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Kapitel 29 mit Übungsaufgabe
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15967
(Die Beschreibung kommt erst relativ weit unten)
Die Herrin des Sees
Die Sonne streifte bereits den Horizont, als Anatak und Mika nach Tagen den Waldrand erreichten. Sie waren müde und hungrig. Weder der Ältere noch der Jüngere hatten daran gedacht, mehr als einen Kanten Brot und etwas Rauchwurst einzupacken. Die Suche nach Beeren und essbaren Wurzeln war mühsamer, als sie dachten. Einen Hasen oder gar ein Reh zu erlegen, hatten sie nach mehreren Kräfte zehrenden Versuchen aufgegeben.
Mika's Mundwerk hingegen war unermüdlich. Er hatte die meiste Zeit des Weges geredet und entweder über seine müden Füße oder seinen leeren Magen geklagt.
„Ich habe dich nicht gebeten mitzukommen“, hatte Anatak ihn schließlich angefahren. „Du hättest dir vorher überlegen sollen, worauf du dich einlässt.“
„Und du hättest dein Abenteuer besser planen sollen. Dann wäre jetzt auch etwas zu essen da“, konterte der Kleine.
„Dies ist kein Abenteuer, es ist ... eine Art Suche“, entgegnete Anatak und versuchte die richtigen Worte zu finden, um es dem Jüngeren verständlich zu machen. „Ich will mehr über meine Herkunft wissen, was damals wirklich passierte und warum wir nicht in der Stadt bleiben konnten, wer mein Vater war und wieso mir meine Mutter so viel verschwiegen hat.“
Er berichtete Mika, was er von Gunbart erfahren hatte.
„Dein Vater war also ein Krieger.“ Mika schien beeindruckt. „Aber dann kennst du die Geschichte doch. Was willst du noch mehr?“
„Ich weiß nicht einmal seinen Namen. Den konnte mir auch Gunbart nicht nennen. Und außerdem will ich heraus finden, was das hier bedeutet.“ Damit zog Anatak den Schlüssel an seinem Lederband aus dem Hemd. Staunend betrachtete der Junge das kunstvoll geschmiedeten Silber mit der Sonne und dem Mond im Kopf.
„Was ist das?“, fragte er.
„Ein Schlüssel, du Dummkopf.“
„Ja, das sehe ich auch. Ich meine, wo gehört er hin?“„Wenn ich das wüsste...“, seufzte Anatak. „Ich habe keine Ahnung, wo ich mit der Suche beginnen soll.“
„Wir könnten doch einen der Gelehrten in der Wolfsburg fragen. Die wissen sicher Bescheid“, schlug Mika vor.
„Klar, wir spazieren in die Wolfsburg und sagen 'Hey, Jungs, zeigt uns mal die Tür, zu der der Schlüssel passt'. Darum hat meine Mutter ihn sicher jahrelang versteckt, weil es ein einfacher, völlig unbedeutender Schlüssel ist.“ Anatak schnaubte verächtlich und sah den Jüngeren an, als hätte er etwas ausgesprochen Dummes gesagt.
„Du brauchst dich gar nicht so aufzuspielen“, beschwerte sich Mika, der sich so schnell nicht einschüchtern ließ. „Dann mach' doch einen besseren Vorschlag. Aber du hast ja überhaupt keine Ideen.“
„Mir wird schon noch etwas einfallen“, gab Anatak mürrisch zurück und verfluchte nicht zum ersten Mal, dass er sich darauf eingelassen hatte, den Kleinen mitzunehmen.
Der Zwist war vergessen, als sie jetzt aus den letzten Bäumen des Waldes hinaus ins Abendlicht traten. Vor ihnen erstreckte sich eine Hochebene bis zum Horizont. So weit das Auge reichte, war sie mit Heidekraut und niedrigen Weidengewächsen bedeckt. Zahlreiche Felsbrocken waren über die Fläche verteilt, als hätten übermütige Riesen sie wahllos in der Landschaft verstreut. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten sich auf einem flachen Bachlauf und tauchten das weiße Wollgras, das an seinen morastigen Ufern blühte, in rötliches Licht.
Die Schönheit der kargen Landschaft konnte Mika nicht beeindrucken.
„Und jetzt?“, fragte er und sprach damit aus, was Anatak dachte. Er hatte die Hand auf Wolfs Kopf gelegt und genoss das Gefühl der Sicherheit, das ihm der Hund gab. Wolf witterte aufmerksam in der Luft, schien aber zu keinem Ergebnis zu kommen. Mit fragendem Blick drehte er sich zu Anatak um.
„Wir gehen erst einmal an dem Bach entlang und verschaffen uns einen Überblick“, entschied Anatak in bestimmten Ton. Er wollte dem Jüngeren nicht zeigen, wie unsicher er über ihre nächsten Schritte war. Bereits nach wenigen Metern entdeckten sie einen Teich, der hinter einer Kuppe verborgen gelegen hatte, umrahmt von Bäumen. Zahlreiche Fische tummelten sich in seinem klaren Wasser.
„Anatak, sieh nur, wir können uns welche fangen“, rief Mika begeistert und rannte auch schon auf das Wasser zu. Wolf lief an seiner Seite direkt in den See und versuchte, einen der dort schwimmenden Saiblinge zu schnappen.
Anatak seufzte erleichtert. Er war froh über die Aussicht, endlich etwas in den Magen zu bekommen. Er brach einen Weidenstock ab und bastelte aus seinem Messer und dem Zweig einen provisorischen Speer. So bewaffnet stellte er sich auf einen der größeren Felsen und zielte ins Wasser. Mika hatte bereits seine Schuhe ausgezogen und wollte mit bloßen Händen nach einem dicken Fisch greifen.
Die Aussicht auf das bevorstehenden Essen ließ sie alles Vorsicht zu vergessen. Selbst Wolf, der im Wasser herum sprang wie ein ausgelassenes Karibujunges, merkte das drohende Unheil nicht. Weder nahm er den Geruch wahr, noch spürte er den durchdringenden Blick des fremden Wesens, das sich näherte.
Ein klares Augenpaar hatte sie von dem Moment an beobachtet, als sie über die Kuppe getreten waren. Blasse Hände, von bläulichen Adern durchzogen, hielten eine Lanze umklammert, deren blanke Spitze auf die Eindringlinge zielte. Eine Stimme, so schneidend wie das Messer am Gürtel, traf Anatak und Mika und ließ die beiden Jungen entsetzt auffahren.
„Ihr wagt es, in meinem See zu fischen!“
Einer blauen Flamme gleich glitt eine hochgewachsene Gestalt auf sie zu. Ihr Gewand floss wie ein Wasserfall an ihr hinab bis auf die nackten Füße. Bei jeder Bewegung schien es einen anderen Farbton des Sees wiederzugeben. Ein silbrig glänzender Umhang blähte sich im Wind und umspülte sie wie eine Welle. In kaltem Zorn blitzen die Augen, die Anatak an jene Eiszapfen erinnerten, die im Winter von den gefrorenen Felswänden hingen. Helle Haare fielen über die Schultern der Gestalt bis auf die Hüfte hinab, und erst jetzt erkannte Anatak, dass eine Frau vor ihm stand, eine Schönheit, wie er sie noch nie gesehen hatte. Gebannt starrte er in die feinen, blassen Züge ihres Gesichts und fühlte sich klein und unbedeutend vor ihrer königlichen Haltung.
„Taki, wer ist das?“, flüsterte Mika, der noch immer bis zu den Knien im See verharrte.
Der geheimnisvolle Bann, der Anatak umfangen hielt, brach bei den Worten. Ehe er reagieren konnte, stürmte Wolf mit wütendem Gebell auf die Fremde zu. Blitzschnell drehte sich die Lanzenspitze in seine Richtung.
„Lethargus“, donnerte die kalte Stimme ihm entgegen. Im Sprung traf Wolf der Fluch und er fiel reglos zu Boden.
„Was habt Ihr getan?“, schrie Anatak und stürzte vor. Doch die Lanze, die nun auf ihn gerichtet war, ließ ihn inne halten. Wütend über die Frau und seine eigene Ohnmacht starrte er die Fremde an. Sie hielt seinem Blick stand und maß ihren Gegner von Kopf bis Fuß. Überrascht stellte sie fest, dass er jünger war, als sie zuerst angenommen hatte. In seinem schmalen Gesicht sah sie deutlich die Strapazen der letzten Tage. Schatten lagen unter seinen Augen, die sie im warmen Braunton eines Bärenfells anblickten. Die strähnigen Haare würden nach einem ausgiebigen Bad wieder in sanften Wellen auf seine Schultern fallen.
Je länger sie das jungen Gesicht betrachtete, das erst den Ansatz eines zarten Bartwuchses zeigte, desto milder wurde sie gestimmt. Sie erkannte die Entschlossenheit ihres Gegners, seine Furcht und Erschöpfung nicht preis zu geben, obwohl seine ganze Haltung sein Unbehagen widerspiegelte. Im Stillen musste sie über die trotzig aufeinander gepressten Lippen und die geballten Hände lächeln. Es waren schlanke Finger, die sich zu den Fäusten formten. So schlank und geschmeidig wie der Rest des Körpers, der hinter seiner schmalen Statur eine ungeahnte Zähigkeit verbarg.
„Wer bist du, Wanderer?“, fragte die geheimnisvolle Fremde sanft. „Du scheinst große Mühsal hinter die zu haben.“
Die unvermutet freundliche Frage löste Anataks Anspannung. Seine Schultern sackten nach vorn und hätte er einen Stab besessen, so würde er sich schwer auf ihn gestützt haben.
„Ich bin Anatak aus Finsterforst“, antwortete er. „Und wer seid Ihr, dass Ihr uns auf diese Weise bedroht und meinem Hund Leid zufügt?“
„Ich werde Serina vom See genannt, Wächterin des Wassers“, gab die Frau zur Auskunft und fügte versöhnlich hinzu. „Um deinen Hund musst du dir keine Sorgen machen, es geht ihm gut.“
Sie richtete die Lanze auf Wolf und flüsterte einige Worte in einer Sprache, die Anatak fremd war. Wolf erwachte wie aus einem erholsamen Schlaf. Er streckte sich, trottete friedlich auf Anatak zu und ließ sich neben seinen Füßen nieder.
„Du und dein junger Begleiter seht müde aus, Anatak aus Finsterforst. Wollt ihr nicht in mein Heim kommen, um euch zu erfrischen und neue Kraft zu tanken?“
Hallo Velarani, ich gebe dir völlig recht. Vielleicht fällt mir ja noch etwas Besseres ein. Auch beim "Herrn der Ringe" finde ich die eigene Sprache (z.B. der Elben) immer sehr schöne. LG Tina
Ich habe auch nichts gegen Zaubersprüche, nur dieser lateinisch geprägte erinnerte mich zu sehr an HP. Zu deiner schönen Geschichte, finde ich, würde eine eigene Sprache passen - so wie bei "Eragon". Atra Esterní ono thelduin! (Möge das Glück dir hold sein!) LG Velarani
Liebe Tina, das hast Du sehr schön geschrieben, alle Achtung, da würde ich nun wirklich sehr gerne weiterlesen!!!Und gegen zaubersprüche habe ich nichts einzuwenden, ein bischen zauberhaft, schadet nie! Lieber Gruß Karin Elisa
Sehr schön, Tina! (Nur der Zauberspruch erinnert mich zu sehr an Harry Potter) LG Velarani
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15634
Aussehen der Protagonisten in chronologischer Reihenfolge
ULLAS GROSSVATER (dessen Lebenslauf ich noch in Kapitel 19 unter 15630 eingestellt habe - Ausschnitt aus demselben, längeren Text über einen Besuch in seinem Haus)
Großvater, wie immer mit Tweedjacke, brauner Anzughose und seinen billigen, schwarzen Hausschuhen – für Nebensächlichkeiten gab er kein Geld aus – schlurfte über den roten Teppichboden und die Läufer vorweg, wie ein alter Butler, der den Besuch in den Salon geleitet.
...
„Wir machen in Kunst gerade Portraitzeichnen. Würdest du mir nachher mal Modell sitzen?“
„Icke? Tja, wenn du meinst.“
„Und darf ich mir noch mal deine Fotoalben ansehen? Das Bild mit den langen, schwarzen Haaren und dem Matrosenanzug, das hast du doch doppelt. Schenkst du mir eins? Ich möchte es gern in mein Zimmer stellen.“
...
Ulla legte die Beine über die Armlehne des Sessels und blätterte in einem der Fotoalben. Als junger Mann sah Großvater verdammt gut aus, wie er braun gebrannt mit zurückgekämmten, dunklen Haaren zwischen seinen Ruderkameraden stand, nachdem sie die Deutsche Meisterschaft im Schülerachter gewonnen hatten, oder hier mit seinem Cello.
...
Großvater ließ sich in den anderen Sessel fallen, legte, genau wie Ulla, ein Bein über die Armlehne und zündete sich einen Zigarillo an. Heute zur Abwechslung keine Pfeife. Hinter den dicken Brillengläsern sahen seine Augen unnatürlich groß aus.
...
Er drückte seinen Zigarillo aus und sah auf die Uhr: „Du wolltest mich noch zeichnen.“
„Stimmt.“ Ulla rutschte vom Sessel und zerrte den Skizzenblock aus ihrem Rucksack. „Bleib du sitzen, ich hocke mich auf den Boden.“ Im Schneidersitz kauerte sie sich auf den Teppich.
Mit leichtem Strich führte sie den Bleistift übers Papier. Erst das Profil mit der hohen Stirn, der großen, geraden Nase, und der etwas vorstehenden Unterlippe. „Das kommt daher, dass er oben immer seine Zähne nicht reinnimmt, weil die drücken.“, hatte Tante Marten Ulla mal anvertraut, „Ich hab ihm schon immer gesagt, er soll sich mal eine neue Prothese machen lassen, aber er will ja nicht.“ Dann der schön gewölbte Hinterkopf.
„Nimmst du mal kurz deine Brille ab“, bat Ulla. Großvaters Brauen waren dünn, eigentlich nur noch einzelne, lange, graue Härchen, die Wimpern, die die noch immer leuchtenden, graublauen Augen umrahmten, kurz. Kleine Lachfältchen hatten sich am Rand gebildet. Großvater hatte schneeweißes Haar, das streng gescheitelt war, glatt am Kopf zurückgekämmt, und große Geheimratsecken freiließ. Die Ohren waren dünn wie Papier. Wuchsen die eigentlich noch im Alter? Tiefe Falten zogen sich entlang den Mundwinkeln, auf der Wange war die Mensurnarbe als Furche zu erkennen. Ulla deutete den weißen Hemdkragen an und schraffierte die Fläche, die das Jackett abbildete.
„Wie findest du es bisher?“ Sie drehte den Block ihrem Großvater zu.
„Der Eierkopp soll ich sein?“
„Na klar, guck mal in den Spiegel.“
„Habe ich eine so große Nase? Oder ist das künstlerische Freiheit?“
Ulla peilte mit dem Daumen und nahm Maß auf ihrer Zeichnung. „Nein, die Proportionen stimmen schon.“
„Na, dann ist ja gut."
...
ULLA UND ARNE
Arne stand in seiner gestreiften Schlafanzughose mit nacktem Oberkörper vor dem Wandspiegel in seinem WG-Zimmer, während Ulla im Nachthemd hinter ihm auf dem Bett hockte. Es war schon fast Mittag.
Er steckte seinen kleinen, silbernen Ring ins Ohr, strich sich mit beiden Händen die dunklen, leicht welligen Haare zurück und rieb sich kritisch übers Kinn: „Was meinst du, soll ich mir einen Vollbart wachsen lassen?“
Ulla stützte den Kopf auf die Hand: „Hm, so ein Dreitagebart steht dir bestimmt gut, aber wenn du dich nach dem Urlaub wieder rasieren willst, hast du einen Milchbart. Was soll denn dein Dienstgruppenleiter dazu sagen, Herr Wachtelmeister?“ Sie lehnte sich zurück.
„Oberwachtelmeister, wenn ich bitten darf. Ach, der Chefbulle kann mich mal. Aber hast Recht, das würd’ blöd aussehen.“
Ulla stellt sich dicht hinter Arne, legte ihre Arme um seinen warmen Körper und schob ihren Lockenkopf unter seiner Achsel durch. Arne nahm sie in den Schwitzkasten.
„He, erwürg mich nicht!“
Er lockerte seinen Griff. „Oder soll ich den Rotzfänger ganz abschneiden? Aber ich habe gestern beim Friseur viel Geld bezahlt.“
Ulla linste über Arnes Schulter: „Einen schönen Mann kann nichts entstellen. Dies kleine Kinnbärtchen und der schmale Schnauzer machen dich so verwegen.“
„Ich bin verwegen!“ – Ein Schneidezahn war ein kleines Stückchen kürzer als der andere, was seinem Lächeln etwas Jungenhaftes gab.
„Aber dass sie dir die schönen, gezwirbelten Bartspitzen abgeschnitten hat, ist schade. Das war so was Besonderes.“
„Ja. Wie Wachtelmeister Dimpflmoser. Nee, das hab ich mir übergesehen.“
„Och, wenn wir mal Kinder haben, wäre das für eine Geburtstagsfeier ganz prima! Oder du lässt dir dann doch einen Vollbart wachsen. Als Räuber Hotzenplotz.“
Ulla strich Arne durchs Haar, fuhr mit den Fingern über seine große, gebogene Nase, bis hinauf zu den schwarzen Augenbrauen, die in der Mitte fast zusammengewachsen waren. „Oder als Winnetou.“
„Wenn schon Old Shatterhand. Indianer haben schließlich keine stahlblauen Augen.“
„Und keine O-Beine.“ Ulla kicherte vergnügt. „Die sind nämlich als Kind auch nicht auf ’ner Kuh geritten und dabei in den Stacheldraht gefallen.“ Die lange Narbe an Arnes Arm war noch immer zu sehen.
Ulla strich über Arnes glatte Brust und kniff ihm leicht in den Bauch. „Du solltest nicht so viele Marshmallows essen!“ Sie sah ihn herausfordernd an.
„Na warte, du kleine, giftige Kröte!“ Arne fuhr herum, hielt Ulla fest und begann, sie durchzukitzeln. „Und du kannst als boshafte, grünäugige, sommersprossige, hakennasige, rothaarige Hexe zum Kindergeburtstag gehen!“
„Aufhören!“, kreischte Ulla. „Außerdem habe ich höchstens eine Knubbelnase! Und straßenköterblonde Haare, gefälligst!“
„Das können wir ändern“, Arne kitzelte weiter. „Einfach etwas Chilisoße drauf!“
Ulla krümmte sich, und versuchte, sich aus Arnes Umklammerung herauszuwinden. „Man schlägt keine Frau mit Brille!“ Sie warf sich aufs Bett. „Mach mir mein teures Rüschennachthemd nicht kaputt. Das hab ich für fünf Mark auf dem Flohmarkt gekauft!“ Sie strampelte.
„Ach, ich dachte, von deiner Oma geerbt. Bist du an den Rippen auch kitzelig?“
„Hilfe, ich ruf die Polizei!“
„Bin schon da.“ Arne strich Ulla eine Haarlocke aus dem Gesicht und sah ihr tief in die Augen. „Grün, in der Mitte bernsteinfarbene Punkte und außen ein bläulicher Rand.“ Er strich ihr über die Brüste, die sich wie Sahnebaiser unter dem Nachthemd abzeichneten und gab ihr einen langen Kuss.
ULLAS VATER, BRUDER UND MUTTER
„Herr Markwardt und Frau…?“
„Urbschat“, sagte Ulla.
„Herzliches Beileid.“ Der Bestatter verbeugte sich und drückte Ulla und Armin die Hand. „Bitte, hier entlang. Ihre Frau Mutter war schon da. Lassen Sie sich ruhig Zeit.“ Er öffnete eine Tür, hinter der eine Treppe in den Keller führte.
Ulla zögerte. – Bitte gehen Sie nun hinunter in die Gruft, und keine Angst, wenn Ihnen die Spinnweben an der Nase kitzeln und die Fledermäuse um den Kopf flattern. – Warum musste der Aufbahrungsraum im Keller sein?
„Gehst du vor, Armin?“
So verschieden sie und ihr Bruder waren, jetzt war sie froh, nicht allein zu sein. Allein? Sie strich über ihren Bauch, der bereits rund und prall war.
Langsam stiegen die Geschwister die Treppe hinunter. Die Lampen unter den Wandbögen tauchten den Raum in warmes Licht. Schweigend blieben sie vor dem Sarg stehen.
Letztes Jahr hatten sie noch Papis fünfzigsten gefeiert. Ulla betrachtete den silbergrauen Haarschopf.
„Er ist so strubbelig.“
„Hab ich auch gerade gedacht.“
Die buschigen Augenbrauen, die Papi immer einzeln hochziehen konnte, sahen noch aus wie vergangene Woche; auch die langen Wimpern an den geschlossenen Augen, die einmal genauso warm und grün ausgesehen hatten, wie Ullas; die kleine Nase, aber…
„Der Mund sieht komisch aus“, meinte Armin.
„Ja, wie zugeklebt. Irgendwie mussten sie wohl die Zungenspitze wieder reinschieben.“
Papi hatte so schöne, weich geschwungene Lippen gehabt und gleichmäßige, weiße Zähne. Wie lange war es her, dass er das letzte Mal gelächelt hatte?
„Ich sehe ihn mir lieber von der anderen Seite an.“ Armin blickte kurz auf die Wange seines Vaters, die bis zum Hals hinab blau verfärbt war.
„Ich find ’s nicht schlimm.“ Ulla zog sich einen Stuhl heran.
Wie groß Papis Kopf auf einmal wirkte, und wie flach die Decke, als ob kein Körper darunter wäre. Die Arme ruhten auf dem grünen, seidig glänzenden Stoff, und unter die Hände, auf denen feine, schwarze Haare wuchsen, hatte Ullas Mutter eine Kerze und Notenblätter gelegt. Ulla betrachtete die langen, feingliedrigen Finger. Klaviermusik, vergangene Klänge der Kindheit. Nie wieder würde sie sie hören.
„Jetzt haben wir niemanden in der Familie mehr, der so gut Klavier spielen kann, wie Papi.“ – Konnte Armin Gedanken lesen?
Ulla sah auf die Uhr: „Holt Mami uns ab?“
„Ja, um eins. Ich hab uns einen Tisch reserviert in der ‚Alten Stadtwache’.“
„Musst du wieder zur Arbeit?“ Armin sah gut aus in seinem Anzug, mit den glatt zurückgekämmten, dunkelblonden Haaren und den graublauen Augen.
„Nein, ich habe mir heute Nachmittag frei genommen.“
Ulla stand auf. Sie steckte Papi ein Sträußchen Vergiss-mein-nicht, das sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, in die Brusttasche seines Anzugs.
„Guck mal, Armin, ich hab noch was. Das ist ein indianischer Schutzstein. Sie nennen ihn ‚Auge Gottes’.“ Ulla zögerte. Sie fühlte den kühlen Hauch, der den toten Körper wie eine unsichtbare Aura umgab. Papi hatte immer warme Hände gehabt. Jetzt traute sie sich nicht, sie zu berühren. Vorsichtig schob sie den blaugrünen Stein darunter. Tschüs Papi. Armin streckte im selben Moment die Hand aus, wie sie: „Tschüs, Papi.“ Sie streichelten über den Anzugärmel. Es fühlte sich kalt und hart an.
Draußen war es warm. Vor der Tür wartete ihre Mutter. Sie drückte Armin kurz und nahm Ulla in den Arm.
„Warst du beim Friseur, Mami?“ Ulla betrachtete die kinnlangen, grau melierten Haare ihrer Mutter. „Gut siehst du aus mit dem rostfarbenen Blazer und dem Blumenrock.“
„Ja, wir hätten Sonntag 30. Hochzeitstag gehabt. Ich wollte mich zum Abschied für ihn schön machen.“ Sie drehte einen ihrer großen, runden, korallenroten Ohrringe. „Ich glaube, Hermann hätte es gern so gesehen.“
„Sag mal“, fragte Armin, „fandest du auch, dass Papi so ’ne komische Frisur hatte?“
„Ja“, die Mutter ging mit lebhaften, kleinen Schritten voraus, „die hatten den Scheitel auf der falschen Seite gemacht, und ich hatte keinen Kamm.“ Ulla und Armin wechselten einen kurzen Blick.
„Und die Decke war so flach“, bemerkte Ulla, „als wenn da gar keiner drunterliegt.“
„Ja, weil sie ihn auf ein Brett gelegt haben, das schräg nach unten geht.“
„Woher weißt du das denn?“ Armin schüttelte den Kopf.
„Na ja, ich hab mich eben auch gewundert und habe nachgeschaut.“ Sie warf einen kurzen Blick über ihre Brillengläser. „Er ist doch mein Mann.“
LISA, ungefähr sieben Jahre alt (Ausschnitt aus einem längeren Text, in dem Ulla mit ihr bei einer Heilpraktikerin ist)
Vor den Fenstern standen Birken. Die flirrenden Schatten der Blätter tanzten durch den kleinen Behandlungsraum, und das Licht der späten Nachmittagssonne leuchtete in Lisas grünen Augen. Ulla betrachtete ihre kleine Tochter, die dort in ihrem oliv und gelb geblümten Sommerkleid auf der Liege ruhte. Wie klein und zart ihr sonst so freches Gesicht jetzt aussah. Trotz der Sommersprossen und der Knubbelnase wirkte sie ernst, fast ein wenig erwachsen. Ihre Haare, die genauso dunkel waren, wie Arnes, fielen in weichen Wellen über ihre Schultern. Ihren kleinen Mund, der sonst selten einmal still stand, hielt Lisa fest geschlossen, während sie konzentriert zuhörte, was Frau Rosenbaum ihr erzählte.
Hi Malea, Arne lässt sich nicht gern etwas von Leuten sagen, die seiner Meinung nach keine Ahnung haben. Deshalb gerät er mit seinem Vorgesetzten gern aneinander und betitelt ihn durchaus mit Bulle. Tja, wir sollten nur das Aussehen der Protas beschreiben, Du kleine Voyeurin ;o) Arne küsst gern mit geschlossenen Augen und hat leider den Mund voll, so dass er Dir Ulla nicht noch näher beschreiben kann. ;o) 'Übergesehen' hast Du richtig verstanden - wie heißt das denn bei Euch? Spinnweben und Fledermäuse sind vielleicht wirklich etwas übertrieben, aber für Ulla ist der Gedanke, in den Keller gehen zu müssen, weil sie ja auch nicht weiß, was sie dort erwartet, schon unheimlich; das Gefühl, in eine Gruft steigen zu müssen, stimmt so. Der Bestatter wirkt routiniert höflich und aufgesetzt unbeschwert, um ihr die Angst zu nehmen. Das empfindet sie als unangemessen. Das Wichtige an dem Satz sind auch nicht die Wörter "Spinnweben" oder "Fledermäuse", sondern "Bitte gehen sie..." Nun schluck schon die Medizin, ist gar nicht bitter (wenn du tapfer genug bist, das Gesicht nicht zu verziehen). Mit der Anrede Mami und Papi bin ich mir auch noch nicht sicher - ich selbst habe als Elfjährige geheult, als ich plötzlich Mutti und Vati sagen sollte, mein Vater hat seinen Vater noch als Erwachsener Papi genannt. Das handhaben Familien wohl unterschiedlich. - Dass Ulla hier gefasst wirkt, liegt daran, dass der größte Schock und Schmerz, nämlich als sie ihren erhängten Vater gefunden hat, schon hinter ihr liegt, während Armin ihn noch nicht gesehen hat, aber von seiner Art her eher nüchtern ist. Ich muss Kritik immer erst sacken lassen, bevor ich sie nutzen kann. LG Metta
Liebe Metta! Und los geht`s mit dem konstruktiven Kritisieren ;-) Viele schöne Texte über interessante Romanfiguren. Der Großvater kommt deutlich rüber, da merkt man den geschulten Blick des Zeichners... Übrigens, ja, die Ohren (Knorpel!) wachsen im Alter noch. Reden Polizisten von ihrem Vorgesetzten als Chefbulle, ich dachte Bulle wäre für die ein Tabuwort, oder ist das Klischee, was sagt deine Quelle? Die Ulla und Arne Szene ist schön lebendig, ich sehe die beiden vor mir. Als es spannend wird, blendest du leider aus ;-) Was heißt "das hab ich mir übergesehen"? Das kann ich nicht mehr sehen? Hab ich satt? Die Bestatterszene: Den Gedankeneinschub mit den Fledermäusen finde ich nicht so gut. Er wirkt wie ein Fremdkörper, ist Ulla nach Scherzen? Insgesamt bin ich da etwas hin- und hergerissen. Ich finde es gut, dass du die Szene nicht vor Rührseligkeit zerfließen lässt. Das Papi und Mami klingt für mich nicht nach Erwachsenen. Die technischen Details sind sehr realistisch und glaubwürdig. Aber mir kommen die Gefühle etwas zu kurz. Du streifst sie immer nur (Klavierspielen!), lässt uns aber nicht wirklich daran teilhaben. Am Lisa-Text habe ich nichts zu meckern :-) Liebe Grüße, Malea.
Hallo Reiner, jetzt, nachdem ich den Text mit etwas Abstand gelesen habe, scheint er mir wirklich etwas sachlich - der Job des Bruders gehört eigentlich an andere Stelle, aber beim Schreiben habe ich spontan die Chance ergriffen, die Beschreibung seines Äußeren hier mit aufzunehmen. Eigentlich soll die Stimmung eher gegenteilig sein. Ulla ist überrascht, dass ihr Bruder genau dieselben Gedanken und Empfindungen hat, wie sie. Um das Gefühlsbetonte des Dialogs zu verstehen, muss man wissen, welche Bedeutung die Klaviermusik des Vaters in der Familie hatte. Sie war Hermanns Leben, drückte all seine Gefühle aus. Sie begleitete Ulla von Kindheit an. Und in den Lieblingsstücken (Schumanns Kinderszenen: Armes Waisenkind, Erster Verlust usw.) kam die melancholische Veranlagung sowohl von Hermann als auch von Ulla bereits zum Ausdruck. Ulla hat ihren Vater nach seinem Suizid gefunden. Für sie bedeutet dieses Erlebnis einen Schock, Ängste... zumal sie schwanger ist. Die Mutter ist der lebendige und tatkräftige Gegenpol. Sie ist die Starke, die Ulla Halt gibt. Auf andere wirkt es vielleicht oberflächlich, was aber nicht stimmt. Handeln ist ihre Art, mit Problemen fertig zu werden. Die Trauer kommt zu anderen Gelegenheiten, wenn sie allein ist. Zu Krankheit und Tod hat sie ein unverkrampftes Verhältnis. Wo andere sich angeekelt abwandten, hat sie ihren eigenen, alternden Vater gepflegt. Sie hat keine Scheu, den Toten zu berühren. - Du kannst, wenn Du magst, noch einmal die Szene (im Kapitel mit den Gegenständen) nachlesen, wie die Mutter ihren erhängten Ehemann noch einmal in die Arme schließt. LG Metta
Hallo Metta,beim Lesen entstehen Bilder vor Augen, Du hast die Aufgabe wunderbar erfüllt. Und mir scheint, es ist unmöglich, dass der Leser von Deinem Text nicht ergriffen wird. Ich denke jetzt besonders an die Aufbahrungsszene. Es fällt mir schwer auszudrücken, was ich sagen möchte, ich versuche es trotzdem. Es sind lauter Fragen. Soll der unterkühlte, übersachliche Gesprächston zwischen Bruder und Schwester die empfundenen Gefühle verstecken? Deutet das Verhalten der Mutter auf ein natürliches, unverkrampftes Verhältnis zu ihrem Mann hin, über den Tod hinaus, oder zeigt es, dass die beiden sich auseinandergelebt hatten? Empfindet die Mutter nicht viel beim Tod ihres Mannes? Denkt sie nur an die Äußerlichkeiten, die korrigiert werden sollten, ohne dass es ihr nun etwas ausmacht, dass es nicht geklappt hat? Meine Fragen kommen aus den widersprüchlichen Empfindungen heraus, die ich beim ersten Lesen spürte. Es war mir, als wenn ich Trauer mitempfände, obwohl ich in den Dialogen, in den gesprochenen Sätzen, und in dem Tun keine Anzeichen von Trauer bemerkte. Vielleicht sind meine Empfindungen beim Lesen aber auch darauf zurückzuführen, dass mir Gedanken und Gefühle in der Zeit zwischen Sterben und Besuch am Sarg nicht bekannt sind und die Lektüre Deiner früheren Texte schon so weit zurückliegt. Nach dem Tod eines Nahestehenden läuft ja so viel ab im Innern der Hinterbliebenen, die dazu ja auch noch mit dem profanen Organisatorischen belastet sind. Metta, hier wünschte ich mir noch ganz viele Informationen.
Ich sehe sie alle vor mir, große Klasse, so lebendig. Gute Arbeit, Frau Mailwald (bis auf Tante Martens O-Ton :-))
Hallo Metta, ein gut geschriebener und gefühlvoller Text. Du scheinst deine Texte präzise zu organisieren, wie ich aus deinem Vorwort entnehme und es trägt Früchte. Meine Konzepte sind nur im Kopf und ständiger Veränderung unterlegen, was zu Verzögerungen führt. Was Tante Marten anvertraut, währe besser in indirekter Rede und ohne Anführungszeichen. Es sind Gedanken aus vergangener Zeit und sollten sich von der gegenwärtigen Rede unterscheiden. Nie wieder würde sie sie hören. Das zweite sie, liest sich nicht gut, be- oder umschreibe es. Emotional hat mich aber dieser Absatz am meisten angesprochen. Viele gute Ideen weiterhin.
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15610
Ihre rostroten Locken hüpften im Takt ihrer Schritte und die Vorderteile ihre blauen Sweatshirtjacke flatterten wie Wimpel an einem Flagschiff. Tatsächlich erinnerte ihre stämmige Figur an ein solides Flagschiff, dass sich den Weg durch die stürmische See bahnt, wie sie mit weitausholenden Schritten über den Vorplatz des Postamtes eilte. Wie üblich war sie zu spät dran. Seit einer Viertelstunde saß Astrid in dem kleinen Cafe am Marktplatz und wartete auf sie. Katja warf rasch die Briefe ein, die sie aus ihrer geräumigen Umhängetasche gezogen hatte und hastete weiter zum Cafe.
Sie sah ihr Freundin schon von weitem. Die Frau im grauen Kostüm, mit dem feurroten Hut auf dem Kopf. Astrid hatte es sich auf der Terrasse bereits gemütlich gemacht. Vor ihr standen ein Kännchen Kaffe, ein Glas Sherry und ein duftendes Erdeertörtchen. Katja lief das Wasser im Mund zusammen. Der Duft frisch aufgebrühten Kaffes hing in der Luft und sorgte für eine heimelige Atmosphäre. "Bringen sie mir bitte das Gleiche", sagte sie zu der Kellnerin und lies sich mit einen Schnaufer auf den Stuhl sinken. "Tut mir leid, ich musste noch zur Post.. Bin ich viel zu spät. ?"
Astrid rührte mit dem Löffel in ihrer Kaffetasse. Ihr Fingernägel haben den gleichen satten, warmen Rotton wie ihr Hut, dachte Katja und blickte verstohlen auf ihre breiten, kurz geschnittenen Nägel.
"Ist schon ok, ich bin es schließlich bei dir gewohnt zu warten. Aber jetzt sag, wie findest du mein neues Outfit?"
"Schön auffallend, aber das bin ich bei dir gewohnt", antwortete Katja. Es gab damals kaum einen Jungen in der Klasse, der nicht für Astrid geschwärmt hatte und auch unter den Mädchen hatte sie einige Bewunderinnen. Sie selbst hatte eine zeitlang vergeblich versucht, ihren Stil zu kopieren, aber an ihr war einfach alles etwas größer geraten. Ein üppiger Busen, der ihr damals, mit 16 Jahren peinlich war, breitausladende Hüften, ihre Mutter nannte das ein gebärfreudiges Becken, der Mund war zu groß, die Lippen zu füllig, na ja und die roten Naturlocken ließen sich kaum bändigen, was bis auf den heutigen Tag so geblieben ist.
"Dir tät so eine Farb- und Stilberatung auch ganz gut. Immer nur dunkelblau. Dunkelblaue Jacke, Jeans," Astrid zupfte an Katjas Hosenbein, "Hab ich mir doch gedacht, sogar die bequemen Schuhe sind dunkelbau. Immer Ton in Ton seit über fünfzig Jahren. Tu mal was für dich."
Katja lachte laut auf. Die wenigen Gäste im Cafe blickten neugierig zu ihnen hinüber.
"In meinem Alter." Katja muste immer noch lachen und verschluckte sich fast an ihrem Kuchen.
"In unserem Alter, meine Liebe. Wer sagt denn, das wir Sechzigjährigen nicht mal etwas Neues ausprobieren dürfen? Nimm doch nur mal deine Haare. Mit einem schicken Kurzhaarschnitt würdest du glatt fünf Jahre jünger aussehen, dazu etwas zum Anziehen, dass die paar Pfündchen zuviel auf den Hüften geschickt kaschiert, macht noch mal fünf Jahre weniger und überhaupt etwas mehr Farbe und du bist den Typ "Mutter Beimer" los.
"Mehr Farbe? Bei den Wangen, die immer aussehen, als hätte ich gerade einen Tausendmeterlauf hinter mir?" Katja schaute nachdenklich aus dem Fenster, als sähe sie dort bereits eine neue, jüngere Version ihrer selbst. Sie schüttelte den Kopf. "Und für wen das alles?"
"Für wen, für wen, in erster Linie für dich selbst. Heh, das haben wir uns verdient, nach der ganzen Schufterei für unsere Lieben. Du bist doch auch eine von denen, die nie nein sagen können."
Katja drehte bedächtig den Stil ihres Sherryglases in den Händen. "Na ja, irgendwie hast du recht, aber ..."
"Nichts aber, es wird Zeit, dass du an dich denkst.
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15467
Sie lag nackt auf dem Bett.
Ihre Blicke richteten sich zur Zimmerdecke. Eine kleine Spinne bewegte sich rasch in ihren kaum sichtbar gesponnenen Faden.
Wäre diese Spinne größer, würde Nancy schreien. Aber sie blieb ruhig.
Ihre Haut roch nach blumiger Bodylotion.
Mit beiden Händen faßte das Mädchen über ihre sorgfältig frisch rasierte Schambehaarung. Sie atmete tief durch.
Die Hände tasteten weiter aufwärts über ihren flachen Bauch. Deutlich konnte sie die hervorstehenden Beckenknochen spüren, die seitlich hervorragten. Welch flacher Bauch. Nancy war zufrieden.
Ihr Körper war gleichmäßig gebräunt, daß hatte sie den Sonnenbädern am Pool zu verdanken.
Marion war davon nicht begeistert, wenn das junge Mädchen unbekleidet im Garten lag, denn Hans beobachtete das junge Mädchen heimlich. Marion hatte ihren Mann ertappt, wenn er von seinem Arbeitszimmer in den Garten starrte.
Mit beiden Händen umklammerte Nancy ihre straffen gut geformten Brüste. Auf die war sie besonders stolz. Marion hatte nicht so feste Brüste. Obwohl sie nie nackt vor dem Mädchen posierte, konnte Nancy es sehen, wie es sich unter ihren Blusen abzeichnete.
Schwabblig! Nancy lächelte.
Die Tür stand offen. Sie hörte Hans.
"Hans!"
"Was ist?"
"Eine Spinne:"
Obwohl Nancy dieses kleine Tier nicht im geringsten störte, wußte sie, Hans so ins Zimmer zu locken.
Sekunden später stand er an der geöffneten Tür. Er erschrak.
"Nancy was soll das?"
"Hans." Ihre blauen Augen funkelten ihn an.
Der attraktive Mann schaute zur Seite.
"Nancy zieh dir etwas an."
"Hans komm, hab dich nicht so."
Sie lag noch immer auf dem Bett, ihre Beine leicht gespreizt. Den Po hob sie sichtlich von der Bettdecke ab und senkte ihn wieder.
Hans legte eine flache Hand über seine Augen und schüttelte den Kopf.
"Was bist du nur für ein Mann?"
Ohne nach oben zu schauen eilte Hans davon. Nancys Rufen wollte er nicht mehr hören.
Nancy war wütend. Sie setzte sich auf, nahm einen Schuh und warf ihn kraftvoll gegen den Schrank. Es polterte heftig. Drei Bücher fielen aus dem Regalfach zu Boden.
Sie richtete ihre schulterlangen schwarzen Haare, nahm ein Gummi und band sie gekonnt zu einen Zopf.
Ihre Zehen bohrte sie wütend in den flauschigen Teppich, so konnte man von ihren rotlackierten Fußnägeln nichts mehr sehen.
Aber hallo! Dieses Luder...:-) Und am Ende kommt die Wut über diesen "Schlappschwanz", der sich nicht traut, obwohl er ständig schaut.Oder ist sie sauer, dass die Masche nicht zieht? Jedenfalls: Der schöne Lack ist erstmal umsonst. Ich habe auch Verbesserungsvorschläge, was nicht heißen soll, dass dieser Text schlecht ist. Also: "Mit beiden Händen faßte das Mädchen über ihre sorgfältig frisch rasierte Schambehaarung".... Mädchen passt nicht, dann müsste es außerdem heißen: fasste über "seine" sorgfältig.... Vielleicht besser: junge Frau... Dann fand ich auch doof: "Der "attraktive" Mann schaute zur Seite." Dass er attraktiv für Nancy sein muss, ist klar. Wie er da unschlüssig an der Tür steht, da würde besser passsen... verstört, denn das ist er ja.... mit seiner verlogenen Moral...
Heisse Szene, Benita! Aussehen und Eigenschaften von Nancy kommen gut rüber! Möchtest du ein paar Verbesserungsvorschläge hören? Also: "...hervorstehenden Beckenknochen spüren" DIE SEITLICH HERVORRAGTEN = bitte streichen, da unnütz. "..das junge Mädchen" am Pool 2 x hintereinander, einmal durch "sie"ersetzen. LG Lillilu
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15466
Nur noch drei Plätze waren frei, als Mel Jacobs an diesem Samstag den Raum in der dritten Etage betrat.
Sie war früher als sonst aufgestanden, hatte sich sorgfältig und gelassen angezogen und umgezogen und dann nochmals umgezogen und dann schon etwas schneller das kaum sichtbare Make-up aufgelegt und war zum Schluß zu ihrem Rover gerannt und war hart am Tempolimit über die Autobahn gerast.
Hatte sich in die engste Parklücke gedrängt, war im Laufschritt zur Anmeldung gehetzt und hatte die Unterlagen in der Hand die Treppen genommen. Erstens mochte sie keine Aufzüge und zweitens hätte sie mit dem Warten noch mehr Zeit verloren.
Für einen Augenblick hatte sie vor der Tür gewartet, bis Puls und Atem wieder normal waren und dann hatte sie beherzt die Türklinke heruntergedrückt und war hineingegangen.
Sie hatte keine Zeit mehr, Make-up und Kleidung zu kontrollieren und hoffte das Beste.
Ihr war warm und während sie nach einem freien Platz suchte, schob sie die Ärmel ihres schwarzen Blazers nach oben, nur um sie wieder schnell nach unten zu schieben.
Die Stühle waren in der Form eines Hufeisens um schmale Tische angeordnet und Mel ging zu dem Platz, der der Fensterfront gegenüber war, ließ ihren großen schwarzen Rucksack zu Boden gleiten, setzte sich, schob die mittelbraunen Haare aus dem Gesicht, schaute nach vorn zur Dozentin.
'Ich hasse diese Seminare', dachte Mel. 'Und dieses ganz besonders. Was soll es einem bringen. Ist doch alles nur Psychokram und sorgt letztlich für Krämpfe im Innern.'
Sie schaute auf ihre Unterlagen und auf die Mappe, die auf jedem Platz zusätzlich ausgelegt war. 'Wie bin ich und wie gebe ich mich, und welchen Einfluß hat dieses Wissen auf mich und mein Gegenüber?' Das Thema war überdeutlich zu lesen. 'Die meisten Menschen wissen noch nicht einmal genau wer sie sind, und wir verplempern den Tag damit, zu analysieren wie wir sind. Die Themen werden immer bizarrer.' Sie merkte wie ihre Stimmung hart Richtung Nullpunkt rutschte und fing an mit dem Kugelschreiber in der Mappe zu spielen.
"Ich begrüße Sie zu unserem gemeinsamen Samstag-Thema", die Stimme der Dozentin war einprägsam, klang gelassen und motivierend zu gleich. "Und ich freue mich, daß sich so viele für dieses sicher spannende und aufschlußreiche Thema interessieren und angemeldet haben."
'Interesse', überlegte Mel und runzelte die Stirn. 'Meine Güte. Dieser Samstag ist Pflicht - einfach nur Pflicht. Ich denke, die meisten von uns sind hier, weil es unser Job von uns verlangt. Selbst die sogenannten freien Mitarbeiter haben keine unendlichen Freiheiten. Entweder wir machen mit oder wir bekommen keine Aufträge mehr. So einfach ist das.' Sie sah, daß sie Kreise auf das Papier malte und merkte, daß sie nicht zuhörte.
"Wir werden mit unserem Thema sofort anfangen und durchstarten. Hierzu bitte ich die erste Teilnehmerin in der Mitte Platz zu nehmen. Jede von Ihnen wird bei dieser Aufgabe drankommen. In dieser Aufgabe geht es darum, wie man überhaupt von anderen wahrgenommen wird. Wir alle werden Fragen stellen und interpretieren. Die erste Teilnehmerin findet auf dem Innendeckel ihrer Mappe einen roten Punkt mit A1."
'Bei meinem Glück klebt der Punkt in meiner Mappe,' dachte Mel und öffnete sie schnell. Der rote Punkt in der rechten Ecke schien sie anzublinken und größer zu werden.
"Die Teilnehmerin mit dem roten Punkt A1 stehe bitte auf, nehme ihre persönlichen Sachen mit und setze sich auf den Stuhl, damit wir sie alle sehen können." Die Stimme der Dozentin war weiterhin gelassen.
Mel schaute noch einmal in die Mappe, der rote Punkt war immer noch da und von den anderen Teilnehmern rührte sich niemand.
Sie stand auf, ging um den Tisch herum. Und mit jedem Schritt hatte sie das Gefühl, daß ihre Schuhe länger und ihr Gang unbeholfener wurde.
'Ich hätte andere Schuhe anziehen sollen', dachte Mel. 'Ich mag sie ja, aber die ganz flachen wären besser, hoffentlich stolpere ich nicht. Und außerdem sind sie ein wenig extravagant und ihre Ledersohlen machen jeden Schritt deutlich.' Sie ging schneller, setzte sich, schlug das rechte Bein über das linke, so daß die gemusterten, blickdichten Strümpfe sichtbar wurden.
"Bitte stellen Sie sich kurz mit ihrem Namen und ihrem Beruf vor." Die Stimme der Dozentin schien irgendwie von weiter weg zu kommen und Mel fühlte sich mit einem Mal isoliert und allein. Sie spürte, wie zehn Augenpaare sie musterten. 'Wenn sie könnten, bis auf die Seele', vermutete Mel.
"Mein Name ist Mel Jacobs und ich bin freie Mitarbeiterin für eine Zeitung, die sowohl hier in Deutschland als auch in Großbritannien eine Agentur hat."
"Und du scheinst eine Menge Geld zu verdienen, wenn ich mir deine Kleidung anschaue", die Stimme war hoch, mit aggressivem Unterton. Mel wandte ihren Kopf nach links. Die Frau mit der hohen Stimme schaute sie herausfordernd und musternd an und Mel spürte wie sie rot wurde. Sie räusperte sich.
"Bitte, es geht jetzt nicht darum, daß Sie auf diese Feststellung antworten. Es werden erst einmal Eindrücke gesammelt, zu allem anderen kommen wir dann später. Ich bitte um weitere Äußerungen."
"Also, ich finde, daß die Kleidung zusammenpaßt und mir gefällt sie. Besonders dieses lange Tuch. Die Farbe finde ich klasse. Ich glaube, man nennt es rosenholzrot, oder? Und ich finde es belanglos, ob du viel oder wenig Geld ausgibst." Eine andere Teilnehmerin meldete sich zu Wort und Mel beugte sich ein wenig vor. Sie hatte nicht gedacht, daß so hart über einem geurteilt wurde und es ärgerte sie, daß sie wie ein schweigsamer Betonklotz den Kommentaren zuhören mußte.
"Aber wir sollen so doch unsere Meinung sagen." Die hohe und mißmutige Stimme meldete sich wieder zu Wort. "Und ich finde, man sieht dem outfit an, daß es nicht billig war. Ist nur die Frage, ob du dich immer so zurecht machst oder ob du dich zu diesem Anlaß so ausstaffiert hast. Denn, dieser Rucksack paßt irgendwie nicht ganz dazu. Er ist irgendwie ein wenig plump und man sieht ihm an, daß er schon recht alt ist."
"Finde ich doch", platzte Mel heraus. Sie hob die Hand und wehrte den Einwand der Dozentin ab. "Ich mag große Taschen und insbesondere Rucksäcke. Und dieses Stück habe ich seit Jahren und es ist schon weit gereist."
"Du hast dich also doch in Schale geworfen?"
"Nein", antwortete Mel und blitzte die penetrante Fragerin mit ihren blau-grauen Augen an. Sie schaute zu der Dozentin und schloß den Mund, schaute an sich herunter. Die weite schwarze Hose aus feinem Cord versteckte ihre kräftigen Oberschenkel und der lange Blazer tat sein übriges. 'Zumindest können sie da nichts zu sagen', dachte Mel und schaute wieder nach oben.
"Du scheinst dich in deiner Kleidung einzuhüllen, so als verstecktest du etwas von dir." Die Stimme war leise und sehr ruhig und Mel konnte im ersten Augenblick die Sprecherin nicht erkennen. "Aber sie wirkt sehr stimmig. Nur das viele Schwarz ist etwas entmutigend. Zu Anfang dachte ich, du seiest in Trauer, doch der Schal paßt nicht ganz dazu. Die Farbe ist wirklich sehr schön. Und das Braun deiner Haare auch." Die Stimme war immer noch leise und ruhig.
"Du solltest sie nur etwas in Form bringen, sie sehen an den Spitzen trocken aus und die Frisur ist auch nicht mehr richtig erkennbar", eine weitere Teilnehmerin meldete sich zu Wort. "Entschuldigung", sagte sie dann. "Aber ich habe eine ganze Zeitlang in dem Bereich Kosmetik und Mode gearbeitet."
Mel zuckte mit den Schultern. Sie wußte, daß ihre Frisur eines ihrer Schwachstellen war. "Sie dürfen nur nicht kurz sein", war ihr ständiger Kommentar beim Friseur. "Ich möchte einfach nur lange Haare haben, ohne Firlefanz. Nur lang."
Einmal, in einer abgelegenen Gegend in Nordwales hatte sie sich sogar ihre Haare selber geschnitten. Das Ergebnis war eine Katastrophe. Die linke Seite war um zehn Zentimeter länger als die rechte Seite und sie war gezwungen mehrere Tage mit einem Knoten herumzulaufen, bis sie endlich zu einem Friseur kam. "Ich muß ihre Haare ein ganzes Stück kürzen", hatte er gesagt. "Was ist eigentlich damit passiert?"
"Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß sie so splißig seien und ich dachte, ich kriege es alleine hin. Ich habe sie mit meiner Nagelschere geschnitten", fügte sie noch hinzu.
"Meine Güte", hatte der Friseur nur gemurmelt und sie im Spiegel einen Moment erschüttert angestarrt.
Danach hatte sie das Selberschneiden gelassen. Aber irgendwie schaffte sie es nie rechtzeitig einen Friseurtermin abzumachen. Und es gab Phasen, da steckte sie die Haare einfach fest und band ein dünnes Tuch um den Knoten. 'Das hätte ich heute morgen auch tun sollen', dachte sie genervt. 'Immer noch besser als diese Kritik'
"Ich habe mal eine Frage. Bist du Linkshänderin oder trägst du nur so deine Uhr auf der rechten Seite?"
Mel blickte zur Dozentin, bevor sie antwortete. "Ich bin Rechtshänderin, wenn du das meinst."
"Nein, ich meinte das mit deiner Uhr."
"Da gibt es nichts zu sagen. Ich trage sie halt am rechten Handgelenk. Einfach nur so... just for fun...!" Mel schwieg, starrte gerade aus und überlegte, welche Fragen man noch stellen könnte. Irgendwie waren sie ihr alle viel zu persönlich und was ginge es jemanden an, ob sie nun mit rechts oder links schrieb und welche Kleidung sie trug. Sie war doch nicht in einem Modejournal mit der Rubrik: vorher - nachher.
"Nochmals zu der Farbe. Warum trägst du eigentlich schwarz?"
"Ich denke, viele Frauen tragen zu irgendwelchen Anlässen schwarze Kleidung. Und ich habe mich heute für diese Farbe entschieden. An einem anderen Samstag trüge ich vielleicht grün oder blau." Mels Stimme wurde ein wenig ungeduldig und sie merkte es und wußte, daß auch die anderen es registriert hatten und es ärgerte sie. "Es gibt keinen bestimmten Grund. Ich dachte bis jetzt immer, daß jede Frau diese Nicht-Farbe in ihrem Kleiderschrank hat," antwortete sie ruhiger.
"Stimmt, ich dachte nur bei dir läge es daran, daß du dich damit ein wenig abschotten und verhüllen und ein paar zusätzliche Kilos verstecken möchtest." Die Frau hob kurz die Hand. "Ist nicht böse gemeint. Aber dein ganzes outfit ist bis auf dieses Tuch Ton in Ton. Selbst deine Strümpfe sind schwarz, wenn auch klasse gemustert. Dieses phantasievolle Schnörkelmuster gefällt mir übrigens."
"Wir sprechen die ganze Zeit über Kleidung und Aussehen", die aggressive Stimme meldete sich wieder zu Wort.
'Weil du damit angefangen hast', dachte Mel wütend.
"Du bist nicht besonders groß und nur mittelmäßig schlank", die Stimme sprach weiter, ohne auf Mel zu achten. "Und wenn du redest und dich innerlich aufregst, hebst du das Kinn und zwischendurch preßt du die Lippen ein wenig zu fest aufeinander. Dabei fällt mir gerade auf, daß du keinen Lippenstift trägst. Magst du das nicht oder hast du ihn durch das ständige Aufeinanderpressen abgewischt? Na, wie auch immer. Es scheint mir, daß du dich ganz gut unter Kontrolle hast oder zumindest, daß du dir nicht in die Karten schauen läßt. Du hebst selten deine Stimme, runzelst hin und wieder die Stirn, schaust einen nur an, und dann direkt in die Augen."
'Ich fühle mich wie ausgezogen', dachte Mel und bemühte sich nicht das Kinn zu sehr zu heben, noch die Lippen aufeinanderzupressen. Ihre Hände lagen verschränkt auf ihrem Schoß und die Finger ihrer linken Hand berührten den großen, silbernen Ring mit dem dunklen Stein an ihrem Mittelfinger. 'Falls sie fragen, er ist aus Dänemark. Ich habe ihn bei Benedikte gekauft. Und ich besitze noch zwei weitere Ringe und sie sind alle groß und ich liebe diese Ringe und ich trage sie immer auf dem rechten Mittelfinger. Im übrigen sind meine Fingernägel kurz gefeilt und nicht lackiert.'
Aber niemand fragte etwas, alle schauten sie nur an, musterten sie.
"Bevor wir uns der nächsten Teilnehmerin zuwenden, möchte ich Sie bitten, sich Notizen zu machen, damit wir später uns mit der Frage 'wie bin ich und wie empfindet mich mein Gegenüber' auseinandersetzen können. Mel, Sie dürfen nun aufstehen und sich wieder zu uns in das Hufeisen setzen", meldete sich die Dozentin zu Wort. "Ich denke, es war ein recht aufschlußreiches Schauen und Fragen und Interpretieren."
Mel stand auf, für einen flüchtigen Augenblick schaute sie an sich herunter. Sie hatte immer noch das Gefühl nackt vor allen anderen dazustehen.
Hallo Frog, danke für die Anregungen. Eigentlich wollte ich genau das ausdrücken, was ich geschrieben habe. Mel Jacobs ist nicht unsicher, nur es gib Situationen im Leben, die einfach einen den Boden wegziehen. Man findet eine Sache an sich schon doof, aber dann bemerkt man, daß sie noch viel schlimmer ist als befürchtet. Und manchmal ist man einfach naiv und kann sich nicht vorstellen, wie hart andere mit einem umgehen, nur um sich zu profilieren. Ich glaube, daß die meisten Menschen in solch einer Situation irgendwann das Gefühl haben nackt dazustehen und unsicher werden. zu deiner Anmerkung zur Branche: keine Ahnung. Die harten Bandagen kommen inzwischen in den meisten berufl.Bereichen vor und es kommt leider in Seminaren vor, daß Dozenten Dinge laufen lassen, um sie anschließend psychologisch auszuwerten - ohne Rücksicht auf den Betroffenen. trotzdem nochmals danke. Dein Kommentar zeigt, daß ich Mel vielleicht deutlicher hätte darstellen sollen. lg Beate
An sich eine prima Idee, die Prota während eines so unerquicklichen Seminars darzustellen. Aber solche Fragen sind für mich unglaubwürdig bei einer derartigen Veranstaltung. Die Branche ist zwar hart, aber solche Fragen sind unrealistisch. Zudem hätte die Dozentin ihren Job verfehlt, wenn sie das zugelassen hätte, ohne zu intervenieren... Es sei denn, Du hast es genau so erlebt. Du willst für mein Gefühl ausdrücken, dass es um Mel's Selbstvertrauen schlecht bestellt ist und dass sie sich nicht wohl fühlt in ihrer Rolle. Wie wäre es, wenn sie sich nur im Stillen vergleichen würde mit den anderen Teilnehmerinnen? Denn das ist es doch, wozu wir Frauen neigen, wenn wir uns nicht sicher fühlen, oder? Wir vergleichen uns und fühlen uns "ausgezogen", auch ohne blöde Fragen und Kommentare...
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15451
[Alina ist ein Nebencharakter, und sollte eigentlich nur ganz am Rande auftauchen. Nun hat sie irgendwie Eigenleben entwickelt, und erarbeitet sich gerade eine wichtigere Rolle. :) Vielleicht schaut ja der ein oder andere trotz baldigem neuen Kapitel hier mal noch rein, und sagt mir seine Meinung zu ihr.]
(...) Ich bleibe im Dunkeln stehen und lausche dem Gewitter, das sich noch kein bisschen gelegt hat, als ich plötzlich noch etwas anderes höre. Ein leises Wimmern, das irgendwo aus der Richtung des Couchtisches zu kommen scheint.
Verwundert zwänge ich mich durch die eng zusammen stehenden Sessel, und schaue unter dem Tisch nach. Mit großen Augen starrt mich Alina an, die zusammengekauert unter dem Tisch sitzt. „Ich habe solche Angst bei Gewitter“, bringt sie noch hervor, bevor sie in Tränen ausbricht.
Nachdem wir das Licht angemacht und die Vorhänge zugezogen haben, sieht die Sache natürlich schon ganz anders aus. Obwohl ich nicht gerne spiele, habe ich mich zu einem Brettspiel überreden lassen, so ein Strategiespiel zu allem Übel. Schließlich kann ich sie nicht einfach sich selbst überlassen.
Während Alina haushoch gewinnt, hat sie auch ihr Plappermaul wiedergefunden: „War das dein Vater, da am Telefon? Genau wie meine Eltern, immer reden sie nur über dasselbe und legen gleich wieder auf, wenn es nach Problemen klingt. Ich erzähl denen schon gar nichts mehr. Hey, du musst dir schon ein bisschen Mühe geben, sonst ist es ja witzlos!“
Dieses Mädchen! Ich habe doch eh keine Chance gegen sie, ihre Eltern haben sie wohl mit Gripsmilch aufgezogen. Bevor sie aufgehört haben, sich für sie zu interessieren.
„Alina, wie alt bist du eigentlich?“
„Siebzehn, wieso?“, fragt sie mich verdutzt.
Wieso? Weil du aussiehst wie ein Kind, völlig verloren unter all den Erwachsenen. Ich zucke als Antwort nur mit den Schultern und schaue zu, wie sie triumphierend mein nächstes Dorf vom Spielbrett verbannt. Auf zwölf hätte ich sie eher geschätzt, vielleicht langsam entwickelte vierzehn. Allein diese strohblonden Zöpfe, die bis aufs Spielbrett hängen, wenn sie sich, die Knie untergeschlagen, versunken darüber beugt: Sie sehen so aus, als ob Alina damit schläft, total zerzaust. Die Brille mit dem roten Plastikrahmen und den runden Gläser gibt dem Mädchen einen neunmalklugen Ausdruck, schon bevor sie den Mund aufmacht. Bisher habe ich sie noch nie lachen sehen, fällt mir gerade auf, doch wirkt ihr Gesicht so, als habe sie früher viel gelacht. Ihre Mundwinkel zeigen nach oben, und manchmal, beim richtigen Lichteinfall, sieht man potentielle Grübchen auf ihren Backen. Ich muss grinsen: Irgendwie mag ich diese kleine Nervensäge.
„Was ist?“, unterbricht sie ungeduldig meine Gedanken. „Mach schon, du bist dran!“
Hilflos führe ich einen Spielzug durch, der anscheinend nicht der vorteilhafteste war: „Johanna! Mit dir macht das echt überhaupt keinen Spaß! Ach Menno, wenn wir einer mehr wären könnten wir Karten spielen, irgendwas mit weniger überlegen!“
Interessante "Spielszene" mit liebenswerter Beschreibung – bis auf die Lachfalten von früher und die "potientiellen Grübchen"... das liest sich etwas sperrig. LG Frog
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15400
Nachdenklich saß ich vor dem Spiegel und betrachtete mein Gesicht im Licht des Kerzenscheins. Hatte John Recht? Sah ich wirklich aus, wie meine Vorfahrin Caroline? Ich warf einen Blick auf das Gemälde an der Wand. Konnte man sich überhaupt mit einem fast hundert Jahre alten Ölbild vergleichen? Zum ersten Mal fiel mir auf, dass Caroline auf dem Bild die schöne Smaragdkette trug, die ich vor kurzem gefunden hatte. Unwillkürlich griff ich nach dem Schmuckstück, das vor mir auf dem Frisiertisch lag. John hätte gerne, dass ich die Kette auf dem Dorffest trage. Ich legte sie mir um und bestaunte das Funkeln des Smaragds im Kerzenlicht. Die Kette passte einfach nicht zu mir. Ich bin nun mal ein sportlicher Typ, der gerne in Jeans und T-Shirt herumläuft. Meine hellbraunen Haare waren wie meistens zu einem Pferdeschwanz gebunden. Da ich selten zum Friseur ging, hing mir der Pony auch jetzt wieder in den Augen. Ich pustete ihn wieder hoch. Eine Angewohnheit, die ich auch dann beibehielt, wenn die Haare frisch geschnitten waren. Ich grinste mein Spiegelbild an. Eigentlich fand ich mich ganz hübsch. Am liebsten mochte ich meine blauen Augen. Meine blasse Haut ärgerte mich nicht mehr. Ich hatte mich damit abgefunden, dass selbst das Solarium nicht dazu imstande war, mich in eine braungebrannte Strandschönheit zu verwandeln, wie zum Beispiel Flo es war. „Vornehme Blässe“, hatten mich meine Freunde immer geärgert. Heute wusste ich, dass sie Recht hatten. Meine Vorfahren waren zumindest väterlicherseits adelig gewesen. Ob mein Vater das gewusst hatte?
Wieder warf ich einen Blick auf das Gemälde neben mir. Vielleicht, wenn ich ihre Frisur nachahmte, konnte ich die Kette ja tragen, ohne dass ich mich so unwohl damit fühle. Ich suchte in der Schublade der Kommode nach dem Kästchen mit alten Haarnadeln und Spangen und machte mich ans Werk. Eine halbe Stunde später war ich endlich einigermaßen zufrieden. Nur meine Kleidung passte nun nicht mehr. Kurzerhand zog ich mich aus und betrachtete meinen nackten Körper im Spiegel. Ich konnte mich durchaus sehen lassen. Meine Figur war relativ schlank und ich war stolz auf mein schöne Taille. Ich war recht groß gewachsen, wie mein Vater. Wie gern wäre ich mit ihm einmal tanzen gegangen. Ich dachte an das zwanziger Jahre Kostüm, das ich für das Dorffest geliehen bekommen hatte. Wenigstens musste ich mir keine Sorgen machen, dass meine Oberweite nicht hereinpassen würde. Das war das einzige, von dem ich meiner Meinung nach zu wenig hatte. Aber, man kann halt nicht alles haben. Ich betrachtete noch einmal mein Gesicht mit dem Carolines. Mit viel gutem Willen könnte man sagen, eine fast perfekte Kopie. John hatte gar nicht so Unrecht. Ich freute mich schon auf den morgigen Abend. Was würde er für Augen machen!
Der Moment, in dem sich Deine Protagonistin in meinem Kopf materialisiert hat, war, als sie ihren Pony hochpustete und grinste. Ich finde sie sympathisch, stelle sie mir hübsch aber uneitel vor. Die Geschichte mit der Vorfahrin auf dem Ölgemälde, die sie zu kopieren versucht, finde ich etwas gruselig. Und spannend. Gut gemacht! g Jenni
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15362
Familienstand: ledig
Ungeschickt versuchte Lena, das rechte Hosenbein ihrer weißen Krempel-Jeans hoch zu rollen. Sie lag auf der Seite und der Orthopäde war dabei, ihr die letzte Akupunktur-Nadel zu setzen. "Das schaff ich schon", sagte der Arzt, "ich hab keine Angst vor Frauen!"
"Puh!" dachte Lena, "jetzt kommt's!" Zu ihrem Leidwesen war "ihr" Orthopäde in Urlaub und sein Kollege in der Gemeinschaftspraxis, dem sie sich nun ausgeliefert fühlte, war bekannt für seine markigen, anzüglichen Sprüche, die in der Regel zu Lasten weiblicher Patienten gingen. Aber stattdessen erkundigte sich der Arzt nach ihrem Alter.
"Also diese Schiene," mutmaßte Lena, "gleich wird er mir erzählen, dass meine Rückenschmerzen auf Verschleiß beruhen, was ganz normal sei für Frauen meines Alters."
Lena reagierte auf Anspielungen, die das Alter betrafen, sehr empfindlich. Sie wusste selbst nicht genau, woher das kam, vermutete aber, dass es mit ihrem Familienstand zusammenhing. "Familienstand ledig" galt immer noch in weiten Kreisen als Makel. Nicht, dass sie es auch als Makel empfand, im Gegenteil, sie fühlte sich sehr wohl mit diesem "Makel".
Was hatte man sie früher mit ihrem Alter genervt. Sie war gerade 24, da hieß es schon: "Du gehst mit Riesenschritten auf die 30 zu und hast immer noch keinen Mann!" Niemand konnte verstehen, dass sie gar keinen Mann wollte! Und dann erst mit 30! Eine Frau von 30 tut dies nicht und jenes nicht und ist überhaupt längst unter der Haube! Mittlerweile ließ man sie - von Ausnahmen abgesehen - mit derartigen spießigen Anforderungen in Ruhe.
"Achtundvierzig!" antwortete Lena wahrheitsgemäß auf die ihr gestellte Frage. Dem Doc blieb der Mund offen stehen. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete Lena. "Donnerwetter!" sagte er, "das hätte ich nicht gedacht!"
Lena war gespannt, was jetzt kommen würde. "Treiben Sie Sport?" schoss er seine nächste Frage ab. Und als Lena dies bejahte, meinte er trocken: "Machen Sie weiter so, Sie sehen ja, schlanke Frauen werden oft fünfzehn Jahre jünger geschätzt!"
Lena wurde rot. Sie war es gewohnt, die Ärzte mit ihrem Aussehen reihenweise in Erstaunen zu versetzen, aber dieses Kompliment war merkwürdig und verunsicherte Lena. Fünfzehn Jahre jünger, das klang wirklich übertrieben und zudem schien der Arzt Lenas Jugendlichkeit lediglich auf ihre schlanke Figur zu beziehen.
Trotz häufiger Komplimente hatte Lena zu ihrem Äußeren ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits war sie dankbar für ihre schlanke Figur, die passable Größe von 1,70 m und das ansprechende Gesicht. Andererseits war der Katalog an Kritikpunkten, den sie ihrem Schöpfer dann und wann vorhielt, von nicht geringem Umfang.
An erster Stelle standen in diesem Katalog die stark hervortretenden Adern an Händen und Armen, die Lena mindestens so sehr verabscheute wie andere Frauen ihre Falten im Gesicht. Schließlich konnte man gegen Falten etwas tun, aber gegen ihren Schönheitsfehler war noch kein Mittel erfunden worden, nicht einmal eins, das nach Scharlatanerie roch. Sie hätte zu diesem Mittel gegriffen, das stand fest und wenn sie die Erste sein müsste, an der man es ausprobierte.
Anlass zur täglichen Unzufriedenheit gab Lena auch ihr blasses Gesicht, das jeglichem Sonneneinfluss standhaft trotzte und dem sie mit Selbstbräunungscremes und teurem Make up jeden Morgen Leben einhauchen musste. Übel Nr. 3 waren die tief liegenden Augen mit den oft dunklen Schatten, die zudem zur schönsten Jahreszeit durch Rötungen und Schwellungen derart verunstaltet waren, dass Lena sich mitunter nur mit einer getönten Brille aus dem Haus wagte. Ganz zu schweigen von ihren dünnen, fisseligen Haaren, die sie fast täglich zur Verzweiflung trieben. Aber das war ein Kapitel für sich.
Sicher, Lena fühlte sich trotz all dieser und noch weiterer Mängel tatsächlich fünfzehn Jahre jünger als sie war und sie bewegte sich auch so. Vielleicht war es das, was jung an ihr wirkte. Vielleicht war es aber auch der Traum, den sie in sich trug und mit ihm eine Grundhoffnung, die nie gänzlich versiegte und die es nicht zuließ, dass sie wirklich alterte.
Während ihrer halbstündigen Akupunkturzeit konnte sich Lena nicht entspannen. Sie grübelte über die Worte des Arztes nach und suchte in Gedanken nach Spuren des Alters in ihrem Gesicht.
Falten hatte sie nicht, abgesehen von ein paar Lachfältchen um die Augen herum. Und da war immer noch ein jugendliches Leuchten in ihrem Gesicht. Oder war es erloschen? Sah sie alt und verhärmt aus? Ein Wunder wäre es nicht, bei allem, was sie immer noch mitmachte. Was hatte der Arzt gesehen? Erste, sackende Konturen? Schatten unter den Augen? Vertiefte Nasolabial-Falten? Oder einfach nur Verzweiflung und Mutlosigkeit?
Als die Sprechstundenhilfe die Nadeln gezogen hatte, blickte Lena in den Spiegel und war erstaunt, ein frisches, rosig angehauchtes Gesicht zu sehen. Das honigblonde Haar fiel ausnahmsweise in wohlgeformtem Schwung über die Schultern, die grünen Augen glänzten unternehmungslustig und der himbeerfarbene Lippenstift bildete einen reizvollen Kontrast zu ihrem hellblauen Shirt.
"Ach, Lena," sagte sie zu sich selbst, "du bist Maja mal wieder voll auf den Leim gegangen! Ob du gerade gut oder schrecklich aussiehst, inwendig bist und bleibst du doch die gleiche, ganz egal, was andere auch immer in dir sehen oder nicht sehen mögen!"
Stimmt, Antigone. Ich stehe ja auch auf Wiederholungen...:-) Bei anderen fällt es halt mehr auf. Wie die Geschichte weitergeht, will ich gern wissen, denn ich finde, es gibt zu wenige Geschichten über "Ledige"...
Hallo, scacha, papaya, MaDe, Monika, Marc und Frog! Vielen Dank für Eure freundlichen Kommentare! Hat mich besonders gefreut, weil ich fürchtete, dass sich für eine Ledige niemand interessiert. Du fragst nach Maja, MaDe. Das kommt aus dem Indischen und wird oft mit y geschrieben. Es bedeutet so viel wie Schein, Trugbild, Illusion und stellt als weltliches Prinzip den Gegensatz zum göttlichen Prinzip dar. Der Mensch kann sich Gott anvertrauen, der ihn sicher führt oder er vertraut der Welt und lässt sich täuschen und in Irrwege, also in Maya, verstricken. Lena ist esoterisch angehaucht und beschäftigt sich mit diesen Dingen. Monika, in meinen Texten erscheint Lena noch nicht lange (ca. 3x), da ich eigentlich gar nicht vor hatte, einen Roman zu schreiben, aber langsam bekomme ich Lust dazu. Lenas Traum soll vorerst ein Geheimnis bleiben, doch vielleicht lüfte ich es, wenn das Thema darauf kommt... Frog, danke für Deine Kritik. Bin auch dafür, Wiederholungen zu vermeiden. In diesem Fall habe ich den dreimaligen Makel jedoch absichtlich gewählt, um bewusst zu machen, dass dieser "Makel" Lena sehr geprägt hat. An alle: weiterhin viel Freude mit den Schreiblektionen und vielen Dank auch für Eure tollen Beiträge! Hoffe, dass ich demnächst wieder mehr zum Kommentieren komme!!
Wirklich ein guter Einstieg zu einer Story, die es bestimmt in sich hat. Kleinigkeiten zum Feierabend für den 2. Absatz: ...Lena reagierte auf Anspielungen, die das Alter betrafen, sehr empfindlich. Sie wusste selbst nicht genau, woher das kam, vermutete aber, dass es mit ihrem Familienstand zusammenhing...."Ledig" zu sein galt immer noch in weiten Kreisen als Makel. Nicht, dass sie es auch als Makel (stattdessen auch so oder ebenso) empfand, im Gegenteil, sie fühlte sich sehr wohl mit diesem "Makel". ... Dadurch könntest du Wiederholungen vermeiden... Freu mich auf Deinen neuen Beitrag. LG Frog
Hallo Antigone, dein erster Satz hat mich sofort neugierig gemacht und gehalten was er verspricht. 1A!
Eine sehr gelungene Beschreibung. Ich kann mir Lena gut vorstellen. Werde die vorher geschriebenen Texte suchen um herauszufinden was Lenas Traum ist... oder ist das noch ein Geheimnis???
Hallo Antigone, das ist eine sehr genaue und gelungene Beschreibung von Lena, dazu schön zu lesen. Einzige Frage: Wer ist Maja? lg
Die Einbettung der Übung in eine Akupunktur-Sitzung gefällt mir. Man kann sich die Figur mit ihren "Pros" und "Contras" gut vorstellen, und die Beschreibung lässt einen interessanten, etwas changierenden Charakter mit Tiefe erahnen.
Hallo Antigone, diese Lena gefällt mir! Sie betrachtet sich mit einem kritischen und mit einem mitfühlenden Auge und bringt einiges auf den Tisch, was so oder ähnlich sicher viele ledige (wie das klingt!!) Frauen denken und fühlen. Wie gut ich sie verstehe..außerdem flüssig geschrieben.Bitte mehr davon. herzliche Grüße papaya
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15348
Große rehbraune Augen mit langen Wimpern schauen einen neugierig aus einem offen Gesicht an. Es ist ein neugierig beobachtender Blick, der sich zu einem offenen Lachen mit einem einzelnen Grübchen in der linken Wange entwickelt, wenn es eine wirklich lustige Situation zu beobachten gibt. Ja, das ist so das Markanteste, was einem ganz spontan zu ihr einfällt, wenn man sie beschreiben müsste. Es sind diese Augen, die wissend aber gleichzeitig auch neugierig erfragend bis in deine Seele eindringen um die geheimsten Wünsche, Sehnsüchte und Gedanken zu erforschen. Niemals hat man jedoch das Gefühl seziert zu werden, denn dieser Blick ist gepaart mit einem absoluten Mass an Humor, Selbstironie und Wärme. Dieser Blick bringt einen dazu sich ganz auf eine Betrachtung einzulassen, die einem neue Welten eröffnet.
Davon ausgehend meint man auf eine sehr ruhige und zurückhaltende Person zu treffen, die eher eine sehr schüchterne und zurückhaltende Ausstrahlung hat. Doch kaum lässt man seinen Blick an ihr weiter wandern, merkt man ganz schnell, dass sie zwar auf der einen Seite sich extrem zurücknehmen kann, aber andererseits es ihr sehr schwer fällt längere Zeit ganz still und ruhig zu sitzen. Stetig ist sie irgendwie in Bewegung um Neues zu entdecken - so als ob sie die Welt nicht nur mit Blicken sondern auch mit Berührungen erfahren möchte. Sie nimmt einen ständig mit auf neue Entdeckungsreisen und ihr ganzer Körper lässt sich spielerisch grazil auf diese Erlebnisse ein.
Liebe Daniela, deine ersten zwei Sätze zeigen mir deine Person am deutlichsten. Der Rest deines Textes verwirrt ein bisschen, ich muss mich anstrengen irgendeine Vorstellung von dem, was du beschreibst, zu bekommen. Ich denke, du umschreibst den Charakter deiner Person zu sehr, dadurch verliert man schnell den roten Faden. Vorschlag: "Es sind diese Augen, die neugierig in deine Seele eindringen. Sie wollen deine geheimsten Wünsche erforschen, jedoch niemals mit dem Gefühl, durchschaut zu werden. Dieser Blick ist warmherzig." Deinen Wortschatz und dein Feingefühl finde ich bemerkenswert. Viel Glück
Hallo Daniela. Ich habe ein Problem mit Texten, die immer noch einen draufsetzen möchten. Du beschreibst deine Prota eher oberflächlich, was das Äußere betrifft. Du verlierst dich in ihrem Wesen, was aber nicht sonderlich schlimm ist, es gehört zur Person. Aber vorstellen kann ich sie mir nicht. Was mich stört sind die Extras, nur ein Beispiel bitte: >Davon ausgehend meint man auf eine sehr ruhige und zurückhaltende Person zu treffen, die eher eine sehr schüchterne und zurückhaltende Ausstrahlung hat.< Fast alles, was danach an Sätzen kommt, hat diese Aufzählungen oder vergleichenden Wörter. Es ist nur mein Geschmack, aber ich würde es schöner finden, wenn du die Auzählungen vermeidest und lieber mehrere Sätze formst. Zum einen liest es sich flüssiger und zum anderen hast du noch den schönen Effekt, dass sich dein Buch mit Worten füllt. Vergleichende Wörter würde ich völlig vermeiden. LG M.P.
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15331
Irgendwer hatte schon die Minikatastrophe Kindergartenferien erwähnt. Die sind zum Glück nächste Woche um. Dann kann ich hoffentlich wieder, wie ich möchte. :-)
Sie war nicht gegangen. Das Obst und Gemüse hatte sie eingesammelt und den Korb vor sich abgestellt. Klein und verloren sah sie aus, wie sie da stand und immer wieder um sich blickte; die Schultern hochgezogen, die Hände vor dem Bauch verschränkt. Das verschossene blaue Kleid hing an ihr, als gehöre es ihrer älteren Schwester. Das weiße Häubchen saß schief und verstärkte den traurigen Eindruck.
Hinnerk beschleunigte seine Schritte. Nun hatte auch sie ihn gesehen und das blasse Gesicht unter den dunklen Haaren entspannt sich. Eine Schönheit war sie nicht. Würde sie auch nicht sein, wenn sie mehr auf den Rippen hätte. Aber jetzt, wo wieder etwas Farbe auf ihre Wangen zurückkehrte, wirkte ihr Gesicht mit seinen dunklen Augen und den vollen Lippen sehr anziehend. Hinnerks Mund wurde trocken. Er brachte kein Wort hervor, sondern streckte ihr nur stumm das weiche, in Zeitungspapier eingeschlagene Päckchen entgegen.
Sie musste an einen Hund denken. An einen von diesen großen, struppigen, die die Karren der Lumpensammler und Milchhöker zogen. Dabei war er sogar ganz ordentlich angezogen. Das blaue Hemd und die Hose waren sauber und ohne gut in Schuss. Auch er selbst machte an und für sich einen soliden Eindruck. Nicht besonders groß, aber kräftig. Außerdem waren seine Augen grau und nicht dunkel. Die Ähnlichkeit kam eher von der Haltung, mit der er ihr das Päckchen entgegen streckte und von seinem Blick. Johanna las darin die gleiche Unterwürfigkeit mit der auch die Hunde um Lob und Anerkennung bettelten, um beim geringsten Anzeichen in schwanzwedelnde Begeisterung auszubrechen. Ob der Kerl sich genauso verhalten würde? Bei dem Gedanken begannen ihre Lippen zu zucken. „Danke,“ Sie nahm ihm das Päckchen ab, das er ihr immer noch stumm entgegen hielt und verstaute es sorgsam in ihrem Korb. „Sie haben mir einen großen Gefallen erwiesen.“
Wieder erstaunte ihn ihre Stimme. Dunkel und süß, aber gleichzeitig ein wenig herb, erinnerte sie ihn an Malzzucker. Er konnte kaum glauben, dass ein so zartes Wesen eine derart volle Stimme besaß. Als sie das Päckchen abnahm streiften ihre Finger leicht die seinen. Die kühle Berührung brannte sich in seine Haut. Die Stelle begann zu prickeln, ein ungewohntes, wunderbares Gefühl.
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er seine Mütze nicht abgenommen hatte. Rasch holte er das Versäumte nach und verbeugte sich. „Gern geschehen, Frollein.“
Er führte zwar keinen Freudentanz auf und wand sich auch nicht winselnd auf dem Boden, aber sein sommersprossiges Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Er riss sich die Mütze vom Kopf und verbeugte sich linkisch. Dabei entblößte er einen Schopf rotblonder Haare. Straßenköter, schoss es Johanna durch den Kopf, ich wusste es ja.
Hier sind noch zweieinhalb Wochen Schulferien. :o( - aber immerhin ist der PC-Inhaber wieder zur Arbeit. :o) Johanna treibt mir ja die Schamesröte ins Gesicht - also, das mit dem Schwanzwedeln würde ich ja in dieser Satzstellung noch einmal überdenken ;o) Johanna ist aber auch fies in dem letzten Satz! Waren zu damaliger Zeit auch schon Zeitungen das billigste Einwickelpapier fürs einfache Volk?
Als ich vor ein paar Tagen meinen Kommentar verfasste, stand zuerst da, dass ich mir diese Geschichte sehr gut als Filmanfang vorstellen könne, doch löschte es dann wieder weg. Auch schrieb ich, was ich hiermit nachhole, dass es dann einer von jenen Filmen (für mich) wäre, bei denen ich am Anfang immer etwas kämpfen muss, ob ich umschalte oder nicht. Weil mir zugegeben, die Filmanfänge leichter zusagen, in denen mindestens einer von beiden... eine zumindest "Fastschönheit" ist. Aber wie mich die Vergangenheit lehrt(e), üben solche Filme, bei denen ich am Anfang so ähnlich empfinde, wie oben beim Lesen, dann einen besonderen Einfluss auf mich aus, einen nachhaltigen, einen zu Herzen gehenden mit Werten behafteten. Ja, und so gesehen kann ich mir diesen Beitrag ebenfalls sehr gut als Verfilmung vorstellen und würde ihn mir sehr gerne ansehen! LG Lisa Becker
Dein Text gefällt mir auch sehr gut, man merkt nichts mehr von der Übungsaufgabe, die dahinter steckt, er wirkt wirklich schon wie ein Ausschnitt aus einem Roman. Deine bildhafte Sprache aber auch der Perspektivenwechsel erinnern wirklich an filmisches Schreiben. Besonders Johannas ironische Bemerkung am Schluss hat mir gut gefallen und lässt Johanna zu einer humorvollen sympathischen Protagonistin werden. Ich muss mir unbedingt Deine alten Texte anschauen!
Danke für die vielen positiven Kommentare! @Frog: Ja, ich mag die beiden sehr. An der doppelten Verbeugung muss ich nochmal arbeiten, sie hat nicht nur dich irritiert. Da ist der Perspektivwechsel etwas zu auffällig geraten. @Elisabeth: Freut mich sehr, dass auch Johanna Sympathien erweckt. Ich hatte schon befürchtet, sie zu arrogant dargestellt zu haben. @Angela Barotti: Welche Perspektive ich am Ende wähle, weiß ich noch nicht. Aber ich genieße es, hier hemmungslos experimentieren zu können. Den Inhalt des Päckchens habe ich woanders verraten ;-) @Karin: Freut mich, dass für Dich alles zusammenpasst. @Cora: Malerisch empfinde ich als sehr schönes Kompliment. @Lillilu: Dein Eindruck trügt Dich nicht; die Szene spielt zwei Querstraßen vom Hamburger Hopfenmarkt entfernt. Den Hut zog er einmal aus seiner und einmal aus ihrer Perspektive. Da überlege ich aber noch an einer eleganteren Lösung. @Lisa Becker: So sollte es sein :-) Danke! @Ginko: Süß! Leider kein Wort zu wenig, sondern eins zu viel. Flecken und Risse fielen der ENTF-Taste zum Opfer; nur das "ohne" blieb einsam zurück. Ich werde es den Rissen hinterher schicken. :-) Danke für den Hinweis! @Gina K.: Das wird Johanna auch noch feststellen. Aber auch, dass sich manches ändert und dass nicht nur Haie Zähne haben. @Velerani: Danke für's Lob. Die Kritik kann ich nachvollziehen. Von den beiden Sätzen würde ich trotzdem gerne den halben mit den Sommersprossen behalten.
Liebe Carola! Schön, dass du wieder da bist :-) Obwohl du uns nicht verrätst, zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort in der Romanhandlung die Szene spielt - ich bin sofort "drin". Die Perspektivwechsel gefallen mir, sie spiegeln gut das gegenseitige Abschätzen wieder. Der letzte ist nicht so gelungen, die doppelte Mütze, das wurde schon erwähnt. Es ist auf jeden Fall eine Schlüsselszene, die Saat ist gesät, jetzt freue ich mich auf die Irrungen und Wirrungen, und wehe, du schenkst uns kein filmreifes Happy End - oder zumindest ein "Schließlich, morgen ist auch ein Tag." ;-) Liebe Grüße, Malea.
Schön, wie Du uns die beiden langsam nahe bringst. Das liegt wohl daran, dass sie Dir auch schon sehr ans Herz gewachsen sind. Man spürt das in jedem Satz. Und dann hälst Du auch noch die Spannung, wirklich schon sehr romanhaft. Besonders gefällt mir der Vergleich mit "Malzzucker". Warum er sich am Ende noch einmal aus der Perspektive von Johanna verbeugt, ist mir nicht ganz klar, aber eigentlich finde ich das als Stilgriff gar nicht so verkehrt. Der letzte Satz amüsiert mich besonders. Und nebenbei finde ich es witzig, dass sowohl Ginko als auch Gina eine Filmassoziation hatten. Mir geht es ähnlich. Ich glaube, das wird ein großer Wurf. Bis bald. Frog
Liebe Carola, ich bin begeistert! Ich sehe Johanna und Hinnerk vor mir und ich hab sie richtig lieb gewonnen. Du hast sie sehr einfühlsam beschrieben, dein Text gefällt mir wirklich sehr!!! Liebe Grüße
Hinnerks graue Augen ließen mich einen Freudentanz aufführen. Die Personenbeschreibungen sind dir gut gelungen. Was mir nicht so gut gefallen hat, war der ständige Wechsel der Perspektiven. Und das du uns nicht verraten hast, was in dem Päckchen drin war. ;-)
Dein Text gefällt mir sehr! Deine Personen, ihr Aussehen, ihr Handeln und ihre Sprache passen in diese vergangene Zeit. Du hast Dir damit etwas Besonderes einfallen lassen. Meine Gratulation! Liebe Grüße. Karin
Hallo Carola, ich habe extra noch die alten Beiträge nachgelesen, damit ich auf dem Laufenden bin und zu meiner Freude festgestellt, dass Hinnerk und Johanna so beschrieben sind als wenn sie noch in good old Germany wären. Und das meine ich nicht ironisch, denn ich wollte ja nicht, dass sie auswandern, weil ich immer fand sie seien im Norddeutschen fest verwurzelt. "Milchhöker, Malzzucker" malen das Bild des Deutschen Bundes im 19. Jahrhundert. Und da es ja nun leider in der Neuen Welt sein soll - woran erkenne ich das? Ich geniesse deine Sprache, deine Detailtreue, deine beiden süssen Protagonisten und lauere auf einen ersten Kuss! Seinen Hut hat er leider zweimal gezogen! LG Lillilu
Die Beiden kann ich mir bildlich recht gut vorstellen. LG Lisa Becker
Aaah! In so einen Text könnte ich mich reinsetzen und herumwälzen. Schwanzwedelnd. Beide Figuren spielen in einem Film mit Ton und Aroma. Aber was bedeutet "ohne gut in Schuss" ? Fehlt ein Wort?
Hier sind Herrin und Hundchen plastisch charakterisiert. Auch Straßenköter können ganz brauchbar sein. Sie kümmern sich und sind zu Diensten und bescheiden sich mit kargem Lob. Sollten sie lästig werden, genügt eine scheuchende Handbewegung./ Den Text empfinde ich als Gemälde mit Filmmusik.
Na, das ist ja schön, dass es mit Hinnerk und Johanna weitergeht! Zum Text: wie hast du das bisher geschafft, uns die beiden ohne Beschreibung so klar vor Augen zu führen? Ich jedenfalls war gar nicht überrascht, muss sie mir wohl genau so vorgestellt haben. Solide Arbeit, die sind ja wirklich ein süßes Paar. Die beiden ersten Sätze im letzten Abschnitt finde ich entbehrlich. Wünsche dir Erholung und mir mehr Texte von dir, LG Velarani
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15328
In drei Stunden ist es wieder soweit und wer Rang und Namen hat, wird auf dem roten Teppich zu dieser Preisverleihung erscheinen. Ihre Pflicht ist es, ihren berühmten Vater dorthin zu begleiten. Heute vielleicht zum letzten Mal; denn er ist schon sehr alt und seine Gesundheit lässt zu wünschen übrig.
Sofie steht in einem Hauch von Slip und Büstenhalter vor dem großen, gut ausgeleuchteten Kristallspiegel und betrachtet sich nachdenklich von allen Seiten.
Ihre zierliche Figur ist nicht mehr so gertenschlank wie vor vielen Jahren, aber immer noch schon anzusehen und vor allem... ihre Rundungen sind weiblich geblieben. Wohlgeformte, schlanke Beine, gepflegte Hände mit farblos lackierten Fingernägel, es passt einfach alles gut zusammen.
Dem ebenmäßig geschnittenen Gesicht, verleiht die Reife der Jahre, mit den feinen Falten um Mund und Augen, einen besonderen Zauber. Sie fährt mit ihren Fingerspitzen zart diese Linien nach und lächelt.
Falten sind für sie Spuren des Lebens, sie gehören zum Älter- und Altwerden.
Das früher lange Haar, ist jetzt kurz geschnitten und die silbernen Fäden zwischen den immer noch dunklen, lassen es sanft schimmern, wenn sie ihren Kopf anmutig zur Seite neigt. Sie steht zu der sich langsam verändernden Haarfarbe, unterliegt nicht dem allgemeinen Jugendwahn und nimmt die silbernen Strähnchen an.
Ihre leicht gebräunte Haut unterstreicht das Weiß ihrer Zähne, die beim Lachen hinter den schön geschwungenen Lippen strahlen und ihre dunkelblauen Augen funkeln dabei unter den sanften Brauen, fast wie in jungen Jahren.
Sie lacht immer noch viel und gerne, trotz einiger Kümmernisse in den letzten Jahren, sie hat endlich ihr Gleichgewicht wiedergefunden, ist zum Glück gesund und freut sich über jeden neuen Tag.
Das verleiht ihr eine harmonische Ausstrahlung, die allgemein bewundert wird.
Schminke benutzt sie auch heute nicht, nur etwas Lippenglanz und einen Hauch Parfüm genügen um in dem schlichten, roten Abendkleid einen erfrischenden Anblick zu bieten.
Dieses Rot unterstreicht noch ihre Selbstsicherheit und ihr Vater wird wieder sehr stolz auf seine Tochter Sofie sein und sich gerne mit ihr in der Öffentlichkeit zeigen.
Liebe Gerti, Sofie sehe ich genau vor mir: Reif, elegant, hübsch und natürlich. In deinem vorigen Text hatte ich sie mir weniger attraktiv vorgestellt, da ging es ihr ja auch nicht gut. Sofies Entwicklung ist spannend, ich freue mich darauf mehr zu lesen. Liebe Grüße
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15325
Ela ging mit ausladenden Schritten die Schillerstraße entlang. Sie trug immer viel mit sich herum, ihre Hosentaschen waren vollgestopft, weil sie keine Handtasche hatte, in ihrem Geldbeutel waren Briefmarken, Visitenkarten und Quittungen von tausenderlei Einkäufen, sie stopfte ihn in die Gesäßtasche der Jeans oder trug ihn in der Hand. Sie war groß und schmal, die hervorstehenden Schlüsselbeinknochen störten sie ein bisschen, ihre Kolleginnen beneideten sie, weil sie tafelweise Schokolade futtern konnte und nach den Schwangerschaften nicht zugenommen hatte. Das war Veranlagung, bei Stress vergaß sie zu essen, als sie klein war, hatte man ihr Quark mit Eigelb gegeben und sie hatte morgens Calcium aus Ampullen trinken müssen, weil sie so dünn gewesen war. Heute morgen hatte Thomas sie böse angesehen, als ob der Stromausfall ihre Schuld wäre, er vermisste seinen Kaffee und musste das hellblaue Hemd anziehen, weil sie nicht hatte bügeln können. Nur noch Routine zwischen ihnen.
Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine senkrechte Falte wie immer, wenn sie unzufrieden war oder ungeduldig, was häufig vorkam. Vor der Klasse wirkte Ela streng. Sie sprach nicht viel und eher leise, aber sehr präzise, so als ob sie gut zugehört und lange nachgedacht hätte. Sie roch nach süßem Parfum und trug kleine Ohrringe mit blauen Strass-Steinchen, um nicht so herb zu wirken. Die Schüler nannten sie unter sich 'Rauschie' oder 'rush hour'.
Gerade als sie die Haltestelle erreichte, kam der Elfer zischend zum Stehen, sie reihte sich hinter die drängelnden Schüler ein. Ihre Hände waren warm wie immer. Undeutlich konnte sie ihr Bild in der verschmutzten Scheibe des Busses sehen. Bei ihr zuhause gab es kaum Spiegel und keine Waage, es kommt doch darauf an, wie man ist, nicht wie man aussieht, war ihre Meinung. Dass sie eine Bluse mit einem fehlenden Knopf in die Schule angezogen hatte, war ihr aber nur ein Mal passiert, Flecken kamen eher vor.
Sie quetschte sich auf den letzten freien Sitzplatz neben einen peinlich berührten Siebtklässler und wuchtete die schwere Aktentasche auf ihren Schoß. Aus der Brieftasche holte sie ihr Lieblingsphoto von sich selbst und betrachtete es. Darauf war sie von der Seite zu sehen, sie stand barfuss am leeren Strand in derben Hosen und dickem Pulli, ein kräftiger Wind wehte von hinten, die Haare klebten in dicken Strähnen in ihrem Gesicht. Sie war ein blasses Bild in blau und grau und braun, da vor dem weiten hellen Himmel. Gerade nachdem Thomas die Aufnahme gemacht hatte, war ein Sonnenstrahl durch die Wolken gebrochen, und er war mit nackter wilder Freude in den Augen auf sie zugerannt. Das war jetzt fast sechs Jahre her.
Der Bus fuhr an den Schrebergärten vorbei und bog in die Gartenstraße ein, das unruhige Geschnatter der Schüler wurde lauter, als sie sich der Schule näherten. Ela steckte das Photo weg und entwarf eilig ein Alternativprogramm zu dem Film, den sie der 8 b in Geschichte hatte zeigen wollen.
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Ich bin sehr spät dran, hatte gar keine Zeit, und fände es nett, wenn ihr auch # 15322 im letzten Kapitel lesen und kommentieren würdet, das habe ich nachgeholt. Viele Grüße, Velarani
Ist das der Morgen vor der Nacht, in der Thomas nicht schlafen kann? Denn sonst wäre sie ja nicht morgens zu Hause gewesen zum Kaffekochen und Bügeln. Warum will Ela jetzt doch mit der Klasse keinen Film sehen? Das wäre doch das Bequemste. LG Metta
Ja, Velarani, mir geht es auch so mit dem Frust und der Arbeit. Puuh! Aber da müssen wir jetzt durch, wie der Westfale sagt. Und das wollen wir doch auch, oder? Hauptsache, wir schreiben. Der Rest fügt sich dann irgendwie von selbst... Verrückt, wie unterschiedlich Menschen die Texte wahrnehmen – dachte ich bei diesen Kommentaren. Fühl Dich trotzdem sicher in dem, was Du machst...:-) Schönes WE
"Sie war ein blasses Bild in blau... hope, colour come back in her life! ..von der Seite zu sehen.." gefällt mir nicht so gut. L.G. Gerhild B.
Danke euch allen für die Kommentare! Hat mir geholfen, noch mehr über Ela herauszufinden. Das mit dem Photo - stimmt, werde mal drüber nachdenken, falls die Szene überhaupt Eingang in den Roman findet und der überhaupt jemals fertig geschrieben wird. Bin etwas gefrustet, wie viel Arbeit so was macht, geht's euch auch so? @Malea: Danke für die Blumen! Haarfarbe braun, Augenfarbe blau-grau, der Gesamteindruck sollte auf dem Photo rüberkommen. Spitzname kommt vom Nachnamen 'Rausch', Schüler sind halt manchmal albern. @Dani: Ja, wünsche ich mir auch. @M.P.: Deine Beschreibung passt sehr gut, danke für männliche Rückmeldung! @Carola: Interessanter Gedanke mit der Umgebung, obwohl sie sehr empfindlich reagiert, wenn bei ihr mal was ankommt, aber oft auch überrascht. Liebe Grüße an alle, Velarani
Hallo Velarani, die Beschreibung von Ela finde ich faszinierend. Das sie ein Foto von sich selbst betrachtet, hat mich zuerst auch irritiert, aber gerade dadurch, dass das Foto nicht nur etwas mit ihr sondern auch mit ihrem Mann und glücklichen Zeiten zu tun hat, wirkt dieser Akt nicht selbstverliebt. Durch die Beschreibung der traurigen Routine zwischen den beiden und dem alten Bild kam in mir fast der Wunsch hoch, dass die beiden wieder zueinanderfinden. Auf jeden Fall scheint Ela eine spannende Entwicklung vor sich zu haben.
Hallo Velerani, schön, wieder von Dir zu lesen. Ela ist eine sehr beeindruckende Gestalt, die sich wenig aus Konventionen und den Reaktionen ihrer Umgebung zu machen scheint. Wahrscheinlich nimmt sie letztere kaum wahr. Der Spitzname passt gut. Viele Grüße Carola
Hi Velarani! Ich habe nicht nur den Text vom letzten Kapitel nachgelesen, sondern alle deine Beiträge. Und ich muss sagen, dein Stil, deine Sprache, präzise auf den Punkt, gefällt mir alles sehr gut :-) Aber da du auf so hohem Niveau schreibst, ist dir mit konstruktiver Kritik sicher mehr gedient, auch wenn reines Lob natürlich immer gut tut ;-) Ich kann mir Ela sehr gut vorstellen, ich finde, dass es dir gut gelungen ist, die Beschreibung "unauffällig" in ein Stück Romanhandlung einzubauen. Eine Sache fehlt mir noch in meinem Bild, welche Haarfarbe hat Ela? Der Spitzname, den die Schüler ihr gegeben haben, erschließt sich mir nicht aus dem Text, ein Spiel mit dem Nachnamen? Warum hat sie ein Foto von sich selbst dabei? Hat man nicht eher Bilder der Familie in der Brieftasche? Sie hat nicht mal einen Spiegel zu Hause hat, ist also nicht narzistisch veranlagt. Wenn sie sich an die schöne Zeit mit Thomas erinnern will, würde ich eher ein Bild von ihm erwarten. Aber all das soll nicht davon ablenken, dass ich den Text sehr gelungen finde. Liebe Grüße, Malea.
Dein Text liest sich, als ob ihr ein hektischer Tag bevor steht. Kein Wunder, dass deine Prota so dünn ist. Ich reime sie mir in der Phantasie zusammen und sehe eine durchschnitliche Frau, die mit ein bisschen Hilfe als attraktiv durchgehen könnte. Den vorletzten Absatz kann ich nicht so richtig einordnen. Erst sagst du uns, dass sie nicht viel auf ihr Äußeres gibt und dann holt sie selbstverliebt ein Foto von sich heraus und betrachtet es schmachtend. Das wirkt irgendwie aufgesetzt, um noch einen zur Personenbeschreibung draufzusetzen. LG M.P.
"Der Elfer kam zischend zum Stehen,...sie quetschte sich auf den letzten freien Platz neben einen peinlich berührten Siebtklässler." Die Busszene ist dir wunderbar gelungen! Wie Ela auf dem Foto aussieht ist auch klar transportiert. Aber der Siebtklässler wird sich wohl noch mehr gewunden habe, als er sah, dass Rush Hour sich selbst ausführlich im Bus betrachtet, oder? Trotzdem liebe Grüsse, Lillilu
Hi Velarani. Eine psychologisch feinfühlige Frauenbeschreibung. "Watch life coming out" fand ich eine authentische Geschichte, die Erinnerungen wach rief an ungemütliche Nächte in der Jugend, die frau lieber verdrängt. Das Bild von dem unsichtbaren Messer trifft es perfekt, denn ihre Wut kann sie ja nicht rauslassen. Sie ist ein Mädchen, das nicht auffallen will, sie macht von Haus aus lieber mit, statt sich zu wehren. Schon im vorherigen Text beschreibst Du sie sehr gut. Hier nun bekomme ich auch einen äußeren Eindruck. Interessant, wie Du Elas Innenleben mit dem Außen verknüpfst. Du schilderst ihre Komplexe, ihre geheimen Sehnsüchte, auch nach sich selbst und der Zeit, als sie noch glücklich verliebt war. Irgendwie traurig, dass sie das Bild immer bei sich trägt. Aber verantwortungsbewusst, wie sie ist, switcht sie ja schnell wieder in der Realität. Ich glaube mal, dieses stille Wasser wird seine Größe abrufen können, wenn allen anderen längst der Strom ausgegangen ist. So klingt es jedenfalls zwischen den Zeilen. Sehr spannend.
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15320
Nach längerer Abstinenz bin ich endlich wieder dabei.
Nach vier Stunden schon die erste Pause.
Jan blinkte und bog Richtung PKW- Parkplatz der Raststätte ab.
Ein leerer Platz ganz nah am Eingang. Ein Glück. Es regnete schon bevor er in Hamburg losgefahren war. Bestimmt war er deshalb schon so müde.
Der Motor war schon abgestellt. Jan legte seinen Kopf auf das Lenkrad und atmete tief durch.
Vor ihm lag noch eine lange Nacht.
Schnell lief er durch den Regen die Treppen zur Raststätte hinauf. Das helle Licht des Eingangsbereiches blendete ihn im ersten Moment. Er blieb einen Moment stehen und schüttelte den Regen von seiner Jacke. Aus den Augenwinkeln sah er sein Spiegelbild in der Tür.
Unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand über die Augen. Müde sah er aus.
Unter seinen grauen Augen lagen tiefe Schatten. Die blonden Haare waren nach den paar Sekunden schon fast vom Regen durchnässt. Und eine Rasur könnte er auch mal wieder gebrauchen.
Er straffte die Schultern. Ein Espresso, und es würde die nächsten Stunden schon wieder gehen.
Der Espresso war inzwischen kalt geworden. Jan rührte mit dem Löffel seit Minuten darin und war in Gedanken versunken. Er merkte nicht, dass Ihm Tränen über die Wangen liefen.
„Alles in Ordnung junger Mann?“, die ältere Bedienung war neben ihm stehen geblieben und berührte seine Schulter. „Ja, danke. Es geht schon“, Jan erschrak ein bisschen, wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes über das Gesicht und lächelte sah zu ihr hoch. „War wohl nicht ganz mein Tag.“, mit einem Schluck leerte er den Espresso. Unwillkürlich musste er sich schütteln. Beide lächelten. Er stand auf und stellte seine Tasse auf den Geschirrwagen. Er überragte die Bedienung um einen ganzen Kopf. Er winkte noch kurz ihr zu und ging zu seinem Auto. Der Regen hatte urplötzlich aufgehört.
Was der wohl hatte. Kopfschüttelnd ging Rita mit dem Geschirrwagen in Richtung Küche. Aber gut hatte er ausgesehen. Sportliche Figur, gute Kleidung. Ein so offenes junges Gesicht. Bestimmt war er nicht älter als Mitte zwanzig. Und sehr höflich. Genau so einen jungen Mann wünschte sie sich als Freund für ihre Marlene. Nur einen neuen Haarschnitt brauchte er. Seine Haare fielen ihm ja schon fast bis auf die Schultern.
Sie hätte gern gewusst, warum er weinte. Achselzuckend machte sie sich wieder an die Arbeit. Die Nachtschicht war noch lang.
Susa stand an der Spur Richtung Autobahnauffahrt. Seit einer halben Stunde schon. Der Regen hatte ihre Kleidung durchweicht.
Niemand wollte sie mitnehmen. Sie senkte den Kopf und seufzte. Vielleicht sollte sie einfach im Motel an der Raststätte übernachten.
Neben ihr hielt ein Wagen. Ein altes orangenes Saab Cabriolet. Der Fahrer lehnte sich über den Beifahrersitz und kurbelte das Fenster ein Stück runter.
„Ich fahr Richtung Frankreich, soll ich dich mitnehmen?“
Warum er angehalten hatte konnte Jan nicht sagen. Vielleicht, weil das Mädchen im Licht der Straßenlaterne so verloren ausgesehen hatte. Sie lehnte an einem Cellokasten als wäre er ihre rettende Insel.Sie war mittelgroß und zierlich. Und tropfnass. Eine große Ledertasche hing über ihrer Schulter.
Sie beugte sich zum offenen Fenster. „Frankreich ist schön“, sie öffnete die Beifahrertür und klappte den Beifahrersitz nach vorn. Dann legte sie vorsichtig den Cellokoffer auf die Rückbank. Ihre Tasche daneben.Sie zog ihre Leinenjacke aus und stieg ein.
„Hallo, ich bin Susa“, sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die sie vorher an ihrer Jeans abgewischt hatte. Das erste was ihm auffiel war eine große rote Narbe, die sich über ihren ganzen Handrücken zog. „Hallo“, er sah ihr ins Gesicht. „Jan“, sagte er. Dann schlug sie die Tür zu und die Innenbeleuchtung erlosch.
Große grüne Augen, Sommersprossen, die sich von der blassen Haut abhoben wie Milchkaffeespritzer. Ihre Haare waren kurz, dunkel und standen nass und zerzaust in alle Richtungen, was ihr das Aussehen eines komischen Koboldes gab.
Und ihm fiel auf, dass sie so traurig aussah wie er sich fühlte.
Er konnte nicht sagen ob sie hübsch war, aber er fand sie interessant.
Sie kurbelte das Fenster hoch und schnallte sich an. „Von mir aus können wir“, im halbdunkel der Straßenbeleuchtung sah er sie grinsen. „Na dann“, er setzte den Blinker und gab Gas.
Na dann – auf geht's. Bin gespannt, wie diese beiden Traurigen sich gegenseitig wieder Sonne ins Leben zaubern. Warum denkt Rita über den Mann nach? Ist sie noch von Bedeutung oder wolltest Du nur verdeutlichen, dass Jan eigentlich ein Schwiegermuttertyp ist?
Hallo Andrea, ein sehr schöner Text von dir! Die Beschreibungen sind klasse, und es liest sich sehr flüssig und "romanhaft", weckt wirklich Interesse an deinen Personen. Besonders gefallen haben mir die Sommersprossen "wie Milchkaffeespritzer". Ein paar Zeitfehler sind drin, wo das Plusquamperfekt fehlt, und am Anfang gibt es vier Mal "schon". Weicht ein Cellokasten nicht auf nach einer halben Stunde in heftigem Regen, und stehen Haare dann noch ab? Liebe Grüße, Velarani
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15317
1. Teil Beitrag 14962, hier Beitrag Rosy
Rosy aus der Sicht ihrer Mutter und ihrer Grosi
Rosy ist bald 11 Jahre alt, ein apartes Girl, sehr eigenwillig, verträumt dazu und das Tanzen ist ihr Lebensinhalt.
In der Schule träumt sie, oft weiss sie nicht mehr, was die Lehrerin erzählt hat. Oft vergisst sie ihre Umwelt, so fährt sie morgens mit dem Velo ( Fahrrad ) in die Schule. Wenn abends ihre Mutter fragt:“ hast du dein Velo eingestellt?“ Dann studiert sie, ja, wo habe ich es? War ich heute mit dem Velo in der Schule? Sie weiss es selbst nicht mehr, aber es wird schon noch dort stehen, denkt sie.
So antwortet Rosy: „ ich glaube, ich habe es in der Schule stehen lassen.“ „ Mal wieder,“ sagt die Mutter.
Die Mutter von Rosy, Pamela Koller, schaut ihre Tochter an und sinniert, wenn die schwierigen Jahre weiterhin so glimpflich ablaufen, dann bin ich froh.
Am nächsten Tag kommt Grosi zu Besuch. Sie sagt zu ihrer Tochter:“ wenn ich Rosy beobachte, dann denke ich an die Zeit als du in diesem Alter warst“ „ Ja , aber ich war noch hinter dem Mond, was Rosy nicht ist,“ antwortet Pamela.
„Die Figur hat sie von dir, den schlanken Körper, die langen Beine, sie ist wie du fein gegliedert,“ Grosi wird unsanft unterbrochen. „Den Dickschädel, den hat sie von Ihrem Vater, auch die blauen Augen, das blonde Haar, den vollen Mund Alles der Papa und der ist sehr stolz darauf,“ antwortet Rosy`s Mutter und fährt in einem Atemzug weiter,
„sie wird immer zickiger, hast du schon einmal gesehen, wie sie läuft? Manches Mal mache ich mir Sorgen, von mir nimmt sie nichts mehr an, ich hoffe, das ändert sich wieder“
„Ja, ich weiss, was du meinst, neulich habe ich sie von der Tram ( Strassenbahn ) aus gesehen. Sie trug ihre hellblauen kurzen Shorts, ihre Haare zum Rossschwanz gebunden, lief sie die Strasse entlang. Ihren Kopf warf sie immer nach hinten, so dass der Rossschwanz wippte, ihren Körper bewegte sie als wäre sie im Ballett, die Arme hielt sie leicht vom Körper, schon provozierend. Ich will ja nichts sagen, aber es haben ihr Männer nachgeschaut und einer hat sogar gepfiffen. Die Tram musste langsam fahren, da war gerade diese Baustelle zum Zoo hoch. So konnte ich Rosy gut beobachten,“ erzählte Grosi.
„Ja, diese Körperhaltung!,“ meint die Mutter „ein freches Girl. Du kennst ja ihren ausgeprägten Willen und ihre Bockigkeit. Ich habe ihr wunderschönen Rock ( = Kleid ) in dem teuren Laden gekauft und weisst du was sie getan hat? Sie hat eine Schere genommen, den Saum bestimmt 7cm gekürzt, kürzer als ihre kurzen Shorts ,und hat einen Ärmel weggeschnitten. Diesen Ärmel bindet sie sich um ihren Rossschwanz. Weisst wie es mir schwergefallen ist, mich zu beherrschen?“
„Was macht eigentlich dieser Norman? „ will die Mutter noch wissen. „Ach,“seufzt Grosi, „das ist eine Geschichte für sich.“
Rosy über sich selbst
Ach, was für ein Tag heute! Immer will Mama mich rausputzen wie sie es schön findet, da kauft sie teure Sachen für mich, die ich nicht mag. Dabei habe ich es so oft schon gesagt, aber jeder denkt, ich bin noch ein Kind. Dann habe ich einfach die Schere genommen und den Saum abgeschnitten und einen Ärmel , den linken, ratschibutz rausgeschnitten. Jetzt war mir wohl in dem neuem Rock.
Dann habe ich Norman getroffen. „ Wau, du siehst mega gut aus,“ sagte er mir.
Das tut mir gut, ich glaube ja immer, ich sei nicht so schön. Heute habe ich mir einen Rossschwanz gemacht, den abgeschnittenen Stoff über das Gummi gewickelt und den neuen Rock angezogen.
Wenn ich gehe, wippt der Rossschwanz immer , der Jupe ist super kurz, meine Sonnenbrille, die ist ein Hit, jedenfalls meint Norman das.
Norman hat mir neulich gesagt, als wir am See entlang gelaufen sind, dass ich schön sei, meine Augen sind blauer als der See, meine Stupsnase und meinen Mund...,dabei streichelte er mich mit dem Finger über die Augen, die Nase und den Mund. Er will mich ja immer küssen, aber ich will das nicht.
Aber ich habe schönere Beine als Anna, die krumme, kurze Beine hat. Deshalb tanze ich ja auch so gut, mit langen Beinen tanzt man schöner, hat Dolores neulich zu dem Mann vom Theater gesagt, ich habe es gehört.
Ach, wenn ich doch nur schon erwachsen wäre...., seufzt Rosy .
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15316
Ermuntert durch eure Kommentare stelle ich hier noch ein Kapitel meiner Autobiografie ein. Es ist das Jahr 1957, Püppi ist nun Marie-Luise und hat eine richtige Freundin, Bärbel. Beide sind 13 Jahre alt und leben in West-Berlin. Hans-Peter ist Marie-Luises großer Bruder.
Taube in der Tanne
Sie haben begonnen sich täglich Briefe zu schreiben, die sie unauffällig unter das Pult der Freundin kleben und die ihnen immer wichtiger werden.
Heute sind sie nach der Schule zu Marie-Luise nach Hause gegangen und haben die ganze Wohnung für sich allein. In ihrem Zimmer posieren sie vor dem alten Schlossspiegel. Er ist zwei Meter hoch und mit Stuckgirlanden versehen. Davor steht ein ganz moderner kleiner Hocker, auf drei Beinen und mit einem zotteligen Wuschelsitz in Türkis. Marie-Luise führt ihren neuen Pettycoat vor – ein knisterndes Gebilde in drei gerüschten Lagen und dazu ihr erster BH – in Zitronengelb!
Sie berauschen sich beide an diesem Anblick: Marie-Luise dreht sich wie ein Derwisch vor dem Spiegel und wirft ihre braunen Haare in den Nacken und Bärbel jubelt „Lass mich auch einmal den Pettycoat anprobieren!“
Dann stehen sie in der Küche, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben Kartoffelpuffer braten wollen.
„Man reibt die rohen Kartoffeln ganz fein“ sagt Marie-Luise zu Bärbel.
„Nicht so fein, Lillilu,“ korrigiert Bärbel, „in Westfalen werden sie gröber gerieben. Und sie heißen dort Reibekuchen!“
Sie nennen sich jetzt Bibi und Lillilu, aber nur wenn sie allein sind.
Da die Kartoffelpuffer aber in Berlin und nicht in Westfalen gebraten werden, wird fein gerieben. Dann kommt noch eine rohe, geriebene Zwiebel dazu, auch ganz fein, und Salz, Mehl und ein Ei. Die Puffer kleben in der Bratpfanne an, sie mühen sich erfolglos ab! Gegessen werden sie jedenfalls mit Zucker und Apfelmus.
„Warst du aufgeregt, als du in die Ferien gefahren bist?“ fragt Lillilu.
Bibi hat heute keinen Pferdeschwanz, sondern einen kleinen Dutt und trägt einen dunkelblauen Twinset. Sie sieht so manierlich aus, wie sie sich das Fett vom Mund tupft und so aufrecht am Küchentisch sitzt.
„Wenn du wüsstest! Ich konnte schon Tage vorher nicht mehr schlafen! Aber ich fahre ja auch immer ganz allein nach Wethmar in Westfalen! Diesmal hat mich ein LkW von Berlin aus mitgenommen. Das hat mein Vater mit der Spedition so abgesprochen.“
„Oie!“ schluckt Lillilu, sie ist noch nie irgendwohin alleine gereist, geschweige denn in einem LkW! „Das war aber mutig von dir! Ich war dieses Jahr gar nicht aufgeregt und hab schon am Grenzkontrollpunkt Staaken die Stullen ausgepackt. Das Bauchkribbeln blieb weg! Auch als wir an der Nordsee ankamen!“
Sie gucken sich an, lachen, stochern in den zuckrigen Kartoffelpuffern rum.
Marie-Luises Tagebuch bleibt in diesen Tagen meist liegen – es ist nicht mehr so viel Zeit übrig, wenn man viel lernt und täglich einen langen Brief an die Freundin schreibt. Nur Lesen ist weiterhin angesagt und Hans-Peters Bücherschrank ist unverschlossen.
Und so fällt ihr eines Tages ein schmales Buch in die Hände: „SS im Einsatz. Eine Dokumentation über die Verbrechen der SS.“ Herausgegeben vom Kongress-Verlag in Berlin.
Wie ein Messer schneiden die Bilder in ihre Seele: Schwarz-weiß Fotos von Menschen in Trögen mit Eiswasser, an denen Kälteversuche durchgeführt wurden, verstümmelte Gliedmaßen, Berge von Leichen, Fotos von gynäkologischen „Behandlungsräumen“. Den Text kann sie nur bruchstückhaft lesen, weil sie immer wieder entsetzt das Buch zuklappt. In den Tagen danach zieht es sie trotzdem wieder zu diesem Buch hin, es brennt in ihren Händen, nimmt ihr den Atem und raubt ihr nachts den Schlaf.
„Bibi, um Gottes Willen, hast du das gewusst? Wie können wir denn damit leben!?“ schreibt sie in ihrem Brief an die Freundin. Aber diese weiß noch nichts von diesen Verbrechen. Im Geschichtsunterricht scheint es sich immer und ewig um Bismarck und die Gründung des Deutschen Reiches 1871 zu drehen. Und wenn sie beide im Geschichtsbuch weiter blättern, lesen sie, dass im Dritten Reich die Juden in Arbeitslager gebracht wurden, wo viele von ihnen starben – das ist alles. Von Gaskammern und Verbrennungsöfen, von Kältetests und medizinischen Experimenten ist keine Rede.
Und dann sendet das Fernsehen den Film „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais. Musik von Hanns Eisler, deutsche Bearbeitung von Paul Celan. So steht es in der Hör-Zu.
Im dunklen Wohnzimmer sitzen Papa, Marie-Luise und Hans-Peter und lesen den Vorspann, der ihnen nichts sagt. Aus der Küche kommen Geräusche und etwas Licht.
Sie starren auf die Mattscheibe und sehen Stacheldrahtzäune, Menschen mit eintätowierten Nummern auf den Armen, lesen „Reinlichkeit ist Gesundheit“, Evipan von Bayer, sehen Zellen in denen „tagelang gewissenhaft gefoltert wurde“, von Fingernägeln gepflügte Decken in Gaskammern, „Beton lässt sich erweichen“. Berge von Brillen, Schuhen, Koffern, Frauenhaar, fünfzehn Pfennig das Kilo beim Verkauf, man macht Stoff daraus, aus den Knochen Dünger, aus den Körpern Seife, aus der Haut Lampenschirme. Schauffelbagger schieben Leichenberge zusammen. Am Ende des Filmes müssen die Täter die Leichen begraben. Die Überlebenden schauen zu. „Ich bin nicht schuld!“ sagen die Kapos, sagen die Offiziere.
Die Kamera schwenkt über ein rostiges Gestell, das einmal ein gynäkologischer Stuhl war und jetzt in einer Unkraut überwucherten Landschaft steht. „Sind sie wirklich weg, die Täter?“ fragt die Kommentarstimme des Filmes.
Im Wohnzimmer herrscht erstarrte Ruhe, nur Marie-Luises heftiges Atmen ist zu hören.
Papa aber weint. Noch nie hat sie ihren Vater weinen sehen! „Ich schäme mich Deutscher zu sein!“ sagt er und dreht sein Gesicht weg.
„Aber was war mit Gott, Papa, sag mir das!“ bricht es aus Marie-Luise heraus.
„Das ist die Welt in tiefster Nacht, da hat Gott uns nicht mehr erreicht!“
Hans-Peter stürmt aus dem Zimmer, er hasst diese Gespräche über Gott! Mama kommt ins Wohnzimmer, prallt mit ihm in der Tür zusammen und will wissen, was hier los ist! Hans-Peter erzählt kurz von dem Film und Mama zerrt ihre Tochter weg vom Fernseher, über den Korridor, rein in Marie-Luises Zimmer.
„Ich will nicht, dass du so etwas siehst!“ Ihre Stimme empört.
Marie-Luise aber beginnt durchzudrehen! „Wie kann ich das jemals vergessen!“ Sie springt auf ihr Bett, steht dort und zeigt immer wieder zur Zimmerdecke: „Kratzspuren im Beton! In der Gaskammer!“ Sie schreit die Worte schrill ihrer Mutter entgegen.
Die zerrt an ihr, zwingt sie runter in die Kissen, bittet und bettelt endlich sich zu beruhigen. Erst als Marie-Luise sich weinend unter der Bettdecke verkriecht lässt sie von ihr ab, geht in die Küche, rührt einen Kakao an und bringt ihn ihrer Tochter.
„Hier Luischen, trink! Und dann schlaf und versprich mir, dass du dir so etwas nie wieder ansiehst!“
Bärbel hat noch keinen Fernseher zuhause und hat den Film nicht gesehen. „Oh Bibi, es war das Schlimmste, was du dir vorstellen kannst! Warum muss das in unserem Land passiert sein? Meinst du, dass es alle gewusst haben?“
@ Alle: Habt herzlichen Dank für eure Kommentare, ich freue mich, dass ich nun doch noch ein Feedback zu meiner Autobiografie bekomme, obwohl ich sie schon in die hinterste Ecke meines Schreibtisches verbannt hatte. Dann war meine Arbeit nicht umsonst! Auch dass mein Text bei euch eigene Erinnerungen auslöst, finde ich gut. Bin ich froh drüber! LG Lillilu
Hallo Lillilu, von Deinem Text war ich richtig ergriffen. Gerade durch den Kontrast der Teenagergespräche und dem Holocaust. Durch die Situation vor dem Fernseher hast Du die unterschiedlichen Reaktionen der unterschiedlichen Charaktere wunderbar veranschaulicht. Ich glaube, dass wird ein wirklich wichtiges und gutes Buch.
Hallo Lillilu, das ist ein sehr schöner Beitrag, und ich hoffe, dass du immer mal wieder was aus "Taube in der Tanne" reinstellst! Das ist sehr authentisch, sehr anrührend und spannend zu lesen. Die Sprache ist klar und einfach und die Dialoge perfekt! Außerdem ist die Szene sehr interessant, wie du ja auch an den Kommentaren sehen kannst. Mir ging es ähnlich mit einem Fernsehfilm über Hiroshima. Marcs Kommentar fand ich auch sehr nachdenkenswert, zumal ich einen Sohn habe, der nächsten Monat dreizehn wird. Vielen Dank auch für deine Kommentare, und gutes Gelingen für die "Redelsheimer"! LG Velarani
Ja, nachdem ich den Kommentar las, habe ich auch den Text gelesen. Berührend. Ich habe in der DDR gelitten und die Folgen davon trage ich noch heute im Gepäck mit mir herum. Eine Frau, die mir bereits 10x1,5 Stunden Coaching geschenkt hat, diplomierte Betriebswirtin ist, die hilft mir zur Zeit, meine Seele zu heilen.
Ein harter Kontrast. Auf der einen Seite die fröhlichen Teenager, auf der anderen das Leid der Holocaustopfer. Was mich jedoch am meisten erschüttert hat, war die Reaktion der Mutter. Der Film wäre ein guter Anlass gewesen, um dieses Thema einmal innerhalb der Familie anzuschneiden. Aber alles, was die Mutter dazu zu sagen hat, ist: „…versprich mir, dass du dir so etwas nie wieder ansiehst!“ Aber zu unser aller Glück hat Lillilu ihr Versprechen gebrochen und lässt sich bis zum heutigen Tag nicht mit Ausflüchten abspeisen. Bleib weiter dran!
Wie gut ich mich in "Luischen" hineinfühlen konnte. Dieser Film hat sie nicht losgelassen. So wie mich "Holocaust"! Doch mein Vater reagierte ganz anders: Er stürmte ins Wohnzimmer (meine Mutter werkelte derweil auch lieber in der Küche), beschwerte sich wütend über die "falschen" SS-Uniformen und die Schwarz-Weiß-Malerei der amerikanischen Filmemacher und dann machte er mir geschocktem Teenager den Fernseher aus. Ich schaute heimlich bei meinen Großeltern weiter, die ähnlich emotional wie Dein Vater reagierten. Sie hätte das alles nicht in dem Ausmaß für möglich gehalten, sagten sie. Meine Großmutter weinte. Leider hatte ich keine so gute Freundin wie Du, der ich mich später anvertrauen konnte. Ich verstehe nun, warum Du "Die Redelsheimer" schreibst und erwarte mit Spannung weitere Auszüge Deiner ausgezeichneten Biografie. Die Sprache ist einem pubertierenden Mädchen zu der Zeit sehr angemessen und veströmt mit Erwähnungen von Petticoat, Reibekuchen und der guten alten Hör den Zeitgeist der späten Fünfziger...(um Deinen zitronengelben BH beneide ich Dich:-))
Hallo Lillilu, die Berichte und Dokumentarfilme über dieses Thema haben mich auch sehr mitgenommen, aber so ergreifend, wie du es in Szene setzt, habe ich es noch nicht erlebt. Wann ist ein Kind, dein Kind, reif so etwas zu verarbeiten? Wann sollte es ihnen erklärt werden? Nicht plötzlich und unvorbereitet, nicht in einem bestimmten Alter. Gut und Böse ist nicht auf Damals beschränkt und nicht auf Deutschland. Die Krankheit des Menschen krausam zu sein ist Weltumpannend und Zeitlos. Erziehung darf nicht an Unangenehmen vorbei gehen und sollte sehr Früh, also aufbauend, beginnen. Dein Text hilft zu verstehen, weil er erlebt ist und nicht zitiert.
Hallo Lillilu, so ähnlich, wie Deine Mutter hat auch meine Oma reagiert, wenn das Gespräch auf die NS-Zeit kam. Vergessen, verdrängen, nicht hingucken. Die Ursache war aber wohl weniger Schuld, als Angst. Irgendwann hat sie auf die Frage meiner Mutter, warum denn niemand gefragt habe, wohin die ganzen Menschen verschwunden seien, sinngemäß geantwortet, man hätte doch gewusst, dass etwas Schlimmes passiert, wenn man sich einmischt. Jahre später, als sie hochdement war, hat sie sich immer mal wieder vor "denen" gefürchtet, weil "die" einen ganz genau beobachten und ihre Spitzel überall haben. Allerdings kann ich nur mutmaßen, wer "die" waren, weil sie zu viel Angst hatte, um "sie" zu benennen. Ich hoffe aufrichtig, dass Deine Mutter aus ähnlichen Gründen oder aus Rücksicht auf Dich (die Bilder sind auch für Erwachsene verstörend - für eine unvorbereitete Dreizehnjährige sind sie kaum erträglich) so gehandelt hat. Viele liebe Grüße Carola
Hallo Lillilu, auch ich erinnere mich noch deutlich an diese Bilder, denn vergessen kann man die nicht. Sie verfolgen einen ein Leben lang. Dass es immer noch Leute gibt, die diese perfekt dokumentierte Vernichtungsmaschinerie leugnen, kann ich nicht verstehen. Was ich dagegen sehr gut verstehen kann, ist deine "Besessenheit" (im positiven Sinne!), Licht ins Leben der Redelsheimer zu bringen. Dazu wünsche ich dir allen Erfolg, den du brauchst. Viel Grüsse, Numungo.
Hallo Lillilu, wie dich, nur Jahre später, haben mich als junges Mädchen die Bilder von Mord und Tod entsetzt und verfolgt. Wie schwer es doch den Erwachsenen fiel ihren Kindern diesen Wahnsinn zu erklären. Dein Vater hat anscheinend nicht , wie so viele in ihrer Hilflosigkeit, Gott verantwortlich gemacht.Mir gefällt wie du die Kontraste spannst: eine "richtige" Mädchenfreundschaft tut gut! Ich freu mich aufs Weiterlesen herzliche Grüße von papaya
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15315
Zufrieden tippte Anna die Enter-Taste und nahm einen großen Schluck Rotwein zu sich, und schaute entspannt aus dem Fenster, welches ihr Gesicht in der Dunkelheit widerspiegelte.
Sie war sehr dankbar, dass Luisa ihr nach Mischas Tod Asyl gewährt hatte.
Leise, um ihre beste Freundin nicht zu wecken, schlich Anna in ihrem weißen Pyjama und den rosafarbenden Wollsocken in die Küche. Sie kreierte sich einen Teller mit Käsebroten, Gürkchen und in Scheiben geschnittenen Tomaten, und beschloss gleich eine ganze Flasche Wein mit in ihr Domizil zu nehmen. Denn sie hatte das Gefühl, dass diese Nacht länger werden würde.
Zurück in Luisas ehemaligen begehbaren Kleiderschrak, machte sie schnell noch einen check up, ob ihre Kolumne auch wirklich an die Redaktion raus gegangen ist. Dann stellte sie die nächtliche Verpflegung auf den kleinen Stuhl neben dem Bett in dem sie seit sechs Monaten schlief, und setzte sich mit ihrem Laptop darauf.
Nun wollte sie sich wieder ganz ihrem verlorenen Lebensgefährten Mischa widmen. Ihm, und seinem dahmaligen heimlichen Doppelleben der illegalen Welt des Zockens, Lügens und Betrügens.
Sie lockte sich mit Mischas Passwort ein, und war gespannt wer von den Spielern online war.
Zu ihrer Freude hatte sie die Chance mit 'Enzo666' in Kontakt zu treten. Er war der, so sagten viele der anderen Spieler, Kopf der Bande, und somit höchstwahrscheinlich ein, oder der Grund für Mischas Entscheidung sich das Leben zu nehmen.
Anna setzte sich aufrecht hin und biss in eines ihrer Brote.
"Hallo Picasso", erschien auf ihrem Bildschirm, geschrieben von Enzo666!
Anna war glücklich darüber, dass er sofort anbiss.
"Oder sollte ich lieber sagen: Hallo Anna", lauteten die nächsten Worte von Enzo666.
Sofort ließ Anna das Weinglas los, welches sie gerade ansetzen wollte. Ihre Hände zitterten wie ein flimmerndes Herz kurz vor dem Stillstand, in dem sich ihr Wahres gerade befand. Sie war schockiert über die Tatsache, dass Enzo666 ihren richtigen Namen kannte.
"Na, überrascht?"
Anna versuchte ihre Hände zu bändigen und antwortete ihm indem sie schrieb: "Und wer bist du Enzo666?"
"Enzo666", kam als Antwort zurück.
"Mist", dachte Anna und nahm mit beiden Händen ihr Glas Wein und trank es halb leer. Für einen kurzen Moment überlegte sie Luisa zu wecken. Doch diese Idee verwarf sie sofort, da Luisa sofort die Polizei einschalten würde.
Annas Hände fanden wieder Ruhe, und ihr Mut ließ auch ihr Herz wieder rhythmisch arbeiten.
"Enzo666, wie wäre es denn, wenn du mir mehr von mir erzählst?"
"Deine Haare sind wunderschön, Anna! Sehr selten findet man ein so schönes Mädel wie dich! Wohl Anna, du musst jetzt nicht denken, ich sag das nur um dich zu beglücken! Deine Figur, dein zartes Gesicht mit den rehbraunen Augen und diesem extrem sinnlichen Mund."
"O.k. ich habe jetzt ein echtes Problem", flüsterte Anna. "Der Typ weiß wie ich heiße, und wie ich aussehe! Der hat doch mindestens eine Leiche im Keller, das ist jetzt sicher!"
"Enzo666, erzähl mir was von dir! Ich bin echt gespannt!"
"Ich weiss zum Beispiel auch, das du fast immer Jeans trägst, und dazu gerne kurze Fummel. Immer diese vielen Armbändchen oder Glücksbändchen rechts und links... Aber deine Haare, Anna! Diese wunderschönen langen braunen gekräuselten Locken, die haben es mir angetan. Oh, und der Duft den du trägst! Etwas blumig, eigentlich nicht mein Geschmack, aber in Verbindung mit deiner zarten, immer gebräunten Haut, deinen ewig langen Beinen, diesem kleinen, ich sag mal Kinderpopo, und diesen Haaren, die dein hübsches Gesicht mit diesem naiven Ausdruck und hauchdünnen Sommersprossen betten, ganz zauberhaft! Ganz zauberhaft Schneckchen!"
"Verdammt", dachte Anna, die sich jetzt angewidert fühlte, da dieser Enzo666 ihr ganz nahe gewesen sein musste, und erinnerte sich, dass sie sich in letzter Zeit einige Male beobachtet gefühlt hatte. Gegen den Willen ihrer Freundin im Haus zu rauchen, zündete Anna sich eine Zigarette an. Sie wollte dem Kerl so gerne auf die Schliche kommen, doch irgendwie wollte er auf ihre Plauderei nicht eingehen. Ihr wurde bewusst, dass sie von nun an sehr gefährlich lebte.
Enzo666 schrieb weiter: "Allerdings muss ich dir auch sagen, dass ich deine Stimme zwar ganz interessant finde, aber nicht passend zu deinem zierlichen Wesen! Versteh mich nicht falsch, aber ich finde sie ist zu tief und so rau, das gefällt mir nicht! So eine verruchte Stimme! Weißt du Anna, dein ganzes Wesen ist rührend. Du hast so etwas naives, fast schon witziges. Diese Stimme passt einfach nicht! Ach, und deine Körpersprache! Du hast einen Körper wie ein Modell, bewegst dich aber wie ein kleiner Junge! Wirklich! Du bist burschikos, Anna, es tut mir leid! Wenn du irgendwo stehst, dann stehst du in einem Hohlkreuz da, die Hände hinten in den Potaschen, oder auch einfach neben dir baumelnd... Wo ist da die Lady? Na, und dann deine Stimme! Ich würde mir eine helle, unschuldige, spritzig süße Stimmen für dich wünschen, passend zu deinem Parfum! Nicht diesen frivolen tiefn Hauch! Versuch doch ein wenig an deiner Stimme, und bitte auch an deiner Körperhaltung zu arbeiten. Mischa hat das sehr an dir gemocht, aber der ist ja jetzt tot!
Wir können ja nen ander Mal weiter quatschen? Viel Glück beim Zocken. Poker nicht zu hoch!"
Anna starrte auf den Bildschirm und nahm gerade noch auf, wie das Zeichen: 'Enzo666 online' auf 'Enzo666 offline' wechselte. Sie fasste sich mit ihrer erneut zitternden Hand an ihre Kehle. Hitzewallungen ließen ihr Schweißtropfen aus ihrer Stirn wachsen. Nun war ihr klar, dass sie mit einem richtigen Kriminellen in Kontakt getreten war. Und ihr wurde noch deutlicher, dass Mischa vor seinem Sprung in den Tod, in viel schlimmeren Schwierigkeiten gesteckt haben musste, als sie es sich vorgestellt hatte.
Dieser Text macht natürlich neugierig. Unbehaglich beim Lesen wurde mir von Anna Position. Ich sah schon Rotweinflecken auf dem Bett sowie Gürkchenreste unterm Kopfkissen. Am liebsten hätte ich eingegriffen und sie wieder an einen ordentlichen Tisch gesetzt. Sehr lebendig also, das Ganze. Kein Wunder, dass Enzo der Teufel solche Texte produziert. Das kommt dabei heraus, wenn man sich einlockt..:-)
Die Idee für die Beschreibung finde ich ebenfalls sehr gelungen. Allerdings klingen die Texte für mich eher nach Telefonat - nicht nach Chat. Die Informationen kommen zu geballt.
Mich hat deine ungewöhnliche Idee für die Personenbeschreibung beeindruckt. Das hört sich nach einem Thriller vom Feinsten an. Bin gespannt auf mehr. :-D
Eine tolle Szene, sehr bildhaft und total spannend. Super Idee, die Personenbeschreibung mit einer subtilen Drohung zu verbinden! Bin gespannt, wie's weitergeht. LG Velarani
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15312
Schon seit dem frühen Morgen waren ich und meine Cousinen auf den Beinen. Es gab noch viel zu tun. Die männlichen Helfer stellten Tische, Stühle und Bänke zurecht. Die Frauen legten Tischdecken und Servietten an ihren Platz. Gläser, Teller und Bestecke wurden poliert und angeordnet. Blumen und Kerzen bekamen ihren Platz.
Meine Füße brannten vom hin und her laufen Ich beschloss ins Nebenhaus zu gehen um nach zu schauen wie weit Oma wäre.
Schon auf der Treppe hörte ich Monika, meine älteste Cousine kichern. Sie angestellt im örtlichen Frisiersalon, wollte unsere Großmutter heute besonders schön machen. Oma hatte sich dagegen mit Händen und Füßen gewehrt, aber allen Zedern half nichts.
Ich öffnete die Tür und mir verschlug es glatt die Sprache.
Was hatte man aus dem kleinen, alten Wirbelwind, immer ein wenig liederlich aussehend gemacht?
Großmutter saß kerzengerade auf dem alten Bürostuhl aus Eichenholz mit dem Lederbezug.
Auf dem mächtige Sekretär in Opas Arbeitszimmer hatte Monika ihren dreigeteilten Spiegel postiert und so gekippt, dass sich Oma betrachten konnte.
Ich ließ mich in den Schaukelstuhl plumpsen und beobachtete wie Monika mit dem Haarspray ihr Werk vollendete.
Die weißen, dichten Haare die sonst immer unter einem Haarnetz gefangen waren, meist so gar staubig oder mit Tannennadeln verziert, wenn sie wieder einmal Brennnesseln am Waldesrad abschnitt, lagen in gleichmäßig gelegten Wellen am Kopf und schimmerten ein bisschen silbern.
Omas wachen, hellblauen Augen strahlten heute und lagen nicht wie so oft hinter dunklen Augenringen in tiefen Höhlen über der spitzen Wangenknochen.
Auch ich sah mich im Spiegel. Ja, die Augen hatte ich von Papas Seite, so wie Großmutter und all ihre Söhne. Selbst die kleine Stupsnase konnte weder sie noch ich verleugnen
Auf alten Bildern konnte man immer Omas blonde Lockenmähne bestaunen, die waren nun noch heller als blond, aber immer noch schön. Ich ärgerte mich immer über meine fast schwarzen und absolut glatten Haare aus denen man kaum etwas machen konnte.
Oma war nicht größer als ich und ich maß gerade mal einen Meter sechzig.
Aber sie hatte größere Hände und lange schmale Finger die ihr Alter verrieten.
Heute umspielte ein atemberaubendes, smaragdgrünes Kleid ihren drahtigen Körper, der sonst immer mit Trägerrock, je nach Jahreszeit in Sommer- und Winterausführung, und Kittelschürze gehüllt war.
Ihre kurzen, sehr geraden Beine waren sogar mit einer Feinstrumpfhose bekleidet, die Wollsocken für einen Tag in die Ecke geräumt. Ihre zierlichen Füße steckten nicht wie sonst in Holzpantinen, sondern in schwarzen Lackschuhen verziert mit grüner Schleife.
Sie saß die Arme auf der Stuhllehne ,mit erhobenem Kopf und sah sehr glücklich aus.
Ich fand sie immer noch schön, gleich einer Gräfin auf dem Titelblatt einer Illustrierten.
Jede Falte im Gesicht hatte ihre eigne Geschichte und passte genau dorthin wo sie war.
Um den schmalen Hals und die dürren Arme trug sie ihren Goldschmuck aus Amerika. Den sie schon seit den zwanziger Jahren besaß und sicher in der Truhe aufbewahrte.
„ Kommt Kinder wir gehen jetzt zum Fest. Mein Franz wird es nicht bereuen, dass er mich vor fünfzig Jahren abbekam.“ Sagte sie und lächelte verschmitzt.
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15303
Da es in meinem Roman mehrere Protagonisten gibt, ist hier eine weitere Beschreibung. Edith ist das Mädchen das ich in meinem letzten Beitrag bereits beschrieben habe.
Dieses abstrakte Bild. Ein leuchtend blauer Himmel, an dem die Sonne ihr schönstes Gesicht zeigte. Ein Park. Grüne Wiesen und bunte Blumen. Alte Bäume, die sich dicht umfassend in den hinteren Ecken drängten. Hie und da ein eine Familie auf einer weiß-roten Decke, mit ihren Picknickkörben. Lachend. Nichts ahnend? Nein. Nichts wissen wollend.
Und auf der anderen Seite. Eine kleine Familie, eng umschlungen, ängstlich. Das kleine Mädchen zitterte. Klammerte sich an die blasse Hand ihrer Mutter. Der Vater hielt schützend seine Hände vor sie. Sein Zylinder war herunter gefallen. Verloren kullerte er auf dieser grünen Wiese, mit den bunten Blumen.
Vor dieser kleinen Familie eine Schar Männer. In Uniformen. Mit Gewehren, die so gar nicht in diese Landschaft passen wollten. Sonne und Tod das sollte es einfach nicht geben. Und für die anderen parkbesucher gab es solche Sachen auch nicht. Warum auch? Arier hatten nichts zu befürchten. Sie konnten den Park besuchen, essen gehen, einfach alles tun. Aber Juden, solche Blutsverräter, die hatten etwas zu befürchten. Nach und nach wurden sie in den letzten Monaten mitgenommen. Dann kamen dunkle Wagen, mit Männern darin, wie diese es waren. Auch sie hatten Gewehre. Alle Juden aus dem Viertel wurden dann aus ihren Häusern gerissen, und in den Wagen geschleppt. Wenn sie sich wehrten... Ja dann, wurden die Gewehre benutzt. Und dann erging es den Juden, wie einer Blume, auf die man trat. Oft floss Blut. Immer jüdisches. Warum auch deutsches? Dieser Mann, Hitler, wollte nunmal keine Juden, so hatte man es Edith erklärt.
Und jetzt waren sie daran mitgenommen zu werden. Auch in einen dieser dunklen Wagen, vor denen sie sich doch so fürchtete. Doch ihr Vater würde sie beschützen. Und ihre Mutter, hielt sie fest. Gab ihr diesen Halt, den nur eine Mutter ihrem Kind geben konnte.
Dann sprach der Mann, dessen Stimme sie nie wieder vergessen würde. Er war noch so jung: "Widerstand ist zwecklos. Steigen sie ein, das Kind zuerst. Jede Form von Widerstand wird bestraft werden. Wir haben Auflagen, sie und andere von ihrer Rasse, nach Birkenau zu bringen."
"Birkenau, so nennen sie es also jetzt. Ich nenne es Mord. Wir wissen, was hinter den Mauern von Auschwitz vorgeht. Wir sind nicht blind." Das Gesicht ihres Vaters war wutendbrannt. Sein Bart kräuselte sich wieder, und die Ader auf seiner Stirn pochte heftig.
"Parasiten wie ihr es seid, haben nichts anderes verdient!" Der junge Mann schrie nun auch. Langsam die Beherrschung verlierend.
Die nächsten Augenblicke hatten sich in ihren Kopf eingebrannt. Der Mann, dieser junge Mann, mit der Hakennase, die sie immer an einen Angelhaken erinnerte, zu was er fähig war. Seine muskolösen Arme packten in Sekunden seinen Vater und warfen ihn zu Boden. Die grauen, harten Augen auf ihn gerichtet, hinter denen der Zorn loderte. Er war soviel größer als ihr Vater, wie sollte er sich da wehren? Zum ersten Mal in ihrem Leben zweifelte sie daran, dass ihr Vater, ihr Held, sie beschützen konnte.
Er zückte sein Gewehr, ein Lachen auf den schmalen Lippen, dann schoss er. Das Dröhnen des Gewehres hing ihr noch lange in den Ohren, machte sie krank, gar taub.
Blut floss. Die Augen ihres Vaters starrten star in ihre Richtung. Kein Leben war mehr dahinter. Nun konnte er den schönen Tag nicht mehr sehen. Nicht mehr mit ihr spielen. Sie nie wieder beschützen. Ihre Mutter schrie vor Ensetzen und Schmerz, als hätte ihr jemand das Herz heraus gerissen. Ein zweites Mal donnerte die Höllenmaschiene. Die wärmende Hand ihrer Mutter rutschte von ihrer Schulter. Fiel starr zu Boden. Nun lag auch ihr letzter Halt tot am Boden.
Blut strömte über ihre weißen Schuhe. Trügten das Bild im Park. Hätte nicht die Welt versinken müssen? Hätte die Sonne nicht schwarz werden müssen? Da lagen sie, ihre Eltern. Doch alles war gleich. Die Männer, die wieder in ihre Autos stiegen, das kleine Mädchen völlig vergessend. Die Familien die fröhlich in der Sonne spielten. Nur sie stand da. Wie versteinert. Aber sie durfte nicht weinen. Keine Schwäche zeigen. Musste sie ihre Eltern doch stolz machen. Und dann rannte sie. Rannte, um die Bilder zu vergessen, und die Welt, die sie so im Stich gelassen hatte.
Hier ist das entsprechende "Nürnberger Gesetz" vom Mai 1942: Mai 1942 Juden dürfen keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen. - keine Bücher mehr kaufen oder verkaufen - keine Haustiere mehr halten - jüdische Apotheker werden nicht mehr zur Prüfung zugelassen - keine Wälder und Grünanlagen mehr betreten Liebe Ann-Christin, eine traurige und sicher wahre Geschichte erzählst du hier! Gut, dass du der kleinen Edith und ihren Eltern hier noch einmal die Chance gibst aus der Vergessenheit herauszutreten. Noch einige Anmerkungen: ein Gewehr kann man nicht gut "zücken", weil es dafür zu lang und schwer ist, meist sagt man "zückte" für eine Pistole. Wie wäre es mit "er zielte" oder "er entsicherte", aber bei letzterem weiß ich nicht, ob man ein Gewehr entsichern muss - weiß es jemand hier im Forum? "..das kleine Mädchen völlig vergessend" ist nicht sehr geschmeidig, wie wäre es einfach mit "Sie vergaßen das kleine Mädchen" oder "Sie ließen sie stehen"? Es gibt noch einige, kleine Fehler, aber sicher überarbeitest du das ja noch, nicht?(z.B. Höllenmaschine nur mit "i"). Gutes Gelingen! LG Lillilu
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15273
Der Andere
Das Himmelsfeuer brennt über meinem Kopf , als ich mich auf den Felsen setze, mit dem Wind spreche und in allem, was ich fühle, eine Bedeutung suche. Osko´s Geist sagt der Sippe was zu tun ist, was richtig ist, er bewohnt meinen Kopf und jagt in meinem Herzen nach Ansehen. In mir wütet ein eigener Geist, Toa`s Geist, er wühlt in den Eingeweiden, pocht im Unterleib, bläht das Herz und kämpft im Kopf. Er ist viel größer! Vielleicht auch mächtiger? Seit ich den Wolf erschlug und Su`s Wunden leckte, beherrscht er mich. Ich nehme einen Stein und werfe ihn den Felsen hinab, schaue ihm nach und höre seinen Aufschlag. Das Himmelsfeuer hat sich in Glut verwandelt, versengt die Berge und entzündet die Wolken.
In der Ferne verstummt das Steinschlagen. Ich will meine Mutter spüren, sehne mich nach ihrem Trost und kehre zum Lager zurück.
Mit einem Bündel Holz unter dem Arm, ohne dass man die Höhle des ewigen Feuers nicht betreten darf, gehe ich zu ihr. Nea lächelt, weist auf ihren Schoss und ich lege meinen Kopf hinein. Wie verzaubert schaue ich in die tanzenden Flammen, fühle, wie mich die Unruhe verlässt und in den Boden sinkt. Nea wirft einen Kiefernzweig ins Feuer, ich mag, wenn es zischt und knackt. Sie legt ihre breite Hand auf meine flache Stirn, streicht über buschige Augenbrauen die über tiefen Augenhöhlen wuchern. So tief liegende Augen hat sonst niemand in dieser Sippe, nur wir beide.
„Wir haben große, runde Augen“, sage ich zu Nea, „ ich sehe besser, als die erfahrenen Jäger, höre mit größeren Ohren das rascheln von Wild, bevor es Gefahr wittert, dennoch erbeuten sie oft viele Tiere, weil sie lärmen. Warum?“ Sie antwortet nicht. Der Rauch steigt unter die Höhlendecke, er ist der Geist des Feuers, er ist unfassbar, verworren und schleicht ins Dunkel zu einem zweiten höher gelegenen Ausgang. Dort blieb ich mal stecken, weil mein Körper robuster ist; die Rücken der anderen sind flach. Was Osko`s Söhne zu zweit wegschleppen, trage ich ohne Mühe allein. Wenn wir im Spiel kämpfen, sind sie flinker, doch bekomme ich einen Schlag ab, spüre ich kaum etwas, sie dagegen schreien, wie angestochene Beute. „Obwohl ich nicht so bin, wie die anderen, mag mich Su.“ Die Hitze des Feuers schlägt mir ins Gesicht. Nea schaut mich eindringlich an. „Warum sind wir beide anders?, frage ich noch mal. Sie Wendet ihren Blick in die Glut und ihre Hände werden still.
Ein leises Summen geht durch Nea`s Körper, ein Summen und Wiegen, dass allmählich immer stärker wird, bis sich ihre wulstigen Lippen etwas öffnen und mir singend von einer anderen Sippe erzählen - die es nicht mehr gibt.
Vielen Dank für euer Interesse. @Numungo: Ja, es geht weiter, wobei ich zu Beginn nicht die Absicht hatte einen Roman zu schreiben, ich wollte nur lernen. @Elisabeth: Danke. @Papaya10: Bis jetzt habe ich mich noch sehr ungeschickt angestellt, dem Leser zu verklickern, warum die beiden anders sind, ich hoffe es gelingt mir noch. @Gina K.: Schön, dass du mich mit dem erwischt hast, was ich bei anderen so gern kritisiere – dem Überflüssigen. Daran erkennt man, wie wichtig dieser Austausch ist. Der ganze Steinwurfsatz kann raus, er sollte nur symbolisieren, dass Toa aus der Gedankenwelt aufgewacht ist und sich wieder der Taten im Leben widmet. „...bläht das Herz“, ist falsch ausgedrückt, vielleicht besser lässt das Herz wachsen, soll bedeuten, dass Toa verliebt ist. Dass er kindlich wirkt, will ich absolut nicht, nur unbeholfen, daran muss ich noch arbeiten. Nahezu beliebig gestalten möchte ich nicht, es soll keine Fiktion der Vergangenheit werden. Ich informiere mich genau über Fauna, Flora und die Menschen aus dieser Zeit, lasse alles weg, was nicht belegt ist. Daher fast nichts über Kleidung, ich werde versuchen das mit Logik zu überbrücken. Das Aussehen über Neas Erzählung zu schildern, ist eine gute Idee von dir, weicht aber von meinem Hauptanliegen ab, dem Vergleich im Zusammenleben zwei verschiedener Menschenarten (Homo sapiens / Homo neanderthalensis) und dass geht nur in der Gegenwart dieser gemischten Sippe. Übrigens, nach dem Kommentar von Carola Ottenburg auf #7908 habe ich dahingehend mein Konzept geändert. @Carola: Danke für deine Anregung. Su blieb Homo sapiens und Toa machte ich zu einem Neanderthaler. Die Knochenwülste klingen mir zu wissenschaftlich für schöngeistige Schreibe. Aber ich erkenne deinen Sachverstand und werde noch gründlicher recherchieren, um mich nicht zu blamieren.
Die Idee, Deinen Protagonist sich selbst im Vergleich zu den anderen beschreiben zu lassen, finde ich interessant. Das ist um so spannender, weil Du keinen Spiegel zur Hilfe nimmst. Statt der buschigen Augenbrauen hätte ich auf die Knochenwülste über den Augen abgestellt. Aber das ist wahrscheinlich Geschmackssache. Am überzeugenden Gesamteindruck ändert es nichts.
Wie schön du erzählen kannst! Wenn man deinen Text liest, fühlt man sich auch geborgen, wie dein Protagonist im Schoß seiner Mutter. Liebe Grüße
stimmungsvoll erzählt. Vor allem die Sätze eingangs über Oskos und Toas Geist gefallen mir. Schöne Idee wie der Protagonist sich im Schoss seiner Mutter am Feuer liegend selbst beschreibt. Wird er noch erfahren warum die beiden anders sind? Grüße von papaya
In der Steinzeit lassen sich Figuren und Umfeld nahezu beliebig gestalten. Diese Variante spricht mich an. Zur Textausführung: Wenn jemand einen Stein wirft, hat er ihn vorher genommen. Das muss nicht extra gesagt werden. Also einfacher "Ich werfe einen Stein den Felsen hinab". Aber wozu? Nur um hinterher zu schauen? Vielleicht, um die Tiefe der Schlucht auszuloten, oder um einen Wunsch auf die Reise zu schicken, oder um ein Signal zu geben an Osko und Toa. Woher kommen die Blähungen? In der Geborgenheit an der Feuerstelle wirkt die Selbstbeschreibung des kindlichen Altmenschen fehl am Platz. Nea hätte doch gleich anschließend Gelegenheit, in ihre Erzählung einfließen zu lassen, wie die Sippenmitglieder aussehen.
Warum bin ich anders? Eine Frage, die sich viele Menschen stellen, auch wenn sie es nicht zugeben würden. Und dennoch ist es gut, dass nicht alle gleich sind. Du hast deine Beschreibung in schöne Bilder gehüllt und mein Interesse geweckt. Ich möchte noch mehr lesen! Viele Grüsse, Numungo (14703, 15010).
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Renate sah Torsten überrascht an. Sollte das sein Ernst sein? Ihre schönen grün braunen Augen funkelten und blitzten angriffslustig. In ihren Augenwinkeln hatten sich erste Fältchen gegraben, Lachfalten, die ihr Gesicht interessanter und fröhlicher machten. Auf ihren Nase tanzten die Sommersprossen. Ihr Gesicht wurde von langen blonden und glatten Haaren eingerahmt, in die sie sich hatte lebhafte goldenen Strähnen einfärben lassen. Heute waren ihre Haare frisch gewaschen und sahen besonders duftig aus. Sie fielen ihr bis weit über die Schultern. Sie riss die Augen weit auf, sie glänzten voll Lebensfreude und kurz zuckte ihr Mund, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. „Du willst wirklich einen ganzen Tag die Kinder übernehmen? Habe ich dich richtig verstanden?“ prustete sie los. Torsten guckte jetzt etwas verstört drein und auch etwas beleidigt. Ja, er hatte seiner Frau eine Freude machen wollen und jetzt nahm sie ihn nicht Ernst. Renate wischte sich die Lachtränen aus den Augen, ihre Wangen glänzten rot und feucht, ihre vollen roten Lippen vibrierten, sie musste sich die Seite halten, so hatte sie dieser Lachanfall angestrengt. Trotzig sagte Torsten: „Natürlich habe ich das Ernst gemeint. Traust du mir das nicht zu?“ Jetzt war sein Ego doch etwas angekratzt. Renate lächelte ihn an, dann sprang sie von ihrem Stuhl auf, legte ihre schlanken Arme um seinen kräftigen Oberkörper und drückte ihm spontan eine herzhaften Kuss auf den Mund. „Gern nehme ich das Angebot an. Ein freier Tag, wie lange hatte ich das nicht?“ Torsten war sogleich versöhnt, auch er umschloss Renates Taille mit seinen muskulösen Armen und zog sie ganz fest an sich, dann strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht, um sie nochmals zu küssen. „Er würde schon mit Alina und Torben fertig werden, was sollten im zwei noch nicht schulpflichtige Kinder anhaben können.“ dachte er. Aber er hatte sich geirrt.
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