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Kapitel 15 mit Übungsaufgabe
Leserbeiträge
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Aus dem Tagebuch eines Rucksacks
Heute bin voll und schwer. Doch das macht nichts. Diesmal duftet mein Inhalt nach Äpfeln, Brot und Käse, das weckt meine Sinne und ich schnuppere verträumt, während ich am Rücken meiner Besitzerin wippe. Die Sonne scheint und ich sehe die Tannengipfel über mir, so zart grün. Ein Windstoss bläst hellen Staub auf mich.
Jetzt verändert sich etwas: Sie greift in meine Träger, will sie sich an mir halten? Ich bleibe sicher auf ihrem Rücken, noch viel dichter und schaukle nicht mehr, dafür kann ich spüren, dass sie den Atem anhält. Menschen kommen uns entgegen und ein Hund, ein riesengroßer schwarzer Hund. Er tappt vorbei, sie lässt mich wieder locker und ich schunkle mit ihrem Schritt weiter. Wundervoll ist es hier, rechts von mir glänzt ein großer See. Die Sonne spielt mit der Wasserfläche, unterteilt sie in kleinste geschliffene Diamanten und lässt sie funkeln.
Das ist schön, ich klammere mich an diese Schultern und dehne mich. Endlich darf ich meiner Bestimmung frönen. Am Rücken hängen und gefüllt mit guten Dingen meine Dienste tun. Das ist viel besser, als wochenlang gefüllt mit Badeanzug und Frottetuch im Auto zwischen Hinter- und Vordersitz eingeklemmt sein. „ ich lass dich im Auto, vielleicht schaffe ich es ins Aquatraining,“ sagte die Autofahrerin, die Besitzerin von mir und dem Badeanzug. Nichts von Aquatraining in den letzten Wochen. Immer nur hastig die Hintertür geöffnet, die Computertasche auf den Sitz gelegt, Einkäufe daneben, mich nicht beachtet. Schon war ich dabei, meine Identität aufzugeben. Doch heute fasste sie mich und schon an der Art, wie sie mich in die Hände nahm, und hin und her schwang, merkte ich, dass sie sich freute.
Ich werde nass am Rücken. Sie klettert bergauf, ich spüre, dass ihr Herz schneller schlägt und sie tief atmet. Langsam trägt sie mich hinauf und als sie oben beim Aussichtspunkt angelangt ist, nimmt sie mich vom Rücken und öffnet mich, ich spende ihr die Wasserflasche. Während sie trinkt und in mir wühlt, kuschelt sich ein lila Heidenkraut an mich. So geborgen genieße ich den Blick von oben auf den See. Ihre Hand liegt auf mir, ich lehne an ihrem Bein und ich weiß, wir zwei gehören zusammen.
Hallo Lisa! ich freute mich über Deinen Kommentar. Ist es Dir auch so mit der Übung gegangen, dass Du plötzlich gewahr wirst, wie viel der Gegenstand über seinen Besitzer aussagt? Für mich war diese Übung diesbezüglich ein Aha-Erlebnis.
unwahrscheinlich schön geschrieben finde ich die Geschichte, sowie die Idee. Der Charakter von Herrn Rucksack imponiert mir auch schwer, der sich über das Glück freut, eine Besitzerin zu haben, die ihm auf sinnliche Art seinen Wert, naja, halt auf ihre ganz eigene Weise, immer mal wieder von Zeit zu Zeit derart angenehm bestätigt.
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11752
Ich bin 70 lang und 50 cm breit. Von ihrem Schreibtisch aus konnte Max mich direkt anschauen. Das tat sie auch häufig, manchmal sogar mit einem gewissen Stolz. Aber nach zwei Jahren hängte sie mich plötzlich ab und verstaute mich in der Dunkelheit der Abstellkammer. Dabei ist sie meine Schöpferin! In einer Zeit, als es ihr nicht besonders gut ging – Selbstmordgedanken, Orientierungslosigkeit, Verwirrung ... – hat sie mich erschaffen.
Ich bin ein Bild. Eine Collage aus Fotos, Ausrissen, verschiedenen Farben und Materialien. Auf schwarzem Hintergrund. Da ist eine Miniatur-Rolltreppe zu sehen, auf der Menschen in ein gigantisches gerahmtes Dia hineinfahren, wo ein Bohrer sich in Kunststoff hineinbohrt, dass die Späne fliegen. Aus einem Türrahmen, der wie ein schwarzes Loch anmutet, ragt ein Regenrohr von der Größe eines Industrieschornsteins herein. Oder heraus? Oder hinaus? Und landet auf einem abgeschabten und schmutzigen Wohnzimmersessel. Darüber das Wellblechdach: Foto wird gemaltes Wellblech. Ein Fenster ohne Glas mit grünem Rahmen führt ins Nichts, nach innen. Andere Fenster zeigen verschwommen auf einen Hafen, griechische Säulen neben einem zierlich gefliesten Schwimmbecken, dessen Rand die Inschrift „3 FEET DEEP“ trägt. Eine Kulisse mit Torbogen gibt den Blick frei: Ein überdimensionierter Frauenkopf fährt in einem Auto vorbei ...
Ich verstehe mich selbst nicht recht. Ob Max mich versteht? Sie wollte mich dann jedenfalls nicht mehr sehen. Ich glaube, sie hat sich für mich geschämt. Ihre Besucher hatten wegen mir immer so blöde Fragen gestellt. Sie dachten wohl, Max sei nicht ganz richtig im Kopf. Oder habe ich ihnen angst gemacht?
Max hat mich erzeugt, gemacht - sie kann ja eigentlich nicht malen - also kann ich keine Kunst sein, denn Max ist schließlich keine Künstlerin. Und so was hängt man sich nicht an die Wand, wenn man sich nicht zum Gespött machen will. Ich habe dann noch mitbekommen, dass sie an meine Stelle ein Plakat von einer Gerhard-Richter-Ausstellung gehängt hat.
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Ich bin schon alt und man sieht es mir auch an, aber in meinem Herzen bin ich jung geblieben. Seit Monaten schlafe ich hier in meiner neuen Hülle und denke an früher, als ich öfter benutzt wurde.
Gefunden hat mich ein junger Mann bei Dacharbeiten auf einem Speicher. Er machte den Koffer auf, überlegte kurz, nahm mich heraus und bestaunte mich. Danach legte er mich behutsam wieder hinein, klappte die Schlösser zu und trug mich fort. Ich war ganz aufgeregt und dachte: "Na endlich passiert mal was und ich komme wieder raus aus diesem Koffer." Ich war doch nicht geboren, um "nichts" zu tun. Ich wollte Freude verbreiten, glückliche Gesichter sehen ..." Es war so schön, wie mein vorheriger Besitzer mich berührt hat, aber das war schon so lange her. Wahrscheinlich hatte er mich längst vergessen.
So fuhr ich nun mit diesem jungen Mann eine endlose Strecke im Auto, bis er anhielt und mich hochtrug. Mein Herz klopfte wild, als ich seine Stimme sagen hörte: "Linda, schau doch mal, was ich heute auf dem Speicher deines verstorbenen Onkels gefunden habe." "Was ist denn in diesem Koffer?", fragte eine helle Stimme. Ich hörte die Schlösser knarren und fühlte, wie er mich herausnahm. Mit einem Mal war alles hell und freundlich. Ich sah mich um und stellte fest, dass ich in einer Küche war. Eine Frau mit strohblonden Haaren sah mich erstaunt an. "Das wäre was für meinen Vater!", rief sie freudig. "Daran hatte ich auch schon gedacht", entgegnete der rothaarige Mann. Zwei kleine Kinder sahen neugierig zu, wie ihr Vater mich mit einem Staubtuch säuberte. Er versuchte ein paar Töne aus mir raus zu quetschen,die ich voller Hingabe Preis gab. Danach wurde es wieder dunkel und ich dachte schon: "War das schon alles?"
Es war nicht alles, denn kurze Zeit später ging ich wieder auf Reisen. "Dein Vater wird Augen machen", hörte ich den jungen Mann sagen. Sie redeten unentwegt und endlich stoppte das Auto. Ich wurde nervös. Wo wurde ich nur hingebracht? Hoffentlich wusste der "Vater" wie er mich behandeln musste.
Es dauerte nicht lange, da knirschten die Schlösser von meinem Koffer und ich sah mich ein wenig um. Viel Zeit hatte ich nicht, denn ich wurde umgeschnallt von einem älteren Mann und schon bald glitten seine weichen Finger behutsam über die Tasten. Meine Bässe bebten unter der Berührung und ich stieß einen Freudenschrei aus. Ich lebte wieder. Dieser Mann war ein Genie und wusste genau, wie er mit mir umgehen musste. Ich fühlte mich wieder jung und gab alles her um ihm zu gefallen. "Papa, du spielst hervorragend", sagte die junge Frau und konnte ihre Tränen kaum zurückhalten. Die ältere Frau lächelte und fragte: "Spiel doch noch etwas. Ein Lied von früher." Es war herrlich. Die alten Lieder waren kein Problem für mich und so ließ ich die reinsten Töne aus meiner Seele fließen.
Nach einigen Tagen fuhr die Familie wieder heim und ich blieb da. Viele Jahre lebte ich nun in diesem Haus und war zufrieden. Wenn es dem älteren Herrn danach zumute war, nahm er mich aus dem Koffer und spielte die schönsten Melodien.
Doch eines Tages spielte der Mann nicht mehr. Er war traurig, weil seine Frau von ihm gegangen war und weinte nur noch. Vor lauter Weinen bemerkte er mich gar nicht mehr. Aber der Kummer um seine verstorbene Frau war so stark, dass er ihr bald folgte. Nun war ich wieder alleine. Was sollte nur aus mir werden? Aber da fiel mir ein Gespräch ein zwischen Vater und Tochter. "Willst du es wirklich lernen?", hörte ich ihn eines abends sagen, "es dauert ca. sechs Jahre, bis du es richtig kannst." "Aber ja", hörte ich sie sagen, "ich will es versuchen."
Wieder musste ich eine lange Reise unternehmen. Die Kinder der Frau waren schon aus dem Haus und auch der Mann war verschwunden. Stattdessen ermutigte ihr der neue Mann in ihrem Leben, das Versprechen, das sie ihrem Vater einst gegeben hatte, einzulösen.
Es dauerte noch viele Jahre, bis die Frau mich packte und mitnahm. Ich war aufgeregt und mein Herz pochte, als ich ausgepackt wurde. Ich erfuhr, dass dies eine Musikschule war und die Frau, die mich bespielte, eine Lehrerin. Wie herrlich sie mich bediente und ich gab alles, hatte noch nichts verlernt. "Die Töne sind rein", sagte sie. "Täglich eine Viertelstunde üben, dann schaffen Sie das." Es war ein Genuss für mich. So peu à peu gewann die Frau an Sicherheit und spielte viele schöne Melodien. Ihr Mann mochte mich auch und im Urlaub nahmen sie mich immer mit. Ich, die viele Erinnerungen an ihren Vater weckte, tröstete sie in so mancher Stunde. Wo sie spielte, blieben die Leute stehen und lauschten mit einem versonnenen Lächeln ihre Lieder.
Eines Tages bekam ich eine neue Hülle und der alte schwere Koffer kam weg. Sie konnte mich jetzt auf dem Rücken tragen. Wie leicht ich mich fühlte. Der schwarze Stoff war lichtdurchlässig und hören konnte ich jetzt auch viel mehr.
Aber seit einem Jahr spielt die Frau nicht mehr so oft. Sie wurde wieder Oma und verbringt viel Zeit mit ihrem Enkel. Aber hin und wieder packt sie den Rucksack, reißt den Reißverschluss auf und setzt mich auf ihren Schoß, um dann die Tasten zu bedienen. Dies sind die schönsten Stunden für mich und ich gebe alles her, was ich noch zu bieten habe. Schließlich bin ein altes Schifferklavier, Marke Hohner vom Club IB und stolz auf meine Herkunft.
Dies sind meine Erinnerungen, die mich durch Höhen und Tiefen führten, ähnlich wie die Melodien, die noch immer stimmungsvoll aus mir raus fließen.
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11523
„Die Hundeleine“
Ich komm`aus China. Daran hab´ ich mich wieder erinnert, als ich das Wort so oft hörte,
im Radio und im Fernsehen in der letzten Zeit. Aber nur dunkel, verschwommen. Wie in einem Traum. Ich war ja noch ganz klein damals. Gerade hatten sie mich zusammen genäht und gefärbt und poliert und so weiter - meine Mutti und die anderen Frauen. Und erst ganz langsam begriff ich, wo ich war und was das alles sollte.
Es war fast immer dunkel, damals. Viele Frauen saßen an langen Tischen, neben- und hintereinander. Und meistens war es still, unheimlich still. Und ihr Reden hörte sich wie Gesang an. So was hab´ ich später nie mehr gehört. Und immer mussten sie aufpassen, die Frauen, damit so ein kleiner, giftiger Mann, den ich zuerst gar nicht gesehen hatte, nicht zu schreien begann. Das war
wohl so eine Art Aufseher, denke ich heute. Jedenfalls haben sich alle Frauen immer vor ihm gefürchtet.
Als ich noch so klein war, spürte ich immer eine ganz starke Sehnsucht – so nennt man das wohl -
nach den Frauen, die da an den langen Tischen saßen. Besonders nach der ganz jungen und ganz hübschen, neben der ich lag. Mit viel Mühe und Geduld hat sie mich zusammen genäht und manchmal ganz leise gestöhnt und geflucht. Nur ich hörte es, und ich liebte sie. War glücklich, wenn sie mich berührte.
Aber das war nur Zufall, glaub´ ich heute. Nie war sie richtig zärtlich zu mir. Ich glaube, sie merkte gar nicht, wie ich mich nach ihr sehnte, oder vielleicht war es ihr auch ganz egal! Einige Male schmiss sie mich so gar wütend auf den Tisch und beschimpfte mich. Am liebsten wäre es ihr wohl gewesen, es hätte mich gar nicht gegeben! Dann war ich immer besonders traurig und wollte selbst auch nicht mehr leben.
Aber ich liebte sie trotzdem. Sie hatte es ja auch so schwer. Und ich habe sie nie vergessen.
Eines Tages schmiss man uns in Kisten. Roh und ohne Ankündigung. Männer brüllten Es war sehr eng, und ich konnte kaum atmen. Brüder und Schwestern lagen neben- und übereinander. Viele kannte ich überhaupt nicht, und einige waren mir gleich oder schon von früher her unsympathisch. Ihr Menschen glaubt, wir seien alle gleich. Aber das stimmt überhaupt nicht! Jede von uns ist anders. „Individuen“ nennt ihr das wohl Meine Mutter vermisste ich gleich und schmerzlich. Obgleich sie mich niemals richtig angeschaut hatte, nicht einmal. Und es war dunkel und kalt und so eng, und ich wusste nicht warum und wohin, und es dauerte soo lange.
Und dann, ganz plötzlich hielt der Wagen, als ich schon nicht mehr glaubte, dass ich es überleben würde und als ich mich schon auf meinen Tod vorzubereiten begann. Nun ging alles sehr schnell.
Ich war in einem noch viel größeren Container und eigentlich ohnmächtig, ich merkte gar nichts mehr, ich flog wohl nach hier, nach Deutschland. Es ging schneller als mit den Lastwagen, viel, viel schneller.
Wieder schrien Männer Lautes, in einer fremden, herben Sprache. Kein Gesang. Roh wurden wir wieder in andere Container geschmissen, neben und auf andere Leinen, die ich nicht kannte. Ich dämmerte nur noch vor mich hin, halb ohnmächtig. .
Endlich lag ich dann in einer Halle, für längere Zeit, für immer? Keine Hetzerei mehr. Ruhe. Alles irgendwie vornehmer, sauberer als in China, aber auch kälter. Aber wieder lag ich neben Leinen, die ich nicht kannte und die sich nicht für mich interessierten. Mit keiner kam ein richtiges Gespräch zustande. Das war sogar in China noch besser gewesen. Und ich sehnte mich nach meiner Mutter.. Immer stärker, je mehr die Zeit fortschritt. Und sie erschien mir immer lieber, freundlicher, obgleich sie gar nie richtig lieb und freundlich gewesen war, sondern manchmal auf mich geschimpft und geflucht hatte. Aber bei ihr war ich geborgen gewesen, irgendwie. Nun wurde sehr schnell alles anders: Die Halle, in der ich aufwachte, war zwar auch noch groß, aber nicht riesig.
Musik erklang, die mir zuerst gefiel, die mich aber bald nervte; denn es war immer wieder die gleiche. Auch das helle Licht blieb immer gleich, vom frühen Morgen bis bald in die Nacht.
Und es tat weh.
Es war ganz anders als das milde Sonnenlicht draußen Aber das kannte ich damals überhaupt
noch nicht; denn noch niemals war ich als individuelle Leine draußen gewesen. Und hier war auch alles freundlicher und sauberer. Und auch die Frauen, die mit uns arbeiteten, waren ruhiger und freundlicher. Sie hatten aber auch viel mehr Zeit als die Frauen in China. Und die Männer schrien nicht so laut und blieben fast immer höflich. Es waren nur wenige; aber die Frauen schienen sie auch hier zu fürchten und nicht zu mögen. Sie hießen hier, glaube ich, Vorgesetzte.
Und wie sorgsam die Frauen hier mit uns umgingen! Es gab hier aber auch nicht so viele von uns.
Wir waren wertvoll, und man pflegte uns. Man nannte uns hier „Ware“. Und manchmal waren die
Frauen sogar richtig zärtlich zu uns, ein paar mal auch zu mir. Dann dachte ich gleich an meine Mutter. Nachdem wir das Neue kennen gelernt hatten, war es meistens nur langweilig.
Am schönsten aber war es mit den Kunden. So nannte man die Leute, die in den Laden kamen und uns betrachteten und begutachteten. Die meisten waren vorsichtig, achtungsvoll. Und unterhielten sich mit unseren Frauen über uns: Wie wir wären, synthetisch oder aus Leder, für große oder für kleine Hunde, für Kinder, für Erwachsene oder für Gebrechliche. Und sie sprachen unterschiedlich
gut von uns: Einige kamen gut weg, immer dieselben, andere weniger. An mir hatten sie meistens
was auszusetzen: den einen war ich zu kurz, den anderen zu lang, den einen zu dick, den anderen wiederum zu dürr.
Manchmal,seltener -kamen auch die Hunde mit, die Tiere - das hatte ich allmählich kapiert – für die wir eigentlich da waren. Und auch die waren ganz verschieden Manche waren richtig niedlich., meistens kleine, aber auch einige größere, anmutigere. Da wären wir am liebsten gleich mitgegangen Andere sahen schrecklich aus die Großen, oft mit Körben um ihre Mäuler, blickten
ganz traurig drein. Andere wiederum, Kleinere, sahen richtig komisch aus: wie Missgeburten. Am
schlimmsten aber waren die Nörgelnden und die Widerspenstigen, die ihren Herrchen oder Frauchen nicht gehorchten und die verzärtelt oder geschlagen wurden. Da waren wir immer froh,
wenn die wieder verschwanden, ohne eine von uns. Wenn wir aber alleine waren, nachts und an den
Sonn- und Feiertagen, stritten wir uns : „Ich bin attraktiver als du!“ „Ich bin am attraktivsten!“. „Du bist doch ganz daneben!“. Und die Attraktiven lästerten über uns andere und wiederholten die bösen verletzenden Worte, die die Menschen manchmal über uns gesagt hatten.
Allmählich waren fast alle Leinen, mit denen ich mich besser verstanden hatte, gekauft worden. Mich hatten sie am Ende immer wieder zurückgelegt. Meistens war ich sogar froh hierüber, einige Male aber nicht. Mit einem kleinen Mädchen und dessen niedlichen Hund, zum Beispiel, wäre ich gerne mitgegangen. Aber schließlich wollten die Eltern mich nicht.
Eines Tages aber hatte ich doch Glück, wenn denn Glück schon ist, dort in der Halle nicht alleine liegen zu bleiben und am Ende noch aussortiert zu werden.:
Ein langer, unsicher wirkender Mann wollte mich haben. Das heißt: zuerst ja mit Zweifeln, dann doch lieber nicht, dann vielleicht doch, mal überlegen. Eine der Frauen von uns, die ihn bediente,
wurde auch nicht schlau aus ihm und verdrehte hinter seinem Rücken die Augen. Für einen großen, starken Hund sollte sie sein, die Leine – so groß und stark aber auch wieder nicht ., ein Mischling aus Schäferhund und Labrador, ungefähr vier Jahre alt, aber noch ziemlich wild. Wir – unsere Frau und ich – konnten uns das wohl nicht so richtig vorstellen. Wie sollte dieser unsichere Typ, der seinen Liebling nicht einmal richtig beschreiben konnte, einen größeren und wilden Hund regieren.
Nach längerem Hin und Her nahm der Mann mich dann doch mit. Er steckte mich in seine Manteltasche – unordentlich, wie dieser ganze Mann war. Und wir begannen eine längere Fahrt. Ich hörte fremde Geräusche und roch fremde Luft. War ich bis dahin doch nur in großen Hallen, Lastwagen und Flugzeugen gewesen.
Endlich landeten wir bei Jonathan – so hieß dieser große Hund, der doch nicht so groß sein sollte!
Während meiner langen Zeit im Laden, hatte ich viel darüber gehört, wie sie uns behandeln sollten,
die Herrchen und die Frauchen und die Tiere, von Herrchen und Frauchen richtig erzogen. Je nach
der Größe, dem Alter und der Eigenart des Hundes und des Herrchens und Frauchens, und je nachdem, ob wir einfache Laufleinen waren oder spezielle Trainingsleinen und so weiter. Locker und doch fest, damit der Hund nicht gequält oder erdrosselt wurde, aber doch unter Kontrolle blieb.
Schlimme Beispiele hatte ich erlebt von unerzogenen Hunden und zur Hundehaltung gänzlich ungeeigneten Menschen. Einige Male, noch häufig genug, auch am eigenen Leibe.
Nie und nimmer aber hatte ich mir vorstellen können, dass es irgendwo solch eine schreckliche, unleidliche, teilweise sogar gefährliche Bestie geben würde wie anfangs diesen Jonathan: immer unruhig, nie zu bändigen, aber widerspenstig und träge, wenn man irgendetwas von ihm wollte. Völlig unfolgsam und taub war Jonathan gegenüber seinem Herrn, der sich teilweise sogar vor ihm zu fürchten schien: Lange und nervös fummelte er an mir herum, bis er mich endlich, umständlich
genug, am Halsband des Hundes befestigt hatte, nach mehreren Versuchen. Der Hund wollte nicht.
Zuerst nicht von zu Hause weg und dann nicht nach Hause. Er knurrte sogar, und legte sich widerständig krampfhaft auf den Boden. Und dieser ungeschickte, hilflose Mann versuchte uns dann zu ziehen – zuerst von zu Hause weg und später dann wieder nach Hause. Dem Hund tat das schrecklich weh. Er stöhnte, und manchmal jaulte er laut auf. Und der Herr wurde gezogen. Nur ganz mühsam konnte er korrigieren. Auch für ihn war es überhaupt kein schöner Spaziergang. Am liebsten wäre er uns wohl los geworden, den Hund und mich, die Leine. Einmal schmiss er mich wütend in die Ecke. Ich spürte es wohl: Es war Schwäche, aber es tat doch sehr weh.
Und ich wäre gerne irgendwo anders gewesen, anfangs.
Auch wenn der Herr die umgekehrte Tour versuchte und mich ganz locker in seine Hand nahm, so dass Jonathan eigentlich machen konnte, was er wollte, lief es nicht gut: Jonathan zog uns, den Herrn und mich, in alle Richtungen, blieb plötzlich stehen, ging dann wider Erwarten wieder weiter, kreuz und quer. Und Jonathan gefiel das auch nicht, obgleich er ja machen konnte, was er wollte.
Aber eben das wusste er selbst nicht so genau. Er suchte einen guten Führer. Und ich litt unter seinen Extravaganzen, wenn er einfach machte, was er wollte.
Auch eine Hundeschule brachte uns keine Besserung, im Gegenteil! Bei keinem Trio ( jeweils bestehend aus Mensch, Hund und Leine) lief es so schlecht wie bei uns. Unser Herr verstand einfach nichts, oder er brachte, wenn man es ihm sagte, alles schnell wieder durcheinander. Die
Lehrerin schüttelte verzweifelt den Kopf. Und die anderen Herrchen und Frauchen tuschelten miteinander, wen n unser Herr nicht in der Nähe war Ich merkte es wohl. Und die anderen Leinen wollten nichts von mir wissen, bei solch einem Herrn und solch einem Hund!
Kurz und schlecht: Wir drei – irgendwie gehörten wir ja jetzt doch zusammen - waren alle verzweifelt und wussten einfach nicht mehr weiter. Unser Herr dachte wohl daran, uns abzugeben,
weil er nicht mehr daran glaubte, lernen zu können, wie man mit Hunden und Leinen passabel umgeht. Jetzt ließ er uns links liegen, und ging mit Jonathan ( verantwortungsvoll war er ja, oder er
hatte ein Gewissen, wie die Menschen sagen). Und der Hund schaute mich scheel und feindlich an, wenn er nur in meine Nähe kam, verständlicherweise. Und auch ich mochte Jonathan immer noch nicht, obgleich ich mich sehr einsam fühlte und gerne einen Freund gehabt hätte, Ja, so war das damals!
Mit der Zeit gewöhnten wir uns aber doch aneinander. Auch wenn nie heiße Liebe oder auch nur Freundschaft daraus wurde! Hatten wir aber eine andere Wahl als diesen schwierigen Versuch, sich allmählich aneinander zu gewöhnen und wenigstens Teile des Anderen nicht gar so unsympathisch
zu finden, oder eben den Tod? Und dieser Tod wäre schmählich gewesen. Zumindest bei Jonathan und bei mir:
Ich wäre in irgendeiner Mülltonne gelandet, abgenutzt und hässlich, wie ich durch die lange schlechte Behandlung geworden war - und dabei war ich doch einmal eine junge hübsche Leine gewesen, und die jungen Mädchen hatten mich in ihren Händen gehalten und zärtlich mit mir gespielt! Achtlos, als Dreck wäre ich in dieser Tonne gelandet und später in irgend einer Müllverbrennungsanlage. Wie etwas, das bloß und schnellstens weg soll und um das niemand trauert, auch nicht ein bisschen! Und Jonathan wäre in irgend einem Tierheim gelandet ( unser ungeschickter Herr hätte bestimmt kein gutes gefunden!), einsam in irgendeiner engen Box, und kein Herrchen oder Frauchen hätte ihn jemals dort heraus geholt, hässlich, ungepflegt, störrisch und ewig schlecht gelaunt, wie er nach all den Jahren schlechter Behandlung geworden war! Vielleicht wäre er auch bald vergast worden.
Und unser Herr? Ich mochte ihn ja überhaupt nicht, anfangs, ungeschickt und hilflos, wie der gewesen war, und nirgendwo geachtet. Und wie er mich immer wieder schlecht behandelt hatte, so oft man ihm auch die richtige Behandlung zeigte. Und Jonathan war es wohl ebenso gegangen. Und dann hatte ich längere Zeit nur noch Mitleid mit ihm, der überhaupt nichts zustande brachte und überall scheiterte. Und nach und nach lernte ich, dass er nicht nur bei Hunden und Hundeleinen ein Versager war, sondern ein Versager überall: Stundenlang saß er an seinem wackligen Schreibtisch und schrieb, das heißt: Er schrieb eigentlich nichts oder selten ( das schien ja gerade das Problem zu
sein!). Und was er geschrieben hatte, zerriss er gleich wieder, wenn ich richtig beobachtete. Er saß also da und schrieb nichts, sondern stöhnte und fasste sich an den Kopf.. Noch häufiger aber lag er, halb ausgestreckt, auf der Couch und trank, solange er noch genügend Geld hatte, um sich Alkohol zu besorgen. Er aß wenig und unregelmäßig. Und in unserem Zimmer häufte sich immer mehr Müll.
Müll aus beschriebenen und unbeschriebenen Blättern, alten Zeitungen, Flaschen und Speiseresten.
Ich musste mich geschickt abrollen, damit er mich überhaupt noch wahrnahm. Und es begann zu stinken!
Besucher kamen längst nicht mehr. Komische Männer und Frauen waren das gewesen, die in einem
fort diskutiert hatten, und die sich dann fürchterlich anschrien und dann Türen schlagend wieder verschwanden. Und mit Jonathan und mir hatte keiner von denen etwas anfangen können. Entweder
sie beachteten uns gar nicht, oder sie stürzten sich – meistens die Frauen mit schrillen Schreien – überschwänglich und falsch auf uns, so dass es uns weh tat, Jonathan sie daraufhin anknurrte, so dass auch sie sich bald ganz von uns abwandten.
Das war eine schlimme Zeit gewesen, damals, die böse hätte enden können. Aber unser Herr fing sich wieder etwas. Er hörte wieder auf zu trinken. Und einmal in der Woche kam eine Frau, die etwas aufräumte, die schlimmste Unordnung beseitigte, auch unserem Herrn Bescheid sagte, dass
er sich nicht zu sehr hängen ließ und die sich sogar um Jonathan und mich kümmerte.
So lernten wir allmählich, miteinander zu leben, unser Herr, Jonathan und ich:
Morgens machten wir unseren Spaziergang – keinen langen; denn der Herr konnte sich nur noch schlürfend fortbewegen, und auch Jonathan wurde immer steifer und krummer. Die Leute ließen uns den immer gleichen Weg gehen. Sie gingen uns aus dem Weg, und sie lachten über uns.. Aber das war uns egal. Abends machten wir noch einen kürzeren Spaziergang. Dann waren wir meistens schon müde. Wir passten aufeinander auf: Jonathan stupste unseren Herrn an, wenn der vor sich hin träumte und es Zeit war für den Spaziergang oder wenn sonst etwas anlag. Er passte im Verkehr auf ( mindestens so sehr wie umgekehrt!). Und unser Herr seinerseits gibt ihm zumindest ordentlich zu essen und zu trinken. Er putzt seine Pfoten und kämmt ihn manchmal sogar.
Und da sich das Verhältnis zwischen Jonathan und unserem Herrn verbesserte, verbesserte sich allmählich auch das Verhältnis zwischen Jonathan und mir. Das heißt: Richtig gehasst haben wir uns nur ganz am Anfang, als er in mir die Ursache seiner Gefangenschaft sah und mir deshalb immer so weh tat. Bald schon aber hatten wir verstanden, dass fast alles an ihm, diesem fürchterlichen Herrn lag, uns versuchten es uns gegenseitig so bequem zu machen, wie es irgend ging. Inzwischen sind wir zwar längst keine Freunde geworden, aber doch so etwas wie unvermeidliche Schicksalsgenossen, die sich gegenseitig möglichst aus dem Weg gehen, die sich gegenseitig respektieren und notfalls auch helfen. Längst ist Jonathan froh, dass es mich gibt; denn
er hat längst gemerkt, dass er in der Freiheit überhaupt nicht zurechtkommt und dass er dann nur sich selbst und Anderen Schaden zufügt. Jonathan zieht nicht mehr so und beißt mich nicht mehr so. Einmal, ich war sehr überrascht und werde es niemals vergessen, hat er mich sogar zärtlich abgeleckt. Es war nur kurz, als ob er sich sofort danach wieder geschämt hatte, aber immerhin. Es war einer der glücklichsten Augenblicke in meinem ganzen Leben. Nie, nie werde ich ihn vergessen! Und ich werde jetzt immerhin, jedenfalls meistens, ordentlich hingelegt, so dass ich es bequem habe und richtig atmen kann. Ab und zu werde ich sogar geputzt, nicht so sauber wie in ordentlichen Haushalten, aber immerhin.
So ist mit der Zeit unser Zusammenleben ein leidliches geworden. Es ist nicht das ideale Hundeleinen-, Hunde- und wohl auch nicht Menschenleben. Aber wo, bitteschön, werden denn Ideale überhaupt verwirklicht, und wer weiß denn schon so genau, wie es anderen wirklich geht!
Wir jedenfalls haben uns mit unserem Leben abgefunden, miteinander.
Und da reden sie neuerdings so oft von China, wo ich herkomme.. Fast immer, wenn unser Herr das Radio anstellt. Und dann muss ich wieder an die große Halle denken. Und an meine Mutti. Ob die noch lebt, und wie es der jetzt geht? Aber ich habe das Weinen verlernt und glaube nicht, dass ich da noch einmal hinkomme und dass ich das überhaupt will.
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Liebe Lillilu! Erst "kurz vor Toresschluß" und bei großer Kälte finde ich Deinen Kommentar aus dem Wonnemonat. Ich hoffe,er erreicht Dich doch noch. Entschuldige bitte vielmals, aber ich bewege mich noch ziemlich ungeschickt im Internet und habe im allgemeinen zu wenig Zeit, um die Kommentare zu lesen. Auf Deine Beiträge bin ich aber doch neugierig (wenn jetzt noch Zeit bleibt). Jedenfalls habe ich damals Deinen Beitrag mit großem Interesse und großer Freude gelesen, weil ich ihn als positiven und aufmunternden verstanden habe. Eigenartig, wie meine beiden Beiträge bei Dir angekommen sind: Die "Hundeleinen"-Geschichte ist frei erfunden, greift allerdings viele meiner "Hundeführer"-Erfahrungen auf. Dagegen beruht die Abschiedsessens-Geschichte fast ausschließlich auf erinnerten "Tatsachen". So kann `s einem gehen als Schreiber. Alles Gute Wolfgang Bullerdiek
Kompliment! Von wem? Von einer Leserin, nur von einer Leserin! Dein Lesezeichen werde ich erst mal nicht löschen.
Himmelherrgottsakranocheinmal! Lieber Bullerdieck, wer hätte je gedacht, dass du so eine herzzerreissende Geschichte schreiben würdest! Da kann man sehen, wie sehr die Übungen uns doch befähigen! Ich erinnere mich an einen frühen Beitrag über ein Abschiedsessen von jemandem der in Rente ging. Da habe ich keine Lust gehabt zu kommentieren. Aber hier, bei dem unbelebten Objekt einer Hundeleine, kommen all diese Emotionen raus, ja, das ist wohl der Weg, den du gehen solltest - beim Schreiben: eine Möglichkeit finden, dich oder deine Protagonisten aus ihrer Gefangenschaft zu lassen, damit sie zeigen, welche Gefühle sie haben! Ganz liebenswert, dieser Hund, die Leine (in ihrer Starrolle) und das saufende und schreibende Herrchen! LG Lillilu
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Ich bin alt und habe schon vieles erlebt - habe Tragödien und selten sogar Komödien gesehen. In mir erwachte das Leben und es erlosch. Fast zwei Jahrhunderte hat mein eigenes Leben als Haus, als Cottage in einer Häuserreihe im Norden Yorkshires, bis jetzt gedauert.
Es gab eine Zeit, da blieb man lange bei mir. Man lebte sein Leben in und mit mir, wir bildeten eine Art Gemeinschaft, heute sagt man wohl eher, man bildete ein Team.
Jedoch die letzten zwanzig Jahre waren nicht mehr so gut. Die Besitzer wechselten häufig. Man kaufte und verkaufte mich, um Gewinn zu machen, um die Leiter der besitzenden Klasse aufzusteigen.
Seit dem letzten Oktober bin ich nun allein, aber ich bin nicht einsam. Die Nachbarn rechts und links von mir sind da. Wir sind in die Jahre gekommen, stützen uns mit unseren Mauern gegenseitig und versuchen auszuharren, bis eine Wende eintritt.
Wir sehen alle unterschiedlich aus, einige von uns haben sogar ein Reet gedecktes Dach - sehr extravagant in unserer Reihe.
Ich selber bin einstöckig, plus einem Kellerraum (der kommt durch die Hanglage) und einem leeren Speicher. Unten ist ein großes Wohnzimmer, ein Speisezimmer und eine große, nach hinten gelegene Küche. Wie es sich gehört, habe ich natürlich auch einen Garten. Er ist altmodisch mit einer hohen Backsteinmauer nach Süd-West. Oben im Haus sind drei Schlafzimmer und ein sehr großes Badezimmer. Das gab es natürlich nicht von Anfang an. Aber seit längerem gehört es nun dazu. Die Treppe nach oben hat achtzehn Stufen, alles aus Holz. Der Speicher ist ausgebaut, leergeräumt und sauber.
Nun warte ich also.
Im Oktober zogen die letzten Besitzer aus - sie hatten mich an einen Investor verkauft, der unsere gesamte Reihe gekauft hatte und seit längerem renovierte und umgestaltete. Gleichzeitig machte er Werbung für traditionelles Wohnen in einer der schönsten Gegenden Yorkshires.
Stimmt, hier ist es schön. Das Meer ist nicht weit, die Hügel sind grün, das Städtchen zu dem wir alle gehören, beschaulich und nett. Aber die Straße zu uns hinauf ist steil und ein Auto kann man nirgends parken. Und im Winter kann es recht kalt und rauh werden.
Yorkshire ist keine Grafschaft mit südlichem Flair. Aber wir in Yorkshire wollten auch nie so sein. Nur - es ist nicht jedermanns Ding hier zu leben und viel Arbeit können wir hier auf dem Land auch nicht bieten.
Nachdem der Herr Investor mit seinem Projekt fast fertig war - ich war das letzte Haus, das noch ausstand - wurde ihm bewußt, daß die Finanzen nicht so standen, wie er es sich vorgestellt hatte.
Die Leute rannten ihm nicht das Büro ein, um eines seiner Häuser zu kaufen. Alles ging sehr schleppend, und jetzt im Mai stehen noch immer drei Häuser zum Verkauf. Eines davon bin ich - bei mir wurde nicht mehr so viel investiert und renoviert. Man war vorsichtig geworden und wartete erst einmal ab.
Regelmäßig wird das Verkaufsschild vor meiner Haustür der Maklerfirma Merryweather's erneuert, damit es nicht so aussieht, als sei ich unverkaufbar.
Eigentlich hatte ich schon fast aufgegeben. Ich war diese Leere und Trostlosigkeit in meinen Räumen so leid. Häuser haben ein eigenes Leben und eine Seele. Aber wenn sie leer stehen, stirbt beides.
Gestern morgen aber wurde der Schlüssel in meiner Haustür umgedreht und drei Menschen - zwei Männer und eine Frau - betraten meine kleine Halle mit der Treppe.
Eigentlich wäre es die Aufgabe des Schornsteins gewesen die Ankunft zu melden. Aber er war etwas außer Übung gekommen und hielt gerade einen Schwatz mit dem Nachbarschornstein.
„Das hier ist das Haus, das Sie sich gerne anschauen wollten", der eine Mann mit der dunklen Hose und dem weißen Hemd wies mit der rechten Hand und einer souveränen Geste in meine leeren Räume. Ich kannte ihn vom Sehen, er war der Makler, der sich um die leeren Häuser kümmerte. "Wie Sie sehen, ist alles bezugsfertig renoviert."
„Was ist mit der Treppe? Sie sieht recht alt aus." Die Stimme des anderes Mannes wirkte ruhig und gleichzeitig angespannt. Er sah in seinem dunklen Anzug und der korrekten Frisur sehr seriös aus. Aber irgendwie paßte er nicht zu dieser Frau mit dem leichten Frühlingskleid, dem Schal und der übergroßen Tasche.
„Ach ja, schön, daß Sie es sehen. Sie ist original erhalten geblieben, natürlich restauriert, " war die souveräne Antwort.
„Also keine Holzwürmer oder ähnliches", fragte der Mann nach.
„Natürlich nicht", mischte ich mich lautlos in dieses Gespräch ein.
„Sie ist sehr schön, genauso wie ich sie mir schon immer gewünscht habe", antwortete die Frau.
„Morven", zischte der Mann wieder. "Bitte nochmals zu den Holzwürmern."
„Es sind keine drin", sagten der Makler und ich gleichzeitig.
Die Frau hatte gar nicht weiter zugehört und war ins Wohnzimmer gegangen. Sie besah sich den großen Kamin, daß Schiebefenster mit den vielen kleinen Rahmen und schaute sich zu den beiden Männern um. „Bitte,ich möchte alleine durch das Haus gehen. Schon gut...", sie hob abwährend ihre Hände. "Ich weiß, daß man es normalerweise anders macht. Aber ich möchte es so und ich brauche keine Erläuterungen. Meine Augen sind intakt und mein Verstand arbeitet unverändert gut."
Bevor die beiden Männer etwas sagen konnte, hatte sie sich umgedreht und die Tür hinter sich geschlossen. In der nächsten halben Stunde besuchte sie jedes Zimmer von mir, schaute viel aus dem Fenster, strich über meine Türen und Wände, verweilte verträumt beim alten Ofen in der Küche - einen cremefarbenen Aga aus dem letzten Jahrhundert - betrachtete den Garten. Und mit jedem Augenblick unseres Alleinseins wußte ich, daß ich sie mochte, ja, daß sie es war auf die ich seit Jahren gewartet und deretwegen ich ausgeharrt hatte.
Der Kamin hatte währenddessen dem Gespräch der beiden Männer zugehört und mitgeteilt, daß der andere Mann ein Anwalt und für ein eventuelles Verkaufsgespräch mitgekommen sei.
Morven ging zu den beiden Männern zurück.
„Sie haben sich alles angeschaut. Haben Sie Fragen zu diesem Objekt," hörte ich den Makler fragen.
„Nein, gar keine. Mir gefällt das Haus so wie es ist. Ich kaufe es. Sofort, wenn es geht. Ich habe die £ 150.000, ich brauche also keine mortgage."
„Morven, bitte. So geht das doch nicht", sagte der Anwalt wieder.
„Ich kann es nicht kaufen?", ihre Stimme klang ein wenig unsicher und zitterte.
„Doch, natürlich kann man mich kaufen. Du bist die, auf die ich schon so lange warte. Laß dich nicht abschrecken", schrie ich lautlos, die Türen und Fenster bemühten sich zu lärmen, die Treppe knarrte.
„Selbstverständlich können Sie ein Angebot machen und wir sollten dann vielleicht in mein Büro zurückfahren und alles vorbereiten."
„Ich will es kaufen. Ohne wenn und aber. Und machen Sie das Ganze so fertig, daß ich das Haus auch wirklich bekomme. Ich habe genug in den diversen Zeitschriften gelesen, daß Leute, die ein Angebot auf ein Haus gesetzt hatten es im letzten Augenblick nicht bekamen, weil jemand anderes es ihnen wegschnappte. Das darf auf keinem Fall geschehen. Ich will dieses Haus."
„Morven", sagte der Anwalt noch einmal. „Entschuldigen Sie uns bitte einen Augenblick. Ich möchte kurz mit meiner Mandantin unter vier Augen sprechen."
„So kauft man kein Haus", hörte ich ihn eindringlich auf sie einreden. Und dann sprach er mehrere Minuten lang. Ich habe nicht alles verstanden, die Gesetze für einen Hauskauf haben sich verändert und eigentlich habe ich es noch nie erlebt, daß solch ein Gespräch in meinen Räumen stattfand. Aber Morven blieb standhaft.
„Bitte sieh dir noch die andere Häuser an und laß mich versuchen wenigstens den Preis zu drücken. Du verschleuderst dein Geld mit dieser Vorgehensweise", sagte der Anwalt.
„Nein, da irrst du dich gewaltig", hörte ich ihren Widerspruch. „Ich verschleudere mein Geld nicht, ich investiere es in mein Glück. Ich will dieses Haus und kein anderes. Es hat eine Seele und ich mag es und es mag mich. Und nun laß uns gehen und den Kauf abschließen."
Als sie ging, blieb sie noch einen Augenblick stehen, sah sich noch einmal um, legte ihre kühle linke Hand auf eine meiner Wände. "Bis später", sagte sie und zog die Tür ins Schloß.
Herrlich Beate! Dieser Schlusssatz, der alles abrundet ,ist ideal. Die Hausbeschreibung ist dir super gelungen - ich konnte es direkt sehen. Statt "Mortgage" sollte man vielleicht lieber Hypothek schreiben, denn dieses Wort gehört nicht gerade zum 800-Wörter Grundwortschatz. Für etwas original Englisches würde ich immer ein allgemein bekanntes Wort wählen. Und den Satz, dass "Häuser eine Seele haben" solltest du so schreiben, dass es eine Aussage des Hauses ist, oder lieber gleich weglassen, denn die Seele des Hauses geht aus jeder Zeile deines Textes hervor. Wenn ich 150 000,- Pfund übrig hätte würde ich es kaufen! LG Lillilu
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11248
Ein Objekt erzählt:
Ich bin die Überbohne, eine getrocknete Superbohne, sozusagen die Primadonna unter den Bohnen. Eigentlich bin ich eine Johannisbrot-Schote – was für ein attraktives Wort: Johannisbrot-Schote; zerrieben Karoba, ein Nahrungsmittel, gut für den Bauch. Wenn du mich angreifst, rasseln meine Samenkörner unter den Buckeln meiner spröden Haut für dich den Karoba-Boba-Bohnen-Tanz: Rum, rassel, tassel, roba rum – rum, rassel, tassel, roba, rum.
Schon auf dem Baum hängend wurde ich vom Wind getrocknet zum Rassel-tasssel- Instrument. Mit allen anderen dunklen Hängebohnen – du brauchst nichts sagen, ist ja nur wegen der Form - also wenn wir alle da hingen und der Wind an uns zupfte oder zerrte und Musik machte und wir tanzend aneinander klapperten, dann war das ein Fest. Manche wurden gepflückt, manche fielen im Rasselsturzflug vom Baum. Ich geriet in die Hand eines Kriegers, der mit mir die Luft durchschnitt: rassel, tasssel, roba, rum. Nicht die leiseste Spur von Feuchtigkeit ist in mir. Ich bin einfach ideal! Ich bin unzerstörbar! Ein Geschenk des Rhythmusgottes, ein Bohnenschwert gegen die Dämonen in der Hand des Schamanen, der um das Feuer tanzt.
Wirklich sehr amüsant geschrieben! Ich bin begeistert, wie viel Freude in deinem Text steckt. ..." der mit mir die Luft durchschnitt", toller Satz! Viel Glück weiterhin!
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10911
Endlich ist es so weit. Sie hat sich an mich erinnert. Wie lange ist es her? Lange, zu lange. In der hintersten Ecke liege ich, zerknittert, leicht staubig, der Schokoladenfleck ist nur noch zu erahnen. Sie hat mir verziehen, was auch immer ich verbrochen habe. Das Licht blendet mich, ich kann kaum etwas erkennen. Ihre Hand hingegen habe ich erkannt, sofort, nie würde ich sie vergessen. Vielleicht ist es dieses Mal anders. Es war nicht der erste Ausflug in die Helligkeit seit unserer letzten gemeinsamen Mission. Alle Jahre wieder hatte sie mich in die Hände genommen, mich in einen grossen Haufen geworfen und dann doch wieder liebevoll zusammengelegt, in eine Kiste gepackt und später in die gleiche Behausung oder in eine neue gelegt. Wieder in die hinterste Ecke, wieder in die Dunkelheit. Vielleicht würde sie mich dieses Mal sehen, auch wenn ich nicht mehr so funkle und glänze wie das erste Mal.
Meine Farben waren noch leuchtend und ja, die Jahre und die vielen turbulenten Wildwasserfahrten in dem weissen Ungetüm namens Waschmaschine hatten auch auf meine Form Auswirkungen. Ein Grossteil meiner schönen Glitzersteinchen musste mich verlassen, ich liess sie auf Parkbänken, im Kino, in der Schule und in fremden Häusern zurück, einige wurden von ihren Fingern abgepult, als sie mich das letzte Mal aus meiner Schlafstätte nahm, sie war traurig, als hätte sie gewusst, dass es ein Abschied für eine lange Zeit war und Tränen tropften auf mich herab. Doch damals, als sie mich das erste Mal sah, hervorkramte aus einem Stapel von Artgenossen, mich in eine Kammer mitnahm, überzog und sich mit mir vor dem Spiegel sonnte. Wie sie mich versonnen wieder zurücklegte, vorsichtig glattstrich und ich ihr enttäuscht nachblickte und mich auf weitere Stunden, weitere Hände, weitere Körper gefasst machte. Ich hatte sie gemocht. Sie hatte süss, sehr süss geduftet, nach grünen Äpfeln und Pfefferminzkaugummi. Sie hatte mich sorgfältig behandelt und nicht achtlos hängen lassen oder gar zerknüllt in die Ecke geworfen. Wie glücklich war ich, als sie ein paar Tage später wieder kam, mit einem älteren weiblichen Menschen, den sie „Mama“ nannte und der mich schliesslich in eine Tüte packen liess. Ich weiss noch, wie ihre Augen strahlten und sie mich stundenlang vor dem Spiegel trug.
Doch jetzt blickt sie mich kaum an, wirft mich achtlos auf einen Haufen. Als eine himbeerrote Jeans auf mir landet, gebe ich auf. Doch plötzlich ist da wieder ihre Hand. Sie rettet mich, endlich.
Sie hält mich vor sich hin, blickt mich mit gerunzelter Stirn an. Wie sehr sie sich verändert hat. Ihre Haare sind jetzt kürzer und fallen frech in die Stirn, die Ohrenringe sind kleiner und wenn ich ehrlich bin, sehe ich, dass die Zeit auch an ihrer Form Spuren hinterlassen hat. Ich zweifle, dass sie diesen Kugelbauch mit mir abdecken könnte.
„Schatz, sieh mal! Erinnerst du dich noch daran? Ich dachte, ich hätte das schon längst weggeworfen, doch ich war wohl zu sentimental.“
„Was denn? So was hast du getragen? Wann? Mit 12?“ Ein dunkles Lachen kommt aus der anderen Ecke des Zimmers. Ich kann es nicht zuordnen und kann auch nichts erkennen, die Jahre müssen mich kurzsichtig gemacht haben.
„Ich war 16 und das war das T-Shirt, in dem ich das erste Mal geküsst wurde, von Ben Zimmermann!“
Sie hat mich nicht vergessen. Sie weiss noch, wer ich bin.
Es war dieser Abend kurz nachdem sie mich erstanden hatte. Ich merkte, dass sie aufgeregt war. Sie duftete noch süsser als normal und ihre Augenlider hatte sie seltsam blau angemalt, wahrscheinlich wollte sie meine Schönheit unterstreichen und ich fühlte mich geschmeichelt. Sie traf diesen Jungen, kicherte viel, tropfte vor Aufregung Schokoladeneis auf mich, was sie fast zum Weinen gebracht hatte, sie wollte schon nach Hause, doch ich versuchte sie zurückzuhalten und gab mir alle Mühe das Schokoladeneis von mir zu stossen, als sie es mit der Papierserviette in mich reinrieb. Doch in dem dunklen Raum, in dem wir nachher waren, sah es sowieso kein Mensch mehr. Alle Blicke waren auf die Leinwand geheftet, wo ein todtrauriger Film über einen sterbenskranken Mann lief, der für die Gerechtigkeit kämpfte oder so. Ich weiss es nicht mehr. Der Junge neben ihr fand den Film wohl eben so langweilig wie ich, während sie heisse Tränen weinte und keine Minute vom verpassen wollte. Dafür verpasste sie, dass er sie die ganze Zeit anhimmelte, es war ziemlich peinlich, wenn ich ehrlich bin.
Nach dem Film brachte er sie nach Hause und auf dem Heimweg passierte es dann. Vor einem Schaufenster blieben sie stehen, nicht dass es etwas zu sehen gegeben hätte, er kam immer näher, ich konnte ihn riechen, er duftete nach Sandelholz. Schliesslich beugte er sich zu ihr herab und küsste sie auf den Mund, zögernd, zurückhaltend, doch er küsste sie. Danach war mir schummerig und ich glaube, ihr ging es nicht besser. Ich weiss nur noch, dass sie den Rest des Weges Hand in Hand liefen.
Von da an durfte ich oft mit ihr das Haus verlassen, zuerst mit ihm, doch dann sahen wir ihn seltener und irgendwann sass sie weinend mit mir in der Hand da und flüsterte mir ins Ohr, dass sie nie mehr einen Freund haben wolle, dass sie sowieso alles falsch mache. Ich weiss nicht, wovon sie damals sprach.
Von meinem Freund, dem blauen Pullover hörte ich, dass sie ihm gesagt hätte, er solle gehen, dass sie sich anscheinend in den blonden Jüngling verliebt hätte und ihn nicht mehr haben wollte. Wieso sie deshalb weinte, verstehe ich heute noch nicht.
„Ben Zimmermann? Und du hast das T-Shirt immer noch? Seit 16 Jahren? Bist du sicher, dass du den Richtigen geheiratet hast?“
Der Mann macht ein paar Schritte auf sie zu. Ich habe ihn noch nie gesehen, doch ich mag ihn sofort. Er hat verschmitztes Lachen und die kleinen Fältchen um die Augen, lassen ihn noch mehr strahlen.
„Ich hoffe doch. Ansonsten muss unser Kleines leider ohne Vater aufwachsen.“ Und zärtlich streicht sie sich über den Bauch. Jetzt verstehe ich! Wenn ich Weinen könnte, würde ich das jetzt tun, aber nicht aus Schmerz, sondern aus Freude. Ich bin immer noch glücklich, auch als ich im weissen Sack lande und weggefahren werde. Vielleicht erlebe ich ja eine weitere Geschichte wie diese.
Schön zu hören, ich war nicht sicher, ob die Geschichte nicht zu flapsig dahin geschrieben war. Lillilu, deine Gedanken sind interessant, das wäre vielleicht eine Fortsetzung wert. Danke für den Tipp. Antigone, ich werde mir den Kinoteil nochmals ansehen. An der Länge kann es nicht liegen, also muss wohl etwas Spannung rein. Danke, danke, danke!
Schöne Geschichte, liebevoll und voller Gerüche. Ich habe richtig Mitleid mit dem T-Shirt - was es wohl alles riechen wird auf dem Weg nach Afrika, den Zielort des DRK?
Gut geschrieben, hübsche Idee! Der Absatz mit dem Kino ist etwas zu lang gezogen, wodurch Spannung verloren geht. Besonders gut und lebendig finde ich den Anfang. L.G. Antigone
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10789
Endlich scheint die Sonne. Vor dem Haus unter der Birke haben die Schneeglöckchen schon lange ihre Laubblätter schlaff herunterhängen lassen und die gelbblühenden Osterblumen, nur zu Ihrer Orientierung, hier im Norden nennen wir sie nicht Narzissen, haben ihren Platz auf dem Rasen eingenommen. Vom Meer weht immer noch ein sehr kühler Wind herüber und ich warte sehnlichst auf den Sommer und den Frühling, damit diese elende Heizerei endlich aufhört. Der Ofen in unserem Frühstückszimmer funktioniert seit einigen Jahren nicht mehr einwandfrei, aber Leni, sie ist eine sehr tapfere und adrette junge Frau, verdient mit dieser Pension einfach nicht genügend Geld, um größere Reparaturen und Anschaffungen zu finanzieren. Bei Ostenwind ist es besonders schlimm. Wenn er auf den Kamin drückt, quellen dicke Rauchwolken durch das Frühstückszimmer, und ein ekelhafter Geruch - entschuldigen Sie bitte meine ungehobelte Auasdrucksweise - setzt sich in jeder Faser meines Florentiner Tülls ab. Und der trockene Staub macht mich ganz kurzatmig. Nun hat Leni auch noch zwei Raucher ans Fenster gesetzt, die ungeniert in meine Bordüren qualmen. Wie sehne ich mich danach, dass das Fenster geöffnet wird und der Wind meine zarten Fasern streichelt. Und wenn Leni mich endlich in der Zinkwanne sanft auf und ab senkt und die Seifenlauge mich erfrischt, übrigens nimmt Leni jetzt Persil statt Imi, dann fühle ich mich wie neu geboren.
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10713
An den Tag, als sie mich aufstellten, erinnere ich mich noch gut. Ganz so, als sei es erst gestern gewesen. Sie fuhren mit mir weit, weit hinaus, an einen Ort, wo die Füchse einander "Gute Nacht" sagen. (Wenn einer sagen kann, dass das alte Sprichwort zutrifft, dann bin ich es wohl.) Jedenfalls ist dort, wo ich seit jenem Tag ausharren muss, weit und breit kein Haus, kein Hof zu sehen - bloß eine Kreuzung und vier sich in der endlosen Weite verlierende Asphaltbänder.
Der Wagen hielt an, dann ging alles verdammt schnell. Die zwei Männer zogen mich von der Ladefläche des Lkws; der eine hielt mich am oberen Ende, der andere um die Taille. Sie legten mich an den Straßenrand, und es machte ihnen offenbar nichts aus, dass der Grünstreifen feucht und mit Hasenkacke übersät war. Stumm ertrug ich die Demütigung.
Dann luden sie auch meine drei Begleiter ab: Viktor und Veronika, mit denen ich im Grunde nichts zu tun hatte, weil sie aus einem anderen Lager stammten, rammten sie an den Ost- und Westseiten der Kreuzung in den kühlen, matschigen Boden. Anschließend kam mein Kumpel Oskar an die Reihe. Ohne dass ich mich von ihm verabschieden konnte, nahmen sie ihn und steckten ihn in ein vorgebohrtes Loch an der Nordseite. Ich hörte, wie sie ihn mit einem Hammer immer tiefer in die Erde trieben, bis er reglos und wie angewurzelt aus dem schmalen Loch ragte, seine Spitze rund drei Meter über dem Grund.
Die Männer klatschten den Dreck von den Händen, dann kamen sie langsam auf mich zu. Sie redeten nicht, und ich vermutete, dass Männer, die solche Arbeit verrichten, generell wortkarg sind. Was soll man einander auch sagen hier draußen in der Ödnis?
Einer zündete sich eine Zigarette an, der andere kaute unentwegt Kaugummi. Dann hievten sie mich mit vereinten Kräften aus dem Dreck und lehnten mich an den Wagen. Der Raucher schnappte sich einen Spaten und grub ein Loch an der Südseite der Kreuzung. Mein Loch.
Ich glaube, es war in diesem Moment, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich eine Bestimmung hatte. Und dass ich das Glück hatte an der Südseite zu stehen. Oskar, der auch im Lager schon immer ein Pechvogel war, etwa weil sein Lack gelegentlich abblätterte, hatte es nicht so gut getroffen. Wer mag schon ein Leben lang an der Nordseite stehen - stets mit dem Rücken zur Sonne?
Der mit dem Kaugummi begann plötzlich zu fluchen: "Wir haben zu wenig von dem Scheißzement! Wenn der Wind zunimmt, wird es bald schief stehen."
"Wen stört's?", entgegnete der Raucher, "ich frage mich sowieso, weshalb wir die Dinger hier aufstellen."
"Allerdings", stimmte der Andere zu. "Komm, pack mal mit an. Dann haben wir's hinter uns."
Sie schleppten mich an meinen Bestimmungsort. Dann ließen sie ruckartig los, und ich rauschte in die Tiefe. Mein Fuß schlug kräftig auf, und es gab einen dumpfen Schlag. Die Männer hatten zweifellos übersehen, dass ein großer Kiesel im Loch lag - oder sie scherten sich nicht darum, dass er unter mir zermahlen wurde.
Ungeschickt richteten sie mich aus und gossen Zement ins Loch. Nass, klebrig und kalt umschloss er meinen Fuss. Dann erwärmte sich die Masse, unerwartet, aber nicht unangenehm. Oft hatte ich überlegt, wie dieser Moment wohl sein würde. Der Zeitpunkt, an dem du weißt, dass du für immer deine Beweglichkeit verlierst. Jetzt, da es soweit war, konnte ich keinen klaren Gedanken fassen und ließ alles geschehen. Wie in Trance spürte ich, dass der Zement immer härter wurde. Bis er nach ein paar Minuten so fest war, dass er jegliche Bewegung verhinderte.
Dann nahmen sie mir den Sack ab, und die ganze Welt - jedenfalls der Teil, an dem ich mich befand, konnte mich sehen. Doch in all den Jahren, die ich an diesem Ort zubringen musste, nahm niemand von mir Notiz. Na ja, gelegentlich schon, wenn sich ein Auto der Kreuzung näherte. Dann sah ich, wie sich die Gesichtszüge der Fahrer zu einem Grinsen formten. Zu einem Grinsen, das der Freude über die Vorfahrt entsprang, die ich ihnen signalisierte.
Großartiger Text, kein Adjektiv zu viel! Und eine hübsche Idee ein Vorfahrtsschild zu wählen.
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10573
Nackt in einer Hafenschenke! Früher hätte mein Onkel mir das nicht angetan. Er hätte mich wenigstens mit diesem, wenn auch halbtransparenten Spitzenkleidchen umhüllen können, so dass die Bagage nur meine langen Beine sehen könnte.
Ich hörte ängstlich auf das leise Ticken der Uhr. Bald würde es Acht schlagen, die alte Tür sich öffnen und das Gesindel die Bar stürmen.
Ich hasste meinen Job. Warum hatte ich nicht bei meiner Mutter bleiben können. Sie war eine alte, aber zähe Gestalt und neben ihrer vollen Stimme hatte mir vor allem ihr Vollbart
imponiert. Ein tief eingeritzter Namenszug war alles was mir von ihr geblieben war.
Dong! Der erste Uhrschlag riss mich prompt aus meinen Gedanken. Jetzt war es zu spät um zu flüchten. Ich blieb wie angewurzelt stehen, starr vor Angst.
Doch was durch die Tür kam, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen.
Der Schrei meines Onkels ließ mich erzittern. Aussässige!
Einmal hatte mein Onkel gesagt jeder Blinde sollte Gott dafür danken, dass er diese Ausgeburten der Hölle nicht erblicken musste. Ich stellte sie mir grauenhaft vor.
Mit Flecken übersäte Kreaturen, mit verfaulten Händen und Füßen, die sich jetzt auf allen Vieren auf mich zuschleppten. Ich wollte um Hilfe schreien, doch konnte nur noch piepsen.
Hoffentlich wurde mein Onkel eine kleine Blinde retten, doch ich hörte ihn plötzlich nicht mehr. War er geflüchtet oder gar tot?
Dann spürte ich die erste verfaulte Hand, die mich berührte. Der Schreck hätte mich töten sollen. Dieses ekelerregende Gefühl war schlimmer als alles bisher Erlebte.
Meine Nacktheit musste den Halbtoten geil gemacht haben.
Langsam strich die halbverfaulte Hand an meinem Bein hinauf und ich fiel in eine Ohnmacht. Immer wieder berührten sie mich und verschütteten ihren Wein über meinen nackten Körper.
Halb betäubt merkte ich noch, wie sich immer mehr Bestien um mich versammelten, das letzte, was ich noch wie von weitem hörte, war ihr schallendes Gelächter, das immer stärker wurde, je mehr sie tranken.
Auch wenn ich kein Mensch war, es erfreute mich umso mehr, meinen Namen in der Lokalzeitung ,,The Flockpast“ lesen zu können:
Alter Keplerschenke in der Nacht auf gestern verbrannt, und mit ihr auch der wertvolle Tisch
des altehrwürdigen Schreiners Maxwick.
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10383
Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich begrüße Sie ganz herzlich. Ja, ich weiß, wie man das macht, schließlich kann ich mich in der Öffentlichkeit benehmen. Ich bin Publikum ja gewohnt, oder zumindest war ich es mal.
Schön dass ich mich heute einmal zu Wort melden kann. Endlich mal wieder. Seit Wochen hänge ich nämlich hier nur rum, und niemand kümmert sich um mich. Stattdessen verkümmere ich....
Dabei hat sie vor einiger Zeit noch meine Saiten gewechselt und meinen Körper liebevoll mit duftendem Öl massiert. Ha, dachte ich, endlich komme ich mal wieder zum Einsatz. Normalerweise ist so eine Spezialbehandlung immer ein Zeichen, dass in meinem Leben etwas Aufregendes passiert. Dass ich wieder klingen darf.
Aber diesmal hielt der gute Vorsatz wohl nur ein paar Tage vor. Für diese paar Tage wurde ich wieder täglich von meinem Ständer genommen, durfte meine Hölzer zum Schwingen bringen und die Luft mit meinen zarten Tönen erfüllen. Zwar immer nur recht kurz, aber man wird ja bescheiden... es war besser als nichts. Nun ist das schon wieder vorbei, und ich stehe hier nur tatenlos rum.
Das ist nicht gut für mich. Für niemanden von meiner Art ist es gut, nur untätig in einer Ecke zu stehen oder zu hängen. Ich bin schließlich sehr sensibel und erspüre sofort die Gefühle der Menschen, die mich in die Hand nehmen – und ich selbst habe doch auch Gefühle.
Ach so, Sie wissen ja noch gar nicht, mit wem Sie es zu tun haben... ich habe doch glatt vergessen mich vorzustellen. Also mein Name ist Washbourne DS68, und ich bin eine Western Gitarre. Ich wurde 1986 aus ausgesuchten Massivhölzern von Hand gefertigt. Ja, sie sehen, ich bin aus gutem Hause. Ich hatte von Geburt an die besten Anlagen, eine herausragende Karriere zu machen. Aber ohne meine Besitzerin kann ich das natürlich vergessen. Von alleine klinge ich nun mal nicht. Meine Hölzer müssen in Schwingung bleiben, die Saiten immer exakt gestimmt sein, damit mir nichts verloren geht von meinem exzellenten Klang.
Früher, da war sie oft mit mir unterwegs. Jede Woche, meist mehrfach, und manchmal war sie sehr aufgeregt, bevor sie mich in den Koffer und in ihr Auto packte. Da wurde ich poliert, gestreichtelt, mit neuen Saiten versehen. Für mich war das dann schon ein sicheres Zeichen – wir würden vor vielen Menschen auftreten. Ich liebte diese Momente. Ich konnte mich von meiner besten Seite zeigen, und meine Besitzerin war besonders sorgfältig mit mir. Ich wurde gelobt, bewundert, fremde Menschen fragten, ob sie mich einmal nehmen dürften. Ja, da lebte ich auf. Dafür bin ich schließlich erschaffen worden. Nicht als Raumdeko, zu der ich mich heute degradiert fühle.
Dann gab es eine Zeit, wo sie mich bei ihrem Freund stehen ließ. Dort waren noch viele meiner Art, aber er hat sich fair um uns alle gekümmert und keine vernachlässigt. Oft nahm er mich mit zum Unterricht, wo kleine und große Menschen mit kleinen und großen Gitarren saßen und lernen wollten, wie die wunderbaren Töne auf unseren Körpern erzeugt werden. Und er zeigte es ihnen. Er war ein ganz besonderer Partner. Manchmal war er fast grob mit uns, schlug laut und heftig auf die Saiten – um dann doch gleich wieder ganz zärtlich, leise, verträumt mit uns zu spielen, so dass traumhaft singende und klingende Laute entstanden. Er verstand es, jedes Gefühl auf mich zu übertragen und durch mich deutlich zu machen. Ich lebte spürbar und hörbar auf in dieser Zeit. Meine Stimme wurde lauter, die Töne brillanter. Noch einmal glaubte ich, am Anfang einer großen Karriere zu stehen. Zu dieser Zeit kam sie ein, zweimal die Woche dorthin, und ich konnte mit meiner besten Freundin, einer Lakewood, im Duett brillieren. Aber auch mit der kleinen Verwandten, der Mandoline, oder dem Banjo, die dort wohnten, verstand ich mich gut, und wir hatten viel Spaß zusammen.
Doch irgendwann nahm sie mich wieder mit, zunächst, um selbst wieder mehr mit mir zu spielen. Ach ja.... irgendwie wurde das dann immer weniger. Und nun stehe ich hier. Oder hänge, besser gesagt. Ab und zu werde ich abgestaubt, und ich kann froh sein, wenn ich wenigstens etwas Musik aus den Boxen hier im Raum zu hören bekomme – selbst welche zu machen kommt mir schon wie ein Traum aus vergangenen Zeiten vor.
Also um ehrlich zu sein, mir reicht's - so kann das nicht länger weiter gehen. Ich muss endlich ein ernstes Wort mit meiner Besitzerin reden. Ich will hier nicht länger untätig rumhängen. Ich bin schließlich zu mehr geboren – und sie ist das auch. Ich fühle schließlich, dass auch sie mit dem Zustand der jetzt herrscht nicht zufrieden ist. So lange meine Hölzer keine Risse haben und sie mir hin und wieder neue Saiten aufzieht, gebe ich die Hoffnung nicht auf... ich hoffe sehr, dass wir doch bald wieder mal unter Menschen gehen. Dann kann ich meine wunderschönen Melodien in die Welt schicken und allen zeigen, was in mir steckt...
He Biddy, danke für Deinen Kommentar. Das ist ja witzig, dass ich jetzt auf diese Art doch noch Deinen schönen Washbourne-Text lesen konnte. Ist immer ein bisschen blöd, wenn man so spät reinstellt. Ich werde da ganz sentimental, war lange mit einem Gitarristen zusammen. Der "Freund" hätte auch er sein können. Schnüff. Wie ich auf meine Shure-Story kam? Fiel mir spontan ein, als ich im TV bei irgendeinem Live-Konzert das Teil habe glänzen sehen. Da wurde mir wieder bewusst, dass ich in einem früheren Leben viel mit Musik zu tun hatte und auch in so ein Teil gesungen habe. Ich weiß noch, wie das Mikro riecht – und schmeckt. Dachte, das ist mal was anderes, darüber zu schreiben. Aber in Deiner Gitarren-Story steckt Potential für mehr, findest Du nicht? Bis bald hier...
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10379
Als ich dann mehrere Male dabei erwischt wurde, wie ich versuchte meine eigenen Dinge auf mir abzulegen, fiel mir selbst auf, wie wenig die meisten Personen wirklich darauf achteten, dass es mit Ihnen wirklich nicht bergab ging. Es kam dann auch meistens vor, dass ich mich in den letzten Winkel der Welt zurück zog, ohne mich deshalb irgendwie abseits zu fühlen. Ich war immer noch Mittelpunkt und als solcher immer darauf angewiesen, dass andere mich betrachteten.
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10063
"Leiche exhumiert sich selbst!" , "Kriegsverbrecher als Dinosaurier wiedergeboren!" "Erster Sibirischer Tiger auf dem Mond entdeckt!" "Die Wirtschaft im Rekordhoch!" All diese Lüge muß ich mir gefallen lassen. Schlimmer noch: Ich muß sie mit mir herumtragen! Und dann heißt es noch, ich lüge wie gedruckt! Nee, nee, so ein Leben als Boulevardzeitung habe ich mir wirklich anders vorgestellt. Ich werde gekauft, wiederverkauft, letztlich zusammengeknüllt und in den Müll geworfen. Und in meinem zweiten Leben werde ich zu einer Plastiktüte, die dann wieder im Müll landet. Wie soll das weitergehen? Ich werde eine Großdemo der Zeitungen organisieren. Ich möchte schließlich der Star der Litfasssäule sein, jederr soll mich begehren, aber ich bin nicht zu haben. Ich bleibe in der Erinnerung der Menschen. Oder ich laß mich in den Nachrichten zitieren. Aber bitte, laßt nicht immer diese Enten umherwatscheln. Zeitungsenten sind nicht stubenrein, habe ich mir sagen lassen. Die Konsequenz ist, daß man gleich wieder als Käseblatt verschrien ist. Papier ist geduldig, ich bin`s auch, am besten ihr verkauft uns ohne Inhalt, dann ärgert sich wenigstens keiner.
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9916
Wieso liege ich jetzt in meinem Kasten, statt das Konzert heute zu spielen? Gestern auf der Probe hat er mit so liebevoller Kraft auf meinen Seiten gestrichen, dass ich mit dem ganzen Körper erzittert bin. Es war einfach ein Traum. Erst der sanfte Schubert und dann der enorme Bruckner. Kein bisschen müde ist er geworden. Und wie die Bläser geglänzt haben. Es war eine Freude, mittun zu dürfen. Und jetzt das. Nimmt er seine alte Schachtel aus dem Kasten und spielt auf ihr. Was soll das, will er mich verletzten? Klar, ein guter Musiker kann auf jedem Instrument schöne Töne spielen. Aber auf mir hätte er brilliert.
Mir ist kalt. Ob er gespürt hat, was mir zugestoßen ist? Ansehen kann man es mir kaum noch. Der Meister ist ein Künstler. Er hat meine zersplitterte Decke ganz entfernt. Das war eine Operation am offenen Leib. Nur die winzigen Blutspritzer, die durch die F-Löcher auf die Innenseite meines Bodens gefallen sind, sind noch als Schatten zu erahnen, wenn man davon weiß. Aber er weiß nichts davon. Hat ihn die Seele meines ersten Herrn berührt? Selig ist die sicher nicht.
Wer wurde denn da jetzt bitteschön von wem erschlagen? Rätsel! Hier sehen wir die Saiten mal von einer ganz anderen Seite.
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9896
Zerschmolzener Traum
Du denkst an die Zeiten in dem kleinen Gäste-WC. Denkst daran, wie sehr Du immer unter dem Gestank gelitten hast, wenn mal wieder Einer einen „abgeseilt“ hat. Du kannst es auch jetzt noch förmlich riechen, auch wenn Du mittlerweile andere Gerüche gewohnt bist. Aber egal. Was Du auch riechst, diesen einen Geruch wirst Du nie wieder los. Komme was wolle!
Du erinnerst Dich ganz dunkel an jemanden, der Dein Leidgenosse in der Zeit im Bad war. An die Nähe, welche Du Zwangsläufig mit ihm eingehen musstest. Der Platz im Gäste WC hat nicht gereicht für zwei von Eurer Sorte. So wurdet ihr aufeinander gestapelt und unters Waschbecken gestellt. Ihr habt viel Zeit miteinander verbracht, ob ihr wolltet, oder nicht.
Mit einem sanften Lächeln siehst Du die Mädchen vor Dir. Sie haben Dir zeitweilig aus dem stinkenden Gäste-WC geholfen und Dich für ihre Zwecke in die Küche geschleppt. Du hast ihr beider Gewicht ausgehalten, hast Dich angestrengt, um Beide tragen zu können. Einen Beweis wolltest Du liefern, dass Du zu mehr taugst als zu einem abgestellten Etwas, das in der stinkenden Höhle versauert. Doch immer wieder wurdest Du enttäuscht, nicht erhört und zurückgeschleift an den Ort, von wo Du heraus geholt wurdest.
Ich erinnere mich noch genau an die Verbitterung, die Dich danach immer überkam. Aber Du hast nicht aufgegeben, hast Dein Ziel, dem Gestank und der Dunkelheit und der Enge zu entkommen, nicht aus den Augen verloren.
Und Du wurdest belohnt!
Wie Du es geschafft hast, ist mir ein Rätzel. Noch heute, wo wir zwei jetzt so zusammen liegen unter all dem Schutt, der uns umgibt, habe ich keinen blassen Schimmer. Aber leider bist Du nicht mehr in der Lage, mir eine Antwort zu geben.
Auch wenn das Schicksal es anfangs gut mit Dir gemeint hat, so hast Du am Ende dann doch die Arschkarte gezogen. Ha, wenn das Mal nicht passt. Schließlich ist Dir ein fetter Po bei Deinen Plänen in die Quere gekommen.
Ich hatte das Glück, oder sage ich Dir zuliebe besser das Pech, bei Deinem Untergang anwesend sein zu müssen. Wenn da nicht irgend so ein Torfkopf Käsestücke in den Abfluss gestopft hätte, - ich habe übrigens auch jetzt noch die Mädchen in Verdacht-, wäre mir das Ganze erspart geblieben und ich hätte den weiteren Tag im Gäste-WC verbracht. Im Gegensatz zu Dir bin ich nämlich Stinkereien gewohnt.
So ein Pech!
Du erinnerst Dich an den Schatten, der auf Dich fiel, als Dein Unheil unaufhaltsam näher kam. Wie es sich durch die enge Küchentür zwängte. Zu gerne hätte ich Dich gewarnt, aber zu Deinem Unglück wurde ich in dem Augenblick von Menschenhand auf den Waschbeckenboden gedrückt und raufgezogen und runter gepresst. Rauf und runter, bis der ganze Schmodder und die Käsestückchen aus dem verstopften Abflussrohr in meinem „Bauch“ landeten.
Ich hörte das Knacken und Knirschen, als ich das Rohr befreite. Ich hörte das unheimliche Geräusch, das Du von Dir gabst. Ein leises Ächzen. Du wusstest, dass Du die Last nicht lange tragen könntest. Das verdammte Knacken werde ich nie vergessen. Der Vorbote für das Knirschen, das folgte. Und ehe ich oder selbst Du es kommen sahen, zerbarst Du in wenige Einzelteile und warst begraben unter dem fetten Po.
Ein großes Hallo und noch mehr Gelächter waren die Reaktion der Menschen, die Dich in die Küche gebracht hatten. Du hast nie damit gerechnet, dass die Küche einmal Dein Untergang werden sollte.
Aber selbst ich habe nicht damit gerechnet, dass wir beide uns auf dem Müllhaufen wiedersehen würden.
Die Aufregung um Dich, und wohl auch um den fetten Mann, der nicht alleine aufstehen konnte, sorgte dafür, dass ich unbedacht auf den Herd geschmissen wurde. Ein kurzer Dreh am Knopf, und die Herdplatte heizte mir mächtig ein. Ich sehe noch das kleine Mädchen, das Balg, das die Chance genutzt hatte, um unbemerkt ihrem scheinbar liebsten Hobby nach zu gehen und mit einem erfreuten Lächeln im Gesicht, die Knöpfte drehte. Während Du nach draußen befördert wurdest, kratze mich jemand von der Platte.
Da sind wir nun, vereint in unserem Leid und warten darauf, dass der Schlund sich öffnet und mit sich nimmt. In der Hoffnung, als Leiter oder Gummiente wiedergeboren zu werden.
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Der Punkt geht an Ginko Korn! ;-) Du hast in der Tat ins Schwarze getroffen. Es handelt sich wirklich um einen Trittschemel und einem Gummistampfer, aus dessen Sicht erzählt wird. Aber wie gesagt, der Text an sich ist nix!
Versteh absolut nix! Außer, dass es sich um einen Brief an wen auch immer handelt. Oder habe ich das auch schon falsch gedeutet. Ich dachte auch nicht, dass es Zweck dieser Übung ist, Rätsel einzusstellen, die man nicht lösen kann. Ist mir außerdem etwas zu fäkallastig. LG. Maju
Lasst diesen Text mal schnell hinter Euch! ;-) Beim erneuten Lesen ist mir mal wieder aufgefallen, wie wenig ich mich in das Thema hineinversetzen konnte. Der Text ist dadurch verkrampft und nicht immer nachvollziehbar. Tut mir einen Gefallen und lest lieber einen anderen Beitrag, der mir mehr am Herzen liegt, und zu dem ich gerne noch etwas konstruktive Kritik erhalten möchte. Egal ob positiv oder negativ. Gruß, Lars (8406)
Anscheinend ein Monolog im Mülleimer. Mir bleibt unklar, wessen Untergang der Gummistampfer beschreibt, neben dem eigenen. Wohl ein Trittschemel, mit genügend Fläche für zwei Mädchen. Die Wiederverwendung von Plastikschrott leuchtet mir ein. Mit verkohltem Gummi ist aber nie wieder etwas neues herstellbar.
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9886
Im Auge des Betrachters
Ich glaube ich bin der wohl am meisten gehasste Haushaltsgegenstand, den es in dieser Wohnung gibt. Die junge Frau, die mich vor zwei Jahren gekauft hat braucht mich täglich. Und dennoch hasst sie mich sehr, wenn ich meine Pflicht tue. Warum weiß ich auch nicht, vielleicht kann es mir jemand erklären?
Mein äußerer Körper besteht aus durchsichtigem Plast, abwechselnd mit silbrig glänzenden Metallteilen. Das weiß ich nur, weil ich jetzt gegenüber einem großen Spiegel stehe, in dem ich mich betrachten kann – oder muss, je nachdem wie mir gerade zumute ist schaue ich gern hin – an machen Tagen nicht.
In der Mitte meines Körpers sieht man eine runde Stelle mit Zahlen am Rand des Kreises. Diese Zahlen spielen im Leben meiner jungen Dame eine große Rolle, das ist mir schon klar geworden. Aber welche bloß?
Vier unterschiedlich große Stäbchen bewegen sich um den Mittelpunkt des Kreises, an dem sie mit mir verbunden sind. Direkt auf meinem Bauch dreht sich das kleinste und dünnste Stäbchen, so winzig, das man es leicht übersieht. Das bewegt sich überhaupt nicht von allein, nur wenn auf meiner Rückseite ein Rädchen gedreht wird kann man es bewegen. Dann folgt der erste von den dreien, der kleinste. Seine Bewegung ist auch kaum zu sehen. Über ihm der mittellange Stab, nicht zu übersehen. Er ist fixer als der unter ihm, aber nicht mal halb so schnell wie der letzte, rote, der längste von allen. Dieser kleine Stab möchte manchmal gern fortlaufen, glaube ich. Warum würde es sich sonst so beeilen auf dem gemeinsamen Weg?
In meinem Inneren (das Herz oder wie auch immer man es nennt, was mich antreibt) das pocht jedenfalls unaufhörlich. Immer im selben Rhythmus. Das ist ermüdend für mich. Ich würde gerne mal erleben, das sich irgendwas ändert an meinem Tag, aber der verläuft immer gleich:
Ich warte darauf, das ich meine Arbeit tun darf und bin geduldig, solange es dunkel ist. Während dieser Zeit geschieht es manchmal, das meine Besitzerin mich in die Hand nimmt, einen Knopf an meiner Rückfront drückt und dann leuchtet an einer Ecke meiner Vorderseite kurz ein kleines Lämpchen auf. Manchmal knurrt die junge Frau dann, manchmal seufzt sie, manchmal stellt sie mich kommentarlos wieder an meinen Platz zurück. Oft passiert aber auch gar nichts – bis es draußen hell wird.
Da kommt der Moment, wo eine innere Stimme mir sagt, ich soll es tun: eine Melodie schmettern, so laut ich kann. Ich hoffe jedes Mal, nur einmal das ganze Liedchen spielen zu dürfen, aber ganz oft haut sie mir schon vorher mit einer Wucht auf den Kopf, das ich fast umfalle. Es kommt auch vor, das sie mich nicht richtig trifft, dann falle ich tatsächlich um. Und singe im Fallen noch weiter und wenn ich unten liege auch. Dann flucht die junge Dame sogar. Obwohl ich doch gar nichts dafür kann fühle ich mich schuldig, wenn sie solch ein schlimmes Gesicht zieht.
Und wenn sie mich zum Schweigen gebracht hat dehnt und streckt sie sich ein bisschen und gähnt einige Male, bevor sie sich wie jene alte Frau aus dem Bett schält, bei der ich auf dem Regal neben dem Bett stand, bevor sie mich an meine jetzige Besitzerin übergab.
Die junge Frau verschwindet mit ihren Sachen auf dem Arm aus dem Zimmer und ich sehe sie erst wieder, wenn es dunkel ist. Das heißt ich höre sie kommen. Dann drückt sie auf meiner Rückseite einen Schalter, damit sie mich am nächsten Morgen wieder von neuem drangsalieren kann. Ich finde das ungerecht, wo ich mich doch den ewig langen Tag so auf sie freue...
Sehr lebendig geschrieben, ein Lesegenuss! So ähnlich muss sich meine Uhr auch fühlen! L.G. Antigone
Habe auch zuerst an eine Personenwaage gedacht. Die wird ja auch gehasst oder geliebt. Mir ist allerdings aufgefallen, dass das Mädchen zu Beginn die Uhr gekauft hat und im vorletzten Absatz wurde sie übergeben. Aber sonst ist die Geschichte stimmig. LG. Maju
Wunderbare Idee, sehr gut unmgesetzt. Zu Beginn der Geschichte, dachte ich noch an eine Personenwaage, Erst als die unterschiedlich großen Stäbchen ins Spiel kamen, wurde mir klar, was es tatsächlich ist. Viele Grüsse, Numungo (9758, 9759).
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9861
Mich holt sie nur für besondere Gelegenheiten aus der Wäscheschublade. Ich bin schön und begehrenswert und diese Empfindungen verleihe ich auch meiner Trägerin.
Ich höre sie schon eine ganze Weile rumoren, dann öffnet sich die Schublade und ich erhasche einen Blick auf ihren wundervollen üppigen Körper. Ich sehne mich nach ihrer Berührung, nach ihre samtigen Haut, ihrem fröhlichen Lachen und der großen Lebenslust.
Ihre grünen Augen bleiben an mir hängen. Oh...!? Oh...!? Ich...?
Sie nimmt mich tatsächlich. Liebevoll streichen ihre Finger über mein zartes duftiges Gewebe, fahren die kunstvollen Stickereien nach, sie schnuppert an mir, dann zieht sie mich an.
Ah, endlich, ihre Haut duftet nach Mandelöl und fühlt sich sehr zart an. Ihre warmen Brüste liegen erwartungsvoll in meinen Körbchen. Das Herz schlägt ihr aufgeregt in der Brust. Sie verstreicht einen Tropfen Parfum entlang meiner Kante. Welches Kleid sie wohl wählt? Aber ich weiß es - das Fliederfarbene, nur eine Nuance dunkler als ich – schmiegt sich wie eine zweite Haut an ihren bezaubernden Körper und ich kann über den Rand des tiefen Ausschnitts lugen. Sie wirft mir einen begehrlichen Blick zu, freut sich an mir. Ich forme ihren Körper liebevoll und das weiß sie ganz genau. Nun zieht sie sich noch einen Mantel über und ich muss für kurze Zeit ins Dunkel. Ihre Brüste heben und senken sich, ich bin auch aufgeregt, schon höre ich gedämpfte Musik und Stimmengewirr. Es wird schlagartig hell, ich blinzle und luge neugierig aus dem Kleid. Meine Trägerin lacht, da bebe ich gleich mit vor Aufregung. Er ist es. Er war verreist. Oh, ich bin so aufgeregt, heute erwartet mich ein beglückender Abend. Er sieht umwerfend gut aus, noch besser als ich ihn in Erinnerung habe, und er ist sehr einfühlsam und zärtlich. Ich spüre noch seine sanften streichelnden Berührungen, er berührte mich mit seinen Augen, seinen Händen, seinem Mund und seinem starken männlichen Geruch. Wir sind beide aufgeregt, ihre Spitzen richten sich in meiner Mitte erwartungsvoll auf. Sie lachen, reden und tanzen.
Und viel später, als ich ihre süßen Geheimnisse enthüllt habe und erfüllt bin von ihrem Geschmack und seinen Berührungen, erwartet mich die lustvolle Begegnung mit meinem fliederfarbenen Höschen. Wir sehen uns nicht sehr oft, deshalb lieben wir diesen außergewöhnlichen Mann besonders, der uns vereint, denn wir leben in verschiedenen Schubladen.
Danke @Frog, dass Du Dich für mich geoutet hast, LG von rosamsa 75C Hallo Maju, sooo tolle Männer gibt es zuerst in meiner Fantasie, aber im wahren Leben erlebe ich das immer auch mal wieder mit meinem Mann, man muss einfach vergessen, dass man glaubt den anderen mit Haut und Haaren zu kennen, und Tanzen, wir gehen jeden Samstagabend tanzen,dass ist Klasse und sehr erotisierend.
Hi rosamsa. Ärgere Dich nicht. An den Kommentaren kannst Du wunderbar ablesen, wie verschieden die Wahrnehmungen sind. Die einen finden's toll, die anderen halt nicht. Von Pornografie ist das aber ganz weit entfernt. Stil und Ausdrucksweise finde ich einwandfrei. Frog (80 C) < soviel zu meinem Geschlecht
Ich muss Frog Recht geben. Etwas weniger "aufgeregt" wäre besser. Aber wenn du das änderst, ist die Geschichte sehr romantisch. Aber wo gibt es denn sooo tolle Männer? LG. Maju
Danke für Eure Kommentare Beim Thema Erotik scheiden sich die Geister, was dem einen zu viel, ist dem anderen zu wenig. Wo ist die Grenze zwischen Erotik und Pornografie? Ich denke die zieht jeder selbst, entstanden aus seinen eigenen Erfahrungen, Erziehung, Umfeld usw. Liebe/r @frog, Du hast recht, fünf aufgeregt sind zu viel, wollte mich allerdings nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ich weiß aus Deinem Text, dass Du offen bist für dieses Thema. Allerdings habe ich beim Lesen Eurer Kommentare die zwei fehlenden Aufgeregt ganz schnell verbraucht. LG rosamsa
Sorry, habe mich verzählt. Wollte damit nur sagen, dass mir persönlich das Vokabular zu eindimensional, zu brav, zu soft ist. Eine sehr romantische Vision von einem BH-Moment...
Das ist weder ein Rate- noch ein Lesespaß, einfach nur vordergründig schlüpfrig und nahezu pornographisch!
Mir gefällt die Geschichte.Allein schon die Idee ist cool.Ich finde auch die Beschreibung von dem BH Klasse.Wie er sich im Spiegel sieht und so.Schön geschrieben. Gruß Marie.
Dein Text ist so wunderbar zart - erotisch geschrieben, ich habe ihn gerne gelesen!
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9855
Was ist eigentlich los? Ich bin ja gewohnt, selten von ihr in die Hand genommen zu werden, aber nun mache ich mir langsam Sorgen. Seit fast zwei Monaten warte ich auf meinen Auftritt, der schon längst fällig gewesen wäre. Die Regelmäßigkeit war es, die mir gefiel, die Zuverlässigkeit, mit der sie mich benützte.
Ich selbst bin jemand, der verlässlich und pragmatisch ist, gleichzeitig bin ich mir der Vergänglichkeit bewusst. Ich habe keine hochfliegenden Pläne, keine unrealistischen Lebensziele – ich weiß, wann meine Zeit gekommen ist um abzutreten. Aber das wäre doch erst in fünf Monaten gewesen!
Ausufernd und hektisch war unsere Beziehung nie, meist nahm sie mich nur ein- oder zweimal im Monat zur Hand, aber immer fühlte ich ein besonders enges Vertrauensverhältnis, das mich mit ihr verband.
Ich weiß, dass sie mehrere meiner Gattung besitzt:
Einen in grauem Leder mit Silberschließe, der sich anmaßend Organizer nennt, in dem aber lediglich Visitenkarten, Erlagscheine und ähnliches zwischengelagert sind.
Ein anderes Exemplar liegt seit Jahresbeginn noch immer in einem Karton, auf dem „filofax-time system“ steht, - sein protziges Aussehen im roten Straußenleder mit goldfarbenen Initialen fand verständlicherweise bei ihr keinen Gefallen.
Sie hat auch Wandkalender, die in Wahrheit nur Teile überdimensionaler Fotos sind und die ihr gleichgültig sein dürften – der über ihrem Schreibtisch zeigt noch immer den April, obwohl bereits Sommer ist.
Es gibt auch einen Kollegen, der sich offenbar in ihrem Mobiltelefon befindet. Ich habe ihn noch nie gesehen aber sie beschäftigt sich oft mit ihm. Ich weiß das, da ich sie wiederholt sagen hörte „Moment, ich sehe im Kalender nach..“ Immer stand ich dann bereit, nahm an, dass ich zum Einsatz kam, - aber nein! Nach einer kurzen Pause telefonierte sie weiter.
Auch in ihrem Computer gibt es einen, der sich so nennt, - viel Positives habe ich noch nicht von ihm gehört. Er dürfte aufdringlich und präpotent sein. Es scheint, dass er sich seiner dienenden Funktion nicht bewusst ist und den Spieß umdreht: Nicht sie wählt ihn aus, um mit ihm zu kommunizieren, sondern er drängt sich vor mit Botschaften, die sie hektisch werden lassen. „Oh Gott, diesen Termin habe ich fast vergessen“ höre ich sie dann stöhnen.
Bei mir ist das alles anders. Unser Verhältnis ist vertrauensvoll, ruhig. Ich stehe bereit, wenn sie mich aus dem mittleren Fach ihrer Geldtasche herauszieht und mich entfaltet (mein Karton ist dünn und ich bin dreifach gefaltet, - eine gewisse Besonderheit). Auf der einen Seite Jänner bis Juni, auf der anderen Juli bis Dezember. Schlicht, zweckmäßig, nur Monate, Tage, schwarze Schrift, die Sonntage rot. Keine Stundenunterteilung, keine aufgedruckten Neumonde und Vollmonde, keine Namenspatrone und ähnlicher Firlefanz.
Seit Jänner gab es diese schöne, regelmäßige Begegnung, einmal monatlich. Sie nahm mich heraus (wobei ich betonen möchte, dass sie es immer nur tat, wenn wir ALLEIN waren), trug an einigen Tagen des Monats geheimnisvolle Kreuze ein, faltete mich und steckte mich wieder zurück in mein enges Fach. Der Ledergeruch im Rücken und der Plastikgeruch im Nebenfach mit den Kreditkarten waren mein vertrautes Zuhause. Das Ritual wiederholte sich jeden Monat, - bis Juni. Statt der Kreuze trug sie am 14. (es war ein Dienstag) ein Fragezeichen ein. Ich spürte damals, dass sie nervös war. Ich bin sehr feinfühlig und habe viel Zeit zum Nachdenken. Schon die Art, wie sie die Tage seit den letzten Kreuzchen zählte (das tat sie übrigens immer, bevor sie ihre Eintragungen vornahm) war besorgniserregend. Sie verzählte sich, begann wieder von vorn, und das Fragezeichen neben dem 14. Juni bekam einen Kreis, der sich Rund um Runde immer tiefer in meinen Karton eingrub.
Seither – nichts! Es ist fast August, ich warte und warte, - nichts! Ein Kalender hört doch nicht im Juni auf, er unterliegt klaren Regeln und endet mit 31. Dezember.
Wie so oft, öffnet sie nun die Handtasche. Durch das lange Warten bin ich diesem Signal gegenüber schon abgestumpft. Ich höre, dass sie nicht allein ist, sie dürfte aber nach den Geräuschen nicht wie so oft bei einer Kassa stehen. Sofort bin ich wieder voller Hoffnung, als sie die Geldtasche herausnimmt. Ich spüre, wie ihre Finger nach mir suchen. Tatsächlich zieht sie mich heraus, entfaltet mich, legt mich auf einen Schreibtisch, der streng und fremd riecht.
Die männliche Stimme ist mir völlig unbekannt, ich kann das Gespräch nicht einordnen. Noch immer hoffe ich auf sie, ihre Berührung, ihre einfachen, nur mir zugedachten kindlichen Kreuzchen.
Das Gespräch wird immer verwirrender für mich. Hat sie mich auf diesem Tisch vergessen? Ich höre sie nicht mehr, es dauert endlos, bis sie wieder nach mir greift. Sie faltet mich zusammen, steckt mich aber nicht zurück in die Geldtasche, sondern in ein kleines Buch, das sehr neu riecht.
Mühsam, bevor es um mich zu dunkel wird, versuche ich die Buchstaben auf der gegenüberliegenden Seite zu entziffern. „Voraussichtlicher Geburtstermin“ kann ich noch lesen, bevor es um mich finster wird.
Danke für die Kommentare, das motiviert! An Frog: eigentlich eine tolle Idee (habe ich leider damals verabsäumt). Aber nun ist ja die Idee selbst "fruchtbar" geworden - durch die Kommentare in diesem Forum! Brigitta
Das kann jede Frau gut nachvollziehen. Besitze einen ähnlichen Kreuz-Kringel-Kalender, der sich vor der Geburt meiner Tochter einsam fühlte. Sehr schön und sensibel geschrieben. Toll. LG. Maju
Eine liebenswerte Art, über eine beginnende Schwangerschaft zu schreiben. Diese Geschichte könnte Frau dem Erzeuger schenken, um ihn mit der frohen Botschaft zu überraschen. Und später freut sich darüber mal das Kind...
Eine wirklich schöne Idee, aus der Perspektive eines Kalenders zu schreiben. Flüssig zu lesen, rund, auch spannend und zu Herzen gehend... hat Spaß gemacht zu lesen! (8802)
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9856
Benutzt!
Sie hat es schon wieder getan, sie hat mich benutzt! Nicht, dass ich grundsätzlich etwas dagegen hätte, aber dreißig Mal am Tag sind einfach zu viel! Unsereiner ist schließlich kein Akkordarbeiter, sondern sozusagen ein Schöngeist, der auf Stil und Eleganz Wert legt. Zu viel Arbeit verträgt sich nicht mit meinem gepflegten Äußeren. Nicht auszudenken, wenn ich Kratzer bekäme! Meine Schöne liebt es, wenn ich glänze. Natürlich schätzt sie nicht nur mein Äußeres, sondern vor allem meinen Schönheitssinn, meine Kreativität und meine Gabe, im Handumdrehen das Beste aus ihr zu machen. Bestimmt haben Sie es schon erraten, ich bin Künstler und wie jeder Künstler benötige ich schöpferische Pausen, Zeiten der Sammlung und Inspiration. Nur dann kann ich den Menschen das geben, was in mir steckt. Und das ist eine ganze Menge.
Leider schätzt nicht jeder meine Kunst. Gestern zum Beispiel, als meine Angebetete mich stolz ihrer Freundin vorstellte, erlebte ich die Abfuhr meines Lebens. Diese Kunstbanausin nannte mich doch tatsächlich schrill und aufdringlich. Mich, eine Koryphäe unter den Meistern der Verschönerung, bekannt für Qualität und Noblesse! Eine Unverschämtheit ist das! Aber was rege ich mich auf? Meine Liebste hat gleich für mich Partei ergriffen. "Besser schrill und lebendig als fad und langweilig!" hat sie gesagt. Und die Freundin, diese Schnepfe, ist beleidigt abgerauscht, haha. Wie gut mir das getan hat!
Trotzdem weiß ich manchmal nicht, woran ich bin bei meinem blonden Engel. Erst gestern lobte sie mich über den grünen Klee. Ich wäre der Beste, den sie je hatte, brillant, sanft, verführerisch und strahlend. Na ja, da hat sie vielleicht ein bisschen übertrieben. Es war mir auch fast schon peinlich. Doch dann, nachdem ich meine Pflicht getan hatte, steckte sie mich ohne Umschweife gleich wieder lieblos in das enge, finstere Gemach, in dem ich in furchtbar schlechter Gesellschaft bin. Lauter dürre, hölzerne Stöcke mit rüpelhaften Manieren treiben sich da herum und eine runde, aufgeblasene Madame, die sich einbildet, ohne sie ginge die Welt unter. "Bleich wie der Tod wäre das Fräulein ohne mich!" pflegt sie von früh bis spät zu sagen, obwohl das keiner mehr hören kann.
Ach, vergessen wir das. Heute musste ich jedenfalls nicht ins Dunkle, heute steh ich stolz auf der Kommode neben den edelsten Geschöpfen. Der Flakon rechts neben mir zum Beispiel duftet wie ein üppiger Paradiesgarten, die elegante Schale zu meiner Linken ist randvoll mit dem kostbarsten Schmuck beladen und der große Barockengel in der Mitte wurde sicher aus feinstem Porzellan gefertigt. Das ist die Gesellschaft, in der ich mich wohl fühle! Und keiner meiner neuen Nachbarn hat es nötig, auch nur ein bisschen anzugeben. Wer von ihnen wohl am besten über meine Liebste Bescheid weiß? Wen soll ich nur ansprechen? Ich glaube, der Engel sieht am freundlichsten aus und er hat bestimmt Ahnung von der Liebe. Vielleicht kann er mir sagen, ob meine Schöne meine Liebe erwidert? Und wenn sie mich nicht liebt? Werde ich mich dann nie mehr an ihre Lippen schmiegen können?
Das war vielleicht eine Enttäuschung! Die erlauchte Gesellschaft hier redet nicht über andere, sie redet aber auch nicht mit anderen, jedenfalls nicht mit so kurz geratenen Leuten wie unsereinem. Diese Kreaturen sind einfach nur hochnäsig. Aber die werden sich noch wundern, wenn meine Liebste kommt und mich ganz innig mit ihrem warmen Mund berührt. Ich glaube, ich höre sie schon. Bestimmt wird sie mir jetzt endlich ihre Liebe gestehen, hier, vor der ganzen, feinen Gesellschaft!
Die Tür geht auf, meine Schöne kommt immer näher. Wem wird sie sich zuwenden? Mein Herz klopft rasend schnell, ich glaube, es zerspringt gleich vor Erwartung! Tatsächlich, sie greift nach mir. Aber - oh Schreck! - sie berührt mich nicht mit ihren sanften Lippen! Ist ihre Liebe abgekühlt? Was tut sie bloß? Wie grässlich, sie missbraucht mich als profanes Schreibgerät! Ich muss auf den Spiegel schreiben. Oh je, vor lauter Aufregung weiß ich gar nicht, was ich schreibe! Nein, ich habe doch wahrhaftig geschrieben: "I love you, Tim!" Und nun muss ich noch ein großes, rotes Herz drum herum malen. Entsetzlich, das ist das Ende der Kultur! Und wer um alles in der Welt ist Tim?
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9822
Nuschi und die berühmten Spielzeuge!
Ich wurde einmal an ein kleines Kind verschenkt und wie dieses erwachsen war, von zu Hause fort ging, landete ich zu anderem Gerümpel auf den Dachboden des Hauses.
Da lag ich nun, das kleine rosa Stoffschweinchen mit dem Namen Nuschi. Einsam auf einem Stapel getragener Kinderklamotten, blickte stets aus dem Dachluk nach oben in den Himmel.
Nachts sah ich tausend funkelnde Sterne und am Tage Sonne, Wolken, vorbei fliegende Vögel. Manchmal hielt ein Vogel auf der Scheibe inne und starrte mich an. Mehr erlebte ich nicht mehr.
Nach vielen Jahren kam der Tag, als der Verkauf des Hauses erfolgte und es wurde alles ausgeräumt. Ich landete in einem weißen Container mit einem aufgemalten roten Kreuz.
Dieser gelang wiederum in eine riesige Halle, wo ihn ein Mensch leerte. Ich landete auf einem Band und wurde in eine Gitterbox sortiert. Ich las ein Schild auf dem Stand, Afrika, Tansania!
Im laufe der nächsten Tage gesellten sich einige Berühmtheiten zu mir.
Zuerst flog Alf der Außerirdische, Eisbär Knut und Pinocchio mit der Holznase in die Box.
Ich fand das äußerst aufregend. Später kamen noch Garfield, der Lasagne fressende Kater, Schnatterienchen, Pitti Platsch und sein Hund Moppi, sowie Brummi der Bär hinzu.
Auch die Jungs von der Sesamstrasse ließen nicht lange auf sich warten. Ernie quasselte Bert voll, das Krümelmonster suchte Kekse, Grobi verarschte Gonzo und Oscar aus der Mülltonne erzählte uns von Matschhausen.
Das Sandmännchen kam geflogen. Mit ihm Nemo und Flipper. Barbie lag allein da und weinte wegen Ken, Onkel Dagobert kam ohne Geld und Donald lachte über Tick Trick und Track. Der grüne Hulk war kleiner als ich dachte und Tweety sehnte sich nach der bösen Miezekatze. Dafür lagen Tom und Jerry vereint in einer Ecke, ohne sich mal zu jagen.
Schließlich ging die Reise los, wir wurden in der Gitterbox auf ein Schiff verladen und fuhren gemeinsam nach Afrika.
Während der Überfahrt schilderte jeder seine persönlichen Erlebnisse mit Kindern und Erwachsenen. Ich staunte nur über die vielen Erfahrungen und Erlebnisse meiner berühmten Spielkameraden, die auch in Funk und Fernsehen durch die Stuben reisten.
Alle hatten viel erlebt und wurden wegen ihrer Bekanntheit immer geliebt. Ich war da schon ein wenig neidisch. Ich erzählte von mir, ich bin Nuschi, das kleine rosa Schweinchen, ein zwei Jahre im Bett eines Kindes geschlafen, mal gedrückt, mal unterm Bett vergessen und im Regal verstaubt, bis mich die Erwachsenen schließlich auf einen Dachboden verbannten.
Die anderen hörten nicht wirklich zu, sie erzählten wieder von ihren Geschichten.
Schließlich waren wir in Afrika, in der Mitte eines kleinen Dorfes breiteten uns die Menschen auf Tischen aus.
Die Kinder schauten mit großen Augen, so viel Spielkameraden. Mich schloss ein kleiner Wuschelkopf gleich ins Herz, er griff und drückte mich.
Pitti Platsch, Knut, Schnattchen, alle fanden einen neuen Spielkameraden. Bei Einigen taten sich die Kinder schwer sie mit zu nehmen. Sie wussten eben nicht, das es alles berühmte Fernsehpuppen waren und kannten auch nicht ihre tollkühnen Geschichten!
Aber am Ende fand jeder zu einem Kind und tauchte für immer in die Anonymität ein!
Ich, Nuschi, habe in dem kleinen Haus, in dem ich anfangs wohnte, einen Ehrenplatz bekommen, wurde jahrelang mit zur Dorfschule genommen und hänge jetzt am Spiegel eines Safariautos.
Was meine berühmten Spielzeuge machen, mit denen ich hier einst angekommen bin, weiß ich nicht, doch ich sehe fortan jeden Tag, die wildesten Tiere und die mutigsten Menschen!
Eure Nuschi!
Ginko, der Fußsack ist doch jetzt wohl ein Witz, deshalb die Anführungszeichen, oder? Hab ja nur gefragt, wenn wir hier schon mal wieder bei der Rechtschreibung sind...
An Lars W.: Schon richtig! Aber angesichts anstehender Schwerarbeit reicht es hier nur zu einem Gefühls-"feetbag". Mir selbst helfen auch geringfügige Winke, welche Stimmung ich hervorgerufen habe.
Die Geschichte liest sich, als wäre sie dem alten DDR-Sandmännchen aus dem Sack gehüpft.
An Ginko Korn: Wenn man Kritik an einem Text äußert, sollte sie konstruktiv sein. So eine Bewertung von Dir hilft nicht unbedingt weiter. Du solltest Tipps und Vorschläge geben, wie man es besser machen kann. Ist Sinn und Zweck einer Schreibwerkstatt. Gruß, Lars (8406)
Hallo Lothar, tolle Idee für die Materialsammlung, die Du sicher irgendwo in einem Roman unterbringen kannst. Satzkonstruktion und Zeichensetzung stören mich jetzt weniger, weil ja der Text ohnehin noch nicht druckreif ist. Also nicht wegwerfen, sondern ausrucken, auf eine Karteikarte kleben und unter N wie Nuschi in den Karteikasten einsortieren... Grüße Kalinka
Nuschi fährt mit etwa 30 Fernsehpuppen nach Afrika zu den armen Negerlein und den wilden Tieren. Für ein Rosaschweinchen, das zuvor dem Blick aus einem Dachluk jahrelang wenig abgewinnen konnte, sicher eine Abwechslung, selbst wenn es dafür baumeln muss. Hoffentlich hört es im Schulfunk des Autoradios die eine oder andere Sendung über Satzkonstruktion und Zeichensetzung.
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