20 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 27 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

Schreiben Sie mit!

Schnellauswahl  

Kapitel 27 mit Übungsaufgabe

02.07.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
Suche
 

 

Leserbeiträge

« zurück 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · weiter »
Eingetragen am: 14.07.2008 von Malea
[ Lesezeichen ]

14596

Bin wieder da aus dem Urlaub :-) und deshalb spät dran. Den folgenden Text habe ich im Strandkorb auf Sylt geschrieben, aber es kommen weder Sand, Meereswogen noch fiese Magnum-klauende Möwen darin vor. Er passt ein bisschen zu den beiden Übungen, Kapitel 25 und 27, aber nicht sehr. Man möge mir verzeihen… Eine Episode aus der Teeniezeit meiner Frau mit den Tassen im Schrank, die jetzt übrigens einen Namen hat, Susanne Seck:


Frühstück bei Secks

Willkommen in Absurdistan. Meine Mutter ist die Ministerpräsidentin, Herrscherin über Villa, Park, Meissner Porzellan, zwei Töchter und den Staatspräsidenten, meinen Vater. Der lächelt und winkt, verleiht Verdienstkreuze und ist auf Reisen. Meine große Schwester ist die Göttin in diesem Reich. Sabine, die Göttin der Scheinheiligkeit, wenn man mich fragt. Aber mich, Susanne, garantiert als Säugling aus einem Ufo gefallen und nur aus Versehen in diese Familie geraten, mich fragt sowieso keiner. Ich bin nur hier, um alles falsch zu machen. Ich war eine Steißlage, und das hält immer noch an.

Das Familienidyll beim Sonntagsfrühstück. Der Tisch ist adrett gedeckt, alle Teller halten brav die Daumenregel ein, alle Tassen strecken eifrig ihre Henkel auf die Winkelminute genau 90 Grad zur Tischkante. Das gute Sonntagsgeschirr glänzt mit dem polierten Silberbesteck um die Wette. Die Brötchen duften so herrlich, dass sich meine Speicheldrüsen in schmerzhafter Vorfreude verkrampfen. Leider riecht die helmartige Frisur meiner Mutter derart kräftig nach Haarspray, dass mir der Appetit vergeht. Erst recht beim Anblick meiner bezaubernden Schwester. Wie kann man mit fünfzehn nur schon so hinterhältig und abgebrüht sein? Wo soll das noch enden, wird sie mal Politikerin oder doch nur ein etwas überdurchschnittliches Aas von Ehefrau und Mutter?

Ich kaue auf meinem Marmeladenbrötchen. Sabine flötet zuckersüß: „Mutti, kannst du mir bitte mal die Butter reichen?“ – „Aber natürlich, Binchen, mein Schatz. Ich hole schnell frische aus der Küche.“ Eine ganze Ladung Mutterliebe und Mutterstolz tropft auf die geblümte Tischdecke. Klar, Sabine ist ein Engel. Zumindest solange meine Mutter hinschaut. Jetzt ist sie weg und der blondgelockte Engel tritt mich mit aller Kraft unterm Tisch gegen das Schienbein. Perfektes Timing, denn während ich noch darüber nachdenke, wie ich möglichst schnell, gemein und unauffällig pariere, kommt Mutter zurück. Sabinchen lächelt unschuldig, ich atme tief durch und lasse es. Es hat doch keinen Sinn. Am besten schneller Rückzug, korrekt, höflich, zielorientiert: „Mutti, darf ich bitte aufstehen und in mein Zimmer gehen?“ Na, war das nicht formvollendet?

Meine Mutter hebt eine Augenbraue. „Nein Susi, du sollst erst dein Brötchen aufessen!“ Wie konnte ich nur vergessen, Klein-Susi muss ja erzogen werden, die Tischsitten. „Aber Mutti, ich habe keinen Hunger mehr.“ Die mütterliche Augenbraue steigt noch etwas steiler an. „Kind, es wird aufgegessen. Keine Widerrede. In diesem Haus wird kein Essen fortgeworfen.“ Das sieht man auch in der Körpermitte. Jetzt wird es eng, die Moralschiene. Meine letzte Chance, der Binchen-Hundewelpen-Blick. „Entschuldige Mutti, ich kann einfach nicht mehr.“ – „Susanne, hör auf mit dem Theater!“

OK, das war wohl nichts. Aber ich will mit Anstand und Würde in mein Zimmer gehen. Versuchen wir es mal mit Logik: „Mutti, ich kann doch nichts dafür, dass ich satt bin.“ Sie holt tief Luft und bekommt ihren Brot-für-die-Welt-Blick. „Du isst das Brötchen jetzt auf, Susanne. Denk an die armen Kinder in Afrika! Die haben Hunger, und du willst dein Brötchen nicht aufessen! Das ist eine Sünde!“

Bingo, das ist ihr Lieblings-Totschlag-Argument in jeder Diskussion. Früher oder später landen wir bei der guten alten Sünde. Wenn ihr sonst nichts mehr einfällt. Soviel zum Thema Logik. Jetzt ist sowieso alles egal, das Gespräch wird wie immer den kürzesten Weg zum Tiefpunkt finden. Dann bringen wir es doch einfach hinter uns. „Aber Mutti, soll ich jetzt mein angebissenes Brötchen nach Afrika schicken?“

Die Augenbraue zuckt, das Gesicht meiner Mutter nimmt die Farbe von reifen Tomaten an. „Susanne, werd` jetzt nicht auch noch frech. Das ist doch die Höhe. Nichts als Ärger hat man mit diesem Kind.“ Sabine schaut mich mit einer Mischung aus Schadenfreude und gespielter Entrüstung an. Das gefällt dir, Schwesterherz, ein Schauspiel ganz nach deinem Geschmack. Ein letzter Versuch, so etwas wie ein Gespräch zu führen, aber Absurdistan hat eiserne Gesetze. „Mutti, bitte reg dich nicht auf. Ich verstehe bloß nicht, was mein Brötchen mit den Kindern in Afrika zu tun hat.“ Die Stimme meiner Mutter überschlägt sich fast. „Was erlaubst du dir eigentlich!“ Tja, was erlaube ich mir, logisch zu denken? Ganz schön gewagt in dieser Familie. Das führt bestimmt direkt zur Höchststrafe.

„Susanne, wie kann man nur so frech und undankbar sein! Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester! Sabine macht nie so ein Theater! Was ist nur mit dir los, manchmal glaube ich, du bist nicht ganz richtig im Kopf!“ Na also, da wären wir, am absoluten Tiefpunkt jeder Diskussion mit meiner Mutter. Das Hirn bei gefühlten -273,14 Grad Celsius. Ich stehe auf und gehe. Sabine grinst mich gehässig an, meine Mutter zetert hinter mir her. Noch vier Jahre, acht Monate und elf Tage. Dann bin ich Achtzehn und kann aus diesem Irrenhaus weg. Warum gibt es Zeitmaschinen immer nur in Romanen?


Kommentar von Metta Maiwald

Also, Malea, ich bin ja entsetzt, was Du mir unterstellst! Zunäckst dachte ich, bei den alten Secken gäbe der Name möglicherweise einen Hinweis auf die Gemütsverfassung: sec. Doch Hans Bahlows "Deutsches Namenslexikon" belehrte mich eines besseren. "Seck, Secker, Seckerdieck (norddt.-westf.) deuten auf feuchte Wohnstätte (seck "feuchter Schmutz", mhd. seich "Harn"). Na, ist das etwa nicht schmuddelig? (Lalla-lalla-la-la, einßunull füa Metta ;o) Schade, dass man hier nicht die Schriftgröße auf 3 Punkt verkleinern kann, sonst würde ich zugeben, dass ich das gerade eben erst nachgelesen habe.)

Eingetragen am: 18.07.2008

Kommentar von Malea

So, liebe Metta, weil du dir so viel Mühe mit konstruktiver Kritik gegeben hast, kriegst du jetzt eine ganz eigene Antwort, nur für dich allein... Also, die Kaffeetassen. Im Hause Seck wird 90 Grad gedeckt, da hat man es nicht so mit spitzen Winkeln ;-) Gutes Geschirr und Silberbesteck gibt es an Sonn- und Feiertagen oder wenn Besuch kommt. Nix Aristokratie, eher Großbürgertum mit Dünkel. Aber das kriegst du alles noch voll konkret, echt du. Zum Zeitpunkt dieses Textes würde Susanne die Tassen lieber gegen die Wand pfeffern als irgendwie ausrichten. Das kommt noch später zusammen mit Drama, Liebe, Wahnsinn ;-) Der Nachname ist natürlich ein gutbürgerlicher, die Wortspiele, also tststs, auf so was kommen natürlich nur versaute Romanautorinnen oder idiotische Klassenkameraden ("Da kommt die secksi Susi, höhö", aber dazu später mehr...). Zum Thema frühreif hatte ich bei papaya10 schon was geschrieben. Ein schönes Beispiel dafür, wie weit man es auf dem Gebiet in der Literatur ungestraft treiben darf, kannst du übrigens in Muriel Barberys aktuellem Bestseller "Die Eleganz des Igels" nachlesen. Das liebe Susilein hat es mit exakten Werten und sie hat einen präzisen Blick. Aber mehr verrate ich dir jetzt nicht, sonst kann ich ja gleich den ganzen Roman in einem Kommentar erzählen ;-) Liebe Grüße, Malea.

Eingetragen am: 18.07.2008

Kommentar von Malea

Lieben Dank an alle :-) @ Momo: Das mit den zwei S kannte ich nicht, aber es gibt noch mehr Buchstabenklauberei in dieser Familie, wird dir gefallen. @ papaya10: Ein Grad bei der Winkelmessung wird in 60 Winkel- (oder Bogen-)Minuten eingeteilt. Das sollte nur den zwanghaften, perfektionistischen Duktus vertiefen. Auch Dreizehnjährige können schon furchtbar cool und clever sein, v.a. wenn sie dank hässlicher Familienkonstellation (und düsterer Familiengeheimnisse! aber das kommt erst später...) vorzeitig erwachsen werden müssen. @ marc: Danke, ich sagte ja, der Text passt nur ein bisschen, hatte in meinem Strandkorb kein Internet... Und Wut kann auch runtergeschluckt werden und sich im Bauch zu einem hässlichen, fetten Knoten zusammenballen. @ Frog: Metta meinte Schlüpfer! Hoffentlich hat der arme King überhaupt noch was gesehen vor lauter Damenwäsche. Soll er uns leid tun? @ Bärbel: Och, muss nicht immer konstruktive Kritik sein, gegen eine ordentliche Lobhudelei und gute Wünsche hat sich doch noch nie jemand gewehrt, oder? ;-) @ Ginko: Beherrscht, unterkühlt oder aus Verzweiflung und messerscharfem Verstand geborener Zynismus als Überlebensstrategie. Man wird sehen... Liebe Grüße, Malea.

Eingetragen am: 18.07.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Kommentar zu meinem Kommentar: Habe noch mal Kochbücher gewälzt und gegoogelt. Es gibt also tatsächlich die 90°-Kaffeetassenausrichtung (die trivial als "rechts" bezeichnet wird) und die 45°-Ausrichtung ("rechts unten"), die mir geläufiger war. Unsere fürsorgliche Tochter deckt für Linkshänder sogar andersherum ;o) Wann wird Susanne sich soweit von der Mutter ablösen, dass sie ihre Tassen gar nicht mehr ausrichtet oder nach dem Mond? Und warum muss eine so saubere Familie sich mit so einem schmuddeligen Nachnamen abgeben?

Eingetragen am: 17.07.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Hoffentlich kriege ich hier noch einen gescheiten Kommentar fabriziert... In diesem Text erscheint mir Susanne ein bisschen normaler als in den anderen. Die Flucht in Phantasiewelten deutet sich bereits an. Auf mich wirkte sie, gerade im ersten Absatz, älter, vielleicht schon so um die sechzehn (wenn ich das mit meinen eigenen pubertären Gedankengängen und denen meiner Tochter vergleiche). Politik hat mich da noch nicht die Bohne interessiert. Speicheldrüsen auch nicht. Und die exakte Zahl des absoluten Nullpunktes hätte ich spätestens nach der nächsten Physikarbeit wieder vergessen. (Bin ja auch keine Streberin ;o) Oder es ist ein Rückblick der erwachsenen Prota? Werden Kaffeetassen korrekt auf 90° ausgerichtet? Ich frage nur, weil mir zwei angehende Hotelfachfrauen mal die exakte Anordnung von Besteck und Weingläsern erklärt haben. Das Ambiente mit Silberbesteck wirkt auf mich fast aristokratisch. - Kennst Du den Film Karniggels, wo ein einfältiger Dorfpolizist bei seiner Angebeteten aus gehobenem Hause zum Frühstück eingeladen wird? Das hätte ich gern noch etwas konkreter, denn die moralische Einstellung der Mutter ist wiederum so gängig, dass sie sich auch in einer Durchschnittsfamilie ansiedeln ließe. Ich sollte auch immer an "die armen Kinder" denken. Mein großer Bruder war genauso eklig wie Sabine, und ich dachte immer, Schwestern seien netter! Susanne scheint ihrer Mutter schon jetzt geistig weit überlegen zu sein. Verständlich, dass es da zu Konflikten kommt, bei denen nicht mehr mit Argumenten, sondern mit (Schein-)Autorität gekämpft wird. Alles in allem wieder ein spritziger Text.

Eingetragen am: 17.07.2008

Kommentar von Ginko Korn

Diese fiese Zicke von großer Schwester hat sich eine Todfeindin herangezogen. Es ist Susanne hoch anzurechnen, dass sie nicht mit Messer und Gabel auf Sabine losgeht. Sie wirkt sogar außergewöhnlich beherrscht in ihrer kühlen, unterkühlten Einschätzung der Lage. Kälter noch als das intergalaktische Medium, denn dort herrschen immerhin 2,725 K.

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Bärbel

Hallo Malea, ich tu mich schwer mit dem Anspruch "fundierte, konstruktive" Kritik zu äußern - das können andere besser. Der Text kommt so frisch daher, dass man ihn mit Vergnügen in einem Rutsch runterliest - und dann ist er leider zuende. Von wie vielen Texten kann man das sagen...? Mit so einem Erzählstil findet man garantiert sein Publikum - konkret: Du deines : ). Ich wünsche dir Erfolg! LG Bärbel

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Birgit Malow

Hallo Malea, dieser Text ist dir wirklich gelungen! Er ist kurzweilig, witzig und gut aufgebaut, so ist es wirklich an manchem Fruehstueckstisch. Ich konnte wirklich gut mit Susi mitfuehlen. Sätze wie: "Eine ganze Ladung Mutterliebe und Mutterstolz tropft auf die geblümte Tischdecke." oder "Die mütterliche Augenbraue steigt noch etwas steiler an" finde ich einfach herrlich gelungen, diese Portion Ironie, klasse. Ich werde noch mehr von dir lesen....mach weiter so. Gruss Birgit

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Frog

Moin Nordseebraut! Herrlicher Einstieg. Ganz schön zwanghaft, das alles im Hause Seck. Da muss Susanne dann ja auch zwangsläufig aus der Spur geraten. Richtig wütend wurde sie ja nicht, aber wir ahnen ja, welche Blüten Muttis Erziehungsmoral nach der Volljährigkeit treibt. P.S. Geknuddelt wurde. Wir waren auf einem Konzert und haben sogar Slips geworfen. Auf die Bühne, zu King Horn. War super. Sogar Dr. Karla ist ausgeflippt beim Gitarrensolo vom King, weißt schon, bei seinem Megahit "Never blog the frog". Bis die Tage.

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von marc

Tadellos Malea, auch wenn sich die Wut auf Augenbrauen zucken und die Farbe von reifen Tomaten beschränkt, du hast sie sehr gut in Szene gesetzt. Humor ist und bleibt doch immer mächtiger als Wut.

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von warnow

Hallo Malea,die Frage Zeitmaschine ist bei dieser Mutter berechtigt. Lass sie wirken. Gruß Winfried

Eingetragen am: 15.07.2008

Kommentar von papaya10

Hallo Malea, na da kann ich nur sagen formvollendet, 90 Grad und ein paar Winkelminuten (nie gehört, muss ich in der Schule verpennt haben) wunderbar flüssig zu lesen, auch wenn man ganzjährig warme Klamotten braucht in Absurdistan. Ich frag mich nur wo Susi ihre clevere coolness hernimmt, oder ob da nicht doch die Erwachsenenperspektive durchschimmert. Hut ab vor deiner leichten Hand beim Schreiben Grüße von papaya

Eingetragen am: 15.07.2008

Kommentar von Momo

Klasse! Manches mag zwar etwas ironisch übertrieben klingen, aber ich weiß, dass es solche Situationen durchaus geben kann. Und wer fühlt sich mit dreizehn nicht manchmal, als wäre er als Säugling aus einem Ufo in eine fremde Welt gefallen. Toller Vergleich!! Mit gefällt Dein Stil: spitz, zielsicher, immer ins Schwarze treffend und genussvoll zu lesen. Super ist auch der "Brot-für-die-Welt-Blick" oder die Portion Mutterliebe und Mutterstolz, die auf die geblümte Tischdecke tropft. Ich liebe solche Konstruktionen. Susanne Seck. Ein Name mit zwei "S". Irgendwann habe ich mal gehört, dass Menschen mit einem oder mehreren "S" am Namensanfang besonders stark sind. Willenstark. Das würde bei deiner Susanne ja zutreffen. Ich wünsche es ihr, sie wird es brauchen können. Liebe Grüße, Momo.

Eingetragen am: 15.07.2008

Eingetragen am: 14.07.2008 von Bärbel
[ Lesezeichen ]

14590

Wut

Max donnerte seine rechte Faust gegen die Wand. Der Schmerz tat irgendwie gut. Als Linkshänder musste er den Schaden begrenzen. Irgendetwas zu zertrümmern, das noch auf irgendeine Weise nützlich sein könnte, kam nicht infrage. Die Wut ließ sich aber nicht einfach runterschlucken. Auch nach dem 4. Cognac konnte er nicht sitzen bleiben. Er lief die paar Meter im Wohnraum auf, ab, auf ab. So allein mit seiner Wut machte er sich Luft , indem er schnaubend durchs Zimmer lief. Wem hätte er sich auch anvertrauen können.
Nicht genug, dass Naturschützer zunehmend Druck über die Presse auf die Schmetterlingssammler ausübten. Was sollte er denn machen, wenn es immer problematischer wurde, mit einem Käscher in freier Natur angetroffen zu werden? So ein Schwachsinn! Die Schmetterlingssammler sind doch die Bewahrer der Artenvielfalt für die Nachwelt. Immer mehr Arten starben aus. Bald wird man die Schönheit nur noch hinter Glas, aber immerhin… dank beispielsweise mir, bestaunen können. Ich werde meine Sammlung vielleicht einst einem Naturkundemuseum vermachen. Klimawandel, Abgase, Dünger… das sind die Killer. Doch nicht ich!
Der Oberhammer aber war das heute in der Firma. „Steve…“, presste er zwischen den Zähnen hervor. Ihn hatte er einmal nach einer Firmenfeier mit zu sich nach Hause genommen und ihm seine Raupenzucht gezeigt. Er wirkte wirklich interessiert. Vor allen Kollegen - und vor allem, vor allen anwesenden Kolleginnen – hatte er heute in der Besprechung diesen Satz losgelassen. Alle prusteten los, lachten Tränen – auf seine Kosten. So eine Demütigung! Wie ein Trottel stand er da, brachte kein Wort heraus. „Ich werde mir einen neuen Job suchen“, murmelte Max vor sich hin und leerte das Glas in einem Zug. „Ne; Miller muss doch am Wochenende seine Raupen graulen und aufpassen, dass die Schmetterlinge im Backofen nicht gegrillt werden und … - hier machte er eine viel sagende Pause, angesichts der sensationslüstern gebannten Mienen der Kollegen. „Was und…“, forderte ihn die Chefin zum Weiterreden auf. „Und nicht zu vergessen – die auf ihn wartenden Puppen.“ „Was für Puppen?“ feixte Brown. Das anfänglich vereinzelte Kichern griff um sich. Steve, völlig in seiner Entertainerrolle aufgehend, fügte mit theatralischer Geste hinzu: „Na die Schmetterlingspuppen in seinem Kühlschrank.“ Alle brüllten vor Lachen. Er fühlte sich sowas von verraten. Wie sollten die Anderen auch wissen, dass es gute Gründe dafür gab, was so zusammenhangslos dahingesagt nur lächerlich wirkte.
Man kann wirklich niemandem vertrauen. Er hätte es doch wissen müssen. Seine ganze Enttäuschung legte er ihn den Hieb gegen die Wand.


Kommentar von Bärbel

Hallo Marc, das nenne ich konstruktive Kritik. Ich danke dir. Einige meiner Unarten sind mir bewusst, dennoch reite ich gern auf ihnen herum. Du hast mir aber deutlich gesagt, dass ich mir das abgewöhnen soll :). Ich versuche es. Danke für das ganz konkrete Daraufstoßen - das ist hilfreich. Ob ich es umzusetzen vermag, wird sich zeigen. Das war ja schon ein kostenloses Lektorat. Danke. LG Bärbel

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von marc

Hallo Bärbel, dein Text ist sehr amüsant, die Wut in Humor zu wickeln, ist dir zwar gelungen, aber ich sehe nicht mehr viel von Wut. Könnte auch so in Ordnung sein, wie es zum Beispiel Malea #14596 praktiziert hat, wenn nicht die Mängel in deinem Satzbau wären. Keine Panic, kannst du lernen, darum sind wir ja alle in diesem Projekt. Also Marc Meckermann fängt an: irgendwie... irgendetwas... irgendeine... Irgendwo ist es zuviel. „4. Cognac“ Vier schreibt man aus, denn wir wollen ja schriftstellern und nicht rechnen. Auf und ab, liest sich besser als ... auf, ab, auf ab. Ohne „denn“ und „aber“, ist es (doch) flüssiger. Will sagen, Bindewörter sollte man ganz sparsam einsetzen, denn ohne sie bleibt die Bedeutung fast immer bestehen. Beispiel: Was sollte er machen... Die Wut ließ sich nicht einfach runterschlucken. „Er machte sich Luft , indem er schnaubend durchs Zimmer lief.“ – ist kürzer und treffender. „Der Oberhammer (aber) war, dass...“ Das habe ich auch immer falsch gemacht. Immer mehr Arten „sterben“ aus. „Bald wird man die Schönheit der Schmetterlinge nur noch hinter Glas bestaunen können.“ - ist klar und verständlich. Das die Kolleginnen „anwesend“ sind, ist logisch, schließlich spricht Steve vor ihnen; kann raus. „...hatte er heute in der Besprechung diesen Satz losgelassen.“ Ja wo? Viel zu viele Zeilen später kommst du zu diesem Satz. Seine Gedanken bitte nicht in Anführungszeichen. Du machst oft Pünktchen und Bindestriche, wo ein Komma richtiger ist. Übrigens, am besten wäre es, wenn das Wort „Wut“ nicht im Text auftaucht. Beschreiben, so dass der Leser es fühlt, ist das Ziel. An deiner Handlung, habe ich trotzdem viel Spaß gehabt. Ich würde mich freuen, wenn dein nächster Text, deinen Willen am besseren Schreiben erkennen lässt. Alles Gute und viel Erfolg.

Eingetragen am: 16.07.2008

Eingetragen am: 14.07.2008 von Eva marie Iffland
[ Lesezeichen ]

14579

Sicher ist es gewagt, aufzuschreiben. wie eine Familie vor einhundert Jahren gelebt hat. Ich habe die Lebensbedingungen meiner Großmutter und meiner Mutter nachempfunden und so genau wie möglich darstellt. Dazu waren umfangreiche Recherchen nötig, die gesammelt, gesichtet, ausgewertet und auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden müssten.
Berichte und Erzählungen liefern viel Stoff. Sie sind noch bildhaft im Gedächtnis, aber oft sind sie geschönt, ausgeschmückt, überbewertet oder verklärt.
Mitunter reicht es schon, einmal bei „google“ nachzufragen, und der Computer sagt mir, ob die betreffenden Darstellungen möglich sind.
–So zweifelte ich die Erzählung meiner Mutter an, dass sie 1923 bei einem Besuch in Berlin die erste Rundfunksendung gehört hat. Doch die Nachforschung am Computer bestätigt: Am 25.10. 1923 wurde in Berlin das erste Rundfunkprogramm ausgestrahlt. Es könnte also stimmen.
Alte Kirchenbücher liefern genaue Daten. Ein Besuch bei dem Pfarrer loht sich immer. Oft gibt es außer den Eintragungen zu denn Lebensdaten eine Chronik, in der interessante Ereignisse verzeichnet sind.
Ich habe das Glück, dass es in Vacha einen sehr engagierten Geschichtsverein gibt. Ein Mitglied, Günter Hermes hat einen reichen Schatz an Informationen gesammelt, aufgearbeitet und geordnet, den er sehr gerne an Interessierte weitergibt. Er hat alle ihm zur Verfügung stehenden Daten in eine Zeittafel eingeordnet. Diese mehrere Bände umfassende Arbeit habe ich auf CD-ROM von ihm erhalten. Sie ist für mich eine wahre Fundgrube. Mehrere Bücher, die Herr Hermes über Vacha geschrieben hat, liefern mir ebenfalls wertvolle Hinweise.
Ich besitze auch die Vachaer- Chronik von Grau und Eckhart. Hier kann ich nachlesen, dass der Pfarrer Georg Ruppel im Jahre 1525 die erste evangelische Predigt nach der Reformation in Vacha gehalten hat.
Wertvolle Hinweise liefern Fotos aus der damaligen Zeit. Sie sind authentische Zeitzeugen. Die mit abgebildeten Kinder lassen ziemlich genaue Rückschlüsse zu, in welchem Jahr die Aufnahmen gemacht wurden sind. Die Art der Darstellung, der Kleidung und des Umfeldes erzählen viel über die Lebensbedingungen der abgebildeten Personen.
Die Recherchen zu Fakten der Zeit liefern mir den historischen Hintergrund. Da ich meine Großmutter selbst nicht erlebt habe,sie ist 8 Jahre vor meiner Geburt, 1926 im Alter von 61 Jahren verstorben, muss ich erst eine Beziehung zu ihr finden. Ich möchte mir ein Bild von ihr machen. ein Bild im wahrsten Sinn des Wortes. Aber die Fotos sind so verblichen, dass ich die Gesichtszüge meiner Großmutter nicht erkennen kann. Das Bild zeigt Dorothea im Kreise ihrer schon fast erwachsenen Töchter. Die großen schönen Frauen, die Haare onduliert, die Zöpfe aufgesteckt, sitzen in malerischer Pose auf dem Rasen. Sie tragen weiße mit Spitzen und Rüschen verzierte Kleider. In der Mitte sitzt Dorothea als eine kleine zierliche Frau. Die schwarze Kleidung und der ebenfalls schwarze Hut wirken wie ein dunkler Fleck inmitten der prächtig gekleideten Töchter. Ihr Gesicht, st nicht zu erkennen. Ich scanne das Bild ein, verbessere es und vergrößere den Abschnitt, der Dorothea zeigt, bearbeite ihn und gebe Licht auf die dunkle Gestalt. Allmählich verbessert sich das Foto, bis ich plötzlich das Portrait meiner Großmutter deutlich vor mir sehe. Ihre strahlenden Augen schauen mich an, ihr Lächeln fasziniert mich. Die Großmutter ist in mein Leben getreten, stellt Fragen, will Antworten haben. Ich schaue mir das Bild immer wieder an und sehe den Stolz der Mutter: „Seht meine schönen Töchter, seht meine Trauer um Anna und Gertrud, seht, dass ich dennoch nicht verzage und hoffnungsvoll in die Zukunft schaue.
Je intensiver ich mich mit dem Bild beschäftige, desto vertrauter wird mir die Großmutter. Obwohl ich blond und hellhäutig bin, gibt es viel Ähnlichkeit mit den dunkelhaarigen Töchtern. Ich sehe mich aber auch selbst in der kleinen alternden Frau. Habe ich doch erlebt, wie meine Tanten im Alter immer kleiner und dünner wurden. Jetzt geht es mir genau so. Ja, ich bin eine alte Frau. Ich habe den Vorteil 75 Jahre erlebt zu haben und bin in der Lage über das Erlebte zu schreiben. Aber ich habe ein großes Handicap, ich bin krank. Der Parkinson bestimmt mein Leben. Als die Einschränkungen durch die Krankheit immer größer wurden, begann ich vor vier Jahren mit dem Schreiben, habe gelernt am Computer zu arbeiten, meine Texte auszudrucken und zu einem Buch zu gestalten. Es gibt sicher nicht viele Frauen, die zu ihrem 75. Geburtstag einen Internetanschluss geschenkt bekommen.
Der Parkinson ist unberechenbar. Ich weiß nie, wie es mir morgen gehen wird. Unvermittelt schlägt er zu und lähmt, im wahrsten Sinn des Wortes, alle meine Aktivitäten. Manchmal habe ich eine richtige Wut auf die Krankheit, schimpfe und hadere. Aber die Zuversicht bekommt schnell wieder die Oberhand und ich schaue, wie meine Großmutter optimistisch in die Zukunft.
Ich habe noch viel vor.


Kommentar von rosamsa

Liebe Eva marie, Dein Text berührt mich zu tiefst, zeugt er doch von soviel Lebensmut aber auch Demut vor dem Leben und seinen Unwägbarkeiten. Bin ich doch "erst Fünfzig" und komme mir manchmal zu alt vor um etwas Neues anzufangen. Dabei ist es das Neue, die Veränderung, das Lernen, das uns am Leben hält. Du machst mir Mut und auch Warnow/Winfried. Das Leben ist nicht zu Ende bevor wir tot sind. Ich kennen einen Schamanen der vor kurzem sagte: Ich lebe, weil ich sterbe. Ein wunderbarer Satz. In diesem Sinne noch viel Freude und kraftvolle Momente für Deine Arbeit. LG rosamsa

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Elisabeth

Hallo Eva, ist das der Beginn deiner Geschichte, deines Romans? Die eigenen Gedanken über den Inhalt des Romans einzubringen, spricht mich sehr an. Der letzte Abschnitt indem du dich vorstellst und der letzte, kleine Satz: "Ich habe noch viel vor", verspricht viel. Viel Glück!

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von papaya10

Hallo Eva Marie, es ist schön und macht neugierig wie du deine Großmutter ins Bild rückst. Es ist ermutigend, wie du deiner Krankheit die Stirn bietest und ich wünsch dir alles Glück fürs Weiterschreiben und vielleicht sollte ich mal einen Bildbearbeitungskurs bei dir machen? herzliche Grüße papaya10

Eingetragen am: 15.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Eva Marie, ist dein Text eine Autobiographie? Respekt!!! Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von warnow

Hallo Eva Marie, wenn auch Deine Wut nur einen kleinen Teil Deines Textes in Anspruch nimmt, so ist diese Wut doch nachvollziehbar. Aus Deinen Worten entnehme ich aber auch, dass diese, durchaus berechtigte Wut für Dich auch Ansporn ist, jede Minute, in der sich die Krankheit verkrochen hat, zu nutzen. Ich bin etwa gleichaltrig, beschäftige mich auch mit den Ahnen und kann deshalb Deinen Text nachvollziehen. Dein Schlusssatz "Ich habe noch viel vor." zeugt von Deinem Optimusmus. Alles Gute Winfried

Eingetragen am: 14.07.2008

Eingetragen am: 14.07.2008 von Bibi
[ Lesezeichen ]

14585

Fassungslos werfe ich mein Telefon auf den Beifahrersitz. Er hat einfach aufgelegt, hat mich nicht ausreden lassen. Ich will nicht weinen, in meinen Augen sammeln sich trotzdem Tränen. Die Straße vor mir wird immer undeutlicher. Anstatt den Wagen zu drosseln, gebe ich mehr Gas. Ich will wirklich nicht ungerecht sein, aber in diesem Moment zähle nur ich selbst. Das Atmen fällt mir schwer, etwas schnürt mir die Luft ab und ich mache beinahe eine Vollbremsung. Am Straßenrand kommt der Wagen zum Stehen.
Ich fühle mich wie gelähmt, dieser Körper gehört nicht mir. Nachfolgende Wagen fahren hupend an mir vorbei. Langsam kommt wieder Leben in meine Glieder. Ich möchte um mich schlagen, laut schreien, wild auf und ab hüpfen. Fühle mich schlecht behandelt, unglaublich klein. Gegen dieses klein muss man sich wehren. Ich brauche ein Ventil, möchte wachsen, zerplatzen wie ein prall gefüllter Luftballon, mich entladen wie ein Sommergewitter.
Ich atme heftig und mein Herz schlägt schnell. Die Hände halten das Lenkrad fest umklammert. Abrupt löse ich sie und lasse sie auf meine Beine fallen. Ich lege den Kopf in den Nacken und presse ihn fest gegen die Kopfstütze. Mein Gesicht verkrampft sich zu einer Grimasse und ich beginne zu weinen. Anfangs widerwillig, dann jedoch wandert die Grimasse durch meinen ganzen Körper. Blitz und Donner folgen in immer kürzeren Abständen, erreichen ihren Höhepunkt mit einem lauten Schluchzer und entfernen sich voneinander. Mein Körper entspannt sich und mich überkommt Müdigkeit. Mir ist kalt. Der Motor des Wagens läuft noch. Ich stelle ihn ab. Dann werfe ich einen Blick in den Rückspiegel und erschrecke: vom Weinen rote geschwollene Augen, die Wimperntusche verlaufen, die Haare unordentlich, aber der Blick ist nicht mehr wütend.


Kommentar von Bibi

So, Ihr Lieben, eins muss man Euch ja lassen: Ihr seid ganz schön aufmerksam. Im Original ist der Text in der dritten Person Sing. und auch in der Vergangenheit geschrieben. Ich wollte etwas Neues ausprobieren. War wohl nicht so gut. Ein Sommergewitter klingt zu harmlos? Dabei haben es doch gerade Sommergewitter in sich. Mit Überschwemmungen, Extremhagel, schülwarmer Luft, Abkühlung. Ich gebe zu, dass ich mit dem Thema Wut so meine Probleme habe, gerade weil mir niemand zutraut, dass ich richtig wütend sein kann. Außerdem wollte ich mich kurz fassen. Ich werde meinen Beitrag noch einmal überarbeiten. Und Azahar, meckern macht gar nichts, schließlich wollen wir doch alle etwas lernen, nicht wahr? Viele Grüße Bibi

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Elisabeth

Hallo Bibi, in deinem Text ist deine Wut eindeutig. Ich glaube aber, wenn du ihn in der Vergangenheit schreiben würdest, käme sie besser zum Ausdruck. Du könntest dann noch eigene Gedanken in Präsens einfließen lassen: Fassungslos warf ich mein Telefon auf den Beifahrersitz. Er hat einfach aufgelegt, hat mich nicht ausreden lassen. Ich wollte nicht weinen, in meinen Augen sammelten sich trotzdem Tränen....Was meinst du? Liebe Grüße.

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von warnow

Hallo Bibi, Du schilderst eine Situation, in der die Protagonistin keine Möglichkeit hatte zu reagieren. Sie blieb mit ihrer Wut allein. Der Moment, in dem die Telefonpartnerin oder der Telefonpartner auflegt, ist der Schlimmste. Gedemütigt bleibt ein Mensch zurück. Im Kommentar von Azahar sind einige Details erwähnt, an denen Du vielleicht noch arbeiten solltest. Gruß Winfried

Eingetragen am: 15.07.2008

Kommentar von Azahar

Hallo Bibi, deine Idee, einen Wutanfall mit einem Gewitter zu vergleichen, finde ich sehr gut. Was allerdings schade ist, ist, dass sich die ich-Erzählerin sobald das Wetter so richtig losbricht, vollkommen von sich selbst distanziert. Du beschreibst die Szene so, als würde die Erzählerin draussen vor dem Autofenster stehen und sich selbst beobachten. Man sieht nur noch die Reaktionen auf das was in ihrem Inneren passiert, erfährt aber nichts mehr über ihre Emotionen. "Die Hände halten das Lenkrad fest umklammert. Abrupt löse ich sie und lasse sie auf meine Beine fallen." - Hier fragte ich mich z.B. warum löst sie abrupt die Hände vom Lenkrad? Das tut sie doch nicht ohne jeglichen Grund, oder? Noch eine Anregung: Du verwendest immer wieder Wörter und Ausdrücke, die m.E. die Wut verharmlosen. Auf und ab hüpfen, Luftballone und Sommergewitter haben für mich z.B. so gut wie gar keine negativen Konnotationen, ganz im Gegenteil. Wie wäre es z.B. mit einem Gewittersturm an Stelle von dem Sommergewitter? Und noch was... ich bin eine alte Nörglerin, ich weiss... drosselt sie wirklich den Wagen, oder doch eher die Geschwindigkeit? Bitte die Meckerei nicht übel nehmen, es sind einfach nur Gedanken, die mir beim Lesen kamen und vielleicht kannst du ja mit dem ein oder anderen was anfangen. Vom sprachlichen her, finde ich deinen Text nämlich sehr gut! Klare, runde Sätze und viele Bilder! LG Azahar

Eingetragen am: 15.07.2008

Eingetragen am: 14.07.2008 von Lichterfield
[ Lesezeichen ]

14574

Saphirus´ Hilferuf

„Ich mache mir Sorgen um dich – melde dich, Saphira! Melde dich!“
Saphirus setzte sich unter den Stein, der in regelmäßigen Abständen zu ihrem Treffpunkt geworden war. Er sah hoch zum Kugel-System. Ob man sie dort festhielt?
Warum konnten sie seine Gedanken nicht erreichen! Er verfluchte seine Unfähigkeit, telepathisch mit ihr zu kommunizieren. Trotzdem versuchte er es immer wieder.
Irgendetwas musste passiert sein.
„Liebender Vater, solltest du mich hören, solltest du zu meinen Gedanken vordringen – hilf Saphira, lass sie frei! Lass sie zu uns kleinen Menschen kommen.“
Er wusste, dass diese Gedanken gefährlich waren, dass vielleicht gerade der LV sie zurück hielt. Das war sogar mehr als wahrscheinlich. Sie hatten sich zu weit vorgewagt. Saphira! Vielleicht konnte er sie über ihre Bildwand erreichen, das hatte schon einmal geklappt. Die hohen Frequenz-Bereiche verursachten immer wieder kleine Störungen bei den Kuglern. Er verließ den Stein und flog zur Sendezentrale. Melde dich! Melde dich! Dann wieder zurück zum Stein. Nichts. Er merkte, wie wichtig ihm Saphira geworden war. Seit sich die Kugler gegen die kleinen Erdmenschen verschworen hatten, war sie ihre einzige Hoffnung gewesen. Immer wieder schickte der LV Menschen auf die Erde, die alles zerstören sollten. Geklonte Massenvernichter, dem Kugel-System unterworfen. Saphira war anders. Mit ihr konnte er alles in Frage stellen. Das System der Erde und das der Kugler. Beide ahnten, dass das Zeitalter der Reduktion sich seinem Ende näherte. Einige der Kugel-Bewohner lebten schon wieder auf der Erde, weil sie es schafften, ihren Körper anzupassen. Einige der kleinen Menschen wuchsen. Sie hielten sich in Höhlen versteckt, um nicht von der Propaganda-Kugel gesichtet zu werden. Aber sie brauchten das Wissen der Bücher, weil sie zwar in ihrem Kopf alles Wissen vereint hatten, aber es nicht umsetzen konnten. Die Fähigkeit dazu hatten sie im Kugel-System verloren. Dort brauchten sie keine Fähigkeiten. Die kleinen Erdbewohner halfen ihnen, so gut sie konnten. Sie lehrten sie die Pflanzen, die für sie gesund waren von den giftigen zu unterscheiden, sie lehrten sie, Feuer zu machen und zu jagen. Saphira aber hatte die Gabe, den goldenen Buchstaben zu finden, der alles Wissen unter Verschluss hielt. Saphira! Sein Ruf verhallte oberhalb der Bäume. Saphira! In seinem Innern vernahm er ihren Hilferuf. Seine Möglichkeiten reichten aber nicht bis ins Kugel-System.
„Liebender Vater, du hörst mich! Zertrete mich! Lass Saphira auf die Erde! Sie darf nicht gefangen sein! Sie nicht!“ Er ballte die Fäuste gegen das Kugel-System.
„Ich hasse euch alle!“ Saphirus schlug mit beiden Fäusten gegen den Stein, bis sie blutig waren. Er schlug mit dem Kopf dagegen, bis Blut von seiner Stirn rann.
„Liebender Vater! Ich hasse dich! Lass sie frei!“ Er schrie und schrie und schrie, hilflos wie ein verwundetes Tier. Dann brach er zusammen.


Kommentar von Lichterfield

Ich habe das Gefühl, dass mir die ganze Geschichte im Moment über den Kopf wächst. Die Figuren und die story werden immer größer, immer komplexer. Ob ich das bewältigen kann, steht im wahrsten Sinne des Wortes in den Sternen. Ich befinde mich in einer absoluten Krise ob des Anspruchs, den ich habe. Lichterfield

Eingetragen am: 17.07.2008

Kommentar von papaya10

Hallo Lichterfield, ich freu mich dass Saphira Unterstützung bekommt und ich erahne: LV und das Kugel-System (sorry wegen dem Kriegercomment) haben rebellische abgewanderte kleine Erdenbewohner mit besonderen Fähigkeiten hervorgebracht wie Saphira und Saphirus (heißt er so um enge Verwandtschaft zu signalisieren, müsste mE. nicht sein?) Ich habe trotzdem noch viele Fragen, wieso ist das Kugelsystem oben? wie kommts dass LV Menschen von dort als Zerstörer ins Erdensystem jagt. Dann frag ich mich, ob das klug ist, wenn Saphirus den mächtigen LV direkt um die Freigabe von Saphira bittet. Wieso sollte der Saphira herausrücken? Hat Saphirus noch einen Trumpf in der Hinterhand, mit dem er LV ausknocken kann, zumindest kurzfristig. Du schreibst dass Saphirus Ruf oberhalb der Bäume verhallt aber LV hört ihn trotzdem? Ich bin gespannt wies weitergeht im Zeitalter der Reduktion.Und drücke den beiden die Daumen. herzliche grüße papaya10

Eingetragen am: 17.07.2008

Eingetragen am: 14.07.2008 von Maren
[ Lesezeichen ]

14563

Heinz redet mit sich selbst, ich bin in Amerika geboren und warum soll gerade ich für die Firma nach Afghanistan?

Heinz greift zum Telefon, er ruft seine Eltern an.
„Hello, who is speaking?“
„Hi, Mum it`s me.“
"My dear son, wie geht es dir? Wie geht es deinen Söhnen und Biggi?“
„Gut, gut, wie geht es euch? Und was macht deine Hüfte, besser? Freut mich. Ich muss mit Dad etwas Geschäftliches besprechen, ist er da? Ja? Gib ihn mir doch bitte.“
Heinz hört im Hintergrund wie sie ihn zum Telefon ruft.
„Hallo, mein Sohn, was ist los?“
„Dad, können wir uns zum lunch treffen? Es ist wichtig für mich, ich muss etwas mit dir besprechen. Aber sage nichts zu Mum, du weisst ja wie sie reagiert, o.k. ? Punkt 12, ich reserviere in deinem Lieblingsrestaurant. Bis später.“

Heinz trifft seinen „alten Herrn“ immer mal wieder zum Austausch. Nnoch immer ist sein Dad im Herzen ein Banker der alten Garde, immer korrekt, auch elegant gekleidet, mit seinen weissen Haaren eine imposante Erscheinung.
Charmant wie immer, denkt Heinz. Nach kurzer höflicher Begrüssung, sagt Dad: „ Jetzt bestellen wir erst einmal und dann erzählst du, aber vorher stossen wir noch an. Ich freue mich immer, dich zu treffen“.

Heinz erzählt, dass seine Firma ihn für 6 Monate nach Afghanistan senden will.

„Weisst du, Dad, ich bin an einem Punkt, wo ich eine Veränderung haben möchte, aber sicher nicht diese.“
„Jetzt lass uns erst einmal anstossen, hat der Wein nicht eine schöne Farbe? Ich liebe diese italienischen Weine. Wie geht es Biggi ?“
„Heinz, machst du dir Gedanken wegen deiner Familie? Oder geht es um deine Arbeit, deine Karriere?“
„Ich an deiner Stelle würde Afghanistan nicht akzeptieren. Was gedenkst du zu tun?“
„Noch heute werde ich kündigen,“ sagt Heinz. "Ich fühle mich als Amerikaner, wie auch als Deutscher, oder umgekehrt. Oft weiss ich nicht, welches meine Muttersprache ist. Das nur nebenbei“
Sein Vater hört aufmerksam zu, nippt am Wein: „Und dann?“
„Ich habe schon Kontakt zu meinem ehemaligem Chef aufgenommen, du kennst ihn ja, Mr. Fleece, wir haben da etwas am Laufen, ich kann’s noch nicht erzählen. Aber du erfährst es dann sofort.“
„Was sagt Biggi dazu?“
„Dad, Biggi und ich..., wären da nicht die 2 Kinder, ich...“ ,
Sein Vater unterbricht ihn: „Glaub mir, das regelt sich wieder, ich weiss wovon ich rede, denk an mich, mein Sohn, wenn du Zweifel bekommst.“.
„Eigentlich wollte ich noch sagen, Biggi weiss noch nichts.“
„Heinz, tu, was Du für richtig hälst und lass mich wissen, wenn du mich brauchst.“

Heinz erledigt sein Vorhaben, es ist eine sehr unangenehme Situation, es waren harte Verhandlungen, aber er hat sich durchgesetzt. Er wird ab sofort freigestellt, morgen muss er noch die Übergabe regeln.
Danach geht Heinz erleichtert und müde nach Hause. Als er die Tür aufschliesst, hört er gerade noch wie Biggi in einem anderen Tonfall als üblich telefoniert und dann schnell auflegt als er sich räuspert.

„Biggi, ich habe dir viel zu erzählen.“
Biggi erwidert ahnungslos: „Na, dann schiess los, ich höre“.
Heute habe ich in der Firma gekündigt, morgen muss ich alles übergeben, und ich bin freigestellt worden. Wir können dann zusammen öfters etwas unternehmen.“
Biggi`s Gesichtsausdruck zeigt keine Freude, aber Heinz übergeht das wie immer.
"Freust du dich gar nicht? Wir können mit den Kindern auch mal woanders hinfahren und nicht immer nach Kalabrien. Was meinst du ?“
„Aber, ich habe doch meinen Eltern versprochen, dass ich komme. Was soll das alles? Warum hast du gekündigt? Und was soll jetzt werden?“
„Ich habe dir ja erzählt, dass dieser Idiot von Präsident meinem Chef angewiesen hat, mich nach Afghanistan zu schicken. Diesen Schleimer kann ich sowieso nicht ausstehen und mein Chef ist mehr als unterwürfig ihm gegenüber. Schluss jetzt mit diesen Komikern, ich, äh, wir gehen wieder in die Staaten zurück.“
„Was machen wir?“ fragt Biggi entsetzt.
„Ja, Du hast richtig gehört, ich werde in den USA eine neue Aufgabe übernehmen.“
"Da musst Du alleine gehen, ich ziehe nicht schon wieder um! Dieses Mal mache ich nicht mit.“
„Hör zu, es gibt zwei Möglichkeiten: wir gehen zusammen oder wir trennen uns. Denk darüber nach, my darling.“
Biggi dreht sich langsam um und wie in Trance nimmt sie die schöne Glasschale, gibt dem Inhalt, Obst, einen Schubs, dieses rollt quer über die Tischplatte und fällt auf den Boden. Biggi hebt die Schale hoch und brüllt so laut sie kann: „Du eingebildeter Drecksack, immer bestimmst du alles, das Theater habe ich satt!“ und schmettert die Schale Heinz vor die Füsse.
Tausende von feinsten Glassplitter sprühen überall hin, da liegt nun die teure „Prachtschale aus Venedig, designed by Moretti“, die er ihr zum letzten Hochzeitstag geschenkt hatte.
Heinz steht wie angewurzelt da und staunt. So hat er seine Frau noch nie erlebt. Gleichzeitig denkt er, wenn sie tobt, ist sie noch hübscher. Dann dreht er sich um, geht raus und knallt die Tür zu.


Eingetragen am: 14.07.2008 von Azahar
[ Lesezeichen ]

14532

Besser spät als nie... die letzten beiden Wochen waren unmöglich und ich hatte und habe ehrlich gesagt noch immer überhaupt keine Muse (Tania und Daniel mögen es mir verzeihen). Sorry, dass es wieder so lang geworden ist.

Kurz zur Erklärung: Ferdinand ist Tanias Ex-Freund, der trotz inzwischen mehr als zweijähriger Trennung, nicht einsehen will, dass die Beziehung zu Ende ist.
Tania war eineinhalb Jahre im Ausland, doch seit sie wieder an ihrer Uni in Deutschland ist, verfolgt und belästigt Ferdinand sie auf Schritt und Tritt.
____________________________________________________


„Meine Runde“, erklärte ich und schnitt Heike damit das Wort ab.
Kein Tequila mehr heute, zumindest nicht für mich!
Ich stand ja schon jetzt nicht mehr ganz gerade, dabei waren wir seit kaum einer halben Stunde hier.
Todesmutig drängte ich mich in Richtung Bar durch. Es war inzwischen unerträglich voll und ich musste mehrfach meine Ellbogen einsetzen um mir Platz zu machen. Wie ich das hasste!
Endlich bekam ich mit einer Hand den Rand des Tresens zu fassen und klammerte mich daran fest wie eine Schiffbrüchige, die die raue Meeresströmung immer wieder von der rettenden Holzplanke wegzerren wollte. So leicht würde ich mich nicht unterkriegen lassen.
Jemand neben mir versuchte gerade eine Bestellung für zwei Gin Tonic aufzugeben. Die Stimme kam mir bekann vor. Allzu bekannt.
Das durfte nicht wahr sein!
Ferdinand! Der hatte mir ja gerade noch gefehlt. Was hatte der hier überhaupt zu suchen? Wenigstens hatte er mich noch nicht gesehen.
Automatisch hatte ich das Holz des Tresens losgelassen um mich unauffällig fortspülen zu lassen, doch im gleichen Moment rempelte mich jemand von hinten an und ich griff nach dem nächstliegenden um nicht zu Boden zu gehen. Ferdinands Arm.
Wie gebrannt ließ ich ihn sofort wieder los und verfluchte den Tölpel, der jetzt meinen Platz an der Bar eingenommen hatte.
Ferdinand sah sich auch schon um und stieß dann ein erstauntes „Tania!“ aus.
Seinen Gesichtsausdruck wollte ich nicht deuten, aber der Fluchtreflex, den er in mir auslöste, ließ mich in Panik ausbrechen und die Menschenmenge schien plötzlich undurchdringlich.
Tief durchatmen, Tania, immerhin bist du hier nicht allein mit ihm. Wenn er zu aufdringlich wird, musst du nur schreien. Das wichtigste ist, jetzt bloß kein Gespräch mit ihm anzufangen, du weißt genau, er begnügt sich nie mit dem kleinen Finger.
„Ja, hey, sorry“, murmelte ich abweisend und versuchte dann so schnell wie möglich, zwischen ein paar schnatternden Erstsemestern eine Lücke zu finden, um mich aus dem Staub zu machen.
Nachdem Ferdinand in den letzten paar Wochen nichts mehr von sich hatte hören lassen, hatte ich gehofft, ihn nie mehr wiedersehen zu müssen, oder ihm zumindest für alle Ewigkeiten aus dem Weg gehen zu können. Und jetzt das!
„Was machst du denn hier?“, hörte ich ihn fragen.
Was werde ich hier schon machen, du Hohlkopf? Das ist meine Fachschaft, meine Fete! Der der hier nichts zu suchen hat, bist du!
Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört und zwei Mädels machten mir lachend Platz. Doch Ferdinand hatte mich schon eingeholt und hielt mich am Oberarm fest.
„Sprichst du jetzt nicht mehr mit mir, oder was?“
Ich schüttelte ihn ab. „Lass mich in Ruhe!“ Und fass mich bloß nicht nochmal an, sonst kannst du die nächsten zwei Wochen nicht mehr gehen, das schwöre ich dir!
„Mensch Tania, was hab ich dir denn getan? Ständig behandelst du mich wie den letzten Dreck!“, warf er mir vor.
Ich stöhnte mit zusammengebissenen Zähnen. Keine Diskussion, lass dich bloß auf keine Diskussion mit ihm ein! Nicht hier, nicht heute, niemehr!
„Spiel nicht den Idioten!“, fauchte ich schließlich doch. „Du weißt sehr genau warum, wieso und weshalb!“
„Aber was kann ich denn dafür! Ich kann nicht anders, ich brauche dich doch!“, jammerte er.
Na, da wären wir ja wieder.
„Es tut mir wirklich leid, dass ich so aufdringlich war“, fuhr er dann im gleichen weinerlichen Ton fort. Was den Effekt der Entschuldigung sofort zunichte machte.
Nein! Tania, du wirst ihm nicht antworten, du drehst dich jetzt einfach um und gehst.
„Ich will dich nicht nerven, ich will doch bloß, dass wir Freunde sind“, bettelte er, während er mir dicht auf den Fersen blieb.
Ich will aber nicht mit dir befreundet sein! Ich will zwischen dir und mir ganz viel Wasser, einen Ozean mindestens, wissen! Ich atmete tief durch. Würde ich ihn jetzt zusammenbrüllen, hätte das sicherlich den gewünschten Effekt und er würde, höchstwahrscheinlich auch noch erfreut über meine Aufmerksamkeit, kuschen und sich verziehen. Aber ich hatte überhaupt keine Lust zur Volksbelustigung beizutragen.
„Ich aber nicht!“, gab ich schließlich zurück und stemmte mich, um mir Platz zu machen, heftiger als nötig gegen den Rücken eines Typen, der auch promt aus dem Gleichgewicht geriet.
„Hey! Pass doch auf“, ereiferte der sich, aber ich ignorierte ihn, ich musste hier raus, so schnell wie möglich, ich konnte Ferdinands Atem in meinem Nacken nicht noch eine Sekunde länger ertragen.
„Du bist so... so kalt, Tania“, jammerte Ferdinand jetzt. „Kannst du nicht verstehen, was ich für dich empfinde?“
Schluss! Das musste jetzt ein Ende haben, jetzt sofort! Ich fuhr zu ihm herum. „Verschwinde!“, zischte.
„Aber Tania!“
„Verschwinde!“ Ich merkte, dass meine Stimme lauter wurde und der hysterische Unterton gefiel mir gar nicht. Wenn ich mal in Fahrt war, würde ich Ferdinand alles an den Kopf schmeißen, was mir nur irgendwie über die Lippen kam. Ich konnte den Spuck- und Kratzreflex, den sein Gejammere bei mir auslöste, kaum mehr unterdrücken.
„Abe...“
„Hau ab!“, fauchte ich und hätte am liebsten noch ein Du ekelst mich so an! hinten dran gesetzt, aber zu meinem Erstaunen hatte sich Ferdinand schon wortlos und ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, umgedreht und ich konnte ihm nur ungläubig nachstarren, als er sich wieder durch die Menge in Richtung Bar kämpfte. Noch immer auf der Hut bemerkte ich plötzlich, dass mir trotz der Hitze kalter Schweiß über den Rücken lief.
Mensch Tania, komm mal wieder runter!
Aber das war leichter gesagt als getan.
Benommen, bahnte ich mir einen Weg zurück zu den anderen.

„Mensch, wo hast du denn die Getränke gelassen!“, schrie mir Basti entgegen.
Heike, die noch immer mit Daniel flirtete, machte ebenfalls ein entsetztes Gesicht. „Du hast ja gar nichts mitgebracht!“, rief sie enttäuscht. Doch dann lachte sie und zog eine volle Flasche Tequila und zwei Flaschen Bier hinter ihrem Rücken hervor. „Ha! Ich war schneller! Im Dschungel überleben nur die stärksten!“, triumphierte sie und hielt mir zwei Sekunden später ein gefülltes Glas entgegen.
Ich machte mir nicht die Mühe, nach dem Stück Zitrone zu greifen, das sie mir ebenfalls anbot, sondern kippte den Alkohol ohne zu zögern. Er schmeckte scheußlich und mein Magen brannte.
„Wer war das?“, fragte Daniel und zog mich zu sich.
Das Brennen im Magen löste sich in ein warmes Glücksgefühl auf. Das war eindeutig das Glas Tequila zu viel gewesen, das ich nicht mehr trinken wollte.
Immerhin hatte Daniel mich trotz Heikes Penetranz nicht aus den Augen gelassen, was an übernatürliche Kräfte grenzte. Ich war gerührt.
„Das erzähl ich dir später“, murmelte ich. „Der Typ ist absolut durchgeknallt.“
Mir war plötzlich schwindlig und ich war froh, mich an Daniel abstützen zu können. Ich fühlte seinen Atem an meinem Ohr, seine Nase an meiner Wange und dann seine Lippen. Der Alkohol, der mich noch vor wenigen Sekunden benebelt hatte, fühlte sich plötzlich ungemein gut an in meinem Blut.
„So ist das also!“, zischte eine Stimme dicht neben mir.
Mein Herz setzte vor Schreck kurz aus. Nein, bitte nicht! Bitte nicht! Das musste eine Halluzination sein! Vielleicht würde er ja wieder weggehen, wenn ich mich nicht umdrehte, das Gesicht an Daniels Hals verborgen hielt und mich ganz einfach tot stellte.
„Das ist also der Grund, warum du nichts mehr mit mir zu tun haben willst!“, höhnte Ferdinand jetzt. „Habe ich es mir doch gleich gedacht.“
Es war keine Halluzination.
Benommen richtete ich mich auf und starrte ihn wohl eine ganze Zeit lang an, ohne ein Wort artikulieren zu können. Nur langsam fanden meine Gedanken wieder in den Arbeitsmodus zurück.
„Nein, Ferdinand, das ist nicht der Grund, das ist definitiv nicht der Grund!“, antwortete ich schließlich, ruhiger als ich das jemals von mir erwartet hätte. Der Alkohol half ganz eindeutig. Fast hätte ich gegrinst.
Ferdinand ingnorierte mich. „Wusste ich doch, dass ein anderen Typ dahinter steckt“, ereiferte er sich. „Du bist eine verdammte Schlampe, weißt du das?“
Wahrscheinlich hätte ich ihm an den Hals springen sollen, oder sowas, aber ich konnte plötzlich nur noch lachen. „Sag mal hörst du mir überhaupt zu, hast du mir jemals zugehört? Hier geht es nicht darum, ob ich andere Männer dir vorziehe, hier geht es einzig und allein darum, dass ich mit dir nichts zu tun haben will und dass du mich anekelst. Dass ich andere Männer dir vorziehen könnte, stand überhaupt nie zur Frage, das ist eine Tatsache!“
Ich entwand Daniel meine Hand, die er bis jetzt festgehalten hatte, denn ich fühlte die Wut zurückkehren, und sollte ich Ferdinand irgendetwas an den Kopf werfen müssen, wären das dieses mal sicher nicht nur Worte gewesen.
Ferdinand hörte mir nicht zu, natürlich nicht. „Sag, was hat dieser Krüppel, was ich nicht habe?!“, höhnte er.
Ich erstarrte. Mein Kopf schwirrte plötzlich und meine benebelten Gedanken flatterten und kreischten wie ein, von einem Schuss aufgeschreckter Schwarm Krähen, während einer der Vögel und dann noch einer leblos wie Steine zu Boden plumpsten. Das hat er nicht gesagt, das hatte er nicht gesagt! Dieses miese kleine Stück Scheiße!
„Nimm das sofort zurück!“, fauchte ich und fühlte, wie sich mein Körper zum Angriff spannte.
Ich weiß nicht wie furchterregend ich aussah, aber Ferdinand wich mit überraschtem Gesichtsausdruck einen Schritt zurück.
„Ist doch war, Tania, wach auf!“, spottete er, wieder in sicherem Abstand.
Ich hatte zwei Möglichkeiten, entweder ich verpasste ihm jetzt einen rechten Haken direkt auf die Nase, nicht, dass ich so was schon mal gemacht hätte, aber den Versuch wäre es wert, oder ich kotzte ihm vor die Füße, mir war plötzlich unendlich schlecht.
Da spürte ich Daniels warme Hand an meinem Bein, die mich von Ferdinand wegzog. Nein! Daniel! Ich sträubte mich. Ferdinands selbstgefälliger Gesichtsausdruck trieb mir Tränen der Wut in die Augen.
„Lass ihn“, sagte Daniel ruhig.
„Ich kann ihn doch nicht so einfach...“ Ich wehrte mich gegen seine Hand, gegen seinen Daumen in meiner Kniekehle, der jetzt fester zudrückte.
„Doch du kannst“, erwiderte Daniel und ich musste hilflos mit ansehen, wie Ferdinand mit hocherhobenem Kopf zurück in Richtung Bar stolzierte.
„Dieser Arsch hat dich beleidigt!“, stieß ich hervor.
„Dieser Arsch ist ganz eindeutig schwer verliebt“, antwortete Daniel und grinste.
Verdammt! Das war zu viel. Hör auf den Helden zu spielen!
„Verliebt?! - Der Typ ist ein absoluter Psychopath! Und jetzt glaubt er auch noch, dass er damit davonkommt, dass er mich oder dich einschüchtern könnte!“
„Ich glaube nicht, dass er das kann“, sagte Daniel.
Ich stöhnte. Hör jetzt sofort auf mit diesem Unsinn, Daniel! „Theoretisch ist das alles ganz wunderbar, Herr Psychologe“, fuhr ich ihn an, „praktisch aber überhaupt nicht. Das macht niemand mit mir oder den Personen, die ich liebe!“
„Lass ihn!“ Daniel lachte jetzt und zog mich zu sich.
Nein, Daniel, das hast du nicht verdient, das nicht!
„Hey, soll ich euch einen Witz erzählen?“ Heike wedelte lallend mit einer der inzwischen nur noch halbvollen Bierflaschen vor uns rum.
Bier, dachte ich.
Ich riss Heike die Flasche aus der Hand. Durch das schummrige rauchige Licht hindurch sah ich Ferdinand mit einem anderen Typen an der Bar lehnen.
Räkle dich nur selbstgefällig, das wird dir gleich vergehen.

Ich weiß nicht, welche Energie man in solchen Zuständen ausstrahlt, aber die Menge schien sich freiwillig vor mir zu öffnen. Ferdinand hatte mich noch nicht bemerkt und sah erst erstaunt auf, als ich direkt vor ihm stand. Ohne ein Wort zu sagen, schüttete ich ihm den ganzen Inhalt der Flasche über den Kopf.
Er starrte mich ein paar Sekunden zu viel wie gelähmt an und brachte erst ein quietschiges „Bist du wahnsinnig?!“ hervor, als die Flasche schon leer war und ihm Bier aus den Haaren rann und übers Gesicht troff.
Er sah zu komisch aus. Ich musste grinsen und fühlte mich plötzlich wirklich sehr heiter, stellte die leere Flasche neben ihn auf den Tresen und ging. Die Menge grölte.
Wage es nicht noch einmal, dich mit mir anzulegen! Ich bin eine sehr schlechte Verliererin, deshalb gewinne ich immer!

„Du bist ja nicht ganz richtig im Kopf“, schimpfte Daniel, aber ich sah wie es um seine Mundwinkel zuckte.
„Tania, du bist ein Hit!“ Heike kreischte vor Vergnügen. Natürlich, so was gefiel ihr.
„Ich habe immer das letzte Wort“, erklärte ich Daniel, „und sag mir jetzt bloß nicht, er hätte es nicht verdient.“
Daniels Mundwinkel zuckten stärker. „Du hast ja Recht, er hat es verdient!“ gab er schließlich zu. „So tapfer hat mich noch nie eine Frau verteidigt.“
„Na, dann wurde es ja höchste Zeit. Du schluckst zu viel, mein Lieber, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie befreiend so was sein kann.“
Daniel lachte und zog mich auf seine Knie. „Ich liebe Frauen, die ihren Mann stehen.“
„Unsinn“, ereiferte ich mich, während Daniels Gesicht in meine Haare sank, mein Adrenalinpegel war ganz eindeutig noch immer zu hoch, „ein Mann hätte so was niemals gemacht, der hätte direkt zugeschlagen.“
Ich konnte Daniels Atem in meinem Nacken fühlen und die Wut verrauchte auf einen Schlag, machte Hitze Platz als seine Zunge meine nackten Schulterblätter berührte. Er musste den Schweiß und das Salz auf ihnen schmecken.
„Ich will mit dir schlafen“, flüsterte er und schlang seine Arme fest um meine Hüften.
Ich musste kurz die Augen schließen, aber Heike hielt mir kichernd ein weiteres Glas Tequila entgegen. Ich nahm es ihr automatisch ab und trank in einem Zug. Erst danach wurde mir bewusst, was ich getan hatte, aber das war jetzt auch schon egal. Ich konnte Daniels heiße Hände, die schwer um meine Taille lagen, durch den dünnen Stoff meines Kleides sehr gut fühlen. Ich löste sie sanft von meinem Körper und rutschte von seinen Knien.
„Lass uns gehen!“, flüsterte ich, plötzlich nur noch Erregung.


Kommentar von Azahar

@ Numungo Vielen Dank für deinen Kommentar! Tania heisst tatsächlich Tania mit i. Ich könnte mir jetzt eine fadenscheinige Begründung dafür aus den Fingern saugen, wie z.B. dass ihre Mutter, kurz bevor Tania geboren wurde, ein paar Bücher von Karen (Tania) Blixen gelesen hatte und total davon begeistert war. Aber die Wahrheit ist, der Name gefällt mir so einfach besser. @ Frog Es freut mich, dass dir die Schwinungen zwischen Daniel und Tania gefallen, genau so soll es ja auch sein. Die ganze Szene spielt schon eher im letzten Drittel des Buches und bzgl. Ferdinand ist das ganze eigentlich nur der Gipfel des Eisberges. Seine "(Vor)Geschichte" zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Ich weiss, dass ist für die, die hier nur einen Ausschnitt zu lesen bekommen, kein grosser Trost, aber vielleicht schafft es das Buch ja doch noch mal irgendwann in einen Laden. ;-) @ Malea Ach ja, die Zeit an der Uni, das war schon was... *seufz* :-) Danke für deinen Kommentar! Es freut mich einen neuen Leser dazugewonnen zu haben! Ferdinand ist eine ziemlich nervige Kombination aus beidem.

Eingetragen am: 22.07.2008

Kommentar von Malea

Na, das ist ja eine heiße Story! Hat mir gut gefallen. Du schaffst es, die schwüle, leicht durchgeknallte Stimmung der Studi-Fete rüberzubringen (ich erinnere mich dumpf, aber gerne...). Auch die etwas wirren Handlungen von Tania passen zu ihrem EtOH-Pegelstand. Dieser Ferdinand, einfach nur ein Idiot, oder ein Stalker? Auf jeden Fall bist du jetzt auf meiner festen Leseliste (ich habe auch noch mal alle alten Texte von dir durchgelesen, die mir entgangen waren), bin gespannt auf mehr. Liebe Grüße, Malea.

Eingetragen am: 17.07.2008

Kommentar von Frog

Mich hast Du schnell in die Szene hinein gezogen. Erst will sie nicht zur Volksbelustigung beitragen, dann tut sie es aber doch. Schade, dass die Flasche nur noch halb voll war! Die Schwingungen zwischen Tania und Daniel sind gut beschrieben. Diese Liaison macht mich neugieirg. Das Zeckenhafte an Ferdinand ist für meinen Geschmack nicht deutlich genug. Idee: Eine kleine Erinnerung einbauen, in der Tania diesen Kerl noch intensiver beschreibt. So bleibt er als Figur für mich einen Tick zu schwammig. Ciao und liebe Grüße...

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Azahar, ich habe dich schon vermißt! Doch für diesen intensiven Text, der in einer wahren Explosion zum Finale jagt, wirst du die "Auszeit" sicherlich benötigt haben. Besonders gut gefallen mir die Gedankengänge, die den Leser tief in den Kopf von Tanja (Tania?) hinein blicken lassen. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 14.07.2008

Eingetragen am: 13.07.2008 von Monika
[ Lesezeichen ]

14500

Nach Numungos Kommentar auf meinen Beitrags Nr. 12425, hier eine überarbeitete Version (Nur am Anfang und am Ende sind Änderungen, sonst keine):


3. Oktober, der erste freie Tag, seit Mia angefangen hatte zu arbeiten. Wohlig räkelte sie sich noch einmal im Bett und stand dann auf. Bernds Kopfkissen lag zerknautscht in der Ecke, seine Bett war verlassen. Mia erinnerte sich, dass er gestern davon gesprochen hatte, früh Laufen gehen zu wollen. Mia wunderte sich zwar über seinen neuen sportlichen Elan, genoss aber die morgendliche Ungestörtheit.
Vor 11 Uhr war aus dem Kinderzimmer kein Laut zu erwarten.
Das warme Wasser der Dusche rauschte auf Mia nieder und spülte die letzten Träume der Nacht mit sich fort. Ein leichter Pfirsichduft stieg auf, als sie die kleine Flasche mit dem teuren Duschbad aufschraubte, ein Geschenk ihrer Freundin Bea.
Mia schäumte sich genüsslich ein, strich über Arme und Beine, vergaß weder Po noch Bauch. An der Brust angekommen hielt sie plötzlich inne, tastete nach. Sie war auf eine empfindliche Stelle gestoßen, noch an der linken Brust, fast schon unter der Axel. Was war das? Gestern hatte sie davon noch nichts bemerkt. Die kleine Schwellung war warm und reagierte auf Berührung empfindlich. Eine Entzündung? Was gab es an dieser Stelle… Milchkanäle? Mia wusch die letzten Seifenreste von der Haut, trat aus der Dusche und trocknete sich ab. Das hatte ihr gerade noch gefehlt!

Einen Tag später klingelte der Wecker wie gewohnt um 6 Uhr und der Alltag hatte sie wieder. Bernd verschwand als erster Richtung Arbeit, die Jungs folgten ihm eine halbe Stunde später.
Mia brauchte nicht nachzutasten um zu wissen, dass die schmerzende Stelle von gestern größer geworden war.
Sie dachte nach: Nach der Arbeit musste sie zu den Eltern. Das Deutsche Rote Kreuz sollte heute einen Hausnotruf installieren, sie musste dabei sein.
Ein Blick auf die Uhr – sie konnte noch vor der Arbeit schnell beim Arzt vorbei schauen.
Mia schmiss sich in die Klamotten. Zum Glück hatte sie seit Kurzem eine junge Studentin, die einmal in der Woche sauber machte. Gleich würde sie kommen.

Anders als Mia es sich vorgestellt hatte, wollte ihr Dr. Nürten keine kühlende Creme verordnen sondern sie zur Gynäkologin schicken. „Dr. Nürten…“ Mia legte den Kopf schief und bemühte sich um ein überzeugendes Lächeln. „…ich habe keine Zeit! Nach der Arbeit muss ich sofort zu meinen Eltern,… sie wissen doch…“Dr. Nürten griff zum Telefon und rief die befreundete Ärztin an. Ganz väterlicher Freund legte er seine große Pranke auf Mias Schulter: „Gehen sie gleich hin, Mia. Sie werden erwartet!“. Leicht genervt seufzte Mia auf und verlies die Praxis.
Bereits um diese Zeit saß das Wartezimmer der beliebten Gynäkologin voll mit dickbäuchigen Frauen und werdenden Vätern. Mit einem dezenten Winken lotste die Sprechstundenhilfe Mia an den Wartenden vorbei in das kleine Labor. Nur wenige Augenblicke später betrat Susa Birgele, die auch schon Mias Söhnen auf die Welt geholfen hatte, den spärlich möblierten Raum. Einen kurzen Blick auf die Schwellung werfend ordnete sie eine Mamographie im benachbarten Ärztehaus an. „Sofort, bitte! – Wir rufen drüben an!“
Mia fühlte sich mulmig. Dieser Tag verlief eindeutig anders als geplant.

Auch im Ärztehaus ging alles ungewohnt zügig von statten, die Aufnahmen an der linken Brust trieben Mia die Tränen in die Augen doch die Untersuchung war schnell gemacht und Mia konnte die Bilder bereits 30 Minuten später bei ihrer Frauenärztin abgeben. Dr. Birgele würde sich die Bilder in Ruhe ansehen und sich dann ab 17 Uhr telefonisch bei Mia melden.

Der Vormittag raste an Mia vorüber. Bei der Arbeit erwarteten sie ungezählte Anrufe und Berge von Post. Ohne Pause ging es weiter zu den Eltern wo ein im Umgang mit Senioren äußerst erfahrener und selbst schon nicht mehr ganz junger Herr Widmann den Hausnotruf installierte und mit von Mia bewunderter Geduld auch drei und viermal erklärte welcher Knopf für was sei.
Doch all dies konnte nicht verhindern, dass ihre Gedanken immer wieder zu der kleinen schmerzenden Stelle an ihrer linken Brust wanderten und in der Überlegung mündeten, was ihr Frau Dr. Birgele wohl sagen würde.

Bestimmt war alles in Ordnung – aber wenn nicht? Was konnte das sein? Mia wollte keine Angst haben: Positiv denken! Aber in ihrem Bauch grummelte es wieder.

Punkt 17 Uhr war Mia wieder zu Hause. Die Jungs hingen gemeinsam vor dem Fernseher und lauschten fasziniert den verbalen Aussetzern einiger Talk-Show-Gäste.
„Wo ist euer Vater?“ „Keine Ahnung…“, „kommt später…“ war die knappe Antwort ihrer Sprösslinge. Mia hob die Pizza-Teller vom Boden auf , rollte ärgerlich die Augen und ging in die Küche. Schade, dass die Spülmaschine schon gelaufen war… Mia stellte die Teller oben drauf. Ein Blick auf die Uhr: 17.20 Uhr. Jeden Moment konnte Frau Dr. Birgele anrufen. Mias Herz klopfte schneller, sie tigerte zurück ins Wohnzimmer, wo gerade ein junger Mann seine Mutter als „alte Hexe“ bezeichnete. „Müsst ihr euch eigentlich solch einen Dreck ansehen? Sind denn die Hausaufgaben alle gemacht?“ „So gut wie…“ war die genervte Antwort. Mia holte tief Luft, doch bevor sie zu einer Rede ansetzten konnte, klingelte das Telefon. Mia sprang hin: „Hallo!“

Hinter ihrem Rücken wurde der Fernseher ausgeschaltet, die Jungs verließen das Wohnzimmer. Die Wohnungstüre wurde geöffnet, mit müden Schritten kam Bernd nach Hause. Türen klappten auf und zu, Stimmen, die Klospülung… Mia nahm das alles nur gedämpft war, ihre ganze Aufmerksamkeit galt Susa Birgele, die ihr gerade erklärte, warum Mia am kommenden Vormittag ins Krankenhaus musste um ihre Narkosefähigkeit untersuchen zu lassen, was es mit dem „kleinen Eingriff“ auf sich hatte, der für den übernächsten Tag geplant war und warum sie sich trotz all dieser beunruhigenden Neuigkeiten keine Sorgen machen sollte.

Als Frau Dr. Birgele aufgelegt hatte, war es Mia ganz schlecht. Sie brauchte Ruhe! Bevor sie eines ihrer Familienmitglieder ansprechen konnte, huschte sie aufs Klo, schloss ab und setzte sich, die heiße Stirn an die kühlen Fliesen lehnend, auf den Toilettendeckel. Tränen wollten aufsteigen und blieben an einem dicken Knoten im Hals stecken. Der Magen rebellierte und das Herz schien aus dem Takt gekommen. 1000 Gedanken und doch kein Einer. Ruhig! Ruhig! Versuchte sie sich in den Griff zu bekommen.

Vor der Toilettentüre heulte es auf, Kindergeschrei! Mama!!! Bernds Stimme kam dazu: „Mia! – Mia, wo bist Du denn, die Kinder suchen Dich……“

Später wusste Mia nicht mehr so genau, was sie gesagt hatte…

Mia riss die Toilettentüre auf. Tränen liefen ihr übers Gesicht. Was los sei, ob man nicht mal Rücksicht nehmen könne, Bernd könne sich mal kümmern, die Kinder sich zusammennehmen. Worte wie „egoistisch“, „typisch Mann“ und „Kinderkram“ flogen Bernd und den Jungs entgegen, eine Rolle Toilettenpaier folgte und dann rauschte Mia an ihnen vorbei um sich im Schlafzimmer auf ihr Bett zu werfen. Bernd folgte in respektvollem Abstand, deutete den Jungs an, in ihr Zimmer zu verschwinden und setzte sich auf die Bettkante.


Und was ist nun besser?


Kommentar von Monika

@ Lisa: Egal ob durch Kommentare angeregt oder nur aus dem Wunsch heraus mehrere Versionen vorzustellen, alles ist möglich. Tobe dich aus, so lange du Ideen hast ;-) @ Numungo: Danke für die kritischen Anmerkungen, ich denke über die "Pranke" nach...

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Azahar

Hallo Monika, habe beide Texte gelesen. Den Schluss finde ich auf jeden Fall beim zweiten besser. Der vorherige Text hörte einfach zu aprubt auf. Du baust Spannung auf, indem du die Situation für Mia langsam immer kritischer werden lässt. Ihren Ausbruch am Ende, hättest du aber vielleicht noch etwas auführlicher beschreiben können, dafür den erklärenden Teil davor (der Knoten in der Brust, der Stress), der auf den Höhepunkt hinführt, etwas straffen? Aber das ist Geschmackssache. Weiter so! LG Azahar

Eingetragen am: 15.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Lisa, nein, ich bin kein Administrator! Ich stelle hier ganz einfach wie alle anderen auch meine Texte ein und kommentiere die Texte anderer, manchmal mehr, manchmal weniger kritisch. Korrigierte Texte einstellen darf hier jeder (zumindest haben es schon viele gemacht), dazu bedarf es auch keiner Aufforderung; es reicht, wenn du es willst. Manche korrigieren auch im Rahmen von Kommentaren zu ihren eigenen Texten. Also: nur keine Hemmungen. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Lisa Becker

Hi Monika, deinen Beitrag lese ich erst später. Ich bin froh, dass ich eben deine Erklärung oben fand...ich wusste nämlich bis eben nicht, dass man einen Beitrag, z. B. korrigiert oder optimiert, auch mehr als einmal einstellen kann bzw. darf. Numungo hatte nämlich auch mich ähnlich wie dich ermuntert, meinen Beitrag wieder korrigiert einzustellen, wusste anschließend nicht, ob ich das wirklich bringen kann. Jetzt weiß ich durch dich zumindest, dass es geht, danke. Aber noch eine Frage hätte ich trotzdem, die wichtigste wohl in dem Zusammenhang: Macht man das nur, nachdem man von jemadem, der dazu befugt ist - (vielleicht von einem Administrator, - ob z. B. Numungo einer ist oder nicht, keine Ahnung, aber deshalb frage ich ja auch lieber fei raus) - dazu aufzgefordert oder ermuntert wird, oder einfach schon, wenn man das Gefühl hat, dass man einen Beitrag so wie bisher nicht stehen lassen will? Das waren jetzt rein informative Fragen von mir. Ist hoffentlich ok für dich? LG Lisa

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Monika, du hast die Nummer zu deinem letzten Beitrag falsch angegeben. Es muss heissen: 14245). Dass das Duschbad teuer war, ist für diese Geschichte nicht wichtig. Weiter heißt es "Achsel", "Axel" ist ein Männername. Von der "Pranke" kannst du dich wohl nicht trennen. "... legte seine Hand (tröstend oder mitfühlend) auf ihre Schulter" halte ich für besser. "Hinter ihrem Rücken wurde der Fernseher ausgeschaltet, ..." finde ich etwas unglücklich, denn es suggeriert, dass etwas verbotenes getan wird. Insgesamt finde ich die Geschichte jetzt deutlich besser, besonders den Schluss. Weiterhin viel Erfolg, Numungo (14017).

Eingetragen am: 13.07.2008

Eingetragen am: 13.07.2008 von Gerti Dräger-Weber
[ Lesezeichen ]

14495

Sofie hatte, wie fast jeden Sonntag in der letzten Zeit, mit dem fertigen Mittagessen auf ihren Mann Peter gewartet.
Sie war sehr verärgert über diese ewige Warterei; denn das Essen war inzwischen wieder kalt und ihr Magen knurrte vor Hunger. Sie fühlte mit jeder weiteren Minute des Wartens, Verzweiflung in sich aufsteigen und je weiter der Uhrzeiger vorrückte, wandelte sich die Verzweiflung in Wut.
Der Stammtisch und die Saufkumpane waren ihm wichtiger als sie und ihre gemeinsame Beziehung. Trotz aller Probleme, die sie plötzlich miteinander hatten, war sie bis zu diesem Tage jedoch immer noch bereit sie zu retten.

Er tauchte auch an diesem Sonntag erst am späten Nachmittag
stockbetrunken auf und hatte wie üblich, dann keinen Hunger mehr. Er war satt vom Bier und wollte jetzt mit ihr in seinem Bett lieber eine Runde schlafen.

Die Treppe zum Schlafzimmer schaffte er nur torkelnd hoch, dabei wirre, unverständliche Worte lallend und die Schwelle zum Schlafzimmer brachte ihn fluchend zu Fall.
Er schlug mit dumpfem Geräusch auf den dunkelbraunen Teppichboden auf und blieb laut stöhnend liegen. Sofie eilte die Stufen nach oben um nachzusehen, ob er sich verletzt hatte. Wenn 130 Kilogramm unglücklich fallen, brechen auch da die Knochen wie Streichhölzer.

Doch dann blieb sie wie erstarrt in der Tür stehen und verspürte beim Anblick des Mannes, den sie zu lieben glaubte, wieder eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Es fühlte sich an, als würden viele scharfe Messer in ihren Gedärmen bohren. Der unsichtbare Ring um ihren Brustkorb wurde dabei immer enger und das Atmen fiel ihr schwer.
Die Gedanken an die vielen Träume, die sie beide einst hatten, wichen der Frage nach dem *Warum* und dem Ende.
Sollte so das künftige Zusammenleben weitergehen?

Als Peter noch anfing laut zu würgen, dabei die Augen verdrehte und sich im hohen Bogen erbrach, hatte sie das Gefühl, sie würde vor Zorn innerlich verbrennen.
Sie wollte anklagen, schreien, weinen, doch kein Laut kam über ihre Lippen und ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Ekel und maßlose Wut erfüllten sie und sie spürte ihr Herz wild pochend gegen ihre Rippen schlagen, als sie still wünschte...
er möge an seinem gerade Erbrochenem ersticken.......


Kommentar von Elisabeth

Liebe Gerti, in deinem Text spürt man Sofies Ohnmacht. Sie ist gefesselt in ihren Gewohnheiten und zu schwach um sich zu befreien. Wie einfach käme ihr da so ein Zufall zur Hilfe....(dass er evtl. erstickt). Ich finde deine Geschichte sehr interessant und auch gut geschrieben. Bin neugierig wie sie weitergeht!

Eingetragen am: 21.07.2008

Kommentar von Gerti Dräger-Weber

Ich bedanke mich bei allen, die meine Zeilen gelesen und objektiv kommentierten. Es war und bleibt ein Versuch, einige meiner Ideen in Worte zu kleiden. Monika... ich wollte ähnliches schreiben, aber Peter war doch betrunken und wäre womöglich auch rabiat gegen Sofie geworden! Frog...er wollte, wie viele Männer in dem beschrieben Zustand ..Sex, ob es klappt oder nicht, ist eine andere Sache und kommt jeden Tag irgendwo vor. Säufer kotzen übrigens schon, bevor sie eine Alk-Vergiftung haben, meist wird die Leere dann gleich wieder, wenn möglich, aufgefüllt. Lillilu....ich werde Deine Anregungen gerne aufnehmen und einfließen lassen. Ich habe die *Blockade* noch nicht überwunden, hoffe aber, dass sie langsam schwächer wird und wieder verschwindet. LG Gerti

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Monika

Sehr bildlich, gut nachzuvollziehen und gut zu lesen. Nur schade, dass sie ihm nicht kräftig in den Hintern tritt, das hätte er verdient. Aber vielleicht kommt das ja noch im Laufe deines Romans?

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Frog

Hi Gerti. Deine Geschichte finde ich mutig. Aber sie wirft bei mir einige Fragen auf. Wie ist das gemeint: "Er wollte mir ihr in seinem Bett erstmal eine Runde schlafen?" Er schäft seinen Rausch aus, und sie liegt daneben und schaut ihm dabei zu? Oder will er noch Sex von ihr? Das dürfte kaum noch klappen. Und eigentlich kotzen Alkis nicht mehr nach einer Zechtour, es sei denn, sie haben eine schwere Alkohol- oder Lebensmittelvergiftung... Die Frau, die plötzlich die Maske des geliebten Mannes fallen sieht, kann man zwar verstehen, aber vielleicht könntest Du den Gefühlsmix aus Ekel und Hilflosigkeit noch etwas drastischer darstellen? Jedenfalls steckt Zündstoff drin in dieser Story...

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Lillilu

Gratulation, dass du wieder weiter schreibst! Ja, so kann Wut auch aussehen – in unterlassener Hilfeleistung und endlich verweigertem Mitgefühl. Wenn es dir recht ist, würde ich noch ein paar Anmerkungen zum „ Mehr zeigen“ als erzählen machen: 2. Satz: Diese ewige Warterei – das Essen war kalt, ihr Magen knurrte! Dann den 3. Satz weglassen. 5. Satz: „Trotz aller Probleme (die sie miteinander hatten) war sie bis zu diesem Tage jedoch immer noch bereit ihre Beziehung zu retten.“ Neu: Dieser Tag aber änderte alles!(als Vorschlag, um mehr Dynamik rein zu bringen). Dann weiter „Auch an diesem Sonntag tauchte er....“ (Hört sich besser an mit „Auch“ zu beginnen.) In dem Satz „...brechen auch da die Knochen wie Streichhölzer“ muss das „auch“ aber raus, da bislang noch nichts gebrochen ist. Setz noch ein Ausrufezeichen hinter den vorletzten und den letzten Satz! Eventuell könntest du auch alles in der 1. Person Einzahl schreiben, dann wäre es direkter. Die Szene gefällt mir gut und sie hat einen hohen Wiedererkennungswert für viele Frauen. Alles Liebe, Lillilu

Eingetragen am: 13.07.2008

Eingetragen am: 13.07.2008 von gabi4113
[ Lesezeichen ]

14485

Eine Nacht voller Vorwürfe und Tränen, voller Rechtfertigungen und Lügen lag hinter uns. Gegen Morgen, die Sonne kroch gerade aus ihrem Wolkenbett, liebten wir uns kurz, heftig, fast schmerzhaft.
Das Frühstück verlief wie in den letzten Wochen. Ohne ein Wort miteinander zu wechseln tranken wir unseren Kaffee.
Es war ein heißer Juni, die Kinder waren im Sommercamp und ich hoffte, dass ich eine Klärung für unsere Familie bis zum Ende der Ferien finden würde.
„ Ich geh in den Keller und topfe den Rest der Pflanzen um, das brauchst du die nächste Zeit nicht mehr zu tun.“ Sagte Peter monoton, stellte seine Tasse in die Spülmaschine und verschwand.
Antriebslos blieb ich sitzen, stützte meinen Kopf in die Hände und hing den ständigen Angstgedanken hinterher.
Jetzt wo er außer Reichweite war, wollte ich noch einmal versuchen seinen Aktenkoffer zu knacken. Dieser war ständig mit einer neuen Zahlenkombination geschützt, damit keiner an seine betriebsinternen Schriftstücke kam.
Ich schlich mich ins Büro, ließ die Tür einen Spalt offen um den Flur einzusehen.
Acht Stellen ergaben die Lösung. Ohne nachzudenken drehte an dem goldenen Rädchen. Das Sicherheitsschloss sprang auf, denn er hatte vergessen den Code einzugeben.
Panisch riss ich den Koffer auf, zuerst kam mir seine Brotbüchse entgegen. Darunter lag ein weiser, dicker Ordner.
Ich zog ihn hektisch auf die Schreibtischplatte, klappte den Deckel um und glaubte nicht was ich sah.
„ In Liebe Deine Ines…“, stand auf Seidenpapier umrandet mit Herzen und Kussmund.
Ich setzte mich auf den Fußboden und blätterte wie im Trance. Immer mehr intime Einzelheiten, die all meine Vermutungen noch überboten, schlang ich in mich hineine. Jedes Wort, dass hier geschrieben stand, gab mir einen Stich ins Herz, verletzte meine wunde Seele. Täglich verfasste Liebesbriefe eingeheftet nach Datum.
Ich zitterte am ganzen Körper. Mein Schädel drohte zu platzen. Ich konnte all das nicht mehr ertragen, nicht mehr aushalten. Die aufsteigende Wut war nicht mehr zu bremsen Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne.
Fremdgesteuert erhob ich mich, hielt den Ordner mit den Liebesbezeugungen fest in meinen Händen und lief in den Keller.
„ Die großen Töpfe mache ich morgen, muss dann noch mal schnell weg.“ Murmelte er ohne aufzuschauen.
„ Nichts machst du morgen und weg gehst du sicher heute nicht mehr“, schrie ich verzweifelt.
„ Das hier reicht wohl. Sag mal bist du noch ganz bei Trost, diesen ganzen Misst auch noch abzuheften? Wann und wie oft ihr mit einander geschlafen habt! Ich dumme Kuh habe dir mitten in der Nacht noch Nudeln gekocht, damit du bei Kräften bleibst. Ihr werdet schön über mich gelacht haben. Wie doof ich doch war. Das rothaarige Luder ist so ausgekocht! Das die es geschafft hat dich rumzukriegen. He, was hat sie was ich nicht habe? Ist wohl eine Granate im Bett, das Biest mit den Sommersprossen? Ich hatte doch immer recht mit meinen Ängsten. Es ist noch viel schlimmer wie vermutete. Warum Sie? Warum gerade Sie?" Weinte und wimmerte ich.
„ Weil ich sie liebe.“ Sagte er kurz und knapp Der Schock verschlug ihm die Sprache. Er war weis wie eine Kalkwand.
„ Ich werde dir zeigen was Liebe ist“, zischte ich zurück
Schnell ging ich auf Peter zu, knallte ihm den Ordner ins Gesicht. Er schlug ihn mir aus der Hand um sich zu schützen und mich zu stoppen. Mit voller Wucht donnerte ich auf ihn ein, immer und immer wieder. Mit meinen geballten Händen trommelte ich auf seine Brust bis er mich gegen die Wand schuppste.
Erst als mich die Kraft verließ, senkte ich meine Arme und sackte in mich zusammen. Tränen rannen ungehindert über meine Wangen. Ein Heulkrampf nach dem anderen schüttelte mich. Ich weiß nicht wie lange ich so auf der Treppe hockte. Zeit und Raum waren gegenstandslos geworden, alle Freude, alle Ziele, alle Dinge von Bestand hatten ihren Sinn verloren.
Der Tag schlich dahin, meine Gedanken drehten sich im Kreis. Ich erwog ihn zu betteln das er blieb, verwarf es sofort wieder, schmiedete Rachepläne, legte mir die Worte für Hetzkampanien zurecht.
Die Wut mischte sich mit Trauer.
Am Nachmittag stieg ich ins Auto und raste los. Heulend und fluchend informierte ich Gott und die Welt, was man mir angetan hatte.
Gegen späten Abend kam ich wieder zu Hause an. Erschöpft, durchgeschwitzt und dreckig stand ich am Gartentor. Autokorsos fuhren an mir vorbei. Deutschland war Europameister geworden. Alle waren fröhlich, lagen sich in den Armen und feierten. Schwenkten die Fahnen und sangen lautstark.
Für mich brach die heile Welt zusammen. Mein Traum vom Glück war vorbei.


Eingetragen am: 13.07.2008 von Martina
[ Lesezeichen ]

14481

Gegen Mittag hörte ich ein Auto mit rasender Geschwindigkeit näher kommen. Neugierig verließ ich den Park in Richtung Zufahrt und sah Philips kleinen Sportwagen auch schon angeflitzt kommen. Ich wunderte mich, ihn so schnell schon wieder zu sehen. Und das Tempo mit dem er angerauscht kam, verhieß meiner Meinung nach nichts Gutes. Er sprang aus dem Auto und als er mich entdeckte, kam er in schnellen Schritten auf mich zu. „Johanna“, rief er und nahm mich in die Arme. „Mein Gott, wie geht es dir?“, fragte er mit besorgter Stimme. Überrascht blickte ich ihn an und löste mich aus der Umarmung. „Was soll diese Frage. Mir geht es gut. Aber was ist mit dir. Du wirkst sehr angespannt.“ „Flo hat mich gestern Abend noch angerufen. Ich wäre ja sofort losgefahren, aber ich hatte heute Morgen einen wirklich wichtigen Termin...“ „Wieso hat Flo dich angerufen?“, fragte ich misstrauisch. Hatte sie mich etwa doch verpetzt? Philip sah jetzt etwas betreten drein. „Sie machte sich Sorgen um dich. Sie sagte, du hättest Halluzinationen und bräuchtest vielleicht Hilfe.“ „Ich hätte was?“ Ich war entsetzt. Das Flo mich so enttäuschen würde. Halluzinationen? Na gut, so nennt man das nun einmal, wenn man Dinge sieht, die nicht da sind. Aber aus Philips Mund lang es gleich so entsetzlich. Ich versuchte, ihn zu beruhigen und lächelte ihn aufmunternd an. „Du hast das wohl etwas falsch verstanden. Flo´ s Englisch ist nicht so gut und außerdem war sie nicht nüchtern, als wir telefonierten.“ „Mir kam sie ganz und gar nicht betrunken vor. Sie sagte mir, du hättest dich wochenlang nicht gemeldet und jetzt so verzweifelt geklungen, dass sie dich schon reif für den Psychiater hielt.“ „Blödsinn.“ Ich hakte Philip unter und wollte ihn ins Haus führen, aber er wehrte sich dagegen. „Was ist los mit dir? Warum kommst du nicht zu mir, wenn du Probleme hast?“, fragte er sehr ernst. „Ich dachte, wir lieben uns“, fügte er noch traurig hinzu. „Das tun wir doch auch. Aber ich habe keine Probleme. Mir geht es gut hier.“ „Hast du nun Geister gesehen oder nicht?“ Ich war in einer Zwickmühle. Was sollte ich ihm sagen? Genau wie tags zuvor John, schien mir auch Philip nicht der richtige Ansprechpartner für mein Problem. Allerdings hatte Flo ihm sicherlich alles haarklein berichtet. Leugnen wäre wohl ziemlich zwecklos. Aber vielleicht konnte ich das ganze ein wenig entschärfen. „Ja, ich habe mir eingebildet Caroline Wilford in meinem Spiegel zu sehen. Aber das war nur eine optische Täuschung. Ich war diejenige, die nicht ganz nüchtern war. Weißt du, Claire hat bei mir übernachtet und wir hatten abends noch lange zusammen gesessen und...“ „Du willst also behaupten, du warst betrunken und hast dir was eingebildet?“, forschte er nach. „Ja.“, sagte ich erleichtert. „Und was ist mit der weißen Frau, die hier im Park herum spukt. Warst du da auch betrunken, als du sie gesehen hast? Falls das so ist, scheinst du noch ein weit größeres Problem zu haben.“ „Ach, das ist doch alles gar nicht wahr. Ich habe das nur so erzählt, um mich ein wenig wichtig zu machen.“, flunkerte ich. Philip sah mich schweigend an. Er glaubte mir kein Wort. „Das ist doch gar nicht deine Art. Es war dir schon unangenehm, das Haus zu erben und dadurch so im Mittelpunkt zu stehen.“ Er ergriff noch einmal meine Hände. „Bitte, Johanna. Komm mit mir nach London und lass dich von einem Arzt untersuchen.“ Ich entriss ihm meine Hände und funkelte ihn wütend an. „Du denkst also ich bin verrückt?“ „Nein, das denke ich nicht. Vielleicht ein wenig überreizt. Du bist viel zu viel allein hier. Und die Gesellschaft der merkwürdigen Geschwister...“ „Ach jetzt sind die wieder dran. Lässt du überhaupt an jemandem ein gutes Haar, außer an dir?“ „Johanna, jetzt werde nicht ungerecht. Wir machen uns nur Sorgen um dich.“ „Dann glaub mir einfach, das ist unnötig. Es geht mir gut. Ich brauche keine Hilfe. Und schon gar nicht von verräterischen Freunden.“ Damit wandte ich mich ab und ließ ihn stehen. „Johanna.“, rief er mir hinterher, aber er folgte mir nicht. Wütend lief ich in den Park. So eine Gemeinheit von Flo. Ich dachte, sie wäre meine Freundin. Und bittet man sie einmal um Hilfe, läst sie einen gleich für verrückt erklären. Ich lief noch eine Weile zwischen den Bäumen umher, dann setzte ich mich auf eine alte Bank und ließ meinen Tränen freien Lauf. Was war nur los mit mir. Ich war wütend auf Flo, weil sie mich verraten hatte, aber dafür konnte Philip ja nichts. Er hatte sich einfach nur Sorgen gemacht. Wahrscheinlich hatte Flo das ganze auch viel mehr ausgeschmückt, wie es so ihre Art war. Dafür würde sie bezahlen müssen. Eine ganze Weile saß ich noch so da und grübelte. Nachdem ich mich beruhigt hatte, ging ich wieder zurück zum Haus. Ich hatte mir vorgenommen, mich bei Philip zu entschuldigen und ihm doch alles zu erzählen. Wenn, dann sollte er die ganze Geschichte aus meinem Mund hören. Aber als ich zurückkam, war Philip nicht mehr da.


Kommentar von Numungo

Gut und flüssig erzählt, Kompliment. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Sarah S.

Hallo Martina, eine interessante Story. Ich wüsste gerne, wie sie weitergeht. Auf so eine Freundin wie Flo ist man natürlich erst mal wütend, auch wenn sie nur helfen will. Interessant wäre jetzt, ob und wie Johanna sich dann mit Flo auseinandersetzt und ob ihre Wut bis dahin reicht oder nun schon verraucht ist? Hoffe mehr von der Geschichte erfahren zu können. Schön wäre für die Lesbarkeit hin und wieder ein Absatz. LG Sara S.

Eingetragen am: 13.07.2008

Eingetragen am: 13.07.2008 von rosamsa
[ Lesezeichen ]

14476

Viola besucht Robert. Sie hat in der Zwischenzeit ihren Sohn Tobias kennen gelernt. Dies ist ihr 3. Besuch. Sie will etwas von Robert erfahren....

(Mein Text ist wieder ewig lang und spät dran bin ich auch, aber ich war in einem Seminar und habe noch einiges nachzuarbeiten. LG)

Ich habe mir Zeit gelassen. Zeit, die ich dringend brauchte um ruhig zu werden, die Dinge mit Abstand zu betrachten. Denn dieses mal wird er nicht mit mir spielen, wie mit einem dummen unwissenden Kind. Ich drücke auf den Klingelknopf. Mein Blick schweift zu Louises und Herberts Haus. In der Garage herrscht gähnende Leere. Sie sind nicht zu Hause. Schade. Wie schnell sie mir vertraut geworden sind, wie alte Freunde, obwohl ich sie erst seit Kurzem kenne. Ihre Tür steht jedem offen.
Drinnen ertönt Gepolter von schnellen Füßen, die Tür wird aufgerissen.
„Da bist du ja endlich!“ ruft er, mit einem breiten Lächeln im Gesicht, das sich augenblicklich in Verlegenheit verwandelt und dann wieder zurück in ein unschuldiges Grinsen. Er zieht entschuldigend die Schultern hoch. „Oh, hallo, tut mir Leid, ich hab jemand anderen erwartet.“ Er streckt mir freundlich seine Hand entgegen.
Verwaschene abgerissene Jeans, enger Pulli, aschblondes kurzes Haar und neugierige braune Augen.
„Ich bin Marius“, stellt er sich vor. „Sie wollen sicher zu meinem Vater, er ist im Speicher. Wir sind gerade am Ausmisten und Umsortieren.“
„Hallo“, sage ich schwach, streiche mir verlegen eine Haarsträhne aus dem Gesicht und strecke ihm meine Hand entgegen. Er hat schmale lange Finger, mit abgebissenen Nägeln und Schwielen an den Handinnenflächen, merkwürdig.
„Ich bin Viola, ich weiß nicht ob ich reinkommen soll, es passt vielleicht gerade nicht.“ Am liebsten würde ich mich davonschleichen wie ein Dieb bei Nacht. Die guten Vorsätze sind geschmolzen wie Eis in der Sonne und haben einen klebrigen Fleck hinterlassen. Ich bin feige. Der Junge irritiert mich und macht mich zugleich neugierig. Er sieht gut aus, sieht Robert sehr ähnlich, dem Robert, den ich früher kannte, nur das Haar ist hell, aber er ist mit dem selben jungenhaften Charme ausgestattet. Eine gefährliche Mischung.
Während ich ihn noch aufmerksam mustere, zieht er mich schon an der Hand ins Haus.
„Kommen Sie nur rein, ich muss sowieso gleich weg, dann hat Dad sicher Zeit für Sie. Er ist mittlerweile total angenervt von unserer Dachbodenaktion, vielleicht muntern sie ihn ja auf.“
„Das bezweifle ich sehr...
„Wer ist es denn?“ kommt ein Schrei von oben. Schnell lege ich meinen Zeigefinger auf meine Lippen und wechsle einen kurzen Blick mit Marius. Für einen Moment sind wir Verbündete.
Marius grinst mir spitzbübisch zu, hebt fragend die Augenbrauen. Hinter mir höre ich Schritte.
„Hi, Marius, bist du fertig?“ Plötzlich steht ein junger Mann in der Tür. „Hallo“, nickt er mir zu.
„Dad, ich bin dann weg!“ schreit Marius nach oben. Ich will mich gerade dezent verkrümeln, da wirft er mir einen feixenden Seitenblick zu und ruft noch mal:“ „Du hast Besuch, komm runter!“ und schon fällt die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss. Ich bin allein, kein Laut ist zu hören. Totenstille. Sie haben die Lebendigkeit und Lebenslust mitgenommen und ich fühle mich wie eine leere Hülse. Der Anblick von Marius hat mir einen schmerzhaften Stich versetzt. Ein abgrundtiefes Gefühl von Verlust und Trauer erfasst mich, so wie wenn einen ein geliebter Mensch verlässt, und du kennst weder seinen Namen noch seine Adresse. Und du hast es versäumt ihm alles zu sagen was dir am Herzen liegt, versäumt wundervolle Dinge mit ihm zu erleben. Und dann ist es zu spät. Der Schmerz wühlt in meinen Eingeweiden. Ich hadere mit dem Schicksal. Es ist ungerecht, dass Tobias dieses Leben führen muss, während Marius hier bei Robert lebt. Aber woher nehme ich diese Gewissheit? Woher weiß ich, dass Tobias nicht auch glücklich ist oder war? Ich schäme mich für meine Vorurteile, für meine missgünstigen Gefühle. Und trotzdem bleibt da ein Stachel in meinem Herzen und quält mich. Marius und Tobias sind zusammen aufgewachsen. Brüder. Ob Marius ihn liebt, ihn vermisst? Weiß er Bescheid über mich und meine Rolle in diesem unglückseligen Spiel, dass ich in einem Anfall von Wut und Verzweiflung inszeniert habe? Ich habe mit Tobias Leben gespielt und er hatte Glück, Robert hat ihn aufgenommen. Wie gerne würde ich Marius nach ihm fragen, ihn bitten, mir von ihrer gemeinsamen Kindheit zu erzählen, mich teilhaben zu lassen an ihren Erinnerungen und Erlebnissen. Mein Leben erscheint mir mit einem Mal so leer und nutzlos. Was tue ich Arthur damit an? Er ist schuldlos in dieses Wirrwarr geworfen worden und ich sehe ihn verzweifelt rudern um mich zu retten. Aber ich schwimme immer weiter weg von ihm, tauche unter und sehe mir andere Welten an. Er hat keine Chance mich zu erreichen, weil ich ihm keine gebe. Und nicht zum ersten Mal blitzt für einen Moment der Gedanke auf: Hättest du nur nicht nach ihm gesucht. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Ich greife mir an den Hals, bekomme kaum noch Luft. Die zufallende Tür klingt noch in meinen Ohren. Ich fühle mich schwach und alt, so als ob ich etwas verloren habe, an das ich mich nur noch schwer erinnern kann. Nervös stehe ich im Flur, und alles was ich mir mühsam zurechtgelegt habe hat sich wie Rauch in Luft aufgelöst.
Er kommt die Treppe herunter und mein Herz zieht sich für einen Moment zusammen. Irgendetwas flüstert mir zu: Diese Sache ist nicht abgeschlossen.
„Viola!?“ Er ist gereizt wie eine hungrige Raubkatze und springt mir mit seinen Worten sofort an den Hals.
„Es ist eine lästige Angewohnheit von dir in den unpassendsten Momenten aufzutauchen. Du bist wie ein toter Fisch der immer wieder nach oben treibt, egal wie oft ich ihn ins Wasser werfe. Ich hab dich nicht schon so bald erwartet. Was willst du?“
Ich weiche seinem Sarkasmus aus, ignoriere seine verletzenden Worte. „Ich habe deinen Sohn, Marius, kennen gelernt. Er sieht dir sehr ähnlich.“
Er hebt die Augenbrauen, sein linkes Augenlid zuckt, ein kurzes selbstgefälliges Lächeln stiehlt sich in seinen Blick. Dann forscht er in meinem Gesicht, als ob er nach etwas Wertvollem suchen würde, das er auf dem Dachboden nicht gefunden hat.
„Deshalb bist du sicher nicht gekommen und trampelst auf meinen Nerven herum.“
„Ich kann auch wieder gehen, wenn du heute eine Mimose bist“, sage ich höhnisch und stachle ihn zugleich an. Das gefällt ihm gar nicht.
„Ich bin keine Mimose, was soll er Quatsch“, sagt er und macht eine wegwerfende Handbewegung. Er sieht auf die Uhr und wirft einen kurzen Blick zu Tür.
„Dann komm rein, wenn du schon mal da bist“, ich mach uns was zu trinken. Er geht voraus in die Küche. Ich ertappe mich, wie ich ihn begutachte wie ein Model auf dem Laufsteg. Schmale Hüften in gut sitzenden Jeans, ein schwarzes figurbetontes Hemd, das an mehreren Stellen staubig ist. Er wischt sich die Hände am Hintern ab.
„Was gibst zu sehen?“ fragt er mit einem süffisanten Grinsen.
Ertappt fahre ich zusammen. Hitze schießt mir in die Wangen. Ich Idiotin, wie alt bin ich eigentlich?
„Ich hab nur nachgedacht“, stottere ich halbherzig und komme mir saublöd vor. Er weiß genau was ich getan habe und er genießt meine Unsicherheit, schürt sie sogar noch.
Lächelnd drückt er mir ein Glas mit einer eiskalten Flüssigkeit in die Hand. Ich schaue auf die Eiswürfel. Ich mag keine kalten Getränke. Ich gehe in die Küche und hole das Eis mit zwei Fingern aus dem Glas und werfe es in die Spüle. Ich lecke die Flüssigkeit von meinen Fingern. Gelber Saft rinnt mir an der Handkante hinunter. Er wirft mir einen Blick aus unerforschlichen Augen zu.
„Worüber hast du nachgedacht? Wie ich unter Jeans und Hemd aussehe?“
„Idiot!“
„Du kannst gerne schauen, ich habe nichts zu verbergen.“
„Du hast dich nicht verändert.“
„Was weißt du schon, du kennst mich doch gar nicht“, schnautzt er mich zornig an.
„Was macht er beruflich, dein Sohn?“ versuche ich das Thema zu wechseln. Ich bin heute nicht auf Konfrontation aus. Abweisend sieht er mich an, als ob ich nach dem geheimen Versteck seines Wandtresors gefragt hätte, in dem sich immense Schätze befinden.
„Was interessiert dich das, es geht hier nicht um Marius. Nur weil wir zufällig zusammen ein Kind haben, erlaubt dir dies nicht, in meinem Leben herumzuwühlen. Du nervst mich, seit Wochen.“
„Du brauchst nicht gleich pampig zu werden. Soweit ich mich erinnere hast du mich beim letzten Mal genüsslich ins Kreuzverhör genommen, wie einer dieser Kriminalbeamten aus dem Fernsehen.
Er lacht kalt. „Kreuzverhör? Ich habe durchaus ein Recht...
„Lass gut sein,“ unterbreche ich ihn. „Du hast Recht, ich will nicht mir dir streiten.“
„Aber ich, es macht mir Spaß.“ Er sieht mich herausfordernd an.
„Was willst du von mir?“ frage ich. Er irritiert mich, ich bin ganz kribbelig, mein Herz schlägt nervös, kommt ins Stolpern.
„Was willst du von mir? Soweit ich mich erinnere bist du zu mir gekommen. Ich denke es ist alles besprochen. Du weißt wo Tobias ist, was mit ihm los ist. Also?“
„Glaubst du, es ist so einfach für mich? Mir geht soviel im Kopf herum. Ich muss mich erst an die Situation gewöhnen. Und das du unseren Riesenkrach als Gespräch bezeichnest finde ich sehr freundlich.“
„Frauen“, sagt er verächtlich. „Für euch ist jede hitzige Diskussion gleich ein Riesenkrach und ein ewiges Drama.“
„Erzähl mir von Tobias, von eurem gemeinsamen Leben.“
„Nein.“
„Warum nicht?“ fast flehe ich ihn an, will ihm sagen, das dies der Grund meines Besuches ist, dass ich ausgehungert bin vor Sehnsucht.
„Das sind meine Erlebnisse, die teile ich nicht mit dir. Ich will nicht darüber sprechen.“ Er versucht die Gefühle die hochkommen durch einen strengen Ton zu kaschieren.
„Ich kann jetzt nicht mehr zurück. Ich kann nicht mehr aus Tobias und deinem Leben verschwinden. Wir haben ein Kind zusammen. Das ist doch auch eine Verpflichtung, eine lebenslange Bindung...
„Was redest du da für einen Bockmist. Tobias und ich sind etwas vollkommen anderes als Tobias und du. Und so wird es auch für immer bleiben. Es gibt kein, wir Drei. Glaubst du es war so einfach für mich und meine Frau? Dreiundzwanzig Jahre hat dich das nicht interessiert und plötzlich willst du hier einen auf Familie machen. Was sagt denn dein Mann zum verlorenen Sohn?“
Erschrocken schaue ich ihn an, fasse mich aber gleich wieder. Zu spät. Er demütigt mich genüsslich.
„Ah, er weiß nichts von der ganzen Sache. Das wird ja immer interessanter. Du kleine Heimlichtuerin. Spielst mir hier die besorgte Mutter vor, den Moralapostel und hast zu Hause genügend Dreck und den du dich kümmern solltest.“
„Du vergreifst dich im Ton.“
„Oh, du drückst dich heute aber gewählt aus.“
Ich fauche ihn an: “Halt die Klappe, ausgerechnet du willst mir sagen...“, aber ich kann nicht zu Ende sprechen. Er packt mich an den Händen, zieht mich gewaltsam in seine Arme. Verzweifelt wehre ich mich. Hitze schießt mir in den Kopf. Meine Beine geben nach. Er erstickt mich, quält mich, macht mich schwach. Ich halte still, blicke in seine dunklen Augen, mein Herz trommelt und ein Schwindelgefühl erfasst mich. Ich spüre wie seine Zähne auf meine Lippen schlagen. Heftig küsst er mich und ich dränge mich begierig an seinen vertrauten Körper, schlinge meine Arme um ihn und presse meinen Unterleib gegen seinen. Ein tiefes Stöhnen drängt sich aus meinem Mund, will geboren werden und leben. Augenblicklich lässt er mich los, schiebt mich eine Armlänge von sich. Mit halbgeschlossenen Augen, mustert er mein Gesicht, streicht zärtlich eine Haarsträhne von der Wange. Sein Daumen fährt meine Kinnlinie nach und berührt meinen Mund, der sich seinen Fingern öffnet. Hat er schon vergessen, dass ich verantwortlich bin für seine Leiden?
„Wenn du gehen willst, dann geh jetzt“, flüstert er heiser. „Nimm die Beine in die Hand, Viola, und lauf, ehe es zu spät ist.“
Aber etwas hält mich gewaltsam zurück. Ich will nicht gehen, schon bin ich diesen Händen, diesem Mund, diesem Körper verfallen.
„Viola...“
„Ich...“ er verschließt meinen Mund mit einem heftigen Kuss, den ich erwidere, als ob mein Leben davon abhinge. Eifrig zerre ich an den Knöpfen seines Hemdes, reiße es ihm vom Leib und drücke meine Nase in seine Haut, sauge seinen Geruch tief in mich hinein. Er streift mir Pulli und BH vom Leib, sein Blick erforscht meinen Körper, bleibt an meinen Brüsten hängen. Er nimmt sie in seine Hände, senkt den Kopf und saugt an den Spitzen, hebt mich hoch, trägt mich ins Schlafzimmer und legt mich aufs Bett. Ich ertrage es kaum von ihm getrennt zu sein. Aber er dreht sich um und geht wortlos hinaus. Mit nacktem Oberkörper liege ich da und versuche mit den Händen meine Blöße zu bedecken. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Er spielt mit mir. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Hastig setzte ich mich auf. Meine Sachen liegen im Wohnzimmer. Mist.
Er kommt zurück. „Wo willst du hin?“ fragt er „wir sind noch nicht fertig miteinander.“
Ich stehe auf, will hinaus, aber auf halbem Weg zur Tür passt er mich ab, packt mich hart am Arm.
„Viola! Ich war nur kurz im Bad. Hast du so wenig Selbstvertrauen? Beschämt senke ich den Blick. Ich bin gerade dabei mit einem fremden Mann zu schlafen und schäme mich, weil ich davonlaufen will.
„Du spielst doch nur mit mir“, sage ich schnell und winde mich aus seiner Umklammerung.
„Ah, du willst also noch ein bisschen reden, damit du dich nicht so schlecht fühlst und so tun kannst, als ob alles nur ein peinliches Missverständnis ist.“ Und er lässt meinen Arm los und hält mir die Tür auf.
„Verschwinde, hau ab, Viola!“
Ich verharre einen Moment und mit einer blitzschnellen Bewegung reißt er mich an sich, schlägt mir seine Zähne schmerzhaft in die Schulter. Ich schreie auf, will ihn wegstossen, aber er lässt mich nicht. Er öffnet meine Hose, sein Finger tauchen tief hinein in die heiße feuchte Höhle. Er wirft mir einen triumphierenden Blick zu. Ein Blitz rast durch meinen Körper, schüttelt mich. Er streift mir Hose und Slip ab, zieht sich aus und wirft alles achtlos zu Boden. Ich beobachte ihn, heftig atmend, mit vor Verlangen glasigen Augen. Seine Hände greifen nach mir, fahren hastig über meinen Körper und hinterlassen eine brennend heiße Spur. Er hebt mich hoch und setzt mich auf sein Glied, presst meinen Körper gegen seinen und stößt tief in mich hinein. In einem wilden Aufschrei löst sich der Orgasmus, ich verliere die Orientierung, klammere mich an ihn wie ein Äffchen. Er drückt mich gegen die Tür. Meine Haut reibt schmerzhaft an der glatten Tür, bleibt kleben. Ich reite auf ihm, wie auf einem durchgegangenen Hengst, willenlos. Plötzlich hält er inne, wirft den Kopf in den Nacken und stößt einen tierischen Schrei aus. Nach einem kurzen Moment stellt er mich auf den Boden. Ich halte mich an der Tür fest, meine Beine zittern und starre auf sein Glied, von dem Samen tropft. Ich habe nicht einen Moment an Verhütung gedacht.
Er liest in meinen Gedanken.
„Ein zweites Mal passiert mir das nicht. Ich habe mich vor Jahren sterilisieren lassen. Das ist es doch was du denkst? Tja, die Leidenschaft. Ich kann deinem impotenten Mann leider nicht zu Diensten sein.“
Ich hole aus, meine Faust ist blitzschnell und senkt sich tief in seine Magengrube. Er schreit auf, hält seine Hände im Zaum. Wir stehen uns wie Feinde gegenüber und mustern uns aus zusammengekniffenen Augen.
„Geh jetzt, du hast was du wolltest!“
„Du Schwein!“ Hastig schlüpfe ich in Slip und Hose. Sein Samen tropft in meine Unterhose. Ich renne ins Wohnzimmer ziehe mir BH und Pulli an. Ich spüre noch meine vor Lust angeschwollenen Schamlippen.
„Warum hast du es plötzlich so eilig, du wolltest doch mit mir sprechen“, sagt er hinter meinem Rücken und legt seine Hand in meinen Nacken.
Ich fahre herum. Er hat sich seine Jeans übergestreift, der Gürtel ist offen, er ist barfuß. Ein Schauder der Lust rieselt durch meinen Körper.
„Du kotzt mich an, du bist ein kaltherziges, gefühlloses Arschloch. Ich weiß nicht warum ich das getan habe.“
„Dann denk darüber nach, während mein Geruch noch an dir haftet und dann wasch dich lieber, sonst riecht ihn dein Mann noch. Aber vielleicht liebt er ja solche Spiele. Wer weiß?“
Das Blut rauscht in meinen Ohren. Mein Blick verengt sich und ein Schwindelgefühl wirbelt mich davon.
„Du perverses Schwein!“ ich schlage in rasender Wut nach ihm. In meinen Augenwinkeln blitzen bereits Tränen, lauern auf eine günstige Gelegenheit. Ich unterdrücke sie.
Er fängt meine Hand auf und lacht gehässig. „Auch das gelingt dir nicht ein zweites Mal. Und wenn dich die Lust übermannt, Viola, dann komm, ich bin immer für dich da.“
Ich stolpere aus dem Haus. Benommen gehe ich die Straße entlang, nehme nichts wahr, nur das wilde Klopfen meines Herzens. Er hat mich wütend gemacht. Absichtlich? Damit ich meine Schuldgefühle, den Verlust von Tobias, die Enttäuschung über meine Kinderlosigkeit, die Trauer über die Abschiebung durch meine Mutter, auf ihn übertrage, meine Wut und meinen Zorn auf ihn projiziere. Meine Verzweiflung ist blind, sie nimmt die Wende nicht wahr, die sich vorbereitet. Ich hasse ihn, weil ich mit ihm geschlafen habe. Der Hass überdeckt das Schuldgefühl. Lügnerin. Du fühlst dich nicht schuldig, mahnt eine leise Stimme. Ja, ich wollte ihn, will ihn noch immer. Es ist, als ob die Zeit seit damals stehen geblieben wäre. Ich muss dort ansetzen, wo der Schlamassel begann, wo er mich stehen gelassen hat. Ich muss ihn mit der Person lösen, die darin verstrickt ist, sonst werde ich nie frei sein davon. Es ist, als ob mein Leben dazwischen bedeutungslos wäre, ich aus zwei Personen bestünde. Eine die funktioniert wie ein Automat und die andere die lebenslustige, leidenschaftliche, erotische Frau. Zuerst muss ich diese Lücke schließen.
Meinen Wagen habe ich in einer Seitenstraße abgestellt. Ich wollte nicht vor seiner Tür halten, wollte nicht gesehen werden. Mit zittrigen Fingern öffne ich, lasse mich auf den Sitz fallen. Ich klappe die Sonnenblende herunter und schaue in den Spiegel. Ich sehe aus wie immer. Ich streiche mein Haar glatt und fühle seine Hand auf meiner Wange. Im Rückspiegel sehe ich ein Auto vorbeifahren. Erschrocken zucke ich zusammen, als ob ich bei etwas Verbotenem erwischt worden wäre. Es sah aus wie das Auto von ... aber nein, ich habe mich bestimmt getäuscht. Ich muss mich getäuscht haben. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Verzweifelt schlage ich die Hände vors Gesicht, aber die Tränen halten sich zurück, haben keine Lust mich zu erlösen, und verweigern mir ihre Dienste. Ich lege meine Hand zwischen meine Beine, schließe die Augen und sofort sind die Bilder, Gerüche und Geräusche da. Wellen von Lust breiten sich in meinem Körper aus. Die Leidenschaft hat sich erhoben von ihrem Dornröschenschlaf. Ich schnuppere an meinen Fingern, drücke nochmals fest auf die Stelle zwischen meinen Beinen. Ich muss nach Hause, mich umziehen und duschen bevor Arthur kommt. Ich lasse den Wagen an, schaue in den Rückspiegel und fahre weg. Alle anderen Gedanken verdränge ich. Ich habe jetzt keine Zeit dafür. Aber immer wieder schieben sich die Bilder zwischen mich und die Straße, trotzig und unerbittlich zeigen sie mir eine andere Viola.


Kommentar von Metta Maiwald

Kurz zum Text und den anderen Kommentaren: in diesem Falle lieber Ruf als "Schrei"; "eifrig zerre ich" klingt fleißig, aber nicht begierig; zweimal hintereinander "Leib"; Aufschrei klingt mir zu martialisch; "Äffchen" zerstört die Erotik. Kreuzverhör hat Marc bereits erläutert. Dass das Ejakulat - diesen Wortvorschlag empfinde ich als zu medizinisch - keinen Samen mehr enthält, weiß Viola, aus deren Perspektive erzählt wird, ja noch nicht, insofern wäre es ok. Es kann aber auch einfach ein weißer Tropfen sein. - Dieses Spiel aus Macht und Leidenschaft ist Dir unglaublich gut gelungen. Ich glaube, Du bist die Erste, die hier eine Erotikszene beschrieben hat, oder? Ich hätte noch nicht den Mut dazu.

Eingetragen am: 20.07.2008

Kommentar von marc

Hallo Rosamsa, dein Text ist sehr kurzweilig. Dein Satz „Sie haben die Lebendigkeit und Lebenslust mitgenommen und ich fühle mich wie eine leere Hülse.“, hat mir sehr gefallen und „... will geboren werden und leben...“ finde ich genial. Doch gibt es auch ein paar Wermutstropfen. Zum Beispiel kann ich nicht nachempfinden, dass geschmolzenes Eis einen klebrigen Fleck hinterlässt. Statt „angenervt“ würde das gebräuchliche genervt den Lesefluss nicht hemmen. Folgende Stellen könntest du rausnehmen „...und trampelst auf meinen Nerven herum.“(ist schon erwähnt worden) ...Das gefällt ihm gar nicht. (geht aus der wörtlichen Rede hervor). In Bezug auf Vertrautheit gibt es zu viele Wiedersprüche: ...Du hast dich nicht verändert...du kennst mich doch gar nicht...an seinen vertrauten Körper...Ich bin gerade dabei mit einem fremden Mann zu schlafen. Der Vergleich des Wandtresors mit dem Sohn, dem er ja, wie beschrieben, sehr nahe steht, ist nicht gut gewählt; ich würde ihn nicht mit materiellen Dingen vergleichen. Ein Kreuzverhör wird immer von zwei Kriminalbeamten durchgeführt – also Mehrzahl. Den Samen würde ich weglassen, denn nach einer Sterilisation könnte man es Körperflüssigkeit oder Ejakulat nennen, aber mit Sicherheit ist es kein Samen und es würde reichen wenn sie auf sein Glied schaut. Tränen in den Augenwinkeln könnte nur ein Gegenüber blitzen sehen. Sie selbst könnte die Nässe spüren. Manche werden es vielleicht für Kleinkrämerei halten, aber ich denke, die Glaubwürdigkeit eines Textes sollte nicht unnötig aufs Spiel gesetzt werden. Es sind Kleinigkeiten im guten Ganzen, dass man erst einmal so hinbekommen muss. Gratulation.

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Papaya10

Ich habe schon Ausschau gehalten nach Viola und wieder hat sie mich gepackt und hinein gezogen in diesen Wort- und Gedankenstrudel. Bis zum Abgang von Marius find ich alles wunderbar erzählt und stimmig. In der erneuten Begegnung von Robert und Viola werd ich dann arg im Karree hin und hergezerrt. Wut, Unsicherheit, Leidenschaft,Verschlagenheit, Gehässigkeiten, Sex- das geht mir alles zu schnell.Zu sprunghaft, zuviel. Ich kann mir ähnlich wie Azahar und Frog kaum vorstellen wie sie nach 23 Jahren dort ansetzt wo er sie "stehen gelassen" hat (hat er das?). Sie war 18 damals und ist jetzt 41- in dieser Zeit passiert doch eine Menge. "Ich muss ihn mit der Person lösen, die darin verstrickt ist, sonst werde ich nie frei" Das scheint ein zentrales Thema bleibt mir aber zu verschwommen. Im Auto kehrt sie wieder zu sich zurück und es wird rund. Spannend zu lesen ist es allemal auch wegen der Dialoge und dem Finger der in emotionale Ambivalenzen bohrt

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Frog

Ich schwanke... Streckenweise wieder großes Kino, dazwischen auch Überflüssiges, so Sätze wie" Er schnauzte zornig" (zornig könnte doch weg) oder "er erstickt mich, quält mich, macht mich schwach..." ´(da fände ich eine andere Reihenfolge besser), "ich dränge mich begierig an den vertrauten Körper" – ja, ist er das wirklich noch, nach 23 Jahren?) fielen mir auf. Was Azahar wahrnimmt, sehe ich auch: Die Befindlichkeiten nehmen einen wilden und rasend schnellen Zickzackkurs, zuletzt geht es zum Glück nur noch um sie, das Bild vom erwachenden Dornröschen gefällt mir. Ich habe eine dunkle Ahnung, sie schnappt sich noch Marius, die Ursache für die Schwielen wird hoffentlich noch verraten... Spannung steckt drin, doch ich hätte es mir kürzer und knackiger gewünscht. Aber so ist das manchmal mit der Liebe, der kranken und der gesunden: Es wird rumgeeiert bis der Arzt kommt :-)

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Dein Beitrag hat mich total gefesselt. Ich klebte an jedem Wort. Die Atmosphäre knisterte und prickelte. Allerdings bin ich unschlüssig, ob es gut ist, den Text mit so vielen Hinweisen für die Auflösung zu spicken. Dass Marius ihr Sohn ist und nicht Tobias, springt einem förmlich ins Gesicht. Vielleicht solltest du einige Hinweise wieder entfernen und den Leser länger im Unklaren lassen. / Ein Hinweis noch zu einer Stolperstelle im ersten Absatz: „Da bist du ja endlich! ruft ER.“ Ein ER setzt Bekanntheit voraus, bzw. deutet auf Robert. Doch dieser ER hat hier seinen allerersten Auftritt. Deshalb solltest du eventuell den Satz umändern: Die Tür wird aufgerissen. Ein mir unbekannter junger Mann steht vor mir und ruft: …

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Azahar

Hallo rosamsa, wie immer spannend und mitreissend geschrieben! Ein Lesevergnügen! Allerdings habe ich mir als Leser so einige Male eine etwas klarere Linie gewünscht, an der ich mich festhalten kann. Was ich damit sagen will: Die beiden Protagonisten scheinen ständig unter extremen Gefühlsschwankungen zu leiden. In dem Moment wo ich dachte, so nun ist Viola wütend auf Robert und mich darauf einstellte, dass es auf dieser Schiene weitergeht, verspürte sie doch wieder Anziehung, und schon im nächsten Moment war sie wieder wütend, usw. usf. Es ist ein hin und her, dass mir etwas unrealistisch erscheint. Natürlich können Wut und Anziehung sehr gut gekoppelt sein und Robert hat sie mit Zuckerbrot und Peitsche ja vollkommen unter Kontrolle, aber ich denke für den Leser wäre es einfacher damit umzugehen, wenn der Erzähler seine Gefühle manchmal kommentieren würde. LG Azahar

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von lillilu

Mannomann rosamsa! Da plage ich mich mit einer Liebesszene ab und lese dann, wie du hier aus dem vollen schöpfst - ganz starker Text! Dann habe ich wie wild gescrollt, um zu lesen, was denn nun mit Tobias ist, habe aber nichts gefunden. Ist sicher ein fetter Happen, den du für später aufhebst. Jedenfalls habe ich jedes Wort genossen. LG Lillilu

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Rosamsa, wieder ein guter Text von dir, von anfang bis ende spannend. Besonders gut gefällt mir der Satz "Er hat keine Chance mich zu erreichen, weil ich ihm keine gebe.", weil er soviel Wahrheit enthält. Der Satz "Ich halte mich an der Tür fest, meine Beine zittern und starre auf sein Glied, von dem Samen tropft." ist etwas unglücklich formuliert, du könntest ihn vielleicht so umstellen: "Meine Beine zittern, ich halte mich an der Tür fest und starre auf sein Glied, von dem Samen tropft." Irgendwie habe ich das Gefühl, dass in deiner Geschichte noch sehr viel passieren wird. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 13.07.2008

Eingetragen am: 13.07.2008 von Bridget Olliver
[ Lesezeichen ]

14473

Endlich Rom

Endlich.
In seinem entenfußfarbigen Tornister sind die zwei Äpfel vom Küchentisch und die geliebten Botanikbücher verstaut. Der Bahnangestellte hebt die Pfeife zum Mund, um das Startsignal zu geben, der Zug vibriert schon verheißungsvoll, als Charly die vor Aufregung schrille Stimme seiner Mutter über den Bahnsteig peitschen hört. Mit ihrer Stimmt greift sie fingernagelhart sein Herz.
„Halten sie gefälligst den verdammten Zug an, mein Sohn reißt aus“, keucht sie, als sie atemlos die Zugtür entert.
„Na, Sie kommen aber keine Minute zu früh“ ruft ihr der Bahnangestellte zu.
„Klappe halten“ rüffelt Frau Tschörner ihn an und um ein bisschen von ihrem Ärger loszuwerden, zieht sie ihm eins mit dem Pierre Lafoisse Schirm über. Der verdutzte Mann duckt sich, hält die Arme schützend vor sein Gesicht und schließt die Tür. „Zurückbleiben bitte“, ein Pfiff, ein Anrucken und der Zug ist in Bewegung.

Noch ein Ruck, diesmal an der Tür des Abteils, in dem Charly ganz allein sitzt. Schon steht sie zorndampfend vor Charly. In ihrem großgeblümten Kleid, an dem die Knöpfe jederzeit zu Wurfgeschossen mutieren können. Sie ist so wütend, dass sie den Waggon allein durch ihre Anwesenheit zu sprengen in der Lage zu sein scheint.
„Du kommst sofort nach Hause du impertinentes, kleptomanisches, undankbares Stück du.“
Charly schaut ihr fassungslos in die Augen. Das heißt, wo bei normalen Müttern liebende Augen sein sollten. Bei seiner Mutter sind an der Stelle nur sengende Blitze zu finden. Fast hätte er es geschafft, seinen Vater in Rom zu besuchen. Nur eine einzige Minute später und er wäre auf und davon gewesen.
„Wir beide, Freundchen, steigen an der nächsten Haltestelle aus und dann kannst du was erleben.“ Frau Tschörner schnaufte ganz undamenhaft durch ihre kurze Nase und zog ihn unsanft an den Ohren.
Charly sagte nichts mehr. Er war plötzlich so sonderbar ruhig. „Was eigentlich wollte diese Frau von ihm? Sie hatte ihn doch sowieso nicht lieb. Sagte sie ihm nicht jeden Tag sie wäre besser dran ohne ihn? Ja, ganz sicher wäre sie besser dran ohne ihn. Und er ohne sie.“ Er wurde jäh von einem stechenden Schmerz in diesen ungewohnten Gedanken unterbrochen. Frau Tschörners achtfach lackierten Fingernägel umklammerten stählern seinen dünnen Arm und drängten ihn in den abgeschabten grünen Velourssitz.
Die Abteiltür rattert ein zweites Mal auf und eine volltönende Stimme fächelt wie ein wohltuender Luftzug durch das Abteil „: Fahrtausweise bitte“. Bei dem Wort „bitte“ erhebt der Besitzer der Stimme, ein Schaffner mit goldenen Knöpfen an der Uniform, die Stimme wie ein Markthändler. Frau Tschörner suchte ihre krokodillederne Handtasche ab um Zeit zu gewinnen. Sie hat nicht daran gedacht einen Schein zu lösen. Charly zeigte den seinen vor.
„Was ist gute Frau, haben sie einen Fahrschein oder nicht?“
Ihre frische Dauerwelle zuckte hin und her. Sie war nervös. Der Schaffner sieht ihr direkt in die kontaktlinsenblauen Augen und scheint überhaupt keine Angst vor ihr zu haben, was Charly sehr wundert.
„Nein habe ich nicht aber...“ „Sie haben also keinen Fahrschein. Dann begleiten sie mich bitte an der nächsten Haltestelle hinaus, zur Polizei.“ „Zur Polizei?“ erwiderte sie ungläubig, „aber... “
„Aber, aber, aber. Was meinen sie, wie oft ich das am Tag höre, dieses Aber. Sie kommen mit, Schwarzfahren ist teuer, meine Liebe. In ihrem Alter sollte man das wirklich wissen. Keine faulen Ausreden mehr.“ In diesem Moment macht der Zug in Düsselheim Halt. Der Schaffner zerrte die sich sträubende Frau Tschörner, die noch etwas von „aber mein Sohn“ ruft, durch die Zugtür auf den Bahnsteig in Düsselheim. Was sie auch vorbringt, er glaubt ihr nicht. Das letzte was Charly vorerst von seiner Mutter sehen soll, ist die überdimensionale Anemone ihres Kleides, das von der Bahnsteigunterführung verschluckt wird.
Charly lässt das Fenster herunter und winkt ihr nach. Ein bisschen leid tut sie ihm jetzt. „Tschüss Mama, bis bald“ ruft er noch als der Signalpfiff ertönt und der Zug zur Weiterfahrt anruckelt und weiterfährt. Weiter, der Sonne entgegen.


Kommentar von Numungo

Hallo Bridget, auch ich gehöre nicht zu denjenigen, bei denen jeder Satz sitzt. Schreiben ist Arbeit, wenngleich es Spass macht. Wenn du wissen willst, wie ich es mache, dann lies dir doch meinen Kommentar zu 14259 durch. Wir können das dann gerne noch weiter vertiefen. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 15.07.2008

Kommentar von Bridget Olliver

Hallo Frog, Hallo Numungo, bei Morgenkühle betrachtet, ist der Text in der Tat overdone. Danke für den Hinweis! Ein guter Text ist eben doch wie ein Hefeteig. Man muss ihn gehen lassen und dann noch mal kräftig durchkneten. Ich gehöre jedenfalls leider nicht zu den Glücklichen, bei denen jeder Satz sofort sitzt. Gibt es solche überhaupt? Wie macht Ihr das? viele Grüße Bridget

Eingetragen am: 15.07.2008

Kommentar von Malea

Schön mal wieder von meinem Freund Charly zu lesen :-) Ich mag deinen Schreibstil, aber muss diesmal Frog und Numungo zustimmen. Du solltest noch mal über den Text gehen. Der (versehentliche?) Zeitenwechsel ist noch einfach zu korrigieren. Aber dann wird es schwierig, denn gerade die überdimensional achtfach lackierten Adjektive machen einen Teil des Reizes aus ;-) Egal, du kriegst das schon hin und ich freue mich sehr auf mehr! Liebe Grüße, Malea.

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Frog

Hi. Schön, da bin ich aber froh, dass Du wieder da bist. Super, dass Charly abhauen will. Aber es wäre vermutlich besser, die Story aus seiner kindlichen Sicht zu beschreiben. Ich finde wie Numungo auch die Übertreibungen störend. Taschenmarken, achtfach lackierte Fingernägel etc., das kann alles weg. Ihre Überdrehtheit könntest Du ganz bestimmt auch anders beschreiben. Vielleicht benutzt Du dann auch konsequent die Vergangenheitsform. Wäre einen Versuch wert, weil die Storyidee an sich so klasse ist. Ich bin jedenfalls Charly-Fan und wünsche ihm viel Glück auf seiner Reise.

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Numungo

Eine flüssig geschriebene Geschichte, die wirklich gut sein könnte, wären da nicht die permanenten Übertreibungen, die die beschriebene Szene wieder in Frage stellen. Was zum Beispiel sollen die achtfach lackierten Fingernägel? Auch ist es nicht wichtig, ob der Schirm von Pierre Lafoisse oder sonst wem ist. Insgesamt sind zu viele Adjektive enthalten, machmal ist weniger mehr. Andere Beschreibungen, wie die peitschende Stimme sind dagegen gut gelungen. Wenn du den Text nochmals kritisch überarbeitest, wird er richtig gut. Spannend ist er jetzt schon. Viele Grüsse, Numungo (14017)

Eingetragen am: 13.07.2008

Eingetragen am: 13.07.2008 von Frog
[ Lesezeichen ]

14463

Ich habe mal versucht, Godo besser zu charakterisieren und wütend werden zu lassen. Fiel mir schwer. Kommt er als Mann überhaupt rüber?

GODO gerät ins Schwimmen

Weg war sie! Godo schlug mit der Faust aufs Lenkrad. Er starrte dem Bus hinterher, der sie zum Hafen brachte.
„Ich bin ein Idiot!“ schrie er. Im Rückspiegel sah er Chica zusammenzucken. Es war zu schwül, um mit ihr spazieren zu gehen und zu früh, um sich zu betrinken. Aber ein Glas konnte wohl nicht schaden. In Pacos Bar drüben neben der Bushaltestelle sah er die üblichen Verdächtigen hocken. Der Doc saß im Schatten der Pergola vor einer Copa mit Rotem und schäkerte mit Carla, der junge blonden Kellnerin. Als er Godo und Chica kommen sah, warf er die Arme in die Luft und grölte: „Hola, alte Rinde! Wat geht“? Godo winkte ab, er fühlte sich nicht danach, in den neusten Stand von Docs Häubchenliga eingeweiht zu werden. Doc verdankte seinen Spitznamen angeblich seiner Schwäche für Krankenschwestern, im wirklichen Leben verdiente der Kölner sein Geld als Finanzmanager. Seine Villa hätte er für ein Vermögen vermieten können und Godo verstand nicht, wieso der Doc immer zur Hochsaison anreiste, wenn kaum Residenten aus Deutschland da waren. Vermutlich war in der Nachsaison nicht so gut Protzen, die Deutschen, die dann kamen, waren wesentlich reicher als der Doc.
Godo schlurfte zur Bar, murrte ein „Que tal“ herüber zu Paco, der konzentriert Gläser putzte, die obligatorische Zigarette im Mundwinkel. Der kleine dicke Wirt blickte kurz zu Godo hoch, legte das Spültuch aus der Hand und griff ungefragt nach der Flasche mit dem Weißen, Godos Lieblingswein. Paco wusste die Befindlichkeiten seiner Gäste gut einzuschätzen und vermied es, den Deutschen aus der Cala anzusprechen. Godo war ihm dankbar dafür. „Chicas!“ grummelte er nur abwinkend in Pacos Richtung und trank das Glas in einem Zug leer. Paco nickte verständnisvoll und hob noch mal lässig die Hand, als Godo gleich wieder aufstand und gefolgt von seiner Hündin zum Auto zurück ging. „Wohin des Weges, Gitarrero?“ unterbrach der Doc seinen Flirt, aber Godo winkte nur müde ab.
In diesem Moment war der Doc kein Kumpel, der ihm in unregelmäßigen Abständen Hausmeisterjobs zuschanzte, sondern ein Eindringling. Godo verspürte jetzt nicht die geringste Lust, sich zu offenbaren.
Er hatte Linn verjagt! Die erste Frau nach fünf Jahren, die sich für ihn interessiert hatte. Die erste Frau nach fünf Jahren, die er wieder in sein Bett gelassen hatte, weil es für ein Hotelzimmer viel zu spät gewesen wäre. Er hatte sie verjagt mit seinem elenden Schnarchen, von dem er manchmal selbst wach wurde, mit seiner gammeligen Bude und schließlich mit seiner Angst, berührt zu werden. Diese vermeintliche Hexerei von Rena, seiner Ex, war die dämlichste Ausrede, die ihm seit langem eingefallen war.
Er hatte keinen Schimmer, was Linn an ihm fand, geschweige denn was sie von ihm wollte. Sie war interessant, keine Frage. Er mochte ihre direkte Art, diesen kritischen Blick aus dunkelgrünen Augen. Sie war hübsch anzusehen mit ihrem wuscheligen hellbraunen Haar, das sich im Nacken kräuselte, wenn sie schwitzte. Ihre unbeholfene Art, ihren Bauchansatz unter weiten Hippiekleidchen zu verstecken, amüsierte ihn. Außerdem liebte sie Chica und Chica folgte ihr blind. Aber er war doch nicht derjenige gewesen, der den Kontakt aufrecht erhalten hatte das letzte Jahr über seit ihrem ersten Treffen am Strand. Gut, einige Male hatte er auf ihre SMS reagiert und zurückgerufen, einmal, zu Silvester, hatte er ihr leicht angetrunken sogar so etwas wie „Hab dich lieb“ ins Telefon gesäuselt. Aber das musste doch möglich sein, man war schließlich erwachsen. Oder steckte ein Fünkchen Wahrheit darin?

Godos Gedanken gingen kreuz und quer. Die Wut, die in seinem Bauch grummelte, war keine Unbekannte. Wenn sich jemand mit ihm anlegen wollte, konnte er sehr aufbrausend sein. Aber das momentane Gefühl in seiner Körpermitte tat weh. Linn hatte in ihrer Enttäuschung mitten ins Schwarze getroffen. Er war wirklich ein gottverdammter Loser. Jede noch so kleine Option auf Erfolg bereitete ihm eine Heidenangst. Fortwährend verkaufte er sich unter Wert, sei es für sein Gitarrenspiel, seine Fotografien oder die Erziehung seiner mürrischen Tochter Nico. Bislang hatte er alle beruflichen Misserfolge der letzten Jahre damit entschuldigt, aber nun war Nico endlich mit der Schule fertig, wollte nach Deutschland zu ihrer Mutter zurück, eine Ausbildung beginnen, und für ihn hätte das Leben richtig losgehen können. Was war es, was ihn so lähmte? Welcher Teufel saß da in seinem Kopf und redete ihm ein, es erst gar nicht zu versuchen? Andererseits, Linn hatte gut Reden. Sie war schließlich fest angestellt in Hamburg, regelmäßiges Gehalt, Urlaubsgeld, Versicherungen, ein rundes bürgerliches Leben. Noch bis vor kurzem hätte er, der Freak, niemals mit ihr tauschen wollen, aber jetzt?
Es fühlte sich erbärmlich an, auf Leute wie den Doc angewiesen zu sein, hier und da mal ein Auftritt in einer der vielen Strandbars. Die Leute waren begeistert, aber das allein machte ihn nicht satt. Manchmal reichte die Kohle nicht mal mehr, um von der Küste hoch zur Post nach San Josep zu fahren. Zig Briefe von Linn waren ihm auf die Weise schon durch die Lappen gegangen und zurück geschickt worden. Aber sie hatte ja nicht aufgegeben, diese kleine hartnäckige Frau.
War es jetzt zu spät?
Unkonzentriert schaukelte er seine alte Karre wieder die elenden Kurven hinunter. Der Gedanke, jetzt in seinen Dreckstall zurückzukehren, wurde mit jeder Sekunde unerträglicher. Er schaltete reflexartig das Radio ein und zuckte zusammen. Der Sender kündigte gerade den DJ an, auf den Linn so stand. Morgen würde er im KM 5 auflegen, gestern Nacht hatte sie noch vorgeschlagen, gemeinsam dorthin zu gehen. „Du hast gesagt, du kennst den. Dann könntest du ihm ja mal eine CD mit deinen neuen Songs zustecken!“ hatte sie gesagt. „Die sind nämlich genial!“

„Bockmist, verfluchter!“ schrie er und nahm in letzter Sekunde den Abzweig zur Cala Moli. Im Juni hatten Quallen die kleine Felsenbucht heimgesucht, die Touristen blieben fern, jetzt ließ sich dort wieder unbefangen schwimmen. Und genau das wollte er jetzt. Er musste ins Wasser springen, seinen Körper spüren, die Muskeln dehnen, wach werden!
Wie ein Irrer trat er aufs Gas und raste die letzten Meter die Schotterpiste bis zum menschenleeren Strand hinunter. In einer Staubwolke brachte er den alten Seat zum Stehen, machte die Tür auf, riss sich die Klamotten vom Leib und rannte nackt über die Kiesel ans Wasser.
„Dafür trage ich meine Badelatschen, Linn!“ grölte er wie ein Betrunkener in den trüben Himmel. „Die braucht man hier nämlich! Auf dieser verdammt steinigen Insel!"

Chica folgte ihm hechelnd, sie kam kaum hinterher, so schnell hechtete er ins Meer und kraulte prustend davon. Mit jedem Zug löste sich ein Stückchen von dem Druck. Das warme Salzwasser brannte in den Augen, aber es belebte jede Faser seines Körpers. Godo fühlte sich plötzlich stark. Ein Glücksgefühl durchströmte ihn, das er so schon lange nicht mehr gespürt hatte. Kleine Fische streiften seine Füße, während er sich vorwärts schob. Die Kraft war zurückgekehrt. Doch als er sich auf den Rücken drehte und Chica an Ufer zurück paddeln sah, wurde ihm bewusst, dass er seinen Gefühlen nicht davon schwimmen konnte. Etwas musste sich ändern, und zwar gewaltig! Aber wie?

Nur wenige Kilometer nördlich auf der kleinen Insel Formentera sollten am selben Tag noch Fäden gesponnen für die späte Karriere des Godo Dräger. Aber wie genau, das muss sich Frog noch überlegen.


Kommentar von Metta Maiwald

Kurzkritik Nr. 7: Gefühl in der Körpermitte klingt komisch. Docs Krankenschwester-Faible hast Du im Daumenbeitrag schon erklärt - falls der auch ins Buch soll, denk dran, ein Mal zu streichen. LG Metta

Eingetragen am: 18.07.2008

Kommentar von Malea

Liebe Frog, Salzwasser ist schön, auf Sylt war das a....kalt, aber das hätte den Godo wahrscheinlich noch mehr belebt ;-) Dein Text war lecker, ein paar Ecken sind schon ausdiskutiert. Ich habe beim Lesen etwas deine Distanz zu diesem Mannsbild gespürt, Linn gelingt dir authentischer, wen wundert`s. Verstehe einer die Kerle ;-) Liebe Grüße und knuddel Metta von mir :-) Malea

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Bridget Olliver

Hallo Frog, danke für die nette Begrüßung! Bei dem Begriff Häubchenliga bin ich fast unter den Tisch gekippt. Wirklich witzig im Zusammenhang mit dem krankenschwesteraffinen Doc! Du fragst, ob Godo glaubwürdig rüber kommt. Ich glaube, Männer denken nicht, wie wir Frauen, in epischer Breite. So richtig wütend kam Godo mir erst bei seiner wilden , blinden Autofahrt vor. Super gefallen hat mir die Barszene. Mit wenigen Worten war man mittendrin und ich hätte mir am liebsten einen Gin-Tonic bestellt. Godo ist ein Guter - er wird es bestimmt schaffen. Liebe Grüße Bridget

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Oh, das finde ich super, dass du meine Sucht nach Linn und Godo mit Extra-Häppchen befriedigst. Für mich kommen Wut (auf sich selber) und Männlichkeit ausreichend rüber. Da sich jedoch normalerweise ein Perspektivwechsel mitten im Roman nicht so gut macht, überlege ich, wie du diesen Beitrag in deiner Story unterbringen könntest. Vielleicht als Linns Wunschgedanken/Tagträume, die sie während der Überfahrt auf der Fähre hat, während sie traurig der sich entfernenden Insel hinterher schaut?

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Frog

Thanks, Ginko! Jetzt habe ich verstanden... Werde es in meinem Herzen bewegen.

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Ginko Korn

Moment mal, ja? Meine Empfindungen habe ich nur als Gedanken formuliert, auf die Frage, wie Godo als Mann rüber kommt. Bisher ist noch jede Wunschfrau angesprungen, nachdem sie auf ihre beste Freundin eifersüchtig gemacht worden ist. Meine Lyrik hat aber in diesem Blog nichts zu suchen, höchstens zur Verstärkung innerhalb eines Prosatextes. Falls passend, werde ich mal was einfügen. Ansonsten Frog, du meine Güte! Wenn der Seat kein Cabrio ist, dann bau ihn halt um. Kostet doch nur einen Satz!

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Azahar

Hallo Frog! Nun, allzu wütend kam mir Godo ehrlich gesagt nicht vor, aber bei dem, was ich bis jetzt von ihm weiss, würde das auch gar nicht zu ihm passen. Mir scheint, er ist eher eine Person, die schluckt und sich ins unvermeidliche fügt. Immerhin hat ihn Linn aus seiner Lethargie gerissen und er verspürt nun zumindest das Bedürfnis etwas an seinem Leben zu verändern. Die beginnende Einsicht bis hin zu der Entscheidung, dass sich etwas ändern muss, hast du sehr gut dargestellt.

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Frog

Ausgeleierte Redewendungen, ja, den Schuh zieh ich mir gern an. Wird gestrichen! Aber wie könnte der Umweg über Ina funktionieren, @Ginko? Bitte gib mir einen Tipp, auch bezüglich der Liebeslyrik... Und: Das mit der Tür habe ich tatsächlich nachträglich eingebaut, um Kritik zu vermeiden (Du hast die Reihenfolge nicht eingehalten, Frog...:-). So viel zur inneren Zensur! Schöne Idee, aus dem Dach zu klettern, bloß dass diese alte Karre kein Schiebedach hat. Schade eigentlich!

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Frog, für mich war Godo wütend genug. Er hat zumindest gezeigt, dass er noch Gefühle hat und ein bisschen denken kann. Und er hat erkannt, dass er das Problem ist. Ich bin mal gespannt, ob er sich das merken kann. Die einzige Formulierung, die mir nicht gefallen hat, waren die "Verdächtigen" in folgendem Satz: "In Pacos Bar drüben neben der Bushaltestelle sah er die üblichen Verdächtigen hocken." Passt irgendwie nicht. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Maju

Hallo Frog, bin total begeistert von dieser Passage und würde sooo gerne weiterlesen. Dieser Godo kommt sehr glaubwürdig rüber und ich finde ihn sympatisch. Da mir in diesem Jahr leider keine Urlaubsreise vergönnt ist, beschränke ich mich darauf Filme und Bücher aus südlichen Gestaden zu konsumieren. Deins wird auf jeden Fall dazugehören und ich freue mich auf das nächste Kapitel. LG. Maju

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Ginko Korn

Ähm tja, also Wut ist das nicht. Godo gerät ins Schwimmen, richtig! Sogar im Sinne des Wortes. Sein Befinden ist jetzt eindeutig beschrieben, mit treffenden Wörtern. Als Mann fühle ich: "dieser Godo ist für mich kein Konkurrent bei Linn. Schade, dass KM 5 mit DJs nicht mein Parkett ist. Aber mit Liebeslyrik könnte ich bei ihr auch landen. Kostet nur einen kleinen Umweg über Ina". Noch was zum Text : "die üblichen Verdächtigen", "der kleine dicke Wirt" sind ausgeleierte Redewendungen."schaltete reflexartig das Radio ein: besser "gewohnheitsmäßig"? Bevor er aussteigt: "machte die Tür auf", was sonst? Noch überdrehter wirkte er allerdings, wenn Godo aus dem offenen Dach kletterte.

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Monika

„Ich bin ein Idiot!“ schrie er. - Und an dem Schrei bin ich hängen geblieben.. "fluchte" er nicht vielleicht? Und dann ging es weiter... durch die Kneipe ins Meer... in einem Rutsch... super geschrieben! Gratulation! Ich bin gespannt auf seine späte Karriere und was Linn damit zu tun hat. Gruß Monika

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von marc

Hallo Frog, vielleicht bin ich heute rechtzeitig mit meinem Kommentar. Im Moment bist du „unberührt“. Am Ort deiner Handlung war ich noch nie, aber für mich ist das Milieu glaubhaft beschrieben und interessant. Godo kann ich gut als Mann vor mir sehen, für einen Macho ist auch die Formulierung ...als Godo gleich wieder aufstand und gefolgt von seiner Hündin zum Auto zurück ging... typisch, wobei ich immer etwas Mitgefühl für Hündinnen habe, weil auch diese Frauen ohne genügenden Stolz, sich nach aufrichtiger Liebe und Wertgefühl sehnen und zu meist Gefühlsmäßig ausgenutzt werden. ...sogar so etwas wie „Hab dich lieb“ ins Telefon gesäuselt. Aber das musste doch möglich sein, man war schließlich erwachsen. Oder steckte ein Fünkchen Wahrheit darin?... dazu möchte ich anmerken: man war schließlich nicht erwachsen und es steckt ausschließlich Wahrheit darin! Es gibt einen großen Unterschied zwischen „Ich hab Dich Lieb“ und „Ich liebe Dich“. Es sind beides Pseudonyme. Ersteres für: schlafen, okay; leben mit dir, nein. Zweites: bedingungslos! ... wurde ihm bewusst, dass er seinen Gefühlen nicht davon schwimmen konnte... hat mir sehr gefallen. ... Welcher Teufel saß da in seinem Kopf und redete ihm ein, es erst gar nicht zu versuchen? Der Teufel heißt Versagensangst und betrifft auch so manchen von uns. Viel Erfolg.

Eingetragen am: 13.07.2008

Eingetragen am: 12.07.2008 von Metta Maiwald
[ Lesezeichen ]

14429

Ulla rührte die Salatsoße um. Im Flur hörte sie Lisa:
„Papi, du siehst aber lustig aus!“
„Ja, Lisa.“
„Warum siehst du so komisch aus?“
„Weil ich arbeite.“
„Tust du ga’ nich’. Du bist näm’ich Polizist. Wozu ist das vor der Nase?“
„Das ist eine Staubmaske.“
„Mit der Mütze und der Brille siehst du aus wie Puck, die Stubenfliege.“
„Lisa, nu’ lass mich doch mal in Ruhe! Du siehst doch, dass ich zu tun habe.“
Arne war von einer weißen Staubschicht bedeckt.
„Lisa, kommst du zu mir in die Küche?“
„Gleich, Mami. Papi, warum machst du das Zimmer kaputt?“
„Ich mach den Putz von der Decke und das Stroh, weil es hier im Hauswirtschaftsraum reinregnet und ich gucken will, ob die Holzbalken schon angegammelt sind.“
„Wieso ist da Stroh? Wohnen da Pferde?“
„Lisa…“ Arne verdrehte die Augen.
„Lisa, komm bitte!“
„Nun geh mal zu Mami.“
„Ja. Viel Spaß, Papi.“ Lisa trollte sich.

„Arne, kannst du gleich mal kurz unterbrechen? Das Essen ist in zehn Minuten fertig.“
„Ja, ja!“
„Wir können sonst auch später essen. Lisa will sowieso lieber Grießbrei. Dann bringe ich sie schon ins Bett.“
Das Telefon klingelte. Oh, das war bestimmt Tina – sie hatten sich ja für morgen verabredet.
„Hallo Ulla, na, wie geht’s?“
„Ach, das Übliche… Arne ist genervt von unserer Bruchbude – im Hauswirtschaftsraum regnet’s rein.“
„Hat er frei? Dann bring ihn doch morgen mit. Jan ist auch zu Hause. Theresa freut sich schon auf Lisa.“
„Ja, seit ihr weggezogen seid, sehen sie sich ja auch selten. Ich frag Arne mal, ob er mitkommen will, aber vielleicht ist er auch ganz froh, wenn er hier mal in Ruhe was tun kann. Lisa hockt ihm ja die ganze Zeit auf der Pelle.“
„Okay, das sehn wir dann ja. Wann kommt ihr denn? So gegen drei, halb vier?“
„Ja, das ist ’ne gute Zeit. Tschüs.“ Ulla legte auf.
„Mami, wer war das?“
„Tina. Wollen wir morgen nach Altendorf fahren?“
„Zu Theresa?“ Ulla nickte. „Au ja! Wir fahren zu Theresa, wir fahren zu Theresa“, sang Lisa.

Arne kam ins Wohnzimmer und rubbelte sich die Haare trocken. „Schläft Lisa schon?“
„Ich hoffe. Sie hat doch ’Gute Nacht’ gerufen, hast du’s nicht gehört unter der Dusche? – Ich musste ihr drei Kapitel vorlesen!“ Ulla legte ihr Buch beiseite und stand vom Sessel auf, um das Essen aus der Küche zu holen. „Und? Hast du was gefunden?“
„Du bist witzig! Meinst wohl, das geht so schnell, was? Träum mal davon.“
„Tina hat vorhin angerufen, ob das mit morgen klappt. Wir hatten uns doch schon vor längerer Zeit verabredet. Kommst du mit?“
„Und das Dach? Du meinst wohl, das macht sich von allein!“
„Nein, ich dachte nur, vielleicht bist du ganz froh, zwischendurch mal rauszukommen.“
„Wenn DU denkst…“
„Ich kann auch mit Lisa allein fahren. Dann steht sie dir nicht im Weg.“
„Ja, und die Drecksarbeit bleibt wieder an mir hängen!“
„Soll ich dir helfen?“ Ulla setzte sich wieder hin.
„Vergiss es! Du hast doch auch keine Ahnung!“
„Du tust so, als würde ich immer nur faul rumsitzen.“
„Was machst du denn schon?“
„Soll ich’s dir aufzählen? Kochen, waschen, bügeln, einkaufen, Lisa in den Kindergarten bringen und sie abholen, putzen, das Katzenklo saubermachen…“
„Du Arme!“
„Ich habe mich ja nicht beschwert. Aber du tust so, als ob ich nichts mache!“
„Ist ja auch so. Lassen wir die Diskussion!“
„Und was ist nun mit morgen?“
„Du bist so was von egoistisch!“
„Sag mal, das kann ja wohl nicht angehen! Was willst du denn?“
„Ach leck mich!“
„Heh, ich will dir einen Gefallen tun, und du meckerst mich an!“
„Weißt du, ich schaff die Kohle ran und zu Hause muss ich auch noch buckeln. Und du fährst zu Tina!“
„Kann ich was dafür, dass es in der Redaktion keine Teilzeitstellen gibt? Soll ich Tina absagen?“
„Halt’s Maul!“
„Antworte mir doch mal bitte!“
„Halt’s Maul, hab ich gesagt!“
„Sag mal, spinnst du?“
„Du denkst immer nur an dich. Warum leben wir überhaupt noch zusammen? Du kotzt mich an!“
„Was hab ich denn getan? Ich wollte doch nur…“
„Halt die Klappe!“
Verdammt noch mal! Ulla sprang auf und sah sich um. Die Essecke! Sie packte einen Stuhl, riss ihn hoch, so dass eine Ecke der Lehne sich in den Putz der Zimmerdecke bohrte, und ließ ihn auf den Boden krachen! „Hör mir jetzt mal zu!“ Mit aller Kraft pfefferte sie ein Sofakissen auf den Boden, und noch eins, und noch eins…
„Lass die Bude heil!“ Ulla spürte kaum den Schmerz auf der Wange. Sie starrte in Arnes aufgerissenen Augen. So, jetzt reichte es! Sie ballte die Fäuste, doch bevor sie auf Arne losgehen konnte, hielt er sie an den Handgelenken fest: „Entschuldige! Entschuldige! Das wollte ich nicht!“
Ulla versuchte, sich zu befreien, wand sich hin und her und versuchte, nach Arne zu treten. „Lass mich los! Du sollst mich loslassen!“
„Okay, aber dann hör auf.“ Sein Griff lockerte sich und Ulla sank schluchzend zu Boden.
„Morgen gehe ich zum Anwalt. Ich lass mich scheiden.“ Arne setzte sich aufs Sofa und starrte vor sich hin.
„Warum?“, wimmerte Ulla. „Warum? Immer bin ich die Böse. Du hast mir einfach nicht zugehört. Ich dachte, du bist froh, wenn du hier in Ruhe arbeiten kannst. Du bist doch total genervt von Lisa.“
„Komm, wir gehen schlafen.“
„Ne, ich schlaf auf dem Sofa. Du willst dich doch sowieso scheiden lassen.“ Ulla schniefte.
„Quatsch, war nicht so gemeint. Los, Trulla, ich kann nicht schlafen, wenn das Bett neben mir leer ist.“ Arne wuschelte ihr durchs Haar. „Und außerdem: Gibt’s hier noch mal was zu essen? Du darfst auch ein Glas Wein mit mir trinken.“

Lisa löffelte ihre Cornflakes. „Du, Mami, was ist das da für eine Beule in der Zimmerdecke?“
Ulla und Arne wechselten einen kurzen Blick.
„Äh, Mami und ich hatten einen kleinen Streit. Und, hm, ja, die Stuhllehne war so spitz, und Holz ist leider härter als Gips.“
Lisa verschluckte sich und sah staunend nach oben: „Mami, hast du den Stuhl so hoch geworfen?“
„Ja, du weißt doch, dass deine Mutter manchmal etwas streitsüchtig ist.“ Arne grinste.
Ulla trat ihm gegen das Schienbein.


Kommentar von Karin

Dein Text hat mir sehr gefallen! Echt, natürlich, schlicht, packend und sehr nachvollziehbar. Liebe Grüße.

Eingetragen am: 18.07.2008

Kommentar von Metta Maiwald

So, jetzt ist es mal an der Zeit, Eure Fragen zu beantworten - wie immer war ich überwältigt von der Resonanz! DIALOGE Ich habe lange überlegt, ob ich die wörtliche Rede mit Zwischentext füllen sollte, aber die Handlung der Protagonisten ist belanglos. Deshalb hatte ich es gelassen, und versucht, die Sprecher durch die Anrede ("Lisa, kommst du?" "Gleich Mami...") zu verdeutlichen. Ich werde mal eine andere Variante ausprobieren. HANDLUNG Ulla hebt den Stuhl schwungvoll nach oben, um zum Wurf auszuholen und trifft dabei versehentlich die in Fünfziger-Jahre-Siedlerhäusern recht niedrige (z.T. nur um die 2 m) Zimmerdecke. Dabei entsteht kein Loch, auch keine Beule (obwohl man es bei Autos ja auch so sagt), sondern eine Delle, aber die fünfjährigen Lisa unterscheidet das noch nicht so genau. Arne gibt Ulla reflexartig eine Ohrfeige (den expliziten Satz hatte ich wieder gestrichen, weil ich die indirekte Umschreibung sensibler fand), um sie zu stoppen, bevor sie die ganze Bude zu Kleinholz zertrümmert. Er ist selbst erschrocken über seine Handlung und sie wird noch wütender und attackiert ihn direkt. ESKALATION Manche von Euch waren genauso verwirrt wie Ulla über die Eskalation des Streits, andere haben es genau richtig erkannt. Bei beiden hat sich Frust angestaut über Job und Haushalt. Statt auf sachlicher Ebene wird auf emotionaler Ebene argumentiert, was zu keiner Lösung führen kann. Dass Arne genervt ist, kann Ulla auch verstehen, aber er bietet keine Lösung an und wehrt Ullas Vorschläge ab. So verletzend wie er ist sie nicht, aber bei ihm hat sich Frust aufgestaut, weil er sich überfordert und des öfteren von ihr bevormundet fühlt, da sie - ehemals berufstätig - nun ganz den Haushalt als ihr Revier betrachtet, und es ihr nicht mehr egal ist, wenn alles, was sie gerade geputzt hat, gleich wieder dreckig wird. Da die Kapitel, aus denen das hervorgeht, bisher nicht zu den vorgegebenen Themen passten, wisst Ihr das natürlich noch nicht. ARNE Deshalb wird Arnes Schlusssatz auch missverstanden. Er würde niemals zugeben, einen Fehler gemacht zu haben oder sich entschuldigen (nach der Ohrfeige war das eine Ausnahme). Deshalb lenkt er lieber ab. Trulla ist nicht abfällig, sondern ein Kosename. Die selbstironische Formulierung "Du darfst..." ist kein Macho-Gehabe, sondern er verwendet diese Formulierung auch beim Flirten, z.B. "Weil du meine Lieblingstrulla bist, darfst du auch mit mir auf dem Lanztrecker mitfahren." Genauso ist die Formulierung mit dem Essen zu verstehen. Da werde ich seine Mimik unbedingt beschreiben müssen, damit deutlich wird, dass er hier versucht, auf eine scherzhafte Kommunikationsebene zu wechseln. Ein grinsend ausgesprochenes "Los, du musst mir was zu essen machen!", bedeutet aus Arnesprache übersetzt: "Machst du es bitte." Aber die Worte bitte und danke waren in seiner Familie nicht üblich. RECHTSCHREIBUNG Gut, dass Du Dich traust zu fragen, Marc. Seit und seid, das ist nicht logisch, zumal andere Verben in der zweiten Person plural auf t enden. Mann kann nur versuchen, es sich zu merken: wir sinD, ihr seiD/ seitDem will kein Doppel-d. Danke für Eure Kommentare! Metta

Eingetragen am: 17.07.2008

Kommentar von Frog

Hej, Metta, da hast Du jetzt aber noch auf die Schnelle ein paar richtig gute Tipps bekommen. Herrlich finde ich Angela, Dich würde ich glatt engagieren, wenn ich nicht mehr weiter wüsste. Du hast immer so gute Ideen in petto, wie es weiter gehen könnte....:-) Bis die Tage

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Malea

So, da bin ich wieder, liebe Metta! Die Kurzform: Starker Text, starker Tobak. Du bist echt ne Wucht im Dialogeschmieden. Zum Inhalt: Sowas würde ich mir nicht gefallen lassen. An einer Stelle habe ich gestutzt ("Ulla spürte kaum den Schmerz auf der Wange."). Hat er sie geschlagen, oder ist ihr der Stuhl drauf gefallen? Ich finde die Kommentare interessant, hier wird recht geschlechtsgetrennt gewertet. Ich stimme mit den Mädels und find Arne doof ;-) Aber Ginko hat natürlich mit seinem Rabattmarkenheftchen den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn die Fiesheiten von Ulla erfahren wir in diesem Text ja nicht, was ist sie denn, passiv aggressiv? Eins noch, lieber Ginko, die Goldhochzeiter sind mir übrigens kein echtes Vorbild. Da gibt es zu viele, die einfach lebenslänglich gekriegt haben und es akzeptieren. Lieber ein Ende mit Schrecken... wenn es denn nicht mit dem sich Zusammenraufen klappt. H&K, Malea.

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von warnow

Hallo Metta, ein eskalierender Streit. Aufgestaute Wut brach sich Bahn. Daraus folgt: Es muss schon im Vorspann Meinungsverschiedenheiten gegeben haben, die jetzt zum Ausbruch kamen. „Der Satz: „Du darfst auch ein Glas Wein mit mir trinken.“ Zeugt von sehr viel Dominanz des Mannes und auf der Basis steht die Ehe auf tönernen Füßen. Gruß Winfried

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Bridget Olliver

Hallo Metta, das ist frisch aus dem prallen Familienleben gegriffen! Ich würde den Text vielleicht noch etwas eindampfen. Es sind sehr lustige Details dabei. Zum Beispiel das harte Holz und der weiche Gips. viele Grüße Bridget

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Arne schiebt eindeutig Frust im Job. Wäre es anders, wäre er ausgeglichener zu Hause. Und der Neid auf seine Frau, die es ja sooo gut zu Hause hat, zerfrisst ihn. Haushalt und Kinderstress sind für ihn pillepalle. Und keinesfalls mit seinem Stress im Beruf zu vergleichen: miese Kleinganoven, die einen treten, bespucken und beleidigen, moppende Kollegen, Chefs, die einen bei der Beförderung übergehen und eine Politik, die der Polizei ständig Knüppel zwischen die Beine wirft. Seine Gewichtung ist nachvollziehbar. Kein Verständnis bringe ich dafür auf, dass auf dem häuslichen Stundenplan seiner Tochter das Fach ‚Eine Frau ist der Fußabtreter ihres Mannes’ steht. Ulla sollte hier ganz schnell die Notbremse ziehen. Eine Mutter-Kind-Kur würde sich fürs erste anbieten um Abstand zu gewinnen. Das gibt Arne die Gelegenheit zu überdenken, ob Ulla ihm nur noch als Einschlafhilfe dient, oder ob er doch noch mehr für sie empfindet. Bin gespannt, welche Problemlösung Ulla für diese eingefahrene Situation in petto hat.

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Metta, mich rüttelt's bei solchen Dialogen! Mir sind die untergründigen Botschaften zwischen Partnern so geläufig (auch Eltern und Kindern, übrigens!), dass ich gleich eine Gänsehaut bekomme. Also: ein sehr hoher Erkennungswert für lebenserfahrene Leser! Aber eigentlich kommen alle drei nicht sympathisch rüber, denn natürlich schluckt Ulla zu viel und zu lange und mimt nur auf langmütig, man spürt ihre unterdrückte Wut! Mit jedem „netten“ Satz von Ulla füttert sie seine Rage. Arne ist ekelhaft und das Kind natürlich naseweis, was in dieser Familie ja das Mindeste ist. Wenn das alles beabsichtigt war, dann ist es dir supergut gelungen. Zur Schreibe selbst: du kannst Dialoge sehr gut schreiben, war schon immer deine Stärke! Der Stuhl an der Decke hat wohl eher ein LOCH als eine BEULE hinterlassen. @Ginko: Sehr gute Anmerkungen über Ehe! Ich gratuliere. Aber es will niemand lesen? Da irrst du dich! Ich wäre die erste, die das täte und hier im Forum sind auch noch diverse Interessenten, z.B. die Leser von Mettas Geschichte. Und da du nicht nur scharfsichtig, sondern auch sprachgewaltig bist, solltest du dir mal überlegen, ob es nicht an der Zeit wäre, dass du so einen Roman á la "Wer fürchtet sich vor Virginia Woolf?" schreibst. LG Lillilu

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Azahar

Ja, so ist das. Wenn die Stimmung in einer Beziehung mal geladen ist, dann kann wegen einer Nichtigkeit die Hölle losbrechen. Interessant fand ich es, dass du den Konflikt so gut wie ohne Kommentare / Beschreibungen, nur durch wörtliche Rede aufbaust. Mir Persönliche fehlte dadurch aber so ein bisschen der Bezug zu den Personen, den ich als Leser gerne empfinden würde. Was ich nicht ganz verstand war, warum und vor allem wie Ulla den Stuhl in die Decke rammt. War das Absicht oder ein reiner Wutausbruch? Wie auch immer, ich stellte mir das in meiner Wohnung mal kurz vor und kam zu dem Schluss, dass ich selbst dann, wenn die Zimmerdecke recht niedrig wäre, in einer Wutsituation gar nicht die Kraft hätte einen normalen Stuhl so hoch zu schleudern, dass er aus versehen ein Loch in die Decke schlagen würde. Sollte Ulla das ganze mit Absicht gemacht haben, dann hätte ich mir gewünscht, dass es deutlicher aus dem Text hervorgeht. LG Azahar

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Maju

Jau! Wie im richtigen Alltagseheleben, wenn man es denn aushält. Besser, sie trennt sich von diesem Typen. Das Glas Wein, das sie mit ihm trinken darf, sollte ihm aufs Haupt geschüttet werden. Aber klasse geschrieben. LG. Maju

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von marc

Hallo Meta, Handlungsabläufe in wörtlicher Rede waren mir bisher immer etwas flach erschienen. Du hast mir bewiesen, dass auch diese Art des Schreibens viel Tiefgang haben kann, wenn man es kann. Es braucht wahrscheinlich etwas mehr Lebenserfahrung um zu verstehen, wie sich aus banalem Wortspiel plötzlich Aggression entlädt, die sich aus ganz anderen Gründen aufgebaut hat. Zum Beispiel, weil Arne trotz großer Mühe noch nicht gefunden hat was er suchte und „Angst!“ davor hat als Versager dazustehen. Aber am heftigsten hat mich bewegt, was du zwischen die Zeilen geschrieben hast. Was wenn Lisa alles mithört. Und ich glaube sie hat es gehört, würde sie sonst nach der Beule in der Zimmerdecke fragen? Kinder stellen naive Fragen, nicht weil sie naiv sind. Naive Kinder stellen keine Fragen! Dein Text hat mich sehr beeindruckt. Ja, seit ihr weggezogen seid, ... ich kann nicht begreifen, wann mit „t“ und wann mit „d“, gibt es eine Regel?

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von papaya10

Hallo Metta, Familienalltag und nette Dialoge mit einer naseweisen Lisa (wie alt ist sie denn?). Wieso der Konflikt zwischen der netten Ulla und dem netten Arne so schnell eskaliert und sich dann in Wohlgefallen auflöst, ist für mich nicht nachvollziehbar. l.G papaya10 P.S.vielleicht hab ich in der Vorgeschichte etwas verpasst? Vielleicht müsste ich mehr wissen über Ulla und über Arne um sie verstehen zu können, bin gespannt.

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Reiner Reinfeld

Hallo Metta! Dass Arne genervt ist, kann zumindest jeder männliche Leser verstehen. Ich kann mir aber nicht helfen, das Bedürfnis nach Scheidung würde ich eher bei Ulla erwarten, so wie Arne sie behandelt. (Leck mich - Du kotzt mich an - Trulla) Als ehemaliger Hausmann hätte ich volles Verständnis für Ullas Wut, auch ohne Arnes Beleidigungen. Dass der Partner die Leistungen im Haushalt nicht anerkennt, dass er ignoriert,dass es im Haushalt keinen Feierabend gibt, dass man nie Herr seiner Zeit ist und ständig öde Arbeiten machen muss, das allein ist genug Grund für einen Wutanfall. Bei den häufigen wörtlichen Reden könnte ein Hinweis auf den Redner zwischendurch die Orientierung erleichtern. Der letzte Abschnitt gehört m.E. schon in ein folgendes Kapitel. Der Beitrag hier könnte nach "Lass mich los! Du sollst mich loslassen!" enden. Wutausbuch ist ein Thema, Versöhnung oder Versöhnungsversuch ein anderes. LG, Reiner

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Ginko Korn

Die Partner kleben fleißig Rabattmarken für jede kleine Kränkung und wenn nichts mehr hineinpasst, fordern sie Genugtuung für das volle Heft. Ein Außenstehender sieht dann nur den Streit aus dem Nichts. Beruflich sind sie Profis, privat Amateure. Eine Lebensgemeinschaft zu führen, bedeutet tägliche Beziehungspflege. Seht euch die Paare an, die Goldene Hochzeit feiern: Mit deren Kenntnissen in die Ehe zu gehen, ließe den Anfechtungen des Alltags keine Chance, einzudringen in das Bollwerk aus Harmonie. Langweilig? Nicht doch. Ein Team, das gegen die Tücke des Daseins gewinnt, erfährt die unendliche Befriedigung der Sieger. Unbezwinglich könnte es die Welt aus den Angeln heben. Aber als Roman würde das niemand lesen wollen.

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Frog

Hihi! Szenen einer Ehe. Kommt mir bekannt vor. Herrlich lebendig! Am besten gefällt mir der letzte Satz. Ulla will immer das letzte Wort haben. Wie gut ich das verstehen kann...

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Der unsensible, machohafte Polizist denkt nach einer solchen Szene zuerst ans Essen? Vieleicht sollte nicht er sie, sondern sie ihn verlassen. Verdient hätte er es. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 12.07.2008

Eingetragen am: 12.07.2008 von Benita
[ Lesezeichen ]

14422

Fortsetzung von 13953 Kapitel 25

Nancy betrat das Kinderzimmer.
Das Baby schlief friedlich in seinem kleinen Gitterbettchen.
Sie sah wie es leise atmete.
Eine halbe Schlattablette in die Babynahrung hatte gereicht und der Kleine schlief fest.
Sie hörte Marion noch im Esszimmer.
Die junge Frau telefonierte, Nancy war sich sicher.
War Hans schon unterwegs?
Schlaf doch endlich, du blöde Kuh!
Wann wirkten die Tabletten? Waren es auch genug?
Nancy setzte sich vor das Gitterbettchen. So konnte sie den Kleinen genau beobachten. Ein wirklich niedlicher Fratz. Die Arme hatte er leicht angewinkelt und nach oben gestreckt.
"Du gehörst zu mir. Ich liebe Dich." Nancy flüsterte es leise.
Ihre Blicke richteten sich die ganze Zeit auf das schlafende Baby.
Unten im Esszimmer schien es ruhig zu sein.
Schläft sie endlich?
Auf der Straße hörte man einige Kinder kichern. Hans konnte noch nicht da sein. Jetzt nur ruhig bleiben und abwarten.
Nancy saß noch lange vor dem Bett des Kleinen.
Im Haus war es still. Nur manchmal hörte man ein leises Knarren von den frischen Holzparkettböden.
Sie sah auf die Tür. Unter der Klinke war der Lack abgekratzt.
Das war von Stupsi.
Dieses Biest! Diese lästige Katze!
Aber jetzt kann sie nie wieder kratzen.
Was hatte sie auch im Kinderzimmer zu suchen.
Pech gehabt, Stupsi!
Nancy lächelte zufrieden.
Keiner ist ihr auf die Schliche gekommen.
Endlich hörte sie die Autotür von Hans zuknallen.
Er hastete zum Haus.
"Marion", rief er laut!
Aber sie antwortete nicht.
"Marion!"
Nancy lächelte. Hatte ihr Plan geklappt?
Sie öffnete die Tür einen Spalt.
So konnte sie hören, was zwischen dem Ehepaar geschah.
"Marion, was ist?"
Antwortete Blondchen überhaupt noch?
Nancy verließ das Kinderzimmer. Sie ging ins Gästezimmer, das man ihr liebevoll eingerichtet hatte.
Rasch zog sie Jeans, Pullover und Slip aus. Ein schwarzer Ledertanga lag bereit auf ihrem Bett. Das junge Mädchen schlüpfte hinein. Leise summte sie vor sich hin und schaute dabei in den großen Spiegel und war stolz auf ihre großen Brüste. Dann zog Nancy den weißen Bademantel darüber, der über einen Stuhl geworfen war.
Alles lief gut. Hans war zu hören, wie er auf seine Frau einredete.
Nancy, die Ahnungslose spielend, lief barfuß und im Bademantel bekleidet die Treppe hinunter.
Ein Hauch von teurem Parfüm begleitete sie.
Die Tür zum Schlafzimmer, das Hans und Marion gehörte, stand offen.
Der attraktive Mann stand gebeugt über dem Bett, in dem seine Frau lag.
Nancy schlich leise in das Zimmer.
"Hans was ist?" Sie machte ein ernstes Gesicht, ihre Stirn war in Falten gezogen.
"Marion!" Er deutete auf seine Frau."Plötzlich war ihr so schlecht. Sie ist total müde."
Marion versuchte ihre Augen zu öffnen, aber es gelang ihr nicht.
Hans schaute das Kindermädchen an.
"Wir müssen einen Arzt anrufen."
"Einen Arzt, so ein Quatsch."
"Siehst du nicht Marion ist völlig erschöpft."
Er zeigte auf seine Frau. Sie schlief.
"Sie wird einen Schock haben, wegen dem Auto."
"Das ist doch kein Schock. Ich rufe sofort einen Arzt."
"Siehst du nicht, daß sie nur müde ist. Sie arbeitet viel zu viel."
"Der Termin war ihr so wichtig. Das weißt du."
"Termin....Termin. Das kann sie nachholen. Sie hatte zuviel Streß."
Nancy stand dicht neben Hans. Sie streichelte ihn über die Wange.
"Laß sie, Hans."
Er sah auf seine Frau. Regungslos lag sie da.
Nancy packte ihn am Arm.
"Laß das, Nancy." Er drängte sie zurück.
Sie schaute ihn tief in seine blauen Augen.
Hans wurde nervös.
"Verlaß sofort das Schlafzimmer!"
Er sah Nancy böse an. Sie lachte laut auf. Marion schlief, sie bewegte sich nicht mehr und bekam von dieser Szene nichts mit.
Nancy ging zwei Schritte rückwärts,dann öffnete sie den Gürtel ihres Bademantels.
Nackt nur im Slip bekleidet stand das junge Mädchen vor Hans.
Seine Blicke fielen auf den Boden.
"Schau her Hans, ich meine es so gut mit dir."
"Verschwinde!"
"Komm nur, ich weiß doch was du willst."
"RAUS!"


Kommentar von warnow

Hallo Benita, Nancy möchte auf sehr naive Art den Hans verführen. Wo bleibt die Wut? Gruß Winfried

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Lillilu

Hey, hey, Benita, was geht denn da ab!? Schöner, kleiner, gehässiger Text! Wollen wir sagen 'kalte Wut'? Gut gemacht!

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Frog

Ein perfides kleines Biest, diese Nancy. Gute Szene, wütend ist ja wohl Hans! Macht auf alle Fälle sehr neugierig. Die Dame geht ja über Leichen, um ihr Ziel zu erreichen. Für mich etwas unverständlich, dass sie auch das geliebte Baby betäubt hat. Geht die Katze auch auf ihr Konto? Arme Stupsi... Kleine Mängel in puncto Zeiten: "Aber jetzt kann (konnte wäre richtig) sie nie wieder kratzen. Was hatte sie auch im Kinderzimmer zu suchen? Pech gehabt, Stupsi! Nancy lächelte zufrieden. Keiner ist (war) ihr auf die Schliche gekommen".... LG Frog

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Ob das Baby nochmals aufwacht? Eine halbe Schlaftablette für ein Baby entspricht ungefähr einer Schachtel für einen Erwachsenen. Und die Wut wird in zwei Wörtern dargestellt, die aus dem Ende des Textes heraustropfen? Etwas wenig? Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 12.07.2008

Eingetragen am: 12.07.2008 von Lisa Becker
[ Lesezeichen ]

14419

Heute im Supermark war er wieder da, wieder zurück, mein irgendwo abgestellter Gedanke, war meine Idee wieder präsent. Und ich denke wieder internsiv drüber nach...

Ausgelöst durch die unbeschreibliche Wut in mir, die irgendwie auch: endlich wieder hoch kam in mir, als mit bekam, wie diese schlimme Frau mit ihren beiden süßen Kindern umgegangen ist. Und das in aller Öffentlichkeit!

Da stand eine hektisch wirkende junge Mutter mit Fliederfarbenem verwaschenem Jogginganzug und dünnem blonden Haar in der anderen Schlange neben mir. Noch gut vier fünf Leute waren vor mir bzw. vor uns.

Zwei übermäßig brav wirkende Kinder im Alter von vielleicht fünf und sieben Jahren schauten eher schüchtern abwechselnd zu Boden, dann nach der Seite und wieder zur Mutter hoch. Dabei biss sich das Mädchen von ca. fünf Jahren stest auf die Unterlippe. Es war ihm deutich anzusehn, dass es etwas auf dem Herzchen hatte, aber aus Erfahrung sich nicht zu trauen wagte, seinen Wunsch der Mutter gegenüber zu formulieren.

Das Brüderchen schien ihn bereits zu kennen, denn der kleine Mann ermunterte das Schwesterchen durch immer wieder ermutigendes Anstupsen, es doch dann endlich zu tun.

Das Mädchen nahm tief Luft, ging ein paar Schritte auf die Mama zu und sagte mit der Stimme eines süßen Mäuschens: "Mama, ich hab doch solch arge Lust auf ein Eis, krieg ich eins, bitte?"

Stolz über seinen eigenen Mut erhellte sich das Gesichtchen der Kleinen, und auch ich - wer weiß, wer noch von den an den Kassen Anstehenden -, klopften dem Kind mental auf die Schulter.

Doch dann, oh Schock, war es zu fassen, was sich dann ereignete? Diese Mutter beugte sich ohne ihr Gesicht zu verziehen, so als wollte sie sich grad nur mal ihre Schuhe binden, etwas nach unten, und sobald sie auf Augenhöre mit der Tochter war, holte sie mit einem kräftigen Schlag auf den Po des Kindes aus. Dieses schien zum vertraut schmerzlich wievielten Male in seinem bisherigen Leben die Welt nicht mehr zu verstehen, so auch ich, und so auch, wer weiß ich noch alles in den Schlangen wartenden Leute. Die Unterlippe schien etwas zu bluten, der Biss darauf schien tatsächlich fast chronisch zu sein, und dieser Schlag löste womöglich einen Riss aus.

Nun begann das Kind so laut es nur konnte, ja, "wie am Spieß" zu schreien. Ich atmete tief durch und dachte mir. Jawohl, recht so, du Kleine! Der Bruder hielt sich noch immer beide Hände vor sein Gesicht, als wolle er seine Ermutigung von vorhin am Liebsten im Nachhinein rückgängig machen.


Jetzt wagte er sich zwei Schrittchen auf seine kleine Schwester zu. Man merkte ihm an, er wollte sie auf seine Art beschützen vor Weiterem, was auch immer durch diese Frau möglich schien. Doch dann wandte die Mutter sich wie umgewandelt an den Sohn und sagte fast harmoniesüchtig zu ihm und betont freundlich, ebenso betont laut: "Nein, lass sie nur, sie muss wissen, wo die Grenze ist."

Sie hatte dabei einen Gesichtsausdruck, als sei sie die liebevoste Mutter der Welt, als habe sie das Fach: Pädagogik "mit Löffeln gefressen". Als sei alles bestens. Sie lächelte die umherstehenden sich wundernden Menschen an, als wollte sie damit ausdrücken: "Alles ok, entschuldigen Sie bitte das unmögliche Verhalten meiner Tochter, aber sie wird Sie jetzt nicht mehr mit ihrem Geschrei belästigen."

Ich glaubte, gleich zu platzen, falls ich weiterhin so beherrscht meinen Mund halten würde.

So trat ich aus meiner Schlange heraus, mit resulutem Schritt auf diese Frau zu, blieb aufrecht vor ihr stehen, schaute demonstrativ sehr herzlich in das helle Gesichtchen der kleinen Dame. Dann schaute ich den jungen Mann an, doch hiernach wandte ich mich der Frau zu und begann loszuwerden, was ich nicht mehr zurückhalten konnte.

"Sie haben gerade Ihre Tochter vor allen Leuten stark gedemütigt und ihr wahrscheinlich sehr weh getan, sehen Sie nur, ihre Lippe blutet, auch wenn Sie nur ihren Po geschlagen haben. Ist Ihnen das alles bewusst? In der Öffentlichkeit haben Sie Ihrer kleinen Tochter sehr zugesetzt, ihr Selbstbewusstsein mag grade am Boden sein! Ich habe genau beobachtet, was Ihrem Schlag voraus ging: Ihre Tochter hat in normalem Tonfall mit freundlichem Gesicht und unauffälliger Lautstärke ihren Wunsch, ihren argen Wunsch nach einem Eis geäußert. Ich nehme an, weil die Lust darauf wirkich sehr groß war. Vielleicht sogar, weil ihr Körperchen ganz arg danach verlangt hat, solls geben so was! Ja?

Sie stellte musterhaft ihre Frage an Sie, ob sie bitte ein Eis bekomme. Daraufhin sind Sie ausgeflippt. Dass ein so kleiner Mensch im anschluss an solch eine demütigende und entwürdigende Behandlung zu schreien anfängt wie Ihre Tochter, alle Achtung, finde ich gut."

Ich schaute die Kleine an und freute mich über den Ausdruck in ihrem Gesicht. Er wirkte außer der zaghaften Erleichterung darin super sympatisch. Dann fuhr ich weiter aus: "Wissen Sie, wie es sich anfühlt, dermaßen in der Öffentlichkeit behandelt zu werden, wie es grade Ihre Tochter durch Sie, durch die eigene Mutter, erfahren musste? Nein?

Dann wissen Sie es jetzt, schauen Sie nur, wie die anderen Leute die Sache mitverfolgt haben und über Sie den Kopf schütteln. Schauen sie nur, so fühlt es sich an, wenn man öffentlich derart fertig gemacht wird, wie Sie es grade erfahren. Nur mit dem Unterschied, dem kleinen: Ihre Tochter hat sich korrekt verhalten und wurde daraufhin dermaßen schräg von Ihnen angemacht. Sie aber aufgrund dessen, dass ich es nicht mehr mit ansehen konnte und wollte, was sich hier wie in einem bösen Traum abspielte und dennoch die nackte Realität war. Und mich einfach einmischen musste, sonst hätte ich mir nicht mehr in die Augen sehen können, verstehen Sie das, was ich Ihnen sage?"

Nun waren weitere Kommentare der Anderen vor den Kassen wartenden Leute zu hören: "Ja, genau" oder "Jawohl, das war aber auch höchste Zeit, dass sich da jemand eingemischt hat, die Frau ist auch vorhin schon dahinten mit ihren Kindern so auffällig umgegangen, ich wollte da auch schon was sagen."

Nun fing diese zierliche blonde Frau mit dünnem Haar tatsächlich an, loszuheulen wie ein Kind und sagte mit beiden Händen vor dem Gesicht, dass sie sich schäme, dass es wahr ist, was wir ihr vorhalten, sie sei total überfordert, sie könne nicht mehr, die Nerven liegen am Boden, sie wüsste, wie unfair sie manchmal mit den Kindern umgehe, aber wirklich schlagen würde sie niemanden, nur mal einen Klapps auf den Po...

Nun beeilte sich der Kleine, zur Mutter zu laufen, um sie zu trösten, er konnte offensichtlich Tränen bei anderen Menschen nicht leicht ertragen.

Bald darauf saßen wir alle zusammen bei ihr in der Wohnung. Sie hatte mein Angebot, sie nach Hause zu fahren nach zuerst wiederholten Neins, dann doch angenommen. Als Harz IV-lerin hätte sie zudem noch eine anstrengende Busfahrt mit, wie sie mir im Auto sagte, zweimaligem Umsteigen vor sich und müsste in 2 Stunden mit dem Essen fertig sein, weil dann ihr neuer Freund käme und am Abend noch rechtzeitig auf der Arbeit sein, wo sie putzt, doch wohin sie ihr Freund begleiten würde, um ihr zu helfen.

Wenn sie reden wolle, bot ich ihr an, dann würde ich ihr zuhören und mal schauen, was gemeinsam zu machen sei, damit ihre Gesamtsituation etwas einfacher würde für die Familie. I

Vordergründig empfahl ich ihr, sich ernsthaft, am besten übers Internet, auf einer seriösen Seite anzulesen, was Inhalt und Sinn der Sozialen Kompetenzregeln seien. Ich konnte sie davon überzeugen, dass sich diese Mühe ganz bestimt für die ganze Familie lohnen würde, weil sobald man oder sie den Sinn dahinter verstanden hat, und sich daran macht, das Gelernte anzuwenden, es dazu führt, dass fast keine destruktiven Verhaltensweisen mehr in der Familie vorkommen würden.

Und wenn doch, weil wir ja alle nur Menschen sind, es einem dann zumindest jeweils bewusst ist, dass man sich wieder mal destruktiv verhalten hatte. Und weil somit dann eine aufrichtige Entschuldigung viel leichter über die Lippen kommt und demzufolge die ganze Stimmung innerhalb der Familie sich merklich verbessert.

Ich durfte bei den Zimmermanns zu Hause angekommen und nach einer guten Tasse Kaffee dann Werke einer hochbegabten jungen Dame namens Sarah bestaunen sowie selbst geschriebene sehr aussagende Gedichte des Bruders.

Dann schien ich in meinen Gedanken versunden aufgefallen zu sein, als irgendwo anders nur nicht da bei ihnen. Denn die Frau schaute mich kurz verdutzt an und fragte, was los sei.

Ja, ich stellte mir da nämlich grade vor, dass diese Kinder doch irgendwann mal zu jenen Menschen im Land gehören könnten, die einst als Hochbegabung erkannt worden waren, dann schulisch gefördert, dann gemäß ihrer individuellen Anlagen ausgebildet, und dann zur Freude und zum Nutzen aller Beteiligten in der Wirtschaft Deutschlands den passenden Beruf gefunden haben würden.

Was solche Menschen, die ihre Berufung zum Beruf machen konnten, für die ihr Beruf eine Passion werden konnte, an Brillanz an Qualität in Sachen Güter und Dienstleistungen in der Wirtschaft hervorbringen würden, nicht auszudenken!

Wieder zuhause dachte ich über meine Idee nach, die mir vor einigen Jahren - siehe: Bestellungen bei Universum von Bärbel Mohr -, geliefert wurde. "Was nützt das beste Bildungssystem. wenn Kindern wie diesen beiden, Sarah und Antonio, der Weg verschlossen bleibt, in den Genuss einer ihrer Anlagen adäquaten Bildung und Ausbildung zu kommen?

Doch dies nicht etwa deshalb allein, weil sie aus einer Harz IV Familie kämen, sondern weil aufgrund von nicht vorhandenem und angewandtem Sozialen Kompetenzverhaltens in der Familie ein Klima herrscht, das vorhandene Anlagen aufgrund von chronischen Demütigungen und schmerzlichen Verkennungen zu ersticken bringt. Nach wenigen Jahren Kindergartenzeit wissen viele solcher Kinder mit Hochbegabung nicht mehr, dass so etwas in ihnen steckt. Es wird von außen nicht mehr wahrzunehmen sein und dramatisch verkümmern. Solche Menschen mögen aufgrund ihrer früh erlangten seelischen Narben zu Trinkern werden, zu Menschen mit keinem Durchsetzungsvermögen, zu Außenseitern zu Harz IV-lern.

Denn um psychisch zu überleben, bleibt so einem Kind nichts anderes übrig, als sich konditionieren zu lassen., ja nicht aufzufallen, und im allgemeinen Trott seine gewisse Sicherheit imLeben zu erlangen und zu erhalten.

So wurde ich vor einiger Zeit mit jener oben bereits angedeuteten, wie ich finde, super Idee, beschenkt: Ein optimiertes Bildungssystem ist auf dem Weg, was ich sehr sehr gut find. Doch um die Anwendung und Umsetzung effizient zu optimieren, erachte ich es fast für notwendig, folgende unterstützende Maßnahme im Rahmen des Bildungsauftrages, und daher auch dementsprechend finanzier- oder förderbar ins Leben zu rufen, nämlich:

Über das effiziente Medium: Fernsehen in Form einer Comedyfernsehsendereihe auf hoch wissenschaftlichem Hintergrund aufgebaut, ein kollektives Caching für die gesamte Nation erfolgen würde, für Alle mit Erziehungsauftrag im Land.


Kommentar von Metta Maiwald

Hallo Lisa. Ich meine, und ich hoffe, Dich damit nicht zu verletzen, dass es durchaus in Ordnung ist, Schachtelsätze zu schreiben, sie also nicht prinzipiell zu vermeiden, soweit sie denn grammatisch in der Weise korrekt sind, dass ich als Leserin sie nachvollziehen kann, und sie vor allem auch zu Ende geführt werden. Doch Du schachtelst, ja, nicht nur das, nicht nur Sätze, sondern, hinzu kommt, dass außerdem verdrehst, grammatisch meine ich, Du allerlei. - Im vierten Absatz nennst Du zweimal das Alter des Mädchens. Einmal reicht. Du batest glaube ich um einen Tipp, wie man die Regel "Zeigen statt erzählen" umsetzt. Ab "Nun fing diese zierliche Frau..." werden Dialoge fast vollständig durch indirekte Rede ersetzt. Sinnliche Wahrnehmung fehlt.

Eingetragen am: 18.07.2008

Kommentar von warnow

Hallo Lisa, die Mutter ließ ihre Wut über gesellschaftliche Unzulänglichkeiten an den Schwächsten, an ihren Kindern, aus. Das wäre zum Thema Wut. Die Rede der einschreitenden Dame ist etwas zu lang und damit etwas unglaubwürdig. Letzten Endes war sie auch wütend. Der Rest ist ein Plädoyer für ein gerechteres Bildungssystem. Gruß Winfried

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Malea

Wir schreiben hier alle um herausfinden, wie unser Stil, unsere Inhalte "da draußen" ankommen. Deshalb gebe ich dir ein ehrliches Feedback, dass nicht dich angreifen soll, sondern sich ausschließlich auf den Text bezieht: 1. Er spricht mich nicht literarisch an, sondern wirkt auf mich eher wie ein Tagebucheintrag oder ein Leserbrief. 2. Über Fehler wurde schon viel diskutiert, aber sie haben auch mich im Lesefluss gestört. 3. Schachtelsätze an sich sind weder gut noch böse, oder gar unmodern. Sie sind anstrengend und nur zu ertragen, wenn sie z.B. Chaos in der Handlung transportieren oder der Inhalt für die Mühe entschädigt. 4. Inhaltlich stört mich, dass anderer Leute Kinder immer am leichtesten zu erziehen sind. Gerade in Kassenschlangen oft und gerne erlebt ;-) Und dass mir die Ideen im Text für die Lösung der Probleme in diesem unserem Lande zu verworren, zu dünn und zu einfach sind. Nichts für ungut, Malea.

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Lisa Becker

Klar Frog, hab ich längst bemerkt, verzeihst du mir noch einmal, bitte bitte! ich sag auch ganz lieb: Pardon! LG Lisa Becker

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Lisa Becker

Liebe Michelle Mancini, es tat gut, deinen Kommentar zu lesen, oh danke. Danke, weil hiernach mein altes Motivationsgefühl, ich meine vor allem den Teil davon, der nicht rational funktioniert, wieder ein ziemliches Stück zurück gekommen ist. LG Lisa Becker

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Michelle Mancini

Liebe Lisa Becker! Rechtschreibfehler sind mir in fast jedem 2. Beitrag der Autoren aufgefallen. Solange es noch Übungen sind, besteht die Möglichkeit, später alles zu überarbeiten. Hätten wir nicht das Rechtschreibprogramm, würde es in jedem Beitrag Fehler geben!

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Frog

Hilfe!!!! Nur noch eine letzte Info, Lisa: Ich bin eine Frau...

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Lisa Becker

"Mein letzter Satz war nicht ironisch gemeint: Ich lese meine Texte mindestens zehn mal Korrektur und es gibt jedesmal etwas zu verbessern. Also, nichts für ungut, Numungo." Danke für die richtig gute Anregung und den ganzen Satz von dir! ---------------- Bisher hielt ich es nämlich so, dass ich nicht immer, aber bei den meisten Übungen die Beiträge sofort nach der gelesenen Anweisung in dieses Feld einzugeben begann und in einem durchschrieb, außer z. B., wenn der Pennymarkt wieder nur noch ein paar Minuten aufhaben würde..., Meistens aber schreibe oder schrieb ich bisher bis zu dem Punkt, wo spät in der Nacht mir meine jeweils endlich wieder übergroß gewordene Müdigkeit befiehlt, den PC auszuschalten. Dann lese ich es noch zwei, dreimal durch und korrigierte bisher sehr halbherzig, denn ich wollte es dann lieber spontan los schicken, anstatt am folgenden Tag versucht zu sein, evtl. zu vieles wieder umzuschreiben und dadurch die Authentizität der Schreib-Babys zu stark zu minimieren. Doch ich denke und hoffe, ich habe dazu gelernt. LG Lisa Becker

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Lisa Becker

Hi Numungo, damit meine Augen nicht noch schlecher werden, - und wie waren sie bis vor Kurzem noch so gut! - sitze ich "ewig weit" vom Monitor entfernt und schreibe meist direkt hier in das Feld. Ich gebe zu, sinnvoller ist es, die Beiträge zuerst in einer Worddatei zu schreiben und auch dort korrektur zu lesen. Dachte halt, solche "Struddelfehler", diesmal waren es wirklich viele, sind, wenn es denn mal dazu gekommen ist, innerhalb der Übungen wie auf einer Tummelwiese keins der obersten Themen hier, sondern andere Dinge zählen "zwei drei Takte" stärker. Entschuldige bitte, reichlich überflüssig, - oder dachtest du im Ernst, das... wisse ich nicht? -finde ich daher deine ja vielleicht lieb gemeinte Bemerkung, so was alles... gehöre nicht in einen Prosatext. Vor allem, so Louise Daughty, Authentizität und Spontaneität machen den wirkungsreichen aus? Und mit der entsprechend zuvor erzielten Einstimmung auf den Autor / die Autorin gelingt manchen Leser/innen dies jeweils zu erfühlen, somit etwas, was anderen an der gleichen Stelle nicht gelingen mag. Und diesen jedoch wiederum etwas anderes, was den Anderen nicht gelingt. Von meiner Persönlichkeit, von der man mir nachsagt, dass ich eine echte habe, ist es dir nicht möglich, mich mit möglichst wenigen Projektionstendenzen gemäß meiner realen Intention zu lesen. Dies trifft bestimmt, das ist klar, auf viele Weitere zu, handle es sich um Leser/innen oder Autor/innen. Ist zwar bekannt, doch diesen Punkt erwähne ich dir gegenüber nochmal gesondert, weil mir auffällt, dass (auch) bei dir innerhalb deines Kommentars kaum die an dich selbst gerichtete Frage oder Erwägung durchleuchtet, ob bzw. dass bezüglich deiner Bemerkung: "...Umsetzung wenig glaubhaft und schulmeisterlich" ich selbst es bin, die du angeschrieben hast, oder eher ein Teil in Dir selbst, den du auf mich projizierst, natürlich unabsichtlich, weil unbewusst. Doch auch genauso gut kann und sollte ich mich selbst dies immer wieder ehrlich fragen (Bestandteil der sozialen Kompetenzregeln) und tue es auch. Was mir als Autorin noch nicht so recht gelingt, ist, wie Louise Daughty ja dringend empfiehlt, dies: mehr zu zeigen als zu sagen. Und ich war mit der neuesten Übung nämlich grade an diesem Punkt am Arbeiten, war dabei, damit anzufangen. In dieser Richtung einen konstruktiven Kommentar zu erfahren, würde ich als passend empfunden haben und finde ich es weiterhin wertvoll. -------- Im Flow: Zu meinen Schächtelsätzen, zu denen ich, worüber ich mich angenehm wundere, noch keinen entsprechenden Kommentar fand, stehe ich übrigens voll und ganz, spüre sogar so etwas wie Dankbarkeit für dieses auch in Wikipedia als solches bezeichnete Talent. Und liebe es auch bei Anderen. Somit halte ich mich an den "augenblicklich" allgemein anerkannten Schreibstilmodegeist und dessen Bevorzugungen, wie: Schachtelsätze möglichst zu vermeiden, nur insoweit, wie ich mich dadurch nicht zu sehr verbiegen brauche. Durch Anregungen wie deine geht aber unwahrscheinlich etwas in Bewegung, vor allem, die eigenen Argumente in neuem Licht zu sehen, in erweitertem Kontextverständnis neu zu überdenken, entweder danach noch fester zu seinen "Argums" zu stehen oder so manche davon als: zugegebener Maßen eigentlich nicht wirklich haltbar zu befindne. Auch dafür.. sage ich ausdrücklich noch mal danke! LG Lisa Becker

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Lisa, ich kommentiere die Texte so, wie sie bei mir ankommen. Und den weiblichen Kommentatorinnen schien sich der Text nicht mehr zu erschließen, als mir, ich hoffe, sie haben ihn auch tatsächlich aus weiblicher Sicht betrachtet. Eigentlich wollte ich dir nur helfen, doch natürlich kannst du schreiben, was du willst. Entschuldigung. Was die Rechtschreibung anbelangt, so gibt es natürlich Lektoren, die Bücher nochmals prüfen, bevor sie veröffentlicht werden. Doch ich glaube nicht, dass sie wirklich alles lektorieren. Und hier in diesem Projekt muss natürlich nicht fehlerfrei eingestellt werden, doch ich denke, dass ein gewisses Mass an Fehlerfreiheit doch erwartet werden kann. Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass du einen Text in dieser Länge in dem winzigen Beitragsfenster erstelltst. Das würde zwar einiges erklären, hilft aber dennoch nicht weiter. Mein letzter Satz war nicht ironisch gemeint: Ich lese meine Texte mindestens zehn mal Korrektur und es gibt jedesmal etwas zu verbessern. Also, nichts für ungut, Numungo.

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Lisa Becker

Zunächst sage ich aufrichtig danke für die Anregungen. In Gedanken: Ich bat ein weibliches Mitglied einer Ethikkommission meinen Beitrag zu lesen und sich ausschließlich auf die Intention dahinter zu konzentrieren. Als sie beim Kommentar von Frog angekommen war, und dort bei "ich staune...",sagte sie, dass auch sie wie er staune, jedoch darüber, wie wenig an Kreativität und innovativen Lösungsansätzen die deutschen Sozialämter auf den Weg bringen. Sie wundere sich, nur mit dem Unterschied zu Frog, dass sie sich aufrichtig wundere, er hingegen, so wie es scheint, wundere (im Sinne von staunen)sich zwar ebenfalls aufrichtig, nur eben: aufrichtig ironisch. Worüber? Über die Protagonistin, die, um auf ihre Weise ihrer Wut als Herausforderung zu begegnen, was Teil der Übung war, aus der Schlange austretend hervortritt, und das Anwendenlernen der sozialen Kompetenzregeln quasi als Wundermittel oder Patentrezept anpreist und dadurch doch tatsächlich impertinent Instituionen wie Sozialämter als fehlbar hinstellt. Nach dem Motto: Wenn jenes angebliche Patentrezept: Das Anwendenlernen der sozialen Kompetenzregeln und das daraufhin kontinuierliche Anwenden derselben so toll sein würde, dann würde die Sache doch längst von die Sozialämtern gefördert werden, daher kann es nicht das Gelbe vom Ei sein. Ich bin froh darüber, nicht mehr mit, wie ich zu erkennen glaube, derartigem Glauben an die Unfehlbarkeit vom Papst bis hin zu sämtlichen Institutionen behaftet zu sein. Innovation ist nur da möglich, wo Anregungen frei von Vorurteilen oder Überheblichkeitsdenken fließen können.

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von papaya10

danke Frog für deine treffenden Worte, mir gings genauso herzliche Grüße papaya10

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Lisa Becker

Alles ok, was du schreibst und danke! Eine Frage an Dich: Dass ich aus Versehen - und somit zu früh - die Sendetaste gedrückt haben könnte, bevor das Korrigieren vollbracht war, und es... nicht wieder rückgängig zu machen war, auf so eine Idee kommst du nicht, oder? Obwohl ich mit dieser Option nicht gleichzeitig behaupte, dass es so war. Weiß man´s? Beim Kommentieren unterlaufen Einem, man sagt durchweg Jedem, gerne Projektionen, ich glaube, eine bei dir festgestellt zu haben: mit dem Wort schulmeisterlich. Die Sozialen Kompetenzregeln werden seit Jahren von immer mehr Menschen umgesetzt, von "Harz IV-ler/innen" (schiftstellerische Freiheit???)genau so intensiv und erfolgreich wie von Akademikern. Die Erzählerin des Romans ist Seminarleiterin und kann sich solche Worte mit entsprechendem Herz im Gesichtsausdruch durchaus leisten. Zudem spricht sie zu einer Frau und nicht zu einem Mann, wobei du bestimmt weißt, was ich meine, oder? Frauen kommunizieren anders, worüber es wissenschaftliche Bücher ohne Ende gibt. Sie bedanken sich oft über solchen in der Weise gegebenen Rat wie in meinem Text. Kenne ich alles aus dem wahren Leben, durch Beobachtungen genau so, wie persönlich erfahren. Dennoch denke ich nach meinem Absenden über die von dir angesprochenen Punkte weiter nach, danke noch mal! Ahso, die meisten Autoren lassen ihre Bücher doch vorm Druck bzw. Aufsatz von anderen lektorieren. Mir war echt nicht bewusst, dass es hier innerhalb der Übungen derart auf Fehlerfreiheit ankommt, ich dachte, ums Inhaltliche, und um..., bis hierher, es ist wieder nach 4 Uhr nachts, sonst mach ich wieder zu viele Fehler...nicht ironisch gemeint. LG Lisa Becker LG Lisa

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Frog

Ich sitze hier und staune!! Was will uns die Autorin sagen? Beonders krass finde ich den Vorschlag an die arme Hartz-IV-Empfängerin (das ist übrigens kein deutsches Mittelgebirge), sich doch mal auf einer seriösen Internetseite schlau zu machen über soziale Kompetenz. Ein großartiger Vorschlag! Ich weiß gar nicht, wieso meine Freundin, die Sozialarbeiterin ist, noch nicht darauf gekommen ist...

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von Numungo

Eine gute Idee in bester Absicht beschrieben und dennoch wirkt die Umsetzung wenig glaubhaft und schulmeisterlich. Der Text enthält eine Reihe von Rechtschreibfehlern und merkwürdige Wortkonstrukte wie Harz IV-lerin, die mit Mühe vielleicht noch in einem Zeitungsartikel durchgehen können, nicht aber in einem Prosatext. Und wenn schon Fremdwörter verwendet werden, sollten sie wenigstens korrekt geschrieben sein (caching? cacheing? catching? coaching?). Auch wenn ich weiß, was gemeint ist, erwarte ich, dass ich mir als Leser darüber keine Gedanken machen muss. Also: Nochmals überarbeiten und danach mindestens zehn mal korrekturlesen! Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 12.07.2008

Eingetragen am: 11.07.2008 von warnow
[ Lesezeichen ]

14403

Wann war die Hauptfigur so richtig wütend? Kann sie überhaupt einen Zorn, eine Wut entwickeln. Ja, sie kann es. Besonders wenn sie auf Arroganz und Überheblichkeit, auf Gier und Egoismus stößt.
Es war Anfang der neunziger Jahre im vorigen Jahrhundert. Als Geschäftsführer eines sich in Liquidation befindlichen Unternehmens war er zu Verhandlungen in Hamburg. Im Anschluss fand ein Geschäftsessen in einem größeren Kreis statt. Die Unterhaltung plätscherte so dahin. Plötzlich äußerte einer der Herren: „Mein Sohn fährt morgen nach Dunkeldeutschland, ihm schweben einige Schnäppchen vor.“
Sein Nachbar warf ein: „Wenn ich mich recht erinnere, ist dein Sohn Immobilienmakler.“
„Ja, ich habe ihm eine gründliche Ausbildung angedeihen lassen.“
Die allgemeine Meinung kam zu dem Schluss: Er wird gewiss erfolgreich zurückkommen.
Auf dem Heimweg in dieses „Dunkeldeutschland“ ging dem Geschäftsführer der Begriff nicht mehr aus dem Sinn. Wut und der Ärger, zuerst über sich selbst, weil er nicht schlagfertig reagiert hatte, dann über diesen arroganten Typ.
Dunkeldeutschland lässt sich vielseitig auslegen. Geographisch gesehen geht in Cottbus oder Leipzig die Sonne früher auf als in Bonn am Rhein. Damit wäre z.B. Nordrhein-Westfalen ein Dunkelland. Aus politscher Sicht wäre wohl die Zeit von 1933 bis 1945 als Dunkeldeutschland zu bezeichnen. Oder die Zeit der Inquisition.
Wie wird Dunkeldeutschland überhaupt geschrieben? Zusammen oder mit Bindestrich?
Gemeint waren die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Hatte der Wortschöpfer überhaupt überlegt, was er damit sagte und was er damit meinte?
Wenn es ein Dunkeldeutschland gibt, dann muss es auch ein Helldeutschland geben.
Liegt in einer solchen Zweiteilung nicht das Grundübel unserer gegenwärtigen Zeit? Sagt der Wortschöpfer damit nicht auch, ich bin besser als du? Du lebst im Dunkeln und ich im Licht.
So gingen die Gedanken durch den Kopf. Drehten sich im Kreis. Die Wut wurde größer und besonders der Ärger über sich selbst. Die Tachonadel reagierte auf das Gaspedal, und das ließ den Motor aufheulen. Dazu Dunkelheit und vielen Gegenverkehr.
„Verdammte Scheiße, warum ärgerst du dich wegen so einem blöden Pfeffersack. Bist selbst schuld. Das nächste Mal gibst du gleich Kontra. So hast du diesem eingebildeten Fettsack das Feld überlassen. Jetzt ärgern bringt nichts, höchstens noch einen Verkehrsunfall.“
Am nächsten Parkplatz hielt er an, um sich bei einem Spaziergang abzureagieren.


Kommentar von Metta Maiwald

Hab noch was für Dich an die Pinnwand gehängt.

Eingetragen am: 18.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Hallo Warnow! Du hast ein interessantes Thema angeschnitten: Die Wunden der deutschen Wiedervereinigung. Leider wird es immer Idioten geben, die dort Salz hineinstreuen, um sich auf Kosten anderer zu amüsieren. So scheint nicht nur Wut in deinem Beitrag durchzuschimmern, sondern auch eine Portion Unverständnis und Traurigkeit. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass der Begriff Dunkeldeutschland von den Ost-Berlinern geprägt wurde (Der Berliner nimmt sich nun mal gerne selber auf die Schippe). Er entstand meines Wissens direkt nach dem Fall der Mauer, als täglich Hunderttausende abends nach West-Berlin pilgerten. Überwältigendes Staunen haben damals die Leuchtreklamen im Westen hervorgerufen, die auch nachts für Helligkeit sorgten. Und wenn dann der Ost-Berliner wieder zurück in seinen (stockdunklen) Bezirk fuhr, dann sagte er zu seinem West-Berliner Kneipenkumpel: „Muss jetzt los, zurück nach Dunkeldeutschland.“

Eingetragen am: 14.07.2008

Eingetragen am: 11.07.2008 von Cora
[ Lesezeichen ]

14387

Ferien in den Bergen

Beda und Alex werden von zwei Jungs, dem achtjährigen Michi und dem neunjährigen Pascal besucht

Michi und Pascal sassen mit Michael, ihrem Vater, auf der Bank vor der Wirtshütte. „Hoi,“ grüsste ich und stellte mich vor sie hin.
„Hoi Alex. Wo ist Beda?“ Pascal machte mir sofort klar, dass sie nur wegen meinem Bruder gekommen waren. Vater kam mir mit dem Rucksack entgegen, als ich den Weg zu unserer Hütte hoch rannte. Atemlos rief ich, „Michi und Paski sind da,“ und stürmte an ihm vorbei.
Beda sass vor der Hütte auf der Steinstufe und band sich die Bergschuhe zu.
„Michi und Paski sind gekommen.“
Beda sprang auf und rannte ohne ein Wort los. Mutter kam hinaus, warf mir die Jacke zu und fragte, was den passiert sei.
„Michi und Paski sind da.“ Sie hob Bedas Jacke und seinen Wanderstock auf.
„Mit ihrem Vater?“
Ich nickte.
Zusammen gingen wir zur Wirtshütte. Beda stand mit den beiden Jungen gegenüber der Hütte und zeigte in die Schlucht, wo unser See und unsere Burgen waren. Vater sass neben Michael mit einer Karte auf den Knien. Sie besprachen eine Bergtour.

„Wir machen nochmals den Glärnisch,“ verkündete Vater, „hole mal die Jungs.“
„Beda, Michi, Paski,“ rief ich, „kommt mal.“
Als sie hörten, dass wir auf den Glärnisch laufen werden, schrien sie wie wilde Wölfe. Sie schrien, redeten und bettelten durcheinander. Obwohl man sie nicht verstehen konnte, war klar, dass sie nicht auf diesen Berg wollten.
Nach einer kurzen Diskussion zwischen Vater und Michael, wurde entschieden, dass wir Kinder heute auf der Alp bleiben durften. Wir schrien und hüpften vor Freude. Das war einer der seltenen Höhepunkte, einen Tag, wo wir nicht auf einen Gipfel steigen mussten. Mutter wollte auch im Dorf bleiben, „dann kann ich mal ein paar Sachen waschen.“ Vater räumte den Rucksack aus und legte den grössten Teil des Proviant auf die Bank, „hier Mandy, damit kannst du die Wilden füttern.“
Vater und Michael verabschiedeten sich und stiegen die Anhöhe hinter dem Bach hinauf. Das war eine kraftforderndsteile Abkürzung, um dem Glärnisch schneller nahe zu kommen.

Wir gingen den ausgetretenen Pfad an der stinkenden Hütte mit dem Donnerbalken vorbei, der allgemeinen Dorftoilette, und stiegen in die Schlucht hinunter. Stolz zeigte Beda den Beiden unseren See, den wir mit Felsbrocken, Ästen und Erde gestaut hatten. Sein Durchmesser war so gross, dass wir ein paar Züge schwimmen konnten. Danach zeigte er ihnen unsere Burgen. Die riesigen Felsbrocken, die irgendwann ein wütender Riese in die Schlucht gestürzt hatte, waren spärlich mit Tannen und Gestrüpp bewachsen. Die gegenüberliegenden Felsen hatten vorne freie Sicht und eigneten sich hervorragend, um sich darauf zu verschanzen und Schlachten auszutragen. Als Wurfgeschosse verwendeten wir Tannenzapfen, die reichlich auf dem Boden lagen.
Wer beim Kampf den Vorrat der Geschosse aufgebraucht hatte, hisste die Friedensfahne und musste um Waffenstillstand bitten. Die Fahnen waren Vaters Taschentücher die wir an lange Stecken geknotet hatten.

„Ich siege immer.“ Beda hielt mit den Daumen seine Lederhosenträger von sich weg, „Fast immer.“ Michi und Pascal waren begeistert. Wir sammelten Zapfen und dann verschanzten sich die drei Jungs auf Bedas Burg. Auf dem gegenüberliegenden Felsen hatte ich mich eingerichtet. Voller Ungeduld warteten sie darauf, mich mit ihren Tannzapfen zu beschiessen. Das erste Geschoss flog mir entgegen.
„Das ist gemein,“ rief ich, „ich bin noch nicht fertig.“ Die Tannzapfen mussten erst in eine gute Position gebracht werden.
„Es wird erst geschossen, wenn ich den Befehl gebe,“ fand auch Beda. Dann sagt er den Kampf an,„die Ritter von der Burg Eisenherz bekriegen die Dame von der Löwenburg.“ Nachdem mich mehrere Tannzapfen getroffen hatten, wartete ich in Deckung ab, bis sie ihre Munition verschossen hatten.
„Feigling, Feigling,“ schrien sie.
Beda hisste die Friedensfahne und rief, „wir kommen jetzt plündern.“
Verzweifelt schrie ich, „ihr seid gemein. Das gilt nicht. Drei gegen einen gilt nicht.“ Als sie meine Burg erobern wollten, bewarf ich sie, aus der Nähe zielsicher, mit den restlichen Zapfen. Danach verteidigte ich meine Burg mit meinem Haselnussstock, den ich drohend durch die Luft zischen liess. Entmutigt einigten sie sich auf einen längeren Waffenstillstand und wir gingen schwimmen. Als uns in dem eisigen Wasser zu kalt wurde, schleppten wir weitere Steine und Äste an, um den Staudamm zu verstärken.

Mittags gingen wir zu Mutter, um unseren Hunger zu melden. „Wie die Räuber,“ sagte Mutter, als wir alles aufgegessen hatten. Sie war froh, dass wir wieder gingen. Bei der Wirtshütte fragte ich den alten Chasper, „findest du das gut, drei gegen einen?“ Ich musste die Frage noch zwei Mal schreiend wiederholen. Nachdenklich zog er an seiner Pfeife, schaute uns alle an, strich über seinen weissen Bart, spuckte aus, „wenn ihr eins, zwei, drei, also vier Kinder seid, dann ist doch klar, dass man zwei gegen zwei kämpft.“ Betreten schauten sich die Jungen an. Diese Art von Hilfe hatte ich mir erhofft.
Chasper liess uns Stöckchen ziehen. Michi wurde zum Löwenburgritter geschlagen. Er war nicht gerade begeistert, mit mir auf die Löwenburg zu steigen. Beeindruckend fand er dann doch meine Sammlung von Feuersteinen, die auf Moos gelagert hatte.

Die ersten zwei Schlachten verloren wir. Danach gewannen wir drei Schlachten hintereinander. Aus Wut schleuderte Beda mit seiner Steinschleuder einen kleinen Stein in unsere Richtung. Getroffen ging Michi mit einem Schmerzensschrei nieder. Pascal haute Beda mit einem Stock auf den Rücken. Beda flüchtete vor den Hieben und wollte unsere Burg besteigen. Ich warf ihm alle Tannzapfen entgegen. Obwohl er mehrfach getroffen war, bestieg er meine Festung, erwischte meinen Fuss und zerrte mich hinunter. Ich fiel auf ihn drauf. Wir rauften verbissen miteinander, bis mir Pascal zu Hilfe kam und Beda weg boxte. Michi weinte. Der Stein hatte ihm eine blutende Platzwunde an der Lippe verpasst. Während Pascal Beda am Boden festhielt, bestieg ich die Eisenherzburg und trat mit voller Kraft gegen die vorderen Zinnen, die Beda mit Steinen und dicken Ästen mühsam errichtet hatte. Ein Teil der Mauer fiel polternd runter. Beda schrie wutentbrannt. Schnell rutschte ich vom Felsen runter und stieg mit schnellen Schritten zur sicheren Wirtshütte hoch. Pascal und Michi kamen mir nach. Die Wirtin versorgte die Wunde von Michi, sagte, „hoffentlich kommen eure Väter bald zurück,“ und stellte jedem von uns ein Glas Sirup hin.
Auf dem Weg zu unserer Hütte sah ich an mir hinunter und wusste, dass ich so dreckig, wie ich war, bei Mutter keine Freude hervorrufen würde. Wir hatten nur wenige Kleidungsstücke eingepackt. Bei der Badestelle der Alp, deinem reissenden Bergbach hinter der Heugaden, säuberte ich mich so gut wie es ging. Der Bach hatte mich nass gespritzt, deshalb setzte ich mich zum Trocknen auf die Steinstufe bei der nächsten Hütte. Mit geschlossenen Augen streckte ich mein Gesicht der Sonne entgegen.

„Blong.“ Ich vernahm einen dumpfen Klang, dann sah ich Sterne, funkende kleine spitze Blitze und sank in einen dunklen Raum.

Bärtige Gesichter schauten mir entgegen. Eine Wärmewelle durchströmte mich. Vorsichtig wurde ich am Rücken angehoben. Sie wühlten in meinen Haaren. Strähnen fielen auf meinen Schoss. Ich versuchte, die Barbaren abzuwehren. Endlich waren meine Haare etwas länger als die von Beda und schon wurden sie wieder geschnitten. Sie hielten meine Hände fest und machten weiter mit dem Absägen der Haare. Kratzende und knirschende Töne hallten in meinem Kopf. Dann betteten sie mich auf die Holzbank neben dem Ofen, wo Chasper immer seinen Mittagsschlaf hielt.
„Durst,“ sagte ich leise.
Mit einem Teelöffel flössten sie mir eine süsse Flüssigkeit ein.
Das leise, „sie darf noch nicht zu viel trinken,“ beendete die Zufuhr.

Als Vater von der Bergtour zurück war, informierte er sich über meinen Zustand und liess sich den Hergang des Desasters minutiös erzählen. Gespannt lauschte ich dem Bericht, denn ich wusste nicht, was passiert war. Zwischen der Dunkelheit und dem Aufwachen hatte ich kein Bilder. Als ich mich aufrichten wollte, um zu sehen, wer alles im Raum war, drückten mich sanfte Hände auf die Bank zurück. Die Vorsorge fand ich übertrieben. Mir ging es gut.

Sie erzählten, dass sich Beda von hinten angeschlichen und mich mit einem Stock niedergeschlagen hatte, als ich vor einer Hütte in der Sonne sass.

Und ich erfuhr auch etwas über meine Versorgung. Die Haare wurden rund um die Wunde weggeschnitten, dann wurde die Wunde gesäubert und mit sieben Stichen genäht. Chasper hatte mir eine Spritze gegeben. Morphium. Sie hatten wohl erst überlegt, mich ins Tal zu schaffen, hielten es aber für zu gefährlich.

Vater fragte, wie es mir gehe. Ich nickte.
Er fragte mich, wie ich heisse und wie alt ich sei und wo ich wohne. Stirnrunzelnd schaute ich ihn an.
„Alex, wie heisst du,“ bat er eindringlich.
„Alex,“ sagte ich verunsichert, „aber das weisst du doch.“ Die Umstehenden lachten erleichtert.
Während ich das Rivella aus drei Strohhalmen schlürfte, stellte er mir noch weitere Fragen. So komisch war er noch nie.

„Wo ist Amanda?“ fragte Vater in die Runde.
„Sie kümmert sich um Beda,“ sagte Clara, die Wirtin, „damit hat sie wohl genug zu tun.“
„In seiner Haut möchte ich nicht stecken,“ sagte einer.
„Amanda hat ihm das Fell über die Ohren gezogen,“ sagte ein anderer.

Michi setzte sich neben mich und hielt meine Hand.
„Schau mal Michi`s Lippe an,“ das ist auch von Beda,“ sagte sein Vater. Michi nickte. Beim Trinken verzog er das Gesicht und kniff die Augen zusammen. Sein Rivella hatte nur einen Strohhalm, weil er nicht so schlimm verletzt war.


Kommentar von Frog

Das habe ich gebannt gelesen und genossen. Zauberhaft und eindrucksvoll, liebenswerte und lebendig beschriebene Figuren, wunderbare Bilder. Der Schweizer Charme verleiht diesem Kindheitserlebnis dazu noch eine ganz eigene Note. Kinderfilmstoff!

Eingetragen am: 13.07.2008

Eingetragen am: 10.07.2008 von Lisa Becker
[ Lesezeichen ]

14375

Da oben steht zum zweiten Mal: keine gültige E-Mailadresse...so wiederhole ich die Eingabe und hoffe, lieber Wladimir, dass mein Kommentar weil ich es falsch verstanden habe, nicht gleich dreimal hintereinander erscheint.

Hallo Bruno, pardon Hallo Wladimir,
ja, um diese zeit bin ich als schon mal etwas unkonzentriert, und heute erst mal zu einem speziellen Punkt möchte ich mich äußern...
normal fange ich immer mit was Positivem an, das sich, wenn man will, auch immer finden lässt, mein grundsatz! Aber das würde ich dann nachschicken, muss nämlich gleich ins Bett.
Daher jetzt nur Folgendes: Ich musste an einer bestimmten Stelle aufhören zu lesen und das Weiterlesen verschieben. Weißt du warum? He, ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand auf der Welt, der die Telefonnummer des Vorgängers übernommen hat, derart unsensibel reagiert, bei den in der ersten Zeit logischer Weise Haufenweise eingehenden unerwünschten Anrufen von für ihn völlig Fremden.

Und dass dieser dann auch noch dran denkt, die Polizei einzuschalten anstatt sein Hirn. Es kann ja sein, dass es wirkllich solche Menschen gibt, oderß Aber ohje, mus erst mal das Ding, diesen Punkt verdauen, dann lese ich morgen oder so mal weiter und lass mich dadurch gern eines Besseren belehren...
LG Lisa Becker


Kommentar von Lisa Becker

Hallo Monika, ja so ungefähr war es. Ich hatte aufgrund meines Umzugs nach Bayern mehrere Monate so gut wie keinen Internetzugang und konnte an mehreren Übungen nicht sobald wie sie kamen, teilnehmen. Vor kurzem holte ich diese Übungen dann nach, jedoch ohne Vorbereitung und schrieb jeweils im Anschluss an die gelesene Aufgabenstellung die Beiträge in einem durch hier ins Schreibfeld. Was mir bei der Vorschau auffiel, korrigierte ich. Wie ich im Nachhinein merkte, sehr halbherzig, nagut, meistens war es spät...Ich wollte aber bewusst versuchen, ohne Vorbereitung authentisch und spontan meine frischen Gedanken festzuhalten im Sinne von Spielen und Tummeln auf einer Wiese. In fast allen Beiträgen, auch in den nachgearbeiteten hatte ich jedoch ausnahmslos die Originalnamen unserer Familie verwendet. Weil ein Geheimnis existiert, das für manche in unserer Familie auch noch weiterhin ein solches bleiben soll oder muss, wurde mir erschrocken bewusst, dass die Welt ja besonders übes Internet als ein kleines Dorf auch leicht ungewollte Schatten werfen kann und irgendwie jemand von denen die Sachen von mir hier lesen könnten, zufällig. Fragte dann vor kurzem Manfred Plinke, ob ich alle Beiträge mit neuen Namen ersetzen könnte, was er mir dann ausnahmsweise auch ermöglicht hatte. Gruß Lisa Becker

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Wladimir

Hallo Lisa, ich habe die Kommentare unter meinem Text kommentiert und auch Dir ( indirekt) geantwortet. Schau doch mal rein. Ich war wach, halbwegs ausgeschlafen und konzentriert als ich den Kommentar zu den Kommentaren schrieb. Schöne Grüße Wladimir

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ist hier eine neue Übungsaufgabe an mir vorbei gegangen? Sollten wir unseren Prota abfüllen und dann schwafeln lassen? Die Aufgabe hast du zu jedenfalls zu 100 % erfüllt.

Eingetragen am: 11.07.2008

Kommentar von Lisa Becker

Dass mein Kommentar zu Wladimirs Beitrag dort landete, wo er jetzt steht, war nicht meine Absicht, keine Ahnung, wie ich das angestellt habe...sorry, LG Lisa Becker

Eingetragen am: 11.07.2008

Kommentar von Monika

Hallo Lisa, ich habe gerade deine Textbeiträge gesucht und auch sehr viele gefunden. Datum alle im Juli 2008! Kann es sein, dass du in den vergangenen Tagen das komplette Programm nachgearbeitet hast? Da würde es mich nicht wundern, dass du jetzt müde bist... Gruß Monika

Eingetragen am: 11.07.2008

« zurück 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · weiter »