferst du die Lösung: Pestblatt und Rosenkranz beten. Sätze wie diese: Sie quetschen den Zehnten aus uns heraus und leben bereits im Überfluss. Ich jedenfalls habe noch nie einen ausgemergelten Pfaffen gesehen. ... gefallen mir am besten. Die klingen absolut authentisch für den Bauersjungen. Obwohl die ganze Geschichte wirklich toll geschrieben ist und du eine Menge Recherchematerial unaufdringlich hast einfließen lassen, wirkt sie auf mich ein ganz klein wenig zu distanziert und zu wohlformuliert, für das, dass sie aus der Sicht eines einfachen Bauernjungen des 14. Jhd.s geschrieben ist. Nichts desto trotz klasse Arbeit, Angela. Weiterhin so viel Erfolg, lg. ju bli
Sehr beeindruckend, ganz toll gemacht! Auch die Sprache hast du so gewählt, dass sie in die Zeit passt und doch gut zu lesen ist. Den ersten Teil mit der Beschreibung der Leichen und der Totengräber-Arbeit fand ich noch besser als den mit den Juden, da ist es mir richtig kalt den Rücken runtergelaufen am Anfang. Eine authentische Erzählerstimme, bravo!
Grauenhaft zwingender Einblick in die Über - Lebensfähigkeit eines Menschen. Beeindruckende Geschichte!
So ein Gestank! Ich hätte sogar noch viel dicker aufgetragen, denn "Ich habe mich mehrmals übergeben", wirkt fast schon distanziert. Wahrscheinlich hat sich der Grabschaufler die Seele aus dem Leib gekotzt. Aber wie abgestumpft musste er schon sein, wenn ihm der Anblick seiner toten Liebsten nur einen kurzen Gedanken wert ist? Wichtig auch die Erwähnung des "Pestblatts" von den Kirchenraffkes! Logisches Denken sollte folgende Erkenntnis bringen: Wenn der starke Bauer als Judenschlächter in die Stadt ginge, könnte er locker die Extra-Steuer aufbringen und womöglich noch mehr verdienen, als auf dem heimischen Acker. Moralische Probleme hätte er ja nicht. Und vom Abt gäbe es zusätzlichen Segen.
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8070
Ob sie all dem Glück wirklich trauen kann?, fragt sich Martha. Sie räumt das Frühstücksgeschirr zusammen und spült es in dem steinernen Spülbecken. Bevor sie aus dem Haus tritt, reißt sie das Kalenderblatt ab und schmeißt es in den Korb mit dem Feuerholz. 29. März 1931. Es ist ein milder, sonniger Frühlingsmorgen. Einer der ersten warmen Tage im Kappler Tal. Die Forsitienhecke vorne in der Ecke ihres Gartens steht in voller Blüte. Manche nennen sie auch Goldregen. Martha bindet sich die Schürze um und geht über die grauen unebenen Steine. Es ist ein großer Garten, im Vergleich zu dem Häuschen, was dazu gehört. Der Garten und das Häuschen sind seit dem letzten Jahr ihr Zuhause. Nach der für andere wahrscheinlich eher schlichten Hochzeit mit Heinrich war sie zu ihm gezogen. Heinrich ist ein guter Mann, ein lieber, fröhlicher Mann. Fast ein Jahr lang hat er an dem Häuschen gearbeitet, um die alte Mühle die schon lange nicht mehr genutzt wurde zu einem gemütlichen Heim umzubauen. Es war ihm sehr gelungen.
Allmählich hat sie sich daran gewöhnt im Tal zu leben, wo sich die Schatten lang halten und man nicht diesen weiten Blick wie in St. Märgen hat. Wenn man dort vor der Haustür steht, sieht man über die Berge des Schwarzwaldes und weit in die Rheinebene. Martha drückt die kleinen Setzzwiebeln in die warme, lockere Erde. Es ist still und friedlich im Tal. Am Hang gegenüber blöken ein paar Lämmer. Sie muss Heinrich heute Abend unbedingt erzählen, dass sie oft eine leichte Übelkeit verspürt und dass sie das Gefühl hat, dass sich ihr Körper verändert.
Auf dem Weg, der ins Tal führt erscheint ein mit einem Ochsen bespannter Wagen. Der Wagen ist voll mit Holz beladen und die beiden Waldarbeiter haben alle Hände voll zu tun das Tier und den Ochsen heil ins Dorf zu bringen. Die Bremsen quietschen, die Bauern rufen.
Jetzt richtet Martha das Beet für die Karotten. Sie will den Garten so wie sie es von ihrer Mutter gelernt hat mit allem möglichen Gemüse bepflanzen.
Wir werden leben wie im Paradies, denkt Martha. Heinrich hat Arbeit beim Schuster im Ort, zumindest für das nächste halbe Jahr. Heute Morgen war mit seinem alten klapprigen Rad und der Mütze auf dem Kopf den abschüssigen Weg davongeradelt. Dabei sah er aus wie ein fliegender Holländer.
Martha richtet sich auf und streckt ihren Rücken. Drüben am Bach blühen die Weidenkätzchen. Auf der anderen Seite des Baches geht es steil den Hang hoch. Dort will Heinrich einen Stall für die Ziegen bauen.
Wenn er heute Abend nach Hause kommt, will sie ihm Bohneneintopf servieren mit weißen Bohnen und Speck und Brot dass sie selbst gebacken hat und immer trinkt er dann noch ein Glas Most zum Essen. Die Bohnen hat sie schon heute früh ins Wasser gelegt.
„Frau Huber, Post für sie!“ Der Briefträger steht am Zaun mit Schnauzbart und einer prallgefüllten Ledertasche am Fahrrad. „Jetzt kommt der Frühling. Heut` ist doch ein schöner Tag!“
„Ja, heut `ist es herrlich!“ antwortet Martha. Sie geht zu ihm hin.
„Bitte schön. Ja, ja“, sagt der Briefträger. „Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt. Adieu. Frau Huber.“
„Adieu.“
Martha setzt sich mit ihrem Brief auf die Bank an der Hauswand. Theresia, ihre alte Schulfreundin, die nach Frankfurt geheiratet hat schreibt ihr. Sie erzählt von unruhigen Zeiten und von Arbeitslosigkeit und Hunger in der Stadt.
Da haben wir es gut, denkt Martha.
Außer zwei Kleinigkeiten habe ich an dem Text nichts auszusetzen: Ich glaube, wenn Martha schwanger ist, merkt sie es als erstes, weil sie nach zwei Wochen ihre Regelblutung nicht bekommt, nicht an Übelkeit, spannenden Brüsten oder dicker werdendem Bauch. Ohne ihre Vermutung, schwanger zu sein, würde sie wahrscheinlich von so einer Bagatelle wie Übelkeit nicht ihrem Mann erzählen. Deshalb würde ich beschreiben, wie sie die Veränderung wahrnimmt und sie Heinrich von dem Kind erzählen lassen. "Morgens hatte sie sich übergeben. Und ihre Blutung war auch ausgeblieben. Ihre Brüste schmerzten. Heute Abend würde sie es Heinrich sagen: Liebster, ich glaube, wir bekommen ein Kind. - Er wünschte sich einen Sohn." Das geht natürlich auch kürzer. Die Bezeichnung "fliegender Holländer" finde ich nicht passend, da es sich hier ja um einen verfluchten Kapitän auf einem Geisterschiff handelt. LG Metta
Es ist schön, einmal eine Geschichte zu lesen von einem Menschen, der nicht mit seinem Schicksal hadert, sondern der mit sich und seinem Leben zufrieden ist. Dass Forsythien auch Goldregen genannt werden, wäre mir jedoch neu. Meines Wissens sind das zwei verschiedene Sträucher.
Hallo Ruth, deine Geschichte hast du sehr gelungen erzählt. Es ist eine kleine ruhige Geschichte, in der du Martha, ihr Tun und ihre Gefühle in den Mittelpunkt gestellt hast. Die Schwere Zeit, die Martha noch bevorsteht, lässt viele Möglichkeiten zum weiterschreiben offen. Übrigens passt deine Geschichte sehr gut zu meinem Beitrag, der die Hungersnot in der Stadt anspricht. Gruß Ute
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8056
Als die Schulglocke erscholl, raffte Annchen mit einem Griff ihre Bücher zusammen, klappte ihr Pult zu und sprang auf. Diesmal hänselten die Klassenkameraden sie nicht, sondern warfen der Kleinsten der Klasse bewundernde Blicke zu.
Anna hatte einen Aufsatz geschrieben, den der Lehrer, der für die temperamentvolle Vierzehnjährige sonst nur Tadel übrig hatte, vor der ganzen Klasse gerühmt und sogar daraus vorgelesen hatte. "Fabelhaft" fand er Annchens Zeilen über die Heldentaten ihres Großvaters Heinrich. Sie hatte sich auch viel Mühe gegeben, um den zupackenden Fischer und späteren Fischhändler aus Stralsund trefflich zu charakterisieren. In blumiger Sprache hatte der romantische Backfisch beschrieben, wie Heinrich mit Mut und Gottvertrauen 20 Menschen vor dem Tod durch Ertrinken gerettet hatte. Marineoffiziere, Zollbeamte, Handwerksburschen und leichtsinnige Knaben – ohne den beherzten Einsatz von Annchens Großvater wären sie auf Eisschollen jämmerlich erfroren, in der Ostsee ersoffen oder unter dem gebrochenen Eis begraben worden. Eine Rettungsmedaille am Bande aus dem Jahre 1869, versehen mit Stempel und Wappen der General-Commission in Angelegenheiten der Königlich Preußischen Orden, über der "Zu Befehl Seiner Majestät des Königs" prangte, zeugte noch davon.
Schon die bloße Erwähnung der Medaille begeisterte Annchens patriotische Mitschüler. Dabei hatte das vierzehnjährige Mädchen ihnen nur aufzeigen wollen, dass auch kleine Menschen zu großen Taten fähig sein konnten. Der Großvater war nämlich nur einen halben Kopf größer als sie mit ihren mickrigen 1,48 Metern, was Anna in ihrem Aufsatz mehrfach erwähnte...
Vielleicht würden sie ja nun endlich aufhören,
sie fortwährend aufzuziehen...
Jetzt musste nur noch der Opa, der krank daheim lag, von ihrem Triumph erfahren. Annchen lockerte die Schnüre der Stiefel, raffte den knielangen Rock ihres Matrosenkleides und stürmte aus dem Schultor. Heute würde sie nicht die Elektrische nehmen, die die alte Düsseldorfer Pferdebahn vor vier Jahren endgültig ersetzt hatte. Das würde zu lange dauern.
Nach einem atemlosen Dauerlauf durch das mittäglich belebte Oberbilk passierte Anna den Innenhof, in dem der Vater eine Sattler- und Polsterwerkstatt betrieb. Im Bocksprung nahm sie die Rabatten, die die Mutter rund um den Lokus im Hof angelegt hatte, damit die alte Holzbude nicht mehr so hässlich ausschaute. Die elterliche Wohnung lag im Parterre, Anna schlich sich in den frisch gebohnerten Flur. Es duftete nach Rüben, Kartoffeln und Bratfisch, die Mutter klapperte in den Küche mit Töpfen und Pfannen. Nicht nur für die sechs Kinder, sondern auch für Vater, seine zwei Gesellen und den Lehrling wurde mitgekocht, um Punkt 1 Uhr hatte das Mittagsmahl auf dem schweren Buchentisch in der Wohnküche zu stehen.
Annchen hörte ihre Mutter mit den drei älteren Schwestern plappern und hantieren und verlangsamte ihren Schritt, um unauffällig ans Ende des Flures zu gelangen, wo der Großvater seine Kammer hatte. Sie wollte nicht noch kurz vor dem Ziel zum Küchendienst abkommandiert werden.
Seit einer Woche war der Großvater nun schon nicht mehr aufgestanden, so sehr plagte ihn sein Rheumatismus. Manchmal konnte Annchen aus Sorge um ihn nicht einschlafen.
Heinrich Kiesow war erst vor drei Jahren, kurz nachdem seine Frau Anna an Lungenentzündung gestorben war, zur Familie seiner Tochter Anna nach Düsseldorf gezogen. Sein einträgliches Fischgeschäft in Pommern hatte er seinem ältesten Sohn übergeben, der regelmäßig frischen Goldbutt, Dorsch oder Seehecht in Eis packte und per Express auf die Eisenbahn an den Rhein schickte. Annchen liebte es, mit ihrem Vater zum Bahnhof zu kutschieren, um die großen Holzkisten abzuholen. Niemand konnte so gut Fisch zubereiten wie ihre Mutter, und Großvaters Augen blitzten, wenn die heimatlichen Meeresdelikatessen, die ihn reich gemacht hatten, hier am Rhein aufgetischt wurden. Anna war froh, wenn der Alte froh war, denn sie liebte und bewunderte den agilen kleinen Mann, der so gerne sang und so schön Seemannsgarn spinnen konnte, über alles.
Bis auf die Mutter, die ihren Vater pflichtbewusst pflegte, war Annchen die einzige, die solche starken Gefühle für ihren Opa hegte. Ihre großen Schwestern schauten bereits den Garde-Husaren hinterher, die beiden Brüder angelten lieber im Rhein, als sich die ewigen Fischergeschichten von Opa Heinrich anzuhören, und Annchens Vater war der temperamentvolle Alte zunehmend ein Dorn im Auge. Der biedere Rheinländer sah es zwar als seine Christenpflicht an, den Witwer aus Pommern zu beherrbergen, aber manchmal hörte Annchen ihn hinter verschlossener Stubentür wettern. Wenn Vadding, wie Annas Mutter ihren Vater auf plattdeutsch nannte, seine Teerekzeme juckten und die Knochen von der jahrelangen Arbeit auf See schmerzten, konnte ihn eine Kleinigkeit an die Decke bringen. Dann griff er brüllend er in die Kindererziehung ein, machte sich über Kaiser Wilhelms Uniformen lustig und spielte den religiösen Eiferer. Auf seine alten Tage war der Protestant zur Baptistengemeinde übergewechselt, und so manche Goldmark, die Wilhelm sich von dem wohlhabenden Schwiegervater als Zubrot erhofft hätte, wanderte nun in den Spendenbeutel der Baptistengemeinde, der der ungeliebte Schwager David vorsaß.
Warum der Vierundsiebzigjährige das tat, glaubte Annchen zu wissen. Der gottgläubige Großvater litt wohl unter einer Schuld. Ihm, dem Menschenretter, war mit Davids Frau, seiner Erstgeborenen Bertha, etwas Schlimmes passiert. Aber darüber wurde kein Sterbenswörtchen mehr gesprochen und Annchen wollte nicht weiter darüber nachdenken.
Der Duft von Franzbranntwein schlug ihr entgegen, als sie leise die Tür zur Kammer öffnete. Die Mutter hatte ihren rheumakranken Vater unlängst frisch damit abgerieben und ihn anschließend so gut unter dem dicken Federbett verpackt, dass nur noch sein Kopf hervorlugte. Er schlief und als Anna sich den Schemel vor dem Bett zurechtrückte, musste sie den Impuls unterdrücken, seine buschigen Augenbrauen und den borstigen Schnurrbart glatt zu streichen. Das wenige Haar, das ihm noch geblieben war, kräuselte sich um sein kahles Haupt wie ein Heiligenschein.
"Großvadding" flüsterte sie dreimal, bis der Alte die Augen aufschlug. Als Heinrich seine Enkelin erblickte, richtete er sich mit einem Ruck auf.
"Na, mien Deern, wie geit di dat?"
fragte er und wirkte auf einmal hellwach. "Ausgezeichnet, Großvadding", entgegnete Annchen und strahlte. Außer ihrer Mutter war sie die einzige in Familie, die sein pommersches Platt verstand und zur Not auch sprechen konnte.
"Ich muss dir eins was erzählen", fuhr sie fort. "Der olle Kruse hat mich heute vor der ganzen Klasse gelobt für meinen Aufsatz".
"Wat förn Aufsatz?" wollte Heinrich wissen. Ihre Stimme überschlug sich, als sie ihm alles erzählte. Der Alte schüttelte erst ungläubig den Kopf, aber ein gewisser Stolz lag doch in seinem Blick.
"Got, dat sich wenigstens einer dran erinnern dot", lobte er Anna. Von der Rennerei hatte sich die steif geplättete Schleife, die ihren Pferdeschwanz zusammenhielt, gelockert und eine Strähne ihres langen schwarzen Haares fiel ihr über den weißen Kragen. "Ich werde auch immer Menschen retten, die in Not sind", rief sie. "Ich traue mir das wohl zu!" Der Großvater steckte eine kräftige Hand unter der Decke hervor und täschelte seiner Enkelin die Wange.
"Vertrau Du nur auf Gott, denn in seinen Händen liegt unser aller Schicksal", sagte er dann.
Auf einmal wurde er ganz still, schloss die Augen, sein Atem ging schwerer. Anna hielt die Luft an. Sicher dachte er jetzt an Bertha, die, wie sie vor geraumer Zeit die Erwachsenen hatte tuscheln hören, im Kindbettfieberwahn aus dem Fenster gesprungen war. Großvater hatte Berthas Bett die Nachtwache gehalten. Noch auf sie zugesprungen war der Alte, als er die Tochter da so verwirrt auf dem Fenstersims stehen sah. Doch ihr Nachthemd entglitt seinen Händen und so stürzte sie in den Tod.
Anna war überzeugt, dass sie Gedanken lesen konnte, als es aus plötzlich aus ihm herausbrach.
"Gott ist mein Zeuge", schluchzte er.
"Geflogen ist sie, wie ein Engel. Nicht halten hab' ich sie können. Abgerutscht sind meine Hände. Als er da oben das so gewollt hätte."
Annchen, die sonst selten um einen Kommentar verlegen war, wusste darauf nichts zu entgegnen. Sie nickte nur und versuchte, ihrem weinenden Großvadding mit einem sanften Händedruck Trost zu spenden.
Fast schämte sie sich für ihren Eigennutz, mit dem sie die Lebensretter-Geschichte wieder aufgewärmt hatte. Statt ihn zu erfreuen, hatte sie den kranken Mann nur aufgewühlt.
Als plötzlich die Mutter im Zimmer stand, war Annchen fast froh.
"Hier bist du also", keifte die stämmige Frau und stampfte mit dem Fuß auf. "Statt uns nach der Schule in der Küche zu helfen." Sie hatte genauso viel Temperament wie ihr Vater.
Anna sprang von ihrem Schemel auf und senkte schamhaft den Kopf. Jetzt nur keine Backpfeife...
"Die Deern leistet mir ein wenig Gesellschaft. Nu mecker man nicht", lenkte der Großvater ein. Er schnäuzte sich lautstark, um mit dem riesigen, frisch gestärkten Taschentuch seine Tränen zu verbergen. Vor seiner Tochter, und war sie ihm auch noch so ähnlich, wollte er sich wohl keine Blöße geben.
Im Nu war er wieder der Alte, zwinkerte seiner Enkelin zu und begann zu summen.
"Annchen wollte mit mir noch ein Lied singen, bevor sie mir den Fisch bringt".
"Na, denn man tau", sagte die Mutter und marschierte wieder Richtung Küche.
Dankbar hockte sich Anna wieder hin und guckte Heinrich fragend an.
"Was singen wir denn?"
Heinrich stimmte mit fester Stimme sein Lieblingslied an:
"Auf, Matrosen, die Anker gelichtet
Segel gespannt, den Kompaß gerichtet!
Liebchen ade! Scheiden tut weh
Morgen geht´s in die wogende See".
"Dort draußen auf tobenden Wellen"
stimmte Annchen mit heller Stimme ein. Auch sie schätzte das Lied, weil es sie an Opas schöne Heimat erinnerte, wo sie so gern die Ferien verbrachte, und sang aus voller Kehle mit ihrem Großvater im Duett:
"Schwankende Schiffe an Klippen zerschellen.
In Sturm und Schnee wird mir so weh
daß ich auf immer vom Liebchen geh'.
Ein Kuß noch von rosigen Lippen
und ich fürchte nicht Sturm und nicht Klippen
Brause, du See! Sturmwind, o weh!
wenn ich mein Liebchen nur wiederseh'
Die letzte Strophe überließ sie dem Großvater.
Jetzt hatte ihn endgültig das Heimweh übermannt und er musste tief Luft holen, bevor er mit zittriger Stimme zum Ende kam:
"Und find ich die Heimat nicht wieder
und reißen die Wogen mich nieder
Tief in den See: Liebchen ade!
Wenn ich dich droben nur wiederseh!"
Annchen schluckte schwer, denn als der letzte Ton erklungen war, wurde ihr vollends bewusst, dass Großvater Heinrich im Begriff war, seinen unbändigen Lebenswillen zu verlieren und heim wollte – zu all den Lieben, die er nicht hatte retten können.
(ich habe versucht, diese Geschichte aus alten Erzählungen und Tagebuchaufzeichnungen meiner lange verstorbenen Großmutter Anna zu spinnen. Sie litt zeitlebens darunter, dass sie so klein war, hat sich aber niemals unterkriegen lassen. Das war eine schwere Geburt und ich bin froh, dass ich's hinter mir habe.
Die wenigen Brocken Plattdeutsch mögen falsch sein, es fand sich auf die Schnelle niemand, der das hätte überprüfen können).
Liebe Frog, ich komme leider erst jetzt dazu mich hier zu melden. Hoffe, du willst überhaupt noch meinen Senf dazu hören. Also, ich schließe mich allen anderen an, was die "dramaturgische" Aufbereitung dieser Geschichte betrifft - es ist alles in schönen Bildern zu sehen. Auch deine Sprache fand ich sehr angemessen. Wobei ich für einen Moment stutzte, waren die unterschiedliche Bezeichnungen von Heinrich: Opa, Großvater, Opa Heinrich. Im ersten Teil versuchte ich eine zeitliche Zuordnung zu treffen und las "1869", dann kamen die Heinrich-Bezeichnungen und ich wußte erst wieder wo ich zeitlich war, als das Wilhelminische Zeitalter ausgesprochen wurde (Schnürstiefel reichten mir zu Orientierung nicht). Danach war alles klar. Ich denke, es ist für Aussenstehende immer schwierig sich in Verwandtschaftsverhältnissen zu orientieren, wenn mehrere Personen auftauchen. Die Geschichte ist flüssig und liebevoll erzählt, aber du hattest erwähnt, dass es dir schwergefallen sei, sie zu schreiben. Ich denke, dass man bei realen Familienmitgliedern etwas gehemmt ist, weil man ihnen gerecht werden will, während man bei Menschen, die man sich ausdenkt hemmungsloser schreiben kann. So hat alles seine Vor- und Nachteile. P.S. Hattest du einen schönen Geburtstag? LG Lillilu
Eine Geschichte, die immer mehr an Tiefe gewinnt, besonders durch die schöne Szene in Großvaters Zimmer. Als Österreicherin habe ich keine Ahnung von Plattdeutsch aber alles ist für mich stimmig, - die Zeit, die Details und die Gefühle des Mädchens und ihres Großvaters. Ich denke, dass die historische Genauigkeit und korrekte Mundart (in welcher Sprache immer) alleine keinen Leser verführen würde, ein Buch zu Ende zu lesen, - dieser Text tut es jedoch. Es muss auch schön sein, in der eigenen Familiengeschichte den Impuls und den Anker für so eine Erzählung zu finden!
Eine wunderschöne und auch ein bisschen traurige Geschichte. Doch das steht ihr gut. Weiter so! Viele Grüsse, Numungo (7529, 8227).
Schön das Deine Großmutter Tagebuch geschrieben hast. Du hast daraus eine wunderbare Geschichte gemacht. Dein Plattdeutsch hört sich gut an, egal wenn nicht alles stimmt.Kam aber gut rüber.L.G Benita
Das hat mich sehr gefangengenommen und ich gratuliere dir! Ich konnte mich sehr gut hineinversetzen und das ist mein erstes Kriterium, dass ich im Text verschwinde und der Text auch und ein innerer Film entsteht. Sehr sehr liebevoll geschrieben, man mag die Menschen, die vorkommen. Ich freue mich darauf, mehr davon zu lesen. Es wäre sehr nett von dir, wenn du die Nummern deiner Beiträge auflisten könntest, damit ich alle ansehen kann. Meinst du, das könntest du einrichten? Herzliche Grüße Kerstin
Ich habe beim lesen nicht gemerkt, dass dir der Text viel Mühe bereitet hat. Er ist ausgewogen, liest sich klasse und hat alles, was eine Story braucht. Ich bin begeistert. ;O)
Hallo Frog. Eine sehr schöne Geschichte, die mir fast die Tränen in die Augen getrieben hat. Spannend von Anfang bis Ende. Wie geht es weiter? Viel Erfolg ursula (7762)
Deine Geschichte ist sehr schön. Besonders gut gefallen hat mir, dass Annchen als Ich-Erzählerin berichten durfte und du nicht eine 3.-Person-Erzählung daraus gemacht hast. Daher war ich in Großvaddings Kammer bei der Schlüsselszene ganz dicht dabei und wurde nicht außen vor gehalten.
Rührend. Vor allem deswegen, weil die geschilderten Gefühle begründet sind. Die Abschnitte mit direkter Rede wirken am stärksten. Auch das Gesangsduett mit vollständigem Text passt gut in die Stimmung. Ich hätte noch mehr Beiwerk zwischen die Liedzeilen gelegt. Hemmend gegen den Lesefluss wirken überlange Klammersätze, wie im ersten Abschnitt:"Eine Rettungsmedaille ... , ... , ... , zeugte davon". Besser : "Eine Rettungsmedaille am Bande zeugte davon. 1869 mit Stempel und Wappen versehen von der ... Commission..., mit der Inschrift "Zu Befehl...""
Hallo Frog, Deine Geschichte nimmt zwar einen langen Anlauf, bevor es losgeht, hat mir aber gut gefallen. Durch die Verwendung verschiedener Stilmittel wirkt sie lebendig. Ausserdem eröffnen interessante Konfliktlinien, so dass das Ganze sicher ausbaufähig ist. An einigen Stellen könntest Du noch etwas straffen. Das gilt gerade für den Anfang, der auf mich ein bisschen langatmig wirkte. So könntest Du z.B. das "mit einem Griff" streichen, da schon das "Raffen" die schnelle Bewegung impliziert. Auch den Nachhauseweg würde ich kürzen. Je weniger Worte Du darüber verlierst, desto glaubwürdiger wird die Eile. Bei der Gelegenheit würde ich gleich ein paar Adjektive mit ausmerzen. Viele Grüße Carola (#7702)
Mag es auch für Dich eine schwere Geburt gewesen sein, das lange und schmerzhafte Pressen hat sich gelohnt ;-) Für mich war es ein Vergnügen Deine Geschichte zu lesen. Du zeigst uns die Zeit, die Lebensumstände und die Gefühle der Personen. Die Fakten fließen geschickt in die Handlung mit ein. Ein paar Sätze sind mir ein wenig zu lang und sperrig, an ein paar Stellen hast Du etwas umständlich oder unglücklich formuliert. z.B. lass die Schulglocke doch einfach klingeln, ich bin mir nicht mal sicher, ob "erscholl" grammatikalisch stimmt. Aber das sind alles Kleinigkeiten, insgesamt ein gelungener Text. Liebe Grüße, Malea.
Hallo Frog, die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Die Beiden Hauptprotagonisten, der Großvater und Anna sind durch und durch glaubhafte Figuren. Um sie und ihr inniges Verhältnis dreht sich der Mikrokosmos der Familie. Und um diesen der große Kosmos der Arbeit, des Alltags und der Vergangenheit. Ich fand die Geschichte sehr spannend!!! Chapeau, so sagt man doch oder? viele Grüße Andrea
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8053
Nicht weniger als elf verschiede Kutschen biete ich beförderungsheischenden Herrschaften an, da alle Welt ständig woanders zu schaffen hat, als gerade am eigenen Aufenthalt. Das Geschäft gestaltet sich unter braven Gehilfen so günstig, dass mir ein hübsches Einkommen verbleibt und viele Mußestunden. Ein gleiches lässt sich von meiner Apotheke sagen, der ich nur gelegentlich einige ordnende Besuche abstatte, denn mein Wissen um die Wirkstoffe der Natur habe ich schriftlich niedergelegt und den Doctores der Heilkunde zur Einsichtnahme angeboten. Deren Erkenntlichkeiten wiegen weit über den geringen Gebühren für Tees und Pülverchen. So erleben mich Freunde als doppeltes Wesen, einen Botaniker und einen Liebhaber von fein konstruierten Fahrzeugen. Gerne bereite ich einem wohlgeschätzten Mitmenschen das Vergnügen, weil es auch das meinige ist, gelegentlich selbst die Fuhrpeitsche zu schwingen.
Schon zehn Tage vor dem Termin hatte mich der gute Klaj in meinen Schnieglinger Stallungen aufgesucht und daselbst nicht nur die ausstehenden Entgelte früherer Droschkendienste ganz richtig geglättet, sondern sogar für Freitag, den 14. Oktober 1644 einen Reichstaler vorgestreckt. Dazu hatte er mir eingeschärft, pünktlich nach der Morgenandacht zur Stelle zu sein. Pfarrer Johann Klaj war nämlich geladen zur Doppelhochzeit in Schwaig. Dort verehelichten sich zwei Töchter der angesehenen Patrizierfamilie Tetzel aus Kirchensittenbach, nämlich die gute Clara mit dem Oberförster des Waldalmosamts Neunhof, sowie die strebsame Maria mit dem Gildemeister der Sattler von Nürnberg. Nun denn!
Munter ging es durch den Lorenzer Reichswald und meine beiden Haflingerstuten Polna und Wirna schlugen lustige Funken mit ihren neuen Hufen, sobald Kiesel auf dem Fahrweg hervorlugten. Bald gesellte sich mein Fahrgast zu mir auf den Kutschbock, denn, obschon kaiserlich gekrönter Poet, wollte er die Wirkung seines Hochzeitsgedichts auch an mir, Johann Stöberlein, erproben. Ich war auf das höchste verwundert , glaubte ich doch zunächst, er mochte mir vielleicht etwas predigen. Aber gar zuckrige Zoten zerrten mir das Ohr bis unsere gute Grille mit dem ganzen Gefährt, weiß nicht wie geschwind, durch das Tor unseres Ziels hindurchrappelte.
Wie anders als gemeinsam mit den übrigen Kutschern der vielköpfigen Festgesellschaft tändelte ich in den Hinterhöfen, denn es galt, die Zugtiere zu versorgen, dort einen Riemen auszutauschen, hier das Verdeck neu zu spannen und vergnügliche Abwägungen anzustellen zwischen den Karossen und ihren Betreibern. Kaum einer derjenigen, die des Anweisens gewöhnt sind, will mir glauben, welche Belustigung mir aus dem achtungsvollen Umgang mit geradlinig denkenden Gesellen zuwächst.
Der Mieter einer eleganten Berline hieß Georg Philipp Harsdörffer. Mit deren Kutscher Kaspar Scheuner war ich schon lange befreundet und dieser wiederum wusste von dem Wettstreit, den Harsdörffer gegen Klaj mittels der bestellten Hochzeitsgedichte austragen sollte.
Unterdessen tönte es hochgestimmt aus den Sälen des Jagdschlosses. Auch vergaß man keineswegs, uns Schwagern ordentlich Bratwurst und Kartoffeln herauszureichen.
Aber nicht ungern folgte ich dem verstohlenen Wink einer Mamsell,
die wohl ein wenig Hilfe beim Rücken eines Krautfasses benötigte.
So war es mir später ein leichtes, hinter einer Durchreiche zu erlauschen, wie das Dichterpaar geehrt werden sollte. Offenbar aber waren sie sich derart ebenbürtig, dass der bereitgestellte Blumenkranz ohne Träger bleiben würde.
Unter höflichen Verbeugungen wiesen sie sich gegenseitig den Vortritt zu. Schließlich pflückte jeder nur eine einzige Blüte aus dem Gebinde, das als Preis gedacht war.
Die Rückfahrt verschlief mein lieber Klaj ob reichlich genossenem Riesling, doch anderntags war zu erfahren, die dichtenden Hochzeitsgäste hätten auf Anregung von Harsdörffer beschlossen, einen neuen Poetenverein zu gründen. Bezogen auf die örtlich strömende Pegnitz und auf den blumigen Anlass wählten sie den Namen "Pegnesischer Blumenorden".
Bin beeindruckt von deiner Ausdruckskraft. Allerdings, so muss ich gestehen, habe ich der Erzählung deines kleinen Nasenbohrers in Übung 5 lieber gelauscht, als der gespreizten Sprache von Johann Stöberlein. Man muss sich beim Lesen schon Zeit lassen. Dementsprechend stelle ich es mir aufwändig vor, so zu schreiben. Aus der Feder rinnt die Geschichte sicher nicht. Mir würde wahrscheinlich sogar die Tinte eintrocknen.
Respektable Zurschaustellung deines Sprachvermögens. Einen ganzen Roman würde ich mir allerdings nicht antun. Auch hätte ich mich zur damaligen Zeit lieber mit einem gewöhnlichen Bierkutscher unterhalten, als mein Ohr durch Stöberleins Gelaber zu ermüden.
Die Gründung des Poetenvereins hat mich die Augenbrauen heben lassen. Ansonsten bin ich zwar beeindruckt über deine Konsequenz, in dieser geschwollenen Sprache weiterzuschreiben, kann mich aber mit dem Text nicht anfreunden. Noch zwei Absätze mehr, und ich hätte aufgegeben. Naja, man kann eben nicht jeden erreichen.
Tja, lieber Ginko, etwas anderes hätte ich von Dir, Meister der Worte, auch nicht erwartet. Schon Deine Kommentare sind immer wieder ein Vergnügen, jeder Schuss ein Treffer ;-) Wenn es denn diesmal die Vergangenheit sein soll, dann aber auch in der Sprache derselben. Schön, es ist Dir gelungen, ein wahrer Kunstgenuss. Und wahrscheinlich bist Du auch noch Mitglied im "Pegnesischen Blumenorden" (ja, natürlich hab ich den gegoogelt), oder wärst es zumindest ehrenhalber... Allerdings, ein kleines Tröpfchen Wermut soll es dann doch noch sein: So sehr ich den kurzen Text genossen habe, einen ganzen Roman in diesem Duktus stelle ich mir für Leser (und Autor!) zu anstrengend vor. Liebe Grüße, Malea.
Interessant der sachlichstolze Blick aus der Perspektive des Erzählers.
Ein beachtlicher Text! Ich brauchte etwas mehr Konzentration ihn zu lesen. Den Sprachstil hast du durchgängig beibehalten, die Geschichte ist auch stimmig. Sogar den Orden gibt es :-).
Kein Text zum schnellen Überfliegen. Aufgrund der herrlich altmodischen Sprache ist man gezwungen, den Text langsam zu lesen, was den Genuss steigert./ Ich habe keine Ahnung, ob man 1644 tatsächlich so sprach; für mich hört es sich jedenfalls 'passend' an.
Hallo Ginko! Deine Sprache passt zur Zeit, obwohl ich die nicht genau fest machen kann. Allerdings finde ich, dass sie sich schwer lesen lässt, was nicht unbedingt ein Nachteil ist. Die Übung hast du gut gelöst, aber wo ist die Spannung? Kleiner Tipp: Meintest du neue Hufe oder neue Eisen? LG Sylvia
Bin beglückt, wieviel ich hier dazu lernen kann. Die Entstehung des Blumenordens aus der Sicht des Kutschers und Apothekers zu beschreiben, halte ich für eine interessante Lösung Die historische Person Johann Stöberlein wurde meinen Recherchen zufolge allerdings erst 1636 geboren – wenn Du ihn meintest, wovon ich auszugehen muss, hast Du Dich verrechnet. 1944 bei Gründung des Ordens war dieser Stöberlein noch ein Kind...aufgenommen in den Orden wurde er erst 1672. Ansonsten: In Deiner Geschichte steckt ungeheuer viel Arbeit und die Thematik ist faszinierend. Wirst Du daran anknüpfen?
Hallo Ginko, zugegebenermaßen tue ich mich schwer mit dem Kommentar. Du schreibst sehr blumig, was erstmal gut zum Namen des Vereins passt. Allerdings - und da beginnen meine Probleme - ist die Sprache eher die des ausgehenden 18. bzw. beginnenden 19. Jahrhunderts. Ich fühle mich an Eichendorff erinnert. Deutsche Romantik statt Barock, der es doch eigentlich sein müsste. Nun könnte man sagen - alt ist alt, aber macht man es sich da nicht etwas einfach? Bzw. macht man es dem Leser nicht unnötig schwer? Beim Lesen empfinde ich jedenfalls diesen Stil auf Dauer als schwülstig und überladen. Viele Grüße Carola
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8032
Charlottes Händchen zitterten vor Aufregung, als sie versuchte, die Knöpfe ihrer Stiefel zu schließen. Fräulein Luise lächelte,kniete nieder und half ihr.
"Nicht so ungeduldig, kleines Fräulein, die Postkutsche fährt schon nicht ohne dich ab. Du hast noch eine gute halbe Stunde Zeit."
"Aber die Frau Mama hat gesagt, ich solle ja pünnktlich sein, sonst nimmt sie mich nicht mit" erwiderte das Kind und griff nach seinem Häubchen. "Meinst du, die Tante wird sich freuen uns zu sehen? Und wie wohl das neue Baby aussieht. Ich hätte auch so gerne ein Geschwister zum Spielen."
Das Fräulein schob Charlottes braune Locken unter die Haube und band die Schleife unterm Kinn zusammen.
"Meinst du, der Storch bringt uns auch ein Baby?
Eine leichte Röte färbte Luises Wangen, als sie antwortete:" Stell nicht solche Fragen, das ziehmt sich nicht."
"Warum nicht? Bei Tante Berta war der Storch schon drei mal, das ist ungerecht. Ich glaube, der Storch hat sich verflogen. Das neue Baby war bestimmt für uns. Ich werd die Frau Mama nachher fragen."
Das Fäulein blickte jetzt streng auf Charlotte herab. "untersteh dich, so etwas fragt man seine Mama nicht."
Hallo Mara Kurz aber sehr bündig hast Deine Geschichte geschrieben. Der Inhalt ist süss und sagt viel aus. Super!
Kurzer Text mit viel Inhalt. Gefällt mir sehr gut!
Hallo Mara, kurz, knapp und knackig. Für mich klingt das alles sehr echt. Nur mit der Rechtschreibung hapert es noch ein bisschen. Viele Grüße Carola (#7702)
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8026
Linda Cuir
Es waren die ersten warmen Apriltage des Jahres 1936. Die Magnolie in unserem Vorgarten stand in voller Blüte und aus den aufgebrochenen Knospen des Kastanienbaumes schoben sich die ersten zarten grünen Blättchen hervor.
In unserem Haus herrschte schon seit Wochen eine rege Betriebsamkeit. Der jedes Jahr fällige Frühjahrputz wurde dieses Mal noch durch die Tatsache intensiviert, dass meine zehn Jahre ältere Schwester Esther in wenigen Wochen heiraten wollte.
Es gab keinen Raum in unserem großen Jugendstilhaus, der nicht bereits von Hilda und Hanna mit Kernseifenwasser geschrubbt und mit einer reichlichen Schicht von Bohnerwachs überzogen war. Das Glas der blitzblanken Fenster spiegelte sich im Sonnenschein. Der Staub auf den seidenen Tapeten im Salon wurde mit Brotkrumen abgerieben. Jedes Mal fragte ich mich dabei, wer wohl diese Idiotie erfunden hatte, aber meine Mutter hielt streng an dieser überlieferten Tradition fest.
Währenddessen stickte die Weißnäherin unermüdlich Monogramme in die unzähligen Betttücher, Tischdecken und Servietten der Aussteuer meiner Schwester.
Mutter lief täglich aufgeregter durch das Haus und scheuchte die Angestellten hin und her. Sie schrieb unendlich viele Einladungskarten, reservierte Hotelzimmer in den noblen Hotels der Stadt Freiburg, plante und verwarf ihre Pläne umgehend wieder. Schlicht, sie war unerträglich. Selbst mein ruhiger, besonnener Vater blieb immer häufiger dem Mittagstisch fern und verbrachte diese Zeit in seinem privaten Büro unseres Bankhauses.
Ich begann meinen Schulweg vom Goethegymnasium nach Hause durch die Innenstadt zu verlegen. Jeden Tag betrachtete ich die Auslagen der Geschäfte ausgiebiger, nur um die Rückkehr in dieses ungemütliche Haus zu verzögern. Dort bemerkte niemand meine Verspätungen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage ich so ohne Aufsehen zu erregen verbummelt hatte, bis es einen entsetzlichen Krach im Hause Rosenfeld gab. Ich hatte den Termin mit der Schneiderin vergessen, die mir das Festtagsgewand anfertigen sollte.
Die Bibliothek war die letzte Bastion, die noch von den Hausangestellten erobert werden musste. Jedes der ungezählten Bücher wurde aus dem Regal genommen und vor dem geöffneten Fenster mehrfach auf- und zugeklappt, bis auch das letzte Körnchen Staub entfernt war. Es fehlten nur noch wenige Exemplare, denen dieser Reinigungsprozess noch bevorstand, als es an der Haustüre läutete.
Zwei uniformierte Männer standen davor. „Heil Hitler“, hörte ich und lauschte neugierig weiter. In barschem Ton wurde Hanna angewiesen, sofort das Reinigen der Bücher zu unterlassen, denn die Nachbarn fühlten sich durch den jüdischen Schmutz gestört. Ein „Heil Hitler“ folgte, die Hacken der Stiefel wurden heftig zusammen geschlagen. Dann hörte ich Hanna, fast flüsternd sagen: „Heil Hitler“. Die Tür wurde laut geschlossen.
Das Fenster der Bibliothek lag ungefähr 15 Meter von dem Gehweg entfernt und war durch unseren mit Büschen und Bäumen verzierten Vorgarten getrennt.
Dieses war aber erst der Anfang der Schikanen.
Die restlichen Bücher wurden wieder an ihren Platz gestellt, ein weiteres Säubern der Bibliothek unterblieb.
Wie jeden Abend versammelte sich die ganze Familie bei Tisch. Nicht nur die Gesichter meiner Eltern wurden täglich besorgter, auch meine Schwester Esther erschien mir sehr betrübt. Eigentlich hätte sie doch vor lauter Glück zerspringen müssen. Sie hatte gerade ihr Staatsexamen als Ärztin mit „Summa cum Laude“ bestanden und ihre Hochzeit sollte in wenigen Wochen gefeiert werden. Vielleicht war es ja gerade dieser Umstand. Ich hatte mich schon häufiger gefragt, was sie an diesem David fand. Er war mindestens zehn Jahre älter als Esther, leicht dicklich mit einem kleinen Spitzbauch und er erschien mir für sein Alter schon recht behäbig. Er war fast immer mit einem schwarzen Anzug bekleidet, dazu trug er einen großen schwarzen Hut und die dicke goldene Kette seiner Taschenuhr war an einem Knopf seiner Weste befestigt. Nie traf ich ihn ohne den Spazierstock mit dem silbernen Knauf und seinen Glacé-Handschuhen. Und das sollte mein Schwager werden? Mir grauste bei diesem Gedanken. Mit seiner strengen Goldrandbrille auf der fleischigen, großen Nase, erinnerte er mich sehr an meinen Großvater. Wie konnte diese gut aussehende, schlanke Esther, nur so einen Mann lieben? Oder liebte sie ihn womöglich gar nicht, war das der Grund für ihr unglückliches Aussehen?
Am nächsten Morgen folgten dann die ersten Absagen der Hotelreservierungen. Die Hoteliers hatten bedauerlicherweise übersehen, dass gerade an diesem Termin ein Stiftungsfest einer Burschenschaft stattfand. Eine knappe Entschuldigung folgte den Zeilen dieser offensichtlichen Lüge.
Mutter legte sich mit Migräne zu Bett.
Nach und nach trafen zuerst die Absagen für die Reservierung des Festsaales ein, kurz darauf die der Zulieferer.
Eine schier unerträgliche Situation entstand.
Dann erfolgte auch noch die überstürzte Kündigung unseres Dienstmädchen Hilda, die sich nicht mehr im Stande sah, ihre Dienste in einem jüdischen Haushalt zu versehen.
An einem Freitagvormittag, es wurde gerade zur großen Pause geläutet, wurde ich in das Sekretariat der Schule gerufen. „Heil Hitler“, begrüßte mich der Mathematiklehrer. Dann folgten die für mich katastrophalen Worte: Ab sofort seien Juden hier nicht erwünscht und ebenfalls auch nicht mehr zu den Abiturprüfungen zugelassen.
Ein Jahr vor dem Abitur!
Die Demütigungen, die ich in den letzten Jahren erfahren hatte, waren schon grausam genug, aber diese Worte waren der Gipfel des Unerträglichen. Was hatte ich Ihnen getan? Meine schulischen Leistungen waren ausgezeichnet. Ich war eine begabte Pianistin. Wie oft bereicherte ich mit meinem Klavierspiel die Schulfeste? Alles zählte plötzlich nicht mehr.
Mir wurde bedeutet, nicht wieder in das Klassenzimmer zurückkehren, das Schulgebäude hätte ich umgehend zu verlassen. Einige Lehrer blickten betreten zur Seite, andere wiederum trugen ein spöttisches Lächeln zur Schau. Mit den früher so zahlreichen Freundinnen pflegte ich schon lange keinen Kontakt mehr. Die Schulbank brauchte ich mit niemandem zu teilen, keiner wollte mehr neben einem Menschen minderer Rasse sitzen.
An diesem Tag kehrte ich erst sehr spät am Nachmittag nach Hause zurück. Kein Familienmitglied fragte mich nach meinem Fernbleiben. Sie hatten es wohl schon erahnt.
Stapelweise Briefe mit Absagen der geladenen Hochzeitsgäste folgten. Die Ausreden waren geradezu grotesk. Verwandte aus dem nahe gelegenen Elsass durften nicht mehr nach Freiburg reisen. Freunde aus Holland wollten nicht mehr nach Deutschland kommen. Nachbarn waren plötzlich verhindert. Die Hochzeitsgesellschaft schrumpfte so innerhalb weniger Wochen von 150 auf 40 Personen zusammen.
Die Stimmung im Hause Rosenfeld war auf dem Nullpunkt. Nur Esther zu Liebe versuchte Mutter alles Erdenkliche.
Meine Eltern entschieden sich, das Fest in unserem Haus stattfinden zu lassen. Möbel wurden umgestellt, Teppiche zusammen gerollt. Betten aufgestellt, Nachtlager in freien Zimmern oder an anderen verfügbaren Stellen hergerichtet, um die auswärtigen Gäste und die zukünftigen Schwiegereltern meiner Schwester unterzubringen. Alles glich einem Tollhaus.
Wenigstens Gott hatte ein Einsehen. Strahlender Sonnenschein und ein wolkenloser, blauer Himmel begrüßte den Tag. Mutter beschloss daraufhin die Feierlichkeit nun im Garten stattfinden zu lassen. Rasch wurden vorhandene Tische und Sitzgelegenheiten hinausgetragen. Ein Nachbar stellte schweigend Stühle über den Zaun. Er hatte wohl Mitleid, aber keinen Mut. Davids Brüder, Samuel und Raoul bastelten aus Besenstielen und großen Stöcken unter Zuhilfenahme eines übergroßen, reichlich bestickten Tischtuches einen Baldachin. Das kalte Büffet wurde auf den in den Garten führenden Stufen unseres Hauses aufgebaut. „Besondere Umstände erfordern eben besondere Maßnahmen“, hörte ich Mutter sagen. Sie war wieder ins Leben zurückgekehrt und überbot sich geradezu in ihrem Arbeitseifer. Die zierliche Frau Goldberg stand nur staunend im Weg herum. Der reichlich angelegte Brillantschmuck, den sie über ihrem bunten Seidenkleid trug, versprühte tausend kleine glitzernde Sterne im Sonnenlicht. So hatte sie sich die Hochzeit ihres Sohnes sicher nicht vorgestellt.
Die Trauung war für vier Uhr anberaumt. Kurz vorher betrat der Rabbiner das Haus.
Esther sah hinreizend aus in ihrem weißen Kleid aus Brüssler Spitze. Die dunklen Haare hatte sie am Hinterkopf zu einem großen Knoten zusammen gesteckt. Durch die dezente Schminke erschienen ihre fast schwarzen Augen noch größer. Ein zart aufgetragenes Rouge verdeckte ihre Blässe. David trug traditionsgemäß ein einfaches weißes Kleid. Dieses Kleid gilt als Ausdruck der Reinheit und es soll den Ehemann an seine Ehrlichkeit im neuen Lebensabschnitt erinnern. Das Gesicht der Braut wurde durch einem Schleier verhüllt, als Beweis vollsten Vertrauens in ihren Bräutigam. Das Brautpaar und weitere 10 erwachsene Männer versuchten unter dem Baldachin Platz zu finden. Der Rabbiner sprach seinen Segen über einem Becher Wein, aus dem beide Brautleute tranken. Dann folgte der eigentliche Rechtsakt. Zwei Freunde von David waren Zeuge. David streifte Esther einen Ring über den Zeigefinger der rechten Hand und sagte dabei: „Durch diesen Ring bist du mir angelobt nach dem Gesetz Moses und Israels.
Danach verlas der Rabbiner den Ehevertrag. Dieser wurde anschließend dem Brautpaar ausgehändigt. Beide Zeugen hatten diesen unterzeichnet. In diesem Vertrag verpflichtet sich der Mann seine Frau zu ehren, zu kleiden, zu ernähren und ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Außerdem versprach er der Braut 200 Sus zu geben, die ihr beim Tod des Mannes oder bei der Scheidung ausbezahlt werden, sofern sie an der Scheidung unschuldig ist.
Danach sprach der Rabbiner die sieben Hochzeitssegenssprüche und wieder trank das Brautpaar einen Schluck Wein. David zerbrach ein Glas, damit war die Zeremonie beendet.
Mit einem lauten „masel tow“ wurden Braut und Bräutigam dann in den Bund der Ehe verabschiedet.
David kleidete sich um. Jetzt trug er seinen schwarzen Abendanzug. Wir begannen mit dem Festessen und Vater legte dazu Schallplatten mit jüdischer Musik auf unser Grammophon. Alle waren ausgelassen und fröhlich.
Dann eröffneten Esther und David den Hochzeitstanz mit einem Wiener Walzer. Genau in diesem Augenblick klirrten
Scheiben, Rufe drangen zu uns in den Garten und kurz darauf hielten zwei schwarzen Autos vor unserer Haustür. Jeweils vier uniformierte Männer stiegen aus und traten gegen die Tür. „Aufmachen“, schrie einer von ihnen.
Hanna öffnete mit ängstlichem Gesicht die Tür. Danach stürmten sie in unseren Garten. „Heil Hitler“ brüllten sie, die rechten Arme in die Höhe reckend, dann traten mit ihren Stiefeln auf die kostbaren Platten aus Silber und den Schüsseln, die noch mit Resten des Essens gefüllt waren. Die kleine Frau Goldberg begann zu weinen, sie zitterte am ganzen Körper. Einer der Männer, mit einem grobschlächtigen Gesicht ging zu ihr hinüber, riss ihr das Diamantkollier vom Hals und brüllte vor Lachen. Danach wurden meiner Mutter die Smaragdohrringe aus den Ohren gerissen. Auch dieser blutige Akt trug zur Belustigung dieser ungehobelten Männer bei. Nachdem sie auf diese Weise mehr oder weniger den gesamten Schmuck erobert hatten, trat ein weiterer nochmals gegen die Tische, sodass das gesamte Porzellan zu Bruch ging. Der Anführer schrie: „Was haben Juden hier zu feiern? In fünf Minuten ist Ruhe, oder ich lasse Euch Judenschweine abholen, verstanden“? „Heil Hitler“, alle schlugen ihre Stiefel zackig zusammen und verließen den Garten.
Wir drängten ins Innere des Hauses, keiner räumte etwas auf. Viel war sowieso nicht mehr übrig von Mutters teurem Porzellan und dem Silberbesteck. Nur Raoul stellte die Stühle des Nachbarn dorthin zurück. Die neugierigen Gesichter in den umliegenden Fenstern verschwanden. Eine leichte Bewegung der Gardinen war dabei nicht zu übersehen.
Familie Goldberg, zu der nun meine Schwester Esther gehörte, beschloss umgehend Deutschland zu verlassen. Andere Verwandte und Freunde folgten diesem Vorhaben. Auch ich sollte mit Esther und David das Land verlassen. Jeder von mir erhobene Einspruch ließ meine Eltern unbeeindruckt. Ich sollte gehen, um meine Schule zu beenden. Nur meine Eltern wollten bleiben. Vater sah keine Notwendigkeit. Er glaubte wie immer an das Gute im Menschen und an ein schnelles Vorübergehen dieser Situation.
Schon wenige Wochen nach diesem Ereignis fuhren die gesamte Familie Goldberg und ich nach Rotterdam. Dort traten wir drei Tage später die Schiffspassage nach Amerika an.
Wie unsere Ausreisepapiere erstanden wurden, erfuhr ich nie. Vater Goldberg war Diamanten Händler in Amsterdam. Ich vermute die Überfahrt wurde mit glitzernder Ware bezahlt.
In David hatte ich mich vollständig getäuscht, er war der fürsorglichste und umsichtigste Ehemann und Schwager.
Meine Eltern habe ich nicht wieder gesehen. Meine Briefe wurden nie beantwortet.
Hallo Linda, über dieses Thema kann gar nicht genug geschrieben werden. Und wenn es dann noch auf eine so gut recherchierte und sensible Weise geschieht..Super! In diesen Tagen läuft in unseren Kinos "Die Welle" mit Jürgen Vogel. Dieser Film beschäftigt sich mit der Frage wie aus ganz normalen Leuten verblendete Mitläufer werden. Ich werde ihn mir die Tage mal ansehen. Auch weil mich diese Frage immer wieder beschäftigt. Wie ist es möglich... das Hitler an die Macht kommen konnte. Wie ist es möglich dass Menschen zu Serienmördern werden? Wie ist es möglich das Dummheit die Oberhand gewinnt? Die Geschichte hat viele schöne Details. Ein sorgfältiges Sittengemälde. So z.B. die Stelle, an dem der Hausputz beschrieben wird. Besonders die Passage mit den Brotkrumen. Ja wirklich, wer ist jemals auf die Idee gekommen Bücher mit Brotkrumen abzureiben? Obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass der Staub in dem klebrigen Teig gut haften bleibt. Glace Handschuhe. Wie schön. Gut erzählt fand ich auch die Ungerechtigkeit, Willkür und das sinnfreie Zerstörertum der uniformierten Faschisten. Liebe Linda ich habe mitgefiebert und hoffe auf eine Fortsetzung. Viele Grüße Andrea
Schöne Geschichte und gut geschrieben, aber . . . bereits 1933 war die Bücherverbrennung und der nationalsozialistische Judenboykott, der Geschäfte, Banken und sogar Arztpraxen betraf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine jüdische Bankiersfamilie 1936 eine solche Hochzeit plante. Oder irre ich mich? Ein Historiker ist gefragt. Meine Vorfahren haben sich zwischen 1932 und 1934 aus Deutschland zurückgezogen.
Bin sprachlos (im positivem Sinn). Deine Geschichte kriecht unter die Haut und lässt mich vor Scham erröten Deutsche zu sein. / Dein Beitrag gehört für mich in den Geschichtsunterricht der Schulen, da die anonymen jüdischen Opfer hier ein lebensnahes Gesicht bekommen.
Hallo Linda, irgendwie scheint mein erster Kommentar nicht angekommen zu sein. Egal. Hut ab vor dieser Geschichte. Zwar gibt es ähnliche Geschichten immer wieder, aber jede von ihnen erzeugt bei mir die gleichen Beklemmungen. Es ist so unverständlich, wie Menschen innerhalb von so kurzer Zeit von Nachbarn zu Fremden oder Feinden werden können. Genau diese Ratlosigkeit steht auch hinter Deiner Geschichte, die ich zwar nicht schön nennen kann, die aber einfach toll geschrieben ist. Viele Grüße Carola
Eigentlich kann ich dem, was Frog geschrieben hat, nichts mehr hinzufügen. Eine gelungene Geschichte, gut recherchiert und treffsicher formuliert. Liebe Grüße, Malea.
Linda, ich ziehe meinen Hut vor deiner Arbeit! Eine vollständige Geschichte mit den unglaublichsten Einzelheiten. Toll recherchiert! LG Lillilu
Spitzfindige Kritiker mögen hier das eine oder andere Klischee entdecken, aber ich habe Deine Geschichte gern gelesen. Sie wirkt lebendig und stimmig. Auch Aufbau und Stil finde ich gelungen. Selbst wenn man es tausendmal gelesen oder im Fernsehen gesehen hat – so ein Schicksal geht mir unter die Haut und macht mich eigentlich sprachlos.
eine packende geschichte, natürlich in der kürze sehr gestrafft in der abfolge der ereignisse. das "grobschlächtige gesicht" des uniformierten am schluss finde ich ein bisschen zu klischeehaft. es waren ja zum teil gebildete menschen, die dort angriffen. kühles, gefühlloses handeln wirkt noch stärker, als das "grobschlächtige", finde ich.
Hallo Linda, solche und ähnliche Geschichten hört man immer wieder. Jede von ihnen ist beklemmend. Deine auch. Viele Grüße Carola
Sehr packend und mitreißend geschrieben, äußerst berührende Geschichte, wie selbst erlebt - oder ist sie selbst erlebt? zu Beitrag Nr. 8026
Hallo Linda, sehr flüssig und nachvollziehbar geschrieben. Es klingt so, als wärst Du selbst die Schwester des Brautpaares gewesen. Genau so muss die furchtbare Zeit gewesen sein. Wie schlimm, wenn die Primitiven die Macht erobern! Lieben Gruß Margyt
Liebe Linda, ein sehr schöner Beitrag, thematisch und sprachlich, mehr gibt es dazu nicht zu sagen... Kalinka
Hallo, meinem Beitrag möchte ich noch hinzufügen: Ich habe bewusst deutsche Ausdrücke zur Beschreibung der Hochzeitszeremonie gewählt. Ein Nachschlagen der Begriffe wie Ketubba etc. ist vielleicht für einige Leser lästig. Ebenfalls bitte ich um Nachsicht, falls es Fehler trotz einer ausführlichen Recherchen geben sollte. Gruß Linda
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1411 - 1416
„Was ist ein Buchstabe?“ fragte ich meinen Mentor auf der Bildwand. Mir war an meinem 12. Geburtstag ein neuer Chip eingesetzt, mit dem ich in die Vergangenheit gehen konnte. Meine Aufgabe war, den „goldenen Buchstaben zu finden“. Neue, nie gehörte Worte tauchten auf. Was war ein Buch? Die Bildwand zeigte ein Gemälde mit einem Mädchen, das interessiert auf etwas schaute, was ich nicht kannte. „Die Lesende“ sagte mein Sprachsensor, „gemalt von Renoir“. Was bedeutete das? „Heute hast du Bildwände, die dir alles erzählen, was du wissen willst, früher war das anders“, sagte mein Mentor. „Du musstest in einem Buch lesen, wenn du Wissen erlangen wolltest. Computer ersetzten anfangs die Bücher. Sie entwickelten sich rasend bis hin zur Bildwand, die wir heute haben. Die Bücher gingen verloren. Heute braucht sie kein Mensch mehr. Du musst nicht mühselig Zeit verschwenden, um Buchstaben zu erkennen und um lesen zu lernen!“ Das Lächeln der „Lesenden“ verwunderte mich. Das sah nicht nach Zeitverschwendung aus! „Wo finde ich den goldenen Buchstaben?“ fragte ich. „Das musst du selbst herausfinden“, sagte mein Mentor und blendete sich aus.
„Buchmalerei“ – wieder ein Wort, das ich von der Bildwand hörte. Ich drückte meinen Chip auf „Zeitreise“. Der Sensor hielt im Jahr 1411 an. Gilette saß neben mir am Brunnen und weinte. Wir schöpften Wasser für die Küche des Herzogs Johann von Berry. Sie war 12 Jahre alt, wie ich. Paul, der persönliche Diener des Herzogs und Hofmaler, wollte sie heiraten. Ihre Eltern missbilligten die Heirat und waren deshalb in den Turm gesperrt worden. Sie hasste den Herzog, der ein arger Geizkragen und Polterer war. Oft mussten seine Diener ohne Essen ins Bett gehen, während die Knappen sich an den Fleischtöpfen satt essen durften. Paul war anders, ein Künstler durch und durch. Das Stundenbuch, an dem er mit seinen beiden Brüdern Johan und Herman für den Herzog arbeitete, hatte wunderschöne Bilder. Im Stillen bewunderte Gilette Paul. Sie würde bei ihm in dem großen Haus in Bourgos wohnen können, das der Herzog ihm geschenkt hatte. Eigene Bedienstete! Paul war doppelt so alt wie sie, aber das störte sie nicht. Sie hoffte, dass der König ihre Eltern wieder frei lassen würde, sobald diese in ihre Heirat mit Paul einwilligten. Gilette würde Paul eine gehorsame Ehefrau sein. „Er arbeitet an einem Konzept für die prachtvollsten Handschriften,“ flüsterte sie mir zu. Handschriften – wieder so ein Wort. „Ich durfte ihm das Schreibwerkzeug herrichten und dabei ….“ Sie errötete. „Er hat meine Hand genommen und sie gestreichelt.“ „Hast du den goldenen Buchstaben gesehen?“ fragte ich Gilette. „Paul hat viele kunstvolle Buchstaben gemalt, auch goldene und bunte mit vielen Verzierungen.“ Sie schwärmte davon, wie sie ihm über die Schulter schauen durfte und er seinen Federkiel in einem bestimmten Winkel führte. „Weißt du, wenn du die Federspitze verkantest oder schräg stellst, erhältst du feinere oder breitere Striche und Bögen auf dem Pergament. Paul ist so präzise! Viel besser, als die Schreibermönche.“ „Hast du das auch mal versucht?“ fragte ich Gilette, die endlich wieder lachte und sagte: “ Wie kommst du auf so etwas Dummes! Eine Ausbildung als Schönschreiber dauert viele Jahre! Stell dir vor, ich verschreibe mich dauernd und müsste die Tinte mit dem Federmesser vom Pergament kratzen!“ Schreiben war also etwas mühseliges, was nur wenige Menschen konnten. Ich programmierte meinen Chip auf das Jahr 1416, weil ich wissen wollte, ob der goldene Buchstabe im Stundenbuch vorhanden ist. Gilette saß wieder weinend am Brunnen. Den Herzog, Paul und seine Brüder hatte inzwischen eine Seuche dahingerafft. Das Stundenbuch blieb unvollendet. Der Goldene Buchstabe weiterhin eine Illusion, der ich nachsinnen konnte.
Hallo Malea, ohne jetzt besserwisserisch klingen zu wollen: Schreibende Frauen hat es lange vorher gegeben. Die meisten von ihnen waren allerdings Nonnen. Bekannt sind vor allem Gisela (die Schwester Karls des Großen), Roswitha v. Gandersheim, die Nonnen Guda und Guta und, genau zu der Zeit, in der Lichterfields Geschichte spielt, Christine de Pizan. Letztere war keine Nonne, sondern so etwas, wie die erste (bekannte) freischaffende Autorin. Insofern ist die Frage des Protagonisten durchaus nicht abwegig. Viele Grüße Carola
Mir gefällt Deine Geschichte sehr gut. Die Idee ist originell, durch die Zeitreise in die Vergangenheit kannst Du Gilette direkt erklären lassen, was auch uns Lesern nicht bekannt oder klar ist. Aber gib ihr vielleicht besser einen weniger rasiermesserscharfen Namen ;-) Der stärkste Abschnitt ist für mich der, wo der Held in die Vergangenheit gereist ist. Ich habe ein wenig Probleme mit dem goldenen Buchstaben. Er ist mir zu schwammig, ich fände es besser, Du würdest das Rätsel ein wenig weiter lüften. Denn so ist die Motivation des Zeitreisenden für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Warum sollte er das Ding überhaupt suchen? "Meine Aufgabe" ist mir etwas zu dünn dafür. Denn ich will als Leser ja auch heiß auf das goldene Ding werden ;-) Ach ja, noch eine Kleinigkeit, Gilette hätte als Mädchen in jenen Zeiten doch sicherlich keine Möglichkeit zum Beruf des Schönschreibers gehabt, und nicht deshalb, weil es zu schwierig war. Aber meine Kritikpunkte sind durchweg konstruktiv gedacht, insgesamt finde ich, dass Du auf einem sehr guten Weg bist! Liebe Grüße, Malea.
Danke Carola! Ich hatte selbst Schwierigkeiten mit dem letzten Satz! Und eine Freude ist es immer, von dir einen Kommentar zu bekommen!
Hallo Lichterfield, interessante Idee, die Zeitreise wörtlich zu nehmen. Auch die Umsetzung gefällt mir. Nur der letzte Satz ist in sich nicht schlüssig: Wenn feststeht, dass der goldene Buchstabe eine Illusion ist, braucht man auch nicht mehr _darüber_ nachzusinnen. Logischer wäre für mich, wenn der Protagonist darüber nachsinnt, _ob_ der goldene Buchstabe eine Illusion ist. Viele Grüße Carola
Hier wurde die Zukunft mit der Vergangenheit kunstvoll verwebt. Was der Goldene Buchstabe auf sich hat, erschließt sich mir zwar nicht, aber egal. Deine Geschichte habe ich 'in einem Rutsch' gelesen.
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8008
Vielleicht war es vor zehn, vielleicht auch schon vor fünfundzwanzig Millionen Jahren. Die Menschen begannen sich durch intensive Weiterentwicklung ihrer Sprache von den Tieren zu unterscheiden. Das gesprochene Wort ist ja leider nicht überliefert überliefert und die Erfindung des Buchdrucks lag noch in weiter Entfernung. Vor der Frage „Wie haben die Menschen damals gesprochen?“ steht doch die Frage „Worüber haben die Menschen gesprochen?“
Die Schaffung von Werkzeug und die Bändigung des Feuers waren für einige Wissenschaftler wichtige Meilensteine auf dem steinigen Weg der Menschwerdung. Aber Landkarten und GPS gab es damals noch nicht. Es werden also zu einem Teil Wegbeschreibungen gewesen sein. Die Bienen legen tänzeld eine acht auf die Waben und alle wissen, wo es eine neue Nahrungsquelle gibt. Menschen machen es sich in dieser Frage etwas schwerer. Der Weg ist das unwichtigste. Da müssen erst einmal große Debatten geführt werden, ob man sich überhaupt dafür interessieren sollte und wen man als „Testpilot“ vorschicken könnte. Damals existierten noch keine Politiker, deshalb durfte jeder in der dörflichen Runde seine Meinung zum Besten geben. Zum Glück waren die Dörfer damals noch nicht so groß.
„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ - „Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.“ Dieser Spruch entstand erst sehr viel später. In der von mir betrachteten Zeit gab es noch keinen privaten Besitz und damit noch keine Notwendigkeit, sein „eigen Fleisch und Blut“ zu kennen. Es war demzufolge auch keine Ehe notwendig, es gab ja letztlich nichts zu vererben. Es gab aber auch keine Söldner, Polizisten und übergeordnete Gerichte. Eine dörfliche Gemeinschaft musste sich allein gegen Angriffe verteidigen. Und dafür standen nur die eigenen Leute zur Verfügung. Und diese mussten selber „produziert“ werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 24 Jahren. Wie viel Kinder konnten in der zur Verfügung stehenden Zeitspanne gezeugt und geboren werden? Das schloss eine Päarchenbildung aus. Die Zeit war viel zu gering, um festzustellen, wer vielleicht eine „taube Nuss“ war. Es mussten sich alle zeugungswilligen Männer und gebärfähigen Frauen an dieser Aufgabe beteiligen. Das Dorf, das sich vom Personalbestand her nicht mehr selbst verteidigen konnte, existierte bald nicht mehr.
„Unsere Vorräte gehen aufs Ende zu“, sagt Romulus, ein junger, aber bereits ausgesprochen kräftiger und sonnengebräunter Mann auf der Dorfversammlung. „Und wir brauchen mehr Frauen. Nur fünf der Jungs stehen gegenwärtig in der Ausbildung zum Mann und das auch noch am Anfang. Wenn noch ein paar Jäger auf der Strecke bleiben, können wir unser Dorf nicht mehr erfolgreich verteidigen.“ Jeder der Teilnehmer an diesem Meeting wusste, dass damit wieder einmal zu einem Überfall auf das Nachbardorf aufgerufen worden war. Bei aller Aussicht auf den großen Erfolg konnten natürlich auch die Risiken nicht ignoriert werden. Wenn man selber Sieger war, gab es keine Probleme. Selbst wenn man nur ein paar Nahrungsmittel und Frauen erbeutete, es half schon etwas weiter. Rache war nicht zu erwarten, denn beide mussten ihre Verluste erst wieder ausgleichen. Wenn aber der Angriff schief ging und man selber „Prügel“ bezog, überlebten nur die, die am schnellsten wegrennen konnten. Und die so wieso schon schlechte Situation hat sich damit dann noch weiter verschlimmert. Aber wer denkt schon so negativ?
Mein erster Kommentar: Das ist auch wieder so ein Fragment, was mir schon seit längerem vor meinem geistigen Auge steht. Leider sind aber sowohl die Verknüpfungen zur restlichen Lebensweise in einem damaligen Dorf als auch die Verbindungen zur Jetztzeit noch so unklar, dass ich noch nichts weiteres schreiben kann. Mit einigem Entsetzen habe ich festgestellt, dass ich bisher alles ohne wörtliche Rede geschrieben habe. Ich weiss nicht einmal, wie die wörtliche Rede gemäß neuer (und alter) Rechtschreibung korrekt angewendet wird.
Für mich ist dein Text ein zu schnell gefasster Überblick über eine Zeit, die kein Datum hat und deren Datum ja auch nicht fest sein soll. Eine Herausforderung aus dieser Zeit zu berichten. Um das ganze lebendiger und fließender zu gestalten, würde ich die Ich - Form wählen und konkret eine Person zu Wort kommen lassen. Die Fragmente lassen sich sicherlich schon in eine kleine Geschichte packen.
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7955
Ich bin weit gereist,seitdem ich Ihnen die Übung mit der Figur aus einem fremden Land gestellt habe.
Marokko ist ein wunderbares Land. Ich hatte die Möglichkeit Land und Leute kenne zu lernen.
Marakesch ist eine Stadt mit tausenderlei Abwechslung. Gaukler,Schlangenbeschwörer,Feuerschlucker, Wasserträger,Akrobaten und sonst noch eine menge anderer Schausteller bevölkern den grossen Stadtplatz. Natürlich gibt es noch andere Menschen in Marokko. Händler, Maler, Künstler, Weber und noch viel mehr Menschen,die ihren Lebensunterhalt mit verschiedenen Tätigkeiten bestreiten.
Besonders Händler kenne viele Drix um einem etwas zu verkaufen.
Nun mein Mann machte es Spass sich mit den Geschäftsleuten zu messen.
Eine wunderbare Lederjacke hat ihm gefallen. Er probierte sie an und schon war ein Verkäufer aus dem nichts gekommen. Er bries die Ware mit allen möglichen Worten an. Es kam dann zur Preisverhandlung. Am Anfang eine utopische Summe."kommt nicht in frage, so nicht." Mein Mann. "ja, etwas weniger, das ist mein letztes Angebot.Es ist Ramadan,ich muss meinen Kinder am Abend ein Geschenk machen."Die Antwort des Verkäufers.
So ging es einige male hien und her.Am Ende war man dann mit dem Preis einig und mein Mann wollte bei einem Automaten Geld beheben. Es kam aber keines. Also vertröstete mein Mann den Verkäufer auf den Nächsten Tag.
Wir gingen zu unserem Hotel zurück. Nach kurzer Wegstrecke drückte mir ein fremder Mann eine Tüte von hinten in die Hand. "Nehmen sie die Jacke und bringen sie mir Morgen das Geld." Das Wollten wir dann doch nicht und so erklärten wir ihm, dass wir im Hotel das Geld hätten.
Freudig ging der junge Mann mit uns ins Hotel und wartete geduldig auf die Rückkehr meines Mannes.
Er übergab dem Fremden nun das Geld.Sagte ihm aber gleich, dass er ihm weniger gibt und er mir am anderen Tag kein Geschenk geben muss.
Fremdes Land, neue Erfahrung!
Liebe Linda. Ich wollte Dir nicht das Gefühl geben, dass ich deinen Text wegen den Rechtschreibfehlern nicht mag. Mit der Korrektur wollte ich Dir nur helfen. Ich hoffe, Du hast es auch so verstanden. Würde mich freuen, wieder mal einen Text von Dir zu lesen. Übung macht doch den Meister. Lass Dich nicht entmutigen. Liebe Grüsse ursula 7762
Hallo Kerstin. Ich bin Schweizerin und in der Schweiz gibt es auf der Tastatur nur das einfache s. Deshalb findet man in meinen Texten diese Schreibweise. Ich hoffe, du kannst den Text trotzdem lesen. Viele Grüsse ursula (7762)
Liebe Linda, mein Bruder malt und hat gerade einen Urheberprozess "am Hals", weil er sich eine Vorlage (Foto) aus dem Internet heruntergeladen hat und nicht auf die fremde Urheberschaft hingewiesen hat. Die Idee, aus dem Buch von Louise Doughty zu zitieren, finde ich witzig, allerdings glaube ich, bleibt sie auch in der Übersetzung Urheberin (vielleicht aber auch die Übersetzerin). Und damit Dir nicht das Gleiche passiert wie meinem Bruder, wäre es vielleicht besser, Zitate künftig als solche zu kennzeichnen. Die Geschichte selbst ist gut, zwar im falschen Kapitel, aber ich nehme an, Du hast Dir gesagt, die alten Kapitel liest sowieso niemand mehr, und was mich angeht, hättest Du recht... Grüße, Kalinka
Hallo Ursula. Heißen schreibt man mit ß. Großschreibung auch mit ß. Oder meintest du kross? Vielleicht bemühst du den Duden. Ich wünsche dir auch viel Erfolg.
Liebe Linda, man merkt deinem Text an, dass du dich von dem Land begeistern lässt. Ich habe lange im Orient gelebt und kenne das gut. Was du ausdrücken möchtest, habe ich verstanden. Ich finde es auch völlig okay, Schreibfehler zu machen und kann dich nur ermutigen, weiter zu schreiben. Wir alle machen Fehler, mein Beruf ist das Schreiben, aber auch ich mache Fehler. Manche Menschen sind am Produkt ihrer Arbeit interessiert, andere eher am Prozess des Schreibens. Ich denke, die Menschen, die wirklich Spaß an der Sache haben, die sind hier richtig, egal wieviele Fehler sie machen. Dies ist ein freies Forum und auch Leute mit Rechtschreibfehlern sind willkommen. Lass dich nicht entmutigen. Danke für deinen Beitrag. Wusstest du, dass viele berühmte Wissenschaftler und auch Schriftsteller gar nicht gut in Rechtschreibung waren. Und trotzdem haben sie Menschen in den Bann ziehen können. Das finde ich toll. Ganz herzliche Grüße Kerstin
Hallo Linda.Schöne Erinnerung an deine Ferien, aber ich glaube das Thema der Schreibübung ist damit total verfehlt. Es hat auch sehr viele Schreibfehler, es müsste heissen "einige Male hin und her" statt Drix bitte Tricks und auch mit der Gross- und Kleinschreibung hapert es bei Dir. Vielleicht versuchst Du es nochmal mit der Aufgabenstellung Ich wünsche Dir viel Erfolg.
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7943
Vorsichtig watschelte Wanné durch den Schlammbach, der die vertraute Strasse überflutetet hatte. Es war Ebbe, die Sturmflut überstanden und die Wege begehbar. Hin und wieder raffte Wanné ihre Röcke, kletterte über Treibholz, ballte ihre Zehen zusammen, damit sie die Holzklumpen nicht verlor. Den Sack hatte sie sich um ihre Mitte gebunden. Sie hatte es eilig, denn die aufkommende Flut würde die Polderlandschaft erneut ertränken, in eine kalte, salzige Nordsee verwandeln, so wie heute früh, und ihr wäre für sechs Stunden der Heimweh versperrt. Der Matsch quatschte zu ihren Füssen.
Sie sollte ihn noch einmal sehen, verfügte Wannés Vater nach dem Früstück, wenn sie schon keinen Abschied nehmen wollte. Die junge Frau griff in ihre Schürzentasche nach dem Staubtuch. Als sie aufblickte, um ihrem Vater zu antworten, bog er gerade mit einer Schubkarrenladung voll Sand, Schutt und gesalzenem Modder zur Düne hinauf ab. Wanné putzte ihre bespritzten Brillengläser, um sich auf den Weg zu machen.
Großmutter sah Wanné kommen und legte die Laufplanken über den versumpften Wasserlauf, der ihr Grundstück umsäumte. Sie sah gut aus, wie sie so da stand, breitbeinig, die Hände in die Hüften gelegt, bereit, um Wannés Umarmung zu erwidern. So, als hätte sie Frieden geschlossen.
„Komm Liebes, bringen wir es hinter uns. Drinnen wartet frischer Tee auf uns. Und ein Bolus.“
Zwinkerte sie?
„Ich habe den Zitronengenever zurückgegeben.“
Wanné rieb ihre Nasenflügel. Ob der süß-saure Gestank gleich mit gegangen ist?, fragte sie sich unwillkürlich.
„Er liegt im Holzschuppen. Licht brauchen wir keins“
Sein Hund Üto tänzelte um Wanné herum. Auf ihr Handzeichen hin setzte er sich brav auf sein muskulöses Hinterteil, gab erst die linke, dann die rechte Pfote, und verschlang mit Appetit die Eingeweide der Kaninchen, die Vater letzte Nacht, erstmalig seit der Sturmflut, gewildert hatte. Für Opoe, so nannten ihre Enkel die Großmutter, hatte sie einen anständigen Rammler im Sack. Die alte Frau strahlte.
Ütos ewige Striemen hatten offensichtlich doch das Zeitliche überwunden, Wanné konnte ihn liebkosen, wie sie wollte. Das Tier zuckte kaum.
Den Rammler an den Hinterläufen fest im Griff stieß Opoe die Schuppentür auf. Die blinden Fensterluken ließen nur Dämmerlicht hinein. Wanné sah erst nichts, dann etwas Weißes, das zwischen all dem Holz schimmerte. Die Holzkiste, die sich der alte Schreiner nach und nach zurechtgezimmert hatte, je nachdem, wieviel Bauholz er seinen Kunden auf den Baustellen abspenstig machen konnte, ohne daß es allzusehr an der Baukonstruktion zu erkennen gewesen wäre oder mangeln würde, war im hinteren Winkel abgestellt worden. Beim Brennholz für den Winter. Der Sargdeckel lehnte dagegen, sechs Sargnägel mit Kreuz, Hammer und Schraubenzieher lagen auf seinem Leib bereit. Für morgen früh.
Er war kalkweiβ. Fast so weiß wie das Laken, das Totenhemd. Seine aufgeschwemmten Wangen, die Tränensäcke hatten die Farbe verloren, das graumelierte Haar klebte an seinem mageren Schädel, wie sonst auch. Die Hände mit den acht Fingern hatte man ihm gefaltet.
Der Tote roch. Der Geruch des Harzes konnte sich nicht gegen den süß-säuerlichen Todesschweiβ durchsetzen.
„Du stinkst bis zum Himmel.“ Wanné sah ihre Pflicht erfüllt.
Üto war letzten Samstag allein nach Hause gekommen. Den Zweisitzer im Schlepptau, außer sich, lahm. Man suchte nach Großvater, sobald die Ebbe es zuließ. Sein Samstagsweg war allen bekannt. Irgendwo auf der Strecke zum Wirtshaus war er geblieben. Den Weg kannte Wanné zu gut. Üto auch. Üto schlug ihn automatisch ein, wurde er angespannt. Jeden Tag lief er ihn, weil Großvater Durst hatte. Auch sonntags. Nur sonntags ging es geradeaus weiter, zur Kirche, und das dreimal. Sonntag war Ütos Schmerztag. Damit Opoe nichts merkte, schlug Großvater weit vor der Abzweigung auf Üto ein, um ihn rechtzeitig zu erinnern.
Opoe wußte, wo’s langging.
Wanné musterte ihren Großvater. „Ja, man sieht es dir sogar jetzt noch an.“ Einen Augenblick lang schaute sie noch, dann ging sie. Üto wand sich um ihre Beine, steckte seinen Kopf unter ihre Röcke. Sie ließ ihn, tätschelte vorsichtig seine Rippen, spielte Klavier.
Großvater hatte gelebt, als man ihn im winterlichen Poldermatsch gefunden hatte. Eine Nacht lang und den Vormittag. Solange, bis er wütend wurde, weil er Durst hatte, kaum mehr stank, und alle, selbst seine Kinder, schließlich sein Lager verließen. Er verfluchte sie, aber sie rührten den Zitronengenever nicht mehr für ihn an. Das Fieber stieg. Zitternd starb er.
„Komm rein Wanné, setz dich und trink. Es ist ja vorbei.“
Opoe nahm ihre Hand und zog Wanné zum Tisch, Üto leckte ihre Beine. Die Alte teilte den klebrigen Bolus, ein Zuckergebäck in Schneckenform, und tunkte ihre Hälfte in den Tee.
„Einen Bolus gibt es ab jetzt jedes Mal, wenn du kommst. Und Üto wird in Zukunft den Weg zur Kirche blind finden.“
Nun zwinkerte sie echt.
Ja. Das Land wird neue, stärkere Deiche erhalten, Ebbe und Flut, das Salz werden gebannt, und Äcker, Wiesen, Gärten und Moor werden wieder sein, was sie waren und wie es sich gehörte.
„Kees will heiraten, Opoe!“
Liebe Ziska, danke für Deine Antwort. Was für ein Geschenk, durch Familie so ein Gefühl für Sprache und Natur vermittelt bekommen zu haben. Ich hoffe, dass Du daran anknüpfst und etwas aus diesem Talent machst. Deine Erzählweise hat etwas Einzigartiges.
Charaktere und Stimmung sind sehr gut gezeichnet. Die Beschreibung des Toten ist hervorragend. "Die Hände mit den acht Fingern hatte man ihm gefaltet." Das schafft Unbehagen, weckt eine Ahnung von dem, was geschehen ist. LG Metta
Hallo Frog: Die Weisheit vermeintlich einfacher Leute fasziniert mich. Und mir scheint, je abgelegener, (und damit unzivilisierter in einer sich ständig erneuernden Moderne) Menschen aufwachsen und ihr Leben verbringen, desto unverblümter zeigt sich ihre Sicht der Dinge. Wenn auch auf non-verbale Weise. Es hätte also statt Wanné auf der Nordseeinsel genauso ein Almhirte sein können oder ein Bauer im Hohen Venn zwischen Belgien und Deutschland. Meine Großeltern väterlicherseits haben mir da etwas mitgegeben, mir ein Vorbild gelebt. Mit äußerst knappen und nüchternen, ruhigen Aussagen brachten sie ihre Gedanken und Bewertungen auf den Punkt. Und Küstengebiete haben eine große Anziehungskraft, dort ist die Welt hinter den Dünen zu Ende… und fängt neu an. Hallo Carola: Besser wäre „klompen“ mit Fußnote „Holzschuhe“ gewesen. Der zweite Absatz spielt im elterlichen Garten. Ich bin eine ungeduldige Schlampe, es war mir aufgefallen, daß die Ortsangabe fehlte, aber ich nahm es so hin. Dasselbe gilt für „abspenstig machen“ (abluchsen wäre besser) und die „Striemen“. Sollte mir in solchen Fällen trotz aller Faulheit und Schlamperei die Mühe machen, Wortfelder auszuarbeiten. Du findest, ich sollte den „Sterbeabsatz“ überarbeiten. Das wäre sicher nicht falsch, aber deine Kritik traf m.E. nicht zu. Er lebte solange (!), bis er wütend wurde (…), kaum mehr stank und (!) alle sein Lager verließen. Er verfluchte sie (…), das Fieber stieg(…)“ Ich sehe keinen kausalen Bezug zwischen „kaum mehr stank“ und „alle“. „Und“ ist in dem Zusammenhang Folge, nicht Grund. Aber der Text holperte ohnehin, insofern hatte er doch kritisches Gegenlesen nötig. Hallo Ursula: Doch sehe ich keinen Anhaltspunkt, das Thema verfehlt zu haben. Ich finde Wannés Sicht auf die Dinge, die ihr Leben ausmachen und bestimmen, als gut erkennbar, wenn auch ohne detaillierte Charakteristik oder deutliche verbale Wertungen gut umgesetzt. Zudem handelt es sich um eine Vergangenheit, die ich nicht erlebt haben kann, nur aus Büchern rekonstruiert habe, ob es nun um eine Sturmflut oder um einen Hundekarren armer Menschen oder um Zitronengenever (ich bin geruchsblind) geht. Schade, daß du nicht in die Stimmung eintauchen konntest, die nämlich läßt mich schwelgen und daraus ergibt sich für mich der rote Faden. Wenn ich ehrlich bin finde ich es spannend, was Wanné in Zukunft alles geschehen läßt… Denn bei stillen Wassern am Ufer der unberechenbaren See müssen sich ungeduldige Landeier mitunter das Ei des Kolumbus mühevoll erarbeiten. Sicher, wenn die verschlammten Wege nur nach den Gesetzen der Gezeiten begehbar sind. Hallo Angela: Deshalb handelt es sich nicht um gefühlskalte Wesen, sondern vielmehr um solche, die einen anderen Umgang mit Gefühlen gelernt haben. Vielleicht sind es ja einfach nur wenig streitlustige Personen, die einigermaßen fatalistisch mit ihrem Schicksal umzugehen gelernt haben. Denn die Umstände, denen arme Menschen derzeit ausgeliefert waren, insbesondere für Frauen, die große Familien zu ernähren hatten, kaum veränderbar. Ehen waren eisern, Armenküchen nicht auf dem Land, Ärzte unbezahlbar, Pfarrer außerstande, die Gläubigen dazu zu bewegen, den billigen Kornschnaps zu trinken, statt den sündhaft teuren Zitronengenever und richterliche Gewalt weit weg in der „großen“ Stadt… Was, wenn der Mann das bißchen Geld, das er verdiente, versoff und sich nicht um das Wohlergehen seiner Familie scherte? Vielen Dank für die Kommentare, werde mich um mehr Klarheit und weniger Schlamperei bemühen. Und: Meine Texte sind bewußt kurz gehalten was natürlich dazu führt, daß sie noch undeutlicher sind, als so schon.
Die Geschichte kommt nur langsam in Gang. Lange Zeit bleibt der Leser im Unklaren, was Wanné bei der Großmutter eigentlich zu erledigen hat. Großvater war anscheinend ein Arsch und ist nun zum Glück tot. Doch ich will wissen, weshalb er ein Ekel war. Seine Trunksucht allein reicht mir nicht. Und wer oder was hat Striemen? Und ist Üto nun eine Katze oder ein Pferd? Er/sie schlängelt sich um Wannés Beine und zieht aber auch den Pferdewagen. Auch Wege, die als begehbar beschrieben werden, aber gleichzeitig vom Schlammbach überflutet sind, bedürfen einer Überarbeitung. Ansonsten hast du sehr gut die nordisch kühle Atmosphäre eingefangen und auch die Gefühlskälte der Leute.
Hallo Ziska. Ich hatte Mühe Deiner Geschichte zu folgen, fand leider nicht den Faden und musste mich bemühen weiterzulesen, in der Hoffnung noch das Thema dieser Übungsaufgabe zu finden. Leider bin ich nicht fündig geworden. Trotzdem noch viel Erfolg beim Schreiben.
Hallo Ziska, auch die neue Geschichte von Wanné gefällt mir gut. Allerdings hatte ich diesmal mit einige Verständnisprobleme und fand einige Formulierungen nicht so gelungen. Bei den "Holzklumpen" dachte ich im ersten Moment an Aststücke vom Treibholz. Aber das gab so gar keinen Sinn. Es hat etwas gedauert, bis der Groschen fiel: Du meinst wahrscheinlich Klompen oder Botten, also Holzschuhe - oder? Die Dinger sind zwar weit verbreitet, heißen aber je nach Region anders. Ich vermute daher, dass auch andere über den Begriff stolpern werden. Im zweiten Absatz habe ich die Orientierung verloren, wo der nun spielt. Bei Wanné zuhause? Vor der Tür? In den Poldern? Und schließlich bin ich mit dem Begriff "abspenstig machen" im Zusammenhang mit dem Bauholz nicht so glücklich. "Abzweigen", "abzwacken" oder "klemmen" (wobei das schon sehr salopp ist) fände ich besser. Auch die Striemen, die "das Zeitliche überwunden" haben, fand ich eher komisch, weil sofort die Assoziation zu "das Zeitliche segnen" aufkam. Und sterbende Striemen - na ja. Als letztes würde ich den Absatz über den Tod des Großvaters nochmal überarbeiten. Denn wahrscheinlich verließen die Kinder sein Lager doch, weil er wütend wurde und sie verfluchte. Nicht, weil er weniger stank. Viele Grüße Carola
Wanné ist wieder da mit einer noch stärkeren Geschichte aus Zeeland. Deine Sprache fasziniert mich nach wie vor und ich werde Deinen Roman kaufen, versprochen! Ansonsten würde mich noch interessieren, wie Du auf dieses Thema gekommen bist und welche Verbindung Du dazu hast...
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Henriettes Arme begannen zu zittern, als sie den schweren Topf mit siedend heißem Wasser von der Kochstelle nahm. Sie biss ihre wunderschönen weißen Zähne zusammen und setzte den Topf neben den Herd. Nur nicht auffallen! Keiner sollte bemerken, wie anstrengend die Arbeit in der Küche des Dresdner Königsschlosses für sie war.
Sie hatte das riesengroße Glück gehabt, vor sechs Tagen hier eine Anstellung zu bekommen und sie wollte um jeden Preis durchhalten. Was sonst sollte aus ihr werden?
Zum Glück, für heute war ihr Tagewerk getan und morgen würde sie einen freien Tag haben.
Sie zog sich in die kleine Kammer zurück, die ihr im Anbau des Schlosses zugewiesen worden war und warf sich gleich mit vorgebundener Küchenschürze auf ihr Lager. War das wieder ein Tag!
Doch trotzdem, dass sie völlig fertig war, konnte sie keine Ruhe finden. Zuviel war in den letzten Tagen und Wochen passiert.
Ihre Gedanken gingen zurück in die Zeit ihrer Kindheit. Dort war sie in einem Bürgerhaus mit kleinem Gärtchen am westlichen Elbufer gemeinsam mit ihrem Bruder Karl aufgewachsen. Der Vater der beiden stand am Königshof als Kammerschreiber in Diensten und so konnte er mit seiner Frau Maria und den Kindern ein gutbürgerliches Leben führen.
Andreas Reimann, ein weitsichtiger Mann und Vater ließ den beiden eine gute Schulbildung angedeihen. Karl besuchte die damals schon 300 Jahre alte Dreikönigsschule in der Louisenstraße.
Für Henriette, deren große Begabung er erkannt hatte, holte er aus dem nahegelegenen Radeberg einen Privatlehrer. Seine Tochter war sehr fleißig und interessierte sich für alles, so dass sie ihrer Mutter bald überlegen war. Das ließ sie dann auch hin- und wieder die Mutter spüren.
Natürlich trugdas nicht dazu bei, dass das öfters gespannte Verhältnis der beiden besser wurde.
Adreas hatte Maria auf der Hochzeitsfeier eines guten Freundes kennen gelernt.
Maria war die Tochter eines bekannten Dresdner Juweliers, der es aber mit der Bildung seiner Kinder nicht so ernst nahm. Marie hatte auf Grund ihrer Herkunft einen Hang nach Schmuck und daher war sich das Paar oft uneinig.
„Was gibst Du nur soviel Geld für die Schulbildung von Henriette aus. So hübsch wie sie ist, wird sie sicher beizeiten einen der reichen Söhne der Stadt heiraten!“ schalt sie ihn oft. Doch Vater Andreas hatte dazu eine andere Meinung, es war es zwecklos darüber mit seiner Frau zu streiten. Henriette war ihrem Vater sehr
dankbar, denn sie wollte mehr von der Welt wissen, als sich nur für Edelsteine zu interessieren.
Andreas hatte große Pläne mit seiner Tochter. Sie sollte zwei Fremdsprachen lernen, dazu Latein und für die Reitschule hatte er sie auch schon gemeldet.
Doch es sollte ganz anders kommen. Seit Wochen plagte Andreas einer seiner Backenzähne. Nichts machte dem Manne soviel Angst wie der „Zahnbrecher“. Nachdem Andreas es nun gar nicht mehr aushalten konnte, unterzog er sich dieser furchtbaren Prozedur. Keine zehn Pferde hätten ihn noch einmal auf den Stuhl des Barbiers gebracht. Endlich war der Zahn raus! Aber Andreas hatte viel zu lange gewartet und so hatte sich die Wurzel stark entzündet. Er fieberte und stand drei Tage nicht von seinem Bett auf. Nun wollte Maria doch den Doktor holen, aber leider, für Andreas kam jede Hilfe zu spät, die Blutvergiftung war schon zu weit fortgeschritten.
Im Hause Reimann herrschte tagelang großes Schweigen. Zu unverhofft hatte der Tod den Familienvater im blühenden Alter von 39 Jahren zu sich geholt.
Am langsamsten erholte sich Henriette. Ihr Vater hatte ihr sehr viel bedeutet.
Wie sollte es jetzt weiter gehen?
Fast ein Jahr wohnte die Witwe mit ihren zwei Kindern noch in dem schönen Haus am Elbufer. Karl durfte weiterhin das Gymnasium besuchen. Auch des Vaters Plan, seinen Sohn Karl nach Beendigung der Schulzeit auf die Universität nach Leipzig zu schicken, wollte Maria verwirklichen. Für Henriette aber war es mit der Bildung vorbei. Der Privatlehrer wurde alsbald entlassen und an Sprach- und Reitschule war nicht mehr zu denken.
Für Henriette änderte sich schlagartig der Alltag. Sie las sämtliche vorhandenen Bücher aus Vaters Sammlung und das waren wirklich nicht wenige. Laufend steckte die Mutter den Kopf in die Bibliothek: „Bist Du schon wieder aus der Küche fortgelaufen?“ Was soll aus Dir nur für eine Hausfrau werden? Dein Vater hat Dich völlig verzogen!“ Missmutig schlurfte Henriette wieder zurück in die Küche und erledigte die ihr übertragene Aufgabe, um sich dann schnellstens wieder in ihre geliebten Bücher zu flüchten.
Maria, die ja mit ihren 36 Jahren noch eine attraktive Frau war, wurde seit einiger Zeit von einem wesentlich älteren Juwelier, der neu in die Stadt gezogen war , hofiert.
Bei ihrem Jawort spielte sicher der Beruf des Ehemannes ein gewaltiges Wörtchen mit. So kam es , dass die Familie binnen kurzer Zeit in ein feudales Haus in der schönsten Gegend der Stadt, auf die Löschwitzhöhe zog. Ihr Bruder Karl, den sie nach dem Tod des Vaters noch mehr liebte als zuvor, war inzwischen beim Studium in Leipzig.
Henriette kam sich verlassen und was schlimmer war, überflüssig vor.
Die Mutter und der „Neue“ waren ständig unterwegs. Die beiden hatten sich scheinbar gesucht und gefunden. Im Hause des Christoff Kleinert gab es nur noch ein Thema.
An einem wunderschönen Wochenende im Mai hatten die Kleinerts zu einem Gartenfest geladen. Außer den Henriette schon bekannten Juweleninteressenten kamen auch Freunde und der kleine Kreis von Marias Verwandtschaft.
Henriette hatte sich vorerst in ihr Zimmer zurückgezogen und betrachtete vom Erkerfenster aus die eintretenden Gäste. Da kam doch sogar der damalige Hofjuwelier Dinglinger mit seiner nunmehr dritten oder vierten Ehefrau. Dem Armen waren alle Frauen gestorben, nachdem sie ihm einige Kinder hinterlassen hatten.
Dinglinger trug den damals sehr modischen Dreispitz und stützte sich auf seine Gattin wartend, auf einen Stab mit einem ganz sicher echten Goldknauf. Seine frisch Angetraute ging ganz nach der neuesten Hofmode gekleidet,die Taille ihres Kleides hochgezogen bis zur Brust. Möglich, dass sie schon schwanger war. Das konnte man bei dieser Mode erst in den letzten Wochen genau erkennen. Sie trug ein schlichtes braunes Kleid, welches aber durch einen gestärkten weißen Spitzenkragen die Augen der Betrachter geschickt auf ihr ausgeprägtes Oberteil gleiten ließ. Die Ballonärmel und der Saum des Kleides waren mit Borten abgesetzt. Das dunkle lange Haar war aufgesteckt und über den Ohren hing je eine langgezogene Locke herunter. Gut sah sie aus, die neue Frau Dinglinger!
Ihr hübsches Aussehen wurde noch betont durch die modernen Perlenschnüre in Haar und um den Hals.
Henriette hielt in ihrer Betrachtung inne. Noch nie bisher galt ihr Interesse den Äußerlichkeiten.
Ganz sicher meldete sich in Henriette langsam die Frau .
Sie konnte sich vom Anblick der jungen Frau, die inzwischen auf der Terrasse Platz genommen hatte. Sie sah gerade noch, dass man jetzt gestrickte Strümpfe und allerliebste Schuhe aus Leder trug, die durch einen kleinen Absatz brillierten, da suchte sie bereits ihre Mutter. „Wie siehst Du denn aus? So kann ich Dich unseren Gästen doch nicht vorstellen! Schmink Dich etwas! Du siehst ja aus wie ein Bauernmädchen. Nimm meine helle Schminke, denn blass ist vornehm!
Henriette tat wie ihr geheißen wurde und mischte sich unter die Gäste.
Da war ja Onkel Daniel! Der ledige jüngere Bruder ihrer Mutter war Henriette eigentlich schon immer sympathisch gewesen. Sie nahm an seinem Tisch Platz und sie unterhielten sich vortrefflich.
Daniel hatte vor kurzer Zeit die Kurfürstliche Schenke „Schillergarten“, die sich nahe am Elbufer befand, gepachtet. Dort hielten sich zuweilen sogar Statthalter, der Hof- und Kommerzienrat, sogar Grafen und Gräfinnen auf. Daniel schwärmte so sehr von seiner feinen Schänke, dass Henriette immer aufmerksamer wurde. Als der Onkel dann noch klagte, dass er erst gestern zwei Bedienstete rauswerfen musste, weil sie einfach zu faul zum arbeiten waren, reifte in ihr der Gedanke, den Onkel zu fragen, ob sie denn nicht bei ihm arbeiten dürfe. „Ich habe die Langeweile so gründlich satt und könnte endlich etwas Richtiges tun.“ In diesem Moment dachte sie nicht an die ihr so lästigen Küchenarbeiten. Sie wollte nur raus, nur fort von Zuhause.
Onkel Daniel gefiel das Angebot außerordentlich. Er blickte seine heranwachsende Nichte mit seinen vom Weingenuss schon leicht verklärten Augen von oben bis unten ziemlich lüstern an und gab sein Einverständnis.
„Wenn Deine Mutter damit einverstanden ist, dann kannst Du bereits in drei Tagen bei mir anfangen.“ Niemand war glücklicher als Henriette. Am liebsten hätte sie noch an diesem Abend mit Mutter Maria gesprochen. Doch damit brauchte sie heute keinesfalls kommen. Maria genoss heute ihre Gesellschaft. Konnte sie doch in der Öffentlichkeit mit all ihrem Prunk und Schmuck prahlen.
Henriette gelang es, die Gesellschaft unbemerkt zu verlassen und verschwand sogleich mit einem Buch auf ihrem Zimmer.
Am nächsten Tag hatte sich das Wetter gewandelt. Nichts war mehr vom herrlich blauen Himmel zu sehen. Dicke dunkle Wolken verdüsterten die Räume. Es donnerte und blitzte in einem fort. Das Gewitter hing wieder mal über der Elbe fest. Es konnte Stunden dauern, bis es sich verziehen würde.
Henriette war lange nicht mehr so sicher, dass ihre Mutter von ihrem Plan im „Schillergarten“ zu helfen, begeistert sein würde.
Und so kam es auch. Schlimmer als in der Natur gab es im Wohnzimmer der schönen Villa ein kräftiges Gewitter. Die Mutter, die zu den Vornehmen der Stadt zählen wollte, ließ doch nicht ihre einzige Tochter in einer Schenke arbeiten. Das gab sie Henriette auch so deutlich zu verstehen, dass die Tochter sich nicht traute zu widersprechen.
Henriette verschwand auf ihr Zimmer und hörte dabei immer noch die abwertenden Worte der Mutter.
Zwei lange Nächte konnte das Mädchen nicht richtig schlafen. Sie überlegte, wie sie ihren Wunsch etwas zu tun, doch verwirklichen konnte.
Mutter Maria war sich ganz sicher, dass ihr Mädchen den Plan nach dem Streit aufgegeben hatte.
Sie konnte ihre Tochter nicht verstehen. Nach ihrer Meinung ging es ihr doch gut.
An dieser Stelle mochte Henriette nicht mehr weiterdenken. Sie sah sich nur noch ganz kurz mit ihrem Onkel im Schillergarten und dann konnte sie nicht mehr.
Nun war Henriette doch noch eingeschlafen. Sie rieb sich die Augen und taste sich langsam wieder in die Gegenwart. Ja, was denn, sie hatte ja die nach allerlei Gesottenem und Gebratenen riechenden Kleidungsstücke noch am Leib. Sie band als erstes die Küchenschürze ab. Da fiel ihr der Brief in die Hand, den ihr gestern ein Bote, der aus Leipzig kam, überreicht hatte.
Ein Brief von Karl!
Nachdem Carola schon (wieder einmal :o) so treffend und umfangreich kommentiert hat, möchte ich nur auf einige Details hinweisen: Bitte streiche solche Adjektive wie wunderschön und allerliebst. Beschreibe die Zähne, den Maientag, die Schuhe, und der Leser wird sich sein Urteil selbst bilden können. Statt "sie war fertig" (Slang) könntest Du "erschöpft" schreiben. Eine Redewendung ist Dir durcheinander geraten: "Bei ihrem Jawort spielte sicher der Beruf des Ehemannes ein gewaltiges Wörtchen mit." - Der Beruf spielte eine Rolle. Ein WÖRTchen mitreden sollte beim JaWORT lieber kein Beruf. Der Satz "Ganz sicher meldete sich in Henriette langsam die Frau." klingt holperig. Du kannst ihn streichen. LG Metta
Hallo Ursula und Carola, danke für die kritischen Worte. Das Thema hatte es wirklich in sich. Für die Geschichte, die ich erzählen wollte, hätte ich viel mehr Zeit für die Recherchen verwenden sollen. Mir fiel auch hinterher noch auf, dass man zu Zeiten August des Starken noch keinen Schillergarten haben konnte. Schiller war noch gar nicht geboren. Trotzdem - die Aufgabe hat mir sehr viele Anregungen gegeben. Gruß Margyt
Hallo Margyt. Sorry, für mich war der Text zu langwierig. Ich wusste am Ende nicht mehr, was ich am Anfang gelesen hatte. Trotzdem noch viel Erfolg.
Hallo Margyt, wenn ich an den lüsternen Blick des Onkels denke, schwanen mir schwere Schicksalsschläge für Henriette. Nun gehört dieses Genre nicht unbedingt zu meinen Favoriten, weshalb ich vielleicht voreingenommen bin. Trotzdem ein paar allgemeine Anmerkungen: Du erzählst viel zu schnell und zu flapsig, selbst für eine Erzählung oder Kurzgeschichte. In einem Roman hast Du erst Recht Zeit, mehr in die Tiefe zu gehen. Versuche, den einzelnen Szenen mehr Raum zu geben und lass' echte Details einfließen. Streichen kannst Du später immer noch. Interessant wäre z.B. wie die hochfliegenden Pläne aussahen, die der Vater (den ich i.ü. keinesfalls mit "Andreas", sondern wenn schon, dann mit "Papa" bezeichnen würde) für Henriette hatte. Da es keine Universitäts- oder echte Berufslaufbahn für Frauen gab, wird dieser Passus immer zweideutiger, je länger ich darüber nachdenke. Maitresse für August den Starken? Ich glaube nicht, dass Du das im Sinn hast, aber vielleicht interessiert Dich ja, auf welche Abwege die Gedanken Deiner Leser geraten können, wenn Du es zulässt. Ach, und ich glaube nicht, dass Henriette so vorurteilsfrei war, wirklich in einer Schenke arbeiten zu wollen. Das heute geht für Studentinnen zwar problemlos, aber was heute geht, wäre damals ein gewaltiger sozialer Abstieg gewesen. Und es verträgt sich nicht mit Henriettes angeblicher Klugheit, dass sie das nicht verinnerlicht hat. Gesellschafterin, Erzieherin oder Lehrerin läge da m.E. wesentlich näher. Vielleicht überdenkst Du Deine Geschichte in dem Punkt noch einmal. Wie schon gesagt, kenne ich mich in diesem Genre nicht besonders gut aus. Aber vielleicht liest Du mal einen der historischen Romane von Joan Aiken und schaust, welche Techniken in Aufbau und Darstellung sie anwendet. "Das Mädchen aus Paris" müsste auch zeitlich ganz gut passen. Viele Grüße Carola
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