260 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 9 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

Schreiben Sie mit!

Schnellauswahl  

Kapitel 9 mit Übungsaufgabe

27.02.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
Suche
 

 

Leserbeiträge

« zurück 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · weiter »
Eingetragen am: 28.02.2008 von Pollie Bley
[ Lesezeichen ]

5262

Der Rollstuhl stand am Fenster, mit dem Rücken zur Tür, als Thomas das Zimmer betrat. Vorher, seine Hand verweilte kurz auf der Türklinke, hätte er am liebsten wieder kehrt gemacht. Es kostete ihn Überwindung, das Zimmer zu betreten und er schwor sich, dass dies sein letzter Besuch wäre. Was hatte es auch schon für einen Sinn. Markus bekam ja doch nichts mit, wahrscheinlich. Und wer weiß, ob er ihn überhaupt empfangen wollte. Sicher war es besser, nicht mehr hier her zu kommen, besser für alle. Leise zog er die Tür hinter sich zu, als fürchte er, laute Geräusche könnten Markus wecken.

Markus starrte zum Fenster hinaus. Also eigentlich nur mit einem Auge. Das andere schielte links nach oben und flackerte unruhig. Schlaff hing Markus in seinem Rollstuhl, den Kopf seitlich geneigt und ein Speichelfaden rann aus seinem Mundwinkel. Thomas trat leise näher und sah voll Wehmut auf diese Hülle Menschlichkeit, die seit Kindheitstagen an, sein Freund gewesen war. Doch er, Thomas, hatte diese Freundschaft ruiniert, hatte ein Leben zerstört, ach was, alles, alles hatte er verbockt.

Wie gerne würde er die Zeit zurückdrehen und diese Riesenscheiße ungeschehen machen. Könnte er sich nur wenigstens beim Markus entschuldigen. Aber wie? Wie wäre je zu entschuldigen, was geschehen ist, was er geschehen ließ. Er konnte es sich selbst nicht verzeihen und es fehlten ihm die Worte. So saß er wiederholt stumm seinem Freund gegenüber, der mit einem Auge starr zum Fenster raus sah und mit dem anderen wie mit einem Suchscheinwerfer den Plafond absuchte, ohne die geringste Wahrnehmung zu zeigen. Thomas folgte seinem Blick auf die Spielwiese vor dem Haus, die nun still und trostlos da lag und sah vor seinem geistigen Auge, wie sie beide als Jungs auf dem Rasen Fußball gespielt hatten. Ihr Lachen und Toben aus längst vergangenen Kindertagen hallte durch seinen Kopf. Markus war gut, verdammt gut gewesen. Nicht nur im Fußball. Markus war eine Sportskanone gewesen, mit der unbedingten Liebe zur Bewegung und dem ewigen Drang, seine Fähigkeiten voll auszureizen.

Denkst du auch daran zurück, Markus? – fragte Thomas ihn in Gedanken. Laut brachte er keinen Ton heraus. Wagte nicht, Markus anzusehen, festzustellen, dass dieser nie wieder würde laufen können. Mehr als das. Wo bist du Markus? Bist du irgendwo da drin, in diesem Körper? Siehst du was? Hörst du uns? Denkst du? Denkst du, du könntest mir verzeihen? Ein dicker Kloß saß in Thomas Kehle und er musste mehrmals schlucken um nicht loszuheulen. Ach verdammt noch mal!

Thomas stand von seinem Sessel auf, tigerte unruhig durchs Zimmer und der Film lief wieder vor seinen Augen ab: Markus, wie er ihn ansah. Irgendetwas in diesem Blick sagte: mach was Thomas, sag was dagegen. Das ist eine verdammt dumme Idee. Aber die anderen johlten: Los Markus, mach schon, zeig was du drauf hast! Und Thomas sah weg. Gruppenzwang. Und ein Neuzugang, einer wie Markus, der hatte schon eine ganz besondere Prüfung zu bestehen.

Scheiße Mann, ich hab dir doch immer gesagt, lass dich nicht mit denen ein! Ich konnte dich nicht in Schutz nehmen, wäre sonst selber dran gekommen.

Resigniert zuckte Thomas mit den Schultern. Nichts hatte er gesagt. Was hätten Worte schon geändert? Markus saß in seinem Rollstuhl, ein Auge auf den Garten gerichtet, das andere hoch zur Decke. Ein Speichelfaden rann aus seinem Mund.


Kommentar von Pollie Bley

@Metta: Liebe Metta, ja krankhaft neugierig ... und geduldig ... das wird mir am schwersten fallen daran, einen Roman zu schreiben. Bei einer Sache dran bleiben, einen Spannungsbogen aufbauen, den Leser bei der Stange halten ... Deshalb verkneife ich es mir hier nun, mehr über diese Geschichte zu verraten. Ich denke, dass wir hier die Möglichkeit haben werden, Stück für Stück die Story in einzelnen Übungen preiszugeben, das möchte ich versuchen und es würd mich seeehhhrrr freuen, wenn du dran bleibst. Ich mag deine Kommentare und deine Stories auch. LG Pollie

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Liebe Pollie, verrätst Du uns denn jetzt noch mehr? Welche Mutprobe, welche Mutprobe, welche Mutprobe??? (Hat nicht Louise Doughty selbst geschrieben, dass man als Schriftsteller krankhaft neugierig sein muss? ;o)

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Pollie Bley

Ich danke euch allen hier herzlich für eure Einträge! Es tut gut, ist befreiend, positives Feedback zu erhalten. Eure Anregungen und und Verbesserungsvorschläge sind sehr sehr hilfreich und absolut richtig.Danke herzlich! Und, in 52 Wochen werden wir es alles schaffen, viel viel besser zu schreiben - das ist richtig toll, nicht wahr. Ich wünsch euch auch gutes Gelingen. LG Pollie

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Pollie, ich kann mich dem nur anschließen, ich würde auch gern mehr wissen. Gruß Jutta

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Malea

Interessante Story! Aber ich finde, dass sie sprachlich noch nicht ganz rund ist. Du wechselst recht oft die Sprachebene, manchmal klemmen ein paar Worte z.B. "so saß er wiederholt stumm seinem Freund gegenüber". Das sind nur Kleinigkeiten und mit ein wenig Hobeln und Schleifen wird aus Deiner Geschichte ein Juwel!

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Sabine Mucha

Hallo Pollie! Du hast sehr mitreissend geschrieben. Man möchte am liebsten gleich mehr lesen und viel mehr erfahren. Du hast wunderbare Worte gewählt. Die Figuren befanden sich vor meinem geistigen Auge. Es spielte sich wie ein Film ab. Hoffe, wir erfahren mehr. Liebe Grüsse Sabine

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Putzi

Eine bedrückende Geschichte, die mir zu Herzen geht, weil ich selbst im Rollsuhl sitze. Wie kann man mit der Schuld leben, den Zustand des Freundes mit verursacht, oder wenigstens nicht verhindert zu haben? Keine Angst, es liegt mir fern Vorwürfe zu machen, denn Markus hat den entscheidenden Teil zu seinem Unglück beigetragen. Deshalb und weil ich genau weiß, von welchem schrecklichen Schicksal hier die Rede ist, fühle ich mit Thomas, dessen Verletzung tief im inneren seiner Seele liegt.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Ginko Korn

Das Ende ist mit dem Anfang verknüpft zu immer weiteren Runden, ohne Ausweg. "Menschlichkeit" ist ein abstrakter Begriff. Gemeint ist wohl "menschliche Hülle" , so wie "sterbliche Hülle". Wie wäre es mit "leere Hülle in Form eines Menschen" ?

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Gelungen! Besonders die Beschreibung von Markus am Beginn des zweiten Absatzes - bin mir nicht sicher, ob ich sie am Schluss so komplett wiederholen würde. Einer ist gefangen in seinem Körper, der andere in seiner Schuld. Würde gern mehr über die äußeren Umstände und die Mutprobe wissen. Besser fände ich, wenn Thomas doch sprechen würde - dann würde Markus' Sprachlosigkeit noch besser rüberkommen, denn so kann er ja nichts von den Schuldgefühlen seines Freundes wissen. "Laut brachte er keinen Ton heraus" ist eine Verdoppelung (der Fachausdruck fällt mir gerade nicht ein), denn wenn man etwas hört, ist es immer ein Ton. Also entweder "Er brachte keinen Ton heraus" oder "Aussprechen konnte er ihn nicht".

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von M.P.

Von der Mutprobe in die Hölle, ohne Umwege. Spannend geschrieben, und es lässt so viele Fragen offen! Wie geht Thomas mit seinem Leben weiter um, was versucht er, um seinem Freund Markus das Leben schöner zu machen? Und vor allem, was war das für eine Mutprobe, was ist passiert?

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Da frage ich mich doch, was das für eine Mutprobe war, die so fatal ausgegangen ist.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Birgit Jennerjahn-Hakenes

Dies ist eine Geschichte, nach deren Lesen ich denke: Ja, ich würde gerne die komplette Geschichte lesen!

Eingetragen am: 29.02.2008

Eingetragen am: 28.02.2008 von Start
[ Lesezeichen ]

5252

Ein sauberer ICE fährt ein. Die Bremsen quietschen, er schnauft, er steht. Mir versperrt er die Sicht auf die Menschen am Bahnsteig gegenüber. Wenn der Zug wieder ausfährt sind sie weg. Er nimmt sie mit Richtung Dortmund. Schon schnauft er wieder, fährt an und nimmt Fahrt auf. Als er weg ist, ist der Bahnsteig menschenleer. Die Sonne scheint, es ist acht Uhr. Ich habe Zeit. Dortmund. Bis dahin steigen gewiss viele Menschen aus und ein. Traurig, fröhlich, verzweifelt, ängstlich, aufgekratzt oder müde. Ich lehne mich zurück, genieße die Ruhe und die Sonne und warte, an die Menschen denkend, auf den Zug nach München.

Fünfmal klingelte der Wecker, bevor Eva aufstand. Bereits auf dem Weg ins Bad spürte sie die Unruhe. Ihr Magen flatterte. Wann tat er das nicht. Seelische Kurzatmigkeit nannte sie das. Sie war es gewohnt immer hinter etwas her zu rennen. Meistens der Zeit. Die Tasche stand gepackt im Flur. Darin ein Hut mit breiter Krempe, ein etwas altmodisches Kostüm, eine Perücke mit halblangen braunen Haaren und eine Sonnenbrille. Unter dem warmen Wasser der Dusche entspannte Eva sich etwas, stand reglos da. Das Wasser rann durch ihre Haare, über die geschlossenen Augen und ihren Körper. Es war warm, fast heiß. Einfach immer so stehen bleiben, dachte sie, nicht sicher ob sie es jemals schaffen würde den Hahn zuzudrehen. Doch nach zehn Minuten würde der Kessel leer und das Wasser kalt sein. Sie griff blind zum Shampoo und wusch sich nachlässig die Haare. Seifte sich flüchtig ein und spülte alles wieder ab. Nicht mal dafür nahm sie sich Zeit. Obwohl es in der Dauer wohl keinen Unterschied machen würde. Die Ruhe fehlte ihr dazu, wie bei allem was sie tat. Nach dem Abtrocknen schlüpfte sie in die von der Heizung vorgewärmten Kleider. Sie sah gut aus. Groß, schlank mit Locken. Tee, Zähne putzen und aus dem Haus. Auf dem Weg zum Bahnhof notierte sie fahrig ein paar Gedanken. Eigentlich mehr des Schreibens willen. Unvollständig, Konfus. Dann stand sie am Gleis. Gegenüber sah sie eine etwa gleichaltrige Frau im braunen Mantel auf einer Bank. Sie sonnte sich und strahlte Ruhe aus. Sie beneidete sie darum. Mit der Einfahrt des Zuges bekam sie maßlose Angst vor dem Leben. Der Ehrgeiz hatte sie zu immer mehr Projekten getrieben, sie hatte Erfolg und jetzt vernachlässigte sie alles. Es war so gut gelaufen, bis die Dortmunder Aktienbrauerei kam. Und mit ihr Jochen.
Mit ihm begann die Katastrophe. Bereits nach dem ersten Treffen war Eva süchtig. Sie wartete auf ihn vor dem Bürogebäude. Das war im letzten Sommer. Sie verfolgte ihn zum allerersten Mal. Er traf sich mit seiner Frau in einem Biergarten. Weil sie weit weg saß, konnte sie ihn zwar beobachten aber nicht hören was sie sprachen. Für seine Frau hatte sie ohnehin keine Augen. Nur seine Bewegungen waren wichtig. Zärtlich, fließend. Sie spürte die Bewegungen, sie wurde ruhig. Ihre Gedanken, die wie Vögel im Käfig herumflatterten ließen sich auf Stangen nieder. Sie entspannten ihre Flügel, jede einzelne Feder. Seither war es so. Sie musste ihn beobachten. Mittlerweile war sie darin Profi. Ihre Verkleidung war nahezu perfekt mit Hut, Perücke, Kostüm und Sonnenbrille. Ihre zweite Identität. Ihr zweites Ich. Dabei war sie nicht in ihn verliebt. Seine Frau, mit der er in einem freistehenden Bungalow lebte, war ihr egal. In seinem Garten hatte sie einen Platz zwischen den Büschen gefunden. Von dort aus beobachtete sie ihn durch die großen erleuchteten Fenster. Selbst wenn er nur am Tisch saß und Zeitung las, beruhigte es sie ihm zuzuschauen. Sie saß auf dem Boden zwischen den Zweigen zweier Büsche und genoss die innerliche Ruhe. Sobald er das Licht ausschaltete ging sie in das Zimmer, das sie in der Nähe angemietet hatte. Auch heute traf sie dort spät am Abend ein. Seit sie am Bahnsteig in Augsburg gestanden hatte waren sechzehn Stunden vergangen. Sie war tropfnass, denn gegen zehn hatte heftiger Regen eingesetzt. Trotzdem blieb sie, denn es brannte noch lange Licht. Solange er noch auf war konnte sie nicht gehen. Jetzt auf dem Bett in dem grässlichen Zimmer spürte sie plötzlich die Nässe und den Matsch zwischen ihren Zehen. Sie war steif vom langen sitzen auf der Erde. Bereits an der Tür war die Unruhe wieder über sie geschwappt wie eine Welle. Es reicht nicht mehr, dachte sie verzweifelt. Am Anfang konnte sie die Ruhe noch in den nächsten Tag retten. Dann nur noch bis zum Einschlafen und jetzt nur noch bis zu ihrer Zimmertür. In den letzten Monaten hatte sie den Takt ihrer Besuche verdichtet. Manchmal fuhr sie jedes Wochenende nach Dortmund und selten gönnte sie sich die kleine Lüge sie sei gerade für andere Kunden in der Gegend, um ihn persönlich zu sehen. Das war wirkungsvoller. Die Ruhe hielt dann länger an, wenn sie auch mit ihm gesprochen hatte. So nach und nach verlor sie durch ihre häufige Abwesenheit Aufträge. Selbst Stammkunden verließen sie wegen nachlassender Qualität. Sie konnte sich nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren. Ihre finanziellen Reserven nahmen ab, die Unruhe zu und sie drehte sich im Teufelskreis. Nur noch einmal, sagte sie sich jedesmal. Nur noch einmal. Immer war es das letzte Mal. Das billige dunkle Souterrain-Zimmer gab ihr den Rest. Sie saß auf dem Bett in nasskalter Unterwäsche und wusste nicht mehr weiter. Vor ihr stand die Reisetasche, darin ihre normale Kleidung, ihr normales Leben, das langsam aber sicher verblasste. Das Gebüsch das war ihr Leben. Aber der Winter drohte mit Kälte und Schnee.

Es war kurz vor Weihnachten. Endspurt bis zu ein paar freien Tagen. Ich stand frierend auf dem Bahnsteig und der kalte Wind pfiff in mein linkes Ohr. Wenigstens hatte ich heute Glück, der Zug aus Dortmund nach München kam pünktlich und die Tür hielt direkt vor mir. Ein gutes Zeichen für den Tag, dachte ich und stieg ein. Ich war unter den Ersten und bekam einen Platz. Vorgewärmt von meinem Vorgänger, der mir sogar eine Zeitung hinterlassen hatte. Die Ruhr-Nachrichten. Na ja, zum Lesen reicht‘s, dachte ich und fing an die Schlagzeilen des Lokalteils zu überfliegen, 80-jähriger von LKW überfahren, Frau im Gebüsch erfroren und dann fielen mir schon die Augen zu.


Kommentar von Malea

Spannende Geschichte! Heftig! Aber mich stört die Rahmenhandlung des zugfahrenden Mannes. Ich würde sie weglassen, denn nur für die Pointe der Zeitungsnotiz ist sie zu sperrig. Manchmal muss man eine gute Idee über Bord werfen, wenn sie nicht mehr zur endgültigen Geschichte passt. Flüssiger Schreibstil!

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Lillilu

Diese Struktur gefällt mir - eine Geschichte bildet den Rahmen, die erzählerische Klammer für die andere, die eigentliche (wie ich das sehe). So wünscht man sich das oft: liest eine kleine Nachricht und schon kann man Einblick in die eigentliche Geschichte nehmen. Getrennte Tempi würden dies noch unterstützen.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Zauselina

So kann man also sein Leben in zweifacher Hinsicht verlieren: psychisch an eine Art von Sucht und physisch durch die Sucht. Interessante Geschichte! Was mich etwas irritiert (oder ich habe was falsch verstanden) ist der Tempuswechsel vom ersten zum letzten Abschnitt. Im ersten Abschnitt erzählt der beobachtete Mann - oder ist es irgendein Mann? Im letzten Abschnitt erzählt derselbe. Da verwendest du aber Präteritum, im ersten Präsens. Müsste das nicht übereinstimmen?

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 28.02.2008 von Malea
[ Lesezeichen ]

5241

Übung 9 „Gefangen“

Die Wand aus Eis kommt unerbittlich näher. Nackte Panik schnürt mir den Hals zu. Ich liege auf dem Boden eines Eisenbahn-Waggons, gelähmt. Ich kann nur den Kopf heben und ohnmächtig zusehen, wie sich mein Körper mit den Zehen voran auf die tödliche Eisgrenze zuschiebt. In wenigen Augenblicken werde ich komplett zu Eis erstarrt sein. Wie durch einen Nebel höre ich eine Stimme: „Ruhig, ganz ruhig, das ist nur ein Traum, schauen sie mich an, es ist vorbei.“ Ich spüre, wie jemand meine Hand nimmt und drückt. Die freundliche Nachtschwester versucht mir aus dem Alptraum zu helfen. Doch es dauert lange bis ich ihr glaube, dass es vorbei ist und ich in Sicherheit bin. Soweit man das so bezeichnen kann, denn in der Wirklichkeit bin ich tatsächlich von den Zehen bis zur Brust gelähmt. Von einem Tag auf den anderen, ohne Vorwarnung. Mein Körper führt einen Kampf mit sich selbst. Meine Immunabwehr frisst meine Nervenzellen an. Ich kann mich nicht bewegen, nichts mehr spüren – außer irrsinnigen Schmerzen – ich habe keine Kontrolle mehr über meinen Körper, bin angewiesen auf vollständige Versorgung, hilfloser als ein Baby.

Ich lasse das Kopfende meines Bettes mit der Fernbedienung etwas nach oben surren. Dieses kleine graue Stück Plastik ist mein letzter Rest an Selbstständigkeit, ich gebe es nie aus der Hand. Im Bett gegenüber wird ein Unfallpatient mit schweren Kopfverletzungen von der Schwester versorgt. Sein Zustand ist kritisch. Ich schaue teilnahmslos zu, wie sie mit routinierten Handgriffen den Schleim aus dem Tubus saugt. Dann ist sie fertig und geht aus dem Raum. Endlose Stunden, in denen es nur Schmerzen und den Kampf um die Atemluft gibt. Die Lähmung darf meine Atemmuskeln nicht noch weiter schwächen. Ich will nicht auch noch das letzte Bisschen Freiheit verlieren. Ich will selber atmen. Ein - Aus - Ein - Aus. Da drüben, die grün leuchtende Anzeige mit der Sauerstoffsättigung. 90%, das geht noch, aber der Wert darf nicht weiter sinken. Sonst schiebt man auch mir einen Tubus in die Luftröhre und versetzt mich ins künstliche Koma. Bewusstlosigkeit, vielleicht ist das dann schon wie tot sein.

Es ist so still auf der Intensivstation. Still, bis auf das zermürbende Gefiepe und Gepiepe der medizinischen Geräte, die in Metallregalen neben jedem Bett stehen. Ich spüre den unangenehmen Druck an meinem linken Mittelfinger. Dort ist ein Pulsmesser mit einer Art grauer Wäscheklammer befestigt. Das ist unangenehm, aber diese Klammer sorgt dafür, dass schnell Hilfe kommt, falls die Nerven an meinem Herzen auch noch versagen. Außerdem kann ich damit die Schwester rufen, wenn die Schmerzen wieder unerträglich werden. Denn eine Klingel gibt es nicht auf der Intensivstation, wer sollte sie auch benutzen, wenn alle im Koma liegen. Alle, bis auf mich. Ich fühle mich wie ein Stück Fleisch, rohes Fleisch. Die Schmerzen sind schon lange nicht mehr auszuhalten. Aber jetzt erst sind die üblichen vier Stunden um. Ich kann die nächste Dosis Schmerzmittel bekommen. Endlich. Ich streife die Klammer vom Finger und sofort gellt das Alarmsignal durch den Raum. Bald wird die Schwester kommen. Sie wird meinen bleiernen, mürben Körper von der linken auf die rechte Seite lagern und mit einer freundlichen Spritze dafür sorgen, dass ich für ein oder zwei Stunden schlafen kann.

„Guten Morgen!“ Ich erwache aus nebligem Dösen. Heute ist sogar der Chefarzt zur Visite erschienen. „Wir glauben, dass Sie jetzt die Plateauphase des GBS erreicht haben. Die Behandlung hat gut angeschlagen, in ein paar Tagen können Sie wieder auf Normalstation.“ Ich lächle. Soweit mein gelähmtes Gesicht ein Lächeln erlaubt. Ich habe den Kampf gewonnen. Es wird nicht mehr schlimmer. Ich werde weiterhin selber Atmen. Kein Vegetieren an Schläuchen und Maschinen. Keine Intensivstation mehr, bald. Ich werde nicht mehr mit ansehen und hören müssen, wie neben mir fremde Menschen mit dem Tod ringen. Wie die Schwestern und Ärzte rennen. Wie die Geräte immer lauter piepen und dann plötzlich abgeschaltet werden. Ich werde wieder Tageslicht sehen und die Menschen, die ich liebe. Mit jedem Zucken der Zehen, mit jeder schmerzhaften Bewegungsübung werde ich mich Stück für Stück zurück in ein normales Leben kämpfen. Ich werde dem Gefängnis entfliehen, das die Krankheit aus meinem Körper gemacht hat.


Kommentar von mim

Hallo Malea ;) sehr gut beschrieben, was man fühlt, wenn man nichts mehr fühlt. Und ein toller Schluss. Nicht nur, dass man mit leidet, man hofft auch wieder mit. Grüßle

Eingetragen am: 04.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Durch den Hinweis von Birgit und meine eigenen offenen Fragen veranlasst habe ich jetzt mal die Abkürzung GBS nachgeschlagen: Das Guillain-Barré Syndrom (akute Polyradikulitis) ist eine extrem seltene Nervenerkrankung, bei der die isolierende Myelinschicht des peripheren Nervensystems durch eine Autoimmunreaktion, praktisch von körpereigenen Abwehrzellen zerstört wird. Eine Ausheilung ist langwierig, über Monate und länger, aber in den meisten Fällen möglich. (von den Seiten emphysem.de und gbsinfo.de).

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Malea

Lieben Dank für Eure Kommentare! @Sylvia, diesmal ist es - im Gegensatz zur letzten Übung - leider keine Fiktion, ich habe das alles wirklich erlebt. Und die hässlichen Details sogar weg gelassen... Aber - auch @Metta - keine Sorge, ich bin wieder gesund :-) @Birgit, ja, die medizinischen Begriffe, ich habe lange überlegt, aber ich dachte, dass es besser wäre, sie in dem kurzen Text nicht zu erklären, es stört den Rhythmus. Tubus wird aus dem nachfolgenden Text klar, was das ungefähr ist - ich wollte es auch gerne als bedrohlichen Begriff stehen lassen. GBS, tja mit Guillain-Barré-Syndrom können die meisten auch nicht mehr anfangen. Längere Erklärungen wollte ich vermeiden. Aber Du hast Recht, in einem längeren Text würde ich es auch möglichst im Fluss der Geschichte sich selber erklären lassen.

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Malea, sehr gut beschrieben, man kann sich schnell in den Erzählenden hineinversetzen. Gruß Jutta

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Sylvia

Liebe Malea, danke für deinen Kommentar auf 5232! Das gleiche Thema? Nun ja! Ich meine nein! Doch ganz anders. Du merkst ich bin noch erschüttert von deinem Text! Soo heftig! Soo gut geschrieben! Ich hoffe einfach , dass du so gut schreiben kannst, ohne es selbst erlebt zu haben!!! Besonders gefällt mir der Einstieg über den Traum, auf den ich prompt herein gefallen bin! ;-) Weiter so! Lieben Gruß Sylvia

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Birgit Jennerjahn-Hakenes

Gefangen im eigenen Körper, gute Darstellung, gut beschrieben. Eine konstruktive Kritik möchte ich anfügen: Nicht jeder kann mit den Wörtern/Abkürzungen Tubus oder GBS etwas anfangen. In einer Kurzgeschichte/einem Roman würde ich persönlich das anders formulieren.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Sabine Mucha

Liebe Malea! Du hast den Alltag auf der Intensivstation und wie sich jemand, der dort in einem Bett liegt, sich nicht bewegen kann und nicht ausdrücken kann, dabei fühlt, super hinbekommen. Tolle Beschreibungen. Man liegt in den Bett und fühlt mit. Weiter so. Liebe Grüsse Sabine

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Eine beklemmende Schilderung eines modernen Alptraums. Die Furcht, bei wachem Verstand im eigenen Körper eingesperrt zu sein, der nur noch von Apparaten am Leben erhalten wird. Fluch und Segen der modernen Medizin. Du hast das Thema wirklich toll umgesetzt.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Deprimierend. Und spannend. Ich hoffe und bange mit. Wie ist die Prognose der Krankheit? Wie geht es weiter? Gibt es wieder ein normales Leben, oder wird der Krankenhausaufenthalt immer häufiger dazugehören?

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 28.02.2008 von Sylvia
[ Lesezeichen ]

5232

Auf dem Bauch kann sie nicht schlafen. Konnte sie noch nie. Schon als Kind nicht, sagt ihre Mutter. Auf dem Rücken liegend und an die Decke starrend kann sie nicht einschlafen, wälzt sich hin und her.
Also schläft sie auf der Seite. Wie ein Baby im Mutterleib. Kuschelt sich in die Decke. Legt eine Hand unter ihren Kopf und träumt friedlich.
Nein! So würde sie liegen, wenn ihre Arme nicht versagen würden. Wenn sie die Kraft wieder hätten sie zu halten.
Nicht bewegen. Weiter schlafen. Nur nicht bewegen. Nicht aufwachen! Ihre Finger bewegen sich wie von alleine. Au, das tut weh. Es zieht! In den Fingern. In den Handgelenken. Von ihren Unterarmen bis in die Schultern. Links und rechts - kein Unterschied! Nicht bewegen! Nicht darüber nachdenken, was du tun könntest, wenn es nicht so weh tun würde!
Sie würde aufstehen, sich mal wieder richtig schön die Haare föhnen (sogar der Föhn ist zu schwer), einen Brief schreiben an eine gute Freundin. Emails beantworten. Ja, sie würde sich sogar auf die Hausarbeit stürzen. Mit Freude spülen, bügeln, Fenster putzen. Wenn alles erledigt wäre und die Wohnung wieder glänzen würde, würde sie schreiben. Sie könnte ein Buch schreiben, die Geschichten schwirren in ihrem Kopf umher, wollen heraus - aufs Papier. Wenn sie denn endlich wieder schreiben könnte!
Jetzt nicht daran denken, was ist, wenn die Schmerzen nie wieder weg gehen. Wenn die Kraft in ihren Handgelenken und Armen nicht zurück kommen wird. Nie mehr schreiben. Arbeiten. Funktionieren. Zu nichts mehr taugen. Ein Mensch ohne Funktion. Ohne Wert.
„Chronische Schmerzpatientin“ sagen die Ärzte.
„Es geht schon wieder weg“, sagen die Freunde. Aber wer versteht mich wirklich?, denkt sie.
Wenn sie nur wieder auf der Seite liegen könnte, könnte sie auch wieder schlafen. Träumen. Von einer besseren Zeit! Ohne Angst und ohne Schmerzen.


Kommentar von Sylvia

Hallo Angela, danke für deinen netten Kommentar! Wenn ich mich nicht täusche, ist mein Text im Präsens geschrieben! LG Sylvia

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Sehr glaubwürdig geschildert- noch besser hätte ich deinen Text im Präsens gefunden. Vor allem die Erkenntnis: Wer versteht mich wirklich, hat mich sehr berührt.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von linde

Schöner Text, hat mich sehr berührt. Wenn ich daran denke, wie oft ich über den ganzen Haushaltskram, der ansteht, jammere, während deine Protagonistin ihn mit Freude erledigen würde, dann könnte ich mich fast schämen.

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Hallo Sylvia, endlich habe ich Deinen Text wiedergefunden. Ich habe unter Juttas Botschaft an uns Schreiberlinge (Nr. 5486) Deinen Kommentar kommentiert. Nur, falls Du es auch lesen möchtest. LG Metta

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von miss0816

Gefällt mir sehr gut. Vorallem die Alltäglichkeiten, die diese Krankheit nicht zulässt, machen begreifbar, was diese Diagnose bedeutet. LG, miss0816

Eingetragen am: 03.03.2008

Kommentar von Sylvia

Danke für eure netten Worte! Heute kann ich wieder schreiben und lasse mich auch durch meine Schmerzen nicht davon abhalten, wie ihr seht! Scheinbar wird mein Stil immer besser - und das freut mich sehr! Grüße an alle, die mich kommentiert haben! Sylvia

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Malea

Guter Text! Und wir haben ja offensichtlich beide das selbe Grundthema gewählt ;-) Der eigene Körper als Gefängnis. Grausamer geht es nicht. Kann sich keiner wirklich vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat. Du beschreibst die Gefühle treffsicher - knapp und tief. Prima, gefällt mir!

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Lillilu

Liebe Sylvia, wenn ich dich jetzt nicht verwechsele (mehrere Sylvias), dann ist dieser Beitrag, der der mir am besten gefällt! Das Gefängnis des Körpers kommt völlig authentisch rüber, es ist knapp und treffend, ohne Wehleidigeit geschrieben und als Leserin fühle ich mich mit allen verbunden, die MS oder Borreliose oder eine ähnliche Krankheit haben! Alles Gute!

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Sylvia M.

Hallo Sylvia! Habe soeben deinen Beitrag entdeckt und bin mal wieder sehr angetan. Gefangen im eigenen Körper, in unendlichen Schmerzen. Ich kann das sehr gut nachempfinden - du weisst ja... Sehr packend wird das Ganze durch die kurzen Sätze. Die Handlung (oder eben die Gedanken)werden dadurch schnell - und es macht Spaß dem Text zu folgen. Man möchte wissen, wie es weitergeht und das zeichnet deinen Stil aus! Liebe Grüße, Sylvia M.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von M.P.

Guter Spannungsaufbau, gefällt mir. Ein frösteln lief mir den Rücken runter, als Du an die Stelle kamst, vielleicht nie wieder schreiben zu können. Ein grausamer Gedanke.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Ginko Korn

Foltergefängnis Chronischer Schmerz: Die Ärzte rücken kein Morphium heraus.

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 28.02.2008 von Carola Ottenburg
[ Lesezeichen ]

5220

Ihre Augen begannen zu brennen. Ärgerlich wischte sie die Tränen weg. Sie hatte genug geweint. So viel, dass es für ein ganzes Leben reichte. Jetzt brauchte sie klare Sicht, um diesen Brief zuende zu schreiben.

Alles war genau geplant. Darin war sie gut. Dafür war sie bekannt gewesen. Damals. In jenem anderen Leben als selbständige Unternehmerin. Damals, als sie wegen ihres scharfen Verstandes und der manchmal ebenso scharfen Zunge geachtet und auch ein wenig gefürchtet war. Unternehmerin. Sie kostete den Geschmack des Wortes aus. Wie großartig das klang. Dabei war es, nur eine kleine Agentur, die sie geleitet hatte. Gerade mal zwei Mitarbeiter hatte sie gehabt. Aber es war ihr Unternehmen. Ihre Idee, ihre Arbeit, ihr Erfolg. Ihr Baby. Ihr Ein-und-Alles. Trotzdem hatte sie es weggegeben. Für eine Zukunft mit eigenen Kindern. Kindern, die sie liebte und von denen sie wiedergeliebt wurde. Aber es war nicht genug. Etwas fehlte, auch wenn sie es lange nicht benennen konnte.
Sie lachte seltener, weinte viel. Ihre Ehe litt darunter. Sie kämpfte dagegen an. Kochte gutes gesundes Essen und kämpfte gegen Staub, Unordnung und Wäscheberge, um ein behagliches Heim zu schaffen. Besorgte Wein, Kerzen und Knabbereien für intime Abende zu zweit, als könne sie die Risse ihrer Beziehung damit kitten. Das Essen wurde gegessen, aber die Wohnung sah nie so aus, wie in ihren Träumen. Nie herrschte Ordnung, egal, wie sehr sie sich bemühte. Immer war etwas zu räumen, zu wischen oder zu waschen. Unmittelbar nach dem Saugen materialisierten Staubflocken in den Ecken. Spielzeug, das sie eben noch in die Kisten geräumt hatte, lag im nächsten Moment wieder auf dem Boden. Auf der Spüle stapelte sich das Geschirr, der Wäschekorb quoll über, der Stapel Bügelwäsche wurde jeden Tag höher, der Rasen musste dringend gemäht werden und die Kleine hatte schon wieder keine Unterwäsche mehr im Schrank. Sie wusste kaum, wo sie anfangen sollte. Dazu das ständige Geschrei und Gequengel. „Mami, Timm hat mich gehauen!“ „Mami, die Tini stinkt!“ „Mami, krieg' ich was Süßes?“ „Ich will was zu trinken!“ Mami dies, Mami das. Konnten die sich nicht mal fünf Minuten selbst beschäftigen? Natürlich nicht. Sie waren zu klein. Tim war gerade mal fünf und Tini drei. Da muss man durch, als Mutter. Wenn nur nicht ständig das das schlechte Gewissen gewesen wäre: Du liest nicht genug mit den Kindern. Jeden Tag, mindestens eine Stunde raus, heißt es; und wann warst du denn das letzte Mal mit ihnen auf dem Spielplatz? Das du mit ihnen gemalt hast, ist auch schon zwei Tage her. Und wann waren wir das letzte Mal im Zoo? Oder Schwimmen? Timm bettelt schon seit zwei Wochen darum. Es passte nie. Egal, was sie tat, es war zu wenig.

Abends, wenn die Kinder endlich schliefen, war ließ sie sich erschöpft in den Sessel fallen, während ihr Mann sich auf dem Sofa ausstreckte. Früher waren sie ausgegangen. Hatten bis in den frühen Morgen in Kneipen gesessen, geraucht und über Gott und die Welt diskutiert. Heute zappte er durch die Fernsehkanäle und wenn sie eine der Sendungen kommentierte, war er oft beleidigt und dann gab es Streit. Sie versuchte, Rücksicht zu nehmen und verkniff sich die Kommentare. Lust auf Intimität hatte sie immer seltener. Wenn er sie in den Arm nahm, fühlte sie sich bedrängt. Es nahm ihr die Luft, wenn er sie küsste und daran war nichts erotisches. Es war beklemmend. Es engte sie ein. Immer wollte jemand etwas von ihr. Immer sollte sie etwas geben. Von ihr blieb nichts. Ihr Leben fand ohne sie statt.
Aber sie machte niemandem einen Vorwurf. Es war ihre Entscheidung gewesen. Also musste sie auch die Konsequenzen tragen.

Genau das schrieb sie auch. Entschuldigte sich für allen Kummer, den sie ihrer Familie bereitet hatte und noch bereiten würde. Sie verriet nicht, wohin sie gehen würde. Schon gar nicht, was sie vorhatte. Es würde ihren Schmerz nicht lindern, aber ihre Chancen verschlechtern, ihren Plan umzusetzen. Einen Schlussstrich zu ziehen. Endgültig. Sie bedauerte aufrichtig, dass es so weit gekommen war. Sie wollte niemandem weh tun. Aber es war das Beste für alle. Davon war sie überzeugt. Für ihren Mann bot es die Chance für einen Neuanfang und die Kinder... Die Kinder waren klein und würden darüber hinweg kommen. Würden sie vielleicht sogar vergessen.

Bei dem Gedanken fing sie erneut an zu weinen. Es war schwer genug gewesen, die Kleine in der Tageseinrichtung zu lassen. „Mein Mann holt sie heute abend ab“, hatte sie der Betreuerin gesagt. „Es kann etwas später werden.“ Die Betreuerin hatte verständnisvoll genickt und darauf hingewiesen, dass die Kinder ja Abendbrot bekämen. Man war auf Kinder eingerichtet, bei denen beide Eltern in Vollzeit arbeiteten. Ihre Kleine würde gut betreut sein, das wusste sie. Trotzdem fiel ihr der Abschied so schwer, dass sie einen Moment lang schwankend wurde. Sie roch so gut, ihre kleine Tochter. Und es war ein so unvergleichliches Gefühl, sie im Arm zu halten. Sie war so weich, so warm, so wunderbar lebendig. Einen langen Moment hielt sie sie an sich gedrückt, wollte sie festhalten, nie wieder loslassen. Aber dann ging sie doch.

Sie wischte sich über die Augen und schluckte schwer. Nur nicht schwach werden. Es gab keinen anderen Weg. Sie hatte sich alle verbaut. Aus Rücksicht auf die Gefühle anderer und aus Feigheit hatte sie alles getan, damit das Familienleben harmonisch blieb. Hatte sich so weit in sich zurück gezogen, dass von ihr nichts blieb, als eine leere Hülle. Jetzt war es zu spät.
Unwillkürlich blickte sie zur Uhr. Normalerweise müsste sie um diese Zeit Tim aus dem Kindergarten abholen. Heute nicht. Heute ging er zu einem Freund. Und sie hatte Zeit für sich. Zeit, die sie nutzen musste.

Hastig schrieb sie die letzten Sätze. Nahm ihre Jacke vom Haken und den Rucksack mit dem wenigen, das sie mitnehmen wollte. Eine Flasche Wein, ein Buch und die Tabletten, mehr nicht. Bevor sie die Tür hinter sich zuzog, legte sie den Brief gut lesbar auf den Esstisch. In Liebe, Mami, stand darunter.


Kommentar von Caro Stein

Du hast es geschafft, das offen zu schreiben, was Millionen von Müttern insgeheim schon mal gefühlt haben, Carola! Du hast meine Seele berührt, mir kamen beim Lesen die Tränen. Bin schon neugierig auf deine nächsten Beiträge! Liebe Grüße Caro

Eingetragen am: 08.03.2008

Kommentar von Maju

Ganz stark geschrieben. Konnte mich richtig in die Person hineinversetzen. Ich glaube auch, dass viele Frauen solche Empfindungen haben, vor allem, wenn sie vorher einen ausfüllenden Beruf hatten. Aber die meisten bleiben und ziehen das durch. Ich glaube, dass der Moment, sich von einem kleinen Kind zu trennen, den Ausschlag gibt, durchzuhalten. Deshalb gibt es ja auch so viele Scheidungen nach ca. 20 Jahren Ehe. LG. Maju

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Maju

Ganz stark geschrieben. Konnte mich richtig in die Person hineinversetzen. Ich glaube auch, dass viele Frauen solche Empfindungen haben, vor allem, wenn sie vorher einen ausfüllenden Beruf hatten. Aber die meisten bleiben und ziehen das durch. Ich glaube, dass der Moment, sich von einem kleinen Kind zu trennen, den Ausschlag gibt, durchzuhalten. Deshalb gibt es ja auch so viele Scheidungen nach ca. 20 Jahren Ehe. LG. Maju

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Sehr eindringlich und glaubwürdig geschildert, als würde man selbst dieses Leben erleben. Unwillkürlich suche ich nach einem Ausweg, und denke, lass sie doch irgendwo hingehen, wo sie Hilfe bekommt.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von tatmoor

wunderbar, berührend, vor allem in der gerade wieder aktuellen politischen Diskussion "zu wem, wohin gehören Kinder"... Noch viel zu häufig ist die Frau diejenige mit dem Spagat, der Doppel-, Dreifach-, Vielfachbelastung, ist sie diejenige, die (zu) viel von den eigenen Sehnsüchten aufgibt. Der Text selbst könnte der Start sein für ein neues Leben - die Protagonistin geht, schluckt ihre Tabletten und kotzt sich die Seele aus dem Leib. Daraufhin beschließt sie, ihr eigenes Leben zurückzuerobern, z.B. geht sie in die Klinik, fährt in ein anderes Land und meldet sich irgendwann wieder bei ihren Kindern... oder die geschilderte Situation entspringt der Phantasie der inzwischen erwachsenen Tochter: beim Auszug ist ihr der Abschiedsbrief der Mutter in die Hände gefallen oder, oder... mir fallen so viele Möglichkeiten ein, wie sich die Geschichte, dieser Auszug aus einem Leben weiterspinnen lässt...

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Pollie Bley

Um mit Wein, Kerzen und Knabbereien ... die Risse in der Beziehung zu kitten, ist eine tolle Formulierung. Aufgerieben zwischen Haushalt Kinderbetreuung und dem ewig schlechten Gewissen, als Mutter zu versagen. Ich glaube, diese Gefühle kennen fast alle Mütter - vielleicht sogar die Parademütter, die sich aus Überzeugung dem Hausfrauendasein hingeben. Alles absolut nachvollziehbar geschrieben. Als klar wurde, dass deine Protagonistin sich aus dem Staub machten möchte, dachte ich erst - so ein egoistisches Luder ... Karriere ist ihr wichtiger ... Die Tabletten machten dann klar, die will auch keine Karriere mehr. Hoffentlich war das Buch so gut und der Wein so schlecht, dass sie ihr Vorhaben abbrach. Sind doch nur ein paar Jährchen, dann sind die Kinder aus dem Gröbsten raus und Mama kann sich wieder auf sich selbst besinnen. Es lohnt sich doch!

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Velarani

Danke auch für die Geschichte! Du hast toll beschrieben, wie das ist, mit Haushalt und kleinen Kindern und den Ansprüchen, zufrieden zu sein und alles noch viel besser zu machen. Eins zu eins in so wenigen Sätzen. Trotzdem glaube ich nicht, dass es für einen Selbstmord oder das Abhauen reicht. Die meisten halten durch. Was ist an dieser Frau anders, dass sie es trotzdem tut?

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

@all: Danke für Euer Lob. @Malea und Ginko: Was für ein Buch das ist, kann ich auch nicht beantworten. Ich bin nicht die Frau in der Geschichte. Immerhin lebe ich noch ;-) Aber die Depression, die kenne ich gut. @Angela Barotti: Das Buch ist nicht nur zum Einschlafen gedacht. Die Protagonistin - die wirklich ziemlich genau geplant hat - will es lesen, während sie den Wein trinkt und erst anschließend die Tabletten schlucken. Allerdings bin ich die Erste, die zugibt, dass das hier nicht deutlich wird. Das liegt daran, dass dieser Text eines der Gespenster auf meiner Festplatte ist; eine der kopf- und rumpflosen Geschichten, die da herumspuken. Fertig geschrieben wäre sie noch um einiges länger und würde eben auch erklären, was die Protagonistin genau plant. Das offene Ende wird aber bleiben.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Malea

Wow! Fiese Geschichte! Vor allem für Mütter. Ich hätte die Frau am liebsten entweder geschüttelt oder in den Arm genommen, oder beides ;-) Und am Schluß war ich total sauer auf sie, das kann die doch nicht machen, Neiiin! Liebe Carola, herzlichen Glückwunsch zu diesem Text, super gelungen! Und ich will auch wissen, was das für ein Buch war...

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Angela Barotti

Eine gute Schilderung, wie frau an den eigenen Ansprüchen scheitert, weil sie die Messlatten für sich selbst zu hoch angesetzt hat. Ausgelaugt vom ewigem Funktionierenmüssen, will sie nur noch ihre Ruhe - hier: die finale Totenruhe. Glaubhaft und nachvollziehbar geschildert. Nur eine Sache irritiert mich etwas: das Buch. Habe zwar keine Erfahrungen mit Tabletten, aber ich glaube nicht, dass nach deren Einnahme noch viel Zeit zum Lesen bleibt. Ich persönlich hätte ein Bild meiner Kinder mitgenommen.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Sigrid Leister

Wenn ich die Geschichte lese erkenne ich viele Gefangenschaften, die man sich selbst auferlegt, alles ist zu bewältigen wenn es nur einen Menschen gibt der dich liebt und das bist du selbst

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Sylvia

Hallo Carola! Schöner Text! Heftige Story! Das Gefängnis hast du sehr glaubhaft dargestellt. Zwei Sätze könntest du streichen. "Es war beklemmend. Es engt sie ein." Das spüre ich sehr deutlich! Die Szene ist m.E. sehr schwierig. Wie begründe ich einen Selbstmord. Du hast das Problem sehr gut gelöst. Hoffe trotzdem, dass sie überlebt! Lieben Gruß Sylvia

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von texkrea

Der Text schildert schön und glaubhaft das Gefühl der Protagonistin sich in der Rolle der Hausfrau eingesperrt zu fühlen. Auch wenn ich eine andere Lösung des Problems bevorzuge, ist die Aufgabe gut umgesetzt.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Wenn ich das lese, möchte ich schreien und der Frau die Tabletten wegnehmen! Da ich ja in einem Roman, den jemand anders schreibt, die Handlung nicht beeinflussen kann, ist es die gleiche Hilflosigkeit, wie ich sie in Wirklichkeit schon erlebt habe. Sorry, ich muss da jetzt mal eingreifen... und dann kam die Metta und nahm die Mami bei der Hand und sagte: Hey, das Schlimmste, was dir passieren kann, ist zu sterben, und vorher gibt es noch andere Möglichkeiten. Und danach suchst Du jetzt, für Deine Kinder und vor allem auch für Dich. Denn es ist Dein Leben, das Du wegwirfst.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Sylvia M.

Hallo Carola! Diese Geschichte spricht mich persönlich sehr an. Ich habe trotz eines kleines Unternehmens den Wunsch nach 2 Kindern verspürt. Der Spagat ist manchmal unheimlich schwer, aber ich möchte weder auf das eine noch auf das andere verzichten. Den Konflikt, den deine Protagonistin auskämpft, werden sicher auch viele andere nachempfinden können. Super geschrieben, man hängt förmlich an den Zeilen und am Ende die Frage: Was passiert, beendet sie ihr Leben, besinnt sie sich ... Phantastisch! Liebe Grüße, Sylvia M.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Ginko Korn

Der nicht enden wollende Alptraum soll mit einem letzten schönen Traum abgeschlossen werden. Welches Buch hatte sie wohl mitgenommen?

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 28.02.2008 von romneya
[ Lesezeichen ]

5211

Ich stand auf dem Bahnsteig und ließ die letzten 24 Stunden Revue passieren.
Mit dem Jüngsten zur S-Bahn gehastet, im Hauptbahnhof in den Intercity gestiegen, drei Stunden Fahrt, aussteigen, M. wartet auf dem Bahnsteig, wir fahren zum Treffen mit den zukünftigen Vermietern.

Das Haus eine Doppelhaushälfte im Vorort, ein beiger Quader; Flur mit dunkelbraunen Kacheln, Treppenhaus ohne Tageslicht, schwarzes Metall und dunkles Holz; das Wohnzimmer eine Höhle mit graubraunem Teppichboden, 1 Fenster; die Küche dunkle Eiche; der Garten eine Waschbetonterrasse auf dem Präsentierteller.

Aber wir wollen noch vor dem Winter umziehen, nicht noch ein Jahr pendeln, das Haus ist bezahlbar, sie haben nichts gegen vier kleine Kinder.

"Ja, wunderbar, so ein hübsches Haus; genau so etwas haben wir gesucht; und so viel Platz für die Kinder; wunderbar, dass Sie es uns vermieten; wir werden den Garten ganz sorgfältig pflegen; unsere Kinder sind niemals laut; was für eine tolle Küche, die ist ja viel mehr als 5000 Mark wert; und die praktischen Kacheln; der Teppichboden ist so unempfindlich; ja, wie wunderbar, dass Sie uns das Haus vermieten."

Eine Nacht in einer Vorortpension, der Jüngste schläft schlecht in der fremden Umgebung, morgens die Rückfahrt, ich stehe auf dem Bahnsteig.

Der Zug kommt, ich steige ein, die Fahrt führt genau an dem Vorort vorbei; ich werfe einen Blick auf mein zukünftiges Gefängnis.


Kommentar von Sylvia

Wow, super gelungen! Meine Gänsehaut bei deinen letzten Worten bestätigt dies! LG Sylvia

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Malea

O Gott! Ich kenne solche Häuser, habe sie selbst auf Wohnungssuche besichtigt. Grauenvoll. Und Du hast das Grauen dem Leser sozusagen aus dem Hinterhalt verpasst. Ich mag Deinen ironisch-deprimierten Stil. Gelungene Story!

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Lillilu

Das Thema wird im 2. Absatz klar, ohne ausgesprochen zu werden, da wird mir schon der Hals eng. Wie gut kenne ich das. Und im letzten Absatz schnappt die Falle dann auch erzählerisch zu - das Haus als Gefängnis! Ein total gelungener Beitrag!

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Super beschrieben, dieses dunkle Haus und im Gegensatz dazu dieser euphorische Kommentar - wohl von M., oder hat die Mutter sich so verstellt? Ich bin damals zu meinem Freund in einen Mietsblock gezogen - er fand die Wohnung im Gegensatz zu meiner gemütlichen, aber unkomfortablen Altstadtwohnung toll, aber ich habe ihm vor dem Einzug das Versprechen abgenötigt, dass wir uns gemeinsam etwas anderes suchen.

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 28.02.2008 von miss0816
[ Lesezeichen ]

5163

Für deine Gedanken ein Aquarell
Wie Monet zart und sacht
Verwurzelt eine Seerose im Teich
Meine Phantasie ganz surreal
Gleichsam Dali in einer anderen Welt
Verhält sich die innere Uhr gefasst
Ein Blick darauf die Expression
Sozusagen freudige Brisanz
Ein Marc in mir reitet in stillen Gedanken zu dir
Klingelt an der geistigen Eingangstür
Es überkommt mich diese Impression
Sinnlich klar das Kunstwerk
Artgemäß ein Renoir
Für mich ist es durchaus wahr
Denn Wahrhaftigkeit ist Realismus
Nach Corot die harte Arbeit
Ohne Pathos und Sentimentalität
Bereite ich den Weg in die mühsame Moderne
Bis zum Wahnsinn ein Van Gogh
Verübt ein Begehren Selbstmord
In aussichtslosen Symbolen verloren
Markerschütternd der Schrei von Munch
So tief in den Kopf gebrannt
Und Hoffnungslos mein Jugendstil
Ein Klimt ein Traum ein Kuss
Was folgt ist hoffentlich nicht der Schluss
Kubistisch das Leben
Viele Blickwinkel statt einer Perspektive
Setzen die Beziehung auf gefühltes Dreieck nach Braque
Ein Gemüt hat es satt
Dada ich sehe Provokation
Baue ein Haus mit vielen Fassaden und Mauern
Klee kann mich auch nicht bedauern
Abstrakt wird die Kunst des Daseins
Mein Leben eine widerwillige Komposition
Der von Kandinsky gleich
Flüchtet mein Wesen in eine neue Sachlichkeit
Ganz abstrakt jetzt auf den Punkt gebracht
1+1 = Entwicklung, die nicht sein darf


Kommentar von miss0816

Nochmals ein Danke für's Lesen. Nein, vernebeln will und verstecken muss ich nichts. Wozu? Im Prinzip wollte ich mit dem Gedicht zwei Schienen fahren - siehe unten. Wahrscheinlich ist es mir nicht gut gelungen. Es sei dahin gestellt, doch das Teil, wie ich es jetzt langsam nenne*g*, hat auch einen Platz in 80 Seiten Text gefunden. Dort geht es mehr oder weniger um das Verlorensein und Finden im Leben. Vielleicht sehe ich einfach zu sehr diesen Hintergrund, keine Ahnung. Was die Maler angeht - klar waren sie irgendwie gefangen, durften nicht so, wie sie wollten. Ein Bsp.? Die Brücke, Künstlervereinigung mit den Vertretern Kandinsky, Klee und Marc, wollten die erstarrte, naturgetreue Malerei ablösen, von alten Mustern befreien. 'Dada ich sehe Provokation' - gemeint ist der Dadaismus, der mit seinen Kunstwerken provozierte, Normen zerstörte, sich gegen eine gewisse Ordnung widersetzte. LG, miss0816

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Sylvia

Inhaltlich mag man sich streiten, aber sprachlich ist es ein Gedicht! Ein Kunstwerk eben. LG Sylvia

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Malea

Sorry, aber ich kapiere Deinen Text nicht. Ich finde einzelne Passagen richtig gut, aber die Gesamtaussage und der Zusammenhang zum Thema fehlt mir völlig. Hast Du Lust es zu erklären? Im Prinzip finde ich Dein Projekt nämlich mutig und spannend.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Angela Barotti

Es ist nicht der erste Text von dir, in dem ich eine gequälte Seele zu erkennen glaube. Deine Schlusszeile ist die Quintessenz aus all deinen bisherigen Storys, mit dem Rest vernebelst du nur, willst dich dahinter verstecken. Ich hoffe ehrlich, dass es dir irgendwann gelingt, zu deiner Liebe öffentlich zu stehen, die Heimlichkeiten endlich aufgeben zu können, denn vorher wirst du nicht zur Ruhe kommen. P.S. Den von dir genannten Malern war es auch scheißegal, was die Gesellschaft von ihnen gedacht hat. Und was damals schockiert hat ist heute längst Normalität.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von ichPeinlich

Gefangen in den Zwängen der Kunstgeschichte? Alles schon dagewesen, nicht neues mehr, dass man schaffen kann? Gut waren sie abba alle, auch handwerklich. Du auch? Um das zu beurteilen ist mir der Text zu lyrisch, da fehlen mir die Kriterien. Interessant aber schon, irgendwie. Mein subjektiver Korrekturvorschlag: Dada ich SEHNE Provokation Lg ICH

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von miss0816

Ja, ich zeichne selbst und gehe gern in Kunstmuseen. Eingesperrt in der Gesellschaft. Die Maler, jeder für sich und zu einer anderen Kunstepoche gehörig, hatten allesamt mit gesellschaftlichen Zwängen zu kämpfen. Einige provozierten, andere verstümmelten sich selbst, wieder andere skizzierten in ihren Bildern die Gesellschaft, in der sie lebten, manchmal hart, fad und kahl, manchmal fortschrittlich und auch krotesk. Sie verarbeiteten ihre Ideale, ihre Weltbild künstlerisch und stießen dabei oft auf Grenzen, die ihnen die Gesellschaft setzte. Nebenbei erlaubt das Gedicht noch eine andere Sichtweise, die m.petersen auch erkannte. Vielen Dank für's Lesen. :-) miss0816

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von m.petersen

Eine Reise, begleitet von Gestalten der Kunst? Ich gehe mal davon aus, dass Du malst, denn soweit mein Fachverständnis ausreicht, sind das alles Maler in Deinem Text. Also bist Du gefangen von ihrem Können, oder eher in Deinem Stil der dir nicht klar werden will? Oder doch im eigenen Leben als widerwillige Komposition?

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Nichts für ungut, aber das hat für mich nichts mit "eingesperrt sein" zu tun.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Fledermaus

Es hat eine eigene Poesie, zweifellos. Allerdings ist mir das wohl zu hoch. Es macht ein bißchen den Eindruck als ob Du sagen willst: Schau, wie viele Künstler ich kenne. Aber wie gesagt, vielleicht sind sie nötig, vielleicht verstehe ich es einfach nicht.

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 28.02.2008 von Angela Thies
[ Lesezeichen ]

5147

Wie gewohnt dreht sich um vier Uhr nachmittags der Schlüssel im Schloss. Meine Augen zucken zum Wecker, der mit seinen großen Zahlen die Uhrzeit bestätigt. Eigentlich brauche ich diesen Wecker nicht, denn mein Vater ist immer pünktlich. Die Sonne steht noch hoch am Himmel und wirft den Schatten der Laubbäume auf meinen Schreibtisch, an dem ich mit dem Rücken zur Tür sitze. Ich drehe mich nicht um, als ich das Knarren der Tür höre. Mein Blick haftet an meinem aufgeschlagenen Schreibheft. Mit den Hausaufgaben bin ich fertig. Zwei Stunden hat mein Vater mich in meinem Zimmer eingeschlossen. Ich bin das gewohnt, er macht das jeden Tag. Bist du fertig, erklingt seine tiefe, strenge Stimme hinter meinem Rücken. Langsam drehe ich mich zu ihm herum, ja, sage ich mit Blick auf den Boden. Dann kannst du jetzt spielen gehen, bis ich dich rufe. Mit diesen Worten dreht er sich auch schon wieder um und verschwindet im Flur, die Tür lässt er offen. Beim Aufstehen schlage ich mein Heft zu und mein Herz springt in die Höhe. Nicht jeden Tag ist es mir erlaubt allein hinauszugehen und zu spielen. Noch einmal werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Die Sonnenstrahlen durchdringen die Kronen der mächtigen Bäume. Heute werde dort hinauf klettern und über Gräben springen. Ich freue mich unsagbar über dieses unerwartete Geschenk meines Vaters, er liebt mich also doch, durchfährt es mich mit Gewissheit, er liebt mich doch. Und während ich die Treppen hinunter springe, dringt dieses Lied immer wieder durch meine Seele, er liebt mich doch. Unten angekommen greife ich schnell nach meiner Jacke, dann zügeln sich meine Schritte und ich gehe langsam und schüchtern zur Tür des Wohnzimmers, im Türrahmen bleibe ich stehen. Ich gehe jetzt hinaus, sage ich leise zu dem Rücken meines Vaters, der sich über seine Bücher auf dem Schreibtisch beugt. Zwischen den dunklen Vorhängen fällt nur einen kleinen Lichtstrahl auf seinen Schreibtisch, in dem tausend winziger Staubkörnchen tanzen. Er zeigt mir sein Profil, die schwarzen Haare sind glatt zurückgekämmt. Ist gut, mein Sohn, sagt er und schon wendet er den Kopf wieder seinen Büchern zu. Mein Sohn, hallt es durch meinen Kopf, mein Sohn hat er gesagt. An seinem Rücken bleibt mein Blick hängen, ich möchte so gerne zu ihm laufen, den Rücken umarmen und mein Gesicht an ihn schmiegen, ihn drücken, ihn liebhaben und Danke möchte ich sagen, für dein überraschendes Geschenk. Ich sage nichts, und als ich mich umdrehe um zu gehen, höre ich seinen schweren Atem.
Tief sauge ich die Sommerluft ein, als ich hinaustrete in den Sonnenschein und schon sind meine Füße die paar Stufen hinunter gesprungen, ich tolle wir ein junges Tier über den frisch gemähten Rasen und meine Füße führen mich weiter zu meinem Lieblingsbaum im nahen Wald. Schnell erklimme ich den mächtigen Stamm und hangle mich an den dicken Ästen immer höher hinauf. So hoch bin ich noch nie gekommen stelle ich hastig atmend fest, als ich auf einem Ast in der Baumkrone Platz finde. Ich sehe hinunter, stolz und Freude erfüllen mich. Mein Blick fällt auf den kleinen Weg, der uns mit der Welt verbindet, die weit weg ist für mich. Ich bin frei, ich könnte jetzt diesen kleinen Weg hinaus gehen. Mein Vater würde es nicht merken und mich nicht aufhalten in diesem Moment. Aber heute spüre ich, er liebt mich doch, da kann ich ihn nicht verlassen, er braucht mich doch. Noch eine ganze Weile sitze ich in der Baumkrone und genieße dieses seltene Gefühl frei zu sein.
Als er mich ruft, steht die Sonne tief und die Bäume legen lange Schatten auf die Wiese. Gehorsam gehe ich hinein, hänge meine Jacke auf und betrete die Küche. Er sitzt schon am Tisch. Iss, sagt er kurz. Während wir essen, schaue ich ihn nur aus den Augenwinkeln an. Er sieht mich nicht an, sein düsterer Blick hängt an seinem Teller. Wir sprechen kein Wort und als wir fertig sind, trage ich meinen Teller zur Spüle, da fällt klirrend mein Messer zu Boden. Das Geräusch lässt mich zusammenzucken wie ein Reh, ich wage nicht ihn anzusehen und behutsam hebe ich das Messer auf und lege es zurück. Schweigend verrichten wir den Abwasch, kein Wort zwischen uns ist notwendig um das zu tun. Jetzt mach dich fertig, sagt mein Vater. Ich gehe ins Bad, putze mir die Zähne, wasche mein Gesicht, Hände und Füße und kämme mein Haar mit einem nassen Kamm bis es so glatt am Kopf liegt, wie das Haar meines Vaters. Ich möchte so schön gekämmt sein wie er, er mag das so. Dann gehe ich zum Zimmer meiner Mutter, davor bleibe ich stehen, bis es dort drinnen ganz ruhig ist, dann klopfe ich an. Komm rein, sagt mein Vater und ich öffne die Tür. Er steht wie gewohnt mit vorn gefalteten Händen vor dem Tisch neben dem großen Fenster. Ich schließe leise die Tür, falte auch die Hände und stelle mich neben ihn. Die frischen Blumen auf dem Tisch sind bunt und etwas höher als die glänzende Urne, neben der sie stehen. Sehr viele Kerzen umringen die Urne und spiegeln sich in ihr. Das warme flackernde Licht gibt mir Ruhe. Kein letzter Sonnenstrahl fällt durch die von einem dunkelroten Vorhang bedeckten Fenster. Eine kurze Zeit stehen wir so vor der Urne, dann knien wir uns nieder und sprechen unser Gebet. Danach löscht mein Vater die Kerzen, er begleitet mich wortlos hinauf zu meinem Zimmer. Gute Nacht, sagt er und schließt die Tür. Während der Schlüssel sich im Schloss dreht und seine Schritte verhallen, ziehe ich meinen Schlafanzug an. Dann liege ich im Bett und sehe in den dämmrigen Himmel hinaus. Mama, sage ich still, komm. Sie legt sich neben mich, ich spüre es sehr deutlich. Mama, sage ich, wird er mich morgen wieder lieb haben?


Kommentar von Linde

Sehr schöner Text. Man spürt allgegenwärtig die kindliche Zuversicht geliebt zu werden und die Dankbarkeit dafür, trotzdem schwebt über allem die Bedrohung, die vom Vater ausgeht. Beklemmend, wie das Kind vor dem Zimmer der Mutter stehen bleibt, bis es drinnen ganz ruhig ist. Gekonnt geschrieben.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Ich möchte noch zwei Fragen beantworten, was ich das letzte mal versäumt habe. @Birgit ., das du ist sehr ok. @Cora, es heißt, kein letzter Sonnenstrahl. Und noch mal vielen, vielen Dank für eure Komentare.

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Ginko Korn

Satz für Satz kommt die ungewöhnliche Beziehung zwischen Vater und Sohn zum Vorschein. Nach stetigem Anstieg wird auf dem Gipfel der Erzählung eine Lösung der Spannung angeboten. Aber auch jede Art von Fortsetzung wäre möglich. Man möchte weiter lesen.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Ich schließe mich ganz den Gedanken von Gabriele an. Die Enge und Beklemmung dieses Lebens Diese hilflose, abhängige Liebe des Kindes spürbar zu machen, gemeinsam mit der Angst und der Not, diesen hölzernen, schweigsamen Vater um sich zu haben und eingesperrt zu sein Großartig geschrieben.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Elisabeth

Deine Geschichte ist so wunderschön, ich möchte sie immer wieder lesen!

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Gabriele

Wirkich sehr gelungen und anrührend. Die Enge und Beklemmung dieses Lebens werden beim Lesen spürbar, daher hat mich ganz besonders der Moment gerührt, als das Kind auf den Weg hinunter blickt und ihm klar ist, er könnte weggehen... wenn er nicht seinen Vater liebte. Diese hilflose, abhängige Liebe des Kindes spürbar zu machen, gemeinsam mit der Angst und der Noz diesen hölzernen, schweigsamen Vater um sich zu haben und eingesperrt zu sein, das ist wirklich sehr sehr gelungen. Wundervoll auch in der klaren, unsentimentalen Sprache. Die Geschichte entwickelt gerade dadurch eine stille Wucht. Ja wirklich, wundervoll.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Angela Barotti

Ein Hammertext. Sehr beeindruckend. Als das Messer zu Boden fiel, machte mein Herz einen Satz, denn ich fürchtete, dass der Vater nun ausrasten würde. Doch er blieb ruhig. Diesmal. Und das Wissen darum, dass der Vater auch zu anderen Reaktionen fähig ist, macht den Reiz dieses Textes aus. Hier wurde nur ein 'guter' Tag geschildert. Du überlässt es unserer Phantasie, wie ein 'schlechter' Tag aussehen würde.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Kann mich den anderen nur anschließen. Was den Text so unheimlich macht, ist, dass es keinen Kontakt zur Außenwelt zu geben zu scheint (dem Jungen also auch andere Wertmaßstäbe als die seines Vaters fehlen) und dass die Urne der Mutter zu Hause aufgehoben wird. Ich weiß nicht, ob das irgendwann irgendwo üblich war (die Urne meiner Großtante stand unter Umgehung irgendwelcher bürokratischer Vorschriften noch ein halbes Jahr bis zur Seebestattung bei ihrem Sohn zu Hause), aber es hat auch ein wenig von diesen tragischen Zeitungsnachrichten, wo jemand noch ein paar Jahr mit der Leiche seiner Mutter (oder der des Kindes im Kühlschrank) unter einem Dach gelebt hat.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Angela Thies

Ein ganz großes Danke möchte ich jetzt euch allen sagen, für eure Kommentare. Ich bin überwältigt.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Birgit Jennerjahn-Hakenes

Du (Du ok?) schreibst im Fluss, das ist gut!

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Numungo

Eine sehr gute Geschichte! Stil und Handlung passen ideal zusammen. Ein paar Kommas sind zu wenig, würden dem Text noch mehr Melodie verleihen. Im Gegensatz zu Sylvia bin ich der Meinung, dass es für diese Art von Texten keine bessere Zeit, als das Präsens gibt. In der Vergangenheitsform lassen sich Gefühle nicht so perfekt ausdrücken. Mach weiter so.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Jutta Wölk

Hallo Angela, zuerst Lob: Wunderbar beschrieben, ich konnte alles vor Augen sehen. Wut über den lieblosen Vater baute sich in mir auf. dann Kritikt: Es wäre einfacher zu lesen für mich, wenn Sie mehr Absätze einfügen würden. Außerdem ist es enfacher, wenn die Dialoge kennzeichnet sind. Liebe Grüße Jutta

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von M.P.

Super³ oder noch mehr. Hier stimmt alles, wie immer bei Dir.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Isabella E.

Richtig ergreifend und traurig zurgleich deine Geschichte. Man bekommt Lust auf mehr...

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Fledermaus

Deine Geschichte ist für mich nicht in unserem Jahrhundert verortet. Diesen Eindruck erweckst Du, ohne es explizit auszuformulieren, schön. Man kann sich gut in das Kind hineinfühlen. Die Sprachlosigkeit schafft eine sehr reale Beklemmung.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Karin

Ob ich eine Melodie höre oder einen Text lese, ist eine Gänsehaut bei mir immer die stärkste Reaktion. Beim Lesen Deiner Geschichte zeigte sie sich wieder. Wie tröstlich, dass der Junge erkennt, der Vater hat ihn lieb. Und dass er Härte zeigt, weil Milde ihn im Augenblick umbringen würde. Irgendwann werden Vater und Sohn hoffentlich gemeinsam trauern können.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Samira

Was für eine Idee! Was für ein Leben! Ich war sehr gefangen von deinem Text und frage mich, wann es aufhören wird, dass Vater und Sohn gefangen sind. Hört es auf?? Dein Schreibstil passt prima zum Inhalt. Sehr gut!!

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Sylvia

Puuuh, Angela! Dein Text lässt mir Tränen in die Augen steigen. Sehr ergreifend und schön geschrieben. Es kommt mir vor, als müsste diese Geschichte weiter zurück liegen. Deshalb wirkt das Präsens fehl am Platz! Du hast die Gedanken und Gefühle sehr nachvollziehbar dargestellt! LG Sylvia

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von swenja

Sehr gut geschrieben. Man wird regelrecht hineingesogen in die Welt dieses Kindes. Weiter so.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Cora

Da gefriert mir das Blut in den Adern. Die Abhängigkeit des Kindes von dem Vater ist präsent. Sehr gut. Kein oder ein letzter Sonnenstrahl?

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Bärbel Giessmann

Gefangen im Zimmer, gefangen in der Familienbeziehung, gefangen in der Buhlschaft um Liebe. Mich hinterlässt der Text sehr nachdenklich und bedrückt, fast eingeengt. Nur der Geist ist frei (die Mutter) Sehr eindrucksvoll LG Bärbel

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Eine wunderschön und anrührend erzählte traurige Geschichte. Mir scheint, dass nicht nur der Junge gefangen ist - in seinem Zimmer und seiner Beziehung zum Vater - sondern auch der Vater in seiner Trauer.

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 28.02.2008 von ich peinlich
[ Lesezeichen ]

5146

Nein, ich werde nicht Anzeige erstatten. Ich mag keine Polizisten. Ganz pauschal und allgemein. Wenn ich eine Uniform seh, spür ich eine Panik in den Rückenwirbeln. Nichts gegen Sie persönlich, aber... Gut, dann hörn Sie mal:

Also, ich war jung und unbekannt, und meine damalige Freundin war an der Filmakademie. Ich sag nicht ihren Namen, nein. Nennen wir sie G. Hat zwar 2, 3, Preise gewonnen, aber Ihnen wird der Name ohnehin nichts sagen. Es war ein Fest in der Filmakademie, und wir waren alle dort. G, Woita, ihr damaliger Noch-Mann, ich und Xaver, mein Fast-Schon-Nachfolger. Und jede Menge Filmvolk.

Nein, Stop, ich verzettle mich. Also G, Xaver und ich. Jeder schleicht um jeden rum, geht jedem aus dem Weg. Woita versucht, G moralischen Halt zu geben. Als Woita auch zu mir kommt, nett plaudert, mich ablenken will – moralischer Halt eben – merk ich, Scheiße, es ist ernst.
Meine Freunde gehen, die Film-Promis gehen, sogar Woita geht – nur noch G, Xaver und ich. Haben Sie so eine 3er Konstellation mal erlebt? Wenn nicht, die Gefühle kann man nicht schildern. Sitzen mehr im Nacken, irgendwie, nicht so im Rücken wie die Angst vor Polizei in Uniform. Mit fast keinen Worten, und keiner Entscheidung von Niemand sitzen wir dann alle 3 in einem Taxi, und fahren alle 3 zur G. Und sitzen in der kleinen Küche, der Smalltalk war so was von klein, Minimal Art is nix dagegen. Und dann graut der Morgen und wir sehen auf die Uhren. Ich glaub, ich hab zuerst gesagt, jetzt fahren wieder Straßenbahnen, ich geh jetzt. Und Xaver hat gesagt, ich auch, kann auch umgekehrt gewesen sein, ist lange her, und der Effekt ist der gleiche.

Wir gehen also nebeneinander Richtung Straßenbahn. Kommen an der Bäckerei vorbei. Ein Bäcker trägt ne Kiste Brot vor die Tür, zum Ausliefern. Xaver greift hin, nimmt eines. Der Bäcker sagt „Hee“. Xaver läuft weg. Der Bäcker schreit was, sein Gehilfe läuft hinter Xaver her, ich steh nur da und denk: das gibt’s doch nicht. Und vor allem: das geht mich doch nix an. Der Gehilfe kommt mit dem Brot zurück. „Er hat es da vorne fallen lassen“, sagt er. „So geht das nicht!“, sagt der Bäcker. „Du zahlst mir das Brot, oder wir holen die Polizei“ „Was geht mich das an, wenn der ein Brot stiehlt“ „Das werden wir ja sehen“.

Ich denk, das gibt’s nicht. Und unglaublich bald hält ein Streifenwagen. Der Bäcker erzählt. „Ich hab ja nix gemacht“, sag ich. „Los, steig ein“ meint einer der Polizisten. „Wie heißt dein Freund?“ fragt er mich im Auto. „Was geht Sie das an.“
Falsche Antwort, blöde Antwort, wusch, haut er mir eine runter. Schock, ich bin im falschen Film, das kann doch nicht passieren. So was gibt’s doch nicht im echten Leben.
„Du sagst uns also nicht, wie dein Freund heißt“ fragt der Andere. Das ist nicht mein Freund, denk ich. „Ich weiß nicht, wie der heißt“, sag ich. „Ach, du gehst da um 1/2 6 zufällig neben dem, und weißt nicht mal, wie der heißt?“ „Wir waren auf der gleichen Party, und dann gemeinsam bei einer Freundin“ „Welche Party?“ „Cocktail für eine Leiche“. Scheiße, ich seh ihren Augen an, dass war wieder die falsche Antwort, obwohl sie stimmt. „Dir wird das Lachen schon vergehen“ . Wer lacht denn, verdammt.

Der Wagen hält, wir steigen aus und gehen in so ein Polizeigebäude. Keine normale Wachstube, kein richtiges Gefängnis, was weiß ich. „Der soll später eine Aussage machen“, sagt einer der Beiden zu dem, der uns empfängt. Die führen mich in so eine Art Zelle und die Tür geht zu. Kein Bett. Kein Stuhl. Nur Boden, und ne Art Erhebung, zweiter Boden im hinteren Teil, der um 50, 60 cm höher ist, aber auch nur Boden. Vielleicht eine Ausnüchterungszelle, kenn ich ja nicht. Ich war jedenfalls nicht betrunken, aber wie gelähmt vor Schock und Entsetzen. So ein völlig daneben Stehen. Dieses „Das gibt’s doch nicht“.

Ein paar Stunden Weinen, Fluchen, Schrein, Mama, Mama, Lieber Gott, hilf mir, - dabei war ich über 20. Hilfe, Hilfe, ich will aufwachen, dass muss doch vorbei sein, dass muss doch vorüber gehen. Der Wachhabende kommt und bringt mir eine Suppe zum Frühstück. Pervers. Ist das Knast-Routine? Ich esse 2 Löffel, muss fast kotzen. Nach ein paar Minuten holt der Typ die Schüssel wieder. „Hat’s nicht geschmeckt?“ und „Das wird schon wieder“. Warten, Weinen, warum ich. Waren Sie schon mal verzweifelt? Scheiß Gefühl. Verstehen Sie jetzt, warum ich keine Anzeige erstatte? Nein, damals hab ich auch keine Anzeige erstattet. Klar sollte man Scheiß-Polizisten, die einen schlagen, anzeigen. Hab ich aber nicht.

Als ich dann endlich zu einem Beamten geholt wurde, der irgend so ein Protokoll geschrieben hat, war ich schon froh, dass der keine Uniform angehabt hat. Freundlich war er. Guter Bulle, Böser Bulle. Ich bin dabei geblieben, dass ich vom Xaver nur den Vornamen weiß, weil mir sein Familienname wirklich nicht eingefallen ist. Aber ich hab gesagt, dass er auf die Filmakademie geht, erster Jahrgang. So viele Xavers wird es da nicht geben. Und ich hab ihm Gs vollen Namen, Adresse, Telefonnummer gegeben. Dort haben sie dann angerufen, war schon nach 10, aber sie hat noch geschlafen, nach der letzten Nacht, als die sie wachgeklingelt haben. Und sie hat ihnen, noch so halb im Schlaf, alle Daten über Xaver gegeben.

Ich durfte dann heimgehen, aber das war das Ende mit G. Dass ich sie verraten habe, und sie dazu gebracht hab, Xaver zu verraten. Wenn ich heute einen Spionage- Thriller lese oder seh, mit Verhör und so – ich weiß, dass ich alles verraten würde. Alles, alles, alles. So bin ich eben. Aber Euch verzeih ich das nicht.

Nein, ich werde keine Anzeige erstatten. Ich habe Angst vor der Polizei, immer noch. Obwohl, so als Erinnerung und Anekdote hat es schon was gewisses. „Ich bin wegen einem Brot von der Polizei misshandelt und eingesperrt worden“, oder so. Klingt cool, irgendwie. War es aber nicht.


Kommentar von tatmoor

Eine merkwürdige Stimmung verbreitet dieser Text, ich bin mir nicht sicher, ob der Protagonist so ein unheimlich cooler Jerry Cotton-Typ ist oder ein kleines Würstchen, das gern groß sein will... Nicht der Inhalt des Textes erzeugt dieses Unwohlsein in mir, sondern die Sprache, diese Mischung aus Ungläubigkeit, Coolness und Verwunderung. Ein Text, den ich nicht lesen will und trotzdem zu Ende lesen muss... mhm, merkwürdig :-)

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Lillilu

Solche Geschichten kenne ich sehr gut aus meiner eigenen Jugend, die aber um 1969 stattfand. Damals leisteten sich Polizisten unglaubliche Übergriffe und einen richtigen Grund brauchten sie nicht! Wenn man so etwas mal erlebt hat, dann liest man die Zeitung mit anderen Augen.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von ichPeinlich

Es ist schon ein Jammer, wenn erlebte Geschichten weniger glaubwürdig wirken, als erfundene. Klar sollte ich mich da mehr von diesem „es war aber so“ lösen, über das ich mit Lesern ja höchstens nachher diskutieren kann, und darauf achten, ob die Geschichte als konstruierter literarischer Text glaubwürdig ist oder nicht. Ein Teil dieser Verwunderung „das gibt es doch nicht; das darf doch nicht wahr sein, so was kann es nicht geben“ den ich damals empfunden habe, und irgendwie immer noch nicht verarbeitet habe, kommt aber auch in eueren Kommentaren heraus. Teils, weil ihr eben nicht glauben könnt, dass es in den späten 80er Jahren in Wien zumindest 2 Polizisten gab, die sich so etwas auch gegen inländische Studenten herausgenommen haben (es gibt aber laufend Berichte von Amnesty International, Menschenrechtsgruppen, kritischen Polizisten etc. die darauf schließen lassen, dass das nicht nur damals und so einmalig so war, und Ausländer schikanieren und schlagen führt wohl auch nicht dazu, die Freundlichkeit und Höflichkeit Inländern gegenüber zu erhöhen). Und Teils weil dieses „daneben stehen“ dieses ich von damals teilweise rüberkommt, aber eben nicht nachvollziehbar ist. Daher wohl auch die im Text vielleicht nicht rübergekommene Vorgeschichte. Aber ich denke mir, ohne die Rahmenbedingungen (Durchgequatschte Nacht in dieser Eifersuchts-Dreiecksbeziehungs-Situation) wäre ich später vermutlich nie in diese sture, störrische, bockige „das geht mich alles nichts an“ – Haltung geraten, die sowohl Bäcker als auch Polizisten vielleicht provoziert haben??? Noch mal: Es ist ein Jammer, selbst erlebtes zu schreiben; weil es auch beim später über den Text sprechen / schreiben einfach stärkere Gefühle und Gedanken auslöst, als bei einer erfundenen Geschichte. Der Ich

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Fledermaus

Die Geschichte selbst finde ich gut gewählt. Allerdings ist die Erzählerstimme irgendwie uneinheitlich. Das führte bei mir dazu, dass ich zwar Mitleid empfand mit dem armen Kerl in der Zelle saß, aber nicht mit ihm fühlte. Ich habe quasi als Polizist durch den Spion geguckt und ein bißchen geschmunzelt, über diesen Kerl, der wegen eines Brotes den Helden spielt und dann nach seiner Mutter ruft. Das ist schade, ich wäre lieber eins mit dem Protagonisten gewesen, ich werde nicht gern zum Polizisten gemacht.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Die geschilderten Emotionen kann ich nachvollziehen; den Hintergrund der Geschichte weniger. Selbst, unter dem Aspekt, dass die Polizei in dem Protagonisten einen möglichen Mittäter gesehen hat, wäre die Reaktion vollkommen überzogen. Jedenfalls, so lange Brot keine Mangelware ist. Aber das scheint ja nicht der Fall zu sein. Der Protagonist kommt von einer Feier die unter dem Motto "Coctail für eine Leiche" stand und offensichtlich kannten die Polizisten den Film, sonst hätten sie sich nicht so verhöhnt gefühlt (Ich gehe jedenfalls davon aus, dass der Titel allein nicht so provokant ist und die Reaktion aufgrund des Inhalts erfolgte.) Aber dann muss die Geschichte deutlich nach '48 spielen. Weitab jeder Nahrungsmittelknappheit. Ich gehe mal davon aus, dass es Dir auch eigentlich nur darum ging, dass Dein Protagonist wegen einer Bagatelle eingesperrt und misshandelt wurde. Wenn die Bagatelle so etwas, wie ein Joint, eine Sprühdose oder ein verdächtiger Aufnäher/Anstecker gewesen wäre, fände ich Deine Geschichte glaubwürdiger. Die Schlusssätze sind übrigens klasse!

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Pollie Bley

Habe sehr gemischte Ansichten, was deinen Text betrifft. Du schreibst in dem Stil, als würden wir beide in der Kneipe sitzen und du erzählt mir da, was dir Unmögliches widerfahren ist ... und das gefällt mir gut. Der abgekackte Sprachstil, das Abschweifen kommt authentisch an. Der Einstieg: Nein, ich werde keine Anzeige erstatten ... ist extrem stark. Sofort will ich wissen: worum geht's ... Dann kenn ich mich überhaupt nicht aus, mit G. und ihrem Noch-Mann der dich und Xaver und G. wegen irgendeiner 3er-Geschichte tröstet. Streich das, ist für den Verlauf der Story nicht von Belang und online haut es mich da von der Geschichte raus. Erst als ich sie mir ausdruckte und entspannt auf der Couch nochmal las, hatte ich die Muße mich mit dem Geflecht aufzuhalten - obwohl ich daraus trotzdem nicht schlauer wurde. Dann fladert Xaver also ein Brot - und die Bullen machen sich doch tatsächlich die Mühe, dich dafür abzuführen. Denen muss ja echt fad sein, wenn die für Max und Moriz-Streiche Zeit haben. Da haben es die wirklich Kriminellen ja gut, denn für die haben sie dann keine Zeit mehr, wenn die jedem Brotkrümel nachjagen. also wenn du jetzt ein 13jähriger Bengel wärst, könnte ich mir das mit der Ohrfeige ja noch vorstellen - hab ich tatsächlich selbst erlebt. Aber 'nem 20jährigen für ein Brot eine reinhauen, ihn einsperren und verhören ... also das kann ich mir jetzt wieder nur vorstellen, wenn du beispielsweise ausländischer Landsmann wärst - da könnte ich mir das als Diskriminierung wieder vorstellen. Dass du echt Schiss hattest, Mama und Gott um Hilfe angefleht hast, dann alles ausgeplappert hast, das ist absolut nachvollziehbar. Denn man muss sich ja denken: Mein Gott, wenn die wegen Brot schon so einen Aufstand machen, was is dann, wenn es wirklich um was geht.

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 28.02.2008 von Hekate
[ Lesezeichen ]

5142

„Willst du mir nicht noch was sagen?“ Eigentlich weiß ich genau was er mein, aber trotzdem frage ich ihn: „Was meinst du?“ „Na ja, vielleicht drei kleine Wort.“ Will er mich wirklich dazu zwingen? „Ja, schöne gute Nacht.“ „Das mein ich nicht.“ Für wie blöd hält er mich? Ich sage die Worte schon seit zwei Wochen nicht mehr. Ich fühle es nicht mehr. Er wollte mich doch nicht drängen. „Was meinst du?“ „Ach nichts, schon gut.“ Das Klicken in der Leitung sagt mir, dass er aufgelegt hat. Wahrscheinlich das beste was er tun konnte. Ich gebe ihm immer noch die Chance mein Herz zu gewinnen, auch wenn ich weiß, dass das eigentlich keinen rechten Sinn macht. Es ist vorbei und das ist eigentlich kein Geheimnis. Nur begreift er das noch nicht ganz... und ich wohl auch nicht. Denn eigentlich ist es mit einer meiner Grundsätze, dass es erst vorbei ist, wenn man stirbt. Aber was spielt diese Ansicht bei zwei innerlich toten Menschen schon für eine Rolle? Eben, gar keine. Manche Dinge wären wirklich leichter, wenn sie nicht so wären wie sie sind. Ein sinnloser Satz, wenn man es genau bedenkt, aber meine Macht zu denken scheint mir in letzter Zeit sowieso etwas eingeschränkt. Vielleicht denke ich auch einfach zu viel... zu viel sinnloses, was auch wieder relativ ist, da jeder Gedanke ohne Tat ein Stück Sinnlosigkeit ist. Ich denke daran, ihn zu verlassen, aber wirklich passiert ist das noch nicht. Obwohl ich es ihm gesagt habe, aber er will es nicht hören und ich will ihm nicht so weh tun. Gibt es überhaupt eine schmerzfreie Lösung? Ich denke nicht. Ein gebrochenes Herz ohne Schmerzen. Lächerliche Vorstellung. Obwohl sie gar nicht mal so unrealistisch ist. Mein Herz ist seit Jahren gebrochen, aber so weh tut es gar nicht. Schließlich atme ich noch und so lange ich noch atmen kann, ist doch im Grunde alles in bester Ordnung. Zumindest versuche ich mir das jetzt schon seit ein paar Jahren einzureden und für gewöhnlich auch erfolgreich. „Wenn ich nur atme...“ Ich hab den Satz aus einem Lied. Es ist ein schwungvolles schönes Lied, das aber für mich einen sehr bitteren Nachgeschmack hat. Ein Kerl sagt dem Mädchen in dem Lied, dass sie ihn verrückt macht und sie fragt ihn dann, warum sie noch bleiben sollte. Ja, dass frage ich mich auch. Wieso sollte ich noch bleiben, bei ihm fällt mir das Atmen so schrecklich schwer, weswegen eigentlich nichts mehr in Ordnung ist. Mich haben schon viele für bekloppt erklärt, wenn ich ihnen sagte, dass es mir gut geht so lange ich atme. Aber eigentlich stimmt es doch, so lange ich atme ist es noch nicht zu spät, so lange kann man mich noch retten. Nur hab ich gerade das unbestimmte Gefühl, dass es nichts mehr zu retten gibt. Atme ich überhaupt noch? Früher habe ich mir oft beim atmen zugehört, so dumm das auch klingen mag. Das hab ich schon so lange nicht mehr getan. Und wenn ich genau hinhöre ist da nichts. Ich kann hier nicht atmen wo ich bin, da wo ich jetzt in meinem Leben angelangt bin, bin ich zu eingesperrt um noch Luft holen zu können. Jetzt wo es um mich so ruhig ist, bemerke ich es erst. Ich kann hier nicht atmen... also ist die Zeit zur Rettung schon längst vorbei. Das heißt, ich muss hier weg, sonst sterbe ich. Langsam stehe ich auf – ich kann nicht atmen – nehme meine Jacke – ich kann nicht atmen – reiße die Tür auf und trete ins Freie – es ist vorbei – Ich kann wieder atmen. Ich atme, atme in dem Wissen, dass ich frei bin.


Kommentar von m.petersen

Wahrscheinlich reden die Protagonisten nicht mehr miteinander und leben auch in Trennung? Und wenn sie miteinander reden, sagen sie nichts? Ich weiß es nicht. Das Gedankenspiel finde ich gelungen, wenn auch ein bißchen viel geatmet wird, aber ich denke, dass Du das bewust so einfließen lassen wolltest, um dem ganzen Schärfe zu geben. Aber warum sie sich trennen will, eröffnet sich mir leider nicht, schade. Fehlt es an Leidenschaft?

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von Maddie
[ Lesezeichen ]

5132

Es war schon spät abends. Ich saß allein auf meinem Bett im Hotelzimmer. Das zweite Bett war abgezogen und leer. Annika war weg. Sie hatte mir früher am Abend vorgeworfen ich sei sarkastisch und würde sie fertig machen. Und das während sie laut schluchzend zwischen Madlene und Tessie saß, die mich beide bitterböse ansahen. Mir war, als ob sie mir ins Gesicht geschlagen hätte. Ich wusste nicht was ich darauf sagen sollte. Für mich war es ein ganz normaler Tag gewesen und ich hatte es bestimmt nicht darauf angelegt. Jeder weiß, dass ich eine spitze habe, aber nach vier Jahren sollte man sich doch daran gewöhnt haben, oder? Also bin ich einfach gegangen. Ich wollte in diesem Moment einfach da raus. Als ich zurückkam war sie weg. Rüber ins andere Zimmer. Und nun saß ich hier allein und durch die Wand konnte ich hören wie sie kicherten und lachten. Ich fühlte mich im Zimmer gefangen. Mein Stolz verbot es mir hinüberzugehen, um mich für meinen angeblichen Sarkasmus zu entschuldigen, doch was macht man schon ganz allein in einer wildfremden Stadt, ohne Freunde, die zu dir stehen?


Kommentar von Feli29

Liebe Maddie, ein schöner Beitrag! Ich hätte gerne einen Satz/Nebensatz mehr über die Spitze erfahren. Und natürlich, was sie jetzt allein in der wildfremden Stadt macht. Für meinen Geschmack ist der letzte Satz ein guter Satz, aber kein guter "letzter Satz". Es ist so eine Mischung aus Selbstmitleid und "von oben auf die Szene draufschauen". Da weiß ich nicht, was ich von deiner Protagonistin halten soll. Neugierig machen ist aber natürlich gut! Nur etwas mehr hätte ich gerne erfahren, damit ich das Gefühl der Szene besser verstehe. Verstehst du, was ich meine? Liebe Grüße Feli

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Pollie Bley

Eine wunderbare und absolut nachvollziehbare Momentaufnahme. Ich konnte mich sofort einfühlen. Das einzige, bei mir kam eher das Gefühl auf, missverstanden und ausgestoßen zu sein, weniger "im Zimmer eingesperrt".

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von Ginko Korn
[ Lesezeichen ]

5123

Alle paar Wochen hat mich die Oma zum Nasendoktor geschleppt.
Im Doktorzimmer habe ich immer Bauchweh gekriegt, weil es so nach Medizin gestunken hat. Ich habe aufs Klo gewollt aber nicht gedurft. Die Oma und das Fräulein vom Doktor haben mich jedesmal
fest am Kopf gehalten, dann hat der Doktor Polypen aus meiner Nase gezwickt.
Dabei hat er mit einem Auge durch ein Loch in einer Blechscheibe geschaut. Das Blechding hat so hell geblitzt, dass ich nichts sehen konnte.
In meiner Nase hat es laut gekracht und es hat weh getan.
Sie haben gesagt, sie machen das,
damit ich Luft durch die Nase schnaufen kann.
Dabei habe ich doch Luft durch den Mund gekriegt.
Dann haben sie etwas neues ausgemacht.
Sie haben die Muscheln rausmachen wollen, weil dann keine Polypen mehr wachsen können. Das war mir unheimlich. Ich habe nicht gewollt. Aber wenn ich gegen die Oma etwas gesagt habe, hat sie mir gleich auf den Mund gehaut. Auch in der Kirche.
Zum Polypenrausmachen haben sie mich auf einen Stuhl gefesselt,
mit einer breiten Binde. Immer rundherum. Die Arme waren fest an meinen Körper, und außen herum um die Stuhllehne haben sie auch gewickelt. Und meine Beine um die Stuhlbeine.
Dann hat das Fräulein eine Gummischüssel auf mein Gesicht gedrückt.
Erst hat der Gummi gestunken, aber auf einmal hat er gezischt und da habe ich zählen gemusst. Ich habe immer lauter gezählt und dann haben sich rote Spiralen gedreht.
Dann habe ich mich aufgeregt und fort gewollt. Aber von dem Stuhl bin ich nicht herunter gekommen. Es hat furchtbar weh getan in meinem ganzen Kopf. Aber die anderen haben alle geschrien und sind um mich herumgestanden und haben
mich festgehalten. Alles war rot und hat gekracht und gestunken. Ich habe schreien gewollt aber nicht gekonnt. Und ich war festgebunden.


Kommentar von Eva Marcuse

Und jetzt gibt's nochmal eine Antwort zum Kommentar auf 6406

Eingetragen am: 14.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Könntest du nochmal auf 6406 vorbeischauen. Da gibt's eine Nachricht für dich. LG

Eingetragen am: 12.03.2008

Kommentar von Maju

Hallo Ginko, habe ganz gezielt nach deinem Beitrag gesucht und bin endlich darauf gestoßen. Ganz klasse geschrieben. Man sieht das Kind vor sich und empfindet mit. Vor allem die kindliche Sprache, dieses atemlose Hintereinandererzählen, wie es kleine Kinder tun, wenn sie aufgeregt sind, kommt sehr glaubhaft und konsequent rüber. Bin gespannt auf die nächsten Beiträge. LG. Maju

Eingetragen am: 07.03.2008

Kommentar von Linde

Herrliche Geschichte. Du hast die Erzählperspektive aus Sicht des Kindes konsequent durchgezogen.

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Hallo Ginko, ich lese hier täglich mehrere Kommentare von dir, und ich muss dir sagen, ich finde sie sensibel und kritisch, manchmal sogar poetisch! Zu deiner Geschichte: Zum Weglaufen! Ich meine natürlich die Situation, die du so gruselig beschrieben hast. Zu Gerhard Polt: Ich habe ihm den Link auf den Kabarett-Text zugeschickt und Antwort bekommen. Zitat G.P.: "Der Text hat mich amüsiert". LG

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Sylvia

Ich bin beeindruckt! Die Kindersprache, die kindliche oder auch kindische Sichtweise! Der blanke Horror - deine Geschichte. Übrigens kenne ich jemanden, der vor ca. 25 Jahren für eine Mandel-OP festgebunden wurde. So viel zum Wahrheitsgehalt! Weiter so!!! LG Sylvia

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Ich frage mich, wurde das wirklich so gemacht? Tolle Schilderung aus Kindermund!

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Angela Barotti

Drastischer kann man eine - in Kinderaugen überflüssige - OP nicht schildern. Sein Einwand, er würde doch Luft durch den Mund kriegen, wird ignoriert. Er ist nicht nur den Ärzten und Schwestern, sondern vor allem auch der Oma ausgeliefert. Wer nach dieser Lektüre seine Kinder noch zum HNO schleppt, muss Sadist sein. Eine Klasse Story mit Grusel- und Gänsehauteffekt.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Habe bisher nur aus dem Grund nichts geschrieben, weil andere schon genau meine Meinung wiedergegeben haben. Aber ich selbst freue mich auch immer tierisch über jeden (positiven) Kommentar. Diese sinnliche Beschreibung mit Knacken und Gestank lässt mich erschaudern.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Lillilu

Lieber Ginko, ja so war das damals! Die Mandeln wurden sogar nur gekappt und wuchsen immer wieder nach - so jagte eine OP die andere. Das hast du mir gut in Erinnerung gebracht mit der sprachlichen Darstellung. Sehr gelungener Text.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Zauselina

Die Kindersprache ist sehr gut getroffen! Auch das "... habe gewollt aber nicht gekonnt...." finde ich ungewöhnlich und gut. Es ist die Grammatik eines kleinen Kindes, das erste Regeln verinnerlicht hat, aber noch nicht in allen besondern Fällen korrekt verwenden kann. Du verzichtest ganz auf Kommentierungen und erklärungen und lässt nur das Kind schildern. Klasse Erzählweise!

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von M.P.

Das klingt ja eher nach Schlachthaus als nach Klinik. Gut gelungen, prima.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von rosamsa

Das erst Wort das mir zu diesem Text einfällt. Grauslich. Da bekomme ich es gleich selbst mit der Angst, wie das Kind, das auf den Stuhl gefesselt ist. Sehr eindringlich, in der Sprache eines Kindes, es Bedarf keines ausschmückenden Brimboriums. Gefällt mir sehr. Wobei gefallen hier falsch ist. Habe selbst mal die Polypen und Mandeln rausbekommen, es knackt wirklich, und die Mandel wurden mit einem heißen Draht herausgebrantt, das hat ekelhaft gestunken. Ich wär am liebsten auch davongelaufen aber das tut man mit 18 nicht mehr. Oder?

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Fledermaus

Die Kind-Perspektive kommt gut herüber, aber ich habe mich gefragt, ob Polypen nachwachsen können? Ehrlich? Ich denke, wenn der erwachsene Protagonist zum Arzt müsste, würde ihm immer mulmig werden. Mir ist übrigens meine Nase grade sehr bewußt und ich habe das Gefühl, es kracht im Innern und ich rieche Blut. Bäh. :O)

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Sylvia

Sehr ergreifend! Mir gefällt, wie du die kindliche Sprache einsetzt, um die Gefühle zu verdeutlichen! Wie furchtbar! Du hast die Hilflosigkeit nachvollziehbar dargestellt! LG Sylvia

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Gut gelungene, plastische Beschreibung aus der Sicht eines Kindes! Mir ist auch fast übel geworden.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Pollie Bley

Au! - ich bin sofort zum Spiegel gerannt und hab geguckt, ob meine Nase noch dran ist. Allein vom Lesen tat mir alles weh und ich hab mich geekelt. Das ist ja richtig furchbar. Du schreibst aus der Sicht des Kindes. Wenn ich die Geschichten meines 9jährigen lese, klingen die genauso (nur grammatikalisch und vom Ausdruck nicht ganz so rund). Das ist dir also wunderbar gelungen. Ich hörte förmlich das kleine entsetzte Kind erzählen. Gelungen.

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von swenja
[ Lesezeichen ]

5116

Nicht bewegen. Nur nicht bewegen. Nicht mal mit dem kleinen Finger zucken. Sonst bricht es heraus. Dann gibt es kein Halten mehr. Oh mein Gott ist mir schlecht. Du dumme Kuh. Du dumme Kuh.
Es ist so kalt. Der Boden ist kalt. Kalter Stein. Ich kann hier nicht liegen bleiben, ich werde mich erkälten.
Nicht bewegen. Nicht bewegen. Du weißt, was sonst passiert.
Es ist krank, zu sich selber du zu sagen, warum kann ich mir das nicht abgewöhnen. Warum stecke ich mir nicht den Finger in den Hals und kotze es heraus, dann kann ich aufstehen und ins Bett gehen und schlafen. Ich muss doch morgen zur Arbeit.

Selbst Schuld, dumme Kuh. Du kennst dein Limit. Eine Flasche zum Schlafen. Eine Flasche. Nicht den gesamten Vorrat. Es ist deine verdammte Schuld, jetzt kannst du mal wieder die Nacht vor dem Klo verbringen.

Halt das Maul, Über - Ich!
Mir ist so schlecht, mir ist so speiübel, jede Zelle in meinem Körper will sich umstülpen... der Raum tanzt, alles ist in Bewegung, oben, unten, Schiffschaukel...
Wenn ich mich nur bewegen könnte, wenn ich mich nur aufrichten und über die Kloschüssel beugen könnte, aber ich kann nicht, ich kann nicht, ich bin festgefroren auf dem harten Boden, der Beckenknochen tut mir weh, aber ich kann mich nicht bewegen, sonst explodiere ich odier ich implodiere oder keine Ahnung.
Das war das letzte mal. Ich trinke nie wieder einen Schluck. Dann kann ich eben nicht schlafen. Scheiß drauf.

Ach vergiss es, du hältst ja doch nicht durch. Erinnerst du dich an den letzten Versuch? Die Nacht war endlos, du bist dagelegen mit einem Herzrasen, hast jeden Moment mit einem Infarkt gerechnet. Und dann die kreisenden Gedanken, Gedanken so monoton wie ein Hamster im Laufrad, über dein verpfuschtes Leben, die vergeudete Zeit, die verlorenen Stunden.
Und dann am nächsten Morgen, ja - ha, was bin ich für ein Held. Und hast den ganzen Tag an nichts anderes gedacht, als dass dir eine weitere schlaflose Nacht blüht. Und fünf Minuten vor Ladenschluss bist du in den Supermarkt gerannt. Also vergiss es.

Dann lass ich mich einweisen. Das muss aufhören! Ich will nicht, dass man mich eines Tages so findet, tot im Badezimmer vor dem Klo liegend! Ich will endlich frei sein!

Dich einweisen? Nimm dich doch nicht so wichtig.
"Guten Tag, ich saufe mich jeden Abend in den Schlaf seit ich zwanzig bin, aber nein, tagsüber trinke ich nicht, ich bin nur psychisch abhängig, nicht körperlich." -
Die schmeißen dich doch gleich wieder raus, du Waschlappen.

Lieber Gott, mach, dass es aufhört. Mach, dass es aufhört, bitte, bitte. Ich überschreite auch nie wieder mein Limit. Ich saufe mich nur ganz langsam zu Tode. Amen.


Kommentar von Metta Maiwald

Hallo Swenja, habe gerade noch einmal meine abgespeicherten Kommentare durchgeschaut, ob es da etwas Neues gibt, bevor ich den überquellenden Ordner ausmiste. Das Gefühl, Deine Freundin zu verraten, kann ich gut nachempfinden - mir ging es so ähnlich bei der Überlegung, meine Familiengeschichte aufzuschreiben. Hatte (eigentlich verrückt) sogar einen Moment überlegt, ob mein Großvater im Jenseits mir zürnen würde. Anfangs dachte ich, es würde eine Anklage werden, und diese öffentlich zu führen, ist irgendwie schäbig. Jetzt hat sich meine Intention gewandelt: Es geht darum, etwas ins Reine zu bringen, was die Betreffenden nicht selbst geklärt haben. Deshalb glaube ich auch, wenn Du die Geschichte einer Freundin als Ausgangspunkt einer Geschichte nimmst, ist es kein Verrat, wenn Du die Protagonistin verfremdet darstellst, wenn Du, falls gemeinsame Bekannte das lesen sollten, selbst ein Pseudonym wählst und wenn Deine Absicht nicht ist, sie bloßzustellen, sondern ihre Situation für andere nachempfindbar zu machen. Das ist Dir zweifelsohne gelungen. Ja, und das gilt eigentlich für alle Texte, die man schreibt.

Eingetragen am: 23.03.2008

Kommentar von swenja

Hallo ihr Lieben, vielen Dank für die Reaktionen auf meinen Text. Ich hatte am Anfang Angst, ihn überhaupt einzustellen. Dachte, es könnte zu heftig und zu unliterarisch sein. Das Ganze ist die Verbindung einer eigenen Erfahrung (ja, ich habe als Studentin mal eine Nacht vor dem Klo verbracht) und der Beichte einer Freundin, die tatsächlich in dieser Situation ist. Ich will darüber aber nicht weiter schreiben, weil ich das Gefühl habe, ich würde sie verraten.

Eingetragen am: 02.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Interessant, die verschiedenen Reaktionen und das unterschiedliche "Fachwissen" der einzelnen Leser/innen. - Angela, ich glaube, dass der Alkohol nicht das Problem ist, schließlich sind viele nicht abhängig, obwohl es Alkohol gibt und die Prohibition in den USA hat nur zur Schwarzbrennerei geführt. Als ich 15 war und mein Opa Alkoholiker habe ich allerdings ähnlich gedacht. Aber interessanter ist doch die seelische Problematik, die hinter der Abhängigkeit steht (bei meinem Opa war es Einsamkeit, als meine Oma kurz nach seiner Pensionierung starb). Was macht jemand, wenn er keinen Alkohol hat, aber auch niemanden, der seine Sorgen mit ihm teilt? Bei allem, was wir hier schreiben, möchten wir doch auch etwas verändern, entweder in uns oder in denen, die es lesen, oder? Mir hat der Text zu etwas mehr Verständnis verholfen.

Eingetragen am: 01.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Sehr glaubwürdig geschildert - nachdem ich das gelesen habe, bin ich der Meinung Alkohol sollte verboten werden!

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Frog

Gutes ernstes Thema, gute mutige Story. Was mich wunderte: Wieso ist der Frau noch schlecht? Sie scheint schon länger zu trinken, Alkoholiker kotzen eigentlich nicht mehr. Na ja, ich weiß ja nicht, woraus der Vorrat bestand und in welchem Zustand ihre Leber ist. Warum findet sie, dass ihr Leben verpfuscht ist? Die traurige Geschichte dahinter, das ist ein guter Stoff. Ich bin neugierig, ob Du damit weiter arbeiten wirst. Viel Glück!

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Hana Shimakage

Wow! Guter Text. Es ist wirklich traurig und ich habe mitgelitten. Besonders das "Gebet" am Ende fand ich gut. Hört sich an, als wolle die Person aufhören zu trinken, aber ohne wirklich aufhören zu müssen.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Uff, puuhhh. Ratternde Gedanken, wie der Hamster im Laufrad. Toll beschrieben, diese peinliche Situation, die abgehackten Gedanken, Selbstbeschimpfung, die entgleitende Wortwahl... Besoffen zu sein kennen wohl die meisten, aber diese Innenansicht einer Alkoholabhängigen und die damit verbundene Scham ist mir hier erstmals deutlich geworden. Ich kannte bisher nur die Außensicht, wenn jemand mit fadenscheinigen Ausreden zu verbergen versucht, was sowieso alle wissen. Langsam verstehe ich glaube ich, was Dich an meinen eigenen Texten anspricht...

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von M.P.

Gefangen im Suff. Sehr gut beschrieben, ich habe einen in der Verwandschaft mit dem Problem. Nur, dass er auch körperlich abhängig ist. Tragisch ist, die Einsicht kommt nie, es bleibt immer nur die Diskussion mit seinem eigenen Ich! Und das hast Du herrlich herausgekitzelt. Der letzte Absatz stört mich, Sarkasmus hat bei diesem Text nichts verloren. LG M.P.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Fledermaus

Die introspektive eines alkoholkranken Menschen finde ich gut gewählt für dieses Thema. Es macht mich traurig, dass die Protagonistin nicht um Hilfe bitten kann, denn den wichtigen Schritt, das Problem einzugestehen, hat sie ja vollzogen. Das Gebet am Ende macht die Tragweite des Problems bewußt, ich finde es gut platziert.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Sylvia

Gefangen im Alkoholismus! Puh, heftig. Besonders gefällt mir das innere Selbstgespräch. Obwohl ich mich frage, ob das in diesem Zustand so sein kann. Mein Tipp wäre die Zeit leicht zu ändern. Also die Szene nach dem Aufwachen mit "Kater" zu gestalten. Ansonsten super gelungen. Evtl. würde ich den Begriff Über-Ich herausnehmen. Die Ausweglosigkeit kommt beim Lese an!!! LG Sylvia

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von Sabine Mucha
[ Lesezeichen ]

5119

In eine Ecke gekauert saß sie in diesem Zimmer. Von völliger Dunkelheit umgeben, an die sie sich auch nach längerer Zeit nicht gewöhnt hatte. Keine Tür, kein Fenster, kein Ausgang. Kein Luftzug, kein Lichtstreifen, der ihr den Weg gewiesen hätte. Nur dieses Schwarz, das sie umgab. Es roch nach Urin, Schweiß, Blut und rohem Fleisch. Sie wagte es nicht, die Ecke zu verlassen, da sie nicht wußte, was sich in diesem Raum befand, wie groß er überhaupt war. Es war kein Laut zu hören, egal, wie angestrengt sie auch lauschte. Wie lange saß sie schon hier? Zwei Stunden, zwei Tage? War sie eingeschlafen? Hatte sie gegessen oder getrunken?
Das Zittern begann ganz plötzlich. Kälte breitete sich von den Zehenspitzen über die Beine bis hinauf in ihre Arme aus. Der Schweiß rann ihr von der Stirn. Sie fror entsetzlich. Das Herz schlug in ihrer Brust in einem gleichmäßigem aber sehr schnellem Takt. Sie konnte den Blutstrom hören, der sich einen Weg durch ihren Körper bahnte. Es rauschte entsetzlich in den Ohren. Ihr Magen verkrampfte sich, zog sich zusammen wie ein runzeliger Apfel, den man in der Obstschale vergessen hatte. Es war keine Bewegung möglich. Sie war wie am Boden festgefroren. Wie versteinert. Und ringsherum diese Stille, wie in einem kalten Grab.
Es war wie eine Explosion. Das Zittern wurde stärker, Tränen rannen aus ihren Augen, den Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet. Ihr Kopf spielte ihr einen Streich. Es drehte sich alles rundherum. Es brannte ein kleines Feuer in ihrem Kopf, das sich stetig ausbreitete und drohte durch ihre Augen hervorzutreten, um sie gänzlich zu verbrennen. Sie frof immer noch. Das Zittern ließ nicht nach. Doch der Schrei, der sich letztendlich aus der Tiefe ihrer Seele und ihres Herzens befreite war voller Panik und Todesangst. Bewegen konnte sie sich immer noch nicht. Festgefroren in der Dunkelheit. Umgeben von den Gerüchen nach Urin, Schweiß, Blut und rohem Fleisch.


Kommentar von tatmoor

ich kann mich dem Kommentar von Carlotta nur anschließen: gut geschrieben und könnte aus einem amerikanischen Thriller sein... Allerdings lässt die Perspektive - du schreibst über die Protagonistin und ihre Empfindung - eine merkwürdige Distanz entstehen, durch welche jede kleine Rhytmusstörung extre auffällt. So finde ich z.B. den Magenapfel aus der Obstschale nicht untermalend, sondern störend... Ich vermute, der Text wird dichter und weniger 'amerikanisch', wenn Du aus der "Ich-Perspektive" schreibst.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von M.P.

Ein Entführungsopfer? Davon gehe ich jetzt einfach mal aus. Irgendeinem Irren ausgeliefert, der es zu seinem Hobby gemacht hat, Menschen zu quälen? Der Gestank von Urin, Schweiß, Blut und rohem Fleisch! Dem Tode geweiht, mit der Erkenntnis nichts dagegen machen zu können. Das lese ich heraus. Lecker Schnipsel Dein Text, gefällt mir sehr gut.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Bärbel Giessmann

Mich macht dieser "Ausschnitt" einer Gefangenschaft neugierig, neugierig auf das Drumherum. Warum muss sie in diesem Zimmer sein und diese Beklemmung spüren. Fragen. Fragen, die sie doch auch haben könnte, neben der Angst. Ich kann das Sitzen im Zimmer mit der schrecklichen Angst total mitempfinden; das kommt sehr gut rüber. Aber ich würde auch das "Problem", in dem ich stecke, im Gehirn wälzen. Liebe Grüße Bärbel

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Gut geschrieben, aber wenigstens bei mir springt der Funke nicht über. Für mich klingt das sehr nach Versatzstücken aus (amerikanischen) Trillern. Vielleicht wäre es anders, wenn Du wenigstens angedeutet hättest, wer die Frau ist, wie sie in diese Situation gekommen ist oder was ihr droht.

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von MaDe
[ Lesezeichen ]

5105

Geräuschvoll fällt die Tür ins Schloss. „Ich bin wieder da!“ Sie zuckt zusammen. Verdammt! Wieso so früh? „Schätzchen, wo bist du?“ Ein Klirren. „Das war die Vase vom Schuhschrank“, geht es ihr durch den Kopf. „Willst du deinen Mann nicht begrüßen?“ Er lallt. Polternde Schritte auf dem Parkett. Gleich wird er sie entdecken. Sie hält den Atem an. „Ach hier bist du!“ Schwankend steht er im Türrahmen. „Wieso kommst du nicht, wenn…“ Sein Blick bleibt am halbgepackten Koffer auf dem Bett hängen. „Was soll das?“ Schweigen. Noch eine Spur schärfer: „Kannst du nicht mehr reden?“ Was soll sie sagen? Es war ein guter Plan. Er kam immer später. Sie hätte es fast geschafft. Fast!
Er macht drei Schritte auf sie zu. Sie weiß, was jetzt kommt. Sie kennt diesen irren Ausdruck in seinen Augen. Sie ist bereit, als seine Faust in ihrem Gesicht einschlägt. Trotzdem ist der Schmerz so heftig, dass sie für einen Moment das Bewusstsein verliert. Als sie wieder zu sich kommt, sitzt er auf ihr. Seine Hände umschließen ihren Hals. „Du verlässt mich nicht…“


Kommentar von tatmoor

Diesen Text aus der sicheren Entfernung lesen, es ist nur ein Text und geschieht wahrscheinlich trotzdem gerade jetzt, wo ich ihn lese, irgendwo in Deutschland, in Europa, Amerika... Lebendig geschrieben, auch wenn ich als burnoutete Sozialarbeiterin dieses ganze Elend nicht mehr aushalte. Leider gibt es eben keine eindeutigen Erklärungen für das Verahlten der mißhandelten Frau, des mißhandelnden Mannes... Sonst würden Hilfsangebote wie Frauenschutzhäuser, Sozialarbeit, Psychotherapie in solchen Fällen öfter greifen - machen sie aber nicht. Leider. Und wenn ich mich dann diesem Gefühl der Resignation, welches beim Lesen dieses Textes entsteht, ergebe, dann spüre ich seine Hände an meinem Hals und denke "na los, drück zu, mach endlich Schluß"...

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Eva Marcuse

Das ist eine ganz starke Momentaufnahme. Da ist alles drin

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Angela Thies

Warum bloß ist sie bereit seine Faust zu empfangen? Fesselnd, wie geht es weiter?

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von M.P.

So kurz und so viel drin! Du hast das Thema nur angerissen, warum nicht, es muß ja nicht immer eine Kurzgeschichte werden. Aber was Du in diese wenigen Zeilen gepackt hast, ist richtig gut.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Sylvia

Du hast viel in wenig Worte gepackt! Das gefällt mir! Man zittert richtig mit mit dieser armen Frau. Stoff für einen Roman? Dann könntest du die Fragen von Carola auch beantworten! LG Sylvia

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Den äußerlichen Ablauf hast Du gut getroffen. Aber ich hätte gerne mehr über die Gefühle der Frau erfahren. Warum sie so lange in dieser Beziehung verharrt ist; was sie noch hält, ausser der Brutalität (denn meist ist da noch etwas anderes).

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Cora

Packend geschrieben. Beklemmend der Gedanke, dass diese Geschichte ein Teil Deiner Biographie ist.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Pollie Bley

Als ich den Text las, sah ich sofort den Fernsehspot gegen häusliche Gewalt vor mir. Sehr beklemmend und so hoffnungslos trostlos. Ich bin nur über den Satz: Er kam immer später - gestolpert, da du da die Zeit gewechselt hast. Vielleicht hättest du etwas wie "für gewöhnlich kommt er später" verwenden können

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von Efa
[ Lesezeichen ]

5104

Ihn kannte ich damals schon einige Wochen, aber die Liebe war bereits in meinem Herzen eingraviert.
Als ich dann unschöne Dinge von ihn entdeckte, die mein Hirn so nicht hinnehmen wollte, brach der Krieg aus. Dummerweise siegte in diesem ersten Kampf das Herz, was mich tief stürzen ließ.
Es dauerte lange, bis mein Hirn wieder die Oberhand ergreifen konnte, damit war ich endgültig geheilt von ihm.


Kommentar von Angela Thies

Ach, die Liebe so schön und so leidevoll, in den kurzen Sätzen gut erkannt. Aber warum das alles? Das würde mich jetzt sehr interessieren.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von M.P.

Schließe mich Carola an.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Carola Ottenburg

Ich glaube Dir, dass es so war. Aber wenn Du über eine derartige Situation schreibst, musst Du mehr ins Detail gehen, um Deine Leser zu fesseln. Butter bei die Fische geben, wie man im Norden sagt. Das muss kein Seelenstriptease werden, auch wenn du autobiographisches Material verwendest. Schließlich hast Du es in der Hand, das Material zu bearbeiten und zu verfremden. Aber bitte scharf stellen, nicht weichzeichnen. Weichzeichner ist nur etwas für romantische Szenen.

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von Samira
[ Lesezeichen ]

5100

Drei auf fünf Meter

Er läuft ihr entgegen. Und gestikuliert dabei so heftig mit den Armen, als ob er einem Hubschrauber den Landeplatz anweisen wolle. Sie hat ihn gleich gesehen. Ganz da vorne. Am Ende einer riesigen Asphaltfläche.
Auf halber Höhe treffen sie sich und er beteuert mehrere Male, wie sehr er sich über ihren Besuch freut, nimmt ihr die Tasche ab. Sie freut sich auch sehr. Hat ihn vermisst, ihren Vater. Den ruhigen Mann, den sie nur in Führungspositionen kannte und der immer so viel Sicherheit für sie ausstrahlte. Bis man ihm die Abfindung gab. Mit der er sich nicht abfinden konnte.
Ein Jahr lang war er arbeitslos gewesen, bevor man ihm diese Stelle anbot. Hier im Osten. In den neuen Bundesländern läge die Zukunft, hiess es. Und vor neun Monaten glaubte er das auch.

Dann stehen sie vor dem Container. Einem jener Container, in dem man wohnt, wenn man nur kurz bleiben will. Auf Baustellen zum Beispiel.
Das Licht drinnen ist grell, verbirgt nicht den bitteren Zug um seinen Mund.
"Mach's dir gemütlich", sagt er.

Auf einer Kochplatte neben der Nasszelle setzt er Teewasser auf. Ihr Blick wandert durch den Raum. Drei auf fünf Meter schätzt sie grob, sie hat ein gutes Augenmaß.
So lebt er also.
Sie setzt sich aufs Bett. Auf einem Hocker daneben, der als Nachttisch dient, steht ein Bild ihrer Mutter, in Glas gerahmt. Und ein Wecker in unerbittlichem Takt. Den blauweißkarierten Bettbezug findet sie heimelig. Er findet das auch. Meint, der erinnere ihn an Zuhause und zwinkert ihr zu. "Bavaria, you know?!"
Nachdem er aus dem Hängeschrank über dem Herd zwei Tassen geholt und mit Tee gefüllt hat, setzt er sich auf einen der beiden Klappstühle ihr gegenüber. Stützt sich mit dem Ellbogen auf den kleinen Tisch. Die Hand an der Wange.
"Tja, das ist mein Domizil. Zucker?"
"Nein, danke."

Später befestigt er mit Tesafilm das Poster, das sie ihm mitgebracht hat, an der Wand über dem Bett. Berliner Mauer im Querformat. Ein Reststück, bunt bemalt. Damit er hier ein wenig Farbe hat.
Zu Abend essen sie in der Stadt. Er kennt sich nur mäßig aus, meist isst er schnell was bei sich, weiss aber, dass das gesamte Lokal, in dem sie sich befinden, aus Containern besteht.
"Auch Krankenhäuser werden aus Containern gebaut", meint er, "überhaupt viel Gebäude hier".
Sie erzählt ihm von daheim und sie unterhalten sich blendend. Lachen viel, sodass sie fast vergessen, dass sie fahren und er bleiben wird. So lange bleiben, bis die Halle errichtet und die Wohnung gemietet sein würde, die man ihm zugesichert hat. Und in die er seine Frau nachholen könne, die zuhause auf ihn wartet. Sicherheitshalber ihren Halbtagsjob behält. Und sich nicht ans Alleinsein gewöhnen kann.
"Eines Tages", sagt er.
"Ja, eines Tages."

Schlafen kann sie im Nachbarcontainer, der ist für Besuch. Duschen bei ihm.
Kein Problem.
Die ganze Nacht über bellen Hunde. Hunde, die das Industriegebiet bewachen, das nachts daliegt, wie braches Feld. Kommt ihr vor, wie das Heulen von Wölfen. Als sie aus dem Fenster sieht, entdeckt sie ein paar Hasen, die am Rand des Hofes entlanghuschen.
Über dem gesamten Gelände sind große Fluter verteilt. Beleuchten den Asphalt. Wo es nichts zu beleuchten gibt.

Schon früh am Morgen rauschen Laster an den Hallen vorbei. Es wird aus- und eingeladen und sie hört Stimmen, die sich zurufen. Reges Tun.
Auch er macht einen anderen Eindruck. Trägt einen feinen Anzug und riecht nach teurem Aftershave. Mit einem weißen Taschentuch betupft er sich die Stirn, die ersten Perlen des Tages.
Wird heute wieder Container verkaufen. Den Aufbau leiten.
Die Tassen vom Vortag stehen erneut auf dem Tisch.
"Kaffee oder Tee?"
"Kaffee, bitte. Schwarz."
Für ein paar Sekunden schauen sie sich ruhig in die Augen. Dann tippt er an den kleinen Blumenstock, der zwischen ihnen blüht. Bedankt sich noch einmal dafür.
Sie lächelt, "und vergiß ihn nicht zu giessen".
Zum Abschied eine feste Umarmung. Sie kurbelt die Scheibe hinunter und winkt, wie verrückt. Winkt, bis er im Spiegel ganz klein wird.
Er steht einfach da. Vor seinem Container am Ende des Hofes.
Und er hebt den Arm.


Kommentar von tatmoor

Was für ein trostloser Text! Zum Glück kann ich von meinem Laptop aus, aus dem Fenster sehen und da sehe ich eines dieser wundervollen Jugendstilhäuser in Leipzig. Setze ich mich dann in mein Auto und fahre in den Westteil der Stadt, immer näher ans Industriegebiet, desto trostloser wird der Anblick und meine Stimmung. Egal wo, dieses Leben im Karton, dieses "Drei auf fünf Meter" ist menschenunwürdig und beklemmend und das bringst Du sehr gut zum Ausdruck.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Bärbel hat die subtilen Andeutungen und Symbole in dem Text gut benannt. Habe bisher nur deshalb nichts geschrieben, weil die anderen schon alles gesagt haben, aber ich möchte, dass Du weißt, dass es sicher noch mehr begeisterte Leser gibt, auch wenn sie nicht kommentieren! Bin ich froh, dass der Vater zumindest die Chance hat, da mal wieder rauszukommen, auch wenn man nicht weiß, wann "eines Tages" sein wird...

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Angela Thies

Die Stimmung finde ich sehr gut vermittelt - für mich bleibt eine Schwere und wenig Hoffnung, dass sich bald etwas ändert. Die kurzen Dialoge passen da toll hinein.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Frog

Samira, Du wirst immer besser. Diese kurzen knappen Sätze, mit denen Du alles sagst - und gleichzeitig Bilder schaffst, die sich einprägen im Kopf. Hut ab!

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von M.P.

Ein Gefangenenlager der Arbeit. Wiederaufbau Ost in seiner grauesten Form. Die Eisamkeit und die drückende Enge des Wohncontainers kommen sehr gut rüber in Deiner Geschichte.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Bärbel Giessmann

Ganz stark finde ich Folgendes: " Und ein Wecker in unerbittlichem Takt. Den blauweißkarierten Bettbezug findet sie heimelig. Er findet das auch. Meint, der erinnere ihn an Zuhause und zwinkert ihr zu. "Bavaria, you know?!" Nachdem er aus dem Hängeschrank über dem Herd zwei Tassen geholt und mit Tee gefüllt hat, setzt er sich auf einen der beiden Klappstühle ihr gegenüber. Stützt sich mit dem Ellbogen auf den kleinen Tisch. Die Hand an der Wange. "Tja, das ist mein Domizil. Zucker?" "Nein, danke." Später befestigt er mit Tesafilm das Poster, das sie ihm mitgebracht hat, an der Wand über dem Bett. Berliner Mauer im Querformat. Ein Reststück, bunt bemalt. Damit er hier ein wenig Farbe hat." Für mich transportiert das hier Humor. Zucker...? Versüßt das Domizil. Das mitgebrachte Plakat: Sinnbild , Mauer, gefangen! Und der Wecker, der Unerbittliche, der seinen Takt behält. Offen ist für mich aber, worin dieser Mann gefangen ist: im Job? Ist es ein ungeliebter Job? Im Container? In Containern? Da er ja scheinbar in einem Container-Restaurant speist? Dazu wünschte ich mir mehr Information: wo sollen überall Container stehen und warum? Ich kenne sie nur als Interimslösung. LG Bärbel

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Cora

Sehr gut. Knackig die knappen Dialoge.

Eingetragen am: 28.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von Jane
[ Lesezeichen ]

5091

Das Glück hatte mich verlassen und anstatt einfach nur zu gehen, hat es mir noch einen kräftigen Tritt verpasst.
Alles fing damit an, dass ich mich von meinem Freund trennte. Es war einfach nötig gewesen, weil wir einfach gar nicht zusammenpassten. Manchmal glaube ich, dass er mich verflucht hat und mir deshalb so viele Missgeschicke passiert sind. Nach diesem erlösenden Gespräch fing jedenfalls alles an.
Zunächst rutschte ich in der Dusche aus. Das heißt, ausgerutscht bin ich gar nicht. Ich habe mir den Schaum von den Füßen spülen wollen. Aus der Leitung kam brühend heißes Wasser. Ich zog reflexartig die Füße weg, verlor das Gleichgewicht, fiel nach vorn und schlug mit dem Kopf gegen die Amatur. Dank des kleinen Unfalls lag ich drei Tage mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Ich verpasste ein wichtiges Fußballspiel, teilte das Zimmer mit einer schnarchenden Oma und konnte mich nicht auf eine wichtige Klausur vorbereiten. Dementsprechend schlecht ist die Prüfung auch ausgefallen. Doch wenn man denkt, jetzt kann es nur noch besser werden, schlägt das Schicksal noch einmal zu.
Es passierte an einem Tag, der im Vergleich zum Rest der Woche ausgesprochen reibungslos ablief. Die Sonne schien, ich hatte die beste aller Launen und war am Abend zur Semesterabschluss-Party eingeladen. Am frühen Abend tanzte ich durch mein kleines 9 qm Studentenzimmer und legte mit meine Party-Outfit zurecht. Ich duschte unfallfrei und tänzelte nur mit einem Handtuch bekleidet zurück in mein Zimmer. Alles war trügerisch fröhlich. Ich sang laut mit dem Radio mit. Meine Mitbewohner waren schließlich nicht da und konnten meine Arien nicht hören.
Als ich mir den Föhn aus dem Schrank holen wollte, fiel ein Teil des Gerätes in die Spalte hinter der Schublade. Ich brauchte dieses Teil aber, um mir meine perfekte Party-Frisur zu zaubern. Die Schublade einfach aus dem Schrank zu ziehen funktionierte nicht. Ein Bücherregal versperrte den Weg. Nicht zum ersten mal, verfluchte ich die Enge meines Zimmers. Beim Betrachten des Spalts kam mir die Idee, dass ich das Ding ja auch mit der Hand herausfischen könnte. Ich musste theoretisch nur gekonnt meinen Arm verbiegen. So geschah es dann auch.
Ich kniete mich vor den Schrank, wobei sich das Handtuch löste. Im Radio lief "Walk like an Egyptian" von den Bangles und ich musste an diese ägyptischen Zeichnungen denken, auf denen Menschen mit unnatürlich verbogenen Armen dargestellt sind.
Ich kniete also nackt da, summte diese Melodie, schob meinen Unterarm zwischen Schublade und Schrank, drehte meine Schulter nach vorn und verfrachtete so auch den Ellbogen noch in den Spalt.
Ich hatte den Aufsatz für den Föhn schon in der Hand und war in Gedanken bei der Party. Mein linker Arm allerdings steckte noch im Schrank fest. Ich drehte die Schulter nach vorn und wollte den Arm genauso herausholen, wie ich ihn in diese Lage gebracht hatte. Das klappte aber nicht. Auch nicht mit Gewalt. Ich machte mir meine Situation bewusst. Ich steckte fest und niemand war in der Wohnung, der mir hätte helfen können. Wenn man so gefangen ist, gehen einem wirklich seltsame Gedanken durch den Kopf. "Was, wenn die Feuerwehr mich hier rausschneiden muss und ich dabei total nackt bin!?" oder "Wenn ich ein paar Tage hier so festsitze, nehme ich bestimmt so viel ab, dass der Arm durch den Spalt passt."
Während mich diese Gedanken quälten, versuchte ich mich weiter aus diesem unbequemen Gefängnis zu befreien. Mein Arm war in der Zwischenzeit zerkratzt und kalt wurde mir außerdem. Die Radiomusik nervte mich. Panik wollte sich in mir breit machen.
Einmal holte ich noch tief Luft. Ich legte meinen Kopf zur Entspannung auf der Schublade ab, denn diese Haltung tat auch dem Rest des Körpers unheimlich weh. Und das war der Trick. Mit dem Kopf auf der Schublade kriegte ich den Arm dann doch noch frei. Zu dumm, dass ich vergass den Föhnaufsatz mit herauszuholen.
Ich ging an dem Abend zu keiner Party mehr. Ich blieb zu Hause in meinem Bett und trank einen Tee. Sicher ist sicher.


Kommentar von Angela Thies

Eine total witzige Geschichte aus dem Leben gegriffen - super - besonders dein Gedanke, in drei Tagen habe ich soviel abgenommen, dass der Arm durch den Spalt passt. Ich habe laut gelacht, nicht nur bei diesem Satz.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Bärbel Giessmann

Habe ich gelacht! (Sorry) Aber es ist so humorvoll geschrieben: "ich duschte, diesmal unfallfrei". Und auch das Verrenken, der Arm-Spagat, der noch untermalt wurde mit einem bestimmten Song (Lachtränen aus dem Gesicht wisch!) Ich finde, du warst nicht nur im Schrank gefangen, sondern auch in den unglücklichen Verknüpfungen von Unfällen zu einer gewissen Zeit. Hervorragend verknüpft: wozu das Erleben manchmal herhalten kann: zu guten Geschichten! Danke an dein ER-LEBEN! Lachende Grüße Bärbel

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Pollie Bley

Der erste Satz ist ganz, ganz toll!! Ich sah dich dann richtig vor meinem inneren Auge - nackt, nass und in aufkeimender Panik. Dachte auch sofort an die Feuerwehr, und wie peinliches wäre ... Schmunzel!

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von m.petersen

Eine gelungene Momentaufnahme, so finde ich. Was mir fehlt, ist ein wenig mehr Gedankenspiel mit der Angst und der Verzweiflung.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Samira

Ohje, solche Tage kenne ich... ich habe sehr gelacht! Toll geschrieben und so witzige Thematik, dass ich gerne mehr lesen würde!! Prima!!

Eingetragen am: 27.02.2008

Kommentar von Fledermaus

Die Einleitung würde ich weglassen und da einsetzen, wo die Stimmung gut und frischgeduscht ist. Die Nacktheit macht die Situation, die misslich ist, auch noch peinlich. Der Schluss ist dir, wie ich finde, gut glungen.

Eingetragen am: 27.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von Hana Shimakage
[ Lesezeichen ]

5092

Ich steige die Stufen hinauf, mit starrem Blick, die Menschen um mich herum - obwohl nah - wie ferne Gestalten wahrnehmend.

Meine Augen sind geweitet, und die Angst ist wie ein Druck tief zwischen meinen Rippen. Je weiter ich dem Ende der Treppe komme, desto höher steigt er, bis in meinen Hals. Ich möchte mich einfach hier hinsetzen und weinen, weinen, weinen, solange bis alles draussen ist und diese wunderbare Erleichterung eintritt.
Aber das ist unmöglich.

Dann sehe ich sie, diese Gesichter mit dem Blick, der meine Angst noch tiefer in mich drückt und an mich klebt, so, als wolle sie mich umarmen und diese Umarmung nie wieder lösen. Wie ein aufdringlicher Liebhaber der ein "Es ist aus" nicht hinnehmen will.

Ich schaue geradeaus, tue so als ob es mir nichts ausmacht, oder als wäre dieser Hass für jemand anderen, hinter mir gehenden bestimmt. Mein Blick ist nun kühl, soll - und darf - keine Emotion verraten.

Ich öffne die Glastür, gehe an diesen lauernden Gestalten vorrüber und höre deutlich wie sie rufen: "Fette Sau."
Mein Magen krampft sich zusammen.


Kommentar von tatmoor

Ein immer wiederkehrender Alptraum? Schulalltag? Leben in der Gruppe der Hoffnungslosen, deren einzige Freude die Zerstörung der Lebensfreude anderer ist? Mir fallen viele Situationen ein, zu denen dein Text passt. Aus diesem kurzen Text könnte so eine Geschichte entstehen, wie die von mir bewunderte "Am Ende war die Tat" von Elisabeth George. Gefällt mir, deine Mischung von direkt indirekter Sprache.

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Angela Barotti

Musste deine Story zweimal lesen, weil ich beim ersten Mal von einem Erwachsenen ausgegangen bin. Doch 'fette Sau' passt zum Mobbing unter Schülern. Haben beim zweiten Lesen dann einen pummeligen Schüler vor mir gesehen, der die Treppe hochgeht, um zu seinem Klassenzimmer zu kommen. Jetzt passte alles zusammen. Schlimmer kann ein Schultag kaum beginnen, wenn man schauspielern muss, um die anderen nicht auch noch zu körperlicher Gewalt anzustacheln. Klasse gemacht.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Angela Thies

Deinen Text habe ich öfter gelesen - mir wird nicht ganz klar woher die Angst rührt. Vor Menschen im allgemein oder vor der bereits erahnten Bemerkung am Schluss, die so schön überraschend kommt.

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von m.petersen

"Wie ein aufdringlicher Liebhaber der ein "Es ist aus" nicht hinnehmen will." ist ein ganz starker Satz. Für mein Empfinden etwas zu viel passiv verwendet, vor allem in der Anfangssequenz. Ein ergreifendes Ende, damit hatte ich nicht gerechnet, super.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Frog

Kurz und schmerzvoll. Ganz tolle Bilder, mit denen Du diese Angst beschreibst. Schön. Und traurig.

Eingetragen am: 27.02.2008

Kommentar von Jane

Das ist echt spannend und sehr bildlich geschrieben. In meinem Kopf sind während des Lesens mind. 10 Varianten aufgetaucht, wie es weitergehen könnte. Und das Ende?! Schockierend gut.

Eingetragen am: 27.02.2008

Kommentar von Fledermaus

Das Ende gefällt mir gut; ich hatte mehr mit einer Angststörung gerechnet, es ist überraschend. Der Trick ist übrigens der, zu wissen, dass Menschen, die solche Bemerkungen nötig haben, damit nur dafür sorgen, dass niemand auf die Idee kommt, nach IHREN Schwächen zu suchen. Die Angst, nicht zu genügen, abgelehnt zu werden, sitzt in jedem Menschen. Ausnahmslos.

Eingetragen am: 27.02.2008

Eingetragen am: 27.02.2008 von Bärbel Giessmann
[ Lesezeichen ]

5084

Gefangen.

Beklemmung steigt hoch, irrsinniges Herzklopfen. Angst. Angst, die mich nicht weglaufen lässt, sondern lähmt.

Meine Augen , hätte ich einen Spiegel und könnte ich sehen, scheinen schrecklich schreckhaft geweitet. Sie versuchen, in der Dunkelheit irgendetwas zu erkennen. Schemen, Schatten. Oder doch lieber nicht?

Schauder, ein Schauder überm Rücken, Gänsehaut, aber kalte. Gruselkalt. Bitte Mama, weck mich, lass es nur einen Gruseltraum sein, bitte!

Mhmmmmh, keiner weckt mich, Schreck lass nach. Alles echt.

Ich stehe im Dustern im Keller unserer achtstöckigen Wohnanlage.

Am Anfang alles in Ordnung.

Ich bringe mein Fahrrad wie immer am Ende des Spieltages in den Keller. Schließe die Stahltür auf, grabbele rechts um den Türrahmen rum nach dem Lichtschalter, klick. Dann befestige ich die Stahltür und schiebe ganz weit nach hinten zu unserem Keller, erst rechts rum, 20 Schritte laufen, dann links rum, 30 Schritte laufen. Sackgasse, Holztür, Schloss, Schlüssel, aufgemacht, reingeschoben und--- plumps, höre ich die Kellertür ins Schloss fallen, zweimal rumgedreht, eingeschlossen.

Hallo, was war denn das für ein Scherzkeks? Aber wenigstens hat er das Licht angelassen. Dummdödel, dieser, bestimmt der Junge aus dem 6. Stock, dessen Schwester in meine Parallelklasse geht, wir mögen uns nicht.

Naja, noch schnell den Reifen aufgepumpt.

Wutsch, jetzt ist das Licht aus...

Grusel...warum jetzt? Die Tür vorne wurde doch abgeschlossen?

Klatsch, die Verbindungstür zum Nachbarhaus fällt ins Schloss. Diese ist ganz in der Nähe bei mir...vielleicht 10 Schritte geradeaus und 15 linksherum.

Da muss jemand diese leise geöffnet haben und dann auch rechts rum nach diesem Lichtschalter gegrabbelt haben. Und das Licht ausgemacht haben.

Auweia, die Tür hörte ich ja ins Schloss fallen, steht jetzt da jemand auf meiner Seite des Kellers oder lauert er hinter der Tür, wartet, bis ich da bin , um den Lichtschalter zu betätigen? Stößt dann die Tür auf, um mich zu erschrecken? Nur um mir einen Schrecken einzujagen? Warum, warum?

Oder lauert er und horcht darauf, ob ich mich auf den Weg zum Lichtschalter mache?

Oder schleicht jemand sich langsam an mich ran? Das würde dann bedeuten, dass er wüsste, wo ich bin. Er müsste mich vorher gesehen haben.

Warum?

Will mich da einer meucheln? Weg, weg mit dem Gedanken! Was will er aber? Warum so ein Scheiß-Spiel!?

Spiel, nur ein Spiel: ich gestatte mir ein erleichtertes Auf- und Ausatmen, aber nur kurz, denn gleich greift die Angst mir wieder in den Nacken.

Hallo, kann mal Jemand in den Keller kommen? Vorne die Stahltür aufschließen und Licht anmachen?

Bittebitte.. Mein Herz pocht, mein Herz hofft.

Ein Kloß bildet sich im Hals. Nur nicht heulen, dann hört mich dieser Jemand, der, der das "Spiel" spielt. Und ich höre durchs Heulen nichts mehr. Aller Sinne bearubt. Beim Heulen kann ich auch nichts riechen. Riechen, ob sich mir einer nähert, der vielleicht stinkt.

Eingeschlossen ist schon schlimm, im Dunkeln aber unerträglich. Ohjeeee, es läuft nass an meinen Beinen runter. Aber es ist warm, es nimmt einen Teil der Eiseskälte mit. Habe ich doch mitten im Stehen in den Keller gepuscht.

Ich stehe und lausche. Langsam wird es aber kalt zwischen den Beinen, als schlägt da jetzt auch die Eiseskälte zu.

Falls mich einer vergewaltigen will, dann lässt der sicher ab von mir, wenn der merkt, dass ich eingepullert habe.

Langsam fühle ich mich erleichtert. Bis jetzt konnte ich nichts Fremdes wahrnehmen, kein Atmen hören, kein Vorwärtsschleichen erahnen. Nichts Verdächtiges erschnuppern.

Ich schiebe mich jetzt vor, denn lauert da einer auf mich, dann ist er bald eh bei mir. 10 Schritte immer an der linken Wand lang; ah, ich fühle die Ecke.

Angst habe ich, dass ich nicht die raue Wand ertaste, sondern was Anderes. Nein, nicht an so Etwas denken.

Rum um die Ecke. Keine Wand mehr, weil ein Gang kommt, ganz links sind noch Kellerverschläge. Da gibt es aber nicht einen Lichtschalter.

Ich taste mit den Füßen weiter vorwärts. Rumms, Kellertür links. Jetzt etwas nach rechts und geradeaus. Noch 15 Schritte ungefähr trennen mich vom Lichtschalter und von der Durchgangstür und von???

Nein, da wird nix sein!

Weiter. Rumms, Wand. Weiter taste ich mich an der Wand lang bis zum Lichtschalter. Ich taste nach ihm, nichts schiebt sich dazwischen.

Erleichterung; ich könnte fast vor Freude heulen. Nein, nicht. Dann sehe ich nichts mehr. Trage doch ´ne Brille. So, ich muss es wissen. Ich reiße die Tür auf. Nichts. Ich mache drüben Licht. Licht im Keller des anderen Hauses. Nichts.

Jetzt höre ich jemanden rennen und gleichzeitig wird Gott-sei-Dank auch vorne bei mir die Kellertür aufgeschlossen.

Ich lasse Licht im Nachbarhaus, lasse die Tür zufallen und renne. Renne wie blöd auf meine Ausgangstür zu.

Unser Nachbar aus dem 4. Stock bekommt einen Schreck, wie ich aus dem bereits hellen Keller auf ihn zuhetze. Dabei hat er doch noch gar nicht den Lichtschalter gedrückt!

Der muss sich wundern. Sicher denkt er, dass ich spinne. Dass ich im abgeschlossenen Keller meine Zeit verbringe.

Egal. Im Fahrstuhl fange ich an zu juchzen und zu schluchzen. Zum Teil mag ich lachen, aber der überstandene Schreck lässt die Tränen jetzt zu. Nichts ist mir passiert!

Und das soll auch so bleiben. Deshalb verabrede ich mit meiner Mutter, dass sie immer guckt und wartet, wenn ich ab jetzt in den Keller muss.

Aber Mutter hat selber vor Kellern Angst, so dass ich ab jetzt immer klingele und Mutter dann im Treppenhaus im 4. Stock steht und runterschaut. Bevor ich durch die Tür unten trete, rufe ich immer nochmal zu ihr hoch. So hoffe ich, dass ein potentieller Täter von mir ablässt! Und wenn ich wieder rauskomme, wohlbehalten, läuft mir vor Erleichterung immer ein Schauer den Rücken runter und ich werfe ganz schnell die Tür zu und schließe rasch ab.


Kommentar von Bärbel Giessmann

Zur Frage von Angela: ist das Kind schon älter?? Es ist ein pubertierendes, sehr aufgewecktes Mädchen. Eins, was sehr informiert ist, und die sensibel gemacht wurde für alles Böse drumherum, da ihr Papa Polizist ist. Ein Mädel mit Hochbegabung und Schiss ;-)) in der Hose, dass mann ihr Böses zufügen könnte. Sie hat auch schon "komische" Briefe im Briefkasten gefunden und merkwürdige Anrufe von Männern bekommen. Liebe Grüße Bärbel

Eingetragen am: 06.03.2008

Kommentar von Angela Thies

Die Angst ist gut fühlbar. Ich würde aber direkt in der Geschichte anfangen, und zwar als du das Fahrrad in den Keller bringst, und dann als die Tür ins Schloss fällt mit der Beklemmung und Angst beginnen. Mit einigen Wörtern verliert für mich der Text an Spannung, z.B. grabble, Scherzkeks, Gott sei Dank, Vergewaltigung....das würde ich versuchen anders zu umschreiben; ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Kind so denkt, wenn es Angst hat. Oder ist das Kind schon etwas älter?

Eingetragen am: 05.03.2008

Kommentar von Metta Maiwald

Die Einleitung (erste vier Absätze) finde ich entbehrlich. Toll, wie Du mit allen Sinnen spieltst. Herzklopfen, Lauschen, Tasten nach dem Lichtschalter... Die Steigerung der Angst durch die kindliche Phantasie (vermutlich aufgrund des Genusses diverser Abenteuergeschichten ;-) !?!).

Eingetragen am: 29.02.2008

Kommentar von Bärbel Giessmann

Ich bedanke mich sehr für euer Lob und müsste jetzt den Satz umschreiben, warum ich Romanautorin werden möchte :lach: Ich möchte Romanautorin werden, weil es mich lechzt nach Lob, weil ich im amazon schwarz auf weiß tolle Lobhudeleien über die Autorin und über ihr Buch lesen möchte, weil ich es brauche, dass es Gedanken von mir gibt, die der Nachwelt erhalten bleiben Punkt ;-)

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von m.petersen

Ich kann mich den anderen nur anschließen, ein wirklich gelungener Text mit sehr viel Spannung. Klasse.

Eingetragen am: 28.02.2008

Kommentar von Sylvia

Gefällt mir! Du hast die Spannung lange gehalten! Durch die Beschreibung der sinnlichen Wahrnehmungen habe ich voll mitgezittert! Sehr schön! LG Sylvia

Eingetragen am: 27.02.2008

Kommentar von Sabine Mucha

Hallo Bärbel! Ich fand Deine Geschichte echt gut. Konnte mich richtig reinversetzen von Panik gepackt mit in diesem Keller zu stehen und verzweifelt nach einem Ausweg zu suchen. Hast Du echt klasse geschrieben. Allerdings würde ich nicht "schrecklich schreckhaft" schreiben. Da finde ich, ist ein schreck zu viel drin. Ansonsten supi! Liebe Grüsse Sabine

Eingetragen am: 27.02.2008

« zurück 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · 11 · 12 · 13 · 14 · 15 · weiter »