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Kapitel 9 mit Übungsaufgabe
Leserbeiträge
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11817
Sie war gefangen, in ihrer eigenen Wohnung. Nicht, dass sie die Tür nicht hätte öffenen können. Nicht, dass die Fenster verschlossen gewesen wären. Nein, sie hatte alle Freiheiten der Welt. Ihr fehlte es an nichts,: Es gab genug zu Essen, genug zu Trinken, einen Fernsehr, Computer mit Internet, Radio, Bücher. Aber das alles war ihr langweilig geworden.
Sie wäre lieber rausgegangen, hätte Spaß gehabt mit anderen Menschen. Hätte sich gern verabredet, hätte gern jemanden angerufen oder ihr Handy klingeln hören. Sie hätte gern gelacht, sich ausgetauscht, hätte gern richtige Freunde gehabt. Sie hatte aber niemanden. Nur ihn. Und er war nicht da. Und wenn er nicht da war, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Sie lag da, in ihrem Bett, und wartete bis die Zeit vorüberstrich. Fühlte sich gefangen, in ihrer eigenen Wohnung. Wurde sich bewusst, wie wenig sie vom Leben draußen eigentlich wahr nam.
Sie konnte sich aber nicht aufraffen, etwas dagegen zu tun. Allein spazieren gehen? Welch eine Vorstellung! Allein ins Kino?? Unmöglich. Jemanden anrufen, den man nicht so gut kennt, und fragen, ob man zusammen einen Kaffee trinken gehen soll? Viel zu peinlich, falls derjenige dann keine Zeit hat. Sie wollte ja auch nicht mitleiderregent wirken. Und so wirken Menschen nunmal, die allein spazieren gehen, allein ins Kino gehen, oder "fremde" Menschen bitten, mit ihnen Zeit zu verbringen. Dafür hat man schließlich Freunde. Und wenn man keine hat, ist man bemitleidenswert. Aber das muss man ja nicht jedem zeigen!
Also blieb sie in ihrer Wohnung und wartete bis er zurück kam. Schaute zu, wie er wieder ging. Und wartete wieder eingesperrt in ihrer eigenen Weltanschauung, bis er zurück kam.
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11695
Gefangen!
Ja - ich war und bin gefangen. Immer noch.
Gefangen in einer Beziehung, nicht die, wie sie zwischen einem Mann und einer Frau, also einem Paar besteht. Ich bin gefangen in einer von mir nicht gewollten Abhängigkeit.
Mein Name ist Elisabeth, geboren in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ich habe Familie, einen Ehemann und zwei erwachsene und verheiratete Kinder, ein reizendes Enkelkind und zwei liebevolle Schwiegertöchter, mit denen ich freundschaftlich verbunden bin. Ich stehe sozusagen in der Mitte des Lebens, mit allen guten und schlechten Erfahrungen, Liebe und Trauer, Gewinn und Verlusten. Anerkannt im beruflichen Umfeld und im Freundeskreis gerne gesehen. Also auf den ersten Blick ein ganz normales Leben.
Wäre da nicht der zweite Blick. Ein Blick in meine emotionale Abhängigkeit. Eine Abhängigkeit, die mir wie eine Gefangenschaft vorkommt.
Als vor Jahren meine Eltern verstarben, war ich noch sehr jung. Damals war ich dankbar, dass sich eine Schwester meines Vaters meiner Trauer annahm und mich begleitete. Es entstand eine Freundschaft, zunächst zögernd und abschätzend, dann vertrauter. Eine verwandtschaftliche Verbundenheit, die in gewissem Sinne auch mein Leben bereicherte. Wir besuchten Museen, Konzerte und unternahmen Reisen. Ein Leben, das mir vollkommen fremd war, öffnete mir unerwartete Möglichkeiten und neue Erfahrungen. Ich wurde beschenkt, bekam teure Kleidung, die ich nicht aussuchen durfte und die ich niemals trug. Schon hier hätte ich
"Halt!" sagen müssen. Ich konnte es nicht, war dankbar für Freundschaft und scheinbare Zuneigung.
Später, nach Jahren, wurde ich als Erbin bestimmt. Mit der Bitte, mich doch in allen Belangen des Älterwerdens um meine Tante zu kümmern. Da dies für mich schon vor der testamentarischen Regelung selbstverständlich und ganz natürlich war, fand ich es nicht als belastend.
Die Belastung kam erst später. Meine mir zur Verfügung stehende Zeit wurde durch Arbeit und Familie stark eingeschränkt, sie ließ sich nun nicht mehr mit regelmäßigen Besuchen und Treffen vereinbaren. Gleichzeitig wuchs in mir das Gefühl der Undankbarkeit; des schlechten Gewissens, ein Versprechen nicht so halten zu können, wie ich es gegeben hatte.
Ich wurde bestraft. Mit Mißachtung, zeitweiligem Entzug der Freundschaft, mit Schweigen und mit Vorwürfen: "...du hattest versprochen!"
Es entstand Streit, es fielen schlimme Worte, es wurde Druck ausgeübt. "So hatten wir uns das nicht gedacht"...etc.
Mittlerweile ist es ein ständiges Hin und Her der Gefühle. Auf der einen Seite das von mir gegebene Versprechen - auf der anderen Seite die Erwartungshaltung, die ich nicht mehr erfüllen kann und will.
Ein Teufelskreis, aus dem ich keinen Weg heraus finde.
Ich suche den Schlüssel, um das Schloß meines Gefängnisses zu öffnen.
Wäre da nicht noch der erste Blick auf mein ganz normales Leben...
Hallo Barbara, das ist ein sehr, sehr bedrückender Text und ich wünsche Deiner Elisabeth, daß sie den Schlüssel zu ihrem Gefängnis ganz schnell findet, damit der erste und zweite Blick endlich ein und das gleiche Leben zeigen. Der Text ist Dir ganz toll gelungen. lg Beate
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11379
In der Nacht floh ich in heilloser Panik ich nicht zum ersten Mal, aber diesmal in nie gekannter Erschütterung durch ein Delirium tremens weg vor mir selbst. Es dauerte endlose Ewigkeiten, für Außenstehende vermutlich nur Minuten. Seit vier Uhr liege ich hellwach im Bett und zittere wie mit hohem Fieber. Eiskalter Schweiß trieft aus allen Poren. Bei dem kleinsten Geräusch zucke ich erschreckt zusammen. Als der Tag dämmert, krieche ich aus dem Bett und schleppe mich unter die Dusche. Jeder Schritt schmerzt in der Lunge, die einfachste Bewegung zerreisst die Muskelfasern einzeln und das kreischende Sirren der Sehnen betäubt meine Ohren.
Ich bebe vor Furcht wie Espenlaub. Nur mein Ziel, geboren aus dem Entsetzen, lässt mich trotz bleierner Müdigkeit weiter handeln, stur wie ein Automat: Ich muss mich in eine Entzugsklinik einweisen lassen.
Genau das verlange ich auch von meinem Arzt ohne andere Vorschläge zuzulassen. Über Monate hinweg hat er mich ohne tiefer nachzufragen krank geschrieben, mir Medikamente verordnet. So widersetzt er sich auch jetzt nicht. Nur muss ich mich selbst darum kümmern, eine Klinik zu finden, die mich sofort aufnimmt. Das „Sofort“ dauert dann zehn zähe Tage. Obwohl ich mir in jener Nacht geschworen habe, keinen Tropfen mehr zu trinken, erweise ich mich als zu feige. Ich versenke die Wartezeit im Fusel. Teure Alkoholika kann ich mir schon lange nicht mehr leisten....
Endlich ist der gewählte Termin erreicht. Ich betrete die Klinik, natürlich blau bis über die Augenbrauen; wie ich dorthin gekommen bin, kann mir keiner mehr erklären. Eine wahnwitzige Einschreibungsprozedur hält mich in der Aufnahme fest, die Buchstaben und Eingabefelder der Formulare tanzen wie Derwische, verschwinden und blitzen wieder auf. Danach begleitet mich ein stämmiger Pfleger zur Entzugsstation. Ich wähne Verachtung in seinem Blick zu sehen für meinen schwankenden Gang und stinkenden Atem. Ein massives Eisengitter wird aufgeschlossen, dann gibt eine Türe den Blick frei auf einen Flur, der zu zehn winzigen kahlen Verschlägen ohne Tür und Fenster führt. Innen befindet sich ein stabiles Bett, ein Wandschrank und ein Kunststoffvorhang, der die Türe ersetzt. Als der Pfleger mich verlässt, höre ich, wie das Gitter einrastet und der Schlüssel das Schloss schließt. Jetzt ist kein Zurück mehr möglich.
Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich weder wütend bin, eingesperrt zu sein noch furchtsam, dass keine Hilfe kommen würde. Ich fühle mich erleichtert und befreit von einem gnadenlosen Zwang. Ich ziehe mich aus und nehme einen Schlafanzug aus meiner Reisetasche. Müde und noch betäubt vom letzten Abschiedsschluck falle ich ins Bett. Durch die Wände meiner Kammer höre ich das Schnarchen, Stöhnen oder Wimmern meiner Schicksalsgefährten.
Noch bin ich ruhig. Ich weiß, es wird ein kalter Entzug werden, ohne Schmerzmedikamente und Beruhigungsmittel. Ich habe das ja im Eigenversuch schon manchmal ausprobiert, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe und wieder getrunken habe. Aber ab jetzt kann ich nicht mehr bestimmen, ob und wann ich den Entzug abbreche. Ich habe mich selbst eingeliefert und unterschrieben, dass ich vierzehn Tage lang eingesperrt werde. Und hier drin werden nur Wasser und Kräutertees auf der Getränkekarte stehen. Die Aussicht macht mich schlagartig wach. Ein erstes Zittern durchläuft meinen Körper. Ich werde unruhig, mein Herz klopft und dutzende Teufel hämmern in meinem Kopf, Gott-weiß-was zusammen.
Noch einmal reiße ich ich zusammen und mache mein Testament: Ich bin doppelt gefangen, einmal räumlich auf der Station durch das Gitter vor der Stationstüre und zum zweiten in meinem Körper durch die Schmerzen, Krämpfe und die Ängste und Phantasien des Entzuges. Das wird äußerst unangenehm werden, aber tausendmal lieber bin ich hier eingesperrt als vogelfrei wie in meinen Delirien.
Dann überrollt mich der Entzug, Brecher von Übelkeit branden über mich hinweg, Furcht kriecht unkontrollierbar in mein Herz, ob ich die nächsten Stunden überstehe. Keiner wird mich hier raus holen, Schreie ist man hier gewöhnt. Ich fliehe und werde mit gerissen von einem reißenden Gewässer, herab geschleudert über Steine und Felswände, tosende Wasserfälle stürzen mich in klaffende Tiefen, brüllende Strudel saugen mich auf und speien mich aus, verhindern, dass ich entkomme und lassen mich nicht ertrinken...
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11193
Gefangen - Allein im Laden
Während meiner Ausbildung zur Fotografin ließ meine Chefin mich oft ganz allein im Laden, erst stundenweise, dann tagelang, im Sommer 3 ganze Wochen. Ich glaube nicht, dass das gut war. Weder für mich, noch für den Laden. Nur mit ihr zusammen im Laden zu sein, war noch schlimmer, aber das ist eine andere Geschichte.
In dem Ort, in dem ich die Ausbildung begonnen hatte, kannte ich niemanden und blieb auch während der Mittagspausen oft allein im Laden. Ich schloss die Ladentür ab und machte alle Lichter aus, damit kein Kunde vom Licht angelockt an die Scheibe klopfte und nur kurz Bilder abholen oder Passbilder wollte.
Das Tageslicht reichte aus, um ein Brot zu essen und zu lesen. Oder meinen Gedanken nachzuhängen. Ich saß dann drinnen, fast unsichtbar, hinter der Schaufensterscheibe und beobachtete manchmal auch die Leute auf der Straße. Nicht obsessiv, nur so beiläufig, während die Zeit verging. So spannend wars ja nicht, meistens.
Manchmal sah ich im Haus gegenüber, im 3. Stock oben, einen schwarz gelockten Mann. Mit nacktem Oberkörper ging er manchmal im Zimmer hin und her, manchmal rauchte er. Ob er zu seinem nackten Oberkörper „untenrum“ auch nackt war, eine Jeans anhatte oder in Unterhose unterwegs war, hab ich nie erfahren, auf meinem Beobachtungsposten im Erdgeschoss.
Einmal hatte er eine Frau da, mit der er am offenen Fenster Sex hatte. Die beiden standen nackt am Fenster, er hinter ihr. Sehen konnte ich nichts, wie man so sagt, von meinem Blickwinkel aus: Keine nackten Unterleiber, keine im Rhythmus schaukelnden Brüste. Es kann sogar sein, dass ich Letzteres nur mit offenen Augen geträumt habe und dieser Sex – an dem Tag – an dem Fenster – überhaupt nicht stattgefunden hat. Wie gesagt, ich konnte nichts sehen, aber schon die Köpfe, Schultern und zwischendurch Hände und Arme der beiden reichten aus, um meine Aufmerksamkeit während der Mittagspause zu fesseln.
Einmal blieb eine Frau vor dem Fenster stehen, betrachtete die ausgestellten Fotos im Schaufenster und nutzte dabei die Gelegenheit, sich – unbeobachtet – zwischen den Beinen im Schritt zu kratzen. Pilze, nehme ich an. Sie stand so dicht vor mir, dass ich ihre kratzende Hand detailgenau sehen konnte. Wenn sie das wüsste, wärs ihr sicher peinlich. Aber ich kannte die Frau nicht, sie ist für mich nur eine belanglose Erinnerung. Eins der Fotos, das ich nicht gemacht habe: Unbekannte Frau mit Pilz.
Einmal kamen zwei Mädchen – vielleicht sechzehn oder siebzehn – ans Schaufenster und betrachteten unsere Collage von Pass- und Bewerbungsfotos. Der Schwarm der einen war dabei. Ein richtiger Blödmann glaube ich, aber das zu zeigen ist nicht unsere Aufgabe als Portraitfotografen. Jetzt hing er im Schaufenster als gelungenes Passbild.
Die beiden Mädchen beratschlagten, wie sie in den Besitz des Bildes kommen könnten. Wenn sie wüssten, dass jemand sie hören kann, würden sie flüstern und ihre Worte verschlüsseln. Wie meine beste Freundin und ich damals in der Schulzeit. Wir haben unsere Angebeteten obsessiv verfolgt, heimlich fotografiert und jeden kleinsten Hinweis oder aufgeschnappten Halbsatz gesammelt und ausgewertet, wie fünfzehnjährige Geheimagenten. Wir achteten auch peinlich genau darauf, nichts nach außen dringen zu lassen. Wir hatten Codenamen für alle aus unserer Klasse, den Parallelklassen und – wichtig – den Klassen über uns. Na ja, jedenfalls haben wir viel Zeit mit unseren Obsessionen verbracht und von Dingen geträumt, die im realen Leben nie passieren würden. Aber wir haben auch verschiedene Mutproben gemacht. Und auch diese beiden Mädchen trauten sich, vom Schaufenster rein zu kommen in den Laden um mich zu fragen, ob sie das Bild bekommen könnten. Ich hätte ihnen das Bildchen gern gegeben. Im echten Leben hab ich ihnen aber – mit der professionellen Autorität einer Neunzehnjährigen gegenüber Siebzehnjährigen – erklärt, dass ich das nicht machen kann. „Recht am eigenen Bild und so.“
Ich kann aus der Zeit eigentlich nur Dinge erzählen, die nicht passiert sind. Kunden kamen kaum, und so verbrachte ich viel Zeit, sehr viel Zeit allein im Laden.
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10511
"Hallo. Mein Name ist Lizzie. Ich bin 22 Jahre alt und Heroinabhängig, seit etwa 4 Jahren. Ich wollte schon tausendmal runterkommen, ihr kennt das sicher. Aber naja..." Sie schluckt und starrt beschämt auf den senfgelben Teppich in der Mitte des Stuhlkreises. "Muss erst mal meine Schulden abarbeiten, aber wenn die weg sind..." - "Wie begleichst du deine Schulden?", will die bebrillte Therapeutin wissen. - "Anschaffen", mit einem zynischen Grinsen schnellen die Worte aus Lizzies Mund. - "Oh Gott, wie hält man diese frauenverachtenden, notgeilen Schweine nur aus?", fragt eine rotnasige Frau entsetzt. Lizzie hebt den Kopf und schaut in die Runde: "Deshalb bin ich hier..."
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9754
Erst klappte eine Wand hoch, dann eine zweite, nach sieben Jahren war der Kasten, in dem ich gefangen war von allen Seiten geschlossen. Kein Fenster, kein Horizont. Gerade als ich dachte, ich kriege keine Luft mehr, verließ er mich. Absurd. Er hatte mich soweit in meiner Art zu denken und zu leben beschnitten, dass beinahe nichts mehr von mir übrig geblieben war. Zuvor unternahm ich immer wieder schwache Versuche, mich von ihm zu lösen. Ohne nennenswerten Erfolg, außer mir Untreue vorwerfen zu müssen.
Verwirrt und weit von mir entfernt, gefangen in seiner Denkweise, machte ich mich auf den steinigen Weg, mich wieder zu finden. Einiges fehlt bis heute.
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9571
Es war eine schaurige Geschichte, die mich dazu veranlasst hatte, von dem Zeitpunkt ihres Eintretens, bis zu ihrem Ende, mich in meinem Schicksal fest gelegt zu fühlen. Ich konnte jahrelang keine glücklichen Beziehungen mehr führen, fühlte mich in meinem Leben immer wieder fest gelegt und meinem Schicksal ausgeliefert. So willkürlich ich an eine Inkarnation glaubte, so entschieden trat sie auch immer wieder als das was mich festlegte in meinem Leben auf, um mich an meine Sterblichkeit zu erinnern. Ich hatte schon vieles unternommen, um dieser Festlegung in meinem Leben zu entkommen. Doch stellte ich immer wieder meine und die Hilflosiglkeit anderer in Bezug auf mein eigenes Leben fest.
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9312
Draußen wurde es langsam dunkel. Jens war jetzt seit drei Stunden unterwegs. Langsam fing sie an, ungeduldig zu werden. Er konnte doch wohl die Verabredung heute Abend nicht vergessen haben? Erst am morgen hatten sie beim Frühstück das Thema besprochen. Genauer gesagt hatten sie einen kleinen Streit, bei dem er sich darüber beschwert hatte, sie würde immer ohne ihn zu fragen irgendwelche Verabredungen treffen, zu denen er gar keine Lust hatte. Dabei waren Kirsten und Gunnar doch auch seine Freunde. Es war sonst gar nicht seine Art, zu spät zu kommen. Sie konnte sich nicht mehr genau erinnern was er beim Verlassen der Wohnung zu ihr gesagt hatte, da sie gerade mit seiner Mutter telefoniert hatte. Ach ja, er wollte endlich das Auto in die Werkstatt bringen, irgendwas mit der Anzeige stimmte nicht. Sie hatte ihn schon vor Tagen darauf hingewiesen. Er hätte allerdings längst zurück sein müssen. Er wusste doch genau, dass sie es nicht mochte wenn er sie zu lange alleine ließ. Sie ging ins Badezimmer um sich für heute Abend noch die Haare zu waschen. Als sie mit einem Handtuch um den Kopf, vor ihrem gemeinsamen Kleiderschrank stand, suchte sie sich ein schlichtes graues Wollkleid raus und legte Jens seinen farblich perfekt dazu passenden Freizeitanzug auf das Bett. Jetzt müsste er wirklich langsam zurück sein, damit er ihr bei den Vorbereitungen für das Essen zur Hand gehen konnte. Er wusste doch, dass sie sich gerade heute besonders viel Mühe mit dem Essen geben wollte, nachdem Kirsten beim letzten Mal Hummer als Vorspeise serviert hatte.
Und wenn ihm nun etwas passiert ist? Vielleicht hatte er einen Autounfall auf dem Weg zur Werkstatt. Er muss allerdings wissen, dass sie sich Sorgen machen würde und würde doch wohl anrufen um sich für die Verspätung zu entschuldigen.
Sie stellte einen Topf mit Wasser für die Artischocken auf den Herd. Der Tisch im Esszimmer sollte feierlich gedeckt werden, Gott sei Dank hatte sie die schönen Leuchter schon gestern Abend mit neuen Kerzen bestückt. Mittlerweile war es viertel vor acht und sie war sauer. In ihrem Kopf malte sie sich aus was sie Jens alles sagen würde wenn er wieder da war. So respektlos mit ihren Gefühlen umzugehen. Was glaubte er denn eigentlich wer er sei. Sie stellte den Teller mit den gemischten Antipasti auf den Tisch und kontrollierte den Braten im Ofen. Punkt acht klingelte es. Auf den Weg durch den Flur kam sie an der Anrichte vorbei wo sie die Autoschlüssel liegen sah. Direkt daneben lagen Jens Wohnungsschlüssel. Einen kurzen Moment dachte sie, Jens wäre von ihr unbemerkt nach Hause gekommen.
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9187
Er war alleine zuhause, scheinbare Freiheit? Alex wollte einfach nur noch raus. Doch nicht die Wohnung war sein Käfig, die Gitterstäbe befanden sich in seinem Inneren. Es gab so viele Dinge zu erledigen, einige davon, weil er sie machen wollte, andere, weil er sie machen musste. Doch weder auf die einen, noch auf die anderen, konnte er sich konzentrieren. Sein gesamter Verstand beschäftigt sich nur mit einer Sache, mit ihr.
Die letzten Minuten hatte er versucht ein Buch zu lesen, auf dessen Veröffentlichung er lange gewartet hatte. Doch er merkte, dass er sich schon jetzt an Nichts mehr erinnern konnte, was er noch vor wenigen Minuten gelesen hatte. Verzweifelt legte er es beiseite. Weder ein Buch, noch Musik, noch Fernsehen konnten ihm in diesem Moment helfen. Die Verzweiflung übermannte ihn und doch vergoss er keine Träne. Es war niemand der es hätte sehen können, doch er wollte auch vor sich selbst nicht schwach sein.
Man war doch schwach, wenn man weinte, das sagen doch immer alle oder? Doch was haben andere nicht schon alles gesagt. Alex konnte all seine Verzweiflung einfach nicht mehr in sich behalten um zu versuchen sie alleine zu bewältigen. Er gab sich seinen Gedanken hin und blockierte sie nicht länger. Im ersten Moment entlud sich ihre Ganze wucht auf ihn, all die Verzweiflung, die Hilflosigkeit und die Angst, doch dies war erst der Anfang seines Weges. Würde er ein besseres Ende finden?
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8935
Draußen war es kalt, stürmisch. Ein rauer Wind blies ihr entgegen, so stark, dass sie sich beim Gehen nach vorne stemmen musste, um vorwärts zu kommen. Außerdem schien sich ein Gewitter anzubahnen, und vor Gewitter hatte sie Angst, seit sie als Kind einmal einen Blitzeinschlag direkt miterlebt hatte.
Da sah sie das Haus am Horizont. Sie ging schneller. Schutz suchen, war ihr einziger Gedanke. Nur ins Warme, dahin, wo kein Sturm sie von den Füßen fegen konnte.
Nach einer Weile, die ihr fast endlos erschien, hatte sie die rettende Tür erreicht. Sie klopfte. Aber das Haus schien leer zu sein. Gedankenlos bewegte sie den Türknauf – die Tür öffnete sich.
Vorsichtig betrat sie das Haus. Schaute sich um. „Niemand zu Hause? Hallo!“ rief sie in den leeren Flur. Doch kein Mensch war zu sehen.
Dennoch hörte sie eine Stimme. „Herzlich willkommen. Fühl Dich wie zu Hause.“
Sie erschrak ein wenig. Das ganze schien ihr unheimlich, aber alles war besser als der Sturm da draußen. „Hallo?“ rief sie wieder, zögernd. „Mach Dir keine Sorgen“, antwortete die Stimme. „Du wirst Dich hier wohlfühlen. Es ist alles bereit für Dich. Leg erst mal Deine nassen Sachen ab, im Bad steht alles was Du brauchst. Und schau einmal in die Küche.“
Noch immer war niemand zu sehen. Langsam ging sie in die Küche. Dort stand eine Kanne Tee, dampfend, heiß – und eine Tasse daneben. „Für Dich“ - die Stimme, die ihr schon langsam vertraut vorkam. Sie nippte an dem Tee. Es war eine Wohltat, die Wärme zu spüren, die von dem vertraut schmeckenden Getränk ausging. Etwas mutiger geworden, nahm sie den Rest der Wohnung in Augenschein. Ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer mit einem großen Schreibtisch direkt am Fenster, das Schlafzimmer mit einem frisch bezogenen Doppelbett – und das Badezimmer, hier lagen Kleidungsstücke bereit, die genau ihre Größe hatten. Eine Badewanne, gefüllt mit heißem Wasser und einem duftenden Badeöl zog sie wie magisch an. Ihre Angst und die seltsame Situation vergessend, legte sie ihre Kleidung ab und nahm ein Bad. Anschließend zog sie sich die trockenen Sachen an - die schlichte schwarze Hose und den gemütlichen Wollpullover, die sie gefunden hatte. Auch flauschige, warme Socken fehlten nicht, ebenso wenig wie ein paar Hausslipper. Aber was war das hier für ein Haus? Wer hatte hier auf sie gewartet?
Sie ging zurück in die Küche. Jetzt erst merkte sie, wie hungrig sie war, war sie doch einige Stunden in diesem Waldstück umher geirrt. Als sie den Kühlschrank öffnete, fand sie ihn wohl gefüllt vor. Sie nahm sich etwas Brot und ein Stück Käse. „Bedien Dich, alles steht Dir zur Verfügung“, vernahm sie erneut die Stimme.
Langsam wurde ihr wieder bewusst, wie unglaublich diese Situation war, und ein Unbehagen machte sich breit. „Wer bist Du, wo bist Du und was ist das hier alles?“ rief sie in die Leere.
„Ich habe auf Dich gewartet.“ „Aber dann zeig Dich mir – Du konntest doch gar nicht wissen, dass ich hier herkommen würde? Ich hatte mich im Wald verlaufen und dieses Haus habe ich noch nie zuvor gesehen.“
„Dies hier ist ab jetzt Dein Zuhause. Es wird Dir an nichts fehlen. Ich wusste, dass Du kommst, so wie ich alles weiß. Und ich weiß auch, dass Du bleiben wirst. Du wirst nichts vermissen, solange Du hier bist“, antwortete die Stimme. Panik stieg in ihr auf. Nein, schrie es in ihr, bleiben? Ich will nicht bleiben. Ich muss doch zurück, in meine Wohnung, mein eigenes Leben. Schließlich wartete ihr Freund auf sie, und morgen musste sie auch wieder an ihrer Arbeitsstelle sein. Hier verschwinde ich lieber ganz schnell, dachte sie. Sie lief ins Bad, griff nach ihren durchnässten Kleidungsstücken. Nur weg hier. Der Sturm draußen schien ihr auf einmal weit weniger bedrohlich als dieses seltsame Haus.
Panisch lief sie zur Haustür. Doch die war verschlossen. Sie zog, zerrte, rüttelte an dem Griff, suchte nach einem Schlüssel – nichts. „Was soll das? Ich will hier raus!“ schrie sie. Doch die Stimme antwortete nur sanft: „Du kannst nicht gehen, draußen ist es kalt und stürmisch und ein Gewitter zieht herauf. Die Außenwelt ist gefährlich. Denk nur, was Dir alles passieren kann. Bleib hier bei mir, hier bist Du sicher und geschützt. Und Du siehst ja – es ist für alles gesorgt.“
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8486
Viel zu früh wurde es hell, viel zu früh mußte ich aufstehen.
Ende August – meine Zeit zuhause war vorüber, ich mußte nach Deutschland zurück.
Ab jetzt käme ich nur hin und wieder an den Wochenenden nach Hause – würde zwischen zwei Leben hin und her pendeln.
Die Fahrt nach Manchester war eine Zeit der zusammengepreßten Lippen. Nur nicht losweinen.
In Yorkshire hatten wir Sonnenschein, als ich über die Pennines kam, lag über Manchester Nebel. Ich verlor Zeit, als der Berufsverkehr einsetzte, hastete durch das Terminal, checkte ein, keine Zeit mehr, um eine Zeitung zu kaufen. Ich rannte zum Gate, war eine der letzten Passagiere, setzte mich ein wenig atemlos auf meinem Sitz am Fenster.
Der Nebel hat sich verdichtet – die Rollbahn war nicht zu erkennen.
Die Flugzeugtüren werden verschlossen, der Pilot meldet sich, wünscht uns allen einen guten Morgen, erzählt uns das, was wir alle sehen, nämlich, daß wir Nebel haben und wir etwas warten müssen, bis wir starten können.
Der Flieger löst sich von der Parkposition, die Stewardessen beginnen mit dem Sicherheitsprogramm.
Der Flieger rollt weiter Richtung Startbahn, bleibt stehen. Nach einigen Minuten werden die Motoren abgestellt.
Ich starre auf meinem Vordersitz, suche nach einer Zeitschrift. Das Werbemagazin von british airways verspricht nicht viel Abwechslung. Nach zwanzig Minuten habe ich es zwei Mal durchgeblättert. Es ist still in der Maschine, niemand spricht, jeder wartet, daß es endlich losgeht.
„Ich fühle mich hier völlig eingeengt – ich habe immer Anflüge von Klaustrophobie“,
sagt eine deutsche Frauenstimme eine Reihe hinter mir. „Warum rollen wir nicht zurück und können dann das Flugzeug verlassen. Ich meine, wir sind doch keine Gefangenen,“ die Stimme wird höher und lauter.
Niemand sagt etwas, jeder tut so, als hätte er nichts gehört, als sei nichts gewesen.
„Das können die doch nicht mit uns machen“, die Stimme meldet sich wieder zu Wort.
Ich drehe mich um, eine ganz unauffällige Frau hinter mir starrt mich an, knetet ihre Hände. „Die sollen was tun“, sagt sie und schaut mich herausfordernd an.
„Bei Nebel kann man nur abwarten“, antworte ich und könnte mir auf die Lippen beißen. Warum lasse ich mich nur auf solch ein Gespräch ein?
„Dann sollen die uns zurück in den Flughafen bringen. Ich bleibe hier nicht sitzen. Ich kann das nicht ertragen. Ich habe Platzangst. Ich kriege keine Luft.“ Jetzt ist die Stimme der Frau schrill.
Eine Stewardess kommt vorbei, schaut uns fragend an.
„Ich will hier raus“, sagt die Frau. „Sie halten mich gefangen – und das dürfen sie nicht.“
Die Stewardess antwortet nicht. Leise erkläre ich ihr in englisch die Situation. Sie nickt und geht in Richtung Bordküche und kommt wenige Augenblicke später mit einer Tasse Tee zurück.
„Ich will keinen Tee“, sagt die Frau.
Wieder drehe ich mich um. „Trinken Sie den Tee. Er wird Ihnen gut tun. Und haben Sie doch keine Angst. Es ist nur der Nebel, der uns hier aufhält und er wird sich auch lichten und dann fliegen wir los.“
„Ich lasse mich nicht gefangennehmen“, antwortet sie und schaut mich mit hervortretenden Augen an.
„Nein, das sollen Sie auch nicht. Und Sie sind es auch nicht. Es ist nur der Nebel.“
„Ich will hier raus“, sagt die Frau.
„Wie schmeckt der Tee“, versuche ich sie abzulenken.
„Ich war mein ganzes Leben gefangen“, gibt sie mir zur Antwort. „Erst bei meinen Eltern. Die haben mir nichts erlaubt. Mußte immer das tun, was sie wollten. Durfte keine Freunde haben. Und dann habe ich geheiratet. Dachte, jetzt kommt die große Freiheit. Pustekuchen. Hab ganz schnell gemerkt, daß ich mich getäuscht hatte. Konnte für den putzen und kochen und seine Kinder erziehen. Hatte nie Zeit für mich. Mußte immer da sein. Und jetzt wo er tot ist, dachte ich, mach mal das, was du schon immer wolltest. Wollte schon immer mal nach England. Wollte mir mal alles so anschauen. Haben Sie mal die Serie ‚der Doktor und das liebe Vieh’ gesehen? Ich habe sie mir in den siebzigern angesehen und immer gedacht, da willst du mal hin. Aber mein Mann, der hat immer nur bestimmt. Ich mußte immer mit ihm nach Italien fahren. Meine Güte wie habe ich das gehaßt. Aber ich konnte ja nichts tun. Hatte ja kein eigenes Geld. Und er hat bestimmt. Und ich konnte nur nicken und ja und amen sagen. War seine Sklavin. Aber nun ist er tot. Ja, jetzt ist er tot und ich mache jetzt was ich will.“ Sie schaut zur Seite aus dem Fenster.
„Ich will hier raus,“ wiederholt sie. „Das muß ich mir nicht bieten lassen. Niemand hat das Recht mich festzuhalten.“
„Wie hat Ihnen Yorkshire gefallen?“, frage ich sie.
Sie preßt für einen Augenblick die Lippen zusammen. „Na, ganz gut. Aber ich bin zu spät gekommen. Das Leben ist ja weiter gegangen und ich habe alles nicht so vorgefunden wie im Film. Warum konnte mein Mann nicht eher sterben? Dann hätte ich das alles gesehen. Jetzt ist alles zu spät. Und ich werde auch noch bestraft, weil ich immer für ihn da war und das tat, was er wollte. Habe nie an mich gedacht. Nur an die anderen und war nur für sie da.“
„Mhm“, sage ich, weil ich nicht weiß, was ich darauf anworten soll. Die Frau knetet wieder ihre Finger.
„Warum bringen die uns nicht zurück,“ greift sie wieder ihre alte Frage auf.
Ich blicke nach draußen und drehe mich wieder zu ihr um. „Schauen Sie“, sage ich. „Der Nebel lichtet sich, wir werden gleich starten.“
Sie schaut ebenfalls raus. Ihre Gesicht entspannt sich. „England hat mir gefallen. Ist so ganz anders als Italien.“
Ich stimme ihr zu. Zehn Minuten später rollen wir Richtung Startbahn, heben ab, durchbrechen wenig später die Wolken – die Sonne scheint blendend durch die Fenster.
Hallo Barbara, hallo Lillilu, danke für die positiven und ermutigenden Bewertungen und danke für Eure lit. Hinweise. Stimmt, ich liebe Yorkshire und das Leben dort. liebe Grüße Beate
Hallo Beate, hört sich sehr realistisch an, fast könnte ich mir vorstellen, du warst die Frau, die sich die Klagen anhören musste. Ich hab die Yorkshire Dales und die Tierarztgeschichten auch alle in mein Herz geschlossen. Und weil hier die Liebe zu England durchschimmert, hab ich auch noch ein Zitat: "...This happy breed of men, this little world, this precious stone set in the silver sea........this blessed plot, this earth, this realm, this England...." (Richard II, Shakespeare) LG Lillilu
Hallo Beate, die Geschichte hat mir sehr gut gefallen, alles war sehr gut nachzuempfinden. Flugzeuge können manchmal ziemlich eng sein, nicht wahr? Ich fand folgendes Gedicht von B.Widder. Es heißt: Hügel über Yorshire II Wenn die Hügel fort sind bin ich ein kollernder Stein der mich abhält auf den Weg zu blicken Frag nicht nach Farben die du nicht kennst. Der Boden glitzerte schwarz war aus Vulkanstein gewachsen. Wenn du an einem Haus vorbeikommst frag um ein Pferd oder einen Krug Wasser. Liebe Grüße Barbara
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Sie war Mitte dreißig und nach einigen Enttäuschungen glaubte sie kaum mehr an die wahre Liebe. Dann begegnete sie ihm. Er umwarb sie mit einem Charme und Einfallsreichtum, weshalb sie glaubte, dieses Mal das Glück für`s Leben gefunden zu haben. Sein gutes Benehmen und seine humorvolle lockere Art ließen sie der Überzeugung sein, daß ihr Zukünftiger einen guten ehrlichen Charakter besaß, der zu ihr passte. Zudem war er gebildet, konnte sich sehr gut in geschäftlichen Angelegenheiten präsentieren, war hilfsbereit und es gab keinen Hinweis auf irgendwelche Zweifel. Nach einer groß ausgerichteten eleganten Hochzeit folgten Jahre unbeschwerter und glückserfüllter Momente. Niemals wäre ihr der Gedanke gekommen, welch dunkles Geheimnis ihr Mann verbarg.
Dann eines Tages, von heute auf morgen, legte sich der erste schwere dunkle Schatten über ihre Ehe, dem noch zahlreiche folgen sollten. Etwas bösartig Fremdes schien in ihrem Mann zu existieren und mehr und mehr kam ES zum Vorschein. Als schien sich ein grausiges Untier seiner habhaft gemacht zu haben, verwandelte er sich - wie von fremder Macht beherrscht - zu einem eiskalten, gefühllosen Lebewesen. Die dunkle Seite in ihm bereitete ihr Angst, verwirrte sie. Damit konnte sie nicht umgehen, wusste sich nicht zu wehren, war überhaupt nicht darauf vorbereitet. Das gefiel ihm, befriedigte ihn fast und er machte sich sadistisch über ihre Seele her. Sein Gesicht war dabei zu einer grausigen Teufelsfratze verzerrt, boshafte Lippen schenkten ihr ein höhnisches Lächeln und seine Augen durchbohrten sie mit einem tödlich-stechenden Blick. Die Kälte, die er dabei ausströmte, verteilte sich spürbar im ganzen Raum. Es war ihr nicht mehr möglich, einen Zugang zu seiner “guten” Seite zu erhalten und sie fühlte sich ihm machtlos ausgeliefert. Ihr war, als würde er jeden Augenblick zum Sprung ansetzen und sich an ihre Gurgel krallen, seine langen Zähne in ihren Hals schlagen, um dann gierig ihr Leben auszusaugen. Dann, wenn sie den letzten Odem ausgehaucht und am Boden lag wie ein erlegtes Wild, würde er sich an ihrem hilflosen Anblick weiden und sein arroganter Stolz ihn hoch emportragen über seinen grandiosen Sieg. Als wie wenn ein furchtbares Gewitter am verebben war, war auch ihr Mann dann plötzlich wieder der Mensch, den sie vor langer Zeit geheiratet hatte. Auf ihre vielen Fragen wußte er keine Antwort, stattdessen fing er an vor ihr zu flüchten und kam tagelang nicht mehr nach Hause. Sie wurde halb verrückt bei dem Gedanken, ob und was ihm passiert sei. Nach seiner Rückkehr entschuldigte er sich ganz unterwürfig und gelobte, psychologische Hilfe anzunehmen. Doch schon nach kurzer Zeit begann seine bösartige Verwandlung von vorne. Dabei kam es ihr vor, als befände sie sich in einem Horrorfilm oder Thriller. Sein Verhalten brachte sie fast an den Rand des Wahnsinns. Ihre Verzweiflung und die Angst lähmten sie bei jeder Bewegung. Eine Taubheit erfasste ihre Glieder und ihr Herz raste mit einer Schnelligkeit, als hätte sie soeben einen Marathonlauf hinter sich gebracht. Wie nur konnte sie sich und ihnen beiden helfen. Sie fühlte sich gefangen in ihrer Situation und begann, nach Antworten zu suchen. Eines Tages fand sie einen geheimen Brief, den ihr Mann geschickt vor ihr verbergen konnte. Als sie ihn mit zittrigen Händen öffnete und dabei ihr Herz immer schneller zu pochen begann, entdeckte sie die grausige Wahrheit .....
Uups, hab etwas übersehen in deinem Kommentar: Das ganze Buch hat 52 Kapitel und 26 Übungen. Wir haben gerade die 15. Woche und die 8. Übung hinter uns. Bestell doch einfach das Buch.LG Lillilu
Liebe Petra, habe deinen Kommentar gelesen. Verstehe, dass 16 Jahre eine lange Zeit sind. Ich hatte mal einen richtigen Literaturdozenten (für wenige Wochen) und der sagte immer: "Beschreiben Sie nicht die ganze Stadt, nehmen Sie sich ein Treppenhaus vor oder einen Nachbarn!" Der Fokus auf dem Kleinen. Was geschieht am Ende dieses Schreibforums? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich habe schon mal den Verlag gefragt, ob man nicht dieses ganze Forum zwischen 2 Buchdeckel drucken könnte, hab da aber nichts genaues zu gehört. Louise Doughty sagt ja auch irgendwo in ihrem Buch, man solle sich nicht mit dem Veröffentlichen gedanklich rumplagen, sondern erst einmal ein GUTES Buch schreiben. Und da ich weiß, worüber ich schreiben möchte und auch schon ein fast Fertiges in der Schublade habe, werde ich auf jeden Fall danach einfach emsig weiter arbeiten. LG Lillilu
Hallo lillilu, ja wir hatten vor kurzem einen netten Email-Kontakt. Ich danke Dir sehr für Deine hilfreichen Tips. Ich habe mich schwer getan, 16 Jahre als kurze Zusammenfassung zu schreiben. Aber ich verstehe, was Du meinst und arbeite weiter an mir. Eine Frage hätt ich noch: Was erwartet mich - außer Lernen in den jeweiligen Kapiteln - wenn ich das letzte Kapitel (15) geschrieben habe? Bin auf der Homepage noch nicht ganz dahintergestiegen. Nochmals danke und bis zum vielleicht nächsten Mal? Lb. Grüße Petra K.
Hallo Petra, haben wir nicht gerade erst vor ein paar Tagen uns geschrieben? Schön, von dir nun einen Beitrag zu lesen. Die letzten Sätze erzeugen Spannung und sind gut geschrieben. Der erste Absatz ist wahrscheinlich eine notwendige Einführung. Aber der ganze mittlere Teil, der eigentliche Höhepunkt sozusagen, ist viel zu allgemein gehalten. Du hast dabei tausend Bilder der Erinnerung in deinem Kopf, aber der Leser würde sich erst ein Bild machen können, wenn du etwas in Szene setztest, verstehst du? Fang bei "Dann, eines Tages..."an und führe den Leser in ein oder zwei Situationen, mit oder ohne Dialoge, aber auf jeden Fall etwas von dem man ableiten kann, dass der Mann seine schwarze Seite zeigt. OK? Noch einen Tipp: Versuch in die LAUFENDEN Kapitel einzusteigen, damit du so viel Kommentare wie möglich bekommst - auf diese hinteren Seiten scrollt nur gelegentlich jemand. LG Lillilu
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8402
Geboren in einer Stadt ohne Erinnerung, ohne Augenblick, ohne Duftspur. Kein Dejà vu nirgends. Losgelöst. Fallen gelassen. An irgendeinem Punkt in Deutschland beginnt meine Geschichte wie zufällig. „Willkommen süßer, kleiner Mongo“. Ein Scherz. So grob wie mein Heimatland. So einfach. So zerstörerisch. So kolportiert wie meine Herkunft. Ein Leben aus zweiter Hand. Alte Geschichten...
Zum Beispiel diese: Der Onkel verteufelt und gemieden. (Unter anderem wegen seines unsensiblen Mutterwitzes) Die einzigen Verwandten im Land - unbekannte Nachbarn im Viertel. Du kennst die Geschichten aus der Vergangenheit zum Teil. Du hast sie zu deinen gemacht und dich damit vermeintlich befreit. Befreit von der Gengefangenschaft. Eine andere Familie in der Ferne, hinter mindestens zwei oder besser vier Grenzen, ist erträglicher. Meinst du.
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8319
FORTSETZUNG ZU BEITRAG 6228
„Das ist nicht wahr, oder?“, stieß Beate hervor und stellte ihre Kaffeetasse so heftig auf den Untersetzer, dass dieser klirrte.
Wir hatten uns wie immer Montagabend in unserem Stammcafé getroffen und ihre Augen waren, während ich ihr das am Wochenende vorgefallene, erzählt hatte, immer größer geworden.
„Ich glaube es einfach nicht“, stöhnte Beate jetzt. „Und was ist dann passiert? Hast du mit Wolfgang Schluss gemacht? Hast du ganz einfach ja gesagt? Und vor allem: Wo war Stefan?“
Bei dem Gedanken daran musste ich, jetzt im Nachhinein, unwillkürlich grinsen, dabei war die Angelegenheit alles andere als lustig.
Wolfgangs Gesichtsausdruck hätte man durchaus mit dem Wort entsetzt beschreiben können, als er mich, auf seinen sicherlich hundertmal geprobten großen Auftritt hin, in Tränen ausbrechen sah.
„Aber Kerstin, was ist denn mit dir?“ Er hatte noch immer vor mir kniend, wie flehend eine Hand um mein Bein gelegt.
Ich war nicht fähig gewesen zu antworten, das Schluchzen war in Schluckauf übergegangen, meine Nase hatte angefangen zu laufen was das Zeug hielt und ganz abgesehen davon, was hätte ich ihm auch sagen sollen?
Fürsorglich wie immer hatte Wolfgang eine Packung Klenex geöffnet und hatte mir dann eines der flauschigen, nach Eukalyptus duftenden Tüchlein gereicht.
In dem Moment hatte es an der Haustür geklingelt.
„Stefan!“, unterbrach Beate aufgeregt meine Erzählungen.
„Nein, noch viel besser“, antwortete ich und konnte den leichten Sarkasmus in meiner Stimme nicht verbergen.
Kaum hatte Wolfgang die Wohnungstür geöffnet, war nämlich kreischend und zeternd eine mir vollkommen unbekannte dunkelhaarige Frau in unseren Flur gestürmt und auf meinen ach so süßen Liebsten losgegangen.
Zuerst war ich ihm ja noch zur Hilfe geeilt, verheult und verrotzt wie ich war, dem Schuft, dem Betrüger, wie die Dunkelhaarige ihn nannte.
Einfach sitzen gelassen, hätte er sie. Das Wochenende, das sie zusammen in Garmisch-Partenkirchen gebucht hatten, mit einer fadenscheinigen Begründung abgeblasen.
„Mistkerl!“, empörte sich Beate. „Ich hoffe du hast ihm sofort den Laufpass gegeben.“
„Mit welcher Begründung?“ Ich schüttelte den Kopf, aber die Erinnerung an das was gefolgt war, wollte sich nicht aus meinem Gedächtnis verscheuchen lassen.
Im schönsten Chaos hatte sich die Schlafzimmertür geöffnet und Stefan war vollkommen verstruppelt über deren Türschwelle gestolpert.
„Man, Kerstin, was ist denn hier los?“, hatte er gemurmelt und sich verschlafen die Augen gerieben.
„Den Rest kannst du dir vorstellen“, sagte ich seufzend zu Beate und nahm einen Schluck von meinem inzwischen kalten Kaffee.
Beate schwieg betreten. „Dann ist es also jetzt tatsächlich aus zwischen dir und Wolfgang?“, fragte sie schließlich vorsichtig.
Ich sah von meiner Kaffeetasse auf, plötzlich nachdenklich. „Vielleicht fängt es auch gerade erst an“, antwortete ich dann.
hey, hat doch noch jemand die Fortsetzung gelesen ;-) Das mit dem Schlusssatz musste sein, so einfach wollte ich es dem Leser dann doch nicht machen. LG Azahar
Ach, klasse, dass Du noch die Fortsetzung geschrieben hast, dann ist meine Neugier ja noch befriedigt worden, allerdings: Nicht ganz! Dank dem Schlusssatz.
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8188
Frau W.
"Probieren Sie ruhig ein Löffelchen vom Kaviar", sagte Frau W. und reichte Marie-Luise ermunternd die dunkle, kleine Dose mit Löffel und Unterteller. "Sie sehen so aus als könnten Sie das jetzt brauchen."
Marie-Luise saß erschöpft in ihrem Trainingsanzug auf der Bettkante, eine schlanke Zwanzigjährige mit rot-braunen Haaren. Nach der morgendlichen Gymnastik war sie gleich zu ihrer Therapiestunde nach oben gegangen, und ihr Frühstück stand noch unberührt auf dem Tisch am Fenster. "Mir steht alles vor dem Magen, es ist lieb von Ihnen, ich weiß nicht, Kaviar... vielleicht lieber Kaffee. Kaviar hab ich noch nie probiert."
"Mein Mann kann uns wieder neuen mitbringen, nehmen Sie ruhig."ermunterte Frau W. sie wieder.
Sie war um die Fünfzig und der Kaviarbringer war ihr zweiter Ehemann, das wusste Marie-Luise schon. Auch von ihrer Platzangst hatte sie ihr erzählt. "Agoraphobie nennt man das", hatte sie erklärt. "Ich kann das Haus nicht verlassen. Wenn ich rausgehe, dann kommt mir das Pflaster in Wellen entgegen. Ich übe und übe, ziehe mich am Zaun entlang, um vorwärts zu kommen."
- Wie in einem Alptraum- hatte Marie-Luise gedacht und sich fürsorglich um sie gekümmert. Sie hätte ihre Mutter sein können.
Sie waren beide in der zweiten Klasse in dieser Klinik für psychosomatische Störungen untergebracht. Während in der dritten Klasse fünf bis sechs Betten in einem Raum waren, teilten sie sich zu zweit ein Zimmer. Es war klein. Außer ihren Betten gab es nur noch zwei schmale Schränke und eine kleine Sitzecke mit Tisch am Fenster. Über Frau W.’s Bett hing ein Bild, auf dem ein einsamer Ruderer auf einem See in den Sonnenuntergang ruderte. Am ersten Abend ihrer Bekanntschaft hatte Frau W. auf die Ärztin gewartet und wollte deshalb nicht das Zimmer verlassen, um sie nicht zu verpassen. Marie-Luise hatte gesagt: "Wieso, wenn jemand nach ihnen fragt, dann sag ich einfach: Na da ist sie doch, sehen Sie nicht, wie sie da fort rudert?" Als ihnen das Mittagessen nicht schmeckte sagte Frau W.: „Kippen wir’s einfach in den See!" Oder Marie-Luise sagte: "Ich dreh jetzt mal kurz eine Runde im Boot" wenn sie die Nase voll hatte vom Klinikbetrieb. Sie verstanden sich beide gut.
Marie-Luise hatte ihre Ängste und Alpträume in die Therapiestunde getragen und Frau W. nur von ihrem Selbstmordversuch erzählt. So wie Gefängnisinsassen sich wohl erzählen, worum sie einsitzen. Es fiel ihr schwer sich anderen Menschen anzuvertrauen. Die meisten Menschen hielten sie für viel zu erdgebunden und optimistisch um überhaupt Probleme zu haben.
Wie sollte sie ihr davon erzählen können, dass sie jahrelang über KZs Alpträume gehabt hatte? Dass sie ihren "Fiebertraum" bekam, wenn sie von den Gräueltaten der Nazis hörte? Und dann die Geschichte von Onkel Hans, Mutters Bruder, der von der Gestapo verhaftet wurde, weil er den Zeugen Jehovas angehörte.
All die grässlichen Bilder in ihrem Kopf. Und das Geräusch von dem Aufschlagen seines Kopfes! Onkel Hans, von der Gestapo an den Füßen die Treppe runtergezogen, der Kopf schlug bei jeder Stufe auf. Seine Ehefrau soll dies lustig gefunden haben, als sie davon hörte.
Und ihre eigenen Assoziationen, wenn sie schaukelnde, quietschende Hoflaternen sah in Fabrikhöfen, an einsamen Grenzübergängen, die durch Gelesenes, Gehörtes und nie Verarbeitetes sich in endlose, freie Appellhöfe verwandelten. Lautsprecheransagen, die über den Platz hallen. "NN" braucht noch Menschen für den nächsten Transport. Sie laufen zusammen, frierend und zitternd. In dünnen, gestreiften Anzügen, darunter Zeitungspapier gegen die Kälte. "Nacht & Nebel" sammelt sie für den Transport nach Auschwitz ein. Sie suchen in den Baracken, im Hospital, im kleinen und im großen Lager.
Aber hier in Berlin- Grunewald, in ihrem kleinen Zimmer ist Frau W. da, die Marie-Luise aus ihrem Leben erzählt, einem guten Leben, wie sie sagt: "Wissen Sie, ich kann nicht klagen. Ich hatte fünfundzwanzig gute Jahre. Ich habe damals, 1945, eine Hypnosetherapie machen lassen. So konnte ich alles vergessen. Aber seit einigen Jahren ist alles wieder da, und ich habe diese Platzangst."
"1945?" fragt Marie-Luise. "Was passierte denn damals, oder fällt es Ihnen schwer, darüber zu reden?"
"Ich habe es nicht ertragen, als ich meinen ersten Mann in flagranti erwischte. Er war meine große Liebe. Ich kam dazu, wie er seine Assistentin küsste. Und dabei waren wir so glücklich damals. Er war Arzt und hatte die Chance seines Lebens in der Forschung zu arbeiten.
Man hatte damals alle Ärzte angeschrieben und ihnen gut bezahlte Posten in den Lagern geboten. Na, Sie wissen ja vielleicht was ich meine. Wir waren so jung. Aber ich habe es einfach nicht ertragen, dass er mit einer anderen Frau....ich war schon immer sehr eifersüchtig, er sah so gut aus in seinem weißen Kittel. Und heute nun ist alles wieder da - diese andere Frau und die Erinnerung an ihn."
"Er war Arzt in einem Lager?" Marie-Louise ist erstarrt.
"Ja, nun regen Sie sich nicht auf! Nach 45 haben uns die Amerikaner gezwungen diesen Film anzugucken. Wir waren in Heidelberg und alle mussten ihn sich ansehen. Stellen Sie sich das vor! Wie hieß er noch?"
"Die Tretmühlen des Todes?"
"Ja, so ähnlich hieß er."
Durch die Beobachtungsbullaugen in den Gaskammern aufgenommen. Schaufelbagger, die Ordnung schaffen. Stufe um Stufe das dröhnende Aufschlagen in Marie-Luises Kopf.
Die beiden Frauen starren sich an. Frau W. greift nach der Zeitschrift auf Marie-Louises Nachttisch: "Glauben Sie, dass mir das hier gefällt?"
Es ist die "Konkret" und Marie-Louise hatte gerade Ulrike Meinhoffs
Artikel über Heimkinder gelesen. "Lauter linke Parolen! Wollen Sie unsere deutschen Werte in den Schmutz ziehen?!"
Sie stürzt sich auf Frau W. und schlägt in wilder Verzweiflung auf sie ein.
Das Schreien der beiden Frauen lässt die Schwestern hereinstürzen. Sie werden getrennt, Frau W. in einem anderen Zimmer einquartiert.
Der Kaviar wird hinterher getragen. Marie-Luise ist allein und bekommt eine Tablette.
Vor dem Klinikfenster fällt nadelzart Schnee. Ein endlos weißes Feld in der Dunkelheit. Schwankende Hofbeleuchtung. Kleine, schwarze Punkte laufen zusammen. Sammeln sich für den Transport.
Dann tut die Valium 10 ihre Wirkung.
Nein, mit dem Geburtstag hast Du Dich natürlich nicht geirrt. Die Nachbarn haben am 20. April gefeiert, aber UNSER Freudenfest war am 30. April mit einem Feuertanz beim Führerbunker und dem Sieben-Geißlein-Lied in etwas abgewandelter Form (...dolf reimt sich auf Wolf). - Muss die Frau sich immer in Rätseln ausdrücken? ;o)
Was, es war der 30. April? Hab ich mich geirrt. LG Lillilu
Liebe Lillilu, ich würde Dein Buch gern lesen. - Ich wusste schon, wann Führers Geburtstag ist, war aber leider nicht schlagfertig genug, zu antworten, dass wir immer am 30. April ein Freudenfest feiern (oder den 20. Juli, aber als Trauertag).
Liebe Metta! Danke für deinen Kommentar! Ich mag diese Geschichte auch sehr, zumal sie autobiografisch ist und aus meinem (nie veröffentlichten) Buch ist. Da steht dann alles im Kontext und die Assoziationen und inneren Bilder hatten schon einen Vorläufer in vorangegangenen Kapiteln und müssen dann nicht erläutert werden. AH hatte am 20. April Geburtstag, am Übergang von Widder auf Stier, eine Schande für beide Sternzeichen! LG Lillilu
Dies ist für mich bisher der stimmigste und anrührendste Text zu Deinem Thema. Ich glaube, dass man unsicher ist, ob Marie-Luises Albträume auf eigenen Erlebnissen beruhen (was ja schon aufgrund ihres jugendlichen Alters nicht sein kann), weil es ungewöhnlich ist, dass einen "nur" Erzähltes so belastet. Es müssten schon irgendwelche eigenen Erlebnisse sein, die die Verbindung schaffen, z.B. die Mutter, die um den Bruder Hans getrauert hat und als Marie-Luise Kind war Panikattacken bekommen hat oder irgendetwas in der Art. Ja, die Altnazis sind noch immer unter uns. Als ich unsere Nachbarn, ein älters Ehepaar, fragte, ob sie mir einen Rat geben könnten, bis wann ich Kartoffeln setzen müsste, antworteten sie: "Bis zu Führers Geburtstag. Aber das wissen Sie wohl gar nicht, wann das ist." Frau W. war mir von Anfang an nicht richtig sympathisch. Wieviel schwerer ist es erst auszuhalten, wenn man einen Menschen, zu dem man eine wirklich enge Beziehung hat, plötzlich als Nazitäter identifiziert. Valium. Die typische Ratlosigkeit der Schulmedizin. Können wir Autoren die Welt verbessern, indem wir zum Nachdenken anregen? Ich hoffe es.
Liebe Lillilu, das ist jetzt der 2. Versuch, diesen Kommentar einzustellen. War in den letzten Wochen sehr mit anderen Dingen beschäftigt und versuche jetzt wieder Anschluss an die Schreibgruppe zu finden. Deshalb habe ich auch die älteren Aufgaben noch mal durchgelesen und das war gut so. Denn sonst hätte ich diese starke Geschichte nicht gefunden. Gefällt mir sehr gut und ist immer noch aktuell. Ich hatte mal eine Vermieterin, die heute noch behauptet: Die Juden waren an allem Schuld. Am liebsten wäre ich ihr an die Gurgel gesprungen. Hätte ich es mal getan! So, und jetzt suche ich Deine anderen Beiträge. LG. Maju
Liebe Azahar, freue mich, dass du meine Geschichte hier gefunden hast und dass du sie magst. Es gibt nur einen "offenen" Hinweis auf die Zeit und das ist Ulrike Meinhoffs Artikel in der "Konkret" und muss damit 1969 stattfinden - aber das weiß natürlich nicht jeder. Der noch verstecktere Hinweis ist, dass Frau W. sagt, sie hätte 25 gute Jahre nach ihrer Hypnosetherapie am Kriegsende gehabt und das macht dann 1944-45 + 25. Was die Perspektive betrifft ist es aus der Sicht von Marie-Luise direkt in der 3. Person erzählt und ist damit ihre eigene Erfahrung. Mittendrin gibt es ihre Assoziationen bzgl. 3. Reiches (schwankende Hoflaternen) und innere Bilder, die sich in der Tat auf Erzähltes beziehen ,wie die Geschichte dass Onkel Hans mit dem Kopf aufschlug als die Gestapo ihn die Treppe runterzerrte. Aber deine Frage ist wohl tatsächlich berechtigt, d.h. ich sollte noch 1x überlegen, wie ich diese "inneren Bilder" als Erzähltes kenntlicher machen könnte. Hab ich etwas gelernt, danke dir! LG Lillilu
Beeindruckender Text! Wie sich doch unsere Einstellung zu anderen Personen von einem Schlag auf den anderen verändern kann. Nur eines fand ich etwas verwirrend, nämlich dass ich die Geschichte nicht richtig in eine Zeit einordnen konnte. Hat Marie-Luise das ganze nun selbst mitbekommen? Oder kennt sie es nur aus den Erzählungen anderer? LG Azahar
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8143
Weihnachtskugel
Jan hält mir den Brieföffner hin. Ich schüttele den Kopf. „Los!“ sagt er sehr ruhig. Ich blicke auf meine Schuhe, da holt er aus und ich sehe die Faust im letzten Augenblick kommen.
„Mach ihn auf!“. Langsam komme ich auf die Knie, meine Lippe bebt, das soll er nicht sehen. Aber als ich ihm den Brief hinhalte und er das Zittern meiner Hände sieht, lächelt er. Jan kann lächeln wie Gott. Das denke ich. Und auch, dass Gott nicht lächeln kann, dass ich darüber noch nie zuvor nachgedacht habe und dass ich das tun muss, wenn dies vorüber ist.
Vielleicht habe ich auch gelächelt. Vielleicht habe ich mich aber auch nur falsch bewegt. Vielleicht ist es der Ausdruck meiner geschlossenen Augen, vielleicht ist ein Herbsttag obwohl erst August ist, vielleicht hat er Systemlotto gespielt und hoch verloren, vielleicht war das Kantinenessen wieder ungenießbar, vielleicht.
Jedenfalls trifft mich die Faust ein zweites Mal. Diesmal am Kinn, ich spüre wie mein Unterkiefer wegrutscht und frage mich, ob der einfach wegfliegen kann. Ich traue mich nicht meinen Kiefer anzufassen um zu prüfen, ob noch alles an Ort und Stelle ist, deshalb versuche ich einen Blick in den Spiegel zu werfen, vor dem Jan steht und immer noch lächelt. Da fliegt mein Kopf nach links, oder war es rechts und ich falle wieder hin und er lächelt und tritt auf meine Finger, so wie man gewöhnlich eine Zigarette austritt. Ich höre den Knochen meines kleinen Fingers splittern, es hört sich an wie sehr trockenes Holz, das ich manchmal im Wald zwischen den Fingern zerbreche. Ich denke, dass ich das nie wieder tun werde und ob Holz eine Seele hat. Meine andere Hand kriecht unter meinen Bauch, da fällt mir ein, dass ich meinen Kopf mit ihr schützen muss. Er tritt einen Schritt zurück, wirft mir den Brief aufs Haar und geht. Bevor er die Tür hinter sich verschließt, spuckt er mir ins Gesicht und schreit: Wenn ich wiederkomme ist der Brief offen und übersetzt! Jedes einzelne verdammte verfickte Wort liest du mir vor! Dann nimmt er meine Tasche, meine Jacke, er löscht das Licht und ich höre, wie die Haustür hinter ihm zufällt und der Schlüssel herumgedreht wird.
Ich ziehe mich am Tischbein hoch und setze mich. Ich streichele die Tischplatte, ziehe die Vorhänge auf, damit jemand mich sieht. Im Hochhaus gegenüber steht ein Mann am Fenster und raucht. Ich blicke hinunter zur Strasse, vier Stockwerke. Ich lache laut, es hört sich an, als lache eine andere. Ich gehe zum Spiegel und sehe die Frau an, die dort steht. Sie blutet aus dem Mund und aus der Nase. Ich richte mein Haar, ich trinke das Blut, das mir aus der Nase rinnt, jeden einzelnen Tropfen ziehe ich laut in meinen Mund. Ich gehe zum Fenster. Ich schreie. Der Mann gegenüber sieht mich an und zieht den Vorhang vor. Jetzt wird er zu seiner Frau in die Küche gehen. Er wird sagen, drüben ist wieder Theater und dann werden sie zu Abend essen.
Vorsichtig denke ich an die rot schillernde Weihnachtskugel, die ich in meinem Bauch gespürt habe, als ich mit Jan am Strand war. Es ist so lange her, wie viel Tage sind zwei Jahre und drei Monate, ich muss es ausrechnen, wenn dies vorüber ist. Eine zerbrechliche, blutrote Weihnachtskugel kullerte und in meinem Bauch, eine Glückskugel, die nur ich besaß. Als sie zerbrochen ist, bin ich sprachlos geworden. War ich erstaunt? Ich weiß das nicht mehr. Nur, dass sie zerbrochen ist, damals, als er mir den Arm in der Tür einklemmte und mir danach die Zigarette aus meiner zitternden Hand schlug. Ich spürte nur, wie meine Kugel zerbrach und ich dachte: Das Ende der Welt ist da und ich atme weiter. Seitdem stechen die Scherben im Magen und im Gedärm, ich kann sie nicht ausscheiden, sie bleibt immer da. Ich versuche, die Kugel zusammenzufügen, aber es geht nicht. Sie sticht mich und ich sehe mich da stehen, vor dieser Tür, meine Hand hängt am Arm und sieht aus, als gehöre sie mir nicht. Und ja, ich war wohl erstaunt. So verblüfft, so ungläubig, so voller Entsetzen. Mein Jan.
Jan, der mich auf Händen über den Strand trägt, der mich in die Wellen wirft und schreit vor Glück. Der mich abtrocknet und küsst und wieder küsst und wieder küsst. Der meine Prinzessin sagt und der mir einen Ring an den Finger steckt, der mich umarmt wenn er nach Hause kommt, der in mein Haar flüstert, meine Frau, meine Frau, meine Frau. Der mich stolz den Nachbarn, den Tanten, den Onkeln, den Nichten und Neffen und dem Hausmeister vorstellt, der so übermütig lacht und so sanft meine Hände streichelt.
Jetzt muss ich mir etwas einfallen lassen. Ich versuche, die Tischbeine abzuschrauben, aber ohne Werkzeug ist es aussichtslos. Dann nehme ich den Spiegel von der Wand. Er ist sehr schwer, aber ich bin stark, ich schaffe es. Ich lasse ihn fallen und nehme eine Scherbe und stecke sie in meinen Ärmel. Sie ist zu groß, er wird das sofort sehen. Eine kleinere Scherbe. Schneller. Da ist was im Flur. Nein, das ist der Nachbar, er keucht, er geht vorbei und stellt den Korb ab und ich atme aus.
Der Brief brennt in meiner Hosentasche. Ich werde ihn aufmachen, wenn ich mich auf das vorbereitet habe , was ich nun tun muss. Zuerst muss ich die Scherbe wetzen, ich schleife sie an der marmornen Fensterbank. Um ihre Schärfe zu prüfen, ritze ich mir leicht in den Handrücken und der rote Streifen erscheint augenblicklich, das reicht. Dann nehme ich die Tischdecke und schneide sie in breite Streifen. Ich ziehe meinen Pullover aus und binde mir die Stoffstreifen um den Bauch und um die Brust und für alle Fälle auch um die Hüften und um den Unterleib. Er ist soviel stärker als ich, und wenn er mir die Scherbe entwendet und zustechen wird, dann soll die Scherbe in den Stoff stoßen. Nur für meine Augen fällt mir nichts ein. Er wird mich auf die Augen schlagen, eine Brille ist nutzlos wenn sie zerbricht. Ich werde ihn umarmen müssen, ich werde um Verzeihung bitten und wie damals am Strand mein Gesicht an seinen Hals pressen, solange bis ich zugestoßen habe. Hinter seinem Rücken werde ich die Scherbe aus dem Ärmel ziehen. Dann muss es schnell gehen.
Jetzt höre ich den Schlüssel. Ich werde meine ganze Kraft brauchen, um meine Augen zu schützen. Dann denke ich, dass ich den Brief lesen muss, falls das schief geht und ich öffne behutsam den Umschlag. Die Handschrift ist kaum leserlich, ich brauche meine Brille, aber das geht jetzt nicht, vielleicht kommt er herein bevor ich die Möglichkeit habe die Brille abzusetzen und ich will kein Risiko eingehen. Der Brief muss warten. Der Schlüssel dreht sich. Ich hebe den Kopf.
Danke für Deine Antwort auf meinen Disco-Text. Ich hatte gehofft, dass der eher Dein Ding ist. Stream of consciousness - so will ich schreiben. Du hast mich inspiriert, weil Du es drauf hast. Aber wie baut man so eine Episode in einen Roman ein? Was könnte das für überhaupt für ein Roman werden?
Bist Du die Kerstin, die Herr Plinke begrüsst? Ich hatte Dich schon verabschiedet. Es ist so viel Schmerz in dieser Geschichte, Deine Worte kann ich körperlich spüren. Sie tun weh – und gut. Weil ich das alles kenne - und Du schreibst es auf. Wenn Du hier nicht mehr postest, werde ich das vermissen. Aber Deine Zeilen haben sich eh schon in mein Herz gebrannt, so what! Bis irgendwann...
Hallo Kerstin, auch diese Geschichte ist großartig! Schon nach den ersten Sätzen bekomme ich Herzklopfen, weil du so präzise beschreibst, was geschieht. Am allerbesten gefällt mir die Szene mit dem Nachbarn ("drüben ist wieder Theater") und der Abschnitt über den anfänglichen Jan, das ist unglaublich, wie du Bilder und Worte für große Gefühle findest. Bin noch dabei, hinter dein Geheimnis zu kommen, und wüsste zu gern mehr über dich: seit wann schreibst du schon? wie machst du das? willst du wirklich einen Roman schreiben oder bleibst du bei den Geschichten? Wäre schön, wieder was von dir zu lesen! LG Velarani
Hallo Kerstin, innere Monologe sind deine Spezialität - es kommt Spannung auf, man leidet mit der Protagonistin mit! Sehr schöne Sprache, nirgendwo Kitsch oder falsche Sentimentalität. Gibt es eine Fortsetzung, in der der Leser erfährt wie es weiter geht?LG Lillilu
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7985
Er durchmaß den Raum. Sechs Schritte vor, und wieder sechs zurück. Vier Schritte nach links und vier nach rechts. Das war es nun. Sein Kosmos für die nächsten zwei Jahre. Mindestens.
Draußen rannte er vier mal die Woche seine 10-Kilometer-Strecke im Stadtwald. Dafür brauchte er normalerweise eine knappe Stunde. Fit, schnell und beweglich wollte er immer bleiben, musste er bleiben, schon wegen des hohen Berufsrisikos. Hatte aber offensichtlich nichts genützt. Jetzt saß er hier.
Er musste sich unbedingt Papier und Stift besorgen und ausrechnen, wie oft er die Zelle durchschreiten müsste, um diese 10 Kilometer hier zurückzulegen. Wenigstens einmal die Woche. Nicht rennend, aber wenigstens gehend. Rennen brachte nichts mehr, dafür war es zu spät.
Nein, nicht einmal die Woche: Täglich. Zeit genug hatte er ja. Vielleicht konnte er die Aufgabe auch abwechslungsreicher gestalten. Seine Schrittlänge verändern. Oder im Viertelstundentakt die Richtung wechseln. 15 Minuten vor und zurück, 15 Minuten hin und her. Immer im Wechsel.
Auf alle Fälle brauchte er Papier und Stift, um mit der Arbeit anzufangen.
Das finde ich auch! Knapp, treffend, spannend! LG Lillilu
Schreibfeder, da ist Spannung drin. Habe deinen Beitrag soeben gierig überflogen. Liebe Grüße Herbert
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7960
Am Anfang dachten wir, die Hitze sei schuld.
Ein Nebel aus Sonnenstrahlen und Staub, der sich den ganzen Tag über nicht lichtete, lag über unserem Haus und den umliegenden Wiesen, die graugelb geworden waren. Alles und alle hatten sich verlangsamt. Auch die Nacht brachte kaum Abkühlung, wir siedeten in einer Suppe aus Schweiß und zu heißer Luft. Es war Mitte August und die Kastanienbäume in unserem Garten wurden schon gelb und rostrot und wollten so gar nicht zu unserem inneren Kalender passen. Karl sagte am Abend, bevor es begann: "Der Herbst hat dem Sommer die Zunge rausgestreckt und gesagt: Ätsch, ich bin schon da. Mach Platz, Alter! Der Sommer wehrt sich und sagt: Ich bleibe. Sie kämpfen. Das liegt an der globalen Erwärmung. Unsere Schuld." Ich hatte die Augen geschlossen und in meinem Kopf tanzten bunte Buchstaben einen Reigen aus den Worten Schuld, Hitze, Herbst und Kampf, alle in Herbstfarben. Vielleicht hat mich das durcheinander gebracht.
Wir wohnten damals erst kurz in dem kleinen Dorf bei Wasserburg am Inn. Karl hatte das Haus gefunden. Groß für Leute die sich lieben und klein für die, die sich aus dem Weg gehen müssen! So hatte er mir in die Klinik geschrieben, in seiner großen Onkelschrift. Groß für dich, Magda. Ein Garten und ein angrenzender Waldsee! Ich sagte am Telefon ja, bevor ich das Haus gesehen hatte. Mir war gleichgültig, wo ich mich befand. Das Haus habe einem Schuster und dessen Schwester gehört, es sei heruntergekommen und alt. Aber da sei ein Wintergarten mit Blick auf die Alpen, in dem wir das Atelier einrichten könnten und im Kaufpreis inbegriffen ein See. Ein Schloss, Magda, eine Burg. Für dich, Magda. Er hatte auch etwas von Schneewittchen geschrieben und noch etwas von wach küssen. Ich erinnere mich, dass ich lachen musste, weil ich plötzlich darüber nachdachte, dass sie vielleicht mit den Zwergen mehr Spaß gehabt hatte als mit dem Prinzen. Da legte ich auf.
Um den Kaufvertrag zu unterschreiben war Karl mit dem alten Schuster in die Klinik gekommen. Er hatte schwitzend vor mir gestanden, unablässig an seiner Krawatte gezupft und mich gnädige Frau genannt. Als ich meinen Namen unter den Vertrag schrieb, fiel ein Schweißtropfen aus seinem riesigen Schnurrbart auf das Blatt. Ich sah ihn an und bemerkte, dass er zitterte. Schwester Gisela, die mir nicht von der Seite gewichen war, hatte er aus den Augenwinkeln beobachtet, als bestünde Gefahr, von ihr Ort festgenommen zu werden und ich hatte ihm die Erleichterung angesehen, als er sich aufatmend von der gnädigen Frau mit den Wünschen um gute Besserung und baldige Erholung verabschieden konnte.
Die Renovierungsarbeiten dauerten den ganzen Sommer und Herbst über an. Karl rief mich aus Bangkok, aus Hanoi oder aus Singapur an. Ich verstand nur die Hälfte, weil die Leitung immer wieder abbrach, aber doch immerhin soviel, dass ich seine Anweisungen an die Handwerker weitergeben konnte, die ich wiederum von der Klinik aus verständigte. Wochenlang telefonierte ich mit Fliesenlegern, Maurern, Anstreichern und Elektrikern, die von Karl verwarnt, keine Fragen stellten. Ein Schreiner, den Karl nicht über meinen Zustand hatte informieren können, blieb hartnäckig. Ich erinnere mich noch an seine raue, aufgeregte Stimme. Ob ich nicht rauskommen könne, zur Baustelle? Ich erklärte ihm geduldig, nein, das könne ich nicht. Der Lehrling könne mich holen, irgendjemand müsse doch das Parkett aussuchen. Ich erwiderte, dass ich seinem Geschmack vertraue und er schwieg lange.
Dann fragte er mich, was mir fehle und ich sagte, dass ich das nicht wisse. Ich hörte ihn atmen und dann sagte ich, dass ich eine psychische Erkrankung hätte und er meinte, nein, nicht was ich hätte: Er wolle wissen, was mir fehle. Ich erschrak. Wir beauftragten einen anderen Schreiner.
Wenn Karl in den darauf folgenden Wochen die Station betrat, wo ich mit Schwester Gisela Backgammon spielte, glänzte sein Gesicht vor Aufregung und Freude. Du wirst staunen, Magda. Es ist wunderschön. Und groß. Es wird schon wieder werden. Schwester Gisela starrte auf das Brett und schwieg. Ich strich Karl über sein graues Haar und lächelte, und wenn er mich fragte, ob ich Angst habe, log ich ihn an wie an den Abenden vorher. Dann sagte ich, dass ich glücklich sei und Schwester Gisela bat mich zu würfeln und dann ging Karl nach Hause. Er küsste mir mit trockenen Lippen auf die Stirn und Schwester Gisela würfelte. Wir rauchten und lächelten und sie sagte, ach, Magda.
Im Oktober konnten wir mit dem Einrichten beginnen. Ich wälzte in der Klinik Kataloge und ließ mich von Schwester Gisela beraten, die ein Faible für Biedermeiermobiliar hatte. Wir bestellten einen weißen Waschtisch mit feinen gedrechselten Beinen und einen Sekretär aus Kirschholz mit mehr als fünf Geheimfächern. In Handtücher ließ ich unsere Namen sticken, Magda in rot auf weißem Flausch und Karl in blau und Gisela in ein kleines Gästehandtuch, weil sie versprochen hatte, mich dort zu besuchen. Den Rest überließ ich Karl.
Sie brachten mich Anfang November in das Haus, ich hatte soviel Medikamente genommen, dass ich kaum gehen konnte. Es war schon dunkel. Während Karl den Wagen parkte, trug Schwester Gisela mich über die Schwelle, ich war leicht wie ein Zaunfink. Wir standen in der riesigen dunklen Küche und schwiegen. Dann aßen wir Kastanien, die Karl auf dem Weihnachtsmarkt gekauft hatten und tranken Burgunder und Schwester Gisela sagte, es sei ein schönes Haus, ein schöner Garten, ein schönes Bad. Alles war schön für Schwester Gisela. Ich hatte sie noch nie ohne weißen Kittel gesehen und war befangen. Aber ich sagte, ja, sicher und dass ich üben würde und als sie ging, weinte ich, weil ich wusste, dass Weihnachten kommen und ich sie nicht am Tor würde begrüßen können.
Aber Weihnachten kam ich bis zur Haustür und dann kamen die Schneeglöckchen und die Krokusse und dann schon die Osterglocken und ganz schnell Juli und erst am 10. August läutete abends nach elf das Telefon. Karl sagte: Das ist sie, und ich sagte, ja und: Geh du ruhig ran!, und er lächelte und sagte, nein du, und dann war sie es wirklich. Lili.
Sie klang atemlos und fröhlich wie immer. Die Leitung war schlecht und ich konnte sie kaum verstehen. Ich habe Kassetten, Magda, du legst dich nieder, so gut sind die. Ich komme. Samstag. Drei Tage Zeit. Bringe das Jubiläum mit. Ein Jubiläum. Du weißt schon Magda. Hört Karl zu? Ein Junge. Sehr schön, sehr klug und – nicht schimpfen, Magda – sehr jung. Auf einer Reise nach Sri Lanka. Im Flugzeug. In Kandy, ich habe ihm den schlafenden Buddha gezeigt und er hat mir von Adorno erzählt. Wer ist das, Magda? Ich habe ein schlaues Gesicht gemacht, aber gar nichts verstanden, weißt du das, Magda, aber natürlich weißt du es. Ich bringe den Jungen mit, er wird uns nicht stören, vielleicht kann er etwas mit Karl unternehmen. Sag nicht nein, Magda. Ich freu mich so. Noch sechsmal schlafen. Nein, wir mieten ein Auto. Ja, ich habe Geld. Ach Magda, nur noch sechsmal schlafen. Und dann, leise: Wie weit kommst du? Bis zur Haustür flüsterte ich, weil ich sie überraschen wollte und sie sagte, Magda, wenn ich komme, dann üben wir und dann legte sie auf.
In dieser Nacht verwandelte ich mich in einen Vogel und flog über den schlafenden Buddha.
Fing es da an?
Die Erinnerung an diesen letzten Tag im August ist wie ein bekanntes Bühnenstück, dessen Worte man nach einigen Aufführungen mitsprechen kann. Aber je nachdem, wie sehr ich sie vermisse oder wie sehr ich mich schäme, bekommt die Erinnerung eine andere Farbe, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz. Meistens jedoch ist dieser Tag gelb, die Sonne war unser gemeinsamer Feind, der beim Verlassen des Hauses zustechen würde. Der Nebel kroch auf unser Haus zu und der Staub lag auf meiner Zunge und ich stand nackt im Badezimmer im ersten Stock und bürstete meine Haare. Dann sah ich aus dem Fenster den roten Käfer in unseren Hof einfahren. "Da sind sie" flüsterte Karl.
Und dann fing es an.
Du merkst, ich rolle den Film von hinten auf – jetzt, wo ich Deine Texte entdeckt habe. Dieser atemlose Stil nimmt mich gefangen, immer mehr will ich davon haben, mehr darüber wissen. Wohin wird der Weg noch führen? Was fing an Ich bin so gespannt....
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Während er sich wusch und seine Zähne putzte, beobachtete er sich im Spiegel. Es gab äußerlich keinen Hinweis auf irgendetwas, das ihn aus der Norm hob. Jedenfalls fand er keinen. Er sah in seine graublauen Augen. Sie waren und klar und glänzten. „Ich hätte mal wieder einen Friseurbesuch nötig“, stellte er fest und lächelte, als er sein Haar kämmte.
„Was geht nur immer in deinem Kopf vor?“, fragte Marion ihn oft, wenn er stundenlang aus dem Fenster sah und schwieg. Er konnte es ihr nicht sagen. Die Antwort suchte er selber.
Sie interpretierte sein Schweigen stets so, dass er sie nicht mehr liebe.
Sie drehten sich gemeinsam im Kreis. Erst er in seinem, dann sie in ihrem. Dann kreisten sie umeinander – am Ende umkreiste jeder für sich allein das große Suchen. Ausweglos. Hans zog seine Jeans an und das frisch gebügelte Shirt.
„Sag mir, was ist denn Liebe?“ Eine harmlose Frage für ihn. Für sie eine Provokation.
Wenn sie nicht einmal diese Frage verstand, wie sollte er ihr all die anderen Gedanken nahe bringen? Sie konnte nicht hinein in seinen Kopf, dort war es schon zu eng für ihn allein. All die vielen Fragen und die Enge in seinem Kopf, die keine Antworten zuließ. Unerträglich.
Es gab nur eine Möglichkeit der Freiheit: Er musste aus diesem Kopf heraus. Dieser Kopf setzte ihm ständig Grenzen. Hans ging in den Flur und vergewisserte sich, dass seine Papiere und seine Schlüssel auf der Ablage der Garderobe lagen. Er lächelte. Sie würde es nicht verstehen.
Er ging in die Garage, setzte sich hinter das Lenkrad, befestigte eine Klammer auf seiner Nase und startete den Motor. Dann schob er sich den gestern vorbereiteten Schlauch in den Mund, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Nach wenigen Atemzügen lächelte er. Die Tür in seinem Kopf begann, sich zu öffnen...
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Ich fühle mich schuldig- schuldig an deiner Verzweiflung, an deinem Kummer, an deinem Elend. Nach zehn Jahren habe ich dich wieder gesehen, dich meine Freundin aus damaligen Zeiten. Freundinnen, waren wir das wirklich? Wir haben zusammen gewohnt, drei Jahre zusammen studiert. Wir haben zusammen gefeiert, uns gegenseitig an Wochenenden besucht und viele Gedanken ausgetauscht. Du warst die Fröhliche, die Lustige, der Kumpel. Etwas übergewichtig, rote wuschelige Haare und ein pralles Gesicht so sahst du damals aus. Du warst eine Bauerntochter, wie man sie sich vorstellt, äußerlich robust, anpackend vor nichts bange und das Gegenteil von mir, einer fast dünnen großen und schüchternen Studentin.
Wir haben uns zum Essen in einem schnuckeligen italienischen Restaurant verabredet, nach all den Jahren in denen wir selten telefonisch Kontakt hatten.
Dein Gesicht ist vorzeitig alt geworden, faltig von der solarischen Sonnenbräune. Du bist schlank, zu schlank und das rote modisch frisierte Haar hat graue Strähnen bekommen.
„Bist du magersüchtig?“ hätte ich am liebsten gefragt, aber ich wusste, es ist besser keine Fragen zu stellen, du würdest sicher bald erzählen. Du seiest heute extra meinetwegen beim Friseur gewesen, sagtest du, nachdem ich dir wegen der Frisur ein Kompliment gemacht hatte. In braunen Lederhosen und dem topmodischen Pulli sahst du eher aus wie eine, die sich auf jugendlich trimmt, aber irgendwie passt es zu dir.
Als wir das Essen bestellt hatten und der Kellner uns den Wein eingeschenkt hatte, begannen wir zu reden- oder besser du hast geredet. Deine Depressionen begannen nach der ersten Operation an der Brust, wo eine Zyste entfernt werden musste. Du fühltest dich verunsichert, warst so jung und hattest bisher nur kurze Affären gehabt. Seit du in deinem Beruf in der Bildungsstätte gearbeitet hast, hattest du immer wieder Beziehungen mit verheirateten Männern, warum?
Das Essen ist gut, stellen wir fest, ohne es richtig zu würdigen. Als du Messer und Gabel nach dem letzten Bissen weggelegt hast, kannte ich den Rest deiner Geschichte. Ungeliebt fühlst du dich und liebst dich selbst nicht, nicht zuletzt weil du etliche Ehen zerstört hast. Als du die Totaloperation haben musstest, war es aus mit deinem Seelenfrieden. Alle Vorstellungen und Hoffnungen von Familie, von Liebe und Kinder bekommen waren dahin - du warst Mitte dreißig.
Und jetzt stand es deutlich zwischen uns. Unausgesprochen blieb es, aber es war uns beiden bewusst, dass ich eine große Rolle in deinem Schicksal gespielt habe. Vielleicht rufe ich dich deshalb so selten an, weil ich noch immer gefangen bin in einer Schuld, von der ich nicht weiß, ob sie wirklich eine Schuld war?
Es war Sommer, wir hatten Semesterferien, als wir in deinem Heimatort ein Fest im Freien feierten. Ich weiß nicht einmal mehr, was es für eines war. Die Luft war warm und die Stimmung ausgezeichnet. Wir lachten flirteten und in der Luft schwirrten die Glückshormone mit den Mücken um die Wette. Du hattest mir bereits viel von deinem Nachbarjungen erzählt, mit dem von Kindesbeinen an zusammen warst. Du meintest er würde dich lieben, so wie du ihn liebst. Ich lernte ihn auf diesem Fest kennen und sah, dass es nicht so war.Ihr ward gute Kumpel, jedenfalls in seinen Augen war es so. Ich merkte, dass er mit mir flirtete und genoss es sogar, denn er sah gut aus und war überaus charmant.
Später hat er mich einmal besucht, aber mir war klar, dass ich ihn nicht wollte. Doch ich habe Gespräche mit ihm geführt, in denen er mir erklärte, dass er wüsste, dass du mehr von ihm erwarten würdest, als er dir geben könne. Er versuchte noch etliche Male, sich mit mir zu verabreden, das lehnte ich ab. Das alles hast du gespürt. Ich sah es als meine Aufgabe an, dir die Wahrheit zu sagen- hätte ich es doch nie getan. Du hast viel geweint, mir aber nie Vorwürfe gemacht. Doch ich spürte sie, die stille Anklage, weil ich von deinem Freund begehrt wurde. Unausgesprochen schwer auf unsere Freundschaft lastend war sie da, die Anschuldigung, sie stand seither immer zwischen uns.
Du bist inzwischen wegen einer psychischen Erkrankung in Frührente gegangen, ist es die Folge dieser Erlebnisse?
Der Abend war schön mit dir, du hast mir so viel erzählt und ich spürte sie plötzlich wieder, die alte Vertrautheit, vor der ich jahrelang Angst hatte. So wagte ich zu fragen: „Hast du jemals wieder mit ihm Kontakt gehabt? Wie geht es ihm?“
Erstaunt sah sie mich an und fragte: „Weißt du es nicht? Er ist schon lange tot - Krebs“
Nein, das hatte ich nicht gewusst. Ich war erschrocken, betroffen, aber sie beruhigte mich mit den Worten: „Wir hätten nie zueinander gepasst, das weiß ich und wusste es damals in meinem im Innersten schon lange. Im Grunde bin ich froh, dass du mir meine Augen geöffnet hast, auch wenn ich es zunächst nicht zugeben wollte.“
Auf dem Heimweg, es war spät und stockdunkel, fragte ich mich: „Bin ich nun endlich aus der Gefangenschaft meiner Schuld entlassen?
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