40 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 9 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 9 mit Übungsaufgabe

27.02.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 02.08.2008 von Alice
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15576

Die Warteschleife

'Der Teilnehmer, den Sie erreichen möchten, ist zur Zeit nicht verfügbar. Er ist grade zuhause bei seiner Ehefrau und seinem Kind. Bitte legen Sie nicht auf. Sobald seine Leitung frei wird, ist er für Sie da. Danke für Ihre Geduld.'

Ich will hier RAUS! Bitte! Ich will hier raus. Ich kann das nicht mehr aushalten... Bitte... Ich kratze an den Mauern meines unsichtbaren Gefängnisses, ich schreie in die Tiefen meines Herzens, ich schreie und schreie. Die Fingernägel meiner Gefühle sind blutig, abgebrochen, an manchen Stellen bis tief ins Fleisch. Es tut so weh. Ich will hier hier raus... Kann mir denn niemand helfen? Hört mich denn niemand. Warum höre ich mich nicht? Die Tränen laufen mir über das Gesicht, bahnen sich ihren Weg und tropfen langsam von meinem Kinn. Ins Nichts. Wie oft habe ich schon gepredigt, dass man sich nur selbst helfen kann und wo bin ich nun? Wo bin ich, um mir zu helfen? Von außen ist es immer einfach. Aber wenn man selbst drinsteckt... Wenn es einen umklammert... als würden sich die dornigen Ranken einer unbarmherzigen Pflanze um jeden Zentimeter meines Körpers schlingen, meine Haut durchbohren und mein Blut vergiften. Als würde jemand mein Herz durchstoßen. 1000 Mal. Mit einer kleinen spitzen Nadel, vielleicht mit Kreuzstich. Fein säuberlicher Kreuzstich. Rundherum.

Es ist das Warten, dass einen in die Verzweiflung stürzt. Jeden Tag ein kleines Bisschen mehr. Aber aufhören zu warten, würde heißen alles aufzugeben. Und auch das kann ich nicht. Ich will es nicht. Auch wenn die Hoffnung immer mehr schwindet. Wo geht sie hin? Und ist da, wo sie her kam nicht doch auch immer noch mehr? Es ist die Hoffnung, die einen gefangen hält. Hier in der Warteschleife. Die Hoffnung, die sich immer wieder nährt aus den wenigen Momenten, in denen man der Warteschleife entfliehen kann, um den süßen Genuß dessen, was man sich ersehnt zu kosten. Ein gemeinsames Mittagessen, ein paar geklaute Stunden hier und da, eine leidenschaftliche Nacht und ein ineinander versunkener Morgen. Das 'Was wäre, wenn es für immer so sein könnte?' läßt Hoffnungen gedeihen und wachsen, die so rosa sind wie die schönsten Kirschblüten im Juni. Kirschblüten, an denen man sich nicht satt sehen kann und deren Duft dunkelrote, süße, saftige Kirschen verspricht.

Und dann wieder das Warten. Wird es bald vorbei sein? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Kurze SMS mit vieldeutig interpretierbaren Inhalten. Lange Emails. Sehnsüchtige Liebesschwüre wechseln sich ab mit depressiver Ratlosigkeit. Gemeinsame Träume in voneinander getrennten Leben. Manchmal tagelang keine Reaktion. Er könnte tot sein und ich würde es nicht mitkriegen. Dann wieder Tage, an denen das Ziel so nah erscheint. Aber wir kommen nicht an. Manchmal können wir es im Nebel sehen. Manchmal ist es nur noch ein Schritt. Und immer wieder gibt er auf.

Dann bin ich kurzfristig erlöst aus der Warteschleife. Dann bröckeln die Mauern meines Gefängnisses, der Kreuzstich löst sich vermeintlich und ich kann wieder schlafen. Einen erschöpften traumlosen Schlaf. Solange bis die durch den Schlag verstummte Sehnsucht wiederkehrt. Und die Hoffnung erneut ihren Weg aus der Dunkelheit findet.

Warum passiert das mit mir? Warum kann ich nicht aufhören, seine Nähe zu suchen und mich immer wieder dem Warten auszusetzen? Irgendjemand Schlaues hat mal gesagt 'Das Warten ist die grausamste Vermengung von Hoffnung und Verzweiflung, durch die eine Seele gefoltert werden kann.' Warum foltere ich mich selbst? Ich weiß es nicht. Weil ich ihn liebe? Ja, das tue ich. Sehr. Ich könnte Seiten füllen mit Dingen, die ich an ihm liebe, mit Gründen, die ihn für mich den faszinierendsten Menschen auf der Welt sein lassen, mit all der Überzeugung, die mich glauben läßt, dass wir eine glückliche Zukunft haben könnten. Weil WIR es sein könnten... Weil ich glaube, dass es all den Kummer wert ist. Und dass sich das Warten auszahlt für die, die wirklich lieben.

Und trotzdem bleibt die Frage: Wo bin ich während dieser ganzen Zeit des Wartens. Und was, wenn ich am Ende doch die kleine Meerjungfrau bin, die sich in Meeresschaum auflöst und der geliebte Mensch mit einer anderen Frau in den Sonnenaufgang segelt? Wie sage ich immer zum Trost zu meinen Freundinnen... Hey, wir sind jung, schön und erfolgreich und wir können das auch alleine. Der Punkt ist nur, wir wollen es nicht allein. Wir wollen es teilen. Teilen mit dem Menschen, den wir lieben. Aber solange wir in der Warteschleife hängen, teilen wir nichts als unerfüllte Sehnsüchte und Schmerz. Und wir sind nirgendwo.

Ist es das, wo ich sein will? Im Nirgendwo? Nein. Ich weiß noch nicht wie, aber ich muß einen Weg aus dieser Schleife finden. Ich muß aufhören, mich selbst zu foltern, die dornigen Ranken abschütteln und den Kreuzstich um mein Herz selbst lösen. Es wird nicht weniger wehtun, und ich werde noch nicht aufhören zu weinen, aber der Schmerz wird irgendwann nachlassen und den Platz freigeben für die Zuversicht. Es wird einen Ort für mich geben. Irgendwo. Und einen Menschen, der erreichbar ist.

'Die Teilnehmerin, die sie erreichen möchten, ist nicht mehr verfügbar. Sie hat Ihre Warteschleife und Ihr Leben verlassen. Bitte rufen Sie nicht wieder an. Danke für Ihr Verständnis.'

Oder auch wie Morrissey in seinem Song 'How soon is Now' schrieb:
See, I've already waited too long.
And all my hope is gone...


Kommentar von Milan Vosto

Hallo Alice! Der Trick mit dem Anrufbeantworter am Anfang und am Ende ist wirklich sehr gut! Dazwischen finde ich es etwas zu lang. Aber der Anfang und das Ende...beachtlich!! Schon dafür hat sichs gelohnt. Danke! Einen lieben Gruß sendet Milan Vosto

Eingetragen am: 06.08.2008

Eingetragen am: 01.08.2008 von Christa
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15534

Der Winter war kalt. Das Dorf war
mit Flüchtlingen überschwemmt, die
alle bei irgendeinem Bauern unter-
gekommen waren. Es wurde geteilt, was da war und das war wenig.
Zu allem Unglück hatten sich russi-
sche Besetzer in Uniform auf dem
einzigen größeren Hof, dem Gut,
einquartiert. Sie mussten auch
durchgefüttert werden und
waren nicht zimperlich im Nehmen.
Es gab noch Kartoffelmieten.
Wir waren viele und zogen los mit
Körben und Eimern. Mit den bloßen Händen fingen wir an die Kartoffeln
auszubuddeln. Die Nacht schützte uns gut. Jemand passte auf und
einige Tage ging alles gut.Dann hatten die Russen gemerkt, was los
war. Sie erwarteten uns schon und
weil es so dunkel war, sahen wir
sie nicht gleich.
Sie brüllten stoij und trieben alle zusammen. Dann wurden wir im Keller des Gutshauses eingesperrt.
Die meisten von uns waren Flüchtlinge. Sie hatten große Angst
und erzählten schlimme Geschichten
von den Russen.
Das dauerte bis zum Morgen.
Dann durften alle nach Hause.
Ein Bauer hatte den Russen ein Schwein geschenkt. Sie feierten
Schlachtfest. Und wir, alle Leute
im Dorf, die es brauchten, durften sich auch am Tag Kartoffeln holen.
Einige Tage später zogen die Russen
weiter in eine Kaserne am Stadtrand
von Jena.


Eingetragen am: 30.07.2008 von Yvonne
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15450

Vorsichtig ging ich durch das verlassene,alte Haus.Ich war in Dunkelheit gehüllt, nur der Schein meiner Kerze, die ich in der Hand hielt, spendete mir ein wenig Hellikeit. Langsam kam ich vorwärts. Doch wonach suchte ich überhaupt? Meine Blicke verschwanden in den dunklen Wänden, die sich neben mir erhoben. Das Haus kam mir trotz der Verwahrlosung mächtig vor.
Die Flure zogen sich wie Straßen, so lang.
Völlig in Gedanken, wie dieses Haus füher gewesen war, ging ich einen dieser langen Flure entlang. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis ich am Ende des Flurs eine Treppe erkannte.
Sie war zeimlich morsch, aber ich wagte es trotzdem, hinauf zu gehen. Oben fiel schwaches Licht durch Löcher in der der Decke.
Da!
Irgendetwas glänzte im Flackerschein der Kerze. Ich ging näher heran um es mir anzusehen. Es war eine Tür. Ich drückte die Klinke hinunter und mit einem leisen Quitschen sprang die Tür nach außen auf. Ich wich zurück um dann wieder vor zu gehen. Hinter der Tür befand sich ein Raum mit antiken Möbeln. Völlig fazsieniert trat ich ein und kaum war ich ganz im Zimmer, fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Erschrocken drehte ich mich um und versuchte die Tür zu öffnen, doch sie klemmte. Ich hämmerte mit den Fäusten gegen das Holz, doch es geschah nichts.
Ich war in diesem Raum gefangen. Gefangen, eingesperrt. Was sollte ich tun? Ich trat mit voller Wucht gegen die Tür, aber die Tür blieb verschlossen. Ich sank auf den Boden. Wie war das möglich? Ein Haus konnte mich doch nicht einsperren. Oder doch? Wenn ja, was war das für ein Haus?
Ich versuchte, mir diese Gedanken aus dem Kopf zu schlagen. Sowas gab es nur im Märchen.
Vielleicht war mir jemand gefolgt!? Es konnte gar nicht anders sein. Ich musste nur warten, bis dieser jemand mir die Tür wieder öffnete. Einfach Warten. Warten. Warten. Ich wartete solange das ich jegliches Zeitgefühl verlor. Meine Kerze wurde immer kleiner. Wie Tränen rann der geschmolzene Wachs an ihr herunter, auf den kleinen Teller.
Meine Augenlider wurden immer schwerer, ich konnte sie kaum noch offen halten.
"Nur ein kleines bisschen die Augen zu!", sagte ich mir selber. Doch die Müdigkeit übermannte mich.
Ich wachte erst durch lautes Stimmengemurmel wieder auf. Stimmengemurmel? Ich war doch oben, in dem Haus.
Ich öffnete die Augen und schloss sie sofort wieder. Helles Sonnenlicht blendete mich und brannte in meinem Augen.
Wie hatte man mich gefunden? Wieso hatte man mich überhaupt gesucht?
Ein Mann trug mich. Selber laufen wäre unmöglich gewesen.

Später erfuhr ich das ich zwei Tage eingeschlossen gewesen war. Zwei ganze Tage. Tage, an die ich mich kaum noch erinnern konnte.


Eingetragen am: 29.07.2008 von Monika
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15393

Mein Schicksal hält mich gefangen. Immer wenn ich denke es abzustreifen ereilt es mich insgeheim und fängt mich wieder ein.


Eingetragen am: 24.07.2008 von Manfred Mann
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15209

Er bewegte den Kopf unter den warmen Wasserstrahl und griff zum Shampoo. Doch dann musste er plötzlich innehalten: weshalb immer wieder diese Reihenfolge, jeden Morgen dasselbe Ritual? Um sieben Uhr aufstehen, duschen, Badetuch um die Lenden wickeln, Fenster aufmachen, vor dem Spiegel rasieren. Jeden Tag, das Zubehör griffbereit am immer gleichen Ort. War das sein Leben? Wird das sein Leben sein die nächsten vierzig Jahre? Oder noch schlimmer: Würde er sich anders fühlen, wenn die Reihenfolge eine andere wäre? Vor dem Duschen frühstücken statt danach? Vor dem Einseifen einshampoonieren? Wohl kaum. Er griff zum Shampoo und fühlte sich einfach nur müde. Er war gefangen.


Eingetragen am: 22.07.2008 von KaBoe
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15111

Der Schlag auf den Hinterkopf spürte ich noch so eben, bevor es schwarz um mich wurde. Nach dem Sonnenstand zu urteilen, den ich durch das vergitterte Fenster sah, mußte es schon früher Abend sein, aber war es noch der selbe Tag, der heute Morgen so beteubend für mich angefangen hatte? Ich wußte es nicht und was noch viel erschütternder war, ich hatte keinen blassen Schimmer warum. Das Bett auf dem ich gelegen hatte, war nur eine einfache Pritsche, aber immerhin hatte ich ein Laken und eine Decke. Noch immer schwindelig, richtete ich mich auf und stellte meine Füße auf den nakten Holzboden, grob behauene Dielen von Wand zu Wand, fugenlos. Ein Stuhl, sogar ein kleiner, einfacher Tisch und darauf eine Waschschüssel und ein Krug, der hoffentlich auch Wasser enhielt. Ich hatte Durst, mehr noch als Fragen. Da eh keiner da war, den ich fragen konnte, was passiert war, erhob ich mich schwankend und stütze mich am Tischchen ab, ergriff die Kanne und trank das Wasser direkt aus dem Gefäß. Einen Becher konnte ich nirgends entdecken, es war mir auch egal. "Warum bin ich hier, wer ist dafür verantwortlich? Wo bin ich eigentlich und warum ist das Fenster vergittert? Als ich zur grob gezimmerten, aber soliede aussehenden Tür stolperte war mir schon bewußt, dass sie nicht zu öffnen war, trotzdem drückte ich den kleinen Wipphebel, der die Schnappklinke anheben sollte, so daß ich die Tür aufdrücken könnte. Die Enttäuschung darüber, dass sie sich nicht einen Millimeter bewegen ließ, hielt sich in Grenzen. Niemand wird am Morgen seiner Abreise niedergeschlagen und wacht in einer Kammer mit vergitterten Fenstern auf, nur damit er nach seiner Rückkehr aus der Bewußtlosigkeit herausspaziert und denjenigen sucht, der ihm die Beule verpasst hat. Erst bekommt derjenige seine Zinsen und dann ist immer noch Zeit nach dem Grund zu fragen, jedenfalls für mich.
"Wieso hat mich keiner vermißt?" fragte ich mich. Gut, wir waren mehr als 40 Mann, die nach zwei Wochen intensiever Verhandlungen zurück nach Leibzig wollten, da ist jeder für seine eigene Reisevorbereitung verantwortlich. Aufbruch war für 9.00 festgesetzt, gleich nach dem Frühstück, dass erst nach der Frühmesse aufgetischt wurde. "Gunther hätte mich vermissen müssen und auch mein Onkel, der die Delegation anführte. Es ist doch normal, dass man nach den Seinen schaut, bevor man aufbricht, schließlich hatte er von meinem Vater die Verantwortung für mich übernommen. War die Tür verschlossen, damit keiner zu mir herein konnte um seinen Plan mich umzubringen zuende zu bringen? Blödsinn, warum sollte mich jemand umbringen wollen, ich war nur ein Zählkandidat für die Delegation. Aus gutem Hause, aber mit 15 Jahren noch kein ernstzunehmender Gegner, kein Ritter, kein Geheimnisträger, nur der Page meines Onkels, dem Grafen von Hochelter, einem Vertrauten Wallensteins, der sondieren sollte, ob die Schweden bereit waren zu einem Waffenstillstand oder gar einem Frieden mit dem Reich, nachdem ihr König Karl-Gustaf in der Schlacht bei Lützen gefallen war." Wieder fragte ich mich, wer mich niedergeschlagen hatte und warum. Weshalb hat mein Fehlen niemand bemerkt, oder hatte man, und waren alle anderen nur in anderen Kerkerzimmern eingesperrt? Waren wir alle Gefangene, Geiseln des Generals Oksenstirna, der nach dem Tod des Königs von Schweden das Regiment übernommen hat?
Oksenstirna ist nicht wahnsinnig,, in dieser Situation nimmt man keine Geiseln, wenn Wallenstein davon erfährt ist er geliefert. Wallenstein hat zwar auch seine Wunden nach der Schlacht zu lecken, aber er hat es bei weitem einfacher, die Lücken in seinen Reihen zu schließen als Oksenstirna, dem der Nachschub von der Ostsee durch die Armee Wallensteins abgeschnitten ist.

Ich drehte mich mit meinen Überlegungen im Kreis, fand keinen Sinn für diese Gefangenschaft und auch als am Abend der Riegel vor der Tür beiseite geschoben wurde und ein Diener mir ein durchaus annehmbares Abendessen mit einem Krug Bier auf den kleinen Tisch stellte, klärte sich die Lage nicht auf, denn er sprach kein Wort, sonder verneigte sich kurz und verschwand so schnell wie er gekommen war. Wärend er das Abendbrot auftische, hielt ein Soldat an der Tür Wache. Ich erkannte ihne wieder, denn er versah in diesen Wochen, die wir auf der Burg Helmsau zugebracht haben oft den Dienst an der Zugbrücke. Ich war also noch immer hier. "Warum bin ich eingesperrt?"wollte ich wissen, "und wo ist mein Onkel?" schob ich schnell nach. "Iss dein Brot und verhalte dich ruhig!" war alles, was er sagte, bevor er die Tür wieder verriegelte. Ich war nicht so verrückt, ihm meinen Krug Bier an die Tür nachzuwerfen, aber die Zinnschüssel mit dem Brot donnerte ich doch in die Richtung, so dass das Scheppern im ganzen Gebäude zu hören sein mußte. Meine Wut war fürs erste gestillt und ich trank gierig aus dem Krug. Nach einigen Tagen, die immer nach dem gleichen, bekannten Schema abliefen und mir keine weiteren Anhaltspunkte für den Grund meines Zwangsaufenthalts lieferten, wurde mir gestattet, den Tag ohne Fesseln frei im Gebäude und auf dem kleinen Hof unterhalb meines Fensters zu verbringen. Da ich nun nicht mehr auf das Nachtgeschirr unter meinem Bett angewiesen war, sondern den Abtritt in der Burgmauer benutzen konnte, eröffnete sich mir eine Fluchtmöglichkeit, die nur ein junger Spund mit schmalen Schultern und biegsamem Körper offenstand. Der Überlauf der Kloake. Eklig aber der schnellste Weg in die Freiheit und damit der beste Weg, Antworten auf meine Frage zu bekommen, "Warum wurde ich gefangen gehalten und keinen hats geschert?" Der Weg nach Hause dauerte zwei Tage und meine Ungeduld auf die Antwort stieg schneller als der Weg sich verkürzte.


Eingetragen am: 21.07.2008 von lady_holzi
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14963

Gefangen
War es ein Traum oder eine Erinnerung an ein früheres Leben, sie wusste es nicht. Schweißnass erwachte Sybille eines Nachts, am ganzen Körper zitternd, die Angst saß ihr noch in allen Knochen. Die Fetzen der Erinnerung wurden immer deutlicher, formten sich langsam zu einer Geschichte.
Die Männer trugen Perücken, einen Schurz und eine Maske vor dem Gesicht, was sie unheimlich wirken ließ. Es waren vier, sie trugen sie auf einer Art Sänfte über die steilen Treppen empor zum Eingang in die große Pyramide. Über viele verzweigte Gänge, an deren Wände ägyptische Motive und Schriftzeichen gemalt waren, ging es immer tiefer hinunter in das Herz des Gebäudes. Sie fühlte sich gut, war in sich gekehrt und spürte, dass die Wirkung der Medizin, die sie vorher eingenommen hatte, allmählich zu wirken begann. Sybille war sowohl Beobachterin als auch die junge Frau, die in ein weißes, langes Gewand gehüllt, nach unten getragen wurde. Einerseits fühlte sie die aufsteigende Umnebelung ihres Verstandes, aber auch ihre eigene Angst vor dem Kommenden. Der Weg schien endlos zu dauern bis sie endlich in einen, von Fackeln hell erleuchteten Raum gelangten. Ein Hoherpriester empfing sie sehr förmlich, erwartete sie zu einem Ritual. Sybille wurde aus dem Transportmittel herausgehoben und stand nun, ehrfürchtig den Kopf gesenkt, vor dem Obersten der Priesterklasse. Instinktiv erkannte sie nun als Beobachterin, dass es sich hier um eine Einweihungszeremonie handelte. Feierlich wurde Sybille ihrer Kleider entledigt. Weitere Diener traten aus den Nischen, salbten ihren Körper mit duftenden Ölen und legten ihr ein großes Amulett um den Hals. Diesmal war es grobes, ungebleichtes Leinen, in das sie gehüllt wurde. Der große Sakropharg, ausgeschlagen mit seidenen Stoffen, wartete auf sie. Eine Prüfung, erkannte Sybille, die letzte Prüfung. Obwohl der Priester in einer ihr unbekannten Sprache Gebete vor sich hin murmelte, verstand Sybille doch den Inhalt. Ihr wurde auch nochmal erklärt, dass dieses Ritual das letzte auf ihrem Weg zur Priesterin sein sollte. Es hinge allein von ihrer Konzentration, von ihrem Mut und ihrem Glauben ab, ob sie es auch überleben würde. Die Angst kroch wieder von unten herauf und lähmte Sybilles Körper. Die Träger hoben sie in den Sarg, betteten sie wie eine Tote, die Hände vor der Brust überkreuzt, das Amulett darauf gelegt. Vier kräftige Männer schoben den schweren Steindeckel über die Öffnung. Es wurde dunkel. Die Angst wurde immer größer. Noch konnte Sybille normal atmen. Sie versuchte sich zu bewegen, zumindest die Hände, doch es war, als ob sie festgebunden wäre. Das Amulett lastete wie ein schwerer Stein auf ihr, hielt sie fest. Panik erfasste sie, sie wollte schreien, doch ihre Stimmbänder schienen gelähmt zu sein. Schreckliche Visionen überfielen sie, Stimmen riefen sie ‚Deine letzte Prüfung, erinnere dich, du kennst die Lösung, erinnere dich!“ Sie wollte fliehen, weg von hier, doch die Stimmen wurden immer lauter, hallten wieder, während dunkle Gestalten wilde Tänze um sie aufführten. Noch einmal wagte sie den Versuch, sich zu bewegen, ergebnislos.
Da erwachte Sybille aus der Trance. ‚Habe ich die Prüfung nun bestanden?‘ Diese Frage beschäftigte sie mehr als die Angst, die sie gerade durchlebt hatte.


Eingetragen am: 20.07.2008 von Jana
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14894

Sie hatte nicht geglaubt das sie Spaß haben könnte bei dem Badeausflug. Jeder würde sie anschauen und hinter vorgehaltener Hand über sie reden. So war es immer.
Drei Kinder zu bekommen ist halt nicht spurlos an ihr vorrüber gegangen. Jedes Kind hatte als Andenken etwas Speck an Po, Bauch und Beinen zurück gelassen.
Mach nicht immer so ein Theater,meinte ihr Mann am Abend zuvor, wir lieben dich wie du bist und morgen machen wir alle einen Ausflug ans Meer.
Leise seufzend tauchte sie wieder aus ihren Erinnerungen auf. Nun saß sie hier auf ihrem schmalen Handtuch und fühlte sich wirklich nur halb so schrecklich wie erwartet. Alles gar nicht schlimm. Die Sonne schien, es war warm und die Kinder waren glücklich. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf ihren jüngsten Sohn, der eifrig mit Eimer und Schaufel im Sand arbeitete. Die Spitze seiner Zunge wanderte außerhalb seines Mundes flink hin und her, während er konzentriert an seinem Sandberg arbeitete. Sie lächelte glücklich und stolz. Gut das sie den kleinen Baumeister noch bekommen hatten, er machte ihre Familie komplett. Was machten da schon ein paar Kilos. Alles gar nicht schlimm. Suchend glitt ihr Blick übers Meer bis hin zu den drei Felsen, die aus dem Wasser ragten. Wo waren nur ihr Mann und ihre beiden Töchter so lange. Bis zur Flut kann es gar nicht mehr so lange dauern. Sie waren jetzt schon eine ganze Weile weg. Wir werden mal nach ihnen sehen, vielleicht können wir ihnen ja beim Muschel suchen helfen. Sie stand von ihrem Handtuch auf und fühlte förmlich wie sich der gesammte Fokus der umliegenden Badegäste auf sie richtete. Ihr Magen zog sich vor Unbehagen zusammen und sie spürte die Blicke, sie hörte das Tuscheln. Die Illusion von 'alles gar nicht schlimm', zerfloss ins nichts.
Wo wird denn sowas gezüchtet? Leise geflüstert aber doch für Ihren Radar überlaut. Eine Gruppe von drei Jungs in der Nähe taxierten sie lachend.
Mehr wollte sie nicht hören, sie klappte innerlich die Ohren zu und versuchte betont lässig an der Gruppe vorbei zu gehen. Sie hatte nur ihren Sohn im Blick und schaltete alles andere um sich herum aus. Sobald sie sie ihn an der Hand hatte fühlte sie sich wieder etwas sicherer. Ihre Schultern strafften sich und der Blick bekam eine Spur mehr Selbstbewußtsein. Nun mußten doch alle sehen woher das Übergewicht kam, oder?
War doch nicht ihre Schuld. So war es eben, wenn man Kinder bekam.Nichts bleibt ohne Folgen im Leben.Aber Blickkontakt wollte sie nun doch nicht mit den Umliegenden aufnehmen. Für den Spiegel der Realität war sie einfach noch nicht bereit.
Sie spazierten langsam zu den Felsen. Ihr Jüngster bückte sich mal hier und da und hob diverse Kostbarkeiten auf und legte sie in seinen kleinen roten Eimer.
Auch sie entdeckte auch eine schöne Muschel und bückte sich unbedacht um sie für ihren Sohn aufzuheben als hinter ihr sofort großes Gelächter anstimmte. Der Wind trug ihr ein hämisches, da geht der große Mond auf, zu.
Das sind die Momente, die am meisten schmerzen. Ich darf halt nicht locker lassen. Immer schön die Schotten dicht, dann tun sie mir auch nicht weh. Starr ging sie weiter. Endlich sah sie den Rest der Familie bei den Felsen herumspringen. Ihren Mann, groß, stark und verläßlich. Fast so wie die Felsen die hier stehen. Er liebt mich so wie ich bin. Er liebt das, was mich innerlich ausmacht. Na gut, er liebt auch meine riesigen Brüste und die machen einen riesigen äußeren Teil von mir aus. Aber eigentlich liebt er mich und das ist gut. Versonnen schaute sie ihm zu, wie er auf der Jagd nach ihrer großen Tochter an ihr vorbei rannte und ihr einen Kuß zuwarf. Langsam entspannte sie sich wieder. Ach was interessieren mich die anderen und deren Geschwätz. Wichtig ist das hier, was ich habe und nicht, was ich sein möchte für die anderen, damit sie mich nicht kränken und verletzen.
Hinter den Felsen, unbeobachtet von den anderen, vergaß sie für einige Zeit ihr Gewicht und sprang frei,lachend mit ihrer Familie umher. Und für diese Zeit war wieder alles gar nicht schlimm.


Eingetragen am: 18.07.2008 von Stephanie
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14810

Gefangen im eigenen Körper. Ich kann mir nichts Schrecklicheres und gleichzeitig Traurigeres vorstellen.

Als der Onkel meines Vaters damals stürzte und sich die Rippe durch die Lunge bohrte, konnte ich nicht wissen, was diese Erfahrung in mir auslöste. Während er langsam und einsam qualvoll auf dem Boden an seinem eigenen Blut erstickte, lag ich damals 11jährige noch friedlich schlafend im Bett. Der Anruf meiner Großmutter kam erst drei Stunden später, als er gefunden wurde.

Ich war alt genug, um die Neugier an den Tag zu legen, nach den Einzelheiten zu fragen. Nach einigem Zögern erklärte es mir mein Vater in kurzen, möglichst formalen, Worten. Der Schock saß trotzdem tief.

Ich kannte den Onkel meines Vaters fast nicht, hatte ihn auf Familienfeiern nur kurz begrüßt. Dennoch die Vorstellung...allein und einsam auf dem Boden zu liegen. Man spürt wie das Leben gluckernd aus einem entweicht, um sich dort zu versammeln, wo der Rest von Lebensatem noch verblieben ist. Die Luft wird langsam dünner, man bekommt vielleicht auch noch Panik. Der Körper wird das eigene, persönliche Grab, man kann sich nicht mehr bewegen...
Ich habe seit dieser Zeit einen sehr großen Respekt vor behinderten Menschen gewonnen. Gefangen im eigenen Körper...und dennoch das Leben genießen. Was für starke Menschen.


Eingetragen am: 16.07.2008 von Jerry
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14672

Es begann alles ganz harmlos und unvorhergesehen. Drei Monate nach der Geburt meiner zweiten Tochter wollte ich aktiv werden und meinen alten Körper zurückfordern. Gymnastik für die erschlafften Muskeln und ein sehr gründlicher Hausputz gegen den Appetit würden ab sofort meine ständigen Begleiter sein.
An jenem Tag stand ich morgens um fünf Uhr mit meinem Mann auf, der Frühschicht hatte. Ich zog mich an, aktivierte das Babyphone und nahm den Empfänger mit in die nahe gelegene Kneipe, in der ich morgens immer putzte. Nach anderthalb Stunden war ich fertig und die Kinder schliefen immer noch. Also die großen ehemaligen Schaufenster. Ich räumte die große Fensterbank frei und fing an die überdimensionalen Gläser zu reinigen. Gegen acht Uhr, ich war gerade dabei die Fensterbank wieder einzuräumen, wachten die Kinder auf. Völlig erschlagen ging ich hin, nahm die Kleine zum Stillen raus und öffnete die Toilettentür für die Große. So wie meistens. Als ich so dasaß und die Jüngste anlegte überfiel es mich von hinten - gemeine Dinge kommen meistens von hinten. Mit einem Male war ich meiner Kraft beraubt, mein Herz raste, so dass ich Angst bekam es könne vor lauter Anstrengung stehen bleiben und eine unsichtbare Kraft presste meinen Brustkorb zusammen, wodurch mir das Atmen fast unmöglich wurde. Meine Gefühle überschlugen sich, zu Gedanken war ich nicht in der Lage. Nackte Angst gewann die Vorherrschaft über mich. Ich rief bei meinem Hausarzt an, der unerträgliche fünf Stunden brauchte, bis er schließlich zum Hausbesuch kam. Er untersuchte mich, stellte diverse Fragen und diagnostizierte einen allgemeinen Erschöpfungszustand. Mit einer halben Valium legte er mein panisches Gemüt lahm, versetzte meinen Körper in einen rauschähnlichen Zustand und gab mir die "Allesegalstimmung", die mir half die Zeit zu überstehen bis mein Mann von der Arbeit kam. Ich bekam diesen Zustand innerhalb der nächsten drei Monate in den Griff, wobei mir die Valium anfänglich sehr half. Allerdings war ich mir bewusst, dass Valium nicht das Ultimative für eine stillende Mutter war und reduzierte die Einnahme von sehr geringen Mengen auf akute Situationen, die mich einfach Überforderten. Dann war alles wieder gut, von Erschöpfung nichts mehr zu spüren. Vielleicht waren es ja doch nur meine Hormone? Ein und ein viertel Jahr später kam Tochter Nummer drei. Die Geburt war dramatisch und die schmerzhafteste, an die ich mich erinnern sollte. Nach weiteren ein ein halb Jahren vervollständigte ich mein Quartett mit Tochter Nummer vier, ebenfalls dramatisch, aber dank Vollnarkose da Kaiserschnitt, nicht die Schmerzhafteste. Alles war gut und ich war eine der glücklichsten Frauen der Welt in meiner Schaar kleiner Mädchen.
Doch nach drei Monaten holten mich die Gefühle der Beklemmung und Panik wieder ein, gewannen Macht und Kontrolle über mein bis dato nahezu perfektes Leben und zwangen mich in die Knie. Wiederum wurde der Hausarzt konsultiert, abermals die Diagnose des völligen psychischen, wie auch physischen Erschöpfungszustandes. Ein Rätsel für mich, denn ich war doch glücklich mit meinem selbst gewähltem Leben! Dieses Mal bekam ich die Ohnmacht nicht in den Griff. Meine Schwiegermutter ging nun täglich in unserer Wohnung ein und aus. Sie unterstützte mich nach bestem Wissen und ihrem Gewissen. Nach einem halben Jahr überwies mich der Hausarzt an einen Psychiater.
Ich ging mit gemischten Gefühlen hin, unschlüssig darüber, was mich dort wohl erwarten würde.
Doch ein Großteil meiner Blockaden waren mit einem Satz wie weggeblasen.
"Sie sind sehr krank." erklärte mir der Psychiater nach meiner Schilderung. "Doch ich kann sie beruhigen. So scheußlich diese chronische Krankheit auch ist, sie werden nicht daran sterben.".
Ein Jahr bekam ich starke Psychopharmaka, lag überwiegend im Bett, außerstande einem geregeltem Leben, geschweige denn meinen mütterlichen Aufgaben nachzukommen. In Therapie erfuhr ich mehr über diese Krankheit, die Angstneurose genannt wird. Mehr über die Möglichkeiten mit der Krankheit zu leben, um dem Morast der Angst zu entfliehen und ein ziemlich normales Leben zu führen.
Manchmal kommt sie wieder. Selten nur noch, aber unaufhaltsam. Doch ich kenne ihren Namen, ihr Gesicht. Und auch wenn sie es schafft, mich zu packen und zu schütteln - festhalten kann sie mich nicht mehr.


Eingetragen am: 15.07.2008 von Melete
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14651

Ich sitze im Zug und sehe die weite, grüne Fläche der Allerwiesen an mir vorbeiziehen. Dort drüben bin ich vorgestern noch mit meiner Oma entlangspaziert, und wir haben den Pferden zugeschaut, die am Flußufer weiden.
Zuhause, in Omas Wohnzimmer hat sie mir gezeigt, wie man Patiencen legt. Sie mischt vorher immer ganz lange die Karten. Dann ist es ruhig in dem hellen, warmen Zimmer. Man kann nur noch die Karten hören, wenn sie beim Mischen leise aneinanderklatschen. Ich warte darauf, daß sie die Karten auslegt, und sehe zu, wie die hellen Sonnenflecken, die zwischen den Blättern des Birnbaums hindurch auf das Sofa scheinen, leicht hin- und herschwingen. Schließlich legt Oma die Karten aus, und wir versuchen, sie so umzuschichten, daß die Patience aufgeht. Manchmal geht sie nicht auf, dann legen wir eine neue. Die ”Große Harfe” und die ”Bildergalerie” kann ich schon selber legen.
Wenn das Wetter schön ist, spiele ich auch gerne in ihrem Garten. Da hängt eine Schaukel am Birnbaum, und wenn ich mich draufstelle und im Stehen schaukele, komme ich richtig weit nach oben. Oma hat das nicht gerne. Ich soll lieber auf dem Schaukelbrett sitzenbleiben, sagt sie, damit ich nicht herunterfalle. Aber wenn sie mich nicht sieht, dann schaukele ich lieber im Stehen.
Vorhin hat Oma mich zum Zug gebracht und mir nachgewinkt, als er abfuhr. Am Montag fängt die Schule wieder an.
Ich bin schon ein paarmal ganz alleine zu meiner Oma gefahren. Mutti bringt mich dann immer zum Zug und holt mich nach der Rückfahrt wieder ab. Beim ersten Mal hatte ich etwas Angst, daß ich an der falschen Station aussteigen könnte, aber inzwischen kenne ich alle Bahnhöfe und mache mir keine Sorgen mehr. Ich habe sogar schon einen Trick entdeckt: Wenn ich in ein Abteil will, das nicht so schnell voll wird, wähle ich gleich das erste Abteil im Gang. Da gehen die meisten Leute dran vorbei.
Dieses Mal ist das Abteil trotzdem voll. Ich sitze zwischen lauter fremden Menschen und weiß kaum, wohin ich meine Füße tun soll. Die Luft ist stickig. Gottseidank, gleich sind wir in Hannover, da steigen bestimmt ein paar Leute aus, in Hannover steigen immer viele aus. Dann wartet der Zug immer zwanzig Minuten lang, bis er weiterfährt. Das ist sehr langweilig.
Da sind wir, Hannover Hauptbahnhof. Hektisches Getriebe in dem engen Abteil. Mäntel, Jacken, Hüte, Koffer, Taschen, ”Tschüß, gute Weiterreise”. Dann ist es leer um mich. Alle sind ausgestiegen. Mutti hat mir gesagt, ich solle immer in ein Abteil mit wenigstens einer Frau gehen. Muß ich mir jetzt ein anderes Abteil suchen? Ach nein, sicher nicht. Bestimmt steigt gleich wieder eine Frau ein. Mindestens eine.
Ich recke die Glieder: Endlich habe ich Platz um mich herum. Schön. Jetzt kann ich mich ans Fenster setzen. Gedacht getan. Draußen im Gang gehen Leute vorbei. Die Abteiltür geht auf, ein Mann kommt herein, Jeans, schwarze Lederjacke, kurze, krause Haare, blaue Augen. Er setzt sich mir schräg gegenüber auf den Platz am Gang. Er starrt mich an. Ich wende mich ab, sehe aus dem Fenster, lasse den Blick schweifen ... über den Bahnsteig ... durch das Abteil ... zurück auf den Mann. Der starrt mich immer noch an. Seine Hand liegt auf dem Schoß, da hält er eine dicke Wurst. Will er die jetzt essen? Aber eigentlich ist das keine Wurst. Das sieht anders aus, so groß und schrumpelig. Ein bißchen so wie das Ding von Vati, das ich sehen kann, wenn er unter der Dusche steht. Nur dies hier ist viel größer. Und was für komische Bewegungen er damit macht. Er wackelt die ganze Zeit damit herum. Merkwürdig.
Ich will da nicht hinsehen. Ich glaube, das darf man gar nicht, da so hinsehen. Ich schaue hoch – in sein Gesicht. Treffe auf seine Augen – hellblaue Augen, wie Eisstücke mit scharfen Kanten, die in die Haut schneiden. Augen, die drängen, die bohren. Augen, die fesseln.
Guck doch weg, guck bitte weg!
Ich will hier raus. Weg von dem Mann. Was muß ich tun? Den Koffer aus dem Gepäcknetz nehmen, die Jacke anziehen und dann ... Er sitzt neben der Abteiltür.
Da sitzt er, wackelt mit dem Ding hin und her und starrt ... starrt ... starrt ... auf mich. Draußen im Gang gehen Leute vorbei. Sehr doch bloß mal her! Seht ihr das nicht? Was ist das? Was macht der? Das darf der doch gar nicht. Er darf das Ding doch nicht herzeigen, oder?
Jemand geht vorbei. Der Mann legt die Hand auf den Schoß. Trotzdem, das muß man doch sehen. Irgend jemand muß hereinkommen und sagen: Das dürfen Sie nicht.
Niemand kommt. Der Gang ist leer. Es ist das erste Abteil im Gang. Da gehen die meisten Leute dran vorbei.
Der Mann wackelt weiter; sein Blick drängt und bohrt ...
Ich stehe auf, ziehe das Fenster herunter und lehne mich hinaus. Hannover Hauptbahnhof, immer noch. Der Bahnsteig ist durchflutet vom Sonnenlicht. Eine sanfte Sommerbrise streift über meine Arme. In meinen Rücken bohren sich Eisstücke mit scharfen Kanten.
Vor dem Einstieg stehen Menschen. Reden, lachen, verabschieden sich.
Bitte, bitte, kommt in mein Abteil. Da ist einer, der macht mir Angst. Wenn ich einfach etwas sagen würde, dann ... aber was soll ich sagen? Was macht der Mann?
Der Zeiger der großen Uhr auf dem Bahnsteig rückt langsam weiter. Noch fünf Minuten bis zu Abfahrt. Und dann?
Hinter mir öffnet sich die Abteiltür. Ich fahre herum. Ein junger Mann ist hereingekommen. Er setzt sich in die Mitte, genau neben den anderen.
Ich bin nicht mehr allein. Jemand ist da.
Der Mann in der schwarzen Lederjacke steht auf und verläßt das Abteil. Draußen ein Pfiff, der Zug ruckt an. Außer dem jungen Mann ist niemand in das Abteil gekommen. Ich bin mit ihm allein.
Er zieht eine Zeitschrift aus der Tasche und vertieft sich darin. Der Zug rast durch die warme Sommerlandschaft. Eine halbe Stunde noch, dann bin ich da. Mutti wird mich vom Bahnhof abholen.


Kommentar von Jana

Es hat mich sehr berührt. Es ist gut so wie es geschrieben wurde.Einzig das Ende hätte ich mir etwas kräftiger gewünscht.Ich wäre gerne noch ein Stückchen mehr erleichtert gewesen.

Eingetragen am: 20.07.2008

Kommentar von Ginko Korn

Puh! Nochmal gut gegangen. Werden Kinder heutzutage auf mögliche Erlebnisse dieser Art vorbereitet? Mir scheint, über der Unberechenbarkeit sexuell gestörter Männer liegt ein Tabu. Die Angst des Mädchens klingt nur sachte an.

Eingetragen am: 19.07.2008

Eingetragen am: 14.07.2008 von Amanda
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14547

Gefangen
Ich war fast schon ein wenig zu spät. Und nun hatte ich das Malheur! Ich hätte die Treppe laufen sollen. Es war doch nur der dritte Stock. Das war das einzige, was ich wusste, außer dem Namen. Jetzt ging die Fahrstuhltür zu, der Fahrstuhl fuhr ein Stück ruckelig an und dann ein Ruck. Er blieb stehen zwischen zwei Etagen. Ich zuckte zusammen. Hatte ich es nicht geahnt! Und nun hing ich hier. Ich fahre so gut wie nie mit einem Fahrstuhl. Dabei wohne ich im 6. Stock. Treppenlaufen hält fit. Bis zur 5. Etage schnaufe ich noch nicht, so fit. Aber jetzt schnaufe ich. Ich denke, der Fahrstuhl... nein, ES denkt, der Fahrstuhl stürzt in die Tiefe. Noch aber nicht. Ich halte mich am Messinggeländer fest und drücke auf den Notknopf. Nichts tut sich. Ich sehe durch die geschwungenen Gitter, oben laufen Füße vorbei, eilen zur Arbeit, unten sehe ich die Köpfe vorbeihuschen, das Haar windzerzaust, spärlich oder mit grauem Streifen am Scheitel.
Erst jetzt nehme ich den Mann neben mir wahr. Ich bin also nicht ganz allein. Das beruhigt. Sollte zumindest beruhigen. Ich rufe Hallo Richtung Treppenhaus, denn der Notknopf hat nichts erreicht. Hallo. Niemand stockt, guckt oder antwortet. Hilfe zu rufen ist mir zu peinlich. Denn eigentlich will ich nur aussteigen, sonst geht es mir ja gut, genaugenommen.
Langsam sehe ich das geschwungene Gitter als verzierte Käfigtür an. Ich bin hier und die anderen sind in Freiheit. In welcher Freiheit weiß ich natürlich nicht. Ich kenne die Leute nicht, die Firma nicht. Ich bin die Aushilfe und sitze fest. Und kein Mensch beachtet das Klingeln oder auch das rufen. Sie gehen so nah an uns vorbei, dass ich Brocken ihrer Gespräche hören kann. Sie reden von Urlaub und vom Wochenende. Es ist Montag. Es ist Montag und ein neuer Auftrag, den ich bestimmt viel lieber antreten würde, wenn ich könnte, statt hier zu warten. Ich kann nicht stillstehen und ich rufe. Lauter und etwas gereizter. Ich atme tief durch. Das ist immer gut, ruhig atmen. Sie sehen uns einfach nicht, die da draußen. Sie müssen doch unten gewartet haben, auf den Fahrstuhl, der nicht kommt. Und sie laufen die Treppe ums Quarrée herum. Sie sehen uns nicht. Noch nicht einmal auf der Seite mit dem Schnörkelgitter werfen sie einen Blick, nicht auf den Fahrstuhl zwischen den Stockwerken noch auf uns, die rufen. Ich rüttele an der Gittertür. Nichts. Es ist kein Käfig mehr, es ist ein Gefängnis. Wie Einzelhaft. Vielleicht sollte ich Kerben in die Holzwände ritzen, damit ich merke, wie die Zeit verrinnt, die Minuten. Die Luft wird knapp, obwohl es nicht abgeschlossen ist. Nur hinter der Schmucktür ist Glas, unten und oben Spalte. Durchs Glas kann man hindurchsehen, aber das nutzt keiner. Sie beschweren sich, dass der Fahrstuhl schon wieder nicht funktioniert.
Es dauert. Ich habe keine Uhr um, aber es ist sicher schon zehn Minuten oder gar eine halbe Stunde vergangen. Eine halbe Stunde Einsamkeit. Trotz Rufen. Der Mann neben mir ruft nicht. Vielleicht sollte ich ihn ansprechen, wo wir hier gemeinsam in Haft sitzen. Stehen. Ich rede mit ihm, denn ich habe es gut. Ich sage einfach, dass ich mich verlassen fühle gewissermaßen. Nicht wörtlich. Aber ich darf das. Und gleich geht es mir besser. Er ist ein armes Schwein, er darf das nicht, er ist ein Mann! Er wiegelt ab. Da kommt gleich Herr Burmeister, meint er. Das muss der Hausmeister sein. Denn der Mann, der die Einzelzelle mit mir teilt, kennt sich hier aus. Er arbeitet hier, wenn er nicht den Fahrstuhl mit mir teilt. Aber er tritt von einem Fuß auf den anderen. Es scheint ihm nicht gut zu gehen. Herr Burmeister kommt wohl sonst schneller. Und das hier hört sich gar nicht gut an. Ich schreie jetzt richtig laut und richtig hysterisch. Der Mann rüttelt heftig am Gitterzaun. Ich habe ihn angesteckt. Oder die Schleuse für Gefühle geöffnet. Er hat sie jetzt, die Gefühle. ER schwitzt. Er wischt sich mit den Taschentuch die Stirn und den Nacken. Er ist ausgeliefert, sich, der Situation, den Gefühlen. Er hat Angst. Je mehr ich das merke, umso gelassener werde ich. Er ist ein Mann und kämpft mit den Gefühlen. Er hätte mir eine Hilfe sein können. Aber er ist ein Junge, ein kleiner ängstlicher Junge. Er pfeift im dunklen Keller. Er pfeift im steckengebliebenen Fahrstuhl. Und er tut mir Leid, er muss seine Fassade aufrechterhalten. Kämpfen bis zur Hilfe. Durchhalten bis zum bitteren Ende. Herr Burmeister lässt ihn im Stich! Doch ich, ich baue auf Herrn Burmeister.

„Haben Sie Geduld!“ ruft eine Frauenstimme. „Mein Mann kommt gleich!“
Es war Frau Burmeister. Gerettet! Durch eine Frau. Für ihn, meinen Mitinsassen ist sie Hilfe in letzter Sekunde.


Eingetragen am: 13.07.2008 von Jennifer Herrmann
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14510

Gefangen

Jedes Mal wenn ich einen Fahrstuhl betrete und sich die Fahrstuhltüren schließen, läuft vor meinem geistigen Auge der selbe Film ab. Das schummrige Licht flackert kurz, ein dröhnendes Geräusch ertönt im Fahrstuhlschacht und plötzlich bleibt der Fahrstuhl stehen. Sekundenlang schwingt die Kabine noch nach bis sie vollkommen still steht. Die leise Fahrstuhlmusik säuselt weiter, während ich, völlig allein in der engen Metallkabine stehe und hypnotisch die Tür anstarre. Ich bete, nein, befehle im Stillen, sie möge aufgehen. Langsam bilden sich Schweißperlen auf meiner Stirn und ich spüre Panik in mir aufsteigen. Mein Atem geht schneller, ich versuche klar zu denken und drücke auf den Notschalter. Nichts. Keine Stimme, kein Ton. Ich stammele Worte in das Metallgitter auf dem Tastenfeld. „ Hilfe, ich stecke fest. Kann mich jemand hören?“ Nichts. Nicht mal ein Knacken. Ich versuche tief durchzuatmen und trete von einem Fuß auf den anderen. Was tun? Da ist noch ein Knopf. Das Bild einer Glocke weckt in mir die Hoffung, damit ein lautes, allübertönendes Klingeln auszulösen, dass jeden in diesem Gebäude darauf aufmerksam macht, dass ich hier im Fahrstuhl feststecke. Ich drücke den Knopf. Ich höre nichts. Ich warte, lausche, doch nichts passiert. Meine Hände sind mittlerweile feucht von Schweiß, es ist heiß und ich habe das Gefühl, dass die Luft in dem engen Raum langsam knapp wird. Was wenn niemand merkt, dass ich hier drin bin, das Gebäude womöglich menschenleer ist? Ich habe Angst. Noch einmal drücke ich den Notrufknopf und diesmal schreie ich. „Hilfe! Ich stecke fest. Ist denn da niemand?“ Wieder keine Antwort. Die Panik schnürt mir langsam die Kehle zu. Sie fühlt sich trocken an. „Es ist so eng hier drin“, denke ich und lehne mich gegen die Rückwand des Fahrstuhls. Schwindel kommt zu den feuchten Händen und der trockenen Kehle und mein Herzschlag beschleunigt sich zunehmend. Die Angst hat mich jetzt vollständig ergriffen. „Ich muss hier raus“, ist der einzige Gedanke, der in meinem Kopf noch Platz hat. Ich überlege mir Fluchmöglichkeiten. Ich springe ein paar mal auf und ab. Die Kabine schwingt, ich verursache ein metallenes Dröhnen. Ich habe noch mehr Angst. Ich höre auf. Mit schweißnassem Gesicht schaue ich zur Decke. Dort ist die Klappe zum Aufzugschacht. Ich springe. Keine Chance, ich bin zu klein. Kein Geländer an den Wänden könnte beim Hinaufklettern Halt bieten. Ich merke Tränen in meinen Augen hochsteigen. Ich darf nicht weinen. Ich muss hier raus. Ich löse mich von der Rückwand und gehe zur Aufzugtür. Mit den Fingern versuche ich die Türen auseinander zu schieben. Unmöglich. Ich schaue wieder auf das Tastenfeld. Wut kocht in mir hoch „Tausend Tasten und keine funktioniert!“ Ich drücke noch einmal die Taste mit dem Glockensymbol. Nichts. Ich sinke auf die Knie und versuche flach zu atmen. Die Tränen sind jetzt da, genau wie die Wut. „Ich will hier raus!“ Ich springe auf und schlage wie eine Wahnsinnige auf alle Tasten an der Fahrstuhlwand ein. Ein Ruck geht durch die Kabine. Der Boden wackelt und das Licht flackert. Panisch sinke ich auf dem Boden zusammen. „Jetzt falle ich“, denke ich noch und lasse den Kopf resignierend in meine Hände sinken. Ein heller Ton erklingt. Und die Türen öffnen sich. Ich bin frei!


Eingetragen am: 09.07.2008 von Tamara Tann
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14279

Nora war schnell nach Hause gekommen, um für ihre beiden Kinder, Timo und Tanja, das Essen nach der Schule zuzubereiten. Dann mußte sie sich wieder auf den Weg zur Arbeit machen. Sie hastete zum Bahnhof, um ihre S-Bahn noch zu erreichen. Timo begleitete sie mit seinem Rad uns sah sie plötzlich mit seinen großen braunen Augen fragend an. Nora meinte: "Was ist los Timo, warum siehst du mich so an?" Timo erwiderte: "Ich glaube, du solltest lieber zuhause bleiben, Mam". "Was meinst du Timo? Ich habe es eilig, ich muss mich beeilen, mein Zug fährt schon ein". Timo fuhr still neben ihr her und ließ den Blick nicht von ihr ab und Nora registrierte eine unausgesprochene Besorgnis, die Timo in seinem Blick zeigte. Sie verabschiedete sich von ihm, stieg hastig ein, die Türen schlossen sich, der Zug fuhr ab.

Plötzlich spürte Nora, wie sie eine starke Übelkeit befiel, sie fühlte sich schwach und hilflos und drohte umzukippen. Mühsam hielt sie sich an einem Haltegriff fest, sie spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte und kalte Schweißperlen sich auf ihrer Stirn und in ihrem Nacken aufbauten. Sie verkrampfte beide Hände um den Haltegriff und versuchte ruhig zu atmen, was ihr aber nicht gelang. Sie sah plötzlich wieder Timos fragenden Blick vor sich und fragte sich, ob Timo sie wohl so angesehen hätte, da er befürchtete sie nicht wieder zu sehen, sollte das nun geschehen? Kalte Angst stieg in ihr auf, die sich in Panik steigerte. Ihr Herz begann zu rasen, sie wußte nicht, wie lange sie die Situation noch kontrollieren konnte. Da hielt der Zug an. Wie in Trance ging Nora auf den Ausgang zu und steuerte auf eine Bank zu, die gegenüber dem Ausgang auf dem Bahnsteig stand. Sie setzte sich und spürte, wie die Panik sich weiter steigerte und sie befürchtete von der Bank zu kippen. Sie konnte es nicht ertragen, dass nun Menschen aus dem Zugabteil ausstiegen und auf sie zu und an ihr vorbeihasten würden. Das waren zu viele, das war kaum auszuhalten. Plötzlich standen ein junger Mann und eine ältere Dame neben ihr und sprachen sie an: "Geht es Ihnen nicht gut? Sie sind ganz bleich!" Sie sagte, "nein, mir geht es gar nicht gut, ich weiß nicht, was gerade mit mir geschieht, ich müßte eigentlich noch weiterfahren, aber mir ist schrecklich übel". Sie zitterte am ganzen Körper. Die ältere Dame meinte: "Kommen Sie, wir bringen Sie zum Arzt, hier ist gleich eine Praxis, nur etwa fünfzig Meter von hier". Beide nahmen sie in die Mitte und führten sie zur Praxis und baten dort, dass sich gleich jemand um sie kümmern sollte, da es sich um einen Notfall handeln würde.

Der Arzt nahm Nora mit ins Behandlungszimmer und begann sie zu untersuchen. Er testete den Blutdruck und führte einige Untersuchungen durch, die Nora gar nicht mehr richtig wahrnahm, da sie sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Dann sagte der Arzt ganz ruhig zu ihr: "Sie sind vollkommen gesund, aber Sie sollten gründlich darüber nachdenken, was sich in ihrem Leben ändern sollte. Kann Sie jemand hier abholen?" Nora meinte, ja mein Mann, er arbeitet nur drei Kilometer von hier entfernt und hat das Auto dabei. Der Arzt reichte ihr das Telefon und meinte, sie solle ihn benachrichtigen. Als Konrad abhob, fragte er was los sei und sie teilte ihm kurz mit, was vorgefallen war und bat ihn, sie doch bitte abzuholen. Konrad brummte etwas von "das passt mir jetzt aber gar nicht, kannst du nicht warten und dann wieder mit der S-Bahn zurückfahren?". Sie übereichte dem Arzt den Hörer, der Konrad mitteilte, dass es in diesem Zustand nicht angebracht sei, dass er sie alleine zurückschicken würde, da er einen Nervenzusammenbruch festgestellt hätte. Konrad kam nach einer Viertelstunde und war sehr ungehalten, dass Nora nun so ein Durcheinander erzeugen würde.

Nora kam nach Hause, Timo setzte sich zu ihr und meinte er hätte gespürt, dass es ihr nicht gut gehen würde und wäre deshalb schon mit zum Bahnhof gefahren, da er gehofft hätte, sie würde lieber zuhause bleiben. Tanja war inzwischen zu einer Freundin gefahren. Konrad tobte, dass er nun völlig aus seinem Konzept gerissen sei und nochmals in die Firma müsse.

Am nächsten Tag wollte Nora wieder in die Arbeit fahren, hatte aber Angst wieder in die S-Bahn zu steigen. Konrad erzählte beim Frühstück, dass er in die Innenstadt müsse und das Auto nehmen würde. Da bat Nora, ob er sie mitnehmen könne, da sie sich heute nicht mit der S-Bahn fahren trauen würde. Unwillig gestand er ihr zu, wenn es nicht anders ginge solle sie doch mitfahren. Nora stieg ins Auto und wurde von Konrad den ganzen Weg beschimpft. Völlig gerädert stieg sie aus dem Auto und ging zu ihrer Arbeitsstelle. Dann rief sie ihre Freundin und deren Mann an, mit denen sie und Konrad eine Urlaubsreise in drei Wochen geplant hatten. Sie teilte nur ganz ruhig mit, dass sie an diesem Urlaubstrip nicht teilnehmen würde und auch die Kinder fragen würde, was diese gerne tun wollten. Sie meinte ihr ginge es nicht besonders gut und sie müsse über einiges nachdenken.

Nora dachte nach über die Worte, die der Arzt zu ihr gesagt hatte und plötzlich fing sie an zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Sie weinte und schluchzte und konnte sich nicht mehr beruhigen. Als sie nach fast zwei Stunden völlig erschöpft und ohne eine einzig weitere mögliche Träne auf ihrem Bett lag, wußte sie was sie ändern wollte....sie teilte Konrad mit, dass sie sich von ihm trennen möchte und hatte das Gefühl, dass eine riesige Last von ihr fiel und ihr Körper und ihr Geist und ihre Seele ganz leicht wurden...

Sie war nur nicht sicher, wie Timo und Tanja auf diesen Wunsch reagieren würden. Als sie ihnen ihren Entschluß mitteilte, meinten beide: "Gott sei Dank, das hättest du schon früher machen sollen".

Da fiel ein weiterer Stein von ihrem Herzen....


Eingetragen am: 08.07.2008 von Lisa Becker
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14221

Ok, dachte ich, wenn ich erst mal oben auf der Rutschbahn bin, kann er mir nichts anhaben. Je mehr ich es mit der Angst zu tun bekam, umso intensiver schaute er zu mir hoch. Sein Fell, überlegte ich, hat ja sogar eine schöne Farbe, dunkel braun mit schwarz. Hier marmoriert dort gestreift. Aber sein Gesicht konnte ich nicht anders, als hässlich bezeichnen mit diesen herunter hängenden Backen, den schiefen Augen und diesem "Na und, ist mir doch egal-Blick. Würde er denn nicht endlich aufhören, zu mir nach oben zu schauen und dabei ungeduldig zu hescheln? Oh nein, jetzt stand er schon mit seinen Vorderbeinen auf den mittleren Stufen der Leiter von der Rutschbahn. Wieso bin ich ausgerechnet jetzt ganz allein auf dem Spielplatz? Wie lange soll ich hier oben auf dieser Rutschbahn noch hocken bleiben? Gab es für diese Bulldogge keinen interessanteren Platz als diesen?Meine Angst muss ihm wohl in der Nase gut geschmeckt haben. Und für eine fortlaufende Geschmackssteigerung war ich spürbar am Wirken. Doch weniger war es die Angst, von da oben aus etwa von diesem in der Gegend gefürchteten Hund angegriffen zu werden, denn bis nach oben zu mir würde er es nicht schaffen, egal was er anstellt. Vielmehr war es diese Angst vor der Angst in mir, ich könnte jenem mir bis dahin noch unbekannten Kicklocken nicht widerstehen und tatsächlich mich wagen, die vor mir noch ca 400 m liegende Strecke durch die Strebergärten gleich in Angriff zu nehmen, sobald dieser blöde Hund sich erst einmal für einige Augenblicke etwas anderem als mir zuwenden würde.

Ich wusste es genau, dass ich nicht ausschließen konnte, dass er mich unterwegs einholt, weil mein Weg auch zu seinen täglichen Routen gehörte. Und sobald er dann jeweils auf unserem Grundstück war, hatte ich jedesmal viel weniger Angst vor ihm als diesesmal. Es waren ja stets irgendwelche Leute oder Kinder da gewesen, so aber nicht an diesem Tag und nicht an diesem Ort. Hier war ich, ja war allein, nicht einmal weit und breit einen einzigen Spaziergänger zu sehen.

Also, selbst, wenn ich von diesem Spielplatz ein oder zwei oder drei hundert Meter geschafft haben würde, mich in Richtung unseres Wochenendhauses, an den vielen Strebergärten vorbei, zu entfernen, so wäre es immer noch bei jedem Schritt, bei jedem Atemzug von mir und bei jedem Umdrehen von mir möglich, ihn aus Entfernung anrennen kommen zu sehen.

Diese Vorstellung jagte mir, während ich noch oben auf der Rutsche saß und tausende Male hoffte, dass doch bitte gleich ein Wunder geschehen möge, rasende Angst ein, doch noch mehr dieser aufkommen wollende Mut in mir, der mich dazu verführen wollte, bei nächster Gelegenheit mich aufzumachen auf den Weg. Am Anfang, wusste ich, würde ich einfach nur nicht rennen dürfen. Das war ja bekannt, ich würde vermeiden müssen, seine erneute Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

Aber solbald ich erst einmal in genügendem Abstand vom Spielplatz sein würde, dann würde ich ja mit dem Rennen beginnen können, war mein Plan, den ich jedoch mehr und mehr zu hassen begann, weil diese Vision mich immer stärker einzuladen drohte, es genau so zu tun und nicht anders.
Aber noch immer war er genau an der gleichen Stelle, mit unveränderter Blickrichtung auf mich dort oben. Nun erinnerte ich mich, wie oft zuvor er sich bereits, wenn er heiß war, an einem unserer Beine gütlich zu tun versuchte, und wir ihn nur mit wirklicher Mühe abschütteln konnten.

Aha, schoss es mir durch den Sinn, jetzt wurde es deutlich, er war wieder heiß, das auch noch! Und wenn ich ihn, während er mich einholen würde auf dem Weg und allein sein würde, von meinem Bein wegschütteln müsste, und kein Mensch würde in der Nähe sein, grübelte ich weiter, wie würde er reagieren, würde er auch mich beißen, wie er schon einige Male andere Leute gebissen hat? Jetzt wurde mir mulmig oben auf dem für den Hund zwar unerreichbaren Rutschbahnplaz. Wie zuerst an diesem Morgen gefangen in meiner Angst vor einem zu großen Wagemut, der unaufhörlich lockte, gefangen von der Angst vor seinem Biss, erst recht dann, falls ich es ihm untersagen würde, sich begierig um eines meiner Beine zu klammern, wusste ich nicht, dass an diesem Morgen noch ein ganz anderes räumich entgegengesetztes Gefangensein auf mich warten würde.

Warum kommt denn nicht endlich irgend jemand hier vorbei oder auf den Spielplatz. Oder warum kommt nicht grade Herr Sauer vorbei, um seinen Hund wieder mal zu suchen? Wie lange würde ich hier oben wohl noch sitzen müssen?

Dann, oh Wunder, schien er endich die Schnauze voll zu haben und es aufzugeben. Er entfernte sich vom Spielplatz und ich schaffte es im ersten Anlauf noch nicht, wieder runter zu steigen. Ich wartete, ob er vielleicht gleich wieder zurück kommen würde, ein paar Minuten oder vielleicht auch nur ein paar mir wie Minuten vorkommende Sekunden lang.

Ich stieg die Stufen runter. Mit heftigstem Herzklopfen machte ich einen Schritt nach dem anderen, bemüht langsam und bemüht schnell zugleich, von hier weg zu kommen. Es gab in dieser Situation offenbar keine Lösung, keine Zauberfee, keine Garantie, diese hunderte vor mir liegenden Meter heil im Wochendhäuschen, wie wir es nannten, anzukommen. Bei jedem Ein- und bei jedem Ausatmen hoffte ich, dass er es nicht hören oder riechen könnte, doch dieser dumme Mut zwang mich, den jeweils nächsten Schritt von der doch eigentlich eben noch sicher gewesenen Rutschbahn weg zu wagen. Ich hatte das Gefühl, mich mit jedem einzelnen Schritt weg von der Rutsche, in Wirklichkeit näher in Richtung jener quälenden Unsicherheit zu begeben, was sich mir einige Minuten später schon und nach ca.300 Metern als ein beginnender Alptraum auftat, der dabei war, wahr werden zu wollen.

Beim, ich weiß nicht wievielten Male, wo ich mich angsterfüllt umgedreht hatte, ob der von mir immer wieder durchlebte Angstgedanke diesen Hund nicht auf einmal noch sogar förmlich anziehen würde, erblickte ich ihn tatsächlich plötzlich, zuerst noch ganz weit hinter mir, am Anfang der Schrebergärten um die Ecke kommen. Er war nicht am Rennen. Er hat mich wahrscheinlich noch nicht sehen können, versuchte ich mich bis zum Anschlag selbst zu beruhigen, um im nächsten Moment: "ach was" zu denken, Hunde riechen gut, er "weiß" wohl längst, dass er mir auf der Fährte ist. Wird er gleich im nächsten Moment anfangen zu rennen?, atmete ich diese Frage fast ohnmächtig werdend in mich hinein. Soll ich diesen mittlerweile sehr viel schneller gewordenen Schritt von mir beibehalten, soll ich stehen bleiben und hoffen, dass er von selbst wieder umkehrt oder soll ich auf der Stelle anfangen zu rennen, was das Zeug hält? Die restlichen 60, 70 m bis zum Wochenendhäuschen würde ich, falls ich jetzt einfach losrennen würde, ja vielleicht rechtzeitig schaffen. Wenn ich aber weiterhin im gleichen Tempo weiterginge, würde ich die gleiche Strecke erst viel später zurück gelegt haben, waren meine nächst liegenden Überlegungen. Und der Abstand zwischen diesem blöden Hund und mir blöder Kuh würde sehr schnell geringer werden können, und dann würde mir das Losrennen womöglich auch nicht mehr helfen.

Dann rannte ich los, so schnell, als ginge es darum, ein Rennen auf dem Sportplatz zu gewinnen, wusste jedoch, dass ich noch nie eines gewonnen hatte. Zwischendurch drehte ich mich einige Male um, und bemerkte, dass er noch das gleiche langsame Hundeschritttempo hatte. Doch dann beim letzten Umdrehen, oh nein, der war ja tatsächlich schon am Rennen, er war dabei immer näher zu kommen..., Tausende von Panik getriebener Gedanken überschlugen sich blitzschnell in mir: Hilfe, schaffe ich es noch, Hilfe, schafft er es, Hilfe, ich darf mich jetzt nicht mehr umdrehen, denn ich muss nach vorne sehen, darf nicht fallen oder ausrutschen oder stolpern, Hilfe, ich muss es schaffen, vor ihm im Haus zu sein. Hilfe, und wenn gar keiner da wäre, Hilfe, was, wenn die Haustüre verschlossen wäre, Hilfe, wo krieg ich jetzt Hilfe her, wo ist der rettende Einfall? Ja, was sonst, es blieb mir nur der Hühnerstall, den ich in gut 10 Metern erreicht haben dürfte, Hilfe, aber der hatte ja noch gar keine richtige Tür, Hilfe, mein Vater hatte die Tür ja noch gar nicht fertig gemacht, Hilfe, ja was sonst, da blieb mir nur noch das kleine Hühnerhäuschen im Hühnerstall übrig, in das ich reinkriechen müsste. Egal, wie verschissen es wäre, egal, ob sich grade ein oder zwei Hühner zum Brüten darin befinden würden. Egal, wenn es auch nicht höher als grade mal 40 cm war, egal, egal, egal, es hatte zmindest ein kleines Türchen, das mein Vater einfach so zum Spaß mit dran gebaut hatte, als einer von uns Kindern diesen Vorschlag ebenfalls nur so im Spaß gemacht hatte. War ich es vielleicht sogar selbst? Keine Ahnung mehr. Dieses Türchen war zwar nicht zu verschließen, wusste ich angstgeladen als nächstes, aber ich könnte mit aller Kraft von innen dagegen zu halten versuchen, was sonst, um dieses Ungeheuer nicht durch zu lassen, mit seinem Kopf nicht, seinem Rumpf, mit seinem Maul und nicht mit seinen Pfoten.

Wenige Rennschritte später war ich dabei wie von Zauberhand begleitet und von einer Art Schockgefühl getröstet, durch diese kleine Öffnung durch zu kriechen und gleichzeitig wahr zu nehmen, dass, bevor ich ganz drinnen war, der Hund bereits wie fassungslos mich anglotzend vor mir stand.

Ich schrie ihn so laut ich konnte an, in der Hoffnung ihn abzulenken, und solange davon abzuhalten, sich auf mich zuzubewegen, bis ich endlich in diesem Ding ganz drin wäre. Er kam auf mich zu, während ich mich mit einem konstanten Blick nach hinten auf ihn gerichtet, tastend abmühte, durch diese Öffnung zu kommen, knurrte, und da war mir, als würde ich es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Eine echte Panik überfiel mich und ließ mich nur noch ganz laut und anhaltend schreien, was zwar half, ihn kurz zu erschrecken und ihn nicht noch dichter auf mich zu kommen zu lassen, und mir vielleicht einige Bruchteile von Sekunden geschenkt haben dürfte, es endlich geschafft zu haben, das Türchen von innen zu zu drücken, indem ich mich mit dem ganzen Körper aus der Hocke auf die Knie gehend von innen an das Türchen lehnte und mich relativ geborgen zu fühlen in dieser selbst gewählten mich vor dieser davor lauernden Gefahr befreienden Gefangenschaft.

Sein Knurren hörte ich immer lauter werden, er war mit seinem hässlichen Gesicht dicht an der Tür ohne Schloss, ohne Riegel. Meine Kraft musste diese nun ersetzen, falls ich gleich im nächsten Moment sein Drücken wahrnehmen würde. Würde ich nicht adäquat dagegen halten, könnte er auf einmal noch das Türchen so weit durchdrücken, dass ich keinen Schutz mehr haben würde. Hinter dieser Tür, die sich nicht abschließen ließ, musste ich mich peinlich sensibilisiert bereit halten, mit dem jeweils richtigen Gegendruck zu reagieren, um diesem Hund keine Möglichkeit zu bieten, dieses Stückchen Rauhfaserplatte so einzudrücken oder nach außen zu reißen, dass er zu mir freien Zugang gehabt hätte.

Sein Knurren und seine Versuche, mir nahe zu kommen, schienen nicht aufzuhören. Wenn nicht gleich jemand von den Anderen zurück käme, wusste ich nicht mehr, wie mir bald geschehen würde. Die Angst, da für längere Zeit, vielleicht noch länger als vorhin auf der Rutschbahn von da drinnen nicht wieder raus zu kommen, und ständig nicht zu wissen, was im jeweils nächsten Augenblick genau zu tun sei, wuchs quälend.

Ich schrie ihn dann irgendwann wieder an, was meine Kehle dafür hergab, dass er abhauen solle und schrie das gleiche immer wieder, bis ich eine Stimme hörte:
"He, Schwesterchen, bist Du da etwa so am Schreien wie am Spieß?" Und eine zweite: "Das glaub ich jetzt nicht, die sitzt tatsächlich in diesem verschissenen Hühnerhäuschen? Was machst du denn bloß da drin, Kind?"

"Ja, Mama, ich bin`s, schaff mir schon endlich diesen blöden Hund vom Leib, ich will hier raus."

Und wunderte und wunderte mich sehr, weshalb eigentlich die Beiden vor dem gleichen Hund so wenig Angst haben konnten und wundere mich noch heute...


Eingetragen am: 07.07.2008 von wupilie
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14197

Gefangen

Gefangen im Heute. Gefangen in einem bunten Strauss voller Möglichkeiten. Gefangen in der Unfähigkeit die Essenz zu erkennen, zu filtern, was wirklich wichtig ist. Ich ? Kinder? Wir? Beruf? Allen Erwartungen gerecht werden? Einsam aber glücklich? Wie soll das denn heute gehen? Unabdingaber ist er geworden, der Mut zum Anderssein, denn : Heute ist alles anders. Immer früher, soll man immer mehr gemacht haben. Im Mutterleib schon bekommt der Fötus etwas Mozart auf die noch nicht ganz ausgebildeten Ohren, kaum draussen gibt´s Pekip um dann mit zwei den ersten English-Kurs zu besuchen. Mit drei Musikschule und mindestens eine Interessensgruppe, mit vier Seepferdchen, mit 16 Führerschein, mit 18 Abi und mit 21 den Hochschulabschluss in drei Fächern nebst vier halbjährigen Auslandspraktika. – und dann? Dann gibt´s Rente mit 70!
Immer mehr Kinder sollen wir bekommen, Karriere nebenbei, trotzdem Vollzeit, dabei jung bleiben, und Ehrenämter im Sportverein, der Anti-Raucher-Bewegung und der Katastrophenhilfe übernehmen – die Kinder dabei nicht vernachlässigen, während diese ab dem zweiten Lebensjahr acht Stunden täglich fremd betreut werden. Man erhält ja einmal pro Quartal ihr Kompetenzprofil... und nun, letzten Endes sollen auch noch immer mehr Kühe, immer weniger Milch geben.
Die Fortbildungskurse, die Yoga-gruppe, den Weg zur Ernährungs- und Feng Shui – beratung, die Fahrten zwischen Heim, Herd, Karriere & Theatergruppe für neugeborene Hochbegabte sollen bitte politisch korrekt und ökologisch einwandfrei mit Fahrrad – natürlich vollends ergonomisch - abgeklappert werden. Wozu denn dann noch das Trainig für den solidarischen Stadtlauf? Das alles bis 70?
Wenn dann mit ca. 45 Jahren endlich einmal kurz verschnaufen kann, weil die fünf Kinder groß sind, bekommt man gesagt, man sei zu alt. Man ist also nun 25 Jahre seines Lebens zu alt, um dann in die Altersarmut entlassen zu werden. Motzen gibt rot!
Ich habe keine Lust mehr auf dieses Dilemma, keine Lust mehr in absurden Erwartungen gefangen zu sein. Ich habe das Rauchen angefangen, hole meine Kids jetzt schon um 14 Uhr aus dem Kindergarten und habe meine Job gekündigt. Meinen Obulus an die Familienkasse leiste ich nun mit Nebenjobs. Ich bin glücklich, fühle mich befreit und lache mir mit meine Kids ins Fäustchen, wenn wir um 15 Uhr bei herrlichstem Sonnenschein das fünfte Schokoeis vertilgen – mit Sahne und Streuseln! Und morgen gibt´s Vanille!


Eingetragen am: 07.07.2008 von traduvw
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14179

Seit ich denken kann, bin ich gefangen in meiner Schüchternheit. Oh, ich kenne viele, die sagen sie sind eigentlich schüchtern, nur merkt man es ihnen kaum an. Bei mir ist das anders, bei mir weiss jeder, was Sache ist. Ich werde nämlich rot wie eine Tomate. Heute mit 40 ist das so und schon in der Grundschule war das so und alle haben mich ausgelacht und Streiche gespielt. Ich weiss noch genau, wie abgrundtief ich mich geschämt habe, als eine Mitschülerin unserer Klassenlehrerin einen Radiergummi an den Hinterkopf schmiss und als sie sich umdrehte alle unbeteiligt guckten - nur ich nicht. Ich hatte den Tomatenkopf vorzuweisen und das kam ja wohl einem Schuldbekenntnis gleich. Ich war viel zu verlegen, ob des hochroten Kopfes, um zu protestieren.


Eingetragen am: 07.07.2008 von Sus
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„Ich muss die Tiere noch füttern“. Au ja, füttern, zu den Tieren. „Kann ich mit?“ Ich lauf hinter meinem Opa her. Weg von der langweiligen Familienfeier, quer über den Hof in die Futterküche. Mmmh, der Geruch, das mag ich. Opa schüttet die gekochten Kartoffeln in den Eimer, er zerstampft sie, das riecht so gut. Wir gehen mit dem Futter in den Stall. Das Schwein bekommt die Kartoffeln. Das Schwein mag ich nicht, es hat schon mal einen Hasen gefressen, der ausgebüchst war und meinen Opa hat es auch schon mal ins Bein gebissen. Er hatte dann sehr lang einen Verband am Bein. Außerdem stinkt das Schwein so.
Dann bekommen die Hasen ihr Futter. Die Hasen mag ich. Im Garten pflücke ich schnell noch ein paar Löwenzahnblätter, die mögen sie besonders gern. Schnell wieder in den Stall, bevor Opa fertig ist und ich wieder mit ins Haus muss, zu der langweiligen Feier. Wenn ich die Löwenzahnblätter durch den Zaun halte, kommen die Hasen sofort angerannt und fressen mir aus der Hand. Die Kleinsten mag ich am liebsten. Ich sitze vor dem Stall und schau ihnen zu, während nebenan das Schwein grunzend und schmatzend seine Kartoffeln frisst. Ich höre entfernt, wie Opa den Riegel vor die Stalltür schiebt. Es dauert ein paar Sekunden, aber dann - ach du Schreck, ich schmeiß die restlichen Blätter in das Hasengehege und lauf zur Stalltür. Sie ist zu. Abgesperrt. Opa macht sicher nur einen Spaß mit mir. Gerade sehe ich noch durchs Stallgitter, wie er ins Haus läuft. Ich rufe ihn. Er schließt die Haustür. Ha ha, sehr lustig.
Ich höre die Erwachsenen durchs offene Fenster reden. Es schallt Lachen über den Hof. Ich rufe wieder. Gleich kommt sicher Opa und lässt mich raus.
Neben mir grunzt das Schwein. Es sieht so böse aus.
Ich rufe noch mal. Nichts.
An der Stalltür sitzt eine riesige Spinne, direkt über meinem Kopf. Igitt!
Ich rufe noch mal.
Hat mich mein Opa etwa im Stall vergessen? Nein, das kann nicht sein. „Haaaallllooooo!!“
Irgendwann kommt sicher jemand. Irgendjemand muss ja merken, dass ich fehle. Ich rufe und rufe.
Es dämmert. Ich habe die Spinne fest im Blick. Im Stall hinter mir ist es schon dunkel.
Ich bekomme langsam Angst. „Haaaallloooo“. Mir kommen die Tränen. Ich bin allein und mir ist kalt. Neben mir grunzt das Schwein. Von der Spinne sehe ich nur noch die Umrisse gegen das Mondlicht. Ich rufe. Nichts.
Ich habe solche Angst, überall hinter mir im Stall sehe ich mittlerweile Schatten. Und es raschelt. Ich setze mich auf den kalten Steinboden, nein, das ist nicht gut, ich stell mich wieder hin.
Da, schon wieder ein Rascheln. Ach ja, das sind wahrscheinlich die Hasen. Ich rufe nicht mehr. Ich weine nur noch.
Dann höre ich meine Eltern. Sie stehen an der Haustür und verabschieden sich wahrscheinlich. Das Licht im Hof geht an. Die Haustür öffnet sich. Einen Moment lang, habe ich angst, sie könnten ohne mich heimfahren. Sie haben vielleicht gar nicht gemerkt, dass ich nicht da bin. Mein Papa schaut suchend über den Hof. Er sucht mich, ja er sucht mich! Ich rufe ihn. Er kommt zum Stall rübergelaufen. Er lacht und sagt ein bisschen vorwurfsvoll „Da bist du ja!“ Ja natürlich bin ich hier. Ich bin schon die ganze Zeit hier! Ich weine und weine und kann gar nicht mehr aufhören. Wie können mich denn alle so vergessen?


Eingetragen am: 05.07.2008 von Marcus Richter
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Gefangen im Ich. Niemand hilft mir aus mir selbst heraus. Keiner da der mir einen Ausweg zeigt. Stets kämpfe ich mit mir selbst, aber die Mauer aus meterdicken zitternden Muskeln lassen mich nicht hinaus. Hinaus in die Freiheit, zu den anderen die bereits einen freien Willen haben und auf der anderen Seite warten. Ich hämmere gegen den Wall, aber niemand scheint mich zu hören. Dies ist eine verzweifelnde Situation der Unerträglichkeit.
Dennoch, Stück für Stück reiße ich einzelne Muskelfasern heraus. Ich bin stark genug um mich selbst zu befreien. Irgendwann erkenne ich mein wahres Ich.


Eingetragen am: 02.07.2008 von Agnes Balazs
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Ich spielte öfters verstecken mit meiner Schwester. Es machte einfach Spaß, unsere Wohnung war groß genug und voll von nutzbaren Ecken und Enden.
"Zähl bis 15", sagte ich zu ihr und wartete, daß sie die Augen zumacht.
Ich rannte los, wohin sollte ich mich verstecken? Dachte blitzschnell nach. Ging dann zu ihrem Zimmer und sah das Bett. Ha! Sie denkt sicher ich passe nicht darunter.
"Ich komme!" rief sie und ich hörte ihre Schritte.
Sie kam ins Zimmer, schaute in den Kasten, unter dem Schreibtisch, hinter dem Vorhang, aber nicht unter ihrem Bett.
Es war ja auch verdammt eng. Mein Stirn streifte fast den Lattenrost.
Sie ging wieder raus.
Sie suchte in jedes Zimmer, im Bad, in der Küche, im Abstellraum. Sie schaute sogar in den Gang, aber fand mich nicht.
"Komm raus!" sagte sie und gab somit auf.
Ich grinste und versuchte unter dem Bett vorzurutschen. Es ging nicht. Ich schaffte es nicht unter der Kante durchzukommen.
Ich drehte meinen Kopf zu Seite, atmete aus und probierte es nochmals. Ging nicht. Ich schieb das Bett raufwärts, aber es bewegte sich nicht.
Panik über kam mich. Ich schrie plötzlich wie am Spieß. Ich war nicht mehr ich selber.
Ich kriegte keine Luft.
Als nächstes erinnere ich mich nur, daß mein Vater dort war und das Bett hoch hob. Ich glaube Minuten sind dazwischen vergangen. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß es nicht mehr.


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