60 Die Romanwerkstatt im Autorenhaus Verlag | Schreiben Sie mit! | Kapitel 9 mit Übungsaufgabe
(Foto: Christian Rohr)
„Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Und obwohl ich nun Teil dieser Branche bin, die sich manchmal Neulingen gegenüber wie eine uneinnehmbare Festung präsentiert, stehe ich instinktiv eher auf der Seite derer, die versuchen, die Mauern zu erklimmen."

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Kapitel 9 mit Übungsaufgabe

27.02.2008© 2008 Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin
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Leserbeiträge

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Eingetragen am: 01.07.2008 von Melly
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13906

Stimmengemurmel drang leise an mein Ohr, ich öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit. Meine Hände tasteten die Umgebung ab, ich fühlte die Enge, die mich umgab. Hart schlug das Herz gegen meine Rippen. Die Luft war stickig und machte mir das atmen schwer.Ich lag in einem Sarg. Jemand warf Erde darauf. Ich begann wie wild gegen das Holz zu schlagen, versuchte zu schreien.
Aber kein Laut drang aus meinem Mund. Ich spürte, wie mir Tränen aus den Augenwinkeln die Schläfen herunter in die Haare rann. Ich schrie aus Leibeskräften: "Mama, hilf mir!"
Ich hörte ihre Stimme: "Wach auf, du hast schlecht geträumt."


Kommentar von Reiner Reinfeld

Hallo Melly! Bei Dir soll nicht genug action in den Geschichten sein? Beim Lesen empfindet man ganz schön viel emotionale action! Gehörst Du zu denen, die mit ihren Leistungen nie zufrieden sind - Perfektionisten nennt man die glaube ich - oder fischst Du nach Komplimenten? Das habe ich jetzt hierher geschrieben, weil ich von Dir noch nichts gelesen hatte und zurückgeblättert habe. Ich war in den letzten Monaten nur sporadisch hier vertreten, darum habe ich Deinen Namen erst jetzt entdeckt. Du bist ja erst seit Juli dabei. Viel Erfolg! Ich seh bei Gelegenheit auch mal bei Deinen anderen Beiträgen nach. LG Reiner

Eingetragen am: 16.09.2008

Kommentar von Johanna

Hallo Melly, echt gruselig, aber toll geschrieben. L.G. Johanna

Eingetragen am: 02.07.2008

Eingetragen am: 01.07.2008 von Michelle
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13886

Ängstlich saß ich dicht gegen eine Wand gedrückt. Immer wartend das etwas passieren würde, als ich etwas in meinem Umfeld wahrnahm, erschreckte ich, meine Angst übermannte mich. Doch als es näher kam, ins Licht trat, war es nur eine Ratte.


Eingetragen am: 29.06.2008 von Evelyn Schmidt
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13833

Gefangen

Gefangen und das Gefängnis bin ich selbst.
Der Mund ist versiegelt. Jeder Versuch etwas zu sagen wird von mir geblockt. Diese Wand der Schweigsamkeit zu durchbrechen scheint unmöglich. Doch wer hindert mich? Bin ja nur ich, diejenige, die mir im Weg steht.Die Angst verbietet es mir.. Die Wahrheit ist schon zu tief verschlungen im Netz der Unsicherheit. Werden sie mich anders behandeln oder sogar schlecht über mich denken, wenn sie es wüssten?. Es beschäftigt mich. Doch ich darf mir nichts anmerken lassen. Es ist wie ein Zwang dieses Scheinbild von mir aufrecht zu erhalten. Und so bleibt es mein Geheimnis, was so unendlich schwer auf meiner Seele verharrt.
Lachend gehen wir in die Klasse zurück.


Kommentar von Johanna

Hallo Evelyn, deinen Text finde ich sehr gut. Durch den letzten Satz wird die Diskrepanz zwischen innerem Erleben und äußerem Schein besonders deutlich, das gefällt mir.

Eingetragen am: 02.07.2008

Eingetragen am: 26.06.2008 von Johanna
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13730

Gefangen
Allein mit ihm zu sein, machte mich nervös. Ich glaube, es war das erste mal, dass ich ohne meine Mutter oder meine Geschwister mit meinem Vater unterwegs war. Ich muss etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Mein Vater war für mich ein fernes und unbekanntes Wesen, mit dem ich weder sprechen noch irgendwie anders Kontakt aufnehmen konnte. Und jetzt war ich ganz allein mit diesem Fremden. Wir fuhren mit dem Auto zu seiner Arbeitsstätte, einem Institut an der Universität. Es war Sonntag, er wollte dort irgendetwas holen. Ein großes Treppenhaus, hallende Schritte auf den Steinstufen, stille Gänge. Niemand außer uns.
Ich musste mal, dringend.
Aber wie das sagen? Als es gar nicht mehr anders ging, machte ich endlich den Mund auf. Mein Vater zeigte mir die Toiletten. Ich rannte förmlich hinein. Auch hier diese leere Stille. Der große Raum machte mir Angst. Ich huschte schnell in eine Kabine und schloss ab. Erleichterung.
Als ich fertig war, wollte ich mit neuem Mut zu meinem Vater zurückkehren. Aber ich konnte die Tür nicht öffnen. Ich drückte, ich drehte, ich wusste nicht mehr in welche Richtung ich überhaupt drehen musste. Immer verzweifelter rackerte ich mich an dem Schloss ab. Ich versuchte, unter der Trennwand hindurch zu kriechen, aber der Spalt war sogar für mich zu schmal. Ich überlegte, ob ich schreien sollte, aber könnte mein Vater mich überhaupt hören? Und was würde er sagen? Das Schreien war mir peinlich, ich wollte keinen Ärger machen, aber ich musste hier doch irgendwie herauskommen.
Da klappte die Tür zum Toilettenraum.
"Bist du noch da?" Mein Vater, seine Stimme klang besorgt.
Ich platzte heraus: "Ich kriege die Tür nicht auf."
"Versuch es noch einmal, vielleicht hast du den Knopf in die falsche Richtung gedreht?"
Von der Logik eines Türschlosses hatte ich damals noch keine Ahnung und er erklärte mir geduldig, was ich tun sollte.
Seine Stimme beruhigte mich und ich versuchte es. Tatsächlich gelang es mir, die Tür zu öffnen. Ich stürzte heraus und mein Vater nahm mich in den Arm.
Das erste mal, an das ich mich erinnern kann.


Eingetragen am: 20.06.2008 von Mechthild Sommer
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13500

Eigentlich war ich ja die Jägerin. Ich hatte ihn aufgespürt, in der Vorlesung hab ich ihn entdeckt und mein Jagdtrieb war geweckt. Er ist charmant, humorvoll und attraktiv. Doch noch bevor ich meinen Flirtangriff starten konnte war ich schon getroffen. Es hat mich voll erwischt - hoffnungslos verknallt. Nun war ich hilflos und unsicher. Gefangen nur mit einem Blick. Wenn er spricht, werden meine Knie weich - Flucht ist nicht mehr möglich!


Eingetragen am: 17.06.2008 von Susanne
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13413

Unerklärlich fanden die Ärzte es: Drei Lungenentzündungen innerhalb weniger Jahre und jedes Mal ein Verlauf von fast drei Monaten. Es müsse da noch eine andere Ursache geben, warum bei mir aus jeder kleinen Erkältung gleich eine große Sache wird. Nach vielen Untersuchungen, die sich insgesamt über Monate zogen, vermuteten sie eine Anomalie im Stoffwechselprozeß: Der Körper produziere zu viel Cortisol. Ein Tumor wäre eine Erklärung, aber – keine Angst - sie wollten es zu meiner Sicherheit klären und mich in der "Röhre" durchleuchten. Diese enge Röhre, in der gerade der Körper reinpaßt, aber man sich nicht drehen und nicht bewegen kann. Als ich die "Röhre" zum ersten Mal sah, wurde gerade ein Patient hineingeschoben und mir wurde ganz übel, denn ich sah, wie eng das Gerät wirklich war. Obwohl es an diesem Tag für mich nur um die Terminvereinbarung ging, spürte ich schon, wie ein unangenehmes Kribbeln in meinen Körper einzog und ich Mühe hatte zu atmen. Mein Magen fühlte sich plötzlich an wie ein dunkler Klumpen, der alles an sich zog und mein Hals wurde immer enger.

Bei meinem Schlafsack muß immer der Reißverschluß offen bleiben, sonst werden meine Beine zappelig und das panische Gefühl, gefangen zu sein, schiebt sich von den Füßen über den Magen in den ganzen Körper hinein. Bei Gruppenimprovisationen bin ich keinesfalls der Mensch in der Mitte, der von allen Seiten belagert wird und Konzerte, bei denen viele tausend Fans stehen und sich unkontrollierte Engpässe ergeben könnten, werde ich nie besuchen können. Bei einer Großveranstaltung vor vielen Jahren ("Du mußt einfach mitkommen!") staute sich die Masse Mensch in einem engen, recht dunklen Gang und ich verlor das Bewußtsein – das einzig Gute daran war, daß danach alle darauf achteten, daß um mich genügend Luft zum Atmen blieb. Und nun das: Eine enge Röhre und die Aussicht auf mindestens zwanzig Minuten Aufenthalt ...

Am Tag der Untersuchung machte ich zuvor so viele entspannende Atemübungen, daß mir fast alleine davon schon schwindlig war, aber Termin ist Termin. Eine nette Schwester bot mir ein Beruhigungsmittel an, aber ich lehnte ab. Ich hatte mir vorgenommen, die Augen geschlossen zu lassen und mich darauf zu konzentrieren, wie groß der Raum um mich herum sei, wie hell, wehende Vorhänge, ein leichter Windhauch usw. Ich hatte mich vorbereitet und wußte, daß ich das kann. Aber als ich dann auf der schmalen Plattform lag und in das Ungeheuer hineingeschoben wurde, blieb ein Wort in meinem Kopf hängen, prallte von einer Ecke zur anderen und hallte wider: Sarg, wie in einem Sarg, eng wie ein Sarg, man schiebt einen Sarg hinein ... hallo Ungeheuer, ich komme!


Kommentar von Monika B.

Hallo Susanne, mir hat Dein Text sehr gut gefallen, er ließt sich flüssig und man kann nach vollziehen wie es sich anfühlt, die Angst in der Enge. Meinem persönlichen Empfinden nach passen die letzten vier Wörter nicht zu der Stimmung, die der Text erzeugt, vielleicht solltest Du da noch einmal darüber nachdenken. Gruß Monika

Eingetragen am: 26.06.2008

Eingetragen am: 16.06.2008 von Vanessa
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13377

Der Wecker klingelt. Wie jeden Morgen. Anziehen, schminken, frühstücken, zur Schule gehen. Wie jeden Morgen. Immer das gleiche. Manchmal habe ich das Gefühl, als ob ich in einer Zeitschleife gefangen wäre. Ist heute Dienstag, oder Mittwoch? Ach nein, es ist ja Donnerstag. Schon wieder eine Woche vorbei? War das nicht scho letzte Woche? Nein, es ist ein anderer Tag. Nur merken tu ich davon nichts. Ich sitze auf meinem Platz in der Klasse und warte, dass bald Pause ist. Dass die Schule zu Ende ist. Doch was dann? Mittags essen und was ist am Nachmittag? Die Abende sind auch alle gleich. Was soll das eigentlich? Will ich das überhaupt? Was, wenn alles so bleibt? Wie lange halt ich das noch aus? Ich will nicht weiter in meinem Körper gefangen sein! Ich kann das nicht!
An diesem Punkt ist jeder bestimmt schon einmal gewesen. Und es ist unheimlich schwierig da raus zu kommen. Aus der Gefangenschaft im Alltag. Der Alltag, der einem irgendwann zu viel wird. Doch irgendwann habe ich mir gesagt, so kann das nicht weitergehen. Und habe gekämpft. Das hört sich vielleicht albern an, aber es ist nicht leicht, diese Ketten von sich zu reißen und wieder normal zu leben. Doch man kann es schaffen...


Eingetragen am: 11.06.2008 von Grobi
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13152

Ich hatte Akten zu barbeiten, große Berge von Papier, bedruckt und beschrieben mit unzähligen kleinen, kleineren und kleinsten Buchstaben, Zahlen und Symbolen. Eigentlich war Feierabend und ich hatte etwas vor. Ich weiß nicht mehr was, nur das es mir wirklich sehr wichtig war. Eine Akte noch, dann hätte ich fahren können, doch ich brauchte Daten, Fakten, Angaben um den Rechner zu füttern. Dieser eine Fall noch, eine Terminarbeit die leider nicht mehr bis Morgen Zeit hatte. Aber ich konnte die bönitigten Zahlen nicht finden, so sehr ich mich durch die Blätter wühlte und so oft ich Seite um Seite überflog. Ein Gefühl als läge ein Eisenreifen um die Brust und würde immer enger gezogen, machte sich breit. Unsinn eigentlich für eine solche Sache, aber es war das Gefühl einer beginnenden Panik, eine wage Ahnung von Verzweiflung. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir das ich erst fünf Minuten über der Zeit war und eigentlich für mein Vorhaben noch einen großen Spielraum hatte, aber ich war in dem Gefühl gefangen und mit jedem Herzschlag wurde ich nervöser und unsicherer.


Eingetragen am: 08.06.2008 von Sanne
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12934

Als Jugendliche war ich mit meinem Bruder und Freunden in den Ferien. Wir gingen gerne schwimmen. Im Swimming-pool der Ferienanlage gab es Schaumstoffmatten. Man konnte sich auf sie legen oder setzen und andere hielten sich an den Rändern fest. Es gab manchmal einen Kampf um diese Matten. Wer von der Matte flog, hatte seinen Platz dort verloren. Einmal flog ich nicht nur herunter, sondern geriet unter die Matte. Als ich auftauchen wollte, spürte ich die Matte über meinem Kopf, einmal, zweimal. Ich geriet in Panik. Ich hatte Angst die Augen zu öffnen und merkte wie mir die Luft ausging. Mich verließ die Kraft zu schwimmen, ich glaubte, dass die Schwimmmatte immer noch über meinem Kopf war. Ich streckte meine Arme aus und bekam Beine zu spüren. Ich stieß dagegen und versuchte mich an ihnen raus zu ziehen. Ich kam nach oben, den Kopf aus dem Wasser und schnappte nach Luft. Die anderen schienen nichts mitbekommen zu haben. Geschwächt und aufgewühlt hielt ich mich am Beckenrand fest. Ich hatte das Gefühl nahe am Ertrinken gewesen zu sein und niemand hatte etwas bemerkt. Da ich es gut überstanden hatte, wollte ich nicht darüber sprechen. Später jedoch holte mich die Todesangst ein in Form von Phantasien es würde Krieg geben.


Kommentar von Johanna

Hallo Sanne, dein Text gefällt mir. Man kann die aufkommende Angst und Panik sehr gut nachempfinden. L.G. Johanna

Eingetragen am: 02.07.2008

Eingetragen am: 07.06.2008 von Michelle Mancini
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12904

Eingesperrt...

Die mächtigen und doch winzigen Pillen , in der rechten Hand und das schwappende Wasserglas in der linken , sah ich ein letztes Mal nachdenklich auf und betrachtete die untergehende Sonne, die in vielen Rottönen durch das geöffnete Fenster hinein schimmerte und lieblich, Vivians kleines Gesichtchen streifte.
Ich fühlte eine tiefe Liebe und Verbundenheit zu ihr und es stand felsenfest, das ich für sie da sein wollte.

Egal wie.
Auch wenn es nur mit diesen Pillen möglich war?

Irgendwie fühlte ich mich , wie ein Verräter, bei dem Gedanken , diese Medikamente zu schlucken.

Mir , besonders meinem Körper gegenüber.



Was wollte ich wirklich?
Ich war von meinen Gefühlen her, nicht in der Lage, eine klare Entscheidung zu treffen .

Diese geballte Kraft , an starken Medikamenten , das ich endlich funktionierte , so wie andere es von mir wollten?
Obwohl nicht feststand, ob ich diese auch wirklich benötigte.

Es ging mir sehr, sehr schlecht davon.
Übelkeit, Brechreiz, Schwindelanfälle, Muskelzucken, Heulkrämpfe...?

oder...
Eine langsame , aber wirksame Heilung, mit Naturheilmitteln und viel Arbeit an mir selbst?

Ruhe, Genesung nach einer neun Monatigen Schwangerschaft, die eigentlich bestens verlaufen war?

Dafür besaß ich leider nicht die nötige Zeit.
Ich spürte bereits den Druck, in meinem Nacken und hörte die Worte des Neurologen.
"Nehmen sie die Tabletten , bevor es noch schlimmer wird, ich kann Ihnen aber nicht, sagen , ob es die Richtigen sind".

Oder lieber endlich einmal auf mein Herz hören? Lauschen , was mein Körper mir mit meiner Krankheit mitteilen wollte?

Auf keinen Fall.

Ich entschloss mich zu funktionieren ,den Alltag und alles zu bewältigen , so wie es die Anderen wünschten und auch zum Teil von mir verlangten.
Ebenso musste ich für Vivan dasein , die stets krank war und mich brauchte, da durfte ich doch nicht krank sein!

Als ich die erste winzige Tablette , der Antidepressiva schluckte, spürte ich , wie ich meinen eigentlich starken Willen verlor...
Denn mein "Geist", wurde in diesem Moment , in Fesseln gelegt und ich fühlte mich in meinem Körper eingesperrt.
Von diesem Tag an , war ich nicht mehr in der Lage, mich um sie zu kümmern.


Eingetragen am: 07.06.2008 von Kaya
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12893

Ein stummer Schrei nach Freiheit
Ich schlängle mich entlang an Booten, die mit dem Kiel nach oben wie gewaltige Landschildkröten im Schutze des Hafens thronen.
Meine nackten Füße versinken im Sand. Er ist heiß und glitzert, als hätte ein Riese microfeine Kristalle in die Natur gepustet. Ausgewaschene Kiesel und angeschwämmte Muscheln liegen wie verstreute Schmuckstücke am Strand. Unaufhaltsam lasse ich Badegäste, spielende Kinder und kunstvoll gebaute Sandschlösser hinter mir.
Voller Ehrfurcht komme ich am Ufer der Ostsee zum Stehen. Das Meer umspült laut tosend meine Füße. Eine warme Brise durchwühlt meinem Haar.
Für einen Augenblick empfinde ich Euphorie, Kraft und Freiheit.
Freiheit?
Sieht so die Freiheit aus?
Mein Blick gleitet bis zum Horizont. Ob man bei gutem Wetter das andere Ufer sehen kann?
Ich schmecke Salz auf den Lippen und es sind die Tränen der Sehnsucht nach der Welt, die dort beginnt, wo das Meer aufhört.
Denn an diesem anderen Ende, lebt mein Bruder, den ich nie zuvor gesehen habe.
Ob er jetzt auch am anderen Ende des Ufers steht und herüber schaut?
Ich bin gefangen in meinem eigenen Land.
Eingesperrt hinter sichtbaren und unsichtbaren Mauern.
Gefangen gehalten von einem System, das meint genau zu wissen, was gut für mich ist.
Ich lasse mich resigniert am Boden nieder.
Meine Finger malen einen Namen in die Feuchte Stelle des Ufers.
Seinen Namen.
Im Sand, der genauso aufgewühlt ist wie meine Seele, finde ich eine Muschel. Sie besteht aus zwei Hälften und ist fest geschlossen.
So fest geschlossen wie die Grenzen um mich herum.
Ich werfe die Muschel weit von mir, übergebe sie dem Meer und ich weiß, irgendwann, wird sie sich öffnen! Irgendwann!
Das Kommen und Gehen der Wellen, vom lauten Brausen, bis hin zum leisen Säuseln, vermischen sich mit den Klängen des Windes und dem unablässigen Geschrei der Möwen, die sich irgendwo um ein Stück Aas balgen.


Eingetragen am: 01.06.2008 von Achras
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12509

Es hat einige Jahre in meinem Leben gegeben, da mußte ich in einer Art Lagerhaus arbeiten. Gelagert wurden Unmengen alter Geschäftsunterlagen, Tonnen beschrifteten Papiers!
Nun mußten manche der Schriftstücke bisweilen eingesehen werden, und so wurden kartonweise die angeforderten Archivalien von einem Kurierfahrer täglich abgeholt bzw. zurückgebracht oder gar durch Neueinlieferungen noch vermehrt...

So hatte ich einen Kommissionierwagen vollgeladen und wollte ihn in der Nähe zur Tür an der Laderampe wie jeden Tag bereitstellen - als der Fahrstuhl zwischen Laderampenniveau und dem Erdgeschoß wegen einer durchgebrannten Sicherung steckenblieb.

Nun bin ich kein Mensch, der leicht in Panik gerät, ich drückte den Knopf der Rufanlage - es tat sich einige Zeit lang gar nichts, aber schließlich meldete sich der Notdienst des Aufzuginstallateurs, der mir versprach, innerhalb von 45 Minuten würde Hilfe eintreffen.
Ich wartete, mir war langweilig, außerdem würde die verlorene Zeit dazu führen, daß ich mein übliches Tageswerk in größerer Eile zu erledigen haben. Glücklicherweise hatte ich mein Mobiltelefon am Gürtel, informierte meinen direkten Vorgesetzten und fragte nach Ablauf der dreiviertel Stunde beim Aufzugsnotdienst nochmals an, wann denn nun mit Hilfe zu rechnen sei.

Naja, alles in allem habe ich vielleicht eine volle Stunde lang in dem Aufzug ausharren müssen, dann wurde ich per Handkurbel in die nächsthöhere Etage gezogen (Erklärung: Die Gegengewichte des Aufzugkorbes! Und natürlich die Sicherung gegen ungebremstes Stürzen. Es ist leichter, den Aufzug hochzukurbeln, als ihn herabzulassen)


Eingetragen am: 31.05.2008 von Pia Petersen
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12481

„Stell Dir vor, was mein Sohn einmal getan hatte, ich erzähl Dir schnell die Geschichte,“ sagte ich zu meiner Freundin, die mich besuchte.
„Du kennst ihn ja, immer hat er dumme Sachen im Kopf, mein Exmann hatte sich immer aufgeregt, er griff dann zu brutalen Methoden, die ich nicht akzeptieren konnte. Damals hatte er ihn im Keller eingesperrt, nur weil er den Ball in die Scheibe der Nachbarn gekickt hatte, natürlich war die kaputt, aber was soll`s , dafür haben wir ja die Versicherung, ausserdem mag ich die Nachbarn nicht.“
„ Was hast Du gesagt, im Keller eingesperrt, ja spinnt denn der total?“ „ Haha, das kann man wohl sagen! Er hat meinen Liebling in den Keller gesperrt, ein kleines Fenster ist ja, aber es ist doch recht dunkel dort. Und weisst Du was Conny gemacht hat? Nein, das erahnst Du ja nicht. Du weisst ja, dass ich immer Marmelade einkoche, mein Hobby“
„ Oh ja, ich bekomme ja immer einige Gläser von Deiner feinen Konfi. Was hat Conny gemacht?“

„ Du glaubst es ja nicht, er hat einen Gegenstand genommen und bei allen Gläsern das Cellophan durchgestossen!
Und als mein „ Ex“ ihn dann später gefragt hat, warum er eine solch stupide Tat begangen hätte, grinste er und sagte ihm in`s Gesicht „ das hätte immer so schön geknallt“ Da ist mein „ Ex „ verrückt geworden und hat getobt, „ jetzt sperre ich Dich 6 Wochen ein, Du Dummkopf Du!“

Da war es Zeit, die Scheidung einzureichen, damit wir frei würden.


Eingetragen am: 31.05.2008 von Sarah Jakob
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12475

Gefangen
Ich kann so oft und so lange darüber nachdenken wie ich will. Es können so viele Leute, so lange wie sie meinen mit mir darüber diskutieren. Das wird nicht das Mindeste daran ändern, dass jeder auf seine Art in seiner Erziehung und seiner Kindheit gefangen ist.
Manche Gefangenschaft mag nicht so verkehrt sein, ein goldener Käfig hat auch manches für sich, aber eine geschlossene Tür ist eben eine geschlossene Tür. Und einige Türen lassen sich nicht mehr öffnen. Nie mehr!
Als kleines Mädchen war ich ein ausgesprochenes Papakind. Er konnte nichts mit mir anfangen. Fußballspielen fand ich doof, mit Puppen wollte er nicht spielen, seine Bücher waren langweilig, weil keine Bilder drin waren, meine Bücher fand er blöd, weil Bilder drin waren… So könnte ich ewig aufzählen, trotzdem war er alles für mich. Meine Mutter war für mich damals eher nörgelndes Beiwerk.
Als ich größer wurde, änderte sich, außer meinem Büchergeschmack, nicht wirklich viel; er blieb für mich der Größte.
Mit dreizehn trennten sich dann meine Eltern. Ich blieb bei meiner Mutter, mein Vater blieb der Größte.
Dann siedelte ich um zu meinem Vater. Meine wirkliche Gefangenschaft begann also, als ich fast vierzehn war. Er regelte meinen Tagesablauf, alles was es zu denken gab, dachte er für mich. Er gab mir sogar meine Gefühle vor, entsprechend waren meine pubertären Schwärmereien von Scham und Vorurteilen geprägt. Er hatte Recht, er war mein Vater, er war der Größte – Basta.
Es dauerte noch fast ein weiteres Jahr, bis er den Weg in mein Bett fand. Er war schließlich der Größte. In der Nacht habe ich das ganze Haus zusammengezetert und seinem Flehen und Bitten nachgegeben, bloß niemandem davon zu erzählen, sonst käme er ins Gefängnis und ich ins Heim. Nein, das wollte ich nicht und noch dazu wollte ich auf keinen Fall, das es jemand erfährt! Nicht mal meine Mutter.
Er hat es nie wieder versucht, zumindest nicht so eindeutig und ich habe geschafft es zu verdrängen und weiter bei ihm zu leben. Eine neue Frau später war ich dann völlig abgemeldet. Ich suchte immer wieder Kontakt zu ihm, immer weiter wollte ich meinen Vati wieder haben, aber er zeigte mir nur noch die kalte Schulter. Ich bekam alles, was ich brauchte und meist auch das was ich einfach nur wollte, ohne es zu brauchen. Nur Wärme bekam ich nur für eine Gegenleistung. Die Falle war zugeschnappt: Ich habe meine Gefangenschaft mitgenommen, als ich mit achtzehn Jahren ausgezogen bin, kann bis heute nicht akzeptieren, geliebt zu werden um meiner selbst willen, sondern nur, weil ich meine Aufgaben besonders sorgfältig erfülle… Ich bin längst nicht mehr Gefangene meines Vaters, zu dem ich seit fast zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr habe, heute bin ich die Gefangene meines sturen Kopfes, der mir sagt, du bist nichts wert, wenn keiner für dich denkt und dir nicht sagt, was du fühlen darfst. Ein Gefängnis über dem als Leitspruch steht:
Ohne `Ihn´ wärst du nicht, durch `Ihn´ bist du so, wie du bist – Nichts.


Kommentar von Melli.Pan

Meine Liebe, diese Geschichte rührt mich sehr. Besonders, da diese Frau genau weiss: sie hat das Werkzeug um sich aus dieser Gefangenschaft zu befreien - sie traut sich nur nicht es zu benutzen.Ich würde ihr sagen:" fang an und lies die Gebrauchsanweisung für Dein Herz !" L.G. Melli Pan

Eingetragen am: 05.06.2008

Eingetragen am: 25.05.2008 von Meggi
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12166

Wie konnte das passieren? Wo fuhren wir hin? Warum sagt keiner ein Wort? Okay, ich hatte einen Fehler gemacht, aber man kann doch über alles reden. Aber bei uns wird alles totgeschwiegen. Eine Nacht, nur eine Nacht bin ich nicht nach Hause gekommen. Keiner redet mit mir. Ich wurde wie ein kleines Kind in der Wanne geschrubbt, angezogen und am Tisch gesetzt. Ich bin vierzehn Jahre alt und kein kleines Kind mehr. Meine Mutter kam mit einer Tasche wieder, packte mich an der Hand und sagte zu meinem Vater, dass wir fertig wären. Nun sitze ich hier im Auto, weis nicht wo hin es geht und noch immer spricht keiner mit mir. Dann kommen wir an einem riesen großen Haus an. Die grauen Backsteinmauern wirken sehr abweisend, die Fenster sind alle mit Gitterstäben gesichert. Das Haus sieht aus wie ein Gefängnis mit dem Eisenzaun aus spitzen Eisenstangen. Was ist das für ein Haus? Eine dicke, schwere Eichentür mit Figuren die Aussehen wie Dämonen. Auf dieser unheimlichen Tür gehen wir drauf zu. Die Tür wird von einer Nonne aufgemacht. Später erfahre ich dass man Schwester zu Ihnen sagt. Wir gehen durch die Tür und stehen sofort in einer großen Halle. Die wie ein Kirchenschiff mit Kreuzweg gestaltet ist. Meine Mutter gibt der Schwester die Tasche, dreht sich um und geht. Ich kann es nicht glauben, sie lässt mich hier ohne zu sagen warum, wieso und wie lange.
Ich habe drei Jahre meines Lebens hinter diesen Mauern eingesperrt hinvegetiert.


Kommentar von Meggi

Hallo liebe Kaya, es braucht Dich nicht betroffen zu machen. Aber es zeigt mir, dass ein Stück meiner Angst und Wut wohl doch zum Leser durchgedrungen ist. Danke für den Beweis. Schreiben befreit nicht nur, liebe Kaya, sondern lässt einen auch endlich zum Abschluss kommen. Heute ist alles vorbei, vergessen und vergeben. Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag.

Eingetragen am: 01.06.2008

Kommentar von Kaya

Diese Geschichte hat mich sehr betroffen gemacht. Schreiben öffnet Türen, selbst wenn es viele Jahre her ist, dass sie hinter einem ins Schloss fielen. Schreiben befreit!

Eingetragen am: 30.05.2008

Eingetragen am: 22.05.2008 von Stephan Grützner
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12033

Kürzlich erst erhielt ich einen Anruf meiner Mutter und meine Laune ging schlagartig in Richtung mies.

Es war schon spät am Abend und ich saß im Bett, eine Sendung schauend. Eigentlich wollte ich den doch sehr ruhigen und schönen Tag ausklingen lassen. Doch dann der besagte Anruf. Meine Mutter hielt mir wieder einiges vor, wo sie der Meinung war, sie müsste sich einmischen. Meine Frau hatte den Anruf entgegen genommen, kurz ein paar Worte gewechselt und mir den Hörer zugeschmissen.

"Da, deine bescheuerte Mutter."

Ich seufzte und ging dran. Obwohl ich eigentlich am liebsten wieder sofort aufgelegt hätte. Ich wollte nicht drangehen, denn ich wusste schon im voraus, was passieren würde und das wollte ich uns ersparen. Und so kam es dann auch, wir stritten uns und genervt legte ich nach einigen heftigen Wortwechseln auf, warf das Telefon zur Seite und schwieg.

Im Grunde hatte ich meiner Mutter vieles zu verdanken. Die Familie hatte mich sehr früh als Pflegekind aufgenommen und aufgezogen. So war ich jahrelang dankbar und machte immer brav alles, was mir aufgetragen wurde. Doch mit der Zeit, vorallem mit dem Kennenlernen meiner Frau, änderte sich meine Einstellung gehörig. Es war gut gewesen und eine im nachhinein nur teilweise schöne Zeit, aber musste ich desshalb abhängig von ihr sein und bleiben? Hatte sie das Recht sich immer noch in mein Leben einzumischen und zu bestimmen? Ich war mittlerweile verheiratet und hatte Kinder und konnte mein Leben selbst bestimmen. Ein Punkt, warum es nicht nur Streit mit meiner Mutter, sondern auch mit meiner Frau gab. Meine Frau hatte ja Recht und eigentlich wollte ich es auch, aber irgendwie schaffte meine Mutter es immer wieder, mir ein Schlechtes Gewissen einzureden, so daß ich in ihrem Wirkungsbereich gefangen blieb. Auch wenn ich von der Entfernung sehr weit weg wohnte, daß Telefon reichte als Hilfsmittel aus, mich daran immer wieder zu erinnern. So auch an diesem besagtem Abend.

Ich hatte mir schon längerer Zeit vorher vorgenommen gehabt, nicht mehr von mir aus mit ihr zu reden und es auch eingehalten. Dieser Anruf hatte diesen Entschluß nur mehr gefestigt und so reifte in mir der Entschluß, einen klärenden Brief zu schreiben. Der bis heute immer noch nicht fertig gestellt ist, was nur um so mehr zeigt, wie schwer es ist, sich aus so einer Umklammerung zu befreien, um endlich sein Leben genießen zu können. Doch: Ich will endlich frei sein!!!!


Eingetragen am: 21.05.2008 von Thea Doris
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11957

Gefangen
Ich hatte es ja selbst so gewollt. Nun musste ich auch sehen, wie ich damit fertig wurde.
Nach etwa 10 Jahren Kindererziehungszeit hatte ich endlich wieder eine Arbeit in meinem alten Verwaltungsberuf gefunden, zwar nicht als Beamtin, aber als Angestellte für eine Frist von 2 Jahren. Ich war froh und dankbar, endlich eine Halbtagstelle gefunden zu haben, auch wenn das bedeutete, dass ich jeden Tag knappe 2 Stunden Fahrtzeit hatte. Nach dem ganzen Kinderkram gierte ich geradezu danach, wieder zu arbeiten. Nur eines hatte ich nicht bedacht: Ich hatte überhaupt keine Ahnung von dem Fachgebiet, in das ich jetzt kommen würde, denn ich hatte vorher in einer anderen Sparte gearbeitet. Ich hoffte, dass ich in der Einarbeitungszeit genug lernen würde, um damit zu Recht zu kommen. Meine neue Vorgesetzte schien sehr freundlich zu sein und lernte mich ein. „Aller Anfang ist schwer“, dachte ich und bemühte mich, so gut es ging. Allein, meine Bürozeiten als Halbtagskraft stimmten vollständig mit den Öffnungszeiten überein, ich hatte folglich dauernden Publikumsverkehr und musste mit einem völlig anders strukturierten PC-Programm sowie den Altlasten meiner Vorgängerin umgehen. Eigentlich war ich es von früher gewöhnt, dass ich immer viel zu tun hatte, aber meine Überstunden wurden immer mehr, weil ich einfach nicht mit der Arbeit fertig wurde. Besprechungen wurden abgehalten, die natürlich für Halbtagskräfte nicht etwa nur halb so lang waren. Der Unterschied war: alle anderen hatten nach einer zweistündigen Besprechung noch 6 Stunden Arbeitszeit, ich nur zwei.
Ich sagte mir, dass das doch irgendwie zu schaffen sein müsste, schließlich machten andere Frauen das auch und machte weiter Überstunden. Ich vergaß, dass die anderen ihre Halbtagsarbeit in einem Beruf machten, in dem sie sich gut auskannten.
Zuhause noch machte ich mir Gedanken über meine Problemfälle. Wenn gewisse Personen für den nächsten Tag angekündigt waren, schnürte es mir schon am Abend vorher die Kehle zu. Damit ich mich überhaupt von meiner Arbeit lösen konnte, versuchte ich, mich durch Gobelinstickerei zu beruhigen. Aber im Gegensatz zu dem Stickbild, das mit jedem Stich weiter Formen annahm, formte sich beruflich immer noch nichts. Jeden Tag ging ich zur Arbeit mit diesem Unwohlsein, das man verspürt, wenn man in eine Prüfung geht.
Ich litt unter Appetitlosigkeit, was nicht wirklich schlimm war, da ich sowieso mit meinem Übergewicht kämpfte. Das Straßenbahnjogging, wenn ich wegen eines Problemkunden nicht rechtzeitig aus dem Büro kam, tat ein Übriges, um wenigstens meine Figur - wenn schon nicht meine Laune - zu verbessern.
Lange konnte ich nicht zugeben, dass ich gescheitert war. Ich sprach mit meiner Vorgesetzten darüber. Die war schwanger und signalisierte mir, dass ich sie in der Meinung bestärkt hätte, dass sie besser bald nach der Entbindung zurück in den Beruf gehen würde. Ich als Negativbeispiel! Nicht gerade ermutigend für mich, oder?
Nach zwei Monaten Probezeit war ich soweit, ich wollte das Handtuch werfen. Diese Stelle hier war nicht die richtige für mich, das sah ich ein. Zu meiner Überraschung war meine Vorgesetzte jetzt der Meinung, ich sollte doch wenigstens die Probezeit über noch dort bleiben. Im Nachhinein glaube ich, dass sie genau wusste, es würde zunächst keinen Ersatz für mich geben. Heute noch bin ich mir nicht sicher, ob ihre freundlichen Hinweise nicht eine subtile Art von Mobbing waren. Ich fühlte mich jedenfalls verpflichtet, noch bis zum Ende des sechsten Monats dort zu bleiben. Gefangen in meinem Anspruch an mich selbst.


Eingetragen am: 20.05.2008 von Damndan
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11894

Gefangen im Anderssein
Das Kind kam in den Kindergarten und fragte: „Darf ich mit Puppen spielen?“ und die anderen Kinder sagten „Nein, das sind unsere Puppen!“. Das Kind fragte „Darf ich mit Autos spielen?“ und die Kinder sagten „Nein, das sind unsere Autos!“. Das Kind fragte „Darf ich mir dieses Puzzle nehmen?“ und Fabian antwortete „Nein, das hab ich zuerst gesehen!“. Und das Kind ging in die Ecke, wo niemand es weinen sehen konnte und tröstete sich mit Büchern. Bücher, in denen die Figuren genauso einsam waren wie das Kind und in denen die Figuren weinten und lachten und in denen jede Geschichte wunderschön endete. Als die Kinder das Kind in der Leseecke weinen sahen sagten sie „Die doofe Memme!“ und „Hör doch auf zu heulen, du Heulsuse!“.

Das Kind kam in die Grundschule und fragte: „Willst du mit mir spielen?“ und das andere Kind sagte „Nein, ich spiele mit Samantha!“. Das Kind fragte „Willst du mein Freund sein?“ und das andere Kind sagte „Nein ich bin Marios Freund!“ Das Kind fragte „Magst du ein Stück von meinem Butterbrot haben?“ und das andere Kind antwortete „Nein, ich hab Fruchtzwerge!“. Und das Kind ging in die Ecke und weinte, wo niemand es sehen konnte und tröstete sich mit Malen, wo es tun und lassen konnte was es wollte und wo die Farben so schön zusammenpassten, wie es selbst mit den anderen Kindern zusammengepasst hätte. Als die anderen Kinder das Kind malen sahen sagten sie: „Doofe Heulsuse, kommt sich wohl besonders toll vor, muss wohl nicht mit anderen spielen!“

Das Kind ging nach Hause und fragte „Mama, warum weinst du?“ und Mama antwortete „Das hat nichts mit dir zu tun, ich will nicht reden!“. Das Kind fragte „Wo ist Papa hin?“ und Mama antwortete „Das hat nichts mit dir zu tun, ich weiß es nicht!“. Das Kind fragte „Kommt Papa wieder?“ und Mama antwortete „Das hat nichts mit dir zu tun, ich hoffe es so sehr“ und das Kind ging dahin, wo Mama es nicht weinen sehen konnte: Hinter ihren Rücken nämlich und nahm sie in den Arm und tröstete Mama. Als Mama sah, dass das Kind weinte sagte sie „Kind, du musst doch nicht weinen. Ich kann dich doch gar nicht trösten wenn ich selber traurig bin!“

Das Kind rannte ins Zimmer und brüllte seine gesamte Kraft in das Sofa. Es brüllte „Warum ist das Leben so gemein?“ und das Sofa antwortete mit fiesem Gestank. Das Kind brüllte „Ich hasse mich! Es soll aufhören!“ und das Sofa antwortete mit einem leisen Federquietschen. Das Kind brüllte „Ich will nicht! Ich kann nicht! Ich hasse mein Leben!“ und das Sofa antwortete mit Stille und Kälte. Als das Sofa die Tränen auffing sah das Kind auf die dunklen Flecken und sagte „Du bist doch so eine Heulsuse! Dumm bist du! Wegen jedem Scheiß musst du heulen! Du heulst nicht mehr“ und das Kind hörte auf, sich zu bewegen.

Das Kind kam auf das Gymnasium und saß in der Ecke. Es fragte nicht, ob jemand Freunde sein wollte, ob jemand mit ihm spielen wollte, ob jemand sein Butterbrot mochte. Es blieb regungslos.

Das Kind wurde von einem 46jährigen angefasst und fragte nicht, ob jemand ihm helfen würde, nicht ob er es lassen würde, sagte nicht, dass es geheult hatte. Es blieb regungslos.

Das Kind lernte Menschen kennen, verliebte sich. Das Kind sagte „Ich liebe dich!“ und der junge Mann sagte „Ich liebe dich unendlich!“. Das Kind sagte „Ich will dich niemals verlieren!“ und der junge Mann sagte „Ich will dich auch niemals verlieren! Du bist meine Sterne am Himmel!“ und das Kind stellte fest, dass es nicht das hatte, was es wollte und sagte „Ich wollte dich niemals so verletzen, aber ich muss es tun“ und der junge Mann weinte Stunden um Stunden, Tage um Tage, Wochen um Wochen, Monate um Monate und warf dem Kind die Dinge hin, die es ihm geschenkt hatte, dabei waren die doch so gemeint, trotzdem. Das Kind ging da hin wo niemand es weinen sehen konnte aber weinte nicht mehr. Das Kind regte sich nicht mehr. So sehr wie es jemanden verletzt hatte dürfte es niemals wieder jemanden verletzen.

Das Kind verliebte sich schon wieder und es sagte „Ich liebe dich so sehr, wir könnten zusammen alt werden“ und der junge Mann sagte „Ich liebe dich ebenso sehr. Lass uns in ein paar Jahren heiraten!“. Das Kind schob einen Kinderwagen vor sich her und sagte „Das ist so ein wunderschönes Gefühl, ich möchte das mit dir teilen“ und der junge Mann sagte „So könnte das mit unserem Baby sein“. Das Kind sagte „Was ist los mit dir? Wieso bist du so zu mir? Rede doch mit mir!“ Und der junge Mann sagte „Lass mich in Ruhe! Du gehst mir so was von auf den Sack nach den paar Tagen! Verpiss dich!“ und das Kind ging dahin, wo es niemand weinen sehen konnte und weinte und weinte und weinte und weinte und weinte...

Das Kind hatte inzwischen festgestellt, dass es eine junge Frau geworden war. Diese junge Frau wurde oft bevormundet, ausgelacht als fettes Kind, nicht ernst genommen, nicht respektiert. Wenn die junge Frau erwachsene Dinge als Kind gesagt hatte wurde ihr gesagt, dass das lächerlich sei. Wenn diese junge Frau Dinge vorgeschlagen hatte wurde ihr gesagt dass das nicht möglich sei und jedes Mal, wenn diese Frau sich gut fühlte erinnerte sie sich wieder an die starken Kinder, die sie immer noch auslachten, weil sie damals geheult hatte. Nie wieder heulen, lieber nicht mehr leben, als zu heulen. Die junge Frau hatte bemerkt, dass ihre Sexualität vom kennen Lernen bis zum Liebesakt nicht mehr funktionierte. Angst vor Küssen, Angst vor Fallenlassen, Angst vor dem zeigen ihrer großen Wunden – Kleidung als Schutz. Noch zwei kleine Ausnahmen, unter größter Angst – Fehler, Schmerzen, Wunden, Narben, Risse, Emotionen, Heulen, Enttäuschungen... Nie wieder verletzen, nie wieder Versprechen nicht halten, nie wieder sich öffnen müssen und selbst verletzt werden - regungslos.


Kommentar von Sarah Jakob

Danke, das muß das Gefühl sein, wenn die Seele in einen Spiegel sieht.

Eingetragen am: 31.05.2008

Eingetragen am: 20.05.2008 von Ghost
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Mein Name ist Lilu. Es sollte mir gut gehen. Geht es mir aber nicht. Bin ich jetzt undankbar?
Tag für Tag sitze ich in meinem Zimmer. Mein Zimmer in einem Haus, welches meinem Mann gehört. Eines von vielen.
Ich habe einen lieben Mann. Einen reichen Mann. Jeden Wunsch liest er mir von den Augen ab. Alles was ich haben möchte, bekomme ich. Alles, was mit Geld zu bezahlen ist.
Nur ein Wunsch kann er mir nicht erfüllen. Den nach einem Kind. Nichts wünschte ich mir sehnlicher und keinem Thema geht er lieber aus dem Weg
Er weiß nicht, dass ich, seine Lilu, schuld bin. Ich kann keine Kinder bekommen. Ich sage es nicht, weil er es nicht hören möchte. Statt dessen ist er einfach nur lieb zu mir und überhäuft mich mit Geschenken.
Einmal mehr packe ich ein kleines, selbst gestricktes Jäckchen in die Schublade. Einmal mehr lächle ich seelig und streiche über meinen flachen Bauch.
Um meinen Gedanken zu entfliehen suche ich schnell ein neues Strickmuster heraus. Ein Mütchen, ein kleines Mützchen. – Es wird niemals einen Babykopf wärmen. Es wird in der Schublade gefangen sein. Gefangen wie ich in meinem Zimmer, in meinem Zimmer, in diesem Haus.


Eingetragen am: 19.05.2008 von Ghost
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11843

Ich habe die Arbeit an den Aufgaben und Übungen unterbrochen, da ich mich dem nicht mehr gewachsen sah. Ich war befangen mir gegenüber. Ich fühlte mich gefangen in einem Leben in einem talentfreien Körper. Gefangen in einem Leben, welches unmöglich meins sein konnte.
Aber ich habe gesucht. Nach mir, nach Aufgaben, nach meinem Leben. Gefunden habe ich mich. Eine Person die versucht, sich ihre Befangenheit von der Seele zu schreiben.


Kommentar von Lillilu

Ja, Mensch, das solltest du tun! Du bist ja schon auf dem Weg!

Eingetragen am: 24.05.2008

Kommentar von Ghost

Diese Textstelle kam mir in den Sinn, als ich das Material dieses Projektes wieder einmal zur Hand nahm. Ich fragte mich wirklich warum ich aufgehört hatte zu schreiben und ich stellte mir die Frage, ob es mir nicht Spaß bringen würde, wenn ich wieder damit anfange. Ich werde jetzt also jede Woche zwei Kapitel hernehmen und jeweils immer eine Übungsaufgabe. So komme ich sicher auch wieder auf den aktuellen Stand.

Eingetragen am: 21.05.2008

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