60 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 27 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 27 mit Übungsaufgabe

02.07.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 07.07.2008 von Angela Thies
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14172

Geschockt wendete ich mich von Rudolf ab, der Spüle zu. Was hatte er gesagt?. Seine Worte hatten nur meine Ohren erreicht, nicht meinen Bauch. Was hatte er getan? Ich versuchte zu verstehen. Atemlos hantierte ich sinnlos herum, nur nicht ihn ansehen. Mir wurde schwindelig, ich setzte mich an den Küchentisch, dann erst begann ich zu atmen. Ganz flach, meinen Blick mit zusammengezogenen Augen konzentriert auf die Tischplatte gesenkt. Immer noch konnte ich seine Worte nicht wirklich an mich heranlassen. „Ich bin doch nur kurz rausgegangen“. Ja, das hatte er gesagt. Ich bin doch nur kurz rausgegangen. Bittend, flehentlich, hatte er das gesagt, ich sollte ihm verzeihen. Unfähig ihn anzusehen stand ich wortlos auf und ging hinaus. Ich musste weg von ihm, raus aus dieser Situation. Ich ging lange, ohne zu denken wie ferngesteuert meinen alltäglichen Weg durch den Wald. Er hatte sie allein gelassen, langsam begann ich zu begreifen. Er hatte Patricia allein gelassen, nur deshalb konnte sie hinaus zur Treppe, allein, und fiel die vielen hölzernen Stufen hinunter auf den Fliesenboden. Er hatte sie allein gelassen. Er war Schuld, er hatte es getan und sagte es mir erst jetzt, viele Wochen später. Ich blieb stehen, ging weiter, blieb stehen, ging weiter, immer weiter. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen brannten sich nur die wenigen Worte ein: Er hatte sie allein gelassen. Durch ihn hatte ich mein einziges Kind verloren. Er war Schuld. Ich ging weiter, ich rannte, die Gedanken, die Schmerzen sollten fort. Irgendwann fand ich mich angelehnt an einen Baum wieder. Kein Weinen, reglos verharrte ich, dann wurde es kalt. Ich ging heim. Nahm meine Bettdecke aus dem Schlafzimmer, Rudolf sah mich an, sagte nichts. Mein Lager bereitete ich auf dem Sofa. Schlief ich ein? Ich weiß es nicht. Aber ich hatte einen Traum: Eine Taube saß im schönsten Sommerlicht statuengleich hoch oben im Birnenbaum. Ihre starren, kreisrunden Augen ignorierten den Schatten des nahenden Raben. Dieser stürzte auf sie herab. Er hakte, er stach in tosender Wut auf sie ein, er metzelte sie nieder. Da fiel die Taube wie reglos herab. Unter dem Birnenbaum, im Schatten, lag sie, als ein letztes Gurren ihrer blutigen Kehle entwich. Hoch oben im Birnenbaum saß nun der Rabe und putzte munter sein Gefieder.

Am nächsten Tag bin ich, mit einem Koffer nur, gegangen.


Kommentar von Metta Maiwald

Trauer, Schmerz und Schuldzuweisungen zerstören die Liebe. Dabei weiß wohl jeder, der Kinder hat, dass man sie nicht immer beschützen kann. Manchmal passieren Unfälle direkt vor den eigenen Augen. Es geht so schnell, dass man nicht mehr zugreifen kann, um das Kind vor einem Unglück zu bewahren. Darunter hat man selbst genug zu leiden, auch ohne Schuldzuweisungen des Partners. Das Bild im letzten Absatz gefällt mir, aber einige Formulierungen nicht. Ein Rabe (gibt es kaum noch - vielleicht eher eine Rabenkrähe?) metzelt nicht aus Wut, sondern tötet aus Hunger. Das "statuengleich" und "munter" würde ich streichen - es nimmt den Sätzen die Kraft. Außerdem kannst Du sicher sein, dass die Taube sich heftig wehrt, solange sie kann, oder versucht, zu fliehen. Ich habe mal in unserem Garten gesehen, wie eine Elster ein Amselküken totgehackt hat. LG Metta

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Gut. Nein, sehr gut! Die Geschichte macht erst Mal sprachlos, jedenfalls ging es mir so. Etwas vage ist allerdings, dass die Frage nach der Aufsichtspflicht erst nach vier Wochen gestellt wird. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von Angela Thies

Vielen Dank für eure hilfreichen Kommentare. Es ist kein autobiographischer Text - die anderen Text von mir auch nicht, bis einige aus den Anfangsübungen. @Elisabeth, stimmt, dass Wort ferngesteuert passt wirklich gar nicht. Fällt mir jetzt erst nach deiner Kritik auf. @Angela, das mit dem Koffer und Bauch=Gefühl sollte so sein. Da es ein Auszug ist, entstehen natürlich viele Fragen. Mir ging es nur um die Darstellung/Verarbeitung der Wut.

Eingetragen am: 11.07.2008

Kommentar von michelle mancini

Dein Text ist beklemmend und fesselnd. Ich finde ihn sehr gut gelungen. lg

Eingetragen am: 11.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ein trauriges Thema. So einen Beitrag kommentiere ich höchst ungern, da ich nicht weiß, wie viel autobiographisches in diesem Text steckt. Doch ich will es einmal versuchen: Dein Text wirft eine Menge Fragen auf. Wo war die Mutter als es passierte? War es nicht auch vorher klar gewesen, dass der Vater irgendwie seine Aufsichtspflicht verletzt hatte? Wie hätte es sonst zu diesem Unfall kommen können? Was hat es mit diesem ‚alltäglichen Weg durch den Wald’ auf sich? Ist das ihre tägliche Kummerrunde? / Zum Stil: „Seine Worte hatten nur meine Ohren erreicht, nicht meinen BAUCH.“ Müsste es nicht statt Bauch Verstand heißen? Der Traum: Ist sicher nur ein Tippfehler – bitte lass den Raben hacken (nicht haken). Der letzte Satz: „Am nächsten Tag bin ich, mit einem Koffer nur, gegangen“ setzt den Fokus auf den Koffer, nicht auf das Verlassen des Ehemanns. Besser wäre: Am nächsten Tag bin ich ausgezogen/habe ich ihn verlassen.

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von papaya10

ein sehr berührender und sprachlich gewandter Text. Besonders gefesselt hat mich der Traum. Wie du ihn schreibst hat er einen betörenden Rhytmus und Klang. Schreibst du eigentlich auch Gedichte? Viel Erfolg weiterhin beim Schreiben und Grüße von papaya10

Eingetragen am: 09.07.2008

Kommentar von Gerhild Bauert

Die Darstellung der Wut ist dir mit dem Traumbild beklemmend gelungen.Der "kalten Kummer"( ich nenne ihn so )läßt mich verstummen.Gibt es ein Verzeihen?

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von Sylvia

Hallo Angela, auch mich hat dein Text sehr berührt. Du beschreibst diese Wut, die einen ohnmächtig macht, die sich nicht aggressiv äußerst, außer im Traum! Sehr schön! Gut, dass sie gegangen ist. Es hätte nicht passieren dürfen, aber wenn, hätte er es ihr sofort sagen müssen, meint Sylvia (14153)

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Elisabeth

Liebe Angela, dein Text gefällt mir sehr, er ist sehr ergreifend geschrieben. Man spürt Charlottes unsagbaren Schmerz. Durch die Wiederholungen und die kurzen Gedankengänge wirkt dieser Abschnitt sehr lebendig. Der Traum widerspiegelt sicher ihre Gefühle? Nur das Wort "ferngesteuert" würde ich weglassen. Vielleicht so: "Ich ging lange, ohne zu denken, seelenlos, meinen alltäglichen Weg durch den Wald." (oder "wie von selbst, meinen...") Viel Glück!

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Jenni

Einen fiesen Konflikt hast Du da aufgebaut. Verlust des Kindes und dann die Schuldfrage, die da wahrscheinlich zwangsläufig irgendwann aufkommt. Die Gefühle Deiner Erzählerin finde ich sehr nachvollziehbar geschildert und auch finden sie sich im Erzählstil gut wieder. Gefällt mir sehr gut Dein Text, hat mich richtig betroffen gemacht hat. g Jenni

Eingetragen am: 07.07.2008

Eingetragen am: 07.07.2008 von Angelika Wagner
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14169

Nach dem Telefongespräch mit der Mutter, der Geliebten ihres Mannes war Cora nur enttäuscht. Enttäuscht und gekränkt. Die Worte dieser Frau klangen ihr noch im Ohr:"Ich will meine Tochter da rausholen." Wo rausholen? Aus den Fängen dieses bösen Mannes, der sie verführt hat. Ihr armes, unschuldiges Mädchen. Dieses unschuldige Mädchen ist einundzwanzig Jahre alt und ganz bestimmt nicht unschuldig. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Man kennt sich zumindest so gut, dass schon bevor dieser böse Mann sie verführt hat, bekannt war, dass er verheiratet ist und ein Kind hat. Das hätte Cora dieser besorgten, scheinheiligen Mutter sagen sollen. Und dass ihre Tochter sicherlich gar nicht da raus wollte. Die nimmt doch eiskalt in Kauf eine Ehe zu zerstören und einem kleinen Mädchen den Vater wegzunehmen. Woher nimmt diese Frau die Gewissheit, wer hier wen verführt hat?
Aber das alles war ihr nicht eingefallen. Was ist hier eigentlich los? Ihr Mann ist ein Schwein. Er zerstört ihr Leben. Die Mutter dieses Flittchens macht sich Sorgen. Und sie soll helfen. Helfen?! Was helfen, den Scherbenhaufen, der ihre Ehe war, aufräumen.
Cora steht fassungslos in ihrer Küche, eine Hand noch am Telefonhörer. Ihr ist schwindlig und schlecht. Aber keine Tränen. Sie denkt, warum muss ich jetzt nicht weinen? Was ist los mit mir? Doch die Tränen kamen später.
Erst kroch die Wut in ihr Herz und breitete rasend schnell aus. So schnell, dass ihr Gehirn keine Zeit hatte zu denken. Mit einem Griff hatte sie den Golfschläger in der Hand und fegte durchs Haus. Es dauerte nicht lange, aber die sportliche Frau war gut trainiert. So sieht ein Scherbenhaufen aus, denkte sie und bemerkt erst jetzt ihre weinende kleine Tochter an der Türe.


Kommentar von Gerhild Bauer

Den Satz: Man kennt sich zumindestens so gut..... würde ich genauer formulieren. "Man" ist ein wenig unpersönlich. Fühlte Cora sich befreit, als sie vor ihrem Scherbenhaufen stand? L.G. Gerhild B.

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Jenni

Diesen Text musste ich erst mehrmals lesen, bis ich die Situation richtig verstanden hatte. Dann fand ich Coras Empörung und Wut sehr verständlich. Probleme hat mir gleich der erste Satz bereitet. "Gespräch mit der Mutter, der Geliebten ihres Mannes": durch das Komma bekommt dieser Abschnitt eine falsche Bedeutung (als wäre die Geliebte die Mutter von irgendjemandem), aber selbst ohne das Komma finde ich den Satz schwer verständlich. Ich würde ihn vielleicht weglassen, nur "Nach dem Gespräch war Cora enttäuscht." Um wen es da geht erklärt sich ja dann im Nachhinein. Den folgenden Abschnitt, der ihre wachsende Empörung über die Anruferin beschreibt finde ich dann sehr nachvollziehbar. Eine gute Überleitung zu Coras Zerstörungswut. Weshalb fasst Du Dich bei dem Wutanfall dann so kurz? Diesen Abschnitt könntest Du doch noch etwas ausbauen, ihre Handlungen beschreiben, die Wut noch steigern und dann abflauen lassen. Dann würde nämlich diese Wendung am Schluss mit der kleinen Tochter, die mir sehr gut gefällt, noch viel besser zur Geltung kommen. Ah, und noch eine kleine Anmerkung: an ein paar Stellen bist Du mit der Zeit etwas durcheinander gekommen (Präsens und Präteritum abwechselnd), achte da nochmal drauf. Wenn Du den zweiten Teil nochmal überarbeitest, kann ich mir die Szene sehr lebhaft und aussagekräftig vorstellen. Viele Grüße Jenni

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Miyu

Hallo Angelika, du beschreibst sehr schön, woher Coras Wut kommt und was sie dazu befähigt nicht zu weinen, sondern eben dieser Wut freien lauf zu lassen. Allein das Ende war sehr knapp. Was dem zerstörerischen Golfschläger alles anheimgefallen ist, wie es sich für Cora anfühlte zum Beispiel eine Vase zu zertrümmern, oder wie es sich anhörte, hast du leider übergangen. Liebe Grüße, Miyu

Eingetragen am: 07.07.2008

Eingetragen am: 07.07.2008 von Miyu
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14166

„Beth, wie lange noch?“, zischte Saki und blickte aus den Augenwinkeln zu dem Schreibtisch hinüber, an dem das rundliche Gesicht der Informationsspezialistin lediglich durch das bläuliche Licht des Monitores beleuchtet wurde. Sie hatte den Mund zusammengekniffen und war hochkonzentriert, während ihre Finger so schnell über die Tastatur glitten, dass es selbst Saki unwahrscheinlich erschien, dabei nicht unweigerlich einen Fehler zu machen.
„Beth!“, forderte sie noch einmal leise, als sie keine Antwort erhielt.
Dieses Mal kam ein verhaltenes „Jaja!“, denen ein paar Sekunden lediglich das Klappern der Tastatur folgte, ehe Beth anfügte: „Ich hab's gleich.“
„Wird auch Zeit, ein Wachmann kommt!“
Die warnende Stimme gehörte zu Sergio, der vor dem Schreibtisch im Schneidersitz platz genommen hatte, die Augen geschlossen und die Hände auf die Knie gelegt.
Saki wusste nicht, wie, doch er spürte, wenn Menschen in der Nähe waren. „Wie weit?“, fragte sie ihn leise und stellte sich mit dem Rücken neben die nur angelehnte Tür, um hinaus spähen zu können und in den Gang hinein zu lauschen. Noch war es totenstill. Das einzige Geräusch verursachten Elisabeths flinke Finger über den Tasten.
„Er ist bereits im Stockwerk unter uns“, antwortete Sergio.
Saki seufzte, auch wenn sie nicht hätte sagen können, ob aus Erleichterung oder Anspannung. Letztere würde nicht weichen, so lange sie hier waren, in einem Büro des Verteilungszentrums im Arbeiterviertel der Metropole. Noch war alles ruhig, noch schien sie niemand entdeckt zu haben und es erschien Saki bisher viel zu einfach. Das Gebäude war mit Kameras gespickt, doch diese hatte Beth im vornherein ausschalten können. Sicherheitspersonal war hier nur spärlich, das in regelmäßigen und berechenbaren Abständen durch das Haus wanderte. Sergio hatte drei Personen ausgemacht. Einen Wachmann hatte Saki niedergeschlagen, als sie hier eingedrungen waren. Dieser lag eingeschlossen in einem Abstellraum. Zwei weitere Wachmänner gingen stetig das Gebäude ab und prüften die Räume. Das Verschwinden des dritten Wachmanns schien ihnen noch nicht aufgefallen zu sein. Niemand schien damit zu rechnen, dass jemand hier einbrach. Hier gab es nichts zu holen. Keine Akten, keine Lebensmittel oder sonstige wertvollen Sachen. Es war ein simples Verwaltungsgebäude. Und doch gab es genau das, was sie brauchten: Einen berechtigten Zugang zu den Daten der Regierung.
Allein deswegen rechnete Saki damit, dass noch etwas kommen würde, irgendetwas, das ihnen in die Quere kam und ihr Vorhaben zunichte machen würde. Sie wusste nur nicht was.
„Ich habe was!“, riss Beth Saki aus ihren Gedanken. „HERO-Programm, so heißt es. Die Regierungen der Metropolen haben mit den Nebenwirkungen eines Impfstoffs experimentiert und das HERO-Projekt in die Welt gerufen.“ Während sie sprach zog sie einen schmalen Draht aus ihrem Handschuh, an dessen Ende eine kleine Datenbuchse hing. Diese steckte sie in einen passenden Slot, um die Daten zu kopieren und abermals die Tastatur zu beehren, dieses mal zwar zügig, aber ohne sich dabei mit den Fingern zu überschlagen.
„HERO?“, echote Saki. Ein kurzer versichernder Blick galt noch einmal dem dunklen Gang, bevor sie ihrer Neugierde nachgab und Beth unverwandt ansah. „Was hat das zu bedeuten? Was ist das für ein Programm?“
„Ich weiß nicht genau“, antwortete diese und schüttelte den Kopf. „Es ist... ein Projekt, das sie mit Kindern testen. Du und Sergio, ihr gehört auch dazu und... oh scheiße...“
„Was?“, hakte Saki brüsk nach. Doch Beth Gesicht schien in dem bleichen licht des Monitores völlig farblos geworden zu sein. Sie starrte auf den Bildschirm, eine Äußerung blieb jedoch aus.
Schnellen Schrittes ging Saki zu ihr, um selbst einen Blick auf den Monitor zu werfen.
„Saki, ich glaube, das solltest du nicht...“
Doch der Einwand kam zu spät. Saki stand bereits hinter Elisabeth und betrachtete die Bilder, die in Reih und Glied den Bildschirm bevölkerten. Bilder von Kindern mit verschiedensten Verletzungen und Missbildungen, von Verbrennungen, über verformte Gliedmaßen, bis hin zu den unnatürlichsten Verletzungen. Alle zierte die Notiz „fehlgeschlagen“.
Ein Bild jedoch stach Saki in die Augen. Ein Bild, das sie nicht mehr hatte sehen wollen, dass sie irgendwann aus ihrem Gedächtnis zu vertreiben versucht hatte, mit minderem Erfolg. Aber über die Jahre war das Bild verblasst. Umso mehr strahlte es ihr nun in vollen Farben entgegen: Ein Gesicht mit einer zierlichen Nase und Augen, die so viel größer erschienen, als sie gewesen waren, da der Unterkiefer des Kindes fast gänzlich fehlte, aufgelöst durch die Salzsäure, die die Speicheldrüsen produziert hatten.
„Hima“, flüsterte es Saki, ohne dass sie es selbst bemerkte. Sie starrte nur das Bild an, Beths Fluchen nicht mehr wahrnehmend, noch deren Bemühungen die Bilder wieder verschwinden zu lassen. Sie hatte noch nicht viel erfahren, nur dass es ein durch die Regierungen genehmigtes Experiment war, das offensichtlich an Kindern durchgeführt wurde. Und dass es bei ihrer Schwester fehlgeschlagen war.
Die Zahlen und Buchstaben, die mittlerweile die Bilder auf dem Bildschirm ersetzten, sah Saki nicht. Noch immer leuchtete das Bild ihrer Schwester vor ihren Augen, als einzig Sichtbares zwischen dem schwarzen Wirbel, der sich um ihre Sinne geschlungen zu haben und die nackte Angst und die innere Zerrissenheit, die sie damals ergriffen hatte aus den Tiefen ihres Gedächtnisses wieder nach oben zog. Ihre kleine Schwester, die sich begann von innen her aufzulösen, die unter Schmerzen litt, die Saki nicht nachvollziehen konnte und die sie nicht einmal umarmen konnte, aus Angst sich selbst dabei zu verätzen.
Damals war sie unfähig gewesen, irgendetwas zu tun. Sie war nur wütend gewesen, wütend auf sich selbst und auf die Ärzte, die ihr nicht hatten helfen können. Auch die Wut hatte sie im laufe der Jahre vergessen. Nun suchte sie sich einen Weg, begann wieder in ihrem inneren zu glimmen und mit einem Mal in hohen Flammen zu brenne.
Saki ballte die Hand zur Faust und biss die Zähne zusammen. Sie dachte nicht darüber nach, als sie ausholte und in den Monitor schlug. Sie sah Beth nicht zurück zucken, noch Sergio aufspringen, als es einen lauten Knall gab, mit dem die Sicherungen ein Überladen des Stromkreises verhinderten und das Bedienungspult auf dem Schreibtisch plötzlich abschalteten.
In dem plötzlichen Dunkel konnte Saki das Loch, das ihre Faust in den Monitor geschlagen hatte, nicht mehr sehen. Doch die Schwärze kam ihr gerade recht. So konnten weder Beth noch Sergio die Tränen sehen, die ihr in die Augen stiegen.
„Verdammt Saki, was sollte das?!“, ereiferte sich Sergio nun, der sie zusammen mit Elisabeth aus dem Raum schob. Doch Sakis Kiefer waren noch immer fest zusammengepresst, dass sie kein Wort herausbrachte. Sie brachte kaum die Beherrschung auf, nicht zu schreiben, sie zitterte vor Wut und war lediglich froh, dass Sergio die Initiative übernahm, sie sicher aus dem Gebäude zu bringen, weit ab jeden Wachmannes, dem sie hätten begegnen können. Denn das hätte blutig geendet.


Kommentar von Miyu

Vielen Dank allerseits für eure Kommentare :) Und allgemein: Ja, die ganze Geschichte hat sich mittlerweile in eine Science-Fiction-Richtung gewendet, nicht nur, weil da einige Elemente enthalten sind, die realistisch gesehen wohl weniger im Bereich des Möglichen liegen. Allem voran der Monitor und Salzsäure produzierende Speicheldrüsen. @ Sylvia Danke für das Lob! :) Ich hatte eher befürchtet, der Text sei etwas „lasch“ geraten. @ scacha Freut mich, dass der Text gefallen hat :) Und ebenso, wenn es thematisch gefällt. „Dark Angel“ kenne ich zwar nur vom Hörensagen, doch vermutlich spielt es in die gleiche Richtung. @ Numungo Vielen Dank! Und sicher folgt eine Fortsetzung ;) @ Anna Berg Auch dir noch explizit vielen Dank für die konstruktive Kritik :) Kurz zur Erklärung: Das Saki den Monitor einschlagen kann, hat durchaus seine Berechtigung. Sie dürfte wohl etwas in die Richtung „Superheldin“ gehen. Ansonsten werde ich den Text noch einmal überarbeiten. Wiederholungen sind unpassend und mein altes Problem mit zu langen Sätzen schlägt offensichtlich auch noch des Öfteren durch. Aber so weiß ich, worauf ich zu achten habe.

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Anna Berg

Hallo Miyu, eine interessante Begebenheit erzählst Du in Deinem Beitrag. Du baust langsam Spannung auf, man fiebert mit, was den Einbrechern wohl in die Quere kommen wird. Die Wut Deiner Protagonistin ist nachvollziehbar. Ob es wirklich möglich ist, in einen Monitor mit der bloßen Faust ein Loch zu schlagen? Bei den modernen Geräten funktioniert das wahrscheinlich nicht. Auch die großen, alten Dinger hätten von einer Mädchenfaust wahrscheinlich nicht einmal einen Kratzer abbekommen. Lass Saki doch einen Locher oder ein ähnliches Bürozubehör benutzen, dann wird die Sache glaubwürdiger. Ich habe Deinen Text wegen der Rechtschreibfehler durch mein Programm laufen lassen. Dabei fiel mir dann auf, dass Du sehr häufig das Wort "SCHIEN" oder "SCHEINBAR" verwendest, auch an Stellen, wo es nicht nötig wäre. Der nächste Satz ist mir auch nach mehrmaligem Lesen ein Rätsel: "Noch immer leuchtete das Bild ihrer Schwester vor ihren Augen, als einzig Sichtbares zwischen dem schwarzen Wirbel, der sich um ihre Sinne geschlungen zu haben und die nackte Angst und die innere Zerrissenheit, die sie damals ergriffen hatte aus den Tiefen ihres Gedächtnisses wieder nach oben zog." Was willst Du damit sagen? Den allerletzten Satz könntest Du weglassen. Jeder Leser soll sich selber denken, was dann passieren würde. Im Übrigen kann der Wachmann nichts für das heimlich durchgeführte Programm, womöglich weiß er nicht einmal, dass es das gegeben hat. Miyu, Du hast einige merkwürdig formulierte Sätze, die m.E. nach in kürzerer Form besser wiedergeben würden, was Du mitteilen möchtest. Deine Sätze beginnen häufig mit "SIE" oder "DOCH". Würdest Du andere Verben verwenden und die Sätze ein wenig umstellen, könntest Du solche Wiederholungen vermeiden. Inhaltlich hat mir Dein Beitrag gefallen, handwerklich wäre noch einiges zu verbessern. Beste Grüße Anna

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Miyu, gut und spannend wie immer, deine Geschichte macht angst. Das Thema Wut ist ebenfalls sehr gut umgesetzt. Ich nehme an, Fortsetzung folgt? Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von scacha

Hallo Miyu, wow, ein Text, der mitreißt! Super spannend und gut geschrieben. Ich lese so etwas auch gern (oder sehe es im Fernsehen, "Dark Angel"...). Besonders gut gefällt mir die Stelle, wo sie den Bildschirm einhaut. Dieser Zornesakt bringt total Bewegung in die Geschichte und die Situation. Er ist irgendwie "sinnlos" und zugleich total wohltuend, und spätestens jetzt steht ein Trupp vor der Tür. Ich freue mich auf die nächsten Texte über Saki. LG, Scacha

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von Sylvia

Liebe Miyu! Keine Ahnung, warum hier noch niemand kommentiert hat. Dabei ist dein Text doch so spannend! Er hat mich voll reingezogen und nicht mehr los gelassen! Super! Ein paar Kleinigkeiten wie Tippfehler sind mir aufgefallen. Die würde ich nochmal überarbeiten. Ja, und ob das Ganze so aus medizinischer Sicht möglich ist, kann ich nicht beurteilen. Wenn ja, ist die Idee gut, wenn nein, könnte es sich um Science-Fiction handeln. Deshalb diese ungewöhnlichen Namen? Und kann ein Mensch mit bloßer Faust ein LOCH in einen Monitor schlagen? Bin gespannt, wie es weiter geht! LG Sylvia (14153)

Eingetragen am: 08.07.2008

Eingetragen am: 07.07.2008 von Lillilu
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14159

Zum Verständnis: dies ist die direkte Fortsetzung von # 13627. Elsa und Paul wohnen seit einigen Monaten in ihrem „Garagenhaus“, da sie ihre Villa zwangsverkaufen mussten und ihr Geschäft enteignet wurde.

Die Redelsheimer

August 1939

Sie wechselten sich im Kranksein ab. Heute war es Paul, der oben, unter dem Dach, im Bett lag und sich seinen Rückenschmerzen hingab, während Elsa unten gekocht hatte und sich danach an die Schreibmaschine setzte. Die Kartoffelsuppe hatte sie versalzen, jetzt konzentrierte sie sich auf ihre Korrespondenz mit der Oberfinanzdirektion, die ein Sonderreferat für „Judenbelange“ eingerichtet hatte.

Sie sortierte ihre Unterlagen auf dem Tisch und bemerkte dabei, dass ihre Hände zitterten. In Gedanken ging sie noch einmal die letzten Tage durch. Den Ausreiseantrag nach Belgien hatten sie auf dem Polizeirevier in Potsdam stellen müssen, denn die Vorschrift, dass Juden seit dem zwanzigsten Juni 1938 keine Behörden mehr betreten durften, wurde nun auch durchgesetzt. War die Polizei keine Behörde? Ergaben all diese Gesetze einen Sinn?

Sie mussten jeden Pfennig dreimal umdrehen und so waren sie nach Potsdam gelaufen, um das Busgeld zu sparen. Eine Stunde hin und eine Stunde zurück, auf der Strasse, die mitten durch den Königswald führte, vorbei an Wiesen mit Pferdekoppeln, am Krampnitzer See, auf ihren müden, alten Füßen. Das Formular des Polizeipräsidenten hatte einen großen Verteiler, alle sollten wissen, dass die Redelsheimer das Land verlassen wollten: die Zollfahndungsstelle, die Reichsbankanstalt, der Oberfinanzpräsident, die Staatspolizeistelle, die Staatspolizeileitstelle Potsdam, der Oberbürgermeister von Potsdam und das Hauptzollamt in Berlin.

Während auf dem Formular des Ausreiseantrages nach Cuba im Februar noch vom Kaufmann und Innenarchitekten Gideon (früher Paul) Redelsheimer die Rede war und seine Firma namentlich vollständig aufgeführt worden war, beschränkte sich der Polizeipräsident Potsdam am ersten Juni 1939 auf die nationalsozialistische Sicht der Dinge und gab an, dass der Jude Gideon Redelsheimer und seine Frau Zilla Redelsheimer das Land zu verlassen wünschten. Die Steuerpflichtigen hatten eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung beantragt. Unter der Rubrik Staatsangehörigkeit war „Deutsches Reich“ vermerkt, „deutschblütig“: durchgestrichen, Mischling 1., 2. Grades: offen, aber Jude/Jüdin dick unterstrichen!

Über die zweitausend Reichsmark für den Verkauf ihrer Möbel an die Familie Lukas konnten sie noch immer nicht verfügen und sie bat erneut um die Genehmigung, diese von ihrem Konto abheben zu dürfen.

(Kursiv) „Da inzwischen sowohl die Judenvermögens-Abgabe, die gesamte Reichsfluchtsteuer, sowie kleine Steuerrückstände voll bezahlt sind, bitte ich nochmals mir die Freigabe obiger Summe zu bestätigen und der Deutschen Bank entsprechende Anweisung zu geben. Da mein Mann seit Januar d.J. keinerlei Verdienst oder Einnahmen hat und ich über keine Barmittel mehr verfüge, musste ich mir bereits von Freunden Geld leihen, um unser Leben fristen zu können! „(kursiv Ende)

Sie vertippt sich, irrt sich bei der Angabe ihrer Steuernummer, fügt handschriftlich Wörter ein und ihre Unterschrift zerläuft in einer langen, auslaufenden Linie...

Als sie spürt, wie zu dem Zittern der Hände auch eine heiße Welle in ihrer Kehle aufsteigt, springt sie auf und läuft in den Garten! Paul soll sie nicht weinen sehen! Wohin kann sie sich verkriechen, um zu weinen und zu schreien? Links von ihrem Garagenhaus steht am Schiffgraben das alte Bootshaus. Da hatten die Kinder immer in den Sommerferien gewohnt...sie sieht die kleine Lilli mit Martha im Garten spielen...Aber das Bootshaus hat XYZ, der NSDAP Ortsgruppenleiter, schon vor Monaten requiriert, ganz ohne Kaufvertrag. Wohin soll sie laufen?

Am Schiffgraben steht der Holzklotz mit den Holzvorräten, sie läuft runter zum Wasser, packt die Axt, holt weit aus und schlägt sie mit aller Kraft auf den Klotz, immer wieder! „Ihr Verbrecher! Ihr Unmenschen! Was haben wir euch getan? Sollen wir verrecken?!“ Das Gewicht der Axt zerrt an ihren Armen, die Schläge werden schwächer. Sie sinkt auf die Erde, die Tränen laufen ungehemmt über ihr Gesicht. Der Boden ist weich unter ihr und sie wird einfach nicht mehr aufstehen.

Im Haus hinter ihr öffnet Paul das Schlafzimmerfenster im Dachgeschoss. Er ruft „Elsa? Elsa, wo bist du?“


Kommentar von Lillilu

@Numungo: Ja, danke, wird umgesetzt! Über "sich den Rückenschmerzen hingeben" denke ich noch einmal im Gesamtkontext nach, weil ich nicht ausschließen kann, dass ich mir auch hier Ironie gestatte. LG Lillilu

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Liebe Lillilu, vielleicht hättest du Elsas Wut noch etwas deutlicher herausstellen können, doch was wichtiger ist: du hast eine Wut ausserhalb der Geschichte geschaffen, eine Wut, die sich im Leser aufstaut, eine Wut auf die Nazis, ihren Rassenwahn und ihr ganzes, verdammtes System ... Noch ein Tipp von mir: im vorletzten Absatz würde ich statt "immer wieder" "immer und immer wieder" schreiben. Und im ersten Absatz solltest du Paul sich nicht seinen Rückenschmerzen "hingeben" lassen. Das hört sich etwas ironisch an und passt nicht zur Ernsthaftigkeit des Textes. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von Lillilu

@Jenni: Danke Jenni! Ich recherchiere diese Geschichte seit 8 Jahren. @Ginko: Danke für deinen Kommentar. @Sylvia: Ja, die vielen Dokumente machen mir zu schaffen – mir wurde ja gesagt, ich soll sie rauslassen. Aber sie sind der Dreh-und Angelpunkt und ich bin erleichtert, wenn das nicht langweilt. Natürlich muss man so etwas auch lesen WOLLEN. Ich danke dir. @Gerhild: Ich muss dich leider enttäuschen, was die Ausreise betrifft. In #11492 stehen alle Lebensläufe. Danke für deine Unterstützung. @Angela Barotti: Auch dir lieben Dank. Beim nächsten Mal ist es nicht mehr nur traurig und wenn ich die Chance hab, stell ich hier noch Beiträge rein, die die Redelsheimer in jüngeren Jahren zeigen.@Papaya10: Es tat besonders gut zu lesen, dass ich mit ruhiger und präziser Hand geschrieben habe und Elsa und Paul Würde ausstrahlen. Es hat sie ja wirklich gegeben und ich will ihnen gerecht werden. Schön, dass du seit einiger Zeit im Forum bist! @Michelle Mancini: laff = fad, gehaltlos, platt, stillos, flau, farblos, lasch, langweilig.

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von Michelle Mancini

Gut geschrieben! Deine Geschichte hat jedoch einen laffen Beigeschmack, es fehlt die Schärfe und Würze .

Eingetragen am: 11.07.2008

Kommentar von Gerti Dräger-Weber

Liebe Lillilu..... ich lese Verzweiflung, Schmerz und unendliche Hoffnungslosigkeit bei Elsa und Paul fühlt sich verlassen. Ein wenig vielleicht auch von Elsa? Traurigkeit spüre ich! Viel Erfolg weiterhin und LG..Gerti

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von papaya10

mit ruhiger und präziser Hand ist sie geschrieben deine Geschichte von Elsa und Paul (bezieht sich auch auf das letzte Kapitel)Sie strahlen soviel Würde aus die beiden und dadurch berührt der Schmerz und die Wut umso mehr. Ich freue mich aufs Weiterlesen viel Glück! papaya 10

Eingetragen am: 09.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Von all deinen Texten ist dieser mit Abstand der traurigste. Obwohl das Bankkonto genügend Deckung aufweist, müssen Elsa und Paul bei Freunden Geldanleihen aufnehmen um zu überleben, denn als Juden sind sie der Willkür des Staates und der Behörden ausgeliefert. Du vermittelst sehr gut, wie demütigend das für das einst wohlhabende Ehepaar gewesen sein muss, denn die Art, wie Elsa sich vertippt und sich sogar bei der Steuernummer irrt, offenbart viel von ihrem Seelenleben. Sehr gut auch dargestellt, wie sich die beiden gegenseitig Heile Welt vorspielen, denn Elsa erscheint mir fast panisch, als sie bemerkt, dass sie ihre Tränen nicht mehr unterdrücken kann. Wohin nur? Paul darf nichts mitbekommen, darf nicht erfahren, dass sie an seinen Zweckoptimismus nicht mehr glaubt. Doch es gibt keinen Platz um sich zurückzuziehen. Alles gehört inzwischen Fremden./ Sehr gut gefallen hat mir die Umsetzung der Wut. Ich sehe Elsa vor mir, wie sie aus dem Haus hastet, kurz stehen bleibt, sich nach rechts und links umblickt, um dann in Richtung der Holzvorräte zu laufen. Hier kann sie ihrer Wut endlich freien Lauf lassen. Auf die körperliche Erschöpfung folgt der seelische Zusammenbruch. Doch schon ruft die Pflicht wieder nach ihr: „Elsa, wo bist du?“

Eingetragen am: 09.07.2008

Kommentar von Gerhild Bauer

Du hast die bedrückende Geschichte dieser zwei Menschen packend beschrieben. Ich hoffe sehr, es gelingt beiden die Ausreise! Ich bewundere dein Geschick- sachliche Information und Gefühlsäußerungen- zu einer Erzählung zu formen. L.G. Gerhild B.

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von Sylvia

Liebe Lillilu! Super! Du hast dir eine Wahnsinnsarbeit mit den vielen Detaills gemacht. Die Infos langweilen nicht - im Gegenteilt. Elsa könnte vielleicht noch etwas länger schreien. Aufgabe genial gelöst! Deinen Stil mag ich sowieso! LG Sylvia (14153)

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von Ginko Korn

Verzweifelte Wut und Resignation aus Erschöpfung: Wie es dazu kommt, wird Schritt für Schritt erläutert, und ist aufgrund der Vorgeschichte bereits einsichtig. Die gesamte Erzählung ist sozusagen eine einzige Wutgeschichte, aus der hier ein Puzzlestück beleuchtet wird. Leicht zu folgen und mit zu empfinden.

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Jenni

Mitreissender Text. Ich fühle mich richtig in diesen Garten versetzt, wo Elsa nach einer Zuflucht sucht, um heimlich ihre Wut und Trauer abzulassen. Durch die vielen Einzelheiten (war bestimmt viel Arbeit das alles zu recherchieren?) wird die Szene so echt, und Elsa ist so ein starker Charakter. Gefällt mir sehr, wie Du schreibst!

Eingetragen am: 07.07.2008

Eingetragen am: 07.07.2008 von Frog
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14158

(Der Text schließt an die vorherige Übung an. * 13685)

Godo wirkte verdattert. Er eierte schweigend die kurvige Straße hinauf. Die Luft zwischen uns wurde so dick, dass ich das Fenster runterkurbelte, um wenigstens einen Teil rauszulassen in diesen düsteren Morgen.
„Hoi, Hoi, Hoi“, sagte er dann auf einmal, es klang belustigt.
„Was hast Du denn für ein Problem? Ich hab‘ Dich nicht gebeten, zu kommen!“
Mein Selbstbewusstsein löste sich in Luft auf. Diese Ansage saß! Und wie sie saß! Perfekt platziert in meine große Wunde, die sich Herz nennt.
Auf einmal war ich keine Frau mehr, sondern wieder das kleine Mädchen, das nicht willkommen ist. „Wir feiern hier ‚ne Party, und du bist nicht dabei!“

Ich merkte, wie die Tränen aufstiegen, ich starrte trotzig auf die Straße und befahl mir, es nicht zu tun. Jetzt nicht heulen, Linn! Das hier war keine Beerdigung, sondern nur ein weiteres verpatztes Date. Heulen ging gar nicht! Nicht vor diesem Blödmann in seinen lächerlichen Gummisandalen! Mein Anflug von Traurigkeit wich unbändiger Wut. Wut auf mich selbst und auf meine Naivität!
Ich hatte zu viel hinein gelegt in dieses Treffen. Nächtelang hatte ich von dieser ersten gemeinsamen Nacht geträumt, mir das Kitzeln seines Bartes auf meinem Gesicht vorgestellt, seine Blicke aus diesen feurigen schwarzen Augen. Teenagerträume von braun gebrannten zarten Künstlerhänden, die mich ohnmächtig streichelten.
Plötzlich fühlte ich mich lächerlich in meinem kurzen Jeansrock! Drei Kilo hatte ich abgespeckt, um hineinzupassen. Die blonden Strähnchen waren so neu wie der rote Nagellack auf den Zehennägeln, um mit meinen hübschen Füßen anzugeben. „Sie haben wunderschöne Füße!“ hatte die Pediküre gesagt.

Und dann die Geschenke. Die Gitarre in letzter Sekunde organisiert, ganz zu schweigen von der türkischen Salami und der Lep Zeppelin CD! Und der Lohn? Ein Schnarch-Konzert und ein Saustall erster Güte. Schönen Dank auch!

„Ich könnte schwören, dass wir vorgestern Nacht noch telefoniert haben“, platzte es aus mir heraus. „Da hast Du mich regelrecht angefleht, Dir eine Gitarre mitzubringen. Und für diese stinkende Wurst bei deinem Lieblingstürken vorbeizuschauen! Schon vergessen?“
Er schwieg!
„Schon vergessen? Unsere ganzen Telefonate und Sms? Meines Wissens ging es da unter anderem auch um Deinen Geburtstag und meinen Besuch! Wenn Du keine Lust darauf hast, mein Lieber, eine kleine Ansage hätte genügt und ich wäre gleich nach Formentera gefahren. Offensichtlich habe ich mich ja wohl selbst eingeladen!“
Godo fuchtelte nach einer Zigarette und geriet für eine Schrecksekunde von der Straße ab.
„Willst Du uns in den Abgrund fahren?“ schrie ich.
Er stieg auf die Bremse.
„Jetzt mach aber mal halb lang, Linn!“
Seine schwarzen Augen blitzten mich warnend an. Aber jetzt war ich so richtig in Fahrt.

„Nein, mach ich nicht. Ich sag‘ s so, wie ich es jetzt fühle. Alles andere macht mich krank. Die Reise hat mich meine letzte Kohle gekostet, Godo. Ich hab sie gerne bezahlt, weil ich dich sehen wollte. Ich wollte Dir eine Freude machen. Aber das ist ja wohl gründlich in die Hose gegangen. Wenn ich diesen Mist schon höre. Verhext! So ein Blödsinn. Nach fünf Jahren! Willst Du mir etwa sagen, Du hättest fünf Jahre keinen Sex mehr gehabt?“

Mir wurde heiß. Meine Haare klebten im Nacken, ich nestelte in der Rocktasche nach meinem Haargummi, wo war dieses verflixte Ding? Mein Herz pochte bis zum Hals.
Er schürzte die Lippen.
„Ja, das will ich! Kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Ich kann dir das nicht erklären, ist halt so!“
„Sex ist gut für die Gesundheit!“ rief ich.
„Besonders für die Leber. Ich wette, Deine ist total kaputt!“
„Wer sagt das denn?“ fragte er.
„Habe ich gelesen!“ sagte ich. Langsam ging mein Puls wieder runter.
„Kannst Du mal weiterfahren bitte, ich will die Fähre um 12.15 Uhr nicht verpassen!“
Am liebsten wäre ich selbst gefahren. Er kroch wie eine Schildkröte die Berge hoch. Als ob er damit Sprit sparen würde!
„Weißt du was, Godo Dräger! Du hast Angst. Eine Scheißangst vor Erfolg hast du. Alles fängst du an, aber kurz vor dem Ziel machst du dir in die Hose. Und wenn du dann mal was hinkriegst, kommst Du damit nicht klar. Wer hat dir das bloß eingeredet? Ich fasse es nicht. Und dann liegt mal einmal eine tolle Frau neben dir im Bett, und du spielst den Verhexten.“
„Meinst du mit der tollen Frau dich?“
„Wen denn sonst?“ sagte ich. „Ich sehe hier nur eine tolle Frau“.

Ich musste mir das Lachen verkneifen. Das hier war der Witz der Woche. Aber immerhin fühlte ich mich nicht mehr traurig. Im Gegenteil. Meine Laune besserte sich mit jeder Sekunde. Auch wenn ich ihn jetzt getroffen hatte. Auch wenn er jetzt büßen musste. Für all die Idioten, von denen ich mich hatte verarschen lassen in den letzten Jahren. Für diese Ignoranten und Gestörten, für Frank, Guido, Jonas und wie sie alle hießen. Ein bisschen tat mir Godo jetzt leid. Aber zum Einknicken war es zu spät.

„Bleib bei dir“, hörte ich im Geiste meine Freundin sagen. „Lass dich nicht klein machen! Ich kenn zwar diesen Godo nicht, aber pass auf dich auf!“ Danke, Ina! Meine beste Freundin, meine Retterin in allen Lebenslagen. Sie hatte ja so Recht. Und gleich würde ich zu ihr nach Formentera rüber schippern. Nachher würden wir auf der Terrasse ein Fläschchen Weißwein köpfen, lästern und lachen. Über eine weitere heiße schlaflose Nacht, in der wieder nichts passiert war.


Kommentar von Metta Maiwald

Schön beschrieben, dieses Gefühlskarussell, die Selbstironie. Eine Frau bleibt eine Frau, und wahre Schönheit kommt von innen, jawohl! (Übrigens kann ich mir Linn auch sehr schön in Erwins rotem Rock vorstellen - Insiderwitz ;o) Trotz seiner Schmuddeligkeit mag ich Godo irgendwie, weil er so schön "aussteigerisch" ist, und in gewisser Weise so etwas Freies, Ungebundenes hat, auch wenn wir hier schon einen langen Blick hinter die Fassade werfen durften. Einzige, kleine Kritik an einer Formulierung: Wie fuchtelt man NACH seinen Zigaretten? Nimm Dir Deine Tippfehler nicht so zu Herzen.

Eingetragen am: 18.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Frog, wie immer bei deinen Texten war ich von anfang bis ende gebannt dabei. Allerdings sollte "dir" Godo nicht leid tun. auch nicht ein kleines bisschen. Doch wie ist das mit der Pediküre? So wird doch der Vorgang bezeichnet, die Ausführende auch? Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von Frog

@Fledermaus @Lep Zeppelin!!! – ich schäme mich - keine Ahnung über das eingeschlichene p. Kommt nie wieder vor und war natürlich nur ein Flüchtigkeitsfehler... Sieh es mir bitte nach!!!

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von Gerhild Bauer

Betrachte mich als Mitglied deines Fan-Clubs! Ich wünsche Linn, deiner bezaubernden Erzählerin (ich wähle mit Absicht dieses Wort), dass sie mit ihrer Freundin nur eine Flasche Wein "köpft", denn bei der zweiten Flasche würde sie vielleicht in Tränen ausbrechen über die "schlaflose und heiße Nacht", in der wieder nichts passiert war. Gerhild

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von Karin

Ich war schon gespannt, wie es weitergehen wird mit den beiden. Dein Beitrag hat mir wieder sehr gefallen. Ich finde auch, die Mischung ist perfekt. Liebe Grüße. Karin

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Godo, dieser Dummkopf, der nicht merkt, dass das Glück schon längst bei ihm an die Tür geklopft hat und Linn, die sich am liebsten für alles entschuldigen würde, was sie ihm (zu Recht) an den Kopf geworfen hat, geben ein interessantes Paar ab. Doch wer fügt zusammen, was zusammen gehört? Ina, tu was! Die beiden kriegen das nicht gebacken. Als Freundin musst du hier mehr tun als mit Linn Wein auf der Terrasse zu trinken. Dein Auftritt wartet. / Du hast meine Erwartungen mit deinem Beitrag wieder 100%ig erfüllt. Witz, Herzschmerz, Ironie - deine Mischung ist perfekt. Schade, dass dein Beitrag nicht länger war; die beiden sind mir schon so vertraut, da könnte ich ewig weiterlesen.

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von Fledermaus

Hallo Frog, ich habe schwer in den Text hineingefunden, mich dann aber von den Emotionen mitreißen lassen. Das ist dir gut gelungen. Aber, bitte, bitte: Led Zeppelin! :O)

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von Monika

Super! Spritzig, witzig, flüssig geschrieben. Bin nie hängen geblieben beim Lesen! Und wie geht es jetzt weiter?

Eingetragen am: 09.07.2008

Kommentar von Birgit Jennerjahn-Hakenes

Klingt authentisch, man ist gleich voll drin in der Geschichte. Ich habe mich nur "geärgert", dass der Puls wieder runter ging.

Eingetragen am: 09.07.2008

Kommentar von Angela Thies

So glasklar aus dem Leben gegriffen - ein guter Text. Ich musste lachen. Von mir aus hätte der Wutanfall ruhig noch etwas heftiger ausfallen können. Leider habe ich die Vorgeschichte dazu nicht gelesen, werde es aber nachholen.

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von Frog

Ginko@ Gute Frage, Deine letzte Frage. Darüber sollte nachgedacht werden...

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Sylvia

Mit einem Wort: genial! Du hast mich völlig mitgerissen! Toller Dialog! LG Sylvia (14153)

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Ginko Korn

Eine Zickzackwut: dicke Luft, in die sich das Selbstbewusstsein auflöst. Gleich darauf wütet die eigene Lächerlichkeit unbändig. Geschrei, Herzrasen, dann geht der Puls wieder runter, der Witz der Woche bessert die Laune jede Sekunde und gegen aufkeimendes Mitleid muss Godo aus Prinzip noch eins draufkriegen. Soll Linn überhaupt ernst genommen werden ?

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Jenni

Frog, leider sehe ich mich nicht in der Lage Deine Texte zu kritisieren, und kann Dir einfach nur sagen: ich werde Deinen Roman kaufen und lesen, wenn er fertig ist, und ich freue mich jetzt schon drauf! Du schreibst so amüsant und nach wenigen Sätzen fühle ich mich schon mittendrin im Geschehen. Und: zum ersten Mal fange ich an, Godo ein ganz klein bisschen zu mögen. :) lg Jenni

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Lillilu

Das gefällt mir super gut! Alles in einem Guss, wie in einem Rutsch geschrieben. Die rotzige Sprache ist zwar nicht mein Ding, aber ich kann sehr wohl erkennen, dass es hier alles stimmig und spannend ist. P.S. Ich persönlich kenne solche Geschichten sehr gut und lauere nur darauf, auch einmal über die Liebe schreiben zu können. LG Lillilu

Eingetragen am: 07.07.2008

Eingetragen am: 06.07.2008 von marc
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14155

Diese Winterjacke war potthässlich, etwa die Urform der aufgepumpt erscheinenden Michelinjacken. Ihre Außenhülle bestand aus armeegrünem Polyester, mit einer Art Rosshaar dick unterfüttert, einem Reißverschluss aus Kunststoff und dehnbare Armbünde, wie man sie von Trainingsjacken kennt. Damals aber war diese gut wärmende Winterjacke mein ganzer Stolz, weil es das erste Kleidungsstück überhaupt war, dass für mich neu gekauft wurde; allerdings zwei Nummern größer, damit ich hineinwachsen konnte.
Über meinem neuen Zuhause schien die Sonne und so kam das gute Stück erst einmal in die Kleiderkammer. Der Tag, an dem das Hofpflaster in einem diesigen Zwielicht lag, die Luft nach modrigem Laub roch und kalte Feuchtigkeit unter die Haut kroch, an dem Tag marschierte unsere Jungengruppe der Sieben- und Achtjährigen über den Hof zur Kleiderkammer, zwei Erzieherinnen voran. Die Mütterliche sucht den Schlüssel in ihrer ausgeleierten, rosaroten Strickjacke. „Ich weis genau, dass ich ihn hier...“, und da schaut auch schon ihr Zeigefinger durch das Loch in der linken Tasche. Einige müssen lachen, die Dürre hingegen rollt müde die Augen. „Nun mach schon. In der anderen Hand ist er doch.“ und wischt sich mehrmals über die Schulter, als habe sich ein schmutziges Nieseltröpfchen auf sie gestürzt Alle setzen ihr Regengesicht wieder auf und betreten die finstere Kammer links neben der breiten Holztreppe. Nachdem das lichtblitzende Brummen und Klacken in ein monotones Summen übergegangen ist, durchflutete grelles Neonlicht den muffigen Raum. Ein beliebiger Junge wird von der Dürren kurz gemustert und schon wühlt sie in den Kleiderständern. Die Mütterliche legt ihre Hände auf meine Schultern, vielleicht um Maß zu nehmen, und ich wundere mich über ihre Wärme, wo doch alles so kalt ist. Während sie sucht, versuche ich meine Winterjacke zu erspähen. Plötzlich hält sie mir ein blauen Lodenmantel vor die Nase. „Aber meine Winterjacke ist grün.“, sage ich zögernd. „Macht nichts, Hauptsache es passt.“, meint sie. „Gefällt dir nicht? Na ja, probieren wir noch was.“ Nun soll ich einen Anorak anprobieren, mit Kapuze, Metallreißverschluss und sogar gemustert. „ Perfekt.“, sagt sie und geht einen Schritt zurück. „Gut, der Nächste.“ Ein paar Meter weiter zieht die Dürre meine Winterjacke hervor. Ich stehe wie angewurzelt, sehe wie sie einen Jungen ran zitiert, der einen Kopf größer ist als ich und passt sie ihm an. Ich muss gehorchen, dass war zuhause schon so. Aber es soll auch gerecht zu gehen, hat mein Vater immer gepredigt, und meinte seine Gerechtigkeit, so wie sie ihre. Ich nehme all meinen Mut zusammen und gehe auf die Dürre zu. „Das ist meine neue Winterjacke.“ Sie zieht ungläubig die Augenbrauen zusammen. „Die ist dir doch viel zu groß.“ antwortet sie und wischt sich ein paar mal über die Schulter. Der andere Junge schaut mich entgeistert an und will die Jacke wieder ausziehen. „Lass an!“, befielt sie ihm, „Und du hast schon einen Anorak. Also warte vorn an der Tür bis wir fertig sind.“ Mir pochen die Schläfen und mein Blut sprudelt wie Selterwasser durch die Adern. Ich rupfe mir den Anorak vom Leib, werfe ihn auf den Betonboden und schreie sie an. „Den habe ich geschenkt bekommen, das ist meiner!“
„Nun reicht es“, sie schiebt mich vor sich her, „raus jetzt, aber dalli!“ Bevor wir an der Tür sind, nimmt mich die Mütterliche am Arm. „Versuch den mal zu beruhigen.“, sagt die Dürre und geht zurück. In meinen Ohren rauscht es, als hätte ich Zahnputzbecher darüber gestülpt. Es wird irgendwie dunkler im Raum und ich sehe nur noch das Skelett der Dürren im Kleiderständer herumklappern. Ich atme schwer und die Luft wird mir dennoch immer weniger. Kurz bevor ich zu ersticken drohe, reiße ich mich los. Die Dürre betrachtet gerade ein Kleidungsstück, als mein Kopf mit solcher Wucht in ihren Magen schlägt, dass wir zusammen durch die Klamotten pflügen. Für eine Sekunde meinte ich in sie hinein zu sehen. Dann ist Totenstille im Raum und allmählich höre, sehe und fühle ich wieder. Die Mütterliche sammelt mich und die verstreuten Lumpen von der Frau, die gekrümmt, mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund nach Luft röchelt. „Holt Wasser!“, sagt sie und ich renne so schnell ich kann, um Wasser zu holen. Könnte ich nur alles Geschehene wegspülen.
Die Dürre war zäh und schnell wieder auf den Beinen. In einer lichtlosen kleinen Kammer sollte ich bereuen. Sie konnte nicht ahnen, dass diese Atmosphäre ohne Licht, Lärm und Menschen, eine Erlösung für mich darstellte, in der ich in Gedanken baden konnte, in der ich mich frei fühlte.


Kommentar von marc

Für eure hilfreichen Kommentare, vielen Dank. Entschuldigt bitte, wenn ich bei euch keinen Kommentar anbringe, aber ich bin zu langsam; immer habt ihr schon eine gehörige Menge an Feedback und ich wiederhole nicht gern schon Gesagtes. Wenn ich mich nicht äußere geht davon aus, dass mir eure Texte gefallen, okay ;-) Auch ist es mir wichtig Teilnehmern zu helfen, die noch keinen Kommentar abbekommen haben. @Fledermaus: dein Kommentar hat mich ins Grübeln gebracht und ich verstehe dich. Mir ging es ähnlich, als ich Emile Zola zu lesen begann – seitenweise Bildbeschreibungen, liest sich wie unterkühlter Honig. Die Teilnehmer dieses Projekts überspannen mindestens drei Generationen, während die Lebenserfahrenen Gefallen an bildhaften Kompositionen finden, mögen es die jüngeren Schreiber oft kurz und knackig, mit treibender Handlung und schnell auf den Punkt kommen. So, wie sie Leben. Wer das Schreibhandwerk gut erlernt, kann für jede Generation schreiben, aber dennoch, glaube ich, nicht in ein und dem selben Text. Übrigens, die meisten Kinder sind über viele Jahre im Heim und wachsen aus ihren Klamotten – deshalb die Kleiderkammer. Damals trug man die Kleidung auch mehr aus praktischen Gründen, also gegen Kälte und Nässe. Mode hatte in dem Umfeld wenig Bedeutung. Persönlicher Besitz keinen Platz.

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Eine perfekte Geschichte in großartige Bilder gehüllt. Respekt! Ich warte auf mehr ..., mehr ..., mehr ...! Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von Lillilu

Grosse Klasse, diese Szene! Ich denke an ein Waisenhaus, an Oliver Twist - viele Adjektive für die Sinne: ich rieche die Herbstluft und die muffige Kleiderkammer, sehe die Dürre, die Mütterliche und den kleinen Protagonisten und fühle mit ihm, als er endlich sich frei fühlen darf! Normalerweise bin ich ein Verfechter der knappen Adjektive, aber hier scheinen sie mir alle sinnvoll. LG Lillilu

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von Fledermaus

Du bringst die kindliche Sichtweise gut herüber, und die Handlung ist auch stimmig, obwohl ich nicht weiß, wieso den Kindern offenbar die Kleider abgenommen und neu verteilt werden...? Sprachlich mag ich deinen Text nicht so, die Bilder sind mir zuviel. Versöhnt hat mich allerdings dieser wunderbare Teilsatz: "[...]und ich wundere mich über ihre Wärme, wo doch alles so kalt ist." Klasse! Ich mußte auch lächeln, als dein Protagonist die Dürre umpflügt. Sehr befriedigend! Hätte sie die Ohren aufgemacht, die Hexe!

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von papaya10

atemberaubend. Ich hätte glatt weiterlesen können. Sprachlich pfiffig, ironisch und anrührend, eine die Mischung die ich mag! Wunderschön beschriebene Szene voller Regengesichter mit einer Dürren und einer Mütterlichen.Auch die kindliche Perspektive ist für mich nachvollziehbar. Bitte weiter schreiben herzliche Grüße Papaya10

Eingetragen am: 09.07.2008

Kommentar von Frog

Das ist eine gelungene, traurige Erinnerung, die große Nähe zum "Helden" aufbaut. Großer Schmerz steckt darin, man mag sich kaum vorstellen, dass das erst der Anfang ist. Du lässt mich mitfühlen und mitleiden mit dem Heimkind, das sich eingesperrt frei fühlt. Klasse auch die Einteilung in die Dürre und in die Mütterliche. Starke Bilder, starkes Ende, hinter "wegspülen" könntest Du einen Absatz machen, dann wäre es noch eindringlicher.

Eingetragen am: 09.07.2008

Eingetragen am: 06.07.2008 von Sylvia
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14153

Hallo Ihr Lieben!
Diese Szene spielt bereits im letzten Drittel meines Manuskripts. Leider komme ich nicht dazu neue zu schreiben. Aber ich freue mich über Unterstützung bei der Überarbeitung. Werde mich auch bemühen wieder mehr zu kommentieren, aber ich ziehe in zwei Wochen um und habe sehr viel zu tun.
Vielen Dank für eure Hilfe! LG von Sylvia

Nach dem Yoga heute mache ich es mir auf der Couch bequem. Nehme das Laptop und starte Windows. Riiiiiing! Wer kann das sein? Meine Mutter starrt durch den Spion.
Sie schiebt sich samt ihren Rundungen an mir vorbei in meine Wohnung … die ist nicht aufgeräumt... gleich kann ich mir wieder ihre Sprüche anhören. Du bist zu mager! Isst du nichts Anständiges? Eine Frau braucht Kurven an den richtigen Stellen. Schau mich an und so weiter…
„Marie-Lena! Wie siehst du nur aus? Ich erkenne dich kaum wieder! Du bist wirklich eine Schande für die Familie!“
„Mama, schade, dass du nicht vorher angerufen hast, ich muss los. Zur Nachtschicht“, lüge ich. „Und nenn mich nicht so. Du weißt, wie sehr ich den Namen hasse.“
In ihrer Gegenwart bin ich wieder das kleine Mädchen. Marie-Lena. So hat mich lange niemand mehr genannt. Ich will an ihr vorbei durch die Tür, doch sie hält mich fest, lässt mich kaum zu Wort kommen.
„Arbeit? Na, das ist doch keine anständige Arbeit. Meine Tochter in einer schmutzigen Fabrik! Du hättest dein Studium nicht abbrechen sollen. Ich habe es dir gleich gesagt. Du endest noch so armselig wie dein Vater, Marie-Lena!“
Wann lässt sie sich mal was Neues einfallen?
„Bist du gekommen, um mir das zu sagen, Mama?“
„Ich bin noch nicht fertig mit dir! Damit eins klar ist: Du machst mich noch nicht zur Oma. Noch nicht! Ich habe einen Freund, der dir helfen wird!“
Die Worte schweben im Raum. Ausgesprochen aber noch nicht bei mir angekommen. Schon spricht sie weiter wie ein Wasserfall.
„Glaub mir, das tut nicht weh und ist schnell vorbei. Hier ist seine Nummer. Er schuldet mir noch einen Gefallen.“
„Mama, woher weißt du überhaupt…? Es ist doch noch gar nicht sicher“, flüstere ich.
Das hat eh keinen Zweck, Süße. Für sie ist das Thema erledigt. „Dein Vater ist unmöglich. Er wird noch in seinem Selbstmitleid ertrinken. Und du unterstützt ihn auch noch dabei, Marie-Lena. Der Mann muss lernen alleine klar zu kommen“, schimpft sie weiter. „Komm doch lieber mal wieder bei mir vorbei. Sebastian würde sich bestimmt auch freuen dich zu sehen.“
Sie strahlt. Zeit, dass sie wieder geht. Wenn sie wüsste! Das heißt, wenn ich mehr wüsste - über ihren Sebastian. Mir ist es ein Rätsel, was so ein junger und nicht einmal schlecht aussehender Mann von meiner Mutter will. Wahrscheinlich das nahe Liegenste. Ihr Geld.
„Tschüssi, wollte dir nur kurz unter die Arme greifen. Wenn du wieder Geld brauchst, melde dich. Hast ja meine Telefonnummer.“ sagt sie, als wäre nichts passiert. Und haucht mir einen klebrigen Kuss auf die Wange, den ich mir mit dem Handrücken energisch weg reibe, sobald sie aus meinem Blickfeld verschwindet.

Wie kann sie nur so herzlos sein?, denke ich mit brennenden Augen, während ich auf meinem bedruckten Klodeckel sitze und warte. Zuerst war alles nur ein Spiel. Wie früher. Wie oft hatte meine Mutter gerufen: „Marie-Lena, halt still, ich flechte dir Zöpfe.“, „Marie-Lena, mach dies...“ und „Marie-Lena, tu das nicht! Du darfst das nicht!“
Bis ich genug hatte. Ich habe Marie mit meinen Zöpfen einfach abgeschnitten und auf nimmer Wiedersehen verbannt. Als Teenager gab es nur noch Lena. Papas Prinzessin.
Plötzlich fällt mir der Test wieder ein. Langsam drehe ich das weiße Stäbchen um: In dem kleinen Display sind zwei gerade Linien zu sehen! Das bedeutet POSITIV - Zweifel ausgeschlossen.
Schwanger! Ich bekomme ein Kind, werde Mutter…alles um mich herum dreht sich…ich als Mutter... Dabei fällt mir der Schrei des Kindes ein, der mich seit einer Weile verfolgt. Die Worte aus der Gruppe schwirren in meinem Kopf herum. Fühlt es sich so an, wenn man verrückt wird? Wenn man Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann? Meine Mutter hält mich doch eh schon immer für geisteskrank. Bin ich es jetzt wirklich? Wenn ich nicht so viel Angst hätte! Dabei dachte ich, ich hätte mich im Griff.
Das habe ich nun davon! Ich fühle mich von allen verlassen. Wer interessiert sich wirklich für mich? Die Gedanken drehen Schleifen in meinem Kopf. Ich schüttele ihn heftig, um sie zu vertreiben. Immer versuche ich allen zu helfen und ihnen alles recht zu machen. Vor allem für Papa war ich immer da. Und er? Er hat mich verraten! Hatte nichts Besseres zu tun als zu meiner Mutter zu rennen!
Ich bin so wütend! So dermaßen wütend, dass ich nicht mehr weiß, auf wen ich wütender bin, auf mich oder auf ihn. Linke Faust für meine Mutter, rechte Faust für meinen Vater, linke Faust für Tina, rechte für... alle möchte ich treffen. Alle, die mir weh getan haben, nicht für mich da waren. Die Wand wehrt sich nicht. Den Schmerz in den Händen spüre ich kaum.
Erschöpft sinke ich auf den Wohnzimmertisch. Tränen bahnen sich einen Weg wie durch eine Schleuse, die sich nach vielen Jahren zum ersten Mal ganz öffnen lässt. Und ich? Wer kümmert sich um mich? Ich kann und darf doch nicht auch noch in Selbstmitleid versinken, darf nicht weinen. Ich muss stark sein! So wie früher. So wie meine Mutter. Wie oft hat sie mir das gesagt? Werde nicht so schwach wie dein Vater, Marie-Lena! Alles machte ich falsch. Ich fühlte mich immer viel zu mager und hässlich. Schluchzend wälze ich mich auf meinem Bett, warte auf den erlösenden Schlaf. Die Schleife dreht sich weiter um sich selbst. Endlos schwirren die Gedanken. Ich halte meinen Kopf fest. Er ist so schwer, reibe meine Hände, die jetzt schmerzen.
Papa hat mich immer getröstet. Und ich habe ihn getröstet, wenn sie ihn mal wieder betrogen hat. Er hat sich nie gewehrt. Ich will nicht enden wie er. Er müsste sich mal sehen. Erbärmlich! So schwach! Das verzeihe ich ihm nie! Ich zittere. Schreie! Die Wut kommt wieder! Tut gut. Ich schlage auf die Matratze ein. Die ganze Welt kann mich mal! ...Ich habe nur mich...nur mich...mich.


Kommentar von Azahar

Es gibt nichts schlimmeres als von Personen denen man vertraut, verraten zu werden und das Gefühl zu haben, nirgendwo hin flüchten zu können. Nirgendwo vertraute Arme in die man sich werfen kann um Trost zu suchen. Die trostlose, verzweifelte Situation deiner Prota hast du sehr gut dargestellt. Was allerdings auch mich etwas verwirrt hat, ist, dass sie zuerst auf dem Klodeckel sitzt und dann plötzlich im Wohnzimmer ist. Und wieder der Schrei des Kindes... ich bin noch immer gespannt! LG Azahar

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Sylvia, dein Text fängt gut an (bis auf die von Lillilu bereits bemerkten Verbesserungen) und steigert sich bis zu seinem Ende immer mehr. Du drückst die Wut durch Gefühle und Gedanken aus und das ist gut so: letztlich ist Wut ja nichts anderes. Lenas Verzweiflung nistet sich im Kopf des Lesers ein. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 12.07.2008

Kommentar von Ginko Korn

Hier kann Mann nur hilflos Taschentücher reichen. Für einen Opa wäre das nächst Liegende (nicht das nahe Liegendste), vorzuschlagen: "Komm Lena, wir fahren eine Woche weg".

Eingetragen am: 11.07.2008

Kommentar von Sylvia

Danke für eure Kommentare und Tipps! Sie helfen mir sehr weiter! Wer wissen will, wann Lena ihrer Mutter die Meinung sagt, sei auf das 25. Kapitel (13445) verwiesen. Es spielt nach dieser Szene hier und stellt die Anknüpfung des Gesprächs dar. Liebe Grüße von Sylvia

Eingetragen am: 11.07.2008

Kommentar von Haribo

Liebe Sylvia, du bringst den Konflikt zwischen Mutter und Tochter gut rüber. Schade, dass die Mutter nicht sieht, dass es ihrer Tochter schlecht geht und sie eigentlich Mutterliebe braucht. LG Haribo

Eingetragen am: 09.07.2008

Kommentar von Jenni

Wie traurig, der Umgang von Mutter und Tochter. Was ist da passiert, dass sie ihre Zuneigung so gut verbergen? Beide haben nur Beleidigungen füreinander übrig, aber doch kann man heraushören, dass sie sich gegenseitig viel bedeuten. Ich bin gespannt, ob Lena ihr Selbstmitleid und ihre Schuldzuweisungen noch in den Griff bekommt, und lernt sich wirklich auf sich selbst zu verlassen. lg Jenni

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von scacha

Hallo Sylvia, der Text geht mir nah - ich kann die Wut absolut gut nachvollziehen, stark durchmischt mit Verzweiflung, Einsamkeit ... Auch das Hin- und Hergerissensein wird schön deutlich: Wut, Zorn und Hass und Schwäche und dann das Gefühl der Schuld, als dürfte man das gar nicht fühlen. Die Bemerkungen der Mutter zu Beginn kamen mir zuerst zu heftig vor, aber nachher wird es klar - dass sie so heftig reagiert, weil sie von der Schwangerschaft weiß. Geigt sie der Mutter noch mal irgendwann die Meinung? Danke auch für Deinen Kommentar!! LG, Scacha

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Sylvia, hier nur zwei winzige Verbesserungsvorschläge: ich sehe deine Prota in ihrer Wohnung, aber an zwei Stellen kann ich vor meinem geistigen Auge nicht folgen. Sie sitzt an ihrem Laptop (ist es nicht DER Laptop?), dann klingelt es und ihre Mutter starrt durch den Spion - hier fehlt noch eine kleine visuelle Hilfe, wie z.B. "Ich gehe zur Tür 'Ja,ja, komme ja schon!" Und dann sinkt sie später AUF den Wohnzimmertisch - ist das nicht etwas ungewöhnlich? Aber jedenfalls kommt als dritte Location in der Wohnung dann das Bett, auf dem sie liegt und ich habe ihr dabei nicht folgen können, es fehlt noch so eine kleine Bemerkung wie 'Ruhelos tigere ich durch die Wohnung und verkrieche mich zuletzt im Bett.' Hoffe, das ist für dich nützlich. LG Lillilu

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von Angela Thies

Also diese Dialoge sind wirklich Klasse. Für mich ist es völlig unvorstellbar, dass es solche Mütter gibt - du schilderst sie sehr gut. Lenas Verzweiflung ist verständlich, könnte aber ruhig noch emotionsgeladener sein. Ich bin gespannt wie diese Beziehung weitergeht.

Eingetragen am: 08.07.2008

Eingetragen am: 06.07.2008 von ml
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14144

Juanez und Marina hatten dem Bericht von Katie still gelauscht. Marinas Gesicht war bleich geworden, aber Junaez' glühte. Während der letzten Worte war er auf seinem Sessel hin und her gerutscht, als zwinge die Wut ihn, sich zu bewegen. Nun da Katie verstummt war und sich Tränen in ihre Augenwinkel geschlichen hatten, sprang er auf und marschierte vor dem Tisch auf und ab. Dann blieb er vor Katie stehen und beugte sich gefährlich nahe zu ihr hinunter: "Sag' das noch einmal. Ich glaube es nicht." forderte er sie auf.
Zu den ersten einzelnen Tränen hatten sich erstaunlich viele andere gesellt. Katie war vollkommen aufgelöst.
"Was soll ich noch einmal sagen?" fragte sie trotzig.
"Sag' mir noch einmal was ihr getan habt."
"Aber wir haben es doch nicht getan," sie zog die Nase hörbar hoch. "wir wollten es tun, aber jemand anderer ist uns zuvorgekommen." sie schluchzte und fuhr fort: "Das habe ich doch gerade erzählt."
Juanez nahm seine Wanderung wieder auf. "Ich fasse es nicht, Marina, kann man so blöd sein? Diese Idioten haben nichts verstanden von unserer Mission, nicht die klitzekleinste Kleinigkeit." Wieder funkelten seine dunklen Augen das Mädchen an. "Hast du nicht kapiert, dass wir fordern, dass das Morden aufhört? Wie könnt ihr hergehen und jemanden für Mans umbringen wollen? Erklär' mit das mal! Nun komm schon! Raus mit der Sprache!"
Katie saß da und lies das Gewitter über sich ergehen. Sie wusste ja inzwischen, dass es dumm gewesen war.
"Guck mich gefälligst an, wenn ich mir dir spreche! Du dummes Kind hast ja keine Ahnung, was ihr mir eurer großartigen Idee angerichtet habt!" wieder beugte er sich zu ihr hinunter, faßte unter ihr Kinn und zwang sie ihn anzusehen. "Also krieg' ich heute noch eine Antwort?"
Um ein wenig Zeit zu gewinnen und die Stimme etwas fester klingen zu lassen, holte Katie umständlich ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und putzte sich die Nase. Dann wischte sie sich mit dem Tuch über die Augen, sah Juanez an uns sagte: "Wir wollten doch nur verhindern, dass er seinen Plan doch noch umsetzt." versuchte sie sich zu verteidigen.
"Ihr wolltet den Verteidigungsminister der Vereinigten Staate umbringen!"
Er konnte es immer noch nicht fassen. Am liebsten hätte er Katie geschüttelt bis die Dummheit von ihr abfiel, hätte ihr rechts und links eine reingehauen, hätte sie übers Knie gelegt. Er war so wütend wie schon seit ewigen Zeiten nicht mehr. Er hatte das Gefühl seine Wut würde ihn auseinander sprengen, wenn er nicht ein Ventil fand, durch das er sie herauslassen konnte. Er ginge wieder auf Katie zu, packte sie fester am Arm, als nötig gewesen wäre und zog sie hoch. "Du gehst jetzt besser. Ich will keine Attentäter in meiner Wohnung."
"Schatz, lass sie los! Wir überlegen jetzt erst einmal in Ruhe, was wir machen." mischte sich Marina ein. Sie hatte ihren Mann noch nie so rasend gesehen. Instinktiv wusste Sie dass nicht mehr viel fehlte, um ihn handgreiflich werden zu lassen.
Juanez lies Katie los und hieb mit der Faust vor die Wand. Dann liess er dem Hieb einen Tritt folgen. "Diese.. " wieder ein Tritt vor die Wand "bescheuerten.." Tritt "verdammten" Tritt "Idiooooten." noch ein letzter Tritt und der Überschuss an Energie war erst mal gewichen.
"Die Wand kann nichts dafür...."
"Weiß ich auch..."
"Nun komm schon, beruhige dich doch wieder.."
"Kannst du dir vorstellen, was die Presse daraus machen wird? Ich sehe schon die Schlagzeile: "Wie erst kann man Mans nehmen? Mitglieder der Mans Deutschland ermorden Archer! Und dabei predigen sie gegen die Todesstrafe. Alles nur Lippenbekenntnisse?" Mir wird gleich schlecht. Dafür haben wir so lange und hart gearbeitet? Damit so ein frustrierter Alter und ein halbes Kind dahergehen und anfangen zu morden?" schrie er Marina an.
"Wenn du so weiter brüllst, kannst du dir den Anruf bei der Polizei sparen."
"Entschuldige, ich bin nur so wütend. Ich könnte sie..." dabei wies er mit dem Kopf auf Katie. "schütteln."
"Weisheit kommt nicht durch schütteln.."
"Aber wir haben ihn doch gar nicht getroffen....." versuchte Katie sich wieder bemerkbar zu machen.
"Dafür solltest du Gott danken...."
"Es ist kein Verbrechen, wenn man jemanden töten will. Was glaubst du denn, wieviel Leute sonst im Knast säßen? Wir haben Angst, dass man uns den Mord anhängen will."
"Wäre ja so verdammt falsch auch nicht, oder? Ihr wart immerhin da oben, ihr hattet eine Waffe dabei und geschossen habt ihr auch. ...."
"....aber nicht getroffen. Man. Das weiß sogar ich, dass der Versuch kein Verbrechen ist."
"So, so, das ist also kein Verbrechen, unsere ganze Mühe zunichte zu machen? Weißt du überhaupt in was für eine Lage ihr uns mit dem Versuch gebracht habt?"
"Das muß ja niemand erfahren..."


Kommentar von Marc

Danke für die Ehrlichkeit. Richtig, der Ton macht die Musik und ich versuche mich zu bessern. Auf eine weitere gute Zusammenarbeit.

Eingetragen am: 22.07.2008

Kommentar von ml

Hallo marc, ich habe lange überlegt, ob ich Deinen Kommentar kommentieren soll, aber zu Beginn dieser Aktion hatte mir selbst versprochen, dass jeder, der meine Beiträge kommentiert, eine Antwort bekommt. Immerhin hat er sich mit dem Lesen und Kommentieren meines Textes Arbeit gemacht. Das ist nicht selbstverständlich! Mein erster Eindruck beim lesen war: "blöder Besserwisser" aber dann bin ich die Punkte mal durchgegangen und muss zugeben, dass an den meisten Kritikpunkten was dran ist. Ich habe den Text noch einmal überarbeitet. Ich habe deinen Ratschlag befolgt und muss sagen, einen versuchten Mord nachzuweisen, ist nicht einfach, vor allem nicht, wenn die Beschuldigten nicht mitspielen. Wenn sie zum Beispiel bei einem fehlgeschlagenen Schuss behaupten, sie haben absichtlich daneben geschossen, wer will dann das Gegenteil beweisen? Aber prinzipiell hast Du Recht es ist strafbar. (Auch wenn Du nicht wissen konntest, wie die Geschichte weitergeht, ob zum Beispiel Marina noch widerspricht.) Also waren deine Hinweise lehrreich. Danke dafür. Wenn Du nun noch den "Oberlehrer" ein wenig beiseite schieben könntest, würde ich mich über weitere Kritiken freuen. Bis dann... ml

Eingetragen am: 17.07.2008

Kommentar von marc

Hallo Milliliter, du hast sehr anschaulich geschrieben. Doch gibt es ein paar Stolpersteine. Die folgende wörtliche Rede, würde sich vielleicht so besser lesen: "Hast du nicht kapiert, was wir fordern? Das Morden soll aufhören! Wie könnt ihr da jemanden für Mans umbringen wollen?“ Ich finde es besser, wenn man Frage- und Aussagesätze nicht vermengt. Bei „Am liebsten hätte...“, reicht einmal „hätte“, die beiden anderen kann sich der Leser denken. Den Satz: Instinktiv wusste Sie dass nicht mehr viel fehlte, um ihn handgreiflich werden zu lassen. Würde ich streichen. Zum einen ist er schon Handgreiflich geworden und für das weitere Geschehen ist er ohne Bedeutung, da folgend sein Jähzorn ausreichend beschrieben wird. Vor der Wand steht dieses oder jenes, eine Faust schlägt gegen die Wand. Seine Tritte zwischen die wörtliche Rede zu setzten, bedeutet den Lesefluss zu unterbrechen. Besser ihn sprechen zu lassen und am Ende anfügen „dabei trat er mehrmals gegen die Wand und die überschüssige Energie war gewichen. Übrigens Idiot mit einem „o“ . Ausdruck über Symbolik verwendet man bei Comics. Für uns sollten Worte maßgeblich sein, um etwas auszudrücken. Für die Vereinigung „Mans“ wäre ein anders klingender Name besser, er hat mich sehr irritiert, auch wegen der Ähnlichkeit zu man. Wenn du etwas nicht genau weist, jemanden fragen oder recherchieren, denn „Versuchter Mord“ ist sehr wohl ein Verbrechen, wenn es nachgewiesen wird. Viel Erfolg beim Lernen und besser werden, so wie ich auch lerne und versuche besser zu werden.

Eingetragen am: 12.07.2008

Eingetragen am: 06.07.2008 von Thomas Gohlke
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14124

Am Baumstamm machte das Pferd samt Reiter halt und sie hörte wie die Person absaß. Auch das Geräusch der aneinander reibenden Klingen von Messer und Schwert war nicht zu überhören. Es ist der Krieger, der seit Tagen auf Ihrer Spur war. Er musste genau unterhalb von ihr, am Baumstamm rast machen. Sie spürte die Blicke des Jägers auf der Unterlage ihres hoch im Baum gelegenen Lagers. Konnte er sie sehen?
Vorsichtig drehte sie sich, schob einige Blätter zur Seite und beobachtete, wie der Wächter aus Burg Moa, sich zum Schlafen an den Baumstamm legte.
Er war ihretwegen hier, er jagte die Flüchtige. Und sie hatte immer gedacht ihm aufzulauern, um ihn zu töten. Jetzt brachte das Schicksal sie zusammen. Kurz um plante sie die Tötung des Jägers. Sie zog ihr Messer aus den Lederschuhen und wie eine Wildkatze schlich sie den Baum hinab.
Auf dem letzten untersten Ast machte sie halt und schaute dem schlafenden Jäger ins Gesicht.
Sie dachte nur, du oder ich und lies sich fallen, schlafe für immer und rammte ihm während sie auf dem Körper des Feindes landete, das stumpfe Messer in die Brust. Die Klinge blieb an einer Rippe hängen, doch die Rippe brach und die Klinge fand samt der gebrochnen Rippe, den Weg ins Herz. Das Blut quoll aus der Wunde, das Opfer merkte nichts, es war auf der Stelle, in den von Elea herbeigeführten ewigen Schlaf. Sie sprang sofort auf und legte sich in die nahe gelegene kniehohen Farne. Das Pferd wieherte und sprang, am Baum fest gemacht, wild um sich, während es dabei mit den Hinterhufen austrat. Sie hatte Angst, das andere, sich vielleicht in der Nähe befindlichen Jäger, auf sich aufmerksam gemacht zu haben.
Die ganze Nacht lag sie im Schutz der Farne und beobachtete, wie sich das Pferd beruhigte und ob weitere Krieger aus der umliegenden Gegend herbei kamen. Doch es war nichts, das Pferd schnupperte kurz am Toten Jäger und fing an zu grasen. Elea kämpfte währennd dessen mit der Müdigkeit und fiel in einen tiefen Traum.
Sie wurde durch das Wiehern des Pferdes geweckt, sofort sprang sie auf und nahm Kampfstellung ein, doch der frische Morgen war ruhig, nur Vogelgesang schwang durch ihre Ohren.
Schnell zog sie den Toten in ein Versteck, das er nicht mehr zu sehen war. An einem kleinen Bach wusch sie sich das Blut ihres Opfers vom Leib, führte das Pferd zu diesem Wasser und flüchtete hoch zu Ross, tiefer in den Wald Richtung Osten.


Kommentar von Thomas Gohlke

Wie kann jemand den Baum hinab schleichen? Da habe ich schon viel an Fragen erhalten. Ich war einmal für einige Monate auf den Philippinen und da sah ich, wie ein kleines Raubtier vom Baum herab an seine Beute heranschlich und sie aus einem Versteck mit einem Sprung überrumpelte. Nachher erklärte mir ein Australier, das dieses eine Schleichkatze war und diese Tiere geschickte Jäger sind! Ich hatte diese Aktion in meinem Kopf und vielleicht nicht überzeugend genug beschrieben. Danke für die Kommentare Thomas!

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Miyu

Hallo Thomas, alles in allem ein interessantes Thema, mit einem Umfeld, dass man bereits erahnen kann und dass das Interesse weckt. Leider empfinde ich deinen Text als verwirrend und unausgegoren. Es kommen viele Fragen auf, die mit einer etwas ausgereifteren Sprachwahl nicht gestellt werden müssten. Am meisten fehlt mir jedoch die Emotion. Ungeachtet des Themas „Wut“, schwingt in deinem Text leider keine wirkliche Gefühlsregung mit, nicht die Angst, die deine Protagonistin empfinden muss, nicht die Verzweiflung, nicht die blinde Wut oder Gefühlskälte, die sie bei dem Mord überfallen müsste. Es ist ein klinisches Bild, das es schwer macht, die Empfindungen mitsamt dem Handeln deiner Protagonistin nachzuvollziehen. Versuche vielleicht etwas mehr das Innenleben deiner Protagonistin darzustellen. Liebe Grüße, Miyu

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Anna Berg

Hallo Thomas, beim Lesen Deines Textes ist mir zuallererst aufgefallen, dass er voller Fehler (grammatischer und orthografischer Natur) ist. Inhaltlich fehlt dem Text etwas sehr wichtiges: die Wut und der Grund dafür. Deine Protagonistin handelt nicht in einem Anflug von Wut oder Ärger, sondern sehr überlegt. Sie plant den Mord an dem Jäger sorgfältig. Es wird überhaupt nicht spürbar, dass sie Angst hat. Außerdem wiederholst Du sinngemäß, was Du zuvor schon angesprochen hast: "Es ist der Krieger, der seit Tagen auf Ihrer Spur war." und "Er war ihretwegen hier, er jagte die Flüchtige." (Übrigens, warum schreibst Du IHRER groß? Weshalb IST es der Krieger, wenn Dein Text ansonsten in der Vergangenheit geschrieben ist?). An der Stelle mit dem Traum hatte ich das Gefühl, dass ein Bruch passiert ist, und zwar dort, wo Du erwähnst, dass sie in einen tiefen Traum fiel. Was hat sie geträumt? Irgendetwas muss doch beim Aufwachen noch vorhanden sein und sie darüber nachdenken lassen oder Du könntest den Traum auch beschreiben, den Leser da hineinziehen, indem Du vielleicht erzählst, weshalb sie auf der Flucht ist. So aber sind es nur Bruchstücke, die mich unzufrieden zurücklassen. Noch etwas: "...nur Vogelgesang schwang durch ihre Ohren." SCHWANG? Dieses Wort im Zusammenhang mit dem physischen Erleben von HÖREN ist mir völlig fremd. Ein KLEINER Bach klingt auch irgendwie schräg. Wenn Du sagen willst, dass es kein rauschender Gebirgsbach ist, gibt es viele andere und bessere Möglichkeiten, das auszudrücken. Beispielsweise: Rinnsal, schmaler Bach, gurgelndes, ruhiges Gewässer, Wasserlauf, usw. Ein paar Deiner Füllwörter könntest Du getrost streichen. Das Wörtchen DOCH solltest Du auch sparsamer verwenden. In einem so kurzen Text sind zwei davon zu viel. Ersetzen könntest Du eines durch "aber", "allerdings" oder "jedoch". Wenn Du in einem Satz WÄHREND verwendest, ist das Wort DABEI absolut überflüssig. Ich hoffe, meine Kritik hilft Dir, Deinen Text zu überarbeiten. Beste Grüße Anna

Eingetragen am: 06.07.2008

Kommentar von Gina K.

Mein Thema! Aber wo ist die Wut? Wie sauer muss die Lektorin sein, dass sie den Autor auf diese Rechtschreibung auflaufen lässt? Wieso reibt Schwert und Messer aneinander? Wie kann sie den Baum hinab schleichen?

Eingetragen am: 06.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Thomas, eine spannende Gesichte, doch nicht in allen Fällen nachvollziehbar. Schwer vorstellbar ist, wie jemand einen Baum hinab schleicht. Vielleicht solltest du "geräuschlos kletterte sie ..." verwenden. Der Begriff "plante die Tötung" hört sich sehr technisch an. Sicherlich bleibt das Messer nicht an einer Rippe hängen; vielleicht wird es zurückgehalten oder die Rippe leistet Wiederstand. Und wenn das Messer schon an der Rippe "hängen bleibt" und die Prota auf dem Körper des Feindes landet, wird er doch zumindest noch aufwachen, bevor er stirbt. Pferde werden üblicherweise nicht an Bäumen festgebunden, wenn dies vielleicht in schlechten Filmen auch so dargestellt wird. Un d wenn doch, wird es nach dem Mord nicht zu grasen beginnen, denn Pferde sind immer hungrig und wen es am Baum angebunden war, hat es das gesamte erreichbare Futter bereits in der ersten Viertelstunde restlos aufgefressen. Ausserdem stellt sich die Frage, warum die Prota sich im Farn versteckt und sich nicht gleich mit dem Pferd aus dem Staub macht. Über den schwingenden Vogelgesang solltest du auch nochmals nachdenken. Weshalb sie sich (gemütlich) das Blut abwäscht, dann das Pferd zum Tränken führt und plötzlich flieht, ist ebenfalls nicht klar. "Hoch zu Ross" würde ich ebenfalls weglassen. Im zweiten Absatz ist ein Komma zu viel, an anderen Stellen fehlen welche. Dass hast du mindestens zweimal mit einem s geschrieben; kurzum wird zusammengeschrieben. Vielleicht überarbeitest du den Text nochmals? Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 06.07.2008

Eingetragen am: 06.07.2008 von Johanna Kurschus
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14125

Aus dem Buch: ,,Die Maus auf der Butter "



Wut.


Ab dem zehnten Lebensjahr wurden alle Jugendlichen gezwungen zur Hitlerjugend zu gehen. Wir bekamen eine Uniform. Einen dunkelblauen Rock, eine weiße Bluse und um den Hals ein schwarzes Dreiecktuch und einen Knoten, der sah wie ein Ball aus Lederstreifen aus. Durch diesen sogenannten Knoten zog man die Enden des Tuches. Wir lernten stramm zu stehen, wie hoch man beim Hitlergruß den Arm heben soll und noch so einigen Sachen die man im Leben nicht braucht. Diese normalen Heimabende waren mir zu langweilig. Der ganze Kram über Politik und Hitler interessierte mich nicht. Das auswendig lernen über Hitler in der Schule hatte mir gereicht. Also meldete ich mich zur der Sportabteilung an. Sport wurde meine Leidenschaft, vor allem die Leichtathletik. In Laufen und Weitsprung wurde ich eine der Besten. Weitwurf ging so einigermaßen, beim Hochsprung aber war ich eine absolute Niete. Schwimmen konnte ich auch ganz gut, nur hatte ich mich nie getraut, mit dem Kopf zuerst in das Wasser zu springen – ich landete immer auf dem Bauch. Mit den Füßen zuerst bin ich sogar vom höchsten Sprungbrett in die Moldau gesprungen. Mama hatte es mir verboten, aber ich tat es trotzdem - Mama sah es ja nicht.
Jedes Frühjahr und jeden Herbst kam die deutsche Jugend zusammen und es wurden Wettkämpfe in Leichtathletik ausgetragen. Ob man dick, dünn oder fett war, es war Pflicht, jeder musste mit machen. Das erste Mal war ich zehn Jahre alt. Leider hatte ich die Punkte für eine Auszeichnung nicht erreicht. Ich war so wütend, als die anderen ihre Anstecknadeln bekamen und ich leer ausging. Ich heulte und tobte vor Wut, am liebsten hätte ich mich auf die Erde geschmissen, man hielt mich aber zurück, damit ich die Feier nicht störte.
Den ganzen Winter, bei jedem Wetter trainierte ich im Sportstadion.
Von da an ging es bergauf. Im Frühling bekam ich eine Nadel angesteckt, es war eine Raute mit einem Hakenkreuz in der Mitte, in der unteren Hälfte der Raute war ein halber Eichenkranz. Wenn man bei den Herbstwettkämpfen die eigene Punktzahl überschritten hatte, bekam man eine Nadel mit einem ganzen Eichenkranz. Mit der Zeit war ich dekoriert wie ein russischer General. Ich war krankhaft ehrgeizig. Wenn ich nicht auf dem Podest stand, war ich krank vor Wut auf mich. Auch in der Schule musste ich unter den drei Besten sein.
Die Besten der Leichtathletik fuhren zu Wettkämpfen in andere Städte und ich war immer dabei. In Iglau, eine Stadt in Mähren, lief ich wieder bei den Ausscheidungskämpfen mit. Aus dem ganzen Protektorat Böhmen und Mähren kam die Jugend zusammen. Wir waren fröhlich, lachten, es war eine so entspannte Atmosphäre und der Krieg war weit weg. Der Lauf begann. Sieges sicher stellte ich mich in die Reihe der Läuferinnen. Das Kommando kam. Auf die Plätze, fertig und Knall. Ich rannte, rannte, aber dann sah ich, ich wäre nicht Erste, auch nicht Zweite geworden - das konnte ich nicht ertragen. Die Wut stieg in mir hoch, ich bekam keine Luft, mein Blick verschleierte sich und ich ließ mich einfach fallen. Die Sanitäter kamen angerannt, ich wurde auf der Bahre weggetragen und jammerte über mein Bein. Es wurde geschient und eingebunden, und ich bekam die Auflage, zu Hause sofort zum Arzt zu gehen. Man musste mich zum Zug bringen, ich konnte ja nicht laufen. Im Zugabteil wurde das Bein aufgebahrt, in Budweis humpelte ich vom Bahnhof nach Hause. Das Ganze war nur eine Schau, mir fehlte gar nichts. Ich konnte es nur nicht verkraften, als Vierte oder Fünfte durch das Ziel zu rennen.


Kommentar von Lillilu

Johanna ist das ehemalige Hannerl und sie erzählt hier ihr Leben mit einigen fiktiven Elementen. Sie ist die Maus auf dem Butterberg, weil sie immer weiter gekämpft und gestrampelt hat. Deshalb sollte der Buchtitel auch auf jeden Fall ButterBERG heissen, denn eine Maus auf der Butter hört sich etwas unhygienisch an. Und jetzt haben wir endlich auch unseren Zeitzeugen - können wir dich gelegentlich befragen, Johanna? P.S. Die Sanitäter haben dich - Gottseidank - nicht auf einer Bahre, sondern auf einer Trage davon getragen. Lieben Gruss, Lillilu

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Johanna, ich weiß nicht, wie alt du bist und ob du diese Zeit miterlebt hast. Wahrscheinlich nicht. Ich auch nicht, Gott sei Dank! Allerdings erscheinen mir einige Szenen nicht glaubhaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Verlierer sich seiner Wut so hingeben durfte, wie du es mit 10 Jahren getan hast. Außerdem passt der Vergleich mit dem hochdekorierten russischen General nicht. Die Nazis waren sicherlich nicht weniger dekoriert und hätten den Vergleich mit einem Russen sicherlich nicht gutgeheißen. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 06.07.2008

Eingetragen am: 05.07.2008 von Franziska Dunkel
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14097

„Oh, ich hab’s geahnt, die erste Polizeikontrolle. Denk dran, Christoph: Bitte recht freundlich!“
Urs bremste, und ein kleiner Uniformierter mit wulstigen Lippen und Knollennase trat ans Fenster. Urs reichte ihm die Papiere. Der Mann ging einmal um den Wagen herum und schaute durch alle Fenster ins Wageninnere. Als er Christoph durch das offene Seitenfenster musterte und den Ausweis verlangte, erkannte Christoph ihn wieder. „Oh verdammt! Hoffentlich erinnert er sich nicht!“ stöhnte er leise auf deutsch.
Der Polizist studierte den Paß eingehend, verglich das Foto mit Christophs Gesicht und sagte betont höflich: „Würden Sie bitte aussteigen, Mister Brenner.“
Christoph gehorchte. Er mußte die Hände auf das Wagendach legen, und der Polizist tastete ihn von oben bis unten ab. Besonders gründlich, geradezu mit Hingabe, tat er es zwischen den Oberschenkeln. Christoph überlief ein Schauder des Widerwillens, aber er biß die Zähne zusammen. Um Himmels Willen nichts anmerken lassen!
„Kommen Sie mit zum Chef!“ kommandierte der Knollennasige.
„Aber selbstverständlich, Sir“, sagte Christoph so zuvorkommend wie möglich. Beim Blick zurück sah er, wie Urs, der inzwischen auch ausgestiegen war, ein Bündel Scheine aus seinem Portemonnaie nahm und es sich in die Hosentasche steckte.
Christoph wurde mit rüden Griffen auf die Hinterbank des Polizeifahrzeuges gestoßen, wo er neben einen anderen Polizisten zu sitzen kam, der etwas dümmlich dreinblickte. Die Knollennase setzte sich auf die noch freie Seite neben ihn. Beide packten nach Christophs Handgelenken, Handschellen klickten und er war rechts und links an die Uniformierten gefesselt.
„Halt! Was soll das?“ entfuhr es Christoph heftiger als beabsichtigt. „Was habe ich denn getan?“
Die Männer brachten ihn mit einem schmerzhaften Ruck an den Handschellen zum Schweigen.
Hinterm Lenkrad saß ein schon ergrauter Polizist mit einer Reihe bunter Dienstgradsabzeichen auf den Schulterklappen seines Hemdes, offenbar der Chef. Er wandte sich zur Rückbank um und starrte Christoph mit stechendem Blick aus seinen schwarzen Augen an.
„Sie sind also hergekommen, um den deutschen Arzt aus Jabapong wiederzufinden?“ sagte er in einem Staccato, das sein miserables Englisch noch schlechter verstehbar machte. Irgendwie klangen die meisten Konsonanten wie d.
Schön brav sein! sagte Christoph zu sich selbst und erwiderte: „Ja, Sir, der bin ich. Mein Name ist Brenner, Christoph Brenner. Und Thomas Groß ist mein Freund.“
„Weiß ich alles! Warum behindern Sie unsere Arbeit?“ fauchte der Alte, und seine Zunge schien sich vor lauter d fast am Gaumen festzusaugen.
„Ich behindere ihre Arbeit nicht, Sir. Das war nie meine Absicht, glauben Sie mir!“ Christoph mußte sich enorm am Riemen reißen, um seinen Groll zu unterdrücken. ‚Eher behindern Sie meine Arbeit, und zwar gewaltig‘, hätte er am liebsten hinzugefügt. ‚Die ganze Krankenstation hat diese Knollennase zusammen mit seinem Kumpel verwüstet. Ganz zu schweigen von den zertrümmerten Hütten der beiden Familien, die jetzt obdachlos sind. Ja, so haben Ihre sauberen Beamten gewütet!‘ Das alles lag ihm auf der Zunge und drängte danach, herausgeschleudert zu werden.
„Aber sie haben sich mit unverschämter Widerrede gegen die Staatsgewalt aufgelehnt.“ Während der Polizeichef redete, schnellte seine Hand hoch und traf Christoph mit den Fingern fast in die Augen. Christoph zuckte zurück und erwiderte: „Nein, Sir. Es muß ein Mißverständnis gewesen sein.“
„Papperlapapp!“ Es klang wie Daderdadatt. „Wir fahren jetzt auf die Wache.“ Der Chef drehte sich nach vorn und ließ den Motor an. Urs kam er herbeigelaufen und rief etwas, aber der Polizeiwagen brauste schon mit Getöse los und produzierte eine riesige Staubwolke.
Christoph war starr vor Schreck. War er jetzt offiziell festgenommen? Wollte der Polizeichef die Wahrheit denn gar nicht hören? Nein, heute hatte er nicht die geringste Lust, ein Gefängnis von innen zu besichtigen! Durften Polizisten denn hier in Ghana tun und lassen, was sie wollten? Zugegeben, er war sehr aufgebracht gewesen über das rüpelhafte Benehmen der beiden Beamten, als sie in Jabapong zur Durchsuchung anrückten. Nicht einmal den Jungen mit dem gebrochenen Bein durfte er zu Ende verbinden.
„Sehen Sie, Mister Brenner“, fing der Knollennasige mit schleimigem Tonfall an und rieb seinen Oberschenkel an dem von Christoph, „so ergeht es einem, der die Vorschriften hier im Land nicht befolgt.“
„Ja, weiter so, erklär es ihm, Kofi!“ rief der Chef vom Steuer aus.
Christoph überkam ein gewaltiger Ekel, Ekel vor dem wulstigen Wicht namens Kofi neben ihm, dem Schweißgeruch des tumben Polizisten auf der anderen Seite, dem feisten Nacken des Vorgesetzten, kurz, vor der ganzen, verfahrenen Situation. Sollte so seine Ghana-Mission enden? Als desaströser Mißerfolg? In einem elenden Urwaldknast? Das konnte einfach nicht wahr sein!
Der Kerl am Steuer raste wie ein angeschossenes Wildschwein durch den Busch. Ein Blick zurück sagte Christoph, daß Urs keine Chance hatte, sie einzuholen. Jetzt war also nicht mehr viel zu verderben, jetzt konnte er aussprechen, was ihm auf den Nägeln brannte.
„Sie müßten mir dankbar sein, daß ich hergekommen bin, um mich um die Kranken hier zu kümmern! Ich habe bis zum Umfallen gearbeitet. Die Leute in Jabapong sind krank, nach drei Wochen ohne Arzt. Verstehen Sie das endlich!“ rief er nach vorne. Die Männer lachten hämisch.
Christoph ließ sich schlaff in den Sitz sinken. Da konnte man offensichtlich rein gar nichts machen. Sein Kopf brummte. Kleine Straßendörfer mit Verkaufsständen, Frauen mit Körben voller Wäsche oder Gemüse auf dem Kopf, winkende Kinder, bis aufs Skelett abgemagerte Hunde, all das nahm er nur wie im Vorüberfliegen wahr. Eine Weile döste er vor sich hin, lethargisch von der feuchten Hitze und der Ausweglosigkeit seiner Lage.
Doch, natürlich! Er konnte etwas tun. Christoph straffte sich und wartete, bis sie die Ansiedlung, die sie gerade durchfuhren, hinter sich gelassen hatten. Dunkle Wolken waren aufgezogen.
„Ich muß mal, Sir“, sagte er sanft.
„Nichts da! Eine halbe Stunde müssen Sie noch durchhalten!“ stieß der Mann am Lenkrad in seiner ungelenken Sprache hervor.
„Nicht mal eine halbe Minute kann ich noch durchhalten, Sir. Bitte, halten Sie an!“ Christoph bemühte sich, so weinerlich wie ein Kind zu sprechen.
Die beiden Polizisten an seiner Seite lachten und ruckten an seinen Handgelenken.
„Hab ich dich so sehr erregt, daß deine Blase schlappmacht?“ sagte Kofi Knollennase anzüglich und rückte noch näher an ihn heran. Christoph schüttelte sich.
„Paßt auf, ich pinkle jetzt in euren Wagen“, rief
er und ließ der Ankündigung gleich die Tat folgen.
Die beiden Polizisten neben ihm starrten entgeistert auf seine Jeans, die sich dunkel verfärbte, und riefen wie aus einem Mund: „Anhalten Chef!“
„Drecksack!“ schrie der Chef. „Jetzt halte ich erst recht nicht.“
„Doch! Sonst scheiß ich euch auch noch alles voll. Dann müssen die beiden Schwuchteln hier neben mir putzen! Und ich guck zu.“ Christoph versuchte, ihr hämisches Lachen von vorhin noch zu übertreffen.
„Nicht zu fassen! Dieser deutsche Hurensohn versaut uns das Auto!“ brüllte der Chef und stieg in die Eisen. Die drei auf der Rückbank wurden gegen die Lehne der Vordersitze geschleudert, und während der Wagen noch ausrollte, riß Kofi die Tür auf und öffnete die Handschellen.
„Da, ab ins Gebüsch, du Schwein!“ schrie er und gab Christoph einen Tritt. Gleichzeitig zogen er und sein Kollege die Pistolen, und der Chef brüllte hinter ihm her: „Keinen Fluchtversuch! Wir schießen sofort!“
Christoph kroch ins Gebüsch, raschelte hin und wieder mit den Blättern und ließ sich Zeit. Als der Chef rief: „Wird’s bald?!“ schrie er aus Leibeskräften: „Hilfe, eine Schlange!“
Die Männer kamen herbei gestürzt und zerrten ihn an den Straßenrand. Christoph zeigte auf zwei kleine, kaum blutende Löcher in seinem Unterarm, die er sich mit einem Dorn aus dem Gestrüpp selbst zugefügt hatte.
„Nein, verrecken darfst du uns nicht, du Mistkerl! Dann kriegen wir Ärger. Saug die Wunde aus! Kräftig!“ fauchte der Chef.
Christoph schwankte zum Auto, setzte sich quer auf die Rückbank, mit den Beinen nach draußen.
„Mach ich. Aber mir ist so schwindlig!“ Er stellte sich möglichst ungeschickt an und hantierte an seinem Arm, während die Polizisten ratlos um ihn herumstanden. Dann ließ er sich langsam vom Sitz auf den Boden rutschen und den Kopf nach vorn sacken. Wenn Urs ihnen gefolgt war, verdammt nochmal, dann müßte er eigentlich längst hiersein!
Die Polizisten wuchteten ihn wieder auf den Sitz, und Kofi Knollennase bemühte sich, ihm aus einer Plastikflasche etwas zu trinken einzuflößen. Christoph würgte ein wenig, ließ das Wasser an den Mundwinkeln herunterrinnen, öffnete hin und wieder leicht die Augen und stöhnte dabei, als ob er in den letzten Zügen läge.
„Was sollen wir jetzt tun?“ seufzte der Chef ratlos.
Kofi trat Christoph gegen das Schienbein und sagte: „Ein bißchen quälen, würde ich vorschlagen, dann wird er schon wieder wach.“ Christoph biß die Zähne zusammen, daß ihm fast übel wurde, um nicht aufzuschreien.
„Oder noch besser, gründlich nach Waffen durchsuchen. Der hat eine Menge zum Abtasten in der Hose. Darf ich, Chef?“
Urs, wann kommst du? Lange halte ich das nicht mehr durch! Christoph hörte mehrere Autos näher kommen, aber keines hielt an. Da ließ er sich so nach vorn kippen, daß er Kofi, der vor ihm stand und sich voll Vorfreude auf seine Lieblingsbeschäftigung die Hände rieb, mit Wucht den Kopf in die Magengrube rammte. Christoph kam leicht seitlich auf - geschickt zu fallen hatte er beim Fußballspielen gelernt - und sah mit einem schnellen Blick, wie der Polizist nach hinten torkelte. Dabei stieß er einen Fluch aus, den Christoph zwar nicht verstand, der aber vom Tonfall her von der besonders ordinären Sorte sein mußte. Es donnerte, und unmittelbar darauf fielen die ersten dicken Tropfen.
„Wir lassen ihn hier einfach liegen und hauen ab“, sagte der Polizist, der nach Schweiß roch und bisher noch nichts gesagt hatte.
Kofi würgte, erbrach sich ächzend über Christophs Rücken und
knurrte: „Das wirst du mir büßen, du Dreckschwein! Deinen Paß kannst du meinethalben wiederhaben, aber dafür kassiere ich deine Knete.“
Christoph spürte, wie es ihm feuchtwarm den Rücken herunterrann und Kofi ihm die Brieftasche aus der Hose zog. Kurz darauf hörte er, wie der Motor angelassen wurde und der Polizeiwagen abfuhr. Es regnete mittlerweile schon heftig, und die Donnerschläge folgten dicht aufeinander.
Christoph tat einen erleichterten Atemzug, rappelte sich auf, hob den Paß auf und ging zum Straßenrand.
„Ihr werdet mich nicht daran hindern, Thomas wiederzufinden!“ brüllte er hinter ihnen her und ballte die Fäuste. Die Schreie schienen aus den Beinen aufzusteigen und seinen ganzen Körper zu überschwemmen, ehe sie aus ihm herausbrachen. „Ihr nicht, ihr stinkenden Ratten! Bildet euch das nur ja nicht ein!“ Sein Körper brannte innerlich vor Zorn, sein Fleisch schienen in Flammen zustehen.
Erst nach einer Weile kam er wieder zur Besinnung, drehte sich langsam um, kniff die Augen zusammen und schaute in die andere Richtung. Der Regen rann nun in Strömen an ihm herab.
Tatsächlich, dahinten tauchte Urs auf. Geschafft!


Kommentar von lillilu

Papperlapapp: rubbish, nonsense, fiddlesticks, bosh!

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Monika

Flüssig und fesselnd geschrieben. Lediglich ein paar Kleinigkeiten: An dem "Wildschwein" (Der Kerl am Steuer raste wie ein angeschossenes Wildschwein)bin ich hängen geblieben... wäre in Ghana nicht ein anderes Tier besser gewählt? Ich fühlte mich sofort in den heimischen Wald versetzt. Warum die Polizisten ihm seinen Pass wieder gegeben haben ist mir ein Rätsel... lediglich in der Erwartung, dass Christoph noch vor Ort "verreckt" würde mir das erklären. Und noch etwas... er steht mir zu schnell auf. Will er nicht für tot gehalten werden? Dann sollte er doch lieber noch einen Moment liegen bleiben als hinter dem Auto hinterher zu brüllen. Alles in Allem finde ich den Text spannend und er macht Lust auf mehr. Also weiter schreiben, Bitte! Gruß Monika

Eingetragen am: 06.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Franziska, da hast du dich ja ganz schön verausgabt. Ich habe deinen Text trotzdem zu Ende gelesen, während die schmale Sichel des Mondes zum Fenster herein schien. Ob es den Begriff "Papperlapapp" auf Englisch wohl gibt? Auch mit dem Wildschwein in Ghana bin ich mir nicht sicher; vielleicht solltest du lieber ein Warzenschwein daraus machen. Insgesamt ein guter Text, doch auf die Länge des Textes kommt der endgültige Wurtausbruch etwas kurz, wird in nur einem kurzen Absatz abgehandelt. Vorher hat Cristoph natürlich keine Zeit, seine in Ansätzen vorhandene Wut auszuleben, den er muss ja klar denken, um seine List zu entwickeln und umzusetzen. Und am Schluss ist fraglich, ob er tatsächlich noch in Wut ausbricht oder ob er sich nicht vielmehr freut, die Polizisten erfolgreich ausgetrickst zu haben. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 05.07.2008

Eingetragen am: 04.07.2008 von MaDe
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14079

„Vielleicht noch ein viertel Jahr…“ hatte der Arzt gesagt. Zwölf Wochen – 90 Tage. Drei Tage liegen bereits hinter ihr. Drei Tage, die sie wortlos und grübelnd zwischen Sofa und Bett verbracht hatte.
Jetzt sitzt Lena an ihrem Schreibtisch. Bleischwer liegt der Füller in ihrer Hand. Sie sucht nach den richtigen Worten. Dieser Brief soll ihr Vermächtnis an Tobias sein. Sie will ihm sagen, wie stolz sie auf ihn ist. Dass er der beste Sohn ist, den sich eine Mutter wünschen kann: dass…
Ihre Gedanken schweifen ab. Wie gerne hätte sie ihn noch weiter begleitet: Schulabschluss; Beruf. Er würde wahrscheinlich irgendwann heiraten, Kinder haben. Aber weder würde es eine stolze „Schwiegermutter Lena“ noch eine „Oma Lena“ geben.
Tränen kullern über Lenas Gesicht. Ihre Hände zittern. Erneut setzt sie zum Schreiben an. „Mein lieber Tobias…“ Die Tränen tropfen aufs Papier, lassen die Tinte zerlaufen zu .einem hässlichen, blauen Fleck.
„Verdammt!“ bricht es aus ihr heraus. „Ich will nicht sterben! Nicht jetzt schon!“ Ihre Schreie hallen durch das Haus. „Ich will leben!“ Mit einer wütenden Handbewegung wischt sie Füller und Papier vom Tisch. Dabei reißt sie auch die gläserne Stiftebox mit. Klirrend zerspringt sie in unzählige, kleine Scherben. Heißer Kaffee tropft ihr auf den Schoß. Erschrocken fährt sie zusammen. Stumm betrachtet sie das Chaos.
Michael steht plötzlich hinter hier. Tröstend legt er seine Arme um sie. „Es ist gut!“ Wie eine Furie springt sie auf. „Was ist gut? Nichts ist gut!“ schreit sie ihm ihre Verzweiflung ins Gesicht. „Und es wird auch nicht gut! Ich habe nämlich keine Zeit mehr!“ brüllt sie wütend. „In ein paar Wochen bin ich nicht mehr hier, verstehst Du? Weg, fort, tot! Tot, tot, tot!“ Ihre Fäuste schlagen wild gegen seine Brust. Immer und immer wieder. Er steht regungslos, lässt sie schreien, lässt sie schlagen. Nach ewig scheinenden Minuten ist ihre Kraft zu Ende. Sie lehnt sie sich erschöpft an seine Schulter. Ihr Körper bebt unter ihrem Schluchzen und ganz leise fragt sie: „Warum jetzt schon?“


Kommentar von Antigone

Hallo, MaDe, Du hast Lenas Wut und Verzweiflung glaubhaft dargestellt. Auch der letzte, leise Ton der Todgeweihten macht das Ganze sehr realistisch. Lenas Schicksal berührt und man wünscht ihr so sehr die Hoffnung, dass eine gute Wendung niemals ganz auszuschließen ist. LG Antigone

Eingetragen am: 01.08.2008

Kommentar von Elisabeth

Je mehr ich gelesen hatte, umso heftiger verspürte ich den Wunsch, dass alles wieder gut wird, dass vielleicht doch ein Wunder geschieht...so sehr hat mich dein Text angezogen. Liebe Grüße

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Benita

Hallo MaDe, eine traurige Geschichte. Sehr gefühlvoll geschrieben. Etwas Alltägliches, es passiert leider viel zu oft im Leben, aber es weckt die Neugier. Toll! L.G Benita

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo MaDe, eine schwierige Situation hast du dir ausgesucht und es war sicherlich nicht einfach, sich in die Protagonistin hinein zu versetzen. Wie reagiert ein Mensch in einer solchen Situation? Stoisch? Pragmatisch? Angsterfüllt? Wütend? Alles ist möglich. Du hast die letze Möglichkeit gewählt. Nach der geduldigen Reaktion von Michael scheint mir, dass er eingeweiht ist? Jedenfalls scheint er zu verstehen. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 05.07.2008

Kommentar von Monika

Ja, MaDe, da hast Du Dich sehr gut eingelebt in die Gefühlswelt am Rande des Abgrunds. Oder hast Du vielleicht selber am Kraterrand gestanden? Lass die Leser teilhaben an der Enge im Hals, dem Schmerz auf der Brust, der aufsteigenden Verzweiflung, dem Zorn nahe dem "Hass". Und dann der Zusammenbruch, pure Verzweiflung! Wer das nicht selbst durchlebt hat, wird starke Worte brauchen um Dir auf dieser Reise folgen zu können. Viel Erfolg!

Eingetragen am: 04.07.2008

Eingetragen am: 04.07.2008 von Sarah S.
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14074

Susanne flippt aus

Beklommen stand ich seitlich neben dem Rettungswagen, als die hinteren Türen sich schlossen. Die Rettungsassistenten hatten die Trage, auf der meine Mutter lag, hinein geschoben und ihre zügigen Bewegungen zeigten, das es schlimm um sie stand. Gern wäre ich mit ihr gefahren, doch Justin konnte ich nicht allein lassen. Und ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen, um ihn mitzunehmen? Ausgeschlossen. Also trat ich einen Schritt zurück, als die beiden Männer in den Wagen sprangen, das Blaulicht einschalteten und unser Grundstück verließen.
Ich sah ihnen nach. Fröstelnd zog ich die Schultern ein bisschen hoch. Der Wagen, in dessen Bauch meine Mutter gerade um ihr Leben kämpfte, verschwand um eine scharfe Rechtskurve. Genauer gesagt, das Blaulicht verschwand. Es musste gegen Mitternacht sein, denn ich konnte das Auto nur anhand seiner Lichter verfolgen. Ich stand und starrte in die Dunkelheit; mein Inneres musste seit langem ganze Fässer voller Tränen gebunkert haben, die jetzt alle auf einmal ausgeleert wurden. Meine Schultern vibrierten, ich hielt meine linke Hand vor die Augen und schluchzte.
Ich weiß nicht, wie lange ich so stand, als Justin vor meinem inneren Auge auftauchte und mein Bauchgefühl mir sagte, ich solle sofort nach meinem Jungen schauen.
Mit dem ganzen linken Arm wischte ich mir übers Gesicht und betrat durch die Haustür den Flur. Mir war klar, das die Kellertür noch immer offen stand. Der Lichtschein der 100-Watt-Glühbirne fiel scharf durch den winzigen Türspalt. Aber nicht mal mehr in die Nähe der Kellertür würde ich heute noch gehen. Sollte dieses verdammte Licht doch brennen...
Auf einmal rauschte die Toilettenspülung in der Wohnung meiner Eltern. Mein Vater trat ebenfalls auf den Flur. „...was i´sn das für´n Krach hier, was machst du um diese Zeit hier draußen?“ knurrte er mich an. Seine Alkoholfahne erzeugte sofort einen Würgereiz, den ich niederkämpfte.
„Der Krankenwagen ist eben weg mit Sabine. Das ist passiert.“ Ich zitterte am ganzen Leib. Da draußen noch immer fast 20° C war konnte nicht Kälte die Ursache sein, spielte sich sofort mein Kopf in den Vordergrund. Mein Bauch warnte mich, um Gottes Willen den Mund zu halten.
„Krankenwagen?“ Er zog die rechte Augenbraue hoch.
„Weil sie blutüberströmt auf der Kellertreppe lag und keinen Mucks mehr getan hat...“ Ich sah ihm genau ins Gesicht, begierig darauf, jedes Muskelzucken, jedes noch so kleine verräterische Grinsen einzufangen, das ich auf seinem Gesicht erhaschen würde.
Er sackte mit dem Oberkörper ein wenig zusammen. „Wir haben doch nur geredet, gestritten, wie immer. Sie hat rumgezetert und dann...“ Er legte die Stirn in Falten.
„Hast du sie mal eben die Kellertreppe runter geschoben, damit sie endlich Ruhe gibt...“ Ich hielt mir erschrocken den Mund zu, als mich der durchdringende Blick meines Vaters traf. So etwas ähnliches hatte ich zwar schon oft gedacht, aber nie laut ausgesprochen. Noch dazu bei seinem momentanen Alkoholpegel. Je höher dieser war, dessen unberechenbarer seine Reaktionen. Gewaltige Reaktionen. Und ich war allein hier. Wer sollte sich um Justin kümmern, wenn er mich auch...?
Mein Vater kniff die Augen fast zu Schlitzen zusammen und trat einen Schritt auf mich zu. „Du denkst doch nicht etwa...?“
Mein erster Impuls war, einen Schritt zurück zu machen, doch ich schien plötzlich Wurzeln an dieser Stelle geschlagen zu haben. Dicke feste Wurzeln, die mich erdeten und mir Halt gaben.
„Doch, ich denke. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach, was ich hier sehe und erlebe...“ Meine Stimme war fest, aber in gemäßigter Lautstärke. Nur wer im Unrecht ist schreit, hätte meine Oma Hildegard an dieser Stelle gesagt.
„Wir haben gestritten. Dann, als es mir zuviel wurde habe ich den Fernseher ausgemacht und bin ins Bad. Sabine war in der Küche. Als ich aus dem Bad kam war sie nicht mehr da, es war ruhig. Keine Vorwürfe, kein Geschrei. Die Flurtür stand offen, aber ich hab doch nicht drauf geachtet, sondern war froh. Wollte nur in mein Bett.“ Er schien mir ehrlich nachdenklich.
Einen halben Meter entfernt von meiner Mutter hatte auf dem Kellerboden ein leerer großer Topf gelegen. Da es morgen Bratkartoffeln geben sollte wollte sie vielleicht die Kartoffeln aus dem Keller holen, als es passierte. „Und als du Mutter so gesehen hast, wie sie die Kellertür öffnete schien dir die Gelegenheit günstig... Du Schwein, du elendes mieses Schwein...“ schrie ich und rannte auf ihn zu. Dann trommelte ich mit beiden Armen wie verrückt auf seine Brust ein.
Er war so überrascht, das ihn einige meiner ungezielten Schläge am Kopf trafen, bevor er mit seinen starken Armen mein Trommelfeuer beendete. Eine kleine Ewigkeit standen wir so dicht beieinander, im Geiste sah ich ihn, wie er den großen Holzschlitten durch den hohen Schnee zog, auf dem Anne und ich saßen und vor Vergnügen johlten, vor vielen vielen Jahren. Warum ausgerechnet jetzt dieses verdammte Bild?
„Es muss ein Unfall gewesen sein, so glaub mir doch, Mädchen.“ Er ließ meine Hände ganz langsam los, in Lauerstellung, dieselben sofort wieder zur Ruhe zu zwingen.
Und wenn er nun die Wahrheit sprach? Ich erschrak. Mein Kinn sank auf die Brust und ich drehte mich in Zeitlupe von ihm weg und lief zu meiner Wohnzimmertür, die ich wortlos und sehr leise hinter mir ins Schloss zog.


Kommentar von Elisabeth

Ein tragisches Thema! Gefühlvoll geschrieben, man kann sich in die Personen gut hineindenken. Viel Glück!

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Frog

Gespenstisch, tragisch, traurig. Mir gefällt, was Susanne im Geiste alles so sieht, was für Vergleiche und Erinnerungen ihr in den Sinn kommen. Das ist gut gemacht...Misstrauen, Ambivalenz und Angst kann ich als Leserin gut nachvollziehen.

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Numungo

Schnell sind Menschen zu unrecht verurteilt und dennoch zieht man aus dem, was man sieht, seine Schlüsse. Was ist, wenn es doch so ist, wie man denkt? Wenn man die richtigen Schlüsse gezogen hat? Dann macht man sich Vorwürfe: war es richtig, weggesehen zu haben? Bin ich schuld, weil ich nichts unternommen habe? Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 05.07.2008

Eingetragen am: 04.07.2008 von verena dahms
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14068

Isabells Magen krampfte sich zusammen. Sie sollte also NICHTS erhalten, ihr Bruder aber ALLES!

Wie immer! Immer war es schon so. Hasserfüllt starrte sie ihn von der Seite an. Wie er so da sass, mit seinem selbst zufriedenen Lächeln auf dem schon etwas aufgedunsenen Gesicht. Die Hände hatte er über seinem gut sichtbaren Bauchansatz verschränkt. So sah also ein Abkömmling einer gut bürgerlichen und konservativen Familie aus?

Schon als Kind neigte er zur Korpulenz. Er wurde ja von der Mutter für alles und jedes mit Süssigkeiten belohnt. Sie aber, wurde für das kleinste Vergehen bestraft. Kam sie einmal zu spät nach Hause, hagelte es Strafpredigten. Wie of musste sie für seine Schandtaten gerade stehen.

Sie fühlte eine ohnmächtige Wut in sich aufsteigen. Sie hätte ihn in diesem Moment umbringen können.


Kommentar von Angela Barotti

Was kann der arme Bruder dafür, dass er der Liebling der Eltern war? Auf diese hätte sich die Wut beziehen müssen, denn sie waren es, die Ungerechtigkeit zwischen den Geschwistern gesät haben.

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Miyu

Hallo Verena, ich kann mich Frog nur anschließen: Eigentlich müsste es nach der kurzen Aufklärung, weswegen deine Protagonistin so wütend ist weiter gehen. Wie äußert sich ihre Wut? Sie wird ihren Bruder wohl nicht wirklich umbringen? :) Das ist auch mein einziger Kritikpunkt daran. Der kurze Anriss der Geschichte an sich, die Ahnung, worum es geht und die Erwartung, was wohl daraus werden wird, sind gut gewählt und deine Art zu Schreiben gefällt mir. Liebe Grüße, Miyu

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Frog

Das ist aber wirklich sehr kurz für so eine schlimme Ungerechtigkeit. Kannst Du nicht noch mehr in die Tiefe gehen, mehr in dieses ohnmächtige Wutgefühl, das die permanente Benachteiligung verursacht hat? Der Wunsch, ihn umbringen zu können, reicht mir persönlich nicht aus. An der Stelle müsste es noch weiter gehen. LG Frog

Eingetragen am: 06.07.2008

Eingetragen am: 04.07.2008 von swenja
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14053

Zum Verständnis: Alrikes Vater musste seinem Lehnsherren drei Bauernburschen stellen, die zu Kriegsknechten und Fußsoldaten ausgebildet werden sollen. Alrike hat sich als einer dieser drei ausgegeben und heißt jetzt Alrich.
Und eine Bruoch ist eine Unterhose zum Wickeln.


Als die Sonne untergegangen war, wandte sich Hannes von der Schießscharte ab und lief zur Treppe. Sofort folgten ihm die anderen, drängelten sich vor, schubsten die schwächeren zur Seite. Unten angekommen rannten sie zu ihrem Verschlag, als ob der zuletzt ankommende draußen bleiben müsste. Alrike folgte ihnen, verwundert über dieses seltsame Verhalten.
Als sie die Hütte betrat, verstand sie sofort. Es ging darum, einen möglichst guten Schlafplatz zu erobern. Die besten waren eindeutig dort, wo die Hütte an die Steinmauer angelehnt war. Hannes, Oswin und Piet mussten um diese Plätze nicht kämpfen, sie standen ihnen zu.
Die nächstbesten Schlafplätze waren die zentral im Raum gelegenen, während es in der Nähe der Bretterwände erbärmlich zog und bei schlechtem Wetter womöglich auch hereinregnete.
Es wurde geschubst, gedrängelt, geprügelt, die Decke des Gegners, der einen Platz erobert zu haben glaubte, aufgehoben und gegen die Wand geschleudert. Das Ganze begleitet von Gebrüll, Flüchen, Anfeuerungsrufen und Schmerzenslauten.
Anno, Widigo und Alrike verständigten sich mit einem stummen Blick. Sie wollten zusammenbleiben und versuchen, sich einen Platz im Inneren zu erobern.
Aber wie auf Kommando hörten alle anderen Kämpfe auf, geschlossen wandte sich die Gruppe gegen die drei Neuen.
„Ihr Hosenscheißer, was glaubt ihr, wer ihr seid?“
„An die Wand mit den Neuen!“
„Was bilden die sich eigentlich ein?“
Alrike wusste, dass sie gegen die Übermacht keine Chance hatte, aber es war ehrlos, nicht zu kämpfen. Mit geballten Fäusten wollte sie sich auf die Gruppe stürzen, aber Anno und Widigo hielten sie fest.
„Das hat doch keinen Sinn, Alrich.“
„Sind wir vielleicht Mädchen, dass wir uns vor ein bisschen Wind fürchten?“
Alrike tat so, als ließe sie sich wiederwillig überzeugen. In Wirklichkeit war sie ganz froh, dass sie sich nicht schlagen musste. Und da sie sich kampfbereit gezeigt hatte, war auch der Ehre Genüge getan.
Endlich waren alle Plätze verteilt und die Jungen häuften das Stroh zu gemütlichen Lagern auf. Alrike, der es gelungen war, sich eine fast saubere Wolldecke mit nur wenigen Löchern zu sichern, machte es ihnen nach.
„Und wehe, ich werde heute Nacht durch Flennerei geweckt“,
drohte Hannes in Richtung der drei Neuen. „Ich warn euch lieber vorher. Wer hier nach seiner Mama schreit, den schlag ich zusammen, dass er nen Grund hat, zu schreien.“
„Das kannst du ja mal versuchen“, gab Alrike würdevoll zurück, erntete aber nur verächtliches Schnauben.
„Wie kommst du überhaupt darauf?“, fragte Widigo schlau. „Du hast wohl selber Heimweh?“
„Dir werd’ ich gleich...“ Hannes erhob sich halb, entschied sich dann aber anders und ließ sich träge auf sein Lager zurückfallen.
„Heimweh... wie lächerlich... Mein werter Herr Vater hat jeder hergelaufenen Magd ein Kind gemacht. Bei uns war’s so eng, im Sommer hab ich draußen beim Hofhund geschlafen!“
Piet, der gerade sein Untergewand abgestreift hatte und jetzt den Bruochgürtel löste, lachte auf.
„Dein Vater ist dumm. Meiner hat es mit den Schafen getrieben. Da kann nichts bei rauskommen, hat er gesagt.“
Alrikes Gesicht glühte vor Scham. Nicht nur wegen des Gesprächsthemas sondern vor allem deshalb, weil sie sich vor den Jungen nicht ausziehen konnte. Wieso hatte sie nicht früher daran gedacht, dass sie in diese Situation kommen
würde?!
Einer der Jungen, dessen Namen sie sich nicht gemerkt hatte, stupste seinen Nachbarn an.
„Kuck mal, Alrich geniert sich.“
„Das Rittersöhnchen wartet auf seinen Diener, dass er ihm beim Auskleiden hilft“, spottete der andere.
„Armer Alrich“, höhnte Hannes, „er ist so hilflos wie ein kleines Mädchen.“
Mädchen. Alrikes Angst vor Entlarvung verwandelte sich in
blindwütige Raserei. Ohne Nachzudenken sprang sie über die sitzenden und liegenden Jungen hinweg und stürzte sich auf Hannes. Sie drosch auf ihn ein, fühlte seine Schläge nicht, verspürte keine Schmerzen. Sie wusste hinterher nicht, wie lange es gedauert hatte, bis sie wieder zur Vernunft kam. Sie lag auf dem Rücken, Hannes saß auf ihren Oberschenkeln, zwei weitere Jungen drückten jeweils einen ihrer Arme auf den Boden.
Nun spürte sie auch Schmerz, aber er hielt sich in Grenzen. Was sie wirklich erstaunte, war die Tatsache, dass Hannes sie angrinste. „Ich nehm’ alles zurück“, sagte er. „So schlägt kein Mädchen.“
Er stand auf und wie auf Kommando ließen auch die beiden anderen Alrike los. Sie stand auf und klopfte verlegen das Stroh aus ihren Kleidern.
„He du, rutsch mal ein Stück“, wies Hannes einen der Jungen an. „Alrich, hol deine Decke. Einer wie du braucht nicht bei der Tür zu schlafen.“
Aus Angst, etwas falsches zu sagen, holte Alrike einfach schweigend ihre Decke. Jungen waren seltsame Wesen. Man brauchte sie nur zu verprügeln und schon respektierten sie einen. Aber wenn sie sich nun auszog, wäre es mit dem Respekt gleich wieder vorbei.
Aber da fiel ihr ein Stein vom Herzen: Oswin wickelte sich im Untergewand in die Decke. Es schliefen also nicht alle nackt, sie würde nicht auffallen, wenn sie es genauso hielt!
Mit zitternden Fingern knotete sie den Gürtel auf und zog sich bis auf das Untergewand aus. Sie spürte ihr Herz schneller schlagen. Nur dieser dünne Fetzen Stoff bewahrte sie vor der größten denkbaren Schande. Rasch schlüpfte sie unter die Decke und wartete darauf, dass ihr Herz sich beruhigte.
Sie hatte es geschafft. Sie war auf der Burg Tangermünde, sie hatte mit den Jungen mithalten können und sich sogar Respekt verschafft. Wie viel sie an diesem einen Tag schon gelernt hatte! Was wohl der nächste Tag bringen würde? Alrike war sich sicher, vor Aufregung nicht einschlafen zu können, aber sie täuschte sich. Die Anstrengungen des Tages forderten ihren Tribut, sie schlief die ganze Nacht durch. Nicht einmal die Wanzen konnten sie wecken. Statt dessen träumte sie, sie säße mit ihrer Mutter beim Nähen und würde sich ständig mit der Nadel stechen. Sie vergaß den Traum noch während sie schlief.


Kommentar von Elisabeth

Hallo Swenja, also dein Text gefällt mir wirklich sehr! Und die "blindwütige Raserei" spricht Bilder, die Kinder leben richtig in deinem Text, toll geschrieben!

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Erst 11 Jahre? Das verwirrt mich ein wenig. Ich dachte, hier werden eventuell einige Jahre übersprungen und sie würde kurz vor der Vermählung stehen, der sie sich auf diese Weise entziehen wollte. Hat man denn im Mittelalter Kinder als Kriegsknechte und Fußsoldaten ausgebildet? Schreckliche Vorstellung.

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von swenja

Hallo Angela, ich glaube Du warst es, die Alrike bei der vorletzten Übung völlig zutreffend als Zehnjährige erkannt hat. Seither sind nur ein paar Monate vergangen, Alrike wird demnächst elf.

Eingetragen am: 09.07.2008

Kommentar von marc

Einfach köstlich, deine klare und fein humorvolle Schreibweise. Treffend: Jungen waren seltsame Wesen. Man brauchte sie nur zu verprügeln und schon respektierten sie einen. „Waren“ könntest du getrost durch „sind“ ersetzen. Wieso hatte sie nicht früher daran gedacht, dass sie in diese Situation kommen würde?! – ist eindeutig eine Frage, kein Ausruf. Die ISBN-Nummer würde ich zu gern erfahren ;-)

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Hallo Swenja! Deine Geschichte gefällt mir weiterhin sehr gut. Hier sucht sich die Angst vor der Entdeckung ein Ventil als Wut. Während Alrike das eine Gefühl unterdrücken muss, kann sie das andere ungehindert rauslassen./Noch immer grübele ich darüber nach, wie alt deine Prota sein könnte. Pubertät? Oder schon älter?

Eingetragen am: 07.07.2008

Eingetragen am: 03.07.2008 von Josephine
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14022

Die Bierbüchsen standen immer noch unbeschädigt auf dem Holzbrett. Ich versuch ´s noch mal, rief Fränki und spannte die Pistole. Du musst ganz ruhig zielen, sagte Jörn hinter ihm, und ein bisschen in die Knie gehen, damit du einen festen Stand hast. Ärgerlich ließ Fränki die Pistole sinken. Dann versuch du´s doch mal, Klugscheißer! Vorsicht, schieß dir bloß nicht in den Fuß, lästerte Atze und ließ sein meckerndes Lachen hören. Jörn nahm den Colt entgegen, und stellte sich mit hochgehaltenem Lauf in Position. Dann senkte er die Arme und zielte. Peng!, schrie Fränki. Sehr witzig! Jörn wackelte ein wenig mit dem Hinterteil, korrigierte noch einmal seine Position und schoss. Die linke Dose wurde in die Luft geschleudert und landete scheppernd auf dem Kies. Fünf Jahre Schützenverein, grinste Jörn zufrieden und reichte die Waffe an Atze weiter. Atze feuerte die Kugel noch einmal ins Nirgendwo und ließ die Pistole fluchend sinken. Ich bin dran, beeilte sich Fränki zu sagen und stellte sich in Position. So?, fragte er mit einem Seitenblick auf Jörn und wackelte ausgiebig mit dem Hintern. Wieder war das meckernde Lachen von Atze zu hören. Die Knie ein bisschen mehr beugen, kommandierte Jörn. Und die Arme nicht durchdrücken, sondern leicht angewinkelt lassen. Dann kannst du den Rückstoß besser abfangen. Fränki gehorchte, kniff ein Auge zusammen und zielte, als sich plötzlich etwas neben dem Sandhaufen bewegte. Was haben wir denn da?, murmelte Fränki und schwenkte den Lauf auf ein neues Ziel. Eine Katze, bunt gescheckt, ein kleines, graues Bündel im Maul, das wie eine Maus aussah, die grünen Augen panisch aufgerissen. Einen Sekundenbruchteil verharrte die Katze und ließ ein tiefes Grollen hören. Bevor sie losspurten konnte, krachte der Schuss. Die Katze überschlug sich und lag still. Fränki senkte die Pistole. Eine Weile sagte niemand etwas. Sie standen einfach nur da. Fränki starrte mit ungläubig geöffnetem Mund auf das schmutzigbraune Bündel. An seiner rechten Hand hing die Pistole wie ein Fremdkörper. Sie löste sich langsam, rutschte aus Fränkis Hand und landete scheppernd im Sand. Bist du bescheuert, oder was? Atze löste sich aus der Erstarrung und hob die Pistole auf. Scheiße, ich… ich hab sie echt getroffen. Ich dachte nicht… nicht… stotterte Fränki. Seine Stimme zitterte, überschlug sich und erstarb. Du hast sie echt nicht mehr alle! sagte Jörn und spuckte aus. Dann spazierte er zu der toten Katze und kniete nieder. Guck dir an, was du angerichtet hast!, schrie er, richtete sich wieder auf und deutete anklagend nach unten. Los, komm her!
Bleib hier, zischte Fritzi und versuchte Heino am Zipfel seines T-Shirts festzuhalten, doch er entwand sich seinem Griff, kroch ins Freie und stürzte mit gesenktem Kopf auf Fränki los, wobei ein Heulen aus seiner Kehle kam, dass an ein Wolfsrudel erinnerte. Ehe Fränki begriff, was da auf ihn zukam, wurde er von den Füßen gerissen und landete unsanft im Staub. Heino war sofort über ihm, setzte sich rittlings auf seine Seite und traktierte ihn mit Schlägen. Fränki riss die Arme hoch, um sein Gesicht zu schützen, und obwohl Heino ihm normalerweise nicht gewachsen gewesen wäre, sorgten Überraschungseffekt und Schock dafür, dass er sich nicht wehrte. Fluchend kroch nun auch Fritzi unter dem Bauwagen hervor und zog Heino gemeinsam mit Atze von Fränki herunter. Der blieb wimmernd liegen und machte keine Anstalten, aufzustehen. Was suchst du denn hier, herrschte Atze seinen Bruder an. Ich hab´ es langsam wirklich satt, dass du ständig hinter mir her spionierst! Doch Heino hörte gar nicht zu. Katzenmörder!, schrie er, und wollte sich wieder auf Fränki stürzen. Doch Atze packte ihn und drehte ihm die Arme auf den Rücken. Fränki rappelte sich auf und befühlte seine Wange, auf der ein blutiger Kratzer prangte. Katzenmörder, kreischte Heino noch einmal, während er sich wand wie ein Aal, dem harten Griff seines Bruders aber nicht entkommen konnte. Fränki taumelte zu der Stelle, an der die Katze lag, starrte ein paar Sekunden auf den Kadaver, bevor er sich abwandte, zu seinem Mofa rannte, den Motor anließ und davonraste. Er hinterließ eine Staubwolke. Sie schwebte noch eine Weile in der Luft, bevor sich die grauen Partikel auf Atze, Jörn, Heino und die anderen senkten. Endlich ließ Atze seinen Bruder los. Mit einem letzten wütenden Schrei, schleuderte Heino einen dicken Stein hinter dem Flüchtenden her. Dann stapfte er zu der toten Katze und ließ sich auf die Knie fallen...


Kommentar von Frog

Meinte natürlich ZEH-Fan...:-)

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Frog

Klasse Beitrag... hast mich mitgerissen... Ich mag Deine Helden und schließe mich ansonsten Zehn-Fan Sylvia an.

Eingetragen am: 13.07.2008

Kommentar von Josephine

Vielen Dank für Eure konstruktive Kritik! Da ich noch nie eine Pistole in der Hand gehalten habe, waren einige wertvolle Hinweise dabei... Übrigens frage ich mich jetzt natürlich, wie es sich anhört, wenn eine Pistole in den Sand fällt. Ist es wohl eher ein dumpfes Geräusch? Auch die Hinweise zum Satzbau (plötzlich guckt die vermeintliche Maus, und nicht wie beabsichtigt die Katze...)haben mir sehr geholfen! => Die Maus entpuppt sich übrigens später als gerade geborenes Katzenbaby, daher der panische Blick der Katze, die eigentlich nur im Sinn hat, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Schließlich sind vorher schon einige Schüsse gefallen, bei denen eine Katze normalerweise längst das Weite gesucht hätte. Ging aber nicht, so mitten in der Geburt... Fledermaus: Das mit dem Ausprobieren geht aus o.g. Gründen leider nicht ;-) Nochmal vielen Dank! Josephine

Eingetragen am: 08.07.2008

Kommentar von Sylvia

Hallo Josephine! Wirklich ein toller Beitrag! Die arme Katze! Tja, manchmal können Jungenstreiche so ausgehen. Und dann zeigt sich, wer eiskalt ist und wer Gefühle hat. Übrigens @all wegen der Anführungszeichen. Es gibt Länder, in denen die gar nicht mehr gesetzt werden. Auch in Deutschland gilt dichterische Freiheit. Man denke an Juli Zeh. Sie verwendet in einem Roman beides. Meistens kennzeichnet sie die wörtliche Rede nicht, dann wieder doch. Und ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. LG Sylvia (14153)

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Velarani

Hallo Josephine, schöner Beitrag! Du hast mich echt an einer "moralischen Überzeugung" gepackt: so etwas darf man nicht tun! Den Zorn kann ich absolut nachvollziehen, und er hätte sogar noch stärker sein dürfen, das Wolfsheulen fand ich jedenfalls schon mal super. Gut gemacht! LG Velarani

Eingetragen am: 04.07.2008

Kommentar von Numungo

Der Katzenmörder hat die Schläge verdient. Immer wieder gelangen Kinder an Waffen, die auch die Erwachsenen nicht brauchen. Ob die "panisch weit aufgerissenen Augen" der Maus auf die Entfernung zu erkennen waren, ist zweifelhaft. Eine Maus mit grünen Augen habe ich noch nie gesehen. Ansonsten (bis auf die im Sand scheppernde Pistole und die farbwechselnde Katze) ist die Geschichte nachvollziehbar. Vielleicht sollte die Katze schmutzig rot sein? Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 04.07.2008

Kommentar von Fledermaus

Hallo Josephine, deine Geschichte gefällt mir sehr! Man kann die Jungs schön ‚sehen’, und es passt alles gut zusammen. Ein paar Anmerkungen: Warum verwendest Du keine Anführungszeichen, und wieso wird Frankie mit ä geschrieben? Dass die Katze panisch guckt, kann ich mir schlecht vorstellen – sie weiß ja nicht, dass das eine Waffe ist. Ich habe mir auch überlegt, womit die Jungs da schießen, welches Kaliber? Denn dass die stehende Katze sich überschlägt verwirrt mich. Je nach dem, was für Munition da verwendet wird, würde sie, denke ich, einfach zusammenklappen, oder platzen. Da die Jungs kein Luftgeweht haben, denke ich an Klein- oder Großkaliber, was eher für platzen spräche…denke ich. Kannst Du es mit einem Apfel oder so ausprobieren? Das Wort ‚spazieren’ finde ich hier nicht passend, wenn er betroffen ist, und dass der plötzlich auftauchende Heino wie ein Wolfsrudel heult, wirkt etwas grotesk, vielleicht findest du da ein besseres Bild? „Fränki riss die Arme hoch, um sein Gesicht zu schützen, und obwohl Heino ihm normalerweise nicht gewachsen gewesen wäre, sorgten Überraschungseffekt und Schock dafür, dass er sich nicht wehrte.“ Heino wehrte sich nicht? Da stimmt der Satzbau nicht ganz. Bleib dran! Liebe Grüße, Fledermaus

Eingetragen am: 04.07.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Josephine, deine Geschichte hat mir gut gefallen, ich bekam richtig Wut. Kleine Kritik: Es wäre besser, wenn du die Dialoge kennzeichnen würdest. - Die Katze war doch vorher bunt gescheckt, dann ein schmutzigbraunes Bündel? Und wenn eine Pistole in den Sand fällt hört man kein Scheppern. Diese Kritik ist nicht böse gemeint, sie soll nur aufmerksam machen. Mir passieren solche Fehler immer wieder. Also nicht ärgen. Liebe Grüße Jutta

Eingetragen am: 04.07.2008

Eingetragen am: 03.07.2008 von Katrin
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14019

„Das darf sie nicht. Sie gehört mir, mir allein. Was denkt sie sich eigentlich?“
Unruhig ging er auf und ab, ihr Foto in der Hand.
„Wie kann sie mir das antun. Dafür wird sie büßen. Ich habe sie befreit, ich habe ihr alles gegeben. Und sie hält mich zum Narren. Mich hält niemand ungestraft zum Narren.“
Vor Wut ballte er seine Hände zu Fäusten.
„Sie wird lernen mich zu lieben. Sicher wird sie das. Sie muss, einen anderen Weg gibt es nicht, ich will ihr nicht weh tun müssen.“
Er schlug mit geballter Faust gegen den Türstock. Dass er sich dabei seine Handknöchel aufschürfte bemerkte er kaum.
„Sie wird mich lieben, sie gehört zu mir. Sie ist mein, das muss sie doch verstehen.“
Er legte ihr Foto auf den Tisch und strich beinahe zärtlich über ihr Gesicht.
„Du liebst mich, das weiß ich. Du kannst es dir nur noch nicht eingestehen.“

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Gwen lief die Treppe hinauf. Es war ein wunderschöner Abend mit Paul gewesen. Er hatte sie so weit ablenken können, dass sie den ersten entspannten Tag seit Leo´s Tod verbracht hatte. Gerade als sie die letzte Treppe geschafft hatte, bemerkte sie Alec der am Treppengeländer vor ihrer Wohnungstür lehnte.
„Alec, was machst du denn hier draußen? Wartest du auf mich? Waren wir verabredet?“
Sie fasste ihn am Arm.
„Geht es dir gut?“
Er verzog keine Miene.
„Gwen, wir müssen reden. Bei mir.“
Er packte sie am Arm und zog sie mit in seine Wohnung. Die Tür war nur angelehnt. Sie musste aufpassen, dass sie mit seinem Tempo mithalten konnte. Um ein Haar wäre sie gestürzt.
"Was ist denn los, Alec? Geht es dir gut?"
„Du entehrst Leo´s Andenken.“ spie er aus.
„Alec, jetzt beruhige dich, wovon redest du?“
Er ging auf und ab. Drängte sie dabei immer weiter in sein Wohnzimmer.
„Ich soll mich beruhigen? Erinnere du dich erst einmal wie du dich als trauernde Freundin zu verhalten hast!“
Gwen drehte sich von ihm weg. Das konnte nicht sein Ernst sein, dass er ihr jetzt Vorwürfe machte. Er hatte doch schließlich immer gewollt, dass sie wieder am Leben teilnahm.
„Leo ist noch nicht ganz kalt und du wirfst dich schon dem nächstbesten Mann an den Hals. Gwen, wirklich, das hätte ich nicht von dir gedacht.“
„Was? Hör auf so zu reden, das ist ja lächerlich!“
„Lächerlich? Allerdings! Du bist diesem Kerl nach gelaufen wie ein verliebter Teenager! Und angezogen bist du wie eine Schlampe!“
„Hör auf, du weißt ja nicht was du sagst, ich gehe jetzt, das muss ich mir nicht anhören.“
Sie ging auf die Wohnungstüre zu, doch er stellte sich ihr in den Weg.
„Sieh dich doch an!“ Er deutete auf ihre Beine. „Kurzer Rock, keine Strumpfhose, das sagt doch alles. Das lädt einen Mann doch geradezu ein. Hat er dich heute Abend schon vögeln dürfen?“
Das war zu viel, so würde sie nicht mit sich reden lassen. Sie holte aus um ihm eine Ohrfeige zu verpassen, doch er fing ihre Hand ab und hielt sie eisern fest.
„Das lässt du mal schön bleiben.“ Jetzt roch sie seine Alkoholfahne.
„Alec, du bist ja betrunken, du weißt ja nicht was du sagst.“ Sie versuchte sich aus seinem Griff zu befreien, was nur zur Folge hatte, dass er sie noch fester hielt. „Lass mich los! Ich gehe jetzt, ich werde das Gesagte vergessen und nicht weiter darüber nachdenken. Wir reden wenn du wieder nüchtern bist.“
„Du gehst nirgendwo hin.“
Jetzt bekam sie es mit der Angst zu tun. Er würde ihr nichts tun, dessen war sie sich sicher, aber trotzdem fühlte sie sich unwohl.
„Alec, lass uns bitte morgen reden. In Ordnung?“
Er ließ ihre Hand los, sie hastete zur Tür, hatte den Türgriff schon in der Hand.
„Bist du schon über Leo hinweg?“
Sie drehte sich noch einmal zu ihm um. Er stand immer noch im Wohnzimmer.
„Was?“
„Was ist an der Frage nicht zu verstehen? Bist du schon über Leo hinweg.“
„Ich... nein, ich..... ich denke nicht. Ich lerne damit zu leben, dass er nicht mehr da ist, ja, aber ich trauere noch um ihn. Natürlich. Da kannst du dir sicher sein. Ich weiß, dass es auch für dich nicht einfach ist. Du warst sein bester Freund und du bist ein guter Freund für mich geworden.“
„Ja, ein guter Freund, das bin ich für dich.“
„Natürlich. Was ist denn los mit dir?“
Er schlenderte zu ihr hin.
„Nichts. Was soll los sein? Ich finde es nur nicht gut, dass du schon wieder mit jemandem ausgehst. Ich meine, du sagst selbst, du trauerst noch, wie kannst du dann so offensichtlich einem Mann hinterher laufen.“
„Jetzt hör auf, Alec. Ich bin ihm nicht hinterher gelaufen und das weißt du. Er hat mich gefragt, ob wir einen Cocktail trinken gehen und ich habe ja gesagt. Da ist doch nichts Verwerfliches daran. Und wenn da doch mehr wäre, dann wäre das meine Entscheidung.“
Damit drehte sie sich um und öffnete die Tür. Sie hatte die Tür noch nicht halb offen, da stieß Alec die Tür wieder zu und zwang sie sich zu ihm um zudrehen.
„Alec! Was zum...“ Doch er schnitt ihr das Wort ab.
„Wirst du dich ab jetzt benehmen, wie es sich für eine trauernde Freundin gehört? Oder wirst du dich weiterhin mit ihm treffen?“
Er stützte sich mit einer Hand neben ihrem Kopf an der Tür ab. Hinter sich spürte sie den kalten Griff der Tür im Rücken. Es waren jetzt keine zehn Zentimeter mehr zwischen ihnen.
„Alec, ich weiß es nicht. Wenn er mich noch einmal einlädt, werde ich sicher nicht nein sagen. Es tut mir gut mit ihm zusammen zu sein, ich vergesse alles, wenn ich bei ihm bin. Verstehst du? Jetzt lass mich gehen und schlaf deinen Rausch aus. Wir sehn uns morgen.“
Sie sah ihm geradewegs in die Augen.
Plötzlich schlug er mit der flachen Hand gegen die Tür. Gwen zuckte erschrocken zusammen und versuchte in seinem Gesicht zu lesen, was er vor hatte. Doch er lächelte nur und ließ seine Hand an der Tür hinab gleiten, strich dann ohne Vorwarnung eng an ihrer Hüfte entlang zum Türgriff und öffnete die Tür ein Stück weit.
„Natürlich, wir sehn uns morgen.“
Unvermittelt trat er einen Schritt zurück, machte eine Bewegung die wohl so etwas wie eine Verbeugung darstellen sollte, drehte sich um und ging wieder ins Wohnzimmer.
Gwen schaute ihm ungläubig nach. Dann öffnete sie mit zitternden Händen die Tür und trat hinaus ins Treppenhaus.


Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Katrin, dein Beitrag hat mich sehr neugierig gemacht. Sehr spannend geschrieben. Was wird er als nächstes tun? Ist er ein Irrer? Wird er ihr Gewalt antun? Bin sehr gespannt, wie es weitergeht. Liebe Grüße Jutta

Eingetragen am: 04.07.2008

Kommentar von Numungo

Sie geht die Treppe hinauf zu IHRER Wohnung und er zieht sie am Arm - flupp, schon landet sie in SEINER Wohnung, da hast du wohl etwas durcheinander gebracht. Ich nehme an, dass es im ersten Abschnitt auch um Alec geht? Da Alec offensichtlich betrunken ist, wird er seine Besitzansprüche wahrscheinlich deutlicher herauskehren, als er es in den folgenden Abschnitten tut. Am Ende des ersten Abschnitts geht der Umschwung von Wut zu "fast" Zärtlichkeit etwas schnell. Vielleicht solltest du hier die Gefühle und Gedanken noch etwas ausführlicher beschreiben. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 04.07.2008

Eingetragen am: 03.07.2008 von Mata
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14021

Er betrat die Dorfschenke just in dem Moment, als der Himmel seine Schleusen öffnete. Ein ohrenbetäubender Donnerschlag liess Kilian zusammenzucken. Die Türklinke, die er noch in der Hand hielt, vibrierte heftig.
Die Gäste drehten sich neugierig um, doch als sie sahen, um wen es sich handelte, widmeten sie sich wieder ihrem Bier oder dem Kartenspiel.

Kilian setzte sich ans Fenster, schaute hinaus auf den Dorfplatz, der unter der grauen Regenmasse zu versinken drohte und bestellte sich einen Schnaps. Sein Daumen pochte schmerzhaft unter dem engen Verband, und er stürzte den Gebrannten in einem Zug hinunter.

„Ha-hat der Scht-scht-otter-Kili ein böses A-a-aua gemacht?“
Josef Bissegger lachte schallend und zwinkerte seinen Saufkumpanen beifallheischend zu. Sein Gesicht war stark gerötet und das spärliche, sorgfältig über seine Halbglatze gekämmte Haar, glänzte ölig.
„Lass gut sein, Sepp. Wir wollen keinen Streit, gell“, sagte die Serviertochter, als sie ihm einen weiteren Humpen Bier hinstellte.
„A-a-ber e-es int-r-r-essiert mich e-e-ben!“, grölte Josef und schlug sich vor Freude auf die Schenkel. Er stand auf und baute sich vor Kilian auf.
„Ich rede mit dir, Freundchen. Hat man dir nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, Fragen nicht zu beantworten?“
Vereinzeltes Lachen und Stühlerücken war zu hören, als sich die Gäste jetzt umwandten. Einige scharrten nervös mit den Füssen.

„Er ist gebrochen“, sagte Kilian ruhig und starrte in sein leeres Schnapsglas.
Josef stützte sich mit beiden Händen auf den zerkratzten Holztisch und riss die Augen auf.
„Ge-ge-brochen?“, fragte er unschuldig, und Kilian roch seinen säuerlichen Atem. „Da-has tu-hut mir a-aber leid!“

Kilian fühlte, wie sich sein Hals verengte. Er versuchte zu schlucken, doch sein Mund hatte vermutlich vergessen, wie man Speichel produziert. Vom Bauch herauf stieg die vertraute Hitze bis unter seine Kopfhaut, die zu jucken begann, als hätte er eine Kompanie Kopfläuse zu Besuch. Seine gesunde Hand ballte sich zur Faust, und er atmete heftig.

Josefs feistes Gesicht befand sich nur Zentimeter entfernt. Wenn er jetzt zuschlagen würde, hätte der Klotz keine Chance. Er würde dem Mistkerl glatt die fette Nase zertrümmern. Das Blut würde nur so spritzen und Hildi, die Serviertochter, käme mit dem Putzen gar nicht mehr nach. Aus dem hämischen Gekicher würde anerkennendes Raunen und vielleicht würde ‚der Landbote’ in der nächsten Ausgabe darüber berichten, dass ein Boxchampion im Emmental lebte – inkognito natürlich.

Kilian griff in seine Hosentasche, legte fünf Franken auf den Tisch und stand auf.
Josef trat einen Schritt zurück und ging in Angriffsposition. Sein immenses Doppelkinn zitterte in freudiger Erwartung und er leckte sich die Lippen.

„Dummheit und Sch-schtolz wachsen auf e-einem Holz“, sagte Kilian, zwängte sich an Josef vorbei und trat in die Nacht hinaus.
Der Regen hatte die Luft gewaschen und er atmete tief ein.
„Was meint der Depp denn damit?“
Kilian schloss lächelnd die Tür.


Kommentar von Mata

Hi Frog, hi Angela ... ja, ich denke auch, dass Kilian sogar etwas ironisch denkt und eben ab und zu solche Vergleiche anstellt. Danke für den Tipp, Frog, deine Version ist sicher authentischer. __ Angela, ich bin mir nicht ganz sicher, ob ein Mensch mit einer Sprachschwäche - vor allem, wenn er sie Zeit seines Lebens bekämpft - nicht einen einzigen Satz zustande bringen könnte. (Da muss/müsste ich gegebenenfalls noch recherchieren) Aber ich dachte mir, wenn er das ruhig sagt, dann sollte ihm das schon möglich sein. Die Wut kommt ja dann auch erst darauffolgend, als er merkt, dass sich der andere kloppen will ... wie vermutlich schon früher. Wie gesagt, ich müsste das genauer recherchieren. Übrigens ist das äusserst mühsam, Gestottere zu schreiben! :-D Danke für euer Feedback und lG, Mata

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von Angela Barotti

Die Kompanie der Kopfläuse finde ich klasse. Auch alles andere gefällt mir. Lediglich gewundert habe ich mich darüber, dass Kilian die Erklärung für seinen Daumenverband stotterfrei von sich gegeben hat. Wenn auf einen Stotterer alle Augenpaare gerichtet sind, dann ist es mit dessen Ruhe vorbei. Kilian dürfte in solcher Situation eigentlich nicht ein einziges Wort mehr flüssig aussprechen können.

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Frog

Schön, Kilian ist wieder da! Kann mich Fledermausens Kritik nicht anschließen, finde die Geschichte sehr rund und lebendig. Ein bisschen Ironie steht ihr, bzw. Kili gut, wie ich meine. Es wirkt wieder alles echt und ich freue mich für Dich, denn Deine Geschichte wächst und wächst. So soll es sein! Einzig für einen Satz hätte ich noch eine andere Idee: "…doch als sie sahen, um wen es sich handelte".... liest sich so so sachlich. Vielleicht besser: "Als sie sahen, wer da hereintrat." oder so... LG in die Schweiz. Frog

Eingetragen am: 06.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Mata, endlich wieder Kilian. Den Konflikt hat er gut gelöst; es gehört mehr Mut und Größe dazu, nicht zuzuschlagen. Dazu braucht er die innere Kraft, die ihn beherrschenhilft und über die anderen erhebt. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 05.07.2008

Kommentar von Mata

Hi Fledermaus ... danke für den Kommentar. Möglich, dass du Recht hast, ich werde das überdenken. Die Serviertochter muss aber bleiben. So sagt man in der Schweiz eben der Bedienung. Ist auch nicht abwertend gemeint, sondern Umgangssprache. lG, Mata

Eingetragen am: 04.07.2008

Kommentar von Fledermaus

Hallo Mata, Bis auf einen Absatz gefällt mir deine Geschichte gut. Es sind die Zeilen, in denen Kilians ausfteigende Wut beschrieben wird. Wenn Du da einen weniger ironischen Ton anschlägst, wirt es besser: Lass die Kopfläuse weg und dass der Mund vergessen hat... usw. Außerdem stört mich die 'Serviertochter'. Liebe Grüße, Fledermaus

Eingetragen am: 04.07.2008

Eingetragen am: 03.07.2008 von Numungo
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14017

Das Gesicht

In schnellen, wilden Strichen führte sie den Pinsel über das Bild. Genau über die Stelle auf dem Bild, wo sein Gesicht war. Und sie malte sehr lange darin herum, zitternd, bebend, wütend. So lange kleckste und schmierte sie, bis sein Gesicht ganz weiß war. Schneeweiß. Totenweiß. Danach saß sie zitternd vor ihrem Werk und starrte mit leeren, glasigen Augen auf den großen toten weißen Fleck, der einmal sein Gesicht gewesen war.

»So«, murmelte sie leise in die Stille des Raumes, »jetzt hast du kein Gesicht mehr, endlich hast du kein so schönes, verlogenes, falsches Gesicht mehr!« Die letzten Worte zischte sie schon fast.

Dann stand sie auf und war schon am weggehen, als ihr Blick noch einmal auf das entstellte Bild fiel. »Nein«, dachte sie, »so kann ich ihn doch nicht lassen, nein, nicht so!« Langsam ging sie wieder zurück an den Tisch, griff nach einem dicken Pinsel, tauchte diesen tief in den Topf mit der schwarzen Farbe und hielt ihn nachdenklich in der Luft, bis keine Farbe mehr abtropfte. Dann zuckte ein fernes, entrücktes Leuchten aus ihren Augen und sie stieß den Pinsel mit aller Kraft zweimal hintereinander in den weißen Fleck auf dem Bild und rief: »So, da hast du deine Augen wieder, deine falschen, verlogenen Augen!« und sie lachte dabei laut und gekünstelt wie eine Irre vor sich hin. »Jetzt siehst aus wie der Tod, ja, wie der Tod siehst du jetzt aus!«

Für einen Moment überkam sie eine tiefe Befriedigung, während sie ihr verzweifeltes Werk betrachtete. »Ja, wie der Tod. Wie der Tod ...«, wiederholte sie noch einmal, immer leiser werdend und dann war urplötzlich der ganze Hass aus ihren Augen gewichen, war wie von einem frischen, sanften Wind weggeblasen und sie warf sich schluchzend aufs Bett.


Kommentar von Azahar

Hallo Numungo, Ich habe deinen Text schon vor einiger Zeit gelesen, aber irgendwie wusste ich dieses mal nicht, was ich dazu schreiben sollte. Er ist irgendwie so wenig "Numungo", er scheint dir nicht aus der Seele zu kommen, wie die vorherigen. Deine Erklärung bzgl. Gefühlen wie Wut etc. hat mir meine Annahme bestätigt, auch die Tatsache, dass fast alle deine anderen Text in der ich-Form verfasst sind und du hier auf Distanz gehst. Du hast trotzdem ein starkes Bild gezeichnet, das man sicherlich noch weiter ausarbeiten könnte. Aber muss man? Ich denke, jede Person sollte über die Dinge schreiben, bei denen sie sich wohl fühlt und die sie schreiben möchte. Nicht jeder Roman braucht rauschende Wutszenen. Freue mich schon auf deine nächsten Texte. LG Azahar

Eingetragen am: 18.07.2008

Kommentar von Bridget Olliver

Hallo Numungo, es beruhigt mich, dass es anderen auch nicht besser geht. Danke! viele Grüße Bridget

Eingetragen am: 16.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Frog, gib einfach eine Tipp ab, zu was du mehr tendierst. Ich werde dir dann mitteilen, ob du richtig oder falsch gelegen hast. Viele Grüsse, Numungo.

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Bridget Olliver

Hallo Numungo, ich finde Du hast Die sich entladende Wut gut geschildert. Meine Güte, was hat die Person auf dem Bild der Protagonistin angetan? Vielleicht ist sie auch nur völlig durchgeknallt? Ich weiß es nicht und bin darum gespannt auf mehr! viele Grüße Bridget

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Frog

Hallo Numungo! Den Akt als solchen kann ich gut nachvollziehen. Dass ein sanfter Wind den Hass wegbläst, vermag ich mir nicht vorzustellen, die Formulierung entspricht vielleicht Deinem ausgleichenden Wesen. Im ersten Absatz erscheint mir zu oft das Wort "Gesicht". Es kann ein ritueller Akt des Loslassens sein, ein Bild zu zerstören, bzw. zu verfremden. Ich denke, es ist für die Prota ein Akt des Loslassens. Aber befreit wirkt sie am Ende nicht wirklich. Wie wär's mit Verbrennen? Übrigens: Bei Dir weiß ich nie, ob Du ein Mann oder eine Frau bist...

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von RoseCanyon

Hallo Numungo, ich mag Deinen Schreibstil sehr. Er hat etwas derartig sensibles-poetisches an sich und gewinnt hierdurch viel mehr Tiefe, als viele Bücher und Zeitschriften, die uns täglich umgeben.Als Deine Protagonistin den Pinsel das 2. Mal aufsetzte, um die falschen Augen zu plazieren, hätte aber auch ich mir mehr Kraft gewünscht, sie hätte den Pinsel auf die Staffelei schleudern können, dass die Farbe nur so rausquillt (womöglich noch aggressive rote Farbe) oder mit ihren langen, scharfen Fingernägeln anfangen können, die Leinwand an dieser Stelle zu zerkratzen und dabei Kraftausdrücke verwenden können. Lieber Numungo, lass Dich bitte von diesen Anregungen nicht entmutigen. Manchmal braucht man halt Zeit, sich in bestimmte Gefühle einzudenken - immerhin entnehme ich Deinem Feedback, dass Du unter Wut/Hass/Neid nicht selber leidest, das ist doch auch was Positives!

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von Karin

Alle Kommentare enthalten etwas Wahres; die Wut hätte explosiver ausgedrückt werden können. Trotzdem empfinde ich Deine Art, dieses Thema umzusetzen, als gelungen. Mir gefällt, wie Deine "Wütende" das Gesicht ihres Liebsten zerstört. Sie "wütet" mit Gefühl, langsam und bedächtig, wäre es ein echtes Gesicht, würde der dazugehörige Mensch sehr leiden müssen. Liebe Grüße. Karin

Eingetragen am: 10.07.2008

Kommentar von Numungo

Hallo zusammen, vielen Dank für eure Kommetare. Ein paar von Euch haben mich wohl durchschaut: ich habe ein Problem mit Wut. Wut, Hass und Neid sind Gefühle, die ich nicht aus eigener Erfahrung kenne. Sicherlich bin ich ab und zu mal sauer, alle paar Jahre vielleicht auch mal sehr sauer, doch das wars dann schon. Wenn ich andere Menschen in ihrer Wut beobachte, erschließen sich mir ihre Beweggründe meist nicht, da es sich in der Regel um solche Banalitäten handelt, dass sich die Aufregung gar nicht lohnt. Doch, was soll´s. Ich denke, ich kann auch ein gutes Buch ohne Wutausbrüche schreiben. Ich arbeite daran. Lillilu hat wohl recht, im wesentlichen beschreibe ich die Verletztheit der Prota. Doch wo soll man da die Grenze ziehen? Für die Tipps zur Verbesserung bedanke ich mich herzlich! Viele Grüsse, Numungo.

Eingetragen am: 07.07.2008

Kommentar von Anna Berg

Hallo Numungo, im Vergleich zu Deinen vorherigen Beiträgen schwächelt dieser ein wenig. Du erzählst hier mehr, als dass Du zeigst. Der Anfang ist recht vielversprechend: "In schnellen, wilden Strichen führte sie den Pinsel über das Bild." Da spürt man ihre Wut. Doch dann erzählst Du, was sie tut und reißt den Leser aus dem Geschehen heraus. "Danach saß sie zitternd vor ihrem Werk und starrte mit leeren, glasigen Augen auf den großen toten weißen Fleck, der einmal sein Gesicht gewesen war." Dieser Satz enthält für meinen Geschmack zu viele Adjektive. Gerade die richtige Dosierung ist entscheidend, wenn ein Text glaubhaft wirken soll. "...»jetzt hast du kein Gesicht mehr, endlich hast du kein so schönes, verlogenes, falsches Gesicht mehr!« Ich ahne, was Du mit diesem Satz sagen willst, aber die Ambivalenz dieser Eigenschaften könnte hier besser dargestellt werden. Ungefähr so: Endlich hast du kein zauberhaftes Gesicht mehr, das deine Verlogenheit und Falschheit so perfekt verbirgt." Warum bezeichnest Du das Bild als "entstellt"? Für sie ist es doch gar nicht entstellt, vielmehr zeigt es etwas, was dem Empfinden Deiner Protagonistin eher entspricht als das, was es vorher darstellte. "»Jetzt siehst aus wie der Tod, ja, wie der Tod siehst du jetzt aus!«" In diesem Satz fehlt ein "du". Außerdem macht er auf mich wegen der Wiederholung einen zu theatralischen Eindruck. Eher würde ich mit kräftigeren Worten die Aussage verstärken. Für mich wirkt der Text insgesamt wie aus dem Zusammenhang gerissen, weil die Ursache für ihre Wut nicht klar wird. Ich verstehe, dass derjenige, dessen Gesicht Deine Protagonistin zerstört sehen will, verlogen und falsch ist und sein schönes Gesicht darüber hinwegtäuscht. Wenigstens einen Grund für diese Annahme hätte ich mir gewünscht, um mitfühlen zu können. Beste Grüße Anna

Eingetragen am: 06.07.2008

Kommentar von Mata

Hi Numungo ... ich muss mich den Vorrednern anschließen, die Wut wird beschrieben, aber nicht gezeigt. Der Leser muss sich also selbst – im Kopf – ein Bild machen, wie deine Protagonistin (gefühlsmäßig) das Bild – und vermutlich auch die Vergangenheit - zerstört. Das ist ja nichts Schlechtes, jedoch wird der Leser eben auch gerne bedient, und er will sich nicht von seiner Wut ein Bild machen, sondern eben von derjenigen deiner Akteurin. ___ Also füttere ihn ein wenig. Versuche doch mal, die anderen Sinne zu bedienen. Wie schaut sie aus, wenn sie agiert: Die Augen aufgerissen / die Haare wirr und Schweißtropfen auf der Stirn. Wie fühlt sie sich: kalte, zitternde Hände / rasende Kopfschmerzen / gerötetes Gesicht. Was riecht sie: scharfer Terpentingeruch / Malfarbe / des Nachbars Eintopf. Was hört sie: das Kratzen des Pinsels / ihr eigenes Keuchen / ein Motorrad, das knatternd vorüber fährt. ___ Das sind alles nur Beispiele und sollen lediglich veranschaulichen, wie man etwas mehr Atmosphäre in den Text bringen könnte. Aber da auch nicht zu viel davon, sonst wirkt es leicht mal überladen. Gezielte Sätze einflechten. __ Die Idee finde ich originell. Ich würde vielleicht einfach etwas subtiler vorgehen bzw. kürzer formulieren. Auch die Dialoge. Obwohl man vermutlich bei so einer Szene so spricht, vor allem, wenn man wütend und verwirrt ist, unterbrechen die Wiederholungen den Lesefluss. LG, Mata

Eingetragen am: 06.07.2008

Kommentar von Lillilu

Lieber Numungo, ich habe an dich gedacht, als ich über die Darstellung der Wut grübelte. Mir selbst ist bislang noch kein Beitrag dazu gelungen. Und bei dir hab ich auch meine Zweifel: deine Prota vermittelt mir eher das Gefühl, dass sie in ihrer Seele verletzt ist. Ich leite das von „darin rummalen, klecksen und schmieren“ ab, obwohl du „wütend“ schreibst. Sprachlich habe ich nur die Anmerkung zu machen, dass „am Weggehen“ total umgangssprachlich ist und grammatikalisch gar nicht existiert (die deutsche Verlaufsform ?). Mein Vorschlag wäre, dass du dich durchringst und deine Prota zu einem Messer greifen lässt, mit dem sie dann das Bild zerschneidet und sich richtig daran auslässt! Und nun schaue ich mal, ob ich es schaffe einen meiner Protas rumwüten zu lassen. Lieben Gruß von Lillilu

Eingetragen am: 05.07.2008

Kommentar von Ginko Korn

Für den Grund des Wutanfalls mag man sich denken, was man will. Der Portraitierte hat vermutlich hohe Erwartungen der Künstlerin enttäuscht. So, wie sie hier mit Pinsel, Farbe und Leinwand umgeht, muss sie als Malerin wirklich nicht ganz bei Sinnen sein. Die Effekte ihres Tuns lassen auf ein Acrylbild schließen. An der sprachlichen Gestaltung habe ich einige Zweifel. Mit der Anhäufung von Eigenschafts- und Umstandswörtern wird der Leser in seinen Vorstellungen gegängelt. Die Ausdrücke stoßen mich hierhin und dorthin. Was ist denn das für eine Bildfolge? Anfangs sehen wir rasche Handlungen: schnell, wild, sehr lange, zitternd, bebend, wütend, klecksend und schmierend. Dann starrt sie auf das Gemälde: "ganz weiß, schneeweiß, totenweiß, ein großer, toter weißer Fleck". Stilmittel der Wiederholung? "Leises Murmeln in die Stille, fast zischend": ja, was denn nun? "Schönes, verlogenes, falsches Gesicht": ich bin verwirrt. "Aus ihren Augen zuckte ein fernes entrücktes Leuchten": ein Spezialeffekt im Studio! "...stieß mit aller Kraft zweimal hintereinander...": da stelle ich mir vor, wie sie die Zimmerwand durchbricht. "...laut und gekünstelt, wie eine Irre...": wie klänge folgende Formulierung: "Irres Gelächter hallte durch ihr Atelier, in angestrengten Stößen?" Kann ein Werk verzweifelt sein?

Eingetragen am: 05.07.2008

Kommentar von papaya10

Hallo Numungo, mittlerweile habe ich das meiste deiner Texte gelesen und war schon gespannt: wie beschreibt Numungo einen Protagonisten der/die so richtig schäumt und weswegen? Und dachte mir, er wird sie nicht so stehenlassen die kalte Wut, das ist einfach nicht sein Stil .. eine schön-traurige Geschichte, hast du gemalt, eine wie sie sein kann.Für mich wird sie allerdings noch nicht so recht greifbar deine Sie. Vielleicht hätte ich es etwas ausführlicher gebraucht, um ihr nahe zu kommen, um sie zu spüren, um ihr zu folgen. Die Sprache klingt wie immer nah am Traum und zauberhaft. Dass du dich in deinem allerersten Beitrag (glaub ich) so klar zu diesem Träumer bekennst, find ich sehr ermutigend für alle Träumer,herzliche Grüße papaya10

Eingetragen am: 04.07.2008

Kommentar von Jenni

Eine wunderschöne Metapher für ihre Wut, wie sie ihm das Gesicht nimmt und den Tod daraus macht. Trotzdem kommt das Gefühl der Wut bei mir nicht so richtig an. Ich fühle mich beim Lesen eher wie ein Beobachter der Situation und kann ihre Wut nicht so nachvollziehen. Vielleicht, weil ich nichts über die Gründe weiß? Dann wird es sich wohl im Zusammenhang anders lesen. Den Satz "...zitternd, bebend, wütend" finde ich etwas kurz als Beschreibung, und auch vom Rhythmus her zu monoton um das Gefühl von Wut oder Zorn zu verdeutlichen. Vielleicht könntest Du das an der Stelle noch etwas bildlicher gestalten? Viel besser gefällt mir, wie Du es im zweiten Teil gelöst hast: "...stieß den Pinsel mit aller Kraft..." Das kommt an. Genauso berührt mich der Schluss. Dein Stil: wie immer wunderbar. lg Jenni

Eingetragen am: 04.07.2008

Eingetragen am: 03.07.2008 von Susa
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14001

[Anm.: Dieser Text schließt sich in leicht abgeänderter Form inhaltlich direkt an meinen vorherigen Beitrag 13488 an…]

An sich war Philipp ein geselliger Mensch, aber in diesem Moment wusste er nur: Er musste raus hier, und zwar schnell!
Er setzte einmal mehr sein Gesellschaftslächeln auf und verabschiedete sich bei den wenigen Personen, bei denen das unumgänglich war, darunter natürlich auch der Gastgeber. Morelle runzelte zwar kurz die Stirn, akzeptierte dann aber Philipps Entschuldigung wegen einer frühen Vorlesung am nächsten Morgen anstandslos.
Jetzt musste er sich beeilen, denn er wollte eine weitere Konfrontation mit Alena unbedingt vermeiden, und es war zu vermuten, dass sie gleich herauskommen und ihn suchen würde. Und dem fühlte er sich jetzt wirklich nicht gewachsen - nicht, bevor er nicht wieder einen klaren Kopf hatte und ruhig und sachlich mit ihr reden konnte.
Ein Hausmädchen brachte ihm Hut und Mantel, und er stürmte nach draußen, wo er kurzerhand zu seinem Kutscher auf den Bock kletterte. „Ich brauche frische Luft!“, war sein Kommentar. „Fahren Sie nach Hause, aber vorher drehen wir noch eine Extrarunde über den Ring.“ Dann lehnte er sich zurück und ließ sich den kalten Abendwind ins Gesicht wehen, während die Pferde anzogen. Er wollte sich lieber etwas beruhigen und zuerst ein oder zwei Gedankengänge zu Ende bringen, bevor er zu Hause ankam, denn innerlich brodelte es bei ihm noch immer.
Es war einfach nicht zu fassen, dass er sich nach all den Jahren ausgerechnet so etwas anhören musste! Dass sie ihm solch eine Verhaltensweise auch nur ansatzweise zutraute, war schon die Höhe, ganz so, als wäre er einfach irgendein Schuft, der… er zog eine Grimasse.
Die Straßen waren dank der modernen Beleuchtungsmethoden noch immer belebt – kein Wunder, denn es war eigentlich noch relativ früh am Abend. Unter normalen Umständen hätte es noch mindestens zwei, drei Stunden gedauert, bis er sich auf den Heimweg gemacht hätte.
Aber – verdammt! – er hatte ja auch nicht wissen können, dass dieser Abend dermaßen gründlich schief gehen würde! Und er hatte nicht wissen können, dass die Dinge, die vor weniger als 24 Stunden noch gut und richtig erschienen waren, heute zu solchen Missverständnissen führten!
Aber genau das musste es sein: Ein Missverständnis. Ja.
Denn sie konnte ihm unmöglich wirklich unterstellen, dass er versucht hätte, sie als Gegenleistung für seine Hilfe ins Bett zu bekommen!
Aber dieses Gespräch mit Alena war jetzt zum Schluss dermaßen aus dem Ruder gelaufen – und was hatte er getan? Die Flucht ergriffen! Denn er hatte genau gespürt, dass er kurz davor war, die Nerven zu verlieren… Im ersten Moment war er regelrecht wütend geworden, und das hatte Alena bei ihm bis jetzt noch nie fertiggebracht. Irgendwie musste er das mit ihr klären – aber es war wohl tatsächlich besser, in aller Ruhe nachzudenken, so dass sie sich nicht in noch mehr Missverständnisse verstrickten, als es jetzt schon der Fall war.
Und überhaupt, vielleicht war es auch das Beste für ihn, für ein paar Tage zu verreisen. Räumlicher und emotionaler Abstand, das hatte ihm in der Vergangenheit schon mehrfach geholfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Er und Morelle waren praktisch Nachbarn, doch durch den Umweg dauerte die Fahrt etwa eine Viertelstunde. Er überließ Kutsche und Pferde seinen Leuten und stieg, nach wie vor mehr als schlecht gelaunt, die Stufen zum vorderen Eingang hinauf.
Er hatte sich selbst hineingelassen und insgeheim gehofft, es ganz unbemerkt in sein Arbeitszimmer zu schaffen – aber er hatte hervorragend geschultes Hauspersonal und entging seinem Butler nicht. Natürlich kam der von sich aus nicht auf die Idee, seinen Dienstherrn danach zu fragen, was dieser zu so unerwartet früher Stunde schon wieder zu Hause tat. Stattdessen kündigte er, während er sich Philipps Mantel sorgfältig über den Arm legte, in seiner gewohnt trockenen Art an, dass Fräulein Bruck in der Bibliothek bereits auf ihn warte.
Philipp war perplex. „Fräulein Bruck?“
„Jawohl, Herr Professor.“
„Alena Bruck?“
„Jawohl, Herr Professor.“
„Das gibt’s doch nicht! Wie lange ist sie schon hier?“
„Erst wenige Minuten.“
„Hm.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „In dem Fall möchte ich jetzt nicht gestört werden.“ Er vergaß, dem Diener seine Handschuhe zu übergeben, war bereits an der Bibliothekstür, durch sie hindurch – und hatte sie auch schon hinter sich geschlossen, als er halblaut ausstieß: „Wie kommen Sie denn hierher?“
Alena hatte an den hohen französischen Fenstern gestanden und in den Hof hinausgeblickt. Bei seinem Eintreten wandte sie sich hastig um.
„Mit Friederike und der Kutsche“, erwiderte sie schlicht.
„Friederike?“ Er sah sich suchend um.
„Sie trinkt mit Frau Eckel eine Tasse Tee im Salon und wird dort auf mich warten. Wir... wir haben drüben erzählt, dass Sie noch ein paar Unterlagen bei sich hätten, die ich morgen früh dringend benötige. Gregor liefert sich inzwischen gerade eine seiner spektakulären Schachpartien.“
„Ja, aber – warum sind Sie tatsächlich hier?“
„Warum? Um mit Ihnen zu reden, natürlich.“ Sie machte eine seltsam hilflose Geste. „In der Hoffnung, dass Sie mich nicht rauswerfen.“
Philipp benötigte nur wenige lange Schritte, um die räumliche Distanz zwischen ihnen zu überbrücken. Er ließ die Handschuhe, die er noch immer mit sich herumtrug, achtlos auf einen der Tische fallen und ergriff dafür Alenas Hände.
„Kommen Sie!“ Er führte sie zum Sofa vor dem Kamin. Ihre Hände fühlten sich eiskalt an und zitterten, und er hielt sie noch immer fest, als er sich neben Alena setzte und sie abwartend ansah.
„Philipp, ich bin hier, um mich zu entschuldigen, und ich wollte das nicht aufschieben. Was ich da eben zu Ihnen gesagt habe... wie ich es gesagt habe... das war kompletter Unsinn! Ich konnte nur nicht... ich meine, mir fehlten einfach die passenden Worte, um -“
Er hob eine Hand und legte ganz sanft den Zeigefinger auf ihre Lippen. „Ich weiß.“
„Ich war so durcheinander, ich wollte doch auf etwas ganz Anderes hinaus…“
„Alena. Ich weiß.“ Seine Hände umschlossen wieder ihre. „Und ich hätte das eben auch sofort begriffen, wenn ich nicht manchmal so ein Dummkopf wäre. Dummerweise war ich selbst heute nervlich ein bisschen… sagen wir, angespannt.“


Kommentar von Susa

Hallo! Abwohl wir ja eigentlich schon bei der nächsten Aufgabe sind, möchte ich doch nochmal hierzu antworten... Numungo, bin froh, dass Du das genauso siehst. So sollte das auch rüber kommen! Hallo Azahar, bei DEM langen Beitrag suche ich mir mal ein paar Zitate von Dir raus und versuche, darauf zu antworten: "Ich nehme an, das Buch ist schon fertig und du bist in der Überarbeitungsphase, oder hast zumindest schon eine klare Idee davon, wie genau das ganze ablaufen soll?" Na ja, ich schreibe an der Geschichte schon eine ganze Weile und stricke sie immer wieder um, weil ich nicht so richtig zufrieden bin - mal sehen, wann ich es schaffe, mich davon zu trennen...:-) "Ich würde mich freuen, es irgendwann einmal in einem Buchladen stehen zu sehen." Tja... ich auch...! "Nachdem du vorher erzählt hast, dass Philipp sich von den anderen Gästen verabschiedete, nahm ich an, dass währenddessen sicherlich schon ein paar Minuten vergangen waren. Hätte Alena wirklich vorgehabt ihm zu folgen, hätte sie das doch sicherlich schon in diesen Minuten getan und nicht erst nach einiger Zeit. " Na ja, sie musste ihrerseits erst einmal selbst nachdenken, weil sie von der Situation etwas überrumpelt worden war. "...denn innerlich brodelte es bei ihm noch immer." - Wie wäre es etwas schnörkelloser mit ...denn in ihm brodelte es immer noch." Danke, da hast Du Recht! "Ausserdem fehlt mir so ein bisschen der Zusammenhang, warum wollte er sich beruhigen, bevor er nach Hause fuhr?" Na ja, damit er schlafen konnte, statt senkrecht die Wand hochzulaufen. Er dachte halt, draußen könne er sich besser abreagieren. "Dass sie ihm solch eine Verhaltensweise auch nur ansatzweise zutraute, war schon die Höhe..." - hier fehlt was, wenn du diesen Satz so anfängst musst du ihn mit einer weiteren Aussage zum Thema noch steigern. z.B. "...aber dass sie es auch tatsächlich glaubte, war ganz einfach der Gipfel." Hm. Denke ich drüber nach. ""Im ersten Moment war er regelrecht wütend geworden..." - un im zweiten?" Im zweiten hat er sich gesagt: Besser die Klappe halten und wech. Erstmal nachdenken. Sowie von Numungo gut beschrieben, würde ich sagen. ""Und überhaupt, vielleicht war es auch das Beste für ihn, für ein paar Tage zu verreisen." - Das hört sich so an, als ob die Reise schon eine beschlossene Sache wäre. Ist sie das? Oder war es nur eine spontane Idee?" Na ja, es hat sich in der Vergangenheit bei ihm als ganz heilsame Strategie erwiesen... "Nannte man die Hausdiener in Dtld. auch Butler?" Nicht zwangsläufig, würde ich sagen. Aber Philipp hat aufgrund seiner Vergangenheit eine starke Verbindung zu England und Amerika und beschäftigt verschiedene englischsprachige Leute. "Lautäusserungen wie Hm, So, Ah am Satzanfang verwirren mich beim Lesen immer. (Das ging mir vor allem in deinem vorherigen Beitrag so.) Ich finde ohne die dazugehörige Körpersprache oder Intionation sind sie ziemlich nutzlos." Ist das so? Muss ich mal drüber nachdenken. Ich vermute, ich neige streckenweise dazu, weil ich das Ganze wie einen Film vor mir sehe... "Ausserdem hätte ich mir in diesem Absatz zumindest einen Gedankengang Philipps gewünscht, der sich mit der plötzlichen Veränderung der Situation auseinandersetzt." Ich dachte mir, gerade weil die Situation sich so plötzlich geändert hat, muss er jetzt erst einmal spontan reagieren und hat zum Reflektieren keine Gelegenheit...? "So wie du es jetzt beschreibst, wird der Leser in die Position eines reinen Beobachters verstossen, was nach den langen Überlegungen Philipps, die vorausgegangen sind, etwas brüsk anmutet." Auch darüber müsste ich mal nachdenken. Ich wollte mich einfach ein bisschen mehr an das Show-don't-tell-Prinzip halten... "„Wie kommen Sie denn hierher?“ - Müsste er nicht eher fragen, Was machen Sie denn hier? Ich meine, wie sie hergekommen ist, wird ihm in diesem Moment ziemlich egal sein, was ihn wirklich aufwühlt, ist die Tatsache, dass sie hier ist!" Ich dachte eigentlich umgekehrt: Dass sie gekommen ist, um die Auseinandersetzung zu klären, schien mir offensichtlich. Komplizierter fand ich es angesichts der damaligen Gebräuche, dass sie es tatsächlich irgendwie geschafft hat, sich von der Gesellschaft loszueisen um spät am Abend einen unverheirateten Mann zu Hause aufzusuchen. ""Gregor liefert sich inzwischen gerade eine seiner spektakulären Schachpartien." - Wo? Auch hier im Haus? Dieser Satz scheint mir zumindest in dem Zusammenhang den ich kenne, übeflüssig." Ja, das liegt warscheinlich wirklich am fehlenden Zusammenhang. Der Streit fand auf einer Geburtstagsfeier statt, und dort hat Alenas Bruder, der ein berühmter Schachexperte ist, gerade eine Partie im Gange - was wiederum die Erklärung dafür bietet, WIE sie es geschafft hat, hier so einfach aufzutauchen, ohne ihren Bruder als Aufsichtsperson mitnehmen zu müssen. ""Ich war so durcheinander, ich wollte doch auf etwas ganz Anderes hinaus…" - Auf was? Erfährt das der Leser noch irgendwann? Würde mich persönlich nämlich schon interessieren. War sie vielleicht verärgert, weil sie dachte es wäre mehr zwischen ihnen als nur Freundschaft und Philipp machte ihre Hoffnungen zunichte, indem er "nur" von Freundschaft sprach?" Nicht ganz. Vermutlich wird das aus dem zusammenhängenden Text deutlicher (hoffe ich zumindest). "Was weiss er? Dass sie es eigentlich gar nicht so gemeint hat,..." Genau. "...oder dass sie ihn liebt?" Nö, das weiß sie nämlich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht. "Ich will jetzt definitiv weiterlesen und mehr wissen! :-)" So soll's ja auch sein... :-)) "Vor allem auf den ersten Kuss bin ich gespannt!" Hähä, den gab's schon! (Und ich muss gestehen, auf DIE Szene bin ich schon ein bisschen stolz...) Der Kuss hat nämlich im Prinzip das ganze Durcheinander ausgelöst, weil der sich aus der Situation heraus ergaben hatte, aber gar nicht in dieses schön geregelte Miteinander passt, das die beiden sich im Laufe der Zeit angewöhnt haben. Und weil gerade Alena eigentlich kein Interesse an gefühlsmäßigen Verwicklungen hat, war ihr an diesem Abend sehr daran gelegen, zu klären, wo sie mit Philipp steht. Das wurde aber wieder durcheinandergebracht durch das Auftauchen ihres Ex-Verlobten (siehe mein vorheriger Text), der ihr unterstellt hat, sie würde die Männer ihrer Umgebung (Philipp eingeschlossen) für ihre Zwecke manipulieren usw. Und durch so viel Stress und Missverständnisse ergab sich dann dieses unglücklich gelaufene Gespräch mit Philipp. "Meine Anmerkungen sollen auf keinen Fall böse gemeinte Kritik sein. Ich denke nur, wenn man mal so weit fortgeschritten ist und die Geschichte steht, dann ist man (nun zumindest ich bin es) über detailliertere Bemerkungen froh, selbst wenn die eigene Meinung mit der des Kommentators nicht übereinstimmt." Das sehe ich ganz genau so. Deshalb auch vielen lieben Dank für die Mühe. Weiß ich sehr zu schätzen! :-) LG, Susa

Eingetragen am: 22.07.2008

Kommentar von Azahar

Hallo Susa, dein Roman gehört mit zu denen, die mich hier am meisten interessieren. Die Geschichte, die du erzählst, scheint mir vollkommen ausgegoren und du kennst deine Protagonisten sehr gut. Ich nehme an, das Buch ist schon fertig und du bist in der Überarbeitungsphase, oder hast zumindest schon eine klare Idee davon, wie genau das ganze ablaufen soll? Ich würde mich freuen, es irgendwann einmal in einem Buchladen stehen zu sehen. Hier ein paar Anmerkungen/Gedanken, die mir während dem Lesen des Textes kamen: "Jetzt musste er sich beeilen, denn er wollte eine weitere Konfrontation mit Alena unbedingt vermeiden, und es war zu vermuten, dass sie gleich herauskommen und ihn suchen würde." - Nachdem du vorher erzählt hast, dass Philipp sich von den anderen Gästen verabschiedete, nahm ich an, dass währenddessen sicherlich schon ein paar Minuten vergangen waren. Hätte Alena wirklich vorgehabt ihm zu folgen, hätte sie das doch sicherlich schon in diesen Minuten getan und nicht erst nach einiger Zeit. "...denn innerlich brodelte es bei ihm noch immer." - Wie wäre es etwas schnörkelloser mit ...denn in ihm brodelte es immer noch. Ausserdem fehlt mir so ein bisschen der Zusammenhang, warum wollte er sich beruhigen, bevor er nach Hause fuhr? Wäre er dort nicht allein gewesen, hätte er sich für sein frühes nach Hause kommen rechtfertigen müssen? "Dass sie ihm solch eine Verhaltensweise auch nur ansatzweise zutraute, war schon die Höhe..." - hier fehlt was, wenn du diesen Satz so anfängst musst du ihn mit einer weiteren Aussage zum Thema noch steigern. z.B. "...aber dass sie es auch tatsächlich glaubte, war ganz einfach der Gipfel." "...dass dieser Abend dermaßen gründlich schief gehen würde!" - dermaßen oder gründlich, eines von beiden ist eigentlich genug. "...heute zu solchen Missverständnissen führten!" - ...führen würden. "Im ersten Moment war er regelrecht wütend geworden..." - un im zweiten? "Und überhaupt, vielleicht war es auch das Beste für ihn, für ein paar Tage zu verreisen." - Das hört sich so an, als ob die Reise schon eine beschlossene Sache wäre. Ist sie das? Oder war es nur eine spontane Idee? "Natürlich kam der von sich aus nicht auf die Idee, seinen Dienstherrn danach zu fragen, was dieser zu so unerwartet früher Stunde schon wieder zu Hause tat." - Und hätte Philipp es ihm erzählt, hätte der Butler gefragt? Nebenbei bemerkt: Nannte man die Hausdiener in Dtld. auch Butler? "„Hm.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „In dem Fall möchte ich jetzt nicht gestört werden.“ Er vergaß, dem Diener seine Handschuhe zu übergeben, war bereits an der Bibliothekstür, durch sie hindurch – und hatte sie auch schon hinter sich geschlossen, als er halblaut ausstieß:" - Lautäusserungen wie Hm, So, Ah am Satzanfang verwirren mich beim Lesen immer. (Das ging mir vor allem in deinem vorherigen Beitrag so.) Ich finde ohne die dazugehörige Körpersprache oder Intionation sind sie ziemlich nutzlos. Ich würde sie weglassen oder ein ausdrucksstärkeres Wort dafür finden. Ausserdem hätte ich mir in diesem Absatz zumindest einen Gedankengang Philipps gewünscht, der sich mit der plötzlichen Veränderung der Situation auseinandersetzt. So wie du es jetzt beschreibst, wird der Leser in die Position eines reinen Beobachters verstossen, was nach den langen Überlegungen Philipps, die vorausgegangen sind, etwas brüsk anmutet. „Wie kommen Sie denn hierher?“ - Müsste er nicht eher fragen, Was machen Sie denn hier? Ich meine, wie sie hergekommen ist, wird ihm in diesem Moment ziemlich egal sein, was ihn wirklich aufwühlt, ist die Tatsache, dass sie hier ist! "Gregor liefert sich inzwischen gerade eine seiner spektakulären Schachpartien." - Wo? Auch hier im Haus? Dieser Satz scheint mir zumindest in dem Zusammenhang den ich kenne, übeflüssig. "Ich war so durcheinander, ich wollte doch auf etwas ganz Anderes hinaus…" - Auf was? Erfährt das der Leser noch irgendwann? Würde mich persönlich nämlich schon interessieren. War sie vielleicht verärgert, weil sie dachte es wäre mehr zwischen ihnen als nur Freundschaft und Philipp machte ihre Hoffnungen zunichte, indem er "nur" von Freundschaft sprach? „Alena. Ich weiß.“ - Was weiss er? Dass sie es eigentlich gar nicht so gemeint hat, oder dass sie ihn liebt? Ich will jetzt definitiv weiterlesen und mehr wissen! :-) Vor allem auf den ersten Kuss bin ich gespannt! Meine Anmerkungen sollen auf keinen Fall böse gemeinte Kritik sein. Ich denke nur, wenn man mal so weit fortgeschritten ist und die Geschichte steht, dann ist man (nun zumindest ich bin es) über detailliertere Bemerkungen froh, selbst wenn die eigene Meinung mit der des Kommentators nicht übereinstimmt. Ich bin sehr gespannt auf mehr! LG Azahar

Eingetragen am: 14.07.2008

Kommentar von Numungo

Durch seine Entscheidung, statt zu poltern erst mal zu "fliehen" und nachzudenken, hat Phillip wahrscheinlich das erreicht, was er sich sonst womöglich für immer verbaut hätte. Viele Grüsse, Numungo (14017).

Eingetragen am: 04.07.2008

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