140 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 9 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

Schreiben Sie mit!

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Kapitel 9 mit Übungsaufgabe

27.02.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Eingetragen am: 09.03.2008 von Isabel
[ Lesezeichen ]

6284

„Reagieren Sie allergisch auf Kontrastmittel? . . . Metall am Körper kann Verbrennungen hervorrufen. . . . ungefähr eine halbe Stunde . . . laute Klopfgeräusche . . . in einer 1,60 m langen Röhre . . .“

> Ach du Schreck, na das kann ja was werden. Hoffentlich bekomme ich keine Platzangst.<
Ich setze meine Unterschrift unter den Begleitzettel, den ich vor drei Wochen bei der Anmeldung zum MRT erhalten habe. Ich hatte ihn in die Tasche gesteckt und völlig vergessen, und nun erfahre ich – zehn Minuten, bevor ich losmuss – was mich gleich erwartet.
Ich sehe es positiv: zum Panik bekommen ist es jetzt noch früh genug. Mein Herz schlägt bereits schneller, mir wird flau > ich muss schnell noch mal aufs Klo < und in den Ohren baut sich unangenehm Druck auf. Ich atme tief durch, schlucke ein paar Mal und hoffe, es wird wieder besser. Ich habe keine Zeit, dem mehr Beachtung zu schenken. Ich bin wie immer spät dran und muss los.

Ich war schnell genug, um doch noch pünktlich zu sein und reiche der Schwester an der Anmeldung meine Papiere. Sie fordert mich auf, noch einen Moment Platz zu nehmen. Ich setze mich ins Wartezimmer und versuche mich abzulenken. Der Raum hier ist hoch und hell. Aber an seiner sterilen Atmosphäre können auch die gleißend hereinfallenden Sonnenstrahlen nichts ändern. Ob dieses Gebäude noch aus der Gründerzeit stammt? Die hohen, durch Fensterkreuze unterteilten Doppelfenster lassen es mich vermuten. Aber genau weiß ich das nicht. Habe das nie richtig auseinanderhalten können.
Draußen knattert einsam ein Presslufthammer. Mir gegenüber sitzt ein älterer Mann im blaukarierten Hemd und blättert eine Illustrierte durch, hält inne, wirft mir einen verstohlenen Blick zu, zögert und reißt dann doch eine Seite raus. Es ist ein Kreuzworträtsel. Er lässt es in sein mitgebrachtes Buch verschwinden und legt die Zeitung beiseite, greift sich die nächste. Eine ziemlich dicke, aber gut gekleidete blonde Frau mittleren Alters kommt rein. Sie nimmt diese Zeitschrift, setzt sich ächzend auf einen der schwarzen Stühle und versucht mühsam durch ihre extrem starken Brillengläser den erstbesten Text zu entziffern.
> Immer noch dieser pulsierende Druck auf den Ohren.<
Ich schlucke und drücke ein paar Mal mit dem Zeigefinger auf die Ohröffnung, um einen Druckausgleich hinzubekommen. Mit mäßigem Erfolg.
Mein Blick fällt auf ein riesiges Plakat, genau mir gegenüber. Werbung für den Beruf des Medizinisch Technischen Assistenten. Wer ihn ergreift, kann sich später für die Laboratoriumsmedizin, Radiologie, Funktionsdiagnostik oder Veterinärmedizin entscheiden. Den jungen Leuten werden Zukunftsaussichten suggeriert.
Mehrere alte, dicke Männer schlurfen vorbei und lenken meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie tragen allesamt Trainingshosen unter denen Stützstrümpfe hervorlugen.
> Ich muss unbedingt wieder Sport machen! < . . .
> Hoffentlich komme ich gleich dran. <
Ich schaue auf die Uhr. > Zehn Minuten nach dem Termin, das geht noch. <

Kurz darauf werde ich aufgerufen. Ich soll Rock und Schmuck ablegen, ach ja, und sicherheitshalber den BH, falls dort Metallteile eingearbeitet sind. Unter starken Magnetfeldern soll nun getestet werden, wie sich mein Körpergewebe dabei verhält.
Ich muss mich auf einen Tisch legen, die Beine über ein Keilkissen. Die Assistentin verpasst mir große Kopfhörer, um die starken Klopfgeräusche abzumildern, sagt sie. Sie ist nett. Ich soll den Kopf in einen gitterförmigen Zylinder schieben und die Augen schließen. Schmerzen habe ich bei der Magnet-Resonanz-Therapie nicht zu befürchten, aber hoffentlich bleibt meine Phantasie auf Standby.
> Also schön gleichmäßig und tief in den Bauch einatmen! Wird schon schief gehen! <
Eine Panik-Klingel wird mir in die Hand gedrückt und beruhigt etwas.
Samt Tisch fahre ich in den Tunnel und spüre meinen rechten Arm an die Wand drücken, wage aber nicht meine Stellung zu verändern.
> Nicht drüber nachdenken und tief einatmen! Arme und Beine locker halten! - Loocker! - - - Gut so! <
Die Klopfgeräusche beginnen bereits. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, mir Bilder vorzustellen. Das Klopfen ist rhythmisch, erzeugt unterschiedliche Töne. Die ersten beiden Sequenzen erinnern mich an Techno. Das ist schön. Ich mag diese Musik. Sie beflügelt mich beim Schreiben, erzeugt gute Gefühle. Ich muss an meinen Sohn denken und die Zeit, als er noch bei uns zu Hause am Mischpult stand. Ich vermisse diese Stunden der Gemeinsamkeit, aber er ist flügge geworden und lebt seit drei Jahren in einer eigenen Wohnung.
Mein Puls ist jetzt ganz ruhig, tief und gleichmäßig meine Atmung.

Die Tonfolge und der Rhythmus ändern sich.
> Wie hört sich das an, überlege! Hmm - - als wenn ich auf einem Landeplatz stehe? Unter einem Hubschrauber mit rotieren Blättern?- Ja, genau! Macht einen ziemlichen Krach. Gut, das ich die Kopfhörer aufhabe. <

Mein Arm drückt und holt mich von dort zurück. Das Bild von einem Sarg drängt sich auf. Wie oft mag es wohl in früheren Jahrhunderten vorgekommen sein, dass jemand, der eigentlich nur Scheintod war, lebendig begraben wurde? Ich stelle mir vor, wie er munter wird und voll Entsetzen seine Lage begreift. Wie er nach Luft ringt und versucht den Deckel zu öffnen. Aber es wird ihm nicht gelingen. Es sei, es ist der Moment, wo die trauernde Familie noch am offenen Grab steht und dumpf seine Schreie hört. Und nur wenn die entsetze Menge nicht die Flucht ergreift, hat er für kurze Zeit die Chance daraus befreit zu werden – ehe er den Erstickungstod erleidet.
> Na prima! Diese Vorstellung habe ich jetzt gerade noch gebraucht!< Mein Herz beginnt zu rasen. Meine Lider flattern und ich halte sie krampfhaft zusammen. Wenn ich sie jetzt öffne und über mir die weiße Wand sehe, verliere ich bestimmt die Beherrschung. Und außerdem, versuche ich mich gleich zu beruhigen, hat man damals nicht umsonst den Verstorbenen noch einige Tage aufgebart. Man wollte genau das vermeiden und konnte so beobachten, ob der Körper auch wirklich in sich zusammenfällt und ob sich der Geruch verändert.
> Na also, atme langsam und tief in den Bauch! - Tiiief und gleichmäßig! – Deine Arme und Beine sind locker! - - - Konzentriere dich auf den Hubschrauber! - Seine Blätter rotieren! - - -
Aah, da ist wieder der Techno-Rhythmus. - Tief und gleichmäßig atmen! <
Ich zähle die Rhythmusfolge: eins-zwei-drei-vier-fünf-sechs-sieben-acht – Wechsel: eins-zwei-drei-vier-fünf-sechs-sieben-acht. Ich komme allmählich zur Ruhe.

> Wie lange bin ich schon drin? <
Ein neuer Rhythmus, - - - Hört sich an, wie Massebrummen, dass man über Lautsprecher hört, wenn zwei Geräte mit einem nicht genügend abgeschirmten Kabel verbunden sind. Ein tiefer lauter Brummton, der sich vibrierend durch meinen Körper ausbreitet. Ist aber nicht unangenehm.

> Mir juckt die Nase, kann ich da jetzt kratzen? - - - Lieber nicht. < Ich will auf keinen Fall diese Wände berühren, um nicht das Gefühl von Enge erneut zu beschwören. Und schon drängt sich wieder das Sargbild auf. Schweiß sammelt sich unangenehm unter den Achseln und auf der Stirn. Ich umkralle den Panik-Knopf.
> Hallo, du wirst jetzt nicht durchdrehen! Konzentriere dich! Stell dir die brummenden Lautsprecher vor! Und nun die Rotorblätter! - - - Gut! - - - <

Was diese Untersuchung betrifft, so versuche ich mich nicht heiß zu machen. Meine Augen sind schlechter geworden, ja, und auch das Sichtfeld ist eingeschränkt. Aber ich schiebe das alles auf Anstrengung. Kann sicher nicht schaden, mal alles gründlich untersuchen zu lassen. Aber an die Möglichkeit, dass mit ihnen ernsthaft etwas nicht in Ordnung ist, möchte ich gar nicht erst denken.

Ich soll die Augen geschlossen halten, aber sie flattern bereits wieder. Ganz schön schwer, wenn es einem extra gesagt wird.
> Atme! Tief in den Bauch hinein! Stell dir den Wind vor, wie er durch deine Haare und die Jacke fegt. – Atmen! - - - Gut so!
Hm, was könnte das sein? Hört sich an, als ob tibetische Mönche in ihrem Singsang vertieft sind, nur lauter. Das ist angenehm. - - - Also, am Arm, das wird mir jetzt langsam lästig. Kann aber sicher nicht mehr lange dauern. - - - Ach ja, tibetische Mönche. Wirklich, hört sich tatsächlich so an! - - - Das ist schön. < Ich werde ruhig und entspanne mich.

Die Klopfgeräusche haben aufgehört und ich verlasse mit den Füßen voran die Röhre. > Endlich! <
Die Kopfhörer werden mir abgenommen und ich kann runtersteigen.

„Alles in Ordnung? Sie sehen etwas blass aus.“
„Na, die Phantasie wird ja hier ganz schön beansprucht. Aber es geht schon wieder!“
„Ja, ja, hier macht sich jeder so seine eigenen Gedanken!“, erwidert die Schwester grinsend.


Kommentar von Isabel

Hallo, Ihr 6, vielen Dank für Eure netten Kommentare. Habe mich sehr darüber gefreut. Und Metta hat schon wieder recht, - ärgern! ärgern! :-) - diesmal was die Tippfehler betrifft. 10 x gelesen und doch nicht aufgefallen: der Scheintod, aber scheintot sein und aufbahren. Und die Lider zusammenhalten, geht etwas schlecht und wenn, sähe es sicher blöde aus. - O K. Liebe Grüße Isabel

Eingetragen am: 12.03.2008

Kommentar von Maju

War zwar noch nie in so einer Röhre und dachte immer, das ist kein Poblem. Du hast mich eines Besseren belehrt. Du hast es so gut und anschaulich geschrieben, dass ich mir wünsche, nie, nie in so eine Röhre zu kommen. Super geschrieben. LG. Maju

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Lillilu

Ja, so geht's einem in dieser Röhre! Bei den älteren Geräten kommt man mit der großen Zehe schon an die Decke - Teufelszeug! Hoffe, dass der Befund dann OK war. LG Lillilu

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Azahar

Mir hat dein Text sehr gut gefallen, vor allem die Beschreibung der Zeit im Wartezimmer. So eine ähnliche Situation hat sicher schon jeder mal erlebt, aber nur wenige können sie zu Papier bringen. LG Azahar

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Hey, super! Ein ganz anderer Text (falls es hier nicht zwei Isabels gibt ;-), und der ist sehr lebendig geworden. Besonders hat mir der Satz mit der Phantasie im Stand-by-Betrieb gefallen. Ein paar winzige Kleinigkeiten: Halte die Lider lieber geschlossen als zusammen. Wenn jemand scheintoT ist, wird er aufgebaHrt und bekommt schon nach kurzem die Leichenstarre als sicheres Todeszeichen - es gab eine Zeit, da hatte man zur Sicherheit Klingeln im Leichenhaus installiert. Weil davon aber nie jemand Gebrauch machte, wurde das wieder abgeschafft.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von M.P.

Wunderschöne Beschreibungen der Atmosphäre. Es drängten sich mir Bilder auf, obwohl ich diese Röhren zum Glück noch nie benötigt hatte. Aber ich kann mir jetzt vorstellen, was mich vielleicht einmal erwarten wird. Vielen Dank für diesen Blick in meine Zukunft. LG M.P.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Wirklich spannend erzählt!

Eingetragen am: 10.03.2008

Eingetragen am: 09.03.2008 von Sonja Be.
[ Lesezeichen ]

6278

Der Weg ohne Jakob - der auf den Jakobsweg führt. Von Etappe zu Etappe beschrieben.
Anfangs noch hochmotiviert,
dann mit der Strecke konfrontiert,
von unerwarteten Hindernissen frustriert,
wird desilliosoniert pausiert,
um sich doch wieder zu erheben,
dem (selbstgewählten) Schicksal ergeben,
geht es mühsam weiter und weiter,
Sprosse für Sprosse auf der Himmelsleiter,
fiteren Wanderern verbissend winkend,
den Blick auf das glorreiche Ziel gerichtet,
schleppst Du Dich stolpernd und hinkend,
entkräftet zur versprochenen goldenen Medaille.
Doch das Glück ist kurz, wird mit grausamen Worten vernichtet:
Was hier glänzt, ist nicht echt, sondern Blech, Du Kanaille.
Aber bevor Du nun glaubst, man hätte Dich beschissen,
sollst auch Du belohnt werden, mit Lob und geheimen Wissen:
Der Weg ist das Ziel!
Ach ja, und nun solltest Du Dich beeilen - dort drüben steht Dein Bus nach Hause. Oder möchtest Du die Strecke noch einmal gehen?

P.S. LG und bitte nicht persönlich nehmen. ;-)


Kommentar von Metta Maiwald

Jo, das mäch ma'! :o)

Eingetragen am: 24.03.2008

Kommentar von Sonja Be.

Die folgenden fünf Buchstaben sind sehr persönlich gemeint: DANKE. Dann übe ich jetzt wohl mal weiter - näch? LG :-)

Eingetragen am: 12.03.2008

Kommentar von Maju

Liebe Sonja, also, ich wollte Dir wirklich nicht zu nahe treten und hör bloß nicht auf zu schreiben. Vielleicht habe ich ja das Gedicht nicht richtig verstanden. Aber Dein Antwort-Kommentar ist echt klasse. Vor allen Dingen reimt er sich besser. LG. Maju

Eingetragen am: 12.03.2008

Kommentar von Frog

Hi, könntest Du mich Dummi denn nicht doch aufklären, wie's nun gemeint ist? Es ist so schwer, hier im Meer der tanzenden Buchstaben immer richtig zu interpretieren - für mich jedenfalls.

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Lillilu

Nun lass mal bloß das Schreiben nicht! Wäre doch schade! LG Lillilu

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Lucky

Ich glaube, ohne das "bitte nicht persönlich nehmen" wäre das Gedicht gut angekommen. Oder war das der Reim auf die letzte Zeile? ;-) Dein Antwort-Gedicht finde ich toll, musste einige Male lachen. Gewöhn' Dir das Reimen bitte nicht ab. Ein-Gedicht-in-einem-Jahr.de?

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Lillilu

Na Sonja, bei diesem Weg ist der Weg auch ganz sinnbildlich und praktisch das Ziel, da sind wir uns beide einig! Schön geschrieben, auch mit Humor. LG Lillilu

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Maju

Ist das jetzt ein Gedicht auf UNSER Bemühen in diesem Kurs? Aber ein richtiges Gedicht ist es leider auch nicht geworden. Erinnert mich etwas an "Kreuzworträtsel mit Gewalt" von Kishon. Nicht böse sein. LG. Maju

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Sonja Be.

Siehste, tadelt mich mein Lektor, das ist jener gefährliche Faktor, der, metakommunikativ betrachtet, nun Deinen Flow dorthin verfrachtet, wo Du ihn gar nicht haben wolltest. Worte werden ganz individuell interpretiert, besonders, wenn man sie aneinander reiht, was Du, Sonja, nun wissen solltest. Und wenn Dich Jakob mal wieder inspiriert, bedenke, vielleicht wird's Dir krumm genommen. Denn dazu ist es ja jetzt gekommen. Auf emotionaler Ebene hat man Dich eingefangen, ahnungslos bist Du dieses Risiko eingegangen. Aber ich hoffe,dass man wird Dir großzügig verzeiht. Ja, seufz. Das nennt man wohl Anfänger-Pech, näch? Und nun? Lass ich ... das Schreiben ... bleiben? Sonja :-(

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Frog

Der Jakobsweg – eine sinnlose Anstrengung...? Eine Abrechnung mit einem der zahllosen um Erleuchtung ringenden Pilger, der Dir persönlich bekannt ist? Gefällt mir, kommt bissig rüber... Besonders schön dann der Bus zum Schluss. Und wieder hat die Touristenfalle zugeschnappt... Ist das so gemeint?

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Ist das jetzt ein Text (Wo ist die Gefangenschaft?) oder ein deplatzierter Kommentar? Oder sollen wir ALLE das Gedicht nicht persönlich nehmen, weil es eine Allegorie unseres schriftstellerischen Bemühens ist?

Eingetragen am: 10.03.2008

Eingetragen am: 09.03.2008 von Necke99
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6264

Mein Abschied aus dem Tal der Ahnungslosen


Fernsehen, Radio, Zeitungen, Bücher, Internet – die Informationsmöglichkeiten sind heute fast unend-lich. In meinem Job ist Information das A und O. Vielleicht mache ich ihn deswegen so gern, weil ich weiß wie es ist, nur zensierte Nachrichten und gefiltertes Wissen vermittelt zu bekommen. 16 lange Jahre lebte ich im Tal der Ahnungslosen. Viele von Ihnen werden sich jetzt fragen, was das ist, das „Tal der Ahnungslosen“? Die Stadt Dresden wurde zu DDR-Zeiten mit diesem satirisch anmutenden Namen versehen. Westfernsehen konnte in Dresden nicht empfangen werden, weil die Stadt im Tal lag. Die Bezeichnung „Ahnungslosen“ sollte den Umstand verdeutlichen, dass die Stadt im sozialisti-schen Tiefschlaf lag. Was in der Welt wirklich passiert, kam nur durch Mundpropaganda in der friedlich schlummernden Stadt an. Offiziell informierten DDR-Zeitungen, die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ und der Staatsbürgerkundeunterricht, wie erfolgreich der Sozialismus sei und wie schlecht es den Menschen im Kapitalismus gehe.

Der vom DDR-Regime gewünschte Tunnelblick bekam in den 80er Jahren bei immer mehr Menschen Risse. Im Ostseeurlaub hörte man, wie marode das System wurde, dass immer mehr Menschen Aus-reiseanträge stellten oder Republikflucht begingen. Fragen kamen auf. Warum wollten die anderen gehen? War es der Wunsch nach freier Wohnortwahl und das Interesse andere Länder zu bereisen? Das Bedürfnis einer freien Meinungsbildung? Die knapp 71.700 Menschen, die bis Ende 1984 ausge-reist sind, konnten doch nicht irren. Bis kurz vor der Wende 1989 waren es offiziell rund 172.600. Die Dunkelziffer liegt um einiges höher. Frei fühlen und sein, das war auch der große Traum meiner El-tern. Im August 1985 stellten sie einen Ausreiseantrag, der nach über dreijähriger Wartezeit – in der es jeden Tag hätte losgehen können - am 14. September 1988 genehmigt wurde. Die Genehmigung, die schriftliche Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft, das Kofferpacken und die Ausreise mit dem Zug – alles innerhalb eines Tages. 24 Stunden in denen Freude, Aufregung, Tränen, Angst und Glück ganz nah beieinander lagen. Die Tage, Monate und Jahre des Wartens bis zu diesem Tag wa-ren von einem Augenblick auf den anderen vergessen.

Rückblende

Der Sommer `85 war für mich ein besonders schöner Sommer. Wir bekamen die Genehmigung von der Behörde für Staatssicherheit, dass wir 14 Tage in Ungarn Urlaub machen durften. Dieses Privileg – es muss wirklich so bezeichnet werden, denn etwas so Besonderes war es – erhielt nicht jeder. Streng geheim war, dass wir uns dort mit einer befreundeten Familie aus dem Westen treffen wollten. Das dieser Urlaub den Grundstein für den Weg in die grenzenlose Freiheit legen würde, war mir vor-her nicht bewusst.

Sonne, Badeausflüge, ungewohnte Einkaufsmöglichkeiten, als frischgebackener Teenager verbrachte ich einen unbeschwerten Sommer. Die heimlichen, leisen, jeden Abend wiederkehrenden Gespräche meiner Eltern über die geplante Übersiedlung in die BRD blieben mir verborgen.

Ein Septemberabend, normaler hätte er nicht anmuten können, sollte mein Leben schlagartig ändern. Das Essen stand auf dem Tisch, mein Bruder und ich stritten uns, wer anschließend beim Aufräumen helfen sollte, als meine Eltern uns die große Neuigkeit mitteilten. Meine Mutter fragte uns: „Was haltet Ihr davon, wenn wir in den Westen umziehen?“. Mein Bruder war zu jung um zu verstehen, was das bedeuten würde. Ich allerdings fiel in ein Wechselbad der Gefühle? Was ist mit den Großeltern? Zie-hen sie auch mit um? Was wird aus meinen Freunden? Die sehe ich ja nie mehr wieder. Wie sind die Menschen da drüben? Für mich als Teenager war die Ankündigung meiner Eltern einerseits ein gro-ßes Drama auf meiner Lebensbühne. Andererseits meldeten sich auch die Neugier und das Gefühl, etwas Besonderes, Neues und Aufregendes zu erleben. Das alles und die aufmunternden Worte mei-ner Eltern machten mich bereit für den alles ändernden Schritt auf den Weg ins neue Leben. Am Ende des Abends freuten wir uns alle und verspürten eine fiebrige Aufregung. Als wir schlafen gingen, sagte meine Vater: „Träumt doch schon mal vom neuen Leben“. Keiner ahnte in diesem Moment, welche Prüfungen noch auf uns zukommen sollten.

Ein sehr grausames Erlebnis war für mich der erste Tag in der Schule nach der Beantragung der Aus-reisegenehmigung. Frau Hofmann, meine Klassenlehrerin, schickte mich gleich am Anfang des Unter-richts vor die Tür. Ich stand mutterseelenallein vor der Tür und grübelte, was ich angestellt haben könnte. Nichts, was ich falsch gemacht haben könnte, fiel mir ein. Nach 5 Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, wurde ich wieder hereingerufen. Es war mucksmäuschenstill in der Klasse. Ich wollte schon zu meinem Platz in der vorletzten Reihe gehen, als Frau Hofmann mir sagte, dass ich mich neben ihren Tisch stellen solle. Die ganze Klasse schauten mich an, als meine Lehrerin sagte: „Wie ich Euch gerade erzählt habe, haben die Eltern von Antje einen Ausreiseantrag gestellt. Antje und ihre Familie sind ab jetzt Staatsfeinde unserer geliebten Deutschen Demokratischen Republik.“ Danach forderte sie mich auf, mich auf meinen Platz zu setzen und fing mit dem Matheunterricht an, als ob nichts geschehen wäre. Ich war total verängstigt, fürchtete mich vor der Pause und den Reakti-onen meiner Mitschüler. Meine Lehrerin wollte damit erreichen, dass ich aus der Klassengemeinschaft ausgegrenzt, und so dem psychischen Druck der Außenseiterin ausgesetzt werde. Mein Glück war, dass ihr das nicht gelang. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die meisten Mädchen und Jungen in meiner Klasse sehr viel offener dem Westen und dem Kapitalimus gegenüber standen, als man das vermutet hätte. In meiner Klasse waren viele in der Kirche oder hatten Westverwandtschaft. In der Pause kamen sie zu mir und sagten, dass es sehr schade ist, wenn ich wegziehe und ob ich trotzdem mit ihnen befreundet bleiben will. Mir fiel ein Stein vom Herzen und unsere Freundschaft wurde noch stärker. So ging für mich das Leben in der Schule erst einmal normal weiter.

Meine Eltern hingegen verloren sofort ihre guten Arbeitsplätze (Bild- und Tonmeiste und Sachbearbei-terin im Wohnungsamt), so dass meine Großeltern uns unterstützen mussten, bis meine Eltern Schwarzarbeiterjobs als Gärtnereiangestellter und Putzfrau gefunden hatten. Wir brauchten in der Zeit viel Geduld und starken Willen.

Manchmal fragten wir uns, ob Ausreisen wollen wirklich so schwer sein sollte. Eine andere, immer wiederkehrende Prüfung war der wöchentliche Pflichtbesuch in der Dresdner Zweigstelle der Behörde für Staatssicherheit. Mit diesen Gesprächen sollten meine Eltern zur Vernunft gebracht werden, unter Anwendung verschiedenster Verhandlungstaktiken (Versprechungen, Erpressung, Drohung) wurde versucht, dass sie den Ausreiseantrag zurückziehen. Aber die Stasi biss auf Granit.

Während unserer Wartezeit galten jetzt noch viel mehr als vorher die altbewährten Regeln, sich nichts zu schulden kommen zu lassen, so unauffällig wie möglich zu sein und uns genau zu überlegen, was wir wem sagten. Wobei das „Wem“ in diesem Fall besonders schwierig war. Woher sollten wir wissen, wer gut und wer böse ist? Es gab zwar die Personen, die ganz offen sagten, dass sie mit einem nichts mehr zu tun haben wollten, aber es gab auch viele, die von der Stasi benutzt wurden, um uns auszu-horchen und zu beobachten. Manchmal war es offensichtlich, wie bei dem Auto, das in immer wieder-kehrenden Abständen vor unserer Wohnung stand und dessen Fahrer uns beobachtete. Oder das abgehörte Telefon, welches sich durch verräterische Geräusche oder plötzlich getrennte Verbindun-gen verriet. Am Schlimmsten und Gefährlichsten waren aber die auf uns verdeckt angesetzten Perso-nen, wie zum Beispiel mein Tanzstundenpartner, von dem ich vorher nichts wusste. Wer ist Freund und wer Spitzel, diese Frage mussten wir uns immer wieder stellen. Erfahren haben wir das erst im Nachhinein, als wir Einsicht in die Stasiakten bei der Gauck-Behörde nahmen. In manchen Fällen war die Überraschung groß und tat sehr weh.

Die Zweifel, ob es wirklich richtig ist, alles hinter sich zu lassen, kamen immer wieder. Es mussten ständig neue Hürden genommen oder Engpässe überstanden werden. Die Drohung, meine Eltern zu inhaftieren und meinen Bruder und mich in ein Heim abzuschieben, wurde zum Glück nicht wahr ge-macht. Auch der nächste, einer von vielen weiteren Versuchen meiner Klassenlehrerin, gegen mich vorzugehen, schlug Fehl. Sie wollte mich als psychologisch auffällig erklären lassen. Und das nur, weil ich in ihrer Mathestunde mit meiner Nachbarin Zettelchen geschrieben hatte. Wer weiß, vielleicht ha-ben mich all diese Erfahrungen für die Aufgaben des Lebens gestärkt.

Wir lebten in der Zeit von der Antragstellung bis zur Ausreise zwischen Umzugskisten. Ausgepackt waren nur noch die nötigsten Alltagsgegenstände. Versiegelte Kisten, deren Inhalt von der Zollbehör-de genehmigt werden musste, erscheinen mir manchmal heute noch in Träumen. Stellen Sie sich vor, wir wussten zum Schluss garnicht mehr, was überhaupt in welcher Kiste war. Sicher war, dass wenn wir alles geschafft und in der BRD eine Wohnung gemietet hätten, irgendwann ein LKW mit unseren persönlichen Sachen kommt. Allerdings durften das keine Wertsachen sein, sondern nur unwichtige Dinge, die nicht als Kulturerbe galten oder vielleicht gewinnbringend hätten verkauft werden können.

Am 14. September 1988 war es dann soweit. In der Früh kam der Anruf, auf den wir so lange gewartet hatten. Wir wurden angewiesen, die Wohnung nicht mehr verlassen und mit niemand Kontakt aufzu-nehmen. Drei Stunden später klingelte es an der Tür und eine unbekannte Frau übergab meinen El-tern einen Brief. Inhalt - die Vorladung zur Behörde für Staatssicherheit. Wir mussten dort unsere Ausweise abgeben und unterschreiben, dass wir keine Staatsbürger der DDR mehr sind.

Danach hieß es in Windeseile vier Koffer mit dem allernötigsten an Kleidungsstücken zu packen. Mehr war nicht erlaubt. In der Zwischenzeit wurden noch heimlich die nahestehenden Verwandten und Freunde informiert, die, wenn sie denn konnten, schnell zu uns kamen. Sie fuhren am Abend mit uns zum Bahnhof, um uns in unser neues Leben zu verabschieden. Der Abschied war traurig und schmerzhaft, denn keiner wusste zu diesem Zeitpunkt, dass es nur etwas über ein Jahr dauern würde, bis wir uns wiedersehen konnten.

Meine Eltern haben uns vor der Zugfahrt noch erklärt, dass wir am Besten im Zugabteil nicht mitein-ander reden und lieber schlafen sollten. Eine nötige Vorsichtsmaßnahme, denn bis zur Grenze fuhr im jeden Zugabteil ein Stasimitarbeiter mit, um das Benehmen der Ausreisewilligen genau zu beobach-ten. So musste auch aus unserem Zug eine Familie aus dem Nachbarabteil an der Grenze wieder aussteigen, die sich zu sehr gefreut hatte.

Als wir am Morgen des 15. Septembers 1989 im Auffanglager Gießen ankamen, hatten wir es ge-schafft. Die schrecklichen Erfahrungen der Zeit als sogenannte Staatsfeinde waren erst einmal ver-gessen. Das neue Leben konnte beginnen.


Kommentar von Necke99

Vielen Dank für Eure Kommentare :-) @m.petersen: Ich war zum Glück kein Jahr unterwegs ;-)Dieser Tippfehler ist mir garnicht aufgefallen. Ich habe zu meiner besten Freundin von damals auch immer noch Kontakt. Wegen den Emotionen: Ich hatte mich nicht ganz so getraut. Habe mir aber jetzt vorgenommen bei der nächsten Übung emotionaler zu schreiben. @Cora: Danke für die Anmerkung mit dem Fließtext. Ich hatte vergessen die automatische Silbentrennung auszuschalten. Freut mich auch sehr, dass Du es spannend fandest. Danke. @Metta Maiwald: Vielen Dank für Dein Feedback und ganz besonders für den Hinweis mehr zeigend, als beschreibend zu schreiben. Ich werde es in der nächsten Übung versuchen umzusetzen.

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von m.petersen

Ach herje, ein ganzes Jahr im Zug unterwegs, wie grausam. Nee, mal Spaß bei Seite. Da ich ja auch ein Kind des Ostens bin und mich noch zu deutlich an die Ereignisse erinnern kann, fühle ich mich gerade schmerzlich in diese Zeit zurückversetzt. Mein bester Freund hatte mit den gleichen Problemen zu kämpfen, aber auch er wurde von uns unterstützt, versteht sich von selbst oder. So etwas verändert einen Menschen, nicht nur jene, die es am eigenen Leib erfahren mussten, sondern auch die, die sich als Freunde dieser "Staatsfeinde" sahen. Der Text ist für meinen Geschmack zu sehr als Liste verfasst. Zu viele Zahlen und Daten und zu wenig wirkliche Emotion, so als ob Du dich immer noch verstellen musst, ich weiß nicht, das stört mich.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Cora

Spannender Einblick in ein Leben, das ich mir nur vage vorstellen kann. Kleine technische Anmerkung: den Text als Fliesstext schreiben, damit es keine unbeabsichtigten Worttrennungen gibt.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Für mich als Wessi war dieser Betroffenenbericht sehr interessant zu lesen. An einigen Stellen hätte ich mir weniger beschreibende als "zeigende" Darstellung gewünscht. Ein gutes Beispiel war die Szene in der Schule, da war ich als Leserin am Geschehen beteiligt.

Eingetragen am: 10.03.2008

Eingetragen am: 09.03.2008 von Gerti Dräger-Weber
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6238

Der Ruf des Muezzin hat mich geweckt und langsam erhebe ich mich von meinem Hotelbett. Habe erstaunlich gut geschlafen und fühle mich frisch und erholt von der gestrigen, langen Anreise. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich im Land meiner Träume und in Kairo bin. Meine Armbanduhr zeigt als Datum, den 18.09.1988 an. Eine unbändige Freude erfüllt mich.

Rasch dusche ich und kleide mich an.Noch herrscht hier im Hotel selbst Ruhe.
Langsam weicht die Dunkelheit und während ich auf der Terrasse, die noch kühle und relativ angenehme Morgenluft einatme, dringt der Verkehrslärm dieser niemals ruhenden, alten Stadt, an meine Ohren. 15 Millionen Einwohner lassen diesen Ort durchgehend 24 Stunden brodeln.

Ich mach noch mein Bett und suche danach einen der Speiseräume auf, um mich für meinen geplanten Ausflug zu stärken. Das aufgebaute Buffet erfüllt alle (meine) Frühstücksträume. Der Geruch der vielen frischen Speisen regt meinen Appetit an. Ich probiere genüsslich einige der dargereichten Köstlichkeiten und trinke noch zwei Tassen des ausgezeichneten Hibiskus-Tee. Dann lasse ich mir für den Ausflug noch eine große Flasche Mineralwaser bringen, die ich in meine Umhängetasche lege.

Der Hotelbus, der zu den Pyramiden fährt, steht schon bereit und der Fahrer bietet mir den freien Platz neben sich an. Die Fahrt vom Hotel bis zu den Bauwerken (12 km), die im Morgendunst zu sehen sind, soll voraussichtlich etwa 50 Minuten dauern.

Lange Jahre habe ich diesen Moment herbeigesehnt und nun wird er wahr! Endlich werde ich wenigstens eine der Pyramiden von Giza, die gigantischsten, geheimnisvollsten und guterhaltensten Bauwerke vergangener Jahrtausesnde, betreten.
Ich bin sehr aufgeregt und ein wellenartiges Gefühl der Freude, durchströmt besonders meine obere Bauchregion.

In der Nähe der Chephren-Pyramide verlasse ich den Bus und gehe langsam durch den warmen, glitzernden Wüstensand bis zu einem der herumliegenden großen Steine. Ich setze mich auf einen und beobachte gebannt das Gewirr der Menschenmassen und das Treiben der fliegenden Händler. Die geduldig auf Reiter wartenden Dromedare, mit ihren Besitzern, runden das Bild ab. Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel herunter und der hier herrschende Lärm scheint immer mehr anzuschwellen.
Nach einigen Minuten und einem großen Schluck Mineralwassser ordne ich mich in die Reihe der wartenden Touristen, vor dem bewachten Eingang der Chephren-Pyramide,ein. Meine Kamera muss auch ich, nach freundlicher Aufforderung der Tourist-Police, abgeben.

Der Abstieg in das Bauwerk ist unproblematisch aber das Schieben der Menschenmassen hinter mir, der Körperkontakt mit einigen von ihnen, ist mir sehr unangenehm.Selbst in dem Teil, in dem man nur gebückt weitergehen kann, werde ich unbarmherzig vorwärts geschoben. Alles erscheint mir so erdrückend eng.

Beim Betreten der Grabkammer, gerate ich richtig in Panik. Der Puls rast, die Knie zittern. Was ist nur los? Der Raum ist viel größer und höher als der Gang, aber relativ dunkel.
Die schwachen, elektrischen Lampen sorgen nur für wenig Licht und die Quader der Wände und der Decke schimmern darin feucht.
Ist es der modrige Geruch der Vergangenheit, der mich schwer atmen lässt oder sind es die enormen Ausdünstungen der vielen anwesenden Menschen und der Sauerstoffmangel?

ICH FÜHLE MICH GEFANGEN!

Jahrelang hielt mich die Sehnsucht nach diesen Bauwerken gefangen und nun stecke ich in dieser verdammten Angst fest.
Der Lärm der Stimmen um mich, dringt unverständlich und wie durch Watte an meine Ohren.
Ein Mann nimmt mich plötzlich bei den Armen und schiebt mich an den vielen Menschen vorbei, Richtung Ausgang der Kammer. Dieses Mal bin ich über die Berührung eines Fremden froh und lasse es dankbar zu.
Automatisch setze ich einen Fuß vor den anderen, bis endlich Tageslicht zu sehen ist und die Angst langsam wieder weicht.
Das Gefühl der Freiheit, nach den ersten, tiefen Atemzügen in meiner Brust, ist unbeschreiblich!

Der Fremde bleibt noch einen Moment schweigend neben mir stehen. Ich bedanke mich dankbar für seine Hilfe, aber er schaut mich nur wortlos lächelnd an. Dann öffnet er mir noch die Wasserflasche, damit ich trinken kann und ist plötzlich wieder im Gewirr der vielen Menschen verschwunden....


Kommentar von Gerti Dräger-Weber

@M.P.....ich danke dir, freue mich, dass ich dich erreichen konnte. @Metta Maiwald....danke für deine Hinweise der Korrektur. Hatte alles ein paarmal durchgelesen und es doch überlesen. Werde versuchen, meine Schreibweise zu bessern :-)) @Azahar.....schön, dass du mich begleiten konntest. Leider hatte die Protagonistin es damals aus Angst nicht erneut versucht, diese Pyramide nochmal zu betreten. Vorgenommen hatte sie es sich für "irgendwann".... Ich danke herzlich für die Kommetare und wünsche Euch viele gute Ideen und bei der Umsetzung in Worte..viel Glück!

Eingetragen am: 16.03.2008

Kommentar von Azahar

Ich hoffe für die Protagonistin, dass sie nach diesem ersten Schreck noch mal umkehren und die Pyramide erneut betreten konnte und sich ihr Traum vielleicht doch noch erfüllte. Deine Beschreibungen haben mich mitgenommen auf diese Reise. LG Azahar

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Und immer neue Themen, schön. Die Atmosphäre im fremden Land wird gut vermittelt. Die Situation in der Pyramide lieber weniger analysieren (Ist es der moderige Geruch der Vergangenheit, der mich schwer atmen lässt?) und mehr beschreiben (Es roch nach dem Moder der Vergangenheit, Hitze und Schweiß. Ich bekam kaum noch Luft). Ein paar weniger "noch"s, die Klammern um das "meine" bei den Frühstücksträumen weg, den Satz "Ich fühle mich gefangen" streichen, denn das merkt man auch so und Du wiederholst es im nächsten Satz. LG Metta

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von M.P.

Allein in Kairo, allein bei den Herrlichkeiten der alten Kulturen, allein mit der Angst. Ich denke, daß sich dieser Auszug wunderbar in einen Roman einbauen lässt, er hielt mich gefangen.

Eingetragen am: 10.03.2008

Eingetragen am: 08.03.2008 von Caro
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6229

Gefangen

Gefangen in meinem Körper
Unförmige zerfallende Hülle
Mein Spiegelbild verspottet mich
„Die zeigen mit Fingern auf dich“
Gefangen in einem Kreislauf
Frust, Essen und Schmerz
Ich schreie nicht
Ich rebelliere nicht
Ich hab mich weggesperrt
Mir den Mund mit Essen verstopft
Hab mein Gefängnis gepolstert
Mit Fett und Anpassung
Bis zum Erbrechen

Du gabst mir den Stift in die Hand
Tausend Blätter reichten nicht
Um das Gefängnis zu zerbrechen
Trug jeden Stein ab
Bis auf die Grundmauern
Tinte mischte sich mit Blut und Tränen
Zersetzte jedes Gitter das ich schmiedete
Aus Ruinen wuchsen Blumen
Schmerz von Efeu überwuchert
Eine leise Erinnerung
Aus der Vergangenheit
Atme meine Freiheit
Lebe mein Leben


Kommentar von Caro

Also das "Gemecker" fand ich nicht schlimm:-). Es war ja keine destruktive Kritik, ich konnte meine Zeilen mal aus einem anderen Blickwinkel sehen. Ich fand es gut und interessant, dass sich jemand so mit meinen Zeilen auseinander gesetzt hat. Ich hab den zweiten Vers etwas verändert, aber das Gedicht auch noch im Orginal behalten. Hier das Ergebnis(zweite Strophe): Du gabst mir den Stift in die Hand Tausend Blätter reichten nicht Um das Gefängnis zu zerbrechen Trug jeden Stein ab Bis auf die Grundmauern Tinte mischte sich mit Blut und Tränen Zersetzte jedes Gitter das ich schmiedete Auferstanden aus den Trümmern Der Vergangenheit Wächst meine Zukunft Atme meine Freiheit Lebe mein Leben

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Gabriele

Caro, ich hatte hinterher ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich so viel 'gemeckert' habe... Falls was dabei war, was geholfen hat, bin ich froh, ansonsten, vergiss es - ich fand dein Gedicht toll. Hast du es nochmal neu veröffentlicht? Ich schaue mal nach, aber vielleicht, falls ja, schreib uns doch noch die neue Nummer auf, damit wir es leichter finden, ja? Liebe Grüße, Gabriele

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Caro

Danke für die Kommentare und Anregungen! Mache mich nochmal an die Überarbeitung der kleinen "Macken" ;-).

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Gratulation! Ich habe noch nie etwas Besseres zu diesem Thema gelesen.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Numungo

Hallo Caro, was soll ich dazu noch sagen? Großartig! Die Verzweiflung ist auch für Menschen ohne diese Probleme zu spüren. Nur zwei Vorschläge: Das "e" bei "Unförmige" würde ich weglassen und die Zeile "Frust, Essen und Schmerz" würde ich umstellen: "Essen, Frust und Schmerz" (ist vielleicht nicht die richtige Reihenfolge, klingt für mich jedoch besser). Tipp: sende das Gedicht doch zum Lyrik-Wettbewerb unter www.jokers.de ein, vielleicht kannst Du es da noch versilbern lassen. Einsendeschluss 31.03.2008.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Spieglein an der Wand, raubst mir den Verstand. Tagebüchlein fein, lass mich jünger sein! Tausend Blatt zurück, ja dort war mein Glück.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Gabriele

Caro, ich kann mit deinem Gedicht viel anfangen (besonders in der ersten Hälfte), die Erfahrung des in-sich-selbst-eingesperrt-Seins ist für mich nachvollziehbar. Mir gefallen die konkreten Bilder im ersten Teil, die den Zustand beschreiben - der unförmige Körper (warum 'zerfallend'?), der Kreislauf, der verstopfte Mund, das gepolsterte Gefängnis - das ist stark und klar und berührt mich. Ich habe Fragezeichen im zweiten Teil, da wird es mir etwas zu allgemein - die geschmiedeten Gitter die zersetzt werden, die Blumen, die auf Ruinen wuchsen, der von Efeu überwucherte Schmerz - das sind schöne Bilder, doch ich hätte es gern konkreter. Die Tinte, die sich mit Blut und Tränen mischt - worüber weint die Protagonistin? Was blutet da? Was für Gitter sind das, die zersetzt werden? Welcher Schmerz wird von was überwuchtert? Ich sehe das Bild der Ruine vor mir, von Efeu überwuchert, ich nehme an, das ist das Gefängnis, das gesprengt wurde im Prozess mit dem Stift und den tausend Blättern - das Bild kommt an. Am Schluss verwirrt mich die leise Erinnerung - das Gedicht beginnt im Präsens und alles andere als leise... das kommt bei mir als nicht stimmig rüber. Und, Caro, das ist mein ganz persönlicher Eindruck, ich maße mir keine Kompetenz in Sachen Poesie an. Ich finde es gut, dass du dich in dieser Form beteiligst! :)

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Stark! Besonders die Zeilen "Ich hab mich weggesperrt/ Mir den Mund mit Essen verstopft/ Hab mein Gefängnis gepolstert/ Mit Fett und Anpassung/ Bis zum Erbrechen"/ Klasse!

Eingetragen am: 10.03.2008

Eingetragen am: 08.03.2008 von Azahar
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6228

Ich stolperte nur mit Pantoffeln an meinen Füßen durch den Dreck. Die vergangenen Tage hatte es geregnet und der Waldboden war vollkommen aufgeweicht.
Das konnte nicht passiert sein! Nicht mir!
Als ich Wolfgangs Auto vor unserem Wohnblock gesehen hatte, war ich in plötzlicher Panik einfach losgelaufen. Wo ich hinrennen wollte, das hatte ich eigentlich gar nicht so genau gewusst, doch dann war hinter der letzten Häuserreihe unserer Wohnsiedlung der Wald in Sicht gekommen und ich hatte ein Ziel gehabt.
Jetzt glitschten meine Füße über nasses Moos, ich rutschte über spiegelglatte Wurzeln, hielt mich an rauen Baumstämmen fest, schürfte mir an ihrer harten Rinde die Handballen auf, griff in niedriges stacheliges Gebüsch.

Endlich war ich vollkommen außer Atem und blieb mit zitternden Beinen stehen. Über mir, in dem Dach aus gerade knospenden Zweigen und Ästen, stritten sich ein paar Vögel. Eine leichte Windbrise fuhr ins Gebüsch und kühlte meine glühenden Wangen, trug den beruhigenden Duft von moosiger, feuchter Erde und den braunen Blättern des letzten Herbstes heran, die sich langsam wieder in Boden verwandelten. Zum ersten Mal seit meiner überstürzten Flucht nahm ich auch das Meer aus zart weißen Buschwindröschen, edel lilanen Leberblümchen und creme- bis tiefgelben Schlüsselblumen wahr, das den Boden überzog und davon erzählte, dass die schlimme Zeit, dass der Winter vorbei war.
Von wegen! Gar nichts war vorbei! Meine Situation wurde mit jedem Tag, mit jeder Sekunde schrecklicher!
Ich stellte fest, dass ich die Papiertüte mit den Brötchen, die ich vom Bäcker gegenüber geholt hatte, noch immer fest an meine Brust drückte.
Was hatte ich bloß getan?
Was hatte ich mir nur dabei gedacht?

Es stimmte schon, dass Wolfgang und ich uns in letzter Zeit oft stritten. Ich hatte ihm ein ums andere mal vorgeworfen, dass er sich keine Zeit für mich nehmen würde, und er hatte sich im Gegenzug darüber beschwert, dass ich eh ständig nur rumnörgelte.
Jetzt im Morgenlicht betrachtet, musste ich mir eingestehen, dass wir wohl beide irgendwie Recht hatten.
Mich fröstelte plötzlich. Die Sonne stand noch tief und wärmte nicht, auch wenn ihre orangeroten Strahlen durch das Geflecht aus so gut wie laublosen Zweige drangen und die Frühlingsblumen am Boden, diese zarten pastellfarbenen Wesen, mit einem glitzernden Film benetzten. Schon als kleines Mädchen hatte ich es nicht über mich bringen können, sie zu pflücken, um meine Mutter wie andere Kinder mit einem kleinen Strauß zu erfreuen. Diese unschuldigen, verletzlichen Pflänzchen mussten beschützt werden. Ich hatte schon immer ein Herz für leblose Dinge gehabt, zwischenmenschliche Beziehungen machte ich dagegen ein ums andere Mal ohne mit der Wimper zu zucken kaputt.

Beate, meine beste Freundin, hatte mich ausgelacht, als ich ihr vor ein paar Wochen von meinen Sorgen erzählt hatte: „Kerstin, Süße, sowas nennt man gemeinhin Frühlingsgefühle. Mach dir keine Gedanken, das geht vorbei.“
Das geht vorbei. Aber ja!
Stefan hieß er, der Unglückselige. Er war einer meiner überwiegend männlichen Arbeitskollegen, und saß nun schon seit gut zweieinhalb Jahren mir schräg gegenüber, an dem Schreibtisch am Fenster. Er hatte mir schon vom ersten Moment an gefallen, das gebe ich gerne zu, da ist ja auch gar nichts verwerfliches dran. Auch nicht an der Tatsache, dass er die ganzen zweieinhalb Jahre lang keinen Hehl daraus gemacht hatte, was er für mich empfand.
„Ach Kerstin, wenn ich Sie sehe, scheint sofort die Sonne“, hatte er mich des öfteren zu begrüßen gewagt.
Ich hatte ihm zweieinhalb Jahre lang tapfer kumpelhaft die kalte Schulter gezeigt. Ich war doch verliebt in meinen Wolfgang und hätte ihn nie, - nie und nimmer!, gegen jemand anderen eingetauscht. Meinen süßen Wolfgang mit seinen braunen Haselnussaugen und den Grübchen, die sich in der Nähe seiner Mundwinkel formten, wenn er lächelte.
Aber irgendetwas war in den letzten Wochen passiert.
„Beziehungskrise nennt man das“, hatte mich Beate belehrt. „Das kommt in den besten Familien vor. Morgen wirst du schon darüber lachen.“
Beziehungskrise, Frühlingsgefühle, was auch immer. Bis ich mir dem ganzen so richtig bewusst geworden war, hatte ich schon angefangen hemmungslos mit Stefan zu flirten.

Inzwischen wusste ich natürlich auch warum. Dafür hätte ich nicht Beate zu fragen brauchen. Rächen hatte ich mich gewollt. An meinem süßen Wolfgang.
Wo bitteschön verbrachte er all diese Abende, all die Nächte, in denen er erst nach Mitternacht nach Hause getaumelt kam, in denen ich allein in unserer gemeinsamen Wohnung saß, auf ihn wartete, zu viel Schokolade aß, mir die schrecklichsten Dinge ausmalte: Er, im Bett mit einer anderen, nackt; er, im Auto mit einer anderen, zurückgeklappte Vordersitze; er, in einem schummrigen Restaurant mit einer anderen, die Hände auf ihren Oberschenkeln. Wie oft hatte ich mich in diese Gedanken so sehr hineingesteigert, dass ich ins Bad gehen musste, weil ich dachte, ich müsste mich übergeben?

Und gestern nun hatte sich die Gelegenheit geboten, nein, sie hatte sich nicht nur geboten, sondern sich schon Tage vorher direkt angebiedert.
Wolfgangs Hockeyverein hatte ein Spiel in Düsseldorf, was bedeutete, dass er das ganze Wochenende unterwegs sein würde, und Beate hatte sich natürlich schon seit Tage einen Spaß daraus gemacht, mich anzustacheln.
„Das ist die Chance!“, hatte sie mir immer wieder zugeflüstert. „Wir Frauen haben alles Recht der Welt uns zu vergnügen, die Männer tun das schließlich auch schon seit biblischen Zeiten.“
Sie hatte mich gepiekst und gepiesackt wie der Picador den Stier.
„Nimm ihn! Stefan wartet doch nur darauf! Wann wirst du schon noch einmal so eine Gelegenheit haben?“

Und ich? Ich verdammter Idiot hatte mich dazu überreden lassen am Freitagabend, kaum dass Wolfgang abgereist war, mit Stefan essen zu gehen.
Und dann war eines zum andern gekommen und wir hatten es in unserer, in Wolfgangs und meiner, Wohnung getan. ES!
So blöd kannst auch bloß du sein!, schalt ich mich ein ums andere mal, während die Sonne langsam höher stieg und wühlte meinen rechten Pantoffel in den Dreck. Wenn man fremdgeht, tut man das doch nicht bei sich zu Hause, deshalb heißt es ja auch FREMDgehen! Mensch Kerstin!

Nun, andererseits durfte ich mich nicht beklagen, die Nacht war heiß gewesen, ich hatte meinen Spaß gehabt und Stefan hatte sich als so liebenswürdig erwiesen, dass ich ihm schließlich vorgeschlagen hatte, - und das war von allen meinen bescheuerten Ideen die dümmste gewesen, ihn zum Frühstück einzuladen.
Nur schnell frische Semmeln vom Bäcker gegenüber hatte ich holen wollen.
Doch als ich mit dem warmen duftenden Gebäck wieder auf die Straße getreten war, hatte ich Wolfgangs Auto vor der Haustür gesehen.
Kurzschluss, Panik.
Die Tüte mit den Brötchen noch in der Hand war ich losgestürmt.

Und nun stand ich hier, in diesem dummen Wald. Über mir sangen, zwitscherten und jubilierten die Vögel und an meinen Füßen hatte ich nur die Pantoffeln.
Was sollte ich Wolfgang erzählen, wenn er mich, den halbnackten fremden Mann am Kragen gepackt, zur Rede stellen würde?
Hilfe, Einbrecher?
Hilfe, Sittenstrolch?
Natürlich würde ich Wolfgang sofort alles gestehen, auf die Knie würde ich fallen und ihn um Verzeihung bitten. Falls er überhaupt noch da wäre, wenn ich nach Hause käme.
„Hört auf zu singen, ihr blöden Viecher!“, brüllte ich in die Äste, aber die kleinen Schreihälse ließen sich nicht stören.
Natürlich tat es mir leid.
Wolfgang, Liebster! Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr! Ich schmiegte mich an die inzwischen ausgekühlten Brötchen.
Gleichzeitig wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass Wolfgang seine Sachen gepackt hätte und schon gegangen wäre, ohne Gruß, ohne den stilgerechten Zettel auf dem Küchentisch. So dass ich ihm erst gar nicht gegenüberzutreten bräuchte.
Oh, ich hätte ihn so gerne um Verzeihung gebeten, jetzt, sofort, aber vielleicht hätte er mich nicht einmal ausreden lassen.


Etwas später steckte ich den Schlüssel in das Schloss unserer Wohnungstür und biss mir auf die Lippen. Ich war in einer Art Schockzustand, in dem ich weder zittern noch weinen konnte.
Von drinnen drang kein Geräusch. Ob Wolfgang wohl tatsächlich gegangen war?
Sein Auto stand aber noch unten.
Ob er Stefan erwürgt hatte und jetzt mit einem Messer in der Hand hinter der Tür auf mich wartete? Fest in das dicke Gewühl aus Jacken und Mänteln an der Garderobe gepresst?
Entschlossen stieß ich die Tür auf. Ich hatte das Schicksal herausgefordert, es hatte mir geantwortet, jetzt war nichts mehr zu machen.
„Kerstin?“, hörte ich jemanden aus der Küche rufen und erschrak so sehr, dass ich den Schlüssel fallen lies.
Es war Wolfgangs Stimme und sie klang fröhlich.
Das war kein gutes Zeichen.
Ich antwortete nicht, sondern taumelte in die Richtung aus der seine Stimme kam. Kalter Angstschweiß überzog meinen Rücken.
„Da bist du ja endlich!“ Wolfgang kam mir übers ganze Gesicht strahlend entgegen. „Überraschung!“, rief er dann und sprang mit ausgebreiteten Armen vor mir auf und ab wie ein schlechter Showmaster.
Meine Beine wurden schwach, aber ich hielt mich aufrecht, die inzwischen vollkommen verbeulte Brötchentüte fest an mich gedrückt.
„Wo warst du denn? Was ist denn mit dir?“, fragte Wolfgang erstaunt.
Wo war Stefan?
Hatte Wolfgang tatsächlich nichts bemerkt?
„Brötchen holen“, flüsterte ich und kam mir unendlich dämlich vor.
Wo zum Teufel war Stefan?
Was wurde hier gespielt?
„Na, nun komm schon!“ Wolfgang fasste mich an der Hand und zog mich lachend hinter sich her in die Küche.
Ich stolperte mehr, als dass ich ging, stellte fest, dass der flauschige Stoff meiner Pantoffeln vollkommen mit Dreck verkrustet war.
Irgendetwas stimmte hier nicht!
Auf dem Küchentisch schrie mir ein riesiger Strauß roter Rosen entgegen. Sie wirkten obszön im Vergleich zu den schüchternen Frühlingsblumen, die mich gerade eben noch umgeben hatten.
Ich wollte mich nur noch setzen.
„Ich habe eine Überraschung für dich!“ Wolfgang war noch immer ganz aufgeregt und ich begann zu begreifen, dass er tatsächlich nichts mitbekommen hatte.
Aber wo, verdammt, war dann Stefan?
Noch irgendwo hier versteckt?
Nein, unmöglich, das Leben schreibt keine so schlechten Filme.
Etwa abgehauen, während ich Brötchen holte?
Das Schwein!
„Nun stell doch mal die Tüte weg, und setzt dich hin!“
Ich ließ mir von Wolfgang die zerknautschte Papiertüte aus der Hand nehmen und setzte mich mechanisch auf den Stuhl, den er mir unter dem Tisch hervorgezogen hatte.
Das konnte alles gar nicht wahr sein! Plötzlich hätte ich am liebsten geweint.
„Kerstin!“ Wolfgang kramte in seiner Hosentasche und ich stellte fest wie nervös er war.
Und dann kniete er auch schon vor mir. Zwischen seinen Fingern sah ich etwas glitzern und Tränen schossen mir in die Augen. Ich schluchzte laut auf, als er die Worte aussprach:
„Willst du mich heiraten?“


Kommentar von Azahar

So, hier nun wie versprochen die Beitragsnummer der FORTSETZUNG: 8319 Viel Spass beim Lesen, LG Azahar

Eingetragen am: 08.04.2008

Kommentar von Azahar

@ Metta entschuldige die späte Antwort! Du hast schon Recht, wenn man einen Text etwas ruhen lässt, kann man ihn viel objektiver betrachten. Trotzdem denke ich, dass man ihn niemals so unparteiisch beurteilen wird, wie ein dritter. bzgl. den "leblosen Pflänzchen": Ich hab das ganze umformuliert und der Satz lautet jetzt wie folgt: "Ich hatte schon immer ein Herz für die Natur oder leblose Dinge gehabt, zwischenmenschliche Beziehungen machte ich dagegen ein ums andere Mal ohne mit der Wimper zu zucken kaputt." Dein Vorschlag wäre aber auch gut gewesen!!! Ja, ich habe nun auch ein "Ende" zu der Geschichte geschrieben, bin aber überhaupt nicht zufrieden damit. Irgendwie geht dabei was verloren, finde ich, ich kann nur noch nicht genau sagen was. Ich poste es unter Kapitel 9 und stelle dann hier in einem Kommentar die Beitragnummer ein. LG Azahar

Eingetragen am: 08.04.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Noch etwas: Hast Du eine Lösung gefunden für den Übergang von den "leblosen Pflänzchen" zu den lebendigen Menschen? Sonst habe ich einen Vorschlag. "Diese unschuldigen, verletzlichen Pflänzchen mussten beschützt werden. In menschlichen Beziehungen fehlte mir leider oft diese Achtsamkeit." Hast Du schon an der Story weitergearbeitet? Mir fällt gerade ein Film ein, den ich mal gesehen habe, wo ein Brautpaar vor dem Altar steht, beide mit superschlechtem Gewissen, weil sie sich in der vorigen Nacht gegenseitig betrogen haben. Ich glaube, einer beichtet dann, der andere wird ziemich sauer, verplappert sich dabei - und am Ende kriegen sie sich doch. ;-)

Eingetragen am: 24.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Zu Deiner Frage, warum man, wenn man bei anderen gut analysieren kann, es nicht schafft, die eigenen Texte gleich gut zu formulieren: Es fehlt der emotionale Abstand. Wenn ich geschriebene Texte (selbst gemalte Bilder, ausrangierte Lieblinsklamotten...) ein halbes Jahr liegen lasse und dann noch einmal ansehe, kann ich leichter beurteilen, was ich ändern oder wegwerfen sollte.

Eingetragen am: 24.03.2008

Kommentar von Azahar

Vielen Dank auch an @ Sylvia + @ m.petersen für Eure netten Kommentare und das Lob! Der Antrag am Ende sollte die Protagonistin erst so richtig in die Zwickmühle bringen. Dann, wenn man als Leser denkt, das ganze wäre schon überstanden. Wer weiss, vielleicht fehlt tatsächlich die Auflösung und das Ende. Ich arbeite daran! LG an Euch alle Azahar

Eingetragen am: 12.03.2008

Kommentar von m.petersen

Was für eine herrliche Geschichte, die habe ich mit Genuss gelesen. Es bleiben noch so viele Fragen offen, so etwas macht richtig Spaß. Wo ist Stefan, etwa im Kleiderschrank? Das wäre zu banal! Wie geht es auf Arbeit weiter und wie in der Beziehung? Ich mache einen Hofkniggs und schwenke meinen Hut, respektvoll! LG m.petersen

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Azahar

Vielen vielen Dank für Eure detaillierten Kommentare! Da bekomme ich direkt ein schlechtes Gewissen, weil ich selbst oft nur ein paar Sätze zu anderen Texten schreibe. @ Metta: Danke für deine Hinweise zur Grammatik! Das Buch von Bastian Sick habe ich eigentlich auch im Schrank stehen, aber bis jetzt nur das erste Kapitel gelesen, mir scheint, ich sollte mir das mal vornehmen! ;-) Blütenteppich ist gut! Das trifft, finde ich, den Anblick den diese Waldblumen bieten, viel besser, denn sie sind wirklich wie ein dichter bunter Teppich. Darüber ob Blumen leblos sind, habe ich auch nachgedacht, als ich diesen Satz schrieb, denn sie sind es ja nicht wirklich, aber in diesem Moment fiel mir kein besserer Ausdruck ein, den ich dem "menschlichen" gegenüberstellen hätte können. Und ich wusste nicht, wie ich die Kurve zum nächsten Absatz kriegen sollte, wenn ich das ganze wegliese. Ich glaube da sollte ich nochmal drüber nachdenken. @ Maju: Ich bin gerade dabei diesen Text in eine Kurzgeschichte umzuformen, d.h. den Spannungsbogen weiterzuführen und dann in einem Schluss auslaufen zu lassen, vielleicht habe ich ja Gelegenheit dazu, das ganze nochmal hier einzustellen. @ Isabel + Mema: Ja, das mit den Naturbeschreibungen ist immer schwierig. Was geht? Was ist zu viel des Gute? Gleichzeitig denke ich mir auch, dass man niemals den Geschmack aller Leser treffen kann. Was der eine stimmungsvoll findet, ist dem anderen vielleicht schon zu schwülstig. Allerdings gebe ich Euch Recht, das mit dem Geflecht war wohl wirklich ein bisschen zu viel ;-) @ Isabel: Das frage ich mich auch manchmal: Wenn wir wissen, was uns nicht gefällt, und sogar manchmal den Finger auf die Stellen, Formulierungen etc. in den Texten anderer legen können, die uns nicht gefallen, warum können wir es dann nicht selbst sofort besser machen? Vielleicht weil jedes Buch eine Welt ist. Weil es so viel mehr ist, als nur die Beschreibung einer bestimmten Szene. Konzentrieren wir uns auf eine Angelegenheit, übersehen wir eine andere oder kommt eine andere Stelle zu kurz. Es gibt so viele Details zu beachten. So klar die Geschichte, die wir erzählen wollen, ist, jeder neue Roman den man angeht ist ein Sumpf, ein Dschungel den man nur langsam ausmisten, kultivieren und zu einer Parklandschaft umwandeln kann. Dass es schlussendlich unmöglich ist, alles Unkraut auszumerzen, ist klar. Und ehrlich gesagt, hie und da eine Wildblume gibt dem ganzen auch einen gewissen Charme. Ein Buch zu schreiben, ist Gott sie Dank nicht nur schreibtechnisches Wissen (obwohl es ohne nicht geht) sondern auch sehr viel Liebe und Gefühl. :-)

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Sylvia

Liebe Azahar,ich habe deinen Text mit Begeisterung gelesen. Das Thema gefällt mir! Die übertriebenen Naturbeschreibungen passen zu Situation. Das klärst du später auf. Auch mich interessiert, wo Stefan geblieben ist. Der Antrag am Ende ist Geschmacksache, ich finde ihn etwas unpassend. Durch eine kleine Überarbeitung wird deine Geschichte zu einem Juwel geschliffen! LG Sylvia

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Mema

Habe den anderen Kommentaren nicht viel hinzuzufügen, nur eine Kleinigkeit. Der Satzteil "das Geflecht aus so gut wie laublosen Zweigen" ist etwas schwerfällig zu lesen. Schreib doch einfach "fast laublose Zweige", oder?

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Isabel

So kann man sich täuschen: dachte Azahar ist männlich. Nun gut! :-) Dass man nicht gleich am Anfang wusste, dass es da einen Stefan gibt, fand ich nun wieder gerade spannend. Ich wollte wissen, warum sie in Pantoffeln durch die Gegend rennt. Deine Naturbeschreibungen gefallen mir bis auf kleine Ausnahmen sehr gut, weil sie nicht gestelzt wirken. (. . .Meer aus zart weißen Buschwindröschen, edel lilanen Leberblümchen und creme- bis tiefgelben Schlüsselblumen wahr . . . auch wenn ihre orangeroten Strahlen durch das Geflecht aus so gut wie laublosen Zweige drangen . . . – ein bisschen viel des Guten, nach meinem Gefühl. Aber das sage ich nur als Leser. Ich wäre froh, wenn ich die Natur so beschreiben könnte! Warum besteht da eigentlich ein Unterschied? Es gibt Bücher, die sind so schlecht, dass man sie weglegen muss. Wenn man das erkennt, warum kann man nicht gleich gute Bücher schreiben?? Kann mir das einer beantworten?) In kleinen Teilen fehlt es für mich als Leser am logischen Aufbau. Z. B.: > . . . zwischenmenschliche Beziehungen machte ich dagegen ein ums andere Mal ohne mit der Wimper zu zucken kaputt. < Ich dachte, dass bezieht sich auf die aktuelle Situation, aber dann schreibst Du, dass Beate Kerstin deswegen schon vor ein paar Wochen ausgelacht hat. Ich kann mir zwar denken, wie Du das meinst, aber beim flüssigen Lesen stolpert man darüber. Ansonsten ein schöner Text, in dem auch das Wechselbad der Gefühle gut dargestellt wurde. Gefällt mir. L. G. Isabel

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Maju

Wunderbar geschrieben. Und richtig spannend. Allerdings würde ich zu gerne wissen, wo Stefan geblieben ist. Und was ist mit der Beziehungskrise? LG. Maju

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Ein wunderschöner, poetischer Beginn. Ein nüchterner, aber zum Verständnis wohl notwendiger, die Stimmung jedoch zerstörender Zwischenteil. Hatte erst gedacht, es ginge um häusliche Gewalt. Vielleicht kann man das zu Anfang mit wenigen Worten klarmachen: "Als ich vom Bäcker kam, sah ich Wolfgangs Auto vor der Tür parken. Warum kam er jetzt schon zurück? Gleich würde er Stefan in unserer Wohnung treffen." Als die Situation endlich deutlich ist, beginnt die Spannung wieder. Armer Wolfgang! Ich hätte ja zu gern noch gewusst, ob er selbst treu war und ob Stefan rechtzeitig die Biege gemacht hat. Ein paar stilistische, grammatikalische und orthografische Verbesserungsvorschläge: lila oder lilafarbene Leberblümchen (beugen kann mann nur blau, gelb und rot, habe ich gerade von Bastian Sick "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" gelernt, der zwar manches erklärt, was man auch im Wörterbuch nachschlagen kann, wenn man denn drüber stolpert, und mittlerweile auch ganz gut im Geschäft ist, aber meistens ganz witzig schreibt - äh, wo war ich stehen geblieben?). Der Ausdruck "Meer" irritierte mich beim Lesen einen kleinen Moment, ich wähnte mich am Waldrand mit Blick auf die See, bis ich verstand, dass es um ein Blütenmeer ging - vielleicht lieber ein Blütenteppich? Sind Blumen leblos? Nach nichts und etwas wird das Adjektiv substantiviert, also großgeschrieben. Den Satz "...schalt ich mich" kannst Du weglassen. Durch die Ich-Form wird klar, dass es Dein Gedanke ist, durch den Inhalt, dass es eine Selbstanklage ist. LG Metta

Eingetragen am: 10.03.2008

Eingetragen am: 08.03.2008 von Lichterfield
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6224

Leichenberge, verendete Pferdekadaver am Weg. Wir rennen durch eine enge Häuserzeile. Vor dem nächsten Angriff schnell noch nach Lebensmitteln suchen. Sirenen heulen, dann kommen die Flugzeuge. Ich halte mir die Ohren zu und hocke mich in die Ecke eines fremden Zimmers. Mutter und Rosie rennen weiter. Allein. Mama, wo bist du! Bomben fallen. Es ist so laut! Steine prasseln auf mich nieder. Warum zerreißt die Tapete? Ein Foto fällt von der Wand und Glas zerbricht. Ich habe Angst! Mama! Ein Soldat nimmt die Last von mir, legt die Steine zur Seite, gibt mir zu essen. Ich weine an seiner Schulter. Schreie! Es tut so weh. Ich will nicht mehr seine liebe Frau spielen. Mama, endlich bist du da. Jetzt spielst du seine liebe Frau. Warum weinst du denn?


Kommentar von Metta Maiwald

@ Lillilu - ich weiß nicht, ob Lichterfield die Kritik genauso harsch empfungen hat, wie Du. Hier stellt sich, wie oft in diesem Forum, das Problem, sachliche Kritik von persönlichem Mitgefühl zu trennen, besonders, wenn ein Text Erinnerungen an eigene Erfahrungen auslöst. Dabei ist sicher nicht jeder Text, der so wirkt, tatsächlich autobiografisch, wie hier schon in mehreren Kommentaren erwähnt wurde. Und, wie auch jemand schrieb, nützt es einer Autorin nichts, wenn man aus persönlicher Rücksichtnahme seine literarische Kritik schönt. Auch wenn ein Text sich auf wahre Erlebnisse bezieht, kann ich diese doch unterschiedlich beschreiben. Leichenberge sind für mich aufgetürmte Leichen. Das ist das Bild, das beim Lesen vor meinem inneren Auge entsteht. Ob es auch das ist, was Du, Lichterfield, meintest? Dann lass es bei dieser Formulierung. Vielleicht war der Weg aber auch übersät mit Leichen. Das mindert nicht die Zahl der Toten und auch nicht die Grausamkeit, aber beschreibt eventuell genauer? LG Metta (und diesen Gruß schreibe ich bewusst, weil die Kritik eben nicht persönlich gemeint ist)

Eingetragen am: 24.03.2008

Kommentar von Zauselina

Das Erlebnis muss ja nicht nur für ein Kind etwas Surrealistisches haben. Dieses Surrealistische im realen Grauen bringst du meiner Meinung nach sehr gut hervor durch die "Leichenberge". Ob es nun wirklich "Berge" sind oder nur einige Leichen ist dabei nicht so wichtig, denn für eine solche Situation müssen einem die Worte fehlen und du fängst das Grauen in seiner Gesamtheit mit diesem einen Wort schon ein. Auch genial ist die zerrissene Tapete als Symbol für die sowohl körperliche Verletzung als auch die seelische. Der Riss deutet die physische Aggression und Brutalität an, aber auch das Zerreißen der häuslichen Geborgenheit, das abrupte Zerstören der Sicherheit des Zuhauses.

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Lillilu

@Metta: Ich weiß nicht warum du so harsch mit Lichterfield umgehst - es sind doch ihre Erinnerungen, ihre Erlebnisse. Liebe Lichterfield, man spürt bei jedem Wort wie schwer es dir fällt über diese Ereignisse zu schreiben. Es ist in seiner Knappheit sehr berührend. Behalte den Stil bei, aber warte bis du mehr Mut hast, um noch mehr ins Detail zu gehen. LG Lillilu

Eingetragen am: 12.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Oh, da habe ich beim Überarbeiten aus Versehen zu viel aus meinem Text gelöscht. Also, die unverständliche Stelle ab "diet" lautet: Hier beträgt die erzählte Zeit nur Sekunden. Es gefällt mir aber, dass das Geschehen nur angedeutet wird.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

LeichenBERGE? Es ist doch eine Straße, kein KZ. Das kannst Du subtiler ausdrücken. Kurz und knapp beschrieben. Für mein Empfinden zu knapp. Vor allem die Vergewaltigungsszene, hier beträgt diet gefällt mir aber, dass hier nur angedeutet wird. Zum Thema Gefangensein müsste das Kind viel länger in der Ruine festgehalten werden. LG Metta

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Da bekomme ich Gänsehaut! Dramatischer Anfang für einen Roman, evtl. mit Rückblenden usw., würde ich sofort lesen!

Eingetragen am: 10.03.2008

Eingetragen am: 08.03.2008 von Fred Weber
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6178

Kinder sind neugierig. Ich war da nicht anders mit meinen 10 Jahren und eines Tages mit zwei Freunden mit dem Fahrrad unterwegs. Unser Plan war, das Nachbardorf, das über einen Feldweg zu erreichen war, zu erkunden. Doch wir kamen gar nicht so weit. Vor dem Nachbardorf lag etwas abseits ein einsames Gehöft, das scheinbar unbewohnt war. Auf dem Dach fehlten schon einige Dachziegel, ein paar Fensterscheiben waren kaputt und das Unkraut wucherte auf dem gesamten Gelände. Wir waren neugierig, stellten die Fahrräder ab und sschauten uns um. Eine Hintertüt war nicht verschlossen. Vorsichtig und mächtig angespannt gingen wir ins Haus. In allen Räumen standen noch Möbel, voller Staub und mit Spinnweben überzogen, aber noch brauchbar. Wir waren neugirig, öffneten die Schränke und fanden eine Menge alter Papiere, die uns nichts sagten. Darin waren aber auch viele bunte Zeitschriften. Wir nahmen uns jeder ein paar, setzen uns auf die Couch oder in einen Sessel und blätterten interessiert darin herum. Wir vergaßen fast die Zeit, bis wir plötzlich einen Traktor auf das Gehöft fahren hörten. Mir pochte das Herz ganz gewaltig, den beiden anderen ging es ähnlich. Psst! zischten wir uns gegenseitig zu. Nur keine Geräusche machen, nur nicht entdeckt werden. Zwei Männer bewegten sich draußen auf dem Hof. Fast war es, als wollten sie ins Haus kommen. Wir waren gefangen. Die Männer zeigten auf das Dach und redeten etwas, was wir nicht verstanden. Nach einer Weile setzten sie sich wieder auf den Traktor und fuhren davon. Uns fielen Felsen von der Seele. Wir waren wieder frei. Schnell verließen wir das Haus und fuhren nach Hause.


Kommentar von Angela Thies

Ich stöbere auch gerne in alten Ruinen, und konnte mich gut in deiner Geschichte als Kind finden. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn du dieses gefangen sein noch etwas dramatischer oder intensiver beschreiben würdest.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Der Text ist insoweit gut, als ich mir den Entdeckerdrang der Kinder, die Erregung beim Erkunden des alten Hauses und dem plötzlichen Auftauchen der beiden Männer gut nachvollziehen kann. Andererseits stören mich die vielen Rechtschreibfehler.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Schön, wie dieses alte Gehöft beschrieben ist. Erinnert mich an ein paar Astrid-Lindgren-Geschichten (Kalle Blomquist, Rasmus und der Landstreicher), wo sie in einem verlassenen Haus spielen und dann irgendwelche Räuber und Mörder auftauchen. Vielleicht könntest Du die Szene, wo die Männer vor dem Haus standen , noch etwas verlängern.

Eingetragen am: 08.03.2008

Eingetragen am: 08.03.2008 von Gina K.
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6173

Das Morgengrauen ruckte unter dem Drängen eines aufgeregten Besenstiels.
Anschließend Camelfilterkaffee. Toasterqualm. Milchtropfen auf heißer Herdplatte.

Ich machte los, stehend auf den Fahrradpedalen. Sitzen konnte ich noch nicht.

Für das Galeristenpärchen Kaj und Albert hatte ich Bürodienste übernommen.
Sie hielten immer eine Staffelei zu meiner Verfügung.
Wenn mir nach Pause war, pinselte ich an Aquarellen.
Heute nicht, denn es gab kein Schwarz im Malkasten.
Statt dessen ließ ich mich in der Badewanne umspülen.

Zur Galerie gehört nämlich eine Wohnung.
Und ein Atelier.
Es finden auch Kurse statt.
Manchmal bin ich das Aktmodell.
Ein schwieriges, weil ich ein Netz voller Schattenmuster bin.

Unter Wasser fingerte ich nach dem entschwundenen Tamponschnürchen,
dann zog ich den Stöpsel.

Albert brachte eine Tasse Darjeeling und frottierte mich sanft.
Im Salon besprach sich Kaj mit einem Kunden.
Später schrieb ich die Rechnung für das verkaufte Werk.
Es war mein Schattenbild.


Kommentar von Gina K.

Respekt meinen mitfühlenden Schwestern. Dank an allwissenden Ginko für 4842.

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Lillilu

Oh mein Gott - ich bin zu dumm und zu naiv für diese Welt! Dachte bei diesem Text an eine fröhliche Morgenlatte und sage nun "Hör nicht auf mich, Gina und es tut mir leid!"

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Dichter kaum noch möglich! Meine Interpretation: Ihr (Dauer-) Partner besteigt sie an einem grauenhaften Morgen bevor sie noch richtig wach ist. Dann stänkert er ihr die Küche voll mit Zigaretten, verkohltem Toast und verkleckerter Milch. Sexuell verwundet und mit Menstruationsbeschwerden enteilt sie zur Büroarbeit, die geradezu erholsam erscheint. Die schwulen Bilderhändler halten sie aufrecht. Sie will Finsternis ausdrücken, hat dafür aber kein genügend dunkles Material. Sie hat Schwierigkeiten, den eingerammten Tampon wieder los zu werden. Ihr welkes Äußeres darzustellen, erfordert malerisches Können. Immerhin ist ein Abklatsch von ihr noch verkäuflich.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Habe den Text beim ersten Mal nur flüchtig gelesen und nicht verstanden. Mir ging es also wie einigen anderen. Beim zweiten Mal wurde mir plötzlich alles klar. Unglaublich gut, die Andeutungen und Bilder, die Du mit Worten malst.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Sylvia

Hm, du wirfst viele Rätseln auf, schreibst nur Andeutungen! Spannend, aber ein wenig mehr könnte nicht schaden! Was ist denn da passiert? LG Sylvia

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Dieser Text hat mich zuerst ganz sprachlos gemacht. Es ist alles so dicht. Die Sprache bleibt sachlich, so als passiere kaum etwas, nur Gewöhnliches – ein Bad nehmen, Fahrrad fahren. Der erste Satz legt sich quer: Das Morgengrauen ruckte; Drängen; aufgeregter Besenstiel. Was soll das heißen? Ich verstand erst einmal nichts. Erst nach und nach setzen sich Bilder zu einer fragmentarischen Geschichte zusammen. Und jetzt entfalten die Worte ihre Wucht. In der kürzest möglichen Sprache spult eine Szene ab; man kann zuerst nur mutmaßen, ob die Protagonistin sich so ganz freiwillig bei den beiden Galeristen aufhält. Sie scheint darauf angewiesen zu sein, Geld zu verdienen mit Büroarbeiten. Die beiden sind großzügig zu ihr, lassen sie malen, sie ist auch mal Aktmodell, sie ist offensichtlich auch für die sexuellen Wünsche der Männer zuständig. Sie wird "gut behandelt", bekommt Tee und wird sanft frottiert. Ihr fehlt schwarze Farbe zum Malen; sie schreibt die Rechnung für das verkaufte Schattenbild. Sie wird verkauft und benutzt. Ich bin sehr beeindruckt.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Frog

Hm! Erinnert mich dunkel an Anais Nin...Verstehe den Text aber nicht wirklich...

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ein schwieriger Text. Aber ein sehr guter. Viele, viele Puzzleteile, die der Leser zu einem Bild zusammensetzen muss. Doch ob dessen Bild und das Bild, das der Autor vermitteln wollte, übereinstimmt, bleibt fraglich. Am beklemmensten fand ich den aufgeregten Besenstiel. Das entschwundene Tamponschnürchen sehe ich hier im direkten Zusammenhang. Die beiden Galeristen werden von dir zwar als fürsorglich dargestellt, doch an einer Änderung der Situation der Prot. scheinen sie nicht interessiert zu sein, da sich Aktbilder einer misshandelten Frau anscheinend sehr gut verkaufen lassen.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Lillilu

Beim Lesen habe ich dich um den Genuss im Morgengrauen beneidet und den Satz in meine Kiste mit Lieblingszitaten gelegt, zu dem dort sich schon räkelnden Satz "Über mein Grab wehte die Bora". Das Tamponschnürchen brachte mir Prince Charles nahe, aber dann suchte ich nach der "Gefangenschaft", konnte sie nicht entdecken und kam zu dem Schluss, dass sie beim Stöpselziehen mit dem Badewasser verschwunden ist.

Eingetragen am: 09.03.2008

Eingetragen am: 08.03.2008 von Lillilu
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6171

Fortsetzung "Gefangen in einer Birke" 1. Teil #5969


Im Laufe der Zeit übernahm der Birkenbär das Wässern des gesamten Gartens und auch das Harken der Wege. Für letzteres benutze er seine langen Krallen. Nacht für Nacht schuftete er gebückt auf den Wegen rum, wässerte die Pflanzen und putzte den Briefkasten, den Zaun, das Garagentor. Tagsüber war er unendlich müde und schlief einen unruhigen Schlaf in seiner Astgabel. Gestört von Lärm und Getöse und dummem Geschwätz: "Bei uns sind die Heinzelmännchen zugange! Ich brauche im Garten nicht mehr zu wässern und mein Mülleimerdeckel geht automatisch auf!"

Als die Eingeweihten mitbekamen, was hier los war, missbilligten sie den Einsatz des Birkenbäres sehr! "Wo er doch so etwas besonderes ist sollte er sich nicht an die Normalmenschen ranschmeißen! " flüsterten sie im Vorübergehen. Er sollte eben nur von ihnen als mentales Fixierbild betrachtet werden. Wenn alle ihn sähen, wäre das Schöne und Wahre im Leben zu Allgemeingut verkommen!

Das hatte er nun davon! Viel Arbeit, schlechten Schlaf und den Verlust der Achtung seiner einzigen Verbündeten.

Die nächtliche Fronarbeit hatte ihn noch nicht einmal in den Genuss der Erdbeeren gebracht. Zwar gab es ein Beet im Garten, vom Birkenbären liebevoll gewässert, die roten Früchte auf Stroh gebettet, aber er hatte es nicht ein einziges Mal gewagt zu naschen.

So schaute er weiter sehnsüchtig nach den Erdbeeren und musste erkennen, dass all die Mühen zum Wohle der Menschen ihm den ersehnten Weg in die Freiheit nicht gebracht hatten. Er saß weiterhin auf seiner Birke und träumte davon am hellerlichten Tag herabzusteigen, sich zu zeigen, ohne dass ihm der Zoo, der Zirkus oder die Kragenbärenfarm drohte. Und er träumte davon, dass die Menschen sich über ihn freuen würden. Stattdessen hatte er die Nacht zum Tag gemacht und den Menschen Wohltaten erwiesen, ohne dass sie von seiner Existenz überhaupt wussten.

Nur seine Muskeln waren kräftiger und seine Krallen stärker geworden und auch sein Mut hatte zugenommen. Das war vielleicht schon ein Anfang!

Eines Tages erschien ein pelziger Vierbeiner auf seiner Birke. Er war viel kleiner als er selbst, höchstens so groß wie zwei seiner Pranken. Er sprang elegant und leichtfüßig von Ast zu Ast und setzte sich dann manierlich zu ihm in die Astgabel, den Schwanz sorgfältig um seine Vorderpfoten gewickelt. "Guten Tag, ich bin Mio Mio, die neue Katze. Und wer bist du?" fragte sie neugierig. "Ich bin der Birkenbär und einen Namen habe ich nicht" erwiderte er.

"Ach?!" meinte Mio Mio etwas spitzmäulig und leckte sich einmal kurz über ihren Latz. "Kann man ohne Namen leben und wer ist man, wenn man keinen Namen hat?"

Darauf wusste er keine Antwort, und so wurde dies ein sehr kurzes Gespräch.

Von da an sah der Birkenbär Mio Mio öfter unter seiner Birke. So saß sie auf der Terrasse des Hauses ganz in der Nähe und er sah, wie die Menschen sie bedienten. Sie stellten ihr Teller mit Häppchen vor die Nase, gossen frisches Wasser in ihren Wassernapf und reichten ihr weiche Kissen für ein Schläfchen im Schatten der Markise.

Wenn der Birkenbär an den äußersten Rand seiner Birke kletterte konnte er sogar in das Schlafzimmer der Menschen schauen. Eines Tages traute er seinen Augen nicht! Die Katze lag mitten im Federbett und schlief!

Da kam ein Mensch zur Tür herein. "Mio Mio!" schrie er, "Schnell, rette dich!" Die Katze im Federbett hörte ihn wohl, aber machte nicht einmal Anstalten den Kopf zum Fenster zu drehen. Der Mensch stand vor dem Bett und versuchte nun sich selber unter das Federbett zu schieben. Da hob Mio Mio die Pfote und fauchte leicht. Und der Mensch verzog sich respektvoll und überließ der Katze das Bett. Der Birkenbär war erschüttert!

In dieser Nacht stellte der Birkenbär seine Gartenarbeit ein und wälzte sich schlaflos auf seinem Baum hin und her. Ging man so mit den normalen Menschen um? Würden sie ihn auch lieben, wenn er die Pfote hob? Sollte er dem Vorbild der Katze folgen?

Als der Morgen kam hatte er sich auf Hochglanz gebürstet und gestriegelt. Er stand kerzengerade am Mülleimer als der erste Mensch erschien. Galant hob er den Mülleimerdeckel mit einer Kralle hoch und sagte mit klarer Stimme "Ich bin Rupert, der Birkenbär und werde nun zum See aufbrechen, um zu baden und Fische zu fangen. Dann komme ich wieder und möchte frische Erdbeeren essen. Und wenn ich danach schlafen gehe, möchte ich nicht gestört werden!"

Der Mensch erschrak als er den 2m großen Bären sah und hörte. Ein Schlag mit seiner Tatze würde ihn auslöschen!

Und er eilte in seine Küche, um für die Rückkehr des Birkenbären Erdbeeren bereit zu stellen. Welche Ehre es war, so einem großen und schönen Tier zu Diensten sein zu können!


Kommentar von Lillilu

Danke Gerti, Maju, Lucky und Sylvia! Ich glaube, ich schicke den Birkenbären erst mal wieder zurück auf seinen Baum und da soll er sich, verdammt noch mal, überlegen, was er so will und wer er überhaupt ist! Und auch seine Autorin kommt sich heute Morgen vor wie Kaspar Hauser, der gerade erst sein Verlies verlässt und null Ahnung von allem hat! @ Angela: Danke dass du dir die Mühe gemacht hast über Rupert nachzudenken. Ich stimme dir vollkommen zu, dass bei der Namensfindung noch nachgelegt werden muss! Gute Idee, dass Mio ihm Vorschläge unterbreitet. BÄRnhard ist mir zu niedlich – er ist ja so groß wie ein Eisbär (um bequem die Mülleimerdeckel zu öffnen) und er will die Welt verstehen. @Ginko: Wird „Wahres und Schönes“ nicht immer geheim gehalten? Deckel drauf, damit das dumme Volk nichts davon erfährt? Ich bedanke mich ganz ausdrücklich, dass du meinen Text so ausführlich bearbeitet hast! Ja, keine „stabile Ebene“, ja, die Sprache muss geändert werden! Ja, die Verwandlung vom Heinzelmännchen zu einer fordernden Gestalt muss herausgearbeitet werden! Wenn ich nur wüsste, was der Bär will! Hauskatze sein? Eher nicht. Partnerschaft, eher ja. Weisungsbefugnis? Eher ja, aber wohl bisher nur was die Erdbeeren und die Fische im See betrifft. Was der Bär aber wirklich weiß, ist dass er nicht in einem schäbigen Heftchen des Lucy Körner Verlages landen will und da seine kasusmäßigen Endungen betrachten darf. Allen anderen noch einmal danke! P.S. @Ginko: Widerspruch in einem einzigen Punkt: Mio im Bett des Menschen ist die einzige, wahre Begebenheit in dieser Geschichte und jeder Katzenliebhaber wird sie verstehen. Kennst du nicht die Erzählung vom König, auf dessen kostbarem Hermelin Umhang eine Katze schlief und der König ließ den Umhang zerschneiden, damit das Tier nicht geweckt würde, als er aufstehen wollte? Oh, Vorsicht, Kitsch im Anmarsch, da droht schon wieder Lucy Körner!

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Gerti

Gefällt mir sehr gut! Viel Glück weiterhin.....

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Danke für diese Fortsetzung. Ich liebe Geschichten mit Phantasie. Drei Dinge habe ich dieses Mal anzumerken. 1. Der Satz: "Da kam ein Mensch zur Tür herein. "Mio Mio!" schrie er...". Das ER verweist auf den Menschen, doch die wörtliche Rede stammt vom BB. (Ich hatte mich beim Lesen gewundert, warum der Mensch plötzlich seine Katze anschrie.) 2. Den BB hatte ich mir die ganze Zeit über größenmäßig wie einen Koalabären vorgestellt. Die 2m nehmen ihm viel von seiner Niedlichkeit. 3. Mir ist nicht klar, warum der BB plötzlich Rupert heißt. Hier hätte er sich in seinen einsamen Stunden auf der Birke Zeit nehmen sollen, um diverse Namen auszuprobieren. Da er jedoch aufgrund seiner Einsamkeit wenig Namen kennen dürfte, hätte ihm Mio Mio hier unzählige Vorschläge machen können. (Mein Favorit ist BÄRnhard)

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Maju

Es geht genau so schön weiter wie der erste Teil. Wie schon einmal gesagt, würde man sich diese Geschichte noch illustriert wünschen. Ich sehe die Bilder schon vor mir und würde das Buch sofort kaufen. LG. Maju

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Ausbaufähiges Opus! Die Erzählung bleibt noch nicht stabil auf einer Ebene, sondern wechselt zwischen leichtem Ton, tiefsinnigen Kommentaren und dümmlichem Geschwätz. Ausdrücke schwanken zwischen anheimelnd und burschikos, wie "rumschuften", "ranschmeißen". "Mentales Fixierbild" gleichbedeutend mit "Schönes und Wahres?" Wenn "Schönes und Wahres" Allgemeingut würde, warum wäre es dann "verkommen"? Die Bettszene mit Mio wirkt unglaubwürdig, weil so kein normaler Mensch agieren würde. Wenn die Geschichte ein Spiegel für menschliches Verhalten werden soll, müssen sich Leser darin erkennen und sich betroffen fühlen. Auch sollte die Verwandlung des Bären vom Heinzelmännchen zu einer fordernden Gestalt schlüssiger herausgearbeitet werden. Was strebt er an? Will er wie eine Hauskatze werden? Begehrt er Partnerschaft? Beansprucht er schließlich Weisungsbefugnis?

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Lillilu

Lieber Numungo, danke für deine konstruktive Kritik bzgl. Ziffern - wird umgesetzt. Zum letzten Satzes des Birkenbären: Das ist schon richtig so. Der Bär hat seine Freiheit und muss nicht mehr buckeln und der Mensch hat nun etwas Schiss in der Hose und ist ihm zu Diensten. Das können alle Bären gut gebrauchen. Vor allen Dingen die, die immer noch in der Birke hocken.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Sylvia

Toll, wie sich deine Geschichte entwickelt. Sie ist noch nicht zu Ende, oder? Wenn doch, finde ich den letzten Absatz seltsam! Würde gerne weiter lesen!!! LG Sylvia

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Lucky

Tolle Ideen, tolle Umsetzung. Das Kind in dir ist lebendig und phantasievoll.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Numungo

Liebe Lillilu, Deine schöne Geschichte ändert nun die Richtung und spiegelt die Realität der Menschen wieder. Der letzte Satz kann (jedoch?)nur ironisch gemeint sein, denn der Mensch stellt seine Dienste wohl eher als Angst zur Verfügung. Das bedeutet für Dich, dass hier die Geschichte noch nicht zu Ende sein kann - Du musst also wohl oder übel noch eine Fortsetzung schreiben (falls es diese nicht schon gibt). Ich jedenfalls warte gespannt darauf. Ein kleiner Tipp noch: In Prosatexten sollten Zahlen nie als Ziffern und Parameter nicht als Abkürzung, sondern immer als Worte geschrieben werden (also nicht "2 m" groß, sondern "zwei Meter" groß) Viele Grüsse, Numungo P.S. Du wolltest die Nummern meiner Beiträge wissen: 707, 1693, 4833, 5419, 6088. Übrigens notiere ich mir die Nummern aller Beiträge die ich kommentiert habe, denn es ist interessant, auch die anderen Einschätzungen oder spätere Stellungnahmen des Autors/der Autorin zu lesen.

Eingetragen am: 08.03.2008

Eingetragen am: 07.03.2008 von Ute
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6165

Gefangen…..

Hast du unsere Kinder geliebt? Warum hast du sie so selten besucht? Warst du nicht an ihrem Leben interessiert? Warum hast du nicht für deine Kinder gesorgt? Waren sie dir egal? Warum hast du nicht mit ihnen geredet als du krank warst?
Dein Elternhaus, das du so geliebt hast, ist nun verkauft. Wir konnten es nicht verhindern. Wir mussten diesen Weg gehen, so schwer es uns auch gefallen ist. Die finanziellen Belastungen waren zu hoch.
Dein Elternhaus, das Elternhaus unserer Kinder.
Glaubtest du, dass die Lebensversicherung die Belastungen schmälert? Glaubtest du, dass deine neue Ehefrau das Geld von der Lebensversicherung dazu verwendet das Haus zu halten? Leider nein.
Warum hast du ihnen nichts erzählt? Warum hast du ihnen nicht gesagt, dass du der Alleinerbe von deinem Vater bist? Hätten wir gewusst, dass die Kinder als deine Erben nun Opa beerben, vielleicht – wahrscheinlich hätten wir verhindern können, dass deine Geschwister alles bei Seite schaffen. Das Haus ist verloren, die Schulden konnten wir durch eine Nachlassinsolvenz abwenden.
Aber was ist mit den Gefühlen? Es waren Wunschkinder. Warum warst du nicht für sie da? Du warst krank, sehr krank. Es tut mir Leid für dich. Aber du warst nicht immer krank. War es dir nicht möglich deinen Kindern ein Vater zu sein? Ein Vater, der mit seinen Kindern spielt, für sie da ist mit allem was dazu gehört. Nicht einmal als du wusstest wie es um dich steht? Hattest du keine Sorgen, was aus deinen Kindern wird? Auch wenn du sehr krank warst, gerade deshalb hättest du mit ihnen reden müssen.
Einen Scherbenhaufen hast du hinterlassen, gefühlsmäßig und finanziell. Waren dir deine Kinder so wenig wert?
Antworte uns!
Damals warst du nicht für unsere Kinder da und nun kannst du die vielen unausgesprochenen Fragen nicht mehr beantworten.
Du bist tot. Die Antworten hast du mit ins Grab genommen.
Du tust mir Leid, aber noch mehr tun mir unsere Kinder leid.


Kommentar von Ute

Vielen Dank für eure Beiträge. Ich werde weiter an der Geschichte arbeiten. Dank eurer mutmachenden Anregungen wird es mir bestimmt leichter fallen. Liebe Grüße Ute

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Sylvia

So viele Fragen - so heftiger Inhalt, keine Antworten. Und trotzdem erschließt sich ein Bild! Schöne Idee! Gut gemacht! LG Sylvia

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Gabriele

Ute, die Idee mit den Fragen an einen Toten finde ich toll. Das hat mich erstmal hineingezogen in die Geschichte. Nach einer Weile habe ich gemerkt, dass für mich als Leserin zu viele neue Fragen entstehen, die nicht beantwortet werden, um richtig begeistert zu sein. Ich wüsste gern mehr von dem, was nur kurz angeschnitten wird: Die neue Ehefrau, das Erbe das nicht angetreten werden konnte, die Geschwister, die Dinge zur Seite bringen... da ist viel Material für eine Öffnung in Szenen und Details. Warum ist dieser Mann seinen Wunschkindern kein angemessener Vater? Wie war das denn, als die Kinder kamen, die er sich anscheinend auch gewümscht hat? Was hatte der Mann? Wieviele Kinder? Meine Fragen richten sich nicht an dich persönlich, sollte diese Geschichte auf autobiografischem Material beruhen, sondern dienen der Anregung, solltest du hieran weiterarbeiten wollen. In einer längeren Geschichte oder einem Roman könntest du uns diese ganzen handelnden Personen ausgiebigst vorstellen. In der Verknappung, falls diese Form die endgültige sein sollte, wünsche ich als Leserin mir einige wenige Einblicke in das Geschehen, damit klarer wird, was in dieser Familie passiert ist. Das könnten sowohl Erinnerungsblitze sein als auch ein paar mehr bittere Sätze der Erzählerin, in denen sie Dinge, die geschehen sind, konkret benennt in ihrer Ansprache an den toten Mann. Die Ich-Erzählerin beschränkt sich hier aufs Fragen und andeuten. Die einzige Stelle, wo etwas von der Wucht aufblitzt, die in diesem Text steckt, ist für mich das "Antworte uns!" Ich bin sehr neugierig auf die Geschichte, die hier drin steckt, ich hoffe, du machst weiter damit.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Sonja Be.

Gefangen - im Sog mächtiger Emotionen, von der Lebenskrise gepackt... Dein Text beschreibt eine wichtige Phase des Verarbeitungsprozesses bei Trennung und Tod: Wut auf den, der verließ und das Leid der Verlassenen. Ein Thema bzw. ein Ereignis, dramatisch und menschlich, unzählige Male geschehen und doch individuell. Mit der Chance auf persönliche Reife oder Kapitulation. Wird die Protagonistin diese Herausforderung annehmen? Wird sie die Krise überwinden, den Blick wieder nach vorne richten? Trotz erlittener Wunden, die erfreulichen Seiten des Lebens neu entdecken? Mutig für sich und ihre Kinder sorgen? Vergangenes akzeptieren, Perspektiven entwickeln,...? Egal,ob Dein Text fiktiv oder authentisch geschrieben ist, der Protagonistin werde ich jetzt viel Kraft und Stärke wünschen ...

Eingetragen am: 09.03.2008

Eingetragen am: 07.03.2008 von Marie Stiehl
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6161

Ich habe einen kleinen Blumenladen. Zur Adventszeit habe ich mit mehreren Mitarbeiterinnen beschlossen eine Advents- ausstellung zu machen. Neben meinem Blumenladen stand während dieser Zeit das kleine Häuschen meiner Uroma leer. Dort konnten wir uns richtig austoben. Wir nannten das kleine Häuschen Hexenhaus und dekorierten es liebevoll. Der Tag der Ausstelluing rückte immer näher, auf einmal hatte keine meiner Mitarbeiterinnen mehr Zeit . die ganze Arbeit blieb an mir hängen und so arbeitete ich zwei Tage, Tag und Nacht durch. Die Austellung wurde ein voller Erfolg. Ich wurde in die Psychiatrie eingewiesen, weil ich mich überarbeitet hatte. Dummerweise erkannte ich den Ernst der Lage dort nicht. Ich wollte unbedingt nach Hause.Zu meinem Mann und meinem kleinen Sohn. Die Schwestern nahmen mich einfach nicht ernst.Ich verschüttete etwas Tee auf dem Boden um meinem Wunsch Nachdruck zun verleihen. Da konnten die Krankenschwestern auf einmal reagieren.Sie holten einen Arzt. Der ordnete an,dass ich fixiert werden müßte und ich mußte eine Tablette einnehmen.Ans Bett gefesselt wachte ich am nächsten Morgen auf. Mir wurde gesagt,dass gleich der Richter kommen würde. Auch da wußte ich nicht,welche Konsequenzen das für mich haben würde.Neben dem Richter waren,mein Mann,der diensthabende Psychiater und eine Sekretärin anwesend. Auf die Frage, wo ich sei,antwortete ich:"Auf der Schönheitsfarm." Diese Idioten sollten mich in Frieden lassen.Ich wollte doch nur nach Hause. "Warum sind Sie hier?"war die zweite Frage. "Damit ich nicht für meinen Mann kochen muß.""Jetzt hör mit dem Scheiß auf!" schrie mein Gatte. Der Arzt forderte Ihn auf den Raum zu verlassen,falls er sich nicht aus der Befragung raushalten würde. Irgendwie brachte ich die Befragung zu Ende. Ja ,ich war voll cool, denen hatte ich es gegeben. Leider hab ich mir mit meiner Wut und meinem Stolz das größte Eigentor geschossen das möglich war. Ich wusste genau wo ich war,leider wußte ich nicht welche konsequenzen,das nach sich zieht. Durch meine Blödheit,bekam ich sechs Wochen geschlossene Psychiatrie verdonnert. Die Zeit war wirklich die Schlimmste Zeit meines Lebens. Da ich total mit Tabletten zugedröhnt wurde , hatte ich nur wenige Momente an denen ich überhaupt etwas fühlte.Die Tabletten sorgten dafür, dass meine Gefühle abstumpften. Ich fühlte mich wie ein Zombie. Das schlimmste war die Besuchszeit. Wenn mein Mann, meine Eltern oder meine Scwester mich besuchten. Der Abschied fiel sogar mir schwer, obwohl ich fast gefühlslos war. Die Ärzte kamen auf die Diagnose dass ich Mahnisch Depressiv wäre. Ich hatte viel Geld ausgegeben, für meine Advetsausstellung,nicht geschlafen,war aufgedreht und noch ein paar andere Gründe deuteten auf dieses Krankheitsbild hin.Ich lies alles mit mir geschehen.Nach meinem Aufenthalt in der geschlossenen,mußte ich noch drei Wochen auf die offene Station. Meine Tabletten wurden täglich weniger, bald sollte ich nur noch Lithium einnehmen. Ein Mittel das Manien verhindert.Diese Tabletten wurden mir noch für ein halbes Jahr verordnet.Wieder zuhause ging ich zu einem Pschyschiater der mir eröffnet das ich diese Tabletten mein ganzes Leben einnehmen muß. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fühlte mich gefühllos mit diesen Tabletten. Einfach betäubt. Gefangen in einem Körper irgendwie ohne Seele. Ich war todunglücklich. So wollte ich nicht mehr weiterleben. Anderseits wollte ich auch das Risiko nicht eingehen , die Tabletten abzusetzen und wieder in der "Geschlossenen"zu landen. Nach sieben Jahren als "Zombie" reichte es mir. Ich hatte zwar schon oft daran gedacht die Tabletten abzusetzen, aber mich dann doch nicht getraut. Irgendwie zog es mich nach einer Heilpraktikerin. Sie hörte mir zu und am Ende sagte Sie zu mir "Sie sind vollkommen gesund." Ermutigt von Ihr setzte ich meine verhassten Tabletten langsam heimlich ab. Ohne ärtzliche Konntrolle. Ich habe es nie bereut. Jetzt nach fünf Jahren ohne irgendeinen Zwichenfall bin ich wieder ein Mensch, der bewußt seine Freiheit lebt, mehr als je zuvor.


Kommentar von Ginko Korn

Also... Der Blumenladen scheint ja noch zu bestehen. Aus dieser sicheren Lage heraus könnte die überstandene Episode ohne jede Aufgeregtheit analysiert werden, einschließlich der bornierten Mitmenschen, womöglich humoristisch. Die andere Möglichkeit bestünde im Verdeutlichen aller Gefühle während des Gefangenseins als Kontrast zur Gefühlsarmut der "Betreuer". Diese Erzählung beginnt von allem etwas, bleibt aber oberflächlich.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Ein Thema, das mich interessiert, aber die Einweisung in die Psychatrie ging mir zu schnell und war für mich nicht nachvollziehbar. Ich hätte mir einen weniger dokumentarischen Schreibstil gewünscht. Die Szene mit der Befragung riss die augenblickliche Situation schon an, aber dann ging es wieder analytisch weiter. Dass ich das Ende, also den guten Ausgang, erfahren durfte, beruhigt mich natürlich. Liebe Grüße, Metta

Eingetragen am: 08.03.2008

Eingetragen am: 07.03.2008 von barbara weinzierl
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6141

Gefangen
...Klar schaffe ich das, ein Kind allein groß zu ziehen. Ihr glaubt doch nicht, dass ich mit einem Mann zusammenbleibe, der mehr stört als Nutzen bringt...
Dieser Gedanke ließ mich nicht los. Er ließ mich so lange nicht los, bis ich Jakob* soweit hatte, dass er auch nicht mehr wollte.

12.September, 10 Uhr Morgens. Der Möbelwagen ist vollgeladen. Die ganze Nacht über haben sie geschleppt und verladen. Unser Sohn ist noch klein, viel zu klein um zu wissen um was es geht, für ihn ist Party. All die Leute, die vielen Kisten, ihm gefällts.

Es ist so weit. Jakob zieht in die Ferne.

10 Uhr 30, der junge, muskulöse, verdammt gutaussehende Fahrer schwingt sich auf den Fahrersitz, Jakob klettert hinauf in die Kabine und setzt sich daneben. „Wie unbeholfen er doch ist, gut das ich den los bin“ denke ich hämisch. Habe ich schon erwähnt, dass Jakob nie mein Typ war?

Der Wagen samt Möbel, samt Muskelmann und samt Jakob setzt sich in Bewegung.

10 Uhr 35, die Welt liegt mir zu Füßen. Unser Sohn tollt begeistert durch die leere Wohnung. Ich erlaube ihm sogar den Bobbiecar, der sonst nur draußen benutzt werden darf, wegen der Striemen auf dem Parkett. Ich würde ihm sogar den Schlitten und die Schlittschuhe erlauben, wenn er welche hätte. Ich ziehe meine Stöckelschuhe an, die mit den Pfennigabsätzen. „Ha, wenn Du wüsstest wie frei ich mich fühle.“
In Gedanken möbliere ich neu, streiche ich eine Wand giftgrün, eine andere rosa, kaufe uns Barbiepuppenhäuser und Marschmellows zum Mittagessen.

10Uhr 50, jetzt geht mein Leben los, ich träume von dem Muskelmann, der jetzt mit Jakob auf dem Weg nach Köln ist. Warum ist er nicht hier und feiert mit mir meine neue Freiheit. Wir könnten doch... ich meine jetzt wo Jakob nicht mehr stört....

10Uhr55, ich bin seit eben eine von den vielen alleinerziehenden Mamis, die allein auf Spielplätzen sitzen, allein das Mittagessen und das Abendessen kochen und essen und dann allein mit der Fernbedienung von GZSZ zum Nachtjournal jonglieren. Nie mehr rausgehen ohne Kinderwagen, nie mehr mit Elfi shoppen ohne Spucktuch und wahrscheinlich erst in 10 Jahren wieder darüber nachdenken, ob der Muskelmann auf ein Weilchen vorbeikommen möchte. In 10 Jahren? Dann will wahrscheinliche überhaupt niemand mehr vorbeikommen.
Hätte ich Jakob behalten sollen?
Ist die neue Freiheit mein neues Gefängnis? Da muss ich jetzt wohl durch.
* Name von mir eigenhändig geändert.


Kommentar von Sylvia

Schön geschrieben! Da werden sich viele Leser identifizieren. Die Idee mit den Uhrzeiten gefällt mir und passt zur Situation. Auch ich würde den letzten Satz streichen. LG Sylvia

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

1 Stunde 55 Minuten sind vergangen. Dann ist alles anders. Der Text kommt fast wie ein Polizeiprotokoll bei der Rekonstruktion des Tathergangs daher. Die Lage sieht ziemlich düster aus. Hatte es denn eine Wahl gegeben, wenn man es genau betrachtet? Hätte sie Jakob behalten können? Was wäre dann passiert? Kann man überhaupt etwas darüber sagen, was passiert wäre, wenn ...?

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von carlottablau

Mein Thema!

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Als Buchhalterin skizziert sie ihre Beziehung wie ein Konto, auf dem sie Aufwand und Ertrag verrechnet. Sie muss erkennen, dass sie nicht abheben kann ohne einzuzahlen. Der kleine Sohn wird laufend abheben. Es droht Insolvenz.

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Gabriele

Barbara, Klasse. Eine komplette Kehrtwende, von Euphorie bis Ernüchterung... auch dieser Text, der sich mit dem realen Alltag des Mutterseins beschäftigt, gefällt mir sehr. Frisch, echt, mit Witz und scharfem Blick fürs Detail. Mir gefällt die Ambivalenz der Trennung - die erste Euphorie, typisch weiblich, mit Stöckelschuh und frischen Farben für die Wohnung und Häme für den Mann der eigentlich nie der ideale war... - und der illusionslosen Einschätzung der Realsituation am Schluss, vielleicht etwas düsterer als es dann wirklich wird...? Sehr gut geschrieben. Ich habe diesen Beitrag mit Vergnügen gelesen. Der letzte Satz liegt mir etwas quer - ich hätte die Geschichte lieber mit dem Fragezeichen enden sehen, irgendwie offener...

Eingetragen am: 07.03.2008

Eingetragen am: 07.03.2008 von Metta Maiwald
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6132

Neufassung von Nr. 5584
2. Versuch - einmal ist der ganze Text flöten gegangen >:o(

Eltern lernen aus den Folgen

Wieviel Energie Zweijährige doch haben! Mit aller Kraft presste ich Milli auf den Boden (auf dem Wickeltisch war das längst lebensgefährlich), während sie sich heftig wehrte und dabei rechts und links mit dem Kopf gegen die Schränke donnerte. Wer war diese gewalttätige Frau, die da über ihrer Tochter auf dem Flurteppich kniete und seit einer dreiviertel Stunde versuchte, ihr eine Windel anzuziehen? Wo war die geduldige Mutter geblieben, die ich immer sein wollte?

Nein, ich würde Milli jetzt nicht ohne Windel ins Bett legen und nachher alles frisch beziehen. Sie hatte es so gewollt. Aber wie sollte ich die Windel schließen, wenn ich beide Hände zum Festhalten brauchte? Egal, draufknien! Schließlich hatte ich vorher alles versucht, was in den Erziehungsratgebern steht: Ich hatte meine Tochter im Arm gehalten, bis sie aufgehört hatte, zu schreien (bestimmt würde ich morgen Muskelkater bekommen), hatte ihr Gitarre vorgespielt, um sie und mich zu beruhigen, was auch geklappt hatte, bis ich das Wort "Windel" wieder erwähnt hatte.

"Du sollst Ditarre spielen. Di-TARR-RREEE-SPIII-LENN!!!" Schließlich hatte ich es geschafft und schleppte dieses wütende, strampelnde Monsterkind mit einer letzten großen Anstrengung in sein Bett.

Erstmal aufs Sofa setzen und ein bisschen heulen. Ich könnte ja meine Freundin Anja anrufen. Ihre Tochter ist genauso alt. Sie versteht mich bestimmt und sagt mir, dass ich trotzdem eine gute Mutter bin.

"Hallo, Anja? Ich bin's. Ich hatte gerade wieder Stress mit Milli." Plötzlich steht meine Tochter in der Tür. Wie ist sie denn aus dem Bett gekommen? "Mama?" "Warte mal einen Moment. Anja? Ja, Milli ist gerade aufgestanden." "Mamm-maaa!!!" "Sei mal kurz still. Nein, Anja, nicht du." "Du SOLLST nicht telenieren!!!" "Augenblick, Anja. Was willst du denn, Milli?" "Spielen." "Spiel mal kurz allein."

Milli nimmt ihr Bobbycar und fährt damit durch die Wohnung. Fährt? Sie reißt bei jeder Bewegung die Vorderräder hoch und lässt sie mit lautem Rumms auf den Boden knallen. Dazu singt sie aus vollem Hals: "Tut-tuut, ein Auto kommt, tut-tuut, ein Auto kommt...!" Ich fliehe in ein anderes Zimmer. Meine Tochter verfolgt mich. Hilfe!!! "Anja, ich ruf dich nachher wieder an."

"So, Milli, es reicht mir, du gehst jetzt in dein Zimmer." Kind rein, Tür zu. Ruhe. Ruhe??? Ja, irgendwann an diesem langen Tag.

Nachmittags bin ich in meinem Arbeitszimmer. Das höre ich hinter mir ein verdächtiges Geräusch. Genauer das Geräusch, das ein Schlüssel macht, wenn er im Schloss gedreht wird.

"Milli??? Milli, mach mal wieder auf." Ein knubbelndes Geräusch im Schloss meiner Zimmertür. "Deht nich." Das hatte ich nun davon. "Du musst den Schlüssel drehen." Wieder dieses knubbelnde Geräusch. Ein leises Schnicken. Ein Kratzen. "Ich krieg den Slüssel nich wieda rein." Mist, auch das noch. Konnte sie den Schlüssel vielleicht unter der Tür durchschieben? Nein, der Spalt war zu eng.

Ausgerechnet jetzt, wo mein Mann drei Tage mit ein paar Freunden auf Radtour war, hockte ich in meinem Zimmer im zweiten Stock eines Mietsblocks fest, während meine zweijährige Tochter vor der Tür saß und den Schlüssel nicht mehr ins Schloss bekam. Vielleicht kommen wir dann endlich mal in die Bildzeitung: "Mutter eingesperrt. Tochter verhungert."

Ich könnte Milli ja zu den Nachbarn schicken. Aber wenn ihr dann die Tür zufällt? Sie kommt ja noch nicht ans Schlüsselbrett ran. Dann is'' es ganz vorbei. Ich könnte auch aus dem Fenster um Hilfe rufen. Wie peinlich! - Zum Glück war da sowieso keiner, der mich hätte hören können.

"Milli, geh mal ins Wohnzimmer an die Balkontür." "Warum?" "Geh mal bitte dorthin." "Ja!" Tappeltappel. "Mama???" "Ja-aaa! Bleib mal da!!!" Ich räumte die Blumentöpfe von der Fensterbank, kletterte auf meinen Schreibtisch und raus auf den Balkon. Hinter der Tür stand brav meine Tochter.

Ich rief durch die Scheibe: "Dreh mal den Griff dort. Dann geht die Tür auf." "Hä?" "Drehen. So!" - Mit Schwung drehte Milli den Griff nach oben und die Tür stand auf Kipp. "Nein, mach nochmal zu. Nur waagerecht drehen den Griff. So." Ich fuchtelte mit den Händen. Rumms. Tür zu. Mein Töchterlein hantierte an dem Griff. Konnte man sich hier irgendwie abseilen? Endlich ging die Tür auf.

Puh, das war noch mal gut gegangen. Ich kniete mich vor Milli hin: "Du, das darfst du nie wieder machen, hörst du." "Aber du machst das doch denauso mit mir."


Kommentar von Frog

Die Situation kommt mir bekannt vor. :-) Gut geschildert. Für meinen Geschmack verwendest Du im zweiten Absatz zu oft das Wörtchen "hatte"... Idee: Würde die Geschichte nur im Präsens geschrieben nicht noch eindringlicher rüberkommen?

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Maju

Diese Geschichte ist richtig klasse geschrieben. Der kurze, abgehackte Stil passt gut zu der Situation. Die gestresste Mutter kann jede Mutter gut nachvollziehen. Auch das nervige Kind, das beim Telefonat dazwischenquatscht. Alles erlebt. Aber du hast die Gabe, es in witziger Form niederzuschreiben. LG. Maju

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Isabel

Liebe Metta, und gleich noch einen Kommentar auf deinen 2. Text. Bin auf ihn gestoßen, auf der Suche nach Tinkerbell. Deine erste Fassung hatte ich bereits vor einigen Tagen gelesen, aber nicht kommentiert. Aber dieser Text ist runder. Das Vorspiel macht ihn komplett. Das Leben einer entnervten und gestressten Mutter, die enttäuscht ist, weil ihr ehrliches Bemühungen und Wollen, alles richtig zu machen, anscheinend nicht so fruchten wie gewünscht, hast Du gut rübergebracht. Gefällt mir. Liebe Grüße Isabel

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Barbara Weinzierl

Oh wie beaknnt und wie vertraut die Situation. Klasse erzählt, hat Spaß gemacht zu lesen. Ja, so abseilen und in ein paar Jahren wiederkommen. Nein, das ist gemein, dann verhungert das Kind. Aber abseilen ,dem Pizzaservice einen Dauerauftrag geben... obwohl? Muttersein ist doch schön! Lieben Gruß Barbara

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Sylvia

Super! Die Überarbeitung gefällt mir noch viieel besser! Du lässt uns mitspüren und zuschauen. Die Geräusche sind spitze! Allerdings denke ich gerade, dass ich mir das mit meinem Kinderwunsch noch einmal überlegen sollte! ;-) LG Sylvia

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Oh, das freut das Autorinnenherz! @ Gabriele Wahrscheinlich hattest Du Deinen Kommentar schon geschrieben, als meine Verbesserungsvorschläge noch nicht freigeschaltet waren, sonst hättest Du schon gewusst, weshalb keine Ruhe war. Irgendwann an diesem langen Tag war, als Muttern an ihrem Schreibtisch saß. Da fällt mir noch ein Spruch ein: Was ist Mutterglück? Das Gefühl, das eine Mutter hat, wenn ihre Kinder abends friedlich im Bett liegen und schlafen. ;o) Und Du meinst, ich hätte noch schreiben sollen, wie ich die Dachrinne auf Festigkeit geprüft habe, mich an die kläglichen Seilkletterversuche im Sportunterricht erinnernd? Und wie ich versucht habe, den Abstand zu Krügers Balkon zu schätzen, also, ob ich, wenn ich ausgestreckt an einem Bettlaken hinge, mit den Fußspitzen das Balkongeländer erreichen könnte? @ Angela Thies Ja, also wiieee ich die Windel dann doch anbekommen habe, das ist mir selbst ein Rätsel. Ich glaube, es muss ungefähr so gewesen sein: Mit beiden Knien von oben auf Millis Oberarme knien, Druck dabei so dosieren, dass sie weder weg kann noch zerquetscht wird, Windel unter den Po schieben, Seite wechseln, mit dem linken Fuß Millis rechtes Bein fixieren und den rechten Fuß auf ihren linken Arm stellen (da fällt mir ein: kennst Du das Spiel Twister?) und die Windel blitzartig zukleben. Wieso, brauchst Du 'n Tipp? @ Angela Barotti Schriebst Du da etwas von Schadenfreude? Etwas mehr Solidarität mit einer armen, gequälten Mutter hätte ich schon erwartet! Ja, über meine Tochter könnte ich wirklich ein ganzes Buch schreiben, habe schon mal einen Cartoonband angefangen mit dem Titel "Sei froh, dass du so niedlich bist!". Aber ohne diese Herausforderungen wäre das Muttersein ja langweilig. Mittlerweile ist Milli schon groß, kommt allmählich in die zweite Trotzphase, aber ist ein tolles Mädchen geworden.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Wie du mir, so ich dir - fällt mir dazu spontan ein. Und ein kleines bisschen Schadenfreude ist bei mir auch dabei, denn Milli hat stellvertretend für den 'kleinen Mann' Rache an der großen Autoritätsperson genommen. Beim Beitrag 5584 hast du uns im Anschluss die Begründung geliefert. Das hatte viel von einer Rechtfertigung an sich und ließ mich unbefriedigt zurück. Hier nun sind wir von Anfang an dabei, erleben die chronologische Reihenfolge der Ereignisse mit - und reiben uns zum Schluss vergnügt die Hände. Diese Geschichte über zwei starke Frauenpersönlichkeiten war ein Genuss zu lesen. Verbesserungsvorschläge habe ich keine für dich, jedoch möchte ich an dieser Stelle ein dickes Dankeschön loswerden für all deine Kommentare zu unseren Texten. Ich lerne sehr viel von dir. DANKE.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

So geht es, man schickt den Artikel schnell ab und hinterher fällt einem ein, was man noch alles hätte besser machen können. Also: Absatz 1) ... gegen die Schränke donnerte und laut brüllte. Absatz 3) ...wütende, schreiende und strampelnde Monsterkind... Absatz 6-8) "Anja, ich ruf dich nachher wieder an." Wenn ich noch eine Minute länger mit Milli in einem Zimmer bleiben muss, weiß ich nicht, was ich ihr antue. / "So, Milli, es reicht mir, du gehst jetzt in dein Zimmer." Kind rein, Tür zu. Ruhe. Ruhe??? Milli brüllte und trat gegen die Tür. Aber irgendwann an diesem langen Tag gab es doch ein bisschen Ruhe. / Nachmittags saß ich in meinem Arbeitszimmer. Da hörte ich hinter mir ein verdächtiges Geräusch. Genauer das Geräusch, das ein Schlüssel macht, wenn er im Schloss gedreht wird. Ich sprang auf und rüttelte an der Türklinke.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Witzige und super beschriebene Alltagssituation mit einem kleinen Kind. Herrlich wie am Ende die Logik des Kindes zuschlägt. Wie du die Windel ihr dann doch anziehen konntest, habe ich nicht verstanden :-).

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Caro Stein

Sehr authentisch, das hat sicher jede Mutter schon am eigenen Leib erfahren. Bei deiner Windelwechslerei mußte ich laut lachen, besonders, wenn ich an meine beiden zweijährigen Nichten denke! Das hast du gut geschrieben, grade weil es eine der schwersten schriftstellerischen Aufgaben ist, die Leute zum Schmunzeln zu bringen. LG Caro

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Gabriele

Metta, den Vorlauf zum Schlüssel-Erlebnis hast du toll umgesetzt. Ich mag die Dialoge, die sind so lebensnah und frisch als würde ich daneben stehen. Bei mir kommen die echt und lebendig an. Auch dieser Spagat zwischen 'eine gute Mutter sein' und einfach Alltag mit einem widerspenstigen Kind ist sehr schön. Ich finde es köstlich, wie die Protagonistin sich schließlich im Ringkampf mit ihrer Zweijährigen entschließt, auch noch die Knie zur Hilfe zu nehmen - sehr realistisch! ;) Zitat*** "So, Milli, es reicht mir, du gehst jetzt in dein Zimmer." Kind rein, Tür zu. Ruhe. Ruhe??? Ja, irgendwann an diesem langen Tag. ***Zitat Ende. Ist das hier die Stelle, wo unsere Protagonistin den Schlüssel dreht? Du sagest es nicht explizit, ich weiß es nicht... Sollte ich es wissen? Und ich verstehe nicht, warum jetzt nicht Ruhe ist - oder ist Ruhe? Was heißt dann, Ruhe??? Ja, irgendwann... Die Stelle kommt etwas unklar herüber. Meine Lieblingsstelle ist immernoch drin, ein Glück - wo sie sich überlegt ob sie sich abseilen soll... vielleicht würde ich das sogar noch etwas auswalzen, aber ich will nicht meckern, schließlich ist es deine Geschichte, nicht meine! :) Sehr gelungene Überarbeitung, finde ich. Die Beziehung zwischen den beiden und die Komik des Alltags mit einer Zweijährigen, die Schizophrenie einer modernen Mutter zwischen Idealbild und Wirklichkeit, das kommt alles sehr schön rüber, sowohl realistisch als auch witzig.

Eingetragen am: 07.03.2008

Eingetragen am: 07.03.2008 von Metta Maiwald
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6118

Habe es schon in einer persönlichen Mail an den Autorenhausverlag geschrieben, möchte es aber auch hier noch einmal ins Gedächtnis rufen, vor allem, nachdem im letzten Newsletter stand, weshalb es hier kein Forum gibt (Zeitmangel): Hier arbeiten Menschen für uns, damit wir hier schreiben und uns austauschen können, und dafür sage ich GANZ HERZLICHEN DANK! Ich hoffe, dass der Verlag auch etwas davon hat, nämlich, dass Ihr alle noch einmal auf die Homepage schaut, was es da für tolle und hilfreiche Ratgeber gibt. Habe schon mehrere gekauft und bin sehr froh darüber.


Kommentar von rosamsa

Hallo Ihr Lieben, jedesmal wenn ich mich einlogge hab ich das Gefühl alte Bekannte zu treffen, ein Teil Eurer Namen ist mir zwischenzeitlich so vertraut, dass ich mich jedesmal freue von Euch zu lesen. Hatte diese Woche leider kaum Zeit zum Kommentieren, wegen jeder Menge Arbeit im Büro. Mein großer Dank an Louise Doughty und Mitstreiter, ohne Euch würde ich bei weitem nicht so viel schreiben, wie ich in diesem Jahr schon geschafft habe. Bis bald Alles Liebe von rosamsa

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Maju

Auch von mir ein Dankeschön. Hätte nicht gedacht, dass es so viel Freude macht, an diesem Schreibprojekt teilzunehmen. Die Ratgeber kannte ich allerdings schon vorher und besitze auch einige. Sie sind wirklich gut. Freue mich schon auf die nächste Woche, wenn die neue Übung ansteht. Ihr auch? Wünsche allen einen schönen Sonntag. LG. Maju

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Isabel

Auch ich schließe mich dem Dank an. Eine tolle Idee, die uns zusammengebracht hat. Der Austausch ist wichtig. Ich habe ebenfalls schon einige Bücher gekauft und entdecke immer mal wieder was Neues.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Yep! Lesen und umsetzen!

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Dem Dankeschön schließe ich mich aus vollstem Herzen an! Von den Ratgebern besitze ich allerdings schon mehrere und werde mir daher vorläufig keine mehr kaufen (auch wenn ich sie sehr empfehlenswert finde). :-)

Eingetragen am: 08.03.2008

Eingetragen am: 07.03.2008 von Anna Berg
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6094

Gefangen

Es war eine unserer üblichen Höhlentouren, auf die wir nur zu zweit gingen. Levi hatte mich überredet, meinen Urlaub ein wenig zu verlängern, damit noch Zeit für zwei ganz besondere Touren bliebe. Die erste hatte mich mit mindestens hundert Leitern, in Gewölben so groß wie Bahnhofshallen, bis an meine Grenzen gehen lassen. Mir zitterten Hände und Knie, als wir wieder ans Tageslicht kamen. Ob es Levi ähnlich ging, konnte ich nicht feststellen. Er gab sich gelassen wie immer.
„Keine Angst, die zweite Höhle ist das ganze Gegenteil davon, total leicht zu befahren“, versprach Levi. Gegen meine innere Überzeugung ließ ich mich darauf ein, gleich noch die nächste Tour zu wagen. Auf der kurzen Autofahrt konnte ich ein wenig verschnaufen, aß und trank etwas und fühlte mich tatsächlich wieder fit. Zunächst war es ein Spaziergang in einer Welt, der ich im selben Augenblick verfiel, da ich sie das erste Mal betreten hatte. Absolut nichts ließ sich damit vergleichen. Der warme Schein der Karbidlampe auf Kristallwänden, die wie lauter Diamanten glitzerten, die Stille, die Dunkelheit abseits des Lichts, all das hatte mich bei meiner ersten Höhlentour gefangen genommen und nicht wieder losgelassen. Jetzt führte Levi mich in dem neu entdeckten System mal nach oben, mal nach unten, wir kletterten einen Schacht hinunter, seilten uns ab und standen schließlich an einer Art Kreuzung. Direkt vor uns ging es durch eine Engstelle weiter nach schräg unten, ein Stück über uns gab es einen Kamin, den ich auf keinen Fall erklettern wollte und auch die Strickleiter, die in einen Schacht hing, machte auf mich keinen Vertrauen erweckenden Eindruck. Blieb also der enge Durchgang. Levi grinste. „Ich habe schon geahnt, dass du dich dafür entscheiden würdest. Lass mich voraus kriechen, dann kann ich dir zeigen, wie du am besten durchkommst.“
Mit geübten Bewegungen legte er Rucksack und Karbidbehälter ab, band sie an ein kurzes Seil und ließ sich auf den Boden gleiten. Seine langen Beine schob er zuerst durch den Spalt. Dann drehte er sich auf die Seite, drückte sich mit den Händen von der Wand ab, schob sich weiter, bis die Schultern eine nach der anderen hindurch glitten und schon war auch sein Kopf samt Helm verschwunden.
„Lea, lass mir das Seil runter, dann kann ich unser Gepäck schon mal beiseite legen“, hörte ich ihn wie durch einen Trichter sagen. Schnell hatte ich die wenigen Handgriffe erledigt. Anschließend legte mich auf den feuchten Boden, wie ich es bei Levi gesehen hatte und begann, mich wie ein Regenwurm durch die Enge zu schieben. Es verlief alles bestens, bis ich in Brusthöhe stecken blieb. Zunächst glaubte ich, meine Position nur ein wenig verändern zu müssen, um voran zu kommen. Mit den Händen über dem Kopf suchte ich an der Wand nach Halt. Wie in Zeitlupe drehte ich mich ein wenig und … steckte endgültig fest. „Was ist los?“, erkundigte sich Levi. Seine Stimme klang keinen Deut beunruhigt. „Ich stecke fest. Nach unten kann ich jedenfalls nicht weiter. Lass mich wieder zurück kriechen.“ Keine Antwort. Na gut, er zweifelte meine Entscheidung also nicht an. Meine Kletterstiefel scharrten über den Fels, um in einer Lücke genügend Halt für sanften Druck zu finden, der mich aus der Enge befreien sollte. Doch weder sanfter noch kräftiger Druck änderte etwas an meiner Situation. Selbst dass Levi meine Füße mit seinem Rücken abstützte, half nicht. Ich befand mich in der gleichen Lage wie der berühmte Bär, der nach zu viel Honigschlecken im Höhlenausgang feststeckte. „Ob es hilft, mich gleichfalls ein paar Tage hungern zu lassen?“, dachte ich mit einem Anflug von Galgenhumor. Eigentlich war ich froh, ein paar Pfunde zugelegt zu haben, aber dass mir das zum Verhängnis werden könnte, wäre mir im Traum nicht eingefallen.
Wieder und wieder versuchte ich, meine Position zu wechseln. Vergebens. Als mir die Arme einschliefen und ich zu frieren begann, bekam mein Nervenkostüm die ersten Löcher. „Levi, tu doch endlich was!“, kreischte ich. Von der anderen Seite war kein Laut zu hören. Ich lauschte angestrengt, aber Levi schien mit Sprachlosigkeit geschlagen. Wut und Enttäuschung machten sich in mir breit. Kein klarer Gedanke wollte die Dunkelheit in meinem Kopf erhellen. Im Gegenteil – ich schalt mich eine ehrgeizige Trine, die nicht auf ihre Intuition hört. Wäre ich heute nicht schon einmal am Ende meiner Kräfte gewesen, käme ich sicher ohne viele Schwierigkeiten hier heraus. Dann kamen die Tränen. Als ob sie etwas weggewaschen hätten, das mich am Handeln hinderte, beschloss ich, einen erneuten Versuch zu wagen. Diesmal zwängte ich einen Arm am Kopf vorbei und schob meine Hand dorthin, wo Brust und Fels eins zu sein schienen. Ich wollte wissen, welche Form das Loch hatte, das mich festhielt. Dabei ertastete ich eine Wulst unter meinem Overall. Der dicke Pullover hatte sich nach oben geschoben und damit meinen Brustumfang um einige Zentimeter wachsen lassen. Es kostete mich noch einmal Unmengen von Energie, Ordnung in meine Kleidung zu bringen. Am Ende der Prozedur fiel ein Lichtstrahl erst auf mein Gesicht, dann wanderte er zur Wand und ich erkannte Levi. Er hatte sich in aller Stille einen anderen Rückweg gesucht, um mir von dieser Seite aus helfen zu können. Angenehme Wärme durchfloss meinen Körper, der Anspannung machte Erleichterung Platz. Mit Levis Hilfe drehte ich mich ein wenig in meiner Falle und konnte endlich nach unten kriechen. Der Anblick auf der anderen Seite entschädigte mich im Handumdrehen für die erlittenen Qualen. Waagerecht aus der Wand wachsende Kristalle, dünn wie Bindfäden glitzerten in verschiedenen Blautönen um die Wette.


Kommentar von Anna Berg

An alle, die sich bisher zu meinem Text geäußert haben: Geklettert bin ich tatsächlich selber, aber diese beschriebene Szene der Gefangenschaft habe ich nur als Zeugin erlebt. Deshalb hält mich auch kaum etwas davon ab, weiterhin in Höhlen zu klettern oder zu kriechen. Das mit dem blauen Licht ist richtig, die Karbidflamme erzeugt warme Farben. Die Formulierung: Dunkelheit abseits des Lichts habe ich gewählt, weil in einer Höhle wirklich absolute Dunkelheit herrscht, sobald das künstliche Licht aus ist. Das ist neben der - meist vollkommenen Stille - wahnsinnig beeindruckend und für jemanden, der selber noch nichts ähnliches erlebt hat, kaum vorstellbar. Jedenfalls danke für Eure Kommentare. Anna

Eingetragen am: 13.03.2008

Kommentar von Cora

Eine schöne Geschichte! Ich habe in der Dichte mitgelitten. Ist Deine Lust auf "ganz besondere Touren" ungebrochen?

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Sylvia

HAllo Anna, ich kann mich den anderen nur anschließen! Schöne bildhafte Sprache! Ich habe richtig mitgezittert. Als Tipp: Du könntest die verschiedenen Sinne noch einbinden: Ist es dunkel oder hell? Ist es kalt in diesem Gefängnis? Oder habe ich das vielleicht übersehen? ;-)LG Sylvia

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Caro Stein

Dein Text gefällt mir, Anna, die beängstigende Situation hast du gut dargestellt, indem du uns deine Gefühle und dein Handeln mitgeteilt hast. Mich brächten ja keine 10 Pferde in eine Höhle, ich bekam schon beim Lesen Platzangst. Mach weiter so. LG Caro

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Das hast Du aber sehr schön beschrieben und auch der Nicht-Höhlenforscherin erschließt sich die Schönheit der Bergwelt. Schreib mal statt "der berühmte Bär" einfach "Pu der Bär" - den kennt eigentlich jeder und der Name Pu sagt viel mehr über sein tolpatschiges (absichtlich alte Rechtschreibung) Wesen aus. Gut verdeutlichst Du das Unbehagen, als von Levi nichts mehr zu hören ist - die Auflösung (Männer reden nicht, sie handeln ;o) gefällt mir. Die Formulierung "am Ende der Prozedur" macht diese Stelle so rational. Vielleicht eher beschreiben, wie die Protagonistin die Situation wahrnimmt, also wie sich das anfühlt, die Kleidung zu ordnen, der Stoff in der Hand, der Fels am Handrücken und dann, als die Protagonistin so beschäftigt ist, dass sie Levi gar nicht hat kommen hören, der Lichtstrahl im Gesicht. Flüchtigkeitsfehler: "DIE Anspannung machte der Erleichterung Platz", bei "DER Anspannung" ist es umgekehrt, die Erleichterung geht, die Anspannung kommt.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Lillilu

Habe tief in der Nacht noch diesen unglaublichen Bericht über eine Höhlenwanderung gelesen - er kann nur autobiografisch sein! Niemand sonst würde so bildhaft schreiben können und ich ziehe meinen Hut vor Anna Berg. Bist du neu hier? Und am Ende noch diese schöne Alliteration.....

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Art und Form der Falle sind klar beschrieben. Doch die in die Angst eingestreute Ironie lässt das Gefängnis harmlos erscheinen, als belanglose Ärgerlichkeit im Rausch des Höhlenerlebnisses. Durch die Wucht der Eindrücke sind auch einige Ausdrücke geknautscht worden: da gehen Leitern an Grenzen, Levi hat viele Schultern "eine nach der anderen", "Dunkelheit abseits des Lichts" wo denn sonst? Glitzern "um die Wette" , sportliche Grotte? Noch etwas technisches: Das rotorange Karbidlicht lässt keine Kristalle blau glitzern. Diesen Effekt liefert ein Kamerablitz für die Erinnerungsfotos.

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Gabriele

Schön geschrieben, und eine interessante Umgebung. Mir gefällt der Tonfall dieser Ich-Erzählerin, da ist so etwas ruhiges, gelassenes im Erzählstil. Schön die 'technichen' Details des Kletterns in Höhlen. Ich mag es, wenn Geschichten in mir unvertrauter Umgebung stattfinden, und doch alles so genau beschrieben ist, dass ich es mir mühelos vorstellen kann, so wie hier. Nur die Stelle, wo Levi plötzlich nicht mehr antwortet und die Protagonistin sich mit der Erklärung zufrieden gibt, die Situation hätte ihn mit Sprachlosigkeit geschlagen, kommt mir ein wenig unglaubhaft vor. Müsste sie nicht rufen? Ihn auffordern sich bemerkbar zu machen? Sich Gedanken machen, was denn nun auf einmal mit ihm passiert ist? Schließlich geht das ja noch eine ganze Weile so, dass sie sich in der Spalte abquält und er ist irgendwie weg. An der Stelle schien mir die Geschichte kurz zu schwächeln. Der Rest ist wieder wunderbar. Wie sie herausfindet, was das Hindernis ist, und Levi wieder auftaucht, und das wunderschöne Kristallbild zum Schluss. Sehr schön zu lesen, wunderbarer Erzählfluss.

Eingetragen am: 07.03.2008

Eingetragen am: 07.03.2008 von Dagee
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6098

George hatte sich die letzte Szene angeschaut und war unzufrieden. In letzter Zeit fiel es ihm immer wieder schwer sich zu konzentrieren. Besonders in den letzten Tagen war die Stimme ihm wieder lauter geworden. Er schob dies auf den Stress und seinen Wunsch nach einer Pause. Doch wenn er ehrlich war, vermisste er sie, wenn sie schwieg.
Michael, der Co-produzent und Kameramann analysierte die letzte Einstellung. Irgendetwas irritierte George und er bekam unter der Lichtabdeckung keine Luft.
Luft, atmen. Er stand auf und streckte sich. Ein Schatten ein paar Meter hinter ihm erweckte seine Aufmerksamkeit. Nein, vielmehr war es ein Zwang.
Er drehte sich um und schaute in zwei braune Augen, die traurig aussahen und umrahmt wurden von schwarzen halblangen Haaren.
„Oh mein Gott.“, flüsterte er.
Er kannte diese Frau und er konnte nicht glauben woher. Das war einfach zu verrückt.
Wie ein Geist stand sie da, völlig regungslos.
Er war sich nicht sicher, ob er sie wirklich sah oder er nun völlig wahnsinnig wurde.
Dieser Augenblick nahm ihn gefangen und lies ihn erstarren in völliger Bewegungslosigkeit. Alles um ihn herum schien still zu stehen und die Luft schien aus einem flüssigem Gas zu bestehen, dass ihn schwer atmen lies.
Michael zog ihn am Arm und stellte ihm eine Frage zum Bild. Er konnte deutlich erkennen wie sich seine Lippen bewegten, aber er konnte die Worte einfach nicht verstehen.
„Katie!“ Jemand in der Menge hatte einen Namen gerufen. Ihren Namen. Er drehte sich um, aber der Geist war verschwunden. Panisch suchte er sie zwischen den Passanten. Und dann im letzten Augenblick sah er ihren Wuschelkopf. Sie ging auf einem Mann und eine Frau zu, die auf sie zu warten schienen.
„Das ist sie.“, war das letzte was er dachte bevor er losrannte und die unsichtbare Fassade rund um seinen Körper bröckelte. Er hatte das Gefühl als stände sein Körper immer noch dort und sein Schatten rannte fort aus dem starren Gefängnis seines Leibes.
Er ließ den verdutzten Michael stehen und sprang über die Absperrung.
„Kate, Kate!“, schrie er. Er konnte sehen wie sie abrupt stehen blieb. Er sah sie nur von hinten, aber er konnte deutlich die Anspannung in ihren Muskeln sehen. Sein Schritt verlangsamte sich.
„Kate.“, flüsterte er atemlos, bevor er ungefähr sechs Meter von ihr entfernt stehen blieb. Langsam drehte sie sich um. Ihr Gesicht schwankte zwischen entsetzten Begreifens und völliger Fassungslosigkeit. Ihre Augen schauten ihn fragend an und ihre Lippen formten stille Worte.
„Ist es war? Ich bin nicht verrückt?“
Er nickte. „Es ist wahr.“
Ihre Glieder entspannten sich und nun liefen ihr dicke Tränen über die Wangen. George fragte sich wie er sich so sicher sein konnte. Er war immer eher ein rationaler Mensch gewesen, dennoch nahm er nun diese fremde Frau, die ihm doch so unglaublich vertraut schien, in den Arm. Ihre Wärme durchdrang ihn und er atmete tief ihren Körpergeruch ein. Sie roch nach einer Mischung aus Babycreme und Vanille, so dass er seine Augen schloss und den Moment ganz in sich aufnahm.
Nie wieder wollte er sie loslassen.


Kommentar von Dagee

Das war jetzt mal ein Versuch. Der Text ist Teil einer längeren Geschichte (vielleicht wird ja mal ein Buch draus)...ist mitten drin herausgerissen, sorry. Aber 'Danke' für jegweilige konstruktive Kritik...macht Spaß hier. Ist schön feedbacks zu kriegen.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Caro Stein

Dein Text macht mich neugierig, Dagee, das ist ein gutes Zeichen. Am Liebsten würde ich weiterlesen, weil ich wissen möchte, warum George eine Fremde umarmt, warum sie ihn so anzieht, und er Kate offensichtlich auch nicht unbekannt ist. LG Caro

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Die beklemmende Stimmung wird deutlich, das Gefühl (Wärme und Duft) bei der Umarmung ist schön beschrieben. Inhaltlich bleiben Fragen offen. Als Leserin bleibe ich deshalb unzufrieden. Ist dies Teil eines längeren Textes?

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Na gut, ein Liebesblitz lässt wohl keine Konzentration zu. Als Leser blättere ich schnell weiter auf der Suche nach verständlicher Handlung.

Eingetragen am: 07.03.2008

Eingetragen am: 07.03.2008 von Numungo
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Der Mann in meinem Kopf

Als ich gestern in den Spiegel blickte, stellte ich fest, dass meine Augen durchsichtig waren. Sie schimmerten ein bisschen wässrig, gerade so, als ob sie tränen würden. Doch da, wo sonst die Pupillen sind, waren sie vollkommen durchsichtig. Sie waren so durchscheinend, dass ich bis in meinen Kopf hinein sehen konnte. Das erstaunte mich zunächst nicht. Was mich viel mehr verwunderte, war, dass in meinem Kopf jemand saß. Erschrocken und neugierig trat ich näher an den Spiegel heran, damit ich besser sehen konnte. Als meine Augen nur noch wenige Zentimeter vom Spiegelglas entfernt waren, konnte ich alles ganz genau erkennen. Es war, als würde ich meine Augen immer näher an ein Schlüsselloch heranführen, so nahe, bis alles hinter der Türe ganz deutlich zu erkennen ist. Meine durchsichtigen Augen waren das Schlüsselloch.

In meinem Kopf sah es aus wie in einem Zimmer. An den Wänden entlang standen riesige Regale, welche bis oben hin mit unzähligen Büchern gefüllt waren. Ansonsten war das Zimmer eher spartanisch eingerichtet. In der Mitte standen ein nackter, hölzerner Tisch und ein Stuhl. Auf dem Tisch befanden sich eine alte Öllampe, ein Tintenfass, eine Feder und ein Stapel unbeschriebener Blätter. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass die Blätter noch unbeschrieben waren. Auf dem Stuhl hinter dem Tisch saß ein Mann. Er hatte ein Buch in der Hand und las. Er schien mich nicht zu bemerken.

Zwischendurch legte der Mann in meinem Kopf das Buch immer wieder zur Seite, nahm ein leeres Blatt vom Stapel, tauchte die Feder in die Tinte und schrieb etwas auf. Manchmal waren es nur ein paar Worte, ein andermal eine oder gar mehrere Seiten. Wenn der Mann mit seinen Sätzen fertig war, legte der die Feder und die Blätter ordentlich beiseite und widmete sich wieder seinem Buch. Bis er erneut zu schreiben begann.

Der Stapel mit den leeren Blättern lag ganz links auf dem Tisch, das Tintenfass und die Feder waren in der Mitte zur hinteren Tischkante hin angeordnet. Wenn der Mann schrieb, nahm er immer ein leeres Blatt vom linken Stapel und legte es vor sich in die Mitte des Tisches. Die beschriebenen Blätter legte er dann rechts davon ab und schob sie immer ein Stück weiter nach rechts, wenn ein neues, beschriebenes Blatt dazu kam. Nie legte ein ein Blatt auf ein anderes, immer kamen sie neben einander zu liegen. Erst, wenn die Tinte restlos getrocknet war, wurden die Blätter direkt an der rechten Kante des Tisches ordentlich aufeinander gestapelt, und zwar immer mit der beschriebenen Seite nach unten. Im Laufe der Zeit - ich glaube, ich hatte die Zeit um mich her völlig vergessen - wurde der Stapel mit den beschriebenen Blättern immer dicker. Als er ungefähr 5 cm dick war, stand der Mann auf, nahm den Stapel in die Hand und ging damit in eine Ecke meines Kopfes, in welcher ein kleines Tischchen stand. Dort rüttelte und klopfte er den Stapel, bis alle Blätter exakt übereinander lagen, fügte einen ledernen Einband dazu und band das ganze zu einem Buch. Mit einer kleinen Presse prägte er etwas in den Buchrücken - wahrscheinlich den Titel -, nahm dann das fertige Buch und stellte es in ein fast leeres Regal. Dann ging er wieder zum Tisch in der Mitte meines Kopfes zurück und las in seinem Buch weiter.

Es war sehr aufregend zu sehen, was in meinem Kopf passierte. Doch um ehrlich zu sein, sah ich zwar, was geschah, aber ich verstand es nicht. Weshalb sollte in meinem Kopf ein Mann sitzen und Bücher lesen und wozu notierte er immer wieder etwas? Vielleicht hielt er Überlegungen fest, die er in den Büchern las und die ihm wichtig erschienen? Aber weshalb tat er das in meinem Kopf? Gab es keine besseren Plätze? Hätte er das nicht zu Hause oder in einem Café tun können?

Ich wandte mich vom Spiegel ab, um eine Lupe zu suchen. Nachdem ich sie gefunden hatte, ging ich wieder zum Spiegel und hielt sie dicht vor meine Augen. Der Mann in meinem Kopf saß immer noch da, aber nun erschien er mir durch die Lupe riesengroß. Er war noch immer in ein Buch vertieft, doch jetzt konnte ich erkennen, was auf dem Buchrücken stand. Es war nicht viel, nur ein Datum: 12.05.1969. Natürlich sagte mir dieses Datum nicht viel. Es gibt so viele Tage, an die ich mich nicht erinnern kann. Doch für den Mann in meinem Kopf musste das Datum eine besondere Bedeutung haben, weshalb sonst sollte er ein Buch von eben diesem Tag lesen? Vielleicht war es sein Geburtstag?

Als der Mann in meinem Kopf den nächsten Papierstapel fertiggestellt hatte, ging er mit diesem wieder zu dem Tischchen in der Ecke, wo er daraus ein neues Buch band. Ich versuchte, so nahe wie möglich mit der Lupe an mein durchsichtiges Auge heran zu kommen, um noch besser sehen zu können. Als der Mann den Buchrücken des fertigen Buches prägte, konnte ich den Text deutlich entziffern. Er lautete: 06.03.2008. Wieder ein Datum! Erst jetzt fiel mir auf, dass es das gestrige Datum war. Ich warf einen Blick auf die Uhr: es war kurz nach Mitternacht.

Der Mann stellte das neue Buch wieder ins Regal, genau neben das letzte, das er gebunden hatte und setzte sich wieder zurück an den Tisch, wo er sofort ein neues Blatt vom leeren Stapel nahm, in die Mitte des Tisches legte und zu schreiben begann. Ich schob die Lupe wieder näher an mein Auge heran und versuchte, zu entziffern, was der Mann auf diesem Blatt notierte. Es war nicht einfach, denn mein Blickwinkel auf den Tisch war sehr flach und gleichzeitig stand die Schrift Kopf, doch es gelang mir, die niedergeschriebenen Worte zu erkennen. Und ich war entsetzt, als mir bewusst wurde, was der Mann in meinem Kopf zu Papier brachte: er zeichnete meine Gedanken auf! Er schrieb genau das auf, was ich nur wenige Augenblicke zuvor gedacht hatte.

Ich konnte nicht glauben, was ich sah und deshalb unternahm ich noch mehrere Versuche, das Geschriebene zu überprüfen, doch jedes mal waren es wieder meine Gedanken, die ich kurz zuvor gedacht hatte! Immer nur meine Gedanken! Sonst nichts.

Wie konnte es sein, dass jemand in meinem Kopf saß und meine Gedanken notierte, sie sammelte und zu einem Buch band? Für jeden einzelnen Tag gab es ein Buch, dessen Rücken mit dem Datum des jeweiligen Tages geprägt war und in einem Regal gelagert wurde. In meinem Kopf standen Regale mit einer Vielzahl von Büchern, welche mein ganzes Leben dokumentieren! Und immer, wenn ich gerade nichts denke (ist es so?), holt sich der Mann in meinem Kopf ein Buch aus dem Regal und liest darin. Er liest in meinen längst vergangenen Gedanken, von welchen ich selbst oft schon nichts mehr weiß!

Natürlich interessierte mich, wer dieser Mann ist, der in meinem Kopf sitzt und sich mit meinen Gedanken befasst. Ich betrachtete ihn von allen Seiten und ließ ihn nicht mehr aus den Augen, bis ich erkannte, was mir längst schon hätte klar sein müssen: der Mann in meinem Kopf bin ICH.


Kommentar von Sarah Jakob

Hallo Numungo, ich lese ausgesprochen viel, einiges (auch von renomierten Schriftstellern)lege ich als "Schrott" gleich wieder weg, manches liegt auf einem Stapel "vielleicht später" und dann gibts noch einen Haufen "Jetzt sofort, ohne Essen, ohne Schlafen und bloß nicht zuklappen". Auf diesen Haufen würde ich einen Roman von Dir legen. Mit dem, was ich bis jetzt von Dir gelesen habe, hast Du mir Bilder gegeben, die ich gelegentlich kurz vor dem Einschlafen vor mir sehe und doch nicht in der Lage bin, in Worte zu fassen. Hab Dank dafür! An solchen Storys sehe ich, dass ich noch viel lernen muß! Gruß Sarah

Eingetragen am: 05.07.2008

Kommentar von ursula

Hallo Numungo Ich habe Deine Geschichte mit Spannung gelesen. Ich finde die Idee super. Leider bin ich Anfänger, was das Schreiben betrifft und deshalb habe ich auch keinen weiteren Kommentar dazu. Für Deinen Kommentar zu 6378 danke ich Dir recht herzlich. Ich werde Deine Tipps berücksichtigen und an dem Text arbeiten. Meinen Eltern geht es gut. Wo ich war verrate ich in einem neuen Text. Nochmals Danke und liebe Grüsse Ursula

Eingetragen am: 11.03.2008

Kommentar von Cora

Der meditative Blick ist sehr schön beschrieben. Der schreibende Mann in seiner Umgebung gefällt mir auch. Die Ordnung entspricht wohl dem Wunschdenken?

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Sylvia

Geniale Idee! Du schreibst sehr schön. Beim Überarbeiten würde ich kürzen. Die Idee von Lillilu gefällt mir: Lass es den Leser selbst herausfinden. LG Sylvia

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Frog

Ich schließe mich Ginko an. Zu viele für mich uninteressante Einzelheiten mittendrin...

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Caro

Tolle Idee, ungewöhnliche Perspektive, sehr interessant geschrieben!

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Die Idee, sich selbst in die durchsichtigen Augen zu schauen, ist klasse. Die Beschreibung des Mannes im Kopf - wie er schreibt, Bücher fertigt und diese im Regal abstellt, ist mir allerdings ein wenig zu weitschweifig. Und dieser Schluß war ziemlich bald schon zu erwarten. Irgend ein Umweg, Haken oder eine Differenz zum ICH sollte schon dabei sein.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Caro Stein

Eine interessante Geschichte, Numungo. Klingt, als würdest du sehr viel Wert auf Ordnung legen, oder der Mann in deinem Kopf. Vielleicht ist es aber auch genau umgekehrt? Für mein Gefühl hast du "in meinem Kopf" zu oft erwähnt, wenn der Leser bei der Einleitung Bescheid weiß, reicht das. Die Erklärungen am Anfang, wo was wie steht und angeordnet ist, könnte man durch Handlung etwas plastischer darstellen. Auf jeden Fall gefällt mir die Vorstellung, dass unsere Gedanken irgendwie geordnet und jeder Zeit abrufbar wären. Allerdings würde der Schreibtisch in meinem Oberstübchen überquellen, und in dem ganzen Durcheinander würden manchmal bestimmt die falschen Seiten in einem Band zusammenkommen. Ist leider wirklich so. LG Caro

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Dagee

Wow...ich bin gefangen von Deinem Text. Was mich noch mehr überrascht ist die Tatsache, dass mir diese Szene unglaublich vertraut ist. Manchmal erschreckt man, wenn man sich im Spiegel zu sehr in die eigenen Augen sieht. Ich finde, Dir ist es wirklich gut gelungen den Leser (in diesem Fall mich) an den Text zu fesseln...Deine Art zu schreiben zieht einen quasi in die Story. Geh blos nicht zum Psychiater, sonst geht Dir noch das kreative Potenzial zum Schreiben aus :-). A very compliment

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Diese Situation am Spiegel lief wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Ist es nicht verrückt, dass die Frau in meinem Kopf jetzt auf einem Teil der Seiten genau dasselbe geschrieben hat, wie Dein Mann, nämlich, als ich den Text las, den Du geschrieben hast? Erinnert mich ein wenig an Michael Ende... Vielleicht lässt Du den Leser die Erklärung ruhig selbst finden, indem Du dann liest, was der Mann auf der Seite vom 7.3. geschrieben hat, nämlich genau der Anfang dieses Textes.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Lillilu

Was für eine wundervolle Geschichte! Und sofort erinnerte ich mich an eine andere, in der du aus der Vogelperspektive dich selbst gesehen hast. Ich würde sie so gerne noch einmal lesen – könntest du die Nummer hier noch einmal angeben, wenn du auf unsere Kommentare eingehst? Sammelst du diese poetischen Erzählungen für ein Buch? Auf der Suche nach dir selbst, wie Carlos Castaneda in der Wüste? Danke auch für deinen Kommentar zur meinem Birkenbären. LG Lillilu

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Eine originelle Geschichte und eine faszinierende Vorstellung, dass die Erinnerung für jeden Tag des Lebens abrufbar ist/wäre, wenn man es wollte - eine eigenständige Kraft, die das Leben aufzeichnet. Da beobachtet mich einer und das bin ich selbst - Klasse.

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Gabriele

Der erste Satz hat mich hineingezogen in diesen Text. Den finde ich wirklich faszinierend. Auch wie es weiter ging, in den Kopf hinein schauen zu können, heraus zu finden, wie es darin aussieht, da war ich ganz bei dem Protagonisten. Der Mann im Kopf, die Beschreibung des Raumes, seiner Tätigkeit, der Bücher, das hat nach einer Weile etwas an Faszination eingebüßt, ich habe mich immer wieder gefragt, ja aber wie findet der das, dessen Kopf das ist? Wie fühlt sich das an? Was denkt er über diese unglaubliche Entdeckung? Ich kann gar nicht genau sagen, was ich mir da gewünscht hätte, aber irgend etwas vom Innenleben der Figur, von seiner Gefühlswelt... etwas, das mich diesem Menschen und der Erfahrung, die er macht, näher bringt...? Da muß ich selbst noch ein wenig drüber nachdenken! :) Ich finde die Geschichte sehr, sehr gut geschrieben, flüssig und packend. Auch wenn dann gar nicht mehr viel passiert, ich habe sie mit Interesse zu Ende gelesen. Ein origineller Einfall, und ein wirklich gelungener Anfang!

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Ute

Wunderbar! Du hast so bildhaft geschrieben, dass sich ein kleiner Film in meinem Kopf abspielte während ich deinen Beitrag las. Auch das Thema - deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Hast du schon andere Beiträge geschieben? Leider lese ich viel zu wenig Beiträge - die Zeit, die Zeit ... Viele Grüße Ute

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Das Gedächtnis als Schriftführer. Diese großartige Allegorie wird hier umständlich mit vielen Einzelheiten zugeschüttet.

Eingetragen am: 07.03.2008

Eingetragen am: 06.03.2008 von Gabriele
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6062

Zum Schluss wollte ich nur noch weg aus dieser winzigen Wohnung, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Puppenküche. Das sogenannte Bad, Klo und Duschkabine in der Kammer. Hinterhof. Vierter Stock. Kein Balkon. Es gab nur einen Ausweg.

Ich bin eingeschlossen. Nur das Fenster kann ich öffnen. Mir graut vor den Sekunden vor dem Aufprall. Eine oder zwei, wie viele würden mir noch bleiben, wenn ich mich fallen ließe? Was, wenn ich es mir im Bruchteil einer Sekunde anders überlegte? Dann wäre es zu spät. Dieses Grauen hält mich zurück.
Ich bin unsere Putzmittel durchgegangen. Ein schrecklicher Tod. Solche Schmerzen. Auch davor habe ich zuviel Angst. Tabletten haben wir keine im Haus.
Ich habe überlegt, wie ich fliehen könnte. Die Tür irgendwie öffnen, Feuer legen, um Hilfe rufen. Ich habe Angst zu verbrennen. Ich spreche diese Sprache nicht. Und wohin sollte ich gehen? Ich kenne niemanden. Meine Familie hat mich verheiratet, sie würden mich verstossen, wenn ich Glück habe. Meine Landsleute hier in der Fremde? Undenkbar. Niemand würde mir helfen, das würde meinen Mann entehren.
Dann ist da noch sein Rasiermesser. Er liebt dieses Rasiermesser. Er schärft es an einem Riemen, das hat sein Großvater ihm beigebracht. Jeden Morgen nach dem Duschen rasiert er sich, und manchmal abends, wenn er mit seinen Freunden weggeht. Für mich rasiert er sich abends nicht, und mit mir geht er auch nicht aus.
Am Anfang, als er um mich geworben hat, zu Hause, da sind wir auch ausgegangen, unter den wachsamen Augen meiner Brüder. Da war er frisch rasiert und duftete herrlich. Auch ich war herausgeputzt, meine Mutter achtete darauf.
„Sei froh, dein Vater hat eine gute Wahl getroffen. Das ist ein guter Mann. Nach der Hochzeit nimmt er dich mit nach Deutschland. Da verdient er viel Geld. Dir wird es gut gehen.“
Ach Mama. Seit er mich hierher geholt hat, wäscht er sich nur noch morgens, vor der Arbeit. Abends kommt er verschwitzt und dreckig nach Hause, beladen mit Tüten voller Lebensmittel. Die schleppt er in die Küche, damit ich sie wegräume.
Dann zieht er sein verschwitztes Hemd aus und setzt sich im Unterhemd an den Tisch. Die ganze Wohnung riecht nach ihm, wie der Bau eines Tieres. Ich muss ihm seinen Tee bringen und sein Essen. Er spricht nicht mit mir. Als wäre bereits alles gesagt zwischen uns.
„Was soll ich denn den ganzen Tag machen?“ habe ich ihn ungläubig gefragt, als er das erste Mal ging und mir sagte, ich solle das Haus nicht verlassen.
„Mach die Wohnung sauber. Koch mir was Schönes. Mach dich hübsch für mich.“
Ich habe gelacht. Ich dachte er macht Witze. Dann ist er gegangen und hat die Tür hinter sich abgeschlossen. Ich habe geschrieen und dagegen gehämmert und getreten.
„Komm zurück! Das kannst du doch nicht machen! Lass mich hier raus!“
Dann bin ich zum Fenster gerannt. Ich wollte es öffnen und darauf warten, dass er im Hof auftaucht. Aber da hörte ich schon den Schlüssel in der Tür. Er kam zurück. Ich war erleichtert. Es war alles nur ein Missverständnis. Er kam herein, raste auf mich zu wie ein wildgewordener Stier und schlug zu. Ohne ein Wort hat er mich grün und blau geschlagen und mich an den Haaren herumgezerrt, bis mein Nasenbluten ihn innehalten ließ.
„Mach das nie wieder,“ sagte er, die Lippen weiß vor Wut. „Bleib vom Fenster weg, mach keinen Krach. Ich bringe dich um, wenn du mir Ärger machst. Geh jetzt und kümmere dich um deine Nase, du machst alles blutig.“
Ich konnte kaum gehen, alles tat weh, meine Beine zitterten. Ich kann mich noch gut an das Entsetzen erinnern, das mich da packte. Das sollte mein Leben sein? In dieser winzigen Wohnung? Ohne die Gesellschaft von Schwestern und Freundinnen? Ohne vor die Tür gehen zu können? Ohne einen Schwatz mit den Nachbarinnen, oder bei Einkäufen auf dem Markt?
Ich habe den ganzen Tag geweint. Dann habe ich mich in die Küche geschleppt, um sein Abendessen rechtzeitig fertig zu haben.
Wenn er abends nicht mehr ausgeht, geht er meist früh schlafen. Vorher will er es noch tun. Seitdem ich in Deutschland bin, behandelt er mich wie eine Hure. Er benutzt mich täglich. Ich muss mich ausziehen und meine Haare öffnen. Ich darf die Augen nicht schließen, er will, dass ich ihn dabei ansehe. Er tut mir weh. Ich hasse es. Wenn er fertig ist und sich zur Wand gedreht hat, gehe ich ins Bad und würge. Ich habe versucht, mich ihm zu widersetzen, doch das macht es nur schlimmer. Dann schlägt er mich bis ich mich nicht mehr wehre und tut es dann.

Ich saß den ganzen Tag am Fenster. Ich öffne es nicht mehr. In mir ist alles tot. Ich fühle nichts mehr, gar nichts. Ich habe in den Himmel geschaut und von Erlösung geträumt. Von Auslöschung. Einfach nicht mehr hier sein. Dann habe ich mich für sein Rasiermesser entschieden.


Kommentar von Gabriele

Liebe EVA MARCUSE, ich kann dir nur beipflichten. Bevor ich es wagen würde, über ein solch heißes Eisen mehr zu schreiben, müsste ich erstmal gründlich recherchieren. Diese Schwäche meines Textes ist mir bewusst. Darum habe ich eine reine Fingerübung der Gefangenschaft draus gemacht - total fiktiv, ohne irgendeinen deutlichen kulturellen Bezug. Danke für eure Kommentare, ANGELA T, REINER und CARO. Ich bin sehr froh, dass es mir gelungen ist, diese riskante Verbindung aus Fiktion und versuchter emotionaler Wahrheit zu euch rüberzubringen.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Reiner Reinfeld

Gabriele, Du zeigst eine bittere Wahrheit unserer Gegenwart. Deine Sprache ergreift und fesselt und lässt das Leid, die Einsamkeit, die Verzweiflung, den Ekel und das Sterben der Gefühle vor dem letzten Schritt mitempfinden. Deine Worte gehen ganz tief rein. Du verfügst über Einblick in die Tiefen der Seele. Hoffentlich ist das nicht (mehr) Dein eigenes Leid, das wir hier spüren. Dieser Text lässt erahnen, dass Du uns noch viel zu bieten hast. Ich bin sehr gespannt auf Deine nächsten Texte. LG Reiner

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Caro

Super geschrieben! Man spürt die Verzweiflung und hat das Gefühl selbst in dieser Wohnung gefangen zu sein. Einfach nur gut!

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Gabriele

Ich danke euch sehr für eure ermutigenden Kommentare. Es erfordert für mich keinen besonderen Mut, solche Geschichten zu schreiben, aber sie anderen zu zeigen und der Kritik auszusetzen - das hat mich tatsächlich etwas Überwindung gekostet... CARO: Ja, du hast Recht, mich würden mehr Szenen im Detail auch sehr interessieren. Ich weiß praktisch gar nichts über den kulturellen Hintergrund und das alltägliche Leben von Frauen aus Kulturen, in denen es noch diese Zwangsehen gibt - ich könnte mir gut vorstellen, nach einer intensive Recherche tatsächlich etwas längeres zu schreiben, vielleicht sogar einen Roman... das Thema hat mich schon länger gepackt. METTA: Eines der beeindruckendsten und unter die Haut gehenden Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, war 'In meinem Himmel', von Alice Sebold (ich habe es allerdings auf Englisch gelesen, weiß nicht, wie die Übersetzung ist). Geschrieben in der ersten Person, die Geschichte eines Mädchens, das als 14 jährige von einem Nachbarn sexuell missbraucht und ermordet wird - sie erzählt sie nach ihrem Tod - sowohl von ihrer Ermordung (hart an der Grenze des Erträgliche für Eltern!) und was danach mit ihrer Familie und dem Täter geschieht... unglaublich dicht und spannend, emotional wahr und erschütternd, und absolut glaubhaft. :) Nicht, dass ich meine Geschichte damit vergleichen möchte, aber die Ambivalenz am Schluss, ob sie zum Zeitpunkt der Erzählung noch lebt, fand ich gut. JU BLI: Ja, interessant, beim Schreiben ist es mir nicht aufgefallen, aber hinterher habe ich gedacht, wer weiß, ob sie tatsächlich sich selbst etwas antut? Vielleicht nimmt sie ihren Mann gleich noch mit...? LILLU: Meiner auch! (Lieblingssatz! :) Ich hoffe, da wo der herkam sind noch mehr von der Sorte!!! GINKO: Das war mir gar nicht wirklich klar, die symbolische Wahl des Rasierwerkzeugs, das ist ein wirklich interessanter Aspekt der Figur. Danke für den Hinweis! Ich werde mir eure kostbaren Kommentare ausdrucken und mit der Geschichte ablegen, falls ich die Geschichte später wieder aufgreife und tiefer einsteige.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Eine erschütternde Geschichte, in der die Selbstauslöschung völlig verständlich als letzte Lösung bleibt. Sehr gut geschildert.

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Hallo Gabriele, ich bin bei deinem Text hier ziemlich gespalten. Beim ersten Lesen kommt sofort die Empathie für diese Frau zum Zug. Beim zweiten Nachdenken habe ich mich aber gefragt, ob oder wie gut du das Familienleben von türkischen Familien zum Beispiel kennst. Ich glaube nämlich, dass die Dinge nicht ganz so liegen, wie du sie hier darstellst. Was du hier zeigst, ist nur schwarz-weiß. Nach meiner Erfahrung gibt es aber in allen Familien auch Kontakte und Verbindungen aus einer solchen Wohnung hinaus zu anderen Mitgliedern der üblicherweise größeren Familie, wenn auch nicht zu Deutschen. Ich glaube, für die Glaubwürdigkeit eines solchen Textes ist Recherche notwendig, um nicht mediale Klischees in Literatur umzusetzen.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von ju bli

Du bringst die Verzweiflung der Frau und die Fassungslosigkeit über ihre Situation so authentisch rüber, dass ich es dir auch als "Eigene Erfahrung" abnehmen würde. Ich bekomme tierische Wut auf diesen Mann, der seine Frau wie Zuchtvieh hält. Vielleicht benutzt sie das Rasiermesser dann ja doch, um IHM, NICHT SICH SELBST die Kehle zu schlitzen - aber für den wären auch die Haushaltschemikalien gut gewesen...

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Ganz starker Text, einer der beeindruckendsten hier. Schnell fällt man sein Urteil über hier lebende Ausländerinnen, die auch nach Jahren noch kein Deutsch können. Dieser Text stellt die Situation in ein anderes Licht und wirft die Frage auf, was wir selbst tun können, um solchen Frauen zu helfen. Was mich wundert, ist, dass viele tatsächlich in dieser Situation zu verharren scheinen, aber vielleicht liegt es auch daran, dass es eine Pressevereinbarung zum Stillschweigen über Suizide gibt, um keine Nachahmung zu provozieren. Bei einer Ich-Erzählerin müsste die Geschichte noch weitergehen, da sie ja ihren eigenen Tod nicht beschreiben kann.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Gabriele, das ist eine beeindruckende Geschichte und ich finde, dass du die einzelnen Szenen und die Gefühle sehr gut getroffen hast. „Die ganze Wohnung riecht nach ihm, wie der Bau eines Tieres“ ist mein Lieblingssatz.

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Ohne Umschweife werden die Einzelheiten der hoffnungslosen Lage beleuchtet. Sie sieht nur noch einen Ausweg aus ihrem Foltergefängnis und wählt sein kostbares Rasierwerkzeug, als letztes Signal seelischer Stärke.

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Caro Stein

Hallo, Gabriele! Meine Nackenhaare sträuben sich! Die Handlung ist ziemlich dicht in deinem Text, er wirkt auf mich beklemmend, macht mich betroffen, ich komme nicht zum durchatmen. Das ist ein Thema, bei dem es sich lohnen würde, einzelne Szenen genauer auszuarbeiten. Z.B. das Hochzeitsversprechen, was macht die Frau den ganzen Tag vollkommen allein, die Szene wie der Mann sie benutzt, oder wie ihre Familie (wenn überhaupt) dazu steht. Das Thema ist heiß, passiert auch heute überall, mitten unter uns, ohne dass wir etwas davon ahnen. Es ist sehr mutig von dir, so zu schreiben, mir geällt es sehr gut. Liebe Grüße Caro

Eingetragen am: 07.03.2008

Eingetragen am: 06.03.2008 von Erwina
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6061

Gefängnisse gibt es jederzeit und überall, vor denen ist man nie sicher.
Hat man sich aus dem einen Gefängnis befreit, läuft man vielleicht direkt schon in das nächste. Manchmal dachte sie, dass sie eine richtige Begabung hatte, von einem Knast in einem anderen zu landen.
Damals nach der Schule war sie glücklich, gleich eine Lehrstelle als Büroangestellte zu finden, doch schon bald war sie hoffnungslos unterfordert. Das Schlimmste war aber das Gefühl, dass sie ihre Situation nun wohl niemals mehr ändern konnte. Ihre Zukunft lag in klaren Zügen vor ihr: Sie würde in dem Büro bleiben, bis sie in Rente ging. Zwischendurch würde sie vielleicht einen Angestellten aus dem selben Bürohaus heiraten und mit ihm schöne Reisen nach Mallorca und an die Ostsee machen. Das Gehalt würde reichen für Wohnung, Auto und ein paarmal im Monat ausgehen.
Und das sollte alles sein?
Das Aufstehen am Morgen wurde ihr schwer, denn was sie an diesem Alltag wieder erwarten würde, war genau abgezirkelt. Nichts Unvorhergesehenes würde geschehen, keine Überraschung passieren, kein Abenteuer, kein Entweichen; nur Pflichterfüllung.
Wenn sie morgens im Büro ankam, musste sie erst einmal die Stechuhr bedienen. Dann fuhr sie mit dem Fahrstuhl zu ihrem Arbeitsplatz, an dessen rechter Seite sich die zu bearbeitenden Akten stapelten. Im Laufe des Tages würden sie auf die linke Seite wandern. Dazwischen lag eine Frühstückspause und die Mittagspause, die sie mit anderen Angestellten zusammen verbrachte, und die Gesprächsthemen kreisten um Kosmetik, Diskotheken, Autos und Männer. Nichts davon interessierte sie wirklich, und so saß sie zumeist stumm dabei, hörte gelangweilt zu (man fand sie darum auch langweilig) und fühlte sich einfach nur fehl am Platz.
Einen Ausweg sah sie nicht.
Sie hatte ja gesehen, was mit dem Spinner passiert war, der, kaum drei Wochen in der Ausbildung, eines sonnigen Morgens meinte, er müsse um 10 Uhr das schöne Wetter ausnutzen und sich in die Sonne setzen. Die erste Verwarnung erfolgte; bei der nächsten Schönwetterphase verließ er das Büro, um niemals zurückzukommen.
Sie war zu brav, um in solcher Art aufzubegehren, und also fraß sie ihren Frust in sich hinein.
Dann lernte sie Eric kennen. Er arbeitete in der Abteilung zwei Stockwerke tiefer und war wirklich nett. Schon bald waren sie ein Paar, schon bald ließ sie sich von Eric schwängern, um dieser entsetzlichen Bürosituation zu entfliehen. Und schon bald war das Baby da und sie im Mutterschaftsurlaub.
Eric hatte sie gewiss lieb, und doch kam er nach einiger Zeit immer später nach Hause, während sie wegen des Babys nicht einfach weggehen konnte. Bald war es keine Frage mehr, ob ihre Beziehung hielt, sondern eher eine Frage der Zeit, wie lange sie noch hielt. Doch sie war nicht in der Lage, sich zu trennen, denn sofort käme die nächste Frage auf, wie sie ihr Leben allein bewerkstelligen könnte.
Es würde wieder eine lange Zeit dauern, bevor sie diesem Gefängnis entkommen würde.
Aber: Welches würde dann kommen?


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