200 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 9 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 9 mit Übungsaufgabe

27.02.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 03.03.2008 von Lovis
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5737

Traumbild – Zerrbild

Du kannst deine Träume pflegen, wie einen Garten. Du kannst von deinem Leben erwarten, was du dir erträumst, flüstert dir eine bekannte Stimme ins Ohr, während du durch hohe Gräser läufst, ohne einen Halm zu knicken.
Kein Zeichen, dass dich verriete und doch bist du da.
Nur ein Garten, doch mühsam hindurch zu gehen. Du erkennst keinen Weg, das Ziel vage und doch gehst du.
Nur nicht umdrehen glaubtest du und tust es doch, ein angenehmer Schwindel erfasst dein Herz, deine Lunge, deinen Kopf.
Lebtest in jemand anderes Haus, schliefst im fremden Bett, aßt am ungedeckten Tisch, ein ungeborenes Kind trank dir aus der Brust, sie riefen dich nicht bei deinem Namen.
Wenn einer aufhören könnte zu träumen, aufhören zu fordern, aufhören zu formen, wollen.
Du glaubst du hast das Spiel schlecht gemacht, aber du bist ja wenigstens da. Und dann siehst du die braune Holzleiter an die Wand gelehnt. Du vermeidest es durch zu gehen, testest vorsichtig die Sprossen, siehst an ihr hoch, dein Blick wird zum Hausgiebel gelenkt und da erst entdeckst du das der Himmel blau ist, kein kaltes blau, sondern eins , das dir vormacht es trüge dich. Du ziehst deine Jacke aus, legst sie zu Boden ohne ihr nachzusehen. Die Sprossen fühlen sich fest und lebendig an, du spürst dein Gewicht und genießt den Augenblick, bevor der Fuß wieder Boden berührt. Die Aussicht ist unerwartet und schön. Leiser Wind geht durch die Gräser, dein Atem, der zu dir kommt und von dir geht.


Kommentar von Eva Marcuse

Ich sehe gerade, dass in meinem Kommentar keinerlei Absätze sind, obwohl ich einige hineingesetzt hatte. Deshalb wird mein Kommentar z.T. leider unverständlich bleiben.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Ein wunderbarer Text!! Als enthusiasmierte Leserin habe ich es gewagt, einige Absätze einzubauen, kleine Rechtschreibkorrekturen vorzunehmen und den Anfang wegzukürzen. Wie findest du nun deinen Text? Kein Zeichen, das dich verriete und doch bist du da. Nur ein Garten, doch mühsam hindurch zu gehen. Du erkennst keinen Weg, das Ziel vage und doch gehst du. „Nur nicht umdrehen“ glaubtest du und tust es doch, ein angenehmer Schwindel erfasst dein Herz, deine Lunge, deinen Kopf. Lebtest in jemandes anderen Haus*, schliefst im fremden Bett, aßest am ungedeckten Tisch, ein ungeborenes Kind trank dir aus der Brust, sie riefen dich nicht bei deinem Namen. Wenn einer aufhören könnte zu träumen, aufhören zu fordern, aufhören zu formen, zu wollen. Du glaubst du hast das Spiel schlecht gemacht, aber du bist ja wenigstens da. Und dann siehst du die braune Holzleiter an die Wand gelehnt. Du vermeidest es durchzugehen, testest vorsichtig die Sprossen, siehst an ihr hoch, dein Blick wird zum Hausgiebel gelenkt; und da erst entdeckst du dass der Himmel blau ist, kein kaltes Blau, sondern eins, das dir vormacht, es trüge dich. Du ziehst deine Jacke aus, legst sie zu Boden ohne ihr nachzusehen. Die Sprossen fühlen sich fest und lebendig an, du spürst dein Gewicht und genießt den Augenblick, bevor der Fuß wieder Boden berührt. Die Aussicht ist unerwartet und schön. Leiser Wind geht durch die Gräser, dein Atem, der zu dir kommt und von dir geht. *alternativ: eines anderen Haus Ich bin fasziniert!!! Noch eine Frage: "Durch die Holzleiter gehen" ist eine schöne Wiederaufnahme von (Garten) mühsam hindurch gehen Aber wie geht durch eine Holzleiter gehen? Oder was bedeutet es?

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Einfach schön, sehr poetisch. Gut gefällt mir der Absatz "Lebtest in jemand anderes Haus..." - und doch erschließt sich mir nicht der Sinn des Geschriebenen.

Eingetragen am: 04.03.2008

Eingetragen am: 03.03.2008 von Isabella E.
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5729

Das junge Mädchen blickte in den großen Spiegel, der in der Ecke ihres Kinderzimmers stand und verzog die Mundwinkel nach unten. Üblicherweise war dieser große Spiegel der auf Metallfüßen stand, mit einer blauen Wolldecke verhöhlt aber heute war es mal wieder einer dieser Tage, an dem Julia mutig sein wollte. Bevor sie die Decke, die den Spiegel verdeckte, entfernte, zog sie die Gardinen zu und machte nur ihre Nachtischlampe an. Julia fühlte sich am wohlsten, wenn es nicht allzu hell im Zimmer war. Nun stand sie vor dem großen Spiegel und zog sich langsam aus. Zuerst streifte sie das T-Shirt über dem Kopf und zog ihren BH aus. Anschließend machte sie ihre Jeans auf und streifte sie runter. Nach jedem Kleidungsstück verweilte ihr Blick kurz auf dem Spiegelbild. So stand die junge Frau da und starrte in ihr Abbild.
>> Ich bin dick! > Und hässlich bin ich auch! > Ich bin schön! Und dick bin ich auch nicht! > Ich war eine Gefangene der Gesellschaft!


Kommentar von ju bli

Auch der Schönheitswahn kann ein Gefängnis sein. Normen und Werte werden vorgegeben, wie man zu sein hat, was man tun muss etc. Die Vorgaben der Gesellschaft schränken die eigene Wahrnehmung ein und man sieht nur noch bis zu den Gitterstäben des Gefängnisses. Schade, dass der Text dann abgebrochen ist.

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Isabella E.

Leider gab es Übertragungsfehler deswegen das abrupte Ende. Ich habe mein Text nochmal eingeschickt.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Sylvia

Hallo Isabella, die ersten Sätze gefallen mir sehr gut! Du beschreibst, was sie macht und mit welchem Widerwillen. Das Ende verstehe ich nicht! Findet sie sich nun schön oder hässlich? LG Sylvia

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Das eindringliche Gefühl des Anfangs bricht bei den letzten Sätzen aprupt ab. Vielleicht weiter beschreiben, was das junge Mädchen sieht ("Frau" im "Kinder"zimmer finde ich unpassend), wie sie vielleicht die ein oder andere Rundung doch ganz gern anschaut... Dann hört sie vielleicht eine innere Stimme, das, was z.B. ihr Vater, Bruder, Freundin, Klassenkameradinnen zu ihr gesagt haben (oder was in der BRAVO steht) und wirft schnell wieder die Decke über den Spiegel, um ihn zu verhüllen (nicht verhöhlen ;-) - dann wird die aufgezwungene Meinung der "Gesellschaft" bildhafter.

Eingetragen am: 04.03.2008

Eingetragen am: 03.03.2008 von Lothar Fink
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5719

Griechenland mit einem guten Freund im Urlaub.
An der Hotelrezeption erhielten wir unseren Zimmerschlüssel, wir stiegen in den Fahrstuhl, damit wir die zwei Stockwerke fahrend überbrücken konnten. Die Tür schliesst sich und die Fahrt begann.
Hörte abruppt wieder auf und wir steckten fest. Eingesperrt im Fahrstuhl. Und als ich Chrsitian davon erzählte, das ich erst drei Mal fahrstuhl gefahren bin und genau so oft stecken geblieben bin, lachte er erst und dann sagte er:"Warum fährst Du dann mit mir zusammen, nächstes Mal fahre ich allein.
wir waren drei Wochen in Griechenland, in diesem Hotel, er fuhr Fahrstuhl und ich lief die Treppen.
Unten grinsten wir uns dann in der Lobby an, ich hoffte, das er mal allein stecken bleibt.
Nichts, der Fahrstuhl fuhr fehlerlos. Am Morgen der Abreise standen wir gemeinsam mit unseren Koffern vor dem Fahrstuhl und belächelten uns, ich fagte ob er erst voraus fahren möchte.
"Schnick schnack", sagte Christian und wir bestiegen den Fahrstuhl gemeinsam.
Er blieb stecken.
Wir blieben sehr lange eingesperrt, der Reisebus zum Flughafen war längst weg. Abends meinte unser Reiseveranstalter, das wir vier Tage länger bleiben müssten, ob das okay wäre.
Natürlich und Christian freute sich, das er mit mir zusammen Fahrstuhl gefahren war.
Eingesperrt sein hat mal was gutes!


Kommentar von Angela Thies

Witzige Geschichte - ich nehme an, sie ist wahr. Ein paar Komma fehlen. Es wäre auch interssant, wie ihr euch in dem Fahrstuhl gefühlt habt.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Eine lustige Geschichte. Waren da telekinetische Kräfte im Spiel? Was mir fehlt ist (darum ging es ja in dieser Schreibübung), wie es sich angefühlt hat, im Fahrstuhl eingesperrt zu sein. Wart Ihr nur am Scherzen, hat es lange gedauert, bis jemand Euch da rausgeholt hat, kam Langeweile oder Panik auf? Als hobbymäßige Klugschwätzerin und bekennende Feindin der neuen Rechtschreibung (die ich mir aber als Mutter einer schulpflichtigen Tochter dennoch angewöhnt habe) möchte ich Dich darauf aufmerksam machen, dass man das dass, das kein Artikel ist neuerdings mit ss statt ß schreibt, aber nicht nur mit s. Bitte beachte auch die Groß- und Kleinschreibung sowie die Zeitformen ("die Tür schloss sich", "dass er mal allein stecken bliebe"). LG Metta

Eingetragen am: 04.03.2008

Eingetragen am: 03.03.2008 von Thomas Gohlke
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5715

Am 30. August 1994 wurde ich wegen eines Verkehrsvergehens (drei Mal Fahren ohne Fahrerlaubnis) zu neun Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt!
Schöffen, Richter und Staatsanwalt lächelten mir vertraut entgegen und sagten:"Die Strafe ist im offenen Vollzug abzuleisten, damit Sie nicht ihren Arbeitsplatz bei der Lufthansa als Stellvertretender Leiter der Luftfracht nicht verlieren."
Mein Anwalt nickte und wir verliessen den Gerichtssaal.
Es war meine erste Verurteilung und ich wusste nicht wie ich mich verhalten sollte. Mein Anwalt meinte nur, ich solle mich jetzt abwartend ruhig verhalten.
Ich ging wieder arbeiten und anderthalb jahre später, es war alles längst in vergessenheit geraten, ich telefonierte an meinem Arbeitsplatz gerade mit der LTU Düsseldorf wegen eines verloren gegangenen Gepäckstückes, als zwei Polizisten neben mir standen und mich fragten, ob ich Herr Gohlke sei. Ich erwiderte mit "Ja".
Handschellen wurden angelegt, ich wurde abgeführt, saß den Tag über auf einem Abschnitt in einer Zelle.
Später fuhr ich in einem Sammeltransport mehrere Stunden durch Berlin, um schließlich eine Nacht im Gefängniss Berlin Gothaher Strasse zu verbringen.
Mit einem Tee gestärkt, die Nacht nicht geschlafen ging es zur Untersuchungshaftanstalt nach Berlin Moabit. Ich wurde keinem Haftrichter vorgeführt, da ich bereits rechtskräftig verurteilt war. Ein Sozialarbeiter fertigte mich ab, ich fragte nach dem offenen Vollzug, damit ich meine Arbeit nicht verliere. "Kann ich hier drinnen gern beantragen", sagte dieser Beamte zu mir.
Ich verweilte die nächste Nacht in einer Zelle. Am nächsten Morgen bekam ich Frühstück auf die Zelle, durfte duschen und wurde wieder in einen neuen Haftraum geführt.
Ein weiterer Beamter nahm dort meine Antrag für den offenen Vollzug entgegen.
Ich war die nächste Nacht allein in einem kleinen Raum aus Stein, wir hatten Februar und die Scheibe des Zellenfensters war kaputt, ich frohr. War doch nur mit meiner Uniform bekleidet, die inzwischen stark nach Angstschweiß roch und sehr zerknittert und schmutzig war.
Ein vergilbtes Waschbecken hing wie eine alte Unterlippe aus der Wand, sie schien zu lachen. Darüber glotzte ein verotteter Wasserhahn aus der Wand.
Nach einer Prozedur von fast fünfzig Stunden fiel ich in den ersten Schlaf im Knast.
Am folgenden Tag war Hofgang, eine Stunde im Kreis laufen, dabei lernte ich Guido den Neonazi kennen, Hanne den Drogendealer und Zuhälter aus Brasilien, Micha von der Russenmafia, Maler den Kudamm Erpresser und so viele mehr.
Nach der einen Stunde unter freiem Himmel ging es wieder für dreiundzwanzig Stunden in die Zelle. Der nächste Tag verlief genauso. Mir vielen immer wieder die Worte des Richters ein: "Sie kommen in den offenen Vollzug und werden Ihre Arbeit nicht verlieren!"
Ich schrieb meinen Chef einen Brief, meiner Mutter, meiner Schwester, meinem Bruder, meiner anderen Schwester, der Frau, die ein Kind von mir erwartet.
Ich lenkte mich ab und schrieb viele Briefe.
Ach ja, ein Tag vor meiner Einlieferung, sagte mir meine Frundin, dass sie ein Kind von mir bekommt.
Ich tauchte in die Tiefen des menschlichen Lebens ein.
Fast neun Monate später wurde ich aus der Haft entlassen, kein offner Vollzug. Ich war zwischenzeitlich arbeitslos, obdachlos, da die Freundin Schluss gemacht hat, gebrochen für eine kleine Ewigkeit.
Ich habe mich aufgerappelt und fünfhundert Seiten über meine Haft gefertigt und es Verlagen angeboten, jetzt über zehn Jahre später warte ich, schreibe ich und bin natürlich arbeitslos.


Kommentar von Maju

Ja, wenn das so ist, ist ihm wohl nicht zu helfen. Aber vielleicht steht ihm ja im Knast ein Computer mit Internetzugang zur Verfügung, den er sonst nicht hätte weil er ja "natürlich arbeitslos" ist. Hab auch schon überlegt, wie jemand drauf ist, der sich drei Mal ohne Führerschein hat erwischen lassen? Aber vielleicht wird es ja ein spannendes Buch.

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Lothar Fink

Ich kene Thomas, und weiss, dass diese Geschichte wahr ist. Er hat noch eins drauf gesetzt, die gleichen Straftaten begangen und diesmal bekam er zwei Jahre Haft! Er schreibt bereits die zweiten fünfhundert Worte und überlegt sich eine neue Tat, um wiederum in fünf bis zehn Jahren in den Knast zu wandern! Der Typ hats drauf! Den Führerschein hat er jetzt in Polen gemacht!

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Maju

Ich kann fast gar nicht glauben, dass man wegen so eines Deliktes 9 Monate in den Knast kommt. Aber wenn das so ist, und du 500 Seiten darüber geschrieben hast, wäre es sicher verkaufsfördernder wenn du mehr Leidenschaft in den Text bringst. Schreie, fluche, trete gegen Türen! LG. Maju

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Isabella E.

Ich würde dein Buch lesen!

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Das ist hart! Ich denke das war der falsche Anwalt!? Dieses Erlebnis bleibt. Man spürt, dass du nicht greifen kannst, was auf dich herabgestürzt ist. Dein Buch würde ich gerne lesen!

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Deine Geschichte liest sich so, als wäre sie wahr. Eine harte Strafe für so eine Banalität. Ein ganzes Leben zerstört. Ein gutes Thema. Ich habe den Eindruck, dass dein Text schnell geschrieben ist und finde nur zwischendrin Sätze, die einen Einblick in die Gefühlswelt lassen - schade. Vermutlich ist das in deinen 500 Seiten anders.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von RoseCanyon

Ich hoffe mal für Dich, dass Du diese Geschichte so nicht am eigenen Leib erleben musstest. Teilweise ist sie schon schockierend. Hin und wieder hätte ich mir ein Eintauchen in Deine Gefühle / Emotionen gewünscht - das bringt noch mehr Würze und lässt den Leser die Handlung noch mehr nacherleben.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Efa

Hallo Thomas, wenn dein Hauptanliegen das Finden eines interessierten Verlags ist, solltest du ein wenig dramatischer beschreiben. Mache aus dem Vehrkehrsdelikt einen Raubüberfall aus Not ( oder ...) "Das vergilbte Waschbecken hing wie eine alte Unterlippe ..." Diesen Satz fand ich köstlich, auch in dramatischen Schilderungen darf der Leser schon mal schmunzeln.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Beste Formulierung : "vergilbtes Waschbecken wie eine alte Unterlippe". Ansonsten wackeliger Satzbau mit Flüchtigkeitsfehlern. Klischees wahllos eingestreut. Nochmal schreiben!

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Das Waschbecken, das wie eine Unterlippe an der Wand hing und zu lachen schien, hat mir gefallen. Ansonsten vermittelst du nur Fakten, leider keine Gefühle oder Gedanken, so dass ich mit dem Protagonisten nicht mitfühlen kann und sein Schicksal bei mir keine Betroffenheit auslöst.

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 03.03.2008 von Verena Dahms
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5716

Der Morgen war sonnig und klar. Ich öffnete die Fensterläden meines Schlafzimmers, die den Blick auf das Meer freigaben. Die Wellen kräuselten sich, ein weisser Schaum war auf den Kronen zu sehen und die Sonne schickte ihre ersten Strahlen über den Horizont. Die Luft schmeckte salzig.
Der Strand war verlassen, keine Spaziergänger hatte sich in diesen frühen Morgenstuden hierher verirrt.
Ich stülpte mir schnell einen Pullover über, schlüpfte in die Trainingshose und die weissen Turnschuhe um den täglichen Morgenspaziergang zu absolvieren. Diese Spaziergänge gaben mir Mut und Kraft für den ganzen Tag. Tief sog ich die frische Meeresluft in die Lungen, während ich mit ausholenden Schritten am Ufer entlang ging.
Ich war frei! Bei diesem Gedanken durchströmte mich immer wieder ein unglaubliches Glücksgefühl.
Ich war nicht mehr gefangen in einer Partnerschaft, die mich in den vergangenen Jahren mehr und mehr zerstörte.
Am Ende hatte ich keine Selbstachtung mehr, mein Lebensmut war am Boden und liess mich an das Gute im Menschen zweifeln. Ich fühlte mich wie in einem Gefängnis. Ich war unfähig und wie gelähmt etwas dagegen zu unternehmen.
Bis eines Tages, nach einer der sich fast täglich wiederholenden erniedrigenden Diskussion, die meistens in Psychoterror endete, in meinem Innern etwas aufbrach, das mir den Mut gab ihn zu verlassen.
Dabei hatte alles so schön begonnen. Ich war jung, unerfahren und ich war verliebt. So sehr, dass ich alles stehen und liegen liess und zu ihm nach Paris zog. Die Stadt der Liebe, so dachte ich damals. Er war einige Jahre älter als ich, stammte aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie und konnte mir jungem Mädchen einiges bieten. Er führte mich in die schönsten Restaurants, machte mich mit einflussreichen Persönlichkeiten bekannt, kurz gesagt, er schmückte sich mit meiner Jugend. Und ich genoss diese Situation.

Die schleichende Veränderung machte mich Anfangs nicht hellhörig.
Seine Eifersucht, seine Fragen, wo ich so lange gewesen sei, seine plötzliche Kälte mir gegenüber, und dann sein immer öfteres Wegbleiben, ich wollte das nicht zur Kenntnis nehmen, und dachte, dass sich das wieder ändern würde. Ich wurde immer abhängiger von ihm, und fing an um seine Liebe zu betteln. Es war wie ein Teufelskreis, aus dem ich mich nicht mehr befreien konnte. Bis ja, bis zu diesem Tag an dem ich die Kraft fand, ihn zu verlassen.

Eine Freundin mietete das Haus am Meer für mich, wo ich mich von den seelischen Strapazen erholen konnte.
Mein Lebensmut und meine Selbstachtung kehrten langsam zurück und gaben mir Kraft für einen neuen Anfang.


Kommentar von Eva Marcuse

Leider viele Klischees und schon zu oft verwendente Ausdrücke und Wörter. Vielleicht findest du andere, wenn du genauer in der Erzählung wirst. Also bitte verzichten auf: Die Wellen kräuselten sich, ein weisser Schaum war auf den Kronen zu sehen und die Sonne schickte ihre ersten Strahlen über den Horizont. Die Luft schmeckte salzig. mit ausholenden Schritten Bitte auch auf so allgemeine Aussagen wie "Am Ende hatte ich keine Selbstachtung mehr, mein Lebensmut war am Boden und liess mich am Guten im Menschen zweifeln." Ich fühlte mich wie in einem Gefängnis.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Hier fehlt mir die Tiefe bei der Beschreibung, was dies gefangen sein in der Beziehung ausmacht. Und auch das Ende müsste mehr Raum bekommen. Insgesamt ist das Thema nur angerissen - eigentlich schade, da es solch einen großen Einfluss hatte. Ich würde beginnen beim Anfang einer schönen Liebe und bei den später zerstörenden Diskussionen ruhig ins Details gehen.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Oh, ich lass mich sofort scheiden und miete mir auch ein Zimmer am Meer! Nein, Scherz beiseite - jeder, der Familie hat, fühlt sich vermutlich manchmal eingeengt, und die Freiheit, die die Protagonistin spürt, ist so wunderbar beschrieben, dass ich daran teilhaben möchte. Schade, dass Du das Gefangensein in der Partnerschaft (das war ja das Thema, nicht die Befreiung) nicht genauso eindringlich beschreibst, vielleicht als quälende Erinnerung vorm Aufstehen. Die Beschreibung bleibt allgemein. Da ist sicher mehr drin. LG Metta

Eingetragen am: 04.03.2008

Eingetragen am: 03.03.2008 von Bibi
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5682

Er hatte meine Bitte ignoriert und die Tür von außen zugeschlossen. Zwei Mal hatte er den Schlüssel im Schloss herumgedreht. Nicht einmal, zweimal. Vorsätzlich, mit Absicht, um mich zu provozieren. "Ich geh kurz weg. Geschäfte.", hatte er salopp dahergesagt und mir die Fernbedienung in die Hand gedrückt. Ich selbst besaß keinen Haustürschlüssel, den hatte er mir von Anfang an verwehrt. Nun saß ich in der Falle auf dem alten, zu bunten Sofa und blickte mich hilfesuchend in der Wohnküche um: zur verschlossenen Tür, zum einzigen vergitterten Fenster. Was wenn ein Feuer ausbricht, schoss es mir durch den Kopf. Nein, zu unwahrscheinlich, wieso auch? Energisch schüttelte ich den Kopf und überwand den Anflug von Panik schnell. Diesen Triumph wollte ich dem Tyrannen nicht gönnen. Ich schaltete den Fernseher ein um mich abzulenken. Es lief gerade "Speed" mit Keanu Reeves und Sandra Bullock. Ich runzelte die Stirn. Genauso einen Keanu Reeves Verschnitt hatte ich doch zum Freund, so einer hatte mich eingeschlossen. Von außen war er annähernd so hübsch und gepflegt wie dieser Leinwandheld, aber von innen war er schwarz. Pechschwarz. Mein Freund hatte zwei Gesichter: für seine Kollegen auf der Arbeit und für seine Freunde in der Freizeit war er der smarte stets gut gelaunte Kerl. Mit mir gab er vor ihnen an. "Schaut mal, wie elegant sie heute wieder ist." oder "Sieht meine Freundin nicht intellektuell aus?" Ein Vorzeigepärchen: der Mexikaner und seine Erdbeerblondine. Zum Angeben in der Öffentlichkeit war ich gut, aber zu Hause auf dem Sofa war ich sein Fußabtreter. Dort verwandelte sich die gute Luft von draußen in den Mief von drinnen. Nichts konnte ich ihm mehr recht machen. In der Küche war ich eine Niete, fürs Bett war ich zu dünn. Er ging sogar so weit, meine am Wäscheständer hängende Unterwäsche auf ihre Reinheit zu überprüfen und täglich kontrollierte er, ob meine Beine schön glatt rasiert waren. Genervt zappte ich durchs Programm. Es galt Ruhe zu bewahren bis er wieder da war und dann nicht ausflippen, herumschreien und mit Gegenständen nach ihm werfen, wie ich es vor ein paar Tagen getan hatte. Nicht einmal getroffen hatte ich ihn in meiner blinden Wut. Er hatte meinen kleinen Anfall eher teilnahmslos beobachtet, wie ein Zaungast. Sein einziger Kommentar war gewesen: "Du räumst hier wieder auf!" Mein Blick wanderte wieder zur Tür, zum Fenster und auf meine Hände, die krampfhaft die Fernbedienung umklammert hielten. Nach einer halben Ewigkeit drehte sich der Schlüssel wieder im Schloss. Zwei Mal. Die Tür wurde geöffnet. Er trat ein, machte die Tür von innen zu, schloss zweimal herum, zog den Schlüssel ab und legte ihn auf die oberste Borte des Wohnzimmerschranks. Er ging an mir vorbei hinüber zur Kochzeile und sagte: "Ich mache uns heute Abend ein spezielles Dinner. Für mich mit Fleisch und für dich ohne." "Das ist nett von dir.", meinte ich ruhig und legte die Fernbedienung aus den Händen.
Ein paar Tage später trennten sich unsere Wege.


Kommentar von Angela Thies

Eine sehr fesselnd und spannend geschriebene Geschichte, zu der nicht dieses einfache Ende passt.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Bibi

Sorry, ich war wohl nicht ausführlich genug und versuche Eure Fragen so gut es geht zu beantworten. Den Begriff "Erdbeerblondine" kenne ich aus den USA. So viele Leute haben mich dort auf meine Haarfarbe angesprochen. Strawberryblond steht für rot-blondes Haar. Ich habe es im deutschen Fernsehen auch schon mehrere Male gehört. Das Fenster der Wohnküche war nun mal vergittert und in einigen Ländern des europäischen Auslands ganz normal. Mein Fehler, nicht zu erwähnen, wo die Geschichte sich zugetragen hat. Es war auf Gran Canaria. Ja, warum erträgt die Frau die Situation so gelassen, vielleicht als Schutz vor sich selbst und weil sie ihn geliebt hat und Angst vor der Trennung hatte. Das Dinner war immer speziell, jeden Abend, alles was er gemacht hat war seiner Ansicht nach super, auch wenn es nur weiße Bohnen in Tomatensauce waren. Wie kam sie wieder heraus? Nun gut, er hat sie nicht dauernd eingeschlossen, tagsüber konnte sie sich frei bewegen. Das Ende, ja das Ende steckt mir immer noch in den Knochen, nach all den Jahren, so dass ich es nicht näher ausführen wollte, bzw. konnte. Nur so viel: er hat sie mehr oder weniger vor die Tür gesetzt, ausgestattet mit einem Rückflugticket in die Heimat und hat von seinem nicht vorhandenen Rückgaberecht gebrauch gemacht. Danke für Eure Kommentare!Bibi

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Frog

Ein ziemlich profanes und abruptes Ende für so eine krasse Geschichte...

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von RoseCanyon

Uuui, das war ja ein regelrechter Widerling. Den hätte ich aber pronto verlassen. Die Geschichte als solche ist sehr flüssig geschrieben und verleitet zum Weiterlesen. Den Abschluss - letzter Satz - halte ich für noch etwas verbesserungswürdig, da er so abrupt ist.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Hana Shimakage

Das ist jetzt keine bösgemeinte Frage:"Wie bist du da rausgekommen, wenn du keinen Schlüssel hattest?" Ansonsten sehr gut geschrieben, in sehr "leisen Tönen" (ich kann das nicht beschreiben, ich empfinde das nur so). Gut.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Gut gefallen hat mir: "Dort verwandelte sich die gute Luft von draußen in den Mief von drinnen." Auch das Wort 'Erdbeerblondine' finde ich klasse, auch wenn ich mir darunter nicht wirklich was vorstellen kann. Ist das eine Umschreibung für 'rot-blond'? Nicht verstanden habe ich, warum die Fenster der Wohnküche vergittert waren, was an dem Dinner so speziell gewesen ist und was 'ein paar Tage später' passiert ist, dass es zur Trennung kam.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Gut gefällt mir die Beschreibung des Außen- und Innenansicht "innen war er schwarz". Was ist eine Erdbeerblondine? Sehr beengend. Wie erträgt die Frau die Situation so gelassen? Und vor allem, wenn sich die Wege trennen, wie ist sie aus der Wohnung rausgekommen? Eine ehemalige Mitstudentin hat genau so eine Situation erlebt. Ihr Mann hat stündlich angerufen, um zu prüfen, ob sie noch da ist und abends immer kontrolliert, ob sie keine Koffer gepackt hat.

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 03.03.2008 von Johanna Kurschus
[ Lesezeichen ]

5684

Angst um sein Leben

Jeden Mittag um 12 Uhr und in der Nacht gab es Fliegeralarm. Am Anfang ist nichts passiert und man kümmerte sich nicht darum. Es war für mich ein Horror, wenn der Alarm während der Schulzeit kam. Wir stürmten alle in den Keller. Ich bekam Schweißausbrüche und bekam kaum Luft, ich habe mich geschämt; diese fürchterliche Angst, die ich hatte habe ich unterdrückt, damit die anderen nicht über mich lachten. Als der Alarm regelmäßig jeden Mittag kam, schickten die Lehrer uns vorher nach Hause. Ich rannte um mein Leben, ich wollte unbedingt nach Hause, weil wir nicht in den Keller gingen.
Unter der Post war ein großer Bunker. Über diesen Platz musste ich, wenn ich nach Hause wollte. Viele Mal hat mich der Alarm bei der Post erwischt und ich flitzte in den Bunker. Es war jedes mal wie ein bisschen Sterben.
Wenn nachts Fliegeralarm war, hörte man das tiefe Brummen der Flugzeuge, die in Richtung Pilsen flogen. Dort waren kriegswichtige Fabriken. Lange Zeit später - wir waren schon in Deutschland -bekam ich Gänsehaut und Beklemmungen, wenn ich das Geräusch der Flieger am Himmel hörte. Das Krachen des Donners beim Gewitter trieb mir den Schweiß auf die Stirne, am liebsten hätte ich mich in den Keller verkrochen.
.Es waren klare Tage Ende Februar, Anfang März 1945. Die Sonne schien. Wir standen draußen sahen zu wie sie flogen und dachten, dass es uns nie erwischen würde. Aus der Ferne hörte man die Flak krachen. In der Nähe der Stadt war ein Militärflugplatz. Ab und zu warfen die Amerikaner dort ein paar Bomben runter. Wir nahmen die Sache nicht so ernst.
Am 23. März 1945 um dreizehn Uhr hörte der Spaß auf. Wir waren wieder nicht im Keller. Ein Flugzeug warf einige Bomben auf das Heizhaus beim Bahnhof. Alles zitterte, die Fensterscheiben klirrten. Es gab die ersten Toten und Verwundeten. Am 24. März begann die Katastrophe. Um elf Uhr war wieder Fliegeralarm. Ich weiß noch genau wie es war. Der Brandgeruch, das Feuer, dieser entsetzliche Lärm, hat sich für immer in mein Gehirn eingebrannt. Ich lief in das Büro zu Mama. Sie wollte nicht in den Keller, wie wenn ich es geahnt hätte. Ich heulte und schrie, zog sie raus aus dem Büro. Zum Glück gab sie nach und lief mit mir zum Keller. Wir waren noch auf der Treppe, da ging das Inferno los. Die Flieger kamen in drei Schüben. Ich glaube es war nur eine Stunde- mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Man kann es gar nicht beschreiben wie fürchterlich diese Stunde war. Das Licht ging aus. Ich fühlte mich eingesperrt, wie in einem Grab. Das ganze Haus schwankte, ich saß mit dem Rücken zur Außenmauer und spürte jeden Stoß. Vor jedem Einschlag war dieses entsetzliche Pfeifen, dann der Einschlag und die Detonation. Jedes Mal kamen ein Schwall Staub, Erde, Brandgeruch in den Keller, wir waren am Ersticken. Der Keller war voll mit Menschen, nicht nur die Mieter waren darinnen, auch fremde Menschen die von der Straße kamen. Keiner hat geschrieen, nur manche beteten laut. Plötzlich diese Stille, diese unbeschreibliche Stille - wir haben es überstanden und wir lebten noch. Gegenüber unserem Haus waren die Schulen, die ganze Ecke Lannastraße-Claudigasse war weg, ein Schutthaufen. In dieser Schule waren Flüchtlinge untergebracht. Sie waren gerade beim Essen und nicht im Bunker. Es war entsetzlich, die blutenden Menschen, Kinder und Tote. Wie habe ich diesen Augenblick nur überlebt? .Bei unserem Haus war das ganze Dach weg. Keine Fensterscheibe war ganz. Im Hof lag ein großer schwerer Stein, es wurde nie geklärt, wo der Stein herkam. Der Flur, die Stiegen waren übersät mit Glasscherben und Schutt. Ich stand da und lachte. Die ganze Szene war so gespenstisch, und diese unheimliche Stille, Mama und Oma standen da, wie erstarrt. In der Wohnung war ein Chaos. An meinem Schrank im Kinderzimmer waren alle Türfüllungen und die Seitenteile weg, in dem Gerippe hingen meine Kleider, ohne dass ihnen was etwas passiert war. Unsere Wohnung war im ersten Stock, Pflastersteine von der Straße lagen verstreut in den Zimmern. Von der Decke hing das Schilf und der Verputz herunter, beim Klavier waren Seiten gerissen. Mit einem Wort: Es war Chaos!
Im Verputz der Fassade waren Löcher von den Bombensplittern. Vor jedem Angriff wurden die Metallrollläden an den Schaufenstern heruntergelassen, die Scheiben waren zersplittert, die Rollläden haben sich durch den Luftdruck nach außen gebläht. Vor dem Haus war ein Loch, darinnen lag ein Blindgänger, auch roch es nach Gas. Das ganze Haus wurde geräumt, alle mussten raus. Wir zogen mit dem Nötigsten zu Tante Kati. Die Menschen hatten Angst vor den Bomben. Ganze Karawanen zogen aus der Stadt aufs Land.
Nach einer Woche war die Bombe entschärft, die Gasleitung geflickt und wir konnten wieder nach Hause. Jetzt wurde aufgeräumt. In der Lanastraße, Ecke Claudigasse, war die ganze Ecke ein Schutthaufen. Es gab kein Milchgeschäft, keinen Friseur Talirsch mehr. Von der Stadt erhielt man Platten aus Pappe, die man als Fensterscheiben annagelte, Glas gab es nicht mehr. Ab dem 24. März 1945 war jeden Tag und jede Nacht Fliegeralarm. Eine Mieterin im 2. Stock hatte noch ein Radio. Sie hatte den Sender so eingestellt, dass man hören konnte, wo die Bomber hinfliegen. Das Abhören war verboten und illegal, aber man redete über so etwas nicht. Wenn es hieß,, Anflug nach Südböhmen" holte ich Mama und Oma und bevor die Sirenen heulten, waren wir drei im Keller. Ich war kein Held, ich hatte vor den Angriffen panische Angst. Vor der Dunkelheit, das man nicht schnell genug aus dem Keller kam, wenn eine Bombe in das Haus einschlägt.
Auch vor den russischen MIG/s hatte ich Angst. Diese Flugzeuge kamen einzeln, gingen im Sturzflug runter und ballerten auf alles was sich bewegte. In der Stadt war man sicher, aber schon im Stadion auf der Insel musste man aufpassen. Wenn wir im Stadion trainierten und ich hörte ein Flugzeug, rannte ich als erste unter die Tribüne in Deckung; da habe ich nicht zuerst geschaut, ob es ein deutsches oder russisches Flugzeug war.
Ab April 1945 ging alles drunter und drüber. Die Stadt war voll mit Flüchtlingen aus dem Osten und verwundeten Soldaten. Alle Säle und Schulen waren belegt. Jeden Mittag gab es Fliegeralarm, in der Nacht konnte man nicht schlafen, es gab wieder Alarm. Alles lief auf eine Katastrophe zu
Am 9. Mai um 14 Uhr war der Krieg zu Ende Unser Leidensweg begann. Mama und Omama wollten sich mit Gas umbringen, nur weil ich schon im Bett lag, mich schlafend stellte und sie zu feige waren mich zu wecken, lebe ich noch. Noch heute nach vierundsechzig Jahren bekomme ich in geschlossen Räumen Angstzustände.
Ich war ein jahrlang Sklave, erst bei den Russen, später bei einem tschechischen Bauern. Wir waren im Gefängnis eingesperrt, nur weil wir Deutsche waren. Uns wurde alles weggenommen. Wir hatten nur das, was wir am Körper trugen. Es wurde erzählt, dass sich tausende Menschen umgebracht hatten. Mama und ich mussten solche Wohnungen danach sauber machen. Ich war vierzehn Jahre alt. Da lag ein kleines Kind erschossen in seinem Bettchen, das andere Kind lag auf dem Korkfußboden, die blonden Haare waren am Boden festgeklebt. Es war damals sehr heiß, der Geruch in der Wohnung war unerträglich. Im Elternschlafzimmer lagen Vater, Mutter, und noch zwei Kinder erschossen im Bett. Dieses viele Blut in den Betten. Ich dachte nur, wann werde ich aus dem fürchterlichen Traum aufwachen.
Ich wurde von zwei jungen Männer bedroht, sie hielten mir eine Pistole an die Schläfe und wollten abdrücken. Auch das habe ich überlebt. Ich hatte keine Angst mehr, zuviel habe ich erlebt, leider noch nicht gewusst, das unser Leidensweg noch nicht zu Ende war. Diese grauenvolle, brutale Zeit und die Angst hat mich mein ganzes Leben begleitet.


Kommentar von Lillilu

Liebe Johanna! Da sind Sie ja wieder! Ich freue mich, dass Sie es geschafft haben, diesen Text zu schreiben - in einem der vorangegangenen Kapiteln hatte ich Sie ermuntert Ihr Leben in kleine Abschnitte aufzuteilen und diese dann zu beschreiben. Und das haben Sie geschafft. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich vom Inhalt her erschüttert bin und dass Sie ebenfalls sehr bildhaft geschrieben haben: "Das ganze Haus schwankte - ich saß mit dem Rücken zur Außenmauer und spürte jeden Stoß!" Solche Sätze vermitteln auf erschütternde Weise was Sie erlebten! Oder auch "...die blonden Haare waren am Boden festgeklebt." Machen Sie weiter so, Johanna, nicht nur für Ihre Enkel, auch für Sie selbst. Alles Gute!

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Johanna! Da sind Sie ja wieder! Ich freue mich, dass Sie es geschafft haben, diesen Text zu schreiben - in einem der vorangegangenen Kapiteln hatte ich Sie ermuntert Ihr Leben in kleine Abschnitte aufzuteilen und diese dann zu beschreiben. Und das haben Sie geschafft. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich vom Inhalt her erschüttert bin und dass Sie ebenfalls sehr bildhaft geschrieben haben: "Das ganze Haus schwankte - ich saß mit dem Rücken zur Außenmauer und spürte jeden Stoß!" Solche Sätze vermitteln auf erschütternde Weise was Sie erlebten! Oder auch "...die blonden Haare waren am Boden festgeklebt." Machen Sie weiter so, Johanna, nicht nur für Ihre Enkel, auch für Sie selbst. Alles Gute!

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

@ Eva und Marc und alle, die meine Kritik als zu harsch empfunden haben: Ich habe lange mit mir gerungen, in welcher Form ich meine Kritik formulieren soll. Auch ich hatte irgendwie - genau wie Marc - das Gefühl, die Autorin mit 'Frau Kurschus' ansprechen zu müssen, sowie ihr aufgrund des zu vermutenden Alters einige Extra-Bonuspunkte zu geben. Das habe ich jedoch aus drei Gründen verworfen: 1. Es hätte die Autorin irgendwie aus unserem Kreis (wir duzen uns hier alle) ausgegrenzt und hätte zudem eine Zwei-Klassen-Kritik geschaffen (entweder weichgespült oder echt). 2. Es hätten dann auch andere (Rollstuhlfahrer, schwer Erkrankte, Traumatisierte ...) zu Recht den Finger heben und die gleiche 'Schonung' einfordern können. 3. Mit Friede-Freude-Eierkuchen würde ich Johanna die Chance verwehren, die wir hier alle haben wollen --> Hinweise zu erhalten, was wir verändern können, damit jeder von uns am Ende des Jahres zu Recht behaupten kann, sich verbessert zu haben. Mit meiner Kritik habe ich zugleich Johanna als vollwertiges Mitglied dieses Schreibseminars anerkannt - und nicht als Außenseiterin mit Sonderstatus.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Ein überwältigender Text. Er vermittelt eine Ahnung von dem, wie Krieg sich anfühlt, auch wenn wir Nachgeborenen das sicher nie empfinden werden; glücklicherweise. @Angela Barotti: Sorry, aber ich glaube, bei diesem Text ist es nicht nötig, eine Verwarnung wegen Vernachlässigung der Aufgabenstellung auszusprechen.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von marc

Liebe Frau Kurschus, Ihr Text ist für mein Verständnis als Biographie sehr gut geschrieben und zu ergreifend, um über Kleinkram zu diskutieren – ich kann es nicht. Aber ich kann sagen, dass es überaus wichtig ist, all das aufzuschreiben. Es gibt zu viele Menschen, die nicht die Kraft dazu haben und es verdrängen und so kann es passieren, dass es Enkel gibt, die den Krieg nur als Aktionsspiel begreifen. Es gibt schon zuviel solcher Enkel. Sie helfen wahre Geschichte zu schreiben, die verantwortungsvollste Literatur die ich mir denken kann. Viel Erfolg und einen guten Verlag wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Hier sind mir zu viele Gedankensprünge drin. Und wirklich Neues aus der Zeit von 1945 ist auch nicht zu erfahren. Sätze wie: "Die Menschen hatten Angst vor den Bomben" sind überflüssig. Auch der Satz: "Man kann es gar nicht beschreiben wie fürchterlich diese Stunde war", sollten vermieden werden. Ein Autor, dem die Worte fehlen und der nicht in der Lage ist eine Szene zu beschreiben, hat das falsche Hobby gewählt. Die eigentliche Gefangenschaft wird nur kurz angerissen: "Ich war ein jahrlang Sklave, erst bei den Russen, später bei einem tschechischen Bauern. Wir waren im Gefängnis eingesperrt, nur weil wir Deutsche waren." Hätte mir gewünscht, dass du dich auf eine Szene im Luftschutzkeller bezogen und diese entsprechend der Aufgabenstellung bearbeitet hättest.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Uff, diese authentische Erzählung haut mich um! Inhaltlich gibt es für mich noch ein paar Unklarheiten: Was ist das für eine Insel? Warum scheiterte der Suizid von Mutter und Oma - sollte das Kind nicht mit sterben? Warum haben sich so viele Leute das Leben genommen? Was waren das im letzten Absatz für zwei junge Männer und warum haben sie ihren Plan nicht in die Tat umgesetzt? Dass der Leidensweg nicht zu Ende war, bedeutet das, dass die Erinnerung sich nicht abschütteln ließ oder dass er sich in der Realität fortsetzte, und wie sah das aus?

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 03.03.2008 von Maren
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5678

Mitten in der City in dem Haus, wo wir leben, hat es zwei schöne Dachwohnungen, eine davon bewohnen wir, die zweite Wohnung hat ein Herr so um die Mitte 40 gemietet.

Als wir uns einmal im Aufzug begegneten und einander vorstellten, erzählte er mir, er habe diese Wohnung gemietet, da er gerne ein Kaminfeuer abends hätte, aber seine Frau nicht.
Natürlich ist er nicht jeden Tag anwesend, wäre ja auch mühsam, jeden Tag den Kamin anzufachen.

Ein Mieter 2 Etagen unter uns und unser Nachbar haben ihre Parkplätze in der Tiefgarage nebeneinander und beide haben grosse Autos, die Parkplätze sind eng und so war der Ärger vorprogrammiert. Deshalb erzählte uns auch der Mieter zwei Etagen tiefer, dass unser Nachbar ein selbstständiger Unternehmer ist und ganz in der Nähe ein schönes Einfamilienhaus hat.

Morgens verlassen wir so um 7.00h das Haus, ich meistens 3 Minuten später. Immer öfters kommt dann gerade eine Dame aus dem Lift, in der einen Hand eine Tüte vom Bäcker, in der anderen Hand einen Wohnungsschlüssel und geht in Nachbars Wohnung hinein. Sie ist sehr gepflegt, grüsst freundlich.
Was macht sie wohl dort? Den Kamin an?.....

Ja, wer ist gefangen, der Mann der seine Frau betrügt, die Frau, die ihren Mann betrügt oder die betrogene Ehefrau?


Kommentar von Rose Canyon

Die unabhängig nebeneinander stehenden Absätze sind sehr sachlich gefasst und nehmen keinen Bezug aufeinander. Hierdurch fiel es mir schwer, mich von dem Text mitreißen zu lassen.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Hana Shimakage

Etwas zu sachlich geschildert für meinen Geschmack. Natürlich bist Du hier nur der Beobachter, aber gerade deswegen...hättest Du nicht etwas aus Deinem Leben nehmen können? Du hättest auch versuchen können, dich in diesen Mann (oder seine Geliebte, Frau) hineinzuversetzen, dann wären in deinen Bericht wenigstens ein paar Gefühle mit hineingeflossen. So finde ich den Text zu fad (nicht böse gemeint!)

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Gefangengenommen ist hier nur die Ich-Erzählerin von den Vorgängen in der Nachbarwohnung.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Nix erklären! Sachverhalte sprechen für sich !

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 03.03.2008 von Tinkerbell
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5668

Das rhythmische Klopfen Deiner Faust auf den Tisch, weckte mich in meinem Traum und obwohl mir Dein Gesicht sehr vertraut vorkam, war mir Deine Nähe unangenehm. Deine eisig kalten Augen waren auf mich fixiert. Mir war kalt und ich zitterte vor Angst. Irgendetwas war geschehen. Du liefst im Raum hin und her und obwohl ich es versuchte, konnte ich meine Augen nicht von Dir abwenden. Deine Wut verbreitete sich wie Nebel im kalten Raum und in Deinen Augen sah ich Hass mir gegenüber. Hattest Du ein Problem? Hatten wir ein Problem? Kein Wort fiel zwischen uns, ich konnte mich an nichts erinnern. Mir war nichts bewusst. Ich gehörte zu Dir aber nicht in diesem Augenblick und in dem Moment auch nicht dorthin. Mit Deiner für mich sonst sehr liebvollen Art widertest Du mich an und obwohl Du mich mit Deinen Blicken beschuldigt hast, hatte ich das Gefühl, für Dich unsichtbar zu sein. Ich fühlte mich schuldig für ein Verbrechen, dass ich nicht begangen hatte.

Ich wollte weg, weg von Dir, aber ich konnte mich nicht bewegen als ob Du mich mit Deinen hässlichen Blicken festhalten würdest. Ich konnte nicht weg. Meine Glieder wurden schwer, ich weinte und mir war bewusst, dass ich aufwachen musste um Dir zu entkommen. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib aber Du hieltest mich zurück. Deine Wut wurde immer stärker und Du zogst mich noch tiefer in Deine böse Macht. Meinem Körper hattest Du nichts angetan aber meine Seele hattest Du mit der Kraft Deiner Wut zerschmettert. Ich weinte. Deine Blicke waren meine Handschellen und ich war gefangen in meinem Traum... lass mich los, lass mich gehen...


Kommentar von Tinkerbell

@Isabel Es sollte ein Alptraum sein meine Geschichte. Der Traum war überhaupt nicht so krass oder habe auch nicht so gefühlt. Habe die Gefangenschaft rein erfunden. Jeder kennt doch diese Träume, in denen man einfach irgendwo gefangen ist und nicht weiterkommt. Das war eigentlich die Idee. Danke für Deinen Kommentar! Liebe Grüsse Tinkerbell!

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Tinkerbell

Hallo ju bli! Als ich die Mails erhalten hatte, dass es Kommentare auf meinen Beitrag gab, konnte ich es kaum erwarten diese zu lesen. Als ich die Kommentare von Ginko Korn und Rose Canyon gelesen habe, dachte ich das Selbe wie Du hier geschrieben hast. Für mich war es schon ein Kompliment, dass sich jemand die Mühe nahm, meinen Beitrag zu lesen. Aber zugegeben ich war enttäuscht, da zum Inhalt meiner Geschichte nichts kommentiert wurde. Es war einfach nichts da, dass mich motivierte, vor allem, da es meine ersten Versuche sind weiter zu schreiben. Ich lächle über beide Ohren hinweg, seit ich Deinen Kommentar gelesen habe. Bin so glücklich. Vielen herzlichen Dank ju bli! Auch Ginko Korn und Rose Canyon danke ich herzlich. Ich empfinde es bereits schon ein Kompliment, dass ihr meinen Text gelesen und euch Zeit genommen habt, einen Kommentar zu schreiben!

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von Isabel

So. liebe Tinkerbell, ehe ich endlich für heute Schluss mache, noch schnell zu Deinem Text: Bis zu „Mir war nichts bewusst“, vielleicht auch noch den nächsten Satz, hast Du sehr gut eine unheimliche/ angespannte Atmosphäre beschrieben. Wenn der andere sonst eine liebevolle Art hat, scheint mir der Wechsel zu ´eiskalten Augen, hässlichen Blick, Wut und böse Macht´ auf der einen Seite und Angst auf der anderen Seite etwas zu krass. Es sei, dass Du tatsächlich einen Albtraum beschreiben wolltest. Was es genau war, ein Traum, eine tatsächliche Situation, habe ich nicht eindeutig erkennen können. Mit Deinen Pünktchen hast Du angedeutet, dass die Geschichte weitergeht, aber da wir höchstwahrscheinlich nicht erfahren werden, wie (es sei: Fortsetzung folgt), hättest Du vielleicht noch etwas weiter schreiben können. Aber es steckt was drin, in Deiner Geschichte! Liebe Grüße Isabel - ach so, und danke für Deinen Kommentar

Eingetragen am: 09.03.2008

Kommentar von ju bli

Als ich diesen Text las, sah ich eine verzweifelte Frau vor meinen Augen, die gefangen ist in einer destruktiven Beziehung und nicht die Chance hat, zu entkommen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, fand ich den Text gut. Die Frau verzweifelt. Für mich klingt es wie ein Selbstgespräch, vielleicht legt sie sich in Gedanken Worte und Sätze zurecht; reflektiert ihre Situation. Verwirrt haben mich erst die Kommentare. Wo taucht den Rose Canyon in der Geschichte auf?. Und Ginko Korn, darf man dein Kommentar nun als Lob oder Kritik werten. Ich finde, man könnte es so oder so auslegen. Tinkerbell, du hast doch unter deinem letzten Beitrag gepostet, du bist ein Frischling der Literatur. Also ich finde, du bist einer mit Talent.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Sag ich doch

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Tinkerbell

Es ist kein Abschiedsbrief!

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Ich habe diesen Text für einen Brief gehalten

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Tinkerbell

@Ginko Korn Was hat Dein Kommentar mit meinem Text zu tun? Würde mich sehr interessieren. Vielen Dank und liebe Grüsse, Tinkerbell

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Rose Canyon

Ich muss gestehen, ich war verblüfft, als ich in Deiner Geschichte auftauchte. Den Leser einfach als einen der Hauptfiguren zu wählen, ja, das hat was! Super Idee.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Ein Abschiedsbrief in der Literatur ist alles andere, nur kein Abschiedsbrief.

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 03.03.2008 von Frog
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5659

Ich fasse es nicht! Dieser Salaud hat mich eingesperrt! Bestellt mich nach Paris, holt mich vom Gare du Nord ab, schleppt meinen schweren Koffer die Metro-Treppen hinauf, fährt mich aber nicht nach Hause zu seinen reichen Eltern in die prächtige Avenue de New York mit Blick auf den Eiffelturm.
Nein, er verfrachtet mich in ein düsteres Zwei-Zimmer-Appartment im ersten Stock eines schäbigen Hinterhauses, schließt mich ein und haut mit dem Schlüssel ab!

Ich hatte gejobbt und gespart, um meinen französischen Freund nach dem Abi für eine Woche besuchen zu können. Ich hatte Alain bei einer Party in Deutschland kennengelernt, bei reichen Jungs, die mit reichlich Champagner ihren erfolgreichen Abschluss an der European Business School feierten. Ich war im Französisch Leistungskurs, gab mich "totalement" frankophil und saugte durstig den Klang seiner Worte ein. Alain brachte mir "argot" bei, die Sprache der Straße, mit der ich im nächsten Frankreich-Urlaub als kleine Französin durchkommen wollte. Ich lud ihn im Gegenzug zum Sonntagsbraten bei meinen Eltern ein und chauffierte ihn in meinem Käfer zu den Sehenswürdigkeiten unserer Region. Dabei schmachtete er mich halbherzig an, für mehr war er zu gut erzogen. Manchmal küssten wir uns wie Kinder, hielten kichernd Händchen. Ich wollte gar nicht mehr. Schließlich hatte ich einen Freund, und er eine Freundin. Seine Einladung nach Paris betrachtete ich als Geschenk, eine charmante Geste des Dankes für meine Gastfreundschaft und die meiner Eltern.
Und nun das!
"Isch kann disch unmöglisch bei meine Eltern bringen. Wir sind ja nischt verlobt..." Grinsend steht er vor mir und spielt mit dem Schlüsselbund in seiner Hand, wie ein Gefängniswärter. Ich schmeiße mich verschwitzt von der langen Zugfahrt in einen abgewetzten Ledersessel und fummle eine Kool aus meiner Handtasche. Er gibt mir Feuer. "J'ai faim", "Ich habe Hunger", sage ich matt. "Und wem gehört überhaupt diese Wohnung?" Er erklärt mir, das sei die Bude eines befreundeten Fotografen, der gerade auf Geschäftsreise sei. Ich frage ihn, ob der Typ, dessen Namen ich nicht mal kenne, überhaupt Bescheid weiß, dass eine fremde Frau in seiner Wohnung schläft. Er nickt, sagt zig mal "oui" und beschwichtigt mich. "Das ist in Ordnung. Ier sind oft Freunde von mir". Es ist heiß, aber ich darf das Fenster nicht aufmachen. Es könnte rausfallen, weil es kaputt ist. Ich bin erschöpft, und ich habe Hunger. Aber im Kühlschrank, der zu einer kleinen Kochzeile gehört, steht nur eine angebrochene Flasche Mineralwasser. "Ich habe Hunger", wiederhole ich. "Wir gehen was einkaufen für Disch", sagt er genervt. Er behandelt mich wie eine Zecke. Als wäre ich ein lästiger Eindringling, um den er sich jetzt gezwungenermaßen kümmern muss. "Vite, vite, beeil disch", sagt er. "Komm!" Ich beobachte, wie er die Tür von außen abschließt. Das sieht kompliziert aus. Die Tür klemmt. Wir huschen an der Concièrge vorbei, die darf angeblich nicht wissen, dass ich hier wohne. Davor habe ich Respekt.
Die Dämmerung hat eingesetzt, in Paris geht man jetzt essen. Wir gehen nur in einen kleinen Supermarkt und kaufen das Nötigste. Wasser, Brot, ein Stück Käse, einen Rotwein. Er bezahlt. Ich merke mir die Straßen, durch die wir gehen, aber ich weiß nicht wirklich, ob wir immer noch im 16. Arrondissement sind. Den Eiffelturm kann ich jedenfalls nicht sehen. Die Gassen sind ruhig, viele Neubauten, keine Cafés oder Restaurants, kaum Menschen unterwegs. Alain schaut ständig auf die Uhr. Er wirkt gehetzt. Wieder in der Wohnung, erfahre ich, warum. "Isch muss gehen. Meine Eltern erwarten misch zum Essen". Ich schlucke. "Wissen sie denn nicht, dass ich hier bin?" Er hebt dramatisch die Arme in die Luft. "Mon dieu, isch atte noch keine Zeit, es ihnen zu sagen". Er legt mir die Plastiktüte auf den Sessel. Im Wohnzimmer steht nicht mal ein Tisch. Es ist gerade acht Uhr abends und er lässt mich jetzt allein hier in dieser Bude! Ich fasse es nicht. "Isch kommen morgen früh mit croissants, okay?"
Ich nicke und hauche ein "okay" zurück.
Für einen Wutausbruch bin ich zu feige. Zum Heulen bin ich zu stolz.

Ich möchte mich nur noch aufs Bett legen und schlafen. Das kleine Schlafzimmer entpuppt sich als fensterloses Kabuff. Alles ist schwarz. Das französische Bett, die Laken, die samtenen Kissen. Als ich die Decke zurückschiebe, wird mir schlecht. Süßlich-muffiger Geruch schlägt mir entgegen. Er kommt von den weißen Flecken, die überall auf dem schwarzen Laken verteilt sind. Dieses Schwein! Lässt mich in einem Bett schlafen, das offensichtlich zahllose Liebesnächte hinter sich hat, und bezieht es nicht mal neu. Ich finde keine frische Wäsche und zerre ein Badetuch aus meinem Koffer. Es bedeckt das Laken nur zur Hälte. Vom Kabuff führt eine Tür in ein pompöses Bad. Ein Marmor-Traum in beige mit goldenen Wasserhähnen. Immerhin! Ich habe das Bedürfnis zu duschen oder zu baden. Aber ich traue mich nicht. Wenn mich jemand überrascht, wenn plötzlich jemand in die Wohnung dringt. Wer weiß, wieviele Schlüssel dieser Fotograf noch im Umlauf hat?
Über mir höre ich Geschirr klirren, laute Stimmen, Lachen, irgendjemand schreit, arabische Musik läuft! Zum Glück habe ich einen Korkenzieher im Gepäck, ich will den Wein trinken, finde ein verstaubtes Glas im Schrank über der kleinen Kochzeile. Ich traue mich kaum, Licht anzumachen. Dann könnte mich jemand sehen, die Concièrge könnte klingeln. Könnte, könnte, könnte. Das alles nutzt mir jetzt nichts. Ich trinke und breche mir Brot ab. Auf einem kleinen Tisch liegen verstaubte Ilford-Kartons. Ich öffne einen. Mir fallen Schwarzweiß-Fotografien von einer berühmten französischen Sängerin entgegen. Der Fotograf muss gut im Geschäft sein. Die Aufnahmen sind schön. Ich packe sie wieder ein und fühle mich dabei wie eine Detektivin. Unter einem Berg von Zeitungen und Zeitschriften entdecke ich einen Plattenspieler. Auf dem Teller liegt noch eine Schallplatte, ich schaue auf das verstaubte Cover, das daneben liegt. "Rumours" von Fleetwood Mac. 1977 d a s Rockalbum überhaupt! Ich kenne es nicht, bis auf den Hit "Go Your Own Way", entstaube die Platte und schaffe es, das Gerät anzuwerfen. Der Wein und die leicht kratzige Stimme von Stevie Nicks lullen mich ein. Immer wieder drehe ich den Tonarm zurück, setze die Nadel beim zweiten Stück an: "Dreams". Diese traurig-schöne Melodie brennt sich in mein Gehirn. Musik kann Leben retten. Ich habe es immer gewusst. Jetzt habe ich keine Angst mehr.
"Thunder only happens when it's raining
Players only love you when they're playing
Say .. Women ... they will come and they will go
When the rain washes you clean .. you'll know"

Ich singe mit, erst leiser, dann immer lauter. "When the rain washes you clean you know".
Alain ist der Spieler, das Arschloch! Eines Tages wird der Regen ihn läutern. Eines Tages wird er verstehen. Mir geht es jetzt gut.
Ich habe die halbe Flasche Wein ausgetrunken. Kann jetzt nicht mehr darüber nachdenken, warum mir das passiert ist. Ich will das auch nicht mehr verstehen. Ich bin eingesperrt – mitten in Paris. In meiner ersten Nacht in der Stadt der Liebe sitze ich in dieser verstaubten Bude, die genauso gut in Bielefeld stehen könnte. Na und?
Dann klingelt das Telefon. Ist das in dieser Wohnung?
Ich folge dem Ton und finde das Telefon auf dem kleinen Nachttisch neben dem Bett. Als ich den Hörer aufnehme, ist niemand dran. Aber jetzt kommt mir die Idee. Ich werden meinen Freund in Deutschland anrufen und ihm alles erzählen. 0049, dann die Vorwahl ohne 0. Es klappt! Ich habe es geschafft! Wie fantastisch, seine Stimme zu hören. Es sprudelt aus mir heraus. Er lacht. "Ich konnte den Typen eh nie leiden", meint er. "Aber du wolltest ja unbedingt alleine nach Paris!" Genau, und ich bin schon groß. Ich werde diese Stadt schon noch erobern. Morgen. Wenn Alain mich aus meinem Knast befreit hat. Und am Abend werde ich wieder meinen Freund anrufen. Und am nächsten auch. Und am übernächsten. Und am überübernächsten.
Das wird richtig teuer für Alain.
Ich kann mir jetzt schon sein dummes Gesicht vorstellen, wenn ihm sein sauberer Freund die Telefonrechnung unter die Nase hält.


Kommentar von scacha

Hi Frog, was für eine schöne Geschichte! Ich hab Dich bisher "übersehen" und lese gerade in frühen Einträgen herum. Wie schön wie schön, ich lese gleich mal weiter. LG Scacha

Eingetragen am: 16.09.2008

Kommentar von Frog

@@Eva, die Heldin war naive 19, kam vom Dorf, das war ihre erste Auslandsreise - allein wohlbemerkt. Aber niemals wäre sie nach Hause gefahren, dazu war sie viel zu neugierig! Deine Protagonistin hätte das auch nicht gemacht :-). Und für ein billiges Hotel hatte sie keine Kohle... Außerdem, so ein erstes Kettenerlebnis, das stählt – und ist spannend. Außerdem hat sie auf ihre Art ja einen guten Ausweg gefunden und eine innere Freiheit erlangt. Finde ich jedenfalls

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Andrea

Danke für Deinen Kommentar! Den fand ich jetzt witzig. für Serge würde höchstens ein tiefgefrorenes Baguette in Frage kommen;-) Deine anderen Beiträge haben mir übrigens auch sehr gut gefallen. Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen mehr zu kommentieren. Gruß Andrea

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Sehr flüssig geschriebene Geschichte. Du hast echt Potenzial zum Schreiben. Am Ende bleibt bei mir aber die Frage offen: Gab es für die Protagonistin keinen anderen Ausweg; z.B. einfach wieder nach Hause zu fahren, oder sich ein billiges Hotel zu suchen? Warum war sie an diesen Typen gekettet? Grüße aus der Schreibstube, Eva

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Frog

Für alle Neugierigen: Der kleine Schweinehund hat mich tatsächlich fünf Nächte weggesperrt und jeden Morgen mit frischen Croissants wieder aus der Zelle befreit, um mir die Stadt zu zeigen. Immerhin! Aber bis auf den letzten Tag blieb er der Herr der Schlüssel. Was ich dann noch mit einem Araber erlebt habe, hätte hier den Rahmen gesprengt. Das mit dem Telefonieren habe ich aber durchgezogen. Müssen so um die 300 Mark gewesen sein. Ich weiß das, weil er sich später bei unserem gemeinsamen Freund in Deutschland beklagt hat. Mich noch einmal zu kontaktieren, dazu war er wohl zu feige. Warum er mich eingeschlossen hat? Offenbar hatte er mit seinem Fotografen-Freund einen seltsamen Deal und durfte den Schlüssel nicht aus der Hand geben. Vielleicht hat er's ja genossen, mal für fünf Tage Macht über eine Frau zu haben (Ich habe kurz seine Mutter kennengelernt, ein Drachen :-). Werd noch mal in mich gehen und vielleicht an der Geschichte weiterbasteln. Und @Metta, Du hast Recht mit den vielen Ichs. Ändere ich. @Angela, nächstes Mal liefere ich die Übersetzung mit. Habe über Deinen Kommentar herzlich gelacht. Auch über den von @Andrea. Errlisch!!! Merci!

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Linde

Du verstehst es, den Leser bei Laune zu halten. Flott geschrieben. Auch ich hätte weiter gelesen!

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Hatte mit dem Wort Salaud so meine Schwierigkeiten. Habe es erst für den Namen des franz. Freundes gehalten - bis der Name Alain auftauchte. Da habe ich erkannt, dass man mir damals im Französichunterricht die wirklich wichtigen Vokabeln (Schweinehund) nicht beigebracht hat. ;)

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Isabel

Eigentlich scheint mit der schönen Vorstellung über die hohe Telefonrechnung die Geschichte abgeschlossen. Aber die Frage ´Warum?` bleibt beim Leser. Vermute, Dir ist die Geschichte tatsächlich passiert. Deine Gefühle und Gedanken in dieser absurden Situation erscheinen glaubwürdig. Gut geschrieben. Liebe Grüße Isabel

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Die Atmosphäre ist gut rübergekommen, wenn man diese engen, kleinen Zimmer in der Weltstadt Paris selbst schon einmal kennengelernt hat - vor allem da, wo die Erzählerin das Bett aufdeckt, bähh!!! Kleiner stilistischer Tipp: Im zweiten Absatz lässt du drei Sätze mit "Ich" anfangen, vielleicht ein bisschen umstellen. Meinetwegen hätte die Geschichte noch ein bisschen weitergehen können. Warum hat Alain seine Freundin aus Deutschland überhaupt eingesperrt? Musste sie tatsächlich die ganze Woche in dem Kabuff verbringen oder gab es doch noch ein paar schöne Tage?

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Fortsetzung folgt? Ich würde dran bleiben.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Andrea

Diese Franzosen sind alle Verbrescher. Man sollte sie vörklopfen mit die Baguette! Spannende Geschichte mit schönen Details - man ist in Paris. Gruß Andrea

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Hat mir gut gefallen! :O) Und eigentlich ists ja rückblickend ein tolles Erlebnis, nicht?

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Sylvia

Super! Deine Geschichte gefällt mir inhaltlich und sprachlich sehr gut! Wie immer! Vielleicht würde ich schreiben: "Plötzlich klingelt..." Macht sie das wirklich? Würde gerne weiter lesen! LG Sylvia

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Sina

deine Geschichte habe ich von Anfang bis Schluss gern gelesen. Sie hat mich richtig mitgerissen und ich würde gern wissen wie es weitergeht.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von M.P.

Sehr schön. Ich denke, diesen Beitrag könnte man klasse in einen Roman einbauen. Frau auf der Suche nach was auch immer, verliert sich in der eigenen Vergangenheit. Zuerst er Schock und dann der Kampf. Wirklich gut.

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 02.03.2008 von Heidrun Mußer
[ Lesezeichen ]

5641

Vaters Hände
Ich glaube, mein Vater hatte keine körperlichen Beschwerden. Was ihm weh tat, war nicht zu bezeichnen. In dem großen grauen Ohrensessel wirkte sein Körper klein und gedrungen. Auf seinem runden Kopf, der nur noch einen spärlichen Haarkranz aufwies, spiegelte sich die Wintersonne. Die Augen hielt er geschlossen, ich dachte er schläft. Doch seine feingliedrigen Finger waren immer in Bewegung.
Ich erinnerte mich gut daran, wie er mir als ich ein Kind war, Abends auf der Geige Lieder vorgespielt hatte.
"Die Lieder sind aus meinem Kopf verschwunden,"hatte er mir gesagt als er noch deutlicher sprechen konnte.
Jedes Mal wenn ich ihn in seinem kleinen Zimmer besuchte, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Aber ihn schien es nicht zu stören, das Leben hier.
Sein Zimmernachbar sass wie immer auf dem Bett und zog mit ausdruckslosem Gesicht an seiner Pfeife. Brauner Speichel lief aus seinem Mundwinkel und tropfte langsam auf sein graues Unterhemd. Der unangenehme Geruch von Urin und Schweiß vermischte sich mit dem Tabakrauch und stieg mir in die Nase.
"Ihr Vater weiß nicht mehr wo er ist," hatte der Arzt gesagt.
Das erklärte vieles und doch nichts. Es erklärte nicht, was in meinem Vater vorging.
Irgendwann, nicht lange nach Mutters Tod hatte er sich aus dem Leben ausgeklinkt.
"Man nennt diese Krankheit Demenz, sein Gehirn wird nichtmehr richtig durchblutet," hatte mir Schwester Helga erklärt.
Mein Vater konnte mit Schwester Helga nichts anfangen. Er ließ sich nur widerwillig von ihr die Windeln wechseln und das Essen eingeben. Am Liebsten war es ihm, wenn man ihn in Ruhe in seinem Sessel am Fenster sitzen ließ.
Leise trat ich näher. "Er schläft nicht," sagte sein Zimmernachbar und klopfte seine Pfeife aus. Dann zog er sich eine graue Jacke über sein Unterhemd und hinkte auf seinen krummen Beinen zur Tür. "Mit ihm kann ich nicht reden," sagte er mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich.
Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, nahm ich die Hand meines Vaters. Langsam schlug er die Augen auf. Er lächelte, wie immer wenn er mich sah. Ich wusste, er erkannte mich und er konnte zuhören, ohne mich zu unterbrechen. "Hallo Papa, mir geht es nicht gut," sagte ich. Seine großen braunen Augen sahen mich freundlich an, wie immer, wenn ich mit meinen Sorgen zu ihm kam. Er drückte meine Hand.
Dann sprudelten die Worte aus mir heraus, und ich erzählte meinem Vater alles was in letzter Zeit passiert war.
"Bald bin ich arbeitslos, die Firma wird ins Ausland verlagert. Mein Mann ist Abends nicht mehr zu Hause, ich weiß nicht wo er sich rumtreibt, ich vermute er hat eine Freundin. Stell dir vor, er hat das Wohnzimmerfenster zugeschlagen, so dass es in tausend Scherben zersprungen ist, als wir uns gestritten haben,"schloss ich nach zehn Minuten meinen Bericht.
Mein Vater sah mich noch einmal freundlich an, dann schloss er die Augen. "Ich habe Durst," sagte er dabei höflich.
Seine Hände begannen mit der Wolldecke die über seinen Knien lag zu spielen.
Bevor ich ging, nahm ich ein Glas Wasser von seinem Nachttisch und gab ihm zu trinken. "Danke," murmelte er undeutlich, kurz bevor er wieder in seine eigene Welt versank.
Langsam verließ ich das Zimmer. Draußen hetzte Schwester Helga über den Flur. Ihr pausbäckiges Gesicht war rot angelaufen und auf ihrer Stirn standen Schweißperlen. In einer Hand hielt sie eine Urinflasche und in der anderen ein Windelpaket.Ich wagte nicht, sie anzusprechen, denn ich wusste um diese Zeit war sie allein mit zwanzig alten Menschen, hier auf der Station. Erst später, wenn alle ins Bett gebracht wurden bekam sie wieder Hilfe.
Trotzdem schenkte sie mir ein freundliches Lächeln und ein kurzes "Hallo" bevor sie wieder in einem der Zimmer verschwand.
Wie schon so oft dachte ich mit Bewunderung daran was diese Frau alles leistete.Tag für Tag betreute sie alte demente Menschen, arbeitete am Wochenende, sogar Nachts. Sie verdiente den Lebensunterhalt für ihren arbeitslosen Mann und ihre Tochter.
Immer kam ich mir minderwertig vor, besonders wenn ich ihre Leistung mit meiner verglich.

Ich hätte das nie gekonnt. Nicht einmal meinen Mann konnte ich halten, und meine Sorgen vertraute ich einem alten klapprigen Greis an, der mich nicht mehr verstehen konnte.
Eisige Winterluft blies mir ins Gesicht, als ich das Altenheim verließ. Langsam senkte sich die Nacht über den Ort.Ich beschloss, noch nicht nach Hause zu gehen sondern einen Spaziergang am See zu machen.
Wie ein Spiegel lag die glatte Fläche des Sees vor mir. Laut schnatternd schwammen ein paar Enten ins Schilf. Ich lief zügig und mit großen Schritten. Gierig sog ich die kalte Winterluft in die Lungen. Etwas sagte mir, dass ich hier entlang laufen musste, um einen klaren Kopf zu bekommen.
Ein leises Plätschern auf dem See ließ mich aufhorchen. Das Boot meines Mannes, eine braune abgewetzte Nußschale, war hier an einem Holzpflock festgebunden. Ich war mir sicher mein Mann hatte mir erzählt, er habe das Boot entsorgt. Langsam,fast zögernd klatschten ein paar dicke Regentropfen auf die gefrorene Erde. Eine vom immer heftiger werdenden Wind verzerrte Stimme rief meinen Namen. Als ich mich umdrehte, stand Veronika meine Freundin hinter mir. Erleichtert atmete ich auf. Endlich war da ein Mensch, mit dem ich reden konnte. Veronika wirkte gehetzt und abgespannt, trotzdem funkelten ihre Augen unternehmungslustig. Aber ich war viel zu sehr mit meinen eigenen Sorgen beschäftigt, um es zu bemerken.


Kommentar von Heidrun Mußer

Hallo, an alle Kommentatoren meines Beitrages: Ich danke euch für eure Meinungsäußerungen. Muss euch erklären, dass dies ein Ausschnitt aus einer, eigentlich viel längeren Geschichte ist, die natürlich auch noch eine Rahmenhandlung hat.Habe versäumt, es hinzuzufügen, sorry. Heidrun

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Die zunächst eindringliche Schilderung der Demenz wird immer mehr zerredet. Veronika taucht so willkürlich auf, dass sie wie der Start zur eigentlichen Geschichte wirkt.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Das Unbehagen in der Altenheimatmosphäre wurde in Deiner Beschreibung spürbar (kenne es selbst). Die innere Verbundenheit der Frau mit ihrem Vater, obwohl er schon dement ist, rührt mich an. Und dann diese typischen weiblichen Minderwertigkeitskomplexe... Der letzte Absatz ist ein Bruch im Erzählstrang. Hier deutet sich etwas Neues an, aber es wird mir nicht klar, was es ist. Ist Veronika jetzt die Geliebte des Mannes?

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von carlottablau

Besonders gut finde ich die beiden alten Männer getroffen. Zum Schluss finde ich den Text zu lang, und das Lob über die gute Schwester aus der Sicht Deines Vaters übertrieben, denn er lobt sie ja nicht. Sie ist ihm lästig,und sie findet keinen Zugang zu ihm.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von miss0816

Der gut geschriebene Text hinterlässt bei mir eine gewisse Traurigkeit und Melancholie. Ich möchte erfahren, warum die Freundin wie aus dem Nichts an diesem Platz auftaucht und was sie zu sagen hat. LG miss0816

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Sehr trauriger Text, man spürt richtig die gescheiterte Hoffnung. Wirklich gut geschrieben!

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 02.03.2008 von rosamsa
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5645

Auflösen

Ich möchte mich auflösen. Nicht sterben, das nicht. Ich möchte mich auflösen und davon schweben in eine andere Welt. Ich möchte eine andere sein, dabei bin ich nicht einmal ich selbst.
Vier Kilo haben sich schon aufgelöst, bald werden es viel mehr sein und ich weiß es nicht zu verhindern.
Jeder Bissen ist eine Qual, der Magen schmerzt, alles fällt unverdaut durch mich hindurch. Zerquetschte Bananen, so wie ich zerquetscht bin, Tee und trockene Nudeln, mehr geht nicht mehr. Ich kann noch Stücke von der Banane sehen, wie bei einem Baby, das zum erstenmal zur Muttermilch eine Banane bekommt.
Ich erwache, soweit ich überhaupt geschlafen habe, und schon krallt sich die Angst wie ein scharfer Hund gierig an meinem Solarplexus fest und lässt nicht mehr los. Reißt Stücke davon heraus und hinterlässt eine schier unerträgliche Unruhe.
Wird sie heute aufstehen, zur Schule gehen? Wird sie wieder zu spät sein? Werde ich schreien und toben an ihr zerren, mich ins Auto setzen und zum Bahnhof rasen wie eine Irre? Bin ich verrückt?
Wird mir ein tiefer Seufzer entfahren wenn die Haustür ins Schloss gefallen ist? Nein, denn immer noch kann sie wieder auftauchen, weil der Bus schon weg war und sie zu langsam gegangen ist.
Muss ich heute Autofahren, Einkaufen, Telefonieren, mit fremden Menschen sprechen, eine Freundin treffen, Fahrten für meine Kinder erledigen, im Büro arbeiten, Sex haben?
Kann ich den Blick meines Mannes ertragen, den er mir beim Essen zuwirft, während ich mich mit ein paar Bissen abquäle. Kann er mich noch ertragen, diese leere Hülse, die einmal seine Frau war?
Wie lang ist ein Tag? Wie lang eine Nacht?
Wie kann sie es schaffen, wenn ich nichts mehr schaffe?
Wie kann sie Mut haben, wenn ich voller Angst und Selbstzweifel bin?
Wie kann sie leben, wenn ich nicht mehr lebe?
Bin ich sie, ist sie ich, sind wir ein und dieselbe Person?
Ich hasse sie, sie stiehlt mir mein Leben macht es zur Hölle. Oh nein, ich nehme mir mein Leben.
Es ist ein Spiel. Ich bin die Maus.


Kommentar von Sylvia

Gefällt mir! Wie geht es weiter? Du hast eine hoffnungslose Situation geschaffen und viele Fragen offen gelassen!!! LG Sylvia

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Ausgefeilte Formulierungen. Teils leicht überladen: "scharfer Hund gierig an meinem Solarplexus", "schier unerträgliche Unruhe." Schlüssige Reihenfolge. Triftt das Wort "Spiel" ?

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Die Verzweiflung, die Innenansicht der Protagonistin, sind eindrucksvoll beschrieben. Besonders gelungen die Beschreibung, wie das Essen durch sie hindurchfällt, die Fragen "Muss ich... ", in denen deutlich wird, wie Alltagspflichten zu scheinbar unüberwindbaren Hürden werden und die Fragen am Schluss. Die Metapher im dritten Absatz gefällt mir nicht: Wenn die Angst sich festkrallt, lieber wie eine Katze, oder sie beißt sich fest wie ein Hund. Den Solarplexus finde ich in diesem Zusammenhang zu medizinisch. Inhaltlich bleibt mir einiges unklar: Was hat die Frau in diese Situation gebracht? Will sie nicht mehr essen (sich auflösen WOLLEN) oder kann sie nicht? Was ist gerade an der Beziehung zur Tochter (5. Absatz) so kompliziert? Wieso muss die Frau zum Bahnhof, wenn sie ihre Tochter zur Schule bringt? Wer ist "sie" im letzten Absatz? Wenn die Frau die Maus ist, wer ist dann die Katze? Magst Du das noch mal erläutern oder eine geänderte Fassung einstellen?

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Fledermaus

Hm, ein rätselhaftes Stück Prosa. Es gefällt mir gut, weil man mitfühlen kann. Allerdings frage ich mich: Wer ist "sie"? Eine Geliebte? Eine Tochter? Freundin? Mutter? Die beiden letzten Sätze sind toll!

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von margyt

wow!!! Jetzt muss ich erst mal Luft holen! Hoffentlich geht es Dir nicht wirklich so! Wahrscheinlich aber kennst Du das wovon Du schreibst und fühlst. Wer so tief empfindet ist noch nicht tot. Nein, hier steckt viel Potential für D e i n Buch. Gruß margyt

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Elisabeth

Dein Text "weckt auf". Diese schmerzhafte Leere, was für eine Lebensgeschichte endet darin und wie kommt man wieder raus? Sehr lebendig beschrieben, das macht mich neugierig (und auch traurig).

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 02.03.2008 von Andrea
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5629

Showdown


Mein Gott bin ich aufgeregt. Warum haben die mich bloß eingeladen?
Vielleicht treffe ich hier meine alte Freundin Ilona wieder. Das wäre toll.
Habe ich Feinde? Alte Rechnungen nicht bezahlt? Nein.
Ob Serge es wagt hier zu erscheinen? Nein, dazu ist er zu feige dieser miese Hund.

Ah, die grüne Lampe geht an und irgend jemand winkt mir zu. Mein Zeichen. Es wird ernst.
Alle klatschen. Puh, ist das warm und stickig hier. Was soll ich denn jetzt machen? Der Moderator kommt auf mich zu und fasst mich grob am Arm. Er riecht als wäre er in ein Fass mit billigem Aftershave gefallen. Du meine Güte, in Natura sieht er aus wie ein gegrilltes Würstchen. Ob seine weißen Zähne falsch sind?
Hoffentlich hat mich die Maskenbildnerin eben in der Garderobe gut geschminkt. Meine Haut spannt. Im Fernsehen soll man ja immer ein bisschen dicker aussehen als in Natur. Ich sehe kaum noch etwas. Die Schminke kriecht mir in die Augen. Müssen die Scheinwerfer so grell sein?
Ich habe Angst. Ich kann sie riechen. Ich will wieder nach Hause. Warum habe ich mich bloß von Svetlana überreden lassen. „Wenn du erst mal im Fernsehen bist, wirst du bestimmt entdeckt“, hat sie gesagt.
Reines Wunschdenken. In diesen Talk-Shows wurde noch niemand entdeckt.

Das Blut rauscht in meinen Ohren. Meine Hände sind kalt und nass. Hoffentlich muss ich niemandem die Hand geben.
Durch das Licht dringt Applaus zu mir hindurch. Es ist doch noch gar nichts passiert. Warum klatschen die denn? Ist es die frohe Erwartung das ich mich lächerlich machen werde? Wissen die schon, was ich nicht weiß?

Das Moderatorenwürstchen schiebt mich zu einem blau-glitzernden Vorhang, der mit vielen Fragezeichen dilettantisch beklebt ist. Das hätte meine fünfjährige Nichte besser machen können. Billige Attrappe, wie alles hier.

Unter dem Vorhang sehe ich abgestoßene braune Schuhkappen hervorspitzen.
Vor 6 Wochen habe ich mit ihm braune Schuhe gekauft. Als ich zu wenig Geld in der Tasche hatte, hat er mich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit geschlagen. Sonst hat er wenigstens noch darauf geachtet, dass niemand es mitbekommen hat. Die blauen Flecken und Platzwunden befanden sich immer an verdeckten Stellen. Die Verkäuferin hat mich verächtlich angesehen. Ich habe mich so geschämt.
Zu Serge war sie freundlich. Als wenn ihr so etwas nicht passieren könnte.

Zu Hause hat er mich halb tot geschlagen. Auch ins Gesicht. Ich bin zu meiner Nachbarin gerannt. Die hat die Polizei geholt. Serge haben sie mitgenommen. Er hat noch gesagt, dass er mich umbringt so bald er mich in die Finger bekommt. Ich habe gesagt“: Du wirst mich nie wieder sehen. Es ist vorbei.“ Als er abgeführt wurde, tat er mir leid. Er konnte auch nett sein. Manchmal.

Und jetzt starren braune Schuhspitzen unter dem Vorhang hervor. Mir ist so schlecht. Ein Tusch, Applaus. Der Vorhang wird nach oben gezogen. Ich höre nichts mehr, ich sehe nichts mehr, ich weiß einfach, das dort Serge steht.
Vor meinen gebrochenen Augen taucht ein monströser Rosenstrauß auf. Den hat er sich bestimmt vom Sender bezahlen lassen. Er weint. Er bittet mich ihm zu verzeihen. Das Publikum tobt. Ich bin gelähmt. Warum macht mein Körper nicht was mein Kopf ihm sagt: Weglaufen.
Mir wird schwarz vor Augen und ich fühle nur noch das jemand mich fängt.

Wo bin ich? Es ist dunkel. Ich erkenne mein Zerrbild mit verschmierter Schminke im Seitenfenster. Draußen spiegelt sich die trübe Straßenbeleuchtung auf der regennassen Straße. Es ist kalt hier. Ich weiß dass es Serge ist, der fährt. Ich rieche ihn, spüre seine Wut.
Er hat gemerkt, dass ich zu mir gekommen bin. Widerlich, dieses Grinsen in seiner schmierigen Visage. Die schwarze Lederjacke quietscht. Was versucht er aus der Tasche zu holen? Ob er mich noch attraktiv findet? Warum denke ich an solche Oberflächlichkeiten. Würde es mich schützen?
Ich will hier raus.
Wenn das Auto anhält springe, ich raus.
Serge scheint Gedanken lesen zu können und schnarrt“: No Chance Baby, ich habe die Kindersicherung drin.“
Er braucht mir gar nicht mit der Pistole vor der Nase herum zu fuchteln. Ich habe sie schon gesehen. Dieses Schwein. Er wird mich töten.

Kalt ist er der Pistolenlauf an meiner Schläfe. Drück schon ab du verdammter Idiot. Mein Leben ein Kurzfilm in Ockertönen.
Mama ich komme.


Kommentar von Frog

Liebe Andrea, nicht das härteste Baguette reicht wohl aus, um diesem Salaud den Garaus zu machen. Mich hat Dein Text gefesselt. Er erinnert mich an Filmszenen, bei denen man sich die Augen zuhalten möchte. Apropos Augen: "Die gebrochenen Augen" – gutes Bild. Wie geht es weiter? Ich bin neugierig...

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Origineller Plot! Das Entsetzen bei der Begegnung mit Serge wird spürbar - ich habe Sendungen dieser Art nur beim Zappen mal kurz angesehen. Der letzte Absatz verträgt sich für mich nicht mit der Perspektive des Ich-Erzählers. Und der letzte Satz, hm!?

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 02.03.2008 von Isabel
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5621

Gefangenschaft,
ein wirklich schwieriges Thema, von dem ich noch gar nicht weiß, ob ich bereits in der Lage bin, es zu bearbeitet. Ich befürchte, ich könnte zu viele Klischees bedienen oder am Ende als Jammerlappen dastehen. Das wäre das Letzte, was ich jetzt noch gebrauchen könnte, und trotzdem werde ich es versuchen.

Die Meisten von uns werden es metaphorisch begreifen, da stimme ich Louise Doughty zu. Ich fühle mich gefangen in den gesellschaftlichen Umständen, den anerzogenen Werten und nicht zuletzt in meinen eigenen Ängsten und den Ängsten meines Mannes. Oft ist mir, als würden sich Umstände, Werte und Ängste in einer riesigen Eisenkugel befinden, die ich auf meinem Weg in die Freiheit als Fußfessel mitschleppen muss. Das Gefühl daran zu zerbrechen ist mal stärker, mal weniger ausgeprägt. Mein Kampf dauert nun schon an die 15 Jahre, und mal marschiere ich, mal tippele ich, aber immer geradeaus. An guten Tagen sehe ich das als besondere Stärke, an schlechten habe ich das Gefühl auf der Stelle zu treten. Dann hilft mir manchmal Rückschau zu halten, um einen Überblick zu bekommen über all die Dinge, die ich gemacht habe, um mich meinen Zielen zu nähern.

In meinem handwerklichen Beruf bin ich bereits seit 33 Jahren und habe ihn bestimmt 20 Jahre sehr gern gemacht. Er ist oft sehr anstrengend, weil er viel Konzentration über einen langen Zeitraum erfordert, aber ich erhielt Anerkennung. Das war wichtiger als die Bezahlung, ehrlich! Die Anerkennung trieb mich vorwärts. Ich bildete mich weiter auf Lehrgängen aber auch viel autodidaktisch. Nur allein die Vorstellung selbst etwas Schönes entstehen zu sehen und anschließend in glückliche Gesichter zu blicken, war Antrieb genug.
Verzeiht mir, wenn ich hier, was meinen Beruf angeht, nicht deutlicher werde, aber ich denke, dass das in diesem Fall unrelevant sein wird. Nur soviel: ich habe einen Chef, ich habe Kollegen und ich habe Kunden, auf dessen genaue Zuarbeit ich angewiesen bin.

Mehrere staatliche Reformen bewirkten, dass ein ehemaliges gesundes Handwerk schwer darunter gelitten hat. Inzwischen haben viele von uns die Arbeitslosigkeit kennengelernt. Wer längere Zeit draußen ist, ist eigentlich weg vom Fenster, wie es so schön salopp heißt. Ständige Neuerungen auf dem Markt, was Geräte und Materialien betrifft, und vor allem die Tatsache, dass sich kaum ein Chef leisten kann und will, dem neuen Mitarbeiter zwei, drei Monate Einarbeitungszeit zu gewähren, sind dafür verantwortlich. Mir ist schon klar, in der heutigen Zeit in ein und demselben Beruf 33 Jahre zu arbeiten, kommt einem halben Weltwunder gleich. Wo gibt es das noch.

In den letzten 15 Jahren hat sich auch für mich ein Wandel vollzogen. Angefangen hatte alles damit, dass für eine Kundin eine Arbeit erledigt werden sollte, unter wirklich denkbar schlechtesten Voraussetzungen, ja, ich muss sagen, eigentlich waren es keine. Trotzdem machte ich aus eigenem Antrieb die Arbeit viermal, immer in der Hoffnung, doch noch eine akzeptable Lösung hinzubekommen. Dass ich immer zu dem gleichen Ergebnis kam, zeigt entweder, dass ich zu doof dafür war oder dass es keine andere Lösung gab. Natürlich glaubte ich nach den vier Versuchen an die letztere Möglichkeit und die Kundin an die erste. Aber lassen wir das einmal dahingestellt. Der Beweis, dass es ein anderer hinbekommen hätte, ist man mir schuldig geblieben, obwohl ich wirklich daran interessiert war, schon, um zu lernen. Das liegt in meinem Streben nach Perfektion begründet.

Von Stund an war jedoch mein Ansehen beim Chef sehr stark beschädigt. Diese eine Arbeit hatte ausgereicht, jahrelange Leistungen als null und nichtig zu erklären. Ich verstehe ihn insofern, dass es wirklich Misst war, dass wir die Kundin nicht zufriedenstellen konnten, aber er war doch lange genug selber in diesem Beruf und wusste, welche Arbeitsgrundlagen mir zur Verfügung standen. Und was jetzt begann, hätte ich weder für möglich gehalten noch war es mir bis dato untergekommen. Mobbing vom Feinsten!

Ich bekam nur noch die schlecht bezahlten Arbeiten, die aber eigentlich viel mehr Zeit und Aufwand bedurften. Mir wurde kontrollierend über die Schulter geschaut, unter dem Motto, was machen sie denn da wieder. Ich saß während der regulären Arbeitszeit oft rum und wartete völlig unnötig auf dringende Zuarbeit. Eine Arbeitsweise, die mir fremd ist. Zum Feierabend stand dann endlich die Arbeit auf meinem Tisch und ich hängte drei, vier Stunden dran, damit der Termin doch noch zu halten war. (Betriebswirtschaftlicher Unsinn, den sich keine Firma leisten kann! Diesbezügliche Hinweise wurden mit weiterem Mobbing belohnt. Also lernte ich die Klappe zu halten.) Später hielt man mir den angehäuften Überstundenberg vor. Man belegte damit meine Uneffektivität und nahm das als Anlass, als die Firma längst unter den großen Auftragsschwankungen zu leiden hatte, mich um fünfzig Prozent zu kürzen. All das wirkte sich natürlich mit der Zeit tatsächlich auf meine Arbeit aus. Ich war oft mit mir unzufrieden und sagte mir, du musst dich noch mehr anstrengen und trieb mich immer weiter an. Kann aber auch sein, dass meine Selbstwahrnehmung nicht mehr stimmte.

Als es wieder etwas aufwärtsging, wurde ich von vier auf sieben Stunden hochgesetzt, erhielt prozentual aber weniger Lohn. Lob gab es nur noch, wenn viel Arbeit reingekommen war, die schnell erledigt werden musste. Dieses manipulierende Wesen meines Chefs kannte ich nur zu gut. Aber natürlich machte ich weiter. Heute gebe ich weder auf Lob noch auf Nichtlob in meinem Beruf etwas. Entscheidend ist allein mein Urteil und das ist streng genug. Eines Tages ging eine Kollegin in den Schwangerenurlaub und er war froh, mich wieder auf acht Stunden setzen zu können. Das wurde für mich ein gutes Jahr, da ich mich in alten ´Amt und Würden´ - ich lache gleich! – wiederfand. Ich wusste, was ich davon zu halten habe, aber ich nahm es hin, um in Frieden meine Arbeit machen zu können.

Und nun wird sich mancher fragen, ob ich noch alle Lichter am Baum habe, weil ich das alles mit mir habe machen lassen. Nun, das habe ich mich mehr als einmal selbst gefragt. Mir war eines Tages klar, dass er hoffte, ich würde von mir aus kündigen, schon um einer Abfindung zu entgehen. Aber ich konnte mir das Risiko nicht leisten. Ich wusste und weiß, wenn ich gehe, bedeutet dass das Aus in meinem Beruf. Mehrere Versuche, woanders mein ´Glück´ zu suchen, ließen mich nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Da befand ich mich ja jetzt noch geradezu in einem Traumland. Was aber dann? Ich bin nicht mehr die Jüngste, nach den Maßstäben der Gesellschaft. Wir waren eine vierköpfige Familie (heute sind meine Söhne aus dem Haus). Sollte ich meinen Jungs (den beiden kleinen und den großen) das zumuten, nur weil ich nicht den Hintern in der Hose hatte, um durchzuhalten?

Inzwischen bin ich aber so müde geworden, dass ich, wenn einmal Schluss ist, in diesem Beruf auch nicht mehr arbeiten will. Schon, weil in den letzten Jahren der Ton der Kunden immer ruppiger geworden ist. Oberflächige und schlampige Arbeitsgrundlagen machen uns das Leben schwer. Viel können wir durch unsere Berufserfahrung und durch noch präziseres Arbeiten ausgleichen, aber manches auch nicht. Diese Ergebnisse haben dann selbstredend wir, wie all unsere Kollegen in Deutschland, zu verantworten. Auch die Kosten haben wir zu tragen.
´Ihr wollt nicht? – Macht nichts, auf Euch warten hundert andere.´
Ihr wisst, was ich meine.
Und schon schlucken wir es und machen weiter. Hinzu kommt, dass mit diesem feinen Argument natürlich auch die Preise gedrückt werden können. Wir schlucken es und machen weiter.
Poltische Entscheidungen und Argumente werden oft sehr vollmundig angepriesen, aber die Auswirkungen nur oberflächig beleuchtet. Natürlich sind unsere Preise hoch. Wer darauf angewiesen ist, wird alles andere als froh darüber sein. Aber es steckt auch verdammt viel Arbeit und Können dahinter. Seit 15 Jahren gab es bei uns keine Lohnanpassung, geschweige eine echte Erhöhung.
´Leistung muss sich lohnen´- - -???

Unser Betrieb ist inzwischen so verschuldet – zugegeben auch durch hausgemachte Fehler – dass wir uns bestimmt seit zehn Jahren mit der Frage ´Insolvenz - ja oder doch nicht´ auseinandersetzen müssen. Was nun, habe ich mich so oft fragen müssen – schon wegen meiner persönlichen Situation -, dass ich davor eigentlich keine Angst mehr habe. Am Ende haben sogar meine Mobbing -Erfahrungen etwas Gutes. Aber da sind noch die Ängste meines Mannes, die ich natürlich ernst nehme. Und was die anerzogenen Werte betrifft: in unserer Familie gibt man nicht auf, man ordnet sich im Ernstfall sogar unter, weil der Verstand sagt, du musst doch Geld für die Familie verdienen.

Das Positive ist, dass es auch heißt, Arbeit schändet nicht. Also bockig in der persönlichen Schmollecke sitzen, ist nicht drin. Das ist gut, kostet aber sehr viel Kraft. Damals, als ich auf 50 Prozent gesetzt wurde, habe ich ein Fernstudium aufgenommen für Grafik und Design am PC und es trotz meines Alters vor zwei Jahren mit sehr guten Ergebnissen beendet. Ziel war, bis auf die Bindung ein Buch selber gestalten und drucken zu können. Als Perfektionistin mache ich mir das Leben schwer. Ich will auf niemand angewiesen sein. Vielleicht auch unbewusst die Erfahrung mit unseren Kunden.

Mit der Schreiberei habe ich 1987 angefangen, als mein Sohn in die Schule kam. Anfänglich war es als reine Familiendokumentation gedacht. So haben sicher viele von uns begonnen. Und natürlich habe ich auch dort ständig an mir gearbeitet. Inzwischen ist daraus ein zweiter Fulltimejob geworden. Er hat geholfen, am Feierabend, an den Wochenenden und den freien Tagen meine Gedanken in andere Richtungen zu lenken. Ohne dem hätte ich nicht durchgehalten.

Was ich will? - - - Wie Ihr – Bücher schreiben! Wenn es auch illusorisch ist, weil jeder von irgendjemanden abhängig ist, so will ich doch nie wieder unmittelbar einem Chef unterstellt sein. Auch auf die Gefahr hin ein sehr bescheidenes Einkommen zu erzielen. Ich habe inzwischen gelernt, auch mit wenig Geld auszukommen. Freilich kann ich durch meinen Nichtkonsum Deutschland nicht auf die Sprünge helfen und gehöre damit nicht zu den ´Leistungsträgern´. Wenn ich diesen Begriff schon höre! Aber das man auch mit so viel weniger auskommt, war für mich eine wichtige Erfahrung.
´Arbeitslosigkeit und Arbeitssuche? Ellenbogen und Existenzangst? - - - Ach so, Ihr meint das Leben, das mein Großvater führen musste!?´, so dachte ich früher.

Nun warte ich darauf, dass der letzte Tag kommt. Dann sind endlich alle Verbindungsschnüre der Vergangenheit durchtrennt. Ich muss mich dann nicht mehr fragen, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Kann ja gut sein, dass meine Träume sich als Luftblasen entpuppen und ich ein halbwegs regelmäßiges Einkommen leichtfertig aufs Spiel gesetzt habe. Ich hasse mich für diese Schwäche, aber mach was! Über seinen Schatten zu springen, ist nicht leicht. Und bis es soweit ist, habe ich trotzdem hin und wieder Tage, an denen ich so in meiner Arbeit versunken bin, dass ich ganz vergesse, dass ich sie eigentlich gar nicht mehr gern mache.

Ach so, und was das Mobbing von meinem Chef betrifft. Eines Morgens fuhr ich auf den Parkplatz. Es war der Tag, an dem mein Chef aus dem Urlaub kommen wollte. Ich stieg aus dem Auto und bekam auf einmal Herzrasen. Da war mir klar, dass ich bereits körperlich auf ihn reagiere. Ich hatte mich immer mehr zurückgezogen, in der Hoffnung, für ihn keine weitere Angriffsfläche zu bieten. Weit gefehlt. Heute habe ich darüber meine eigene Theorie. Alles auf der Welt ist miteinander verbunden. Stellt Euch das wie Atome vor. Es gibt keinen tatsächlich leeren Raum. Wer Platz freigibt, überlässt ihn Anderen. So war es auch bei mir. Je mehr ich mich zurückzog, je mehr füllte diesen Platz mein Chef mit seiner negativen Energie aus. Damit sollte jetzt Schluss sein.

Ich richtete mich auf und versuchte den aufrechten Gang, ganz so, wie ich ihn in früheren Jahren immer inne hatte. Das geht schon mit der Körperhaltung los. Ihr werdet es nicht glauben: es funktionierte fast augenblicklich. Probiert es aus, aber vergesst dabei das menschliche nicht. Meine Urgroßmutter pflegte immer zu sagen: Wenn du auf dem Weg nach oben bist, vergiss nicht nach rechts und links zu grüßen. Du weißt nicht, wem du auf dem Weg nach unten wieder begegnest. – Eine kluge Frau!
Zwei, drei Mobbing -Versuche gab es noch. Aber ich sah ihn nur an, drehte mich dann um und ließ ihn stehen. Dann gab er auf. Meine nächtlichen Schwitzattacken, die ich voreilig auf die Wechseljahre schob, haben danach bald aufgehört. Meine Depressionen sind weniger geworden. Seitdem herrscht zwischen uns friedliche Koexistenz. Mehr nicht. Ich bin nicht nachtragend, zicke also nicht rum, kann aber nicht vergessen. Wenn eines Tages Schluss ist, werde ich mich umdrehen, meinen Weg gehen und ihn aus meinem Gedächtnis löschen.

Gerade sah es so aus, als wäre Tag X der 28.02.2008 gewesen. Aber wir sind schon oft unten aufgeschlagen, um dann doch wieder wie der kleine Springball an der Gummischnur nach oben zu springen, nur, um dann wieder unten aufzuschlagen.
Wenn es jedoch soweit ist, bin ich bereit. Ich habe bereits Plan B, C und D in der Tasche. Meinen Mann habe ich gebeten, nicht die ´Eisenkugel´ an meinem Bein zu sein, weil ich alle Kräfte brauchen werde, um auch für ihn nicht die Zuversicht zu verlieren. Er hat es mit Humor genommen und Besserung gelobt. Ich will die Arbeitslosenzeit nutzen, um mich zielgerichtet weiter zu qualifizieren, damit mein Traum, mit Schreiben doch noch Geld zu verdienen, kein Traum bleibt.

Nun, Ihr Lieben, der Text ist sehr viel länger geworden als geplant, und ob jemand Lust hatte, ihn zu Ende zu lesen, wird sich zeigen.
Nachdem ich das geschafft habe, werde ich mir die Zeit nehmen, um in Euren Beiträgen Interessantes zu entdecken.
Eure Isabel.


Kommentar von Metta Maiwald

Hallo Isabel, hatte Deinen Kommentar zu meinem Kommentar hier schon gelesen - trotzdem danke für den Hinweis. Möchte mich gleich revanchieren: Mein Kommentar zu Deinem Kommentar steht unter 5052.

Eingetragen am: 10.03.2008

Kommentar von Putzi

In diesem Seminar wird immer deutlicher, dass wir angehende Autoren unseren Seelenballast loswerden müssen, um wieder frei durchatmen zu können. Ich finde das ganz legitim und bin glücklich darüber, dass unser Umgangston sehr vertrauenerweckend ist. Die Übungsaufgabe hat uns aber auch geradezu herausgefordert Dinge zu verraten, die wir unter anderen Umständen niemals preisgeben würden. Liebe Isabel. Deine Übung habe ich mit großem Interesse gelesen, weil ich spürte, dass Du ehrlich mit Dir bist. Kritisch versuchst Du Deine Situation zu analysieren, möchtest einen Ausweg finden, doch Deine Rücksichtsnahme auf die Familie hindert Dich daran, den ganzen „Krempel“ hinzuwerfen und Adieu zu sagen. Genau dieses Zögern wird rücksichtslos von Deinem Chef ausgenutzt, der sich einen Teufel um das Wohlergehen seiner Mitarbeiter schert. „Geh ruhig, auf Deinen Arbeitsplatz warten schon hundert andere“, ist eine Einstellung, die zu moderner Sklaverei führt. Die macht uns alle fertig. Früher, oder später, ist jeder davon betroffen. Wir leben in einem Wandel unserer Zeit und ich hoffe inständig für Dich, dass Du Dich von Deiner inneren Abhängigkeit bald befreien kannst. Herzliche Grüße, Putzi

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Der Inhalt bedingt die Form. Nach konzentriert geschriebenem Anfang häufen sich Flüchtigkeitsfehler, wohl ein Zeichen von Gefühlswallungen. In diesem Fall scheint die Mitteilung wichtiger zu sein als die Ausführung. Umgekehrt wird ein Schuh draus und - honoriert.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Isabel

Hallo, Ihr Lieben, habe mir Mettas Kritikpunkte durch den Kopf gehen lassen. Sie hat Recht. Zum einen, was das Psychoseminar betrifft. Mir kamen bereits ähnliche Gedanken. (Das beweisen auch der mitfühlende Kommentare von Maju und Tinkerbell. Trotzdem Dank!) Aber ich denke, dass wird sich bald legen. Man merkt schon, wie langsam immer mehr Geschichten ins Fiktive hinübergleiten. Und Metta hat auch Recht, dass mein Text noch zu sehr biografisch gefärbt ist. Um das etwas abzulegen, mache ich hier mit. Dabei helfen natürlich solche Hinweise. Für eine richtige Kurzgeschichte hätte ich eine Momentaufnahme herausnehmen müssen. Ich hatte zu sehr biografisches Erleben im Hinterkopf und habe noch nicht die Möglichkeit gesehen, daraus eine Kurzgeschichte zu machen. Hätte die ganze Sache lieber noch eine Woche liegen lassen sollen! Und 15 Jahre dort hineinzupacken, war zu viel gewollt. Ich werde noch mal ihren Vorschlag aufnehmen und versuchen, den Text zu wandeln. Dauert aber sicher ein bisschen. Das Tinkerbell mein Schreibstil gefällt, freut mich trotzdem. Den Beruf habe ich nicht nur wegen der Anonymität weggelassen, sondern weil ich in meiner Hauptaussage das psychische Miteinander in der heutigen Zeit kritisieren wollte. So etwas passiert leider überall. Liebe Grüße Isabel

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ich schließe mich Metta an. Deine Gefangenschaft in einem Job, den man dir vermiest hat, kommt zwar deutlich zum Ausdruck und ist auch sehr gut nachvollziehbar, ist in literarischer Hinsicht jedoch an dieser Übungsaufgabe vorbeigeschrammt. Mir kommt der Text wie ein Frust-von-der-Seele-schreiben vor und ist sicherlich nötig, denn solange dieser Ballast beim Autor vorhanden ist, fehlt die Kraft und die Konzentration, den eigenen Text in Richtung Roman zu bearbeiten. Ich sehe deinen Text deshalb als ein 'Kopfausmisten' an und freue mich auf deine nächsten Geschichten.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Puh, da hast Du Dir aber was von der Seele geschrieben. Natürlich hat das hier auch seine Berechtigung - habe schon bei einigen Texten gedacht, dass wir aufpassen müssen, nicht von der Textwerkstatt zum Psychoseminar abzugleiten. Dein Bericht hat einen stark dokumentarischen Charakter. Vieles konnte ich aus eigener Erfahrung nachvollziehen, auch diese ständigen Selbstzweifel, Perfektionismus, mangelnde Anerkennung usw. Als literarischer Text hat mich Deine Erzählung leider nicht angesprochen. Vielleicht war dieser erste Versuch wichtig, um erstmal Deine Gedanken zu ordnen. Als Leserin würde ich mich freuen, wenn Du z.B. nochmal eine Szene herausgreifst, in der die Protagonistin mit ihrem Chef aneinanderrasselt oder von ihren Kollegen fertiggemacht wird. Vielleicht soll die Art des Handwerks hier nicht genannt werden, um die Anonymität zu gewährleisten, aber Du stehst hier ja sowieso nur mit Vornamen und Dein Chef ist vielleicht nicht gerade ein angehender Schriftsteller und treibt sich hier herum. Für den Leser wird es anschaubar, wenn die Protagonistin gerade die Intarsienarbeiten eines Biedermeidertischchens restauriert oder an der Töpferscheibe sitzt. Wenn autobiografische Elemente verschlüsselt werden sollen, kann man ja auch den Beruf ändern, aus einer Journalistin eine Grafikerin machen, aus einem Versicherungsmakler einen Banker, aus einem Polizisten im Schichtdienst einen Feuerwehrmann. Versuch's mal. Man kann hier ja auch mehrere Schreibversuche einstellen.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Maju

Liebe Isabel, das kann ich gut nachvollziehen! Ähnliches ist mir mit meinem EX passiert. Lange Jahre habe ich diese Ängste und auch meine Minderwertigkeitsgefühle hingenommen. Vor 5 Jahren habe ich mich davon befreit und versuche jetzt nur noch das zu tun, was mir gut tut. Ist nicht immer leicht, aber es geht mir besser dabei. Also, lass dich nicht entmutigen. Du schaffst das und ich glaube, du hast noch viel zu sagen. LG. Maju

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Tinkerbell

Ich habe Deine Geschichte fertig gelesen und fand sie wirklich schrecklich aber geschrieben ist sie wunderschön. Sehr unterhaltsam. Bekanntlich gibt es ja keine Lösung für Mobbing deshalb hast Du das einzig Richtige gemacht. Hast Dich von dieser Gefangenschaft befreit. Toll und viel Glück beim Schreiben Du bist bestimmt auf dem besten Weg! Toi Toi Toi!!!

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 02.03.2008 von RoseCanyon
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5623

Wie lange ich schon in diesem dunklen Etwas verbracht hatte, vermochte ich nicht zu sagen. Auch fehlten mir die passenden Worte, um dieses Etwas, das mich umgab und von der Außenwelt abschnitt realitätsgetreu zu beschreiben.
War es eine Luftblase unter Wasser? Eine Höhle? Oder gar ein Verlies von Außerirdischen?

Fest stand: hier war es bedrückend eng. Unentwegt musste ich eine gebeugte Haltung einnehmen, ja mich regelrecht zusammenkauern. So eng war es. Merkwürdigerweise machte mir dies damals wenig aus - vielleicht, weil ich noch so jung und biegsam war.
Nur hin und weider versuchte ich mich zu strecken und trat dann mit voller Kraft gegen die Wände, woraufhin gelegentlich von draußen ein herzhaftes Gelächter erscholl. Aber an meiner beengten Lage änderte sich hierdurch nichts.

Es mag merkwürdig klingen, doch trotz der Dunkelheit, trotz der Enge und der Abgeschiedenheit von der Außenwelt, hatte ich mich an die Umstände in dieser Zelle gewöhnt. Sie sogar lieb gewonnen. Denn obwohl ich niemals jemanden zu Gesicht bekam, wurde ich rührend umsorgt. Es gab genügend zu Essen und zu Trinken, immer war es kuschelig warum und niemanden störte es, wenn ich den lieben langen Tag vor mich hin träumte oder auf meinem Wasserbett schlummerte. Das Wasserbett war super. Wie in einer Hängematte konnte ich hier herrlich leicht hin und her schaukeln.
Mehr hatte dieses räumliche Gebilde, in dem ich mich seit Tagen, Wochen ....oder waren es gar Monate (?) befand, auch nicht zu bieten.

Meinetwegen hätte ich an diesem Ort noch etwas verweilen können, denn obgleich ich ihm nicht entrinnen konnte, fühlte ich mich hier weder bedroht noch in irgendeiner Weise genötigt und was noch besser war: hier konnte ich in Ruhe ausspannen, ohne überhaupt eine Pflicht übernehmen zu müssen....nicht einmal von Lösegeld war die Rede.

Doch dann geschah es. Im Nachhinein wurde mir klar, dass es absolut vorhersebar war, es musste ja irgendwann passieren. Damals ahnte ich aber zum Glück noch nicht, welche Tortur auf mich zukommen würde.

Plötzlich, als ob jemand den Stöpsel gezogen hätte, entwich das warme Wasser aus meinem behaglichen Wasserbett. Ich war sofort hellwach. Nun wurde es unbequem hier zu liegen. Alles war so hart unter mir. Und es sollte noch schlimmer werden. Obgleich ich keinen Alkohol zu mir genommen hatte, schien mir, als bewegten sich die Wände auf mich zu. Aber so war es auch! Sie drückten sich regelrecht an mich. Und dies keineswegs sanft. Es waren heftige Stöße, die sie auf mich ausübten. Immer wieder und wieder und immer heftiger und bedrohlicher.

Ich bekam Angst. Was ging hier ab? Was hatte man mit mir vor? Allzu gerne hätte ich losgeschrien, aber das konnte ich nicht. Mein Mund wollte sich einfach nicht öffnen. Panik schoss in mir hoch. Ich zitterte am ganzen Leibe und mein Gesicht verzerrte sich vor Furcht.
"Du musst Dich wehren", befahl mir mein Innerstes. Also trat ich so fest ich konnte gegen die Wände. Auch versuchte ich, mich hin und her zu rollen, um den sich nähernden Wänden aus dem Weg zu gehen. Doch je mehr ich mich wehrte, je stärker schienen die Wände zu werden.
Sie drückten erbarmungslos gegen meine Schenkel. Dann umgriff
irgendetwas von hinten meinen Kopf. Ich steckte fest. Den Kopf konnte ich nun nicht mehr bewegen und so kam es, das ich trotz der Dunkelheit zum ersten Mal rot sah.
Ich rang nach Luft. Mein Atem ging rascher. Mein Herz schlug, als würde es bald zerbersten. Jeder, da war ich mir sicher, auch die da draußen, mussten inzwischen meinen Herzschlag hören. So laut war er geworden.

Alles in mir war derart angespannt, dass ich fürchtete, im nächsten Augenblick würde sich mein Körper selbständig auseinander sprengen.

Noch einmal gab es einen vehementen Stoß.
Dann war alles grell. Die Helligkeit brannte in meinen Augen und für einen Moment muss ich die Besinnung verloren haben. Erst als ein großer weißer Mann mit grünem Käppchen vor mir stand, kam ich wieder zu mir. Was hatten sie mit mir gemacht? Ich schaute an meinem Körper herunter. Mein Gott! Ich war über und über mit Blut und Schleim verschmiert. Wieder wollte ich schreien, doch eine Frau kam mir zuvor und drückte mir ein Frotteetuch so fest ins Gesicht, dass ich die Lippen zusammenpressen musste, um nicht den Schleim den sie abrubbelte schlucken zu müssen.

Ganz verwirrt starrte ich vor mich hin. Ich begriff nicht, was die vielen Menschen hier von mir wollten. Etwas musste ich falsch gemacht haben, denn der weiße Mann holte mit seiner großen Hand aus und gab mir einen Klaps auf den blanken Hintern. Das war zuviel. Nun brüllte ich einfach los. "Ääääääähhhhhh", quoll es aus mir heraus und kleine Tränchen rannten über meine Backen.

An das, was danach geschah, kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Der weiße Mann rief noch etwas Unverständliches wie: "....herzlichen Glückwunsch.....es ist ein Mädchen!..:", aber nach all den Strapazen überfiel mich der Drang nach Schlaf so sehr, dass ich schnell wieder meine Augen schloss und in die Tiefe des Unbewussten absank.

In das höhlenähnliche Gebilde, welches monatelang mein Zuhause gewesen war, kehrte ich nie wieder zurück.


Kommentar von Tinkerbell

Ich kann mich dem Kommentar von Metta Maiwald nicht anschliessen. Ich fand die Geschichte, die Idee überwältigend. Es könnte ein Traum sein. Es könnte möglich sein von der eigenen Geburt zu träumen. Ich fand die Geschichte hervorragend. Toll!

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von carlottablau

Mir gefällt die Irreführung, die sich erst zum Schluss auflöst.

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Gefangen oder geborgen? Außerirdische, Lösegeld und Alkoholgenuss sind Dinge, die sich der Erfahrungswelt eines Babys entziehen, ebenso der Vergleich mit Hängematte und Wasserbett; Blut ist für ein Neugeborenes noch wertneutral, d.h. nichts, was Entsetzen auslösen würde. Es würde eher sehen, dass es rot verschmiert war und sich glitschig anfühlte. Interessanter Ansatz, aber mehr bei der Wahrnehmung des Kindes bleiben.

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 02.03.2008 von Sigrid Leister
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5615

Portugal, ein wirklich schönes Land.Das Klima, angenehm kühl zu dieser Jahreszeit. Wir waren zu dritt, hatten unsere Männer besucht und waren jetzt auf der Rückfahrt. Wir waren noch einmal zu einem opulenten Mahl eingekehrt, um das restliche portugiesische Geld auf den Kopf zu hauen. Die Rechnung war schon bezahlt und sie waren schon voraus gefahren. Ich wollte nur noch schnell das kleine "Örtchen" aufsuchen und ihnen dann folgen.
Die Toilette befand sich auf dem stillen, mit allerlei Gerümpel vollgestellten Hinterhof. Ich hatte alles erfolgreich zum Ende gebracht, wollte gerade meinen Weg fortsetzen, als ich vergeblich an der Tür rüttelte. Die Panik schoss in mir hoch und ließ mich nur noch stärker an dieser vermaledeiten Tür rütteln. Ganz ruhig, sagte ich mir,was konnte ich tun? Ich rief, schrie, hämmerte und trat gegen die Tür. Dann lauschte ich atemlos...nichts geschah.Was ich auch tat, nichts brachte mich auch nur eine Spur weiter und ich wußte, der Flieger würde nicht warten. Wie lange ich gefangen war, weiß ich nicht mehr. Meine Begleiterinnen hatten auf dem Weg angehalten und auf mich gewartet, weil ich die Flugzeugtickets hatte. Das war mir vollkommen entfallen. Als ich nicht auftauchte, hatten sie gewendet und mich aus meiner mißlichen Situation befreit.


Eingetragen am: 02.03.2008 von Sarah S.
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5610

Schrecken der Autobahn

Der Tag ist hektisch wie fast jedesmal, wenn der Routinebesuch meiner Tochter aller acht Wochen ansteht. 15.00 Uhr Arbeitsschluss. Ich hole sie von der Schule ab und wir beeilen jeden unserer weiteren Schritte.
Einige Worte über den bisherigen Tag, Essen warm machen, hinunter damit, die fertig gepackte Tasche geschnappt und schon gehts los. Es liegen 72 Kilometer einfache Fahrtstrecke vor uns bis zu diesem Spezialisten. Der Termin lautet 16.45 Uhr, wir müssen einen Zahn zulegen. Ich trete aufs Gas, wenn ich gerade mal außerhalb einer der unzähligen Ortschaften bin. Meine Tochter neben mir ist still. Sie weiß schon, das ich beim Fahren volle Konzentration brauche.

Ob ich nicht Autobahn fahren könnte, hat sie mich früher mal gefragt. Sicher, rein theoretisch könnte ich das schon, da ich direkt an der Autobahnauffahrt vorbei fahre. Würde uns keine Kilometer, aber jede Menge Zeit sparen. Aber ich kann es nicht. Meine letzten Autobahnkilometer am Steuer legte ich damals beim Fahrschulunterricht zurück. Von da an nie wieder. Meine Angst ist zu groß, vielleicht schon Panik. Der Zwang, hier hohe Geschwindigkeiten fahren zu müssen, schon beim Auffahren stark zu beschleunigen anstatt anzuhalten und zu warten bis frei für mich ist - was ja praktisch nie vorkäme - allein bei diesem Gedanken treten mir Schweißperlen auf die Stirn. Der Blick in den Seitenspiegel um zu registrieren ob genügend Platz zum Einfädeln is und meine Geschwindigkeit ausreicht - das ist für mich als konsequenten Innenspiegel-Nutzer Stoff für mehr als einen Albtraum! Schon meinem Fahrlehrer habe ich damals bei meiner Autobahn-Übungsstunde angekündigt: Sollte ich jemals Autobahn fahren müssen werde ich wieder bei ihm auf der Matte stehen und um ein paar zusätzliche Übungsstunden bitten. Er lächelte versonnen und sagte nichts.

Als ich mich der Stelle der Autobahnauffahrt nähere registriere ich so ganz beiläufig, das meine übliche Fahrt über die Ortschaften gesperrt ist. Und die Umleitung erfolgt über die Autobahn.
In Sekundenbruchteilen überschlagen sich meine Gedanken: Termin absagen? Vielleicht behaupten, ich hätte eine Panne oder einen Unfall? Ein Glück, das ich kein Bildtelefon habe, sonst könnte man die Lüge sofort in meinem Gesicht ablesen. Aber wie soll ich meiner Tochter erklären, das ich ihr predige nicht zu lügen, weil keine Wahrheit so schlimm sein kann wie eine Lüge, aber ich dann genau das tue? Nein, das kommt nicht in Frage!

Die Auffahrt ist gleich da. Ich muss mich entscheiden - jetzt! Und noch ehe ich es registriert habe bin ich zur Autobahn abgebogen.
"Was, Mutti, du fährst die Autobahn?" Sie sieht von ihrem Buch auf. "Cool..."

Zaghaft gebe ich Gas. Ich höre, wie mein Vater früher schimpfte über Autofahrer, die die Auffahrt zur Autobahn hinaufkrochen. "Haaaallo...das ist ein Beschleunigungsstreifen ... wenn ihr schlafen wollt bleibt doch zu Hause in euren Betten..." Mir wird abwechselnd heiß und kalt und ich drücke aufs Gas.
Meine Schwester meldet sich zu Wort: "Was soll schon passieren... wenn der Beschleunigungsstreifen zu kurz ist und du schaffst es nicht raus... dann fährst du eben noch ein paar Meter weiter gerade aus..."
Ich sehe in den Seitenspiegel und erkenne ein paar Scheinwerfer, meiner Meinung nach weit genug weg und ziehe nach links raus. Halte einige Sekunden den Atem an, aber es gibt keinen Knall. Nichts passiert. Ich fahre Autobahn und nichts Besonderes geschieht!

Ich holt tief Luft. Ein Schild kündigt die nächste Abfahrt und damit auch Auffahrt an. Eine neue Hitzewelle überflutet meinen Körper. Würde ich solchen Fahrern wie mir auf die Überholspur ausweichen müssen, die einfach nach links zogen? Ich bin völlig nass unter den Achseln und an Bauch und Rücken. Aber kein Fahrzeug begehrt in dem Moment in die Blechlawine aufgenommen zu werden... und an der nächsten Abfahrt ist die Umleitung zu Ende.

Nachtrag:
Wir schafften es, unseren Termin einzuhalten. Die Umleitung gab es noch ein halbes Jahr, aber ich fuhr nie wieder die Autobahnstrecke. Möglich machte das ein Umweg über das Hinterland meiner ursprünglichen Strecke, den ich künftig nutzte.


Kommentar von Angela Barotti

Der erste Satz ist missverständlich formuliert. Ich hatte ihn zuerst so verstanden, dass die Tochter alle acht Wochen zu Besuch bei Muttern antanzt. Schöner wäre es auch gewesen, wenn weniger autobiografisch geschildert worden wäre und dem Leser mehr Fiktion vorgegaukelt worden wäre. Warum nicht mal eine Fahrt auf der Autobahn schildern, die komplett auf der Standspur erfolgte, weil die Angst vor dem Einfädeln zu groß war?

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Sarah, ich konnte mich gut in deine Panikattacken hineinversetzen, schön beschrieben. Gruß Jutta

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von margyt

Hallo Sarah S. Sehr authentisch geschrieben. Ich konnte alles sehr gut nachempfinden. Besonders, dass die Worte von "Superautofahrern" Dich beim Fahren nicht loslassen. PS: Mir gehts genauso wie Dir. Letzte Autobahnfahrt 1980 in der Fahrschule.

Eingetragen am: 03.03.2008

Eingetragen am: 02.03.2008 von Gina K.
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5597

Für heute hatte ich Jaro Djonkan, meinen Mentor, zum Abendessen eingeladen, denn dieser väterliche Freund hatte mich behutsam ins Ziel gelotst.Ich wollte aufkochen für ihn und ihn sich richtig als Mann fühlen lassen, aber nur das eine Mal. Zur Belohnung.

In Zadar hatte ich Marikultur studiert und eben meine Diplomprüfung bestanden, zwar ohne Auszeichnung, aber recht gut. Die Stelle in Podgorica würde ich im Oktober antreten. Bis dahin konnte ich zwei Monate als Tutorin helfen bei den praktischen Kursen auf einem Fangschiff.

Jetzt aber lag die Stromboli für eine Weile im Hafen der Blumeninsel Molat. Ich genoss Wohnrecht in einer Kajüte und benutzte sie möglichst oft an freien Tagen, auch die Kombüse mit dem dreiflammigen Gasherd.
Gunnar vom Robinsonclub wollte Bordwache halten, wenn ich jetzt zum Nachmittagsbad radelte.

Vom Salzwasser erfrischt, sonnte ich mich dann in einer der versteckten Sandbuchten und blätterte im Skript für ein Seminar über den Roten Thunfisch.
Da kam die Clique angekichert. Leider hatte ich den beiden Pärchen von meinem Refugium erzählt und nun brummten sie öfter mit ihrem Schnellboot von Jst herüber.
Miro machte Stielaugen, weil mein Badeanzug noch zum Trocknen über dem Ginster hing, während Stjepan ganz selbstverständlich tat.
Anela und Danijela watschelten mit ihren Sechsmonatsbäuchen heran.
Deren Anblick machte mir vollends klar, dass ich es nicht so weit kommen lassen wollte.
Mein Milan brauchte ja von seiner heranreifenden Vaterschaft nichts zu wissen, und die Fahrkarte nach Utrecht lag bereit.
Der achtwöchige Embryo würde ambulant erledigt.
Nach Split hätte ich auch gehen können, aber in der dortigen Klinik hausten die Staphos.

Ich musterte meinen fast flachen Bauch und ließ trockenen Sand über mein Dreieck rieseln.
"Warte, wir graben dich ganz ein". Eifrig baggerte Danijela mit einem Eimerchen, und mit Hilfe der anderen war schnell eine tiefe Kuhle bereit. Ich war dem Treiben gar nicht abgeneigt,denn noch wärmte der Sand, und Wechselkleidung hatte ich heute vergessen.
Die Bora begann sachte zu pusten.
Ich dachte darüber nach, wie die vier Elternpaare von diesem Jungvolk es geschafft hatten, nach Titos Abgang einen Yachthafen einzurichten, der ihnen jetzt reichlich Devisen anspülte.
Von den beiden Sonnyboys hätte ich mir keinen als Partner gewünscht, aber im Moment ließ ich mich belustigt vom Hin und Her meiner Besucher unterhalten. Die werdenden Mamas trugen gehäkelte Badeanzüge aus lockeren Kettmaschen. Ich fand das grotesk. Melonen im Einkaufsnetz !
Jetzt räusperte sich der Fallwind schon hörbar. Hier auf der Insel wirkte seine Kühle stärker als an der Festlandsküste. Später würde er auf die Adria hinaus fegen. Sie mussten allmählich aufbrechen, wenn sie noch übers Wasser wollten.

Ich Sandnixe machte mich ans Aufrichten, aber die Bande hatte mich derart zugeschüttet, dass ich nur den Kopf bewegen konnte. Sogar die Arme hatten sie mir zugeschaufelt.
"Holt mich mal wieder raus hier !" Eine Bö trieb mir die Haare voll mit Algenflocken, die von der letzten Flut übrig waren. Anela fiel um. Die Burschen richteten sie wieder auf. "Los jetzt, wir müssen zum Boot !"
Miro und Stjepan schoben ihre Frauen vor sich her. Ich war fassungslos. "Was fällt euch ein ! Helft mir gefälligst ! Ich komme hier nicht hoch !" Miro zögerte und reagierte dann: "Nimm du die Mädels mit, Stjepan. Ich hole Zlata raus und komme nach."

Ich beruhigte mich etwas, als Miro sich meiner annahm. Die Augen musste ich jetzt geschlossen halten, damit nicht noch mehr Sandkörner hineinflogen. Es schmerzte bereits . Miro könnte sich etwas beeilen!
Eher bedächtig fing er an, nur eine Stelle anzubohren, von ganz oben, bloß mit einer Hand.
Meine Laune kippte in Zorn. "Beeile dich!" Sein ganzer Oberarm war schon im Sandberg verschwunden, als ich spürte, wie seine Finger auf meinem Allerheiligsten anlangten. "He, jetzt ist keine Zeit für Spielchen!" Schon bei unseren sonstigen Treffen war Miro immer leicht zudringlich gewesen, hatte aber seine Grenzen eingehalten. Nun hatte er mich in der Hand. Grapschte er doch wirklich zwischen meine Beine! "Bist du verrückt geworden? Nimm die Finger weg!" Von meiner Lage aus konnte ich nur seine Füße sehen, die sich in den Boden stemmten. Sein Geknete tat mir weh, weil der Sand rieb.
"Auaaa! Lass das, svinjsko govno! Hau ab!"
Genau das tat er.
War einfach verschwunden.
Meine Gedanken erstarrten.

Schlimmer noch als damals im Kernspintomographen brach die Angst über mich herein, aber hier gab es keinen Panikknopf. Ich fror. Das war kein Bett mehr, sondern ein Eispanzer.
Aus dem Augenwinkel sah ich die Skriptfetzen ins Wasser wirbeln. Der folgende Schatten war mein Badeanzug. Stechfliegen krabbelten auf meiner Nase und auf meinem Mund. Aus dem Gestrüpp staksten Krabben heran. Ich konnte nur noch wimmern.
Und über mein Grab hinweg heulte die Bora.


Kommentar von Lillilu

Hallo G.K., dies ist mein Lieblingsbeitrag, und er ist so ganz anders als dein neuester. Macht deine Muse Urlaub? War ich zu ruppig? Versuch es noch mal mit der taube-in-der-tanne@t-online.de - ich würde mich freuen! LG Lillilu

Eingetragen am: 02.08.2008

Kommentar von Gina K.

Stapho = salopp für staphylococcus aureus.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Exzellent! Dieser Text ist fein ziseliert und erweckt den Eindruck, dass das Roman-Manuskript bereits vollständig da ist. Es ist offenbar ein Fragment aus einem größeren Opus, und läßt ein paar Fragen offen: "Ich wollte aufkochen für ihn und ihn sich richtig als Mann fühlen lassen, aber nur das eine Mal. Zur Belohnung." Für den Mentor, der sie als väterlicher Freund behutsam ins Ziel gelotst hatte. Warum den Mentor "sich als Mann fühlen lassen" und warum nur einmal? Was für ein merkwürdiges Verhältnis? Warum ist der Protagonistin der Anblick der schwangeren Frauen so zuwider, und "machte mir vollends klar, dass ich es nicht so weit kommen lassen wollte." Sie selbst hat die Abtreibung in Holland schon klar gemacht. Schwanger von wem? Wer ist diese Frau? „Der achtwöchige Embryo würde ambulant erledigt.“ Aua, das tut weh! Dann gibt es noch ein paar kleinere Unklarheiten: Wer oder was sind die Staphos? Okay, Bora habe ich nachgeschlagen: Die Bora ist ein trocken-kalter Wind, der aus den Bergen Sloweniens und Kroatiens ohne Vorwarnung (keine Wolken) auf die Adria niederstürzt. Der stark böige Wind erreicht stets Sturmstärke; Orkan ist ebenfalls keine Seltenheit. Kennzeichen: kurze Windstöße, kurze Pausen. Die Bora dauert im Mittel 2 Tage. Nach Titos Abgang ist wann nach 1980? Und zum Schluß noch starke Worte (wie ich finde): Miro war immer leicht zudringlich gewesen. Zlatka: „Hau ab!" Genau das tat er. oder "hier gab es keinen Panikknopf" Klasse!

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Ausladende Ouverture. Das wird ein langer Fortsetzungsroman. Alle Konfliktfiguren sind schon da, samt Nebenfiguren. Ich wäre gern der Mentor.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Frog

Ist das ein Auszug aus einem Roman? Wirkt so, denn es tauchen so viele Themen auf. Liest sich superspannend, klasse geschrieben...

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Kalinka Kaprisnaja

Schöner Schreibstil, gute Geschichte, allerdings weist meine Bildung offensichtlich Lücken auf - Zadar, Marikultur... Kalinka Kaprisnaja

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Fiese Geschichte. Allerdings passen nach meinem Gefühl Anfang und Ende nicht ganz zusammen. Wenn die Protagonistin noch von ihrem Mentor befreit wird, solltest Du das irgendwie einbauen. Falls nicht (oder falls das Ende offen bleiben soll) würde ich die Geschichte erst in der Bucht beginnen. Der Mentor und das Studium sind dann nämlich für das, was Du erzählst genauso unwichtig, wie die Schwangerschaft.

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Isabel

Du hast eine sehr flüssige Schreibe. Gefällt mir. Eine spannende Geschichte, die mich allerdings an ihrem Ende fragend zurücklässt. Bei mir gingen die Gedanken ungefähr so: Aha, sie stammt aus Ungarn - nein, Jugoslawien - Donnerwetter, wie kann man in einer fremden Sprache so gut schreiben! (habe ich immer schon sehr bewundert!) - eine tolle Biografie - oder doch nur eine ausgedachte Geschichte? Eine Kombination? Aber ein bisschen Neugier schadet ja nicht, nicht wahr? Liebe Grüße Isabel

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Lillilu

Mann ist das gruselig! Gut die Spannung aufgebaut, passender Vergleich mit der engen Kernspinröhre! Aber wieso siehst du nur die Füsse von deinem Peiniger? Siehst du auch die Beine nicht mehr, weil du den Kopf nicht mehr anheben kannst? Ich hoffe doch sehr, dass es keine wahre Begebenheit ist!

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von ursula

Deine Geschichte hat mich fasziniert. War toll zum Lesen.

Eingetragen am: 02.03.2008

Eingetragen am: 02.03.2008 von sophie_132
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5585

„Dann mach’s doch!“ schrie ich ihn an. Augenblicklich erstarrte er und mich traf ein Blick, der mir Schauer über den Rücken laufen lies. Und meine herausfordernde Kampfeslust, eben noch wütend und selbstgerecht erstarkt, hatte sich plötzlich in erschrockene Angst verwandelt.
Ich hatte ihm mal wieder auf’s Brot geschmiert, dass dies hier meine Wohnung und er nur „Gast“ sei. Ein Argrument, dass ich immer dann ins Feld führte, wenn ich meine Grenzen von ihm missachtet und mich in (ja!) MEINER Wohnung in die Enge getrieben fühlte. Schließlich war es der einzige Rückzug, den ich hatte. Wo sonst sollte ich hin?
„Ich kann hier auch kurz mal Kleinholz machen, aus DEINER beschissenen Bude!“ Seine Stimme blieb ruhig, aber die Augen sprühten giftige Funken. „Dann mach’s doch!“ konterte ich noch. Ein paar Sekunden atemlose Stille, ich spürte mein Herz im Kopf hämmern. Dann sprang er aus dem Sessel auf, fegte mit einer blitzschnellen Armbewegung Bierflasche samt Glas vom Tisch ... und ich drehte mich instinktiv um und verließ das Zimmer. Über den Flur. Ins Schlafzimmer. Tür zu. Mit zitternden Händen den Schlüssen von innen im Schloss drehen. Setzte mich aufs Bett. Zittern. Herzklopfen. Auf den Teppich starren, starr vor Angst.
Irgendetwas hörte ich poltern im Wohnzimmer, zuckte zusammen. Hörte ihn fluchen, verstand die Worte aber nicht. Dann brach ich in Tränen aus.
Ich wusste, dass ich ihn „Gast“ genannt hatte, hatte ihn in seiner Beziehung zu mir herabgewürdigt. Doch wenn ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste, wenn ich eigentlich nur bleiben wollte, wo ich war, zu Hause nämlich, in meine Höhle verkrochen, allein, ohne ihn – dann verwies ich ihn aus Hilflosigkeit doch immer wieder in die „Besucherschranken“. Denn freiwillig geht er nicht. Einen kurzen Moment tat es mir Leid. Gleich danach war ich hilflos, dann zog mich die Verzweiflung wieder in die Tränenflut.
Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, begann ich wieder zu lauschen. Ich hörte nichts. Was tat er? Und was sollte ich nun tun? Erst kurz nach Mitternacht, noch viele Stunden bis zum Morgen. Eingeschlossen, eingesperrt. Wie ein Kaninchen im Bau verkrochen, die Ohren aufgestellt. Ist der Feind noch in Reichweite? Riecht er mich? Was wird er tun?
Ich wollte rauchen, aber mir fiel ein, dass ich hier keine Zigaretten hatte. Meine Kehle war trocken. Ich hatte auch nichts zu Trinken. Ich musste aufs Klo. Das Handy lag draußen auf dem Küchentisch.
Meine Schlüssel! Sie lagen in der Tasche, die ich im Wohnzimmer neben dem Sofa abgestellt hatte. Selbst wenn ich es geschafft hätte, irgendwie unbemerkt die Wohnung zu verlassen – ich hatte keine Schlüssel. Keine für die Türen, keine für das Auto. Mitten in der Nacht .....


Kommentar von Ginko Korn

Isn't it good? Norvegian wood!

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Extrem, wie man manchmal im eigenen zuhause nicht mehr zuhause sein kann. Sehr eindringlich geschrieben.

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Sylvia

Super geschrieben!!! Die Szene weckt Erinnerungen! Sehr realistisch! Es ist nicht einfach einen so sutilen Streit zu beschreiben! LG Sylvia

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Isabel

Ja, mir gefällt Deine Story auch gut. Guter Anfang, Spannung gehalten, Neugier erzeugt, darüber wie es weitergeht. Mir gefällt auch die psychologische Reflexion über die beiden Protagonisten - die Wechselwirkung ihres Verhaltens aufeinander bis zur Eskalation. Hoffe, Du hast nicht alles so erleben müssen, vermute es aber. Liebe Grüße Isabel

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Katrin

Wow, ich hoffe, dass ist nicht dir passiert und falls doch, dann hoffe ich es ist nochmal gut ausgegangen. Die Geschichte lässt einen sprachlos zurück, weil man keine Ahnung hat wie es weiter geht. Eine Fortsetzung wäre noch sehr interessant. Den ersten Satz finde ich besonders gut, weil er den Leser sofort mitten ins Geschehen bringt. Weiter so! Schöne Grüße!

Eingetragen am: 02.03.2008

Eingetragen am: 01.03.2008 von Metta Maiwald
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5584

"Milli??? Milli, mach mal wieder auf." Ein knubbelndes Geräusch im Schloss meiner Zimmertür. "Deht nich." Das hatte ich nun davon. "Du musst den Schlüssel drehen." Wieder dieses knubbelnde Geräusch. Ein leises Schnicken. Ein Kratzen. "Ich krieg den Slüssel nich wieda rein." Mist, auch das noch. Konnte sie den Schlüssel vielleicht unter der Tür durchschieben? Nein, der Spalt war zu eng.

Ausgerechnet jetzt, wo mein Mann drei Tage mit ein paar Freunden auf Radtour war, hockte ich in meinem Zimmer im zweiten Stock eines Mietsblocks fest, während meine zweijährige Tochter vor der Tür saß und den Schlüssel nicht mehr ins Schloss bekam. Vielleicht kommen wir dann endlich mal in die Bildzeitung: "Mutter eingesperrt. Tochter verhungert."

Ich könnte Milli ja zu den Nachbarn schicken. Aber wenn ihr dann die Tür zufällt? Sie kommt ja noch nicht ans Schlüsselbrett ran. Dann is' es ganz vorbei.

"Milli, geh mal ins Wohnzimmer an die Balkontür." "Warum?" "Geh mal bitte dorthin." "Ja!" Tappeltappel. "Mama???" "Ja-aaa! Bleib mal da!!!" Ich räumte die Blumentöpfe von der Fensterbank, kletterte auf meinen Schreibtisch und raus auf den Balkon. Hinter der Tür stand brav meine Tochter.

Ich rief durch die Scheibe: "Dreh mal den Griff dort. Dann geht die Tür auf." "Hä?" "Drehen. So!" - Mit Schwung drehte Milli den Griff nach oben und die Tür stand auf Kipp. "Nein, mach nochmal zu. Nur waagerecht drehen den Griff. So." Ich fuchtelte mit den Händen. Rumms. Tür zu. Mein Töchterlein hantierte an dem Griff. Konnte man sich hier irgendwie abseilen? Endlich ging die Tür auf.

Puh, das war noch mal gut gegangen. Ich kniete mich vor Milli hin: "Du, das darfst du nie wieder machen, hörst du. Wenn ich eingesperrt bin, kann ich dir gar nichts zu essen machen. Und aufs Klo kannst du auch noch nicht allein." "Aber du machst das doch denauso mit mir." "Stimmt. Na gut, dann mach ich das jetzt auch nicht mehr."

Tja, das hatte ich nun davon, dass ich auf meine Tochter manchmal so wütend wurde, wie ich es nie, nie hatte werden wollen. Bloß weil sie manchmal eine dreiviertel Stunde lang brüllend auf dem Boden lag, und keine Windel anziehen wollte und jeder Versuch in einen Kampf ausartete. Oder weil sie nicht aufhörte, zu schreien, wenn sie nicht ihren Willen bekam. Und mich verfolgte, wenn ich in ein anderes Zimmer ging, damit mir nicht doch aus Versehen die Hand ausrutschte. Also musste sie in ein anderes Zimmer, in ihr Bett. Als sie da schließlich alleine wieder rauskam und auch die Türklinke selbst runterdrücken konnte, hatte ich sie im Notfall mal eingesperrt. Da hatte Milli wohl gedacht, das gehört so und wollte es eben auch mal ausprobieren.


Kommentar von Metta Maiwald

Dank Eurer tollen Kommentare habe ich jetzt noch mal eine neue Fassung geschrieben und die Erklärung in einen Vorspann gewandelt. Bin gespannt, wie es Euch gefällt. Viel Spaß beim Lesen: Nr. 6132

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Gabriele

Realistisch und witzig, finde ich. Wer kennt das nicht, in der einen oder anderen Variante, das Kleinkind, das den Schlüssel nicht mehr gedreht kriegt? Schön detailliert, und eine frische Erzählstimme. Die Gedanken der Ich-Erzählerin sind nachvollziehbar und lebendig. Ich hätte es auch besser gefunden, wenn das Türöffnen das Ende der Geschichte gewesen wäre - der Absatz zum Schluss ist aber sehr gut, finde ich, er weitet den Blick auf die Beziehung der beiden und wie es vielleicht zu dieser Situation gekommen ist. Ich würde auf die Reflektionen der Mutter nicht verzichten wollen. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, sie in der Überarbeitung viel früher in den Gedankenfluss der Ich-Erzählerin einzubauen und die Geschichte mit dem erfolgreichen öffnen der Balkontür enden zu lassen? Die Ich-Erzählerin sagt im ersten Absatz 'Das hatte ich nun davon', da könnte man wunderbar anknüpfen... Jedenfalls schöner Beitrag, habe ihn mit lebhaftem Interesse gelesen! Besonders hat mir die Stelle gefallen, wo sie kurz überlegt, ob sie sich wohl vom Balkon abseilen könnte... köstlich! Was tut frau nicht alles...! :)

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Linde

Ja, ja, die lieben Kleinen! Eine nette, humorvolle Geschichte.

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Velarani

Schöne, realistische Geschichte, genau im richtigen Tempo erzählt, finde ich. Mir fiel gleich eine eigene Geschichte ein, die ich ganz vergessen hatte: wie sich mein Sohn mal selbst vor Wut im Badezimmer eingesperrt hatte und dann die Tür nicht mehr aufbekam, als wir ihn endlich überredet hatten, rauskommen zu wollen. Spricht doch dafür, dass du die Gefühle sehr gut erreichst. Die letzten beiden Abschnitte hätte ich auch weggelassen. Danke für deinen Kommentar und dafür, dass du überhaupt so fleissig bist mit Kommentieren! Muss zugeben, dass ich bei langen Geschichten mittlerweile oft erst die Kommentare lese, weil die so interessant sind, und dann erst die Geschichte. Liebe Grüße!

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Knubbeln, schnicken, knarzen, tappeltappel, rumms. Bitte noch mehr Akustik !

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Sylvia

Hallo Metta, mir gefällt dein Text. Uns ist so etwas ähnliches vor vielen Jahren passiert. Meine zweijährige Schwester war im Wohnwagen und der Rest der Familie draußen! Soo schön und realistisch geschrieben. Ein intelligentes Kind!!! ;-) Lieben Gruß Sylvia

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Kalinka Kaprisnaja

Die Geschichte ist gut (und garantiert auch biographisch), der natürliche Schluss der Geschichte ist aber eigentlich ...ging die Tür auf.

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Eine Situation, die ich gut nachvollziehen kann. U.a. deshalb steckt bei uns nicht mal an der Klotür ein Schlüssel.

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Sigrid Leister

Deine Geschichte finde ich ganz witzig. Du hast die Situation gut und anschaulich beschrieben, enttäuschend fand ich nur, dass du sie am Schluss erklärst. Den letzten Absatz hättest du auch weglassen können.

Eingetragen am: 02.03.2008

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