60 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 25 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 25 mit Übungsaufgabe

17.06.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 23.06.2008 von Sigrid Leister
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13610

Begegnungen
Wenn ich durch mein Gartentor trete, ist es so, als würde ich neues Land entdecken, als würde ich mein altes Leben abstreifen, wie eine alte, zu enge Haut. Dann erkenne ich die Weite meines Lebens und bin dankbar, dankbar das ich bin.

13.September
"Ankunft"
Die Patientin wird offensichtlich unter emozionalem Schock und einem seelischen Zusammenbruch eingeliefert. Sie wird von ihrer Freundin begleitet. Sie ist bedingt ansprechbar. Medikation wird angeordnet.

Liebes Tagebuch, meine Freundin, wie lange ist es her das ich mit dir sprach? Ewigkeiten!
Ich bin wie betäubt,kann nichts mehr hören, nichts mehr sehen. Menschen, die auf mich einreden, sind gesichtslos und sprechen in einer mir vollkommen fremden Sprache. Ich will schreien, doch fehlen mir die Worte um dem Schmerz ein Gesicht zu geben. Ich fühle mich im Inneren aufgerissen, eine rohe Masse, der ständig anwesende Schmerz wühlt in mir, stülpt das Innere nach Außen und treibt mir die Tränen in die Augen. Immer wieder quälen mich Fragen:
Warum ist er gegangen?
Was habe ich falsch gemacht?
Ich verstehe nichts mehr. Mein Leben, siebzehn Jahre mit ihm waren wunderschön.
Warum konnte ich die Zeichen nicht sehen,nicht die schweren Regenwolken, die sich über uns zusammen brauten?
Das Blut rauscht mir in den Ohren und ich fühle mich, als würde jemand mit einem stumpfen Messer, ohne Betäubung, an meinem offenen Herzen operieren.

14. September
"Unterbringung"
Die Patientin wird stationär aufgenommen und darf die Station nicht verlassen.
Messen der Gehirnströme.
Anamnese Gespräch mit dem Stationsarzt.

Liebste Freundin, die Flure sind lang.
Jeder Gang gleicht wie ein Ei dem anderen. Grau in Grau. Wären keine Hinweisschilder angebracht, könnte man sich verlaufen.
Sie haben mich zum EEG geschickt. Sie wollen Anomalien ausschalten. Können Gehirnströme Auskunft über meinen seelischen Zustand geben?
Hatte ich eine Anomalie im Kopf, ich dachte eher es wäre das Herz.
Das erste Gespräch mit einer Schwester verlief sehr mitfühlend, ich sah es an ihrem Gesicht. Ich erzählte ihr nichts, ich weinte nur.
Sie erzählte mir, dass sie meinen Schmert verstehen könne.
Ich finde es sonderbar, sie kennt meinen Kummer nicht. Konnte man denn einfach, nur mal so pauschal, mitfühlend sein?.
Meine liebe Freundin, ich sehe alles wie durch ein Vergrößerungsglas, alles ist unheimlich aufgebläht und ich schwebe mittendrin, bodenlos, wie in einem fremden Universum. Ich habe das sichere Raumschiff verloren und schwebe schutzlos im tiefschwarzen luftleeren, eisigen Weltall.

15. September
"Zimmer frei"
Die Patientin bekommt ein Einzelzimmer.

Siehst du, liebe Freundin, jetzt habe ich ein Bett und einen Schrank. Messer sind auf dem Zimmer verboten.
Ich sah die Anderen zum ersten Mal im Essensraum. Leidens genossen? Viele Augenpaare sahen mich an, selektierten mich als "die Neue":
Das Essen verlief seltsam schweigend, die Gesichter verzerrt und konturlos, wie nach innen gekehrt, als wären alle hinter einer dicken Glasscheibe verborgen.
Nach dem Essen traten plötzlich alle, wie auf ein geheimes Kommando, in einer Reihe an. Tablettenausgabe!
Warum sollte ich Tabletten nehmen? Es wurde mir gesagt, dass sie mir beim schlafen behilflich sein würden.
Es erinnerte mich an die Einkaufsschlange an der Kasse bei Aldi. Dieser Gedanke ließ mich aufhorchen. War ich auf dem Weg der Besserung?
Bernd, ein sehr großer Mann, mit einem offenen lächeln, empfahl mir die rosa Pillen zu nehemen, die würden so schön gleichgültig machen.
Ich hörte ihm zu, als er von seiner Hoffnung erzählte bald nach Hause zu kommen, aber auch von seiner Angst, es eventuell nicht zu schaffen. Ich sah ihn an, kannte nicht seine Geschichte, kannte nur seinen Namen, sein Gesicht auf dem die Angst abzulesen war, ein Versager zu sein.
Liebst Freundin, gibt es Tabletten, die partielle Amnasie auslösen? Dann würde ich meinen Mann löschen, wie bei einer E-MAIL, mit einem Fingertipp in den Mülleimer.
Jetzt bin ich müde und schließe dich für heute. Gute Nacht mein Herz.

16. September
"Gruppenbesprechung"
Die Patientin nimmt einmal wöchentlich an den Gruppenbesprechungen teil. Medikation ist weiter angeordnet.

Die Tabletten vertrage ich nicht, habe Kreislaufprobleme.
Die Schwester ist seltsam unberührt, ich würde dann ein anderes Medikament bekommen.
Nein!
Liebst Freundin, ich werde kein Medikament mehr einnehmen. Ich muss alleine versuchen die Dämonen meiner Ängste zu besiegen.
Der Raum ist zum Bersten gefüllt. Ich wurde vorgestellt, wußte nichts zu sagen und blieb stumm.

17. September
"Gespräche"
Die Patientin darf die Station verlassen.

Ich saß draußen auf der Bank und genoss die Sonne und den Wind. Dabei wurde ich Zeuge eines Gespräches zwischen zwei Patienten.
"Mensch, das ist ja ein Ding das wir uns hier wieder treffen. Wie geht es dir denn? Hörst du immer noch die Stimmen?"
"Ja, mal mehr, mal weniger."
"Was sagen sie dir?"
"Nichts besonderes nur alltägliche Dinge."
"Haben sie dir schon Befehle erteilt?"
"Nein, deine denn?"
"Nein, bis jetzt noch nicht."
Sie sprachen von ihren Psychosen, als wäre es das normalste von der Welt. Ich fröstelte.War das normal oder war es verrückt?
Meine liebste Freundin, ich habe das Gefühl, das sich hier die Grenzen verwischen.

18. September
"Spaziergang"
Täglicher Spaziergang, außerhalb des Geländes, wird nicht gewährt.

Ich fühle mich eingesperrt. Ich muss hier raus, bevor mein Geist Schaden nimmt. Meine Liebe, wenn ich hier noch länger bleibe verliere ich mich.

19. September
"Patientenbesprechung"
Stationsärzte von der PSY 1,2,3, Oberarzt, Oberschwester und Stationsschwester.

Ich fühle mich gut, weil ich weiß, dass ich für mich kämpfe. Ich fordere die Entlassung, weil ich die Verantwortung für mein Leben wieder selbs übernehme.

Liebste Freundin, ich bin frei. Mein erster Sieg!
Jetzt muss ich nur noch lernen, ohne ihn zu leben.
Gute Nacht mein Herz.


Kommentar von Numungo

Hallo Sigrid, ein schöner Einleitungssatz. Mich würde jedoch interessieren, in welche Richtung du durch das Gartentor gehst. Rein oder raus? Und auch den Rest der Geschichte finde ich großartig. Dem Tagebuch wird das Herz ausgeschüttet und es erfährt, wie in der Klinik genau auf das zugearbeitet wird, was ja gerade vermieden werden sollte. Scheint ein spannender Roman zu werden. Mach weiter so, Numungo (13695).

Eingetragen am: 28.06.2008

Eingetragen am: 23.06.2008 von Verena Dahms
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13599

Dumpf läuteten die Kirchenglocken von Cenon. Die Trauergemeinde versammelte sich zum Abdankungsgottesdienst.

Isabelles Mutter starb vor knapp einer Woche überraschend. Sie schlief einfach ein und erwachte nicht mehr. Sie war nicht krank, war aktiv wie eh und je und traf sich noch am Nachmittag mit ihren Freundinnen zum wöchentlichen Kaffeeklatsch. Isabelle telefonierte die Woche davor noch mit ihr, und wurde mit den üblichen Ermahnungen, sich doch wieder einen "richtigen" Job zu suchen, denn mit Romanen schreiben könne man weder leben noch sterben. Auch ihr Bruder wurde ihr wieder einmal mehr als Vorbild hingestellt. Seine gut bezahlte Managerstelle, seine zwei wohlerzogenen Kinder, sowie seine Frau, die für die Familie da war, sich sozusagen aufopferte.

Isabelle erwiderte meistens nichts auf solche Hinweise, bei sich aber dachte sie dann, genau aus diesem Leben wollte ich auch ausbrechen.

Nun also stand sie am Grab ihrer Mutter. Sie empfand keine grosse Trauer, denn ihre Beziehung war doch sehr gestört und dadurch nicht sehr innig. Obwohl, sie hatte eine unbeschwerte Kindheit. Das hatte sie aber doch wohl ihrem Vater zu verdanken, der ihr viele Male hinter dem Rücken der Mutter Dinge zu gestand, die sie sonst niemals gedurft hätte.

Nach dem Leichenmahl fuhr sie zusammen mit ihrem Bruder in das Haus ihrer Eltern. Ein Haus, das die Bourgeoisie schon vom Aeusseren her präsentierte. Gross, zweistöckig umrahmt von einem grossen parkähnlichen Garten, und eingezäumt mit einer hohen Mauer, schaute es stolz auf Bordeaux hinunter. Ein Haus, dem man ansah, dass einiges Geld vorhanden war.

"Wir müssen nächste Woche zum Notar wegen der Testamentseröffnung" bemerkte ihr Bruder "du kannst solange bei uns wohnen oder auch hier bleiben, ganz wie du möchtest."

"Ich bleibe hier, vielleicht kann ich noch einiges an Papierkram erledigen" antwortete Isabelle.

Sie schlief schlecht, in dieser ersten Nach. Sie träumte von ihrem Vater, von ihrer Mutter, deren stetigen Ermahnungen, den Konflikten die die Beiden zusammen austrugen. Am nächsten Morgen stand sie wie gerädert auf. Sie fing an im Sekretär der im Büro ihres Vaters stand, nach Unterlagen zu suchen.

Aufräumen sollte man auch mal wieder, die Dokumente lagen wild durcheinander. Sie setzte sich hin und begann mit dem Sortieren.

Plötzlich fiel ihr ein Dokument in die Hand.Büttenpapier, gebunden mit einem eingestanzten Siegel auf der ersten Seite. Neugierig schlug sie die Umschlagseite auf und las:
Adoption von Isabelle, gezeichnet Vormundschaftsbehörde in Bochum, Deutschland. Weiter las sie, dass die Adoption nun rechtsmässig sei, und Martha und Karl-Heinz Keller, das kleine Mädchen von knapp einem Jahr in Deutschland abholen können. Weiter las sie auch, dass die Mutter von Isabelle nicht mehr auffindbar sei, und dass die Eheleute Keller die rechtsmässigen Eltern von Isabelle seien.

Isabelle starrte lange auf das Geschriebene. Das also war es. Sie wurde in Gnaden aufgenommen. Wie eine junge ausgesetzte Katze, die niemand wollte. Nach ihr kam ihr kleiner Bruder auf die Welt, und der war natürlich der rechtsmässige Sohn der Eheleute Keller, und wurde ihr deshalb, ganz besonders von der Mutter, immer als löbliches Vorbild hingestellt. Was sollte sie nun tun? Ihre leibliche Mutter suchen, oder sich von der noch verbleibenden Familie ganz abgrenzen? Sie war doch nur zweite Wahl!

Bei der Testamentseröffnung erfuhr sie dann, dass sie wirklich nur zweite Wahl war. Ihre Mutter, oder besser gesagt ihre Stiefmutter, hatte kurz vor ihrem Tod das Testament geändert. Sie erhielt den Pflichtteil, wenig genug! Ihr Bruder die restlichen Anteile,die zusammengerechnet eine erkleckliche Summe darstellten.


Eingetragen am: 23.06.2008 von Putzi
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13589

E-Mail an Katia
Hallo,
Gestern hast Du dich beschwert über meine Zuständigkeit, der ich nicht nachgekommen bin.
Du hast mich gerufen und keine Antwort bekommen.
Du wirst Dich daran gewöhnen müssen, dass nicht alles so geht, wie Du es Dir vorstellst.
Ein Beispiel:
Der Antrag für orthopädische Schuhe, ist bei der Krankenkasse nicht mehr so leicht durch zu setzen, wenn man nicht mehr laufen kann.
Ist doch auch logisch. Oder?
Ein elektrischer Rollstuhl hat dann doch Vorrang.
Was soll ich noch sagen?
Reden wir darüber.

Andreas

E-Mail an Katias Mann

Ja, reden wir darüber. - Wenn das so einfach wäre. Mit dir kann man ja nicht reden. Sofort bist Du beleidigt und rennst weg.
Dann sitzt Du wieder in Deinem Caravan und simulierst vor Dich hin, drehst die Tatsachen so lange herum, bis aus einem Cent ein dünner Draht geworden ist. Doch mit einem Draht kann man nicht bezahlen, auch wenn er aus dem gleichen Material besteht, wie ein Geldstück.

Ich rief Dich mitten in der Nacht an um Dich zu bitten, mich ins Bett zu bringen. Niemals würde ich verlangen, dass Du sofort aufspringst und alles stehen und liegen lässt, aber mir Bescheid sagen, dass ich noch eine halbe Stunde warten soll, dass könntest Du ruhig tun.
Statt dessen willst Du mir weiß machen, Du hättest nichts gehört.
Ich glaube Dir kein Wort davon.
Das Telefon funktioniert prima. Es ist nicht kaputt und ich hörte Deine Bewegungen. Die Verbindung bestand also.

Aber mir kann man ja allen Scheiß erzählen, wie zum Beispiel, es gäbe eine Seife mehr, als ich mit dem flüssigen Zeug nicht mehr zurechtkam
Gut, mag sein, dass Lidl oder Aldi keine Seife mehr anbieten, doch es gibt noch so viele andere Geschäfte.

Es verletzt mich, wenn Du mich für blöd hältst, nur, weil ich nicht mehr aus dem Haus komme und Dir nicht das Gegenteil beweisen kann. Wenn Du mir meine Hilflosigkeit unter die Nase reibst, kann ich aufkommende Tränen kaum zurückhalten.

Ja, ich bin von Deiner Hilfe abhängig.
Wenn Du mich nicht aus dem Bett holst, dann bleibe ich eben liegen und wenn Du mir nichts zu trinken gibst, dann muss ich eben den Durst aushalten.
Setzt Du mich abends nicht auf die Toilette, dann sitze ich halt so lange in meiner eigenen Scheiße, bis die Pflegekräfte kommen, um mich zu waschen und mir den Schlafanzug anziehen.
Wenn ich von fremden Leuten im Intimbereich gewaschen werden muss, kommt mir das beinahe wie eine Vergewaltigung vor
Dieses Leben ist demütigend.
Für Dich ist es bestimmt auch nicht einfach, doch - verdammt noch Mal, wie könnte ich das ändern?
Ich gebe mir wirklich alle Mühe, Dich so wenig, wie möglich zu belästigen, aber Du merkst das nicht einmal.
Auch mir geht es auf die Nerven, wenn ich Dich um jede Kleinigkeit bitten muss, die Du wieder einmal vergessen hast, weil Deine Gedanken ganz wo anders sind.
Wie oft vergisst Du die Rückenlehne des Rollstuhls schräg zu stellen, oder den Computer anzuschalten, wenn Du mich an den Schreibtisch rollst. Ganz zu schweigen, mir das Telefon zu geben, damit ich ran kann, wenn’s klingelt.
So oft, wenn ich Dich darum bitte mir etwas zu geben, dass ich mir nicht mehr holen kann, höre ich Dein unwilliges Stöhnen. Du lässt mich fühlen, dass Dir das alles zuviel wird.

Nun gut. - Du haust ab. Du lässt mich in Stich. Es ist vielleicht besser so.
All die Jahre hattest Du genutzt, um Dir Deine Autos aufzubauen. Ohne die regelmäßigen Einnahmen aus meiner Invalidenrente, der Zuwendung für eine Hilfsperson und das Familiengeld, hättest Du Dir niemals solche Werte aufbauen können.
Hast Du vergessen, wie oft wir rausgeflogen sind, weil wir die Miete nicht zahlen konnten?
Jetzt gibt es nichts mehr, das Du Dir aufbauen könntest, also bekomme ich einen Tritt in den Arsch.
Wie ein ausgelutschter Kaugummi wirfst Du mich weg. Unnütz, lästig und ohne Wert.

Auch daran kann ich Dich nicht hindern.
Waren wir beide nicht froh, dass Du endlich in Urlaub fahren konntest, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen?
Habe ich Dir Deine Freiheit nicht von Herzen gegönnt? Sogar Deine Liebschaft mit Helga gönnte ich Dir.
Doch auch damals hattest Du mein Verhalten missverstanden und dachtest, es würde mir nichts ausmachen.
DAS WAR FALSCH.
Es machte mir enorm viel aus, doch weil Du mir am Herzen liegst, wollte ich Dir kein schlechtes Gewissen einflößen und gönnte Dir das wundervolle Erlebnis einer neuer Liebe.
Aber das reicht Dir ja nicht. Du musst ja immer mehr haben.

Was zum Teufel hat das mit Schuhen zu tun?

Mir stehen zwei paar Schuhe innerhalb von zwei Jahren zu. Die brauche ich natürlich nicht und werde sie deshalb nicht beantragen. Doch ich sagte Dir bereits, warum ich ein zweites Paar Schuhe benötige. In dem Zentrum für Behinderte gehört es zum korrekt angezogen sein, dass man Schuhe trägt und wenn dann der Beutel ausläuft, wie es dort vorgekommen ist, benötige ich ein Ersatzpaar
Der elektrische Rollstuhl hat damit gar nichts zu tun.

Wie Dominique, Maurice und ich unser Leben gestalten werden, wenn Du nicht mehr da bist, werden wir drei noch ausführlich besprechen.
Und zwar ohne Dein Beisein.
Nicht, weil wir Geheimnisse ausplaudern würden, die Du nicht wissen solltest und auch nicht, weil wir über Dich herziehen wollen, sondern weil Du Dich immer einmischst und meinst uns auch dann noch kontrollieren zu müssen, wenn Du uns verlassen hast.
Keiner von uns kann frei reden, wenn Du zuhörst. Du verweigerst uns das gleiche Recht, dass Du für Dich selbst in Anspruch nimmst.
Über jemanden herziehen, das überlassen wir Dir. Keiner ist so geübt darin, wie Du
Auch wenn Du nichts davon wissen willst. Wir alle drei sind Personen, die ein Recht darauf haben, mit Anstand, Würde und Respekt behandelt zu werden.

Ich nehme nicht an, dass Du diesen Brief zu Ende liest. Es ist schon traurig genug, dass ich diesen Weg wählen muss, um Dir etwas mitzuteilen. Was und wie es bei Dir ankommt, liegt nicht an mir, da muss ich, wie so oft, hilflos zusehen.

Katia


E-Mal an Katia.

Bitternis spricht aus Deinen Worten. Schade, dass unser gemeinsames Leben es nicht geschafft hat besser zueinander zu finden. Es ist wirklich kein Soff um Tränen zu binden.
Warum behauptest Du nur immer "welche Werte ich mir mit meinen Autos geschaffen hätte", dabei weist Du doch genau was die gekostet haben.
Ja, währe ich arbeiten gegangen, so hätte ich am Abend und an den Wochenenden nicht die Zeit dazu gefunden.
Das Geld, außer zur Zeit die Versicherung für die XTs, sind niemals von deiner Rente oder Zusatzzahlungen gekommen.
Ich werfe Dich doch nicht weg! Warum solch bittere Worte???
Ich merke doch nur, dass ich mit meiner Kraft und meinem Rücken am ENDE angekommen bin. Ich habe eine unheimliche Angst mich, wie Du, bald nicht mehr bewegen zu können. Steif zu sein. Das Leben kann das doch nicht für mich auch noch vorgesehen haben.
Dann taugt es nichts mehr.
Was wir brauchten ist eine billige Wohnung auf einer Etage, damit dieser Lift eine bessere Verwendung findet und damit meinen Rücken entlastet.
Ich suche doch und finde nichts. Nur noch teurer als hier.
Wir könnten ja auch in die erste Etage ziehen und den Aufzug nur noch für Ausflüge verwenden. Etwas anderes sehe ich nicht.
Ich dachte nur einfach irgend etwas zu unternehmen, einfach etwas bewegen und zu sehen was dabei heraus kommt.
Es ist doch nur ein Hilfeschrei in meiner Hilflosigkeit.
Im Grunde möchte ich gar nicht weg von Dir.
O.k. mal in einen Urlaub, aber dann gehören wir doch eigentlich immer wieder zusammen.

Andreas


Kommentar von Putzi

Danke der Nachfrage, Nein, mein Mann hat keine Ahnung von dem, was ich tue. Ich muss es ihm auch nicht verheimlichen, denn es interessiert ihn nicht. Wie ich bereits bekannt gab, ist Andreas kein „böser“ Mann und ich werde ihn in meinem Buch auch von seiner liebenswerten Seite beschreiben, was die Übungen bisher noch nicht erlaubten. Die nächste Übung, geht schon wieder zu Lasten von Andreas. Wie soll so jemals ein positives Buch herauskommen? Beide Parteien müssen zu Wort kommen. Ich möchte nicht über Andreas herziehen, sondern Verständnis auch für ihn erwecken. Wie ich in meinen Antworten bereits verlauten ließ, leidet Katia möglicher Weise weniger unter der Krankheit, als ihre Angehörigen. Was ich absolut nicht leiden kann, ist eine einseitige Sichtweise. Dann käme nur ein Jammerbuch heraus. Liebe Grüße, Putzi

Eingetragen am: 05.07.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Hallo Putzi, noch mal ich. Ist Dein Mann eigentlich einverstanden, dass Du Deine Geschichte veröffentlichst, liest er die Sachen, unterstützt er sie, musst Du heimlich oder gegen Widestände arbeiten oder ist es ihm egal? Ich merke, dass es mir schwer fällt, über reale Personen zu schreiben, ohne mich meiner Indiskretion zu schämen, auch wenn ich sie verfremde. (Antwort bitte hier - ich schau dann wieder mal vorbei.) LG Metta

Eingetragen am: 04.07.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Hallo Putzi, wir hatten uns ja schon mal über Dein Thema ausgetauscht. Was mir an diesem E-Mail-Wechsel besonders gefällt, ist, dass der "böse" Andreas am Ende eigentlich gar nicht so böse ist. Erst dachte ich, was für ein Ar..., als er dann von seiner Überforderung und seinen Gefühlen schrieb, konnte ich ihn verstehen. Das hilft mir ein wenig bei meiner eigenen Suche nach dem Grund, warum eigentlich liebe Menschen (inklusive ich selbst) sich manchmal so schrecklich verhalten. LG Metta

Eingetragen am: 04.07.2008

Kommentar von Putzi

Ich muss gestehen, ein wenig geschummelt zu haben. Diese E-Mails habe ich nicht erfunden. Ich habe sie genau so in diese Übung eingesetzt, wie sie tatsächlich geschrieben und empfangen wurden. Selbstverständlich änderte ich die Namen. Zum Kommentar von RoseCayon. Andreas ist Doktor der Mikrobiologie. Gerne spielt er sich als geistig überlegen auf, was bei Katia aber wirkungslos bleibt. Sie hat ein Architekturstudium absolviert und wird nicht von Minderwertigkeitskomplexen geplagt. Lieber M. P. Danke für Deinen Kommentar. Katia weiß ganz genau, dass ihr Mann finanziell absolut unzuberlässig ist. Aber sie hat Kinder und ihr Ziel ist es, ihnen eine gute Schulausbildung zu garantieren. Als MS - Kranke, bekäme sie ihre Jungs niemals zugesprochen, sollte sie sich Scheiden lassen. Weil ihr Mann auch dann keiner regelmäßigen Arbeit nachgehen würde, schon allein um keinen Unterhalt zu zahlen, müssten ihre Kinder in ein Heim untergebracht werden. Lieber beißt sie ihre Zähne zusammen, als ihren Jungs das anzutun. Dass Dir Andreas wie ein Dummbeutel vorkommt, lässt mich schmunzeln. Nicht ich habe seine E-Mails geschrieben, sondern er. Grüß Dich Lillilu Der Gegner in meinem Buch ist eindeutig die Krankheit, mit der Andreas nicht zurecht kommt. Er fühlt sich überfordert. Seine ganz große Liebe, die Katia einmal war, transformierte zu einer Belastung, deren er ständig ausgesetzt ist. Andreas möchte sich befreien und auch wieder nicht. Er liebt seine Frau immer noch, aber fühlt sich vom Leben betrogen, weil er nichts an der Krankheit, die immer schlimmer wird, ändern kann. Jedes Mal, wenn er solche Stimmungsschwankungen hat, lässt er sie an seiner Frau aus. Einerseits bewundert er Katia, weil sie sich nicht unterkriegen lässt, andererseits denkt er sich, dass sie geistig nicht normal sein kann, denn er hätte sich längst umgebracht, wenn er so stark behindert wäre. Weil seine Frau aber noch lebt und auf seine Hilfe angewiesen ist, bestraft er sie mit Missachtung und Ignoranz. Anders könnte er sein erbärmliches Verhalten gegenüber einer behinderten Person, vor sich selbst nicht ertragen. Er steckt in einer enormen psychologischen Krise. Wie die Geschichte ausgeht? Gut, wie sonst? Es soll doch ein optimistisches Buch werden. Hallo Angelika Barotti. Vielen Dank für Dein Kompliment. Die vorherigen Übungen ließen es nicht zu, Katia und Andreas von ihrer wirklichen Seite zu zeigen. Ich machte betroffen, aber das war gar nicht meine Absicht. ALLE leiden unter dieser Krankheit, nicht nur Katia. Sie vielleicht am wenigsten, denn ihr wird von den verschiedensten Seiten geholfen. Von ihrem Mann dagegen wird immer nur erwartet, sich auf die vorhandenen Bedingungen einzustellen. Er ist aber gesund und möchte, wie andere auch, das Leben genießen können. Wenigstens ein kleines bisschen. Die Sache mit der Seife. Von fremden Leuten gewaschen zu werden, zögerte Katia so lange, wie irgend möglich heraus. Da auch ihre Armen immer stärker gelähmt wurden, konnte sie nicht eine Hand auf den Drücker halten und mit der anderen die Flüssigkeit auffangen. Aber mit dem nassen Waschlappen über einen festen Seifenklotz fahren, das ging noch ganz gut. Andreas fand das auch unlogisch, deshalb lügte er seine Frau einfach an. Sie konnte ihm ja nicht das Gegenteil beweisen, so einfach war das. Katia ist absolut keine „Heilige“. Sie kann ganz schön giftig werden. Ihren Mann hat sie einmal sogar angezeigt und vor Gericht gebracht, doch das ist eine andere Episode. Liebe(r) Azahar. Für mich ist das gar kein schwieriges Thema, denn ich schreibe über mich und wie meine Familie damit fertig wird. Ja, Katia, das bin ich, Putzi. Selbstverständlich heiße ich nicht Katia. Es besteht auch keine Gefahr, dass mich jemand meiner näheren Umgebung wieder erkennen könnte, denn ich bin Französin und lebe in Frankreich. Dort werden kaum Bücher in deutscher Sprache gelesen. Internet macht’s möglich Mein Buch soll eine Lebenshilfe werden und ich habe den außerordentlichen Vorteil, dass niemand sagen kann: „Die Autorin hat gut reden, sie weiß ja gar nicht, wovon sie spricht“. Andreas werde ich selbstverständlich nicht so hinstellen, wie er sich selbst mir gegenüber gibt, denn ich verstehe sehr gut seine Verzweiflung, die ihn manchmal befällt. Mein Buch zeigt auf, wie wir mit unserer Situation fertig werden, welche Hilfen es gibt und dass trotz aller Hindernisse, unser Leben liebenswert ist. Dieses Jahr feiern wir unseren Dreiunddreißigsten Hochzeitstag. Du siehst, ich habe auch Glück und es gibt keinen Grund mich zu bedauern.

Eingetragen am: 26.06.2008

Kommentar von Azahar

Hallo Putzi, da hast du dir ein sehr schwieriges Thema ausgesucht, dass mich sehr neugierig macht. Die Art und Weise wie Katia ihren Standpunkt deutlich macht, hat mir sehr gut gefallen, nur von Andreas kann ich mir noch kein richtiges Bild machen. Es stimmt zwar, dass Männer mit ihren Gefühlen oft hinterm Berg halten, aber seine kurzen e-mails geben so rein gar nichts darüber preis was er denkt und was tatsächlich in ihm vorgeht. Ich würde sehr gerne mehr über ihn und seinen Standpunkt erfahren. LG Azahar

Eingetragen am: 25.06.2008

Kommentar von Lillilu

Oh, wie bedrückend, Putzi! Katia und Andreas sehen sich gegenseitig als "Gegner", aber es ist klar, dass sie beide überfordert sind und Hilfe benötigen. Wer könnte der wahre Gegner sein - eine Krankheit ist das auch nicht und ich frage mich "was will die Krankheit Katia sagen?" Die Krankenkasse als "Gegner"? Welchen Weg nimmt diese Geschichte? LG Lillilu

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von Angela Barotti

Hallo Putzi! Das gehört für mich zu den besten Beiträgen von dir, die du hier bisher eingestellt hast. Jetzt hast du den Vorhang der „Heilen Welt“ einmal gelüftet, und zum Vorschein kamen Personen, mit denen ich mich identifizieren konnte. Katia hat ihren Heiligenschein für eine Weile abgelegt und redet endlich Klartext. Als Leser applaudiere ich, denn sowohl Katias wie auch Andreas’ Frust und Verzweifelung kommen nun direkt bei mir an. Ich kann mich in beide einfühlen und denke zustimmend, ja, genauso würde ich wohl ebenfalls reagieren./ Zwei Kleinigkeiten habe ich noch anzumerken: SIMULIERT Andreas tatsächlich im Caravan? Oder meintest du ‚sinniert’? Und was hat es mit der Seife auf sich? Als Gesunder verstehe ich nicht, warum ein Stück Seife für Katia besser ist als Flüssigseife. Hier könntest du eventuell noch einen Satz zwecks besserem Verständnis einfügen.

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von M.P.

Hier wird aber viel Frust abgeladen, verurteilt, Schuld zugewiesen, angeprangert und verspottet. Die Leben driften auseinander und in den E-Mails kommt die ganze Enttäuschung zum Ausdruck. Willst Du Andreas wirklich als einen solchen Dummbeutel darstellen, der in der entscheidenden Phase eher seinen Rücken bemitleidet und sein persönliches Vergnügen (Urlaub) sieht, als Fehler einzugestehen? Deine Prota scheint ja recht helle zu sein, warum kommt sie erst jetzt mit den Verurteilungen daher, wo sie doch auf völlige Unterstützung angewiesen ist? Blind vor Liebe oder Angst vor der Einsamkeit? Beides? Ich bin gespannt. LG M.P.

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von RoseCanyon

Liebe Putzi, vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich muss gestehen, dass ich mich beim ersten Satz etwas überwinden musste, weiterzulesen..aber es hat sich gelohnt. "Du hast Dich beschwert über meine Zuständigkeit, der ich nicht nachgekommen bin." Dieser Satz hat mich an mein Jurastudium erinnert..ja, ich glaube, so reden nur Juristen und Verwaltungsangestellte im Job - im täglichen Umgang spricht man vielleicht eher von Verpflichtungen, Aufgaben, etc. Ich glaube, wenn Du Andreas im ersten Mail mehr wutendbrand etwas hintippen gelassen hättest, wäre der Leser schneller in die Story hineingekommen. Danach gelingt es Dir aber, das Interesse des Lesers zu gewinnen. Mit Katias Mail fängt man an, mitzufühlen. Hey, hier geht was ab, was eben mehr ist, als nur ein schnöder Streit, weil jemand etwas nicht erledigt hat. Hier wird klar, wie sehr Katia auf Andreas angewiesen ist. Und das darzustellen ist Dir, wie ich meine, gut gelungen. Weiter so! :-))

Eingetragen am: 23.06.2008

Eingetragen am: 23.06.2008 von Angela Barotti
[ Lesezeichen ]

13585

Albert: Ich will nur meine Ruhe. Ist das so schwer zu verstehen? Ich wollte weder das Kind, noch wollte ich die Scheidung von Gerda. Ich habe meine Frau niemals zuvor betrogen. Und für das bisschen Spaß muss ich nun schwer büßen. Aber ich werde die Suppe auslöffeln, die ich mir eingebrockt habe.

Gerda: Alle reden sie auf mich ein, ich solle Albert finanziell dafür bluten lassen, solle ihn ausziehen bis auf das letzte Hemd für das, was er mir angetan hat. Aber ich will nur das, was mir zusteht, keinen Cent mehr. Rache jeglicher Art liegt mir nicht. In den 35 Jahren unserer Ehe habe ich gelernt zurückzustecken. Das mag falsch gewesen sein, aber was hätte es mir gebracht, wenn ich mich jeden zweiten Tag wegen Nichtigkeiten mit Albert gefetzt hätte? Es war mir nicht wichtig, welches Auto angeschafft wurde, oder welche Fliesen unsere Terrasse erhielt. Und wenn Albert unbedingt einen bestimmten Film sehen wollte und ich dafür auf meinen verzichten musste – na, wenn schon. Frieden und Harmonie waren mir stets wichtiger als das Durchsetzen meiner eigenen Interessen. Natürlich ist es mir nicht egal, dass Albert jetzt mit dieser Frau zusammenlebt und mit ihr ein gemeinsames Kind hat. Die Nachbarn tuscheln, und – es tut mir so weh, wenn ich daran denke, dass diese Frau das Kind von Albert in den Armen halten wird, dass mir nicht vergönnt war. Auch fehlt mir mein Mann, wenn ich ehrlich bin. Aber was soll ich machen? Ich bin ein rationell denkender Mensch. Weder Tränen, noch Wutanfälle, noch Hass werden an meiner momentanen Lage etwas ändern. Und wenn ich ihn finanziell ruiniere, bringt ihn mir das auch nicht zurück. Allerdings würde ich ihn auch nicht wiederhaben wollen. Britta hat ihn kontaminiert. Er kann bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Britta: Mein Bert ist ein Schatz. Meistens. Aber manchmal hat er Tage, da könnte ich einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen bekommen. Dann stört es mich sogar, dass er mir in den Mantel hilft und mir die Tür aufhält. Selbst den wöchentlichen Blumenstrauß, den er mir kauft, möchte ich ihm um die Ohren hauen. Seine Behäbigkeit, sein Ordnungsfimmel, seine Bequemlichkeit, all das nervt mich unsagbar. Über jeden Handgriff, jedes Wort scheint er vorher nachzudenken, all seine Taten sind kopfbestimmt, nichts kommt aus dem Bauch heraus. Spontanität ist ein Fremdwort für ihn. Wenn ich ihm das vorhalte, dann holt er weit aus und fängt an, mir Episoden aus seiner Jugend zu erzählen, um mir zu beweisen, dass er irgendwann einmal ein ganz toller Hecht gewesen war. Meist unterbreche ich ihn mitten im Satz und schreie ihn an: „Es interessiert mich einen Scheißdreck, ob du vor einhundert Jahren mal etwas Witziges oder Aufregendes getan hast. Jetzt jedenfalls bist du sterbenslangweilig. Das Highlight deines Tages ist es, dich vor den Fernseher zu setzen. Beweg’ deinen Hintern von der Couch runter und unternimm was mit mir, solange das Kind noch nicht geboren ist.“
Er seufzt dann, angelt nach der Zeitung und schlägt den Kulturteil auf. „Worauf hast du denn Lust?“, fragt er. „Kino, Konzert, Theater?“
Wenn ich dann antworte: „Fallschirmspringen, Bungeejumping, Ski-Abfahrtslauf!“, dann ist er beleidigt und wirft mir vor, dass ich unrealistisch sei und nicht wisse, was ich eigentlich wolle. Er kapiert einfach nicht, dass ich keine passiven Aktivitäten brauche, und dass meine Vorschläge nur Pseudonyme für körperliche Tätigkeiten sind. Ich möchte meine Freizeit aktiv gestalten. Aber selbst Tanzen steht auf Berts Verbotsliste, denn der Zigarettenqualm im Raum könnte sich ja schädlich auf das Kind auswirken – seiner Meinung nach. Und wir wollen doch nicht, dass es dem Kind schlecht geht, nicht wahr?
Wenn ich dann kurz davor bin unser Kind zu verfluchen, weil es mich davon abhält, mein Leben so zu gestalten wie ich es will, dann macht er auf verständnisvoll. Legt seinen Arm um mich und hält mir einen Vortrag über die Psyche der Frau in der Schwangerschaft. Na, das kann ich leiden! Ein Mann, der mir als Frau etwas über Schwangerschaften beibringen will! So einen kann ich nicht ernst nehmen. Und so kabbeln wir uns durch den Tag. Bis wir uns irgendwann im Bett wieder versöhnen.


Kommentar von Metta Maiwald

Wie im wahren Leben kommt Metta mal wieder als letzte (?) - "Britta hat ihn kontaminiert" ist ein klasse Satz, kann ich gut nachvollziehen. Das Wort "gefetzt" passt nicht so gut zu Gerda. Ist Albert tatsächlich so einsichtig? Was ich so bei Scheidungsgeschichten mitbekommen habe, ist die männliche Sicht oft sehr viel stärker von Selbstmitleid geprägt, weil ja die Frau so böse war, dass Mann sich die Liebe woander holen MUSSTE - und dann hat sie ihn dafür auch noch rausgeschmissen! Eine Steigerung des Konflikts wäre, wenn Albert genau das Gegenteil von Gerda wollte, nämlich zu ihr zurückzukehren. Brittas Stimme hast Du so gut getroffen, dass ich sie beim Lesen fast vor mir sehen kann. Gleichzeitig beantwortest Du hier die Fragen unter Deinem letzten Beitrag: Was findet sie eigentlich an ihm? LG Metta

Eingetragen am: 05.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Angela, Konflikte ohne Ende. Ob du die alle in einem Buch abhandeln kannst? Doch, dir traue ich das zu. Mit deinen Skizzen hast du jedenfalls unzählige Möglichkeiten dazu geschaffen. Albert wird ganz schön gefordert sein! Viele Grüsse, Numungo (13695).

Eingetragen am: 28.06.2008

Kommentar von Angela Barotti

@alle: Vielen Dank für eure Kommentare, zahlreichen Anregungen und Lobe. Ja, mein Beitrag weicht etwas von der Norm ab. Geeignet wäre die Szene gewesen, in der Britta bei Gerda vor der Tür stand. Aber das habe ich bereits in der Daumenübung ‚verbraten’. Alle anderen Szenen, die noch irgendwie gepasst hätten, wären zu lang geworden. Ich habe mich deshalb für die obige Notlösung entschieden, die keinen Einzug in den Roman halten wird. Es hat mir allerdings in der Tat geholfen, dass die Drei gezwungen wurden Stellung zu beziehen. @Azahar: Die Geschichte wird aus der Sicht aller drei Protas erzählt werden. Allerdings kommt keine Szene doppelt vor./Ob Albert Gerda noch liebt? Gute Frage. Ich sage mal Ja. Er liebt sie – genauso wie er seinen Fernsehsessel liebt. Fragt sich nur, welche Frau in dieser Liga der Liebe mitspielen möchte. @rosamsa: Das mit der Babysitteroma schlägt Albert seiner Gerda tatsächlich vor. Zu der Zeit träumt er noch von einer Ménage à trois. Als er Gerda diesen Vorschlag unterbreitet (wenige Stunden nachdem Britta sich bei Gerda als Alberts Geliebte geoutet hat), nimmt sie dies zum Anlass, um ihn hochkantig rauszuschmeißen. (Von allein wäre er nie im Leben ausgezogen)@Lillilu: Du siehst keinen Konflikt? Also, ich sehe jede Menge, was Albert von seinem bequemen Leben und von seiner angestrebten Ruhe abhält. @Putzi: Danke für dein Kompliment. Jedoch war es Albert nicht daran gelegen seine Gene weiterzugeben. Er wollte nur spritzigen Sex während einer Dienstreise. @Ginko: Ist Albert ein Esel? Vielleicht. Agneta Karotte ist es auf alle Fälle. Zu oft wagt sie sich auf dünnes Eis.

Eingetragen am: 27.06.2008

Kommentar von Azahar

Hallo Angela, Ganz abgesehen davon, dass mir die Texte aus der Sicht der einzelnen Personen sehr gut gefallen haben, scheint es mir, dass du noch immer nicht so genau weisst, aus wessen Perspektive du deinen Roman erzählen wirst. Im Moment scheint sich mir dafür irgendwie Albert anzubieten. Er ist es, der am meisten zu kämpfen haben wird und der in der schwierigsten Situation steckt. Er wollte sein Leben sicherlich verbessern, indem er sich eine Geliebte nahm, doch nun ist für ihn alles noch viel schlimmer als zuvor und er hat nicht nur eine Frau, sondern zwei zu verlieren. Liebt er Gerda eigentlich noch? (Ich glaube, das kam noch gar nicht zur Sprache.) LG Azahar

Eingetragen am: 27.06.2008

Kommentar von rosamsa

Hallo Angela, hier tut mir keiner leid, obwohl alle drei sehr trostlos auf mich wirken. Gerda ist anscheinend alles egal. Wenn sie nicht aufpasst hat sie Albert wieder schneller am Hals als sie denkt und kann sich gleich noch als Babysitteroma verdingen. Was Britta von Albert will ist mir schleierhaft. Er ist wohl so eine Art Vaterersatz für sie scheint mir. Über kurz oder lang wird sie ihn zum Teufel hauen. Du hast ja nun nicht einen direkten Konflikt geschrieben, also einen Text der in dein Buch passt, aber er könnte dir Klarheit verschaffen wie es weitergehen soll. LG rosamsa

Eingetragen am: 25.06.2008

Kommentar von M.P.

Ein interessanter Konflikt, bei dem es eigentlich nur einen Verlierer geben kann, Albert. Ein Ausrutscher reißt ihn aus seiner gewohnten Umgebung und er schlittert in eine Beziehung, die nichts, aber auch gar nichts mit Liebe zu tun hat. Sein Kopf steckt in der Schlinge, werden die Frauen sich verbünden und gemeinsam den Stuhl wegschlagen, auf dem er seinen letzten Halt gefunden hat? LG M.P.

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von Marie Stiehl

Gefällt mir voll gut. Macht Spaß zu lesen. Albert ist ja nicht gerade glücklich über seine Vaterrolle. Geschieht ihm aber recht. Obwohl eigentlich tut er mir sogar etwas leid. Wird bestimmt noch lustig. Gruß Marie.

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von RoseCanyon

Hallo Angela, die Aufgabe hast Du zu 100% erfüllt. Der Konflikt und das Entwicklungspotenzial der drei oben von Dir genannten Charaktere ist ohne weiteres erkennbar. Gast in der Sippe würde ich zwar nicht gerne sein - weil es nach einer Menge Ärger riecht -, aber als Leser würde ich schon ganz gerne meine Nase in diese skandalumwogene Geschichte stecken. :-)) Ich weiss nicht, ob der obige Text nur die Konstellationen der Personen zueinander widergeben soll, oder ob Du diese Passage als "Fliesstext" in Deinem Buch verwenden möchtest. Falls letzteres der Fall ist, würde ich in die Gedanken noch etwas mehr Emotionalität mischen. Den Passus " es interessiert mich einen Scheißdreck ob.." fand ich in diesem Zusammenhang einfach klasse. Dadurch kommt richtig Leben in den Text. Gut gemacht!!

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Angela, bin am Grübeln, was hier nicht stimmt. Bei L.D. heißt es „Überlegen Sie was die Hauptfigur in ihrem Roman will....Da Ihr Roman unbedingt eine Art Konflikt enthalten soll, muss etwas oder jemand Ihre Figur davon abhalten, ihr Ziel zu erreichen..die Hauptfigur soll sich dem Hindernis stellen.“ Albert will nur seine Ruhe haben. Sein Bekenntnis, er würde die Suppe auslöffeln, die er sich eingebrockt hat, hört sich nicht überzeugend an. Gerda will eigentlich auch nur ihre Ruhe, jedenfalls gibt es nichts was sie will, nur was sie NICHT will, nämlich Albert zurücknehmen. Sehr schön hier der Satz: „Britta hat ihn kontaminiert.“ Und was will Britta? Action! Britta und Albert kabbeln sich, wie ein altes Ehepaar und das nach so kurzer Zeit! Ich weiß nicht so recht, worum es überhaupt geht. Es ist alles so verfahren und alle Drei scheinen nicht zu wissen, was sie wollen und sind unzufrieden. Albert scheint von einer langweiligen (aber gemütlichen) Ehe in die nächste Sofarollen-Beziehung versehentlich gerutscht zu sein. Ob Gerda jetzt mal klar Schiff macht? Neues Leben beginnen, wegziehen, selber einen Lover aufreissen, etc, alles das machen, was sie schon immer wollte? Und das Hindernis in Person ist dann ALBERT himself, der Pantoffelheld! Oder soll Britta hier die Fackel der Revolution tragen und gegen alle Widerstände (von wem?) ein neues Leben mit Kind beginnen? Alles nur gut gemeinte Gedanken meinerseits. LG Lillilu

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von swenja

O wei, da steht noch viel Beziehungsstress an: Birgit und Albert passen zusammen wie die Faust aufs Auge. Womöglich wird sie ihn bald vor die Tür setzten und er auf Knien zu seiner Gerda zurückrutschen? Ich mag an dieser Geschichte, dass sie aus dem wirklichen Leben stammt, es geschieht so oft, dass Männer um die 60 ihre Frauen verlassen und eine neue Familie gründen, aber aus irgendeinem Grund ist das in der Gesellschaft kein Thema.

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Ginko Korn

Der Generationenkonflikt in der Partnerschaft beginnt schon ab zwölf Jahren Altersunterschied. Hier beobachte ich Opa mit Enkelin. Bert wird Britta nicht mehr lange halten können und Himbeereis zum Frühstück ist nun mal Gift für einen uHu. Diesen Text lese ich wie eine genaue Auflistung der Sachverhalte, Warnungen und Schlussfolgerungen, gerichtet an einen bestimmten Esel auf dem Eis und an alle anderen Grautiere.

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Tinkerbell

Hallo Angela Die arme Gerda. Sie kann froh sein, dass sie ihn los ist. Eine Anmerkung: Es war nicht nötig zu erwähnen, dass Gerda ihren Mann vermisst, denn Du hast Gerdas Gedanken so gut herübergebracht, dass man aus dem Text erkennt, dass sie es tut und ihn trotz allem noch sehr liebt. Liebe Grüsse, Tinkerbell

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Putzi

Liebe Angela Barotti. Sehr eindrucksvoll und kurzweilig hast Du Gefühlswelt der drei Personen geschildert, die mit dem Scheitern einer Ehe zu tun haben. Gerda kann keine Kinder bekommen, ist aber an sonsten eine ganz traditionelle Frau, die ihrem Mann gerne den Vortritt läst, wenn es um Entscheidungen geht. Sie war gegenüber ihrem Mann immer fair gewesen und wird es, trotz des seelischen Schmerzes auch weiterhin sein. Britta ist eine junge, etwas naive Frau, die von den Werbungen eines verheirateten Mannes hingerissen ist. Sie glaubt, mit ihr und ihrem Liebhaber wird alles anders werden, als in dessen langweiliger Ehe, von der er bestimmt oft genug erzählt hatte. Langsam aber sicher merkt sie, dass ihr Liebhaber doch nicht so ist, wie sie sich ihn vorgestellt hat. Und Albert ist das Ebenbild eines verwöhnten Balges, der einfach alles haben muss. Seine Ehe mit Gerda war zufriedenstellend, doch sie konnte seinen Kinderwunsch nicht erfüllen. Also her mit einer Geliebten, damit er seine Gene weitergeben kann. Was er seiner Frau damit antut, ist ihm schnuppe. Albert möchte sein gemütliches Leben als Patriarch weiter führen, auch wenn ihn seine Freundin mit ihrem Unternehmungsgeist jetzt schon nervt. Wenn das Kind erst mal da ist, dann hat sie genug zu tun, dann kehrt wieder Ruhe ein, in sein Heim. Wenn er sich da Mal nicht irrt. Einen interessanten Konflikt hast Du Dir ausgedacht, bei dem noch jede Wendung drin ist. Ich würde auf jeden Fall weiterlesen. Liebe Grüße, Putzi

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Miyu

Hallo Angela, die kleinen "Monologe" der Figuren gefallen mir sehr gut :) Es wirkt, als hättest du ihnen eine Frage gestellt und ließest sie einfach darauf antworten. Es liest sich sehr leicht, da man sich gut vorstellen kann, dass die betreffenden Personen auch genauso sprechen. Zudem finde ich die Konflikproblematik sehr interessant :) Liebe Grüße, Miyu

Eingetragen am: 23.06.2008

Eingetragen am: 22.06.2008 von Sabine Mucha
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13572

Eva saß in der Ecke des kleinen stickigen Raumes, in dem es nach Blut, Schweiß und Urin roch. Die Hände und Füsse mit Kabelbindern gefesselt, der Munc und die Augen mit Klebeband verklebt. Einzelen Strähnen ihrer blonden Locken fielen ihr ins Gesicht und kitzelten ihre Nase. Sie konnte sich nicht bewegen, lauschte, rocht, versuchte mit allen Sinnen wahrzunehmen, was in diesem Zimmer vor sich ging.
Alle paar Stunden kam diese Bestie zu ihr, riß das Klebeband von ihren Augen und ließ sie das Grauen erleben. Das Grauen, das ihr vielleicht noch bevorstand. Die Frauen, die er in das Zimmer brachte, schliefen friedlich und sahen auf den ersten Blick so aus, als könnte ihnen nie etwas Schreckliches zustoßen. Doch als sie erwachten und Eva erblickten, mussten sie feststellen, dass sie nicht mehr reden konnten. Eva wußte warum. Er hatte ihnen die Zunge herausgeschnitten. Man konnte noch das Blut sehen, das ihenen an den Lippen bis zum Kinn und dann auf die Brust gelaufen war. Es waren nur nocht entsetzliche, panische Schreie, die den Raum erfüllten. Eva konnte sich nicht bewegen. Saß hilflos in ihrer Ecke und musste das schreckliche Schauspiel mit ansehen. Die junge Frau konnte sich auch nicht erklären, warum sich der Mann ihr einfach so offen zeigte. Er verbarg nie sein Gesicht.
Eva schloß die Augen, wenn die Besteie ein Skalpell nahm, um den Frauen den Bauch aufzuschneiden und das ungeborene Leben aus ihrem Laib entfernte. Die Schreie gruben sich tief in ihren Körper und ihre Seele. Und sie dachte an das kleine Leben, das gerade in ihr heranwuchs.
Meistens wurden die Frauen ohnmächtig, erwachten aber kurze Zeit später, nachdem er die Bäuche mit einer sauberen Naht verschlossen hatte. Dann sprach er zu ihnen:" Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann, er aber wird über dich herrschen!"
Dann schleppte er sie nach draußen. Eva wusste nicht, was mit ihnen geschah.
Nach einer Weile, wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, kam er zurück und setzte sich zur ihr. Er gab ihr Wasser zum Trinken, sah ihr in die Augen und lächelte: "Du solltes wissen, warum ich das tue." Eva hatte panische Angst etwas falsches zu sagen oder ihm nur einen falschen Blick zuzuwerfen. "Warum?" fragte sie vorsichtig. "Du bist eine Frau," antwortete er. Sie verstand garnichts. Was hatte das denn damit zu tun? "Aber sie können doch diesen armen Frauen nicht so viel Leid zufügen. Kennen sie sie denn?" "Ja, ich kenne alle Frauen. Kleine Eva, du mußt mal darüber nachdenken, wieviel Leid ihr Frauen in diese Welt gebracht habt und warum?"
"Ich weiß es nicht verdammt noch mal!"
"Du sollst nicht fluchen!" Die Bestie schrie es fast heraus, riss ein Stück Klebeband ab,um es ihr um die bereits geröteten Augen zu legen. Sie konnte seinen stechenden Blick und das Abartige in seinen Augen nicht mehr sehen. Sie hörte nur, wie er das Zimmer verließ und die Tür ins Schloß fiel. Eva musste nachdenken. Was wollter er von ihr. Was wollte er von all diesen unschuldigen Frauen? Warum hasste er sie so? Dieser Mann musste um die 50 sein, war groß und sah eigentlich noch ganz gut aus. Die grauen Strähnen in seinem Haar ließen ih attraktiv erscheinen. Und manchmal lächelten seine Augen. Eva dachte bei sich, dass sie ihm auf Anhieb Vertrauen entgegen bringen würde, wenn sie ihm irgendwo auf der Strasse begegnen würde. Das er Satan persönlich war, sah man ihm nicht an. Aber was machte Satan in der Kirche? Da hatte er sich doch erwischt. Ja, sie befand sich in der Kirche, um für ihre verstorbenen Mutter ein Gebet zu sprechen. Sie hörte ihn nicht kommen. An mehr erinnerte sie sich nicht.
Eva hörte, wie sich die Tür öffnete. Sie spürte einen Windhauch und sie fröstelte, weil sie genau spürte, dass er vor ihr stand. Was war das für ein eigenartiger Geruch. Unsanft wurde das Klebeband vom Mund gerissen. Dann schob er ihr einen Löffel nach dem anderen hinein. Sie kaute schnell, was blieb ihr auch anderes übrig, wenn sie nicht an jedem Bissen ersticken wollte. Es schmeckte seltsam. Sie wusste nicht, was er ihr gab. Sie sah es ja nicht. Es schmeckte nach Fleisch, das zu lange auf dem Küchentisch gestanden hatte, bevor es zubereitet wurde. Und nach ranzigen Fett. Das kühle Wasser, das er hinterher goß, fühlte sich besser an und sie genoß jeden einzelenen Schluck.
"Hast du darüber nachgedacht kleine Eva?"
"Du bist eine Bestie, der Satan persönlich! Du tötest, weil es dir Spaß macht. Sie werden dich kriegen, du Schwein!"
"Eva, Eva, Eva! Du weißt nicht, was du sagst.Spar dir deine Kräfte. Du darfst dich nicht so aufregen. Ich will nur das Beste für dich! Für euch alle! Und ich möchte, daß du es verstehtst. Erst wenn du verstanden hast, warum ich das tue, wirst du auch wirklich frei sein!"
"Aber warum ich?" Eva war verzweifelt. Kämpfte mit den Tränen. Sie mußte versuchen, ihn zu besänftigen. Sie hatte doch mal 3 Semester Psychologie studiert. Nun musste Eva in ihrer Erinnerung kramen. Momentan war sie noch sein Opfer. Doch das wollte sie auf garkeinen Fall bleiben. Sie mußte taktisch vorgehen. Aber war ihr das möglich? Sie hatte so schreckliche Angst, dass ihr fast das Blut in den Adern gefror.
"Wer bist du?"
Er lachte leise. " Enstschuldige, Eva. Ich hab mich noch garnicht vorgestellt. Ich bin ein Bote Gottes, der die Welt vor allem Bösen errettet!"
"Ich wollte wissen, wie du mit Namen heißt. Du wirst mich sowieso töten, also kannst dur es mir auch sagen."
Er wunderte sich, wie gefaßt sie plötzlich war. Sie hörte wie er das Klebeband von der Rolle riss und es ihr auf den Mund klebte.
Irritiert verliess Ransmeier das Zimmer und überlegte bei sich, was die junge Frau aufeinmal für Fragen stellte. Eigentlich sollte sie vor lauter Angst schon verstummt sein.
Er wollte sie alle vernichten. Doch er wollte auch, dass sie es begreift. Nur sie.


Kommentar von Numungo

Liebe Sabine, schön, dass du die Kritik sachlich nimmst. Ist ja auch nicht persönlich gemeint. Doch Gewalt ist für mich das überflüssigste überhaupt, auch wenn sie überall präsent ist. Wieviele Probleme hätte die Menschheit weniger, wenn es sie nicht gäbe? Hätte sie überhaupt noch welche? Viele Grüsse, Numungo.

Eingetragen am: 02.07.2008

Kommentar von Numungo

Eine grausige Handlung, den Text möchte ich nicht lesen. Viele Grüsse, Numungo (13695).

Eingetragen am: 28.06.2008

Kommentar von Frog

Du hast zweifellos ein Talent fürs Fiese. Dürfte ein cooler Thriller á la Tess Gerritsen werden. Davon gibt's in Deutschland glaube ich nicht so viele, also ran an den Speck...

Eingetragen am: 27.06.2008

Kommentar von Azahar

Ich, die ich nicht einmal einen Horrorfilm im Fernsehen länger als zehn Minuten ansehen kann, bin sicher nicht die geeignetste Person um deinen Text inhaltlich zu kommentieren. Allerdings hatte ich beim Lesen wirklich Gänsehaut und sass vor Nervosität und Angst, was denn nun weiter passieren würde, mit angehaltenem Atem auf der Stuhlkante. Du hast sehr starke Bilder heraufbeschworen, die mir tief unter die Haut gingen. Dein bildlicher Erzählstil, der einen Film vor dem Auge des Lesers ablaufen lässt, hat mir sehr gut gefallen! Und siehst du, jetzt will ich sogar wissen, wie es mit dem serienmordenden Pfarrer weitergeht und ob Eva entkommt (ist der biblische Name Absicht? - aus dem Paradis verstossen...) dabei lese ich doch nie Horrorgeschichten. Du hast mich auf den Geschmack gebracht. ;-) LG Azahar

Eingetragen am: 26.06.2008

Kommentar von M.P.

Hallo Sabine. Ein harter Stoff. Eine Szene im Keller hattest du ja schon mal eingestellt, wo deine Prota die ersten Eindrücke erlangte. Was mir Kopfzerbrechen bereitet, sind die Dialoge und die Stimmungsschwankungen deiner Prota. Es erscheint unwarscheinlich, dass sich die Frau so unter Kontrolle hat, wenn sie die Schlachtereien ihres Peinigers mit ansehen muß und weiß, dass sie nicht lebend aus diesem Keller herauskommen wird. Sie hat Angst! Logik ist dabei das Letzte, was ich meiner Prota zugestehen würde. Aber vielleicht belehrst du mich ja eines Besseren und gewährst mir weitere Einblicke in die Psyche deiner Heldin? Das Thema ist auf alle Fälle spannend, die Umsetzung dieser Übung allerdings unglaubhaft. LG M.P.

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von RoseCanyon

Hallo Sabine, beim Lesen Deines Textes ist mir anfänglich fast schlecht geworden. Nicht aufgrund Deiner Ausdrucksweise, nein, die ist sehr flüssig und mitreißend. Aber die Beschreibung / Bilder von diesen Graultaten fand ich recht ekelerregend. Ich unterstelle mal, das nicht das ganze Buch aus solchen Gewalttaten besteht und diese Szene eine Höhepunkt darstellt, der dann zu einer Veränderung in der Welt der Bestie führt. Nichts desto trotz: schriftstellerisch wirklich super gemacht.

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Lillilu

Welchem Konflikt stellt sich hier der Protagonist? Herr Ransmeier meuchelt und foltert gerne, weil er alle Frauen vernichten will, wer stellt sich ihm entgegen? Eva wird bald sterben und hat dann auch keinen Konflikt mehr. Die Details deines Romans sind für mich bodenlos unerträglich und ich werde bestimmt nicht weiterlesen. Tut mir leid. LG Lillilu

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von swenja

Das ist der Hammer! Ich habe gefroren beim Lesen. Erlöse die arme Frau bitte bald aus ihrer schrecklichen Lage!

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Putzi

Eine Horrorgeschichte mit psychologischen Zügen. – Wunderbar, das liebe ich. Wenn Dein Buch weiterhin so lebendig bleibt, dann könnte es dem „Schweigen der Lämmer“ Konkurrenz machen. Viel Glück, Putzi

Eingetragen am: 23.06.2008

Eingetragen am: 22.06.2008 von RoseCanyon
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13564

Ein herzzerreißender Schrei riss Molly aus dem Schlaf. Was war geschehen? Schnell stülpte sie sich den Morgenmantel über, schlappte in ihre Hausschuhe und rannte die lange Eichentreppe hinunter. Vor dem Zimmer des Ehepaars La Crosse hatte sich bereits eine dicke Menschentraube gebildet und Patrica MontNevis, die Hotelmanagerin, versuchte mit großer Mühe, Victoria La Crosse zu beruhigen. „Nein, nein! Richard, mein Richard!“, schluchzte Victoria. Dann erfüllte ein weiterer Schmerzenschrei aus ihrem Munde den Gang.
Molly drängte sich durch die Menge. „Lassen Sie mich durch“, wies sie die Anwesenden scharf an und schob sich mit etwas Druck an Maryclaire Thomson und Elsy Paisley vorbei.

Der Anblick, der sich Molly nun bot, ließ sie schaudern. Vor ihr auf dem Bett lag Richard La Crosse: seine Augen weit aufgerissen, die Brust blutverschmiert und seine Arme leblos am Bettgestell herunterhängend. Keine Frage, Richard La Crosse war tot.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Molly ihre Fassung wieder erlangt hatte.
Noch immer hallte Victorias Schluchzen durch die Gänge, obgleich Patricia und Elsy ihr inzwischen ein Beruhigungsmittel verabreicht hatten und sie nun gemeinsam ins Foyer brachten.

„Schon wieder so ein grässlicher Mord“, stieß Anne Caledonia hervor. „Hört das Unheil in diesem Haus denn gar nicht auf? Ich ertrage es nicht mehr“.
„Anne“, ihre Freundin Samantha drückte ihr den Arm, „erinnerst Du Dich, was ich gestern Abend bei Tisch gesagt habe?“
„Gesagt?“, Anne drehte sich fragend zu ihr um, „wovon redest Du?“
„Na, ich habe Euch doch alle gewarnt. Erinnerst Du Dich denn gar nicht mehr?“, enttäuscht starrte Samantha sie an. Da schaltete sich Jeremy Smith in die Unterhaltung ein. „Das stimmt. Ja, Sie haben recht. Es stimmt alles. Alles, was Sie angekündigt haben. Oh mein Gott! Als Ms. Paisley uns beim Dinner die Steinpilzsuppe servierte – ich kann mich noch genau erinnern -, da erwähnten Sie es. Und jetzt ist es passiert!“, Jeremy wurde sichtlich blass um die Nase.
„Was denn? Nun sag schon“, drängte Anne ihre Freundin, „wovon sprecht Ihr?“

„Von der Botschaft der Kristallkugel, Anne“, antwortete Samantha bedächtig. „Sie hat sich bewahrheitet. Der schwarze Nebel und der Verwesungsgeruch. Ich wusste doch, dass er für Tod steht. Und ich habe Euch gewarnt, dass heute Nacht jemand aus unserer Runde stirbt.“
„Ja, das haben Sie gesagt“, wisperte Maryclaire Thomson, die sich vor Schrecken ihre rechte Hand vor den Mund drücken musste.

„Womit ich meine hellseherischen Fähigkeiten wieder unter Beweis gestellt habe“, wusste Samantha schnell zu betonen.

Die Menge hatte sich während des Gesprächs von Richard La Crosse abgewandt und starrte nun auf Samantha Crofter.

„Dann wissen Sie doch auch, wer der Mörder war, Ms. Crofter“, Duncan Scatty ergriff erwartungsvoll und bittend ihre Hand. Samantha trat entsetzt einen Schritt zurück und begann, sich aus der Umgreifung zu lösen.

„Äh…, sicherlich“, klang es zaghaft aus ihrem Mund. „Aber Hellsehen braucht Ruhe und Zeit. Das geht nicht einfach so“, versuchte sie Mr. Scatty zu beschwichtigen.

„Das geht überhaupt nicht!“ Eine laute und erzürnte Stimme unterbrach die gespannte Atmosphäre. „Alles Humbug“, belehrte Molly energisch die Anwesenden. „Glaskugeln, Löffeldrehen, Kaffesatzlesen. Das ist alles nur falscher Zauber. Lassen Sie sich auf diesen Stuss bloß nicht ein.“

Molly hatte ihrer Verärgerung noch nicht annähernd in dem Maße Luft gemacht, wie sie sich in ihr aufgestaut hatte, als Samantha Crofter ihr schon die erste Giftwolke entgegen spritzte: „Na hört Euch diese pummelige Cuddle an. Hat nicht die geringste Ahnung, wer es war, aber will mir meine hellseherischen Fähigkeiten absprechen. Im Gegensatz zu ihr habe ich mein Wissen immerhin schon unter Beweis gestellt. Nicht mal den Mord des Rezeptionisten hat sie gelöst, dabei weiß hier doch jeder, dass Claire Trifle dahinter steckt. Wie viel Hirnmasse muss ein Kopf eigentlich haben, um eine einfache Kombinationsaufgabe zu lösen? Naja, wenn man seinen Kopf nur zum Essen gebraucht, kann ja auch nicht viel dabei rauskommen als Sch..“, Samantha Crofter war kaum zu halten.

„Es reicht“, unterbrach Molly sie. „ Sie wissen genau wie ich, dass Glaskugeln nichts mit wissenschaftlichem Arbeiten zu tun haben.“

„Aber sie hat das Unheil vorausgesehen“, wandte Maryclaire ein.
„Genau, sie hat gezeigt, dass sie kein Unsinn redet“, stand ihr Lebenspartner Joe McLeish ihr zur Seite. „Und Sie, Ms. Cuddle, was haben Sie uns bislang bewiesen?“

Mit dieser Frage richteten sich alle Blicke auf Molly, die innerlich noch immer vor Wut schnaubte. Sie wusste, wovon sie redete, immerhin war sie einmal fast in die Fänge einer solchen Heilversprechersekte geraten. Wie schnell man Menschen doch mit Prophezeiungen manipulieren konnte, dachte Molly. Die hundert anderen Weissagungen, die Samantha die letzten Tage von sich gegeben hatte, waren doch auch nur Nonsense gewesen. Daran hatte keiner gezweifelt. Es war vermutlich reiner Zufall, dass die Ansage dieses Mal gestimmt hatte. Aber warum hatte sie gestimmt? Waren es wirklich hellseherische Fähigkeiten? Oder steckte etwas anderes dahinter? Wusste Samantha etwa schon gestern von dem Mord?
Molly erkannte, dass es wenig Sinn hatte, sich mit Samantha weiterhin zu streiten. Das alles würde nur ihre eigene Position schwächen und die von Samantha stärken.
Klar, am klügsten wäre es gewesen, wenn sie gar nicht auf Samanthas Kommentar reagiert hätte, aber die Scharlatane von Hellsehern waren für sie ein rotes Tuch. Nun hatte sie mindestens noch eine Gegnerin mehr, die sie davon abhalten würde, den Mordfall aufzulösen. Molly brauchte Zeit zum Nachdenken. Sie verscheuchte die Hotelgäste aus dem Richard La Crosses Zimmer, verschloss die Tür und wies alle an, sich wieder auf ihre Zimmer zu begeben.


Kommentar von RoseCanyon

Hallo Angela, vielen Dank für Deinen netten Kommentar. Ja, im Buch soll der Leser die Beteiligten häppchenweise kennenlernen; die Verwirrung dürfte dann gebannt sein. Und um Deine Frage zu beantworten: ja, Elsy wird Molly später unterstützen.

Eingetragen am: 01.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ja, da stimme ich Sabine zu, dass dein Text etwas von Agathe Christie an sich hat. Allerdings fühlte ich mich von der Menge an Beteiligten erschlagen. Ich könnte dir nicht sagen, um wie viele Personen es sich hier handelt. In deinem Roman werden wir sicherlich erst allmählich in den Kreis der Mitwirkenden eingeführt werden, deshalb will ich darauf nicht herumreiten. Auf alle Fälle bringst du Mollys Konflikte gut rüber. Steht überhaupt irgendwer auf ihrer Seite und unterstützt sie?

Eingetragen am: 30.06.2008

Kommentar von Sabine Mucha

Hallo RoseCanyon! Für mich wird hier gerade eine neue Agathe Christie geboren! Schon alleine für diesen Text würde ich Deinen fertigen Roman sofort kaufen. Ich liebe Agathe Chrisite und ich liebe Deinen Text. Ich hoffe, dass ich Deinen Roman bald in den Händen halten kann! Viel Glück. Grüssle Sabine

Eingetragen am: 25.06.2008

Eingetragen am: 22.06.2008 von rosamsa
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13566

(Viola besucht Robert, er ist der Vater ihres weggegebenen Kindes, sie hat ihn seit vierundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen.)
Puh, gerade sehe ich, dass es wieder ewig lang geworden ist, aber dies ist nun mal einer der Hauptkonflikte in meiner Geschichte.

Ich empfinde nichts, was noch viel schlimmer ist, als das Gefühlschaos der vergangenen Woche. Irgendwann macht mein Körper dicht, schließt die Luken und lässt nichts mehr herein, weil er nicht mehr in der Lage ist die Dinge zu verarbeiten. Dann wünsche ich mir, jemand würde mich anstoßen, beschimpfen oder schlagen, damit ich mich endlich aus meiner Starre lösen kann, wieder beginne zu fühlen, zu leben, und befreiende Tränen weinen kann.
Ich stehe vor seiner Tür und habe keine Ahnung was passieren wird, was ich sagen werde, wie ich reagieren werde. Ich weiß nur, das ich dies tun muss, so wie ich einatme um nicht zu sterben. Daran, wie er reagiert, verschwende ich in diesem Moment keinen einzigen Gedanken, ja es kommt mir nicht einmal ins Bewusstsein.
Robert Altmann, siebenundfünfzig, nach wie vor attraktiv, wenn auch ein wenig lächerlich, mit seinen immer noch im Nacken zusammengebundenen langen Haaren, Vater meines Sohnes und ehemaliger Liebhaber, öffnet mir die Tür.
Er taxiert mich mit einem abschätzigen Blick, in dem eindeutig etwas Sexuelles mitschwingt. Ich kenne diesen Blick, komisch, warum ist mir das früher nie aufgefallen. Blitzartig schießt die Erkenntnis in seine Augen, überrascht hebt er die Augenbrauen und sofort ist Misstrauen da, er verschließt sich. Dies alles vollzieht sich in weniger als einer Sekunde. Und in einem herausforderndem Ton fragt er: Viola, was willst du? Du kommst ungelegen, ich habe keine Zeit.
Eine eindeutige Abfuhr, wie sie schlimmer nicht sein könnte. Er wird es mir schwer machen. Was habe ich erwartet?
Kann ich mit dir sprechen, krächze ich. Meine Stimme versagt, wie sie es oft tut, wenn ich lange nicht gesprochen habe. Ich räuspere mich. Drinnen, bitte ich, und werfe nervös einen Blick nach links und rechts, beinahe so, als ob ich Angst hätte, jemand würde uns belauern.
Unwillig tritt er nur einen kleinen Schritt zur Seite, lässt mich herein in sein Refugium, in seine Welt. Ich zwänge mich an ihm vorbei, mein Körper streift seine Schulter, ein merkwürdiges Schaudern kriecht mir den Rücken hoch, ich rieche sein Rasierwasser und Zigarettenrauch. Sein Blick bohrt sich in meinen Nacken, unwillkürlich ziehe ich den Kopf ein, fühle mich unwohl, ausgeliefert.
Wohin? frage ich.
Er deutet auf eine halboffene Tür und legt mir seine Hand auf den Rücken. Hastig weiche ich aus.
Na na, ich tu dir schon nichts. Früher warst du nicht so zimperlich. Ärgerlich fahre ich herum, starre ihn irritiert an.
Er bietet mir einen Stuhl an, setzt sich mir gegenüber, zündet sich eine Zigarette an und bläst den Rauch in meine Richtung. Ich kneife die Augen zusammen, sie brennen. Seine Augen schweifen über meinen Körper, er zieht mich förmlich aus. Sein Blick liegt auf mir wie eine Last, die ich jetzt nicht abschütteln darf.
Ich beginne diesen Mann zu fürchten, zu verabscheuen. Was habe ich mir vorgestellt? Einen liebenden, fürsorglichen Vater, der mich, die Mutter seines Sohnes, begeistert empfängt und in seine Familie aufnimmt?
Also, was willst du, Viola? Er spricht meinen Namen so aus, als ob er beiläufig ein lästiges Insekt vom Tisch wischt.
Trotzig sehe ich ihn an, fühle mich wie ein gescholtenes Kind. Er zwingt mich, zu sagen, was er schon längst weiß.
Ich möchte meinem Sohn kennen lernen, sage ich. Und dieses – mein Sohn – kommt nur zögernd über meine ausgedörrten Lippen, die Worte verhaken sich in meinem Mund, schämen sich für mich, wie kann ich es wagen davon zu sprechen. Und er lässt sie im Raum verklingen und gibt mir keine Antwort, und ich beginne zu zweifeln, ob ich sie ausgesprochen oder nur gedacht habe.
Sein Blick bleibt forschend an mir hängen und ich fühle mich nackt und ausgeliefert.
Warum jetzt? fragt er.
Bleierne Stille breitet sich zwischen uns aus, füllt den Raum, nur seine letzten Worte schweben noch zwischen uns. Warum jetzt? Warum jetzt? Ja, warum jetzt?
Er wartet auf meine Antwort. Ich formuliere sie in meinem Kopf, aber die Worte weigern sich über meine Lippen zu kommen. Mein Blick hat sich festgefahren auf der Tischplatte, mein Geist wandert in die Ferne, sieht Bilder vorüberziehen, von einer jüngeren Viola mit einem Säugling in einer Tasche.
Weil..., ich weiß nicht..., stottere ich herum. Ich will ihm nicht sagen was mir passiert ist, was ich gesehen habe, letzte Woche am Krankenhaus. Das Bild der jungen Frau mit dem Baby, das sich schmerzlich auf meine Netzhaut gebrannt hat und die Panikanfälle... Endlich sind da Worte, aber sie sind falsch, ich belüge ihn.
Ich glaube es ist einfach an der Zeit.
So, glaubst du das? spöttelt er.
Wie alt bist du jetzt, Viola?
Einundvierzig.
Verheiratet?
Ja.
Er unterzieht mich einem Verhör, dem ich mich unterwerfe.
Was machst du beruflich?
Ich bin Architektin.
Interessant. Kinder?
Nein.
Ah, stichelt er, daher weht der Wind. Deine biologische Uhr tickt, der Countdown läuft. Jetzt muss ein Kind her auf biegen und brechen. Er genießt die Worte, lässt sie sich genüsslich auf der Zunge zergehen, bevor er sie mir über den Tisch zuspeit.
Ist dein Mann impotent? fragt er.
Arschloch, denke ich, und schweige, halte die Wut, die hochschießt im Zaum.
Er sieht mich an, mit einem siegessicheren Lächeln.
Er ist dreiundzwanzig, dein Sohn, er ist kein Baby mehr, hast du daran schon gedacht? Vielleicht will er dich gar nicht kennen lernen, vielleicht hasst er dich, weil du ihn einfach abgeschoben hast. Vielleicht hat er ja eine andere Mutter, eine bessere, eine, die er liebt. Jedes seiner Wort straft mich ab.
Und er hat noch einen teuflischen Trumpf, den er mir vor die Füße wirft.
Vielleicht habe ich ihn ja nicht behalten, sondern zur Adoption freigegeben und er wurde von fremden Menschen aufgezogen. Ich weiß nicht wo er lebt und was aus ihm geworden ist.
Hast du ihn weggegeben? flüstere ich heiser.
Er lacht bitter. Du wagst es mir diese Frage zu stellen. Er schnellt hoch, drückt hastig seine Zigarette aus, stellt sich dicht vor mich und drückt mir seinen Finger tief ins Herz. Es tut weh aber ich wage nicht ihn wegzuschieben.
Was glaubst du ist damals passiert? Hast du nur einen winzigen Moment daran gedacht, was du meiner Familie antust, meiner Ehe? Ich hatte bereits einen Sohn, zehn Monate alt, wie du wohl wusstest. Meine Frau ist ausgerastet als sie deinen Zettel fand. Sie bestand auf einen Vaterschaftstest..., er verstummt, hat zuviel ausgeplaudert.
Und, frage ich, bist du der Vater?
Ja, schreit er, ja, ich bin der Vater. Und ich bin ihm ein besserer Vater gewesen, als du ihm eine Mutter.
Ich stoße seine Hand weg und springe auf, der Stuhl fällt krachend zu Boden. Ich mache einen Zeitsprung, bin wieder siebzehn, Wut steigt in mir hoch, wie heißer Dampf und entlädt sich in gefährlichen Stößen.
Ich fauche, du hast mich eine Schlampe genannt, die es mit jedem treibt, hast mich eiskalt abserviert, benutzt und weggeworfen wie einen kaputten alten Schuh. Als es darum ging dein Ego aufzubauen, war ich gut für dich. Aber hinterher wolltest du nichts mehr wissen von mir. Ich war ja fast noch ein Kind.
Ein Kind?! Darüber kann ich nur lachen. Über Sex wusstest du bestens Bescheid und ich war nicht der erste für dich, also schieb mir nicht die Schuld zu. Und überhaupt hast du dich plötzlich nicht mehr gemeldet, das war für mich ein eindeutiger Hinweis, dass ich nicht der Vater bin.
So einfach hast du es dir gemacht? ich bin fassungslos.
Wer von uns hat es sich denn einfach gemacht, wer, Viola? Du hast ihn wie einen Sack Müll vor meine Tür gelegt. Wer von uns ist nun das größere Schwein?
Wir stehen uns gegenüber, die Gesichter erhitzt, die Schreie hallen von den Wänden. Meine Brust schmerzt an der Stelle auf der sein Finger lag.
Was, wenn ich nun nicht zu Hause gewesen wäre? Hättest du ihn dann...
Ich höre nicht mehr zu. Plötzlich werde ich ganz still. Er gießt seinen Hass über mir aus, spuckt mir verletzende Worte ins Gesicht, was versucht er zu verbergen, zu schützen, was fürchtet er zu verlieren, was er nicht bereits verloren hat?
Ich breche ungehindert ein in sein Leben, bringe es schamlos durcheinander, wie schon einmal. Mit welchem Recht? Ich habe keinen Gedanken an seine Gefühle verschwendet. Glaubte ein Anrecht auf Wissen zu haben.
Ich lasse seine Kränkungen über mich ergehen, zuerst treffen sie mich schmerzhaft, wie ein harter kalter Wasserstrahl, der aber mit jedem Wort weicher und wärmer wird. Und den anfänglichen Schuldgefühlen folgt Wort für Wort die Entlastung. So wie ich eine Beichte ablege und getadelt werde und mit jedem Tadel, jeder Zurechtweisung begleicht sich meine Schuld. Die Bestrafung erfolgt bereits durch die Zurechtweisung und löscht die ursprüngliche Tat aus. Hätte er geschwiegen, wie viel schwerer wäre dann die Schuld auf mir gelastet. In dem Maß, in dem er sich aber verteidigt und mir die Schuld zuschiebt, gibt er seine eigene unbewusst preis. In meinen Ohren rauscht es. Ich kehre zurück in den Raum.
Was willst du von ihm? fragt er. Alles was er brauchte bekam er von mir. Du bist zu spät, du hast kein Recht.
Es gibt kein, mein Kind, du hast jegliches Recht verwirkt, hast ihn nur geboren, um dich dann schnellstmöglich seiner zu entledigen.
Er ist kein Kind mehr, sage ich ruhig, er kann selbst entscheiden, ob er mich sehen möchte. Ich hebe den Stuhl auf. Erschöpft sinke ich darauf zusammen. Schweigen. Die Wanduhr tickt laut, eine Fliege surrt unentwegt gegen die Fensterscheibe.
Du hast dich verändert, Viola.
Erstaunt sehe ich ihn an.
Du hast keine Lebenslust mehr, dafür muss jetzt ein anderer herhalten, du bist tot...
Ich schnelle hoch, schlage wütend nach ihm, aber er fängt meine Hand ab, zieht mich an sich und streicht mir mit dem Daumen über die Wange. Da ist ja doch noch etwas Lebendiges, sagt er rau. Du siehst gut aus, Viola.
Verzweifelt versuche ich mich aus seinem Griff zu befreien, Tränen schießen mir in die Augen.
Abrupt lässt er mich los. Na endlich, sagt er, ich dachte schon du hast keine Gefühle mehr. Er spielt mit mir, hat mich in der Hand und es bereitet ihm sichtliches Vergnügen. Warum lasse ich ihn gewähren? Warum hasst er mich so?
Und plötzlich schwenkt er um, sagt in ruhigem Ton, wir haben ihn großgezogen, aber er lebt schon lange nicht mehr bei mir. Er wohnt in einer besonderen Betreuungseinrichtung, dort arbeitet er auch. Er beobachtet mich genau, wie eine Katze, die auf eine Maus lauert. Stößt mich brutal in ein Gewirr von Vermutungen und Ängsten.
Meine Augen weiten sich erschrocken und alles was mir über Betreuungseinrichtungen einfällt schießt in meinen Kopf. Gefängnis, Drogen, Kriminalität, verwahrloste gewalttätige Typen, psychisch Kranke.
Was ist mit ihm?
Er genießt meine Verwirrung. Aber er hat noch nicht alles gesagt.
Finde es heraus, sagt er. Er holt ein Stück Papier, schreibt Straße und Hausnummer auf. Nur diese beiden Dinge und schiebt mir den Zettel über den Tisch zu.
Finde es heraus, und dann schau, ob du dir noch eine Sohn wünscht. Und jetzt geh, meine Frau kommt gleich. Er erhebt sich, steckt sich eine Zigarette an. Und plötzlich hat er es eilig, stößt mich fast gewaltsam durch den Flur.
Aber du bist doch nicht mehr verheiratet, möchte ich ihm zurufen, deine Nachbarin hat mir davon erzählt, aber ich behalte es für mich. Benommen setze ich einen Fuß vor den anderen. Er öffnet die Tür und schiebt mich hinaus.
Er heißt Tobias, dein Sohn heißt Tobias, sagt er in einem sanften liebevollen Ton, der nicht mir sondern unserem Sohn gilt. Gnädig hat er mir diesen Happen zugeworfen, wie einem räudigen Hund vor dem sich jeder ekelt. Dann schließt er die Tür.
Und plötzlich bin ich eifersüchtig, beneide ihn um die Worte, die Zärtlichkeiten, die Berührungen, die Streitereien, die Erlebnisse, die er mit seinem Sohn hatte, und ich bin eine Fremde, eine völlig Fremde, ein bedeutungsloser Mensch im Leben meines Kindes.
Und das Haus spuckt mich aus wie eine ekelige faulige Frucht, schleudert mich achtlos auf die Straße, und ich bin Matsch. Mühevoll suche ich meine Einzelteile zusammen, raffe mich auf und wanke davon. Die Haustür ist geschlossen, zeigt mir ihr abweisendes Gesicht, zielt mit dem Finger auf mich und schreit, verschwinde, du hast hier nichts zu suchen. Zu spät, du bist zu spät gekommen.
Und langsam nähere ich mich diesem Gedanken, vorsichtig, wie man sich einem verletzten Tier nähert, von dem man nicht weiß, ob es einen beißen wird in seiner Not.
Ich habe einen Sohn, er heißt Tobias, und irgendetwas ist schief gelaufen in seinem Leben.


Kommentar von Metta Maiwald

Nur ein Kurzkommentar wie angekündigt: Auch ich will unbedingt wissen, was mit Tobias ist, und wünschte, ich könnte ein paar Seiten nach vorn blättern. Empfindet Robert noch etwas für Viola oder spielt er nur mit ihr? Sehr spannend! Der Satzanfang "Es gibt kein, mein Kind..." scheint mir unvollständig, oder meintest Du ""Mein Kind" gibt es nicht für dich, Viola."? "Schreie hallen von den Wänden" und "sie wankte davon" ist mir zu drastisch formuliert. LG Metta

Eingetragen am: 20.07.2008

Kommentar von papaya10

Habe deine Geschichte gleich mehrmals verschlungen. Sehr ausgeklügelt, wie du die Begegnung von Viola und Robert beschreibst, vielschichtig und sprachlich wunderbar. "Und langsam nähere ich mich diesem Gedanken, vorsichtig, wie man sich einem verletzten Tier nähert, das..." das erscheint mir wie dein Motto beim Schreiben. Ich freu mich auf die früheren Kapitel, die ich noch nicht kenne und auf Neues l.G. papaya10

Eingetragen am: 02.07.2008

Kommentar von rosamsa

Hallo Ihr Lieben, vielen Dank für Eure Kommentare. Ich hab ein bisschen gezögert mit der Antwort angesichts so viel Lob. Jetzt brauche ich nur noch 297 Seiten in ähnlicher Qualität. Und da hab ich noch gewaltig zu tun. @frog, Du bist ein schlaues Weibchen. Ja, es gibt noch jede Menge Verwicklungen und Überraschungen. Das ist das Schöne am Schreiben, je länger ich schreibe, um so mehr Lust bekomme ich am Verwirren und Verknoten. Die Auflösung muss noch warten. LG und Danke nochmals rosamsa

Eingetragen am: 01.07.2008

Kommentar von Numungo

Ein wirklich großer Konflikt, großartig umgesetzt. Die Spannung steigt bis zum Ende ins Unerträgliche und ich hätte mir gewünscht, dass du noch ewig weitergeschreiben hättest. Viele Grüsse, Numungo (13695).

Eingetragen am: 28.06.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe rosamsa, ich komme viel zu selten auf deinen Seiten vorbei und erkenne, was ich dabei verpasse: literarische Erzählung, bildhaft und spannend. Nun bleibe ich dran, um zu lesen, wie es weitergeht! Danke. LG Lillilu

Eingetragen am: 28.06.2008

Kommentar von Frog

Ich hätte ewig weiterlesen können... Dieses Buch würde ich in einer Nacht verschlingen, ich wäre aber immer auf der Seite von Viola, glaube ich. Du lässt schon durchschimmern, dass Robert kein vertrauenswürdiger Mann ist. Auf die Auflösung bin ich sehr gespannt. Ich glaube, sie wird uns alle überraschen... Großartiger letzter Satz übrigens, die perfekte Hintertür für eine Autorin wie Dich...

Eingetragen am: 27.06.2008

Kommentar von Azahar

Hallo rosamsa, ich bin wie immer begeistert! Zu lang? Der Text war doch nicht zu lang, ich hätte sofort weiterlesen wollen! Was ist mit Tobias? Wie geht die Geschichte weiter? Wie swenjas war mein erster Gedanke auch: er ist behindert. Während des Lesens fühlte ich mich ständig hin und her gerissen. Meine Sympathie schwankte zwischen Viola und dem Vater des Kindes hin und her. Du stellst beide sehr menschlich dar, und wie alle Menschen haben sie ihre Gründe für die Dinge, die sie tun, und handeln nach ihren Überzeugungen. Sie haben beide Fehler begangen und die verfolgen sie noch immer, ja nicht einmal jetzt können sie alles richtig machen. Ich mag Schwarz-weiss Malerei überhaupt nicht und stereotype Figuren noch weniger. Du hast genau diese beiden Dinge vermieden. LG Azahar

Eingetragen am: 25.06.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ein interessantes Szenario, das mir sehr gut gefällt. Im Text sind Ärger, Wut und Enttäuschung auf beiden Seiten deutlich spürbar. Lediglich den Satz mit dem spuckenden Haus fand ich ‚too much’.

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von M.P.

Was für ein Konflikt, sehr gut. Dein Stil ist beeindruckend, er ließt sich flüssig und brennt sich ein. Das ganze Thema ist der Hammer, ich beneide dich um deine Idee. Einen Kritikpunkt habe ich aber, ohne Anführungszeichen lesen sich die Dialoge sehr schwer. Ich bin einer, der in Tönen liest, da fällt es schwer, zwischen gedachten und gesprochenen Teilen zu unterscheiden. LG M.P.

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von Marie Stiehl

Echt super spannend geschrieben. Deine Texte sind sehr Gefühlvoll. Ich bin schon sehr neugierig auf Tobias. Gruß Marie.

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von swenja

Ja, Dein Text ist lang, aber keine Sorge: Er enthält kein Wort zuviel. Du sezierst die Befindlichkeiten dieser beiden sehr genau. Der Wechsel der Lautstärke von Flüstern bis Schreien, die ganze Dynamik dieser Begegnung hat etwas von einem Duett. Man möchte diese Frau auf ihrer Suche begleiten. Und vor allem möchte ich wissen, was der Junge hat! Dachte spontan an Trisomie 21 oder Autismus. Aber das wirst du uns wohl nicht so schnell verraten.

Eingetragen am: 23.06.2008

Eingetragen am: 22.06.2008 von Rita
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13551

Lewis verschwand. Agnes hatte ihn während seines lärmenden, überheblichen Vortrags nicht angesehen, und auch jetzt verbot sie sich, ihren Blick der Tür und dem schweren Vorhang zuzuwenden, der dumpf in seine Position zurückfiel und dabei, wie jedesmal, eine staubige Wolke in den Saloon schickte. Minutenlang starrte Agnes auf die Zahlenkolonnen in dem dicken Buch vor ihr. Einnahmen. Ausgaben. Gewinn. Verlust.
Sie schloss die Augen und atmete scharf ein. Nein, sie konnte sich kaum einreden, alles wäre wie immer, Lewis ein Idiot und eben nicht ernstzunehmen. Diesmal hatte er gedroht und offenbar hatte er inzwischen starke Verbündete im Ort, die ihr, Minna und Luise wirklich gefährlich werden konnten.
Es machte sie so wütend: das Betreiben einer Schankwirtschaft – verboten für Frauen! Aber war sie bereit, sich einsperren oder vom Mob vertreiben lassen? Wie stark war sie, wenn es darum ging, sich zu verteidigen? Sie atmete schwer aus, dann rief sie:
„Minna!“
Minna steckte ihren Kopf zur Hintertür herein. Ihr Haar war zerzaust, ihre rechte Wange zeigte rote Flecken und Streifen, offensichtlich hatte sie geschlafen.
„Minna, ich glaube, dein Nichtsnutz von einem Bruder könnte uns diesmal einen Dienst erweisen…“


Kommentar von RoseCanyon

Hallo Rita, ein Konflikt ist klar erkennbar. Der Text ist grundsätzlich gut lesbar; allerdings ist er mit recht vielen Infos gespickt, die sich dem Leser nicht sofort erschließen. Vielleicht solltest Du uns noch mehr über Dein Buch erzählen :-))

Eingetragen am: 23.06.2008

Eingetragen am: 22.06.2008 von ml
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13544

Steve und Ken platzierten sich so, dass sie jeden Mann sehen würden, der sich ihnen näherte. Sie nahmen Juanez in ihre Mitte. Der Trupp, der aus mindestens zwanzig Personen bestand, hielt an. Es fand eine kurze Besprechung statt, dann schälten sich drei Mann aus der Gruppe und setzten den Weg fort.

Sie kamen auf Steves Seite an.
"Mr. King, ich grüße Sie." sagte George Archer und hielt ihm die Hand hin. Steve schaute in die Runde und erwiderte den Gruß.
"Mr. Archer, Sir."
George Archer ging an Juanez vorbei und begrüßte Ken.
"Mr. Thorpe, erfreut sie kennen zu lernen."
"Gar nicht meinerseits, Mr. Archer." antwortete Ken.
Der Verteidigungsminister drehte Ken den Rücken zu und wandte sich endlich an Juanez:
"Mr. Duarte, hier bin ich, wie versprochen."
"Guten Tag, Herr Verteidigungsminister. Wozu brauchen Sie die Armee, die sie dabei haben?"
"Das hat nichts zu bedeuten. Der Apparat lässt sich selbst von mir nicht stoppen. Aber sie können vollkommen unbesorgt sein."
"Sie glauben nicht im Ernst, dass ich einem Mann der prüfen lässt, wen von uns er am besten umbringen lassen soll, traue?"
"Aber, aber, wer erzählt ihnen denn solche Märchen?" fragte George, der sich nicht vorstellen konnte, dass diese Gruppe von seiner Anfrage erfahren haben könnte.
"Ein Brief von ihrem Freund Dr. Bernhard Carlsen....."
Er zuckte nicht einmal mit einer Wimper. Er war es gewohnt innerhalb von Sekunden seine Taktik zu ändern.
"Nun, Sie werden verstehen, dass man sich in meiner Position in alle Richtungen absichern muss."
"Nein."
"Das war auch nicht anders zu erwarten. Sie sind ja auch nicht in solch einer Position."
"Nein, ich möcht nur die Erde retten und Sie sind dabei eine Bergkette, die im Weg steht. Was hindert sie daran, die Todesstrafe zu verbieten?"
"Junger Mann, das geht alles nicht so einfach, wie sie sich das vorstellen."
"Sie wissen ganz genau, dass es so einfach geht. Immerhin haben es ihnen einige Staaten vorgemacht. Von heute auf morgen wurde sie dort abgeschafft, weil die Menschen unsere Botschaft ernst nahmen. Warum nehmen sie uns nicht ernst, Mr. Archer?"
"Ich nehme sie ernst, junger Mann. Sie haben schon viel zu viel erreicht, als das man sie nicht ernst nehmen könnte."
"Und warum stellen sie sich dann quer? Wollen sie die Erde nicht retten?"
"Unter uns gesagt, halte ich sie für einen Spinner. Einen von diesen Weltuntergangspredigern. Sie haben keinerlei Beweise für Ihre Theorien. Dieser Zac, wenn es ihn überhaupt gegeben haben sollte, könnte genauso gut verrückt gewesen sein."
"Es war nicht nur Zac, der das Ende vorausgesehen hat."
"Na und, und dieser von Däniken behauptet, dass die Pyramiden von Außerirdischen gebaut wurden. Soll ich das auch glauben?"
"Warum haben Sie diesem Treffen zugestimmt, wenn sie ihren Standpunkt nicht verändern wollen?"
"Ich wollte sie persönlich kennen lernen."
"Nun, das haben sie ja jetzt."
"Ja, ....

Plötzlich breitete sich etwas rotes auf dem Hemd von George Archer aus. Er riss die Augen auf und schüttelte langsam den Kopf.
"Das hätte ich ihnen nie zugetrau...."
Er sank mit dem Kopf auf den Boden. Er war von einer Kugel tödlich getroffen worden.

Es brach wahrhaftig die Hölle los. Die Sicherheitsleute nahmen jeden fest, der in der Nähe war. Der ganze Berg glich mit einem Mal einem Ameisenhügel.


Kommentar von ml

Hallo Rose, ja, Du hast Recht. Ich sehe natürlich, wie im Film, was meine Helden tun, wie sie ausseh, das Gesicht verziehen und wie sich die Panik breit macht. Der Leser soll das selbstverständlich nachvollziehen können. Ich werde das noch einmal überarbeiten. Vielen Dank für die Anregung. Hallo M.P., auch Du hast vollkommen Recht. Er ging naürlich zuerst in die Knie und fällt erst dann auf das Gesicht. Ich gebe zu, dass ich lachen musste, als ich mir vorstellte wie der da steht und wie ein gefällter Baum umfällt. Völliger Blödsinn. Ich werde das korrigieren. Bislang habe ich häufig lange Texte eingestellt und wurde für die Längen kritisiert. Nun habe ich in dem Bemühen zu kürzen, doch ein wenig übertrieben. Vielen Dank auch Dir für den Hinweis. Bis dann.... ml

Eingetragen am: 06.07.2008

Kommentar von M.P.

Hallo ml. Das ist ein richtungsweisender Dialog, sehr gelungen finde ich. Einzig ein Satz stellt sich quer: >Er sank mit dem Kopf auf den Boden.< Ziemlich zum Ende hin, nach der tödlichen Attacke. Wär es nicht besser, ihm die Knie einknicken und dann den Körper zu Boden fallen zu lassen? Schöne Szene. LG M.P.

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von RoseCanyon

Sei gegrüßt, ml, auch Du hast ganz klar einen Konflikt geschildert und somit die gestellte Aufgabe erfüllt. Da der Leser leider nur von den Bildern lebt, die er sich aufgrund des gelesenen Textes macht, hätte ich mich gefreut, noch ein paar Hinweise zu erhalten, was Dir so im Detail zu den Personen vorschwebte. Wie sie aussahen, ihre Mimik, wie sie klangen. Z.B. durch Zusätze wie "verärgert unterbrach er ihn..", "sein Gesicht verzog sich wie eine Zitrone, als er ..sagen hörte...". Ich hoffe, Du verstehst, was ich meine. Weiterhin viel Erfolg!

Eingetragen am: 23.06.2008

Eingetragen am: 22.06.2008 von swenja
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13536

(Zum Verständnis: Konrad ist Alrikes 7jähriger Bruder, Liebgard ist die Schwester des Vaters, die seit dem Tod der Mutter den Haushalt führt.)

Als größte und schlimmste Prüfung für Alrike erwiesen sich die Mahlzeiten. Schon beim ersten gemeinsamen Abendessen zog sie sich Liebgards Unwillen zu.
Als sie nämlich sah, dass Konrad nach einem bestimmten Stück Fleisch griff, schlug sie blitzschnell zu und nahm es zuerst. Natürlich wollte sie es mit ihm teilen. Aber bevor sie das tun konnte, zischte Liebgard: „Dass du dich nicht schämst!“
„War doch nur Spaß“, verteidigte sich Alrike.
„Dein Bruder soll einmal ein starker Ritter werden, und du frisst ihm das Essen weg!“
„Ich wollte doch teilen!“
„Ich habe dich beobachtet, du hast bereits viel zu viel gegessen.“
„Was heißt zuviel? Ich hatte einen Bärenhunger!“
„Dieses Wort schickt sich nicht für eine Dame! Eine Dame hat keinen Bärenhunger.“
Entgeistert sah Alrike ihre Tante an.
„Sieh dich doch an!“, fuhr diese fort. „Du bist breit und schwer wie eine Bauerndirne. Abstoßend ist das!“
Das Wort traf Alrike tief. Sie hatte sich über ihr äußeres noch nie irgendwelche Gedanken gemacht, sie hatte nicht geahnt, dass sie abstoßend wirken könnte. Unwillkürlich sah sie zu ihrem Vater, dabei hätte sie wissen können, wie er reagieren würde.
„Meine Rede“, knurrte er. „Abstoßend. Nimm dir ein Beispiel an deiner Tante.“
„Ich find dich richtig hübsch“, sagte Konrad trotzig. Aber ein finsterer Blick des Vaters ließ ihn die Augen senken.
„Eine Dame“, erklärte Liebgard, „isst wie ein Vogel. Ein Häppchen hiervon, ein Häppchen davon. Und das langsam und gemessen. Auf diese Weise bleibt sie zart und eine Augenweide für ihren Ehemann.“
„Zart ist doch nur ein anderes Wort für schwach“, platzte Alrike heraus. Und da das gesagt war, konnte sie auch weitersprechen. „Und warum sollen Frauen schwach sein? Damit sie sich nicht wehren können, wenn die Männer sie verprügeln!“
Während Liebgard sie entgeistert und kopfschüttelnd ansah, hatte sich der Mund des Vaters zu einem amüsierten Grinsen verzogen.
„Du versündigst dich!“, rief die Tante. „Frauen sind schwach, weil Gott sie so geschaffen hat! Und es ist das gute Recht eines Mannes seine Frau zu schlagen, wenn sie es verdient hat. Er ist ihr Herr!“
Alrike biss die Zähne zusammen. Sie wusste das alles längst von ihrer Mutter. Wie schrecklich, dass sie Gottes Wille nicht einfach anerkennen konnte! Jede andere Frau konnte es! Nun, das war einmal mehr der Beweis, dass sie in Wirklichkeit ein Junge war.
„Ich werde nie einen anderen Herren anerkennen als Gott“, sagte sie fest.
Der Vater lachte höhnisch. Alrike sah weiterhin Liebgard an.
„Ich weigere mich, zu heiraten. Ich gehe ins Kloster.“
„Wäre jetzt nicht ein ‚Bitte, Herr Vater, erlaubt es’ angebracht?“, fragte der Vater sarkastisch.
Alrike schluckte. Natürlich hatte er recht. Sie stand unter seiner Muntwalt und konnte keine eigenen Entscheidungen treffen.
„Bitte, Herr Vater, erlaubt es“, wiederholte sie daher mit fester Stimme.
Der Vater ließ sich Zeit mit der Antwort. Er schien zu überlegen. Dann schlich sich ein böses Lächeln in sein Gesicht und sofort verlor Alrike jede Hoffnung.
„Nur über meine Leiche“, sagte der Vater genüsslich. Und dann, an Liebgard gewandt: „Wie heißt noch gleich der Junge, den du für Alrike ausgesucht hast?“
„Richmut von Scharzholz“, erwiderte Liebgard stolz. „Eine bessere Partie könnte ein Mädchen deines Standes gar nicht machen. Sein Vater hat sich vom einfachen Ministerialen zum engen Berater des Markgrafen hochgearbeitet. Otto der Zweite schätzt ihn so sehr, dass er ihm seine natürliche Tochter zur Frau gegeben hat. Verstehst du was ich sage?! Du heiratest den Sohn der Tochter des Markgrafen!“
Liebgard strahlte Alrike an und auch der Vater wirkte hochzufrieden über die gelungene Überraschung.
„Kurz und gut“, bemerkte er, „du bist verlobt.“
Alrike saß starr da und wünschte sich verzweifelt, aus dem Alptraum aufzuwachen.
Der Vater öffnete den Lederbeutel an seinem Gürtel und entnahm einen winziges, feingewebtes Säckchen, das er Alrike über den Tisch zuwarf. Konrad fing es für sie auf und öffnete es. Ein schmaler, schlichter Ring war darin.
„Echtes Silber“, sagte Liebgard stolz.
„Und“, fragte der Vater, „passt er?“
‚Nein’, dachte Alrike. ‚Auf keinen Fall. Wenn ich den anziehe ist es, als würde ich ja sagen.’
Aber sie stand so sehr unter Schock, dass sie sich nicht wehrte, als Konrad ihr den Ring an den Finger steckte.
Er war etwas zu weit. Das war sicher Absicht, sie würde ja noch wachsen.
„Pack ihn besser wieder ein, bis er dir passt“, meinte Liebgard. „Sonst verlierst du ihn am Ende noch.“
Dieser Aufforderung kam Alrike sofort nach. Langsam begriff sie, was geschehen war. Es hatte keinen Sinn mehr, von einem anderen, besseren Leben zu träumen. Ihr Leben war vorbei, bevor es begonnen hatte.
„Du könntest wenigstens ein bisschen dankbar sein“, meinte Liebgard vorwurfsvoll.
„Ich kenne dich“, bemerkte der Vater spöttisch. „Du denkst gerade daran, wegzulaufen und dich in ein Kloster zu flüchten.“
Er täuschte sich. Sie war weit davon entfernt, denken zu können. Trotzdem flackerte Hoffnung in ihr auf. Genau das würde sie tun. Warum gab er ihr den guten Rat?
„Allerdings solltest du bedenken, dass kein Kloster dieser Welt eine mittellose Streunerin ohne Eintrittsschenkung aufnimmt“, erklärte der Vater genüsslich.
Alrike rang um Fassung. Das hatte sie wirklich nicht gewusst. Waren die Bräute Christi wirklich so unbarmherzig? Oder hatte der Vater gelogen, um sie von der Flucht abzuhalten? Und wie viel Zeit blieb ihr überhaupt noch, um das herauszufinden?“
„Und... wann...“
Sie konnte es nicht. Sie konnte die Worte nicht aussprechen, sie hatte Angst sich vor Ekel übergeben zu müssen.
Liebgard und der Vater schienen überrascht, dass sie ihren Wiederstand scheinbar so rasch aufgegeben hatte.
„Nun, das hat noch Zeit“, erklärte Liebgard würdig. „Nach der Schwertleite des Junkers würde ich sagen. Also ungefähr in fünf Jahren.“
Alrike atmete auf. Die Gefahr lag in weiter Ferne. Fünf Jahre waren eine mittlere Ewigkeit, in der viel passieren konnte. Reichlich Zeit, um zu erkunden, wie hoch eine Eintrittsschenkung sein musste und zu überlegen, wie dieses Geld zu beschaffen war.


Kommentar von Angela Barotti

Dein Beitrag gefällt mir sehr gut. Man merkt deinem Text an, dass du eine Menge Ahnung über diese Zeit mitbringst. Häppchenweise werden Begriffe wie Schwertleite, Muntwart, Eintrittsschenkung usw. eingestreut. Auch der Konflikt ist klar und deutlich herausgearbeitet./ Aber wieso ist es das erste gemeinsame Essen mit Tante Liebgard? Ist die Mutter gerade erst verstorben? Und dann kommen gleich solche Themen wie Verlobung und Heirat auf den Tisch? Heftig.

Eingetragen am: 30.06.2008

Kommentar von rosamsa

Hallo swenja, dein Text ist sehr gelungen, je länger ich las, umso unruhiger wurde ich innerlich. So fühlt es sich an, wenn sich die Schlinge um einen zuzieht und man keinen Ausweg sieht. Was mich am meisten ankotzt, es sind immer die Frauen die ihr eigenes Geschlecht in die Knechtschaft zwingen auch heute noch. In deinem Romanprojekt mir der 80jährigen Frau ist es wohl ähnlich. Und trotzdem steckt dort auch ein Kern Wahrheit. Im Buch "Traumfänger" entscheiden die Aborigines selbst wann sie ihr Leben verlassen und sterben einfach, stellen ihre Lebensfunktionen ein. Vielleicht sollten wir das auch lernen. Ein paar Kleinigkeiten: nämlich im 2. Satz würde ich streichen. Über ihr Äußeres noch nie Gedanken gemacht. "irgendwelche" streichen LG rosamsa und danke f. deine Kommentare

Eingetragen am: 27.06.2008

Kommentar von Putzi

Mal was ganz anderes, dass gefällt mir. Frauen hatten im Mittelalter keinerlei Rechte, da gibt es jede Menge Ungerechtigkeiten, über die Du Deiner Empörung Ausdruck verleihen kannst. Viel Erfolg, Putzi

Eingetragen am: 23.06.2008

Eingetragen am: 21.06.2008 von Miyu
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13524

Die Konferenzschaltung war aktiviert. Doch der Bildschirm blieb schwarz. Irgendwann hatten sich die Regierungen der Metropolen darauf geeinigt, bestimmte Themen nur noch akustisch zu besprechen. Und dies war eines der heiklen Themen.
„Sind alle anwesend?“, fragte eine dunkle und ruhige Frauenstimme. Sie gehörte zu Maria Candeloro, der Kanzlerin der westlichen Metropole. Sie übernahm für gewöhnlich die Moderation und verstand es vorzüglich darauf, aufkommende Dispute gleich im Keim zu ersticken und konstruktive Lösungen zu fordern.
Wie alle anderen beantwortete er die Frage mit einem schlichten „Ja“.
„Dann können wir beginnen“, sprach Maria Candeloro weiter. „Ich gehe davon aus, dass allen die Projekt- und Konfliktdaten vorliegen. Vielleicht könnte Mr. Johnson seine Aufforderung nach Unterstützung erklären?“
„Ja, das würde mich auch interessieren“, meldete sich die kratzige und jetzt zynische Stimme Leratos, Kanzler der südlichen Metropole und angeblicher Menschenfreund.
Allein die Stimme rief bei Abraham Johnson, Kanzler der nördlichen Metropole, das Bild des bereits ergrauten und korpulenten Mannes hervor, der stets freundlich Lächelte und doch am wenigsten Toleranz gelten machte, wenn in seiner Metropole Schwierigkeiten aufkamen. Sein erster Befehl war immer gleich Eliminierung.
Abraham Johnson räusperte sich und schlug die Beine übereinander. Die Konferenzschaltung mochte ein schwarzer Bildschirm sein, doch das ermöglichte ihm derweil andere Daten auf dem Schirm zu studieren: Die Akte über seinen Problemfall, Saki Nakamura. „Objekt 243 des HERO-Programms hat sich bisher erfolgreich der Eliminierung entzogen und ist im Agrargebiet untergetaucht. Sie hat die Loyalität zwei weiterer Einheiten untergraben und versuchte mit deren Hilfe an Informationen der Stufe 5 innerhalb des Regierungsviertels zu gelangen. Zusätzlich hat sie sechs Einheiten ausgeschaltet und ist mit besagten zwei Einheiten desertiert.“
„Ihr habt also einen derzeitigen Verlust von acht weiteren Einheiten, neben… Saki Nakamura?“, fasste Maria Candeloro noch einmal zusammen. Das Stocken, bevor der Name des Objektes 243 fiel deutete darauf hin, dass auch sie einen Blick auf die übermittelten Daten geworfen hatte.
Abraham Johnson nickte, selbst wenn die Anderen es nicht sehen konnte. „Korrekt. Darunter ein Toter, fünf Einheiten sind auf weiteres im Hospital.“
„Welche weiteren Einheiten hat Objekt 243 mitgenommen?“
Die Frage kam von Lerato. Abraham Johnson gestattete es sich, die Augen zu verdrehen. Wie gewöhnlich war Lerato der Einzige, der sich nicht die Mühe gemacht hatte, die bereits vor Stunden an alle übermittelten Daten, zu begutachten. Doch kam weder von keinem der Kanzler ein missbilligender Laut. Stattdessen berührte Abraham Johnson den Bildschirm und rief damit nebeneinander die Profile der beiden weiteren Deserteure auf. „Objekt 311, Sergio Woidschenko, ebenfalls der Spezialeinheit zugehörig und Elisabeth Smith, ihres Zeichens Informationsspezialistin.“
„Saki Nakamura war von Anfang an ein Sonderfall.“
Die hohe, fast piepsige Stimme gehörte zu Hikari Ogawa, Kanzlerin der vierten Metropole im Osten. „Sie wurde est mit 15 entdeckt“, fuhr sie fort. „Das ist ungewöhnlich, da sich die Fähigkeiten zumeist zwischen dem zehnten und zwölften Lebensjahr entwickeln.“ In ihrer Stimme schwang Besorgnis mit. Nicht verwunderlich, Objekt 243 war in der östlichen Metropole geboren worden und mit der Endeckung ihrer Fähigkeit zur Ausbildung in die westlich Metropole überführt worden. Ein übliches Verfahren. Die Probanten des HERO-Prorammes wurden niemals in der Stadt ausgebildet, in oder um welche sie gelebt hatten. Die Nähe zu Verwandten und Bekannten brachte ein zu großes Risiko mit sich, dass mehr Informationen über das Programm entschlüpften, als gewollt.
Einen Moment herrschte Stille, die nur von raschelndem Papier durchbrochen wurde. Erst dann meldete sich Hikari Ogawa erneut zu Wort: „Wir werden einen Eleminierungstrupp zur Unterstützung schicken, inklusive eines Aufklärungsobjektes.“
Abraham Johnson konnte sich ein Lächeln darüber nicht verkneifen. Die Kanzlerin der östlichen Metropole fühlte sich für die Misere verantwortlich. Kein Wunder: Das Projekt war Jahre lang ohne Probleme verlaufen und nun hatte Objekt 243 seine Nase zu tief in die wirtschaftlichen Verhältnisse der Metropole gesteckt. Damit viele Menschen ruhig und ohne Einbußen leben konnten, mussten andere dafür bezahlen. Das war der Lauf der Dinge. Darauf waren die Metropolen aufgebaut.
„Zwei Einheiten zur Eliminierungsunterstützung“, verkündete Lerato knapp.
„Wir werden ebenfalls drei Einheiten schicken“, schloss Maria Candeloro an. „Das wären dann elf weitere Einheiten um das Problem zu lösen. Ist der Standort des Objektes 243 mittlerweile bekannt?“
Abraham Johnson rief erneut das Profil Saki Nakamuras auf und verzog den Mund. „Nein. Aber ich habe die besten Spezialisten darauf angesetzt. Sie werden ihre Spuren schnell gefunden haben.“
„Gut“, bestätigte Maria Candeloro. „Sind noch weitere Schritte einzuleiten?“
„Nein“, antwortete Abraham Johnson. „Ich Danke für Ihre Unterstützung und werde Sie weiterhin auf dem Laufenden halten.“
Damit war das Gespräch beendet. Abraham Johnson beendete die Konferenzschaltung und lehnte sich erneut bequem in seinem Sessel zurück. Es lief alles bestens. Die Metropole würde noch einige Tage brauchen, um wieder zur Ruhe zu kommen, doch die bisher verbreiteten Nachrichten sorgten dafür keine Panik aufkommen zu lassen, nachdem Objekt 243 und 311 mitsamt zwei Zivilisten versucht hatten in das Regierungsviertel einzudringen. Die Einheiten aus den anderen Metropolen würden nicht vor zwei Wochen hier eintreffen. Bis dahin würde das Ereignis in der Bevölkerung wieder vergessen sein und weitere, unauffälligere Schritte eingeleitet werden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Objekt 243 eliminiert war.


Kommentar von Numungo

Hallo Miyu, gut und spannend geschrieben. Ich habe den Eindruck, dass dein Roman in den wesentlichen Teilen schon fertig ist. Viele Grüsse, Numungo (13695).

Eingetragen am: 28.06.2008

Kommentar von Angela Barotti

Dein Mix aus Mad Max, Star Wars und Lara Croft gefällt mir. Da kommt keine Langeweile auf./ Beim Lesen bin ich über das Wort 'Einheit' gestolpert. Eine Einheit besteht für mich aus mehreren Leuten/Dingen. Bei dir scheint eine Einheit nur aus einer einzigen Person zu bestehen. Das hat mich ein wenig irritiert.

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Monika

Sehr spannend und fesselnd geschrieben. Nicht ganz klar ist mir, wer hir der Hauptprotagonist ist. Das zu eliminierende Objekt 243? Ich werde die Geschichte verfolgen...

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Marie Stiehl

Sehr spannend geschrieben! Der sachliche Ton passt sehr gut zur Handlung. Ich freue mich auf mehr. Gruß Marie.

Eingetragen am: 22.06.2008

Eingetragen am: 21.06.2008 von Haribo
[ Lesezeichen ]

13515

Ich versuche es auch mal. Meine Prota hat mehr als einen Gegner, aber ein ganz bestimmter macht ihr ihr Vorhaben nicht gerade leicht.

Jetzt sitzt sie schon wieder in der Küche und schreibt. Muss das denn sein? Warum schreibt sie überhaupt, es gibt doch genug anderes, womit sie sich beschäftigen könnte. Sie könnte mal wieder die Wohnung aufräumen und saubere Socken habe ich auch keine mehr. "Ich will einen Roman schreiben", hat sie gesagt. So ein Quatsch. Es gibt doch genug Bücher. Ich bin ja mal gespannt, wie lange sie durchhält. Hm, obwohl, eine Geschichte ist ja sogar schon veröffentlicht. Na, ja, interessiert mich nicht. Das Einzige, was ich lese, ist die Zeitung.
Die Zeit, die sie mit dem dauernden Schreiben vertrödelt könnte sie mir helfen, da hätten wir beide was davon. Die Arbeit bekommen wir wenigstens bezahlt. Sie gibt immer nur Geld aus. Laufend kauft sie Bücher über ihr neues Hobby.
Jetzt hat sie sich auch noch im Internet einem Forum angeschlossen. "Das sind alles Autoren", hat sie gesagt. Das gefällt mir gar nicht. Da ist so ein Kerl, der laufend was wegen Webseiten wissen will.
Ich muss mir unbedingt was einfallen lassen.
Morgen im Büro werde ich sie mit richtiger Arbeit beschäftigen. Zuerst werde ich sie bitten, die Änderungen, die heute gekommen sind, auf der Webseite der Stadt zu erledigen. Ja, und dann, dann könnte sie meine eigene Webseite auffrischen. In diesem Zuge werde ich ihr noch sagen, dass die Bilder von unserem letzten Stadtfest ins Netz gestellt werden müssen.
Damit sollte sie fürs Erste ein paar Tage beschäftigt sein.
Ich werde ihr die Flausen, einen Roman schreiben zu wollen, schon austreiben.


Kommentar von M.P.

Lausiger, mieser piiiiieep! Fahr zur Hölle du piiiiieep, und piiieep dich selbst, piiiieep! (ich weiß ja nicht, wer sonst noch alles hier mitliest) Ein schöner Beitrag zur Rettung der Phantasie, der Hingabe und Aufopferung. Mach den Typen fertig, er hat es verdient! ;O) LG M.P.

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von RoseCanyon

Hallo Haribo, ich denke, mit Deinem Text hast Du eine Menge Erwachsene ebenso froh gemacht! LOL War wirklich eine Überraschung, die mir selbst doch irgendwie nicht unbekannt vorkam. :-))

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Sarah Jakob

Beim ersten Wiedererkennen kocht einem doch die Wut hoch. Mein erster Versuch verlief ähnlich... Gefahr gebannt - Diesmal weiß er nichts davon, deswegen kann ich mich auch darüber amüsieren... Gut gemacht! Gruß Sarah

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Haribo

Ich danke euch für die Kommentare, so viel positive Resonanz hätte ich nicht erwartet. @Marie, mein erster Versuch war genau das. Ich hatte einen Streit zwischen der Prota und ihrem Gegner geschrieben. Habe mich dann aber doch anders entschieden, weil, das ging mir schneller von der Hand. @Alle andern, ich werde mir die Ratschläge und Meinungen zu Herzen nehmen. ;-) LG Haribo

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Sylvia

Hallo Haribo, ja, so sind die Männer - manche zumindest. Da werden sich hier einige gut reinfinden können! Keine Ahnung, ob dein Thema für einen Roman reicht, aber als kleinen inneren Monolog eines Mannes finde ich ihn gelungen! Ein paar Kommata und kleine sprachliche Verbesserungen noch, aber dann passt es! Danke auch für deinen Kommentar auf 13445. Freut mich, dass du dich in beide Personen reinversetzen kannst! Lieben Gruß Sylvia

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Lars W.

Musste über Deinen Beitrag schmunzeln, war aber auch gleichzeitig froh, sagen zu können: Zum Glück unterstützt mich mein Partner bei meinem Vorhaben! Viel Erfolg beim Schreiben!

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Reiner Reinfeld

Grins, lächel lächel! Hallo Haribo! Wer kennt sie nicht, diese Feinde des Träumens und der Hoffnung, des Spiels mit der Fantasie und den Formulierungen. In Deinem Text dürften sich viele von uns in ihren Nöten wiedererkannt haben. Bleib trotzdem dran. Was schließlich bei der ganzen Mühe herauskommt, weiß keiner, aber ohne Beharrlichkeit ist das negative Ende vorhersagbar. Gute Idee, das könnte man wirklich zum Romanthema machen. Ein paar Wörter raus:(denn, anderes, dauernden, "fürs erste" o d e r "ein paar Tage". Vorschlag für den letzten Abschnitt: Ich werde ihr die Flausen schon austreiben. Einen Roman schreiben. Pah! LG Reiner

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von ml

Hallo Haribo, versucht dich einer zu hindern? Wird er wohl nicht schaffen, wenns einen erst mal gepackt hat, hilft nichts mehr. Ich habe keine Ahnung was die Leute treibt, die meinen, einen stoppen zu müssen. Die haben keinen blassen Schimmer, was es für einen Spaß macht. Hin und wieder finde ich es ganz nett, wenn einer von uns, diese Aktion ein wenig auf die Schippe nimmt, aber nicht zu oft.... Alles Gute ml

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von MaDe

Hoher Wiedererkennungswert ;o) Wenn's so locker weiter geht, könnte das ein richtig schöner (Frauen?-)Roman werden - gute Laune inclusive. lg

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Marie Stiehl

Hallo Haribo,der ist ja voll gemein. Ich hoffe es gelingt ihm nicht sie am schreiben zu hindern. Mir hätte auch gefallen,wenn Du es aus Ihrer Sicht geschrieben hättest. Zum Beispiel,wie sie merkt,dass er sie absichtlich vom Schreiben abhält und sie darüber voll ausflippt. Viele Grüße Marie.

Eingetragen am: 22.06.2008

Eingetragen am: 21.06.2008 von Birgit Malow
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13514

Renate und Peter fuhren mit dem Auto von Renates Mutter nach Bochum, um Katrin, Renates Schwägerin zu besuchen. Renate wollte mit ihr in den Botanischen Garten gehen. Während Peter das Radio lauter drehte, hang Renate ihren Gedanken nach. Wie könnte sie Beate helfen? Sie war jetzt schon fast drei Jahre krank, war oft sehr depressiv und weinte viel. Renate rief sie sehr oft nach der Arbeit an, hörte dann schon an Beates Stimme, wie es ihr gerade ging, und gestern hatte sie sie besucht. Da hatte Beate verzweifelt geweint und gesagt, sie hiete es nicht mehr aus. Sie hätte Angst, sie würde versuchen, sich umzubringen. Renate wurde diesen Gedanken nicht los. Was, wenn Beate wirklich versuchen würde, ihrem Leben ein Ende zu setzen? Eine Träne lief ihr langsam über die Wange. Peter hatte sie nicht bemerkt, er konzentrierte sich auf den Verkehr auf der Autobahn.
Die Abfahrt Universität war erreicht und schon bogen sie in Katrins Strasse ein. Katrin begrüsste sie freundlich und nahm Renate in die Arme. Sie sagte: "Ich bin mit dem Essen gleich soweit. Es ist fast fertig." Sie hatte Nudeln und Lachs in Sahnesosse und dazu grünen Salat gekocht. Es schmeckte gut, aber Renate nahm den Geschmack kaum war. Sie kam aus ihren Gedanken nicht heraus. Sie konnte nicht anders, sie erzählte Katrin von ihrem Gespräch mit Beate, über deren Selbstmordgedanken und Renates Angst um sie. Katrin sagte nur: "Stell dir vor, sie stürbe wirklich und was dann geschieht, dann hast du keine Angst mehr davor." Aber Renate sträubte sich, sie wollte sich das einfach nicht vorstellen, sie wollte Beate nicht verlieren. Sie klammerte sich daran, dass sie selbst ja auch geschafft hatte, aus der psychischen Krise heraus zu kommen. Warum sollte das Beate nicht auch schaffen? Sie hatte das Gefühl, Katrin verstand sie nicht. Sie wollte Beate nicht verlieren, um keinen Preis. Jetzt war sie wieder am Anfang ihrer Gedanken. Wie könnte sie Beate helfen? Konnte überhaupt irgendwer ihr Helfen?
Sie betete: "Herr, du kannst es wirken. Hilf´ Beate, mach´ sie wieder fröhlich. Ich liebe sie so sehr. Ich möchte sie nicht verlieren. Hilf´ auch mir, ihr beizustehen und stark zu sein. Dein Wille gescheh.Danke."


Kommentar von Beate Kranz

Hallo Birgit, Dein Text ist mir sehr nahe gegangen. Renates Angst um ihre Schwester, das Gebet zum Schluß. Ich finde den Text stimmig und wünsche Dir viel emotionale Kraft beim Weiterschreiben. lg Beate

Eingetragen am: 03.07.2008

Kommentar von Marie Stiehl

Hallo Birgit. Mir gefällt Dein Text. Ich finde es gut,dass Renate helfen will. Ich bin gespannt wie es weitergeht und ob Beate gesund wird. Viel Spaß beim weiterschreiben. Gruß Marie.

Eingetragen am: 22.06.2008

Eingetragen am: 20.06.2008 von Michelle Mancini
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13511

"Was tust Du da "?
Jegor Voskresenskijs verachtende Stimme, durchbrach die nächtliche Stille der Antarktis, die langsam in den Morgengrauen überging und an seinem Drei-Tage-Bart ,klebten noch die restlichen Eiszapfen, von seiner einsamen Expedition , er roch sehr streng nach frischem Schweiß und nach seinen freilebenden Huskys.
Er bewegte sich ganz langsam zur Tür herein und betrachtete die zitternde Ginevra eingehend, die Hals über Kopf, mitten in der Nacht, alle Wäschestücke und ihre Bekleidung in den geöffneten grauen Lederkoffer warf, um abzureisen.
Jegor , war also dieses undefinierbare Geräusch gewesen und kein Hirngespinst , das lag nun Glasklar auf der Hand.
Und dennoch.

Seine Kaltherzigkeit wusste nicht, das er sie mit seinen harten Worten mehr verletzen konnte , als mit einem scharfen Schwert.

Sie wirkte völlig aufgelöst und kein wenig Entscheidungsfähig und doch schien sie , als Krebsfrau, tief entschlossen zu sein.
Denn sie wollte weg! Ihn verlassen und das für immer und Ewig.

Ginevra spürte , das sie vor Ohnmacht weinen wollte, heraus kam lediglich ein gequältes wimmern, das er nicht hören konnte , sondern nur durch die schluchzenden Bewegugen ihres Oberkörpers wahrnahm.
"Warum"? fragte er nun leiser geworden und blickte sie nachdenklich an.
Irgendwie fühlte er , das es seine Schuld war, aber Liebe und echte Gefühle, gab es in seinem Leben nicht und hatte es auch noch nie bisher gegeben.
Lediglich zu einer kurzen , jedoch intensiven Liebe, zu seinem Kind war er bereit gewesen , doch die drogenabhängige Mutter, war kurz nach der schweren Geburt damit verschwunden und er hatte sie niemals wiedergesehen.

Lebte sie noch? Wie ging es seinem Kind? Jegor war ganz außer sich , als er Ginevra beim überstürzten packen ihrer kostbaren Kleidung beobachtete.
Er wollte sie nicht auch noch verlieren , aber er war nicht in der Lage , es ihr zu sagen , oder zu zeigen, denn die Angst auch sie zu verlieren , hinderte ihn daran und ließ keine weitere Nähe zu.
Ginevra schluchzte.
"Ich will Heim" sagte sie benommen, schluchzte noch immer laut und packte.
"bleib sagte er mit rauher Stimme.
Bleibe bei mir"!
"Warum"? fragte sie zögernd , wartete auf seine richtige Antwort , die sie jedoch nicht erhielt , noch immer am ganzen Körper zittertend .
Sie wollte einfach nur hören "weil ich dich liebe", statt dessen kramte er in ihrem Koffer , um ihn auf den morschen Holzstuhl zurückzubefördern.
Warum , wusste er eigentlich auch nicht so genau, denn er kannte keine echte Liebe.


Ja, er liebte sie Mittlerweile , wie einen guten Freund , konnte es ihr aber nicht direkt sagen.

So trat er einen riesen Schritt zurück , griff nach dem geöffneten Koffer , zog ihn zu sich hinüber und packte mit beiden Händen darunter, denn er wollte plötzlich von ganzem Herzen , das sie bei ihm blieb.
Jegor mochte nicht wieder alleine sein, denn gerade in diesem Moment ,fühlte er sich plötzlich einsam und verlassen.

"Ich will zurück ins Leben , sagte sie entschlossen und zerrte ebenfalls an ihrem noch geöffneten Koffer , nicht wissend , wie sie um diese Uhrzeit, diesen abgelegenen Kontinent verlassen sollte.
Als beide Haltlos daran zerrten , entleerte sich der gesamte Inhalt, auf dem Fußboden und er flehte leise: Ginevra , bitte bleibe bei mir und verlass mich nicht.
Der gefühlskalte Jegor, fiel auf seine Knie und sah sie herzzerreißend dabei an.

Beide verstummten , der Koffer prallte geräuschvoll zu Boden und stülpte sich über einen zerknitterten Brief, den Jegor dennoch verstohlen sehen konnte.
Ihre Augen , die sowieso schon sehr weit hervorstanden , schienen ungewollt herauszufallen und sie stürzte betroffen zu Boden und verbarg ihn unter ihrem ausgemergelten Körper.

"Was ist das für ein Brief , Ginevra"? er wirkte angespannt und doch müde, als seine ruhige Hand , gierig nach dem verborgenen Brief griff, denn irgendwie spürte er, das dort etwas auf ihn wartete, das sein Herz herausreißen und sein ganzes Leben verändern würde.
Und dem war auch so.

Jegor las, schwieg , stierte sie haßerfüllt an und stieß sie unsanft zur Seite .
Er war schockiert.

Mit seinen eigenen Händen , griff er nach all ihren kostbaren Habseligkeiten , warf diese zurück in den geöffneten Koffer und stieß Ginevra , mit ihrem dünnen Nachthemd bekleidet ,zur Tür hinaus, in die eisige Kälte und folgte ihr wutentbrannt.

"Du Miststück" schrie Jegor aufgebracht und weinte zum ersten Male in seinem armseligen Leben und sackte auf dem vereisten Boden , in sich zusammen.
"Du Miststück!
Du weisst doch, wie sehr ich mein Kind liebe"!schrie er ohnmächtig.

Ginevra zitterte am ganzen Leibe und es wurde klar, das sie so schnell wie Möglich von ihm fort musste, denn diese miese Lüge, hatte lange Zeit, ihren nächtlichen Schlaf geraubt und an ihrem zarten Körper gezerrt.

Sie beabsichtigte wieder Gesund zu sein, Schauspielern und damit Geld zu verdienen , sich einfach mit einem Bikini in die heiße Sonne zu legen , ihre Fingernägel zu verlängern und so Oberflächlich zu sein , wie sie es gewohnt war, sie mochte nicht mehr nachdenken, wie kurz und vergänglich , dieses öde Leben, oftmals war.

Genivra wollte einfach nur noch leben und das in ihrem geliebten Hollywood.
Fernab dieser verhassten Iglus, penetranten Huskys und ungeliebten Pinguine.


Noch als sie Jegor tief verzweifelt und wimmernd am vereisten Boden liegen sah , erkannte sie die üble Gefahr, die auf vier Pfoten ungehalten auf sie zusteuerte und nach ihrem makellosen Gesicht trachtete.
Ginevra fühlte sich machtlos und überrumpelt.

Storm , der Husky zerstörte in diesem Überraschungsmoment , ihr fein -sauber gemeißeltes Gesicht, das so verlogen war und sich doch so sehr nach echter Liebe sehnte, das sie nun dafür bezahlte.

Mit ihrer Schönheit.


Eingetragen am: 20.06.2008 von Gina K.
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13509

Der Korridor bei Marinac würde bald blockiert sein. Ich musste also schleunig nach Mitnica, denn dort warteten unsere Freunde mit weiteren Transportmitteln. Vater hatte im Schleusenbunker zusammen mit Glavaevic die Nachricht für Radio Vukovar verschlüsselt, deswegen wusste ich vorab schon den Klartext und kannte das Ziel. Handeln konnte ich aber nur noch unbewusst; von Denken keine Spur.
Die Jauche wärmte mehr als die Nachtluft, die über der Brühe schwebte. Drüben hockte die Serbenbande um ein Lagerfeuer inmitten des Ackers, fünfhundert Schritt Richtung Sonnenuntergang. Ihre Konturen zeichneten sich vor dem letzten Abendschimmer ab, während ich in der Finsternis in Scheiße schwamm. Rauchender Brandschutt war um die Abtrittgrube verstreut, die mir als Versteck diente. In einer Furche hatte ich noch einen Fetzen meiner Schürze tränken können mit fast sauberem Wasser. Jetzt diente er mir als Tarnung über dem Kopf und als Atemmaske in dieser Suppe aus Fäkalien und Blut.
Unsere Gruppe, die den Ausbruch aus Vukovar gewagt hatte, war den Tschetniks in die Hände gefallen. Jene hatten nicht viel zu schießen brauchen, weil wir kaum über Waffen verfügten. Mein geliebter Bruno hatte sich als Schutzschild für mich geopfert. Die meisten Männer wurden mit Gewehrkolben erschlagen. Mir blieb der Verstand stehen und kurz vor dem wahnsinnig werden überstieg das Entsetzen alles, was mir an Empfindungen möglich war. Wir Frauen waren noch aufgespart worden, in Verschläge gepfercht. Neben meinen Schwestern hatte dann auch ich die Torturen über mich ergehen lassen müssen, die in den umliegenden Ziegenställen vollführt wurden, zum Vergnügen der alkoholisierten Freischärler. Jeweils zu dritt waren die Männer herein gepoltert und hatten uns brutal bestiegen, blökend vor Erregung.
Am Leben geblieben war ich nur deshalb, weil schließlich ein älterer Wojnik mit kräftiger Bestimmtheit die Hechelnden aus dem Verschlag gedrängt und sich allein zu uns gesetzt hatte. Während die Horde sich im Gehöft zerstreute, hatte dieser letzte Kerl versucht, freundlich zu wirken. Er nannte sogar seinen Namen, Dingo oder so ähnlich, doch sein trauriges Streicheln war mir vollkommen gleichgültig. Rosana und Tonija rührten sich nicht mehr und ich muss wohl ohnmächtig geworden sein.
Als ich im Dunkeln aufgewacht war, ertastete ich Ziegenkadaver und die Leichen meiner Schwestern; ihr genauer Anblick blieb mir erspart. Meine Seele war nur noch ein Knoten, unfähig jeder Regung, mein Körper ein einziger Schmerz. Musste ich überhaupt noch weiter leben ? Der Stall schwelte infolge halbherziger Zündeleien. Betäubt war ich ins Freie gekrochen. Meine Gedanken, fremd und außer mir, beobachteten lediglich, wie mein Körper um die Hütte robbte inmitten von Dreck und Trümmern, bis in diesen Schacht hinein.
Um die Todesgesellen herum, am Feldlager vorbei führte der Weg, wenn ich in Richtung Mitnica weiter fliehen wollte. Wollte ich denn?
Einer der Soldaten torkelte auf mich zu, mit Gewehr und Tasche. Abtauchen war unmöglich. Ich starrte nur dem heran Schwankenden entgegen. Konnte er mich unter dem Stoff entdecken ? Würde er sofort schießen oder erst die anderen herbei rufen ? Doch er hatte gar nicht nach mir gesucht, sondern nach einem Donnerbalken. Ungeschickt entledigte er sich seines Gepäcks, nestelte an Trägern und Gürtel, bemüht um Gleichgewicht . Unter seinem Geklirre und Scharren entstieg ich ungehört und ohne zu überlegen dem Versteck. Der Betrunkene war mit sich beschäftigt, knurrte im Selbstgespräch vor sich hin und nahm nicht wahr, wie ich sein Gewehr hinter ihm weg zog. Er sollte nie wieder etwas merken. Blindlings hatte ich die Waffe am Lauf herum geschwungen. Die Kolbenkante brach ihm das Genick. Ich hatte getötet, zum ersten Mal. Einen Menschen. Warum gewitterte meine Seele nicht in Blitz und Donner ? Warum schrie kein Gewissen? Ich vernahm nur die Toten–Stille. Von jetzt an waren meine Empfindungen nichts als Eis. Da lag frische Kleidung vor mir, gefüllt mit einer Leiche.


Kommentar von Lillilu

Hallo alle! Ich würde gerne etwas ausführlicher über das Verfassen von emotional bedrückenden Szenen schreiben und möchte hier nicht Ginas Beitrag überladen. Hättet ihr Interesse? LG Lillilu

Eingetragen am: 25.06.2008

Kommentar von Ginko Korn

Wie weiter? Zlata(?) sitzt jetzt erst recht in der Stinke, mehr tot als lebendig. Kann sie mit dem Gewehr umgehen? Sie hat nicht losgeknallt, weil sie sonst die ganze Bande aufgescheucht hätte. Und wenn sie nicht tiefer in den Schmalzeimer greift, halten sie die Leserinnen für androgyn - und ich auch.

Eingetragen am: 25.06.2008

Kommentar von Susa

Hallo! Ich habe nicht viel Neues beizutragen, abgesehen von meiner Zustimmung zu den diversen positiven Kommentaren. Das Beschriebene ist grauenhaft, aber den nüchternen Schreibstil finde ich sehr passend, es zeigt, dass Deine Protagonistin abstumpfen muss, um zu überleben. All das gipfelt in dem höchst genialen letzten Satz... Kompliment! LG, Susa

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von Miyu

Hallo Gina, ich muss gestehen, ich bin deinem Text gegenüber zwiegespalten. Die Thematik ansich empfinde ich als höchst unangenehm, doch die Ausführung dessen war faszinierend genug, mich bis zum Ende lesen zu lassen. Du zeigst anschaulich das Innerste deiner Protagonistin, deutlich geneug um zu verstehen, was vorgefallen ist und wie sie sich fühlen muss. Aber an Details sparst du. Für einen wirkliches Schaudern hat demnach nur die Thematik an sich gesorgt. Dennoch, in einem muss ich mich meinen Vorrednern anschließen: deine Wortwahl ist hervorragend :) Liebe Grüße, Miyu

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Lillilu

Habe versucht mich vom Text zu erholen. Hier meine Gedanken dazu: ich weiß nicht, wie man es schafft einen solchen Horror in poetischen Bildern zu beschreiben und bin zu dem Schluss gekommen, dass es wohl nicht erlernbar, sondern eine begnadete Gabe ist. Oder doch die Kombination von Talent und einer ausgereiften Mischung von Distanz und Nähe? Bei Letzterem könnte auch ich die Chance haben einmal so schreiben zu können. Sätze wie „..Drüben hockte die Serbenbande....fünfhundert Schritt Richtung Sonnenuntergang...ihre Konturen zeichneten sich vor dem letzten Abendschimmer ab, während ich in der Finsternis in Scheiße schwamm.“ sind unbezahlbar! Und am Ende der Satz „Da lag frische Kleidung, gefüllt mit einer Leiche.“ ist atemberaubend! Am meisten hat mich aber die Passage mitgenommen, in der über die Vergewaltigung berichtet wird. Hier finde ich Wörter wie „in Verschläge gepfercht, blökend vor Erregung, brutal bestiegen“ eine Spiegelung des tierischen Umfeldes und des Verhaltens der entfesselten Kerle. Ich habe nur eine winzige Verbesserung mitzuteilen: Im 2. Satz müsste es „schleunigST“ heißen. Neben all diesen semantischen Köstlichkeiten kommt bei allen deinen Beiträgen noch etwas ganz klar zum Ausdruck: man muss erst einmal eine Geschichte haben, die dringend erzählt werden muss! Erst danach macht es Sinn sich mit Schreibtechniken zu beschäftigen und wer dann noch begabt ist, der sollte wirklich ganz groß rauskommen und das wünsche ich dir, liebe Gina! LG Lillilu

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Sylvia

Hallo Gina, für einen inneren Monolog hast du die Szene ganz toll geschrieben. Aber mich hat sie nicht gepackt, weil ich nicht dabei war. Alles war schon geschehen und wurde mehr oder weniger reflektiert. Schade. Das Ende ist toll! LG Sylvia

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Lars W.

Der Text machte mich absolut betroffen und beschwor beim Lesen Bilder aus dem Film "Die Flucht". Dort wurde auch in sehr intensiven und heftigen Bildern die Vergewaltigung älterer Frauen durch die Russen gezeigt. Das hat mich lange beschäftigt. Du bringst die Gefühle der Akteurin für mich realistisch rüber, beschreibst die Situation und die Szene, in der sie sich befindet so bildhaft, dass in meinem Kopf das Gedankenkino losgeht. Wenn Du die Spannung und den Stil beibehalten kannst, Hut ab! Was mir nicht ganz glaubwürdig erscheint, ist der Tod des Mannes durch Genickbruch. Wäre es nicht realistischer, Deine Akteurin würde ihn mit dem Gewehr von Hinten erschießen? Hat sie überhaupt noch die Kraft für einen so kräftigen Schlag, dass sie ihm damit das Genick bricht? Guter Schlußsatz:"Da lag frische Kleidung, gefüllt mit einer Leiche." Wünsche Dir viel Erfolg beim Schreiben!

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Tinkerbell

Wow Gina...einfach wow. Bin gespannt auf mehr. Sehr packend geschrieben! Brutal aber Du zeigst, dass Deine Hauptfigur viel erlebt hat und dieser brutalen Tat gewachsen ist. Wirklich toll geschrieben. Gruss, Tinkerbell

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Angela Barotti

Das Grauen ließ mich kalt, es hat mich nicht gepackt. Der Stil von M. Alte ist deinem sehr ähnlich, allerdings verarbeitet er literarisch ein wissenschaftliches Thema, dort passt es. Hier jedoch stirbt der Geliebte (?), die Schwester und sonstige Weggefährten. Tränen werden nicht vergossen, ein zweiter Gedanke an die Toten auch nicht verschwendet. Na, da bin ich doch froh, dass deine Prota erst nach dem Mord an dem Gegner gefühlsmäßig zu Eis wurde. Allerdings weiß ich nicht, wie diese Steigerung aussehen soll. / An deiner Story hat sich der alte Spruch bewahrheitet: Das Beste kommt zum Schluss. Dein Satz: „Da lag frische Kleidung vor mir, gefüllt mit einer Leiche.“ gehört zu den Besten, die ich in den letzten Monaten gelesen habe.

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von ml

Hallo Gina, was tut man nicht alles um zu überleben? Die Wandlung, die deine Person hinter sich hat, wird durch den letzten Satz wunderbar unterstrichen. Jetzt zählt nur noch sie. Basta. Toll. Ich möchte wissen, wie es weiter geht. Bis dann... ml

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Marie Stiehl

Hallo Gina. Du hast so fesselnd geschrieben. Ich war total berührt. Ich hatte den Eindruck selbst dabei zu sein. Du hast die Gefühle sehr gut rüber gebracht. Alles in allem ein super Text. Gruß Marie.

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Lillilu

Wahnsinn! Mir stockte der Atem beim Lesen. kannst du das ein ganzes Buch über aufrecht erhalten, Gina? Ich kann heute nichts kommentieren - brauche erst ein paar Tage Erholung! LG Lillilu

Eingetragen am: 21.06.2008

Kommentar von Monika

Heftige Geschichte... gut geschrieben, packend....

Eingetragen am: 21.06.2008

Eingetragen am: 20.06.2008 von Monika
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13506

Die Vormittage sind die Zeit des puren Glücks – wäre da nicht der Haushalt!

Leise aber mit erstaunlicher konsequenz tickte die große runde Küchenuhr von der Wand herunter. Am Auslauf des Wasserhahns sammelte sich ein Wassertropfen und wuchs so lange an, bis er mit einem lauten „Plop“ ins nunmehr kalte Spülwasser tropfte. Ineinander wachsende Kreise zogen durch das Spülbecken und brachen an den Weingläsern des Vorabends.
Eine nur halb geschnittene Zwiebel wartete auf die Köchin.

Mia saß in Gedanken versunken zwischen rot blühenden Geranien und weißen Margariten auf dem Balkon ihrer Eigentumswohnung. Die dicke Hummel, die mit Blütenstaub verziertem Hintern startprobleme hatte, blieb von ihr genau so unbemerkt wie die Nachbarskinder bei ihrem Klingelstreich am Haus gegenüber.

Auf dem in leuchtendem blau lackierten Balkontisch lag aufgeschlagen das Volkshochschulprogramm des kommenden Semesters. Seit Tagen hatte sie darin geblättert und mit einem roten Textmarker alles angestrichen, was sie auch nur im Entferntesten interessieren könnte. Aufgeschlagen und mit drei Ausrufezeichen versehen lag er vor Ihr: Kurs 372b Kreatives Schreiben nicht nur für Anfänger… 10mal Montags von 19 bis 21.30 Uhr……

Aber jetzt gerade war es nicht das Schreibseminar, was Mia anstarrte, nein, es war ein Vertrag unter dem ihr Namen prangte… Mia hatte ihn gestern unterschrieben. Ab 1.9., 15 Wochenstunden, täglich von 9 bis 12 Uhr! „Na, das ist doch super!“ hatte Bernd gesagt… Super!

In der Küche klingelte der Wecker. Mia legte den Vertrag zur Seite und eilte dort hin, wo gerade die Nudeln überkochten. Mist! Deckel weg, Gas aus… Der Blick auf die Uhr verriet ihr die voraussichtliche Ankunft der Jungs in 10 Minuten.

Mia hatte sich vertrödelt… der Salat? Noch nicht fertig! Schnell die Zwiebel…in die Schüssel, Essig, Öl…die Nudelsoße! Glas auf, in den Topf… Teller, Gabel, Löffel…

Mia hielt inne…. Was hatte der Arzt am Morgen gesagt? „Ihre Mutter hat jede weitere Therapie abgelehnt. Sie will nach Hause!“ …Es ginge nur noch darum, ihr die verbleibende Zeit so angenehm und schmerzfrei wie möglich zu gestalten…

Gläser…. Mist! Jetzt war die Nudelsoße aus dem Topf direkt auf Mias weißes Shirt gespritzt… zum Glück gab es Waschmaschinen!

….“Ach ja, ihr Vater!“….zu groß die Belastung…. Die Demenz… nicht zumutbar für die Mutter… „Da müssen Sie eine Lösung finden…“

Sturmgeleut! Unter lautem „Hallo!“ und „Hunger!“ stürmten die Buben die Küche. Spagetti!
Die Schulranzen flogen schwungvoll in die Ecke.
…Die Lehrer sind doof…. Carsten war cool…..und am Wochenende sollte es super Badewetter geben. In null Komma nix waren Spagetti plus Soße verschwunden… nur der Salat – auch wie schade, nun sind sie satt….

Gleich darauf waren beide schon wieder aus der Küche verschwunden und liesen Mia wie nach einem Wirbelsturm in der verwüsteten Küche zurück. Mia zog die Salatschüssel zu sich heran und begann zu essen.

… Der Kurs… zweieinhalb Stunden, einmal pro Woche, das müsste doch zu machen sein…

Das Telefon klingelte. Mia ging dem Kling-Klang nach, und fand es schließlich in der Gästetoilette bei den Zeitschriften.
Es war Mias Mutter, die sich aus dem Krankenhaus meldete. Ein Sozialberater war bei ihr gewesen, er wolle einen Platz im Pflegeheim für den Vater suchen… die Mutter klang verzweifelt…. „Kind, das geht doch nicht!... Nein, das kann ich nicht zulassen… Dein Vater!....Ich schaffe das……“
„Mamutschka!“ Mia versuchte ihre Mutter zu beruhigen. Sie solle sich keine Sorgen machen. Niemand müsse ins Heim… versprochen… sie würden das schon schaffen…
„Mama, du kommst nach Hause, und Papa bleibt zu Hause! Versprochen!“…

Nach einer halben Stunde legte Mia auf. Die Mutter hatte sich wieder beruhigt, am nächsten Tag würde Mia sie in der Klinik abholen können.

Sie ging zurück in die Küche und sah sich um. Spagetti-Topf, Tomatensoße, Teller, Besteck, Gläser… alles stand herum. Aus dem Kinderzimmer drang ausgelassenes Gelächter.
Mia blieb kurz vor der Türe stehen, dann schaute sie ins Zimmer hinein… „Hausaufgaben!“ Macht euch an die Arbeit!“

Ohne auf den Erfolg ihrer Worte zu achten, ging Mia weiter zum Balkon. Auf dem Tisch lagen noch immer der Vertrag und das Volkshochschulprogramm.
Mia nahm beides auf.
Den Vertrag legte sie Bernd auf den Schreibtisch – das Volkshochschulprogramm warf sie - ohne einen weiteren Blick darauf - in die Altpapiertonne.


Kommentar von Feline

Ich war sehr berührt von deiner Geschichte! So könnte es (und tut es vielleicht in gewissem Maße auch) doch jeden mit Familie erwischen! Ich kann mich so wunderbar in dein Geschehen reinversetzen, als wäre ich mittendrin, dass ich immerzu weiterlesen möchte. Du hast einen schönen und sehr einfühlsamen Schreibstil! Bitte schreib ganz schnell weiter..... Ich will wissen, wie es weitergeht!!!

Eingetragen am: 03.07.2008

Kommentar von taube

Ja, so klingt er, der alltägliche Wahnsinn. Dabei den Kopf oben zu behalten ist schon eine Kunst für sich. Ich glaube, mit dieser Vielfalt an Fäden, die du in der Hand hälst, gehen dir die Themen nie aus, vielleicht aber die Zeit zum Schreiben. Es klang so realistisch, als ob du genau mitten da drin steckst. Viel Erfolg für dich und deine Schreibe. Gruß, taube.

Eingetragen am: 23.06.2008

Kommentar von Monika

Hier ein wirklich wertvoller Kommentar meiner Freundin Andrea. Sie trifft mein Problem auf den Kopf. Wie kann ich mich freischwimmen und meinen eigentlich gesuchten leicht ironischen Unterton finden? Liebe Moni, gut geschrieben, schwungvoll und mit Herz. Die "kritische Lektorin" könnte den einen oder anderen Flüchtigkeitsfehler anmerken, will sie aber nicht. Warum werde ich aber das Gefühl nicht los, in Mia eine Monika zu entdecken? Und warum macht mir das ein gewisses Unbehagen? Wenn ich mir überlege, was mir an Deinen Erzählungen oder an den Gesprächen mit Dir gefällt, so ist das Dein oft sehr spitzer satirischer Humor. Diese Beobachtungsgabe und auch Distanz zu den Personen ist für mich die Würze Deiner Geschichten - geschrieben oder erzählt. Bei Mia fehlt Dir die Distanz, Du leidest mit ihr (mit Dir???) und egal wie gerechtfertigt das Leid ist - wenn es von Dir kommt, ist es Selbstmitleid. Und welcher Leser, der mit Dir persönlich nichts zu tun hat und kein Interesse an Deiner Biographie hat (ich meine Dein gewöhnliches Millionenpublikum und nicht Deine FreundInnen) möchte Selbstmitleid? Das Millionenpublikum möchte, dass Mia auch mal geschüttelt wird, dass sie nicht so verzichtend und übergut daherkommt, sondern, vielleicht im Stillen, fiese fiese Gedanken hat. Im tiefsten Innern ist Mia bestimmt eine Terroristin... Liebe Grüße von Andrea

Eingetragen am: 23.06.2008

Eingetragen am: 20.06.2008 von johanna kurschus
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13498

Eine Lüge
Es war ein trüber Tag, es regnete, ein richtiger Novembertag. Der Wind peitschte den Regen durch die Straßen und gegen die Fensterscheiben. Es war ungemütlich nasskalt.
Auf so eine dumme Idee konnte nur ich kommen, bei diesem miesen Wetter spazieren zu gehen. Hände und Füße waren eiskalt und die Nase tropfte. Wie kannst du nur, schimpfte ich auf mich, du holst dir eine Erkältung. Meine Laune war auf dem Nullpunkt angekommen. Ich dachte jetzt würde mir ein heißer Tee mit Rum gut tun, um meinen steifen, kalten Körper wieder in Schwung zu bringen. Einige Straßen weiter sah ich ein Cafe das Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlte und ging hinein, um mich auf zuwärmen.
Viele hatten die gleiche Idee, denn alle Tische bei den Fenstern waren besetzt. Die meisten Gäste waren ältere Damen. Sie amüsierten sich, tranken Kaffee und aßen Kuchen. Ganz hinten, neben dem Ausgang zum Flur war noch ein Platz frei. An den setzte ich mich und bestellte eine Tasse Tee mit Rum, der mich wieder zum Leben erweckte. Der Platz war günstig, ich konnte den ganzen Raum überblicken. Ich beobachtete die Menschen, die sich unterhielten, lachten und froh waren in der Wärme zu sitzen.
Die Eingangstüre öffnete sich, der Wind fegte Blätter und Kälte in das Lokal, ein Mann kam herein. Er sah traurig aus, ging an mir vorbei, in den Flur, zum Telefon. Seine Finger zitterten, als er eine Nummer wählte, aber nicht von der Kälte, sondern er hatte ein schlechtes Gewissen, denn er musste lügen und ich hörte eine unglaubliche Geschichte.
Es klickte in der Leitung. Vor Aufregung stand ihm der Schweiß auf der Stirne. Er holte tief Luft, nahm den Telefonhörer von der Gabel. Er blies behutsam in die Muschel, raschelte mit Papier, damit es sich wie Palmen im Wind anhörte.
„Hallo, ihr Lieben zu Hause“ rief er fröhlich in den Hörer, „wie ist das Wetter, bestimmt ist es ein kalter, trüber Novembertag? Ihr würdet am liebsten im Bett bleiben, euch auf die Seite drehen und weiter schlafen, stimmst ihr Armen?
Mir geht es gut und ich bin zufrieden. Nach einem langen Flug, der wunderbar war. Maja und ich, flogen über den Wolken, dieses gleißende Licht und das leuchtende Blau des Himmels. Unter uns zogen schneeweiße Wolken ihre Bahn. So muss es auch im Himmel sein. Freundliche Mädchen brachten uns Getränke, man konnte sich aussuchen was man wollte. Nach der Landung stiegen wir auf einen Luxusdampfer um, der uns auf die Insel brachte. Es ist hier viel schöner als die Bilder in einem Reisekatalog. Jetzt stehe ich auf der Insel und rufe euch an. Jede Menge Palmen stehen am Strand, sogar hier vor der Telefonzelle, Dattelpalmen, nehme ich an und telefoniere.
„Gott sei Dank,“ dachte er, „Datteln habe ich in Italien kennen gelernt, sie fielen uns beim Abendessen von einem Baum direkt auf den Tisch.“
Das Thermometer klettert schon am frühen Vormittag auf 30 Grad. Über das Meer weht ein lauer Wind, er treibt Wellen an den Strand. Ich empfinde die Wärme als angenehm. Der Himmel hat eine tief blaue Farbe, die Sonne scheint von morgens bis abends, keine Wolke stört das Blau........ du meinst ich soll mir keinen Sonnenbrand holen und aufpassen das ich nur braun werde; aber wer will denn heute noch braun werden. Ich lege mich bestimmt nicht in die Sonne. Unter den Palmen ist genügend Schatten.
Die Sache mit Maja und dem Hai, das war unglaublich, habe ich euch doch geschrieben...... wie nicht angekommen? Ich erzähle es allen noch einmal.
An einem Nachmittag war es sehr heiß. An diesem Tag war es windstill. Die Sonne brannte auf den Strand. Ohne Schuhe konnte man nicht über den aufgeheizten Sand gehen. Maja und ich planschten im Meer, um uns abzukühlen. Plötzlich schrie jemand:
“ Ein Hai, da schwimmt ein Hai!„
Er schwamm gerade auf Maja zu. Wie versteinert, mit weit aufgerissen Augen stand sie da. Ich rief ihr zu: "Schnell laufe weg!“
Und stürzte mich in die Wellen um ihn zu vertreiben. Sie lief in die verkehrte Richtung, gerade auf den Hai zu.
Ich wunderte mich, warum die drei jungen Männer am Strand, die das sahen, lachten und grölten. Keiner sprang in das Meer, um Maja zu Helfen
Als ich näher an dem Hai war, kam mir etwas komisch vor und ich sah, dass die Rückenflosse aus Gummi war. Ich packte den Hai drückte ihn unter das Wasser. Plötzlich hatte er Arme und Beine die wie wild um sich schlugen. Ein junger Mann tauchte auf, dem das Lachen aus dem Gesicht fiel, als er meine Wut sah. Das war kein Spaß mehr, ich klatschte ihm links und rechts eine Ohrfeige. Die Menschen, die am Strand standen, jubelten und feierten mich wie einen Helden. Sie dachten der Hai sei echt.
Nachdem Maja sich von der Aufregung erholt hatte, holten wir uns beide einen Cocktail, von der Strandbar. Wir saßen dann unter einer Palme im Schatten, hielten uns Muscheln an die Ohren in dem das Meer rauschte. Die nehmen wir mit, als Erinnerung, dann hören wir immer das Meer.
Der Schreck war vergessen und wir lachten über den Scherz.
Das Meer lag vor uns, die Sonne schien, der laue Wind blies die Wellen, die silberne Krönchen auf hatten, an den Strand. Im Paradies könnte es nicht schöner sein. Die Dämmerung kam und die rote Sonne versank im Meer. Es wurde Nacht.
Der Mond ging auf, er hing wie ein riesiger Ball am Himmel, es war Vollmond. Er verwandelte den Strand in ein Märchenland. Wie aus Silber glänzte das Meer, die Palmen und der Sand. Unsere Fantasie gaukelte uns eine traumhafte Bootsfahrt vor. Wir segelten in einem Boot mit schneeweißen Segeln in unser Glück.
.................Natürlich spinne ich, aber du solltest das alles erleben, dann würdest du auch so denken.............. ja, der Urlaub kostet viel Geld, aber einmal im Leben muss es sein.
......................... wie es weiter ging? Wir schliefen in dem warmen Sand, über uns die Sterne, die größer waren, als bei uns und wie Diamanten funkelten. In der früh kitzelten uns die Sonnenstrahlen, wir wachten auf und hungrig liefen wir zum Frühstück und stürzten uns auf das Frühstücksbüfett. Man wusste gar nicht, was man sich auf den Teller legen sollte. Diese herrlichen Früchte, Fisch, Wurst, ich weiß nicht was alles noch auf den Platten und Schüssel lag, es war wie im Schlaraffenland. Leider ist in einigen tagen unser Urlaub zu Ende. Schade! Ich werde noch lange an diese schönen Tage denken.
Ich muss aufhören, jemand wartet schon lange vor der Telefonzelle, langsam wird er ungeduldig. Also, tschüss bis zum nächsten mal.
Müde kam der Mann an meinen Tisch, ich bat ihn sich zu mir zusetzen. Ich fragte ihn, was ihn so bedrückt? Warum er gelogen hatte? Ich bestellte ihm auch eine Tasse Tee, aber ohne Rum. Er sollte einen klaren Kopf behalten und mich nicht anlügen. Er zauderte lange, dann erzählte er mir die ganze Geschichte.
Im Büro wurde über Urlaub gesprochen. Seine Kollegen planten Reisen in alle Teile der Welt. Er schämte sich zu zugeben, das er nur einmal in Italien war und die weite schöne Welt nicht kannte. Von seinen Kollegen wurde er gehänselt, weil er sich nicht viel zutraute und er nicht viel verdiente. Er musste seine kranke Mutter unterstützen, sie hatte nur eine kleine Rente.
Er hatte im Büro vor seinen Kollegen geprahlt, er fliege mit seiner Freundin Maja, auf eine Insel in der Südsee. Er hatte gelogen. Wie sollte er das den Kollegen erklären, er war noch nie dort gewesen. Warum hat er das gesagt? Diese Freundin gab es auch nicht. Maja kannte er nur vom sehen, er hatte noch nie mit ihr gesprochen. Er hatte kein Geld für so einen teuren Urlaub.
Er hatte eine Idee, er ging zu einem Reisebüro, machte so wie wenn er eine Reise in die Südsee buchen würde. Lies sich diese Reise erklären und nahm sich Prospekte aus einem Reisebüro mit und suchte eine Reise aus. Er lernte Bilder von der Landschaft, dem Hotel, dem Strand, dem Meer, den Palmen und die Beschreibung der Zimmer auswendig. Nach dem er seine Reise kannte, kam es ihm vor, wie wenn er da gewesen wäre. So kam das Telefongespräch zustande. Voll Selbstmitleid saß er da und wusste nicht mehr weiter.
“ Junger Mann“ sagte ich“ jetzt trinken wir noch eine Tasse Tee, aber diese mit Rum.“
Was sollte ich ihm raten, ich wusste es nicht. Soll ich ihm raten zu beichten oder verschweigen, ich wusste es nicht. Sollte ich ihm wirklich sagen:
“ Junger Mann, lügen ist das dümmste was man machen kann. Das fordert zu viel Energie, eine Legende zu halten, um sich nicht zu verplappern. Irgendwann kommt die Lüge immer ans Licht. Man kann sich niemals merken was man gesagt hat. Erzählt etwas anderes als vorher. Sie sollten selbstbewusst werden, ihr Selbstwertgefühl stärken.“
Ich überlegte hin und her, ich war völlig hilflos. Dann sagte ich ihm meine Gedanken doch. Gespannt hörte er mir zu. Er nannte seinen Namen
“ Ich bin Swen“ sagte er,“ Können sie mir helfen, was kann ich tun, ich schäme mich so, dass ich meine Kollegen angelogen habe.“
„ Swen, ich glaube sie sollten beichten und darüber lachen. Ihre Kollegen lachend fragen, habt ihr meine Geschichte wirklich geklaubt. Jeder weiß doch, das ich kein Geld und auch keine Freundin habe. Fragen sie ihre Freunde, habt ihr noch nie geschwindelt.“
Swen und ich saßen noch lange zusammen. Er gefiel mir, er sah gut aus. Im geheimen musste ich über die Idee und seine Lüge lachen. Nach dem Tee gönnten wir uns eine Flasche Wein. Wir sprachen über alle Probleme der Welt. Swen löste der Wein die Zunge und er erzählte mir aus seinem Leben. Sein Vater war nach einer langen schweren Krankheit jung gestorben. Swen und seine Schwester waren noch klein. Die Rente des Vaters reichte nur für das Nötigste. Swen lebt noch bei seiner Mutter. Er unterstützt sie, wo er nur kann.
Wir tranken Wein, draußen tobte der Wind, es regnete in strömen, wir saßen im Warmen und wurden immer lustiger. Wir lachten über den Hai und über die Lügengeschichte. Swen und ich wurden Freunde. Wir verabredeten uns nächste Woche zur selben Zeit wieder hier im Cafe. An diesem Abend wurde es spät, als wir uns trennten.
Nächste Woche. Der Novemberregen hat sich ausgetobt und. Die Sonne strahlte, die Menschen sahen freundlicher aus. Ich saß am gleichen Tisch, wie letzte Woche, und wartete auf Swen. Die Tür ging auf, ein strahlender Swen kam mit einem riesigen Blumenstrauß durch die Türe. Wieder bestellten wir Tee, diesmal gleich mit Rum. Der Wirt brachte eine Vase für die Blumen, er stellte eine Kerze auf den Tisch. Es sah richtig gemütlich aus, Swen war ein anderer Mensch geworden. Glücklich erzählte er. Er hatte gebeichtet. Erst waren die Kollegen wütend. Er erzählte seine Geschichte genauso, wie er sie mir erzählt hatte, seine Freunde wurden nachdenklich und entschuldigten sich, das sie ihn so gehänselt hatten. Als die Geschichte mit dem Hai kam, war das Eis gebrochen und alle bogen sich vor lachen und der Frieden war wieder hergestellt. Swen und ich blieben Freunde.
Die Geschichte geht noch weiter, die Freundschaft wurde immer inniger. Es wurde Liebe. Wie es dazu kam erzähle ich das nächste mal. Erst müssen wir die Silberhochzeit feiern.


Kommentar von Angela Thies

Eine schöne Geschichte. Dein natürlicher Erzählstil gefällt mir auch. Was mich ein wenig stört, ist die Art und Weise wie die beiden sich kennenlernen - als könnte das nicht stimmen. Mir scheint es auch so, als wäre sie erheblich älter als er oder nur wesentlich reifer. Deswegen können sie natürlich trotzdem ein Liebespaar werden -es bleibt aber das Gefühl ein Mutter-Sohn-Beziehung.

Eingetragen am: 22.06.2008

Eingetragen am: 20.06.2008 von MaDe
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13492

Du stehst lauernd an meinem Bett. Ich weiß, dass du mich holen willst, ja sogar holen musst. Aber warum schon jetzt? Ich brauche noch etwas Zeit. Wofür? Es gibt noch so viele ungeklärte Dinge in meinem Leben. Da ist noch einiges zu bereinigen, bevor ich mit dir gehen kann. Das konnte ich in der Kürze der Zeit, in der ich dich schon erwarte, einfach nicht schaffen, verstehst du? Nein? Dann versuche ich einmal, es dir an einem Beispiel zu erklären: Diese Sache mit Sabine, damals nach dem Abitur. Es ist mir noch immer nicht gelungen, mich mit ihr zu versöhnen. Ihr wenigstens zu erklären, warum ich nicht auf dem Flughafen war, als sie in die Staaten flog. Wieso ist das nicht wichtig? Vielleicht nicht für dich! Aber mich quält es schon so viele Jahre.
Und dann mein Vater: Ich suche ihn schon so lange. Aber er scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Immer wieder verlieren sich seine Spuren. Was war, was ist er für ein Mann? Lebt er noch? Wird er sich heute, nach über vierzig Jahren, überhaupt noch für mich interessieren? Nur einmal möchte ich ihm in die Augen schauen, ihn fragen, warum er uns damals alleine gelassen hat.
Ja, und manches würde ich gerne noch zu Ende bringen: die alten Fotos einkleben, meine persönlichen Dinge ordnen und ein paar Briefe schreiben. Es gibt so viele, von denen ich mich verabschieden möchte und Tobias soll noch von meinen Träumen erfahren und wie sehr ich ihn liebe und vermissen werde.
Außerdem… Du hast keine Zeit mehr? Aber mir wirst du noch ein wenig Zeit einräumen? Danke! Ich danke dir von ganzem Herzen, lieber Tod.


Kommentar von Angela Barotti

Der Konflikt ist klar herausgearbeitet. Ich musste nicht lange herumrätseln. So wenig Zeit und so viel, was einer todkranken Frau noch auf dem Herzen liegt. Gut rübergebracht.

Eingetragen am: 22.06.2008

Eingetragen am: 20.06.2008 von Susa
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13488

„Ah, da sind Sie ja, ma Chère!“ Ihr Lehrer winkte ihr zu. „Kommen Sie!“ Morelle schien sehr angetan von der Möglichkeit, das Talent seines Schützlings vor dem berühmten Kollegen präsentieren zu können. „Sie müssen unbedingt das Bild sehen, dass sie mir heute geschenkt hat.“ Er deutete zu dem langen, schmalen Tisch, wo seine Geburtstagsgeschenke aufgebaut waren. „Und natürlich besitze ich noch ein paar mehr… Alena, meine Liebe, wären Sie so gut, Herrn Hartwig die Bilder zu zeigen? Sie kennen sich hier ja aus.“
„Natürlich.“ Also gut. Sie war einem Vier-Augen-Gespräch mit diesem Mann durchaus gewachsen. Außerdem ging es ja nur um ein paar Bilder.
Alena nahm ihn also zuerst mit hinüber zum Geschenketisch, wo er pflichtschuldigst das kleine Portrait begutachtete, das sie von und für Morelle gemalt hatte. Wider Erwarten war sie tatsächlich gespannt auf seine Reaktion – denn immerhin, in diesem Punkt hatte Auguste Recht: Otto Hartwig war tatsächlich ein erfolgreicher und berühmter Künstler.
Er murmelte etwas, das sie nicht verstand, dann bat er sie, ihm auch die übrigen Bilder zu zeigen. Also führte sie ihn in den angrenzenden Raum, der quasi Morelles Privatgalerie repräsentierte. Hier ging er eine Weile herum, besah sich alles und wandte sich dann ihr zu.
„Sie haben sich verändert seit damals“, stellte er fest und musterte sie.
Alena erwiderte seinen Blick. „Tja, wir werden alle nicht jünger“, stellte sie trocken fest.
Aber Hartwig schüttelte den Kopf. „Sie wissen, dass ich das nicht meine“, erwiderte er. „Was ich meine, ist Ihr Auftreten, Ihre ganze Art. Sogar Ihr Aussehen.“
„Hm. Darf ich das als Kompliment werten?“
„Das dürfen Sie. Das dürfen Sie allerdings! Und das erstreckt sich auch auf ihre Bilder. Sie sind... gut.“
Alena hob ironisch die Augenbrauen. „Und das aus Ihrem Mund! Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich das einmal von Ihnen zu hören bekommen würde.“
„Man kann seine Augen ja nicht ständig vor dem Offensichtlichen verschließen. Ja, Sie haben ein gewisses Talent für die Malerei. Und darüber hinaus Glück. Und die… richtige Protektion, ganz ohne Zweifel.“
Wie seltsam. Vorhin hatte sie noch geglaubt, seinen Worten etwas Versöhnliches entnehmen zu können. Doch diese letzte Bemerkung hatte er in einem derart merkwürdigen Tonfall gemacht, dass sie plötzlich nicht mehr sicher war, was sie davon halten sollte.
„Sie sehen also“, fuhr er inzwischen fort, „Sie haben mich gar nicht gebraucht. Meinen Einfluss, meine ich. Sie haben es weit gebracht, auch ohne meine Hilfe. Also war es wohl rückblickend die richtige Entscheidung, mich nicht zu heiraten. Oder wie sehen Sie das?“
Alena nahm sich gehörig zusammen, als sie ruhig erwiderte: „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass meine Entscheidung damals etwas mit der Höhe Ihres Einflusses zu tun gehabt hat, oder?“
„Na - wohl eher damit, dass ich mich geweigert hatte, diesen Einfluss für Sie geltend zu machen. Da mussten Sie eben weitersuchen. Und offensichtlich haben Sie ja bekommen, was Sie wollten, und das sogar, ohne den Betreffenden gleich heiraten zu müssen.“
Sie konnte es nicht fassen! Wie er da alles verdrehte und umdeutete, unterstellte er ihr tatsächlich eiskalte Berechnung! Sie war dermaßen verblüfft, dass ihr zuerst keine passende Erwiderung einfiel.
„Sie wissen, dass das so nicht stimmt“, brachte sie schließlich heraus.
„Nein? Aber genauso ist es doch gewesen!“
„Nein. Dass Sie mir Ihre Unterstützung verweigert haben, war vielleicht der Auslöser, das gebe ich zu. Aber...“
„Aber?“
„Sie hatten mir einen Heiratsantrag gemacht. Aus Zuneigung, wie ich gedacht habe. Und kaum habe ich den akzeptiert, versuchen Sie, mich zu einer anderen Person zu machen, mir meine Arbeit zu nehmen, alles das, was mich glücklich macht, was mich ausfüllt! Ich habe nie mehr von Ihnen verlangt, als mir zuzugestehen, meinen Weg in der Kunst einfach weiter zu versuchen, genauso wie Sie es auch getan haben! Aber das konnten Sie nicht zulassen. Dabei hätten gerade Sie mich doch verstehen müssen, Sie, als Maler, als Künstler. Sie hätten begreifen müssen, was mir das alles bedeutet. Stattdessen wollten Sie mir das nehmen, was einen großen Teil von mir ausmacht, also, wer kann da von Zuneigung reden?“
Er betrachtete sie ungerührt und zuckte die Achseln. „Natürlich, es ist leicht, es im Nachhinein auf diese Weise darzustellen. Aber eigentlich sind Ihre Gründe für mich gar nicht mehr wichtig. Was mich hierher getrieben hat, war die reine Neugier.“
„Und die konnten Sie inzwischen stillen?“
„Wie man’s nimmt. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, von welcher Seite Sie nun ihre... Protektion... erhalten. Und das, wie schon gesagt, ohne die längerfristige Verpflichtung einer Ehe. Aber das muss man ja auch nicht, wenn man seine Karten richtig ausspielt. Schließlich sind Sie ja trotz allem -“ er wies mit einer lässigen Geste in Richtung ihrer Beine, „- nicht ganz ohne körperliche Reize. Wenn die Gerüchte stimmen, scheint es da sogar gleich mehrere Kandidaten zu geben. Ihr Lehrer ist nur einer davon, richtig? Er ist schon etwas älter, natürlich, aber was soll’s – wenn es Ihnen zu dem verhilft, was Sie wollen?“
„Sie glauben das alles wirklich, oder?“ Alena war fassungslos.
„Ach, wissen Sie, was ich glaube, dürfte in diesem Fall wohl keine besondere Rolle spielen. Und keine Sorge, ich behalte unser kleines Geheimnis für mich, und in ein paar Tagen bin ich wieder auf und davon.“
Er wandte sich zum Gehen, aber da war Alena mit ihrer Geduld am Ende. „Einen Moment noch!“ Ihre Stimme hatte einen stählernen Unterton, und er genügte, um Hartwig in seiner Bewegung aufzuhalten.
Sie machte einen Schritt auf ihn zu und sah ihm direkt ins Gesicht. „Sie unterstellen mir da eine ganze Menge – aber bitte, mit so etwas muss jemand wie ich wohl rechnen. Nur, bevor Sie gehen, werden Sie sich jetzt noch meine Sicht der Dinge anhören.“ Ihre Stimme war nicht laut, aber schneidend, als sie fortfuhr: „So wie ich die Sache sehe, spricht hier ein Mann, dessen Stolz es seinerzeit einfach nicht zulassen wollte, seine Braut zu unterstützen und Gefahr dabei zu laufen, sich zu blamieren, falls sie es nicht schaffen sollte. Oder, vielleicht noch schlimmer, eine Frau neben sich zu haben, die ihm möglicherweise ebenbürtig sein könnte. Ist es nicht so? Ihnen ging es nicht um meine Zuneigung – Ihnen ging es allein um Ihre Angst, mich vielleicht nicht klein genug halten zu können. Ob Sie es glauben oder nicht – Berechnung war damals bei meiner Entscheidung ganz bestimmt nicht dabei. Aber spätestens seit heute weiß ich, dass ich mich damals richtig entschieden habe!“
Sie behielt das letzte Wort, denn Hartwig taxierte sie noch einen Moment, bevor er ohne jeden weiteren Kommentar das Zimmer verließ. Sie sah ihm nach, eine Hand zur Faust verkrampft.
Was er da zu ihr gesagt hatte, hatte Zweifel in ihr hinterlassen, das konnte sie nicht ignorieren. Sie war immer wieder von genau den richtigen Leuten – hauptsächlich Männern – unterstützt worden. War sie denn wirklich jemand, der andere dermaßen manipulierte? Oder von ihnen manipuliert wurde? Und war es denn -…
„Also, das war – einfach großartig!“
Alena fuhr herum. „Philipp! Wo kommen Sie denn plötzlich her?“
Er deutete vielsagend hinter sich. „Da hinter den Palmen steht noch ein Sofa. Übrigens in Hörweite, es ließ sich also nicht verhindern, dass ich Ihren Auftritt aus nächster Nähe mitbekommen habe.
„So. Na, dann wissen Sie ja jetzt Bescheid.“
„Hm. Sagen wir, ich habe einen vagen Eindruck von Ihrer... Beziehung bekommen. Sie haben ihm jedenfalls gutes Contra gegeben. Aber, unabhängig davon... Sie nehmen sich das hoffentlich nicht doch irgendwie zu Herzen, was er da über Sie gesagt hat?“
„Heißt das, Sie halten mich nicht für berechnend?“
Philipp trat einen Schritt näher und zuckte die Achseln. „Ich habe schon berechnende Frauen kennen gelernt. Aber Sie gehören nicht dazu.“
„Danke, dass Sie das wenigstens so sehen. Trotzdem. Ich würde es Hartwig gegenüber nie zugeben, aber ich kann verstehen, wie er auf diese Gedanken kommt. Ich meine, von Anfang an, seitdem ich hier in der Stadt bin, ist alles doch ziemlich glatt für mich gelaufen! Alle Welt hat mir geholfen, allen voran Sie selbst und Morelle.“
„Was ist falsch daran, Hilfe anzunehmen?“
„Tja – aber was hatte ich jemals als Gegenleistung dafür anzubieten? Oder sollen das alles vielleicht vollkommen selbstlose Wohltätigkeiten gewesen sein?“
Philipp schüttelte leicht den Kopf. In solch einer Stimmung hatte er sie noch nie erlebt. „Was heißt denn hier Gegenleistung?“ Aber da sie nun mal allen Ernstes diese Frage gestellt hatte, deutete er auf das Sofa. „Für so ein Gespräch sollte man sich setzen, meinen Sie nicht?“
Sie nickte zustimmend, und er führte sie zu dem Platz hinter den Palmen. Wenigstens versuchte sie nicht wieder, ihm auszuweichen, dachte er, während er wartete, bis sie bequem saß und dann sicherheitshalber darauf achtete, dass er selbst nicht zu nahe an sie heranrückte. „Fragen Sie doch einfach mal unseren Gastgeber“, meinte er dann. „Wissen Sie, was er Ihnen sagen wird? Dass Sie ihm geholfen haben, ein neuer Mensch zu werden! Glauben Sie mir, ich kenne ihn schon eine Weile länger als Sie, und er ist tatsächlich ein Anderer, seit er Sie unterrichtet und sich wieder wie ein Künstler fühlen kann, statt sein früheres Leben zu verleugnen. Kein Wunder, durch Sie ist er mit sich und seiner Vergangenheit ins Reine gekommen! Mal ganz davon abgesehen, dass er mit Ihnen schon ein paar gute Geschäfte gemacht hat, also profitiert er seinerseits ebenfalls von Ihnen.“
Es blieb eine Weile still, während Alena verarbeitete, was Philipp da gerade gesagt hatte. Seltsam - von dieser Warte aus hatte sie das bisher noch nie betrachtet. Aber es tat irgendwie gut, es in diesem Licht zu sehen.
„Und was ist mit Ihnen?“ fragte sie endlich.
„Was soll mit mir sein?“ Als sie nicht antwortete, seufzte er. „Alena, so etwas nennt man Freundschaft. Darüber haben wir doch schon das eine oder andere Mal gesprochen, oder nicht? Freundschaft für Ihren Bruder, für Ihre Familie. Freundschaft für Sie.“
„So. Freundschaft.“ Sie verschränkte erneut die Arme vor der Brust und holte tief Luft. „Und was war das dann vergangene Nacht? Freundschaft?“
Er starrte sie an. „Nein -“ sagte er langsam, und dann stockte er, und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Moment mal. Worauf genau wollen Sie da hinaus?“
Das war eine gute Frage, musste Alena zugeben. Das Problem war nur, dass sie Schwierigkeiten hatte, darauf eine passende Antwort zu formulieren.
Aber Philipp, dem die Pause offenbar zu lange dauerte, redete schon weiter. „Es kann doch wohl nicht sein“, sagte er mit einem insgesamt ziemlich unerfreulichen Unterton in der Stimme, „dass Sie von mir glauben, ich hätte versucht, eine... eine Gegenleistung von Ihnen einzufordern?“
Er stand auf, und sie war von der plötzlichen Wendung der Unterhaltung dermaßen überrumpelt, dass sie einmal mehr nicht sofort etwas zu erwidern hatte. Dafür war es Philipp, der etwas sagte, und zwar mit nur mühsam beherrschter Stimme.
„Alena, man muss Ihnen zugute halten, dass Sie möglicherweise noch etwas durcheinander sind, aber... ich würde es wirklich für eine schlechte Idee halten, dieses Gespräch jetzt noch weiter fortzusetzen.“
Und damit verließ er den Raum, und Alena blieb mit dem Gefühl zurück, dass hier gerade etwas furchtbar falsch gelaufen war!


Kommentar von Angela Barotti

Ich mag deine Story sehr. Das wird ein Frauenroman auf hohem Niveau. Liebe, Hass, Verwickelungen – aber am Ende werden sich Alena und Philipp in den Armen liegen. Deine Chancen, mit diesem Roman einen Verlag zu finden, dürften nicht allzu schlecht sein, denn der Markt für dieses Genre ist noch längst nicht übersättigt.

Eingetragen am: 01.07.2008

Kommentar von Pully

Spannender Aufbau, gute Abgrenzung der Charaktere, leichtflüssig geschrieben, passend zu einem Thema aus dem Leben. Dieser Text macht Lust auf seine Fortsetzung.

Eingetragen am: 22.06.2008

Kommentar von Monika

Super Dramaturgie! Gefällt mir auserordentlich gut!

Eingetragen am: 21.06.2008

Eingetragen am: 19.06.2008 von barbara-marie mundt
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13469

Laura teilte ihre Entscheidung der Familie am Nikolaustag mit, der in diesem Jahr auf einen Sonntag fiel. Sie hatte eine Lasagne gemacht, die alle besonders gern aßen, als Vorspeise Lachshäppchen und als Nachtisch Karamelpudding, wie sie ihn in Portugal kennen gelernt hatte. Espresso für alle, die wollten oder Milchkaffee.
„Ich werde nach Portugal gehen und dort leben.“ sagte sie einfach. Alle starrten sie stumm an, es erschien unfassbar, absurd und es schien, als traue sich keiner, das in Worte zu fassen. Jeder einzelne in dieser Familie war der Meinung, Laura in den vergangenen Wochen nach Kräften beigestanden zu haben, sie hatten versucht, ihr Mut zu machen, hatten sie im Krankenhaus besucht, die Kinder hatten ihre spärlichen Einkünfte verwendet, um ihr Obst oder Süßigkeiten mitzubringen, Klaus hatte sogar eine Vertretung eingestellt, um Zeit für Laura zu haben. Sie fragten sich, ob sie zu wenig getan hätten, hatten sie wirklich zugehört, welche Gedanken Laura bewegt hatten in der Zeit? Oder war sie einfach eigensüchtig geworden durch die Krankheit.
Und bevor es peinlich wurde, weil keiner etwas sagen wollte, sprach Laura.
„Ich muss euch wirklich danken, ihr wart großartig in den vergangenen Wochen. Es hat nichts mit euch zu tun. Ihr habt versucht, mir Mut zu machen, ihr wart für mich da. Aber wie es ist, den Tod vor Augen zu haben, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Die Frage, wozu man eigentlich lebt, die könnt ihr mir auch nicht beantworten. Ich habe wirklich gedacht, es sei jetzt zu Ende. Habe Vorkehrungen getroffen. Wo ich doch so gern wissen wollte, was aus meinen Töchtern einmal wird, wie sie wohl ihr Leben meistern werden. Und dann ist mir klar geworden, dass mir das nicht reicht, für meine Kinder da zu sein, die fort gehen werden, ihr eigenes Leben leben. Dass es nicht reicht, für einen Mann da zu sein, der mich nur als Baustein seiner Karriere noch braucht, und vielleicht zum Kaffee kochen. Nein, es reicht mir nicht. Ihr mögt das nun egoistisch finden, ich weiß, Mütter haben nicht das Recht, an ihr eigenes Leben zu denken, ich weiß, Lia macht Abitur, wie kann ich sie verlassen, Klaus’ Ruf, Birthes ich weiß nicht was. Dies ist nicht mehr mein Leben, so einfach ist das. Ich habe den Tod gesehen und ich habe gedacht, Leben muss doch mehr sein, als funktionieren. Das ist alles.“
Da sie weiter schwiegen, fing Laura an, den Tisch abzuräumen, nach alter Gewohnheit, dann ging sie nach oben.
Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Mütter verlassen ihre Kinder nicht. Das saß tief. Und ihr blieb nur, tief Luft zu holen. Sie tastete nach der Narbe auf ihrer Brust. Milimeterklein. Es hätte ganz anders sein können, dachte sie dankbar. Sie hatte Glück gehabt. Ein kleiner Knoten, harmlos, eine Kalkablagerung. Sonst nichts. Und doch hatte diese Harmlosigkeit ihr Leben völlig in Frage gestellt. Das war nicht rückgängig zu machen.


Kommentar von Numungo

Eine mutige Entscheidung, die Laura trifft. Wahrscheinlich die richtige. Ein Konflikt, der momentan durch Schweigen ausgetragen wird. Vielleicht ist Schweigen die stärkste Waffe, um die Entscheidung in Frage zu stellen. Wird Laura das durchhalten? Viele Grüsse, Numungo (13695).

Eingetragen am: 26.06.2008

Kommentar von Angela Thies

Ein guter Text, die Sprachlosigkeit der Familie passt perfekt dazu. Lauras erster Schritt in ein eigenes Leben, wird die ganze Familie auf den Kopf stellen, und das spüren alle sofort.

Eingetragen am: 24.06.2008

Kommentar von lillilu

Ein gutes Thema, ein guter Schreibstil, lesenswert! Ich persönlich würde der Familie allerdings einige wenige Äußerungen des Protests zubilligen - etwa "Mama, das ist nicht dein Ernst!" oder es steht einer auf, verlässt das Esszimmer und schlägt die Tür zu. Nur als Anregung, Okay? LG Lillilu

Eingetragen am: 21.06.2008

Kommentar von Marie Stiehl

Hallo Barbara,toll geschrieben. Der Text macht neugierig. Mir gefällt wie gefühlvoll Du geschrieben hast. Ich finde sehr gut,wie Laura auf ihre vermeintliche Krankheit reagiert. Die meisten Menschen würden einfach stupide so weiter machen wie immer. Ich bin gespannt wie es weitergeht. Viele Grüße, Marie.

Eingetragen am: 20.06.2008

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